Die Logik und das Chaos des Rückzugs. Vitaly Portnikov. 19.05.2026.


Amerikanische M1-Abrams-Panzer bei einer Militärparade in Polen. Foto: Artur Widak/NurPhoto via Getty Images

In Warschau versucht man die Folgen der faktisch gescheiterten Rotation amerikanischer Truppen in Polen zu minimieren. Präsident Karol Nawrocki telefonierte mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten Donald Trump, nach Warschau reist der stellvertretende Vorsitzende des Vereinigten Generalstabs der US-Streitkräfte, General Christopher Mahoney, und die Führung des polnischen Verteidigungsministeriums fährt ins Pentagon.

Das Wichtigste ist: Sowohl in Warschau als auch in Washington versucht man so zu tun, als sei nichts Außergewöhnliches geschehen, als handle es sich um routinemäßige Maßnahmen und als sei der Brief, in dem über die Absage der Rotation informiert wurde, einfach in irgendeinem geheimen Postfach liegen geblieben. All das wirkt ziemlich unbeholfen.

Praktisch offensichtlich ist, dass US-Verteidigungsminister Pete Hegseth beschlossen hat, die amerikanische Präsenz in Polen zu reduzieren. Und nicht nur in Polen – die amerikanische Präsenz in Europa insgesamt.

In Polen wird dies besonders schmerzhaft wahrgenommen, weil das Land stets Anspruch auf die Rolle des wichtigsten Verbündeten der Vereinigten Staaten erhob, und der frühere Präsident Andrzej Duda sogar plante, während Donald Trumps erster Amtszeit im Oval Office einen amerikanischen Stützpunkt im Land nach Trump zu benennen.

Und natürlich fühlt sich Polen – im Unterschied zu seinen westlichen Nachbarn – buchstäblich an der Frontlinie des russisch-ukrainischen Krieges. Deshalb hätte man auf eine aufmerksamere Haltung des Pentagons hoffen können.

Aber genau darin liegt der entscheidende Punkt: Im Pentagon möchte man nicht, dass die Vereinigten Staaten an dieser Frontlinie präsent sind, und versucht, Donald Trumps bizarre Idee umzusetzen, wonach der Krieg durch eine Verringerung der westlichen Präsenz und der amerikanischen Beteiligung beendet werden könne.

Deshalb könnten die Kürzungen gerade in Polen begonnen haben.

Es lohnt sich daran zu erinnern, dass Ende 2021, als in Russland bereits mit Hochdruck die Vorbereitungen für den Krieg gegen die Ukraine liefen, das Außenministerium der Russischen Föderation an das US-Außenministerium sowie an die Außenministerien anderer NATO-Mitgliedstaaten ein Schreiben verschickte, in dem sogenannte Sicherheitsgarantien für Russland gefordert wurden.

Dabei ging es nicht nur um das Versprechen, dass ehemalige Sowjetrepubliken – vor allem die Ukraine und Georgien – niemals Mitglieder der NATO werden würden, sondern auch um den Abzug moderner Waffensysteme aus den Gebieten jener Länder, die dem Bündnis nach 1997 beigetreten waren.

Im Grunde verlangte Präsident Putin von Washington die Wiederherstellung der russischen Einflusssphäre in Form der Einflusssphäre der ehemaligen Sowjetunion vor 1991.

Damals stimmte die amerikanische Regierung diesen dreisten Forderungen natürlich nicht zu, schlug Moskau jedoch vor, Verhandlungen über Sicherheitsgarantien in Mittel- und Osteuropa aufzunehmen.

Doch manchmal entsteht der Eindruck, dass Trump, wenn er sagt, unter seiner Präsidentschaft hätte der russisch-ukrainische Krieg niemals begonnen, damit meint, dass er Putins Forderungen gerne erfüllt hätte.

Die jetzige Idee mit der abgesagten Rotation könnte schlicht ein Schritt in die vorgegebene Richtung sein – in Richtung jener „Sicherheitsgarantien“, die Moskau bereits 2021 von Washington verlangt hatte.

Im Pentagon könnte man der Ansicht sein, dass die amerikanische Position dadurch nicht geschwächt, sondern im Gegenteil gestärkt werde – weil die Trump-Administration Bereitschaft demonstriert, Putins Wünschen entgegenzukommen, und dieser deshalb den Krieg beenden könne, indem er seine geopolitischen Ambitionen ohne aktive Kampfhandlungen befriedigt.

Natürlich kann man fragen: Wo bleiben dabei die Interessen der Ukraine, die Interessen Polens und die Interessen Europas?

Aber genau darin besteht das Wesen der gegenwärtigen Situation: Donald Trump interessieren weder die Interessen der Ukraine noch die Interessen Europas insgesamt – weil er überzeugt ist, dass diese Interessen in keinerlei Zusammenhang mit den nationalen Sicherheitsinteressen der Vereinigten Staaten stehen.

Die Sicherheitsinteressen der USA bestehen seiner Ansicht nach vielmehr in einem besseren Einvernehmen mit Putin und dem chinesischen Staatschef Xi Jinping sowie natürlich darin, diese beiden strategischen Partner voneinander zu trennen – obwohl diese keinerlei Anstalten machen, sich den Träumen des amerikanischen Präsidenten zuliebe voneinander zu lösen.

Und die Administration ist bereit, die Interessen der Europäer ihren unrealistischen Erwartungen zu opfern – nicht nur rhetorisch, sondern auch ganz konkret bei der Zahl der Soldaten, die in Europa stationiert bleiben sollen, und bei den Summen, die sie für die Sicherheit nicht nur der Ukraine, sondern auch ihrer Verbündeten im Nordatlantischen Bündnis bereitzustellen bereit ist.

Wenn man die Situation um die Rotation aus dieser Perspektive betrachtet, wirkt das Geschehen keineswegs chaotisch – sondern vollkommen logisch.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Логіка і хаос відступу. Віталій Портников. 19.05.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 19.05.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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1 Kommentar

  1. Avatar von Gamma Hans Gamma Hans sagt:

    Sehr geehrte Frau Viktoriya Limbach,

    vielen Dank für die Übersetzung und die Veröffentlichung dieses Beitrags. Der Text beschreibt nachvollziehbar die wachsende Verunsicherung in Polen und Europa angesichts möglicher Veränderungen der amerikanischen Militärpräsenz. Besonders zutreffend erscheint die Einschätzung, dass geopolitische Entscheidungen großer Mächte häufig weniger von moralischen Verpflichtungen als von strategischen Eigeninteressen bestimmt werden.

    Dennoch sollte man einige Aussagen kritisch hinterfragen. Die Darstellung der amerikanischen Politik unter Donald Trump wirkt stellenweise sehr eindimensional. Auch innerhalb der USA existieren unterschiedliche sicherheitspolitische Strömungen zwischen Pentagon, Kongress, Republikanern, Demokraten und den Verbündeten in der NATO. Daraus ergibt sich oft ein widersprüchliches Bild, das nicht allein auf persönliche Motive eines Präsidenten reduziert werden kann.

    Ebenso bleibt offen, ob eine Verringerung der amerikanischen Präsenz in Europa tatsächlich bereits eine grundlegende strategische Neuorientierung bedeutet oder eher Teil eines längerfristigen Druckmittels gegenüber europäischen NATO-Staaten ist, ihre eigenen Verteidigungsfähigkeiten auszubauen. Diese Debatte existiert schließlich nicht erst seit Trump.

    Wichtig erscheint mir außerdem, dass Europa aus dieser Entwicklung die richtigen Schlussfolgerungen zieht: Sicherheit, Stabilität und diplomatische Handlungsfähigkeit dürfen nicht dauerhaft von wechselnden politischen Mehrheiten in Washington abhängig bleiben. Eine eigenständigere europäische Sicherheitsarchitektur wäre deshalb keine Absage an die transatlantische Partnerschaft, sondern möglicherweise ihre notwendige Ergänzung.

    Der Beitrag regt jedenfalls zum Nachdenken an und macht deutlich, wie tiefgreifend sich die geopolitische Ordnung derzeit verändert.

    Mit respektvollen Grüßen

    Hans Gamma

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