Verhandlungen mit Russland: Dummheit oder Demagogie? Vitaly Portnikov. 07.10.2026.

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Jedes Mal dasselbe: unterschiedliche Auffassungen über die Bedingungen für einen Frieden. 

  • Wir können erst dann über Frieden verhandeln, wenn unsere territoriale Integrität wiederhergestellt ist und wir Sicherheitsgarantien erhalten haben, sagen die einen. 
  • Wir können um unserer Zukunft willen Gebiete abtreten, sagen die anderen. 
  • Wenn wir Gebiete abtreten, müssen wir Sicherheitsgarantien erhalten, sonst werden wir von diesen Gebieten aus angegriffen, versichern die Dritten. 
  • Wir dürfen Putin nicht erlauben, unseren NATO-Beitritt zu blockieren, sagen die einen. 
  • Wir können keinen Krieg für die NATO führen, sagen die anderen.

Sagen Sie mir, wozu diskutieren Sie das alles? Können Sie wirklich nicht begreifen, dass die Russen überhaupt nicht vorhaben, mit uns zu sprechen oder über irgendetwas Reales zu verhandeln – außer vielleicht über Dinge, die ihnen helfen, während des Krieges Geld zu verdienen? Dass sie jedes Mal, wenn sie zu Verhandlungen erscheinen, mit einem Programm zur Destabilisierung der Ukraine oder zur Verzögerung bis zu den nächsten Wahlen in den USA kommen? Die Station, an der man sich mit den Russen zumindest vorübergehend noch über etwas Ernsthaftes hätte verständigen können, haben wir längst hinter uns gelassen.

Ich möchte einfach verstehen – und zwar nicht nur einen Hontscharenko, sondern uns alle. Sind diese Diskussionen über die Verhandlungsbedingungen Zynismus oder einfach ein psychologischer Schutzmechanismus von Menschen, die schlicht nicht glauben können, dass der Feind sie nicht als Menschen betrachtet? Und versuchen die Menschen einfach, in jene Zeiten zurückzukehren, in denen er zumindest noch so tat, als würde er sie als Menschen betrachten und als könnte man mit ihm reden?

In Wirklichkeit gibt es für diesen Krieg – wenn wir bis zum Schluss aufrichtig sein wollen – genau zwei mögliche Ausgänge, deren Ende noch offen ist. Der erste ist die Erschöpfung Russlands und die Einstellung der Kampfhandlungen. Ich hoffe, dass wir diese Zeit nutzen können, um uns auf eine neue Invasion vorzubereiten. Und der zweite ist die Erschöpfung und das Verschwinden der Ukraine sowie die Eingliederung ihrer ehemaligen Gebiete in die Russische Föderation. Natürlich mit einem offenen Ausgang für jeden Einzelnen. Manch einer mag hoffen, dass man ihm erlaubt, zu bleiben und einfach unter einer fremden Flagge zu leben. Aber jeder muss dann seine eigenen Chancen nüchtern abwägen und verstehen, wo die Gefahr für ihn und seine Familie größer ist: bei der Fortsetzung des Widerstands oder bei einer solchen Kapitulation.

Außer diesen beiden möglichen Ausgängen gibt es keine andere Realität. Und alles Gerede über etwas anderes ist entweder Dummheit oder Demagogie.


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Art der Quelle: Social Media

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 07.10.2026.
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Drohnen legen ein Rechenzentrum von Yandex lahm | Vitaly Portnikov. 08.10.2026.

In der Stadt Sassowo im Gebiet Rjasan der Russischen Föderation brennt ein Rechenzentrum des Unternehmens Yandex, dessen Betrieb vollständig eingestellt wurde.

Der Brand brach nach Angriffen ukrainischer Drohnen auf ein Werk aus, das sich auf diesem Gelände befindet. Und dies ist der erste bekannte Angriff auf russische Rechenzentren während des großen Krieges zwischen Russland und der Ukraine. Ich erinnere daran, dass Russland zuvor Rechenzentren ukrainischer Technologieunternehmen angegriffen hatte und dabei wieder einmal vergaß, dass zum Tango zwei gehören.

Nachdem das Rechenzentrum von Yandex seinen Betrieb eingestellt hatte und das Unternehmen gezwungen war, auch eine ganze Reihe von Diensten für seine Nutzer einzustellen, sind die Yandex-Aktien an der Moskauer Börse bereits um mehr als drei Prozent gefallen. Man kann also sagen, dass auch die Investoren nicht mehr besonders an die Zukunft dieses Unternehmens glauben.

Natürlich kann man darüber sprechen, dass das Rechenzentrum von Yandex vom Unternehmen für die Bedürfnisse der russischen Armee und des militärisch-industriellen Komplexes genutzt wird, wie übrigens die gesamte russische Wirtschaft, die für den Krieg arbeitet. Ich erinnere daran, dass allein im neuen Haushalt der Russischen Föderation für 2027 die Ausgaben für Verteidigung und Sicherheit um 50 Prozent steigen, obwohl sie bereits zuvor den Löwenanteil des putinschen Staatshaushalts ausmachten.

Doch es ist offensichtlich, dass Angriffe auf russische Hochtechnologieunternehmen auch Folgen für die Entwicklung der gesamten russischen Wirtschaft haben und Russland damit das Geld für den Krieg gegen die Ukraine entziehen werden, den der russische Präsident und seine Gesellschaft so dringend brauchen. Ich erinnere noch einmal daran, dass gerade der Mangel an solchem Geld, gerade die begrenzten wirtschaftlichen Möglichkeiten, gerade soziale Erschütterungen und Katastrophen den Präsidenten der Russischen Föderation dazu zwingen könnten, über einen Waffenstillstand im Krieg gegen die Ukraine nachzudenken. Nun, zumindest um Ressourcen für einen baldigen neuen Angriff anzusammeln.

Wenn es jedoch keinerlei finanzielle Probleme bei der Kriegsführung gibt, wird Putin natürlich weiter Krieg führen wollen, Krieg führen und nochmals Krieg führen. Deshalb ist der Angriff auf das Rechenzentrum eine Erinnerung daran, dass man auch die russischen Technologien zerstören kann, die den Krieg ermöglichen, statt Russland lediglich das Geld für die Fortsetzung der Kampfhandlungen zu entziehen.

Aus dieser Sicht ist es wichtig, dass heute vor unseren Augen nicht nur das Rechenzentrum des Unternehmens Yandex brennt, sondern auch eine weitere Erdölraffinerie, die diesmal Gazprom gehört, Putins Geldbeutel. Jenem Unternehmen, das einst den russischen Staatshaushalt mit Geld versorgte und die Loyalität europäischer Regierungen gegenüber Putins Politik garantierte, inzwischen aber zu einem subventionsabhängigen Unternehmen geworden ist, das Geld aus dem Staatshaushalt der terroristischen Föderation erhält. Und ich hoffe, dass der neue Angriff auf die Erdölraffinerie Gazprom einen weiteren Teil seiner Einnahmen entziehen wird, sodass das Unternehmen entsprechend weniger Steuern zahlen kann, die anschließend von den Streitkräften der Russischen Föderation zur Ermordung ukrainischer Zivilisten verwendet werden.

Natürlich muss analysiert werden, wie Angriffe auf Hochtechnologieunternehmen im Hinblick auf ihre Wirksamkeit genau beschaffen sein müssen, um dem russischen Internet und den Möglichkeiten der russischen Armee, es zu nutzen, ein Ende zu setzen, und inwieweit sich die Erdölraffinerien der Russischen Föderation mithilfe von Drohnen für längere Zeit außer Betrieb setzen lassen.

Natürlich könnten wir, wenn die Angriffe mit Raketen durchgeführt würden, darauf hoffen, dass die russische Wirtschaft nach einiger Zeit vollständig in Trümmern liegt, die sich auch in den kommenden, für die Russen hoffentlich schweren Jahrzehnten nicht wiederaufbauen lassen werden – Jahrzehnte, in denen sie nach einem Ausweg aus jener Sackgasse suchen müssen, in die Putin die Russische Föderation getrieben hat, indem er die chauvinistischen Bestrebungen seiner eigenen Bevölkerung ausnutzte.

Doch die Tatsache bleibt offensichtlich: Wenn wir das nicht tun, werden immer mehr Ukrainer durch Angriffe der Russischen Föderation auf die ukrainische zivile Infrastruktur sterben. Putin kann von der Einschüchterung der Ukrainer nur dann ablassen, wenn er sieht, wie seine eigene Wirtschaft getroffen wird. Zumal in Russland, anders als bei den ukrainischen Rechenzentren und dem dezentralisierten ukrainischen Internet, eine klare zentralisierte Struktur aufgebaut wurde, die sich buchstäblich mit wenigen präzisen Schlägen zerstören lässt. 

Danach wird die Russische Föderation nicht nur hinsichtlich der Denkweise ihrer Führung und ihrer Bevölkerung, sondern auch hinsichtlich des tatsächlichen Zugangs zu Technologien in eine vor-technologische Vergangenheit zurückfallen. Die Russen werden dann beginnen, die Zeitung „Prawda“ zu lesen und ihre Nachrichten aus fest installierten Radiolautsprechern beziehen, die ihnen erzählen werden, wie wichtig es sei, Putins heiligen Krieg zu unterstützen und sich weiterhin an der Ermordung friedlicher Menschen zu beteiligen.

Das Wichtigste in einer solchen Situation ist, sich stets daran zu erinnern, dass praktisch die gesamte russische Wirtschaft auf den Krieg ausgerichtet ist, dass die Leiter all dieser Hochtechnologieunternehmen in Russland an Kriegsverbrechen beteiligt sind und dass die Russen das Internet keineswegs nur nutzen, um herauszufinden, wie man diese oder jene Hausarbeit erledigt, oder um sich die nächste Folge der widerwärtigen Serie „Mascha und der Bär“ anzusehen, sondern auch, damit der militärisch-industrielle Komplex der Russischen Föderation tatsächlich funktionieren kann, damit neue Waffen zusammengebaut, neue Raketen und strahlgetriebene Drohnen entwickelt werden und die russischen Streitkräfte einsatzfähig bleiben, die darüber hinaus hoffen, Zugang zu eigenen Satellitensystemen zu erhalten, die mit Starlink konkurrieren werden.

Und je weniger Technologien und Möglichkeiten es in Russland geben wird, je mehr Rechenzentren irgendwelcher Yandex-Unternehmen in Flammen stehen und je mehr Erdölraffinerien der Russischen Föderation ihre sinnlose Existenz beenden werden – ungeachtet der Trauer, die darüber im Oval Office herrscht –, desto schneller wird der Krieg enden.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Дрони зупинили дата-центр «Яндекса» |
Віталій Портников. 08.10.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 08.10.2026.
Originalsprache: uk
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Worauf hofft Putin? | Vitaly Portnikov. 05.10.2026.

На що сподівається Путін. Vitaly Portnikov. 05.10.2026.

Auf die Frage, worauf Putin nach viereinhalb Jahren des russisch-ukrainischen Krieges eigentlich noch hofft – in einer Situation, in der seine Truppen, die in den ersten Monaten nach dem Angriff zumindest das gesamte Gebiet Donezk hätten erobern sollen (tatsächlich hätten sie es nach Putins Plan bereits 2014 erobern sollen), während die Sanktionen fortbestehen und die Ukraine begonnen hat, russische Erdölraffinerien anzugreifen –, gibt es eine klare und verständliche Antwort.

Putin setzt auf Angst.

Mit Angst zu handeln ist ein beliebtes politisches Mittel der Russen. Sie betreiben diesen Handel seit Jahrhunderten, wenn es darum geht, die eigenen Schwächen und Probleme zu verschleiern. Die „Potemkinschen Dörfer“ des kaiserlichen Günstlings Fürst Potemkin – Kulissensiedlungen aus Pappe, mit denen der Fürst gegenüber Katharina II. die mangelnde Entwicklung und die Korruption in den ukrainischen Gebieten zu rechtfertigen versuchte – sind für die ganze Welt längst zu einem der wichtigsten Symbole russischer Staatlichkeit geworden.

Doch das wichtigste russische „Potemkinsche Dorf“ ist die Angst vor Russland.

Putin hofft, dass die Ukrainer angesichts der Brände, die russische Angriffe auslösen, aus Angst kapitulieren und er dann überhaupt keine Armee mehr braucht, weil er die ganze Ukraine bereits in der Tasche hat. Putin hofft, dass die Europäer vor einem Krieg mit Russland Angst bekommen und für Politiker stimmen werden, die die Hilfe für die Ukraine einstellen, dafür aber erneut die Inbetriebnahme von Pipelines für russisches Gas vereinbaren.

Putin hofft, dass die Amerikaner immer einen Atomkonflikt mit Russland fürchten und deshalb im Umgang mit ihm ein äußerst vorsichtiges Verhalten wählen werden. Natürlich wird er Vertreter der amtierenden Administration mit Versprechungen gemeinsamer Geschäfte bei Laune halten, aber das Wichtigste ist für ihn, dass sie Angst haben. 

Genau deshalb treffen seine Raketen die Brücken von Kyiv – nicht, um sie zu zerstören, sondern um Angst zu verbreiten. Genau deshalb veranstalteten die Russen am Vorabend der Landtagswahlen in Deutschland, die mit einem triumphalen Wahlerfolg der rechtsextremen und noch dazu kremlfreundlichen ‚Alternative für Deutschland‘ endeten, in den östlichen Bundesländern eine regelrechte Serie von Sabotageakten. 

Genau deshalb warnen russische Propagandisten und sogar der Außenminister persönlich, Lawrow, vor einem „sehr kurzen Krieg“ mit Europa. Genau deshalb sprach Putin bei seinem jüngsten Auftritt auf einer Sitzung des Waldai-Diskussionsklubs bereits über einen Atomkrieg, als wäre er nahezu unvermeidlich – das richtet sich nun an die Amerikaner, wie ein Gewehr, das bereits auf der Bühne des politischen Theaters des russischen Präsidenten hängt.

Man muss anerkennen, dass Putin es versteht, mit Angst zu handeln. Die Russen haben dafür Tradition, Erfahrung und, was am wichtigsten ist, den Willen: Gerade in der allgegenwärtigen Angst um sie herum sehen sie die wahre Befriedigung. Machen Sie abends einen Spaziergang durch die Randbezirke irgendeines Nischni Tagil oder Tscherepowez, und Sie werden alles verstehen, ganz ohne meine Erklärungen.

Wenn wir Angst bekommen, werden wir verlieren, ganz gleich, wie unsere tatsächliche Lage und unsere Möglichkeiten aussehen. Genau darauf setzt er.


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Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: На що сподівається Путін. Віталій Портников. 05.10.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 05.10.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Indiens Waffenstillstandsplan | Vitaly Portnikov. 07.10.2026.

Indien hat einen eigenen Plan für einen Waffenstillstand zwischen der Ukraine und der Russischen Föderation vorgeschlagen, den unter anderem der indische Außenminister Subrahmanyam Jaishankar bei seinem jüngsten Besuch in der ukrainischen Hauptstadt vorgestellt hat.

Der indische Plan sieht einen umfassenden Waffenstillstand vor. Er spricht von der Notwendigkeit, die Angriffe auf die Energieinfrastruktur einzustellen, Bedingungen für die Sicherung von Getreidekorridoren zu schaffen und außerdem die Fortsetzung der kommerziellen Schifffahrt im Schwarzmeerraum zu ermöglichen.

Wir wissen nicht, ob der indische Ministerpräsident Narendra Modi die Einzelheiten dieses Plans bei seinem jüngsten Treffen mit dem russischen Präsidenten Putin besprochen hat. Doch es ist offensichtlich, dass die Vorstellung eines solchen Plans durch den indischen Außenminister Teil der indischen Erklärungen über die Notwendigkeit einer politischen Lösung der Fragen ist, die mit der Fortsetzung des russisch-ukrainischen Krieges zusammenhängen. Nur ist nicht besonders klar, wozu Moskau einen solchen Waffenstillstand brauchen sollte.

Was die ukrainische Position betrifft, ist im Grunde alles verständlich. Ja, infolge eines solchen Waffenstillstands würden wir die Möglichkeit verlieren, weitere Angriffe auf die Erdölverarbeitungsinfrastruktur der Russischen Föderation durchzuführen, und Moskau bekäme die Möglichkeit, Geld für die Fortsetzung des russisch-ukrainischen Krieges in der Zukunft anzusammeln.

Gleichzeitig würde die Ukraine jedoch die Möglichkeit erhalten, ihre Energiekapazitäten vor dem schwierigen Winter 2026/2027 wiederherzustellen. Die Ukraine bekäme die Möglichkeit, ihr Getreide zu verkaufen und damit einen weiteren Niedergang ihrer Landwirtschaft zu verhindern. Und natürlich würde auch die Wirtschaft selbst einen Aufschwung durch die Fortsetzung der kommerziellen Schifffahrt über die ukrainischen Häfen am Schwarzen Meer erfahren.

Aber was würde die Russische Föderation bekommen? Ja, auf den ersten Blick müsste Russland daran interessiert sein, dass seine Erdölverarbeitungsindustrie weiter funktioniert und dass es in Ruhe all jene Anlagen reparieren kann, die durch die Anstrengungen der ukrainischen Armee bereits zerstört worden sind. Doch im Kreml könnte man darauf hoffen, dass die ukrainischen Drohnen die russische Erdölverarbeitungsindustrie ohnehin nicht vollständig zerstören können und dass sie sich letztlich auch ohne irgendeinen Waffenstillstand erholen wird.

Getreide ist ein wichtiger Bestandteil der russischen Interessen. Doch in Moskau könnte man der Ansicht sein, dass eine globale Krise im Globalen Süden, die zum Hungertod von Millionen Menschen führen könnte, die Destabilisierung fördern, eine Migrationskrise auslösen und ernsthafte Probleme in den Ländern Europas schaffen würde, das Russland feindlich gegenübersteht.

Die kommerzielle Schifffahrt. Ja, daran hat Moskau ein erhebliches Interesse. Aber vielleicht lohnt es sich, darauf zu verzichten, wenn es um die Vernichtung der Ukraine und den Kampf gegen europäische Interessen geht?

Wenn wir uns vorstellen, dass die Russische Föderation die Möglichkeit verliert, Angriffe auf die ukrainische Infrastruktur durchzuführen, ukrainisches Getreide zu blockieren und die kommerzielle Schifffahrt zu behindern, was bleibt Putin dann noch? Die Kämpfe an der Front. Doch an der Front ist der Krieg zwischen Russland und der Ukraine, wie wir bereits mehrfach gesagt haben, in eine Sackgasse geraten.

Und die russische Armee kann die Aufgaben nicht erfüllen, die Putin ihr bereits 2022 gestellt hat, wenn es um die vollständige Kontrolle zumindest über das gesamte ukrainische Gebiet Donezk geht. Von den Gebieten Saporischschja und Cherson ganz zu schweigen, ebenso von den anderen Regionen der Ukraine, die Putin in den kommenden Jahren besetzen möchte.

Somit können wir eindeutig sagen, dass der russische Präsident und seine Streitkräfte derzeit nicht in erster Linie auf die Kämpfe an der Front setzen, sondern auf die Demoralisierung des ukrainischen Hinterlandes, auf die Zerstörung der ukrainischen Infrastruktur, darauf, ukrainische Städte unbewohnbar zu machen, und auf die gezielte Auslösung einer großen Migrationskrise in Europa. 

Dies soll sowohl durch die Zerstörung ukrainischer Städte geschehen als auch dadurch, dass im Globalen Süden eine tatsächliche Hungersnot herbeigeführt wird, die alternative Migrationsströme aus jenen Ländern auslösen würde, die von dieser Katastrophe betroffen wären. Eine Katastrophe, die der Kreml bereits vorbereitet, indem Russland selbst kein Getreide verkauft und zugleich den Verkauf ukrainischen Getreides blockiert.

All diese Fragen könnten für den Präsidenten der Russischen Föderation wesentlich wichtiger sein als irgendein Waffenstillstand mit der Ukraine. Doch es stellt sich die Frage, inwieweit er bereit ist, dies dem indischen Ministerpräsidenten offen zu erklären. Schließlich gehört dieser zu den Staats- und Regierungschefs von Ländern, denen erhebliche Verluste drohen, wenn die Energie- und Getreidekrise anhält; zu den Staats- und Regierungschefs von Ländern, die russisches Öl gerne legal und nicht über Schmuggelwege kaufen würden, weil sie neue amerikanische Sanktionen fürchten; zu den Staats- und Regierungschefs von Ländern, die gerade durch den Kauf russischen Öls weiterhin als Energiesponsoren der Russischen Föderation auftreten und hoffen, dass Putin zumindest ein gewisses Verständnis für ihre eigenen Interessen aufbringt.

Ja, man kann sich vorstellen, dass Putin den Vorschlägen Narendra Modis keine große Aufmerksamkeit schenken wird. Aber nur dann, wenn der indische Ministerpräsident allein handelt und hinter ihm nicht auch Konsultationen zwischen Neu-Delhi und Washington oder zwischen Neu-Delhi und Peking stehen. Denn auch die Volksrepublik China könnte an dem, woran Putin interessiert ist, nämlich daran, bereits in den kommenden Jahren die Voraussetzungen für eine große Hungersnot in der Welt zu schaffen, kein Interesse haben.

Diese Hungersnot könnte Chinas wirtschaftliche Möglichkeiten in jenen Ländern erheblich untergraben, die Peking derzeit als Schwerpunkte seines eigenen Engagements betrachtet. Denn die Bevölkerung dieser Länder wird dann keine Zeit für chinesische Projekte haben. Sie wird mit dem eigenen Überleben beschäftigt sein, mit Aufständen, Revolutionen und dem Sturz jener Regierungen, mit denen Xi Jinping bereits bestimmte Vereinbarungen getroffen hat.

In seinem Wunsch, alles um sich herum zu zerstören, nur um ukrainisches Territorium zu erobern, könnte Putin also keineswegs nur beim indischen Ministerpräsidenten auf Unverständnis stoßen.

In jedem Fall muss man verstehen, warum Narendra Modi tatsächlich mit einer derart umfassenden Friedensinitiative auftritt. Weil er wirklich daran interessiert ist, dass der russisch-ukrainische Krieg schließlich endet? Oder weil er mit solchen Vorschlägen die Fortsetzung des Kaufs russischen Öls und eine mögliche Ausweitung dieser Käufe vor dem Hintergrund der anhaltenden Krise um die Straße von Hormus rechtfertigen möchte?

Die zweite Möglichkeit ist angesichts des Pragmatismus des indischen Ministerpräsidenten ebenfalls durchaus realistisch und verständlich, wenn man sich die gesamte Politik Neu-Delhis in den vergangenen Jahren vor Augen führt. Die Frage des Energiegleichgewichts und der Beziehungen zur Russischen Föderation gerade im Zusammenhang mit Öl könnte aus Sicht des eigenen politischen Projekts der indischen Regierung weiterhin eines ihrer wichtigsten und nachvollziehbarsten Interessen sein und mit der eigentlichen Logik des russisch-ukrainischen Krieges überhaupt nichts zu tun haben.

Doch die Tatsache, dass man selbst in Ländern wie Indien die Notwendigkeit eines Waffenstillstands als ersten Schritt zur Beendigung des Krieges zwischen Russland und der Ukraine erkennt, untergräbt Putins politische Logik. Denn Putin ist davon überzeugt, dass überhaupt kein Waffenstillstand nötig sei und dass ein solcher, um ihn selbst zu zitieren, sogar absurd sei, solange es nicht gelungen ist, sich zu russischen Bedingungen – natürlich zu den Bedingungen einer Kapitulation – auf die vollständige Einstellung der Kampfhandlungen und die Unterzeichnung eines Friedensabkommens zwischen den verfeindeten Staaten zu einigen.


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Titel des Originals: Індійський план перемирʼя | Віталій Портников. 07.10.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 07.10.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Angriff am Putins Geburtstag | Vitaly Portnikov. 07.10.2026.

Ein massiver russischer Angriff auf die Ukraine, insbesondere auf Kyiv und das Kyiver Gebiet. Elf Tote, Verletzte. Zunächst möchte ich den Angehörigen und Nahestehenden der Getöteten sowie allen, die bei diesem Angriff zu Schaden gekommen sind, mein aufrichtiges Beileid aussprechen. Man könnte sagen, es sei ein weiterer Angriff gewesen, doch in Wirklichkeit war es kein gewöhnlicher Angriff, sondern einer, den Putins Handlanger sorgfältig für den Geburtstag ihres Anführers geplant hatten.

Wir sprechen oft darüber, welche Angriffe Russland an diesem oder jenem ukrainischen Feiertag verüben könnte, doch die Russen haben eine andere Psychologie. Sie verüben ihre Angriffe nicht, um uns auf irgendeine Weise unsere Feiertage zu verderben. Sie verüben Angriffe, um sich selbst zu gratulieren. Der Tod von Menschen, die Trümmer – das ist der beste Glückwunsch für Putin zu seinem eigenen Geburtstag oder zu irgendeinem russischen Feiertag.

Es ist keineswegs ein Zufall, dass Russlands Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 ausgerechnet am 24. Februar begangen nn. So gratulierten sich diese Unmenschen selbst zum Tag der Sowjetarmee. Und es ist keineswegs ein Zufall, dass in der Nacht vom 6. auf den 7. Oktober 2026 ein weiterer massiver russischer Angriff auf die Ukraine stattfand, mit ballistischen Raketen, die in Wohngebieten nicht einmal explodieren, und mit Todesopfern.

Sie hatten eigens Raketen und Drohnen für Putins Geburtstag angesammelt, denn in Wirklichkeit sind ihre Arsenale gar nicht so riesig, dass sie sich das Vergnügen leisten könnten, jeden Tag Menschen mit ballistischen Raketen zu töten. Und so bereiteten sie sich darauf vor, Wladimir Wladimirowitsch zu gratulieren.

Ich erinnere mich daran, wie wir uns vor vielen Jahren am Vorabend von Putins Geburtstag abends in einem Moskauer Supermarkt mit der bekannten russischen oppositionellen Journalistin Anna Politkowskaja trafen, die scharfe und präzise Artikel gerade über den Krieg schrieb. Damals führte Russland allerdings Krieg in Tschetschenien, und dieser Krieg half den russischen Tschekisten, die ihre Diktatur im Land errichtet hatten, die autoritären Tendenzen zu verstärken und all jenen den Mund zu verbieten, die mit diesem korrupten Banditenregime nicht einverstanden waren.

Und wir sprachen darüber, dass Putins Geburtstag bald bevorstand und es interessant sei, was die russischen Militärs und Geheimdienstleute wohl im Kaukasus veranstalten würden, um dem russischen Präsidenten eine Freude zu machen. Denn wir hatten bereits verstanden, dass er sich gerade dann freut, wenn er von einem Gewalttat, einem Mord, einer Erniedrigung erfährt. Und nur wenige Tage nach diesem Gespräch wurde Anna Politkowskaja in ihrem eigenen Wohnhaus ermordet, buchstäblich nur wenige hundert Meter von diesem Supermarkt entfernt.

Oder ein anderer Feind Putins, der russische Oppositionspolitiker Boris Nemzow: zwar nicht an Putins Geburtstag, aber unter den Fenstern des russischen Präsidenten – wie ein sakrales Opfer, das Putin den Übergang zu einer neuen Phase der Festigung seines totalitären Regimes ermöglichte. Und dann dieser Krieg, ein Krieg, den Putin ebenfalls dazu nutzt, seine Position zu stärken, sein Regime zu festigen und den Totalitarismus auszubauen.

Viele fragen, wann er diesen Krieg beenden soll und was geschehen müsste, damit er überhaupt über eine Einstellung der Kampfhandlungen nachdenkt. Aber warum sollte er das tun, wenn der Krieg ihm nur dabei hilft, sich des Lebens zu erfreuen, wenn er buchstäblich von diesem Krieg lebt, wenn sein nichtiges Leben als Mensch, der zufällig in den Kreml gelangt ist, durch diese massenhaften Tötungen endlich jenen Sinn erhält, den es schon lange nicht mehr hatte?

Wenn einem Menschen zum Geburtstag die Ermordung von Menschen in einer friedlichen Stadt, der Beschuss mit ballistischen Raketen und Trümmer geschenkt werden, dann können Sie sich einfach vorstellen, wie die Psyche dieses Menschen beschaffen ist – und die Psyche all jener Menschen, die in diesen Jahrzehnten der gefestigten Herrschaft der Tschekisten für Führungspositionen in Russland ausgewählt wurden; welche Logik in einer Gesellschaft herrscht, die versucht, all das nicht wahrzunehmen, damit es nur nicht noch schlimmer kommt, während viele es sogar unterstützen, weil sie darin eine Kompensation für ihre eigene Knechtschaft sehen, für ihre eigene Unfähigkeit, zu irgendwelchen positiven Veränderungen beizutragen.

„Ja, wir leben schlecht, aber dafür werden die Ukrainer getötet, weil sie mit Wladimir Wladimirowitsch nicht einverstanden sind – und dann auch noch am Geburtstag unseres einzigen und unveränderlichen Führers.“

Die einzige Möglichkeit, diese Angriffe zu beenden, besteht deshalb darin, Russland zu zwingen, auf das kaltblütige, kalkulierte, selbstgefällige Töten von Ukrainern zu verzichten, indem die Ressourcen des von Putin geführten Terrorregimes vernichtet werden. Genau das versuchen wir zu tun.

Ich hoffe, dass diese Schläge noch wirksamer sein werden, dass die russische Wirtschaft weiter verfällt und der russische Staat geradewegs in den Abgrund wirtschaftlicher, politischer und sozialer Ausweglosigkeit stürzt und dort für lange, düstere Jahrzehnte stecken bleibt.

Und das darf nicht nur eine Aufgabe der Streitkräfte der Ukraine sein. Es muss auch eine Aufgabe unserer Verbündeten sein. Wenn sie nicht wirksam helfen, werden sie einen Schock und eine Erschütterung erleben, die sie dazu zwingen werden, der Ukraine wirksamer zu helfen. Ja, all das wird durch Tragödien, durch Schmerz, durch Zerstörung, durch Blut geschehen, aber die notwendigen Schlüsse werden gezogen werden.

Das ist schließlich die ukrainische Lektion. Wenn du nicht die richtigen Schlüsse ziehst, sobald sich bereits ungünstige Entwicklungen abzeichnen, wenn du weiterhin auf eine Verständigung mit einem Wahnsinnigen hoffst, versetzt dir das Leben einen harten Schlag. Und erst danach beginnst du zu begreifen – zumindest wenn du bei klarem Verstand bist –, wie man in Wirklichkeit handeln muss.

Und dieser massive Angriff am Geburtstag des Präsidenten der Russischen Föderation, dieser Wunsch der russischen Militärs, Putin den Tod eines weiteren Kindes, den Tod eines weiteren Zivilisten, weitere Trümmer in Kyiv zu schenken, muss sowohl uns als auch der gesamten zivilisierten Welt unmissverständlich vor Augen führen, wie die Psychologie der russischen Führung, des russischen Regimes und des russischen Staates beschaffen ist.

Wer das sehen will, wird es sehen. Wer mit geschlossenen Augen leben will, wird es nicht sehen und selbst zum Ziel des nächsten hinterhältigen Schlages werden. So war es in der Geschichte der Menschheit immer, und so wird es auch bleiben. Und das heutige Vorgehen Russlands gegen unser Land bildet keine Ausnahme von dieser traurigen Wahrheit.


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Titel des Originals: Атака на день народження Путіна | Віталій Портников. 07.10.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 07.10.2026.
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Honcharenko verlässt die Europäische Solidarität | Vitaly Portnikov. 06.10.2026.

Die Fraktion der Partei Europäische Solidarität in der Werchowna Rada der Ukraine hat sich vorsichtig von Oleksij Hontscharenko verabschiedet, nachdem der Abgeordnete seinen eigenen Friedensplan veröffentlicht hatte, der erstaunlich an die Absichten des amtierenden Präsidenten Volodymyr Zelensky im inzwischen fernen Jahr 2019 erinnert.

Der Abschied vollzog sich unter dem Begleitkonzert empörter Kommentare von Anhängern der politischen Kraft in den sozialen Netzwerken. Einige Abgeordnete der Werchowna Rada von der Europäischen Solidarität empören sich deshalb sogar darüber, warum die Kommentatoren der Situation um Oleksij Hontscharenko besondere Aufmerksamkeit schenken, auf ähnliche Aufrufe eines anderen Abgeordneten, des Vertreters der Partei „Diener des Volkes“ Danylo Hetmanzew, jedoch ganz anders reagieren.

Mir scheint klar zu sein, warum. Denn die Partei „Diener des Volkes“ zog gerade mit dem politischen Programm Volodymyr Zelenskys in die Werchowna Rada der Ukraine ein, dessen Kern die Vorstellung bildete, man könne sich mit dem russischen Präsidenten Putin einigen und den russisch-ukrainischen Krieg auf der Grundlage jener Bedingungen beenden, die die Ukraine der russischen Führung anbieten könnte.

Dass Putin sich mit den Ukrainern auf überhaupt nichts einigen will und von dem Wunsch und dem Verlangen erfüllt ist, den ukrainischen Staat zu vernichten und die überwiegende Mehrheit seiner Bevölkerung zu vertreiben und einzuschüchtern, haben offenbar weder Volodymyr Zelensky im Jahr 2019 noch Oleksij Hontscharenko im Jahr 2026 erkannt.

Die Wähler der Europäischen Solidarität und die Wähler Petro Poroschenkos stimmten 2019 jedoch für einen nüchternen Umgang mit jener Realität, die sich in den russisch-ukrainischen Beziehungen nach dem russischen Angriff auf die Krim und den Donbas herausgebildet hatte. Und natürlich möchten sie, dass die Partei, für die sie gestimmt haben, weiterhin gerade für die Anerkennung dieser Realität eintritt und nicht für gefährliche Illusionen, die letztlich zum Zusammenbruch der ukrainischen Staatlichkeit führen könnten, selbst ohne dass russische Truppen Kyiv einnehmen.

Das Paradoxe daran ist nicht einmal die Frage, inwieweit man Hontscharenkos Austritt aus der Fraktion der Europäischen Solidarität heute als folgerichtig bezeichnen kann. Ganz und gar nicht. Interessant ist vor allem, wie ein Abgeordneter, der seine Karriere in offen prorussischen politischen Vereinigungen begonnen hatte, überhaupt in eine Fraktion nationaldemokratischer Prägung gelangte.

Und die Antwort auf diese Frage findet sich in der politischen Karriere Oleksij Hontscharenkos, der sich wie jeder Regionalpolitiker an den Stimmungen potenzieller Wähler orientierte. In Odesa gab die überwiegende Mehrheit der Einwohner ihre Stimmen mit großer Entschlossenheit den Vertretern antiukrainischer, prorussischer politischer Kräfte.

Bekanntlich verlor Oleksij Hontscharenko auf einer prorussischen politischen Plattform sogar die Wahl gegen den Vorsitzenden der sogenannten Partei Rodina, Ihor Markow, der in seinem Bestreben, die Ukraine Putin zu unterwerfen, wesentlich radikaler erschien als seine Konkurrenten. Und so erhielt er, zumindest dem Anschein nach, ein Mandat für die Werchowna Rada. Dem Anschein nach deshalb, weil es offenbar auch hier nicht ohne Wahlfälschungen zuging.

Doch unabhängig davon, ob es diese Fälschungen gab oder nicht: Das Abgeordnetenmandat aus Odesa wäre in jedem Fall an einen Vertreter staatsfeindlicher prorussischer Kräfte gegangen, die zusammen die überwiegende Mehrheit der Wählerstimmen erhielten.

Der Umschwung kam 2013, als selbst im Süden der Ukraine vielen Menschen klar wurde, dass die prorussischen Kräfte keineswegs vorhatten, eine Zukunft in engen Beziehungen zum sogenannten älteren Bruder aufzubauen, sondern die Hafenstadt schlicht der Russischen Föderation überlassen wollten. Genau danach beginnt Oleksij Hontscharenkos politische Neuinszenierung. Aber wie? 

Er wird einer der Abgeordneten des Blocks Petro Poroschenko. Der neue Präsident der Ukraine baute seinen Block jedoch vor allem als zentristisches Bündnis auf und grenzte sich dabei von der damaligen Avantgarde der nationaldemokratischen Kräfte des Landes ab, der Volksfront unter Führung des damaligen Ministerpräsidenten Arsenij Jazenjuk.

Auf diese Weise konnte der Block Petro Poroschenko sowohl Menschen vereinen, die dem neuen Staatsoberhaupt nahestanden und nationaldemokratische Positionen vertraten, als auch diejenigen, die ihre politischen Ansichten entsprechend der neuen staatsorientierten politischen Konjunktur revidiert hatten. Zu diesen Menschen gehörte natürlich auch Oleksij Hontscharenko. Aber er war keineswegs der Einzige.

Während Poroschenkos Präsidentschaft kam es zu einer weiteren Neuformierung. So erschien der amtierende Präsident bei den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen 2019, nachdem die Konfrontation zwischen den nationaldemokratischen Kräften die Zustimmungswerte der Volksfront zunichtegemacht hatte und deren Führung die elektorale Verantwortung für die wirtschaftlichen und politischen Reformen im Land übernehmen musste, bereits als der eigentliche Anführer der nationaldemokratischen Kräfte des Landes, weil es keine Alternative gab.

In dieser Situation kandidierte Oleksij Hontscharenko als unabhängiger Kandidat, weil er verstand, dass in Odesa im Jahr 2019, wo die überwiegende Mehrheit der Wähler in Volodymyr Zelensky verliebt war und an die Möglichkeit einer Verständigung mit Putin glaubte, ein Vertreter der Partei Europäische Solidarität wohl kaum auf Sympathie stoßen konnte.

Die unabhängige Kandidatur endete mit dem Sieg des profilierten jungen Politikers. In der Werchowna Rada schloss sich Hontscharenko der Europäischen Solidarität an, auch um an der institutionellen Arbeit des Parlaments teilnehmen zu können. Denn ohne die Zugehörigkeit zu irgendeiner Fraktion hätte er nicht einmal Mitglied der Parlamentarischen Versammlung des Europarates werden können. Und weil ihn mit den Vertretern der Partei Europäische Solidarität die gemeinsame Arbeit im Block Petro Poroschenko verband.

Nur ist die Europäische Solidarität kein Block. Sie sieht nicht jene Vielfalt an Positionen vor, die die Abgeordneten des Blocks Petro Poroschenko von 2014 bis 2019 vertreten konnten. Die heutige Europäische Solidarität ist eben eine nationaldemokratische Partei. Deshalb war Hontscharenkos Trennung von ihr tatsächlich nur eine Frage der Zeit und nicht das Ergebnis einer politischen Metamorphose.

Denn Hontscharenko war nie ein nationaldemokratischer Politiker. Und aus dieser Sicht ist es vollkommen logisch, dass er heute kein Mitglied der Partei Europäische Solidarität mehr ist.

Aus ideologischer Sicht steht Hontscharenko heute natürlich jenem politischen Projekt am nächsten, das Volodymyr Zelensky 2019 geschaffen hat: den „Dienern des Volkes“. Das Problem besteht jedoch darin, dass auch dieses Projekt während der Kriegsjahre neu formiert wurde und sich unter seinen Vertretern heute sowohl Menschen befinden, die eine aufrichtig patriotische Haltung vertreten, als auch Menschen, die weiterhin in Illusionen über ein Ende des Krieges und Verhandlungen mit Putin leben. Deshalb kann man hier nicht von einer einheitlichen Partei oder einer einheitlichen politischen Kraft sprechen.

Nun, die Frage ist natürlich nicht, wer welcher Partei und welcher politischen Kraft zuzurechnen ist. Die Frage ist, inwieweit all diese Menschen ihre Parolen und Absichten tatsächlich mit der Erwartung von etwas verbinden, das in den schwierigen 2020er- und möglicherweise 2030er-Jahren dieses kriegerischen 21. Jahrhunderts womöglich gar nicht eintreten wird – und mit ihren eigenen Wahlaussichten.

Doch diese Wahlaussichten können nur entstehen, wenn die heiße Phase des endlosen russisch-ukrainischen Krieges endet. Bislang gibt es keine objektiven Voraussetzungen für ein Ende dieser heißen Phase, für den Beginn irgendwelcher Verhandlungen, nicht einmal über eine Waffenruhe an der russisch-ukrainischen Front oder auch nur über einen teilweisen Waffenstillstand im Krieg.

Solche Möglichkeiten werden jedoch weder Oleksij Hontscharenko noch Danylo Hetmanzew schaffen. Sie kann nur der ukrainische Soldat schaffen, indem er russische Ressourcen vernichtet und Russland die Möglichkeit nimmt, den russisch-ukrainischen Krieg fortzusetzen. Zu unserem großen Bedauern – für Sie und mich ebenso wie für Hontscharenko und Hetmanzew, für diejenigen, die sich als Vertreter der Friedenspartei betrachten, und für diejenigen, die als Vertreter der Kriegspartei bezeichnet werden – hat es in diesem Jahrhundert keine anderen Möglichkeiten gegeben, den russisch-ukrainischen Krieg zu beenden, es gibt sie nicht und wird sie leider auch nicht geben.


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Titel des Originals: Гончаренко залишає ЄС | Віталій Портников. 06.10.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 06.10.2026.
Originalsprache: uk
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Hunderte Drohnen greifen Moskau an | Vitaly Portnikov. 06.10.2026.

Praktisch die ganze Nacht über wehrten Moskau und die Hauptstadtregion einen Angriff ukrainischer Drohnen ab. Diesen Angriff konnten selbst die Verantwortlichen in Moskau und im Moskauer Gebiet, Sobjanin und Worobjow, nicht verheimlichen, die vom Anflug Hunderter ukrainischer Drohnen berichteten. Natürlich meldeten sie die tadellose Arbeit der Luftverteidigung der russischen Hauptstadt, doch inzwischen ist bereits ein großer Brand an der Station Wolodarskaja bekannt, einer der größten Erdölverarbeitungsanlagen auf dem Gebiet Moskaus und der Hauptstadtregion, die für die Infrastruktur der russischen Hauptstadt von großer, ja entscheidender Bedeutung ist. Auch die Flughäfen der Hauptstadt stellten ihren Betrieb ein. Dutzende Flugzeuge waren gezwungen, auf Ausweichflughäfen in Russland zu landen.

Man kann also sagen, dass dies tatsächlich ein schwerer, massiver Angriff auf Moskau und das Moskauer Gebiet war. Und je mehr solcher Angriffe es geben wird, je größer die Verluste der Russischen Föderation durch solche Schläge sein werden, je geringer ihre Möglichkeiten sein werden, die Stabilität der Infrastruktur in der Russischen Föderation aufrechtzuerhalten, desto kürzer wird der Weg zum Frieden sein.

Denn im Umgang mit einem Land wie der Russischen Föderation gibt es keine wirklichen Wege, gewaltsame Konflikte auf diplomatischem Wege zu lösen. In Russland setzt man immer auf Gewalt, darauf, den Gegner durch die Zerstörung seiner Ressourcen zur Kapitulation zu zwingen. Russland kennt dabei keine roten Linien. Aus Sicht der russischen Führung und auch des russischen Volkes soll die Zivilbevölkerung das erste Opfer eines solchen Krieges sein.

Das ist die Philosophie der russischen Expansion. Und derzeit begegnen die Einwohner von Kyiv und anderer ukrainischer Städte und Ortschaften dieser Philosophie, könnte man sagen, in ihrer ganzen unverhüllten Kriminalität. Wir verstehen inzwischen sehr genau, dass Russland von Beginn seines Kampfes gegen unseren Staat an nicht auf einen Krieg der Armeen setzte, sondern auf einen Krieg der Städte, auf die Vernichtung der Zivilbevölkerung und ihre Einschüchterung.

Das sind völlig offensichtliche Dinge, an die man denken muss, wenn wir über Wege sprechen, aus diesem Krieg herauszukommen. Und diese Wege sind ziemlich einfach. Sie hängen gerade mit der Notwendigkeit massiver Angriffe auf Moskau, das Moskauer Gebiet, Sankt Petersburg und andere Regionen der Russischen Föderation zusammen, mit der vollständigen Zerstörung der russischen Erdölverarbeitungsinfrastruktur – wobei es nicht um 40 bis 45 Prozent geht, sondern darum, dass es in Russland überhaupt keine Erdölverarbeitung mehr gibt –, mit der Zerstörung russischer Rüstungsbetriebe und mit Angriffen auf die russische Energieinfrastruktur.

Putin kann die Ukrainer nicht mit einem kalten Winter einschüchtern, wenn seinen eigenen Landsleuten dasselbe schwierige Schicksal droht. Wie der Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, dem Präsidenten der Ukraine, Volodymyr Zelensky, bereits vor seiner Rückkehr ins Oval Office unmissverständlich sagte: Zum Tango gehören zwei. Gemeint ist damit natürlich nicht nur die beiderseitige Beteiligung an Verhandlungen über ein Ende des Krieges, die, wie wir sehen, für Trump keinerlei wirkliche Ergebnisse bringen, sondern auch die Beteiligung am Kampf gegeneinander.

Wenn ein Land die Infrastruktur eines anderen durch hinterhältige Angriffe zerstören will, wie wir sie alle in den vergangenen Jahren beobachten und die sich mit jedem Tag nur verstärken, während Putin begreift, dass seine Armee keinen Erfolg haben wird, dann kann auch die Infrastruktur des anderen Landes nicht unantastbar sein – schon allein deshalb nicht, weil diese Infrastruktur den Bedürfnissen der verbrecherischen russischen Armee dient, dieser Schakalmeute.

Wenn in der Russischen Föderation die Ausgaben für Verteidigung und nationale Sicherheit um 50 Prozent steigen und sich diese Ausgaben nicht einmal mit den Ausgaben des russischen Staates für Bildung, Kultur und Medizin vergleichen lassen, wenn praktisch der gesamte russische Haushalt inzwischen für die Streitkräfte der Russischen Föderation und den Föderalen Sicherheitsdienst Russlands ausgegeben wird, dann stellt sich die Frage: Für wen arbeitet eigentlich diese gesamte russische Wirtschaft? Nun, zumindest zu 70 bis 80 Prozent.

Darauf erhalten wir eine eindeutige Antwort. Diese gesamte russische Wirtschaft, all diese Erdölverarbeitungsstationen, all diese Erdölraffinerien – alles arbeitet gerade für den Krieg gegen die Ukraine. Alles andere interessiert weder den Präsidenten der Russischen Föderation noch die russische Führung noch die russische Gesellschaft, von der ein großer Teil weiterhin am chauvinistischen Virus leidet und die imperialistischen Ansprüche seiner Staatsmacht unterstützt.

Denn andernfalls wäre es der Staatsmacht nicht gelungen, eine Millionenarmee skrupelloser Söldner aufzustellen und den Krieg bei völliger gesellschaftlicher Gleichgültigkeit fortzusetzen, wobei eher diejenigen die Ausnahme bilden, die sich gegen den Krieg aussprechen und seine Folgen für Russland selbst fürchten. Ganz zu schweigen von Menschen, die überhaupt über das Schicksal der Ukrainer und anderer nichtrussischer Opfer dieses Eroberungskrieges Putins und seiner Bande nachdenken.

Der Schlüssel zur Situation liegt also nicht in Warnungen und nicht in Erzählungen darüber, dass etwas geschehen könnte, wie wir es ständig vom Präsidenten der Ukraine und anderen führenden Vertretern unseres Staates hören, sondern in realen Maßnahmen, die auf die Zerstörung der infrastrukturellen Möglichkeiten der Russischen Föderation gerichtet sind, in realen Angriffen statt in Worten, in der Leistungsfähigkeit des ukrainischen Staates, der in der Lage ist, dem Bestreben der Russischen Föderation, der Existenz des ukrainischen Staates und des ukrainischen Volkes ein Ende zu setzen, wirklichen und nicht bloß PR-wirksamen Widerstand entgegenzusetzen.

Alles andere ist leeres Gerede, das zu nichts anderem führt als zu Angriffen auf die Ukraine. Ebenso das Gerede darüber, dass wir antworten könnten, während wir nicht antworten. Und das dreiste Gerede über irgendwelche diplomatischen Bemühungen und Verhandlungen, die lediglich damit enden, dass die Mitstreiter von Präsident Trump im Büro des russischen Präsidenten Putin und anderer russischer Beamter nach Möglichkeiten suchen, sich selbst zu bereichern, und den Verhandlungsprozess über ein Ende des russisch-ukrainischen Krieges faktisch dazu nutzen, sich die ohnehin schon infolge der Rückkehr Donald Trumps ins Weiße Haus gut gefüllten Taschen noch weiter zu füllen.

Und das muss man sich vollkommen klar vor Augen führen. Diesen Krieg können nur der ukrainische Soldat und die ukrainische Drohne gewinnen. Der amerikanische Vermittler und der ukrainische Demagoge werden diesen Krieg nicht gewinnen. Sie können ihn nur schändlich verlieren.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Сотні безпілотників атакують Москву |
Віталій Портников. 06.10.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 06.10.2026.
Originalsprache: uk
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Puschkin. Vitaly Portnikov. 04.10.2026.

Пушкін. Виталий Портников. 04.10.2026.

Georges Nivat, einer der bedeutendsten Slawisten des 20. Jahrhunderts, ein Mann, den mit der russischen Literatur nicht nur sein Schicksal und seine Arbeit, sondern auch die Liebe verbindet (Nivat war mit der Tochter von Olga Iwinskaja, der Muse Boris Pasternaks, verlobt, und diese Ehe wurde von Chruschtschow persönlich verhindert), eine Figur in den Gedichten Bulat Okudschawas, Gesprächspartner und Übersetzer Alexander Solschenizyns, hat einen Artikel über Puschkin geschrieben.

Was sollte daran ungewöhnlich sein, wenn ein Spezialist für russische Literatur über Puschkin schreibt? Doch dies ist ein anderer, ein sehr bitterer Artikel. Nivat hat im Werk des großen Dichters, in der russischen Kultur selbst etwas erkannt, das die Kenner dieser Kultur im Westen hartnäckig nicht wahrhaben wollten: Imperialismus, Grausamkeit, Solidarität mit der Staatsmacht, wenn diese andere Menschen tötet. Bemerkenswert ist, dass der berühmte Wissenschaftler Puschkins Werk nun durch das Werk von Artur Dron analysiert – und der imperialistische Pathos von Puschkins Werk dadurch eine unglaubliche Aktualität gewinnt.

Man sollte meinen, dass es dabei nichts Neues zu entdecken gibt. Puschkins Werk war auch ohne Arturs Bücher zugänglich, und Adam Mickiewicz, ein Zeitgenosse Puschkins, erhob gegenüber seinen russischen Kollegen dieselben Vorwürfe, die Dron gegenüber den russischen Klassikern erheben könnte. Warum vollzieht sich dieser Wandel im Verständnis Puschkins also erst jetzt?

Weil es in Wirklichkeit nicht um Puschkin geht, sondern um Russland. Puschkin lebte in einer Zeit, in der er keineswegs der einzige Dichter war, der den Imperialismus verherrlichte – es genügt, Kipling noch einmal zu lesen, um das zu verstehen. Nur hat die Welt, zumindest im Westen, in den vergangenen Jahrhunderten ihre Schlüsse gezogen und sich vom Imperialismus und von der Aggression verabschiedet – Russland jedoch nicht. Deshalb erscheint Kipling als ein historischer Dichter, und es ist interessant, ihn zu lesen, um zu verstehen, wie man in einer noch gar nicht so weit zurückliegenden Vergangenheit auf die Welt blickte. Puschkin hingegen bleibt ein aktueller Dichter, denn seine Zeilen über den „Streit der Slawen untereinander“ könnte man heute in russischen Nachrichtensendungen oder in Putins Reden zitieren. Die Russen haben nichts vergessen und nichts gelernt – und deshalb bleibt Puschkin für sie „unser Ein und Alles“, denn er schrieb zugleich über die Liebe, über den Traum von einer unerreichbaren Freiheit (für die eigenen Leute) und besang das Imperium in all seinen Formen und Erscheinungsweisen. Und ja, Puschkin – das ist Russland selbst, ein Russland, das nicht in der Lage ist, sich zu verändern.

Übrigens sagt die Aktualität Schewtschenkos und anderer ukrainischer Klassiker ebenfalls weniger über uns als über sie aus. In den Jahren seit Schewtschenkos Tod hat sich die Ukraine bis zur Unkenntlichkeit verändert, und wenn wir die Zeilen des Kobsars über seine Zeitgenossen lesen, die  „stumm zur Fron ziehen und ihre Kinder mit sich führen“, wissen wir genau, dass dies nicht von uns handelt, sondern von den Erfahrungen der Vergangenheit. Und unsere Katerynas lieben heute keine Moskali mehr, und wenn doch, gelten sie bei den Eigenen nicht mehr als ihresgleichen. All das ist gerade deshalb Geschichte, weil die Ukrainer auf Schewtschenko gehört haben.

Die Russen hingegen nicht. Deshalb bleibt Schewtschenko ein lebendiger Prophet, dessen Worte über ein Imperium, in dem vom Moldauer bis zum Finnen (nun gut, vom Karelier bis zum Tuwiner) „in allen Sprachen alles schweigt“, ebenfalls in russischen Nachrichtensendungen ausgestrahlt und in Putins Reden als seine größte Errungenschaft zitiert werden könnten. (Puschkin hatte für all diese Finnen und Kalmücken seine eigenen Empfehlungen – er wollte sie an seinem Denkmal russifiziert sehen, und auch darin stimmte und stimmt er mit dem Volk überein.) Schewtschenkos „Kaukasus“ ist ein eindringliches und hartes Bild nicht des vergangenen, sondern des heutigen Russischen Imperiums, seine Gedichte beschreiben weiterhin den ukrainischen Kampf gegen dieses Imperium. Hätte Russland sich verändert, wäre all das Geschichte. Aber es hat sich nicht verändert. Und es wird sich wohl kaum verändern. Die kommenden Generationen von Russen werden ebenso wie heute Reigentänze um Puschkins Sockel aufführen, denn der Dichter wird ihr Zeitgenosse bleiben.

Übrigens war das nicht immer so. Für das Imperium war Puschkin zu ungezwungen – und erst einige Jahrzehnte nach dem Tod des Dichters verstand es, wie es sich sein Erbe zunutze machen konnte. Auch die Bolschewiki wandten sich zunächst von ihm ab. Die Liebe erschien ihnen zu bürgerlich, die Freiheit war angeblich vom „werktätigen Volk“ erkämpft worden, und der imperiale Mythos entsprach nicht der Idee der Weltrevolution und der Selbstbestimmung der Völker.

Auf den Sockel zurückgebracht wurde Puschkin 1937 von Stalin. Er brachte ihn gerade deshalb zurück, weil er sich endgültig von der Idee der Weltrevolution ab- und der Idee einer imperialen Restauration unter roter Fahne zugewandt hatte – und ihm gefiel der Vorschlag, den hundertsten Jahrestag des Todes des Dichters feierlich zu begehen (was für eine Blasphemie). „Puschkin gehört ganz uns, er ist sowjetisch, denn die Sowjetmacht hat alles geerbt, was das Beste in unserem Volk ist“, schrieb die „Prawda“. Und das war wahr, denn Stalin brauchte genau ein solches Volk – bereit, für das Imperium zu sterben und von der Freiheit lediglich zu träumen. Damals entstanden auch die Stadt Puschkin, neue Straßen, Kulturparks und Sanatorien. Stalin war die Hauptfigur der feierlichen Sitzung zum Gedenken an Puschkin, und Zeilen aus den Gedichten des Dichters empfingen die Häftlinge der Konzentrationslager, sorgfältig über den Eingängen zum Gulag angebracht … Seitdem ist Puschkin also nicht mehr von seinem Sockel heruntergestiegen.

Und wie Sie sehen, trifft ihn selbst daran keine große Schuld. Wir hatten Pech mit unseren Nachbarn, er hatte Pech mit seinem Volk. Wäre dieses Volk zu etwas anderem fähig als zu Expansion und Zerstörung, hätte es seinem Dichter geglaubt, dass der Stern des verlockenden Glücks die Freiheit und nicht die Unterwerfung ist, würde Georges Nivat weiterhin Puschkins Liebeslyrik analysieren, und wir würden ohne Emotionen an seinen Denkmälern vorbeigehen.

Nicht Puschkin hat Puschkin aktuell gemacht. Putin hat Puschkin aktuell gemacht.


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Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Пушкін. Виталий Портников. 04.10.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 04.10.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Der Glaube an Frieden mit Putin. Vitaly Portnikov. 05.10.2026.

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Das Problem bei allen Diskussionen über ein Ende des Krieges läuft letztlich auf eine Frage des Glaubens hinaus. Ja, genau: des Glaubens. Wir würden schließlich auch nicht mit einem Gläubigen über die bloße Existenz Gottes diskutieren. Diskussionen über alle möglichen anderen Themen sind möglich, aber wenn du der Ansicht bist, dass es Gott als solchen nicht gibt und niemandem Erlösung bevorsteht, hörst du auf, an diesem Gespräch teilzunehmen. Automatisch.

Genauso ist es mit Putin. Wenn jemand glaubt, dass man sich mit dem russischen Präsidenten einigen kann und es nur darum geht, was man ihm anbieten soll – den Donbas, die Gebiete Cherson und Saporischschja, die russische Sprache und Neutralität –, während du davon überzeugt bist, dass er sich überhaupt auf nichts einigen will und schlicht die Vernichtung der Ukraine zum Ziel hat, hörst du für denjenigen, der daran glaubt, dass Frieden durch Verhandlungen erreicht werden kann, auf, ein Gesprächspartner zu sein. Denn man schlägt dir vor, über die Bedingungen von etwas zu diskutieren, das nicht eintreten wird.

Und übrigens hat Putin selbst wiederholt darüber gesprochen und geschrieben. Nur wollen die Gläubigen an Friedensverhandlungen ihn nicht hören. Sie glauben nicht nur uns nicht, sie glauben auch Putin nicht. Sie glauben an ihren Traum, dass man sich einigen könne.

Manche dieser Gläubigen wollen Geld verdienen – im Oval Office kann man davon schließlich nie genug haben. Manche wollen bei den hypothetischen Wahlen mehr Stimmen potenzieller Wähler gewinnen. Manche sind einfach naive Menschen. Aber sie alle bringen uns dem Untergang näher.

Denn ob die Erlösung real ist, lässt sich erst nach dem Tod überprüfen. Der Glaube daran, dass Verhandlungen mit Putin tatsächlich möglich sind, kann uns dagegen allen das Leben kosten.


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Art der Quelle: Social Media
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 05.10.2026.
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Putins neuer „Siegesplan“ | Vitaly Portnikov. 05.10.2026.

Die deutsche Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet über einen neuen Plan Putins, der nach Ansicht des russischen Diktators zu seinem Sieg im russisch-ukrainischen Krieg führen soll. Diesen Plan kann allerdings jeder Ukrainer seit einigen Monaten am eigenen Leib spüren. Es ist nicht mehr ein Krieg der Armeen, sondern ein Krieg der Städte.

Die russische Offensive in der Ukraine ist praktisch zum Stillstand gekommen. Russland erleidet schwere Verluste beim Personal. Eine allgemeine Mobilmachung wagt Putin jedoch nicht, um jenen Gesellschaftsvertrag nicht aufzukündigen, der zwischen ihm und der chauvinistisch eingestellten russischen Gesellschaft noch immer besteht.

Bislang konnte der Tschekist an der Spitze des Staates nach folgendem Prinzip Krieg führen: „Ihr hindert uns nicht daran, Krieg zu führen. Wir fordern euch nicht auf, am Krieg teilzunehmen.“ Auf diese Weise wurde eine Millionenarmee aus Söldnern geschaffen. Putin scheut sich bislang davor, diese Bedingungen zu ändern, und unter den neuen technologischen Bedingungen verfügt er schlicht nicht über genügend Truppen, um den größten Teil des ukrainischen Territoriums zu besetzen.

Und so ist der russische Präsident zu dem übergegangen, was die deutsche Zeitung als Krieg der Städte bezeichnet. Angriffe vor allem auf Kyiv und andere ukrainische Städte, Angriffe vor allem auf zivile Objekte, die Einschüchterung der Zivilbevölkerung, der Versuch, die ukrainische Infrastruktur zu zerstören, in der Hoffnung, dass der feindliche Staat vor Russland kapituliert, weil ihm keine andere Wahl bleibt.

Man kann nicht sagen, dass dies ein neuer Plan ist. Angriffe auf die Infrastruktur der Ukraine und der Versuch, die Ukrainer jeden Winter frieren zu lassen, waren in all den Jahren der russisch-ukrainischen Konfrontation ein wichtiger Bestandteil von Putins Taktik. Doch inzwischen haben diese menschenverachtenden und grausamen Pläne des russischen Machthabers eine neue Stufe erreicht. Ein Beispiel dafür ist, dass Russland inzwischen die Möglichkeit hat, Brücken in der ukrainischen Hauptstadt anzugreifen, um das Leben in Kyiv lahmzulegen und zugleich den Transport, vor allem militärischer Güter, über die Brücken der ukrainischen Hauptstadt zu behindern und damit die ukrainischen Verteidigungskräfte daran zu hindern, ihr Land gegen die erbarmungslosen Invasoren zu verteidigen.

Und natürlich werden in dieser Situation auch die propagandistischen Versuche verstärkt, die Ukrainer davon zu überzeugen, dass nur eine Kapitulation zu russischen Bedingungen ihr Überleben in diesem neuen Krieg der Städte sichern könne.

Was soll der Westen in dieser Situation tun? In der deutschen Zeitung wird keineswegs vorgeschlagen, sich mit jenen russischen Handlungen abzufinden, die derzeit das Leid der Ukrainer verursachen. Es wird daran erinnert, dass ein Sieg der Ukraine über einen der widerwärtigsten Staaten der heutigen Welt, das terroristische Russland, für den Westen weitaus billiger wäre als ein Erfolg Russlands in diesem Krieg. Der Westen muss daher neue Anstrengungen unternehmen, um der Ukraine in dieser erbitterten, jahrelangen Auseinandersetzung zu helfen.

Umso mehr, als Putin sich trotz seiner Hoffnung auf einen Wendepunkt in diesem Winter auf einen langen, jahrelangen Krieg vorbereitet. Davon zeugt auch, dass im neuen Haushalt der Russischen Föderation die Verteidigungsausgaben um 46 Prozent erhöht wurden und die Ausgaben für die nationale Sicherheit, also für Putins Sicherheitsapparat, um weitere 12 Prozent gestiegen sind. Das bedeutet einen Anstieg der für den Krieg vorgesehenen Ausgaben im Staatshaushalt der Russischen Föderation um mehr als 50 Prozent.

Und da kann sich die Frage stellen: Soll wirklich nur die Ukraine zum Ziel dieses Krieges werden? Könnten nicht auch die an Russland angrenzenden europäischen Staaten der Europäischen Union und der NATO zu einem neuen Schauplatz russischer Aggression werden?

  • Also: finanzielle Hilfe für die Ukraine, auch mithilfe der im Westen eingefrorenen russischen Gelder. Offensichtlich ist die Zeit gekommen, diese roten Linien zu überschreiten und Russland alles zu nehmen, was man ihm nehmen kann, um die Wirtschaft des feindlichen Staates in die Knie zu zwingen und die Russen dazu zu bringen, sich in den Krisen der kommenden, für sie schwarzen Jahrzehnte mit ihren eigenen Problemen auseinanderzusetzen.
  • Zweitens: die Stärkung der ukrainischen Luftverteidigung. Wenn die Ukraine die Kontrolle über ihren eigenen Luftraum verliert, werden die russischen Banditen dort all das tun, was sie am liebsten tun: friedliche Bürger töten und zivile Infrastruktur zerstören.
  • Und natürlich müssen auch Wege für neuen Druck auf die Russische Föderation unter diesen Bedingungen gesucht werden, was ebenfalls ein wichtiger Bestandteil des Widerstands gegen die russische Taktik ist.

All diese Entscheidungen hätten natürlich bereits gestern und nicht erst morgen getroffen werden müssen. Doch so oder so kann nüchternes Denken zu einem wichtigen Bestandteil des Erfolgs im Widerstand gegen Putins neuen ehrgeizigen Siegesplan werden. Und natürlich muss auch die Ukraine selbst ihren Teil zu diesem Erfolg beitragen. Vor allem durch Angriffe auf Anlagen des russischen Ölraffineriesektors und durch die Zerstörung all dessen, was, wie ich sagen würde, das Herz der russischen Wirtschaft bildet.

Der Energiestaat muss aufhören, ein Energiestaat zu sein, und seine Bürger müssen die übermäßigen Einnahmen aus Öl und Gas für immer verlieren, weil deren Verarbeitung und möglicherweise auch deren Förderung bedeutungslos werden. Nur ein solches Russland kann für die Welt um es herum sicher sein. Ein Raubtier ohne Zähne ist in der Regel Vegetarier.

Und in dieser Situation – auch davon ist in dem Beitrag der Frankfurter Allgemeinen die Rede – muss die Ukraine sich selbst helfen, indem sie gegen die Erscheinungsformen der Korruption kämpft, die bislang nicht überwunden werden konnten. Fügen wir unsererseits hinzu: auch angesichts der faktischen Funktionsunfähigkeit der Machtvertikale, die in unserem Staat infolge der Ergebnisse der Präsidentschafts- und Parlamentswahlen von 2019 entstanden ist – jenes allseits bekannten populistischen Triumphs, der sich bis heute auf die Gesundheit des ukrainischen Staates auswirkt.

  • Wenn all diese Maßnahmen parallel umgesetzt werden.
  • Wenn Russland das Geld genommen wird, wenn dieses Geld der Ukraine gegeben wird.
  • Wenn das ukrainische Luftverteidigungssystem gestärkt wird.
  • Wenn die militärischen Fähigkeiten der Ukraine gestärkt werden.
  • Wenn Angriffe auf die Ölraffinerien und die Unternehmen des militärisch-industriellen Komplexes der Russischen Föderation durchgeführt werden.
  • Wenn bei den Ukrainern die Illusion verschwindet, dass Friedensverhandlungen mit Moskau möglich seien – vor dem Hintergrund der Vorbereitungen auf einen jahrelangen Krieg und der schrittweisen Erhöhung des russischen Haushalts gerade für die Bedürfnisse der Armee und nicht für die Bedürfnisse der Gesellschaft.

Wenn all dies tatsächlich geschieht, werden wir sagen können, dass wir die kommenden schwierigen 2020er-Jahre des 21. Jahrhunderts überstehen werden. Jahre, die nicht nur zum Schauplatz der Fortsetzung des Krieges in der Ukraine werden könnten, sondern auch zum Schauplatz des Beginns eines großen, umfassenden und tragischen Krieges auf dem europäischen Kontinent. Wenn wir natürlich nicht unsere Anstrengungen verstärken, um diesem negativen Szenario der weiteren Entwicklung entgegenzutreten, von dem der Präsident der Russischen Föderation so sehr träumt.


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Titel des Originals: Новий „план перемоги“ Путіна | Віталій Портников. 05.10.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 05.10.2026.
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