Warum Russland diesen Krieg verliert | Vitaly Portnikov bei @tvoyemistoTV. 26.07.2026.

Svitlana Zhebiv: Das ist der Expertenklub von „Tvoje Misto“. Mir scheint, wir leben in einer sehr seltsamen und besonderen Zeit. Einerseits verfügen wir über eine unglaubliche Menge an Informationen. Praktisch können wir auf jede Frage eine Antwort bekommen. Andererseits verlieren wir meiner Überzeugung nach die Fähigkeit, Vereinbarungen zu treffen, Kompromisse und Lösungen zu suchen, um eine gewisse Verantwortung aufzubauen und Demokratie zu schaffen. Darüber werden wir heute mit dem politischen Kommentator, Analysten, bekannten Journalisten und, man könnte sogar sagen, Prognostiker Vitaly Portnikov sprechen.

Portnikov: Ich widerspreche entschieden der Behauptung, ich sei ein Prognostiker.

Svitlana Zhebiv: Ich weiß, dass Sie das bestreiten, aber ganz Threads und alle sozialen Netzwerke sind überzeugt, dass Sie ein Prognostiker sind, weil Ihre Prognosen eintreffen. Es gab sogar den Scherz: „Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der Vitaly Portnikovs Prognosen eintreffen.“ Und Sie kommentierten, dass Sie das ebenfalls nicht möchten.

Portnikov: Nun, gerade deshalb stehe ich der Idee von Prognosen ziemlich ironisch gegenüber. Mir scheint, in der Politik gibt es einfach eine Logik des gesunden Menschenverstands. Wenn Menschen diese Logik des gesunden Menschenverstands nicht erkennen, bedeutet das, dass sie die Realität einfach nicht berücksichtigen wollen. Die Logik des gesunden Menschenverstands funktioniert im Grunde überall, in jedem Bereich menschlicher Tätigkeit. Es gibt Fälle, die wir schwarze oder weiße Schwäne nennen.

Aber nun gab es die Fußball-Weltmeisterschaft und das Endspiel, bei dem ich, das sage ich Ihnen, absolut sicher war, dass die Spanier gewinnen würden. Ich habe das auch gesagt. Ich halte mich nicht für einen Fußballspezialisten. Überhaupt befasse ich mich nur sehr selten mit sportlichen Themen, aber für mich ist völlig offensichtlich, dass Menschen, die einen neuen Fußball spielen und auf ihrer Seite, sagen wir, junge Spieler und einen jungen Starspieler haben, möglicherweise von Weltrang, mehr Möglichkeiten haben, ein Endspiel zu gewinnen, als eine Mannschaft, die über einen absolut genialen Fußballstar verfügt, der jedoch bereits am Ende seiner Karriere steht. Das ist nun einmal das Gesetz des Spiels.

Das bedeutet aber nicht, dass Argentinien nicht hätte gewinnen können, denn es hätte auch sein können, dass niemand ein Tor erzielt.. Es hätte zu einem Elfmeterschießen kommen können. Und beim Elfmeterschießen, das verstehen Sie ja, ist es ungefähr eine solche Lotterie wie die Personalentscheidungen von Volodymyr Zelensky. Und in dieser Situation wäre vielleicht Argentinien erneut Weltmeister geworden. Es geschah einfach das, was geschehen musste. Für die Spanier kam kein schwarzer Schwan, sondern sie gewannen folgerichtig in dieser Geschichte. Und mich überraschte, dass viele Menschen, die angeblich Fußballexperten sind, das nicht verstanden. Weil sie einfach die Gesetzmäßigkeiten des Lebens nicht verstehen. Und sie erklärten selbstsicher, warum Argentinien gewinnen müsse, obwohl ihre Erklärungen auf ihren Emotionen beruhten.

Dasselbe gilt übrigens für den russisch-ukrainischen Krieg. Warum kann Russland im russisch-ukrainischen Krieg keinen Erfolg erzielen? Weil die Ukraine jetzt als Teil der westlichen Welt kämpft. Wären wir nicht Teil der westlichen Welt, würde man uns nicht mit Waffen und Geld helfen, dann hätte Russland offensichtlich eine absolute Überlegenheit. Eine absolute. Es hat mehr Menschen, eine größere Wirtschaft, mehr Waffen, mehr Militärfabriken, mehr Erdöl. Es hat von allem mehr. Wie könnte es nicht eine ehemalige Sowjetrepublik besiegen, die ihm in allem unterlegen ist und von deren Territorium bereits ein Teil besetzt ist? Aber in der Auseinandersetzung mit dem Westen als solchem kann Russland nicht gewinnen, weil es ein geringeres Wirtschaftsvolumen, weniger Steuerzahler und von allem weniger hat. In diesem Punkt haben sie recht, wenn sie sagen, dass sie gegen den gesamten Westen kämpfen.

Kann es für uns einen schwarzen Schwan geben? Natürlich. Dieser schwarze Schwan hängt damit zusammen, dass im Westen die Bereitschaft abnimmt, uns zu helfen. Wir kennen den Effekt, als die Republikaner zu Zeiten von Präsident Biden die Bewilligung von Hilfe für uns verzögerten. Wir verloren Awdijiwka. Es wurde sofort offensichtlich, dass wir zu verlieren beginnen, wenn wir nicht rechtzeitig Waffen oder Geld erhalten. Damals war, wie Sie sich erinnern, die gesamte ukrainische Militärmaschine auf amerikanische Hilfe ausgerichtet. Das müssen wir klar begreifen. Wenn wir keine Abwehr gegen ballistische Raketen haben, leiden die Städte, die in Reichweite ballistischer Raketen liegen, vor allem Kyiv.

Svitlana Zhebiv: Verstehen wir das als Ukrainer?

Portnikov: Natürlich verstehen wir das nicht. Deshalb sage ich ja, dass viele glauben können, ich würde irgendwelche Prognosen abgeben, dabei stütze ich mich einfach auf die Idee des gesunden Menschenverstands. Ein weiterer schwarzer Schwan ist übrigens die Ermüdung der Gesellschaft und ihre Bereitschaft zur inneren Konfrontation. Daran arbeiten die Russen. Sie arbeiten mit dem Westen, damit die Hilfe abnimmt. Sie arbeiten mit der ukrainischen Gesellschaft, damit wir uns spalten.

Ich sage immer wieder, dass das Jahr 1917 in Russland ein hervorragendes Beispiel ist. Der deutsche Generalstab unternahm sowohl militärische als auch politische Anstrengungen, für die enorme Summen ausgegeben wurden, etwa für die Partei der Bolschewiki und so weiter. Diese Partei war überzeugt, dass sie auf diese Weise ihre Ideale erreichen und auch Deutschland destabilisieren könne. Und die Bolschewiki erwiesen sich in ihren Vorstellungen über die Zukunft als präziser als der deutsche Generalstab. Aber Russland ging als damaliger Staat unter.

Ja, auf seinen Ruinen entstand die Sowjetunion. Aber wäre Deutschland nicht ebenfalls innerlich destabilisiert worden, faktisch durch dieselben Anstrengungen, die zur Destabilisierung Russlands unternommen wurden, wäre es viel besser aus dem Krieg hervorgegangen, als es am Ende des Ersten Weltkriegs der Fall war. Das muss man im Gedächtnis behalten. Und vor allem müssen wir verstehen, wozu das Fehlen innerer Einheit und die Kriegsmüdigkeit führen.

Ich sage Ihnen, dass ich finde, die Ukrainer halten sich noch sehr gut. Denn zwischen 1914 und 1917 vergingen nur drei Jahre, und dann war bereits Schluss. Bei uns dauert der Krieg jetzt im Grunde schon viereinhalb Jahre, bald werden es fünf. Aber selbst jetzt, wenn Proteste stattfinden, stellt niemand die Legitimität der Regierung infrage, die Legitimität des Präsidenten als Oberbefehlshaber, oder dass die Regierung und der Präsident Personalentscheidungen treffen dürfen. Den Menschen können die konkreten Personalentscheidungen missfallen, aber sie stellen nicht infrage, dass dies die Staatsführung ist, der sie weiterhin zutrauen, das Land zu führen.

Im Jahr 1917 stellte man in Russland, wie Sie sich erinnern, im Februar sowohl die Kompetenz des Oberbefehlshabers, des Kaisers, als auch die Kompetenz der Regierung infrage. Der Staat selbst wurde einfach durch Menschen ersetzt, die schon aufgrund der Art, wie sie an die Macht gekommen waren, nicht mit der Unterstützung aller Bürger rechnen konnten, weil sie nicht über das Maß  an Legitimität verfügten, den der Kaiser hatte. Wir verstehen ja, dass der Vorsitzende einer provisorischen Regierung in jedem Fall kein Mensch ist, der in den Augen eines Untertanen eine solche sakrale Legitimität besitzt wie ein Kaiser, der Erbe einer jahrhundertealten Dynastie ist. Das ist also alles folgerichtig: Senkt man die Legitimität der Regierung, erhöht man die Möglichkeiten des Feindes, einen zu überwältigen.

Svitlana Zhebiv: Und zu all dem kommen die Algorithmen hinzu. Ich möchte den Titel einer Ihrer Kolumnen zitieren. Sie hieß: Imperien zerstören Demokratien, töten Demokratien, aber die Ukraine kann durch das Fehlen von Demokratie zerstört werden. Wenn man diesen Gedanken fortsetzt: Sind die Algorithmen, die heute die Gesellschaft polarisieren und eine schnelle Reaktion, ein Like oder ein Dislike verlangen, nicht eine gewisse Bedrohung für die Demokratie? Denn mir scheint, dass die Art, wie Sie die Pappschilder-Majdane und diese Kundgebungen analysieren und erklären, warum ein Ministerpräsident Politiker sein muss, all das vom Aufbau der Demokratie in der Gesellschaft handelt.

Portnikov: Natürlich. Es gibt eine sehr einfache Formel. Das ist ein Krieg des 21. Jahrhunderts und kein Krieg aus der Perspektive dessen, was in feudalen Zeiten geschah. Und das ist ebenfalls eine völlig offensichtliche Sache, die damit zusammenhängt, was in Zukunft mit dem russisch-ukrainischen Krieg geschehen wird.

Wir haben die Erfahrungen der Kriege des vergangenen Jahrhunderts gesehen und können einen völlig klaren Schluss ziehen:

  • Demokratische Staaten mit funktionierenden Institutionen sind im Krieg effektiver. Das ist eine Art von Effektivität.
  • Autoritäre Staaten mit funktionierenden Institutionen sind ebenfalls effektiv, obwohl ihre Effektivität anders ist.

Sie können den militärisch-industriellen Komplex viel wirksamer dazu zwingen, für ihre Bedürfnisse zu arbeiten, wie es das 3. Reich tat. Oder sie können, wenn ihr militärisch-industrieller Komplex nicht so effektiv arbeitet, den Gegner ohne jeglichen gesellschaftlichen Widerstand oder Protest mit den Leichen der eigenen Landsleute überhäufen. Das tat die Sowjetunion.

Es gibt zwei weitere Staatstypen. Es kann einen demokratischen Staat mit ineffektiven Institutionen geben, wie bei uns. Das ist sehr gefährlich. Es kann einen autoritären Staat mit ineffektiven Institutionen geben. Auch das ist unter Kriegsbedingungen sehr gefährlich, wie Sie verstehen. Und wir haben eine sehr einfache Wahl: zwischen einem demokratischen Staat mit ineffektiven Institutionen und einem autoritären Staat mit ineffektiven Institutionen.

Ich möchte, dass wir während des Krieges einen demokratischen Staat mit effektiven Institutionen aufbauen. Denn wenn wir einen autoritären Staat aufbauen, werden seine Institutionen dadurch nicht effektiv. Unter demokratischen Bedingungen können wir es uns noch erlauben, die Institutionen effektiver zu machen. Stellen Sie sich einen autoritären Staat vor. Wie soll er unter den heutigen Bedingungen effektive Institutionen aufbauen? Gar nicht.

Deshalb müssen wir uns tatsächlich klar bewusst machen, dass es, wenn wir Russland als autoritärem Organismus widerstehen wollen, zwei wichtige Faktoren des Sieges gibt. Den Aufbau eigener demokratischer Institutionen und die Destabilisierung der Institutionen in Russland. Das ist es, womit wir uns im Grunde zu beschäftigen versuchen, wenn wir den militärisch-industriellen Komplex angreifen oder einen Online-Marktplatz. Wir greifen nicht nur die Wirtschaft an, wir destabilisieren russische Institutionen, weil dort ein Bedarf an Geld entsteht, ein Problem damit, wie der soziale Vertrag erfüllt wird, und weil man über Mobilisierung nachdenkt. Es wird also faktisch alles getan, um ihre Institutionen zu destabilisieren, damit sie, selbst wenn sie autoritär bleiben, die Macht des Staates nicht für den Krieg gegen uns nutzen können.

Wir müssen den entgegengesetzten Weg gehen. Wir müssen innerhalb eines demokratischen Staates effektive Institutionen schaffen, die den Demokratien im 20. Jahrhundert dabei halfen, den Autoritarismus zu besiegen. Denn Demokratien haben den Autoritarismus zweimal besiegt

  • Das erste Mal 1945, als es um Hitlerdeutschland ging. Ja, sie siegten gemeinsam mit der Sowjetunion, aber ich wiederhole: Die Sowjetunion war ein autoritärer Staat mit effektiven Institutionen. 
  • Und das zweite Mal besiegten sie dieselbe Sowjetunion im Kalten Krieg, weil sie demokratische Staaten mit funktionierenden Institutionen waren. Die Institutionen der Sowjetunion hatten zu diesem Zeitpunkt bereits begonnen, wie ich sagen würde, zu degradieren und endgültig zu entarten. Das ist die gesamte Antwort.

Können wir unter den gegenwärtigen Bedingungen unsere Institutionen effektiver machen? Ja. Dafür brauchen wir nationale Eintracht. Erstens. Dafür brauchen wir eine Koalition, die nicht nur aus der Partei „Diener des Volkes“ besteht, sondern aus staatsorientierten Parteien, zu der Vertreter der Europäischen Solidarität, der Golos und der Batkivshina eingeladen werden müssen. Und alle sagen: „Sie werden dort ohnehin keine kontrollierende Mehrheit haben.“ Es geht nicht um eine kontrollierende Mehrheit. Es geht um Ministerposten und um ihre Verantwortung für diese Posten. Verstehen Sie?

Svitlana Zhebiv: Und dann wird um solche Posten gehandelt werden: Sicherheitsdienst, Polizei oder etwas Ähnliches.

Portnikov: Der Sicherheitsdienst, das Verteidigungsministerium und das Außenministerium sind die Prärogative des Präsidenten. Mit ihm muss abgestimmt werden, welche Person er auf diesem Posten sehen möchte. Diese Person kann ein Vertreter einer anderen politischen Kraft sein, aber andererseits stellt sich die Frage: Warum, wenn es die Kompetenz des Präsidenten ist?

Svitlana Zhebiv: Sie sprechen schon seit Langem von einer Koalition und einer Regierung der nationalen Einheit?

Portnikov: Seit Langem, ja. Aber wir leben auch schon seit Langem unter den Bedingungen nicht funktionierender Institutionen.

Svitlana Zhebiv: Kehren wir aber dazu zurück, dass wir uns doch nicht besonders gut verständigen können. Stattdessen führt bei uns jeder Konflikt zu einem Frontalzusammenstoß. Selbst dieser Konflikt, offensichtlich ein Konflikt und eine gewisse Managementkrise zwischen Fedorov und Syrsky, ist zu einem Konflikt zwischen Personen geworden. Obwohl die Menschen, die auf die Straße gehen, wenn man mit ihnen spricht, für Institutionen und Reformen auf die Straße gehen. Und es entsteht eine solche Blase: Man muss sich entweder der einen oder der anderen Seite anschließen. Dabei funktionieren moderne Algorithmen sehr gut.

Portnikov: Natürlich. Aber wenn Sie wiederum auf eine bestimmte Person hoffen, die für Sie Hoffnung verkörpert, und Mychajlo Fedorovs Tätigkeit im Verteidigungsministerium mit dieser Zeit zusammenfiel, dann stellt sich eine andere Frage. Was ist, wenn sich herausstellt, dass sich die Ereignisse nicht so entwickeln, wie Sie denken, etwa nicht so schnell, oder dass die Mobilisierung nicht gebremst, sondern verstärkt wird? Mychajlo Fedorov kehrt ins Verteidigungsministerium zurück. Die Mobilisierung wird, was völlig natürlich ist, verstärkt. Und es ist tatsächlich die Aufgabe des Verteidigungsministeriums, sie zu verstärken. Was werden die Menschen, die auf die Proteste gingen, dann über den Verteidigungsminister denken? Er kann seine Autorität verlieren.

Svitlana Zhebiv: Und sie könnten gegen Fedorov auf die Straße gehen?

Portnikov: Sie könnten auf die Straße gehen, sie könnten auch nicht auf die Straße gehen. Aber ich möchte Sie daran erinnern, dass Valery Zaluzhny beispielsweise bis heute ein Symbol ukrainischer Standhaftigkeit geblieben ist. Vergessen Sie aber nicht, dass es sowohl das Jahr 2022 als auch 2023 gab. Stellen Sie sich vor, aus der Offensive wäre nichts geworden, Zaluzhny wäre anschließend Oberbefehlshaber geblieben, wie viele es wollten, und auch ich hätte gewollt, dass er damals bleibt. Ich verstand nicht, warum man den Oberbefehlshaber wechseln sollte. Aber dieser Mythos, würde ich sagen, hätte vor dem Hintergrund aller weiteren Ereignisse bereits zu schmelzen beginnen können. Zaluzhny ging einfach zu einem Zeitpunkt, als der Mythos trotz der Offensive von 2023, also trotz des ausbleibenden Ergebnisses der Offensive, noch fortbestand. Und Fedorov ging zu einem Zeitpunkt, als der Mythos ebenfalls noch bestand.

Das Problem der heutigen Regierung Zelenskys besteht darin, dass sie auf irgendeine seltsame Weise, obwohl sie angeblich aus politischen Technologen besteht, mögliche Konkurrenten in dem Moment entfernt, in dem der Mythos noch besteht, und nicht dann, wenn er sich bereits erschöpft. Warum? Ich weiß es nicht. Vielleicht fehlt erneut die elementare Logik. Vielleicht denkt der Präsident emotional, wie ein Mensch, der eine bestimmte Bedrohung sieht und keine Grenzen wahrnimmt. Das ist schwer zu sagen. Aber dennoch gibt es hier eine andere Situation, die mir wichtig erscheint, wenn wir über all diese Proteste oder über alles andere sprechen. Wir sprechen tatsächlich darüber, dass die Menschen, die in der heutigen Regierung Karriere machen, keine wirkliche politische Verantwortung und keine Verantwortung für die Folgen tragen.

Svitlana Zhebiv: Und haben wir Bürger diese Verantwortung?

Portnikov: Bei den Bürgern kann sich eine solche Verantwortung nicht vollständig herausbilden, wenn es keine Menschen gibt, die für die Zukunft des Landes Verantwortung tragen müssten.

Svitlana Zhebiv: Sie sprechen dabei auch über die Mobilisierung. Denn angenommen, Fedorov tritt morgen auf, bleibt im Amt, und wir nehmen an, dass er sagt: „Gut, jetzt werden wir uns vorbereiten und alle eine militärische Ausbildung durchlaufen, etwa wie in Israel.“

Portnikov: Ich glaube nicht, dass er das sagen wird, weil er wie Zelensky an seine nicht existierenden Wahlaussichten denken wird. Außerdem ist eine militärische Ausbildung wie in Israel keine Mobilisierung. Mobilisierung ist eine reale Einberufung in die tatsächlichen Reihen der Streitkräfte der Ukraine. Es ist eine Veränderung dessen, was mit den territorialen Rekrutierungszentren geschieht. Das ist übrigens etwas, von dem ich seit vielen Jahren sage, dass man es verändern muss. Seit vielen Jahren. Und auch das sind Dinge, die in der Gesellschaft absolut unpopulär sind.

Aber mir scheint, dass ich von Anfang an gesagt habe, die Mobilisierung müsse elektronisch erfolgen. Und wenn Ihnen „Dija“ so gut gefällt, dann nutzen Sie es bitte als Instrument der Mobilisierung. Schaffen Sie keine gesonderten Instrumente. Wozu? Wenn Sie natürlich der Meinung sind, dass die Informationen in Dija nicht angemessen geschützt sind, dies der Gesellschaft aber nicht sagen wollen und deshalb „Reserve+“ schaffen, dann wäre es vielleicht besser, ehrlich mit der Gesellschaft darüber zu sprechen, wie gut Dija geschützt ist. Dann wäre alles verständlich. „Wissen Sie, wir können es nicht nutzen, weil der Feind jederzeit die Daten unserer Mobilisierten nutzen könnte. Und das ist nicht dasselbe wie Ihre Steuerdaten, Dokumente oder die Zahl Ihrer Autos.“ Dann muss man ehrlich sein, ja?

Wenn wir aber einen Mythos schaffen, dann braucht der Mythos, wie jede Religion, seine Priester und seine Regeln. Gut, Dija oder nicht Dija, das spielt keine Rolle. Jedenfalls hielt ich die Idee, die Grenzen für Mobilisierungspflichtige zu schließen, für unproduktiv. Denn ich dachte, diese Grenzen würden für drei oder vier Wochen geschlossen, so lange, wie alle glaubten, dass der Krieg dauern werde. Danach braucht man gemeinsame Lebensregeln. Es kann nicht sein, dass die einen Menschen die einen Rechte und andere Menschen andere Rechte haben. Wenn eine Person mobilisierungspflichtig ist, müssen Sie akzeptieren, dass Sie ihr das Recht zur Ausreise gewähren wie jedem anderen Bürger. Aber machen Sie die Vorladungen zur militärärztlichen Kommission elektronisch und verlangen Sie von der Person beispielsweise, dass sie innerhalb von drei oder vier Wochen für diese Untersuchung nach Hause zurückkehrt. Danach soll sie wieder fahren dürfen, wenn sie nicht in die Reihen der Streitkräfte einberufen wird.

Dann müssen Sie nicht durch die Straßen gehen und dort Menschen suchen. Sie stellen einfach eine elektronische Vorladung zu. Und wenn auf diese elektronische Vorladung keine angemessene Reaktion des Bürgers folgt, beginnen Sanktionen seitens des Staates. Der Staat hat das volle Recht dazu, weil er Sie gewarnt und Sie auf zivilisierte Weise vorgeladen hat, Sie aber abgelehnt haben. Danach beginnen verschiedene Ebenen der Verantwortung gegenüber dem Staat, wie es sich gehört. Denn es ist ungerecht, wenn manche Menschen dienen, manche ehrlich zur militärärztlichen Kommission gehen, manche ehrlich ihre Daten in Reserve+ aktualisieren, es aber Menschen gibt, die weder das eine noch das andere noch das dritte tun, richtig? Und dennoch halten sie das für gerecht. Nein, sie handeln ungerecht gegenüber der ersten, zweiten und dritten Kategorie, gegenüber allen Kategorien.

Dann dürfen diese drei Kategorien nicht wegen der vierten leiden. Es muss Gleichheit für alle geben. Also machen wir es so. Alle sagen: „Dann werden sie alle ins Ausland fliehen.“ Das stimmt nicht. Es reisen ohnehin nicht alle aus. Erstens. Zweitens: Sind diejenigen, die fliehen wollten, etwa nicht geflohen? Sie sind geflohen, haben aus dieser Flucht aber eine riesige Korruptionspyramide gemacht. Und ich würde sagen, sie haben in der Gesellschaft eine sowjetische Atmosphäre geschaffen, wie zu Sowjetzeiten.

Der eine ist ins Ausland gegangen, der andere nicht. Der eine lebt in der Emigration, der andere hier. Derjenige in der Emigration ist ein schlechter Mensch, derjenige hier ein guter, obwohl derjenige hier sich vor dem     Einberufungszentrum verstecken kann und derjenige dort eine Diagnose haben kann, die ihm ohnehin keinen Dienst erlaubt. Aber er ist, wie zu Sowjetzeiten, ausgereist und deshalb ein schlechter Mensch. „Warum lebst du im Ausland?“ Ich spreche noch gar nicht davon, dass die Europäische Kommission jetzt die Frage diskutiert, ob Männern im mobilisierungspflichtigen Alter Schutz gewährt werden soll. Hätten wir freie Ausreise für alle und würden über elektronische Vorladungen sprechen, hätten wir uns vom ersten Tag an mit der Europäischen Kommission darauf einigen können, dass Schutz denjenigen gewährt wird, die ordnungsgemäß ausgestellte Einberufungsunterlagen vorlegen. Das hätte bereits die Zahl der Männer im wehrpflichtigen Alter verringert, die ins Ausland fahren.

Svitlana Zhebiv: Ich habe ein Interview mit einem Militäranalysten geführt und ihn gefragt, was ihn am meisten überrascht, ob ihn in der gegenwärtigen Situation überhaupt noch etwas überrascht. Er sagte, seine größte Überraschung bestehe darin, dass die Menschen zu glauben beginnen, Roboter würden kämpfen, alles werde vollständig automatisiert und man könne ohne Menschen auskommen.

Portnikov: Die Menschen wollen das glauben, weil sie dann denken können, eine solche Situation werde sie nicht betreffen. Aber sie glauben ja nicht nur daran. Die Menschen glauben auch, wenn sie sich in ihren Wohnungen befinden und in diesem Moment ballistische Raketen fliegen, dass diese Raketen ein anderes Haus treffen werden. In 90 Prozent der Fälle ist es tatsächlich so. Aber in zehn Prozent der Fälle trifft die Rakete oder die Drohne dein Haus, und du stirbst. Du kannst anderen davon einfach nicht mehr erzählen oder diese Erfahrung mit ihnen teilen. Und alle anderen, die am Leben bleiben, weil sie eine andere Erfahrung gemacht haben, glauben weiter daran, bis eine Rakete einschlägt.

Aber das ist wiederum die Reaktion von Menschen darauf, dass sie keinen Ort haben, an den sie gehen können. Darauf, dass wir viereinhalb Jahre lang, statt Schutzräume zu bauen, über die Wichtigkeit anderer Objekte nachdenken. Sagen wir, wir denken darüber nach, dass es uns wichtig ist, ein normales, friedliches Leben zu führen und zu glauben, der Krieg werde in drei Monaten enden.

Ich kann also nicht sagen, dass es ausschließlich daran liegt, dass die Menschen Fatalisten sind. Nein. Denn wenn ich im Moment eines Angriffs, insbesondere eines ballistischen Angriffs, nicht weiß, wohin ich gehen soll, wie soll ich dann wissen, welchen Schutzraum ich aufsuchen muss? Ich sage Ihnen: Bei den letzten ballistischen Angriffen auf Kyiv gab es in der Kyiver Metro bereits keinen Platz mehr zum Sitzen. Die Zahl der tatsächlichen Plätze ist also begrenzt.

Svitlana Zhebiv: Und das ist eine gute Frage. Ist das eine Frage an die Menschen oder an die Regierung?

Portnikov: Die Zahl der tatsächlichen Plätze war bereits nicht ausreichend. Ich kam, wie mir schien, rechtzeitig, und es gab schon keinen Platz mehr. Ich kam bereits mit meinem eigenen Stuhl, was ich früher nie getan hatte. Aber es stellt sich eine andere Frage: Wenn alle Menschen gewissenhaft handeln, wohin sollen wir dann in Kyiv oder Lwiw gehen? Stellen Sie sich vor, wie viele funktionierende Schutzräume es in Lwiw gibt. Wenn ganz Lwiw zu den Schutzräumen in Hotels oder Bildungseinrichtungen kommt, wird die Stadt dort hineinpassen?

Svitlana Zhebiv: Nun, wahrscheinlich muss sich jeder selbst darum kümmern, wohin er geht, wenn er zu Hause ist und etwas angeflogen kommt.

Portnikov: Und wenn es physisch keinen Ort gibt, an den man gehen kann? Wurden in Kyiv, Lwiw, Dnipro oder Odessa in diesen viereinhalb Jahren viele Schutzräume gebaut? Wurden viele gebaut? Ist das also eine Frage an die Menschen oder an die Regierung? Oder an die Menschen, die Druck auf die Regierung ausüben müssen?

Svitlana Zhebiv: An die Regierung.

Portnikov: An die Menschen, die Druck auf die Regierung ausüben müssen.

Svitlana Zhebiv: Das ist gerade der Aufbau eines demokratischen Prozesses, von Institutionen?

Portnikov: Wir haben doch nie einen Protest gesehen: „Wir wollen einen neuen Schutzraum.“ Haben Sie wenigstens Proteste mit der Forderung gesehen, jene Schutzräume zu renovieren, die es gibt und die bei alten Häusern für den Fall eines Atomschlags oder solcher Raketenangriffe gebaut wurden? In 90 Prozent der Fälle sind sie völlig unbrauchbar. Aber sie existieren.

Svitlana Zhebiv: Nun, das sieht nach einem Problem aus, das sich nicht lösen lässt.

Portnikov: Es lässt sich lösen, wenn es den Willen gibt. Aber wenn es in der Gesellschaft keine Nachfrage danach gibt, renoviert die Regierung für die Gesellschaft lieber etwas anderes. Es stellt sich also heraus, dass man sich problemlos mobilisieren kann, wenn die gesellschaftliche Nachfrage etwa einem effektiven Verteidigungsminister oder Antikorruptionsbehörden gilt. Es ist also auch eine Frage der Prioritäten. Wenn der Moment eines solchen Angriffs kommt, gehen die Menschen in die Metro, verstehen, dass es keinen Platz gibt, aber danach beruhigt sich alles irgendwie wieder. Der Mensch möchte nicht darüber nachdenken.

Svitlana Zhebiv: Andere Angelegenheiten.

Portnikov: Andere Angelegenheiten. Und so geht es bis zur nächsten solchen Geschichte weiter. Ich bin absolut überzeugt, dass wir uns grundsätzlich auf solche Dinge vorbereiten müssen, denn ich habe viel mit meinen israelischen Bekannten gesprochen, die hierherkommen. Und sie sind natürlich fassungslos.

Svitlana Zhebiv: Darüber, dass wir uns nicht vorbereiten.

Portnikov: Darüber, dass niemand irgendwohin geht. In Israel ist das unmöglich. Es gibt geschützte Räume, es gibt Schutzräume, alle gehen hinein. Manche Todesfälle geschehen, wenn Menschen es nicht rechtzeitig schaffen hinunterzugehen, zum Beispiel ältere Menschen wegen der Treppen. Verstehen Sie? Dann gibt es direkte Raketentreffer. Natürlich wird selbst ein geschützter Raum bei einem direkten Raketentreffer kaum helfen. Aber direkte Raketentreffer in Wohnviertel gibt es nicht so viele, verstehen Sie? Und jedenfalls betrifft es ein Haus. Aber all die Drohnen und all die Folgen von Einschlägen, wir sehen doch ihre Ergebnisse. Es ist also ein riesiges Problem, dass wir noch immer nach diesem „Vielleicht geht es ja gut“ leben.

Svitlana Zhebiv: Mhm. Es wird schon gut gehen.

Portnikov: Ja. Und wir können uns nicht vorstellen, dass man sich anders verhalten kann. Ich sage Ihnen noch einmal: Menschen, die seit Jahren in einer solchen Situation leben und hierherkommen, sehen, dass auch wir angeblich seit Jahren so leben, aber nichts dergleichen geschieht. Alle meine Bekannten fragen mich: „Bist du in der Metro oder irgendwo anders hinuntergegangen?“ Ja, aber sie selbst gehen nicht hinunter. Sie finden, dass ich alles richtig mache, aber wohin sollen sie gehen? Sie haben keinen Ort. Jeder erklärt sich selbst, dass er keinen Ort hat, an den er gehen kann. Und dagegen kann man nichts tun. So ist die Situation.

Svitlana Zhebiv: Es sieht so aus, als würden wir keine große Politik besprechen, sondern einfache, alltägliche Dinge. Aber genau das ist doch der Aufbau von Institutionen und normale Fragen an die Regierung, die bei einem Schutzraum beginnen können. So funktioniert im Grunde deine Stadt. Wir beginnen immer mit der Frage: „Was bringt das? Was beeinflusst es? Was wird die Lösung sein?“ Erstens: Sind Medien und Journalisten überhaupt noch wichtig? Denn zuletzt habe ich gelesen, dass China gewissermaßen auf die Ausbildung von Journalisten verzichtet hat. Denn in China wird Pressefreiheit nicht gebraucht.

Portnikov: Es gibt soziale Netzwerke.

Svitlana Zhebiv: Es gibt TikTok. Droht uns nicht dasselbe? Wir erinnern uns, als diese neue Regierung antrat und es im Präsidialamt sogar Bohdan gab, der sagte: „Wir brauchen keine Journalisten. Wir haben unsere eigenen Informationskanäle. Dort verbreiten wir alle Informationen.“ Inwieweit können Journalisten diese Agenda prägen? Warum ist sie wichtig?

Portnikov: Die traditionelle Presse könnte in den kommenden Jahrzehnten verschwinden.

Svitlana Zhebiv: Traditionelle Formate.

Portnikov: Traditionelle Medienformate, natürlich. Aber es stellt sich eine sehr einfache Frage. Wir verstehen, warum das in China geschieht. Doch mich interessiert beispielsweise, ob in Hongkong weiterhin Journalismus gelehrt wird. Werden all diese großen Hongkonger Publikationen, die im Grunde die chinesische Position in der Welt vermitteln, weiter erscheinen? China braucht doch, dass seine Position verstanden wird. Wird China sie ausschließlich mithilfe von TikTok vermitteln, oder wird die South China Morning Post bleiben? Damit die South China Morning Post bleibt, muss ein Mensch professioneller Journalist sein und mit Informationen arbeiten können.

Es gibt eine einfache Sache. Das, worüber wir in sozialen Netzwerken sprechen, sind keine Nachrichten, sondern Nachrichtenaggregatoren oder Kommentare zu Nachrichten. Jemand muss diese Nachrichten erzeugen. Wenn wir den Journalismus als Beruf aufgeben, verzichten wir auf die Vermittlung zwischen einer Nachricht und demjenigen, der sie überprüfen kann. Ja, wir brauchen eine gewisse Herausforderung. Ich halte eine Pressekonferenz nicht unbedingt für eine Nachricht.

Die letzte große Pressekonferenz, die alle interessierte, war beispielsweise das Briefing Mychajlo Fedorovs. Er hätte auch ohne Treffen mit Journalisten auskommen und eine Erklärung abgeben können. Einige kritische Fragen hätte man ihm in einem virtuellen Format stellen können, und er hätte darauf geantwortet. Obwohl es natürlich schwieriger ist, nicht zu antworten, wenn ein Mensch neben dir steht, wie wir es bei Trump sehen. Trump beantwortet alle Fragen, selbst die kritischen. Er wird wütend. Stellen Sie sich vor, diese Menschen wären nicht da. Auch das ist eine Tradition.

Aber eine Nachricht ist ein Ereignis. Wenn Sie keine angemessene Antwort auf die Frage haben, was geschehen ist, werden Sie einfach zum Gefangenen von Manipulationen. Gerade deshalb sind anonyme Telegram-Kanäle so gefährlich, weil sie Nachrichten einfach erfinden.

Svitlana Zhebiv: Und zusätzliche Blasen und unterschiedliche Informationswelten schaffen, in denen wir leben.

Portnikov: in denen die Menschen nicht von Nachrichten leben, sondern von erfundenen Geschichten über das Nachrichtengeschehen. Verstehen Sie? Und die Menschen sind in jeder Situation bereit, daran zu glauben. Ich lebe beispielsweise in einer Situation, in der ich seit zwölf Jahren angeblich überhaupt in Polen lebe.

Svitlana Zhebiv: Und das ist eine Erfindung über Sie?

Portnikov: Wenn Menschen mich treffen, sagen sie: „Sind Sie etwa in der Ukraine?“ Nun, eigentlich ja. Ich moderiere doch jede Woche Sendungen in ukrainischen Studios. Hinter mir ist Kyiv oder Lwiw. Nein. Denn das hat ein niemandem bekannter Autor eines unbekannten Telegram-Kanals geschrieben. Solcher Beispiele kann man eine riesige Zahl nennen. Zu jedem Ereignis.

Es ist also wichtig, dass zumindest der Nachrichtenjournalismus weiter existiert, und das kann nur in einem Team geschehen. Vielleicht nicht auf Papier, vielleicht nicht in Form einer Website, die bereits die periodische Publikation ersetzt hat. Aber in irgendeiner Form werden Teams weiterhin existieren und funktionieren müssen. Vielleicht als eine Form öffentlichen Interesses, vielleicht wird das nicht genügend Werbeeinnahmen bringen, ich weiß es nicht. Aber das ist eine Herausforderung, auf die wir beide antworten müssen.

Wie Sie wissen, beantworte ich diese Herausforderung übrigens immer durch meine eigene Arbeit, weil ich versuche, auf die eine oder andere Weise auf alle Formate zu reagieren, die auf mich zukommen.

Svitlana Zhebiv: Sie schreiben jetzt wahrscheinlich weniger Texte und machen mehr Videos.

Portnikov: Ich schreibe weniger Texte. Aber was bedeutet überhaupt, dass ich weniger Texte schreibe? Ich schreibe etwa vier bis fünf Texte pro Woche. Wie viel soll ein Journalist überhaupt schreiben? Mein ganzes Leben lang schrieb ich etwa fünf bis sechs Texte pro Woche. Jetzt schreibe ich zwei weniger.

Warum erwähne ich das? Weil das niemand mehr bemerkt. Ich bin so viel im Videoformat präsent, dass niemand überhaupt versteht, dass ich weiterhin ein, wie ich sagen würde, effektiv arbeitender, schreibender Journalist bin. Mehr noch: Ich schreibe jetzt Texte auf Englisch, was ich früher nie getan habe. Für einen nicht englischsprachigen Menschen habe ich eine große Zahl von Lesern auf Substack und X, wo ich ausschließlich auf Englisch schreibe. Dort sind Hunderttausende Menschen, aber niemand bemerkt das. Weil wir in unserer eigenen Blase leben. Warum sage ich das? Weil ich versuche, auf all diese Herausforderungen zu reagieren. Wenn Sie sagen: „Sie schreiben weniger“, dann nein, ich schreibe nicht weniger. Ich schreibe so viel wie früher, aus Sicht des Englischen sogar mehr.

Deshalb sage ich, dass wir auf alle Herausforderungen reagieren müssen. Wenn wir den Journalismus bewahren wollen, müssen wir die Herausforderung aller neuen Informationsformate annehmen, die entstehen, und darin, sagen wir es jetzt in einer zivilisierten Sprache, die „Dilettanten“ besiegen. Sehen Sie sich überhaupt Lwiwer Blogger an, was sie etwa auf TikTok machen?

Svitlana Zhebiv: Auf TikTok nicht. Aber Sie dürfen mich beneiden, denn ich werde anfangen, sie anzusehen. Ich werde diese Blogger für mich entdecken. Aber warum erwähne ich überhaupt den Journalismus? Ich zeige am Beispiel des Journalismus, ebenso wie wir über diese Schutzräume gesprochen haben, wie sehr sich die Welt verändert und wie sehr wir das verlieren können, was uns beim Aufbau der Demokratie hilft.

Portnikov: Vielleicht ist es umgekehrt? Wir erhalten effektivere Instrumente, wenn wir Influencer werden, unsere Positionen verteidigen, um uns herum eine größere Zahl interessierter Menschen vereinen und dies neben den traditionellen Medien tun.

Svitlana Zhebiv: Sie sprechen vom Vertrauen zu Journalisten, die ihren professionellen Namen nicht verloren und ihn über Jahre der Arbeit bewahrt haben.

Portnikov: Und bestimmte Influencer werden sich uns anschließen. Daran ist nichts Schlimmes. Man kann vieles tun. Ich setze mit den Lwiwer Bloggern fort. Ein Lwiwer Blogger, ein kleiner Junge, ich weiß nicht, wie alt er ist, zwölf oder dreizehn, macht auf TikTok ständig irgendwelche Blogs darüber, welche Frisur er sich gemacht oder mit welchem Mädchen er getanzt hat. Das ist für einen Schüler normal.

Aber ich sah sein TikTok von dem Protest mit dem Kartonschild. Verstehen Sie? Wie viel kann dieser kleine Junge, der ein anderes Publikum hat, in Zukunft bewirken, wenn er zwölf Jahre alt ist und bereits als Mensch in einer Atmosphäre einer engagierten Gesellschaft aufwächst und diese Gesellschaft unterstützt? Es ist doch ein Kind. Es wächst bereits mit einem bestimmten Verständnis der eigenen Bedeutung und Verantwortung auf. Als Kind sieht es das Beispiel älterer Menschen, vielleicht derselben jungen Männer, an denen es sich in den sozialen Netzwerken orientiert.

Und da haben Sie die Frage. Ich verlange nicht, dass ein zwölfjähriger Mensch politische Kommentare à la Vitaly Portnikov abgibt, Gott bewahre, nein. Obwohl ich das selbst mit zwölf getan hätte. Wäre ich heute zwölf Jahre alt, also derjenige, der ich als Zwölfjähriger war, würde ich politische TikToks machen. Schade, dass es das damals bei mir nicht gab. Ich wäre heute der bekannteste politische Blogger der Ukraine, wäre ich zwölf Jahre alt. Das ist übrigens kein Scherz, denn ich habe meine Tagebücher aus dem Jahr 1979, als ich zwölf war, in Heften. Ich verstehe, wie viel ich heute als Zwölfjähriger in sozialen Netzwerken machen könnte. Ich wäre populärer als jetzt mit 59. Verstehen Sie?

Aber ich sehe diesen Jungen an und freue mich sehr, weil er normaler ist, als ich es war. Er ist kein Wunderkind mit politischen Interessen, das alle Minister und Ministerpräsidenten kennt und sich für Kriege, Politiker und Parteitage interessiert. Er ist ein normaler Junge. Er wird ein normales Leben führen, aber das Leben eines sozial verantwortlichen Menschen. So eröffnen sich völlig neue Perspektiven.

Svitlana Zhebiv: Ja. Andererseits können wir auch Manipulationen und gezielte Falschinformationen beobachten. Und wie ich sagte, gibt es diese verschiedenen Informationsrealitäten, die sich nicht immer überschneiden. Sehen Sie, wie sie sich überschneiden können oder wie ein solcher Dialog möglich ist? Dialog bedeutet gerade, nach einer Lösung zu suchen. Ein Dialog zwischen Regierung, Gesellschaft und engagierten Menschen. Oder auch zwischen verschiedenen Blasen, zwischen denen, die eine bestimmte Entscheidung unterstützen, und denen, die sie nicht unterstützen.

Portnikov: Ja, Dialog bedeutet Wahlen. In Wahrheit sind wir dieses Wahlwerkzeugs derzeit einfach beraubt, weil Krieg herrscht und wir in diesem Krieg überleben wollen. Aber wenn wir überleben, wird dieser Dialog an den Wahllokalen während der Wahlkämpfe stattfinden. Dann werden übrigens, wie Sie verstehen, viele nicht mehr daran interessiert sein, in einem traditionellen Medium irgendeinen bestellten Artikel zu veröffentlichen, sondern mit Bloggern zu arbeiten. Mit Bloggern zu arbeiten ist schwieriger. Natürlich kann man jemandem Geld geben, wie man es für Werbung für irgendein Parfüm tut, aber das erschöpft sich schnell. Sie verstehen, dass die Autorität eines einzelnen Menschen nicht die Autorität eines Mediums ist. Sie kann mit einem einzigen Mal erschöpft sein, und die Menschen wenden sich ab.

Also werden alle bei solchen Dingen vorsichtiger sein. Du wirst mit diesen Menschen arbeiten und beweisen müssen, dass du wirklich kein Scharlatan bist, Fedorov, und dass du ein reales Veränderungsprogramm hast. Sonst wird nichts geschehen. Sie verstehen doch, dass der Effekt des ehemaligen Verteidigungsministers darin bestand, dass er nicht einfach sagte: „Ich bin gut und sympathisch“, sondern über bestimmte Veränderungspläne sprach, die den Menschen verständlich sind.

Das kann ein populistisches Programm sein, aber wenigstens gibt es eines. Und das ist übrigens ein gewaltiger Unterschied zum Jahr 2019. Sie werden niemals formulieren können, was Volodymyr Zelensky damals eigentlich tatsächlich tun wollte. Die Korruption besiegen und den Krieg beenden. Das ist natürlich großartig, aber wie der Umzug des Präsidialamts von der Bankowa in ein gläsernes Büro im Ukrainischen Haus: Man zieht bis heute um. Erinnern Sie sich, was das damals für völlig kindliche Versprechen und Spielereien waren. Heute muss man den Menschen schon ernsthaftere Dinge sagen. Und so wird es sein. Selbst der Populismus wird sich kreativ entwickeln. Und natürlich braucht es einen Dialog zwischen verschiedenen sozialen Gruppen und Menschen mit unterschiedlichen Interessen.

Was ist wiederum der Ausweg aus der Situation? Eine Koalition. Wie findet Dialog statt? In zivilisierten Ländern müssen Sozialisten, Konservative und, sagen wir, Liberale eine Regierung bilden, um die Ultrarechten nicht an die Macht zu lassen. Zwischen ihnen findet ein Dialog statt. Der kann vielen missfallen. Der Dialog zwischen Christdemokraten und Sozialdemokraten in Deutschland ist ein schrecklicher Dialog, oder der Dialog der politischen Parteien in den Niederlanden, wenn sie keine Koalition mit der Partei von Geert Wilders eingehen wollen. Oder die Dialoge zwischen den lettischen politischen Parteien, die beispielsweise eine Partei nicht an die Macht lassen wollten, welche im Grunde die Interessen des russischen politischen Spektrums vertrat. Dann schließen sich Liberale, Konservative, rechte Nationalisten und Grüne zusammen. Was verbindet sie? Dass sie Letten sind. Sie müssen miteinander einen zivilisierten Dialog führen.

Svitlana Zhebiv: Aber wir sehen weder diesen Dialog noch Wahlen. Wie kann man die Situation dann analysieren?

Portnikov: Jetzt müssen wir einfach weiterhin ehrlich mit der Gesellschaft über die bestehenden Probleme sprechen.

Svitlana Zhebiv: Hätte Zelensky das sagen müssen, oder wer?

Portnikov: Jeder von uns muss Teil dieses Dialogs sein. Zelensky natürlich auch. Aber er versucht es, er trifft sich zumindest mit bestimmten Politikern, Abgeordneten und Bloggern. Er muss einfach auf eine neue Ebene der Kommunikation und der Selbsteinschätzung übergehen. Er muss sich mit Petro Poroschenko treffen. Er muss sich mit Julija Tymoschenko treffen, auch wenn sie manchen nicht gefällt und anderen gefällt, ebenso wie Poroschenko manchen nicht gefällt und anderen gefällt. Er muss sich regelmäßig mit Abgeordneten anderer politischer Kräfte treffen, denn er ist nicht Präsident der Partei „Diener des Volkes“, sondern Präsident aller Ukrainer. Die Ukrainer haben nicht nur für Populisten, sondern auch für staatsorientierte Kräfte gestimmt. Auch diese Ukrainer müssen respektiert werden, und man muss sich mit ihren Anführern treffen. Man muss sich mit Journalisten treffen, die unangenehme Fragen stellen können, die von der Kompetenz des Präsidenten nicht überzeugt sind, ihn aber als Staatsoberhaupt unterstützen.

Ich meine damit nicht mich selbst. Ich glaube, der Nutzen eines Treffens mit mir wäre gering. Aber es gibt Menschen, die, sagen wir, vor Ort arbeiten und über die Realität in der Gesellschaft und in den Streitkräften berichten können. Menschen, die nicht in Formeln sprechen, wie ich es tue, sondern mit reinen Fakten, die der Präsident vielleicht einfach nicht kennt. Wie jeder Mensch, der aufgrund dieser, wie ich sagen würde, 24-stündigen Konzentration auf die Lösung absolut konkreter Fragen von der Realität losgelöst sein kann. Seine engsten Mitarbeiter werden ihn niemals in diese Realität hineinführen, weil sie dadurch ihre Posten verlieren könnten.

Auch das ist also Teil des Dialogs, damit bestimmte Dinge für den Präsidenten keine Überraschung sind. Er wird aber verstehen müssen, dass man ihm unangenehme Dinge sagen wird und dass die Menschen, die sich mit ihm treffen, ihn nicht als irgendeinen herausragenden Menschen mit politischem Denken und als Hoffnung der Nation betrachten werden. Sie werden ihn einfach als Beamten betrachten, der auf einem bestimmten Posten sitzt und dort so lange sitzt, weil es so gekommen ist, nicht künstlich, sondern wegen des Krieges, und weil wir alle seine Legitimität anerkennen.

Svitlana Zhebiv: Fedorov sagte während der Pressekonferenz: „Unser Auftraggeber ist das ukrainische Volk.“ Das klang wie die Aussage eines Unternehmensleiters. Und Sie haben anscheinend ebenfalls diese Analogie gezogen, dass es in der Ukraine den Wunsch gibt, Reformen umzusetzen,     transparente Behörden und besonders effiziente Strukturen aufzubauen, wie es in Georgien war. Ich erinnere mich übrigens, dass sogar eine georgische Ministerin nach Lwiw kam, die hier die Digitalisierung einführen sollte. Wir haben sogar Leute eingeladen, damit wir diesen Weg nicht gehen. Und wie endete das alles?

Portnikov: Ich habe darüber bereits während der Herrschaft Micheil Saakaschwilis gesprochen, aber niemand wollte mir zuhören. Ich war dabei immer ein völliger Außenseiter, weil ich stets sagte: „Ja, ich verstehe, dass wirtschaftliche Reformen in Georgien wichtig sind.“ Das ist eine Tatsache. Diese zu Saakaschwilis Zeiten geschaffenen Mechanismen funktionieren noch immer. Ja, ich verstehe, dass energische Maßnahmen zur Korruptionsbekämpfung ergriffen werden. Aber wodurch wird das abgesichert? Durch nichts außer einer Fassade.

Ich erinnere mich, dass der damalige georgische Botschafter in der Ukraine, ein guter Freund von mir, mich einlud, mit einer Journalistendelegation nach Georgien zu reisen. Ich sagte ihm: „Nein, ich fahre nirgendwohin mit irgendeiner Delegation. Ich fahre nicht durch Potemkinsche Dörfer. Ich werde selbst fliegen, das verspreche ich, denn ich möchte es sehr.“ Übrigens landeten wir zufällig im selben Flugzeug. Er fuhr mich sogar zu der Wohnung, die ich am Rustaweli-Prospekt gemietet hatte.

Schon damals verstand ich alles darüber, was in Georgien geschah, als ich diese Wohnung mietete. Ich hatte eine wunderbare Wohnung in einem schönen Viertel im Zentrum von Tbilissi von einer großartigen Frau gemietet. Sie war die Witwe einer herausragenden Kulturpersönlichkeit und stammte aus einer Familie, in der es Stars des georgischen Kinos und Theaters gab. An den Wänden hingen Bilder, echte Werke georgischer Künstler. Aber wenn Gäste kamen, musste sie vorübergehend zu Verwandten ziehen, weil sie keine andere zusätzliche Einkommensquelle hatte. Und es tat mir sehr leid, dass eine Frau, die ein so würdiges Leben geführt hatte, deren Familie so viel für das Land getan hatte, eine solche Rente erhielt, dass sie davon nicht leben konnte und keine andere Möglichkeit hatte. Das war keine zusätzliche Wohnung. Es war die Wohnung, in der sie selbst lebte.

Verstehen Sie, wäre ich in irgendeinem sogenannten Hotel „Intourist“ oder, sagen wir scherzhaft, in irgendeinem Grandhotel abgestiegen, hätte ich das nicht verstanden. Dann reiste ich herum und sah das wirkliche Georgien. Ich sah Städte, die eigens für diese Delegationen praktisch renoviert worden waren, und sah gleichzeitig, in welchem Zustand sich beispielsweise Josef Stalins Heimatstadt Gori befand. Ich fuhr nach Gori, weil es mich interessierte, das Stalin-Denkmal und das Stalin-Museum zu sehen, wie Sie verstehen, als jemand, der stets tief in die sowjetische Geschichte eingetaucht war. Als ich dann Vertreter dieser ukrainischen Delegation traf, die durch Georgien gefahren war, hatte ich den Eindruck, wir hätten verschiedene Länder bereist.

Svitlana Zhebiv: Es gab sogar das Buch „Warum Georgien erfolgreich war“.

Portnikov: Georgien verstand es immer, die Menschen aus Moskau oder Kyiv zu empfangen: Chatschapuri, Festtafel, Kindsmarauli. Aber sehen Sie sich an, was tatsächlich geschieht. Warum war Georgien erfolgreich? Es war nicht erfolgreich. Denn all das beruhte auf der Autorität Micheil Saakaschwilis, der genau jenes Georgien aufbaute, das Zelensky heute in der Ukraine errichtet.

Svitlana Zhebiv: Wie können wir vermeiden, zu jenem Georgien zu werden, bei dem es nicht funktioniert hat?

Portnikov: Die reale Sicherung sind starke demokratische Institutionen. Verstehen Sie? Saakaschwili baute sogar eine parlamentarische Republik auf, damit der Präsident seine gesamte Machtfülle verliert, weil er sich darauf vorbereitete, Ministerpräsident zu werden und dort als Ministerpräsident ewig zu regieren. Es gelang ihm nur nicht. Das funktionierte in Georgien nicht. Vielleicht hätte es diesen außenpolitischen Kurswechsel nicht gegeben, wäre er Ministerpräsident geworden. Aber es wäre ein autoritärer Staat gewesen. Wir kennen diesen Stil bereits.

Im Ergebnis fiel dieser autoritäre Mechanismus einem anderen Menschen mit viel gefährlicheren Absichten, politischen Positionen und einer anderen Haltung zu Moskau in die Hände. Schutzmechanismen in Form einer starken Justiz und eines Systems unabhängiger Medien zerstörte Saakaschwili systematisch. Am Ende seiner Herrschaft räumte er das Feld für genau ein solches Regime frei, wie es heute in Georgien besteht. Es ist wichtig, dass Zelensky das Feld nicht freiräumt und die Folgen versteht. Dass er Saakaschwili im Gefängnis ansieht und darüber nachdenkt: Möchte ich nach meiner Präsidentschaft ebenfalls dort landen?

Der wichtigste Schutz dafür, dass Zelensky nach dem Ende seiner Amtszeit ein respektiertes Mitglied unserer Gesellschaft bleibt, werden demokratische Institutionen sein. Was bedeutet für uns eine demokratische Institution? Respekt vor der Verfassung. Das Gleichgewicht der Macht zwischen Parlament, Regierung, Präsident und Justiz. Die Gewaltenteilung und die Strukturen der Macht.

Bei uns gibt es keine Gewaltenteilung. Sie sehen doch, dass der Oberste Gerichtshof die völlig politisierten Sanktionen gegen Poroschenko nicht aufhebt. Das zeigt, dass wir keine unabhängige Justiz haben. In diesen Jahren haben wir uns zu einem Land entwickelt, das man hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Justiz und, wie ich sagen würde, nicht einmal der Exekutive, sondern der Präsidialmacht mit Belarus oder Russland vergleichen kann. Eher mit Belarus.

Das ist eines der Elemente. Wenn wir sagen, dass es ein Element von Belarus gibt, ein Element von Russland und ein Element von noch etwas anderem, welchem Land ähneln wir dann? Viktor Orbáns Ungarn. Denn einerseits sind wir Teil des Westens, und der Westen nimmt uns als seinen Teil wahr, wie er Ungarn als seinen Teil wahrnahm. Andererseits ist der Westen gezwungen, sich damit abzufinden, dass bestimmte Elemente der Demokratie in der Ukraine entweder fehlen oder nur in passiver Form bestehen.

Und es gibt eine Zivilgesellschaft. Auch in Budapest ging sie während der gesamten Herrschaft Orbáns auf die Straße. Wie sehr hinderte das Orbán daran, das zu tun, was er wollte? Nicht besonders. Zelensky berücksichtigt die öffentliche Meinung viel stärker. Das muss man ihm zugutehalten, denn für ihn ist seine eigene Popularität wichtiger als für Orbán, der schließlich kein ehemaliger Showman war, sondern vom ersten Tag seiner Macht an ein politisches Tier.

Svitlana Zhebiv: Sie sagten, es gebe nur eine Möglichkeit, den Präsidenten auszutauschen, und dies sei gewissermaßen der einzige verfassungsgemäße Weg: wenn er selbst zurücktritt. Halten Sie diese Möglichkeit für realistisch?

Portnikov: Ich erkläre lediglich, welcher juristische Mechanismus existiert. Würde man mich fragen, ob ich möchte, dass Volodymyr Zelensky zurücktritt: Nein. Volodymyr Zelensky ist der legitim gewählte Präsident des Landes. Für ihn stimmten 73 Prozent der Bürger, die im zweiten Wahlgang an der Wahl teilnahmen. Wie Sie wissen, habe ich nicht für Zelensky gestimmt. Ich kann Ihnen heute aber nicht sagen, dass ich niemals für ihn stimmen werde, denn ich halte es für möglich, dass bei den nächsten Wahlen als Folge all dieser Erschütterungen ein prorussischer Kandidat Zelenskys Gegenkandidat sein könnte. Dann müssten wir für Zelensky stimmen, um das Abrutschen der Ukraine in ein Bündnis mit Russland aufzuhalten. Das kann geschehen, so wie wir einst für Kutschma stimmten, um Symonenko nicht an die Macht zu lassen.

Svitlana Zhebiv: Das ist der Weg eines Landes, aus dem Schlechteren zu wählen.

Portnikov: Ich glaube nicht, dass es zwangsläufig so kommen wird. Aber ich werde hier nicht feierlich erklären: „Ich werde niemals für Zelensky stimmen.“ Man weiß es nicht.

Svitlana Zhebiv: Was sind Ihre drei wichtigsten Forderungen an Zelensky?

Portnikov: Ich möchte nur diesen Gedanken zu Ende führen. Wenn ein Mensch diese 73 Prozent erhielt und jetzt ein so hohes Popularitätsniveau hat, stellen Sie sich vor, er tritt zurück. Was erhalten wir dann? Dabei geht es nicht einmal um die Person des amtierenden Präsidenten. Das könnte nicht der heutige Parlamentspräsident, sondern jeder andere Sprecher sein, den das Parlament wählt. Sie verstehen doch, dass dieser Mensch bei niemandem ein solches Vertrauen genießen wird wie Zelensky.

Ganz zu schweigen davon, dass sich das Parlament in einer solchen Situation, in der es die gesamte Machtfülle erhält, dazu entschließen könnte, diese Parlamentspräsidenten alle drei Monate auszutauschen, wie es bei uns vorkommt. „Dieser hat kein Vertrauen bei den Menschen. Probieren wir den nächsten.“ Das ist Chaos. Das wird nicht einfach ein Präsident sein, sondern ein kommissarischer Oberbefehlshaber der Streitkräfte. In welchem Maß wird man ihn als Oberbefehlshaber wahrnehmen? Oleksandr Turtschynow erlebte tragische Tage, als er einerseits die Gefahr verstand, andererseits aber die Mehrheit der Mitglieder des Sicherheits- und Verteidigungsrates seine Position nicht unterstützte. Sie wissen das aus den veröffentlichten Protokollen. Und das Wichtigste ist, dass die Militärs die Befehle nicht ausführten. Auch das muss man ehrlich sagen.

Svitlana Zhebiv: Das ist Chaos für das Land. Trotzdem: Welche Forderungen haben Sie derzeit an Zelensky? Denn Sie sagen manchmal: Wie lange soll Zelensky noch lernen? Er lernt, lernt, lernt aus Fehlern und wird erwachsener.

Portnikov: Ich glaube überhaupt nicht, dass Zelensky lernt und erwachsener wird. Hinsichtlich seines Charakters ist er derselbe wie im Jahr 2019. Er ist lediglich gezwungen, auf das zu reagieren, was geschieht. Deshalb habe ich keinerlei Forderungen an ihn. Ich möchte, dass er bis zur Wahl eines neuen Staatsoberhaupts würdig seine Pflichten als Präsident und Oberbefehlshaber erfüllt.

Svitlana Zhebiv: Sehen Sie unterschiedliche Zelenskys, beispielsweise bei der Kommunikation im Land und nach außen? Ist diese externe Kommunikation reifer?

Portnikov: Nein. Sie sehen, dass es auch nach außen dieselben, wie ich sagen würde, Fehler der Selbstüberschätzung gibt wie im Inneren. Und solcher Fehler gibt es viele. Das ist alles. Warum glauben Sie, Zelensky sei unterschiedlich? Er ist, wie er ist. Zelensky ist ein Mensch, der allein durch die Tatsache seiner Existenz Politik als Tatsache widerlegt. Er glaubt nicht, dass es sie gibt. Wie ein Junge, der mit Mathematik beginnt und nicht glaubt, dass fünf mal fünf 25 ist, sondern meint, er sei so großartig, dass es 30 sein werde, wenn er es wolle. Aber es wird nicht 30 sein.

Svitlana Zhebiv: Er glaubt also eher an Marken und Marketing?

Portnikov: Er glaubt an sich selbst. Und er denkt, all das sei ausschließlich dafür da, den einfachen Menschen zu täuschen. Er ist selbst ein einfacher Mensch. Das ist ein unglaublicher Fall, in dem die Menschen jemanden zum Präsidenten wählten, der so ist wie sie selbst, mit demselben Glauben, all das sei nur Kulisse. In Wirklichkeit müsse man einfach „Bumm“ machen, und alles werde gelingen. Ich kann in dieser Hinsicht nichts von Zelensky verlangen, weil er so ist. Menschen verändern sich nicht, sie lernen nicht. Das stimmt nicht. Sie sind, wie sie sind.

Svitlana Zhebiv: In der Situation der Beziehungen zu Polen, dort, wo wir jetzt stehen: Glauben Sie, Zelensky oder sein Team hätten anders handeln können?

Portnikov: Ich gebe Zelensky dafür überhaupt keine große Verantwortung. Meine polnischen Kollegen sagen ständig, er habe das absichtlich getan. Ich glaube, er tat nichts absichtlich. Für Zelensky ist die Benennung einer Militäreinheit nach den Helden der UPA ausschließlich eine innenpolitische Angelegenheit, die nicht Teil der außenpolitischen Agenda sein sollte.

Svitlana Zhebiv: Er verstand also nicht, dass dies einen solchen Skandal auslösen könnte, und unterschätzte dessen Ausmaß.

Portnikov: Ich glaube, er dachte in diesem Moment überhaupt nicht darüber nach. Auch die Menschen um ihn herum könnten nicht daran gedacht haben. Stellen Sie sich vor: Sie betrachten das aus einer Lwiwer Perspektive, wo es die UPA und Polen gibt. Stellen Sie sich vor, Sie wären in Krywyj Rih geboren. Sie wären in Krywyj Rih geboren, wo es all das überhaupt nicht gibt. Keine UPA, kein Polen. Dass all das existiert, erfahren Sie im Jahr 2019. Sie sind ein guter russischsprachiger Junge aus Krywyj Rih. Sie haben einen Verteidigungsminister, einen guten russischsprachigen Jungen aus Saporischschja. Nun, Sie sind alle zur ukrainischen Sprache übergegangen. Sie sind jetzt Amtsträger. Sie haben die Bedeutung der Ukraine verstanden, aber Sie sind all dem nie begegnet. Sie begegneten ihm erst 2019. Ihr Verteidigungsminister begegnete ihm, sagen wir, 2020. Nein, 2026. Denn er war Digitalisierungsminister. Er hatte keine Zeit für all diese Büchlein. Sie haben einen Oberbefehlshaber der Streitkräfte, aber auch er stammt nicht von hier, verstehen Sie? Für sie sind das alles irgendwelche Seiten eines Schulgeschichtsbuchs, das sie nicht einmal gelernt haben. Sie sind damit einfach konfrontiert worden.

Ich nehme an, wäre Zelensky irgendwo in Scheptyzkyj aufgewachsen, wäre es für ihn verständlicher. So aber ist es etwas, das ihm irgendwann einmal der Präsident Polens gesagt hat und das er vielleicht nicht einmal als etwas Ernstes wahrnimmt. Übrigens wissen wir nicht, was ihm der Präsident Polens sagte. Ich meine nicht Nawrocki, sondern Duda. Ob er ihm sagte: „Benenne nichts nach der UPA.“ Wir kennen den Inhalt dieses Dialogs und seine Bedeutung für Zelensky nicht. Ich nehme an, Duda könnte ihm etwas über unmittelbare Beteiligte der Ereignisse aus polnischer Sicht gesagt haben, etwa Schuchewytsch oder Sawur. Sie sehen doch, dass bei uns keine neuen Benennungen entstehen. Vielleicht ging es darum, aber um die UPA als solche? Bei uns wird doch ständig etwas nach den Helden der UPA benannt.

Zelensky unterschreibt also etwas. Das ist so, als hätte man zu Sowjetzeiten irgendeine Benennung unterschrieben, etwa nach Krupskaja, Kuibyschew oder Woroschilow. Es heißt eben ständig so. Das sind nicht einmal Menschen und Namen. Das ist einfach wie eine Festivalstraße oder, ich weiß nicht, die Kyiver Straße.

Svitlana Zhebiv: Wie eine Handelsmarke, eine Marke.

Portnikov: Ja. Du hast unterschrieben, dann begann all das. Einerseits musst du es zurücknehmen, andererseits verstehst du, dass du, wenn du es zurücknimmst, hier verlierst und schwach aussiehst.     geben nicht nach. Selbst in Polen sagt man doch: „Hören Sie, betrachten wir die gesamte UPA nicht als eine ant Polnische Kraft. Sprechen wir darüber, dass es bestimmte Elemente und Menschen gab, die an Verbrechen beteiligt waren, aber wir können nicht die gesamte Ukrainische Aufstandsarmee so betrachten.“ Warum sollte Zelensky das tun? Ich verstehe überhaupt nicht, welche Vorwürfe man hier gegen Zelensky hat.

Ich finde es generell seltsam, dass wir Zelensky Vorwürfe machen, wenn er einfach seine präsidialen Befugnisse ausübt. Es ist wie mit dem Skandal mit Trump. Was hätte er tun sollen, damit es allen gefällt? Ihm während dieses Skandals im Oval Office die Schuhe putzen? Viele Menschen sagen doch: „Oh, man hätte es nicht so, sondern anders machen müssen.“ Versetzen Sie sich in Zelenskys Lage. Er hatte sich vorbereitet. Er brachte Trump Fotos zerstörter ukrainischer Städte und getöteter Menschen mit. Ich erinnere mich nicht mehr genau, was er ihm zeigte. Trump begann sich aufzuregen, weil das nicht seiner Vorstellung entsprach. Was hätte Zelensky tun sollen?

Svitlana Zhebiv: Aber wenn wir zu Polen zurückkehren: Wir bereiten uns doch auf die Europäische Union vor, nehmen wir das zumindest an, wir planen es und haben diese Absicht. Und wir müssen Verbündete oder Unterstützung haben.

Portnikov: Sehen Sie, es gibt objektive Realitäten. Wir werden nur dann der Europäischen Union beitreten, wenn wir unsere eigene Würde bewahren.

Svitlana Zhebiv: Und die Staatlichkeit.

Portnikov: Nein. Wenn wir die Staatlichkeit bewahrt haben, müssen wir noch unsere Würde bewahren. Wenn wir unsere Gesetze und Schulbücher unter dem Diktat unserer Nachbarn schreiben, verwandeln wir uns einfach in ein Land, das weder in die Europäische Union gelangt noch seine eigene Souveränität bewahrt.

Svitlana Zhebiv: Wie sollte diese Kommunikation also aussehen? Herr Ihor Halehida war hier bei mir. Er erforscht die damaligen ukrainischen, polnischen und jüdischen Toten. Es sind bereits mehrere Bände erschienen, und auch Kypiani war hier. Ich verstehe also, wie Sie sagen, aus einer Lwiwer Perspektive die ganze Bedeutung. Aber wie soll diese Kommunikation und dieser Dialog weitergehen?

Portnikov: Es muss ein klares Verständnis geben, dass Fragen des historischen Gedächtnisses aus der europäischen Integration ausgeklammert werden müssen. Es muss einen Dialog geben, einen Dialog der Historiker und einen Dialog der Politiker. Aber es darf definitiv keine Frage der europäischen Integration sein. Und es muss ein klares Verständnis geben, dass wir in Fragen nationaler Minderheiten Entscheidungen treffen müssen, die dem Recht der Europäischen Union entsprechen. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn wir nationalen Minderheiten Rechte gewähren, die über das europäische Recht hinausgehen, weil Ungarn das so will, oder unsere Schulbücher umschreiben, weil Polen es so will, dann brauchen wir nicht Teil des europäischen Projekts zu werden, weil das kein europäisches Projekt ist. Genau das sage ich ständig.

Wir müssen gegenüber den Europäern die Frage nach einer Reform dieses europäischen Projekts und nach der Bestrafung jener Länder stellen, die unter Ausnutzung ihres europäischen Status nicht europäische Standards aufzwingen. Ich habe eigens einen Text über Nordmazedonien geschrieben. Ich verstehe nicht, warum Nordmazedonien, um Mitglied der Europäischen Union zu werden, seine Geschichtsbücher so umschreiben muss, dass es Sofia gefällt. Denn das ist kein europäischer Ansatz, verstehen Sie? Die Europäische Union, und das muss man auch den Bulgaren, Polen und Ungarn sagen, wurde mit einem Ziel geschaffen: neue Kriege in Europa zu verhindern. Ihre Politik wird zu neuen Kriegen in Europa führen, denn neue Kriege entstehen gerade auf diesem Boden. Sie haben ihre historische Erinnerung, wir haben unsere.

In Sofia treten bereits Politiker auf und sagen, man müsse in Nordmazedonien eine „militärische Spezialoperation“ durchführen. Früher oder später werden sich jene Länder, die glauben, zu Unrecht benachteiligt zu sein, weil man ihnen eine fremde historische Erinnerung aufzwingt, zusammenschließen und eine „militärische Spezialoperation“ in Bulgarien durchführen. Verstehen Sie? Nicht heute, sondern morgen, wenn klar wird, dass die NATO dort nicht funktioniert. Warum ziehen wir die Möglichkeit in Betracht, dass Bulgarien in Nordmazedonien eine „militärische Spezialoperation“ durchführt, denken aber nicht über eine gemeinsame Operation Serbiens und Nordmazedoniens gegen Bulgarien nach? Das wäre doch eine Katastrophe, verstehen Sie? Statt ein gemeinsames Europa zu schaffen, in dem Bulgaren, Mazedonier, Serben und die Albaner des Kosovo und Albaniens zusammenleben, suchen wir nach neuen Interpretationen der historischen Vergangenheit. Dasselbe gilt für Polen und Ukrainer. Wir verstehen doch die Gefahr, wenn die Ukraine nicht in die Europäische Union gelangt.

Svitlana Zhebiv: Wie beurteilen Sie überhaupt diese Aussichten? Besteht für uns nicht die Gefahr, wie die Türkei in einem Korridor steckenzubleiben?

Portnikov: Nein, wir werden nicht zusammen mit der Türkei in einem Korridor steckenbleiben. Wir werden Teil der russischen Einflusssphäre sein und gemeinsam mit Russland darüber nachdenken, was wir mit Polen tun sollen.

Svitlana Zhebiv: Können Sie das genauer erklären?

Portnikov: Was gibt es da zu erklären? Eine Ukraine, die nicht nach Europa gelangt und nicht Teil der europäischen Welt wird, beginnt wieder nach Osten zu driften. Wenn Russland sich bis dahin verändert, wird die Ukraine Teil irgendeines neuen Integrationsbündnisses mit der Hauptstadt Moskau. Und das ist eine Gefahr für Polen. Das müssen die Polen verstehen. Sie sagen, das werde in fünf Jahren geschehen. Aber wir existieren doch nicht nur fünf Jahre. Und wenn es in 30 Jahren geschieht, wird es dadurch leichter? Sind die Polen überzeugt, dass die Bündnisse, die sie geschaffen haben, sie zuverlässig vor einem Angriff aus dem Osten schützen?

Wenn die Ukraine den Krieg verliert, werden sie keine Bündnisse schützen. Und wenn die Ukraine als Staat bestehen bleibt, sie aber von Europa abgestoßen wird, wird sie trotz ihres Fortbestehens dorthin geraten, wo sie früher war. Und Russland wird wieder zur Hauptbedrohung für Polen, nur nun unter Berücksichtigung der ukrainischen Komponente.

Svitlana Zhebiv: Das müsste also die Kommunikation des Präsidenten sein.

Portnikov: Das wird in Polen niemand verstehen, weil diese Menschen, die all das tun, glauben, sie hätten bereits alles erreicht und Gott am Bart gepackt. Aber Gott hat gar keinen Bart. Das ist Donald Trump, und er rasiert sich.

Ich möchte, dass Polen und Ukrainer gemeinsam in Europa sind. Ich möchte das als Jude, nicht nur als Bürger der Ukraine, sondern als Jude. Denn ich glaube, dass mein Volk auf dem Territorium dieser Länder und Litauens mehr als einmal die größte Katastrophe seiner Geschichte erlitten hat. Und ich halte es gegenüber der Erinnerung an meine Verwandten, die in Kyiv, Malyn, Kamjanez und Smila ermordet wurden, für gerecht, dass sie in einer Erde liegen, in der niemand mehr die Hand gegen seinen Mitbürger und seinen Nachbarn erheben möchte. Ich erzähle Ihnen dabei keine Geschichten aus ferner Vergangenheit. Ich erzähle von meinen Urgroßvätern und Urgroßmüttern, den leiblichen Schwestern und Brüdern meiner Großmütter.

Mein Mitgefühl gilt deshalb in dieser Situation Polen und Ukrainern gleichermaßen. Ich verstehe vollkommen, was die Angehörigen der in Wolhynien ermordeten Polen empfinden, denn ich habe eine eigene vergleichbare Geschichte. Ich verstehe vollkommen, was die Angehörigen der in Wolhynien oder anderswo ermordeten Ukrainer empfinden, denn ich habe eine eigene vergleichbare Geschichte. Ich verstehe vollkommen, was Ukrainer empfinden, wenn sie sich daran erinnern, wie ihre Angehörigen in den 1930er-Jahren nicht an den Universitäten in Lwiw aufgenommen wurden, denn ich habe eine eigene vergleichbare, sogar persönliche Geschichte. Alle Gefühle von Polen und Ukrainern sind mir verständlich, weil Polen und Ukrainer der Vergangenheit mit Unterstützung der Imperien, in denen sie lebten, für mich und mein Volk genau dasselbe organisierten. Deshalb verstehe ich ihre Emotionen. Deshalb rufe ich sie zu gesundem Menschenverstand, Versöhnung und dazu auf, dass die Seiten der historischen Erinnerung ihre Verständigung nicht behindern. Es ist ganz einfach.

Svitlana Zhebiv: Inwieweit könnten wir die Rolle Russlands unterschätzen, das jetzt, wie Experten sagen, auf die Erschöpfung der Ukrainer, auf Zermürbung und Polarisierung hinarbeitet, und zwar nicht nur in der Ukraine?

Portnikov: Natürlich existiert diese Rolle. Russland verstand es immer, daran zu arbeiten. Das betrifft sowohl die innere Situation in der Ukraine als auch die außenpolitische Lage. Glauben Sie etwa, all diese ultrarechten und ultralinken Parteien würden ganz von selbst eine solche Popularität erlangen?

Svitlana Zhebiv: Das gibt es in fast allen europäischen Ländern.

Portnikov: Aber es taucht doch ständig Geld aus Russland auf. Natürlich braucht Russland das und arbeitet daran, dass Europa marginalisiert wird. Natürlich betrachtet es Migrationskrisen als Instrument zur Marginalisierung Europas. So war es nach Syrien. So wollten sie es nach dem gescheiterten Blitzkrieg. Jetzt hoffen sie, unter den neuen Stimmungen in Europa eine weitere Migrationskrise auszulösen, während sich das Leben verschlechtert und Treibstoff teurer wird. Und all das nimmt mit jedem Tag zu. So funktioniert es, und wir müssen das immer im Gedächtnis behalten.

Svitlana Zhebiv: Analysieren wir das ausreichend gut? Denn Sie sagen ständig, dass Sie keine Prognosen abgeben und nichts erfinden. Es sind keine Mythen, sondern Analysen.

Portnikov: Natürlich widersetzen wir uns dem schlecht. Schon deshalb, weil wir eine Regierung haben, die beschlossen hat, anonyme Telegram-Kanäle sollten die ukrainische Freiheit geradezu ersticken. Wenn ein ehemaliger Mitarbeiter des Präsidenten, der all das geschaffen hat und dann Minister wurde, plötzlich bemerkt, dass jemand irgendeinen Kanal wie „Trucha“ gekauft hat.

Svitlana Zhebiv: Und dass dies ein Instrument gegen ihn ist.

Portnikov: Ja, dieses Instrument richtet sich gegen ihn. Und das gefällt ihm nicht. Dann stellt sich die Frage: „Wie konnten Sie diesen Drachen großziehen und füttern?“ Sie erinnern mich an jemanden, der einen kleinen Löwen in seiner Wohnung ansiedelte, worauf der Löwe ihn später auffraß. Muss man mit diesem Menschen Mitgefühl haben? Natürlich tut es einem leid. So jung, eine junge Ehefrau, Kinder, alle wurden zerfleischt, wie bei irgendeiner Familie, die Löwen aufzog. „Aber warum haben Sie sie bei sich einquartiert? Sind Sie dumm?“ Das ist die Antwort. Tun wir etwas dagegen? Nein.

Svitlana Zhebiv: Und wir unterschätzen es.

Portnikov: Ja, und wir unterschätzen es.

Svitlana Zhebiv: So wie es ein Mensch unterschätzt hat, der im Grunde alle Technologien kontrolliert.

Portnikov: Die Amerikaner wollten die TikTok-Algorithmen doch stoppen. Im Ergebnis sagt Donald Trump, er brauche TikTok für Wahlsiege. Aber Sie sehen, es funktioniert bereits nicht mehr so, weil kein TikTok den Treibstoffpreis ersetzen kann. Dennoch haben sie es einem amerikanischen Unternehmen übergeben, damit die Algorithmen nicht chinesisch sind.

Svitlana Zhebiv: Damit es einen anderen Einfluss gibt.

Portnikov: Und welche Algorithmen haben wir? Welche TikTok-Algorithmen haben wir? Welche Algorithmen haben wir bei Telegram? Wenn Menschen anonyme Kanäle sehen und lesen: Musste man wirklich den Fernsehsendern Pryamyj, Kanal 5 und Espresso die terrestrische Ausstrahlung entziehen, diesen Fernsehmarathon schaffen und ihn im Grunde zu einem Korruptionsmechanismus in den Beziehungen zu den Oligarchen machen?

Svitlana Zhebiv: Und mit welcher Geschwindigkeit versammeln sich Menschen um einen Kleinbus des Rekrutierungszentrums? Wie viele junge Menschen kommen dort zusammen, woher erfahren sie davon, und wie schnell organisieren sie sich?

Portnikov: Auch das ist eine gute Frage. Man könnte eine Million solcher Fragen stellen. Damit wir Informationsangriffen Russlands widerstehen, muss die Regierung selbst begreifen, dass sie in dieser Geschichte, entschuldigen Sie, nicht der Tourist ist, sondern das Touristenfrühstück, derjenige, der gefressen wird.

Svitlana Zhebiv: Man kann nicht immer auf alles Antworten erhalten. Aber es ist wichtig, Fragen zu stellen und zu verstehen, was mich steuert, wer mich steuert, ob ich nicht Opfer eines Algorithmus bin und wie ich mich in dieser Situation verhalte.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Interview
Titel des Originals: Чому Росія програє цю війну | Віталій Портников @tvoyemistoTV. 26.07.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 26.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

Original ansehen

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Vitaly Portnikov und Maria Gurska: Das Letzte, was Halt gibt. Ukraine und Polen, der Zerfall des Imperiums. Würde. 05.07.2026.

Maria Gurska: Heute findet also auf der Autorenbühne für die verehrten Gäste des Buch-Arsenals eine Diskussion zum Thema statt: „Würde im Krieg. Was dem Menschen Halt gibt, wenn die Welt zusammenbricht.“ Bei diesem Treffen werden wir darüber sprechen, wie man im Krieg die Würde bewahren kann – die Würde des Menschen, der Gesellschaft und des Staates, und zwar nicht nur in der Ukraine, sondern in ganz Europa.

Und ich freue mich, Ihnen die Teilnehmer unserer Diskussion vorzustellen: Vitaly Portnikov, ukrainischer Journalist, Publizist und Visionär. Und Karolina Sulej, Schriftstellerin, Journalistin und Holocaustforscherin. Ich bin Maria Gurska, Fernsehmoderatorin und Leiterin des ersten Fernsehsenders in der Europäischen Union und in Polen für Ukrainer.

Wir treffen uns also in diesem Saal zu einer Zeit, in der die Hauptstadt wahrscheinlich den größten Sicherheitsbedrohungen ausgesetzt ist. Wir alle sprechen darüber, schlafen wegen der Luftalarme nachts nicht, schauen in die Telegram-Kanäle und wissen nicht, was uns erwartet. Und dennoch fühlen sich die Ukrainer in diesen Tagen in Kyiv nicht verlassen. Wir befinden uns hier unter Freunden.

Dazu gehört Karolina Sulej, die trotz aller Bedrohungen mutig zum Buch-Arsenal gekommen ist. Dazu gehört, erinnern wir daran, auch die Nobelpreisträgerin und polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk, die ebenfalls als Zeichen der Solidarität mit den Ukrainern zum Arsenal gekommen ist. Dazu gehört auch die polnische Ministerin für Fonds und Regionalpolitik Katarzyna Pełczyńska-Nałęcz, die zwar nicht zum Arsenal, aber dennoch nach Kyiv gekommen ist, um am vierten Internationalen Gipfel der Städte und Regionen teilzunehmen.

Vitaly und ich haben heute bei Slawa in unserer Sendung „Zentrum Europas“ darüber gesprochen und Fotos aus dem beschossenen Stadtteil Lukjaniwka gezeigt, wo sich polnische Politiker, führende Persönlichkeiten und europäische Diplomaten fotografieren lassen und sich an ihre Gesellschaften und die führenden Politiker verschiedener Länder wenden. Sie sind gekommen, um die Ukraine in diesen Tagen zu unterstützen.

Erinnern wir auch daran, dass in diesen Tagen die amerikanische Historikerin Marci Shore beim Arsenal auftritt und dass die polnische Botschaft ebenso wie viele andere europäische Botschaften weiterhin in Kyiv bleibt. Aber versuchen wir zu verstehen, wie wichtig all das ist, wenn Hochkultur und Solidarität allein nicht in der Lage sind, Putin aufzuhalten.

Hören wir also Karolina Sulej dazu, warum sie heute trotz der Gefahr dieser heftigen Angriffe in Kyiv ist und warum es Ihnen, Karolina, wichtig ist, heute hier unter uns zu sein.

Karolina Sulej: Ich freue mich außerordentlich, wieder hier in Kyiv zu sein. Danke. Ich verstehe Ukrainisch, spreche es aber nicht, deshalb werde ich Polnisch sprechen. Und es ist mir außerordentlich wichtig, dass ich hier sein und über persönliche Dinge sprechen kann, über mein Buch, über den Krieg, über Konzentrationslager und über eine Kriegswirklichkeit, die mir historisch erschien. Doch wie wir sehen, ist dies kein historisches Buch. Und es ist mir sehr wichtig, dass wir darüber sprechen können, wie wir mit dieser Realität, mit dieser brutalen Kriegswirklichkeit zurechtkommen können.

Deshalb ist es mir wichtig, dass die erste Übersetzung dieses Buches gerade in der Ukraine beim Verlag des Alten Löwen erschienen ist. Ich weiß, dass dies nur die erste Frage ist, aber mir ist wichtig hinzuzufügen, dass dieses Buch ein besonderes Vorwort enthält, das eigens für die ukrainische Ausgabe geschrieben wurde.

Zweitens war auch ich seit Beginn des umfassenden Krieges an der Hilfe für die Ukraine beteiligt. Ich half ukrainischen Flüchtlingen mit Lebensmitteln, Kleidung und so weiter, denn wir haben eine Organisation, die „Krajina“ heißt. Inzwischen sind wir stärker in gemeinsame Aktivitäten und in die Schaffung gemeinsamer Initiativen eingebunden, die mit Kunst, Mode und Design verbunden sind. Deshalb bin ich hier nicht nur als Schriftstellerin und nicht nur als Reporterin, sondern auch als Freiwillige und gesellschaftliche Aktivistin.

Maria Gurska: Danke, Karolina. Das ist wirklich sehr wichtig. Wir werden nun Vitaly Portnikov zuhören. Ich möchte nur sagen, dass Vitaly und ich in unseren Sendungen gewöhnlich zumindest über Politik sprechen. Und ich werde ihn auch nach Politik fragen, obwohl dies auf den ersten Blick vielleicht nicht ganz mit dem Thema unseres Panels verbunden scheint. Tatsächlich steht es aber in direktem Zusammenhang damit.

Und ich denke, dass dies etwas ist, was derzeit jeden in diesem Saal beschäftigt und worüber jeder nachdenkt: über die Raketenangriffe auf ukrainische Städte, darüber, dass dies gewissermaßen eine neue Strategie des Kremls ist, auf die Europa und die Welt bislang keine Antwort haben. Auch wir suchen nach Möglichkeiten, damit umzugehen, und danach, wie wir unser Bewusstsein auf eine Existenz in diesem neuen Paradigma umstellen können, das noch mehr Kraft und innere Mobilisierung von jedem Einzelnen von uns, von der Gesellschaft und von Europa als Ganzem verlangt.

Wir sehen, dass die Vereinigten Staaten einen Mangel an Patriot-Systemen erleben und dass der Appell des ukrainischen Präsidenten um Hilfe bei der Verstärkung der Luftverteidigung unbeantwortet bleibt. Dennoch führen wir ständig dieses Gespräch. Für mich ist es sehr interessant, es zu beobachten und daran teilzunehmen: das Gespräch darüber, warum wir alle hierbleiben.

Vitaly Portnikov, der sowohl in Polen als auch in Europa und in den Vereinigten Staaten ein bekannter Journalist ist, könnte in jedem Land der Welt arbeiten – in Israel, in den Vereinigten Staaten, in jedem europäischen Land. Er kennt viele Sprachen und arbeitet dennoch in der Ukraine und bleibt hier, selbst an den Tagen und Nächten der schwersten Angriffe.

Warum sind Sie hier, Vitaly? Warum ist das für Sie als Journalist und als Bürger wichtig?

Vitaly Portnikov: Ich denke gerade, dass ein Journalist dort sein muss, wo Krisen stattfinden, denn Journalismus ist ein Beruf, der von Krisen handelt und nicht von friedlicher Existenz.

Ich habe immer gesagt, dass meine Kollegen, die etwa in den skandinavischen Ländern oder heute in Mitteleuropa leben, gezwungen sind, nach Nachrichten zu suchen. Während im postsowjetischen Raum faktisch seit dem Ende der 1980er- und dem Beginn der 1990er-Jahre die Nachrichten uns suchen. Und ich denke, dass dies praktisch mein gesamtes weiteres Leben und meine gesamte weitere Tätigkeit so bleiben wird.

Aus dieser Sicht ist journalistische Arbeit im Epizentrum einer Krise eine berufliche Herausforderung. Und wir sehen, dass sich diese berufliche Herausforderung, wie Sie sehen, vor unseren Augen entfaltet.

Andererseits muss man auch verstehen, dass diese Situation, die mit unserem, ich würde sagen, Leben in diesem Epizentrum der Krise verbunden ist, in erster Linie eine Geschichte über …

Durchsage: In der Stadt wurde Luftalarm ausgerufen. Zu Ihrer Sicherheit bitten wir Sie, den Saal zu verlassen und den Schutzraum des Mystezkyj Arsenal aufzusuchen.

Vitaly Portnikov: Ich denke, wenn wir überhaupt zur allgemeinen Situation übergehen, die sich in diesen Gebieten bereits seit vielen Jahrhunderten entwickelt, dann ist dies eine Geschichte über Würde und Gerechtigkeit.

Wenn wir darüber sprechen, was sowohl zur Zeit des Russischen Imperiums als auch zur Zeit der Sowjetunion und in dieser postsowjetischen Epoche geschah, sehen wir ständig, dass die Hauptidee des Imperiums – während der polnischen Aufstände, während der nationalen Befreiungskämpfe des ukrainischen Volkes und während des Kampfes anderer Völker des Imperiums um ihre Unabhängigkeit und ihr Recht, souveräne Staaten zu sein – eine ewige Geschichte darüber ist, dass das Imperium die Würde zertreten, die Souveränität vernichten und alles daransetzen will, damit sich sowohl einzelne Menschen, die verschiedenen Völkern angehören, als auch ganze Zivilisationen gegenüber dem Imperium, gegenüber Russland und letztlich gegenüber Moskau als zweitrangig empfinden. Denn das begann vor sehr langer Zeit, als es noch kein Russland und keine Sowjetunion gab, sondern lediglich das Moskauer Fürstentum.

Und dies steht immer im Widerspruch zu diesem Streben nach Gerechtigkeit. Denn es handelt sich nicht einfach nur um eine Geschichte über eine konkrete nationale Identität. Es ist nicht nur eine Geschichte über das Recht eines Menschen, seine eigene Sprache zu sprechen, seine Geschichte zu kennen und seine kulturellen Werte zu pflegen. Es ist auch eine Situation, die damit verbunden ist, dass Menschen es als ungerecht empfinden, wenn ihnen all das genommen wird. Menschen hoffen immer auf das Bessere, auf den Sieg der Gerechtigkeit.

Übrigens sind gerade deshalb etwa die polnische und die ukrainische Hymne einander so ähnlich, weil es Hymnen der Hoffnung sind. Sie sprechen stets davon, dass wir auf unserem eigenen Land selbst die Herren sein werden.

Und übrigens sah ich vor Kurzem in Solotschiw, im Schloss von Solotschiw, eine Gedenktafel für den Mann, der eine dritte ähnliche Hymne schuf: „Hatikwa“, die Nationalhymne Israels. Denn der Autor der israelischen Nationalhymne wurde ebenfalls hier in diesen Gebieten geboren, in den Gebieten des ukrainisch-polnischen Grenzlandes, ich würde sagen, in der ukrainischen Region Galizien.

Deshalb ist grundsätzlich auch diese Hymne, die im Staat Israel gesungen wird, von diesem Traum von Gerechtigkeit, Freiheit und Würde erfüllt. Sie heißt „Die Hoffnung“. Und ich denke übrigens, wenn wir einen Namen für die Nationalhymne der Ukraine oder die Nationalhymne Polens suchten, könnten wir sie ebenfalls so nennen: Hoffnung, die Hoffnung auf den Triumph der Gerechtigkeit.

Ich denke, eine riesige Zahl von Menschen, die in der Ukraine weiterleben und weiterhoffen, verteidigt auf diese Weise ihre eigene Würde. Genau das führte zu den ukrainischen Maidans. Genau das führte zu den ukrainischen Revolutionen. Genau das gab den Ukrainern letztlich immer wieder die Möglichkeit, sich aufzurichten und sich zu einem Volk zu erklären, das bereit ist, einen Staat aufzubauen. Denn gerade diese reale Situation, in der ein Mensch an Gerechtigkeit glaubt und seine Würde bewahren will, macht aus einem Volk eine Nation.

Maria Gurska: Karolina, in Ihrem Buch über den Holocaust, das hier beim Arsenal auf Ukrainisch erhältlich ist und den Titel „Persönliche Dinge. Geschichten über Kleidung in Konzentrations- und Vernichtungslagern“ trägt, zeigen Sie, wie selbst unter unmenschlichen Bedingungen der Umgang mit Kleidung und persönlichen Gegenständen den Menschen half, das Gefühl des eigenen Ichs zu bewahren.

Ich weiß, dass Sie mit Archivmaterial gearbeitet und mit vielen Menschen gesprochen haben – mit Zeitzeugen und Opfern des Holocaust, des schrecklichsten Kapitels des Zweiten Weltkriegs. Der zentrale Gedanke Ihres Buches lautet, dass der Mensch, selbst im Krieg, danach strebt, seine Würde zu bewahren, und dies unter anderem durch kleine Dinge und Handlungen tut, die traditionelle Zeichen unserer Menschlichkeit sind – oft durch ganz alltägliche Dinge.

Versuchen wir also zu verstehen, was Sie heute empfinden, wenn Sie sich während des heutigen russisch-ukrainischen Krieges in der Ukraine befinden. Woran denken Sie, wenn Sie die Ukrainer sehen, ihren Alltag beobachten, heute die Menschen in Kyiv auf den Straßen sehen? Welche Parallelen zu Ihrem Buch und Ihrem Material kommen Ihnen dabei in den Sinn?

Karolina Sulej: Vielen Dank für alles, was du gesagt hast. Ich möchte erzählen, dass ich gerade ein unglaubliches Erlebnis hatte. In meinem Buch gibt es eine Geschichte über die Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen. Während der Befreiung befanden sich dort schwerkranke Häftlinge in einem provisorischen, notdürftig eingerichteten Lazarett. Sie waren schwer krank, bettlägerig und konnten nicht gehen.

Ich weiß nicht, wer auf die Idee kam, in dieses befreite Lager, zu Menschen, die nicht einmal mehr eigene Kleidung besaßen, rote Lippenstifte zu schicken. Und genau diese Frauen, die kaum noch am Leben waren, wollten sich alle mit diesem roten Lippenstift schminken.

Es ging dabei nicht so sehr darum, in diesem Moment schön aussehen zu wollen, sondern um ein Symbol, um diesen Wunsch und um eine Geste. Und dieser erste Teil ist wichtig für das, was ich jetzt erzählen möchte.

Als der großangelegte Krieg begann, schickte mir eine Bekannte eine TikTok-Story – wir schreiben inzwischen das Jahr 2026, nicht wahr, und tauschen solche Informationen aus. In dieser Story sahen wir ein Mädchen in der Metro von Kyiv, das den anderen Frauen anbot, Yoga zu machen oder sich zu schminken, um sie zu unterstützen. Also genau solche gewöhnlichen Dinge, die uns im Alltag kaum auffallen, weil sie selbstverständlich sind, werden in einem solchen Moment zu einer sehr wichtigen Geste.

Ich konnte zunächst gar nicht glauben, warum sie das tat. Schließlich hatte sie mein Buch nicht gelesen und konnte diese Geschichte gar nicht kennen.

Doch als wir über TikTok Kontakt aufnahmen und miteinander sprachen, stellte sich heraus, dass dies einfach ein ganz natürlicher Reflex war, eine natürliche Geste und der Wunsch, gerade diese für uns wichtigen alltäglichen Dinge zu bewahren.

Das ist eine Art täglicher Partisanenkampf. Und genau das tut ihr hier jeden Tag. Das kann man weder ignorieren noch geringschätzen, denn genau das ist euer Heldentum.

Maria Gurska: Danke, dass du sowohl Inhalte aus deinem Buch als auch deine Eindrücke aus Kyiv mit uns geteilt hast. Ich denke, viele hat das ebenfalls dazu gebracht, über unsere heutigen kleinen Rituale nachzudenken und darüber, wie wichtig sie für unser Leben sind.

Wir haben Karolina Sulej gehört. Ich weiß allerdings nicht, ob Sie auch Olga Tokarczuk gehört haben, die ebenfalls in diesen Tagen beim Arsenal auftritt. Wir haben mit ihr bei Slawa ein exklusives Gespräch aufgezeichnet. Es kann übrigens auf YouTube auf Ukrainisch angesehen werden.

Und Folgendes sagt die polnische Nobelpreisträgerin über ihren Besuch in Kyiv: Sie sei beeindruckt und voller Bewunderung für die Ordnung, die hier herrsche, für die Sauberkeit, die Aufmerksamkeit für Details, für die Ästhetik und für die gemeinsame Sorge um den öffentlichen Raum. 

Kyiv bleibe trotz der Bombardierungen eine wunderschöne Stadt, die Bewunderung verdiene. Wenn man durch ihre Straßen geht, die Gesichter der Menschen sieht, ihre Lächeln, beobachtet, wie sie im Abendlicht ein Glas Champagner trinken, wie sie die blühenden Kastanien und Akazien genießen und fotografieren – hier teile ich nun teilweise schon meine eigenen Beobachtungen –, dann scheint der Krieg zunächst weit entfernt zu sein. Er bleibt unsichtbar, bis zum ersten Luftalarm, der unser Panel gerade eben unterbrochen hat.

Zum Glück können wir weitermachen. Hören wir Vitaly Portnikov zu: Warum ist es wichtig, gerade diese grundlegende Normalität zu bewahren? Und wie kann man das im fünften Jahr intensiver Angriffe und all jener Schrecken tun, die unseren Alltag begleiten?

Vitaly Portnikov: Übrigens habe ich schon seit 2022 gesagt, dass genau diese Normalität des Lebens die Antwort auf den Versuch ist, dieses Leben zu zerstören. Und wir sehen inzwischen, dass Russland tatsächlich eine sehr wichtige Aufgabe verfolgt – nämlich das normale Leben zu vernichten.

Es handelt sich nicht einfach um einen Krieg der Armeen. Russland könnte den Krieg der Armeen irgendwann sogar einstellen, wenn es erkennt, dass seine Armee keine Ergebnisse erzielt, und dennoch den Bombenkrieg fortsetzen.

Warum ist es wichtig, dass die Menschen weiterhin das geistige, wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben eines angegriffenen Landes aufrechterhalten?

Weil das Ziel des Aggressors immer darin besteht, genau dieses Leben zu zerstören. Der Aggressor kommt nicht nur, um militärische Stellungen oder die Armee zu vernichten. Er kommt, um fremdes Leben zu vernichten.

Ich erinnere mich an den Februar 2022. Sie wissen das alle sehr gut: In den ersten Wochen schienen die ukrainischen Städte zu versteinern. Alles wurde geschlossen, alles kam zum Stillstand.

Mir schien damals, dass dies nicht nur Angst war, sondern auch eine Rückkehr zu jenem Mythos, der in unserer Gesellschaft über den Zweiten Weltkrieg existierte.

Im Zweiten Weltkrieg sei angeblich alles geschlossen gewesen, alles stillgestanden, nichts habe existiert, weil Krieg gewesen sei – und deshalb werde es bei uns wohl genauso sein.

Doch im Zweiten Weltkrieg war das gar nicht so. Das war eine propagandistische Erfindung späterer Zeiten, um zu beweisen, Krieg sei eine Zeit, in der alles zum Stillstand komme, und um die Menschen davon zu überzeugen.

Denn eine zum Stillstand gebrachte Gesellschaft – das muss man ebenfalls verstehen – lässt sich von einem kommunistischen Regime leichter kontrollieren und kann ihre eigene Stimme nicht mehr erheben. Sie bleibt dann nicht mehr die Gesellschaft der Ukrainer, Russen, Georgier oder anderer Völker, sondern wird zur Gesellschaft Stalins.

Deshalb sahen wir, dass die ukrainische Gesellschaft lebendig blieb. Einerseits sahen wir Schlangen vor den Mobilisierungszentren. Andererseits erlebten wir das Erwachen dieses normalen Lebens in einem Land, das angegriffen worden war. All diese Prozesse liefen gleichzeitig ab: Mobilisierung, Emigration und die Rückkehr zum normalen Leben.

In diesen Jahren gab es viele Entwicklungen, die davon zeugen. Wir können von einer regelrechten Renaissance des Interesses am ukrainischen Theater sprechen. Eine solche Aufmerksamkeit für die ukrainische Theaterkunst gab es vor dem großen Krieg nicht. Das ist nicht nur unser Phänomen, aber wir sehen, wie es tatsächlich geschieht: Die Menschen verlangen nach einer emotionalen Verarbeitung ihrer Erfahrungen.

Wir sehen, wie Bücher erscheinen, wie Menschen mit Fronterfahrung in den Vordergrund treten, wie etwa das Buch von Droni über Hemingway, der von nichts wusste – ein hervorragendes Beispiel für eine solche Literatur. Und es gibt mehrere ähnliche Bücher, die bereits während des Krieges erschienen sind und vom militärischen Erleben und vom Leben in einem Land im Krieg erzählen.

Wir sehen auch, wie die Menschen weiter darauf hoffen, dass ihr Geschäft – selbst ein kleines Unternehmen – gebraucht wird. So war es etwa in dem Café in Lukjaniwka, wo das Leben praktisch inmitten der Ruinen weiterging.

Wissen Sie, das ist der Instinkt jeder freien Gesellschaft im Krieg. Genau das macht eine Gesellschaft unbezwingbar.

Maria Gurska: Nach Angaben des polnischen Generalstabs befindet sich auch Polen – ich glaube seit November 2025 – bereits in der ersten Phase eines Krieges. Es handelt sich derzeit um einen konventionellen, also hybriden Krieg gegen Polen, der von den russischen Geheimdiensten organisiert wird und immer intensiver wird.

Er äußert sich nicht mehr nur in gewaltigen und sehr intensiven Wellen von Desinformation und Propaganda, die in die sozialen Medien eingespeist werden, die die Gesellschaft tatsächlich angreifen und gewöhnliche Menschen zu Opfern dieses Hasses machen.

Er äußert sich inzwischen auch unmittelbar in Sabotageakten, der Gefahr von Terroranschlägen, Brandstiftungen, wie kürzlich in Warschau, sowie in Sabotageakten auf der Eisenbahn, die glücklicherweise nicht so endeten, wie es die russischen Geheimdienste geplant hatten – nämlich mit Hunderten von Opfern.

Das ist die Realität, die Polen heute täglich erlebt, und darüber machen sich die Menschen ebenfalls Gedanken. Wie wirkt sich das bereits heute auf die Menschen aus? Und wie werden die Prozesse, über die wir sprechen, in Polen wahrgenommen?

Erzählen Sie uns bitte aus Ihrer Perspektive. Ist das spürbar? Und wie verstehen die Polen ihre eigene Würde in Zeiten hybrider Bedrohungen durch Russland? Was verbindet uns dabei und worin unterscheiden wir uns?

Karolina Sulej: Hier werde ich weniger über mein Buch sprechen als über meine Tätigkeit als Aktivistin. Das Buch war allerdings eine Voraussetzung dafür.

Denn Menschen, die mit einer einzigen Tasche und vielleicht einem Kind vor dem Krieg fliehen, werden mich nicht nach der Farbe eines Pullovers, ihrer Lieblingsfarbe, fragen. Sie brauchen Buchweizen und Windeln für ihr Kind. Ich wusste, dass dies ihre wichtigste Bedürfnis war. Aber ich wusste auch, dass ihr Bedürfnis nach Schönheit oder nach anderen Dingen dadurch nicht verschwindet.

Wichtig ist, dass wir füreinander Partner sind und dass es keine Situation sein darf, in der der eine hilft und der andere diese Hilfe lediglich entgegennimmt. Wir müssen Partner sein. Das bedeutet, dass dieser Mensch nicht nur ein Opfer oder jemand ist, der Hilfe empfängt, sondern dass er einen eigenen Namen, einen eigenen Nachnamen und eigene Wünsche hat. Denn unabhängig davon, welche Krise wir erleben und wie schlimm alles ist, bleibt beim Menschen das Bedürfnis bestehen, er selbst zu sein und eigene Wünsche zu haben. 

Deshalb gab es an dem Ort, an dem wir Hilfe leisteten, sowohl eine Art Boutique als auch ein Lebensmittelgeschäft. Alles war dort schön geordnet und ordentlich beschriftet: Hier sind die Hosen, dort die Röcke. Es gab Nagellacke, Lidschatten, und alles war wirklich von guter Qualität. Wir erhielten tatsächlich hochwertige Dinge von verschiedenen Firmen.

Genau auf diese Weise haben wir geholfen. Und bevor wir anfangen, über Politik zu streiten, sollten wir an jene alltäglichen Dinge denken, die uns verbinden. Denn wir alle hier, in diesem Teil der Welt, in diesem „Traumaland“, teilen die Erfahrung, dass unser Leben ständig zerstört wird, dass unser Alltag immer wieder mit Füßen getreten und vernichtet wird.

Deshalb beginne ich immer genau damit. Ich beginne mit der Kunst, mit der Literatur. Und genau in der Stiftung, die wir gegründet haben, haben wir diese gemeinsame Sprache gefunden – die Sprache des gegenseitigen Verständnisses.

Wir beginnen immer mit Kunst, mit Mode, mit Schmuck und handeln gemeinsam, schaffen gemeinsame Initiativen. Und genau dadurch finden wir diese gemeinsame Sprache.

Meiner Meinung nach geschieht das bereits. Wir tun das bereits gemeinsam. Die Ukrainerinnen und Ukrainer in Polen sind sehr präsent. Gemeinsam schaffen wir vieles. Das nennt man heute Soft Power.

Und ich glaube sehr an diese gemeinsame Kraft. Gemeinsam können wir eine wesentlich bessere Kultur schaffen. Und genau das geschieht bereits. Ja, wir müssen das fortsetzen. So wie jetzt hier.

Ich lerne Ukrainisch, weil ich das als Teil dieser Partnerschaft betrachte. Ich möchte noch mehr über die ukrainische Kunst und über die ukrainische Mode erfahren, denn sie ist einfach wunderbar. Genau so entsteht Partnerschaft.

Maria Gurska: Und es ist großartig, dass auch moderne polnische Literatur, darunter analytische Literatur, auf Ukrainisch erscheint. Es ist wunderbar, dass wir heute beim Arsenal Karolina Sulejs neues Buch „Persönliche Dinge“ auf Ukrainisch sehen können.

Nun zu Vitaly. Ich habe eine Frage zu dem übergeordneten Thema unseres heutigen Treffens – zu unserer nationalen Würde. Sie bildet, wie Vitaly bereits sagte, im Grunde das Fundament unseres gesamten historischen Kampfes um die Unabhängigkeit. Sie ist das zentrale Thema und Leitmotiv all unserer Revolutionen, insbesondere der Revolution der Würde, die diesen Namen sogar erhielt.

Es war eine Revolution gegen die Usurpation der Macht durch Viktor Janukowytsch und seine Gefolgsleute sowie gegen den Kurs der Annäherung an Russland – im Gegensatz zur europäischen Integration, die die Gesellschaft, insbesondere die Jugend, forderte. Das war auch der Beginn unserer modernen Geschichte, zumindest eines Teils jener Geschichte, in der wir heute leben.

Wir hoffen, dass wir einem glücklichen Ende bereits nahe sind. Auch wenn man Vitaly Portnikov zuhört, scheint es, als müssten wir noch ein wenig Geduld haben.

Wenn wir aber über diese nationale Würde und ihre schmerzvolle Härtung in der postsowjetischen Zeit und in unserer Gegenwart sprechen – wir haben als Nation bereits so viel gelitten, wir geben heute so viel und leiden weiterhin so sehr. Ich weiß nicht, ob es noch eine andere Nation gibt, die einen derart hohen Preis für die Herausbildung ihrer nationalen Würde zahlt.

Wird dieser Schmerz und dieses Leid zu einer Art Impfung für die Zukunft werden – einer Garantie dafür, dass Russland uns niemals wieder in einen kolonialen Zustand zurückführen kann?

Vitaly Portnikov: Nun, ich denke, es gibt viele Nationen, die einen solchen oder sogar einen noch höheren Preis zahlen.

Interessant ist jedoch, dass wir diese Nationen, wenn wir an sie denken, als alte Nationen wahrnehmen, während wir die Ukrainer als junge Nation betrachten.

Deshalb erscheint uns dieser Vergleich so ungewöhnlich. Das Leid der Juden und Armenier lässt sich scheinbar nicht mit dem der Ukrainer vergleichen, weil Juden und Armenier diesen Preis für Würde, Staatlichkeit und Souveränität bereits seit Jahrtausenden zahlen. Die Ukrainer hingegen scheinen erst vor unseren Augen entstanden zu sein, und schon hätten all diese Leiden begonnen.

Doch auch das ist übrigens ein imperialer Diskurs. Denn selbst das Wort Ukraine tauchte bereits vor tausend Jahren in den Chroniken auf. Die Ukrainer sind keine so junge Nation, wie viele glauben. Und genau darin liegt die Antwort auf Ihre Frage.

Wie jede Nation, die schon früh auf ihrem eigenen Land Staatlichkeit errichtete – und eine solche alte Staatlichkeit wird natürlich immer von jemandem angegriffen, der aggressiver und brutaler ist –, kämpfen die Ukrainer darum, das zu bewahren, was sie hier geschaffen haben.

Sie errichteten hier eine Zivilisation zu einer Zeit, als viele andere – zumindest jene nördlich der Ukraine – nicht nur keine Staatlichkeit, sondern noch nicht einmal eine städtische Kultur besaßen. Auch daran sollte man sich erinnern.

Nicht weit von hier befindet sich eine Kirche, in der der Überlieferung nach einer der letzten großen Kyiver Fürsten der vormongolischen Zeit, Juri Dolgoruki, begraben liegt – jener legendäre Herrscher, in dessen Regierungszeit der Legende nach Moskau gegründet wurde. Er war einer der letzten Kyiver Fürsten der vormongolischen Epoche.

Und was war vor ihm? Es gab nicht nur in Moskau keinerlei Zivilisation, sondern selbst in Susdal kaum etwas. Dort entstanden gerade erst die Anfänge des Fürstentums Susdal, aus dem später die Moskauer Zivilisation hervorging. Das sind also völlig unterschiedliche historische Dimensionen.

Warum sage ich das? Weil ich denke, dass diese zeitlichen Dimensionen verständlicher werden, wenn wir begreifen, dass es hier eine Wetsche-Kultur, also eine Tradition der Volksversammlung, gab; dass die Menschen hier den Wunsch hatten, ihr Recht auf den Dialog mit der Obrigkeit durchzusetzen.

So war es in der Alten Rus – nicht nur in Nowgorod dem Großen, das später von Moskau niedergetreten wurde, sondern praktisch in allen alten Fürstentümern. Diese Wetsche-Kultur und diese Kultur der Würde wurden durch den Einfall der Horde nicht vernichtet, weil die Horde sich von hier relativ schnell wieder zurückzog.

Sie behielt ihre Herrschaft über die Nordrus bei. Mehr noch: Die Fürsten der Nordrus glaubten, dass eine solche Machtvertikale wirksam sei – und sie glauben bis heute daran.

Hier jedoch blieb die Bereitschaft der Menschen, am Aufbau ihrer eigenen Stadt und ihres eigenen Landes mitzuwirken, von jeher erhalten. Man könnte sagen, dass diese Tradition nur ungefähr in dem Zeitraum unterbrochen wurde, der mit der Zerschlagung der Saporoger Sitsch durch Katharina II. begann.

Im Grunde ist die Zeit zwischen der Zerstörung der Sitsch und dem Aufstand der Ukrainischen Volksrepublik nur ein kurzer Abschnitt der Geschichte – ein einziger Tag. Damals hatten die Ukrainer keine Rechte. Davor besaßen sie sie.

Und danach setzte sich der Kampf um diese Rechte jeden einzelnen Tag fort. Vielleicht nicht auf allen ukrainischen Gebieten, aber er ging weiter.

Wir sahen die Kultur des politischen Kampfes in den westukrainischen Gebieten. Wir sahen die UNDO (Ukrainische Nationale Demokratische Vereinigung). Wir sahen die Konflikte zwischen der Ukrainischen Nationaldemokratischen Vereinigung, der OUN und der UPA sowie unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie sich die ukrainischen politischen Prozesse entwickeln sollten.

Aus dieser lebendigen politischen Gesellschaft erwächst der Begriff der Würde, der Wille, auf die Straße zu gehen, um seine Kinder zu schützen, und die Bereitschaft, für den eigenen Staat zu kämpfen. Und ich wiederhole noch einmal: Das ist keine neue, sondern eine tausendjährige Tradition, an die man sich erinnern sollte.

Maria Gurska: Zum Schluss möchte ich – da wir uns hier im Kreis von Journalisten versammelt haben und Karolina, Vitaly und ich alle Medienschaffende sind – an Wiktorija Roschtschyna erinnern, die von den Russen in der Gefangenschaft zu Tode gefoltert wurde.

Sie wusste, dass sie wegen ihrer journalistischen Arbeit zum Schaden kommen konnte, fuhr aber dennoch in die vorübergehend besetzten Gebiete, um den Menschen die Wahrheit zu bringen.

Ich möchte auch an die Worte von Viktor Frankl erinnern, die vielleicht mit deinem Buch in Verbindung stehen. Frankl, der selbst Häftling eines Konzentrationslagers und österreichischer Psychiater war, schrieb 1946 in seinem Buch „…trotzdem Ja zum Leben sagen“ (Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager), dass der Mensch bereit sei zu leiden, wenn er davon überzeugt sei, dass sein Leiden einen Sinn habe.

Und ich möchte außerdem die Worte des wunderbaren Übersetzers Andrij Bondar anführen. Er hat gerade das neue Buch von Wojciech Tochman übersetzt, das man ebenfalls hier beim Arsenal finden kann. Tochman ist ein bekannter polnischer Journalist, der viel über seine Reisen in die Ukraine schreibt.

Bondar schreibt in seinem Blog, dass die Ukrainer trotz allem und trotz des Wunsches der Russen, uns zu töten, in ihrer Heimat bleiben, weil sie sich nicht von ihrem Land verdrängen lassen wollen. 

Und genau darin liege unsere größte Kraft. Darüber hat auch Vitaly Portnikov gesprochen: Diese Worte stehen in unserer Nationalhymne. Genau sie bestätigen uns, geben uns Zuversicht und verleihen uns die Kraft, auf den Sieg zu warten.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Віталій Портников та Марія Гурська: останнє, що тримає. Україна і Польща, розвал імперії. Гіднсть. 05.07.2026.
Autor: Vitaly Portnikov und Maria Gurska
Veröffentlichung: 05.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Zelenskys Rede auf dem NATO-Forum: Das Wichtigste | Vitaly Portnikov. 07.07.2026.

Mit seiner Rede auf dem Forum für Verteidigungstechnologien begann für den ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky der NATO-Gipfel, auf dem bekanntlich auch das Treffen zwischen dem amerikanischen und dem ukrainischen Präsidenten stattfinden wird – das erste abgestimmte Treffen dieser Art seit längerer Zeit.

Während seiner Rede auf dem Forum für Verteidigungstechnologien stellte Volodymyr Zelensky die Frage nach dem Schutz Europas vor ballistischen Raketen in den Mittelpunkt und betonte, dass die Europäer sowohl eigene Abwehrsysteme gegen ballistische Raketen als auch die entsprechenden Raketen selbst produzieren müssten.

Diese Schlussfolgerung liegt angesichts der Entwicklungen nach dem Krieg der Vereinigten Staaten und Israels gegen den Iran auf der Hand. Es wurde deutlich, dass die Vereinigten Staaten ihre Patriot-Systeme entsprechend ihrer eigenen Vorstellungen von nationaler Sicherheit einsetzen können. Gleichzeitig fehlt es den Ländern, die auf amerikanische Unterstützung bei der Abwehr ballistischer Raketen angewiesen sind, schlicht an Raketen – zumindest solange, bis die Vereinigten Staaten ihre eigenen Bestände wieder aufgefüllt haben. Und das, obwohl die Wahrscheinlichkeit neuer Kriege unter Beteiligung der Vereinigten Staaten, auch im Nahen Osten, durchaus real ist.

Die Gegner der Vereinigten Staaten verfügen zudem über eigene ballistische Raketen und Drohnen, zu deren Bekämpfung, wie wir gesehen haben, ebenfalls hochmoderne Systeme eingesetzt werden mussten. All dies veranlasst das amerikanische Militär derzeit dazu, Waffenlieferungen an andere Staaten, darunter auch an NATO-Verbündete, zurückzuhalten. Über Programme wie das PURR-Programm, das den Kauf amerikanischer Waffen mit Geldern europäischer Steuerzahler vorsah, kann inzwischen überhaupt nur noch in dem Umfang gesprochen werden, der den Europäern nach dem allmählichen Schwinden der amerikanischen Arsenale noch zur Verfügung steht.

Deshalb gibt es tatsächlich zwei dringende Richtungen, die die Länder nicht nur vor russischen, sondern beispielsweise auch vor iranischen ballistischen Raketen und Raketen oanderen Staaten schützen sollen, die in den kommenden Jahren der offensichtlichen militärischen Konfrontation bereit sein werden, mit der zivilisierten Welt zusammenzustoßen.

Erstens geht es um die Produktion eigener Systeme zur Abwehr ballistischer Raketen. Dafür sind jedoch erhebliche Investitionen der wirtschaftlich stärksten europäischen Länder erforderlich.

Zweitens geht es um Lizenzen für die Produktion von Patriot-Raketen – sowohl in europäischen Ländern als möglicherweise auch in der Ukraine. Darüber könnte der ukrainische Präsident ebenfalls mit dem amerikanischen Präsidenten sprechen, obwohl unklar ist, inwieweit Donald Trump derzeit bereit ist, das amerikanische Monopol aufzugeben.

Natürlich haben auch die Treffen Zelenskys mit den Staats- und Regierungschefs der NATO-Mitgliedstaaten bereits heute während des Forums für Verteidigungstechnologien begonnen. So wurde bekannt, dass Kanada ein neues Verteidigungshilfepaket für die Ukraine im Umfang von 900 Millionen Dollar vorbereitet. Dieses Paket wird auch Luftverteidigungssysteme enthalten, die die Ukraine für die militärische Auseinandersetzung mit Russland in den kommenden Monaten und Kriegsjahren dringend benötigt.

Derzeit hängt praktisch alles sowohl von diesen Systemen als auch von der Fähigkeit der Ukraine ab, russische Militärobjekte, russische Fabriken, Produktionsstätten für Drohnen und ballistische Raketen sowie die Abschussorte ballistischer Raketen der Russischen Föderation anzugreifen.

Hier könnte sich auch der Erfolg der Ukraine im Drohnenkrieg bemerkbar machen, der ebenfalls zu einem wichtigen Bestandteil moderner Kriegsführung im kommenden Jahrzehnt weltweiter Instabilität wird. Tatsächlich kann die Ukraine dabei nicht nur auf Foren wie dem Forum für Verteidigungstechnologien eine wichtige Rolle spielen, sondern auch im Rahmen ihrer Zusammenarbeit mit der NATO, die bislang aufgrund der offensichtlichen Weigerung des Präsidenten der Vereinigten Staaten, einer euro-atlantischen Integration der Ukraine zuzustimmen, weiterhin ein schwieriges Thema bleibt.

Als Trump und andere Vertreter seiner Regierung erklärten, sie hielten es für notwendig, die euro-atlantische Integration der Ukraine vorerst zurückzustellen, hofften sie auf gewisse Zugeständnisse der russischen Führung. Wie diese Hoffnungen heute aussehen, können wir nicht sagen. Meiner Ansicht nach sind Trumps Aussagen, sowohl Putin als auch Zelensky wollten den Krieg beenden und viele verstünden nicht, dass dieses Ende viel näher sei, als es scheine, eher der Versuch, Wunschdenken als Realität auszugeben – in einer Situation, in der sich jeder daran erinnert, dass der amerikanische Präsident bereits im Februar 2025 versprochen hatte, den russisch-ukrainischen Krieg schnell zu beenden.

Jetzt ist Juli 2026, und die Eskalation nimmt nur weiter zu. Viele glauben, diese Eskalation sei ein Vorzeichen einer späteren Deeskalation des Krieges. Es kann jedoch ebenso gut sein – und das ist mehr als wahrscheinlich –, dass diese neue Phase der Eskalation lediglich den Übergang zu einer noch schwereren Eskalation und zu einer Ausweitung des Krieges auf europäische Länder darstellt, die die Ukraine in ihrem Widerstand gegen die russische Aggression weiterhin unterstützen.

Offensichtlich wird auf dem NATO-Gipfel in Anwesenheit Donald Trumps auch darüber gesprochen werden, wie Europa vor möglichen russischen Provokationen und sogar vor hybrider Aggression durch die Russische Föderation geschützt werden kann. Deshalb betonte der finnische Präsident Alexander Stubb bei seinem Treffen mit dem ukrainischen Präsidenten, dass heute nicht nur die Ukraine die NATO brauche, sondern auch die NATO die Ukraine brauche.

Diese Auffassung teilen viele Mitgliedstaaten der Nordatlantischen Allianz, insbesondere jene, die Nachbarn der Russischen Föderation sind und das gesamte Ausmaß der Bedrohungen erkennen, die heute von Russland für seine Nachbarn ausgehen, ebenso wie den offensichtlichen Wunsch der russischen politischen Führung, ihren Krieg gegen die Ukraine bald auf jene Länder auszuweiten, die uns weiterhin unterstützen.

Dies sind jedoch erst die ersten Treffen. Der eigentliche Höhepunkt wird natürlich morgen sein, wenn Zelensky mit Donald Trump zusammentrifft – als abschließender Höhepunkt des Aufenthalts des amerikanischen Präsidenten in der türkischen Hauptstadt. Denn unmittelbar nach seinen Gesprächen mit den Präsidenten der Ukraine und Syriens wird Donald Trump seine abschließende Pressekonferenz in Ankara geben und anschließend den NATO-Gipfel verlassen.

Wir verstehen sehr gut, dass das einstündige Treffen zwischen dem amerikanischen und dem ukrainischen Präsidenten auch davon abhängen wird, was Trump von seinen europäischen Verbündeten sowie vom kanadischen Premierminister hören wird, wie er die Rolle der Vereinigten Staaten innerhalb der NATO beurteilt und wie schließlich sein Gespräch mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan verlaufen wird, der Gastgeber dieses Gipfels ist und ebenfalls weiterhin auf eine Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges hofft. Gerade die Atmosphäre des morgigen NATO-Gipfels mit Beteiligung des amerikanischen Präsidenten könnte auch die Atmosphäre seines Treffens mit dem Präsidenten der Ukraine am 8. Juli bestimmen.

Über all dies werden wir selbstverständlich morgen vor dem Hintergrund dieses für die Ukraine und für den weiteren Verlauf des endlosen russisch-ukrainischen Krieges so wichtigen NATO-Gipfels sprechen.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Виступ Зеленського на форумі НАТО: головне | Віталій Портников. 07.07.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 07.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

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Deutsche Übersetzung von [Dein Name oder „Viktoriya Limbach“],
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Der Moment nach Putin. Vitaly Portnikov. 30.06.2026.

Моментът след Путин. Виталий Портников. 30.06.2026.

Nähert sich nach fünf Jahren Krieg wirklich ein Wendepunkt?

Fünf Jahre sind genug Zeit, um eine einfache Sache zu verstehen: Der Wendepunkt in diesem Krieg hängt nicht von der militärischen Lage an der Front ab, sondern vom wirtschaftlichen Zustand Russlands. Putin kann eskalieren, so viel er will – aber Eskalation kostet Geld. Und das Geld wird immer weniger.

Und hier ist wichtig zu verstehen, was jetzt geschieht. Die Angriffe der Ukraine auf die russische Ölinfrastruktur – Häfen, Raffinerien, Logistikknotenpunkte – und auf den militärisch-industriellen Komplex Russlands zeigen bereits eine reale Wirkung. Die Öleinnahmen des Kremls sinken. Die Waffenproduktion wird erschwert. Das ist keine Metapher und keine Propaganda – das sind Zahlen, die Reuters, Foreign Affairs und russische Beamte selbst in geschlossenen Sitzungen bestätigen.

Der Wendepunkt wird nicht dann eintreten, wenn Putin beschließt aufzuhören, sondern dann, wenn er nicht mehr weitermachen kann. Das sind verschiedene Dinge. Und dank der ukrainischen Angriffe auf das Herz der russischen Kriegswirtschaft ist Letzteres deutlich näher, als es scheint.

Was ist das eigentliche Ziel der russischen Provokationen in Rumänien und im Baltikum – Einschüchterung oder offener Konflikt?

Weder das eine noch das andere – und zugleich beides. Russland will keinen offenen Konflikt mit der NATO – das würde seine Vernichtung bedeuten. Aber es will die Grenzen kennen, wo das Bündnis stoppen wird, wo es Angst bekommen wird, wo es beginnen wird, sich zu rechtfertigen, statt zu handeln.

Und hier gibt es eine gefährliche Asymmetrie. Russland testet – die NATO reagiert zurückhaltend, erklärt, beruhigt. Der Kreml liest das nicht als Besonnenheit, sondern als Schwäche. Und beim nächsten Mal geht er ein Stück weiter. Genau eine solche vorsichtige Reaktion ermutigt Moskau zu neuen Provokationen, wie die jüngste Geschichte mit dem Auftauchen einer russischen Drohne im Luftraum Rumäniens anschaulich gezeigt hat. Das Bündnis reagierte zurückhaltend. Russland merkt sich das.

Das ist keine Vorbereitung auf einen großen Krieg, sondern eine Vorbereitung darauf, dass sich die NATO an Verletzungen gewöhnt und überhaupt nicht mehr darauf reagiert.

Das gefährlichste Szenario ist nicht jenes, in dem Russland ein NATO-Land offen angreift, sondern jenes, in dem es dies so schrittweise tut, dass der Moment, in dem man hätte reagieren müssen, bereits vorbei ist.

Sind Szenarien einer „schleichenden“ Eskalation im Baltikum oder rund um den Suwałki-Korridor realistisch?

Russland wird ein NATO-Land nicht im klassischen Sinne dieses Wortes angreifen – mit Kriegserklärung und großangelegter Invasion. Das wäre Selbstmord, und im Kreml versteht man das sogar jetzt, da Putins Zurechnungsfähigkeit immer mehr Fragen aufwirft.

Aber es gibt ein anderes Szenario, und es ist deutlich realistischer. Langsam, Schritt für Schritt, die Grenzen dessen verwischen, was als Angriff gilt. Ein Zwischenfall auf See. Eine Drohne über dem Territorium eines Bündnismitglieds. Eine Provokation am Suwałki-Korridor. Jedes Mal reagiert die NATO zurückhaltend, und Moskau zieht den Schluss, dass auch der nächste Schritt toleriert werden wird.

Der Suwałki-Korridor ist ein eigenes und sehr ernstes Thema. Er ist die einzige Landverbindung zwischen Polen und den baltischen Staaten. Wenn Russland ihn gemeinsam mit Belarus blockiert, ist das formal kein Angriff auf die NATO. Aber es ist die faktische Isolierung dreier Bündnisstaaten. Und was wird das Bündnis dann tun? Das ist die Frage, auf die Brüssel bis heute keine klare Antwort hat.

Welche Faktoren könnten Putin zwingen, seine absurden Bedingungen für einen Waffenstillstand aufzugeben?

Putin wird seine Bedingungen nicht freiwillig aufgeben. Das muss man klar und ohne Illusionen verstehen. Er kann sie verschweigen, verschieben, anders formulieren – aber nicht aufgeben, denn für ihn ist das keine Verhandlungsposition, sondern ein ideologisches Fundament.

Ihn zu einer Änderung seiner Position zwingen kann nur eines: der Mangel an Ressourcen zur Fortsetzung des Krieges. Und hier kehren wir wieder zur Wirtschaft zurück. Die Angriffe auf die Ölinfrastruktur, der Rückgang der Einnahmen, die Erschöpfung des militärisch-industriellen Komplexes – all das verengt Putins Handlungsspielraum schrittweise.

Bedingungen für ein Ende der intensiven Phase des Krieges existieren, aber nicht durch Verhandlungen, sondern durch den Moment, in dem Russland physisch nicht mehr in der Lage sein wird, das heutige Niveau der Kampfhandlungen aufrechtzuerhalten. Das ist keine Frage von Putins Wunsch. Es ist eine Frage seiner Möglichkeiten. Und gerade deshalb ist es so wichtig, den Druck nicht zu verringern – weder den sanktionspolitischen noch den militärischen –, in dem Moment, in dem er reale Ergebnisse zu zeigen beginnt.

Welcher Kompromiss wäre für die Ukraine beim Abschluss eines Waffenstillstands zulässig – besonders unter äußerem Druck, und welche Risiken bestehen für das Land?

Das ist keine Frage an mich – das ist eine Frage an die ukrainische Gesellschaft und an die ukrainische Führung. Ich habe kein Recht zu entscheiden, welcher Kompromiss für ein Land zulässig ist, das kämpft und Menschen verliert. Das wäre anmaßend von jedem Kommentator – unabhängig davon, wie nah er der Ukraine steht.

Aber ich kann sagen, was unzulässig ist. Unzulässig ist jeder Waffenstillstand, der Russland die Möglichkeit lässt, den Krieg nach einigen Jahren unter für Russland günstigeren Bedingungen wieder aufzunehmen. Unzulässig ist ein Waffenstillstand ohne reale Sicherheitsgarantien – keine Versprechen, sondern rechtlich bindende Garantien mit einem Mechanismus zu ihrer Umsetzung. Und unzulässig ist Druck auf Kyiv, Bedingungen zu akzeptieren, die Moskau später als Brückenkopf für den nächsten Schlag nutzen wird.

Die Risiken sind offensichtlich. Wenn die Ukraine unter Druck territoriale Zugeständnisse macht, ist das kein Frieden, sondern eine Pause. Russland wird sie zur Wiederaufrüstung nutzen und zurückkehren. Dieses Szenario haben wir bereits 2014–2022 gesehen. Es zu wiederholen wäre ein Verbrechen – sowohl gegenüber der Ukraine als auch gegenüber ganz Europa.

Was halten Sie von den Berichten über einen „Verlust des Glaubens“ an Putin und Umgruppierungen innerhalb der Kreml-Elite?

Ich würde diese Berichte weder zurückweisen noch überschätzen. Ja, in Putins Umfeld existiert Unzufriedenheit. Das ist keine Erfindung westlicher Analysten – das bestätigen sowohl Gespräche russischer Nomenklaturvertreter mit westlichen Journalisten als auch bestimmte Signale, die aus Russland selbst kommen.

Aber man muss die Natur dieser Unzufriedenheit verstehen. Diese Menschen sind nicht mit dem Krieg als solchem unzufrieden – sie sind damit unzufrieden, dass Putin ihn ineffektiv und inadäquat führt. Sie teilen dasselbe imperiale Programm und wollen dasselbe Ergebnis. Sie würden es nur gern mit geringeren Verlusten und größerer Vorhersehbarkeit erreichen.

Deshalb ist es verfrüht, von irgendeinem Putsch oder Kurswechsel zu sprechen. Diese Menschen haben Angst vor Putin und werden nicht handeln, solange sie nicht spüren, dass er wirklich schwach ist. Und wenn sie es spüren – falls sie es spüren –, kann alles sehr schnell gehen. Die russische Geschichte kennt solche Präzedenzfälle. Doch bisher beobachten wir Unzufriedenheit ohne Handlung. Und das ist keine politische Kraft. Das ist nur eine Stimmung.

Kann Putin davon überzeugt werden, dass er die Ukraine verloren hat? Oder könnten die Strukturen in Moskau seine neoimperiale Doktrin irgendwann aufgeben?

Putin kann nicht überzeugt werden – er kann nur gestoppt werden. Das ist ein grundsätzlicher Unterschied. Ein Mensch, der fest glaubt, dass es kein ukrainisches Volk gibt, dass die Ukraine ein künstliches Gebilde ist, dass er eine historische Mission erfüllt – ein solcher Mensch ändert seine Meinung nicht unter dem Einfluss von Argumenten. Er ändert sein Verhalten nur unter dem Einfluss der Umstände.

Aber es gibt eine tiefere Frage: Wird sich Russland nach Putin verändern? Und hier muss ich ehrlich sein: nicht automatisch und nicht schnell. Die neoimperiale Doktrin ist keine Erfindung Putins – sie ist ein Produkt der russischen politischen Kultur, die sich über Jahrhunderte herausgebildet hat. Putin hat sie nicht geschaffen – er hat sie genutzt und verstärkt.

Veränderung ist möglich, aber nur durch ein tiefes Trauma der Niederlage und durch Generationen, die in einem anderen Kontext aufwachsen werden. Deutschland veränderte sich nach 1945 – aber dafür waren die vollständige militärische und moralische Vernichtung des NS-Regimes und Jahrzehnte der Entnazifizierung unter äußerer Kontrolle notwendig. Russland hat bisher nichts Vergleichbares durchlaufen. Und solange es das nicht durchläuft, sollte man nicht auf einen organischen Verzicht auf imperiale Ambitionen setzen.

Russland will ein „Zivilisationsstaat“ und die Metropole des Eurasianismus sein. Sie haben erklärt, dass Russland dies durch die Konfrontation mit dem Westen erreichen will, ohne sich damit abzufinden, lediglich ein asiatischer Staat zu sein. Ist das möglich?

Das ist ein schönes Konzept – und völlig lebensunfähig. Russland kann aus einem einfachen Grund keine Metropole des Eurasianismus sein: Es verfügt dafür weder über das wirtschaftliche Potenzial noch über kulturelle Anziehungskraft oder realen Einfluss auf die Länder, die es anführen müsste.

Schauen Sie sich die sogenannte eurasische Peripherie an. Kasachstan distanziert sich immer stärker von Moskau und sucht seinen eigenen Weg. Aserbaidschan verfolgt eine völlig unabhängige Politik. Selbst Belarus, dessen Machthaber Alexander Lukaschenko buchstäblich auf russischen Bajonetten sitzt, versucht zumindest formale Souveränität zu bewahren und blickt nach Peking als Gegengewicht zu Moskau.

China ist hier das Schlüsselwort. Die wirkliche Metropole des Eurasianismus ist Peking und nicht Moskau. Und Russland versteht das, kann es aber nicht eingestehen, denn die Anerkennung dieser Tatsache würde das Ende des gesamten Konzepts des „Zivilisationsstaates“ bedeuten.

Die Konfrontation mit dem Westen macht Russland nicht zum eurasischen Zentrum – sie macht es zum Juniorpartner Chinas. Und das ist genau das Gegenteil dessen, wovon Putin träumt. Der eurasische Traum Moskaus endet dort, wo die chinesische Realität beginnt.

Mit welchen Realitäten wird Russland bei einem möglichen Ende der Kampfhandlungen oder sogar schon davor konfrontiert sein? Welche Prozesse erwarten Sie?

Russland ist bereits mit einem Teil dieser Realitäten konfrontiert und versucht, sie nicht wahrzunehmen. Eine demografische Katastrophe – Hunderttausende Tote, Verwundete und Emigranten. Wirtschaftliche Erschöpfung – Inflation, sinkende Realeinkommen, ein Haushaltsdefizit, das auf Kosten künftiger Generationen gedeckt wird. Technologischer Rückschritt – der Abzug westlicher Unternehmen und Technologien, für die es keinen Ersatz gibt.

Doch das schwerwiegendste Problem ist politischer Natur. Putin und der FSB haben ein System geschaffen, das auf einem einzigen Menschen und auf Angst beruht. Wenn dieser Mensch geht – und früher oder später wird er gehen –, könnte sich das System nicht geordnet transformieren. Es wird entweder zusammenbrechen oder sich im Machtkampf zwischen jenen drei Kräften, von denen ich bereits gesprochen habe – dem FSB, dem FSO und der Armee –, in etwas noch Brutaleres verwandeln.

Der gefährlichste Moment für Russland und für die Welt ist nicht der Krieg selbst. Es ist die Zeit nach Putin, wenn Menschen mit Atomwaffen und ohne klare Legitimität die Macht in einem Atomstaat unter sich aufteilen werden. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass der Westen schon jetzt nicht nur darüber nachdenkt, wie der Krieg beendet werden kann, sondern auch darüber, was danach mit Russland geschehen soll.

Wo wird Russland weiterhin versuchen, Einfluss auszuüben, und wie erfolgreich könnten diese Versuche nach dem Scheitern seiner großimperialen Ambitionen sein?

Russland wird seine Versuche, Einfluss auszuüben, nicht aufgeben – selbst geschwächt, selbst nach einer Niederlage. Das liegt in der Natur des Regimes. Die einzige Frage ist, welche Instrumente ihm dafür noch zur Verfügung stehen werden.

Das militärische Instrument wird erheblich eingeschränkt sein – die Armee ist erschöpft, die Technik zerstört, die personellen Ressourcen gehen zur Neige. Der Wiederaufbau echter militärischer Stärke erfordert Jahrzehnte und Geld, das nicht vorhanden sein wird.

Doch es gibt andere Instrumente. Die Energie – solange Russland Öl und Gas verkauft, verfügt es über einen Hebel. Desinformation und hybrider Krieg – das ist billig und effektiv, und hier hat Moskau erhebliche Erfahrungen gesammelt. Die Unterstützung prorussischer Bewegungen und Parteien in Europa – auch das wird nicht verschwinden.

Geografisch wird sich Russland auf das konzentrieren, was in seiner Reichweite bleibt – Zentralasien, den Südkaukasus und Afrika, wo es bereits aktiv über die Wagner-Gruppe und deren Nachfolger operiert. Doch auch dort wird es verdrängt – von China in Zentralasien, von der Türkei im Südkaukasus und von verschiedenen Akteuren in Afrika.

Gesondert sollte man über den Balkan sprechen. Russland wird erhebliche Anstrengungen unternehmen, dort über prorussische Kräfte in Serbien, Bulgarien und Nordmazedonien präsent zu bleiben. Der Balkan ist eine traditionelle russische Einflusszone, und Moskau betrachtet ihn als Brückenkopf innerhalb Europas. Gerade deshalb sind Wahlen in diesen Ländern und die Stärkung prorussischer Parteien keine rein inneren Angelegenheiten dieser Staaten. Sie sind Teil der russischen Strategie.

Nach dem Scheitern seiner großimperialen Ambitionen läuft Russland Gefahr, sich in einen Regionalstaat zu verwandeln, der vorgibt, weiterhin global zu sein. Das ist eine gefährliche Kombination, denn solche Staaten kompensieren den Verlust realen Einflusses gewöhnlich durch Aggressivität und Unberechenbarkeit.

Warum erwies sich Russlands hybrider Krieg gegen Europa als so erfolgreich?

Weil Europa lange Zeit nicht glauben wollte, dass dieser Krieg überhaupt geführt wird. Das ist der Hauptgrund. Russland griff ganz offen an – über soziale Netzwerke, durch die Finanzierung von Parteien, durch Energieerpressung, durch Desinformation –, während Europa sich jahrelang selbst einredete, es handle sich lediglich um „unterschiedliche Sichtweisen“ und „komplizierte Geopolitik“.

Der zweite Grund ist, dass Russland auf reale Probleme setzt. Es erfindet die Unzufriedenheit der Europäer nicht – es findet sie und verstärkt sie. Ungleichheit, Migration, Identitätsverlust, Misstrauen gegenüber den Eliten – all das existierte schon vor Russland. Moskau hat lediglich gelernt, diese Risse in Abgründe zu verwandeln.

Der dritte Grund ist die Asymmetrie. Russland gibt für die Destabilisierung Europas nur einen Bruchteil dessen aus, was Europa für seinen Schutz aufwendet. Ein paar Trollfabriken, einige bestochene Politiker, einige Medienprojekte – und das Ergebnis ist unverhältnismäßig groß.

Und schließlich handelt Russland geduldig. Es wartet nicht auf sofortige Ergebnisse. Es sät jahrelang Zwietracht und erntet dann, wenn eine Krise entsteht – eine Energiekrise, eine Migrationskrise oder eine Wirtschaftskrise. Dann stellt sich heraus, dass es in jedem europäischen Land bereits Stimmen gibt, die genau das sagen, was Moskau hören möchte.

Warum fanden russische hybride Narrative – über „traditionelle Werte“, ein „Europa der Vaterländer“ usw. – eine solche Übereinstimmung mit der Welle der extremen Rechten?

Das ist weder Zufall noch bloße Übereinstimmung. Es ist eine bewusste Strategie – und sie begann lange bevor die meisten Analysten sie bemerkten.

Russland erkannte eine einfache Wahrheit: Die liberale Demokratie ist nicht von außen verwundbar, sondern von innen. Sie kann nicht mit Panzern besiegt werden, aber sie kann durch ihre eigenen Werte untergraben werden. Meinungsfreiheit. Offenheit. Toleranz gegenüber unterschiedlichen Ansichten. Und Moskau begann, Narrative zu produzieren und zu verbreiten, die genau diese Offenheit gegen das System selbst richten.

„Traditionelle Werte“ sind die ideale Waffe. Sie sprechen das reale Gefühl des Verlustes an, das Millionen Menschen in Europa und Amerika empfinden. Die Globalisierung hat die vertraute Welt verändert – und Russland bietet eine einfache Antwort: Schuld sind die Liberalen, die Globalisten, die Eliten. Das ist dasselbe populistische Narrativ, das man auch bei Trump, Orbán und Le Pen findet. Moskau hat es nicht erfunden, verstärkt und finanziert es jedoch aktiv.

„Europa der Vaterländer“ ist überhaupt eine alte französische Idee, die Russland einfach übernommen und für seine eigenen Bedürfnisse umgefärbt hat. Ein gespaltenes Europa ohne gemeinsame Außenpolitik – genau das braucht Moskau. Und es hat Verbündete gefunden, die aufrichtig an diese Ideen glauben – oder zumindest so tun.

Wie sehen aus Kyiv die neue politische Rolle von Rumen Radew und die Veränderungen der politischen Landschaft Bulgariens aus?

Ich habe Radew bereits kommentiert, und meine Position hat sich nicht geändertp. Er ist nicht Orbán und wird auch keiner werden. Nicht, weil er proeuropäisch wäre – das ist er nicht –, sondern weil ihm die Instrumente dafür fehlen.

Orbán konnte es sich leisten, Orbán zu sein, weil er über eine verfassungsändernde Mehrheit und die vollständige Kontrolle über die staatlichen Institutionen verfügte. Radew hat das nicht. Um überhaupt irgendeine reale Politik umzusetzen – sei es eine innenpolitische Reform oder selbst der Austausch des Generalstaatsanwalts –, braucht er die Unterstützung der proeuropäischen Kräfte. Und diese erinnern sich an seine Präsidentschaft.

Aus Kyiv sieht das wie eine Situation aus, in der ein Mensch mit prorussischen Sympathien sich in Umständen wiederfindet, die es ihm nicht erlauben, diese Sympathien umzusetzen. Bulgarien braucht Geld aus den europäischen Fonds. Der bulgarische militärisch-industrielle Komplex verdient an Lieferungen für die Ukraine. Das ist die reale Wirtschaft – und sie ist stärker als jede Ideologie.

Das Wichtigste, was man verstehen muss, ist Folgendes: Was für Orbán ein Vorwand war – alles zu blockieren und eine Rechtfertigung zu finden –, muss für Radew ein tatsächliches Ziel sein. Wenn er wirklich Reformen in Bulgarien will, muss er mit jenen zusammenarbeiten, die die Ukraine unterstützen. Einen anderen Weg gibt es nicht. Und ich hoffe, dass er das versteht.

Was verfolgt Trump tatsächlich mit seiner Haltung gegenüber der Ukraine? Jetzt ist er durch den Iran abgelenkt, zuvor behauptete er jedoch, eine Annäherung an Moskau habe einen tiefen geostrategischen Sinn – nämlich die Konfrontation mit China?

Trump verfolgt gegenüber der Ukraine keine konsistente Strategie. Was er gelegentlich als Strategie formuliert – Russland und China auseinanderzubringen –, ist keine Strategie. Es ist ein Wunsch. Und noch dazu ein unrealistischer Wunsch.

Russland und China sind keine Verbündeten im klassischen Sinne, aber sie haben ein gemeinsames Interesse: den amerikanischen Einfluss in der Welt zu schwächen. Solange dieses Interesse besteht, wird keine amerikanische Annäherung an Putin ihn dazu bringen, sich von Peking abzuwenden. China ist für Russland heute die wirtschaftliche Lebensader. Es ermöglicht die Umgehung der Sanktionen. Es ist Absatzmarkt für russisches Öl. Auf solche Dinge verzichtet man nicht wegen netter Gespräche mit Trump.

Die eigentliche Triebkraft von Trumps Politik gegenüber der Ukraine ist die amerikanische Innenpolitik. Die Benzinpreise. Die Kriegsmüdigkeit seiner Wählerschaft. Der Wunsch, irgendeinen Sieg zu verkünden – ganz gleich welchen und zu welchem Preis – und anschließend weiterzugehen. Die Ukraine ist in diesem Weltbild weder ein Verbündeter noch ein Wert an sich. Sie ist ein Problem, das gelöst und anschließend vergessen werden soll.

Und genau das ist die gefährlichste aller möglichen Positionen gegenüber einem Land, das um seine Existenz kämpft.

Die neue amerikanische Strategie der nationalen Sicherheit verbirgt ihre Feindseligkeit gegenüber Europa nicht. Welche Politik wäre für den Kontinent die beste – unabhängig von den Entwicklungen in den USA?

Europa hat endlich das bekommen, wovor es sich so lange gedrückt hat – die Verantwortung für seine eigene Sicherheit. Und so seltsam es auch klingen mag: Das könnte sich nicht als Katastrophe, sondern als Chance erweisen.

Die beste Politik für Europa besteht jetzt darin, nicht länger zu warten. Nicht länger auf amerikanische Entscheidungen, amerikanische Genehmigungen oder amerikanische Garantien zu warten. Eine eigene Verteidigungsindustrie aufzubauen – und das geschieht bereits, wenn auch langsamer, als es nötig wäre. Die Ukraine zu unterstützen – nicht, weil Washington das wünscht, sondern weil es im unmittelbaren Interesse Europas selbst liegt.

Eine gemeinsame Außenpolitik zu entwickeln – und genau das ist am schwierigsten. Nicht nur, weil es innerhalb der EU trojanische Pferde gibt. Die Lage hat sich verändert – Orbán hat die Wahlen verloren, und Ungarn kehrt schrittweise zu einer konstruktiveren Position zurück. Aber die Interessen von 27 Staaten mit unterschiedlicher Geschichte, unterschiedlichen Erfahrungen und unterschiedlichem Bedrohungsempfinden miteinander in Einklang zu bringen, ist außerordentlich schwierig. Und genau diese Harmonisierung – nicht einzelne prorussische Stimmen – ist die größte Herausforderung für die europäische Einheit.

Die amerikanische Feindseligkeit gegenüber Europa ist nicht bloß eine Laune Trumps. Sie ist ein Symptom eines tiefergehenden Wandels in der politischen Kultur der Vereinigten Staaten. Und Europa muss seine Politik auf der Grundlage gestalten, dass sich dieser Wandel als dauerhaft erweisen könnte.

Doch eines kann Europa sich nicht leisten: vor russischem Druck aus der Illusion heraus zu kapitulieren, dadurch Stabilität zu gewinnen. Denn Russland versteht Zugeständnisse nicht als Geste des guten Willens, sondern als Einladung zum nächsten Schritt. Das haben wir bereits erlebt – und dürfen es nicht vergessen.

Wird die Ukraine nach allem, was geschehen ist, die Kraft haben, sich zu der von vielen erwarteten neuen Stütze des europäischen Raums zu entwickeln, die dem Druck nicht nur Russlands, sondern auch der USA und Chinas standhalten kann?

Das ist eine Frage, die ich mir ständig stelle. Und ihre Antwort hängt nicht von äußeren Faktoren ab, sondern von der Ukraine selbst.

Die Ukraine hat bereits bewiesen, dass sie kämpfen kann. Das war im Februar 2022 nicht selbstverständlich – selbst für diejenigen, die an sie glaubten. Fünf Jahre Widerstand gegen eine der größten Armeen der Welt – das ist eine Tatsache, die das Bild dieses Landes für immer verändert hat.

Aber eine Stütze Europas zu sein, ist etwas anderes. Das bedeutet nicht nur zu kämpfen, sondern auch aufzubauen. Institutionen. Rechtsstaatlichkeit. Eine Wirtschaft, die attraktiv ist und nicht abschreckt. Und hier hat die Ukraine ernsthafte Probleme, die der Krieg nicht gelöst, sondern teilweise sogar verschärft hat. Doch das ist eine Frage für die Zeit nach dem Krieg. Und ich hoffe, dass die ukrainische Gesellschaft, die diese Prüfung durchgestanden hat, sowohl die Kraft als auch den Willen haben wird, ein neues Land aufzubauen.

Der Druck seitens der USA unter Trump, der mögliche Druck Chinas – all das ist eine Realität, mit der die Ukraine umgehen müssen wird. Und diesem Druck kann sie nur auf eine Weise standhalten: indem sie so eng in die europäischen Strukturen integriert ist, dass Druck auf die Ukraine automatisch zu Druck auf ganz Europa wird.

Werden die Kräfte ausreichen? Ich hoffe es. Aber das ist keine Frage des Schicksals, sondern der Entscheidungen, die jetzt getroffen werden und nach dem Sieg getroffen werden.

Ich verfolge Ihre Kommentare und Prognosen seit einigen Jahren und würde gern wissen: Wann haben Sie sich in Ihrer Einschätzung geirrt?

Ich habe mich mehrere Male geirrt und schäme mich nicht, das zuzugeben. Ein Mensch, der sich niemals irrt, sagt entweder überhaupt nichts oder lügt.

1991 glaubte ich, dass der Zusammenbruch der Sowjetunion und die Ausrufung der Unabhängigkeit der Ukraine nicht so schnell erfolgen würden – und das nur wenige Wochen nachdem der Präsident der Vereinigten Staaten, George Bush, von der Tribüne der Werchowna Rada die ukrainischen Abgeordneten dazu aufgerufen hatte, die erneuerte Sowjetunion Gorbatschows zu unterstützen. Die Geschichte erwies sich als schneller als meine Prognosen.

2014 war ich der Ansicht, dass die Besetzung der Krim zur Ausrufung eines quasiunabhängigen Staates führen würde und nicht zu ihrer Annexion und Eingliederung in die Russische Föderation. Was tatsächlich geschah, erwies sich als eine wahre Katastrophe für die russisch-ukrainischen Beziehungen und für das Völkerrecht insgesamt – eine Katastrophe für Jahrzehnte.

Und schließlich hoffte ich, dass die Menschheit länger in der Lage sein würde, die Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg zu bewahren. Dass die Erinnerung an jene Katastrophe eine Wiederholung verhindern würde. Diese Hoffnungen erwiesen sich als vergeblich.

Sehen Sie in der Unberechenbarkeit der heutigen Welt auch etwas Optimistisches? Zum Beispiel scheint es, als funktionierten die Absprachen der „Großen“ und das Zeichnen neuer Grenzen auf Servietten nicht mehr nach Plan.

Das ist zugleich eine optimistische und eine pessimistische Beobachtung. Ja, die Welt ist unberechenbarer geworden. Und ja, die großen Absprachen auf Servietten funktionieren nicht mehr so wie früher. Aber ist das wirklich etwas Gutes?

Das System von Jalta, in dem die Großmächte die Welt über die Köpfe kleiner Völker hinweg aufteilten, war ungerecht und führte letztlich zu dem, was wir heute erleben. Die Ukraine wurde in gewissem Sinne gerade zum Opfer eines solchen Denkens – als man versuchte, über ihr Schicksal ohne sie selbst zu entscheiden.

Andererseits bedeutet Unberechenbarkeit nicht immer Freiheit. Manchmal bedeutet sie einfach Chaos. Und im Chaos überleben nicht unbedingt die Gerechtesten, sondern die Stärksten und Skrupellosesten.

Deshalb gründet sich mein vorsichtiger Optimismus auf etwas anderes – nicht auf die Unberechenbarkeit der Welt, sondern darauf, dass kleine Völker gelernt haben, für sich selbst zu kämpfen. Die Ukraine hat das bewiesen. Und genau das ist die wirkliche Veränderung, die von Bedeutung ist. Denn letztlich wird Geschichte nicht durch Absprachen auf Servietten gemacht, sondern durch Menschen und Völker, die sich weigern, fremde Entscheidungen über ihr eigenes Schicksal hinzunehmen.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Interview
Titel des Originals: Моментът след Путин. Виталий Портников. 30.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 30.06.2026.
Originalsprache: bg
Plattform / Quelle: Zeitung
Link zum Originaltext:

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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Die Ukraine schuldet niemandem den Verzicht auf ihre Erinnerung. Lubomir Haidamaka. 24.06.2026.

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Ich habe keine besonderen Illusionen über die Tätigkeit der UPA.

Und das ist wohl das Erste, was man ehrlich sagen muss – ohne den Eigenen zuzuzwinkern und ohne demonstratives Bußtheater für die Fremden. Die UPA handelte in einer Zeit, als die Ukraine keine eigene Staatlichkeit besaß, keine Regierung hatte, keine Armee, keine internationale Stimme, nicht das Recht, sich an einen Verhandlungstisch zu setzen und zu sagen: Das sind unsere Grenzen, das sind unsere Menschen, das sind unsere Interessen – und nun, verehrte Imperien, rückt beiseite.

Die Ukrainer lebten damals nicht in einem romantischen Geschichtsbuch, sondern zwischen Hammer und Amboss: Der eine Besatzer kam mit dem roten Stern, der zweite mit dem schwarzen Hakenkreuz, der dritte mit seiner eigenen Erinnerung an den Vorkriegsstaat, der die Ukrainer ebenfalls nicht als politische Nation anerkennen wollte. Und in diesem Fleischwolf griffen die Menschen nach jeder Möglichkeit des Kampfes, nach jeder Waffe, nach jeder Chance, eine Ukraine zusammenzuführen, die auf der politischen Landkarte faktisch nicht existierte.

Ich bin überzeugt, dass die Polen an unserer Stelle dasselbe getan hätten. Mehr noch: Sie haben es getan.

Die Armia Krajowa war ebenfalls eine militärische Untergrundstruktur. Auch sie sammelte Aufklärungsinformationen, baute Kommunikationsnetze auf, führte Sabotageakte durch, liquidierte Kollaborateure, griff Verwaltungsstrukturen an, bestrafte diejenigen, die sie für Verräter hielt, kämpfte gegen die Deutschen und stritt und kämpfte mit anderen Kräften in Gebieten, in denen es keine funktionierende Staatsgewalt gab. Das war keine Organisation von Pazifisten mit Broschüren über Toleranz. Es war die Armee eines Volkes, das seinen Staat verloren hatte und ihn zurückgewinnen wollte.

Die UPA tat dasselbe – allerdings mit einem grundlegenden Unterschied, über den man in Polen oft nicht gern offen spricht: Polen verfügte über staatliche Kontinuität, eine Exilregierung, internationale Anerkennung, einen diplomatischen Rahmen, die Erinnerung an den eigenen Staat. Die Ukraine hingegen hatte nichts außer Menschen, Wäldern, Waffen, dem Hass auf die Besatzer und dem verzweifelten Wunsch, nicht länger Material für fremde Imperien zu sein.

Das rechtfertigt keine Verbrechen. Es wischt kein Blut weg. Es hebt den Schmerz polnischer Familien ebenso wenig auf wie den Schmerz ukrainischer Familien. Aber es erklärt, warum die Frage im Stil von „entweder die UPA oder die Europäische Union“ keine historische Ehrlichkeit ist, sondern politische Manipulation, eingehüllt in eine moralische Pose.

Dann seien wir doch konsequent ehrlich. Entweder die Armia Krajowa oder die Europäische Union? Entweder der polnische Untergrund oder Europa? Entweder die Erinnerung an die Eigenen oder das Recht, Teil der zivilisierten Welt zu sein?

Absurd? Ja. Und genauso absurd ist es im Fall der Ukraine.

Wir müssen mit den Polen über Wolhynien sprechen, über Galizien, über die Aktion „Weichsel“, über ukrainische und polnische Opfer, über Exhumierungen, über Archive, über Namen, über Gräber, über die Verbrechen konkreter Menschen und konkreter Strukturen. Wir dürfen schwierigen Themen nicht ausweichen, denn ein Volk, das sich vor seiner eigenen Geschichte fürchtet, beginnt sehr schnell, nach der Geschichtsversion anderer zu leben.

Aber wir dürfen auch keine Ultimaten akzeptieren, in denen von uns verlangt wird, die Erinnerung gegen eine politische Eintrittskarte nach Europa einzutauschen.

Schon gar nicht von einem Land, das selbst sehr genau weiß, was Untergrund bedeutet, was Besatzung bedeutet, was Wald bedeutet, was Waffen ohne eigenen Staat bedeuten, was Befehle bedeuten, die nicht in der schönen Sprache des Völkerrechts geschrieben werden, weil das Völkerrecht in einem solchen Moment irgendwo unter dem Stiefel des Stärkeren liegt.

Die Ukraine besaß damals keine eigene Staatlichkeit. Und genau das ist der Schlüssel zur gesamten Diskussion.

Wenn wir heute über den besetzten Donbas sprechen, verstehen wir doch sehr gut, dass die Menschen dort nicht in einem normalen politischen Raum leben. Dort gibt es keine Wahlfreiheit im europäischen Sinn. Es gibt keine unabhängigen Gerichte, keine freie Presse, keine offenen Parteien, keine sichere Möglichkeit, öffentlich Stellung zu beziehen. Dort gibt es eine Besatzungsverwaltung, Angst, Zwang, Überlebenskampf, Kollaboration, Schweigen, Widerstand, Denunziationen, Partisanen, Angepasste und Menschen, die einfach nur den Morgen erleben wollen.

Und wenn in 80 Jahren jemand beginnen sollte, jede Handlung der Menschen im besetzten Donbas so zu beurteilen, als hätten sie in Krakau, Berlin oder Paris gelebt, dann wäre das keine Geschichtsschreibung, sondern moralische Bequemlichkeit, verkleidet als Rechtschaffenheit.

Genauso wenig kann man die ukrainische Befreiungsbewegung der 1940er Jahre beurteilen, als wäre die Ukraine damals ein Staat mit Regierung, Armee, Gerichten, Parlament, Diplomatie und der Möglichkeit gewesen, ihre Interessen auf friedlichem Weg zu verteidigen.

Das war sie nicht.

Und genau deshalb begehen polnische Politiker einen gewaltigen Fehler, wenn sie die Frage so stellen, als müsse die Ukraine ihre Europatauglichkeit dadurch beweisen, dass sie auf einen Teil ihrer tragischen, schwierigen, blutigen, widersprüchlichen, aber eigenen Geschichte verzichtet.

Die Ukraine ist bereits Teil der europäischen Gemeinschaft. Nicht, weil man uns das in Brüssel oder Warschau großzügig erlaubt hätte, sondern weil die Ukrainer jeden Tag mit Blut, Leben, Städten, Kindern, ihrer Wirtschaft, ihrer Zukunft, ihren Nerven und mit Friedhöfen bezahlen, die schneller wachsen als europäische Erklärungen.

Kein Land der Europäischen Union hat einen solchen Preis für das Recht bezahlt, in Europa zu leben.

Und, sagen wir es ganz offen: Dank der Ukraine wird auch keines einen solchen Preis bezahlen müssen.

Denn das russische Imperium steht heute nicht vor Warschau, nicht vor Vilnius, nicht vor Bukarest und nicht vor Berlin. Es steht vor Pokrowsk, Kupjansk, Cherson, Charkiw, Sumy und Saporischschja. Und wenn sich heute noch jemand in Europa den Luxus leisten kann, die historische Erinnerung zu einem Instrument der Innenpolitik zu machen, dann nur deshalb, weil die Ukrainer die Front halten.

Aber es gibt noch etwas Wichtiges, das ich ebenfalls ohne populären Zuckerguss sagen möchte.

Ich bin kein Befürworter eines Beitritts einer schwachen Ukraine zur Europäischen Union. In vielen Fragen bin ich sogar Euroskeptiker, weil ich sehr gut sehe, wie das heutige Europa durch übermäßige Regulierung, Angst vor Risiken, bürokratische Selbstverliebtheit und den Verlust industriellen Gestaltungswillens gegenüber den globalen Führungsmächten zurückfällt. China baut Fabriken, die USA schaffen technologische Ökosysteme, Asien skaliert seine Produktion, während Europa oft Verordnungen, Verbote, Verfahren und schöne Dokumente über eine Zukunft produziert, die längst andere gestalten.

Die Ukraine darf nicht als armer Bittsteller mit ausgestreckter Hand in die EU gehen, dem erlaubt wird, im Flur eines großen Hauses Platz zu nehmen, wenn er sich zuvor richtig entschuldigt, richtig Buße getan und seine eigene Erinnerung korrekt umgeschrieben hat.

Die Ukraine muss als Große Ukraine nach Europa gehen. Als Land einer neuen Industrialisierung. Als Land der Verteidigungstechnologien, der Drohnen, der robotisierten Kriegsführung, der künstlichen Intelligenz, der Rechenzentren, der Kernenergie, der eigenen Produktion, starker Städte, einer produktiven Minderheit, von Ingenieuren, Unternehmern, Soldaten, Landwirten, Wissenschaftlern und Menschen, die niemanden um Erlaubnis bitten, existieren zu dürfen.

Wir brauchen keine schwache Integration, bei der die Ukraine als Gebiet billiger Arbeitskräfte, von Rohstoffen, Agrarexporten und dauerhafter Förderabhängigkeit in die EU aufgenommen wird. Wir brauchen eine starke Integration, bei der die Ukraine als Staat kommt, ohne den europäische Sicherheit, Energieversorgung, Rüstungsindustrie und technologische Zukunft schlicht nicht funktionieren.

Deshalb muss die Antwort auf polnische Ultimaten ruhig, nüchtern und entschieden sein.

Wir sind bereit, über Geschichte zu sprechen. Wir sind bereit, Archive zu öffnen. Wir sind bereit zu Exhumierungen. Wir sind bereit, Verbrechen als Verbrechen zu bezeichnen. Wir sind bereit, den Schmerz der Polen anzuerkennen, wenn die Polen bereit sind, den Schmerz der Ukrainer anzuerkennen. Wir sind bereit, eine gemeinsame Erinnerung aufzubauen, aber wir sind nicht bereit zu politischer Erpressung.

Denn eine Partnerschaft unter Gleichen wird nicht auf Ultimaten aufgebaut.

Polen hat uns sehr geholfen, und daran muss man sich erinnern. Die Ukrainer dürfen das nicht vergessen. Aber auch Polen muss sich an etwas anderes erinnern: Die Ukraine verteidigt heute nicht nur sich selbst – und ganz sicher nicht nur ihre historische Erinnerung. Die Ukraine verteidigt jenen Raum, in dem polnische Politiker über die UPA streiten können, ohne über ihren Köpfen russische Raketen zu hören.

Deshalb ist die Formel „entweder die UPA oder Europa“ nicht nur politisch falsch, sondern auch moralisch.

Die richtige Formel lautet anders: Entweder wir reifen gemeinsam zu einer schwierigen Wahrheit heran, oder Moskau wird uns allen erneut die Geschichte schreiben.

Und das ist ganz sicher keine Entscheidung, die weder Kyiv noch Warschau treffen sollten.


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Art der Quelle: Social Media

Autor: Lubomir Haidamaka
Veröffentlichung: 24.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Russland bereitet sich auf einen neuen Krieg vor | Vitaly Portnikov. 12.06.2026.

Der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Carsten Breuer, betont, dass die Russische Föderation bereits im Jahr 2029 zu einem umfassenden Konflikt mit den NATO-Mitgliedstaaten bereit sein wird.

Es muss betont werden, dass dies die professionelle Einschätzung eines Militärs ist, der ein Amt innehat, das mit den Positionen von Generalstabschefs in den Armeen anderer Länder vergleichbar ist. General Carsten Breuer spricht vor allem darüber, wozu die russische Armee im Hinblick auf die Modernisierung ihres militärisch-technischen Potenzials und die Ansammlung von Truppen in den für das Nordatlantische Bündnis problematischen Grenzregionen Russlands und seiner Verbündeten an der NATO-Grenze fähig sein wird. Und man geht davon aus, dass gerade das Jahr 2029 zu dem Zeitpunkt werden könnte, an dem Russland zu einem echten Krieg bereit sein wird und nicht nur zu Drohungen gegenüber westlichen Staaten.

Die Situation wird zudem dadurch verschärft, dass man heute in Europa nicht weiß, wie sich die amerikanische Armee im Falle eines solchen Angriffs verhalten würde. Wie groß wird die Zahl der amerikanischen Truppen sein, die auf dem europäischen Kontinent stationiert sein werden? Und werden die Amerikaner bereit sein, gemeinsam mit den Europäern eine mögliche russische Aggression abzuwehren?

Und hier gelangen wir natürlich zu politischen Bewertungen, denn vieles in der Welt wird davon abhängen, was in den kommenden Jahren geschieht – in den Jahren von Donald Trumps Präsidentschaft mit seinem offensichtlichen Unwillen, sich auf irgendwelche europäischen Konflikte einzulassen, und seinem Wunsch, die amerikanische Präsenz in Europa zu verringern; davon, wie der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf 2028 verlaufen wird, und davon, wer im Jahr 2029 Donald Trumps Nachfolger im Oval Office sein wird.

Die Frage ist nicht einmal, ob es ein Demokrat oder ein Republikaner sein wird. Die Frage ist, welche außenpolitische Strategie diese Person verfolgen wird. Wie bereit wird sie sein, die euro-atlantische Solidarität wiederherzustellen? Wie bereit wird sie – falls es ein republikanischer Präsident sein sollte – zu einer entschlossenen Revision des außenpolitischen Erbes Donald Trumps und überhaupt der isolationistischen Ansätze sein, die die amerikanische Politik dominieren, man könnte sagen, seit der neue Präsident der Vereinigten Staaten nicht der Republikaner, sondern der Demokrat Barack Obama wurde, der gerade wegen seiner Übereinstimmung mit diesem isolationistischen politischen Konzept bereits in den ersten Monaten seiner Präsidentschaft den Friedensnobelpreis erhielt?

Und danach begann die Welt rasch in die irreparablen Folgen einer solchen Strategie abzurutschen: in einen neuen großen Krieg in Europa, in die Krise im Nahen Osten und in die Sackgasse, in der wir uns heute befinden, wenn es sowohl um die Möglichkeit eines Auswegs aus dem russisch-ukrainischen Krieg als auch um die Möglichkeit einer Lösung des Nahostkonflikts geht, sodass neue Zusammenstöße in Osteuropa und im Nahen Osten nicht bereits wenige Monate nach einer Regelung der aktuellen Konfliktphase erneut beginnen – obwohl wir auch davon noch sehr, sehr weit entfernt sind.

Übrigens wurde der deutsche General auch gefragt, ob man auf ein Ende des russisch-ukrainischen Krieges hoffen könne. Er betonte recht vorsichtig, dass man auf einen entscheidenden Wendepunkt im Krieg zugunsten der Ukraine noch warten müsse, äußerte sich jedoch optimistisch über neue technologische Entwicklungen, die bereits heute an der Front erschienen seien und die Situation zugunsten der Ukraine veränderten.

Gleichzeitig unterstrich General Breuer völlig logisch, dass der eigentliche Wendepunkt des Krieges der Moment sein werde, in dem die Russische Föderation ihn nicht mehr fortsetzen wolle – wofür es derzeit keinerlei Anzeichen gibt. Derzeit sollte man die russischen Drohungen neuer Raketenangriffe auf die Ukraine und sogar mögliche Vorbereitungen Russlands für neue Offensiven, etwa aus Belarus, ernster nehmen. Über konkrete Absichten der russischen Streitkräfte sprach der Generalinspekteur der Bundeswehr allerdings nicht und verwies lediglich auf seine ständigen Kontakte mit seinem ukrainischen Kollegen, General Syrskyj.

Wie wir sehen, gibt es im Westen derzeit zahlreiche Einschätzungen dazu, ob die Russische Föderation tatsächlich einen echten Krieg gegen NATO-Mitgliedstaaten wagen wird. Doch wir müssen bedenken, dass sich die technologische Kriegsführung jeden Tag, jede Woche und jeden Monat verändert. Und alle Prognosen, die sich auf das Jahr 2029 beziehen, haben in Wirklichkeit keinen wirklichen Sinn, weil niemand weiß, wie die Welt schon in wenigen Monaten aussehen wird.

Wird es gelingen, den Nahostkonflikt zu regeln? Wird die Straße von Hormus wieder geöffnet? Wird die Welt nicht in eine gewaltige Energie- und Wirtschaftskrise geraten, die die Möglichkeiten der wichtigsten Akteure grundsätzlich verändern und zeigen wird, wer ihr Hauptprofiteur sein wird, wer daraus hervorgehen wird mit der Fähigkeit, der übrigen Menschheit seine Bedingungen zu diktieren? Werden vor dem Hintergrund dieser Energiekrise nicht technologische Veränderungen stattfinden, die die Möglichkeiten der Ölstaaten infrage stellen?

Mit anderen Worten: Es gibt so viele mögliche Entwicklungen in einer Welt, die faktisch in militärischen Konflikten ohne Ausweg feststeckt, dass ich jeder Prognose mit großer Vorsicht begegne, die von einer Veränderung der Situation nicht einmal bis 2029, sondern etwa bis August oder September 2026 spricht. 

Die Menschheit lebt endgültig in einer Situation, in der keine ernsthaften Prognosen mehr funktionieren – aus dem einfachen Grund, dass es keinen professionellen Ansatz mehr für politische Realitäten gibt. Und die wichtigsten Staaten der Welt werden von Menschen geführt, die sich vor allem an ihren eigenen Emotionen und Wünschen orientieren und nicht daran, wie sich die Situation infolge ihrer Handlungen tatsächlich entwickeln wird.

Deshalb bleibt einem, ehrlich gesagt, nur, mit solchen Fachleuten wie General Breuer mitzufühlen, die gezwungen sind, ihre Schlussfolgerungen auf der Grundlage professioneller Kriterien und Methoden zu ziehen, die in der modernen Welt praktisch nicht mehr funktionieren und lediglich ein Rudiment analytischer Versuche aus einer jüngeren Vergangenheit sind, als sich Politik auf nachvollziehbaren Wegen entwickelte und man sich vorstellen konnte, dass der Aufbau eines bestimmten militärischen Potenzials der militärischen Führung des Gegners ermöglichen würde, bestimmte Entscheidungen zu treffen.

Vergessen wir nicht: Wir leben in einer Welt, in der Politiker unlogische Entscheidungen treffen, ohne über deren Folgen nachzudenken, und sie viel früher treffen können, als es irgendeinem Fachmann plausibel erscheinen würde.

  • Putin marschierte nicht ohne Grund mit einer Armee auf Kyiv, die unsere Stadt niemals hätte einnehmen können, und stützte sich ausschließlich auf eine emotionale Komponente, weil er glaubte, es mit einer schwachen ukrainischen Armee und einer Bevölkerung zu tun zu haben, die bereit sei, die russischen Eroberer zu begrüßen.
  • Trump begann den Krieg gegen den Iran ebenfalls nicht zufällig – einen Krieg, den er innerhalb weniger Wochen beenden wollte –, weil er glaubte, dass der Tod von Ajatollah Chamenei und seiner Gefolgsleute zu einem Aufstand des iranischen Volkes und zu einem raschen Regimewechsel im Iran führen würde.

Sowohl Putin als auch Trump haben sich lächerlich gemacht – nicht deshalb, weil sie keine Fachleute um sich hatten, sondern weil sie selbst zu keiner professionellen Einschätzung der Lage fähig sind. Und so wird es auch in Zukunft sein.

Deshalb lautet die Frage nicht, ob es 2029 einen russisch-nordatlantischen Krieg geben wird. Die Frage lautet, wie man das überhaupt realistisch vorhersagen soll.


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Titel des Originals: Росія готується до нової війни | Віталій Портников. 12.06.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 12.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Die Logik und das Chaos des Rückzugs. Vitaly Portnikov. 19.05.2026.


Amerikanische M1-Abrams-Panzer bei einer Militärparade in Polen. Foto: Artur Widak/NurPhoto via Getty Images

In Warschau versucht man die Folgen der faktisch gescheiterten Rotation amerikanischer Truppen in Polen zu minimieren. Präsident Karol Nawrocki telefonierte mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten Donald Trump, nach Warschau reist der stellvertretende Vorsitzende des Vereinigten Generalstabs der US-Streitkräfte, General Christopher Mahoney, und die Führung des polnischen Verteidigungsministeriums fährt ins Pentagon.

Das Wichtigste ist: Sowohl in Warschau als auch in Washington versucht man so zu tun, als sei nichts Außergewöhnliches geschehen, als handle es sich um routinemäßige Maßnahmen und als sei der Brief, in dem über die Absage der Rotation informiert wurde, einfach in irgendeinem geheimen Postfach liegen geblieben. All das wirkt ziemlich unbeholfen.

Praktisch offensichtlich ist, dass US-Verteidigungsminister Pete Hegseth beschlossen hat, die amerikanische Präsenz in Polen zu reduzieren. Und nicht nur in Polen – die amerikanische Präsenz in Europa insgesamt.

In Polen wird dies besonders schmerzhaft wahrgenommen, weil das Land stets Anspruch auf die Rolle des wichtigsten Verbündeten der Vereinigten Staaten erhob, und der frühere Präsident Andrzej Duda sogar plante, während Donald Trumps erster Amtszeit im Oval Office einen amerikanischen Stützpunkt im Land nach Trump zu benennen.

Und natürlich fühlt sich Polen – im Unterschied zu seinen westlichen Nachbarn – buchstäblich an der Frontlinie des russisch-ukrainischen Krieges. Deshalb hätte man auf eine aufmerksamere Haltung des Pentagons hoffen können.

Aber genau darin liegt der entscheidende Punkt: Im Pentagon möchte man nicht, dass die Vereinigten Staaten an dieser Frontlinie präsent sind, und versucht, Donald Trumps bizarre Idee umzusetzen, wonach der Krieg durch eine Verringerung der westlichen Präsenz und der amerikanischen Beteiligung beendet werden könne.

Deshalb könnten die Kürzungen gerade in Polen begonnen haben.

Es lohnt sich daran zu erinnern, dass Ende 2021, als in Russland bereits mit Hochdruck die Vorbereitungen für den Krieg gegen die Ukraine liefen, das Außenministerium der Russischen Föderation an das US-Außenministerium sowie an die Außenministerien anderer NATO-Mitgliedstaaten ein Schreiben verschickte, in dem sogenannte Sicherheitsgarantien für Russland gefordert wurden.

Dabei ging es nicht nur um das Versprechen, dass ehemalige Sowjetrepubliken – vor allem die Ukraine und Georgien – niemals Mitglieder der NATO werden würden, sondern auch um den Abzug moderner Waffensysteme aus den Gebieten jener Länder, die dem Bündnis nach 1997 beigetreten waren.

Im Grunde verlangte Präsident Putin von Washington die Wiederherstellung der russischen Einflusssphäre in Form der Einflusssphäre der ehemaligen Sowjetunion vor 1991.

Damals stimmte die amerikanische Regierung diesen dreisten Forderungen natürlich nicht zu, schlug Moskau jedoch vor, Verhandlungen über Sicherheitsgarantien in Mittel- und Osteuropa aufzunehmen.

Doch manchmal entsteht der Eindruck, dass Trump, wenn er sagt, unter seiner Präsidentschaft hätte der russisch-ukrainische Krieg niemals begonnen, damit meint, dass er Putins Forderungen gerne erfüllt hätte.

Die jetzige Idee mit der abgesagten Rotation könnte schlicht ein Schritt in die vorgegebene Richtung sein – in Richtung jener „Sicherheitsgarantien“, die Moskau bereits 2021 von Washington verlangt hatte.

Im Pentagon könnte man der Ansicht sein, dass die amerikanische Position dadurch nicht geschwächt, sondern im Gegenteil gestärkt werde – weil die Trump-Administration Bereitschaft demonstriert, Putins Wünschen entgegenzukommen, und dieser deshalb den Krieg beenden könne, indem er seine geopolitischen Ambitionen ohne aktive Kampfhandlungen befriedigt.

Natürlich kann man fragen: Wo bleiben dabei die Interessen der Ukraine, die Interessen Polens und die Interessen Europas?

Aber genau darin besteht das Wesen der gegenwärtigen Situation: Donald Trump interessieren weder die Interessen der Ukraine noch die Interessen Europas insgesamt – weil er überzeugt ist, dass diese Interessen in keinerlei Zusammenhang mit den nationalen Sicherheitsinteressen der Vereinigten Staaten stehen.

Die Sicherheitsinteressen der USA bestehen seiner Ansicht nach vielmehr in einem besseren Einvernehmen mit Putin und dem chinesischen Staatschef Xi Jinping sowie natürlich darin, diese beiden strategischen Partner voneinander zu trennen – obwohl diese keinerlei Anstalten machen, sich den Träumen des amerikanischen Präsidenten zuliebe voneinander zu lösen.

Und die Administration ist bereit, die Interessen der Europäer ihren unrealistischen Erwartungen zu opfern – nicht nur rhetorisch, sondern auch ganz konkret bei der Zahl der Soldaten, die in Europa stationiert bleiben sollen, und bei den Summen, die sie für die Sicherheit nicht nur der Ukraine, sondern auch ihrer Verbündeten im Nordatlantischen Bündnis bereitzustellen bereit ist.

Wenn man die Situation um die Rotation aus dieser Perspektive betrachtet, wirkt das Geschehen keineswegs chaotisch – sondern vollkommen logisch.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Логіка і хаос відступу. Віталій Портников. 19.05.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 19.05.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Putin sprach vom „Ende“ des Krieges. Vitaly Portnikov. 10.05.2026.

Unser heutiges Gespräch wird der Erklärung Putins gewidmet sein, die jetzt so aktiv in den Medien und in den sozialen Netzwerken diskutiert wird. Man spricht darüber, dass der russische Präsident angeblich davon gesprochen habe, dass das Ende des Krieges schon nahe sei. Und was bedeutet das? Putins Verständnis der Tatsache, dass die Sache sich dem Finale dieses aggressiven Krieges nähert, den er 2014 gegen unser Land begonnen hat und der 2022 in einen großen Krieg überging?

Absolut offensichtlich ist die Tatsache, dass Putins Erklärung in Wirklichkeit vor allem darauf gerichtet ist, eine entsprechende Reaktion in der russischen öffentlichen Meinung zu erzeugen, denn Putin muss die eigene Gesellschaft beruhigen. Und natürlich ist es auch ein weiterer Versuch, in den Beziehungen zum Westen Zeit zu gewinnen. Putin hat überhaupt eine solche Taktik. Er tritt gern als konstruktiver Anhänger des Friedens auf und setzt gleichzeitig den Krieg fort.

Und auch jetzt, wenn man sich aufmerksam in Putins Signale hineinliest, müssen wir uns erstens die Frage beantworten: „Was ist für Putin das Ende des Krieges?“ Der russische Präsident ist angeblich von seiner Idee abgerückt, dass er sich mit dem ukrainischen Staatsoberhaupt Volodymyr Zelensky nur in Moskau treffen könne, und betonte, dass ein solches Treffen auch in der Ukraine und in einem anderen Land möglich sei. Aber die Präsidenten können sich nur treffen, um ein vollwertiges Friedensabkommen zu unterzeichnen.

Was dieses Friedensabkommen für Putin bedeuten würde, können wir aus denselben Worten bei seinem Treffen mit Journalisten verstehen, als er über Sicherheitsgarantien für Russland sprach und darüber, dass diese Sicherheitsgarantien natürlich bis an die westlichen Grenzen der Ukraine reichen müssten. Im Prinzip war das ein solcher Pass von ihm an einen Journalisten, der, wie wir verstehen, ganz und gar nicht zufällig die Frage nach diesen westlichen Grenzen stellte.

Man muss auch daran erinnern, dass gerade vor diesem Auftritt Putins sein Berater Yuri Ushakov betonte, dass die Russische Föderation den Verhandlungstisch der dreiseitigen Konsultationen mit der Ukraine und den Vereinigten Staaten verlässt und erst dann an diesen Verhandlungstisch zurückkehren wird, wenn die ukrainischen Truppen jenen Teil des Gebiets der Region Donezk verlassen, der heute von der legitimen ukrainischen Regierung kontrolliert wird. Putin verriet bei diesem Treffen mit Journalisten in keiner Weise den Wunsch, diese Erklärung Ushakovs irgendwie zu widerlegen.

Und übrigens möchte ich Sie daran erinnern, dass in Ushakovs Erklärung und in den Erklärungen anderer russischer Beamter gerade von einer Aussetzung der Kriegshandlungen die Rede war und keineswegs von einer Beendigung des Krieges, falls ukrainische Truppen den Donbas verlassen. Das heißt, der Abzug ukrainischer Truppen aus dem Gebiet der Region Donezk ist nicht einmal eine Vorbedingung für das Ende des Krieges, sondern eine Vorbedingung für irgendeine vorübergehende Feuerpause an der russisch-ukrainischen Front für weitere Friedensabkommen. Also, für die Schaffung, sagen wir, einer solchen Situation, wie wir sie heute in den Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Iran oder zwischen Israel und der terroristischen libanesischen Organisation Hisbollah beobachten, wenn ein Waffenstillstand zwar offiziell gilt, aber jederzeit in einen neuen großen Krieg umschlagen kann.

Nur wird unser Unterschied darin bestehen, dass wir in dem Moment, in dem dieser große Krieg wieder beginnt, keine Kontrolle über die Region Donezk mehr haben werden. Und auch das ist eine absolut offensichtliche Tatsache von Putins Interesse.

Dann versucht Putin in demselben Gespräch, irgendwelche neuen Plattformen für Verhandlungen zu schaffen, irgendwelche neuen Vermittler zu suchen. Dass er den ehemaligen deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder erwähnte, einen der wenigen westlichen Politiker, der weiterhin Kontakte zum Kreml unterhielt, selbst um den Preis des eigenen Rufes und des Rufes seiner eigenen Partei, der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, die er einst führte und für die er für das Amt des deutschen Regierungschefs kandidierte, erinnert uns noch einmal daran, dass Putin sich in seinen Vorstellungen von Außenpolitik weiterhin, ich würde sagen, vom Konzept Medvedchuk leiten lässt.

In jedem solchen Land, mit dem Putin Verhandlungen führen will, muss es seinen eigenen Medvedchuk geben, der nicht so sehr für eine Vermittlungsmission bereit ist, sondern für die Erfüllung der Launen des Kremls. Und genau einen solchen Menschen nimmt Putin als Vermittler bei Verhandlungen mit jenen wahr, die ihm irgendeinen Verhandlungsprozess anbieten.

Also haben wir es in Wirklichkeit nicht so sehr mit einer Erklärung über das Ende des Krieges zu tun, sondern mit einer Erklärung darüber, wie Putin dessen weitere Fortsetzung sieht und wie er möchte, dass dieser Krieg ihm auf die eine oder andere Weise bei der Schaffung seines eigenen totalitären Regimes auf dem Territorium Russlands und der von ihm besetzten Gebiete hilft.

Und das ist eine absolut verständliche Tatsache, die man, wie mir scheint, berücksichtigen muss, wenn wir diese oder andere Erklärungen Putins kommentieren. Mir scheint, dass wir sehr oft in den Erklärungen des russischen Präsidenten nicht das sehen wollen, was Putin wirklich sagen möchte, sondern das, was wir von ihm hören wollen. Und Putin nutzt das übrigens als erfahrener Provokateur zweifellos aus und formuliert diese Erklärungen gerade so, dass diejenigen, die sich von seiner Friedfertigkeit überzeugen wollen, genau das tun werden, wenn sie die eine oder andere Pressekonferenz des russischen Präsidenten kommentieren.

Wenn Putin also im Prinzip von einem realen Ende des Krieges spricht, steht dahinter keinerlei reale Konkretheit. Die Konkretheit besteht darin, dass Russland den Verhandlungsprozess mit der Ukraine und den Vereinigten Staaten im Grunde ausgesetzt hat. Die Konkretheit besteht darin, dass Russland den Europäern vorschlägt, Schröder zu benutzen, wenn sie wirklich über etwas mit der Russischen Föderation sprechen wollen. All das ist die reale Konkretheit, über die gesprochen werden muss, wenn wir Putins Erklärungen diskutieren. Und genau das ist das reale Problem in unserem Verständnis dessen, was der Kreml will.

Ich habe das übrigens an jener Reaktion bemerkt, die es auf andere Worte Putins bei dieser Pressekonferenz gab, auf Reaktionen im Zusammenhang damit, dass Putin sagte, Russland habe bisher keine ukrainischen Vorschläge zum Austausch gesehen, dass Russland der Ukraine eine Liste mit 500 seiner Bürger übermittelt habe, die ausgetauscht werden sollten, die Ukraine aber von den Radaren verschwunden sei. Und wieder sah ich in sozialen Netzwerken und in den Medien Erklärungen, dass Putin nun den Austausch platzen lassen wolle. Und dass dies seine Reaktion auf diesen scherzhaften Erlass Zelenskys sei, mit dem der ukrainische Präsident die Durchführung der Parade auf dem Roten Platz in der russischen Hauptstadt erlaubte, also seinen Truppen befahl, die Parade nicht zu beschießen. Obwohl wir verstehen, dass dieser Erlass keinerlei konkreten Inhalt hatte, nachdem die Ukraine faktisch gezwungen war, um den amerikanischen Präsidenten Donald Trump nicht zu reizen, diesem dreitägigen Waffenstillstand zuzustimmen. Und damit war nicht nur das Quadrat des Roten Platzes, sondern das gesamte Territorium der Russischen Föderation für diese drei Tage für Handlungen der ukrainischen Streitkräfte nicht zugänglich. Nun, wenn wir real darüber sprechen, wozu wir uns verpflichtet haben.

Aber ich habe schon gesagt, dass ich selbst von der Reaktion der Russen auf diesen scherzhaften Erlass verblüfft war, der noch einmal jenen tiefen Minderwertigkeitskomplex und jene tiefe Verachtung gegenüber der Ukraine als einem Nicht-Staat zeigte, die sich bei Russen in einer solchen Situation immer äußert. Für mich wurde das zu einem weiteren Anzeichen dafür, dass die Ukraine als Staat für Russland nicht existiert, und nicht nur für Putin. Und dass sich jedes Mal, wenn der Präsident der Ukraine die Russen verspottet, diese gerade darüber beleidigt zeigen, dass „irgendein Führer einer aufständischen Provinz, der unserem großen Zaren nicht einmal ebenbürtig ist, sich erlaubt zu scherzen. Was für ein Schrecken! Man muss es ihnen heimzahlen.“

Aber man sollte nicht denken, dass Putin sich über solche Dinge beleidigt und in einem solchen beleidigten Zustand irgendeine Entscheidung trifft. Diese ewige ukrainische Idee, dass man Putin beleidigen kann und er als Antwort irgendetwas zu tun beginnt, ist faktisch, wenn Sie so wollen, eine Spiegelung ukrainischer Handlungen in Bezug auf die reaktive, reale Reaktion auf die Handlungen Moskaus.

Und ich spreche ständig darüber. Die Ukraine hat faktisch eine reaktive Staatsgeschichte. Jede Entscheidung der Ukraine, die mit ihrer Souveränität, mit ihrer Zukunft verbunden ist, ist immer eine Reaktion auf die Handlungen Moskaus, beginnend mit 1917, entschuldigen Sie, und endend mit 2022.

Erinnern Sie sich einfach daran, wann die Ukrainer die Ukrainische Volksrepublik ausriefen, wann sie ihre Autonomie ausriefen, wann sie ihre Unabhängigkeit ausriefen, wann die Werchowna Rada der Ukrainischen SSR die Erklärung über die Souveränität verkündete, wann die Werchowna Rada der Ukraine den Akt über die Unabhängigkeit verkündete, wann die Ukrainer die Wichtigkeit der europäischen Integration begriffen, wann die Ukrainer mehrheitlich begannen, die euroatlantische Integration zu unterstützen. Wann russische Namen von ukrainischen Straßen zu verschwinden begannen, wann Ukrainer in dieser Situation begannen, auf die russische Sprache und Kultur zu verzichten, und so weiter, und so weiter, und so weiter. Und überall werden Sie sehen, dass dies Reaktionen auf entsprechende Handlungen Moskaus sind, auf die Februarrevolution, auf den Oktoberumsturz, auf Tuzla, auf die russische Reaktion auf den ersten Maidan, auf die Annexion der Krim, auf den Krieg im Donbas, auf den großen Krieg.

Und man hätte immer fragen können: „Und wenn die Russen anders gehandelt hätten, wie hätten dann die Ukrainer reagiert?“ Erinnern Sie sich, dass wir heute am 10. Mai miteinander sprechen; allein die Diskussion darüber, an welchem Mai man den Tag des Sieges im Zweiten Weltkrieg begehen soll, am achten, wie die ganze Welt, oder am neunten, wie die Sowjetunion und das heutige Russland, wurde in unserer Gesellschaft jahrzehntelang geführt. Und der 8. Mai siegte nur deshalb, weil Russland uns angegriffen hat. 2022 war die Krim bereits besetzt, im Donbas ging bereits der Krieg, russische Soldaten töteten bereits Ukrainer, aber der überwiegende Teil der Gesellschaft hielt an russischen, an sowjetischen Markern fest. Es musste so weit kommen, dass Raketen in die Wohnungen der Ukrainer flogen, damit sie sich schließlich entschieden, dass der 8. Mai ihnen mehr zusagt als der neunte. Und selbst das ist noch nicht die Meinung der gesamten Gesellschaft. Es gibt noch Teile, die noch solche Handlungen, solche Explosionen, solche Morde und solche Verbrechen brauchen, um sich davon zu überzeugen, dass es sich lohnen würde zu reagieren.

Warum erinnere ich Sie an all das als an ein Bild einer reaktiven Gesellschaft? Das ist das normale Erbe jeder kolonialen Nation. Die Ukrainer sind zu meinem großen Bedauern eine koloniale Nation, weil Russland nicht so ist und Putin nicht so ist. Ein Imperium ist ein initiativer Aggressor.

Haben Sie keine Angst, Putin zu beleidigen. Nehmen Sie seine Handlungen, die Handlungen der Russen, nicht als Ihre eigenen wahr. Wenn die Russen und Putin auf Geschichte, auf die Handlungen des Gegners so reagieren würden, wie die Ukrainer reagieren, wären auch sie eine koloniale Nation und keine imperiale aggressive Nation, bereit, alles um sich herum unter sich zu begraben und zu zerstören.

Nein, Zelenskys Erlass mag Ihnen gefallen oder nicht gefallen, aber Putin reagiert nicht darauf. Putin trifft einfach Entscheidungen, die mit einer konkreten Situation verbunden sind. Wenn er wirklich die Idee hat, den Gefangenenaustausch zu sprengen, dann wird er ihn ohne irgendwelche Erlasse Zelenskys sprengen.

Aber mir scheint, dass das aus einem einfachen Grund, den man ebenfalls verstehen muss, keine sehr reale Sache ist: Dieser Austausch ist kein russisch-ukrainischer Austausch. Es ist ein Austausch, der mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, abgestimmt wurde. Und wenn Putin diesen Austausch verweigert, wird er vor allem den Präsidenten der Vereinigten Staaten hereinlegen. Ich glaube nicht, dass er bereit ist, diesen Schritt zu gehen. Deshalb scheint es mir gerade, dass dieser Austausch höchstwahrscheinlich stattfinden wird. Ich hoffe darauf. Und dafür braucht es einfach noch eine gewisse Zeit.

Russland wird den Vereinigten Staaten seine ganze Konstruktivität gegenüber deren Vereinbarungen demonstrieren müssen, denn andernfalls wird Putin in den nächsten Kriegsperioden keine Möglichkeiten haben – und wir verstehen, dass wir noch an der Schwelle der nächsten Perioden eines erschöpfenden Krieges stehen –, sich an Trump um Unterstützung zu wenden, sagen wir, falls es nötig sein sollte, die nächste Siegesparade durchzuführen. Denn auch der 9. Mai 2027 wird kommen. Und der Krieg kann zu dieser Zeit mit nicht geringerer, sondern sogar größerer Intensität weitergehen. Und das Territorium Russlands kann angesichts der Entwicklung der Situation 2027 und 2028 für Beschuss durch ukrainische Truppen noch zugänglicher sein als 2026. Und wenn Putin diese Tendenz versteht, kann er sich wirklich Sorgen darüber machen, inwieweit dieser amerikanische Präsident bereit sein wird, ihm entgegenzukommen.

2029, und auch das ist eine absolut wahrscheinliche Zeit des russisch-ukrainischen Krieges, wird er bereits über den nächsten Präsidenten nachdenken müssen. Deshalb kann er Trump 2028 leicht hereinlegen, aber nicht 2026. Und auch das ist absolut verständlich.

Putin musste während dieser Pressekonferenz auch eine solche, ich würde sagen, Tatsache schaffen, dass der Krieg sich dem Ende nähert, weil der Westen eine Niederlage erleidet. Auch das war eine solche bewusste Spiegelung der Situation. „Sie haben Monate damit verbracht zu warten, bis Russland eine vernichtende Niederlage erleidet, bis seine Staatlichkeit fällt. Das hat nicht funktioniert. Und dann blieben sie in diesem Rhythmus stecken und können jetzt nicht mehr daraus herauskommen“, sagte Putin.

Und jetzt ersetzen Sie in diesem Zitat das Wort Russland durch das Wort Ukraine. „Russland hat Monate damit verbracht zu warten, bis die Ukraine eine vernichtende Niederlage erleidet, bis ihre Staatlichkeit fällt. Das hat nicht funktioniert, und dann blieben sie in diesem Rhythmus stecken und können jetzt nicht mehr daraus herauskommen.“ Das ist ein genaues Bild jener Situation, in der sich die russische politische und militärische Führung im fünften Jahr des großen Krieges gegen den Nachbarstaat befindet. Aber Putin, wie wir sehen, extrapoliert diese Situation nicht auf sich selbst, sondern auf den Westen.

Und wir könnten ebenfalls sagen, dass das eine riesige Katastrophe ist, dass er die Realität nicht so sieht. Ich aber denke, dass man dem positiv gegenüberstehen sollte, weil er begreift, dass Russland dem Westen gegenübersteht, dass die Konfliktpartei nicht die Ukraine ist, die man erledigen, der man das Geld entziehen kann und so weiter, sondern der Westen, der bereit ist, der Ukraine zu helfen, der bereits Geld bereitgestellt hat und das weiter tun kann.

Übrigens wissen Sie, dass der neue Ministerpräsident der Niederlande, darüber wollte ich gerade sprechen, betont hat, dass er die Verhandlungen über die Übergabe eingefrorener russischer Vermögenswerte an die Ukraine wieder aktivieren wird. Im vergangenen Jahr wurde diese Geschichte mit den eingefrorenen russischen Vermögenswerten, die der Ukraine übergeben werden sollten, damit unser Land seinen Haushalt für die weiteren Jahre des russisch-ukrainischen Krieges ausgleichen kann, faktisch blockiert. Die Vermögenswerte blieben dort, wo sie sich befinden, dank energischen Drucks nicht aus Moskau, sondern aus Washington. Und im Ergebnis stellte die Europäische Union der Ukraine Geld aus eigenen Reserven bereit. Das ist das, was tatsächlich geschah.

Aber in dieser Zeit sind Veränderungen eingetreten, an die auch Putin denken muss. Erstens ist das eine erhebliche geopolitische Schwächung von Präsident Trump und seiner Administration. Und ich denke, infolge des Krieges in Iran, der keineswegs beendet ist, infolge der Energie- und Wirtschaftskrise in der Welt, die weitergehen und mit ihren Schlägen neue und neue Länder erfassen und ernste Probleme für die Vereinigten Staaten selbst schaffen werden, sieht Trumps geopolitischer Druck jetzt ganz anders aus als in dem Moment, als die Frage der eingefrorenen russischen Vermögenswerte diskutiert wurde.

Und Trumps Gewicht wird ebenfalls mit jedem Tag abnehmen. Und wenn der amerikanische Präsident sich mit einer Niederlage seiner Partei bei den Kongresswahlen konfrontiert sehen und zumindest das Repräsentantenhaus verlieren sollte, obwohl ich denke, dass infolge der vernichtenden wirtschaftlichen und energetischen Krise in Amerika die Republikaner auch den Senat verlieren können, wird Präsident Trump vor unseren Augen von einem selbstbewussten Herrn des Landes zu einer lahmen Ente werden, die in ständiger Konfrontation mit dem Kongress feststecken und kein einziges ihrer Gesetze durch den Kongress bringen können wird.

Und die Europäer bereiten sich darauf vor. Und sie wünschen sich genau so einen Trump, hinkend, machtlos, unfähig, die euroatlantische Solidarität loszuwerden, in Erwartung eines neuen Präsidenten, der einen völlig anderen politischen Kurs einschlagen könnte.

Es gibt keinen Viktor Orbán mehr, einen der wichtigsten Spieler des Kremls auf der europäischen politischen Bühne, einen Menschen, der mit Freude jede russische Laune erfüllte, wie wir wissen, sogar indem er russische Oligarchen bediente. Gestern wurde Péter Magyar zum neuen Ministerpräsidenten Ungarns gewählt, und Viktor Orbán, beschämt und politisch geschwächt, erschien nicht einmal zur feierlichen Sitzung des ungarischen Parlaments, während der der Schlusspunkt unter seine schändliche politische Karriere gesetzt wurde, die Ungarn entkräftete.

Das alles sind neue Realitäten für die Europäische Union, wie wir verstehen, völlig neue. Und in diesen Realitäten kann man wieder zu den Verhandlungen über die Bereitstellung eingefrorener russischer Vermögenswerte für die Ukraine zurückkehren. Und das ist viel realistischer als das Auftreten Gerhard Schröders in der Rolle eines Vermittlers bei Verhandlungen mit den Europäern.

Aber es gibt noch eine wichtige Tatsache, die meiner Meinung nach gerade gezeigt hat, dass sich Vladimir Putins Position nicht geändert hat. Und diese Tatsache ist nicht mit der Ukraine verbunden, sie ist mit einem anderen Land verbunden, sie ist mit Armenien verbunden. Als Putin auf Fragen antwortete, sagte er, Armenien – es ging um die europäische Wahl dieses Landes – könne alles tun, was es wolle. Und wenn sie entscheiden, dass sie bereit sind, der Europäischen Union beizutreten, können sie der Europäischen Union beitreten, aber dafür müssten sie ein Referendum abhalten. Und zugleich sagte Putin eine ziemlich interessante Sache, wie mir scheint, nämlich dass man „sich daran erinnern muss, womit in der Ukraine alles begonnen hat“.

Nun, in der Ukraine hat damit eben nicht alles begonnen. Die Aggression Russlands gegen die Ukraine begann gerade im Zusammenhang mit der europäischen Wahl unseres Staates. Wir müssen uns daran erinnern, wie all das geschah. Und übrigens geschah das synchron mit Armenien. Damals, im Jahr 2013, trifft Putin sich mit zwei Präsidenten: dem Präsidenten der Ukraine Viktor Janukowytsch und dem Präsidenten Armeniens Serzh Sargsyan. Die Treffen mit Sargsyan fand öffentlich statt. Mit Janukowytsch gab es mehrere geheime Treffen. Und nach diesem Treffen verzichtete Serzh Sargsyan, ohne sich auch nur mit den Mitgliedern seiner eigenen Delegation, mit seiner eigenen Regierung, mit seinem eigenen Parlament zu beraten, bei einem Treffen mit den Russen auf die Unterzeichnung des bereits fertigen Assoziierungsabkommens Armeniens mit der Europäischen Union, das im Prinzip sehr an jenes Abkommen erinnerte, das die Ukraine jetzt hat, das 2013 von Moldau und Georgien unterzeichnet wurde, und wählt den Weg der eurasischen Integration. Und viele meinen, dass Putin Sargsyan wie auch Janukowytsch einschüchterte, unter anderem mit dem Verlust armenischer Positionen rund um Bergkarabach. Und möglicherweise konnte er ihn wie auch Janukowytsch mit irgendeinem individuellen Druck einschüchtern. Nennen wir es so.

Janukowytsch handelte ungefähr so, aber nicht ganz so. Er verzichtete nicht persönlich auf das Assoziierungsabkommen, sondern beauftragte die Regierung unter Führung von Mykola Asarow, auf die sofortige Unterzeichnung dieses Abkommens bis zu seiner weiteren Prüfung zu verzichten. Auf dem Gipfel der Europäischen Union in Vilnius setzte Janukowytsch seine Unterschrift nicht unter das Abkommen und berief sich auf diese Regierungsentscheidung. Und gerade das löste Ende 2013 Massenproteste in der Ukraine aus, die in den zweiten Maidan, in die Revolution der Würde, in den Zusammenbruch des Janukowytsch-Regimes übergingen.

Und vor dem Hintergrund dieses Zusammenbruchs wurde, wie bekannt, das Abkommen über die Europäische Assoziation der Ukraine in zwei Etappen unterzeichnet. Ministerpräsident Arsenij Jazenjuk unterzeichnete einen Teil. Später unterzeichnete der neu gewählte Präsident Petro Poroschenko den zweiten Teil, und es begann bereits in vollem Umfang zu wirken. Aber in der Ukraine gab es, wie bekannt, keinen inneren Konflikt um das Abkommen über die Europäische Assoziation. Das Abkommen über die europäische Assoziation wurde von der Partei der Regionen der Ukraine unterstützt. Ihre jungen Aktivisten zerstreuten Kundgebungen der Kommunisten, der Gegner dieses Abkommens, die sehr klein waren. Sowohl die Partei der Regionen als auch die demokratische Opposition, die Parteien Batkiwschtschyna, UDAR und Swoboda, unterstützten die Idee der Europäischen Assoziation.

Was also begann in der Ukraine? Die russische Aggression gegen die Ukraine begann in dem Moment, als Putin begriff, dass der europäische Weg der Ukraine unvermeidlich ist. Und dass die einzige Möglichkeit, diesen Weg zu verhindern, darin besteht, das Territorium des Nachbarlandes zu besetzen oder ihm, wie 2022 entschieden wurde, ein Marionettenregime aufzuzwingen.

Im Grunde ist das also eine direkte Drohung an Armenien. „Ihr könnt natürlich ein Referendum abhalten, und ihr könnt euch bei diesem Referendum sogar wie die Ukrainer für den Weg der Europäischen Assoziation aussprechen. Aber vergesst nicht, dass wir euch danach angreifen können.“ Das ist natürlich schwieriger mit Armenien als mit der Ukraine, weil Armenien zu seinem großen Glück keine gemeinsamen Grenzen mit Russland hat. Aber auf dem Territorium Armeniens befinden sich derzeit russische Truppen. Man muss sie nicht einmal dorthin einführen. Russland kann andere Einflusshebel nutzen, versuchen, erneut einen Krieg im Südkaukasus zu schaffen. Das ist von ihm zu erwarten.

Aber gerade die Haltung zur Idee der europäischen Integration, nicht der euroatlantischen, ich möchte das betonen, sondern der europäischen, als etwas unglaublich Gefährlichem für das Land selbst, das nach Europa geht, sagt meiner Meinung nach bereits viel aus und sagt uns zumindest, dass Putin in Wirklichkeit von keiner seiner Vorstellungen darüber abgerückt ist, wie sich die Situation im postsowjetischen Raum entwickeln soll. Und genau auf die Fortsetzung dieser Vorstellung müssen wir vorbereitet sein.

Ich werde auf einige Fragen antworten, die in dieser Sendung gestellt wurden.

Zuschauer: Von diesem Öl gibt es auf der Welt doch im Überfluss, was ist da schon Russland, wenn man die Selbstkosten berücksichtigt. Ruhm der Ukraine! Ruhm den Helden!

Portnikov: Öl gibt es auf der Welt tatsächlich sehr viel, aber im Zusammenhang mit der Blockade der Straße von Hormus und mit der amerikanischen Blockade des iranischen Öls ist der Ölpreis in der Welt bereits um 30 Prozent gestiegen. Und es gibt ein 20-prozentiges Öldefizit. Das sind Zahlen. In dieser Situation wird die Rolle der Länder, die Öl außerhalb der Straße von Hormus liefern, natürlich wachsen. Deshalb nennen praktisch alle nüchtern denkenden Beobachter das Putin-Regime den Hauptbegünstigten des Nahostkrieges. Das ist objektive Realität. Die Einnahmen des russischen Haushalts wachsen. Und hier wird alles natürlich nicht nur davon abhängen, wie sich die Situation im Nahen Osten entwickelt – Spoiler: Sie wird sich schlecht entwickeln –, sondern davon, inwieweit es den Streitkräften der Ukraine gelingt, die Ölhäfen und die ölverarbeitende Industrie der Russischen Föderation zu zerstören. Wenn solche Anstrengungen nicht ausreichend effektiv sind, wird Russland seinen Haushalt für weitere Jahre des Krieges gegen die Ukraine füllen. Das ist eine objektive Realität, der wir in den 20er Jahren und vielleicht auch in den 30er Jahren des 21. Jahrhunderts begegnen werden. Alles hängt also von den Streitkräften der Ukraine und von Ihrer Unterstützung für die Streitkräfte der Ukraine ab.

Zuschauer: Souveränität und territoriale Integrität der Grenzen der Ukraine von 1991. Alles andere ist die Kapitulation der Ukraine.

Portnikov: Ich stimme Ihnen absolut zu, dass die Wiederherstellung jeglicher Gerechtigkeit mit der Rückkehr der Ukraine zu ihren Grenzen von 1991 verbunden sein muss. Aber damit das Wirklichkeit wird, muss man ausreichende militärische, technische, demografische Möglichkeiten haben. Man muss sagen, dass die Ukraine weder 2014 noch 2022 noch 2026 solche Möglichkeiten hatte. Und wiederum, wenn Sie diese Realität nicht berücksichtigen, wird sie Sie unweigerlich einholen und Sie werden sich ihr stellen müssen. Ich bin absolut überzeugt, dass nicht nur die Ukraine, sondern die gesamte zivilisierte Welt an der Wiederherstellung der Grenzen der Ukraine zum Zeitpunkt der Verkündung ihrer Unabhängigkeit interessiert sein muss, weil dies mit dem Triumph des Völkerrechts selbst verbunden ist. Zugleich bin ich überzeugt, dass das weltweite Völkerrecht bereits zerstört ist und wir in den nächsten kriegerischen Jahrzehnten nicht zu ihm zurückkehren werden. Und ich halte es für möglich, dass viele Länder, die heute in der Welt existieren, ihre Grenzen verlieren werden. 

Und Sie müssen klar verstehen, dass die Welt des 20. Jahrhunderts für immer beendet ist. Wir hatten einfach Glück mit diesen friedlichen Jahrzehnten. Jetzt ist die Zeit kriegerischer Jahrzehnte, schwarzer, schrecklicher und entsetzlicher, nicht nur für die Ukraine. Glauben Sie mir, dass die Krise Realität unseres Lebens in den 20er bis mindestens 50er Jahren des 21. Jahrhunderts sein wird. Warten Sie nicht auf das, was es in Ihrem Leben nie wieder geben wird: Frieden als Norm.

Und wenn Sie mich fragen: „Und wie überlebt man?“ Nun, nicht alle werden überleben, wie Sie verstehen, aber diejenigen, die überleben können, und es werden nicht so viele sein, müssen eine einfache Sache begreifen. Es gibt zwei nahöstliche Formeln. Die erste sind lange Kriege mit kurzem Frieden. Das ist die Situation, in der wir jetzt leben. Und sie ist schrecklich. Denn lange Kriege mit kurzem Frieden erschöpfen die Wirtschaft, vernichten die Bevölkerung und bringen solche Völker wie das ukrainische, und übrigens auch solche Völker wie das russische, an den Rand einer echten demografischen Katastrophe ohne Chancen auf Wiederherstellung. Ich denke übrigens, dass die demografische Katastrophe des russischen Volkes, ich spreche sogar von ethnischen Russen, viel gravierender und gefährlicher für sie sein wird als die demografische Katastrophe des ukrainischen Volkes. Wir können schon beginnen, uns zu verabschieden.

Aber es gibt eine andere, positivere Variante, wenn auch keineswegs eine solche, mit der wir leben wollten, sondern jene Variante, mit der der Nahe Osten bis zum 7. Oktober 2023 lebte, bis zum Angriff der Hamas auf Israel: langer Frieden mit kurzen Kriegen. Wenn es uns irgendwann gelingt, ich weiß nicht, wann das sein wird, zur Variante langer Frieden mit kurzen Kriegen zu kommen, wird das unsere größte Errungenschaft für die nächsten Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts sein.

Aber Gott bewahre Sie davor, dauerhaften Frieden dadurch zu wünschen, dass man alles zurückerobert, was man vom Standpunkt der Gerechtigkeit aus zurückerobern könnte. Dann werden Sie in die nächste Periode langer Kriege und kurzen Friedens stürzen. Die Wahl ist nur diese: kurze Kriege, langer Frieden oder lange Kriege, kurzer Frieden. Zwei Varianten. Eine dritte Variante des Friedens liegt nicht auf dem Tisch. Auf dem Tisch Ihres Schicksals fehlt sie. Suchen Sie nicht ständig die schwarze Katze des dauerhaften Friedens im dunklen Raum des Krieges. Das ist, was ich Ihnen sagen möchte. Begreifen Sie das endlich. Leben Sie nicht in Märchen und Illusionen. Versuchen Sie gemeinsam mit nüchtern denkenden Menschen in der ganzen Welt, zu einer solchen Periode in Europa zu gelangen: kurze Kriege, langer Frieden.

Wie macht man das? Ich sage Ihnen, wie. Man muss ein starker Staat sein. Ein starker Staat ist wirklich das, was sich langen Frieden leisten kann, selbst wenn er neben einem Aggressor liegt. Ein starker Staat ist der Staat, den man vielleicht nicht fürchtet anzugreifen, mit dem man aber nicht lange Krieg führen will. Ein solcher Staat, wie Israel es im Nahen Osten seit der Verkündung seiner Unabhängigkeit und dem Sieg im Unabhängigkeitskrieg war. Das ist das Modell, das meiner Meinung nach für diese Situation maßgeblich sein sollte.

Frage: Herr Vitaly, hat es Sie nicht gereizt, wie man bei uns zu Beginn des Krieges von unbekannten Drohnen über Russland sprach, als schäme man sich der eigenen Fähigkeit, es anzugreifen? Wann werden wir diese Mentalität der Unterwürfigkeit endlich los?

Portnikov: Mich hat das unglaublich gereizt, aber ich glaube, dass es nicht mit unserer Mentalität der Unterwürfigkeit verbunden war, sondern mit unserem Unwillen, unsere Verbündeten zu erschrecken. Hier muss man noch eine weitere Frage stellen. Nicht die Frage, wann aus den Ukrainern ihr koloniales Erbe und dieses Gefühl der Unterwürfigkeit gegenüber Russland los wird, wie man Russland angreifen kann. Sondern wann Europa und die Vereinigten Staaten die Angst vor Russland los wird. Das ist die Hauptfrage. Wir wollten sie wirklich nicht mit unseren Schlägen reizen.

Und hier muss man eine wichtige Sache sagen: In diesem Verständnis haben wir bereits eine große Distanz gemeinsam mit ihnen zurückgelegt. Und jetzt, da nicht nur das geopolitische Gewicht Russlands, sondern auch das geopolitische Gewicht der Vereinigten Staaten abnimmt, verändert das im Prinzip die gesamte Weltpolitik.

Als klar wurde, dass man das Territorium nuklearer Staaten, die theoretisch in einigen Stunden die gesamte Menschheit vernichten können, angreifen kann und nichts Fatalistisches geschieht. Das Territorium Russlands, amerikanische Basen. Dann verändert das die gesamte Konfiguration der Konfrontation in der Welt vollständig. Auch diese Frage ist absolut verständlich.

Dann die Frage: Warum in der Ukraine bleiben?

Portnikov: Nun, mir schien, dass man in der Ukraine bleiben muss, um sie zu verteidigen und wiederaufzubauen. Dass die Ukraine der einzige Ort auf der Erde ist, an dem ein Ukrainer Ukrainer sein kann. Sie können Ihr Kind vor dem Krieg wegbringen, aber vergessen Sie nicht, dass dieses Kind, und höchstwahrscheinlich zumindest seine Kinder, niemals mehr Ukrainer sein werden. Sie setzen einen Schlusspunkt unter die Existenz des ukrainischen Volkes. Natürlich behält irgendjemand dort seine Identität, aber, wie Sie verstehen, bei weitem nicht alle. 

Aber das Wichtigste ist etwas anderes. Wie können Sie genau wissen, dass Sie in ein Land kommen, in das eines schönen Tages keine feindliche Rakete fliegen wird? Wo haben Sie eine Garantie? Haben Sie irgendeinen Spiegel, in dem Sie die Zukunft sehen? Nein, diesen Spiegel haben Sie nicht. Fragen Sie die Menschen, die gezwungen waren, ihre Wohnungen in Dubai zu verlassen, weil sie sie am sichersten Ort gekauft hatten, neben der amerikanischen Basis. Oder in Bahrain. Wo befinden sie sich jetzt? Dem Schicksal entkommt man nicht. Der Krieg wird Sie einholen und vernichten. So sehr Sie auch vor ihm weglaufen, wenn dies ein solches Schicksal ist. So sieht das 21. Jahrhundert aus. Wenn Sie als Mensch überzeugt sind, dass man aus gefährlichem Gebiet so schnell wie möglich verschwinden muss, dann können Sie Ihren Tod dort finden, wo Sie glauben, dass Sie die größte Sicherheit erwartet.

Ich glaube, dass ein Mensch ein Land verlassen sollte, wenn die Gefahr über ihm persönlich schwebt. Und ich selbst habe, wie Sie wissen, eine solche Entscheidung während des Maidan 2013–2014 getroffen, als ich genau wusste, dass ich persönlich liquidiert werden könnte, weil dies Teil einer Operation russischer und ukrainischer Sonderdienste war. Und Sie erinnern sich, wie Menschen im Wald zusammengeschlagen wurden, wie man Jagd auf sie machte, wie Titushky zu meiner Wohnung kamen. Das war Realität. Ich wollte mich nicht wie eine Ratte verstecken. Und deshalb fuhr ich für einige Wochen nach Polen, um das laut zu sagen. Und ich hoffe, dass ich damals viele Pläne gegen meine Kollegen durchkreuzt habe, die bereits auf den Tischen all dieser Janukowytschs und Bortnikows lagen.

Aber wenn eine kollektive Gefahr über dir schwebt, eine Gefahr über deinem Land und deinem Volk, wirst du nirgendwohin fliehen. Selbst deine Flucht kann sich als völlig nutzlos erweisen. Das bedeutet nicht, dass Menschen, wenn sie die Möglichkeit haben, sich auf dem Territorium anderer Länder zu verwirklichen, in zwei Ländern zu leben, sich verschiedene Möglichkeiten zu schaffen, das nicht tun sollten. Davon spreche ich nicht einmal. Aber wenn Sie sich entscheiden irgendwohin zu fliehen, denken Sie nicht, dass es so leicht ist, einen Ort zu wählen, an dem es Ihnen ganz sicher behaglich sein wird.

Ganz zu schweigen davon, dass Sie sehr oft in Länder fahren, für deren Geschichte und geopolitische Lage Sie sich einfach nicht interessieren. Sie wissen einfach, dass es dort gut ist, dass einem dort ganz ordentlich geholfen wird und dass es gute Gehälter gibt. Sie fahren in irgendein Australien, und dann stellt sich heraus, dass es in fünf oder sechs Jahren zur Arena einer Konfrontation zwischen den Vereinigten Staaten und China werden kann. Das wird lustig. Und ich mache übrigens keinen Scherz. Also ist das alles absolut real.

Zuschauer: Das Ende unseres Krieges bei Erhalt der Staatlichkeit der Ukraine wird die westliche Welt zur stabilen Demokratie zurückführen.

Portnikov: Ich kann das nicht garantieren im Zusammenhang mit der Stärkung, ich würde sagen, rechtspopulistischer und linkspopulistischer Tendenzen, die in dieser Welt existieren. Für die Demokratie, wie die jüngsten Ereignisse in der Welt der letzten Jahrzehnte gezeigt haben, muss man kämpfen. Sie ist selbst für entwickelte Länder mit entwickelter Demokratie nicht automatisch.

Früher erklärten wir all diese Ereignisse, die wir etwa bei Wahlen in der Ukraine beobachteten, immer mit der Unreife der ukrainischen Demokratie, damit, dass die Ukrainer erst 1991 begonnen hatten, Demokratie zu lernen, und keine solche Erfahrung hatten. Und was ist mit Mitteleuropa? Nun, es hatte auch keine Demokratie. Nun, Orbán, nun, das ist ja klar. Wann begann in Ungarn überhaupt die demokratische Entwicklung? In Wirklichkeit 1991. Davor war Ungarn mal unter den Kommunisten, mal unter dem Szálasi-Regime, mal unter dem Horthy-Regime, und davor kommt bereits Österreich-Ungarn. Eine ganz alte Periode.

Nun, und die Vereinigten Staaten? Sie waren doch die ganze Zeit eine Demokratie, und die Briten stimmten für den Brexit. Jetzt raufen sie sich die Haare. Sie hatten doch immer eine so große Demokratie. Vielleicht verändert sich einfach etwas in der Welt? Und auch darüber muss man absolut konkret sprechen.

Also, wie Sie verstehen, werde ich Ihnen nicht garantieren, dass der ukrainische Sieg im Sinne der Bewahrung unseres Staates und unserer Souveränität ein zwingender Sieg der Demokratie ist. Ich werde Sie nicht täuschen. Die Demokratie wird im 21. Jahrhundert einen schwierigen Weg der Verteidigung durchlaufen müssen.


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Titel des Originals: Путін заговорив про „закінчення“ війни | Віталій Портников. 10.05.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 10.05.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Trump überlässt Europa Putin | Vitaly Portnikov. 02.05.2026.

Das Pentagon hat den Abzug von 5.000 amerikanischen Soldaten aus Deutschland bestätigt, was einer Brigade entspricht – vor dem Hintergrund eines öffentlichen Streits zwischen dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, und dem deutschen Bundeskanzler, Friedrich Merz, der es gewagt hatte, Zweifel an der Wirksamkeit des amerikanischen Ansatzes im Krieg mit Iran zu äußern.

Zuvor hatte die US-Regierung die Entscheidung aufgehoben, eine weitere Brigade der amerikanischen Armee in Deutschland zu stationieren – zusätzlich zu den bereits dort befindlichen Truppen. Damit sinkt die Zahl der in Europa stationierten amerikanischen Soldaten auf das Niveau von 2022, also auf den Stand vor der russischen Invasion in die Ukraine.

Man muss verstehen, dass es sich hier keineswegs nur um einen Streit zwischen dem Präsidenten der Vereinigten Staaten und dem deutschen Bundeskanzler handelt. Zwar hat Donald Trump vermutlich die scharfen Äußerungen von Friedrich Merz als Vorwand genutzt, um die Truppenstärke in Europa zu reduzieren. Tatsächlich aber haben wir es höchstwahrscheinlich mit dem Bestreben der amerikanischen Regierung zu tun, dem russischen Präsidenten Vladimir Putin entgegenzukommen und zu demonstrieren, dass die Vereinigten Staaten Russland nicht als reale Bedrohung betrachten und bereit sind, ihre militärische Präsenz in Europa zu verringern, um so den Sicherheitsbedenken des Kremls Rechnung zu tragen.

Und das ist, wie wir wissen, ernst zu nehmen. Es entspricht jener Strategie der Beziehungen zu Putin, die Trump unmittelbar nach seiner Rückkehr ins Oval Office zu gestalten versucht hat. Vor dem Hintergrund der Ablehnung weiterer Hilfe für die Ukraine – selbst ein Programm über lediglich 400 Millionen US-Dollar wurde inzwischen aus dem Entwurf des neuen amerikanischen Militärhaushalts gestrichen – zeigt dies erneut den Wunsch des amerikanischen Präsidenten, dem Kreml die neue amerikanische Politik gegenüber Europa deutlich zu machen.

Man kann sagen, dass Donald Trump Europa Russland überlässt. Und das ist keineswegs übertrieben. Allein die Tatsache, dass die Vereinigten Staaten bereit sind, die Zahl ihrer Soldaten in Europa auf das Niveau von 2022 zu reduzieren – und übrigens hat niemand gesagt, dass diese Reduzierung nicht fortgesetzt wird, da Trump auch die Möglichkeit erwägt, amerikanische Truppen aus Italien und Spanien abzuziehen –, zeigt, dass die Verteidigung des europäischen Kontinents für die Vereinigten Staaten keine Priorität mehr ist. Mehr noch: Die Regierung unter Donald Trump scheint nicht zu begreifen, dass zur Aufrechterhaltung der geopolitischen Rolle Amerikas auch ein ausreichendes militärisches Kontingent in Europa und eigene Militärbasen notwendig sind. Ohne eine solche Präsenz werden die Vereinigten Staaten natürlich sowohl gegenüber der Russischen Föderation als auch gegenüber der Volksrepublik China an Einfluss verlieren.

Es bleibt daher die wichtigste Frage, warum Donald Trump all dies tut: Versteht er wirklich nicht, dass seine Maßnahmen zum Abzug amerikanischer Truppen aus Europa den nationalen Interessen der Vereinigten Staaten widersprechen? Oder ist er so sehr von der Möglichkeit neuer Beziehungen zum Kreml fasziniert, dass er diese nationalen Interessen einfach außer Acht lässt?

Wie dem auch sei, wir sehen, dass der amerikanische Präsident von bloßen Drohungen zu realen Maßnahmen übergeht. Und es wird für seinen Nachfolger sehr schwierig sein, nicht nur die amerikanische Präsenz in Europa wiederherzustellen, sondern auch das Vertrauen der europäischen Verbündeten in die Vereinigten Staaten.

Man könnte sagen, dass die Präsenz der Vereinigten Staaten in Europa angesichts der Aufrüstung der europäischen Staaten selbst nicht mehr so entscheidend ist. Doch das ist eine Illusion. Es geht nicht nur um die Anzahl der Truppen oder die Existenz von Militärbasen. Es geht um ein Land, das über ein Atomwaffenarsenal verfügt, das praktisch dem der Russischen Föderation entspricht. Genau darin liegt der Kern der europäischen Sicherheit: dass die Vereinigten Staaten auf dem europäischen Kontinent als nukleare Macht mit Russland konkurrieren können.

Ja, die europäischen Staaten können aufrüsten, sie können ihre Streitkräfte vergrößern. All dies mag schon bald geschehen. Doch die Russische Föderation wird weiterhin – gemeinsam mit den Vereinigten Staaten – die größte Atommacht der Welt bleiben. Und selbst Veränderungen in der modernen Kriegsführung werden diese unbestreitbare Tatsache nicht aufheben.

Die Befürchtung, dass es niemanden geben könnte, der Europa schützt, könnte sowohl die Außenpolitik der europäischen Staaten als auch die Stimmung der Wähler verändern, die nach jemandem suchen werden, der mit Putin verhandelt. Ebenso könnte dies die Absichten der russischen Führung beeinflussen, die erkennen und daran glauben wird, dass die Vereinigten Staaten nicht mehr bereit sind, Kräfte und Ressourcen für die Unterstützung Europas aufzuwenden – Europa also praktisch sich selbst überlassen.

So werden die verantwortungslosen Handlungen des amerikanischen Präsidenten – ganz gleich, ob sie durch den Wunsch motiviert sind, Putin zu gefallen, oder durch persönliche Kränkungen gegenüber Merz oder Meloni – zwangsläufig zu äußerst gefährlichen Konsequenzen führen, sowohl für die europäischen Staaten als auch, ohne jeden Zweifel, für die Vereinigten Staaten selbst. Und natürlich werden sie sich leider auch auf den weiteren Verlauf des russisch-ukrainischen Krieges auswirken. Denn der Abzug amerikanischer Truppen aus Deutschland ist ein Signal an den Kreml – ein Signal, das auch die russische Position in diesem Krieg beeinflusst.


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Titel des Originals: Трамп залишає Європу Путіну | Віталій
Портников. 02.05.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 02.05.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Trump schockiert das Pentagon und greift Merz an | Vitaly Portnikov. 01.05.2026.

Amerikanische Medien betonen, dass man im Verteidigungsministerium der Vereinigten Staaten von der Erklärung von Donald Trump über einen möglichen Abzug amerikanischer Truppen aus Deutschland schockiert war.

Diese Erklärung kam völlig überraschend, denn in den Vereinigten Staaten gibt es keinerlei konkrete Pläne zur Reduzierung der militärischen Präsenz in diesem Land. Ein Abzug der US-Truppen aus Deutschland wäre heute ein schwerer logistischer Schlag für die amerikanische Armee selbst – umso mehr vor dem Hintergrund einer möglichen Fortsetzung des Krieges mit Iran.

Da stellt sich die Frage, warum Donald Trump überhaupt solche Aussagen macht. Die Antwort ist recht einfach: Der Präsident der Vereinigten Staaten versucht, den Bundeskanzler Friedrich Merz zu bestrafen, nachdem dieser es gewagt hatte, die Handlungen Donald Trumps im Krieg mit der Islamischen Republik zu kritisieren.

Der Bundeskanzler hatte darauf hingewiesen, dass die Vereinigten Staaten in diesen Krieg ohne ernsthafte Konsultationen mit ihren Verbündeten eingetreten seien, dass es keinen klaren strategischen Plan für die Fortsetzung des Krieges gebe und dass Iran die Verhandlungen recht geschickt führe und damit die Vereinigten Staaten demütige.

All das konnte dem amerikanischen Präsidenten natürlich nicht gefallen, der weiterhin darauf beharrt, dass in dem, was einige als Krieg bezeichnen – ich zitiere hier den Präsidenten selbst aus Gesprächen mit Journalisten – alles nach Plan verlaufe, dass die Amerikaner bereits einen militärischen Sieg errungen hätten und dass Trump sich lediglich wünschen würde, dass dieser Sieg größer ausfalle.

So versucht der Präsident der Vereinigten Staaten schlicht, die Tatsache zu verschleiern, dass praktisch keines der Ziele, mit denen dieser Krieg begründet wurde – die Zerstörung des iranischen Atomprogramms sowie seiner Möglichkeiten zu Raketenangriffen auf Israel und andere Länder des Nahen Ostens – erreicht worden ist. Stattdessen ist eine neue, nicht minder ernste Bedrohung entstanden: die Fortsetzung der Blockade der Straße von Hormus, die zu schwerwiegenden energie- und wirtschaftspolitischen Folgen für die ganze Welt führen kann – und zu einem echten politischen Fiasko für Donald Trump vor dem Hintergrund steigender Öl- und Treibstoffpreise in den Vereinigten Staaten. Man kann sagen, dass sich dies bereits jetzt abzeichnet.

Und Trump – wie jeder Führer, der nicht möchte, dass andere über die Realität sprechen – konnte die Erklärung von Merz nicht gefallen. Der amerikanische Präsident wartete einige Tage und begann dann, dem Bundeskanzler vorzuwerfen, er erfülle seine Aufgaben schlecht und hätte sich stärker mit der Situation in der Ukraine befassen können. Dabei wissen wir, dass gerade der deutsche Bundeskanzler – im Gegensatz zum Präsidenten der Vereinigten Staaten – auf eine Fortsetzung der Hilfe für die Ukraine drängt und auf den letzten Gipfeln der Europäischen Union ein echter Motor entsprechender Entscheidungen war.

Trump versucht jedoch offensichtlich, die derzeitige Unpopularität des Bundeskanzlers in Meinungsumfragen in Deutschland auszunutzen. Und möglicherweise auch, der rechtsextremen politischen Kraft Alternative für Deutschland zu helfen – im Rahmen der Unterstützung, die Donald Trump und sein Vizepräsident JD Vance ultrarechten politischen Kräften auf nahezu dem gesamten europäischen Kontinent gewähren.

Merz hat seine scharfen Einschätzungen zur Situation rund um den Krieg mit Iran inzwischen etwas korrigiert und ruft Teheran dazu auf, weitere Angriffe auf Israel und die Länder des Persischen Golfs einzustellen sowie auf die Möglichkeit des Besitzes von Atomwaffen zu verzichten. Doch kaum ist anzunehmen, dass diese Korrektur der Position des deutschen Bundeskanzlers Donald Trump zufriedenstellen wird.

Die wichtigste Frage ist, ob die Vereinigten Staaten tatsächlich bereit sind, ihre Truppen aus Deutschland – und nicht nur aus Deutschland – abzuziehen. Denn bei einer der letzten Begegnungen mit Journalisten wurde der Präsident der Vereinigten Staaten gefragt, ob er ebenso bereit sei, amerikanische Truppen auch aus Italien und Spanien abzuziehen. Trump antwortete darauf, dass auch dies in Betracht gezogen werden könne, da diese Länder den Vereinigten Staaten in ihrem Krieg mit Iran nicht helfen wollten und Spanien sich schlicht „schrecklich“ verhalten habe.

Doch die entscheidende Frage ist, wie sehr die Vereinigten Staaten selbst darauf angewiesen sind, ihre Truppen auf dem europäischen Kontinent zu stationieren. Eine nüchterne Analyse der globalen Lage zeigt, dass sowohl die europäischen Länder ein Interesse an der Fortsetzung der euro-atlantischen Solidarität und der Präsenz amerikanischer Truppen haben sollten, als auch die Vereinigten Staaten selbst aus rein logistischen Gründen Militärbasen in Europa benötigen – vorausgesetzt, sie wollen eine einflussreiche Supermacht bleiben, und zwar nicht nur auf dem europäischen Kontinent.

Die zentrale Frage ist, inwieweit Donald Trump selbst sich dessen bewusst ist. Inwieweit seine Bereitschaft, diejenigen zu bestrafen, die sich seinen Vorstellungen von der Realität nicht unterordnen – diejenigen, die das Recht ihrer Staaten auf Souveränität verteidigen und eigene Bewertungen der politischen Lage abgeben –, mit seiner Vorstellung davon vereinbar ist, wie sich die Beziehungen zu solchen Ländern und ihren Führern entwickeln sollten.

Am wichtigsten ist zu verstehen, ob Donald Trump die Abhängigkeit der Sicherheit der Vereinigten Staaten vom Konzept der europäischen und euro-atlantischen Solidarität begreift. Wenn man die Aussagen des amerikanischen Präsidenten nüchtern analysiert, erkennt man,     dass er nicht nur politisch, sondern selbst geografisch kaum Grundkenntnisse hat – und möglicherweise nicht versteht, wie sich die Schließung der einen oder anderen Militärbasis in Europa, insbesondere der bekannten Basis Ramstein Air Base, auf die Verteidigungsfähigkeit der Vereinigten Staaten auswirken könnte.

Und noch eine wichtige Frage: Gibt es im Umfeld von Donald Trump überhaupt kompetente Fachleute, die dem amerikanischen Präsidenten die Risiken seiner wenig sachkundigen Entscheidungen erklären könnten – und dabei auch gehört werden? Wir verstehen sehr gut, dass die Hoffnungen auf den US-Verteidigungsminister Pete Hegseth eher gering sind.

Und damit stellt sich die Frage: Wer kann ernsthaft, kompetent und vor allem mit Autorität mit einem Menschen sprechen, der niemandem zuhört – außer sich selbst?


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Titel des Originals: Трамп шокує Пентагон і нападає на Мерца| Віталій Портников. 01.05.2026.
Autor: [Name oder Kanal]
Veröffentlichung / Entstehung: Vitaly Portnikov
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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