Schmutzige Tänze mit Trump | Vitaly Portnikov @tvoyemistoTV. 18.10.2026.

Moderator: Ich begrüße alle zu einem weiteren Treffen des Expertenclubs von „Tvoye Misto“. Dieses Format, zunächst Podcasts und später Treffen, wurde irgendwann im vergangenen Jahr von seiner Leiterin Svitlana Zhabjuk ins Leben gerufen, die auch Mitbegründerin und Redakteurin von „Tvoye Misto“ war.

Die Idee war, dass nicht nur zwei oder drei Menschen im Land alles kommentieren sollten – oder, wie wir heute sehen, geschieht das auch weltweit –, sondern dass Menschen, die wirkliche Fachleute und Experten in ganz unterschiedlichen Bereichen sind, die für die Entwicklung der Gesellschaft wichtig sind, gehört werden und dass Sie sich auch persönlich mit ihnen unterhalten können. So kamen wir damals zu diesem Format persönlicher Treffen, die ebenfalls aufgezeichnet werden, wie auch das heutige. Unser heutiges Treffen des Expertenclubs wird also dem Thema gewidmet sein, wie sich die Welt verändert und welche Rolle die Ukraine auf der erneuerten oder neuen Weltkarte spielt. Und ich denke, der beste Redner dafür ist natürlich Vitaly Portnikov.

Wir hatten im Frühjahr bereits ein Treffen in etwas kleinerem Kreis, bei dem Sie viel über jene geopolitischen Verschiebungen gesprochen haben, die in der Welt stattfinden. Ich denke, am besten beginnen wir unser heutiges Gespräch mit dem, was gerade aus Amerika kommt, mit den jüngsten Äußerungen von Donald Trump. Als ich hierherfuhr, fragte man mich in der Redaktion: „Was meinst du, Taras, ist das etwas Bewusstes oder sind das einfach irgendwelche Stimmungsschwankungen, eine herbstliche Verschlimmerung?“ Was meinen Sie, was geschieht heute mit Donald Trump, der noch vor wenigen Tagen, vor einigen Wochen, eine Menge positiver Dinge über die Ukraine gesagt hat und jetzt plötzlich wieder alles verändert hat?

Portnikov: Ich würde mit den globalen Gesetzmäßigkeiten beginnen, denn man kann diese Frage aus journalistischer Sicht beantworten oder aus der Perspektive jener Veränderungen, die sich vor unseren Augen im Leben und in der Geschichte der Menschheit vollziehen. Bis zu einem gewissen Grad ist es durchaus symbolisch, dass wir dieses Treffen auf dem Stanisław-Lem-Platz abhalten. Eines der letzten Bücher von Stanisław Lem war sehr populär. Ich erinnere mich, dass man damals, als es erschien, mit diesem Buch den Salon der Fluggesellschaft LOT betrat und sah, dass die Sitznachbarn in verschiedenen Reihen es ebenfalls lasen. Das war das Buch „Die Welt am Abgrund“, in dem Lem über die sehr rasche Entwicklung der Informationstechnologien, der künstlichen Intelligenz und der Biotechnologie sprach und vorhersagte – denn im Unterschied zu vielen anderen Menschen war er immer Pessimist und kein Optimist, und es wäre auch seltsam gewesen, von einem Menschen, der das Pogrom in Lwiw und die kommunistische Zeit überlebt hatte, etwas anderes zu erwarten –, dass dies sehr unerfreuliche Folgen für die Menschheit haben würde: eine schwere Krise der Zivilisation, das Auftreten von Menschen an der Spitze dieser Zivilisationen, die unfähig sind, sich von Werten leiten zu lassen, und einen solchen Triumph des lumpenproletarisierten Teils der Bevölkerung. Und all das wurde vor einigen Jahrzehnten geschrieben, und wir leben jetzt einfach darin, bereits ohne Lem, aber auf dem Lem-Platz. Und das ist tatsächlich bis zu einem gewissen Grad die Antwort auf die Frage.

Wir verstehen sehr gut, dass die jüngsten Wahlereignisse in den Vereinigten Staaten von Amerika und in vielen anderen Ländern, übrigens auch in der Ukraine, kein Triumph des politischen Wettbewerbs sind, kein Triumph des gesunden Menschenverstands, kein Wettbewerb von Werten und Ideen. Es ist ein Triumph der Informationstechnologien und des Geldes, mit dem Informationstechnologien gekauft werden. Das Ausmaß ist so gewaltig, so groß, dass Sie gesehen haben, was geschah, als ukrainische Drohnen irgendein unbedeutendes Rechenzentrum von Yandex trafen, nicht einmal das wichtigste. Plötzlich stellte sich heraus, dass die Landschaft der sozialen Netzwerke völlig anders war als das, woran wir uns im letzten Jahrzehnt gewöhnt hatten. Ich möchte Sie davon überzeugen, dass wir eine völlig andere Welt sehen würden, wenn jetzt die Rechenzentren der Russischen Föderation und der Volksrepublik China verstummen würden und wenn das Geld von Elon Musk vom Markt verschwände, das er seinerseits durch die Zusammenarbeit mit der Regierung des Präsidenten der Vereinigten Staaten erhält und für die Aufrechterhaltung der Tätigkeit dieser Regierung ausgibt.

Wir leben einfach in einer Matrix, ohne uns dessen überhaupt bewusst zu sein. Und Donald Trump ist die anschauliche Verkörperung des Sieges eben dieser Matrix. Ein Mensch ohne irgendwelche Werte, ohne irgendwelche Überzeugungen, mit einer Gier nach Bereicherung, mit der Bereitschaft, seine Interessen buchstäblich innerhalb von 24 Stunden gerade wegen dieser Gier nach Bereicherung zu ändern. Ein Mensch, der gleichsam aus den Karikaturen der Zeitschriften „Krokodil“ und „Perec“ über amerikanische Imperialisten ins Oval Office geflohen ist. Wir lachten darüber und dachten: Wie primitiv sind diese sowjetischen Propagandisten, wenn sie dieses Bild von Uncle Sam schaffen. Denn solche Menschen hatten wir nie gesehen, auch nicht in Amerika. Und plötzlich stellte sich heraus, dass man eine solche Figur buchstäblich im Reagenzglas neuer Informationstechnologien züchten und zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika machen kann. Und man kann eine riesige Zahl von Menschen dazu bringen, zu glauben, dass gerade der Erfolg einer solchen Figur ihnen selbst die Möglichkeit gibt, ihr Leben zu verbessern, obwohl es in Wirklichkeit nur schlechter wird. Und ein kleiner Spoiler: Es wird auch weiterhin schlechter werden. Das lässt uns keineswegs kalt, im Gegenteil, es ist eher schlecht als gut, denn es ist schlecht, wenn der Einfluss der Vereinigten Staaten von Amerika schwächer wird. Aber es ist nun einmal so, wie es ist.

Wenn man also sagt, Trump habe plötzlich seine Position geändert, dann muss man feststellen: Trump war vom ersten Tag seiner politischen Karriere an gegen die Ukraine. Von dem Moment an, als er ins Weiße Haus kam, versuchte er, unsere Hilfe auszusetzen. Sie müssen sich daran erinnern, dass die Geschichten über die Javelins einfach mit dem Druck des Kongresses zusammenhingen, in dem die Demokraten die Mehrheit hatten. Das geschah unter dem Druck des Kongresses. Und jetzt hoffen wir doch darauf, dass Veränderungen im Kongress zu einer Ausweitung der Hilfe für uns führen können, weil Trump gezwungen sein wird, den Kongress zu berücksichtigen, den er jetzt nicht berücksichtigt. Trump suchte während seiner ersten Amtszeit als Präsident der Vereinigten Staaten nach Vereinbarungen mit Putin. Und sein damaliges Team, auf das er noch Rücksicht nehmen musste, zog ihn an Händen und Füßen von diesen Vereinbarungen weg. Wir wissen bis heute nicht, worüber sie bei diesen Treffen gesprochen haben, weil dort kein Dolmetscher des Weißen Hauses anwesend war, sondern nur ein Dolmetscher des Kremls. Als Trump nicht mehr Präsident war, blockierte er im Kongress erfolgreich die Hilfe für die Ukraine, die vom Präsidenten der Vereinigten Staaten vorgeschlagen worden war, sodass der damalige und heutige Sprecher des Repräsentantenhauses, Mike Johnson, die Frage dieser Hilfe einfach nicht zur Abstimmung stellte. Und die Demokraten hatten damals nicht genügend Stimmen, um diesen Widerstand des Sprechers zu überwinden.

Was geschah infolgedessen? Wir verloren Awdijiwka. Das ist eine direkte Folge der Tätigkeit von Donald Trump. Als Präsident der Vereinigten Staaten veranstaltet Trump im Oval Office hysterische Ausbrüche gegenüber Zelensky, wofür natürlich alle gemeinsam Zelensky Vorwürfe machten. Aber das war ausschließlich ein Vorwand, die Suche nach einem Vorwand, um der Ukraine nicht zu helfen. Denn Trump war sich bewusst, dass er nach der Unterzeichnung dieses unglückseligen Rohstoffabkommens nicht mehr so einfach auf diese Unterstützung verzichten könnte, und tat alles Mögliche, um die Unterzeichnung zu verhindern. Denn es gab einen Teil seines Teams, der ihn buchstäblich dazu zwang, uns zu helfen, und uns sagte, wir sollten dieses Abkommen unterzeichnen. Das war Senator Lindsey Graham, damit Trump keine Trümpfe mehr in der Hand hätte und nicht erklären könnte, warum er uns nicht hilft. Und jetzt sind wir in einer neuen Phase angekommen, in der das Gesetz von Lindsey Graham verabschiedet wurde und hier alle vor Freude tanzten. Und ich fragte die ganze Zeit: „Warum freut ihr euch denn eigentlich? Was ändert sich durch dieses Gesetz? Glaubt ihr wirklich, dass der Präsident der Vereinigten Staaten, der den Zollkrieg gegen China bereits verloren hat, Sanktionen gegen die Volksrepublik China verhängen wird? Wie stellt ihr euch das vor?“ Ohne Sanktionen gegen China haben all diese Gespräche über die Bestrafung der Abnehmer russischen Öls keinerlei Bedeutung, denn alle anderen Länder beziehen wesentlich geringere Mengen russischen Öls, die keinen Einfluss auf den russischen Haushalt haben. Und wie Sie sehen konnten, hat Trump dieses Gesetz zwar unterzeichnet, tat dies aber äußerst zurückhaltend, ohne große Zeremonien, ohne Journalisten. Es wurde einfach ein Foto veröffentlicht. Obwohl er, wie Sie wissen, normalerweise aus jeder Gesetzesunterzeichnung eine Show macht.

Ich kann also nicht sagen, dass hier jetzt etwas Neues geschieht. Ich halte das, was geschieht, sogar für einen Fortschritt und nicht für einen Rückschritt. Ich kann Ihnen sagen, warum. Denn als er beim letzten Mal zu dem Schluss kam, dass er die Möglichkeit habe, unsere Hilfe zu stoppen, kündigte er das öffentlich an. Das Verteidigungsministerium der Vereinigten Staaten unter der Leitung von Pete Hegseth erklärte, dass es die Lieferung von Geheimdienstinformationen einstelle, dass es die Waffenlieferungen einstelle – damals galt noch das Hilfspaket von Biden –, dass es alles einstelle. Jetzt schweigen sie, sie verheimlichen es.

Moderator: Nun, sie haben bereits gesagt, dass sie nichts eingestellt haben.

Portnikov: Dass sie die Lieferung von Geheimdienstinformationen nicht ausgesetzt haben. Sie werden auch sagen, dass sie Starlink nicht gedrosselt haben. Sie verhalten sich wie Saboteure im Einsatz, machen still und heimlich irgendetwas und geben es nicht zu. Und wie Sie verstehen, kann das ohnehin nicht lange so weitergehen.

Moderator: Und was kann sich ändern?

Portnikov: Nichts, alles wird zurückkehren. Entweder werden sie sagen: „Ja, wir stellen alles ein“, aber dazu werden sie nicht den Mut aufbringen, weil sie in wenigen Tagen Zwischenwahlen haben. Oder sie werden zur Normalität zurückkehren, ihnen bleibt nichts anderes übrig. Alle sagen: „Man darf Donald Trump nicht beleidigen, man muss alles tun, was er sagt, sonst wird er wütend.“ Nein, das funktioniert ganz anders. Donald Trump versteht nur Stärke und die Möglichkeit, zu verlieren. Wenn man Angst vor ihm hat, wird er einen mit Füßen zertreten, genau wie Putin. Diese Menschen verstehen nur die Sprache der Stärke. Alle haben bereits versucht, mit Donald Trump so zu sprechen: „Ach, schau mal, mein Kleiner, hier ist so ein Püppchen, schau mal.“ Alle europäischen Staats- und Regierungschefs haben vor ihm getanzt. Der NATO-Generalsekretär führte überhaupt irgendwelche akrobatischen Kunststücke auf. Und was hat das gebracht? Was hat das gebracht? Dass Trump jetzt Besprechungen über die Zukunft der NATO abhält und zu diesen Besprechungen gerade jene Länder nicht eingeladen werden, die den von Donald Trump geforderten Anteil der Verteidigungsausgaben erfüllen. Warum? Weil diese Länder in der Nähe Russlands liegen. All dieses Geld ist ihm völlig egal. Ich habe immer gesagt, dass dieses Geld für ihn ausschließlich ein Vorwand ist, um die NATO zu zerstören.

Wie Putin verlangt er von uns ständig Unmögliches, damit wir nicht zustimmen und er die Fortsetzung des Krieges legitimieren kann. „Schneidet euch doch den Kopf ab, dann kehren wir an den Verhandlungstisch zurück.“ Genauso denkt sich Trump ständig Bedingungen aus, die seine Partner seiner Meinung nach nicht erfüllen werden, damit er sagen kann: „Wir brauchen keine NATO.“ Und wenn das nicht geschieht, wenn sie alle seine Bedingungen erfüllen, stellt sich am Ende heraus, dass die NATO trotzdem nicht gebraucht wird. Und es stellt sich heraus, dass man gerade jene Länder ignorieren kann, die Donald Trumps Bedingungen erfüllen. Da haben Sie die Beispiele. Was soll man da machen? So ist diese Regierung.

Wir müssen also verstehen, dass wir erstens den 3. November 2026 erleben müssen. Das ist sehr wichtig. Danach beginnt eine neue politische Epoche, und dann werden wir sehen und entscheiden können. Wenn es einen demokratisch dominierten Kongress gibt, wenn es eine demokratische Mehrheit gibt, müssen wir mit dieser Mehrheit zusammenarbeiten, um die Regierung zu zwingen, im nationalen Interesse der Vereinigten Staaten von Amerika zu handeln. Das ist unsere gemeinsame Aufgabe und die der Amerikaner. Wenn es in den Vereinigten Staaten von Amerika einen Bürgerkrieg gibt, was durchaus möglich ist, falls Trump die Wahlergebnisse nicht anerkennt – in welcher Form, weiß ich nicht, aber es kann geschehen. Und wenn Sie dem skeptisch gegenüberstehen, erinnern Sie sich daran, dass alle auch dem Sturm auf das Kapitol skeptisch gegenüberstanden. Ich erinnere mich sogar nicht nur daran, dass man skeptisch war. Ich erinnere mich, dass ich während des Sturms auf das Kapitol mit einem Kollegen irgendwo war, ich weiß nicht mehr, in irgendeinem Café, und er sagte zu mir: „Schau mal auf den Bildschirm, da besetzen irgendwelche Leute das Kapitol.“ Und ich erlebte, würde ich sagen, ganz deutlich diesen Effekt, dass ein Mensch etwas sieht und es nicht sehen will. Ich sagte zu ihm: „Das kann nicht sein.“ „Wie kann das nicht sein? Schau, sie gehen die Treppe hinauf.“ „Nein, das kann nicht sein. Dort gibt es doch Sicherheitskräfte, dort gibt es solche Sicherheitsmaßnahmen. Das kann nicht sein. Das ist irgendein Fake.“ Ich trank noch ungefähr 15 Minuten weiter meinen Kaffee. Nach 15 Minuten dachte ich: „Nein, ich muss mich zusammenreißen. Das geschieht wirklich.“

Moderator: Wenn Sie sagen, dass er schon immer so war, dass es keine Stimmungsschwankung ist, sondern eine zielgerichtete Politik seit seiner vorherigen Amtszeit: Was ist sein Endziel?

Portnikov: Das Endziel ist, die Welt unter drei starken Männern aufzuteilen: sich selbst, Putin und Xi Jinping. Wobei völlig unklar ist, wozu er diese Welt braucht, wenn er 2029 das Präsidentenamt verlassen will. Aber wir müssen verstehen, dass er in seinen Fantasien vielleicht überhaupt nicht gehen wird. Noch einmal: Dieser Mensch lebt in seiner eigenen Welt. In seiner Welt kann seine Macht niemals enden. In seiner Welt wird Donald Trump Junior der nächste Präsident sein. In seiner Welt kann alles Mögliche geschehen. Erinnern Sie sich, dass er noch vor Kurzem einen Friedensrat gründete? Das haben schon alle vergessen. Erinnern Sie sich? Und er sagte, dass er lebenslanger Vorsitzender dieses Friedensrates sein werde und der Präsident der Vereinigten Staaten diesem Friedensrat als sein Sekretär angehören werde. Das hat er doch gemacht. Warum sollten wir glauben, dass er nicht irgendwelche Möglichkeiten ausarbeitet, um nach 2029 an der Macht zu bleiben? Das alles muss nicht geschehen, aber er kann so denken.

Seine Welt ist also eine Welt, in der es drei starke Führer und drei starke Staaten gibt und alle anderen Länder ihren Willen erfüllen müssen. Kanada ist ein Bundesstaat der Vereinigten Staaten von Amerika. Es soll auf Trump hören. Die Ukraine ist eine gewöhnliche Region irgendwo am Rande Russlands. Sie soll auf Putin hören. Was gibt es da zu diskutieren? Worüber soll man da überhaupt reden? Das ist die ganze Idee. Sie ist so einfach wie die Windeln des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Falls er welche trägt, natürlich.

Moderator: Wenn wir jetzt den Atlantik überqueren und nach Europa zurückkehren: Sie haben gesagt und sehr gut bemerkt, dass die digitale Welt heute vieles entscheidet und das prägt, worin wir leben, darunter auch Rechenzentren, die einfach physische Hardware sind und von irgendjemandem gesteuert werden. Könnte es eine Situation geben, in der in Europa solche Donald Trumps auftauchen? Wir haben heute bereits von Marine Le Pen gehört, dass sie im Falle eines Sieges die Ukraine nicht militärisch unterstützen werde.

Portnikov: Sehen Sie, in Bezug auf Europa gibt es eine vollständige Übereinstimmung der Interessen zwischen der Russischen Föderation, den Vereinigten Staaten von Amerika und der Volksrepublik China. Daran darf man ebenfalls nicht zweifeln. In der Russischen Föderation hört man ständig, wie schlecht die Europäische Union sei, wie sie die nationalen Regierungen unterdrücke, wie sie Russland daran hindere, normal mit europäischen Regierungen und Völkern Handel zu treiben, wie die Europäische Kommission und Ursula von der Leyen Agenten des Weltkapitals seien. All das hören wir von russischen Beamten. In der nationalen Sicherheitsstrategie der Vereinigten Staaten von Amerika steht ausdrücklich, dass die größte Bedrohung für Europa von transnationalen Organisationen wie der Europäischen Union ausgehe. Dort steht es schwarz auf weiß, dass die Europäische Union eine Bedrohung für Europa und die Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten und Europa darstellt. Das ist der offiziell beschlossene Kurs dieser Regierung.

Die Volksrepublik China würde, wie Sie verstehen, ebenfalls lieber mit jeder einzelnen nationalen Regierung zusammenarbeiten als mit der Europäischen Union als solcher. Alle diese Akteure haben unglaubliche Anstrengungen unternommen, damit Großbritannien die Europäische Union verlässt. Das war eine echte geopolitische Katastrophe des 21. Jahrhunderts, sowohl für Großbritannien als auch für die Europäische Union. Wobei viele das bis heute noch nicht verstehen. Ganz zu schweigen davon, dass sich Großbritannien seit dem Brexit in einer permanenten politischen Krise befindet. Dort gibt es inzwischen, ich weiß nicht mehr, den siebten, achten oder wievielten Premierminister seitdem, man kann sie kaum zählen. Cameron, Theresa May, Boris Johnson, Liz Truss, Rishi Sunak, Starmer und der jetzige Premierminister. Das sind sieben. Sieben in diesem kurzen Zeitraum. So etwas hat es noch nie gegeben. Die beiden größten Parteien befinden sich in einer Krise, die Stimmungen radikalisieren sich, es gibt Probleme in der Wirtschaft. Und ich erinnere mich sehr gut daran, wie die Brexit-Befürworter an den Tagen der Brexit-Abstimmung sagten: „Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie Großbritannien aufblühen wird, wie wunderbar es sich ohne Migranten, ohne europäisches Diktat leben lässt. Niemand wird uns vorschreiben, wie wir zu leben haben.“ Ich weiß nicht, ob Sie in letzter Zeit in London oder Manchester waren, ob Sie dort Migranten gesehen haben oder nicht, aber das nur nebenbei. Ich werde diesen ganzen Unsinn nicht einmal diskutieren. Die Ergebnisse sind völlig klar. Wenn die Europäische Union heute Großbritannien umfassen würde, wäre der Einfluss der Länder des gesunden Menschenverstands in Europa wesentlich stärker. Und da man immer auf Großbritannien hören musste, um es in der Union zu halten, wäre auch die antirussische Haltung der Europäischen Union heute wesentlich entschiedener. Stattdessen haben wir die Unterstützung Großbritanniens, das aber politisch von Europa isoliert ist.

Moderator: Könnte in dieser Situation eine neue, ich weiß nicht, Sicherheitsarchitektur zwischen diesen Ländern entstehen, unabhängig von der Europäischen Union? Oder könnte Großbritannien irgendwann einen Ausstieg aus dem Brexit vollziehen und eines Tages zurückkehren?

Portnikov: Ich denke, dass es jetzt gerade Schritte geben wird, die auf die Zerstörung der Europäischen Union als solcher abzielen. Und tatsächlich werden diese Schritte sowohl von der amerikanischen Regierung als auch vom Kreml unternommen. Einer der ersten solchen Schritte ist zweifellos die technologische und finanzielle Unterstützung ultrarechter Kräfte auf dem gesamten Kontinent. Und auch das verheimlicht niemand. Führende Vertreter der Vereinigten Staaten treten in europäischen Hauptstädten mit rechtspopulistischen Manifesten auf. Sowohl JD Vance als auch Marco Rubio, und auch Elon Musk verheimlicht das nicht. Dafür werden politische Ressourcen und Geld eingesetzt, Bots, Sabotageaktionen, die Verschärfung von Migrationskrisen. All das ist der Nährboden, auf dem das Ansehen von Parteien wie der Alternative für Deutschland und von Politikern wie Marine Le Pen wächst. Das ist ein realer Einfluss von außen.

Ich möchte Sie daran erinnern, dass ich 2022, vor der großen Invasion, in meinen Sendungen gerade darüber sprach, dass ich große Angst hatte, der Zustrom von Millionen Migranten aus der Ukraine könnte zu einer Migrationskrise vom Ausmaß der syrischen Krise führen und dadurch den Einfluss rechtsradikaler Kräfte in ganz Europa stärken. Das ist zum Glück nicht geschehen, aber es geschieht jetzt. Und all diese Angriffe auf die Ukraine sind ebenfalls Teil der Bemühungen, eine neue Welle der Migrationskrise auszulösen, also eine neue Migrationswelle, eine Migrationskrise zu organisieren: „Wenn man den Ukrainern jetzt nicht mehr mit derselben Begeisterung begegnet wie 2022, dann versuchen wir doch, sie noch einmal dorthin zu schicken.“ Auch das gehört zu diesem Kalkül. All das ist eine reale Gefahr.

Moderator: Und außerdem bedeutet das den Verlust von Menschen. Hier sind viele Unternehmer anwesend, die das sehr stark spüren.

Portnikov: Natürlich, und sie werden es auch weiterhin spüren, denn all das wird nicht aufhören. Auch das gehört also zu dieser Geschichte. Die Zerstörung des europäischen Projekts ist eine der wichtigen Aufgaben der rechtspopulistischen und auch linkspopulistischen Kräfte in Europa, die im Grunde Kräfte des äußeren Einflusses entlang der Achse Washington–Moskau–Peking sind. Und ich glaube, Sie können sich nicht einmal vorstellen, welche Summen dafür ausgegeben werden. Übrigens nicht nur von Amerikanern und nicht nur von Russen. Wenn Sie den Fernseher einschalten, falls Sie ihn überhaupt noch einschalten, und dort einen ukrainischen Experten sehen, der mit kluger Miene sagt: „China ist sehr daran interessiert, dass Russlands Krieg gegen die Ukraine endet, und sucht nach politischen Mechanismen, während unsere Regierung keinen ernsthaften Dialog mit Peking zustande bringt“, dann wissen Sie, dass für diesen wunderbaren Menschen nicht nur ein Yuan ausgegeben wurde. Alle russischen Rubel, die zur Unterstützung der ukrainischen Pseudoelite eingesetzt wurden, sind jetzt durch chinesische Yuan ersetzt worden. Es ist im Grunde dasselbe. Oder Dollar, das spielt keine Rolle. Entscheidend ist die Herkunft dieser Währung.

Moderator: Früher gab es den Pessimisten Stanisław Lem. Jetzt haben wir den Realisten Vitaly Portnikov, der uns auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Aber vielleicht könnten wir zum Positiven übergehen, denn bei unserem vorherigen Treffen des Expertenclubs sprach Pavlo Sheremeta, der ehemalige Minister für Wirtschaft und Handel, darüber, dass es eine Studie gibt, der zufolge Optimisten im Durchschnitt acht Jahre länger leben.

Portnikov: Wenn sie überleben.

Moderator: Das klang fast optimistisch. Wenn wir nun auf unsere Eigenständigkeit schauen: Was kann die Ukraine in all dem tun? Ich erinnere mich, dass ungefähr 1990, wenn ich mich nicht irre, Dmytro Pawlytschko von der Tribüne der Werchowna Rada aus die damalige Margaret Thatcher bat, eine britische Botschaft in Kyiv, in der Ukraine, zu eröffnen. Darauf antwortete sie, dass unterworfene Länder diese Möglichkeit, dieses Recht nicht hätten, und lächelte sogar. Seitdem sind gerade einmal 35 Jahre vergangen. Im historischen Kontext ist das wahrscheinlich sehr wenig. Und wir haben nicht nur eine Botschaft, die die Ukraine aktiv unterstützt, sondern inzwischen gibt es sogar in Lwiw ein Büro des britischen Königs. Bedeutet das, dass wir in einem ziemlich kurzen Zeitraum einen Quantensprung gemacht haben, besonders in den letzten Jahren, was die Veränderung unserer Eigenständigkeit in der Welt betrifft?

Portnikov: Nun, Margaret Thatcher sagte Dmytro Pawlytschko einfach die Wahrheit. Man muss nicht mit einer Botschaft anfangen, sondern mit der eigenen Eigenständigkeit. Wenn du eigenständig bist, wirst du eine Botschaft haben. Wenn du nicht eigenständig bist, wird dir keine Botschaft helfen. Übrigens gab es damals, als Dmytro Pawlytschko sich an Margaret Thatcher wandte, bereits eine völlig vollwertige Vertretung der Ukrainischen SSR bei den Vereinten Nationen, mit eigenem Büro, einem Ständigen Vertreter und allem, was auch andere souveräne Staaten hatten, außer einer einzigen Sache: der Souveränität und der Möglichkeit, eigene außenpolitische Entscheidungen und überhaupt irgendwelche eigenen Entscheidungen zu treffen. In dieser Hinsicht war das meiner Meinung nach eine absolut nüchterne Antwort. Überhaupt erscheint vieles, was damals nüchtern war und wie Unsinn klang, heute wie eine Vorhersage, die sich bewahrheitet hat. Wir diskutieren immer als Zeichen geopolitischer, würde ich sagen, Kurzsichtigkeit die berühmte Rede des Präsidenten der Vereinigten Staaten, George Bush senior, vor der Werchowna Rada der Ukraine im August 1991, in der George Bush uns aufforderte, Gorbatschows erneuerte Union zu unterstützen. Und diese Rede wurde damals natürlich sehr kritisch aufgenommen. Ich erinnere mich sehr gut daran, dass ich die Entwürfe dieser Rede noch in Moskau von dem Team sah, das George Bush begleitete, und ihnen sagte, dass es ein gewaltiger Fehler wäre, wenn er das verkünden würde. Denn wenn die Ukraine unabhängig werde – ich sagte ihnen, dass dies in den nächsten Jahren geschehen könnte, nicht in Wochen, sondern in Jahren; ich dachte nicht, dass es den Putsch des Staatskomitees für den Ausnahmezustand geben und sich dadurch alles so beschleunigen würde –, dann würde diese Rede, gelinde gesagt, strategisch nicht besonders begründet erscheinen. Und sie sagten mir, George Bush senior werde dann schon nicht mehr Präsident der Vereinigten Staaten sein, und das werde keine Bedeutung mehr haben. Niemand erwartete, dass es so unmittelbar geschehen würde.

Aber wovon ließ sich George Bush leiten, als er das sagte? Er sagte, dass im Falle der Unabhängigkeit der Ukraine große Kriege unvermeidlich seien. Er stützte sich auf die Erfahrungen des Krieges im ehemaligen Jugoslawien, der damals stattfand, und übertrug die Erfahrungen Russlands und der Ukraine auf die Erfahrungen Serbiens und Kroatiens. Das heißt, das Gefährlichste für Staaten wie die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien oder die Sowjetunion ist ein Konflikt zwischen den beiden wichtigsten Teilstaaten. Denn Konflikte zwischen kleineren Teilstaaten und sogar zwischen der Metropole und kleineren Teilstaaten erwecken den Eindruck von Stabilität. Vereinfacht gesagt erweckte die lange Krise in den Beziehungen zwischen Serbien und seiner Autonomie Kosovo nicht den Eindruck eines großen Krieges. Das, was mit den georgischen Autonomien und mit Transnistrien in Moldau geschah, erweckte nicht den Eindruck eines großen Krieges. Der Karabach-Konflikt wurde einfach als ethnischer Zusammenstoß zweier Völker wahrgenommen.

Als aber der Krieg zwischen Russland und der Ukraine begann, verstanden alle, wie die Welt und Europa künftig aussehen würden und was auf uns zukommen würde. Dasselbe geschah, als es den Krieg zwischen Serbien und Kroatien gab. Er zerriss Jugoslawien buchstäblich und weitete sich auf Bosnien aus, auf den Konflikt zwischen den Serben in Kroatien und der dortigen muslimischen Bevölkerung. Das wurde also zu einer einzigen großen Katastrophe. Und all das geschah gerade 1991. Wir müssen anerkennen, dass George Bush eine absolut richtige Prognose abgegeben hat, die sich erst später erfüllte. Sein Problem war, dass unsere Unabhängigkeit eintrat, als er Präsident war, unser Krieg aber erst stattfand, als er nicht mehr Präsident war. Wenn das unmittelbar geschehen wäre, würde seine Rede als geniale Vorhersage der Zukunft gelten, wenn Sie sie heute noch einmal lesen.

Dabei erwies sich sogar die von ihm genannte Ursache dieses Krieges als geniale Vorhersage der Zukunft, denn er sprach in seiner Rhetorik von nationalistischen Stimmungen in der Ukraine. Aber genau das ist doch das Wesen der russischen Haltung zu dieser Frage. Sobald die Russen sahen, dass die Ukrainer in ihrem eigenen nationalstaatlichen Paradigma leben wollten und nicht einfach ein Randgebiet der Sowjetunion und eine umbenannte Sowjetrepublik sein wollten, sobald sie sahen, dass die Ukrainer bereit waren, ihre eigene geopolitische Wahl zu treffen – was im Grunde Nationalismus ist, wenn ein Land selbst entscheiden will und nicht nach dem Diktat der Metropole –, begannen sie einen großen Krieg zur endgültigen Lösung der ukrainischen Frage und zur Vernichtung des ukrainischen Staates. Was war daran falsch? Wir wollten einfach, dass all das falsch wäre, aber es war richtig.

Die Sache ist nur, dass man Menschen mit solchen Prognosen nicht davon abhalten kann, frei sein zu wollen. Aber die Menschen verstehen manchmal nicht einmal, dass sie, wenn sie sich für die Freiheit entscheiden, zugleich eine Entscheidung zugunsten des Krieges treffen. Wann begann der russisch-ukrainische Konflikt tatsächlich, der auf keine andere Weise als durch Krieg und die gegenseitige Vernichtung dieser beiden benachbarten Völker gelöst werden konnte? Am 24. August 1991, als eindeutig erklärt wurde, dass die Ukraine und Russland zwei verschiedene Staaten sein würden. Alle Voraussetzungen für diesen Konflikt wurden damals geschaffen. Und Sie wissen, dass ich einer derjenigen war, die das schon damals verstanden und alles Mögliche zu tun versuchten, damit es nicht dazu kam.

Gerade wenn ich an diese Zeit der Auseinandersetzung zwischen Pawlytschko und Margaret Thatcher denke, erinnere ich mich daran, dass ich meiner Meinung nach der einzige Publizist im gesamten postsowjetischen Raum war, der einen großen Text gegen die Unabhängigkeit der Russischen Föderation schrieb. Denn damals entstand die, wie ich bis heute finde, völlig bizarre Idee einer Unabhängigkeit Russlands von der Sowjetunion. Wie soll das gehen? War die Sowjetunion etwa nicht Russland? Ich schrieb in Moskau einen großen Artikel für die „Nesawissimaja Gaseta“, den ich irgendwann auch auf Facebook veröffentlicht habe. Darin sagte ich, dass die Russische Föderation gemeinsam mit denen, die eine erneuerte Union schaffen wollten, eine erneuerte Union gründen müsse, gemeinsam mit denen, die mit Russland in dieser erneuerten Union zusammen sein wollten und die ihre Unabhängigkeit als solche nicht erklärt hatten. Wir wussten, wer das war. Das war die Russische Föderation, das war die Mehrheit der Länder Zentralasiens. Zumindest Kasachstan, Tadschikistan, Turkmenistan und Kirgisistan. Wahrscheinlich alle mit Ausnahme Usbekistans. Das war die Republik Belarus. Eine riesige Grundlage für eine erneuerte Union.

Und wir, die Länder, die ihren Austritt aus der Union und die Aufkündigung des Unionsvertrags erklärt hatten – Lettland, Litauen, Estland, die Ukraine, die Republik Moldau und wahrscheinlich Armenien, Georgien und Aserbaidschan –, würden unseren eigenen Weg gehen. Wobei wiederum jedes Land selbst entscheiden würde, ob es dieser erneuerten Union beitreten möchte oder nicht. Ihr schafft in eurem Staat diese erneuerte Union, und wir unterhalten gute Beziehungen zu euch als Union. Wir sind gegangen, ihr seid geblieben, alles ist in Ordnung. Von wem erklärt ihr eure Unabhängigkeit?

Und damals, ich habe das schon mehrfach erzählt, traf sich Boris Nikolajewitsch Jelzin nach diesem Artikel mit mir und sagte: „Drei Punkte, merk dir drei Punkte. Verstehst du? Erstens: Ich will Gorbatschow loswerden.“ Nun, verständlich, „er hindert mich daran, Reformen durchzuführen“. Das klingt logisch. Wir sehen heute, was das für Reformen waren. „Zweitens: Die russischen Republiken, die jetzt aus der Russischen Föderation austreten und Unionsrepubliken werden keinen Ort mehr haben, wohin sie austreten können.“ Nun, verständlich, der Tschetschenienkrieg. Wir wissen, wozu das führte. Zu zwei Tschetschenienkriegen, zu Flächenbombardements von Grosny, zum Tod Tausender Menschen. Das war der zweite Punkt. Und als dritten Punkt sagte er: „Du musst wissen, welcher der wichtigste ist.“ „Und welcher ist der wichtigste?“, fragte ich. „Mit der Ukraine“, sagte Boris Nikolajewitsch, „bin ich Präsident eines europäischen Staates, und ohne die Ukraine bin ich Präsident eines asiatischen Staates. Und Präsident eines asiatischen Staates will ich nicht sein und werde ich nicht sein.“ Und er ging.

Und das geschah noch vor dem 1. Dezember 1991. Am 1. Dezember 1991 begann die Idee, die Ukraine in eine erneuerte Union hineinzuziehen. Aber schon davor hatte der Pressesprecher des russischen Präsidenten, Waschtschanow, gerade am 24. August 1991 erklärt: „Wir haben keinerlei Ansprüche gegenüber den ehemaligen Unionsrepubliken, die ihre Unabhängigkeit erklären, solange sie sich mit uns in einer Union befinden, und behalten uns das Recht auf solche Ansprüche vor, wenn sie aus einer solchen Union austreten.“ Das wurde doch alles sofort gesagt. Wir hatten, bildlich gesprochen, diesen Unabhängigkeitsakt noch nicht einmal ausdrucken können. Und sie hatten das bereits gesagt.

Nur hatten die Russen bis zum Jahr 2000 und irgendetwas, ich weiß nicht einmal genau bis wann, wahrscheinlich bis 2019, immer noch die Illusion, dass sie die Ukraine auf politischem Wege zurückholen könnten. Und selbst wenn in dieser Ukraine plötzlich Ukrainer, ukrainisch denkende Menschen, an die Macht kamen, würden sie später trotzdem Revanche nehmen. „2004 kamen sie an die Macht und veranstalteten einen Aufstand. Wir nahmen 2010 Revanche. 2014 kamen sie an die Macht und veranstalteten einen Aufstand. Wir nahmen 2019 Revanche.“ Die Erkenntnis, dass diese Revanche von 2019 keine solche Revanche war wie die von 2010 und dass Zelensky, um Putin zu zitieren, „Angst vor den Nationalisten bekam“ – das ist ein wörtliches Zitat –, bestimmte im Grunde all das voraus, worin wir heute leben. Aber wir hätten schon sehr viel früher so leben müssen, wenn sie nicht in ihren Illusionen gelebt hätten. Mehr als 30 Jahre.

Moderator: Als sie also begriffen, dass wir niemals mit ihnen zusammen sein würden, beschlossen sie im Grunde, einfach zu versuchen, uns zu vernichten.

Portnikov: Nun, wenn wir von „uns“ sprechen, nehmen wir uns wieder einmal viel zu wichtig. Die Russen brauchen uns so nötig wie ein Kropf. Sie brauchen nicht uns, sie brauchen ukrainischen Boden, Territorium. Die ukrainische Bevölkerung brauchen sie nicht. Überschätzen Sie sich nicht, sozusagen. Bei ihnen gibt es, entschuldigen Sie: „Sibirien allein – unermesslich weit! Wie viel Kerker! Wie viel Leut!“ Aber in Sibirien gibt es schon niemanden mehr. Hinter dem Ural lebt niemand. Wie groß ist der Bevölkerungsanteil der föderalen Bezirke Ural, Sibirien und dieses, wie heißt es, Fernost? Zehn, fünfzehn, zwanzig Prozent der Bevölkerung der Russischen Föderation? Alle leben dort, wo sie schon immer lebten, zwischen Wladimir, Susdal und Moskau. Aber ihr Territorium gefällt ihnen, weil dieses Territorium sie zum größten Land der Welt macht. Es erlaubt ihnen, irgendeinen Blödsinn über einen Tunnel zwischen Alaska und Tschukotka zu erzählen, verstehen Sie? Und ein solcher geopolitischer Akteur zu sein.

Um ein geopolitischer Akteur in Europa zu sein, und damit setze ich Jelzins Gedanken fort, brauchen sie ukrainisches Territorium. Je näher sie an den Orten sind, die sie mit ihren Raketen erreichen können, desto wichtiger ist ihre Rolle auf dem europäischen Kontinent. Zivilisatorisch haben sie doch nichts geschaffen außer Angst. Aber auch die Angst braucht Raum, um sich auszubreiten. Verstehen Sie, es ist eine Sache, wenn Sie es mit irgendeinem Banditen zu tun haben, der irgendwo in einer Arbeitersiedlung lebt und bei dem unklar ist, ob er mit seiner Vorortbahn überhaupt zu Ihnen gelangt. Vor allem, wenn Sie zwischen dieser Bahn und Ihrem Bahnhof Grenzbeamte und Polizei aufstellen und er ausschließlich auf seiner eigenen inneren Strecke fahren kann. Eine andere Sache ist es, wenn er den Bahnhof selbst besetzt. Die Ukraine ist für ihn ein solcher Bahnhof. Sie versuchen, ihn zu besetzen.

Moderator: Für ihn ist es so, aber für uns ist es ganz anders. Für uns sind die Menschen wichtig. Wir wissen ganz genau, dass es hier, sogar in unserem Publikum, Menschen gibt, die unglaubliche Spitzenleistungen erreichen und in ihren Geschäftsbereichen weltweit, in Europa und in der Welt, führende Positionen einnehmen. Sie kennen wahrscheinlich ebenfalls viele solche Beispiele. Bedeutet das, dass wir so etwas werden können wie, vereinfacht gesagt, Israel? Im Grunde ein kleines Land, das aber immer sehr einflussreiche Menschen hatte, natürlich auch infolge vieler schlimmer Jahrzehnte.

Portnikov: Vieler Jahrzehnte des Krieges, infolge vieler Jahrzehnte des Krieges.

Moderator: Nun, bei uns sind es auch schon zwölf Jahre, oder wenn man, wie Sie sagten, seit 1991 rechnet, dann ist es anders. Nur fand der Krieg damals wahrscheinlich auf einer anderen, kognitiven Ebene statt. Können wir genauso werden? Nicht nur, dass wir heute populär sind, dass die Ukraine populär wird, sondern können wir einflussreich werden, so wie die jüdischen oder protestantischen Gemeinschaften in Amerika oder wie es sie auch in vielen europäischen Ländern gibt? Wird die ukrainische politische Nation heute einflussreich? Und was müssen wir tun, damit wir, während der Feind hier den Boden schätzt, unsere Menschen besser wertschätzen und diese Menschen die Ukraine noch besser verteidigen können?

Portnikov: Nun, das ist eine gute Frage, weil sie die wichtigste Voraussetzung aufwirft: Wir können einflussreich sein, wenn wir den Staat bewahren. Und das sage ich den Ukrainern im Ausland ständig. Hoffen Sie nicht, dass Sie Ukrainer bleiben können, wenn es keinen Staat mehr gibt. Das wird bei den Ukrainern nicht so funktionieren wie, vereinfacht gesagt, bei den Juden oder Armeniern. Juden und Armenier sind auf die eine oder andere Weise abgeschlossene religiöse Gemeinschaften, die Armenier weniger, die Juden stärker, aber es sind trotzdem abgeschlossene religiöse Gemeinschaften, in denen schon das Gotteshaus von anderen Gotteshäusern getrennt ist. Man kann nicht einfach etwas anderes werden. Oder man muss sich selbst verändern, und nicht jeder ist dazu bereit. Die Ukrainer sind eine viel offenere Nation, weil sie Teil der allgemeinen orthodoxen und griechisch-katholischen Welt sind. Deshalb werden die Ukrainer ohne die Ukraine nicht überleben. Ich sage immer, dass man das verstehen und die Ukraine sowohl als Staat als auch als Land wertschätzen muss, das einem erlaubt, man selbst zu sein. Das ist der höchste Wert für einen Menschen: man selbst zu bleiben. Glauben Sie mir als einem Menschen jüdischer Herkunft. Das ist also der erste Punkt in Bezug auf den Einfluss.

Der zweite Punkt in Bezug auf den Einfluss ist eine realistische Haltung zum Dialog. Ich beginne ebenfalls zu denken, dass sich für uns jetzt neue Möglichkeiten eröffnen, falls es uns gelingt, in diesem Konflikt eine Art stabiles Plateau zu erreichen. Wir müssen darüber nachdenken, wie wir die Möglichkeiten dieses ukrainischen Staates nutzen können, die Diaspora, die inzwischen viele Millionen Menschen umfasst. Ich sehe jetzt eine völlig neue Qualität der ukrainischen Diaspora in der Welt, in Europa, in den Vereinigten Staaten. Ich erinnere mich ganz genau daran, dass die Diaspora, der ich in den 1990er-Jahren begegnete, hinsichtlich des Einflusses und der Möglichkeiten ihrer Mitglieder nicht so war. Wenn ich mich mit der jüdischen und mit der ukrainischen Diaspora traf, verstand ich den Unterschied sehr gut. Selbst in den Vereinigten Staaten besuchte ich ukrainische Museen in Amerika und sah dort beispielsweise einen Gedenkraum für ein Mitglied irgendeiner städtischen gesetzgebenden Versammlung. Und in einem polnischen Museum gab es einen Gedenkraum für irgendeinen, sagen wir, polnischstämmigen Senator aus dem Bundesstaat Illinois. Da war also ein Pole, Senator des Bundesstaates Illinois. Das ist eine große Leistung der Diaspora.

Sie verstehen doch, dass es in einem jüdischen Museum keine Gedenkräume für Kongressabgeordnete gibt, weil man ein jüdisches Museum nicht in eine Flucht von Gedenkräumen verwandeln kann. Nun, es gab dort Kongressabgeordnete, und das war es dann auch. Wie viele es waren, werden wir nicht lange zählen. Das ist also keine Leistung. Die Leistung liegt in etwas anderem. Für Juden besteht die Leistung darin, dass die Gemeinschaft erhalten bleibt, und nicht darin, dass sie bestimmte Menschen an der Macht hat. Und das ist ein wichtiger Punkt, denn heute müssen wir darüber nachdenken, wie wir den Einfluss dieser Menschen nutzen können, die in großen Konzernen arbeiten, die übrigens Pastoren in großen Gemeinden werden. Völlig neue Menschen, völlig neue Prozesse, völlig neue Möglichkeiten. Menschen, die sich vor dem Hintergrund des ukrainischen Widerstands daran erinnern, dass sie Ukrainer sind. Im Grunde gibt der ukrainische Widerstand ihnen die Möglichkeit aufzuwachen, vielen Menschen, die sich vielleicht vorher nicht als Ukrainer empfunden haben.

Und ich sehe darin übrigens, würde ich sagen, Parallelen zum Jahr 1967 in der Sowjetunion, zu den Juden, von denen sich eine riesige Zahl einfach dafür schämte, Juden zu sein, weil man ihnen ständig sagte: „Wo wart ihr denn? Was habt ihr gemacht? Als Krieg war, haben wir alle gekämpft, und ihr wart in Taschkent, weil ihr nicht kämpfen könnt.“ Und selbst Menschen, die selbst Frontsoldaten waren, mit Orden, oder deren Großväter oder Großmütter im Krieg gefallen waren, schämten sich dafür, dass sie angeblich so unglücklich und unfähig zum Kämpfen waren, im Gegensatz zum russischen Menschen, diesem großen Krieger überhaupt. Und dann kam 1967, als Israel die sowjetischen Flugzeuge vernichtete, noch bevor sie starten konnten, sowjetische Militärinstrukteure tötete und die Armeen der Staaten vernichtete, die sich an Moskau orientierten. Das löste natürlich eine unglaubliche Welle des Antisemitismus aus, aber auch einen Aufschwung des Nationalstolzes. Die Menschen erinnerten sich daran, wer sie waren und wer sie sein konnten. Und mit den Ukrainern in der Welt geschieht jetzt ebenfalls so etwas. Das darf man nicht ungenutzt lassen, verstehen Sie?

Moderator: Aber wir sprechen heute sehr wenig über die globalen Ukrainer im positiven Sinne. Wir hören viel über das Monaco-Bataillon, wissen aber sehr wenig über jene Ukrainer, die wirklich viel erreicht haben und Unterstützung leisten.

Portnikov: Nun, es gibt bereits viele solche Ukrainer, die noch in den Vorkriegsjahren ausgewandert sind, die schon lange in verschiedenen Ländern leben, Unternehmen haben, der Ukraine helfen und vielleicht ebenfalls nicht besonders bekannt sind. Ich treffe viele solche Menschen. Und ich treffe übrigens viele Menschen, die sich bewusst für das Ukrainertum entschieden haben und die im Grunde sehr oft sogar ihre eigenen Positionen in den einen oder anderen religiösen oder politischen Gemeinschaften für ihr Ukrainertum riskieren. Ich sehe das. Wir sprechen viel über die Unterstützung für Trump, über die Evangelikalen, auf die er sich stützt. Das ist übrigens gerade ein großer Teil jener Gemeinschaften, die Israel unterstützen. Aber zugleich sehe ich jetzt, wie in diesen evangelikalen Gemeinschaften der Vereinigten Staaten echte Prozesse stattfinden, bei denen Menschen eigens ukrainische Kirchen und ukrainische Gemeinden gründen. Neue Pastoren, neue geistliche Leiter treten auf, Menschen, die riesige Summen für die Ukraine sammeln. Es gibt Menschen, die, wie ich in Portland in Oregon gesehen habe, russischsprachige protestantische Radiosender kaufen, um daraus ukrainische zu machen. Ich habe einen solchen Sender gesehen und ihm ein Interview gegeben. Er heißt jetzt Radio Maidan. Noch gestern war das ein Radiosender der slawischen Gemeinde. Aber dieser Mensch hat sein eigenes Geld investiert, verstehen Sie, weil er sich als Ukrainer empfand.

Moderator: Im Grunde beginnen wir erst langsam, das zu tun, was Russland jahrzehntelang, wenn nicht jahrhundertelang, im Informationsbereich getan hat.

Portnikov: Sowohl bei uns als auch in der ganzen Welt versuchte Russland, die Menschen davon zu überzeugen, dass nur seine Zivilisation wichtig sei. Deshalb versuche ich seit ungefähr einem Jahr – das ist natürlich keine leichte Arbeit, wenn man so herumreist wie dieser Handelsreisende Menachem Mendel von Scholem Alejchem –, aber dadurch sehe ich, welch großes Potenzial das ukrainische Volk im weitesten Sinne dieses Wortes hat. Und wie viele Menschen ihr Ukrainertum wiederfinden und es nicht verlieren, sowohl hier als auch außerhalb des Landes. Ich glaube, dass die zukünftige Ukraine gerade in dieser Symbiose existieren muss. So wie übrigens Irland existiert. Wir sprechen viel über Israel, aber Israel ist wiederum eine besondere Situation, weil es um die Entscheidung von Menschen geht, die in das Land ihrer Vorfahren gekommen sind, um einen Staat aufzubauen. Aber es gibt doch Irland, wo niemand irgendwohin gekommen ist, wo alle schon da waren, aber eine große Zahl von Menschen ausgewandert ist und Iren geblieben ist.

Moderator: Und einen Irish Pub gibt es in jedem Land, in jeder Stadt.

Portnikov: Nun, nicht nur einen Pub, sondern auch einen irischen Präsidenten. Ich erinnere mich, dass ein BBC-Korrespondent Joseph Biden nach seiner Wahl bat, zwei Worte an das BBC-Publikum zu richten. Er sagte zwei Worte. Er sagte: „Ich bin Ire.“ Denn das ist Stolz auf das Eigene, auf die eigenen Wurzeln. Und ich würde mir wünschen, dass die ukrainische Gemeinschaft genauso wäre wie die irische: global, aber verwurzelt. Dafür braucht es jedoch eine entsprechende staatliche Politik. Der Premierminister Irlands und die irischen Minister packen am St. Patrick’s Day ihre Koffer und reisen zu den irischen Gemeinschaften in aller Welt. Der Premierminister kommt, glaube ich, in die Vereinigten Staaten. Und die Iren sehen, dass der Staat sich an sie erinnert, sich um sie kümmert und sich als eine Einheit mit ihnen betrachtet.

Moderator: Das heißt, wir sollten sowohl die öffentliche als auch die nichtöffentliche Volksdiplomatie stärken.

Portnikov: Ich denke einfach, dass unsere einzige wirkliche Antwort auf Russlands Krieg gegen die Ukraine der Widerstand gegen die russische Aggression ist. Und unsere einzige wirkliche Antwort auf die „Russki Mir“, die russische Welt, ist die ukrainische Welt. Und dafür muss man sich nicht schämen. Die ukrainische Welt kann nicht weniger interessant, nicht weniger groß, nicht weniger attraktiv und nicht weniger zivilisatorisch eigenständig sein als die „Russki Mir“, vielleicht sogar noch mehr.

Moderator: Zugleich haben wir, als wir letzte Woche mit Pavlo Sheremeta über die Produktivität gesprochen haben, die unsere Verteidigungsfähigkeit erhöhen soll, gehört, dass Wettbewerb ein außerordentlich wichtiger Faktor für das Wachstum der Produktivität ist. Er sagte auch, dass das Land global mit anderen Ländern konkurrieren müsse und wir uns dann besser entwickeln würden. Und diese unsere Eigenständigkeit habe ich persönlich zum Beispiel dieses Jahr in Polen, auf der Halbinsel Hel bei Danzig, gespürt, als ich mit vielen Polen sprach. Das geschah gerade in einer Zeit, in der sich unsere Beziehungen verschärften, sowohl zwischen den Völkern auf politischer Ebene als auch in persönlichen Gesprächen. Alles begann mit historischen Fragen, aber als wir länger und eingehender miteinander sprachen, kamen wir zu dem Schluss, dass sie die Wolhynien-Frage eigentlich gar nicht so sehr ärgert. Denn hier gibt es tatsächlich viele Dinge, die sie einfach noch nicht wissen, und auch wir kennen unsere eigene Geschichte schlecht. Was sie aber sehr ärgert, und das war in jedem Gespräch deutlich zu spüren, ist, dass wir nicht mehr der kleine Bruder auf dem Weg in die EU sind, dass unser Produkt wettbewerbsfähiger ist. Und genau das beschäftigt und schmerzt sie sehr oft.

Portnikov: Nun, für jeden Staat, der sich als Zentrum einer Region betrachtet, ist es schwierig, das Auftauchen eines Konkurrenten zu erleben. Außerdem glaube ich, dass es in Polen noch ein großes Problem gesellschaftlicher Natur gibt. Es besteht darin, dass Polen nach dem Zweiten Weltkrieg, übrigens durch kommunistische Anstrengungen, und nicht zufällig, zu einem der wenigen ethnisch homogenen Länder Europas wurde. Wo gibt es solche Länder überhaupt noch? Welches Land könnte sich einer solchen, würde ich sagen, nationalen Reinheit rühmen? Nun, vielleicht die Ukraine, aber in der Ukraine gab es immerhin Millionen Russen. Bis in die 1990er-Jahre gab es dort eine große jüdische Gemeinde. Es gibt nationale Minderheiten, Ungarn, Rumänen. In Polen gab es praktisch nichts davon. Das heißt, selbst Menschen, die nationalen Minderheiten angehörten, verbargen ihre Herkunft und waren Polen. Ich kannte ethnische Ukrainer, die sich ihr ganzes Leben lang mit ukrainischer Kultur in Polen beschäftigten und sagten, sie seien Polen. Professoren der ukrainischen Literatur, die sagten, sie seien Polen. Das habe ich erlebt. Von den Juden ganz zu schweigen. Es gab Menschen, bei denen ich erst erfuhr, dass sie Juden waren – Menschen, die mir nahestanden und mit denen ich jahrzehntelang Kontakt hatte –, als sie bereits gestorben waren und ich einen Artikel in einer Enzyklopädie las. Ich dachte: „Wie kann das sein? Wir saßen doch hier, tranken bei dir zu Hause Tee, sprachen über irgendwelche jüdischen Themen, und du hast mit mir gesprochen wie ein Pole mit einem Juden. Aber du warst doch gar kein Pole.“ Die Menschen hatten also instinktiv Angst, auch nur zu erwähnen, dass sie im Grunde keine Polen waren. Nicht, dass man ihnen deswegen etwas angetan hätte. So war das gesellschaftliche Klima. Und plötzlich kommen in ein solches Land, in dem jeder Pole ein Pole ist und jeder Nichtpole ebenfalls ein Pole ist, wir alle sind Polen, eine Million Menschen, die nun einmal keine Polen sind. Man sieht, dass sie keine Polen sind. Und sie sind jetzt überall, ganz in der Nähe. Nun, da ist es klar, dass man sich an eine solche …

Moderator: Ungehörigkeit.

Portnikov: … nur schwer gewöhnen kann. Und Sie verstehen nicht einmal das ganze Ausmaß dieses Zustands, würde ich sagen, besonders in der Volksrepublik Polen, denn die polnische Kommunistische Partei war auch noch eine Partei glühender Chauvinisten. Die polnischen Dissidenten waren natürlich schon wesentlich toleranter, sie hatten eine andere Einstellung zu all dem. Aber dieses Regime, das es in Polen gab, war chauvinistisch. Nun, schließlich: Wer hat die Operation Weichsel durchgeführt?

Ich erinnere mich, wie fassungslos ich war, als ich – welches Jahr war das? 1991. Ich war gerade dabei, mein Studium beziehungsweise mein Aufbaustudium abzuschließen. Und ich war in der Redaktion einer sehr angesehenen polnischen demokratischen Zeitung. Da es ein privates Gespräch war, werde ich keine Namen nennen. Ich sitze also im Garten mit dem Chefredakteur dieser Zeitung, der für mich einfach ein Lehrer ist. Und ich frage ihn: „Wie steht es um die jüdische Gemeinde, um die jüdische Frage in Polen?“ Er sagt zu mir: „Weißt du, du kannst hier mit mir darüber sprechen, aber in der Redaktion oder auf der Straße solltest du besser nicht danach fragen.“ Ich sage: „Warum?“ Nun, ich war ja ein kleiner Junge, völlig ahnungslos. Ich war so, ich war nach Polen gekommen, „Professor Pleischner war von diesem Geschmack der Freiheit berauscht“. Vergessen Sie nicht, das war noch vor dem Putsch von 1991. Und er sagt zu mir: „Frag einfach nicht.“ Und dann vergehen 35 Jahre, und ich trinke wieder genauso Tee mit ihm. Und plötzlich erinnere ich mich an irgendein Buch mit seinen Memoiren und sage: „Warum hast du mir 1991, als ich dich nach der jüdischen Frage fragte, nicht gesagt, dass du selbst eigentlich Jude bist?“ Und er sagt: „Du hast nicht gefragt.“ Auch das muss man verstehen. Diesen inneren Zustand. Diesen inneren Zustand. Und plötzlich eine Million Ukrainer. Ich glaube, das ist sogar schlimmer als eine Million Juden. Das bleibt unter uns, man darf das niemandem erzählen, aber es ist nun einmal so.

Moderator: Und was sollen wir damit machen? Wir sind doch Nachbarn.

Portnikov: Eine gemeinsame Sprache mit den Nachbarn finden. Nun, hören Sie, was soll man denn sonst machen? Früher gab es die Stadt Lwiw in einer völlig anderen nationalen Vielfalt. Polen, Ukrainer, Juden, Armenier und Deutsche fanden hier eine gemeinsame Sprache, nicht ohne Zwischenfälle, aber im Grunde war das ein einziger Kosmos. Wenn wir an das Lwiw der Vorkriegszeit denken, erinnern wir uns an Polen, Ukrainer und Juden als Menschen dieser Stadt. Das ist einfach eine andere Kultur des Zusammenlebens. Es ist eine, wenn Sie so wollen, konfliktreiche Symbiose. Nun, wir werden mit dem polnischen Volk – das es meiner Meinung nach als unser Nachbar auf jeden Fall wert ist, denn es ist eine Zivilisation von Menschen mit Selbstachtung und Freiheitsgefühl – eine solche konfliktreiche Symbiose aufbauen müssen. Und wir müssen Verbündete finden, denn genauso wie die ukrainische Gesellschaft nicht homogen ist, ist auch die polnische Gesellschaft nicht homogen.

Die Krankheit des imperialen Chauvinismus ist dem polnischen Volk eigen, aber in wesentlich geringerem Maße als dem russischen. Denn ich würde sagen, dass in Russland die überwältigende Mehrheit am imperialen Chauvinismus leidet. Und in Polen leidet am polnischen Chauvinismus, sagen wir es vorsichtig, weniger als die Hälfte. Und auch das ist wichtig. Es gibt also immer Menschen, die zu einer solchen Symbiose bereit sind. Wichtig ist, dass auch wir bereit sind und verstehen, dass eine konfliktreiche Symbiose Zugeständnisse von unserer Seite bedeutet.

Moderator: Wie müsste diese konfliktreiche Symbiose richtig aussehen? Das heißt, wir müssen doch trotzdem unsere Position verteidigen, ohne nachzugeben. Wenn man uns beispielsweise auf politischer Ebene sagt: „Nun, vielleicht solltet ihr mit diesem Bandera, Schuchewytsch und der UPA doch ein wenig zurückhaltender sein.“ Müssen wir irgendwo einen Kompromiss suchen, oder müssen wir bei unserer Position bleiben und sie erklären? Und wie macht man das in dieser konfliktreichen Symbiose richtig, damit wir eine Win-win-Situation erreichen?

Portnikov: Nun, erstens glaube ich, dass es keine geben kann, in der ein Volk die Helden für ein anderes auswählt. Zumal auch dieses andere Volk unterschiedliche Helden hat. Wir verstehen sehr gut, dass die Bedeutung Banderas in Lwiw und die Bedeutung Banderas in Charkiw zwei verschiedene Banderas sind. Hier ist er eine historische Persönlichkeit. Dort ist er heute ein Symbol, ein abstraktes Symbol des Widerstands, und auch das nicht für alle. Und ich glaube, vieles hängt damit zusammen, dass wir unseren polnischen Nachbarn vieles nicht erklären können und sie vieles nicht hören wollen. Ich erkläre beispielsweise in polnischen Zuhörerkreisen immer, dass sie ihre Geschichte der Beziehungen zu Galizien auf die gesamte Ukraine übertragen. Aber die Menschen außerhalb der Gebiete Lwiw, Iwano-Frankiwsk, Ternopil und Wolhynien betrachten Polen, die Themen des historischen Erbes und alles andere ungefähr so wie das rumänische oder tschechische oder sogar deutsche Erbe. Das ist für sie sehr weit entfernt. All diese Tatsachen der polnischen Geschichte sind etwas sehr Fernes. Und jemand aus Charkiw oder sogar aus Kyiv kann manches einfach mit einem gewissen Abstand betrachten und verstehen.

Und ich weiß nicht, inwieweit das zutrifft, denn ich sage noch einmal, dass ich immerhin Jude bin. Und für das jüdische Volk ist die Nähe zur polnischen Kultur und zur polnischen Zivilisation wesentlich größer als für Ukrainer aus dem Osten und dem Zentrum der Ukraine. Deshalb kann auch ich mich bei dieser Distanz irren, denn mir scheint, dass meine eigene Distanz diejenige jedes Menschen in Kyiv ist, während meine Distanz in Wirklichkeit viel geringer ist. Nun, aus verschiedenen Gründen. Ich esse dieselben Kuchen, die die Menschen in Lwiw essen und die die Menschen in Krakau essen. Andere Menschen in Kyiv hatten diese Kuchen nie gesehen, bevor sie nach Lwiw kamen. Verstehen Sie, das geht sogar bis auf die Ebene der Alltagskultur und der Namensgebung. Hören Sie, meine Mutter und meine Großmutter, sie alle hatten polnische Vornamen. So etwas gibt es bei den Ukrainern nicht. Und deshalb scheint mir manchmal, dass meine Distanz die Distanz der Zentralukraine ist, aber die Zentralukraine ist eigentlich viel weiter entfernt. Und genau das muss man erklären.

Man darf der gesamten Ukraine nicht die Erfahrungen der traumatischen polnischen Beziehungen zu Galizien und Wolhynien aufzwingen. Vielleicht wird dann alles leichter zu verstehen sein. Man darf einen Menschen aus Charkiw nicht ständig dazu zwingen, sich für das zu entschuldigen, was, sagen wir, zwischen einem Menschen aus Wolhynien und einem Menschen aus dem damaligen Kleinpolen (Małopolska) geschah. Denn das wäre, wenn wir ernsthaft darüber sprechen, dasselbe, als würde man einen Menschen aus Zürich dazu zwingen, sich für die Handlungen eines Menschen aus Hamburg zu entschuldigen. Nun, beide sprechen im Grunde Deutsch, aber sie lebten in unterschiedlichen Zivilisationsräumen. Dieser Mensch aus Zürich hätte niemals einen solchen Staat gewollt wie der Mensch aus Hamburg.

Danach entstand die staatliche Symbiose, aber sie entstand erst nach all diesen Ereignissen. Tatsächlich begegneten sich die Ukrainer aus Galizien und Wolhynien und die Ukrainer aus der Zentral-, Ost- und Südukraine erst, nachdem die Geschichte der polnisch-ukrainischen Konflikte zu Ende gegangen war. Unser wirkliches gemeinsames nationalstaatliches Leben begann nach 1945. Und wie soll ein Mensch, der sein ganzes Leben im Osten der Ukraine verbracht hat, seine Zugehörigkeit zu etwas verstehen, die man ihm aufzwingt? Wie soll Zelensky das verstehen? In seinem Krywyj Rih hat überhaupt niemand jemals einen lebenden Polen gesehen. Nun, im Ernst, das ist nicht Lwiw. Und damit muss man anfangen. Man darf Konflikte, sagen wir, regionalen Charakters nicht zu einem gesamtnationalen Konflikt zwischen dem polnischen und dem ukrainischen Volk machen. Denn das ukrainische Volk ist mehr als Galizien, und das polnische Volk ist mehr als Wolhynien. Und mehr als die Operation Weichsel. Auch das ist wahr.

Und wenn wir anfangen, ernsthaft darüber zu sprechen, glaube ich, dass viele dieser Probleme verschwinden werden. Denn ich bin fest davon überzeugt, dass die Zukunft Mitteleuropas von der Symbiose und dem gegenseitigen Verständnis zwischen dem polnischen und dem ukrainischen Volk abhängt. Ich bin jedenfalls ein Mensch, der immer aufrichtig an einer solchen Verständigung interessiert war, immer getan hat, was er in dieser Hinsicht konnte, und hoffe, dass ich das auch weiterhin tun werde. Obwohl das natürlich vielleicht schon das Alter ist, aber mit den Jahren beginnt mich die Frage der Entwicklung der ukrainischen Welt als solcher mehr zu interessieren als die Frage der ukrainischen Symbiose mit irgendjemandem. Vielleicht, weil ich darin heute eine größere Perspektive sehe. Und hier kündige ich gleich an, dass unsere nächste große Veranstaltung des Expertenclubs in nächster Zeit gerade dem Thema der ukrainisch-polnischen Beziehungen gewidmet sein wird, bei der wir gute Menschen von beiden Seiten einladen werden, um darüber zu sprechen.

Moderator: Aber zum Abschluss: Sie haben gesagt, wovon die Zukunft Mitteleuropas abhängt. Wovon hängt unser zukünftiger Sieg ab?

Portnikov: Unser zukünftiger Sieg hängt davon ab, dass wir die Bedrohung realistisch wahrnehmen und verstehen, wie wir mit dieser Bedrohung umgehen müssen. Denn wenn wir ernsthaft darüber sprechen, ist es uns in diesen viereinhalb Jahren tatsächlich gelungen, den Vormarsch der russischen Armee auf ukrainischem Boden aufzuhalten. Vergessen Sie nicht, dass sich die Frontlinie seit 2023 nicht bewegt. Dass die Russen, die meiner Meinung nach vorhatten, den größten Teil der Ukraine innerhalb weniger Wochen zu erobern, das Gebiet Donezk in viereinhalb Jahren nicht erobern können, ist eine wirkliche Heldentat des ukrainischen Volkes, denn die ukrainische Armee ist das ukrainische Volk. Dort kämpfen gewöhnliche Menschen, die in den letzten Jahren Teil dieser Armee geworden sind. Das sind keine Berufssoldaten, das sind keine Söldner wie in Russland, das sind unsere Verwandten, Nachbarn und Freunde. Und das ist eine Heldentat. 

Aber jetzt wird alles von der Widerstandsfähigkeit des Hinterlands abhängen. Wenn das Hinterland diesen brutalen Druck aushalten kann, wird der ukrainische Staat nicht nur erhalten bleiben, sondern sich auch weiterentwickeln. Wenn das Hinterland diese Widerstandsfähigkeit gegen eine scheinbare Ruhe eintauscht und die russische Shahed-Drohne oder die russische Rakete über dem eigenen Kopf gegen einen russischen Nationalgardisten im eigenen Treppenhaus – und genau das ist die Wahl, keine andere –, dann werden der ukrainische Staat und das ukrainische Volk verschwinden, trotz des Mutes der Armee. Denn in der Geschichte gab es viele Fälle, in denen Armeen einen Staat verteidigten, aber keinen Ort mehr hatten, an den sie zurückkehren konnten. Aber ich glaube an die erste Möglichkeit.


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Art der Quelle: Interview
Titel des Originals: Брудні танці з Трампом | Віталій Портников @tvoyemistoTV. 18.10.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 18.10.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Polen bereitet sich auf Angriffe vor | Vitaly Portnikov. 17.09.2026.

In Polen wird angekündigt, dass man angesichts der immer wieder nahe der ukrainisch-polnischen Grenze auftauchenden russischen Drohnen Präventivmaßnahmen ergreifen werde.

Wie bekannt, wurden in diesen Tagen erstmals seit Beginn des großen Krieges Russlands gegen die Ukraine Gebiete an der polnisch-ukrainischen Grenze angegriffen – zwar auf ukrainischem Territorium, aber in unmittelbarer Nähe zur Republik Polen. Das konnte bei unseren Nachbarn nur ernsthafte Besorgnis auslösen.

Dabei können wir bereits von einer tatsächlichen Bereitschaft der Russischen Föderation sprechen, nach Wegen zu suchen, die Ukraine von ihren europäischen Nachbarn zu isolieren. Es begann mit der Bombardierung von Grenzübergängen an der Grenze zwischen der Ukraine und der Republik Moldau. Meiner Ansicht nach war dies eine Generalprobe für jenen großen Plan, der im Kreml bereits vorbereitet worden ist. 

Die Republik Moldau ist nicht Teil der Europäischen Union, sondern lediglich Beitrittskandidat und gehört nicht der NATO an. Die Russen konnten daher davon ausgehen, dass man gerade mit einem Land beginnen sollte, das nicht mit schnellem Schutz oder zumindest mit einer Reaktion seiner Verbündeten rechnen kann.

Und nachdem die Angriffe auf Grenzübergänge nahe dem Territorium der Republik Moldau stattgefunden hatten, gingen sie zur nächsten Phase ihrer Pläne über: zu Angriffen auf das Grenzgebiet zu Polen, auf Personenzüge und auf die Grenzübergänge selbst.

Die Idee ist vollkommen klar. Erstens soll die Ukraine von ihren europäischen Verbündeten isoliert werden. In Moskau ist man zu dem Schluss gekommen, dass die europäische Hilfe Russland keine Möglichkeit geben wird, den russisch-ukrainischen Krieg zu gewinnen oder die Ukraine zur Kapitulation zu zwingen. Und damit ist die Isolierung der Ukraine einer der wichtigen Schritte auf dem Weg zur Vorbereitung jener Kapitulation Kyivs vor Moskau, von der Putin weiterhin träumt.

Der zweite Punkt ist die Möglichkeit, die Gesellschaften in den europäischen Ländern einzuschüchtern. Denn in Moskau hofft man, dass die Bürger der Mitgliedstaaten der Europäischen Union und der NATO erkennen werden, dass die einzige wirkliche Alternative zu einem Krieg in Europa Vereinbarungen mit Russland über ein Zusammenleben sind. Und dieses Zusammenleben schließt natürlich die Unterstützung der Ukraine und weitere Maßnahmen zur wirtschaftlichen und politischen Isolierung des Putin-Regimes aus.

Es gibt viele Politiker, die bereit sind, den Weg zu Vereinbarungen mit der Russischen Föderation einzuschlagen. Es gibt sie in Polen, es gibt sie in Deutschland. Und Sie können übrigens feststellen, dass vor den Wahlen im Bundesland Sachsen-Anhalt, bei denen die rechtspopulistische Alternative für Deutschland triumphierte, die sich gerade mit Putin verständigen will, ein ganzes Feuerwerk an Sabotageakten veranstaltet wurde. Diese sollten den Bewohnern der ostdeutschen Bundesländer demonstrieren, dass sie sowohl Licht als auch Wärme verlieren würden, wenn sie keine Politiker wählen, die bereit sind, sich mit dem Kreml zu verständigen.

Nun ist Polen an der Reihe. Wir sehen eine ernsthafte Besorgnis wegen russischer Angriffe in den östlichen Woiwodschaften des Landes, wo mehrmals Alarm ausgelöst, die Luftwaffe in Bereitschaft versetzt und der Schulunterricht abgesagt wurde.

Die Nähe des Krieges wirkt sich auf die Bevölkerung immer ziemlich negativ aus. Und hier stellt sich die wichtige Frage, wie diese Bevölkerung politisch auf solche permanenten Bedrohungen reagieren wird, wenn sie zu einem Teil des Lebens der Bewohner der Grenzwoiwodschaften werden. Werden sie tatsächlich bereit sein, für prorussisch eingestellte Politiker zu stimmen, oder werden sie im Gegenteil von ihrer Regierung Widerstand verlangen? Und das wird davon abhängen, wie Warschau und andere europäische Hauptstädte tatsächlich auf die zunehmende Eskalation reagieren werden.

Wir sehen, dass jetzt erneut die Frage einer gemeinsamen Kontrolle des Luftraums der Ukraine und Polens an Bedeutung gewinnt. Der polnische Außenminister Radosław Sikorski hatte bereits über eine solche Möglichkeit gesprochen, als eine ganze Armada russischer Aufklärungsdrohnen im Luftraum seines Landes aufgetaucht war. Doch damals wurde dem polnischen Minister leider kein Gehör geschenkt.

Er hat diese Initiative nun erneut vorgebracht, die zweifellos sowohl für Ruhe in den östlichen Woiwodschaften der Republik Polen sorgen als auch die ukrainische Luftverteidigung in den westlichen Gebieten unseres Landes entlasten könnte, wodurch es möglich würde, das Zentrum und den Osten schneller vor russischen Angriffen zu schützen.

Und noch ein ziemlich wichtiger Punkt, der ein Signal an den Kreml sein könnte, sind die Worte des amerikanischen Präsidenten Donald Trump, wonach die Vereinigten Staaten die Vorbereitungen für die Eröffnung ihrer Militärbasis auf dem Gebiet der Republik Polen intensivieren. Dies ist möglicherweise das ernsthafteste Signal des amerikanischen Präsidenten an seinen russischen Amtskollegen in den vergangenen Jahren.

Damit gibt man dem Präsidenten der Russischen Föderation in Washington zu verstehen, dass er Polen nicht ungestraft angreifen kann und dass Angriffe auf Polen irgendwann zu Angriffen auf das amerikanische Kontingent werden könnten, das nicht nur auf polnischem Territorium stationiert sein, sondern dort auch vergrößert werden wird. Der russische Präsident wird daher das gesamte Risiko abwägen müssen, das mit seinen Absichten verbunden ist, den Krieg auf das Gebiet von Mitgliedstaaten der Europäischen Union auszuweiten.

Ja, wir verstehen sehr gut, dass es sich bislang gerade um einen hybriden Krieg handelt. Doch in einem hybriden Krieg ist es gar nicht so schwer, einen Fehler zu machen, der ihn in einen echten Krieg verwandelt. Die gesamte Geschichte der Weltkriege zeigt gerade, dass solche Fehler zu realen militärischen Auseinandersetzungen führten und eine solche Eskalationsspirale in Gang setzten, aus der es keinen Ausweg mehr gab.

Möglicherweise versuchen die Vereinigten Staaten mit ihrer Ankündigung, eine Militärbasis auf dem Gebiet der Republik Polen eröffnen zu wollen und die Maßnahmen zu deren weiterem Ausbau zu verstärken, den russischen Präsidenten von unüberlegten Schritten abzuhalten. Doch es stellt sich immer die Frage, inwieweit Präsident Putin heute, nach viereinhalb Jahren des großen Krieges Russlands gegen die Ukraine, viereinhalb Jahre nachdem seine Blitzkriegspläne gescheitert sind und er sich in einen jahrelangen Krieg mit einem Nachbarstaat verstrickt hat, politisch noch in der Lage ist, dieses Signal aus dem Weißen Haus realistisch einzuschätzen und zu erkennen, auf welchen Weg mit ungewissem Ausgang er sich begeben könnte, wenn er den Krieg gegen die Ukraine auf unsere europäischen Nachbarn ausweiten will.

Bislang haben wir keine Situation erlebt, in der Putin wie jemand gewirkt hätte, der die Risiken in dem Krieg, den er am 24. Februar 2022 begonnen hat, stets nüchtern einschätzt.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Польща готується до ударів | Віталій Портников. 17.09.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 17.09.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Ukraine wartet seit über einem Jahr auf die Genehmigung der polnischen Seite für Sucharbeiten in Polen. Halyna Tereschtschuk. Radio Liberty. 26.08.2026


Am 25. August begann in Lwiw die zweite Etappe der Such- und Exhumierungsarbeiten. Die polnische Seite spricht von den sterblichen Überresten von 100 bis 120 Soldaten der polnischen Armee, die Lwiw im September 1939 gegen die deutsche Armee verteidigten.

Україна понад рік чекає на дозвіл від польської сторони для проведення пошукових робіт на території Польщі. • Галина Терещук. 26.08.2026.

LWIW – In Lwiw hat das polnische Institut für Nationales Gedenken am 25. August bereits die zweite Etappe der Such- und Exhumierungsarbeiten auf einem Gelände begonnen, auf dem nach Angaben von Forschern 100 bis 120 Soldaten der polnischen Armee bestattet sind, die die Stadt im September 1939 gegen Nazideutschland verteidigten.

Gleichzeitig hat die Ukraine bis heute von Polen keine einzige Genehmigung für Such- und Exhumierungsarbeiten auf dem Gebiet des Nachbarstaates erhalten, wie an den Sucharbeiten beteiligte Fachleute Radio Liberty mitteilten. Dabei geht es insbesondere um die Dörfer Laskiw und Sahryn, wo während des Zweiten Weltkriegs friedliche ukrainische Zivilisten von bewaffneten polnischen Untergrundformationen getötet wurden.

Das Gelände in Lwiw, auf dem am 25. August die Sucharbeiten begannen, ist eingezäunt. Bäume wurden gefällt und eine Stromversorgung eingerichtet. All dies wurde vom Stadtrat von Lwiw durchgeführt. Für diese Vorbereitungsarbeiten wurden rund 170.000 Hrywnja ausgegeben.

Jewhen Bojko, Geschäftsführer des Exekutivkomitees des Stadtrats von Lwiw, sagte Radio Liberty, dass die örtlichen Behörden der polnischen Seite sämtliche Genehmigungen für die Arbeiten in der Stadt in kürzester Zeit erteilt hätten. Die Stadt stellte zudem den Schutz des Geländes sicher.

„Lwiw hat sich sowohl in der ersten als auch in der zweiten Etappe der Arbeiten aktiv an der Arbeit der Expeditionsteams beteiligt. Die Stadt hat den Prozess umfassend unterstützt, dabei geht es um Sicherheit, die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und die Vorbereitung des Geländes. Dieses Gelände wurde in den vergangenen zwei Wochen für die Exhumierung vorbereitet“, sagt Jewhen Bojko.

Auch stellte der Stadtrat rasch fest, wem das Grundstück gehört, auf dem die Sucharbeiten durchgeführt werden. Ein Teil des Geländes gehört einer Religionsgemeinschaft, ein anderer der Stadt. Denn auch diese Frage wird im Verfahren zur Durchführung einer Exhumierung berücksichtigt.

Vertreter des polnischen Instituts für Nationales Gedenken bestätigten gegenüber Radio Liberty, dass sie alle erforderlichen Genehmigungen erhalten hätten.

„Im Moment läuft alles auf bestmöglichem Niveau. Wir kennen die in der Ukraine geltenden Verfahren sehr gut“, sagt Dominika Siemińska,

die beim polnischen Institut für Nationales Gedenken für die Such- und Exhumierungsarbeiten verantwortlich ist.

Die Arbeiten an der Grabstätte der polnischen Soldaten werden bis Oktober dauern. Unter denjenigen, die Lwiw im September 1939 gegen die deutsche Armee verteidigten, waren auch Ukrainer aus der Region Riwne, Wolhynien und Galizien. Sie alle dienten in der polnischen Armee.

Ljubomyr Horbatsch

Nach Angaben von Ljubomyr Horbatsch, dem Leiter der „Gesellschaft zur Suche nach Kriegsopfern ‚Pamjat‘“, wurden bei früheren Sucharbeiten Erkennungsmarken mit ukrainischen Nachnamen und Angaben zur Religionszugehörigkeit – griechisch-katholisch oder orthodox – gefunden.

„Wir fanden die sterblichen Überreste eines Soldaten der polnischen Armee, der einen kleinen Spiegel bei sich trug, auf dessen Rückseite sich ein Porträt von Iwan Franko befand. Das bestätigt, dass Ukrainer gemeinsam mit Polen und Vertretern anderer Nationalitäten die nationalsozialistische und die kommunistische Aggression abwehrten“, sagt Ljubomyr Horbatsch.

In den Jahren 2015–2016 wurden die sterblichen Überreste von rund 140 Soldaten der polnischen Armee umgebettet, die bei der Verteidigung Lwiws gefallen waren. Danach wurden die Such- und Exhumierungsarbeiten aufgrund polnisch-ukrainischer Meinungsverschiedenheiten in dieser Frage bis 2019 ausgesetzt.

Im vergangenen Jahr wurden in Lwiw die sterblichen Überreste von 34 Soldaten der polnischen Armee gefunden, die im Kampf gegen deutsche Soldaten gefallen waren. Sie wurden auf dem Soldatenfriedhof in Mostyska in der Region Lwiw umgebettet.

„Wir hoffen, bei diesen Such- und Exhumierungsarbeiten die sterblichen Überreste von fast 120 weiteren Soldaten zu finden. Anschließend werden wir Identifizierungsarbeiten durchführen und die sterblichen Überreste auf dem Friedhof in Mostyska erneut bestatten“, teilte Dominika Siemińska mit.

Das polnische Institut für Nationales Gedenken wird jedes gefundene menschliche Fragment zur Identifizierung übergeben, um die DNA der Verstorbenen festzustellen.

„Wir müssen diese Menschen identifizieren und sie dem Vergessen entreißen“, betonte Tomasz Trzaska, Vertreter des polnischen Instituts für Nationales Gedenken.

Wie steht es um die Suche in Polen?

Gleichzeitig ist unbekannt, wann ukrainische Fachleute mit den Such- und Exhumierungsarbeiten in den ukrainischen Dörfern Laskiw und Sahryn im Chełmer Land, im Kreis Hrubieszów der Woiwodschaft Lublin, beginnen werden.

Denn bis heute hat die Ukraine von Polen keine einzige Genehmigung für diese Arbeiten erhalten. Darauf hat der ukrainische Botschafter in Polen, Wassyl Bodnar, bereits mehrfach hingewiesen.

Die Frage der Such- und Exhumierungsarbeiten ist Gegenstand der Arbeit einer bilateralen Gruppe. Wassyl Bodnar betonte in einem Interview mit einem polnischen Medium, dass die Ukraine entsprechend den Anträgen der polnischen Seite systematisch Genehmigungen erteile. Genau dafür gebe es die Arbeitsgruppe.

Die Situation mit den Genehmigungen für Arbeiten in Laskiw und Sahryn ist seit Monaten ungelöst, sagte Swjatoslaw Scheremeta, Leiter des Gedenk- und Suchzentrums „Dolja“, das die Sucharbeiten in Polen durchführen soll, gegenüber Radio Liberty. Seinen Angaben zufolge stellt die polnische Seite jedes Mal neue bürokratische Anforderungen.

Swjatoslaw Scheremeta

„Bereits im vergangenen Jahr haben wir einen Antrag gestellt, um Suchuntersuchungen in Laskiw auf dem Gelände des ukrainisch-orthodoxen Friedhofs durchzuführen. Mitarbeiter des Zentrums ‚Dolja‘ haben das Gelände vor Kurzem von Gestrüpp, Sträuchern und wild gewachsenen Bäumen befreit. Im Grunde haben sie es für die Sucharbeiten vorbereitet. Seit mehr als einem Jahr warten wir auf die Genehmigung. Die Ukraine hat den Beginn der Arbeiten für September/Oktober geplant. Das bürokratische Verfahren in Polen ist außerordentlich kompliziert“, sagt Swjatoslaw Scheremeta.

Während die Vertreter des polnischen Instituts für Nationales Gedenken das Verfahren zur Erlangung von Genehmigungen in der Ukraine gut kennen, hat Polen der ukrainischen Seite bis heute keine vollständige und klare Liste darüber vorgelegt, welche Schritte dafür erforderlich sind.

„Mir ist eine solche Liste nicht bekannt. Wenn wir einen Antrag auf Genehmigung stellen, entstehen jedes Mal neue bürokratische Anforderungen, die erfüllt werden müssen. Und diese tauchen auf, nachdem die Ukraine den Antrag bereits eingereicht hat. Dann werden neue Anforderungen gestellt, und die Angelegenheit verzögert sich wieder und wieder um Monate. Es entsteht der Eindruck, dass die Arbeit der Beamten entweder extrem bürokratisiert ist oder dass dahinter Politik steckt“, bemerkt Swjatoslaw Scheremeta.

Die lokalen Behörden in der Ukraine klären Fragen zur Vorbereitung von Geländen für den Beginn von Sucharbeiten der polnischen Seite schnell, während es in Polen zu Verzögerungen kommt.

„Um die Zustimmung für solche Arbeiten zu erhalten, mussten wir dreieinhalb Monate warten. Dabei halten wir uns an das gesetzliche Verfahren gemäß dem zwischenstaatlichen Abkommen. Im Dorf Laskiw, wo bekannt war, dass die orthodoxe Kirche Eigentümerin des Grundstücks ist, wurde dies mehr als einen Monat lang geklärt“, sagt Swjatoslaw Scheremeta.

2019 wurden die Such- und Exhumierungsarbeiten auf dem Gebiet der Ukraine und Polens an Orten wieder aufgenommen, an denen nach Angaben von Forschern Opfer des ukrainisch-polnischen Konflikts des 20. Jahrhunderts sowie im Zweiten Weltkrieg gefallene Soldaten bestattet wurden, wie beispielsweise in Lwiw.

2024 wurde eine gemeinsame Arbeitsgruppe zu Fragen des historischen Gedenkens eingerichtet, die Pläne für Such- und Exhumierungsarbeiten auf dem Gebiet der Ukraine und Polens festlegte.

2026 setzte die polnische Seite gemäß einem gemeinsam verabschiedeten Dokument auf ukrainischem Gebiet die im vergangenen Jahr begonnenen Arbeiten fort, und zwar am Standort des ehemaligen Dorfes Puschnyky sowie in Lwiw. Die ukrainische Seite sollte im Dorf Jureczkowa in der Woiwodschaft Karpatenvorland arbeiten.

Darüber hinaus führte das polnische Institut für Nationales Gedenken Sucharbeiten im Dorf Uhly in der Region Riwne, in Huta Pieniacka in der Region Lwiw sowie in Ostrówki und Wola Ostrowiecka in Wolhynien durch.

Entsprechend sollte das Ukrainische Institut für Nationales Gedenken (UINP) mit Sucharbeiten in Polen in den Dörfern Laskiw und Sahryn beginnen. Wegen fehlender Genehmigungen haben die Arbeiten jedoch bis heute nicht begonnen, ebenso wenig wurden sie im Dorf Jureczkowa fortgesetzt.

Einige ukrainische Historiker sind der Ansicht, dass die Verzögerung bei der Erteilung von Genehmigungen für Sucharbeiten in Laskiw und Sahryn damit zusammenhängt, dass dort ukrainische Zivilisten, darunter ältere Menschen und Kinder, im Morgengrauen des 10. März 1944 getötet wurden. Damals töteten die polnische Heimatarmee und die Bauernbataillone auf brutale Weise mehr als 600 Ukrainer, deren Namen bekannt sind. Es war die größte antiukrainische Operation.

Am selben Tag töteten bewaffnete polnische Untergrundkämpfer in Laskiw nach unterschiedlichen Schätzungen von Forschern zwischen 250 und 300 Ukrainer, darunter Frauen und Kinder. Das Dorf wurde vollständig niedergebrannt.

Die gemeinsamen Such- und Exhumierungsarbeiten sollten ein wichtiges Instrument zur Verringerung der politischen Spannungen zwischen der Ukraine und Polen sein. Zumindest gab es dazu zahlreiche Erklärungen von Politikern und Regierungsvertretern in Polen, als die Ukraine 2017 ein Moratorium für die Erteilung neuer Genehmigungen für Such- und Exhumierungsarbeiten der polnischen Seite verhängte.

Diese Entscheidung war eine Reaktion der ukrainischen Seite auf den Abriss des ukrainischen Denkmals für UPA-Kämpfer im polnischen Dorf Hruszowice sowie auf die grundsätzliche Weigerung, zerstörte ukrainische Gedenkstätten wiederherzustellen.

Obwohl die Such- und Exhumierungsarbeiten seit 2019 wieder aufgenommen wurden, bestehen bis heute keine spiegelbildlich gleichen Bedingungen für die ukrainische und die polnische Seite.

Nach Angaben von Dominika Siemińska vom polnischen Institut für Nationales Gedenken sind die Suche nach den sterblichen Überresten polnischer Soldaten in Lwiw und deren Umbettung die abschließenden Arbeiten der polnischen Seite im Jahr 2026. Alles, was für dieses Jahr geplant war, sei erledigt.

Unterdessen warten ukrainische Forscher auf die Genehmigung der polnischen Seite, damit auch sie – wie das polnische Institut für Nationales Gedenken – Ukrainer identifizieren können, die Opfer des ukrainisch-polnischen bewaffneten Konflikts wurden, und sie dem Vergessen entreißen können.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Україна понад рік чекає на дозвіл від польської сторони для проведення пошукових робіт на території Польщі. • Галина Терещук. 26.08.2026.
Autor: Halyna Tereschtschuk.
Veröffentlichung: 26.08.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
Link zum Originaltext:

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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Dafür haben sie gekämpft – und genau das ist ihnen nun zum Verhängnis geworden. Natalya Gaevskaya. 17.08.2026.

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Alle wissen, dass man weder die Gesetze des Staates noch die Gesetze des menschlichen Zusammenlebens missachten darf, und ganz besonders darf man die Gesetze des Universums nicht missachten, denn was man sät, das wird man auch ernten. Die Raschisten haben gesät und beginnen nun, ihre „Ernte“ einzufahren. Auch bei den Polen haben sie Hass und Dreistigkeit ‚mitgesät‘.. Nun stellt die himmlische Verwaltung  dieser „Monokultur“ die Rechnung aus: Über den polnischen Feldern herrscht eine Rekorddürre. Mehr als 65 % der landwirtschaftlichen Betriebe sind vom Wassermangel betroffen.

Und wer hat dem polnischen Landwirt während der Ernte unter der sengenden Sonne immer geholfen? Richtig, die fleißigen ukrainischen Arbeitsmigranten.Doch seit sich die polnische Gastfreundschaft in Form von Blutergüssen in ukrainischen Gesichtern zeigt, ziehen die Ukrainer massenhaft weiter nach Westen – weg von Polen (Deutschland, Niederlande, Dänemark), und die polnischen Landwirte schlagen Alarm: Es fehlt in kritischem Ausmaß an Saisonarbeitskräften. Erdbeeren und Äpfel verfaulen mancherorts einfach an den Pflanzen beziehungsweise Bäumen, denn andere Migranten haben es nicht eilig, sie für das Geld zu pflücken, das die Polen anbieten, während die Ukrainer bereits Deutsch lernen und nicht daran denken, zurückzukehren.

Unterdessen jammern die örtlichen polnischen Gewerkschaften weiterhin darüber, dass „die verfluchte Eurobürokratie mit ihren Umweltvorschriften des Green Deal und ihren Quoten das polnische Dorf erdrosselt“, dass Europa ein Feind und Brüssel eine Diktatur sei. Dabei vergessen sie zu erwähnen, dass gerade Polen weiterhin der größte Nettoempfänger finanzieller Hilfen aus dem EU-Haushalt ist. Im neuen langfristigen Haushalt (2028–2034) sind für polnische Landwirte 33,6 Milliarden an direkter Unterstützung vorgesehen. Eine schöne Idylle: Tagsüber blockieren sie – häufig nach Kreml-Drehbüchern – Straßen aus Protest gegen die EU-Politik, und abends überprüfen sie ihre Bankkarten, auf denen die großzügigen Brüsseler Subventionen eingehen. Echte europäische Integration mit Kreml-Beigeschmack.

Und nun fast zu den biblischen Gleichnissen … Habt ihr die hitzköpfigen polnischen Jungs noch nicht vergessen, die auf ihren Traktoren stolz die Grenze blockierten und demonstrativ ukrainischen Weizen direkt auf den Asphalt schütteten? Damals wurde das als „heiliger Krieg“ zur Rettung der polnischen Verbraucher vor „giftigem und billigem“ ukrainischem Getreide und anderen landwirtschaftlichen Erzeugnissen dargestellt. Sie verabschiedeten sogar ein Gesetz (einseitig und unbefristet), das den Ankauf „ukrainischer“ Waren verbot.

Die Zeit verging. Die Dürre verbrannte die polnischen Felder. Heute fleht der polnische Verband (PSPO), der 95 % der verarbeitenden Industrie des Landes vertritt, Donald Tusk buchstäblich an: „Heben Sie das Importverbot für Waren aus der Ukraine auf!“ Den polnischen Fabriken fehlen katastrophal mindestens 500.000 Tonnen Raps, den die Ukraine problemlos an Frankreich und Deutschland verkauft. Dort wird er anschließend verarbeitet, und die fertigen Produkte werden nach Polen verkauft.

So sieht sie also aus, die „Monokultur“ auf Polnisch: Eher scheißen wir uns ein, als dem gesunden Menschenverstand nachzugeben. So etwas ist weder im Nationalcharakter noch in den Kreml-Drehbüchern vorgesehen. Und politische Umfragewerte sind „unser EIN UND ALLES“ – sowohl in Polen als auch anderswo auf der Welt, einschließlich unseres Landes … Denn gerade sie schützen die Welt vor dem gesunden Menschenverstand und die Machthaber vor Gefängnisgittern.

Fazit: Wenn du das Brot eines anderen auf die Straße schüttest, sei darauf vorbereitet, dass deine eigene Erde vor Dürre aufreißt – wie aus Verachtung für dich selbst und deine einzige Rettung das Geld jenes Brüssels sein wird, das du verfluchst.

Nun denn, halten wir die Reihen geschlossen und beobachten wir das Handeln der himmlischen Verwaltung.


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Art der Quelle: Social Media
Titel des Originals: За що боролися, на те й напоролися. Natalya Gaevskaya. 17.08.2026.
Autor: Natalya Gaevskaya
Veröffentlichung: 17.08.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Europa hat immer noch Angst vor Putin | Vitaly Portnikov @polskieradiodlaukrainy. 01.08.2026.

Korrespondentin: Nach jedem großen internationalen Erfolg der Ukraine auf der internationalen Bühne sehen wir entweder Versuche Russlands, die Ukrainer mit ihren Verbündeten zu entzweien, oder massive Raketenangriffe. An diesem Tag, in dieser Nacht, haben wir beides erlebt. Ist das Russlands Strategie oder ein Zufall, an den man eigentlich nur schwer glauben kann? Heute versuchen wir in unserem Thema des Tages gemeinsam mit unserem Gast, das einzuordnen. Unser Gast ist der Journalist und Publizist Vitaly Portnikov.

Ihre Experteneinschätzung ist heute wichtiger denn je, um dieses Geflecht zu entwirren. Haben Sie nicht auch den Eindruck, dass diese Eskalation Russlands immer nach einem bedeutenden diplomatischen Erfolg der Ukraine auf der internationalen Bühne erfolgt? Was denken Sie darüber?

Portnikov: Ich denke, das ist aus der Sicht der russischen Wahrnehmung der internationalen Realität völlig logisch. Wenn Russland eine bestimmte Anzahl von Raketen – ballistische Raketen, Marschflugkörper – sowie ganze Schwärme von Drohnen für Angriffe auf die Ukraine vorbereitet hat, dann ist es nur folgerichtig, diesen Angriff nach einem Treffen der Präsidenten der Vereinigten Staaten und der Ukraine oder nach einem wichtigen internationalen Gipfel oder einem Treffen europäischer Staats- und Regierungschefs durchzuführen. Denn wenn ein solches Ereignis kurz zuvor stattgefunden hat, muss es von den Beteiligten zwangsläufig kommentiert werden. Das lässt sich nicht verhindern.

Selbst wenn das Treffen zwischen Volodymyr Zelensky und Donald Trump ohne Presse stattfand – erstens musste man ja überhaupt wissen, dass es ohne Presse stattfinden würde –, war doch klar, dass der amerikanische Präsident auf den russischen Angriff irgendwie hätte reagieren müssen. So aber war das Treffen bereits beendet, die internationale Tagesordnung abgearbeitet, und man konnte zuschlagen – und dabei zugleich daran erinnern, dass die Lage der ukrainischen Luftverteidigung tatsächlich äußerst schwierig ist.

Und das ist nicht nur ein Signal an die Ukraine, sondern auch an unsere Verbündeten. Ich möchte daran erinnern, dass die schwierige Lage bei der Luftverteidigung heute nicht nur die Ukraine betrifft. Auch die Vereinigten Staaten befinden sich in einer sehr schwierigen Situation. Das bedeutet, dass der Mangel an Luftverteidigung ein Problem des gesamten kollektiven Westens ist. Wenn Sie so wollen, ist das ein Problem von Vancouver bis Charkiw.

Korrespondentin: Verstehe. Aber dann ist doch wiederum unklar: Wenn Russland diesen Angriff vorbereitet hatte, dann war es offenbar sicher, dass Zelenskys Besuch in Washington erfolgreich verlaufen würde. Wir kennen schließlich ganz unterschiedliche Ergebnisse seiner Besuche in Washington. Wie erklären Sie sich das?

Portnikov: Ich glaube nicht, dass es hier um den Erfolg des Besuchs geht. Was bedeutet überhaupt ein erfolgreicher Besuch? Ein erfolgreicher Besuch sind konkrete Entscheidungen. Russland will verhindern, dass Trump während seines Treffens mit Zelensky irgendwelche besonderen Entscheidungen trifft, wenn Sie so wollen. Stellen Sie sich einfach ein Treffen des amerikanischen und des ukrainischen Präsidenten vor, während gleichzeitig große Zerstörungen stattfinden. Trump könnte dann entscheiden, der Ukraine trotz des Mangels an Luftverteidigungssystemen in den Vereinigten Staaten einige Raketen zu liefern und nicht nur über Lizenzen für die Ukraine zu sprechen. Verstehen Sie?

Der Erfolg solcher Besuche hängt von konkreten Absichten unserer Verbündeten ab.. Wenn wir sehen, dass das Treffen zwischen Zelensky und Trump stattgefunden hat, aber keinerlei konkrete Entscheidungen hervorgebracht hat und lediglich damit endete, dass der amerikanische Präsident erneut erklärte, Russland und die Ukraine müssten den Krieg beenden, dann glaube ich, dass Russland gerade auf die gewünschte Wirkung seiner Angriffe zum Zeitpunkt eines solchen Treffens setzt.

Korrespondentin: Was bedeutet dann in diplomatischer Sprache „ein gutes Gespräch“, wie beide Präsidenten anschließend in ihren sozialen Netzwerken geschrieben haben?

Portnikov: Nun, wir wissen doch inzwischen, was ein gutes Gespräch mit Donald Trump bedeutet – weil wir auch schon ein schlechtes gesehen haben. Wir haben das schlechte Gespräch zwischen Volodymyr Zelensky und Donald Trump im Oval Office erlebt. Das war ein historisch schlechtes Gespräch.

Wenn man künftig darüber spricht, was ein schlechtes Gespräch im Oval Office ist, wird Trump längst nicht mehr Präsident sein, man wird vielleicht sogar Zelensky vergessen haben – aber dieses Ereignis wird ein historischer Fakt bleiben.

Dann wird man sagen: „Wissen Sie, was hier passiert ist? Sehen Sie sich diesen Raum an. Hier hat sich ein amerikanischer Präsident mit seinem Gast, dem Präsidenten der Ukraine, gestritten.“ Die meisten Menschen werden sich dann – und ich hoffe, dass wir bis dahin Frieden haben werden – vermutlich nicht einmal mehr vorstellen können, wo die Ukraine liegt, weil eine friedliche Ukraine Millionen Amerikaner kaum interessieren dürfte. Aber diese Geschichte wird Teil der Geschichte bleiben.

Ein gutes Gespräch ist dagegen eines, bei dem man sich nicht mit Trump streitet. Denn Donald Trump verfügt heute über keinerlei echte, konkrete Mechanismen, um Druck auf Russland auszuüben. Also müssen wir zumindest erreichen, dass er keinen Druck auf die Ukraine ausübt. Wir müssen zumindest erreichen, dass er Russland nicht mit seinen Entscheidungen hilft. Das ist ein gutes Gespräch.

Korrespondentin: Also nach dem britischen Motto: „No news is good news.“ Wenn man sich nicht gestritten hat, ist das schon gut. Verstehe ich das richtig?

Portnikov: Man hat sich nicht gestritten. Russland hat keine Lizenz erhalten, sein Öl im globalen Süden zu verkaufen. Es wurde bestätigt, dass wir Lizenzen für Patriot erhalten können. Das bedeutet: Vielleicht schon in einem Jahr, vielleicht in drei bis fünf Jahren werden wir diese Raketen selbst produzieren.

Glauben Sie, wir würden sie dann nicht mehr brauchen? Doch, wir werden sie noch viele Jahre brauchen. Die Luftverteidigung der Ukraine ist heute eine Aufgabe für viele Jahre. Und das ist ebenfalls eine sehr schlechte Nachricht.

Jedenfalls sehen wir, dass Trump sich optimistisch über die Perspektive eines Endes des russisch-ukrainischen Krieges äußert und uns nicht vorwirft, wir wollten den Krieg nicht beenden. Das ist wichtig.

Korrespondentin: Trumps Optimismus ist allerdings ebenfalls eine ziemlich wechselhafte Größe. Erst waren es 24 Stunden, dann zwei Wochen. Was steckt heute hinter diesem Optimismus?

Portnikov: Ich glaube, genauso wie im Nahen Osten weiß der Präsident der Vereinigten Staaten einfach nicht, wie dieser russisch-ukrainische Krieg beendet werden kann. So seltsam es klingt: Aus dem russisch-ukrainischen Krieg gibt es sogar realistischere Auswege als aus dem Krieg im Nahen Osten.

Denn Iran verfügt über einen so bedeutenden Trumpf wie die Straße von Hormus, zu der nun auch die Meerenge Bab al-Mandab hinzukommt. Damit kann Iran die Weltwirtschaft destabilisieren und letztlich sogar die politische Zukunft seines Gegners in den kommenden Monaten infrage stellen. Russland besitzt solche wirtschaftlichen Trümpfe nicht. Der russisch-ukrainische Krieg findet an der Peripherie der Weltwirtschaft statt.

Das bedeutet allerdings nicht, dass sich die Lage nicht ändern könnte. Denn wenn Russland infolge ukrainischer Angriffe tatsächlich vom Ölmarkt verdrängt würde, hätte das ebenfalls erhebliche Auswirkungen auf das weltweite Gleichgewicht auf den Ölmärkten. Deshalb hätten im Grunde alle ein Interesse daran, dass Russland als Ölstaat bestehen bleibt.

Dafür müsste Russland allerdings bereit sein, den Krieg zu beenden. Und dafür wiederum müsste der Druck auf Russland erhöht werden. Hier bestehen mehr Möglichkeiten als im Fall Irans. Das wollte ich damit sagen. Trump muss sich allerdings erst zu einem solchen Ansatz entschließen.

Korrespondentin: Wenn wir darauf zurückkommen – Sie haben so viele interessante Punkte angesprochen. Zum Beispiel unseren Optimismus, den Optimismus der Ukraine, Polens und ganz Europas hinsichtlich der sogenannten Höllensanktionen. Welche Fallstricke sehen Sie dabei? Denn vieles ist noch gar nicht wirklich geklärt. Trump hat einige Befugnisse erhalten und könnte manche Entscheidungen eigenständig treffen. Gleichzeitig ist Trump ein ziemlich unberechenbarer Mensch. Welche Fallstricke sehen Sie?

Portnikov: Ich denke zunächst einmal, wir sollten abwarten, bis dieses Gesetz tatsächlich verabschiedet wird. Selbst wenn der Senat es noch rechtzeitig verabschiedet, wird sich das Repräsentantenhaus erst nach der Sommerpause, also praktisch im September, damit befassen. Und im September kann die Lage bereits völlig anders aussehen. Sie verstehen ja: Heute kann niemand seriös vorhersagen, was in den kommenden Wochen passieren wird.

Zweitens handelt es sich um ein Gesetz, das dem Präsidenten Befugnisse verleiht. Es gibt Trump die Möglichkeit, Sanktionen gegen Länder zu verhängen, die russisches Öl kaufen. Aber die Zollkriege des amerikanischen Präsidenten haben bereits gezeigt, dass die Vereinigten Staaten heute nicht mehr über die Instrumente verfügen, um Länder des globalen Südens wirksam unter Druck zu setzen.

Selbst wenn wir die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten außer Acht lassen, die die Einführung dieser hohen Trump-Zölle unmöglich machte, wurden die von Trump verhängten Zölle letztlich deshalb wieder aufgehoben, weil sich herausstellte, dass sie der amerikanischen Wirtschaft selbst schadeten.

Es ist also schwer vorstellbar, dass Donald Trump hundertprozentige Strafzölle gegen China verhängt, weil China russisches Öl kauft. China könnte daraufhin der amerikanischen Wirtschaft vor den Zwischenwahlen erheblichen Schaden zufügen. Selbst wenn Trump also zu einer echten wirtschaftlichen Konfrontation mit der Volksrepublik China bereit wäre, würde das frühestens im November oder Dezember dieses Jahres geschehen.

Mit Indien ist die Lage etwas anders. Indien kauft bereits jetzt weniger russisches Öl. Und ich denke, sofern es keine schweren Erschütterungen auf den Weltmärkten gibt – die allerdings durchaus möglich sind –, wird sich dieser Trend fortsetzen.

Ich sehe kein Instrument, auch kein gesetzliches, das Russland dazu zwingen könnte, seine Position grundlegend zu ändern – außer möglichen Schlägen gegen die russische Wirtschaft, wie sie die Streitkräfte der Ukraine führen. Keine Sanktionen werden die russische politische Führung in den kommenden Monaten oder Jahren dazu bewegen, ihre Haltung zum Krieg gegen die Ukraine grundlegend zu ändern.

So einfach funktioniert das heute nicht mehr. Wir leben heute in einer Welt mit zwei Wirtschaftssystemen. Es gibt die Wirtschaft des Westens und die Wirtschaft des globalen Südens, deren Zentrum China und Indien bilden. Der Westen kann dem globalen Süden seine wirtschaftlichen Bedingungen nicht mehr diktieren. Diese Zeit ist vorbei.

Die Vereinigten Staaten sind nicht mehr der uneingeschränkte wirtschaftliche Führer der Welt, wie sie es während der Existenz der Sowjetunion waren, als amerikanische Hochtechnologie-Sanktionen die Entwicklung der UdSSR praktisch unmöglich machten.

Heute existieren zwei wirtschaftliche Systeme. Und wir wissen noch nicht, welches sich in dieser Konkurrenz durchsetzen wird. Die Volksrepublik China verfügt jedenfalls über erhebliche Möglichkeiten, in diesem Wettbewerb erfolgreich zu sein.

Korrespondentin: Das heißt also, die Höllensanktionen sind gar nicht so höllisch. Warum wird dann so viel darüber gesprochen und warum setzt man gerade in der Ukraine so große Hoffnungen auf sie?

Portnikov: Weil ein Gewehr, das an der Wand hängt, manchmal auf das Publikum einen ebenso großen Eindruck macht wie ein Schuss daraus.

Sie waren doch schon einmal im Theater. Wenn dort ein Gewehr an der Wand hängt, fällt Ihr Blick automatisch darauf. Und nach der berühmten Regel Anton Tschechows denken Sie unweigerlich: Früher oder später wird dieses Gewehr abgefeuert werden.

Wenn diese Sanktionen verabschiedet werden, ist das deshalb ein ernstes Signal an die Länder des globalen Südens und an ihre Raffinerien, ihre Beziehungen zur Russischen Föderation abzubrechen. Denn: Was, wenn tatsächlich Zölle eingeführt werden? Was, wenn man Gewinne verliert? Was, wenn man gezwungen ist, andere Wege zu finden, hohe Gewinne zu erzielen?

Russisches Öl ist für viele Länder des globalen Südens nämlich ausgesprochen profitabel. Sie kaufen es billig ein, verarbeiten es zu Erdölprodukten und verkaufen diese gegen harte Währung. Das bringt tatsächlich hohe Gewinne.

Wenn jedoch dieses Gewehr der Sanktionen vor Ihren Augen hängt, verzichten Sie vielleicht lieber auf diesen Zusatzgewinn, um nicht selbst unter Sanktionen zu geraten und Ihr Unternehmen nicht zu gefährden.

Das spielt durchaus eine Rolle. Aber es ist ein Prozess. Wir sprechen ständig darüber, wie man den Krieg möglichst schnell beenden kann. Schnell funktioniert das nicht.

Wenn wir jedoch davon sprechen, dass wir das Ende des russisch-ukrainischen Krieges noch in den 2020er- oder 2030er-Jahren erleben möchten – nach inzwischen zwölf Jahren Konflikt –, dann hoffen wir alle, dass er zumindest innerhalb der nächsten zwölf Jahre endet. Das ist Teil eines Prozesses.

Korrespondentin: Es fällt schwer, Ihnen zu widersprechen. Tatsächlich weiß heute niemand, was in zwei Wochen sein wird. Die Lage verändert sich täglich. Gestern hatten wir mit Ihnen noch ein anderes Gesprächsthema vereinbart. Heute Nacht hat alles verändert.

Portnikov: Erinnern Sie sich, als wir darüber gesprochen haben, dass irgendwann eine russische Rakete polnisches Territorium erreichen würde? Ich möchte Sie ebenso wie damals bei den Drohnen davon überzeugen: Das war nicht die letzte russische Rakete, die in den polnischen Luftraum eingedrungen ist.

Wir werden weitere Einschläge erleben. Vielleicht sogar tragischere als diesen. Auf all das – darauf, dass der Krieg nach Europa kommt – muss man sich als Realität unserer Gegenwart einstellen.

Denn auch das ist logisch. Wenn die Russische Föderation weiterhin darauf hofft, die ukrainische Staatlichkeit rasch zu zerstören, wenn der Kreml glaubt, dass die Ukraine nur deshalb noch existiert, weil sie Unterstützung aus Europa erhält, dann ist eine Ausweitung des Krieges auf die Staaten Mitteleuropas in der einen oder anderen Form eine logische Entwicklung. Die Länder Mitteleuropas sind die nächsten Opfer dieser Eskalation.

Korrespondentin: Ja, aber Sie haben ganz klar gesagt, dass es sich um eine russische Rakete handelt. Darauf möchte ich eingehen. Im polnischen Informationsraum und auch von offiziellen Stellen wird nämlich niemand eindeutig sagen: Das war eine russische Rakete. Man hört Formulierungen wie „wahrscheinlich“, „möglicherweise“, „nicht ausgeschlossen“. Und mehr noch: Der estnische Außenminister, der auf solche massiven Angriffe meist als Erster reagiert, schrieb: „Der polnische Luftraum wurde verletzt. Das ist eine Erinnerung daran, dass Russlands Angriffskrieg über die Grenzen der Ukraine hinausreicht.“ Warum fällt es europäischen Politikern so schwer zu sagen: Es war eine russische Rakete in Polen?

Portnikov: Sie verstehen doch: Anders als bei Drohnen – eine Drohne kann russisch oder ukrainisch sein –, verfügt die Ukraine gar nicht über solche Raketen. Wir wissen doch genau, um welchen Raketentyp es sich handelt. Sie kann nur russisch sein.

Aber zu sagen, dass eine Rakete ein NATO-Mitglied getroffen hat, bedeutet, sich selbst schwierige Fragen zu stellen: Was tun wir jetzt? War das wirklich ein Zufall? Oder ist es die Vorbereitung auf etwas Größeres? Wird Artikel 5 unter dieser amerikanischen Administration tatsächlich greifen? Wozu ist die russische Führung bereit, wenn es um die Länder Mitteleuropas geht?

Für europäische Politiker ist es äußerst schwer, sich selbst und ihren Wählern zu sagen, dass sie nicht mehr neben einem Krieg leben, sondern bereits mitten im Krieg. Dass der Krieg für die Bewohner Mitteleuropas für Jahre oder gar Jahrzehnte Teil der Lebenswirklichkeit wird.

Krieg als Normalität zu akzeptieren, ist immer schwierig. Das wissen wir aus der Erfahrung der Ukrainer. Zu akzeptieren, dass Krieg die Norm ist und Frieden vielleicht nur noch der Vergangenheit angehört und in den kommenden Jahrzehnten womöglich nicht mehr zum normalen Leben gehört – dazu muss man eine enorme psychologische Anstrengung aufbringen, die einen in die Realität zurückholt.

Wir sehen doch, dass selbst ukrainische Politiker, selbst Staats- und Regierungschefs, sich das nicht eingestehen können. Stellen Sie sich nun die Europäer vor, die immer überzeugt waren, durch Artikel 5 zuverlässig geschützt zu sein. Dass niemals eine fremde Rakete oder eine fremde Drohne in ihrem Luftraum auftauchen würde – schließlich gibt es die Vereinigten Staaten.

Und stellen Sie sich übrigens auch die Russen vor. Kein Russe hätte jemals geglaubt, dass eine fremde Drohne, eine fremde Waffe oder eine fremde Rakete einmal einen Marktplatz oder eine Raffinerie treffen könnte, neben der er lebt. Das schien unmöglich. Russland galt als größte Atommacht der Gegenwart. Jeder Staat, der Russland angreifen würde, würde innerhalb von 24 Stunden ausgelöscht werden.

Mit dieser Vorstellung wurden ganze Generationen sowjetischer Menschen erzogen: Man wolle uns zwar angreifen, habe aber Angst davor und werde es niemals wagen. Wir dagegen könnten alles tun, was wir wollten. Mit derselben Vorstellung sind auch die Generationen der Russen unter Putin aufgewachsen.

Und nun hat sich herausgestellt, dass das nicht funktioniert. Dass heute jeder Opfer eines Krieges werden kann. Selbst jemand, der im Aggressorstaat lebt. Selbst wenn dieser Aggressorstaat über das größte Atomwaffenarsenal der Menschheitsgeschichte verfügt. Sehen Sie, wie grundlegend sich inzwischen alles verändert hat.

Korrespondentin: Ja, alles verändert sich. Ich erinnere mich an Joe Bidens Vorsicht. Auch sie waren schließlich mit genau diesem Paradigma aufgewachsen: Wer Russland angreift, verschwindet innerhalb von 24 Stunden. Aber inzwischen hat sich alles verändert, wie Sie gerade gesagt haben. Auch im Denken der Europäer hat sich etwas verändert, auch wenn sich das an ihrem Handeln bisher nur schwer erkennen lässt.

Portnikov: Ich denke, auch im Denken der Europäer verändert sich etwas. Denn ebenso wie die Amerikaner konnten sie sich Angriffe auf Russland, auf das souveräne Territorium Russlands, lange Zeit überhaupt nicht vorstellen.

Sie erinnern sich doch, wie schwer sich unsere Verbündeten damit taten, dem zuzustimmen. Heute greift die Ukraine nicht nur russisches Staatsgebiet an, sondern setzt auch Storm-Shadow-Raketen ein – und nichts passiert. Wie Sie sehen, bombardieren die Russen deshalb nicht London.

Aber Sie haben völlig recht: Die große Phase dieses Krieges begann mit der Vorstellung des Westens, dass dieser Krieg ausschließlich auf ukrainischem Boden stattfinden dürfe.

Nach dem Motto: „Ihr könnt mit den Russen auf eurem eigenen Territorium machen, was ihr wollt. Schließlich ist es euer souveränes Staatsgebiet. Gut, ihr könnt sie auf der Krim oder im Donbas angreifen. Aber das eigentliche Territorium der Russischen Föderation darf auf keinen Fall Teil dieses Krieges werden.“

Und ich habe von Anfang an, seit 2022, gesagt, dass das ein völlig falscher Ansatz ist. Denn ein Krieg, der ausschließlich auf dem Territorium eines einzigen Landes geführt wird, kann ewig dauern. Dieses Land wird dann einfach zum Übungsgelände des anderen Staates, der dort Krieg führt. Und mit jedem Jahr wird dieses Übungsgelände für diesen Staat und seine Verbündeten noch interessanter.

Zu sagen: „Seht ihr, Russland denkt bestimmt schon über Frieden nach“, ist völlig falsch. Keine einzige Minute lang. Wenn man Chinesen einladen kann, Nordkoreaner einladen kann, Ukrainer wie auf einem Schießstand töten kann, wenn dieser Krieg nur ein Computerspiel ist, das das Leben der russischen Bevölkerung überhaupt nicht berührt – warum sollte man ihn dann beenden? Aus welchem Grund?

Jetzt aber hat sich alles verändert. Russland selbst ist zum Kriegsschauplatz geworden. Und nun denkt Russland darüber nach, diese Kampfhandlungen auch auf andere Länder auszuweiten. Das ist ein neuer Prozess.

Korrespondentin: Wie sehen Sie die Ausbreitung dieses Dritten Weltkriegs, von dem inzwischen in den Medien gesprochen wird? Der Sekretär des Verteidigungsausschusses der Werchowna Rada, Roman Kostenko, sagt beispielsweise ganz offen, die Ukraine habe Möglichkeiten, auf iranische Angriffe zu reagieren.

Portnikov: Übrigens gab es in einigen Quellen Informationen, dass Iran tatsächlich bereit sei, Raketen zu starten.

Korrespondentin: Einen symbolischen Angriff.

Portnikov: Mehr noch: Es gab sogar Berichte, dass Iran bereits Raketen gestartet habe, diese ihr Ziel aber nicht erreicht hätten. Das können wir nicht überprüfen, aber solche Informationen existierten. Ich kann dafür keine Verantwortung übernehmen, aber ich schließe nicht aus, dass sich so etwas noch ereignen wird.

Ich kann Ihnen die Entwicklung der Ereignisse ziemlich klar beschreiben.

Erstens geschieht bereits etwas, worüber ich gerade einen Artikel für die Times of Israel geschrieben habe. Wenn man den Begriff aus dem Englischen übersetzt, den ich verwendet habe, dann lautet er: das Verschmelzen zweier Kriege. Des Krieges im Persischen Golf und des russisch-ukrainischen Krieges.

Die Ukraine greift einen iranischen Tanker an. Iran greift die Ukraine mit Raketen an. China, das russisches Öl kauft und damit Russland finanziert, liefert Iran Flugabwehrsysteme zur Stärkung seiner Luftverteidigung.

Übrigens zerstört das sämtliche Hoffnungen Trumps und seiner Regierung, Iran werde seinen militärischen Handlungsspielraum irgendwann erschöpfen. China wird das nicht zulassen – oder es zumindest zu verhindern versuchen.

Damit sehen wir, dass der Kriegsschauplatz im Persischen Golf und der Kriegsschauplatz hier in Mitteleuropa faktisch zu einem einzigen Kriegsschauplatz verschmelzen. Das ist der erste Punkt.

Der zweite Punkt sind Russlands hybride Aktionen gegen jene Staaten, die der Ukraine helfen, sich in diesem Krieg zu behaupten. Ganz ähnlich wie Irans Angriffe gegen Staaten, die den Vereinigten Staaten im Konflikt mit Iran helfen.

Wenn Iran weiß, dass die Verbündeten der Vereinigten Staaten deren Schwachstelle sind, dann kann Russland dasselbe gegenüber Polen und insbesondere den baltischen Staaten versuchen.

Und wenn diese hybriden Angriffe keine ernsthafte Reaktion der NATO-Staaten hervorrufen, wenn alle wie Strauße den Kopf in den Sand stecken und sagen: „Wir wissen nicht, wer das war, was passiert ist und warum“, dann wird ein echter Krieg beginnen. Russland prüft im Moment lediglich die Wassertemperatur.

Das ist die Entwicklungslinie, die ich für die Ausbreitung dieses Krieges in den kommenden Monaten oder vielleicht im nächsten Jahr sehe: Verschmelzung der Kriege, hybride Angriffe und schließlich eine umfassende Eskalation. Das sind die drei wahrscheinlichsten Perspektiven unseres Lebens in der nächsten Zeit.

Korrespondentin: Das ist tatsächlich eine sehr düstere Perspektive. Vielleicht ist sie aber auch eine Chance für die Ukraine, das Verständnis der Europäer und ihrer Verbündeten – etwa auch Trumps – zu vertiefen. Wir sehen ja, wie stark er sich inzwischen gedreht hat, irgendwelche Blogger reisen plötzlich in die Ukraine. Glauben Sie, dass sich diese gesamte rechtsradikale Bewegung Trump anschließen wird? Und dass sich beispielsweise auch Nawrocki, der der Ukraine und Zelensky bislang eher kritisch gegenübersteht, in diese Richtung bewegen könnte? Oder die Franzosen?

Portnikov: Ohne Zweifel schauen all diese Menschen sehr genau auf die Stimmung in Washington. Alle.

Aber Trump muss nicht nur reden, sondern handeln. Es braucht eine Änderung der Politik. Eine Änderung der Politik bedeutet die reale Bereitschaft, der Ukraine zu helfen. Die reale Bereitschaft, Druck auf Russland auszuüben. Und die Bereitschaft, Europa nicht zu verlassen.

Das größte Problem für all jene, die heute in einem Boot sitzen – auch mit Präsident Nawrocki oder jedem anderen einflussreichen europäischen Politiker aus dem rechten Lager –, besteht darin, dass die Amerikaner Europa verlassen wollen.

Und zwar unabhängig davon, wer regiert. Sie sind bereit, sich ebenso von Bundeskanzler Merz wie von Nawrocki oder Marine Le Pen zurückzuziehen, sollte sie Präsidentin Frankreichs werden.

Deshalb haben wir alle – Liberale, Konservative, Rechtspopulisten, Linkspopulisten; wobei Letzteren das vielleicht weniger wichtig ist, aber alle vernünftig denkenden Menschen – ein gemeinsames Interesse daran, dass die Amerikaner bleiben.

Denn es gilt eine einfache Regel: Wenn die Amerikaner gehen, wer kommt dann? Die Russen. Das muss man verstehen.

Deshalb wünsche ich mir, dass wir begreifen: Selbst mit Menschen, mit denen wir in Fragen der Zukunft Europas oder der historischen Ereignisse der vergangenen schwierigen Jahrzehnte unterschiedlicher Meinung sein mögen, sollten wir gemeinsam verhindern wollen, dass die kommenden Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts schlimmer werden als die Mitte des 20. Jahrhunderts in Mitteleuropa.

Und alle Voraussetzungen dafür, dass diese Jahrzehnte schlimmer werden könnten als das 20. Jahrhundert, sind heute leider vorhanden.

Korrespondentin: Eine letzte Frage für diese Sendung: Wie sehen Sie nach diesem Raketeneinschlag die Entwicklung der ukrainisch-polnischen Beziehungen? Wird das etwas verändern – verschlechtern oder verbessern? Wird es mehr Zusammenarbeit geben? Skizzieren Sie doch bitte einmal die Situation, auch vor dem Hintergrund, dass Zelensky gestern in Lublin war und sich dort mit Donald Tusk getroffen hat.

Portnikov: Ich denke, die Ukraine und Polen müssen begreifen, dass sie in einem Boot sitzen. Wenn eine russische Rakete einschlägt, sollte das sowohl für die polnische Führung als auch für das polnische Volk eine sehr ernste Erinnerung daran sein, dass die Ukraine nicht einfach eine Festung für Polen ist, sondern die Kraft, die Russland und seine aggressiven Absichten aufhalten kann.

Wird Russland hier in der Ukraine gestoppt, wird es nicht weitergehen und die Sicherheit Polens nicht auf die Probe stellen. Wird Russland in der Ukraine nicht gestoppt, dann wird Polen unweigerlich das nächste Opfer dieser Eskalation sein. Genau dieses Bewusstsein sollte uns in der kommenden Phase dieser Konfrontation verbinden.

Korrespondentin: Das ist für die Ukrainer offensichtlich. Hoffen wir, dass auch die Polen auf politischer Ebene darüber künftig häufiger sprechen werden. Denn die Lager sind gespalten. Wir beobachten die Entwicklung aufmerksam.


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Titel des Originals: Європа все ще боїться Путіна | Віталій
Портников @polskieradiodlaukrainy. 01.08.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 01.08.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Polens gefährliche Wende. Oleksandr Zinchenko. 28.07.2026.

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Vor etwa 14 Jahren kehrte ich aus dem @Instytut Polski Muzeum Sikorskiego in London zurück. Dort wird eine unglaubliche Menge äußerst interessanter Materialien aufbewahrt, darunter auch viele zur Geschichte der Ukraine. Zum Beispiel das faszinierende Archiv des „Ukrainischen Büros“ in London. An diesem Tag hatte ich einen Teil der Materialien über den Holodomor kopiert und das Original des maschinengeschriebenen Manuskripts von Olgerd Ippolyt Bočkowskyj über den Holodomor in der Ukraine in den Händen gehalten. Dort arbeiteten damals unglaublich freundliche Menschen, mit denen man sich ausgesprochen interessant unterhalten konnte.

Neben den faszinierenden historischen Materialien war jeder Besuch auch eine Gelegenheit für diese außergewöhnlich interessante Gespräche – ein wahrer Genuss! Ja, selbstverständlich unterhielten wir uns auf Polnisch.

An jenem Abend kehrte ich entlang des Hyde Parks in Richtung Piccadilly zum Haus meiner Freunde zurück, bei denen ich wohnte. Mir kamen zahlreiche Menschen entgegen. Alle sprachen Polnisch.

Zunächst dachte ich, dass mich die vielen Gespräche auf Polnisch im Laufe des Tages etwas verwirrt hätten und ich nun seltsame Halluzinationen hätte – als würde mich die polnische Sprache nun überall verfolgen. Tatsächlich waren es polnische Bauarbeiter. Sie kamen von irgendeiner Baustelle zurück und diskutierten recht lebhaft über etwas, das für sie gerade wichtig war. Mit lauter Stimme! Mitten in London.

Ich bemerkte nicht, dass irgendjemand von den Einheimischen den polnischen Arbeitern gegenüber Aggression zeigte. Niemand belästigte sie mit Rufen wie: „Das hier ist Großbritannien! Verzieh dich nach Polen!“

Und das nicht nur deshalb, weil man sich in London in der Vielfalt der Menschenmenge auflösen und dennoch man selbst bleiben kann.

In einem Haus unweit der Station, in dem meine Freunde damals wohnten, war durch eines der Fenster gut eine Fahne der polnischen Solidarność an der Wand zu sehen. Das Fenster blieb unversehrt.

Niemand wäre auf die Idee gekommen, von Polen in Großbritannien zu verlangen, dass sie Englisch ohne polnischen Akzent sprechen. Niemand wäre auf die Idee gekommen zu verlangen, dass Polen untereinander auf Englisch sprechen!

Im Allgemeinen spricht der durchschnittliche polnische Arbeiter ziemlich laut, in der Überzeugung, dass sich niemand in seiner Umgebung befindet, der versteht, was er gerade erzählt.

Ein anderes Mal, als ich meine Londoner Freunde besuchte, war es ausgerechnet ein polnisches Bautrupp, der das Fundament des Hauses verstärkte, in dem sie damals wohnten. Die polnische Schimpfsprache verfügt im Vergleich zur ukrainischen insgesamt über ein eher begrenztes Repertoire an Ausdrucksmöglichkeiten. Doch diesen polnischen Jungs reichte dieses ziemlich begrenzte Arsenal vollkommen aus, um alle, sagen wir einmal, aktuellen betrieblichen Erfordernisse zu kommunizieren.

Sie nutzten dieses Arsenal mit voller Lautstärke und ohne sich darum zu kümmern, ob jemand etwas verstehen könnte. Eine Zeit lang überlegte ich, ob ich ihnen eine Freude machen und sie auf Polnisch begrüßen oder sie lieber nicht in Verlegenheit bringen sollte. Letztlich begrüßten wir uns auf Englisch. Und sie ahnten nicht einmal, dass ich absolut alles verstand, was sie während der Arbeit von sich gaben.

Ich könnte noch einige mehr oder weniger     amüsante Episoden erzählen, die dadurch entstanden, dass Polen im Ausland die Angewohnheit haben, ziemlich laut ihre eigene Sprache zu sprechen, in der Überzeugung, dass sie dort ohnehin kaum jemand versteht. Dadurch fallen Polen sehr auf. Ganz gleich, wo das geschieht – in der Schweiz auf dem Gipfel des Rochers-de-Naye, am Strand von Sandvika bei Oslo oder auf dem Flughafen Luton. Jedes Mal war es laut, bizarr-komisch und im Fall von Luton endete es sogar mit einem Polizeieinsatz. Der Typ hatte sich derart betrunken und so danebenbenommen, dass man ihn ohne Polizei nicht mehr beruhigen konnte.

Doch niemals sagte irgendjemand zu den Polen: „Verschwindet nach Polen!“

Die Polen wurden mit ihrem gesamten historischen Gepäck in die Europäische Union aufgenommen: mit der Solidarność ebenso wie mit ihrer Mitverantwortung am Holocaust, mit Roman Dmowski und Czesław Miłosz, mit Bolesław Kominek und Zygmunt Łupaszko, mit ihren Engeln und ihren Dämonen, mit dem polnischen Größenwahn und dem Opferkomplex, mit allem Glänzenden und allem Abstoßenden, was Polen aus seiner Geschichte geerbt hatte. Auch mit ihrer Unfähigkeit zu vergeben.

Ja, die Polen können nicht vergeben. Trotz der täglich millionenfach wiederholten Worte „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ ist der eigentliche Sinn dieses Grundsatzes aus den täglichen Ritualen verflogen.

Einmal schrieb ich darüber eine Kolumne, weil mir diese Unfähigkeit, anderen zu vergeben, paradox erschien – gerade weil es die polnischen Bischöfe waren, die sich 1965 mit dem historischen Satz an die Deutschen wandten: „Wir vergeben und bitten um Vergebung! Die Vergangenheit soll Vergangenheit bleiben; lasst uns gemeinsam eine neue Zukunft für ein neues Europa schaffen.“

Doch sowohl Bolesław Kominek als auch Karol Wojtyła und Jerzy Giedroyć sind heute nur noch Einträge in der Wikipedia. Polen hat ihre Erfahrungen und ihre Bemühungen auf den Müllhaufen geworfen.

Und genau das ist es, was mir tatsächlich Angst macht.

Polen war noch vor 15 Jahren der Musterschüler der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Transformation.

Es schien, als hätten die Reformen von Leszek Balcerowicz und Jerzy Buzek zu unumkehrbaren und tatsächlich beeindruckenden Ergebnissen geführt: Polen hatte einen Pfad nachhaltigen Wachstums eingeschlagen. Für die Ukrainer wirkten die polnischen Reformrezepte attraktiv – als Case Study, als Vorbild und als Modell, dem man folgen konnte.

Doch dann erwachten die Dämonen.

Ein erheblicher Teil der Polen verbindet ein Gefühl der Überlegenheit gegenüber den Ukrainern mit einem ausgeprägten eigenen Opferbewusstsein. Das ist eine ziemlich schizophrene Kombination, aber sie ist nun einmal vorhanden.

Die Polen haben ihren eigenen Opferkomplex sakralisiert und ihn zu einem Schlüsselelement ihrer nationalen Identität gemacht. Die Ukrainer hingegen sagen: Ich möchte niemals wieder ein Opfer sein!

Vor zehn Jahren beeindruckte mich der Leitsatz des Danziger Historikers (und bis vor Kurzem Leiter des Büros für Nationale Sicherheit beim Präsidenten Polens) Sławomir Cenckiewicz:

„…Wir müssen – genau wie Israel – unseren eigenen nationalen Standpunkt klar vertreten. Andernfalls werden wir den Kampf um den Platz der Polen als Opfer zweier Totalitarismen verlieren.“

Dieses Bestreben eines beträchtlichen Teils der polnischen Gesellschaft, sich als das größte Opfer der Geschichte darzustellen, wirkt aus ukrainischer oder jüdischer Perspektive etwas Krankhaftes.

Die Ukrainer versuchen, die Traumata der Vergangenheit aufzuarbeiten. Die Polen hingegen haben sie jahrzehntelang sakralisiert.

Ein Opfer trägt niemals Verantwortung für die eigenen Fehler. Das Opfer ist unfehlbar. Das ist der Imperativ des Opferbewusstseins.

Der Nationalsozialismus entstand aus dem Gefühl der nationalen Demütigung der Deutschen nach dem Ersten Weltkrieg. Die Deutschen empfanden sich als Opfer der Umstände, der Ungerechtigkeit und eines bösen Schicksals.

Man musste jemanden finden, der daran schuld war. Sie fanden die Juden.

Ein erheblicher Teil der polnischen Gesellschaft von heute ähnelt den Deutschen zu Beginn der 1930er Jahre. Nur dass für die polnischen Ultrarechten heute die Ukrainer an die Stelle der Juden getreten sind.

Wenn ich heute in der polnischen Presse lese, dass sich nicht in Polen, sondern in der Ukraine ein Kult des Neonazismus entwickle, bin ich ratlos. Denn das ist das, was Psychologen „Projektion“ nennen – ein Abwehrmechanismus der Psyche, bei dem Menschen unbewusst ihre eigenen Gefühle, Gedanken, Ängste oder Wünsche anderen zuschreiben.

Heute stimmt in Polen jeder Fünfte für Neonazis. Sie sind im Sejm, im Europäischen Parlament und in den kommunalen Selbstverwaltungen vertreten. Zeigt mir auch nur einen einzigen Neonazi im ukrainischen Parlament! Es gibt keinen. In der Ukraine sind ultrarechte Ideen unpopulär. In Polen hingegen liegen neonazistische Ideen im Trend. Und das sehen wir täglich in den Berichten der polnischen Medien: Die verbale Gewalt ist längst in physische Gewalt übergegangen.

Wenn ich in der polnischen Presse von einer „Welle des Hasses auf Polen“ in der Ukraine lese, weiß ich nicht einmal, wie ich das nennen soll. Denn das ist nicht einmal Projektion – das ist Chuzpe.

In der Ukraine wächst keine Welle des Hasses auf Polen, sondern eine Welle der Enttäuschung über die Polen. Nicht einmal bloße Enttäuschung – vielmehr tiefe Bestürzung. Ich persönlich fühle mich seit einigen Jahren verwirrt: Wie konnte es geschehen, dass eine Gesellschaft, die für die Ukrainer in vielerlei Hinsicht ein Vorbild war, sich zu dem entwickelt hat, was sie heute ist?

Der ehemalige Präsident Wiktor Juschtschenko wiederholte gern den Satz „Polak jeden!“ („Der Pole ist eins!“), um auf die Einheit der polnischen Gesellschaft hinzuweisen – ihre weltanschauliche und wertebezogene Geschlossenheit. Noch vor zehn bis fünfzehn Jahren erschien die polnische Gesellschaft aus ukrainischer Sicht genau so.

Heute ist alles anders.

Die ukrainische Gesellschaft hat in den Jahren ihrer Unabhängigkeit einen Weg zurückgelegt – von der posttotalitären Atomisierung über weltanschauliche Polarisierung und politische Turbulenzen der Jahre 2004 bis 2014 hin zu einer schwierigen Konsolidierung und einem posttraumatischen Wachstum. Der wichtigste Trend, der die Entwicklung der Ukrainer bestimmt, ist die Konsolidierung. Das zeigen soziologische Untersuchungen ebenso wie die Art und Weise, wie die ukrainische Gesellschaft miteinander umgeht.

Polen befindet sich heute im Gegentrend – einer Desintegration durch Polarisierung.

Unter den Bedingungen eines großen Krieges ist das eine gefährliche Entwicklung. So etwas gab es schon einmal: Auch in den 1930er Jahren war die polnische Gesellschaft in ähnlicher Weise desintegriert und polarisiert. Das kostete Polen seine Unabhängigkeit.

Der Opferkomplex, den ein erheblicher Teil der polnischen Gesellschaft pflegt, macht den polnischen Staat verwundbar.

Polen muss seinen eigenen Opferkomplex tiefgreifend aufarbeiten. Denn angesichts der aktuellen Herausforderungen wird Polen zunehmend verwundbar.

Praktisch täglich berichten die polnischen Medien über Gewalt gegen Ukrainer in Polen. Ukrainer werden geschlagen, weil sie Polnisch mit einem Akzent sprechen. Ukrainische Kinder werden in Polen in öffentlichen Verkehrsmitteln und an anderen öffentlichen Orten von kräftigen Männern beschimpft und angegriffen. Es kommt sogar vor, dass Polen andere Polen bewusstlos schlagen, weil sie glauben, diese hätten mit ukrainischem Akzent gesprochen.

Natürlich kann man auch weiterhin die Augen vor diesem Problem verschließen. Doch aus ukrainischer Sicht entwickelt sich Polen in die falsche Richtung.

Die polnische Gesellschaft muss ernsthaft an sich selbst arbeiten – eine Arbeit, die niemand an ihrer Stelle leisten kann.

Fremdenfeindlichkeit, Ukrainophobie und Antisemitismus sind ganz sicher nicht die Werte, auf denen das vereinte Europa aufgebaut wurde.

Das heutige Polen diskreditiert – in der Richtung, die es derzeit einschlägt – die Europäische Union.

Schon seit Langem ist es schmerzlich, das mitanzusehen. Seit einiger Zeit ist es sogar widerwärtig.

Polen hat die falsche Richtung eingeschlagen.

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Kommentare

1.

In London hört man Polnisch fast häufiger als Englisch. Es gibt hier so viele Polen, dass man im Laufe eines Tages die unterschiedlichsten Gruppen sieht – von Intellektuellen bis hin zu typischen Rüpeln, die ihre eigenen Kinder anschreien und sie grob in den Rücken stoßen, oder zu Männern, die betrunken an Zäunen lehnen.

In polnischen Geschäften wie Mleczko oder Delikatesy wird Polnisch gesprochen. Auch in vielen anderen Läden trifft man häufig ältere Polinnen, die überhaupt kein Englisch sprechen und sich nur mit einigen wenigen Wörtern und Gesten verständigen.

Außerdem werden in Großbritannien viele Straftaten von Polen begangen (schlicht deshalb, weil sie eine sehr große ausländische Bevölkerungsgruppe darstellen). Kaum war der Skandal um eine Polin verklungen, die deportiert wurde, weil sie in einem englischen Kindergarten Kinder misshandelt und geschlagen hatte – innerhalb eines Jahres waren 21 Kinder betroffen –, da folgte bereits der nächste Skandal: Einer der beiden Vergewaltiger von Jugendlichen in Norfolk war Pole.

Über uns wohnte einmal ein polnischer Alkoholiker, der nächtliche Partys veranstaltete. Es war die einzige laute Wohnung in der ganzen Straße. Sie erbrachen sich aus den Fenstern, warfen Zigarettenstummel in den Garten und spielten um drei Uhr morgens laute Musik. Und wir waren die Einzigen, die ein solches Verhalten nicht tolerierten, weil die Einheimischen sehr freundliche Menschen sind.

Deshalb empfinde ich dieselbe Bestürzung, wenn ich lese, wie Polen die Ukrainer hochmütig darüber belehren, wie man sich in Europa zu verhalten habe, und dabei entweder Straftaten erfinden, die Ukrainer angeblich begangen hätten und die sich später als Fälschungen herausstellen, oder sich einfach am polnischen Akzent oder daran stören, dass Ukrainer untereinander Ukrainisch sprechen.

Das wirkt tatsächlich wie eine Art geistige Erkrankung.

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2.

Das nazistische Polen ist heute Realität geworden. Doch der Opferkomplex und die mangelnde Bereitschaft, das eigene Land gegen eine russische Invasion zu verteidigen, führen dieses Land unausweichlich in den Zusammenbruch. Darauf muss man vorbereitet sein und nicht versuchen zu retten, was in Wahrheit schon längst gestorben ist.

Überheblichkeit und leerer Nationalstolz, verbunden mit der Bereitschaft, Aggression ausschließlich gegen Ukrainer zu zeigen, die sich im Krieg befinden, sind lediglich Ausdruck eines Bedürfnisses, sich auf Kosten eines Schwächeren zu bestätigen.

Deshalb ist es vernünftig, an der eigenen Stärke zu arbeiten und sich nicht für Menschen aufzuopfern, die eines solchen Opfers nicht würdig sind.

⸻

3.

Ich spreche mit Polen, ich erzähle ihnen, ich zeige ihnen alles, was geschieht. Und ich stoße auf eine derartige Mauer aus Unverständnis und Verachtung, dass ich selbst ratlos werde.

Am Anfang, im März 22, als so viel Hilfe, Verständnis, Unterstützung und Güte von den Polen kam, war das ein Ausdruck echter Menschlichkeit, und dafür bin ich ihnen von Herzen dankbar.

Es gab aber auch Fälle, die wir selbst unmittelbar erlebt haben: Kinder wurden in einer polnischen Schule geschlagen. Auf Spielplätzen schrien Kinder unseren Kindern zu: „Ihr seid Mörder!“ Sie riefen ihnen zu: „Es ist richtig, dass Raketen auf euch fliegen!“ Wir versuchten ruhig zu erklären und das Gespräch zu suchen. Doch so etwas entsteht nicht von einem Tag auf den anderen – es ist etwas, das in den Familien über lange Zeit gewachsen ist.

Später, mit der Unterstützung der politischen Führung, begannen die Auseinandersetzungen um das Getreide, und meine „Freunde“ erzählten mir die „polnische Version“: über Wolhynien, darüber, dass „wir euch eure Geschichte beibringen werden, weil ihr sie nicht kennt“, dass „ihr schuld seid, das ist eure Strafe“.

Ein Polizist sah meinen Pass an und sagte zu mir: „Spierdalaj na Ukrainę!“ („Verpiss dich in die Ukraine!“). Daraufhin erwiderte ich die ‚Einladung‘ des wenig respektablen Herrn höflich und zeigte ihm, wohin er stattdessen gehen könne.

All das geschieht tatsächlich. Es gibt viele Menschen, die sich dem entgegenstellen, unterstützen und helfen. Aber die Maschinerie wurde in Gang gesetzt und dreht sich weiter, und diejenigen, die sie in Bewegung gesetzt haben, merken selbst nicht, dass sie sich in die falsche Richtung bewegt.

Leider.

⸻

4.

Das Schlimmste ist, dass sie – ähnlich wie die Russen – sobald sie materiell satt geworden sind, nach diesem Unsinn eines nationalen Onanismus verlangen, der zur Schande aller großen konservativen Denker als „rechte Politik“ bezeichnet wird.

Es gibt nichts Schlimmeres für eine Nation als jene von Jarosław Kaczyński offen formulierte Politik des Nationalstolzes. Bereits vor etwa zehn Jahren erklärte er sinngemäß, Selbstkritik sei etwas für Dummköpfe und die Polen hätten in ihrer Geschichte nichts, dessen sie sich schämen müssten.

Heute beginnen die vernünftigen Polen zu erkennen, wohin sie insbesondere die Präsidentschaft Nawrockis geführt hat. Denn wenn ein Präsident, der seinen Bürgern als Vorbild dienen sollte, der Welt unverhohlene Aggression vorführt, dann muss er dafür wohl gute Gründe haben – und folglich meinen auch ‚wir‘, uns nicht mehr zurückhalten zu müssen.

Nicht umsonst schweigt seine Präsidialkanzlei so merkwürdig zu dem jüngsten Vorfall …

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🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Social Media

Autor: Oleksandr Zinchenko
Veröffentlichung: 28.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Warum Russland diesen Krieg verliert | Vitaly Portnikov bei @tvoyemistoTV. 26.07.2026.

Svitlana Zhebiv: Das ist der Expertenklub von „Tvoje Misto“. Mir scheint, wir leben in einer sehr seltsamen und besonderen Zeit. Einerseits verfügen wir über eine unglaubliche Menge an Informationen. Praktisch können wir auf jede Frage eine Antwort bekommen. Andererseits verlieren wir meiner Überzeugung nach die Fähigkeit, Vereinbarungen zu treffen, Kompromisse und Lösungen zu suchen, um eine gewisse Verantwortung aufzubauen und Demokratie zu schaffen. Darüber werden wir heute mit dem politischen Kommentator, Analysten, bekannten Journalisten und, man könnte sogar sagen, Prognostiker Vitaly Portnikov sprechen.

Portnikov: Ich widerspreche entschieden der Behauptung, ich sei ein Prognostiker.

Svitlana Zhebiv: Ich weiß, dass Sie das bestreiten, aber ganz Threads und alle sozialen Netzwerke sind überzeugt, dass Sie ein Prognostiker sind, weil Ihre Prognosen eintreffen. Es gab sogar den Scherz: „Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der Vitaly Portnikovs Prognosen eintreffen.“ Und Sie kommentierten, dass Sie das ebenfalls nicht möchten.

Portnikov: Nun, gerade deshalb stehe ich der Idee von Prognosen ziemlich ironisch gegenüber. Mir scheint, in der Politik gibt es einfach eine Logik des gesunden Menschenverstands. Wenn Menschen diese Logik des gesunden Menschenverstands nicht erkennen, bedeutet das, dass sie die Realität einfach nicht berücksichtigen wollen. Die Logik des gesunden Menschenverstands funktioniert im Grunde überall, in jedem Bereich menschlicher Tätigkeit. Es gibt Fälle, die wir schwarze oder weiße Schwäne nennen.

Aber nun gab es die Fußball-Weltmeisterschaft und das Endspiel, bei dem ich, das sage ich Ihnen, absolut sicher war, dass die Spanier gewinnen würden. Ich habe das auch gesagt. Ich halte mich nicht für einen Fußballspezialisten. Überhaupt befasse ich mich nur sehr selten mit sportlichen Themen, aber für mich ist völlig offensichtlich, dass Menschen, die einen neuen Fußball spielen und auf ihrer Seite, sagen wir, junge Spieler und einen jungen Starspieler haben, möglicherweise von Weltrang, mehr Möglichkeiten haben, ein Endspiel zu gewinnen, als eine Mannschaft, die über einen absolut genialen Fußballstar verfügt, der jedoch bereits am Ende seiner Karriere steht. Das ist nun einmal das Gesetz des Spiels.

Das bedeutet aber nicht, dass Argentinien nicht hätte gewinnen können, denn es hätte auch sein können, dass niemand ein Tor erzielt.. Es hätte zu einem Elfmeterschießen kommen können. Und beim Elfmeterschießen, das verstehen Sie ja, ist es ungefähr eine solche Lotterie wie die Personalentscheidungen von Volodymyr Zelensky. Und in dieser Situation wäre vielleicht Argentinien erneut Weltmeister geworden. Es geschah einfach das, was geschehen musste. Für die Spanier kam kein schwarzer Schwan, sondern sie gewannen folgerichtig in dieser Geschichte. Und mich überraschte, dass viele Menschen, die angeblich Fußballexperten sind, das nicht verstanden. Weil sie einfach die Gesetzmäßigkeiten des Lebens nicht verstehen. Und sie erklärten selbstsicher, warum Argentinien gewinnen müsse, obwohl ihre Erklärungen auf ihren Emotionen beruhten.

Dasselbe gilt übrigens für den russisch-ukrainischen Krieg. Warum kann Russland im russisch-ukrainischen Krieg keinen Erfolg erzielen? Weil die Ukraine jetzt als Teil der westlichen Welt kämpft. Wären wir nicht Teil der westlichen Welt, würde man uns nicht mit Waffen und Geld helfen, dann hätte Russland offensichtlich eine absolute Überlegenheit. Eine absolute. Es hat mehr Menschen, eine größere Wirtschaft, mehr Waffen, mehr Militärfabriken, mehr Erdöl. Es hat von allem mehr. Wie könnte es nicht eine ehemalige Sowjetrepublik besiegen, die ihm in allem unterlegen ist und von deren Territorium bereits ein Teil besetzt ist? Aber in der Auseinandersetzung mit dem Westen als solchem kann Russland nicht gewinnen, weil es ein geringeres Wirtschaftsvolumen, weniger Steuerzahler und von allem weniger hat. In diesem Punkt haben sie recht, wenn sie sagen, dass sie gegen den gesamten Westen kämpfen.

Kann es für uns einen schwarzen Schwan geben? Natürlich. Dieser schwarze Schwan hängt damit zusammen, dass im Westen die Bereitschaft abnimmt, uns zu helfen. Wir kennen den Effekt, als die Republikaner zu Zeiten von Präsident Biden die Bewilligung von Hilfe für uns verzögerten. Wir verloren Awdijiwka. Es wurde sofort offensichtlich, dass wir zu verlieren beginnen, wenn wir nicht rechtzeitig Waffen oder Geld erhalten. Damals war, wie Sie sich erinnern, die gesamte ukrainische Militärmaschine auf amerikanische Hilfe ausgerichtet. Das müssen wir klar begreifen. Wenn wir keine Abwehr gegen ballistische Raketen haben, leiden die Städte, die in Reichweite ballistischer Raketen liegen, vor allem Kyiv.

Svitlana Zhebiv: Verstehen wir das als Ukrainer?

Portnikov: Natürlich verstehen wir das nicht. Deshalb sage ich ja, dass viele glauben können, ich würde irgendwelche Prognosen abgeben, dabei stütze ich mich einfach auf die Idee des gesunden Menschenverstands. Ein weiterer schwarzer Schwan ist übrigens die Ermüdung der Gesellschaft und ihre Bereitschaft zur inneren Konfrontation. Daran arbeiten die Russen. Sie arbeiten mit dem Westen, damit die Hilfe abnimmt. Sie arbeiten mit der ukrainischen Gesellschaft, damit wir uns spalten.

Ich sage immer wieder, dass das Jahr 1917 in Russland ein hervorragendes Beispiel ist. Der deutsche Generalstab unternahm sowohl militärische als auch politische Anstrengungen, für die enorme Summen ausgegeben wurden, etwa für die Partei der Bolschewiki und so weiter. Diese Partei war überzeugt, dass sie auf diese Weise ihre Ideale erreichen und auch Deutschland destabilisieren könne. Und die Bolschewiki erwiesen sich in ihren Vorstellungen über die Zukunft als präziser als der deutsche Generalstab. Aber Russland ging als damaliger Staat unter.

Ja, auf seinen Ruinen entstand die Sowjetunion. Aber wäre Deutschland nicht ebenfalls innerlich destabilisiert worden, faktisch durch dieselben Anstrengungen, die zur Destabilisierung Russlands unternommen wurden, wäre es viel besser aus dem Krieg hervorgegangen, als es am Ende des Ersten Weltkriegs der Fall war. Das muss man im Gedächtnis behalten. Und vor allem müssen wir verstehen, wozu das Fehlen innerer Einheit und die Kriegsmüdigkeit führen.

Ich sage Ihnen, dass ich finde, die Ukrainer halten sich noch sehr gut. Denn zwischen 1914 und 1917 vergingen nur drei Jahre, und dann war bereits Schluss. Bei uns dauert der Krieg jetzt im Grunde schon viereinhalb Jahre, bald werden es fünf. Aber selbst jetzt, wenn Proteste stattfinden, stellt niemand die Legitimität der Regierung infrage, die Legitimität des Präsidenten als Oberbefehlshaber, oder dass die Regierung und der Präsident Personalentscheidungen treffen dürfen. Den Menschen können die konkreten Personalentscheidungen missfallen, aber sie stellen nicht infrage, dass dies die Staatsführung ist, der sie weiterhin zutrauen, das Land zu führen.

Im Jahr 1917 stellte man in Russland, wie Sie sich erinnern, im Februar sowohl die Kompetenz des Oberbefehlshabers, des Kaisers, als auch die Kompetenz der Regierung infrage. Der Staat selbst wurde einfach durch Menschen ersetzt, die schon aufgrund der Art, wie sie an die Macht gekommen waren, nicht mit der Unterstützung aller Bürger rechnen konnten, weil sie nicht über das Maß  an Legitimität verfügten, den der Kaiser hatte. Wir verstehen ja, dass der Vorsitzende einer provisorischen Regierung in jedem Fall kein Mensch ist, der in den Augen eines Untertanen eine solche sakrale Legitimität besitzt wie ein Kaiser, der Erbe einer jahrhundertealten Dynastie ist. Das ist also alles folgerichtig: Senkt man die Legitimität der Regierung, erhöht man die Möglichkeiten des Feindes, einen zu überwältigen.

Svitlana Zhebiv: Und zu all dem kommen die Algorithmen hinzu. Ich möchte den Titel einer Ihrer Kolumnen zitieren. Sie hieß: Imperien zerstören Demokratien, töten Demokratien, aber die Ukraine kann durch das Fehlen von Demokratie zerstört werden. Wenn man diesen Gedanken fortsetzt: Sind die Algorithmen, die heute die Gesellschaft polarisieren und eine schnelle Reaktion, ein Like oder ein Dislike verlangen, nicht eine gewisse Bedrohung für die Demokratie? Denn mir scheint, dass die Art, wie Sie die Pappschilder-Majdane und diese Kundgebungen analysieren und erklären, warum ein Ministerpräsident Politiker sein muss, all das vom Aufbau der Demokratie in der Gesellschaft handelt.

Portnikov: Natürlich. Es gibt eine sehr einfache Formel. Das ist ein Krieg des 21. Jahrhunderts und kein Krieg aus der Perspektive dessen, was in feudalen Zeiten geschah. Und das ist ebenfalls eine völlig offensichtliche Sache, die damit zusammenhängt, was in Zukunft mit dem russisch-ukrainischen Krieg geschehen wird.

Wir haben die Erfahrungen der Kriege des vergangenen Jahrhunderts gesehen und können einen völlig klaren Schluss ziehen:

  • Demokratische Staaten mit funktionierenden Institutionen sind im Krieg effektiver. Das ist eine Art von Effektivität.
  • Autoritäre Staaten mit funktionierenden Institutionen sind ebenfalls effektiv, obwohl ihre Effektivität anders ist.

Sie können den militärisch-industriellen Komplex viel wirksamer dazu zwingen, für ihre Bedürfnisse zu arbeiten, wie es das 3. Reich tat. Oder sie können, wenn ihr militärisch-industrieller Komplex nicht so effektiv arbeitet, den Gegner ohne jeglichen gesellschaftlichen Widerstand oder Protest mit den Leichen der eigenen Landsleute überhäufen. Das tat die Sowjetunion.

Es gibt zwei weitere Staatstypen. Es kann einen demokratischen Staat mit ineffektiven Institutionen geben, wie bei uns. Das ist sehr gefährlich. Es kann einen autoritären Staat mit ineffektiven Institutionen geben. Auch das ist unter Kriegsbedingungen sehr gefährlich, wie Sie verstehen. Und wir haben eine sehr einfache Wahl: zwischen einem demokratischen Staat mit ineffektiven Institutionen und einem autoritären Staat mit ineffektiven Institutionen.

Ich möchte, dass wir während des Krieges einen demokratischen Staat mit effektiven Institutionen aufbauen. Denn wenn wir einen autoritären Staat aufbauen, werden seine Institutionen dadurch nicht effektiv. Unter demokratischen Bedingungen können wir es uns noch erlauben, die Institutionen effektiver zu machen. Stellen Sie sich einen autoritären Staat vor. Wie soll er unter den heutigen Bedingungen effektive Institutionen aufbauen? Gar nicht.

Deshalb müssen wir uns tatsächlich klar bewusst machen, dass es, wenn wir Russland als autoritärem Organismus widerstehen wollen, zwei wichtige Faktoren des Sieges gibt. Den Aufbau eigener demokratischer Institutionen und die Destabilisierung der Institutionen in Russland. Das ist es, womit wir uns im Grunde zu beschäftigen versuchen, wenn wir den militärisch-industriellen Komplex angreifen oder einen Online-Marktplatz. Wir greifen nicht nur die Wirtschaft an, wir destabilisieren russische Institutionen, weil dort ein Bedarf an Geld entsteht, ein Problem damit, wie der soziale Vertrag erfüllt wird, und weil man über Mobilisierung nachdenkt. Es wird also faktisch alles getan, um ihre Institutionen zu destabilisieren, damit sie, selbst wenn sie autoritär bleiben, die Macht des Staates nicht für den Krieg gegen uns nutzen können.

Wir müssen den entgegengesetzten Weg gehen. Wir müssen innerhalb eines demokratischen Staates effektive Institutionen schaffen, die den Demokratien im 20. Jahrhundert dabei halfen, den Autoritarismus zu besiegen. Denn Demokratien haben den Autoritarismus zweimal besiegt. 

  • Das erste Mal 1945, als es um Hitlerdeutschland ging. Ja, sie siegten gemeinsam mit der Sowjetunion, aber ich wiederhole: Die Sowjetunion war ein autoritärer Staat mit effektiven Institutionen. 
  • Und das zweite Mal besiegten sie dieselbe Sowjetunion im Kalten Krieg, weil sie demokratische Staaten mit funktionierenden Institutionen waren. Die Institutionen der Sowjetunion hatten zu diesem Zeitpunkt bereits begonnen, wie ich sagen würde, zu degradieren und endgültig zu entarten. Das ist die gesamte Antwort.

Können wir unter den gegenwärtigen Bedingungen unsere Institutionen effektiver machen? Ja. Dafür brauchen wir nationale Eintracht. Erstens. Dafür brauchen wir eine Koalition, die nicht nur aus der Partei „Diener des Volkes“ besteht, sondern aus staatsorientierten Parteien, zu der Vertreter der Europäischen Solidarität, der Golos und der Batkivshina eingeladen werden müssen. Und alle sagen: „Sie werden dort ohnehin keine kontrollierende Mehrheit haben.“ Es geht nicht um eine kontrollierende Mehrheit. Es geht um Ministerposten und um ihre Verantwortung für diese Posten. Verstehen Sie?

Svitlana Zhebiv: Und dann wird um solche Posten gehandelt werden: Sicherheitsdienst, Polizei oder etwas Ähnliches.

Portnikov: Der Sicherheitsdienst, das Verteidigungsministerium und das Außenministerium sind die Prärogative des Präsidenten. Mit ihm muss abgestimmt werden, welche Person er auf diesem Posten sehen möchte. Diese Person kann ein Vertreter einer anderen politischen Kraft sein, aber andererseits stellt sich die Frage: Warum, wenn es die Kompetenz des Präsidenten ist?

Svitlana Zhebiv: Sie sprechen schon seit Langem von einer Koalition und einer Regierung der nationalen Einheit?

Portnikov: Seit Langem, ja. Aber wir leben auch schon seit Langem unter den Bedingungen nicht funktionierender Institutionen.

Svitlana Zhebiv: Kehren wir aber dazu zurück, dass wir uns doch nicht besonders gut verständigen können. Stattdessen führt bei uns jeder Konflikt zu einem Frontalzusammenstoß. Selbst dieser Konflikt, offensichtlich ein Konflikt und eine gewisse Managementkrise zwischen Fedorov und Syrsky, ist zu einem Konflikt zwischen Personen geworden. Obwohl die Menschen, die auf die Straße gehen, wenn man mit ihnen spricht, für Institutionen und Reformen auf die Straße gehen. Und es entsteht eine solche Blase: Man muss sich entweder der einen oder der anderen Seite anschließen. Dabei funktionieren moderne Algorithmen sehr gut.

Portnikov: Natürlich. Aber wenn Sie wiederum auf eine bestimmte Person hoffen, die für Sie Hoffnung verkörpert, und Mychajlo Fedorovs Tätigkeit im Verteidigungsministerium mit dieser Zeit zusammenfiel, dann stellt sich eine andere Frage. Was ist, wenn sich herausstellt, dass sich die Ereignisse nicht so entwickeln, wie Sie denken, etwa nicht so schnell, oder dass die Mobilisierung nicht gebremst, sondern verstärkt wird? Mychajlo Fedorov kehrt ins Verteidigungsministerium zurück. Die Mobilisierung wird, was völlig natürlich ist, verstärkt. Und es ist tatsächlich die Aufgabe des Verteidigungsministeriums, sie zu verstärken. Was werden die Menschen, die auf die Proteste gingen, dann über den Verteidigungsminister denken? Er kann seine Autorität verlieren.

Svitlana Zhebiv: Und sie könnten gegen Fedorov auf die Straße gehen?

Portnikov: Sie könnten auf die Straße gehen, sie könnten auch nicht auf die Straße gehen. Aber ich möchte Sie daran erinnern, dass Valery Zaluzhny beispielsweise bis heute ein Symbol ukrainischer Standhaftigkeit geblieben ist. Vergessen Sie aber nicht, dass es sowohl das Jahr 2022 als auch 2023 gab. Stellen Sie sich vor, aus der Offensive wäre nichts geworden, Zaluzhny wäre anschließend Oberbefehlshaber geblieben, wie viele es wollten, und auch ich hätte gewollt, dass er damals bleibt. Ich verstand nicht, warum man den Oberbefehlshaber wechseln sollte. Aber dieser Mythos, würde ich sagen, hätte vor dem Hintergrund aller weiteren Ereignisse bereits zu schmelzen beginnen können. Zaluzhny ging einfach zu einem Zeitpunkt, als der Mythos trotz der Offensive von 2023, also trotz des ausbleibenden Ergebnisses der Offensive, noch fortbestand. Und Fedorov ging zu einem Zeitpunkt, als der Mythos ebenfalls noch bestand.

Das Problem der heutigen Regierung Zelenskys besteht darin, dass sie auf irgendeine seltsame Weise, obwohl sie angeblich aus politischen Technologen besteht, mögliche Konkurrenten in dem Moment entfernt, in dem der Mythos noch besteht, und nicht dann, wenn er sich bereits erschöpft. Warum? Ich weiß es nicht. Vielleicht fehlt erneut die elementare Logik. Vielleicht denkt der Präsident emotional, wie ein Mensch, der eine bestimmte Bedrohung sieht und keine Grenzen wahrnimmt. Das ist schwer zu sagen. Aber dennoch gibt es hier eine andere Situation, die mir wichtig erscheint, wenn wir über all diese Proteste oder über alles andere sprechen. Wir sprechen tatsächlich darüber, dass die Menschen, die in der heutigen Regierung Karriere machen, keine wirkliche politische Verantwortung und keine Verantwortung für die Folgen tragen.

Svitlana Zhebiv: Und haben wir Bürger diese Verantwortung?

Portnikov: Bei den Bürgern kann sich eine solche Verantwortung nicht vollständig herausbilden, wenn es keine Menschen gibt, die für die Zukunft des Landes Verantwortung tragen müssten.

Svitlana Zhebiv: Sie sprechen dabei auch über die Mobilisierung. Denn angenommen, Fedorov tritt morgen auf, bleibt im Amt, und wir nehmen an, dass er sagt: „Gut, jetzt werden wir uns vorbereiten und alle eine militärische Ausbildung durchlaufen, etwa wie in Israel.“

Portnikov: Ich glaube nicht, dass er das sagen wird, weil er wie Zelensky an seine nicht existierenden Wahlaussichten denken wird. Außerdem ist eine militärische Ausbildung wie in Israel keine Mobilisierung. Mobilisierung ist eine reale Einberufung in die tatsächlichen Reihen der Streitkräfte der Ukraine. Es ist eine Veränderung dessen, was mit den territorialen Rekrutierungszentren geschieht. Das ist übrigens etwas, von dem ich seit vielen Jahren sage, dass man es verändern muss. Seit vielen Jahren. Und auch das sind Dinge, die in der Gesellschaft absolut unpopulär sind.

Aber mir scheint, dass ich von Anfang an gesagt habe, die Mobilisierung müsse elektronisch erfolgen. Und wenn Ihnen „Dija“ so gut gefällt, dann nutzen Sie es bitte als Instrument der Mobilisierung. Schaffen Sie keine gesonderten Instrumente. Wozu? Wenn Sie natürlich der Meinung sind, dass die Informationen in Dija nicht angemessen geschützt sind, dies der Gesellschaft aber nicht sagen wollen und deshalb „Reserve+“ schaffen, dann wäre es vielleicht besser, ehrlich mit der Gesellschaft darüber zu sprechen, wie gut Dija geschützt ist. Dann wäre alles verständlich. „Wissen Sie, wir können es nicht nutzen, weil der Feind jederzeit die Daten unserer Mobilisierten nutzen könnte. Und das ist nicht dasselbe wie Ihre Steuerdaten, Dokumente oder die Zahl Ihrer Autos.“ Dann muss man ehrlich sein, ja?

Wenn wir aber einen Mythos schaffen, dann braucht der Mythos, wie jede Religion, seine Priester und seine Regeln. Gut, Dija oder nicht Dija, das spielt keine Rolle. Jedenfalls hielt ich die Idee, die Grenzen für Mobilisierungspflichtige zu schließen, für unproduktiv. Denn ich dachte, diese Grenzen würden für drei oder vier Wochen geschlossen, so lange, wie alle glaubten, dass der Krieg dauern werde. Danach braucht man gemeinsame Lebensregeln. Es kann nicht sein, dass die einen Menschen die einen Rechte und andere Menschen andere Rechte haben. Wenn eine Person mobilisierungspflichtig ist, müssen Sie akzeptieren, dass Sie ihr das Recht zur Ausreise gewähren wie jedem anderen Bürger. Aber machen Sie die Vorladungen zur militärärztlichen Kommission elektronisch und verlangen Sie von der Person beispielsweise, dass sie innerhalb von drei oder vier Wochen für diese Untersuchung nach Hause zurückkehrt. Danach soll sie wieder fahren dürfen, wenn sie nicht in die Reihen der Streitkräfte einberufen wird.

Dann müssen Sie nicht durch die Straßen gehen und dort Menschen suchen. Sie stellen einfach eine elektronische Vorladung zu. Und wenn auf diese elektronische Vorladung keine angemessene Reaktion des Bürgers folgt, beginnen Sanktionen seitens des Staates. Der Staat hat das volle Recht dazu, weil er Sie gewarnt und Sie auf zivilisierte Weise vorgeladen hat, Sie aber abgelehnt haben. Danach beginnen verschiedene Ebenen der Verantwortung gegenüber dem Staat, wie es sich gehört. Denn es ist ungerecht, wenn manche Menschen dienen, manche ehrlich zur militärärztlichen Kommission gehen, manche ehrlich ihre Daten in Reserve+ aktualisieren, es aber Menschen gibt, die weder das eine noch das andere noch das dritte tun, richtig? Und dennoch halten sie das für gerecht. Nein, sie handeln ungerecht gegenüber der ersten, zweiten und dritten Kategorie, gegenüber allen Kategorien.

Dann dürfen diese drei Kategorien nicht wegen der vierten leiden. Es muss Gleichheit für alle geben. Also machen wir es so. Alle sagen: „Dann werden sie alle ins Ausland fliehen.“ Das stimmt nicht. Es reisen ohnehin nicht alle aus. Erstens. Zweitens: Sind diejenigen, die fliehen wollten, etwa nicht geflohen? Sie sind geflohen, haben aus dieser Flucht aber eine riesige Korruptionspyramide gemacht. Und ich würde sagen, sie haben in der Gesellschaft eine sowjetische Atmosphäre geschaffen, wie zu Sowjetzeiten.

Der eine ist ins Ausland gegangen, der andere nicht. Der eine lebt in der Emigration, der andere hier. Derjenige in der Emigration ist ein schlechter Mensch, derjenige hier ein guter, obwohl derjenige hier sich vor dem     Einberufungszentrum verstecken kann und derjenige dort eine Diagnose haben kann, die ihm ohnehin keinen Dienst erlaubt. Aber er ist, wie zu Sowjetzeiten, ausgereist und deshalb ein schlechter Mensch. „Warum lebst du im Ausland?“ Ich spreche noch gar nicht davon, dass die Europäische Kommission jetzt die Frage diskutiert, ob Männern im mobilisierungspflichtigen Alter Schutz gewährt werden soll. Hätten wir freie Ausreise für alle und würden über elektronische Vorladungen sprechen, hätten wir uns vom ersten Tag an mit der Europäischen Kommission darauf einigen können, dass Schutz denjenigen gewährt wird, die ordnungsgemäß ausgestellte Einberufungsunterlagen vorlegen. Das hätte bereits die Zahl der Männer im wehrpflichtigen Alter verringert, die ins Ausland fahren.

Svitlana Zhebiv: Ich habe ein Interview mit einem Militäranalysten geführt und ihn gefragt, was ihn am meisten überrascht, ob ihn in der gegenwärtigen Situation überhaupt noch etwas überrascht. Er sagte, seine größte Überraschung bestehe darin, dass die Menschen zu glauben beginnen, Roboter würden kämpfen, alles werde vollständig automatisiert und man könne ohne Menschen auskommen.

Portnikov: Die Menschen wollen das glauben, weil sie dann denken können, eine solche Situation werde sie nicht betreffen. Aber sie glauben ja nicht nur daran. Die Menschen glauben auch, wenn sie sich in ihren Wohnungen befinden und in diesem Moment ballistische Raketen fliegen, dass diese Raketen ein anderes Haus treffen werden. In 90 Prozent der Fälle ist es tatsächlich so. Aber in zehn Prozent der Fälle trifft die Rakete oder die Drohne dein Haus, und du stirbst. Du kannst anderen davon einfach nicht mehr erzählen oder diese Erfahrung mit ihnen teilen. Und alle anderen, die am Leben bleiben, weil sie eine andere Erfahrung gemacht haben, glauben weiter daran, bis eine Rakete einschlägt.

Aber das ist wiederum die Reaktion von Menschen darauf, dass sie keinen Ort haben, an den sie gehen können. Darauf, dass wir viereinhalb Jahre lang, statt Schutzräume zu bauen, über die Wichtigkeit anderer Objekte nachdenken. Sagen wir, wir denken darüber nach, dass es uns wichtig ist, ein normales, friedliches Leben zu führen und zu glauben, der Krieg werde in drei Monaten enden.

Ich kann also nicht sagen, dass es ausschließlich daran liegt, dass die Menschen Fatalisten sind. Nein. Denn wenn ich im Moment eines Angriffs, insbesondere eines ballistischen Angriffs, nicht weiß, wohin ich gehen soll, wie soll ich dann wissen, welchen Schutzraum ich aufsuchen muss? Ich sage Ihnen: Bei den letzten ballistischen Angriffen auf Kyiv gab es in der Kyiver Metro bereits keinen Platz mehr zum Sitzen. Die Zahl der tatsächlichen Plätze ist also begrenzt.

Svitlana Zhebiv: Und das ist eine gute Frage. Ist das eine Frage an die Menschen oder an die Regierung?

Portnikov: Die Zahl der tatsächlichen Plätze war bereits nicht ausreichend. Ich kam, wie mir schien, rechtzeitig, und es gab schon keinen Platz mehr. Ich kam bereits mit meinem eigenen Stuhl, was ich früher nie getan hatte. Aber es stellt sich eine andere Frage: Wenn alle Menschen gewissenhaft handeln, wohin sollen wir dann in Kyiv oder Lwiw gehen? Stellen Sie sich vor, wie viele funktionierende Schutzräume es in Lwiw gibt. Wenn ganz Lwiw zu den Schutzräumen in Hotels oder Bildungseinrichtungen kommt, wird die Stadt dort hineinpassen?

Svitlana Zhebiv: Nun, wahrscheinlich muss sich jeder selbst darum kümmern, wohin er geht, wenn er zu Hause ist und etwas angeflogen kommt.

Portnikov: Und wenn es physisch keinen Ort gibt, an den man gehen kann? Wurden in Kyiv, Lwiw, Dnipro oder Odessa in diesen viereinhalb Jahren viele Schutzräume gebaut? Wurden viele gebaut? Ist das also eine Frage an die Menschen oder an die Regierung? Oder an die Menschen, die Druck auf die Regierung ausüben müssen?

Svitlana Zhebiv: An die Regierung.

Portnikov: An die Menschen, die Druck auf die Regierung ausüben müssen.

Svitlana Zhebiv: Das ist gerade der Aufbau eines demokratischen Prozesses, von Institutionen?

Portnikov: Wir haben doch nie einen Protest gesehen: „Wir wollen einen neuen Schutzraum.“ Haben Sie wenigstens Proteste mit der Forderung gesehen, jene Schutzräume zu renovieren, die es gibt und die bei alten Häusern für den Fall eines Atomschlags oder solcher Raketenangriffe gebaut wurden? In 90 Prozent der Fälle sind sie völlig unbrauchbar. Aber sie existieren.

Svitlana Zhebiv: Nun, das sieht nach einem Problem aus, das sich nicht lösen lässt.

Portnikov: Es lässt sich lösen, wenn es den Willen gibt. Aber wenn es in der Gesellschaft keine Nachfrage danach gibt, renoviert die Regierung für die Gesellschaft lieber etwas anderes. Es stellt sich also heraus, dass man sich problemlos mobilisieren kann, wenn die gesellschaftliche Nachfrage etwa einem effektiven Verteidigungsminister oder Antikorruptionsbehörden gilt. Es ist also auch eine Frage der Prioritäten. Wenn der Moment eines solchen Angriffs kommt, gehen die Menschen in die Metro, verstehen, dass es keinen Platz gibt, aber danach beruhigt sich alles irgendwie wieder. Der Mensch möchte nicht darüber nachdenken.

Svitlana Zhebiv: Andere Angelegenheiten.

Portnikov: Andere Angelegenheiten. Und so geht es bis zur nächsten solchen Geschichte weiter. Ich bin absolut überzeugt, dass wir uns grundsätzlich auf solche Dinge vorbereiten müssen, denn ich habe viel mit meinen israelischen Bekannten gesprochen, die hierherkommen. Und sie sind natürlich fassungslos.

Svitlana Zhebiv: Darüber, dass wir uns nicht vorbereiten.

Portnikov: Darüber, dass niemand irgendwohin geht. In Israel ist das unmöglich. Es gibt geschützte Räume, es gibt Schutzräume, alle gehen hinein. Manche Todesfälle geschehen, wenn Menschen es nicht rechtzeitig schaffen hinunterzugehen, zum Beispiel ältere Menschen wegen der Treppen. Verstehen Sie? Dann gibt es direkte Raketentreffer. Natürlich wird selbst ein geschützter Raum bei einem direkten Raketentreffer kaum helfen. Aber direkte Raketentreffer in Wohnviertel gibt es nicht so viele, verstehen Sie? Und jedenfalls betrifft es ein Haus. Aber all die Drohnen und all die Folgen von Einschlägen, wir sehen doch ihre Ergebnisse. Es ist also ein riesiges Problem, dass wir noch immer nach diesem „Vielleicht geht es ja gut“ leben.

Svitlana Zhebiv: Mhm. Es wird schon gut gehen.

Portnikov: Ja. Und wir können uns nicht vorstellen, dass man sich anders verhalten kann. Ich sage Ihnen noch einmal: Menschen, die seit Jahren in einer solchen Situation leben und hierherkommen, sehen, dass auch wir angeblich seit Jahren so leben, aber nichts dergleichen geschieht. Alle meine Bekannten fragen mich: „Bist du in der Metro oder irgendwo anders hinuntergegangen?“ Ja, aber sie selbst gehen nicht hinunter. Sie finden, dass ich alles richtig mache, aber wohin sollen sie gehen? Sie haben keinen Ort. Jeder erklärt sich selbst, dass er keinen Ort hat, an den er gehen kann. Und dagegen kann man nichts tun. So ist die Situation.

Svitlana Zhebiv: Es sieht so aus, als würden wir keine große Politik besprechen, sondern einfache, alltägliche Dinge. Aber genau das ist doch der Aufbau von Institutionen und normale Fragen an die Regierung, die bei einem Schutzraum beginnen können. So funktioniert im Grunde deine Stadt. Wir beginnen immer mit der Frage: „Was bringt das? Was beeinflusst es? Was wird die Lösung sein?“ Erstens: Sind Medien und Journalisten überhaupt noch wichtig? Denn zuletzt habe ich gelesen, dass China gewissermaßen auf die Ausbildung von Journalisten verzichtet hat. Denn in China wird Pressefreiheit nicht gebraucht.

Portnikov: Es gibt soziale Netzwerke.

Svitlana Zhebiv: Es gibt TikTok. Droht uns nicht dasselbe? Wir erinnern uns, als diese neue Regierung antrat und es im Präsidialamt sogar Bohdan gab, der sagte: „Wir brauchen keine Journalisten. Wir haben unsere eigenen Informationskanäle. Dort verbreiten wir alle Informationen.“ Inwieweit können Journalisten diese Agenda prägen? Warum ist sie wichtig?

Portnikov: Die traditionelle Presse könnte in den kommenden Jahrzehnten verschwinden.

Svitlana Zhebiv: Traditionelle Formate.

Portnikov: Traditionelle Medienformate, natürlich. Aber es stellt sich eine sehr einfache Frage. Wir verstehen, warum das in China geschieht. Doch mich interessiert beispielsweise, ob in Hongkong weiterhin Journalismus gelehrt wird. Werden all diese großen Hongkonger Publikationen, die im Grunde die chinesische Position in der Welt vermitteln, weiter erscheinen? China braucht doch, dass seine Position verstanden wird. Wird China sie ausschließlich mithilfe von TikTok vermitteln, oder wird die South China Morning Post bleiben? Damit die South China Morning Post bleibt, muss ein Mensch professioneller Journalist sein und mit Informationen arbeiten können.

Es gibt eine einfache Sache. Das, worüber wir in sozialen Netzwerken sprechen, sind keine Nachrichten, sondern Nachrichtenaggregatoren oder Kommentare zu Nachrichten. Jemand muss diese Nachrichten erzeugen. Wenn wir den Journalismus als Beruf aufgeben, verzichten wir auf die Vermittlung zwischen einer Nachricht und demjenigen, der sie überprüfen kann. Ja, wir brauchen eine gewisse Herausforderung. Ich halte eine Pressekonferenz nicht unbedingt für eine Nachricht.

Die letzte große Pressekonferenz, die alle interessierte, war beispielsweise das Briefing Mychajlo Fedorovs. Er hätte auch ohne Treffen mit Journalisten auskommen und eine Erklärung abgeben können. Einige kritische Fragen hätte man ihm in einem virtuellen Format stellen können, und er hätte darauf geantwortet. Obwohl es natürlich schwieriger ist, nicht zu antworten, wenn ein Mensch neben dir steht, wie wir es bei Trump sehen. Trump beantwortet alle Fragen, selbst die kritischen. Er wird wütend. Stellen Sie sich vor, diese Menschen wären nicht da. Auch das ist eine Tradition.

Aber eine Nachricht ist ein Ereignis. Wenn Sie keine angemessene Antwort auf die Frage haben, was geschehen ist, werden Sie einfach zum Gefangenen von Manipulationen. Gerade deshalb sind anonyme Telegram-Kanäle so gefährlich, weil sie Nachrichten einfach erfinden.

Svitlana Zhebiv: Und zusätzliche Blasen und unterschiedliche Informationswelten schaffen, in denen wir leben.

Portnikov: in denen die Menschen nicht von Nachrichten leben, sondern von erfundenen Geschichten über das Nachrichtengeschehen. Verstehen Sie? Und die Menschen sind in jeder Situation bereit, daran zu glauben. Ich lebe beispielsweise in einer Situation, in der ich seit zwölf Jahren angeblich überhaupt in Polen lebe.

Svitlana Zhebiv: Und das ist eine Erfindung über Sie?

Portnikov: Wenn Menschen mich treffen, sagen sie: „Sind Sie etwa in der Ukraine?“ Nun, eigentlich ja. Ich moderiere doch jede Woche Sendungen in ukrainischen Studios. Hinter mir ist Kyiv oder Lwiw. Nein. Denn das hat ein niemandem bekannter Autor eines unbekannten Telegram-Kanals geschrieben. Solcher Beispiele kann man eine riesige Zahl nennen. Zu jedem Ereignis.

Es ist also wichtig, dass zumindest der Nachrichtenjournalismus weiter existiert, und das kann nur in einem Team geschehen. Vielleicht nicht auf Papier, vielleicht nicht in Form einer Website, die bereits die periodische Publikation ersetzt hat. Aber in irgendeiner Form werden Teams weiterhin existieren und funktionieren müssen. Vielleicht als eine Form öffentlichen Interesses, vielleicht wird das nicht genügend Werbeeinnahmen bringen, ich weiß es nicht. Aber das ist eine Herausforderung, auf die wir beide antworten müssen.

Wie Sie wissen, beantworte ich diese Herausforderung übrigens immer durch meine eigene Arbeit, weil ich versuche, auf die eine oder andere Weise auf alle Formate zu reagieren, die auf mich zukommen.

Svitlana Zhebiv: Sie schreiben jetzt wahrscheinlich weniger Texte und machen mehr Videos.

Portnikov: Ich schreibe weniger Texte. Aber was bedeutet überhaupt, dass ich weniger Texte schreibe? Ich schreibe etwa vier bis fünf Texte pro Woche. Wie viel soll ein Journalist überhaupt schreiben? Mein ganzes Leben lang schrieb ich etwa fünf bis sechs Texte pro Woche. Jetzt schreibe ich zwei weniger.

Warum erwähne ich das? Weil das niemand mehr bemerkt. Ich bin so viel im Videoformat präsent, dass niemand überhaupt versteht, dass ich weiterhin ein, wie ich sagen würde, effektiv arbeitender, schreibender Journalist bin. Mehr noch: Ich schreibe jetzt Texte auf Englisch, was ich früher nie getan habe. Für einen nicht englischsprachigen Menschen habe ich eine große Zahl von Lesern auf Substack und X, wo ich ausschließlich auf Englisch schreibe. Dort sind Hunderttausende Menschen, aber niemand bemerkt das. Weil wir in unserer eigenen Blase leben. Warum sage ich das? Weil ich versuche, auf all diese Herausforderungen zu reagieren. Wenn Sie sagen: „Sie schreiben weniger“, dann nein, ich schreibe nicht weniger. Ich schreibe so viel wie früher, aus Sicht des Englischen sogar mehr.

Deshalb sage ich, dass wir auf alle Herausforderungen reagieren müssen. Wenn wir den Journalismus bewahren wollen, müssen wir die Herausforderung aller neuen Informationsformate annehmen, die entstehen, und darin, sagen wir es jetzt in einer zivilisierten Sprache, die „Dilettanten“ besiegen. Sehen Sie sich überhaupt Lwiwer Blogger an, was sie etwa auf TikTok machen?

Svitlana Zhebiv: Auf TikTok nicht. Aber Sie dürfen mich beneiden, denn ich werde anfangen, sie anzusehen. Ich werde diese Blogger für mich entdecken. Aber warum erwähne ich überhaupt den Journalismus? Ich zeige am Beispiel des Journalismus, ebenso wie wir über diese Schutzräume gesprochen haben, wie sehr sich die Welt verändert und wie sehr wir das verlieren können, was uns beim Aufbau der Demokratie hilft.

Portnikov: Vielleicht ist es umgekehrt? Wir erhalten effektivere Instrumente, wenn wir Influencer werden, unsere Positionen verteidigen, um uns herum eine größere Zahl interessierter Menschen vereinen und dies neben den traditionellen Medien tun.

Svitlana Zhebiv: Sie sprechen vom Vertrauen zu Journalisten, die ihren professionellen Namen nicht verloren und ihn über Jahre der Arbeit bewahrt haben.

Portnikov: Und bestimmte Influencer werden sich uns anschließen. Daran ist nichts Schlimmes. Man kann vieles tun. Ich setze mit den Lwiwer Bloggern fort. Ein Lwiwer Blogger, ein kleiner Junge, ich weiß nicht, wie alt er ist, zwölf oder dreizehn, macht auf TikTok ständig irgendwelche Blogs darüber, welche Frisur er sich gemacht oder mit welchem Mädchen er getanzt hat. Das ist für einen Schüler normal.

Aber ich sah sein TikTok von dem Protest mit dem Kartonschild. Verstehen Sie? Wie viel kann dieser kleine Junge, der ein anderes Publikum hat, in Zukunft bewirken, wenn er zwölf Jahre alt ist und bereits als Mensch in einer Atmosphäre einer engagierten Gesellschaft aufwächst und diese Gesellschaft unterstützt? Es ist doch ein Kind. Es wächst bereits mit einem bestimmten Verständnis der eigenen Bedeutung und Verantwortung auf. Als Kind sieht es das Beispiel älterer Menschen, vielleicht derselben jungen Männer, an denen es sich in den sozialen Netzwerken orientiert.

Und da haben Sie die Frage. Ich verlange nicht, dass ein zwölfjähriger Mensch politische Kommentare à la Vitaly Portnikov abgibt, Gott bewahre, nein. Obwohl ich das selbst mit zwölf getan hätte. Wäre ich heute zwölf Jahre alt, also derjenige, der ich als Zwölfjähriger war, würde ich politische TikToks machen. Schade, dass es das damals bei mir nicht gab. Ich wäre heute der bekannteste politische Blogger der Ukraine, wäre ich zwölf Jahre alt. Das ist übrigens kein Scherz, denn ich habe meine Tagebücher aus dem Jahr 1979, als ich zwölf war, in Heften. Ich verstehe, wie viel ich heute als Zwölfjähriger in sozialen Netzwerken machen könnte. Ich wäre populärer als jetzt mit 59. Verstehen Sie?

Aber ich sehe diesen Jungen an und freue mich sehr, weil er normaler ist, als ich es war. Er ist kein Wunderkind mit politischen Interessen, das alle Minister und Ministerpräsidenten kennt und sich für Kriege, Politiker und Parteitage interessiert. Er ist ein normaler Junge. Er wird ein normales Leben führen, aber das Leben eines sozial verantwortlichen Menschen. So eröffnen sich völlig neue Perspektiven.

Svitlana Zhebiv: Ja. Andererseits können wir auch Manipulationen und gezielte Falschinformationen beobachten. Und wie ich sagte, gibt es diese verschiedenen Informationsrealitäten, die sich nicht immer überschneiden. Sehen Sie, wie sie sich überschneiden können oder wie ein solcher Dialog möglich ist? Dialog bedeutet gerade, nach einer Lösung zu suchen. Ein Dialog zwischen Regierung, Gesellschaft und engagierten Menschen. Oder auch zwischen verschiedenen Blasen, zwischen denen, die eine bestimmte Entscheidung unterstützen, und denen, die sie nicht unterstützen.

Portnikov: Ja, Dialog bedeutet Wahlen. In Wahrheit sind wir dieses Wahlwerkzeugs derzeit einfach beraubt, weil Krieg herrscht und wir in diesem Krieg überleben wollen. Aber wenn wir überleben, wird dieser Dialog an den Wahllokalen während der Wahlkämpfe stattfinden. Dann werden übrigens, wie Sie verstehen, viele nicht mehr daran interessiert sein, in einem traditionellen Medium irgendeinen bestellten Artikel zu veröffentlichen, sondern mit Bloggern zu arbeiten. Mit Bloggern zu arbeiten ist schwieriger. Natürlich kann man jemandem Geld geben, wie man es für Werbung für irgendein Parfüm tut, aber das erschöpft sich schnell. Sie verstehen, dass die Autorität eines einzelnen Menschen nicht die Autorität eines Mediums ist. Sie kann mit einem einzigen Mal erschöpft sein, und die Menschen wenden sich ab.

Also werden alle bei solchen Dingen vorsichtiger sein. Du wirst mit diesen Menschen arbeiten und beweisen müssen, dass du wirklich kein Scharlatan bist, Fedorov, und dass du ein reales Veränderungsprogramm hast. Sonst wird nichts geschehen. Sie verstehen doch, dass der Effekt des ehemaligen Verteidigungsministers darin bestand, dass er nicht einfach sagte: „Ich bin gut und sympathisch“, sondern über bestimmte Veränderungspläne sprach, die den Menschen verständlich sind.

Das kann ein populistisches Programm sein, aber wenigstens gibt es eines. Und das ist übrigens ein gewaltiger Unterschied zum Jahr 2019. Sie werden niemals formulieren können, was Volodymyr Zelensky damals eigentlich tatsächlich tun wollte. Die Korruption besiegen und den Krieg beenden. Das ist natürlich großartig, aber wie der Umzug des Präsidialamts von der Bankowa in ein gläsernes Büro im Ukrainischen Haus: Man zieht bis heute um. Erinnern Sie sich, was das damals für völlig kindliche Versprechen und Spielereien waren. Heute muss man den Menschen schon ernsthaftere Dinge sagen. Und so wird es sein. Selbst der Populismus wird sich kreativ entwickeln. Und natürlich braucht es einen Dialog zwischen verschiedenen sozialen Gruppen und Menschen mit unterschiedlichen Interessen.

Was ist wiederum der Ausweg aus der Situation? Eine Koalition. Wie findet Dialog statt? In zivilisierten Ländern müssen Sozialisten, Konservative und, sagen wir, Liberale eine Regierung bilden, um die Ultrarechten nicht an die Macht zu lassen. Zwischen ihnen findet ein Dialog statt. Der kann vielen missfallen. Der Dialog zwischen Christdemokraten und Sozialdemokraten in Deutschland ist ein schrecklicher Dialog, oder der Dialog der politischen Parteien in den Niederlanden, wenn sie keine Koalition mit der Partei von Geert Wilders eingehen wollen. Oder die Dialoge zwischen den lettischen politischen Parteien, die beispielsweise eine Partei nicht an die Macht lassen wollten, welche im Grunde die Interessen des russischen politischen Spektrums vertrat. Dann schließen sich Liberale, Konservative, rechte Nationalisten und Grüne zusammen. Was verbindet sie? Dass sie Letten sind. Sie müssen miteinander einen zivilisierten Dialog führen.

Svitlana Zhebiv: Aber wir sehen weder diesen Dialog noch Wahlen. Wie kann man die Situation dann analysieren?

Portnikov: Jetzt müssen wir einfach weiterhin ehrlich mit der Gesellschaft über die bestehenden Probleme sprechen.

Svitlana Zhebiv: Hätte Zelensky das sagen müssen, oder wer?

Portnikov: Jeder von uns muss Teil dieses Dialogs sein. Zelensky natürlich auch. Aber er versucht es, er trifft sich zumindest mit bestimmten Politikern, Abgeordneten und Bloggern. Er muss einfach auf eine neue Ebene der Kommunikation und der Selbsteinschätzung übergehen. Er muss sich mit Petro Poroschenko treffen. Er muss sich mit Julija Tymoschenko treffen, auch wenn sie manchen nicht gefällt und anderen gefällt, ebenso wie Poroschenko manchen nicht gefällt und anderen gefällt. Er muss sich regelmäßig mit Abgeordneten anderer politischer Kräfte treffen, denn er ist nicht Präsident der Partei „Diener des Volkes“, sondern Präsident aller Ukrainer. Die Ukrainer haben nicht nur für Populisten, sondern auch für staatsorientierte Kräfte gestimmt. Auch diese Ukrainer müssen respektiert werden, und man muss sich mit ihren Anführern treffen. Man muss sich mit Journalisten treffen, die unangenehme Fragen stellen können, die von der Kompetenz des Präsidenten nicht überzeugt sind, ihn aber als Staatsoberhaupt unterstützen.

Ich meine damit nicht mich selbst. Ich glaube, der Nutzen eines Treffens mit mir wäre gering. Aber es gibt Menschen, die, sagen wir, vor Ort arbeiten und über die Realität in der Gesellschaft und in den Streitkräften berichten können. Menschen, die nicht in Formeln sprechen, wie ich es tue, sondern mit reinen Fakten, die der Präsident vielleicht einfach nicht kennt. Wie jeder Mensch, der aufgrund dieser, wie ich sagen würde, 24-stündigen Konzentration auf die Lösung absolut konkreter Fragen von der Realität losgelöst sein kann. Seine engsten Mitarbeiter werden ihn niemals in diese Realität hineinführen, weil sie dadurch ihre Posten verlieren könnten.

Auch das ist also Teil des Dialogs, damit bestimmte Dinge für den Präsidenten keine Überraschung sind. Er wird aber verstehen müssen, dass man ihm unangenehme Dinge sagen wird und dass die Menschen, die sich mit ihm treffen, ihn nicht als irgendeinen herausragenden Menschen mit politischem Denken und als Hoffnung der Nation betrachten werden. Sie werden ihn einfach als Beamten betrachten, der auf einem bestimmten Posten sitzt und dort so lange sitzt, weil es so gekommen ist, nicht künstlich, sondern wegen des Krieges, und weil wir alle seine Legitimität anerkennen.

Svitlana Zhebiv: Fedorov sagte während der Pressekonferenz: „Unser Auftraggeber ist das ukrainische Volk.“ Das klang wie die Aussage eines Unternehmensleiters. Und Sie haben anscheinend ebenfalls diese Analogie gezogen, dass es in der Ukraine den Wunsch gibt, Reformen umzusetzen,     transparente Behörden und besonders effiziente Strukturen aufzubauen, wie es in Georgien war. Ich erinnere mich übrigens, dass sogar eine georgische Ministerin nach Lwiw kam, die hier die Digitalisierung einführen sollte. Wir haben sogar Leute eingeladen, damit wir diesen Weg nicht gehen. Und wie endete das alles?

Portnikov: Ich habe darüber bereits während der Herrschaft Micheil Saakaschwilis gesprochen, aber niemand wollte mir zuhören. Ich war dabei immer ein völliger Außenseiter, weil ich stets sagte: „Ja, ich verstehe, dass wirtschaftliche Reformen in Georgien wichtig sind.“ Das ist eine Tatsache. Diese zu Saakaschwilis Zeiten geschaffenen Mechanismen funktionieren noch immer. Ja, ich verstehe, dass energische Maßnahmen zur Korruptionsbekämpfung ergriffen werden. Aber wodurch wird das abgesichert? Durch nichts außer einer Fassade.

Ich erinnere mich, dass der damalige georgische Botschafter in der Ukraine, ein guter Freund von mir, mich einlud, mit einer Journalistendelegation nach Georgien zu reisen. Ich sagte ihm: „Nein, ich fahre nirgendwohin mit irgendeiner Delegation. Ich fahre nicht durch Potemkinsche Dörfer. Ich werde selbst fliegen, das verspreche ich, denn ich möchte es sehr.“ Übrigens landeten wir zufällig im selben Flugzeug. Er fuhr mich sogar zu der Wohnung, die ich am Rustaweli-Prospekt gemietet hatte.

Schon damals verstand ich alles darüber, was in Georgien geschah, als ich diese Wohnung mietete. Ich hatte eine wunderbare Wohnung in einem schönen Viertel im Zentrum von Tbilissi von einer großartigen Frau gemietet. Sie war die Witwe einer herausragenden Kulturpersönlichkeit und stammte aus einer Familie, in der es Stars des georgischen Kinos und Theaters gab. An den Wänden hingen Bilder, echte Werke georgischer Künstler. Aber wenn Gäste kamen, musste sie vorübergehend zu Verwandten ziehen, weil sie keine andere zusätzliche Einkommensquelle hatte. Und es tat mir sehr leid, dass eine Frau, die ein so würdiges Leben geführt hatte, deren Familie so viel für das Land getan hatte, eine solche Rente erhielt, dass sie davon nicht leben konnte und keine andere Möglichkeit hatte. Das war keine zusätzliche Wohnung. Es war die Wohnung, in der sie selbst lebte.

Verstehen Sie, wäre ich in irgendeinem sogenannten Hotel „Intourist“ oder, sagen wir scherzhaft, in irgendeinem Grandhotel abgestiegen, hätte ich das nicht verstanden. Dann reiste ich herum und sah das wirkliche Georgien. Ich sah Städte, die eigens für diese Delegationen praktisch renoviert worden waren, und sah gleichzeitig, in welchem Zustand sich beispielsweise Josef Stalins Heimatstadt Gori befand. Ich fuhr nach Gori, weil es mich interessierte, das Stalin-Denkmal und das Stalin-Museum zu sehen, wie Sie verstehen, als jemand, der stets tief in die sowjetische Geschichte eingetaucht war. Als ich dann Vertreter dieser ukrainischen Delegation traf, die durch Georgien gefahren war, hatte ich den Eindruck, wir hätten verschiedene Länder bereist.

Svitlana Zhebiv: Es gab sogar das Buch „Warum Georgien erfolgreich war“.

Portnikov: Georgien verstand es immer, die Menschen aus Moskau oder Kyiv zu empfangen: Chatschapuri, Festtafel, Kindsmarauli. Aber sehen Sie sich an, was tatsächlich geschieht. Warum war Georgien erfolgreich? Es war nicht erfolgreich. Denn all das beruhte auf der Autorität Micheil Saakaschwilis, der genau jenes Georgien aufbaute, das Zelensky heute in der Ukraine errichtet.

Svitlana Zhebiv: Wie können wir vermeiden, zu jenem Georgien zu werden, bei dem es nicht funktioniert hat?

Portnikov: Die reale Sicherung sind starke demokratische Institutionen. Verstehen Sie? Saakaschwili baute sogar eine parlamentarische Republik auf, damit der Präsident seine gesamte Machtfülle verliert, weil er sich darauf vorbereitete, Ministerpräsident zu werden und dort als Ministerpräsident ewig zu regieren. Es gelang ihm nur nicht. Das funktionierte in Georgien nicht. Vielleicht hätte es diesen außenpolitischen Kurswechsel nicht gegeben, wäre er Ministerpräsident geworden. Aber es wäre ein autoritärer Staat gewesen. Wir kennen diesen Stil bereits.

Im Ergebnis fiel dieser autoritäre Mechanismus einem anderen Menschen mit viel gefährlicheren Absichten, politischen Positionen und einer anderen Haltung zu Moskau in die Hände. Schutzmechanismen in Form einer starken Justiz und eines Systems unabhängiger Medien zerstörte Saakaschwili systematisch. Am Ende seiner Herrschaft räumte er das Feld für genau ein solches Regime frei, wie es heute in Georgien besteht. Es ist wichtig, dass Zelensky das Feld nicht freiräumt und die Folgen versteht. Dass er Saakaschwili im Gefängnis ansieht und darüber nachdenkt: Möchte ich nach meiner Präsidentschaft ebenfalls dort landen?

Der wichtigste Schutz dafür, dass Zelensky nach dem Ende seiner Amtszeit ein respektiertes Mitglied unserer Gesellschaft bleibt, werden demokratische Institutionen sein. Was bedeutet für uns eine demokratische Institution? Respekt vor der Verfassung. Das Gleichgewicht der Macht zwischen Parlament, Regierung, Präsident und Justiz. Die Gewaltenteilung und die Strukturen der Macht.

Bei uns gibt es keine Gewaltenteilung. Sie sehen doch, dass der Oberste Gerichtshof die völlig politisierten Sanktionen gegen Poroschenko nicht aufhebt. Das zeigt, dass wir keine unabhängige Justiz haben. In diesen Jahren haben wir uns zu einem Land entwickelt, das man hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Justiz und, wie ich sagen würde, nicht einmal der Exekutive, sondern der Präsidialmacht mit Belarus oder Russland vergleichen kann. Eher mit Belarus.

Das ist eines der Elemente. Wenn wir sagen, dass es ein Element von Belarus gibt, ein Element von Russland und ein Element von noch etwas anderem, welchem Land ähneln wir dann? Viktor Orbáns Ungarn. Denn einerseits sind wir Teil des Westens, und der Westen nimmt uns als seinen Teil wahr, wie er Ungarn als seinen Teil wahrnahm. Andererseits ist der Westen gezwungen, sich damit abzufinden, dass bestimmte Elemente der Demokratie in der Ukraine entweder fehlen oder nur in passiver Form bestehen.

Und es gibt eine Zivilgesellschaft. Auch in Budapest ging sie während der gesamten Herrschaft Orbáns auf die Straße. Wie sehr hinderte das Orbán daran, das zu tun, was er wollte? Nicht besonders. Zelensky berücksichtigt die öffentliche Meinung viel stärker. Das muss man ihm zugutehalten, denn für ihn ist seine eigene Popularität wichtiger als für Orbán, der schließlich kein ehemaliger Showman war, sondern vom ersten Tag seiner Macht an ein politisches Tier.

Svitlana Zhebiv: Sie sagten, es gebe nur eine Möglichkeit, den Präsidenten auszutauschen, und dies sei gewissermaßen der einzige verfassungsgemäße Weg: wenn er selbst zurücktritt. Halten Sie diese Möglichkeit für realistisch?

Portnikov: Ich erkläre lediglich, welcher juristische Mechanismus existiert. Würde man mich fragen, ob ich möchte, dass Volodymyr Zelensky zurücktritt: Nein. Volodymyr Zelensky ist der legitim gewählte Präsident des Landes. Für ihn stimmten 73 Prozent der Bürger, die im zweiten Wahlgang an der Wahl teilnahmen. Wie Sie wissen, habe ich nicht für Zelensky gestimmt. Ich kann Ihnen heute aber nicht sagen, dass ich niemals für ihn stimmen werde, denn ich halte es für möglich, dass bei den nächsten Wahlen als Folge all dieser Erschütterungen ein prorussischer Kandidat Zelenskys Gegenkandidat sein könnte. Dann müssten wir für Zelensky stimmen, um das Abrutschen der Ukraine in ein Bündnis mit Russland aufzuhalten. Das kann geschehen, so wie wir einst für Kutschma stimmten, um Symonenko nicht an die Macht zu lassen.

Svitlana Zhebiv: Das ist der Weg eines Landes, aus dem Schlechteren zu wählen.

Portnikov: Ich glaube nicht, dass es zwangsläufig so kommen wird. Aber ich werde hier nicht feierlich erklären: „Ich werde niemals für Zelensky stimmen.“ Man weiß es nicht.

Svitlana Zhebiv: Was sind Ihre drei wichtigsten Forderungen an Zelensky?

Portnikov: Ich möchte nur diesen Gedanken zu Ende führen. Wenn ein Mensch diese 73 Prozent erhielt und jetzt ein so hohes Popularitätsniveau hat, stellen Sie sich vor, er tritt zurück. Was erhalten wir dann? Dabei geht es nicht einmal um die Person des amtierenden Präsidenten. Das könnte nicht der heutige Parlamentspräsident, sondern jeder andere Sprecher sein, den das Parlament wählt. Sie verstehen doch, dass dieser Mensch bei niemandem ein solches Vertrauen genießen wird wie Zelensky.

Ganz zu schweigen davon, dass sich das Parlament in einer solchen Situation, in der es die gesamte Machtfülle erhält, dazu entschließen könnte, diese Parlamentspräsidenten alle drei Monate auszutauschen, wie es bei uns vorkommt. „Dieser hat kein Vertrauen bei den Menschen. Probieren wir den nächsten.“ Das ist Chaos. Das wird nicht einfach ein Präsident sein, sondern ein kommissarischer Oberbefehlshaber der Streitkräfte. In welchem Maß wird man ihn als Oberbefehlshaber wahrnehmen? Oleksandr Turtschynow erlebte tragische Tage, als er einerseits die Gefahr verstand, andererseits aber die Mehrheit der Mitglieder des Sicherheits- und Verteidigungsrates seine Position nicht unterstützte. Sie wissen das aus den veröffentlichten Protokollen. Und das Wichtigste ist, dass die Militärs die Befehle nicht ausführten. Auch das muss man ehrlich sagen.

Svitlana Zhebiv: Das ist Chaos für das Land. Trotzdem: Welche Forderungen haben Sie derzeit an Zelensky? Denn Sie sagen manchmal: Wie lange soll Zelensky noch lernen? Er lernt, lernt, lernt aus Fehlern und wird erwachsener.

Portnikov: Ich glaube überhaupt nicht, dass Zelensky lernt und erwachsener wird. Hinsichtlich seines Charakters ist er derselbe wie im Jahr 2019. Er ist lediglich gezwungen, auf das zu reagieren, was geschieht. Deshalb habe ich keinerlei Forderungen an ihn. Ich möchte, dass er bis zur Wahl eines neuen Staatsoberhaupts würdig seine Pflichten als Präsident und Oberbefehlshaber erfüllt.

Svitlana Zhebiv: Sehen Sie unterschiedliche Zelenskys, beispielsweise bei der Kommunikation im Land und nach außen? Ist diese externe Kommunikation reifer?

Portnikov: Nein. Sie sehen, dass es auch nach außen dieselben, wie ich sagen würde, Fehler der Selbstüberschätzung gibt wie im Inneren. Und solcher Fehler gibt es viele. Das ist alles. Warum glauben Sie, Zelensky sei unterschiedlich? Er ist, wie er ist. Zelensky ist ein Mensch, der allein durch die Tatsache seiner Existenz Politik als Tatsache widerlegt. Er glaubt nicht, dass es sie gibt. Wie ein Junge, der mit Mathematik beginnt und nicht glaubt, dass fünf mal fünf 25 ist, sondern meint, er sei so großartig, dass es 30 sein werde, wenn er es wolle. Aber es wird nicht 30 sein.

Svitlana Zhebiv: Er glaubt also eher an Marken und Marketing?

Portnikov: Er glaubt an sich selbst. Und er denkt, all das sei ausschließlich dafür da, den einfachen Menschen zu täuschen. Er ist selbst ein einfacher Mensch. Das ist ein unglaublicher Fall, in dem die Menschen jemanden zum Präsidenten wählten, der so ist wie sie selbst, mit demselben Glauben, all das sei nur Kulisse. In Wirklichkeit müsse man einfach „Bumm“ machen, und alles werde gelingen. Ich kann in dieser Hinsicht nichts von Zelensky verlangen, weil er so ist. Menschen verändern sich nicht, sie lernen nicht. Das stimmt nicht. Sie sind, wie sie sind.

Svitlana Zhebiv: In der Situation der Beziehungen zu Polen, dort, wo wir jetzt stehen: Glauben Sie, Zelensky oder sein Team hätten anders handeln können?

Portnikov: Ich gebe Zelensky dafür überhaupt keine große Verantwortung. Meine polnischen Kollegen sagen ständig, er habe das absichtlich getan. Ich glaube, er tat nichts absichtlich. Für Zelensky ist die Benennung einer Militäreinheit nach den Helden der UPA ausschließlich eine innenpolitische Angelegenheit, die nicht Teil der außenpolitischen Agenda sein sollte.

Svitlana Zhebiv: Er verstand also nicht, dass dies einen solchen Skandal auslösen könnte, und unterschätzte dessen Ausmaß.

Portnikov: Ich glaube, er dachte in diesem Moment überhaupt nicht darüber nach. Auch die Menschen um ihn herum könnten nicht daran gedacht haben. Stellen Sie sich vor: Sie betrachten das aus einer Lwiwer Perspektive, wo es die UPA und Polen gibt. Stellen Sie sich vor, Sie wären in Krywyj Rih geboren. Sie wären in Krywyj Rih geboren, wo es all das überhaupt nicht gibt. Keine UPA, kein Polen. Dass all das existiert, erfahren Sie im Jahr 2019. Sie sind ein guter russischsprachiger Junge aus Krywyj Rih. Sie haben einen Verteidigungsminister, einen guten russischsprachigen Jungen aus Saporischschja. Nun, Sie sind alle zur ukrainischen Sprache übergegangen. Sie sind jetzt Amtsträger. Sie haben die Bedeutung der Ukraine verstanden, aber Sie sind all dem nie begegnet. Sie begegneten ihm erst 2019. Ihr Verteidigungsminister begegnete ihm, sagen wir, 2020. Nein, 2026. Denn er war Digitalisierungsminister. Er hatte keine Zeit für all diese Büchlein. Sie haben einen Oberbefehlshaber der Streitkräfte, aber auch er stammt nicht von hier, verstehen Sie? Für sie sind das alles irgendwelche Seiten eines Schulgeschichtsbuchs, das sie nicht einmal gelernt haben. Sie sind damit einfach konfrontiert worden.

Ich nehme an, wäre Zelensky irgendwo in Scheptyzkyj aufgewachsen, wäre es für ihn verständlicher. So aber ist es etwas, das ihm irgendwann einmal der Präsident Polens gesagt hat und das er vielleicht nicht einmal als etwas Ernstes wahrnimmt. Übrigens wissen wir nicht, was ihm der Präsident Polens sagte. Ich meine nicht Nawrocki, sondern Duda. Ob er ihm sagte: „Benenne nichts nach der UPA.“ Wir kennen den Inhalt dieses Dialogs und seine Bedeutung für Zelensky nicht. Ich nehme an, Duda könnte ihm etwas über unmittelbare Beteiligte der Ereignisse aus polnischer Sicht gesagt haben, etwa Schuchewytsch oder Sawur. Sie sehen doch, dass bei uns keine neuen Benennungen entstehen. Vielleicht ging es darum, aber um die UPA als solche? Bei uns wird doch ständig etwas nach den Helden der UPA benannt.

Zelensky unterschreibt also etwas. Das ist so, als hätte man zu Sowjetzeiten irgendeine Benennung unterschrieben, etwa nach Krupskaja, Kuibyschew oder Woroschilow. Es heißt eben ständig so. Das sind nicht einmal Menschen und Namen. Das ist einfach wie eine Festivalstraße oder, ich weiß nicht, die Kyiver Straße.

Svitlana Zhebiv: Wie eine Handelsmarke, eine Marke.

Portnikov: Ja. Du hast unterschrieben, dann begann all das. Einerseits musst du es zurücknehmen, andererseits verstehst du, dass du, wenn du es zurücknimmst, hier verlierst und schwach aussiehst.     geben nicht nach. Selbst in Polen sagt man doch: „Hören Sie, betrachten wir die gesamte UPA nicht als eine ant Polnische Kraft. Sprechen wir darüber, dass es bestimmte Elemente und Menschen gab, die an Verbrechen beteiligt waren, aber wir können nicht die gesamte Ukrainische Aufstandsarmee so betrachten.“ Warum sollte Zelensky das tun? Ich verstehe überhaupt nicht, welche Vorwürfe man hier gegen Zelensky hat.

Ich finde es generell seltsam, dass wir Zelensky Vorwürfe machen, wenn er einfach seine präsidialen Befugnisse ausübt. Es ist wie mit dem Skandal mit Trump. Was hätte er tun sollen, damit es allen gefällt? Ihm während dieses Skandals im Oval Office die Schuhe putzen? Viele Menschen sagen doch: „Oh, man hätte es nicht so, sondern anders machen müssen.“ Versetzen Sie sich in Zelenskys Lage. Er hatte sich vorbereitet. Er brachte Trump Fotos zerstörter ukrainischer Städte und getöteter Menschen mit. Ich erinnere mich nicht mehr genau, was er ihm zeigte. Trump begann sich aufzuregen, weil das nicht seiner Vorstellung entsprach. Was hätte Zelensky tun sollen?

Svitlana Zhebiv: Aber wenn wir zu Polen zurückkehren: Wir bereiten uns doch auf die Europäische Union vor, nehmen wir das zumindest an, wir planen es und haben diese Absicht. Und wir müssen Verbündete oder Unterstützung haben.

Portnikov: Sehen Sie, es gibt objektive Realitäten. Wir werden nur dann der Europäischen Union beitreten, wenn wir unsere eigene Würde bewahren.

Svitlana Zhebiv: Und die Staatlichkeit.

Portnikov: Nein. Wenn wir die Staatlichkeit bewahrt haben, müssen wir noch unsere Würde bewahren. Wenn wir unsere Gesetze und Schulbücher unter dem Diktat unserer Nachbarn schreiben, verwandeln wir uns einfach in ein Land, das weder in die Europäische Union gelangt noch seine eigene Souveränität bewahrt.

Svitlana Zhebiv: Wie sollte diese Kommunikation also aussehen? Herr Ihor Halehida war hier bei mir. Er erforscht die damaligen ukrainischen, polnischen und jüdischen Toten. Es sind bereits mehrere Bände erschienen, und auch Kypiani war hier. Ich verstehe also, wie Sie sagen, aus einer Lwiwer Perspektive die ganze Bedeutung. Aber wie soll diese Kommunikation und dieser Dialog weitergehen?

Portnikov: Es muss ein klares Verständnis geben, dass Fragen des historischen Gedächtnisses aus der europäischen Integration ausgeklammert werden müssen. Es muss einen Dialog geben, einen Dialog der Historiker und einen Dialog der Politiker. Aber es darf definitiv keine Frage der europäischen Integration sein. Und es muss ein klares Verständnis geben, dass wir in Fragen nationaler Minderheiten Entscheidungen treffen müssen, die dem Recht der Europäischen Union entsprechen. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn wir nationalen Minderheiten Rechte gewähren, die über das europäische Recht hinausgehen, weil Ungarn das so will, oder unsere Schulbücher umschreiben, weil Polen es so will, dann brauchen wir nicht Teil des europäischen Projekts zu werden, weil das kein europäisches Projekt ist. Genau das sage ich ständig.

Wir müssen gegenüber den Europäern die Frage nach einer Reform dieses europäischen Projekts und nach der Bestrafung jener Länder stellen, die unter Ausnutzung ihres europäischen Status nicht europäische Standards aufzwingen. Ich habe eigens einen Text über Nordmazedonien geschrieben. Ich verstehe nicht, warum Nordmazedonien, um Mitglied der Europäischen Union zu werden, seine Geschichtsbücher so umschreiben muss, dass es Sofia gefällt. Denn das ist kein europäischer Ansatz, verstehen Sie? Die Europäische Union, und das muss man auch den Bulgaren, Polen und Ungarn sagen, wurde mit einem Ziel geschaffen: neue Kriege in Europa zu verhindern. Ihre Politik wird zu neuen Kriegen in Europa führen, denn neue Kriege entstehen gerade auf diesem Boden. Sie haben ihre historische Erinnerung, wir haben unsere.

In Sofia treten bereits Politiker auf und sagen, man müsse in Nordmazedonien eine „militärische Spezialoperation“ durchführen. Früher oder später werden sich jene Länder, die glauben, zu Unrecht benachteiligt zu sein, weil man ihnen eine fremde historische Erinnerung aufzwingt, zusammenschließen und eine „militärische Spezialoperation“ in Bulgarien durchführen. Verstehen Sie? Nicht heute, sondern morgen, wenn klar wird, dass die NATO dort nicht funktioniert. Warum ziehen wir die Möglichkeit in Betracht, dass Bulgarien in Nordmazedonien eine „militärische Spezialoperation“ durchführt, denken aber nicht über eine gemeinsame Operation Serbiens und Nordmazedoniens gegen Bulgarien nach? Das wäre doch eine Katastrophe, verstehen Sie? Statt ein gemeinsames Europa zu schaffen, in dem Bulgaren, Mazedonier, Serben und die Albaner des Kosovo und Albaniens zusammenleben, suchen wir nach neuen Interpretationen der historischen Vergangenheit. Dasselbe gilt für Polen und Ukrainer. Wir verstehen doch die Gefahr, wenn die Ukraine nicht in die Europäische Union gelangt.

Svitlana Zhebiv: Wie beurteilen Sie überhaupt diese Aussichten? Besteht für uns nicht die Gefahr, wie die Türkei in einem Korridor steckenzubleiben?

Portnikov: Nein, wir werden nicht zusammen mit der Türkei in einem Korridor steckenbleiben. Wir werden Teil der russischen Einflusssphäre sein und gemeinsam mit Russland darüber nachdenken, was wir mit Polen tun sollen.

Svitlana Zhebiv: Können Sie das genauer erklären?

Portnikov: Was gibt es da zu erklären? Eine Ukraine, die nicht nach Europa gelangt und nicht Teil der europäischen Welt wird, beginnt wieder nach Osten zu driften. Wenn Russland sich bis dahin verändert, wird die Ukraine Teil irgendeines neuen Integrationsbündnisses mit der Hauptstadt Moskau. Und das ist eine Gefahr für Polen. Das müssen die Polen verstehen. Sie sagen, das werde in fünf Jahren geschehen. Aber wir existieren doch nicht nur fünf Jahre. Und wenn es in 30 Jahren geschieht, wird es dadurch leichter? Sind die Polen überzeugt, dass die Bündnisse, die sie geschaffen haben, sie zuverlässig vor einem Angriff aus dem Osten schützen?

Wenn die Ukraine den Krieg verliert, werden sie keine Bündnisse schützen. Und wenn die Ukraine als Staat bestehen bleibt, sie aber von Europa abgestoßen wird, wird sie trotz ihres Fortbestehens dorthin geraten, wo sie früher war. Und Russland wird wieder zur Hauptbedrohung für Polen, nur nun unter Berücksichtigung der ukrainischen Komponente.

Svitlana Zhebiv: Das müsste also die Kommunikation des Präsidenten sein.

Portnikov: Das wird in Polen niemand verstehen, weil diese Menschen, die all das tun, glauben, sie hätten bereits alles erreicht und Gott am Bart gepackt. Aber Gott hat gar keinen Bart. Das ist Donald Trump, und er rasiert sich.

Ich möchte, dass Polen und Ukrainer gemeinsam in Europa sind. Ich möchte das als Jude, nicht nur als Bürger der Ukraine, sondern als Jude. Denn ich glaube, dass mein Volk auf dem Territorium dieser Länder und Litauens mehr als einmal die größte Katastrophe seiner Geschichte erlitten hat. Und ich halte es gegenüber der Erinnerung an meine Verwandten, die in Kyiv, Malyn, Kamjanez und Smila ermordet wurden, für gerecht, dass sie in einer Erde liegen, in der niemand mehr die Hand gegen seinen Mitbürger und seinen Nachbarn erheben möchte. Ich erzähle Ihnen dabei keine Geschichten aus ferner Vergangenheit. Ich erzähle von meinen Urgroßvätern und Urgroßmüttern, den leiblichen Schwestern und Brüdern meiner Großmütter.

Mein Mitgefühl gilt deshalb in dieser Situation Polen und Ukrainern gleichermaßen. Ich verstehe vollkommen, was die Angehörigen der in Wolhynien ermordeten Polen empfinden, denn ich habe eine eigene vergleichbare Geschichte. Ich verstehe vollkommen, was die Angehörigen der in Wolhynien oder anderswo ermordeten Ukrainer empfinden, denn ich habe eine eigene vergleichbare Geschichte. Ich verstehe vollkommen, was Ukrainer empfinden, wenn sie sich daran erinnern, wie ihre Angehörigen in den 1930er-Jahren nicht an den Universitäten in Lwiw aufgenommen wurden, denn ich habe eine eigene vergleichbare, sogar persönliche Geschichte. Alle Gefühle von Polen und Ukrainern sind mir verständlich, weil Polen und Ukrainer der Vergangenheit mit Unterstützung der Imperien, in denen sie lebten, für mich und mein Volk genau dasselbe organisierten. Deshalb verstehe ich ihre Emotionen. Deshalb rufe ich sie zu gesundem Menschenverstand, Versöhnung und dazu auf, dass die Seiten der historischen Erinnerung ihre Verständigung nicht behindern. Es ist ganz einfach.

Svitlana Zhebiv: Inwieweit könnten wir die Rolle Russlands unterschätzen, das jetzt, wie Experten sagen, auf die Erschöpfung der Ukrainer, auf Zermürbung und Polarisierung hinarbeitet, und zwar nicht nur in der Ukraine?

Portnikov: Natürlich existiert diese Rolle. Russland verstand es immer, daran zu arbeiten. Das betrifft sowohl die innere Situation in der Ukraine als auch die außenpolitische Lage. Glauben Sie etwa, all diese ultrarechten und ultralinken Parteien würden ganz von selbst eine solche Popularität erlangen?

Svitlana Zhebiv: Das gibt es in fast allen europäischen Ländern.

Portnikov: Aber es taucht doch ständig Geld aus Russland auf. Natürlich braucht Russland das und arbeitet daran, dass Europa marginalisiert wird. Natürlich betrachtet es Migrationskrisen als Instrument zur Marginalisierung Europas. So war es nach Syrien. So wollten sie es nach dem gescheiterten Blitzkrieg. Jetzt hoffen sie, unter den neuen Stimmungen in Europa eine weitere Migrationskrise auszulösen, während sich das Leben verschlechtert und Treibstoff teurer wird. Und all das nimmt mit jedem Tag zu. So funktioniert es, und wir müssen das immer im Gedächtnis behalten.

Svitlana Zhebiv: Analysieren wir das ausreichend gut? Denn Sie sagen ständig, dass Sie keine Prognosen abgeben und nichts erfinden. Es sind keine Mythen, sondern Analysen.

Portnikov: Natürlich widersetzen wir uns dem schlecht. Schon deshalb, weil wir eine Regierung haben, die beschlossen hat, anonyme Telegram-Kanäle sollten die ukrainische Freiheit geradezu ersticken. Wenn ein ehemaliger Mitarbeiter des Präsidenten, der all das geschaffen hat und dann Minister wurde, plötzlich bemerkt, dass jemand irgendeinen Kanal wie „Trucha“ gekauft hat.

Svitlana Zhebiv: Und dass dies ein Instrument gegen ihn ist.

Portnikov: Ja, dieses Instrument richtet sich gegen ihn. Und das gefällt ihm nicht. Dann stellt sich die Frage: „Wie konnten Sie diesen Drachen großziehen und füttern?“ Sie erinnern mich an jemanden, der einen kleinen Löwen in seiner Wohnung ansiedelte, worauf der Löwe ihn später auffraß. Muss man mit diesem Menschen Mitgefühl haben? Natürlich tut es einem leid. So jung, eine junge Ehefrau, Kinder, alle wurden zerfleischt, wie bei irgendeiner Familie, die Löwen aufzog. „Aber warum haben Sie sie bei sich einquartiert? Sind Sie dumm?“ Das ist die Antwort. Tun wir etwas dagegen? Nein.

Svitlana Zhebiv: Und wir unterschätzen es.

Portnikov: Ja, und wir unterschätzen es.

Svitlana Zhebiv: So wie es ein Mensch unterschätzt hat, der im Grunde alle Technologien kontrolliert.

Portnikov: Die Amerikaner wollten die TikTok-Algorithmen doch stoppen. Im Ergebnis sagt Donald Trump, er brauche TikTok für Wahlsiege. Aber Sie sehen, es funktioniert bereits nicht mehr so, weil kein TikTok den Treibstoffpreis ersetzen kann. Dennoch haben sie es einem amerikanischen Unternehmen übergeben, damit die Algorithmen nicht chinesisch sind.

Svitlana Zhebiv: Damit es einen anderen Einfluss gibt.

Portnikov: Und welche Algorithmen haben wir? Welche TikTok-Algorithmen haben wir? Welche Algorithmen haben wir bei Telegram? Wenn Menschen anonyme Kanäle sehen und lesen: Musste man wirklich den Fernsehsendern Pryamyj, Kanal 5 und Espresso die terrestrische Ausstrahlung entziehen, diesen Fernsehmarathon schaffen und ihn im Grunde zu einem Korruptionsmechanismus in den Beziehungen zu den Oligarchen machen?

Svitlana Zhebiv: Und mit welcher Geschwindigkeit versammeln sich Menschen um einen Kleinbus des Rekrutierungszentrums? Wie viele junge Menschen kommen dort zusammen, woher erfahren sie davon, und wie schnell organisieren sie sich?

Portnikov: Auch das ist eine gute Frage. Man könnte eine Million solcher Fragen stellen. Damit wir Informationsangriffen Russlands widerstehen, muss die Regierung selbst begreifen, dass sie in dieser Geschichte, entschuldigen Sie, nicht der Tourist ist, sondern das Touristenfrühstück, derjenige, der gefressen wird.

Svitlana Zhebiv: Man kann nicht immer auf alles Antworten erhalten. Aber es ist wichtig, Fragen zu stellen und zu verstehen, was mich steuert, wer mich steuert, ob ich nicht Opfer eines Algorithmus bin und wie ich mich in dieser Situation verhalte.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Interview
Titel des Originals: Чому Росія програє цю війну | Віталій Портников @tvoyemistoTV. 26.07.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 26.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

Original ansehen

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Vitaly Portnikov und Maria Gurska: Das Letzte, was Halt gibt. Ukraine und Polen, der Zerfall des Imperiums. Würde. 05.07.2026.

Maria Gurska: Heute findet also auf der Autorenbühne für die verehrten Gäste des Buch-Arsenals eine Diskussion zum Thema statt: „Würde im Krieg. Was dem Menschen Halt gibt, wenn die Welt zusammenbricht.“ Bei diesem Treffen werden wir darüber sprechen, wie man im Krieg die Würde bewahren kann – die Würde des Menschen, der Gesellschaft und des Staates, und zwar nicht nur in der Ukraine, sondern in ganz Europa.

Und ich freue mich, Ihnen die Teilnehmer unserer Diskussion vorzustellen: Vitaly Portnikov, ukrainischer Journalist, Publizist und Visionär. Und Karolina Sulej, Schriftstellerin, Journalistin und Holocaustforscherin. Ich bin Maria Gurska, Fernsehmoderatorin und Leiterin des ersten Fernsehsenders in der Europäischen Union und in Polen für Ukrainer.

Wir treffen uns also in diesem Saal zu einer Zeit, in der die Hauptstadt wahrscheinlich den größten Sicherheitsbedrohungen ausgesetzt ist. Wir alle sprechen darüber, schlafen wegen der Luftalarme nachts nicht, schauen in die Telegram-Kanäle und wissen nicht, was uns erwartet. Und dennoch fühlen sich die Ukrainer in diesen Tagen in Kyiv nicht verlassen. Wir befinden uns hier unter Freunden.

Dazu gehört Karolina Sulej, die trotz aller Bedrohungen mutig zum Buch-Arsenal gekommen ist. Dazu gehört, erinnern wir daran, auch die Nobelpreisträgerin und polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk, die ebenfalls als Zeichen der Solidarität mit den Ukrainern zum Arsenal gekommen ist. Dazu gehört auch die polnische Ministerin für Fonds und Regionalpolitik Katarzyna Pełczyńska-Nałęcz, die zwar nicht zum Arsenal, aber dennoch nach Kyiv gekommen ist, um am vierten Internationalen Gipfel der Städte und Regionen teilzunehmen.

Vitaly und ich haben heute bei Slawa in unserer Sendung „Zentrum Europas“ darüber gesprochen und Fotos aus dem beschossenen Stadtteil Lukjaniwka gezeigt, wo sich polnische Politiker, führende Persönlichkeiten und europäische Diplomaten fotografieren lassen und sich an ihre Gesellschaften und die führenden Politiker verschiedener Länder wenden. Sie sind gekommen, um die Ukraine in diesen Tagen zu unterstützen.

Erinnern wir auch daran, dass in diesen Tagen die amerikanische Historikerin Marci Shore beim Arsenal auftritt und dass die polnische Botschaft ebenso wie viele andere europäische Botschaften weiterhin in Kyiv bleibt. Aber versuchen wir zu verstehen, wie wichtig all das ist, wenn Hochkultur und Solidarität allein nicht in der Lage sind, Putin aufzuhalten.

Hören wir also Karolina Sulej dazu, warum sie heute trotz der Gefahr dieser heftigen Angriffe in Kyiv ist und warum es Ihnen, Karolina, wichtig ist, heute hier unter uns zu sein.

Karolina Sulej: Ich freue mich außerordentlich, wieder hier in Kyiv zu sein. Danke. Ich verstehe Ukrainisch, spreche es aber nicht, deshalb werde ich Polnisch sprechen. Und es ist mir außerordentlich wichtig, dass ich hier sein und über persönliche Dinge sprechen kann, über mein Buch, über den Krieg, über Konzentrationslager und über eine Kriegswirklichkeit, die mir historisch erschien. Doch wie wir sehen, ist dies kein historisches Buch. Und es ist mir sehr wichtig, dass wir darüber sprechen können, wie wir mit dieser Realität, mit dieser brutalen Kriegswirklichkeit zurechtkommen können.

Deshalb ist es mir wichtig, dass die erste Übersetzung dieses Buches gerade in der Ukraine beim Verlag des Alten Löwen erschienen ist. Ich weiß, dass dies nur die erste Frage ist, aber mir ist wichtig hinzuzufügen, dass dieses Buch ein besonderes Vorwort enthält, das eigens für die ukrainische Ausgabe geschrieben wurde.

Zweitens war auch ich seit Beginn des umfassenden Krieges an der Hilfe für die Ukraine beteiligt. Ich half ukrainischen Flüchtlingen mit Lebensmitteln, Kleidung und so weiter, denn wir haben eine Organisation, die „Krajina“ heißt. Inzwischen sind wir stärker in gemeinsame Aktivitäten und in die Schaffung gemeinsamer Initiativen eingebunden, die mit Kunst, Mode und Design verbunden sind. Deshalb bin ich hier nicht nur als Schriftstellerin und nicht nur als Reporterin, sondern auch als Freiwillige und gesellschaftliche Aktivistin.

Maria Gurska: Danke, Karolina. Das ist wirklich sehr wichtig. Wir werden nun Vitaly Portnikov zuhören. Ich möchte nur sagen, dass Vitaly und ich in unseren Sendungen gewöhnlich zumindest über Politik sprechen. Und ich werde ihn auch nach Politik fragen, obwohl dies auf den ersten Blick vielleicht nicht ganz mit dem Thema unseres Panels verbunden scheint. Tatsächlich steht es aber in direktem Zusammenhang damit.

Und ich denke, dass dies etwas ist, was derzeit jeden in diesem Saal beschäftigt und worüber jeder nachdenkt: über die Raketenangriffe auf ukrainische Städte, darüber, dass dies gewissermaßen eine neue Strategie des Kremls ist, auf die Europa und die Welt bislang keine Antwort haben. Auch wir suchen nach Möglichkeiten, damit umzugehen, und danach, wie wir unser Bewusstsein auf eine Existenz in diesem neuen Paradigma umstellen können, das noch mehr Kraft und innere Mobilisierung von jedem Einzelnen von uns, von der Gesellschaft und von Europa als Ganzem verlangt.

Wir sehen, dass die Vereinigten Staaten einen Mangel an Patriot-Systemen erleben und dass der Appell des ukrainischen Präsidenten um Hilfe bei der Verstärkung der Luftverteidigung unbeantwortet bleibt. Dennoch führen wir ständig dieses Gespräch. Für mich ist es sehr interessant, es zu beobachten und daran teilzunehmen: das Gespräch darüber, warum wir alle hierbleiben.

Vitaly Portnikov, der sowohl in Polen als auch in Europa und in den Vereinigten Staaten ein bekannter Journalist ist, könnte in jedem Land der Welt arbeiten – in Israel, in den Vereinigten Staaten, in jedem europäischen Land. Er kennt viele Sprachen und arbeitet dennoch in der Ukraine und bleibt hier, selbst an den Tagen und Nächten der schwersten Angriffe.

Warum sind Sie hier, Vitaly? Warum ist das für Sie als Journalist und als Bürger wichtig?

Vitaly Portnikov: Ich denke gerade, dass ein Journalist dort sein muss, wo Krisen stattfinden, denn Journalismus ist ein Beruf, der von Krisen handelt und nicht von friedlicher Existenz.

Ich habe immer gesagt, dass meine Kollegen, die etwa in den skandinavischen Ländern oder heute in Mitteleuropa leben, gezwungen sind, nach Nachrichten zu suchen. Während im postsowjetischen Raum faktisch seit dem Ende der 1980er- und dem Beginn der 1990er-Jahre die Nachrichten uns suchen. Und ich denke, dass dies praktisch mein gesamtes weiteres Leben und meine gesamte weitere Tätigkeit so bleiben wird.

Aus dieser Sicht ist journalistische Arbeit im Epizentrum einer Krise eine berufliche Herausforderung. Und wir sehen, dass sich diese berufliche Herausforderung, wie Sie sehen, vor unseren Augen entfaltet.

Andererseits muss man auch verstehen, dass diese Situation, die mit unserem, ich würde sagen, Leben in diesem Epizentrum der Krise verbunden ist, in erster Linie eine Geschichte über …

Durchsage: In der Stadt wurde Luftalarm ausgerufen. Zu Ihrer Sicherheit bitten wir Sie, den Saal zu verlassen und den Schutzraum des Mystezkyj Arsenal aufzusuchen.

Vitaly Portnikov: Ich denke, wenn wir überhaupt zur allgemeinen Situation übergehen, die sich in diesen Gebieten bereits seit vielen Jahrhunderten entwickelt, dann ist dies eine Geschichte über Würde und Gerechtigkeit.

Wenn wir darüber sprechen, was sowohl zur Zeit des Russischen Imperiums als auch zur Zeit der Sowjetunion und in dieser postsowjetischen Epoche geschah, sehen wir ständig, dass die Hauptidee des Imperiums – während der polnischen Aufstände, während der nationalen Befreiungskämpfe des ukrainischen Volkes und während des Kampfes anderer Völker des Imperiums um ihre Unabhängigkeit und ihr Recht, souveräne Staaten zu sein – eine ewige Geschichte darüber ist, dass das Imperium die Würde zertreten, die Souveränität vernichten und alles daransetzen will, damit sich sowohl einzelne Menschen, die verschiedenen Völkern angehören, als auch ganze Zivilisationen gegenüber dem Imperium, gegenüber Russland und letztlich gegenüber Moskau als zweitrangig empfinden. Denn das begann vor sehr langer Zeit, als es noch kein Russland und keine Sowjetunion gab, sondern lediglich das Moskauer Fürstentum.

Und dies steht immer im Widerspruch zu diesem Streben nach Gerechtigkeit. Denn es handelt sich nicht einfach nur um eine Geschichte über eine konkrete nationale Identität. Es ist nicht nur eine Geschichte über das Recht eines Menschen, seine eigene Sprache zu sprechen, seine Geschichte zu kennen und seine kulturellen Werte zu pflegen. Es ist auch eine Situation, die damit verbunden ist, dass Menschen es als ungerecht empfinden, wenn ihnen all das genommen wird. Menschen hoffen immer auf das Bessere, auf den Sieg der Gerechtigkeit.

Übrigens sind gerade deshalb etwa die polnische und die ukrainische Hymne einander so ähnlich, weil es Hymnen der Hoffnung sind. Sie sprechen stets davon, dass wir auf unserem eigenen Land selbst die Herren sein werden.

Und übrigens sah ich vor Kurzem in Solotschiw, im Schloss von Solotschiw, eine Gedenktafel für den Mann, der eine dritte ähnliche Hymne schuf: „Hatikwa“, die Nationalhymne Israels. Denn der Autor der israelischen Nationalhymne wurde ebenfalls hier in diesen Gebieten geboren, in den Gebieten des ukrainisch-polnischen Grenzlandes, ich würde sagen, in der ukrainischen Region Galizien.

Deshalb ist grundsätzlich auch diese Hymne, die im Staat Israel gesungen wird, von diesem Traum von Gerechtigkeit, Freiheit und Würde erfüllt. Sie heißt „Die Hoffnung“. Und ich denke übrigens, wenn wir einen Namen für die Nationalhymne der Ukraine oder die Nationalhymne Polens suchten, könnten wir sie ebenfalls so nennen: Hoffnung, die Hoffnung auf den Triumph der Gerechtigkeit.

Ich denke, eine riesige Zahl von Menschen, die in der Ukraine weiterleben und weiterhoffen, verteidigt auf diese Weise ihre eigene Würde. Genau das führte zu den ukrainischen Maidans. Genau das führte zu den ukrainischen Revolutionen. Genau das gab den Ukrainern letztlich immer wieder die Möglichkeit, sich aufzurichten und sich zu einem Volk zu erklären, das bereit ist, einen Staat aufzubauen. Denn gerade diese reale Situation, in der ein Mensch an Gerechtigkeit glaubt und seine Würde bewahren will, macht aus einem Volk eine Nation.

Maria Gurska: Karolina, in Ihrem Buch über den Holocaust, das hier beim Arsenal auf Ukrainisch erhältlich ist und den Titel „Persönliche Dinge. Geschichten über Kleidung in Konzentrations- und Vernichtungslagern“ trägt, zeigen Sie, wie selbst unter unmenschlichen Bedingungen der Umgang mit Kleidung und persönlichen Gegenständen den Menschen half, das Gefühl des eigenen Ichs zu bewahren.

Ich weiß, dass Sie mit Archivmaterial gearbeitet und mit vielen Menschen gesprochen haben – mit Zeitzeugen und Opfern des Holocaust, des schrecklichsten Kapitels des Zweiten Weltkriegs. Der zentrale Gedanke Ihres Buches lautet, dass der Mensch, selbst im Krieg, danach strebt, seine Würde zu bewahren, und dies unter anderem durch kleine Dinge und Handlungen tut, die traditionelle Zeichen unserer Menschlichkeit sind – oft durch ganz alltägliche Dinge.

Versuchen wir also zu verstehen, was Sie heute empfinden, wenn Sie sich während des heutigen russisch-ukrainischen Krieges in der Ukraine befinden. Woran denken Sie, wenn Sie die Ukrainer sehen, ihren Alltag beobachten, heute die Menschen in Kyiv auf den Straßen sehen? Welche Parallelen zu Ihrem Buch und Ihrem Material kommen Ihnen dabei in den Sinn?

Karolina Sulej: Vielen Dank für alles, was du gesagt hast. Ich möchte erzählen, dass ich gerade ein unglaubliches Erlebnis hatte. In meinem Buch gibt es eine Geschichte über die Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen. Während der Befreiung befanden sich dort schwerkranke Häftlinge in einem provisorischen, notdürftig eingerichteten Lazarett. Sie waren schwer krank, bettlägerig und konnten nicht gehen.

Ich weiß nicht, wer auf die Idee kam, in dieses befreite Lager, zu Menschen, die nicht einmal mehr eigene Kleidung besaßen, rote Lippenstifte zu schicken. Und genau diese Frauen, die kaum noch am Leben waren, wollten sich alle mit diesem roten Lippenstift schminken.

Es ging dabei nicht so sehr darum, in diesem Moment schön aussehen zu wollen, sondern um ein Symbol, um diesen Wunsch und um eine Geste. Und dieser erste Teil ist wichtig für das, was ich jetzt erzählen möchte.

Als der großangelegte Krieg begann, schickte mir eine Bekannte eine TikTok-Story – wir schreiben inzwischen das Jahr 2026, nicht wahr, und tauschen solche Informationen aus. In dieser Story sahen wir ein Mädchen in der Metro von Kyiv, das den anderen Frauen anbot, Yoga zu machen oder sich zu schminken, um sie zu unterstützen. Also genau solche gewöhnlichen Dinge, die uns im Alltag kaum auffallen, weil sie selbstverständlich sind, werden in einem solchen Moment zu einer sehr wichtigen Geste.

Ich konnte zunächst gar nicht glauben, warum sie das tat. Schließlich hatte sie mein Buch nicht gelesen und konnte diese Geschichte gar nicht kennen.

Doch als wir über TikTok Kontakt aufnahmen und miteinander sprachen, stellte sich heraus, dass dies einfach ein ganz natürlicher Reflex war, eine natürliche Geste und der Wunsch, gerade diese für uns wichtigen alltäglichen Dinge zu bewahren.

Das ist eine Art täglicher Partisanenkampf. Und genau das tut ihr hier jeden Tag. Das kann man weder ignorieren noch geringschätzen, denn genau das ist euer Heldentum.

Maria Gurska: Danke, dass du sowohl Inhalte aus deinem Buch als auch deine Eindrücke aus Kyiv mit uns geteilt hast. Ich denke, viele hat das ebenfalls dazu gebracht, über unsere heutigen kleinen Rituale nachzudenken und darüber, wie wichtig sie für unser Leben sind.

Wir haben Karolina Sulej gehört. Ich weiß allerdings nicht, ob Sie auch Olga Tokarczuk gehört haben, die ebenfalls in diesen Tagen beim Arsenal auftritt. Wir haben mit ihr bei Slawa ein exklusives Gespräch aufgezeichnet. Es kann übrigens auf YouTube auf Ukrainisch angesehen werden.

Und Folgendes sagt die polnische Nobelpreisträgerin über ihren Besuch in Kyiv: Sie sei beeindruckt und voller Bewunderung für die Ordnung, die hier herrsche, für die Sauberkeit, die Aufmerksamkeit für Details, für die Ästhetik und für die gemeinsame Sorge um den öffentlichen Raum. 

Kyiv bleibe trotz der Bombardierungen eine wunderschöne Stadt, die Bewunderung verdiene. Wenn man durch ihre Straßen geht, die Gesichter der Menschen sieht, ihre Lächeln, beobachtet, wie sie im Abendlicht ein Glas Champagner trinken, wie sie die blühenden Kastanien und Akazien genießen und fotografieren – hier teile ich nun teilweise schon meine eigenen Beobachtungen –, dann scheint der Krieg zunächst weit entfernt zu sein. Er bleibt unsichtbar, bis zum ersten Luftalarm, der unser Panel gerade eben unterbrochen hat.

Zum Glück können wir weitermachen. Hören wir Vitaly Portnikov zu: Warum ist es wichtig, gerade diese grundlegende Normalität zu bewahren? Und wie kann man das im fünften Jahr intensiver Angriffe und all jener Schrecken tun, die unseren Alltag begleiten?

Vitaly Portnikov: Übrigens habe ich schon seit 2022 gesagt, dass genau diese Normalität des Lebens die Antwort auf den Versuch ist, dieses Leben zu zerstören. Und wir sehen inzwischen, dass Russland tatsächlich eine sehr wichtige Aufgabe verfolgt – nämlich das normale Leben zu vernichten.

Es handelt sich nicht einfach um einen Krieg der Armeen. Russland könnte den Krieg der Armeen irgendwann sogar einstellen, wenn es erkennt, dass seine Armee keine Ergebnisse erzielt, und dennoch den Bombenkrieg fortsetzen.

Warum ist es wichtig, dass die Menschen weiterhin das geistige, wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben eines angegriffenen Landes aufrechterhalten?

Weil das Ziel des Aggressors immer darin besteht, genau dieses Leben zu zerstören. Der Aggressor kommt nicht nur, um militärische Stellungen oder die Armee zu vernichten. Er kommt, um fremdes Leben zu vernichten.

Ich erinnere mich an den Februar 2022. Sie wissen das alle sehr gut: In den ersten Wochen schienen die ukrainischen Städte zu versteinern. Alles wurde geschlossen, alles kam zum Stillstand.

Mir schien damals, dass dies nicht nur Angst war, sondern auch eine Rückkehr zu jenem Mythos, der in unserer Gesellschaft über den Zweiten Weltkrieg existierte.

Im Zweiten Weltkrieg sei angeblich alles geschlossen gewesen, alles stillgestanden, nichts habe existiert, weil Krieg gewesen sei – und deshalb werde es bei uns wohl genauso sein.

Doch im Zweiten Weltkrieg war das gar nicht so. Das war eine propagandistische Erfindung späterer Zeiten, um zu beweisen, Krieg sei eine Zeit, in der alles zum Stillstand komme, und um die Menschen davon zu überzeugen.

Denn eine zum Stillstand gebrachte Gesellschaft – das muss man ebenfalls verstehen – lässt sich von einem kommunistischen Regime leichter kontrollieren und kann ihre eigene Stimme nicht mehr erheben. Sie bleibt dann nicht mehr die Gesellschaft der Ukrainer, Russen, Georgier oder anderer Völker, sondern wird zur Gesellschaft Stalins.

Deshalb sahen wir, dass die ukrainische Gesellschaft lebendig blieb. Einerseits sahen wir Schlangen vor den Mobilisierungszentren. Andererseits erlebten wir das Erwachen dieses normalen Lebens in einem Land, das angegriffen worden war. All diese Prozesse liefen gleichzeitig ab: Mobilisierung, Emigration und die Rückkehr zum normalen Leben.

In diesen Jahren gab es viele Entwicklungen, die davon zeugen. Wir können von einer regelrechten Renaissance des Interesses am ukrainischen Theater sprechen. Eine solche Aufmerksamkeit für die ukrainische Theaterkunst gab es vor dem großen Krieg nicht. Das ist nicht nur unser Phänomen, aber wir sehen, wie es tatsächlich geschieht: Die Menschen verlangen nach einer emotionalen Verarbeitung ihrer Erfahrungen.

Wir sehen, wie Bücher erscheinen, wie Menschen mit Fronterfahrung in den Vordergrund treten, wie etwa das Buch von Droni über Hemingway, der von nichts wusste – ein hervorragendes Beispiel für eine solche Literatur. Und es gibt mehrere ähnliche Bücher, die bereits während des Krieges erschienen sind und vom militärischen Erleben und vom Leben in einem Land im Krieg erzählen.

Wir sehen auch, wie die Menschen weiter darauf hoffen, dass ihr Geschäft – selbst ein kleines Unternehmen – gebraucht wird. So war es etwa in dem Café in Lukjaniwka, wo das Leben praktisch inmitten der Ruinen weiterging.

Wissen Sie, das ist der Instinkt jeder freien Gesellschaft im Krieg. Genau das macht eine Gesellschaft unbezwingbar.

Maria Gurska: Nach Angaben des polnischen Generalstabs befindet sich auch Polen – ich glaube seit November 2025 – bereits in der ersten Phase eines Krieges. Es handelt sich derzeit um einen konventionellen, also hybriden Krieg gegen Polen, der von den russischen Geheimdiensten organisiert wird und immer intensiver wird.

Er äußert sich nicht mehr nur in gewaltigen und sehr intensiven Wellen von Desinformation und Propaganda, die in die sozialen Medien eingespeist werden, die die Gesellschaft tatsächlich angreifen und gewöhnliche Menschen zu Opfern dieses Hasses machen.

Er äußert sich inzwischen auch unmittelbar in Sabotageakten, der Gefahr von Terroranschlägen, Brandstiftungen, wie kürzlich in Warschau, sowie in Sabotageakten auf der Eisenbahn, die glücklicherweise nicht so endeten, wie es die russischen Geheimdienste geplant hatten – nämlich mit Hunderten von Opfern.

Das ist die Realität, die Polen heute täglich erlebt, und darüber machen sich die Menschen ebenfalls Gedanken. Wie wirkt sich das bereits heute auf die Menschen aus? Und wie werden die Prozesse, über die wir sprechen, in Polen wahrgenommen?

Erzählen Sie uns bitte aus Ihrer Perspektive. Ist das spürbar? Und wie verstehen die Polen ihre eigene Würde in Zeiten hybrider Bedrohungen durch Russland? Was verbindet uns dabei und worin unterscheiden wir uns?

Karolina Sulej: Hier werde ich weniger über mein Buch sprechen als über meine Tätigkeit als Aktivistin. Das Buch war allerdings eine Voraussetzung dafür.

Denn Menschen, die mit einer einzigen Tasche und vielleicht einem Kind vor dem Krieg fliehen, werden mich nicht nach der Farbe eines Pullovers, ihrer Lieblingsfarbe, fragen. Sie brauchen Buchweizen und Windeln für ihr Kind. Ich wusste, dass dies ihre wichtigste Bedürfnis war. Aber ich wusste auch, dass ihr Bedürfnis nach Schönheit oder nach anderen Dingen dadurch nicht verschwindet.

Wichtig ist, dass wir füreinander Partner sind und dass es keine Situation sein darf, in der der eine hilft und der andere diese Hilfe lediglich entgegennimmt. Wir müssen Partner sein. Das bedeutet, dass dieser Mensch nicht nur ein Opfer oder jemand ist, der Hilfe empfängt, sondern dass er einen eigenen Namen, einen eigenen Nachnamen und eigene Wünsche hat. Denn unabhängig davon, welche Krise wir erleben und wie schlimm alles ist, bleibt beim Menschen das Bedürfnis bestehen, er selbst zu sein und eigene Wünsche zu haben. 

Deshalb gab es an dem Ort, an dem wir Hilfe leisteten, sowohl eine Art Boutique als auch ein Lebensmittelgeschäft. Alles war dort schön geordnet und ordentlich beschriftet: Hier sind die Hosen, dort die Röcke. Es gab Nagellacke, Lidschatten, und alles war wirklich von guter Qualität. Wir erhielten tatsächlich hochwertige Dinge von verschiedenen Firmen.

Genau auf diese Weise haben wir geholfen. Und bevor wir anfangen, über Politik zu streiten, sollten wir an jene alltäglichen Dinge denken, die uns verbinden. Denn wir alle hier, in diesem Teil der Welt, in diesem „Traumaland“, teilen die Erfahrung, dass unser Leben ständig zerstört wird, dass unser Alltag immer wieder mit Füßen getreten und vernichtet wird.

Deshalb beginne ich immer genau damit. Ich beginne mit der Kunst, mit der Literatur. Und genau in der Stiftung, die wir gegründet haben, haben wir diese gemeinsame Sprache gefunden – die Sprache des gegenseitigen Verständnisses.

Wir beginnen immer mit Kunst, mit Mode, mit Schmuck und handeln gemeinsam, schaffen gemeinsame Initiativen. Und genau dadurch finden wir diese gemeinsame Sprache.

Meiner Meinung nach geschieht das bereits. Wir tun das bereits gemeinsam. Die Ukrainerinnen und Ukrainer in Polen sind sehr präsent. Gemeinsam schaffen wir vieles. Das nennt man heute Soft Power.

Und ich glaube sehr an diese gemeinsame Kraft. Gemeinsam können wir eine wesentlich bessere Kultur schaffen. Und genau das geschieht bereits. Ja, wir müssen das fortsetzen. So wie jetzt hier.

Ich lerne Ukrainisch, weil ich das als Teil dieser Partnerschaft betrachte. Ich möchte noch mehr über die ukrainische Kunst und über die ukrainische Mode erfahren, denn sie ist einfach wunderbar. Genau so entsteht Partnerschaft.

Maria Gurska: Und es ist großartig, dass auch moderne polnische Literatur, darunter analytische Literatur, auf Ukrainisch erscheint. Es ist wunderbar, dass wir heute beim Arsenal Karolina Sulejs neues Buch „Persönliche Dinge“ auf Ukrainisch sehen können.

Nun zu Vitaly. Ich habe eine Frage zu dem übergeordneten Thema unseres heutigen Treffens – zu unserer nationalen Würde. Sie bildet, wie Vitaly bereits sagte, im Grunde das Fundament unseres gesamten historischen Kampfes um die Unabhängigkeit. Sie ist das zentrale Thema und Leitmotiv all unserer Revolutionen, insbesondere der Revolution der Würde, die diesen Namen sogar erhielt.

Es war eine Revolution gegen die Usurpation der Macht durch Viktor Janukowytsch und seine Gefolgsleute sowie gegen den Kurs der Annäherung an Russland – im Gegensatz zur europäischen Integration, die die Gesellschaft, insbesondere die Jugend, forderte. Das war auch der Beginn unserer modernen Geschichte, zumindest eines Teils jener Geschichte, in der wir heute leben.

Wir hoffen, dass wir einem glücklichen Ende bereits nahe sind. Auch wenn man Vitaly Portnikov zuhört, scheint es, als müssten wir noch ein wenig Geduld haben.

Wenn wir aber über diese nationale Würde und ihre schmerzvolle Härtung in der postsowjetischen Zeit und in unserer Gegenwart sprechen – wir haben als Nation bereits so viel gelitten, wir geben heute so viel und leiden weiterhin so sehr. Ich weiß nicht, ob es noch eine andere Nation gibt, die einen derart hohen Preis für die Herausbildung ihrer nationalen Würde zahlt.

Wird dieser Schmerz und dieses Leid zu einer Art Impfung für die Zukunft werden – einer Garantie dafür, dass Russland uns niemals wieder in einen kolonialen Zustand zurückführen kann?

Vitaly Portnikov: Nun, ich denke, es gibt viele Nationen, die einen solchen oder sogar einen noch höheren Preis zahlen.

Interessant ist jedoch, dass wir diese Nationen, wenn wir an sie denken, als alte Nationen wahrnehmen, während wir die Ukrainer als junge Nation betrachten.

Deshalb erscheint uns dieser Vergleich so ungewöhnlich. Das Leid der Juden und Armenier lässt sich scheinbar nicht mit dem der Ukrainer vergleichen, weil Juden und Armenier diesen Preis für Würde, Staatlichkeit und Souveränität bereits seit Jahrtausenden zahlen. Die Ukrainer hingegen scheinen erst vor unseren Augen entstanden zu sein, und schon hätten all diese Leiden begonnen.

Doch auch das ist übrigens ein imperialer Diskurs. Denn selbst das Wort Ukraine tauchte bereits vor tausend Jahren in den Chroniken auf. Die Ukrainer sind keine so junge Nation, wie viele glauben. Und genau darin liegt die Antwort auf Ihre Frage.

Wie jede Nation, die schon früh auf ihrem eigenen Land Staatlichkeit errichtete – und eine solche alte Staatlichkeit wird natürlich immer von jemandem angegriffen, der aggressiver und brutaler ist –, kämpfen die Ukrainer darum, das zu bewahren, was sie hier geschaffen haben.

Sie errichteten hier eine Zivilisation zu einer Zeit, als viele andere – zumindest jene nördlich der Ukraine – nicht nur keine Staatlichkeit, sondern noch nicht einmal eine städtische Kultur besaßen. Auch daran sollte man sich erinnern.

Nicht weit von hier befindet sich eine Kirche, in der der Überlieferung nach einer der letzten großen Kyiver Fürsten der vormongolischen Zeit, Juri Dolgoruki, begraben liegt – jener legendäre Herrscher, in dessen Regierungszeit der Legende nach Moskau gegründet wurde. Er war einer der letzten Kyiver Fürsten der vormongolischen Epoche.

Und was war vor ihm? Es gab nicht nur in Moskau keinerlei Zivilisation, sondern selbst in Susdal kaum etwas. Dort entstanden gerade erst die Anfänge des Fürstentums Susdal, aus dem später die Moskauer Zivilisation hervorging. Das sind also völlig unterschiedliche historische Dimensionen.

Warum sage ich das? Weil ich denke, dass diese zeitlichen Dimensionen verständlicher werden, wenn wir begreifen, dass es hier eine Wetsche-Kultur, also eine Tradition der Volksversammlung, gab; dass die Menschen hier den Wunsch hatten, ihr Recht auf den Dialog mit der Obrigkeit durchzusetzen.

So war es in der Alten Rus – nicht nur in Nowgorod dem Großen, das später von Moskau niedergetreten wurde, sondern praktisch in allen alten Fürstentümern. Diese Wetsche-Kultur und diese Kultur der Würde wurden durch den Einfall der Horde nicht vernichtet, weil die Horde sich von hier relativ schnell wieder zurückzog.

Sie behielt ihre Herrschaft über die Nordrus bei. Mehr noch: Die Fürsten der Nordrus glaubten, dass eine solche Machtvertikale wirksam sei – und sie glauben bis heute daran.

Hier jedoch blieb die Bereitschaft der Menschen, am Aufbau ihrer eigenen Stadt und ihres eigenen Landes mitzuwirken, von jeher erhalten. Man könnte sagen, dass diese Tradition nur ungefähr in dem Zeitraum unterbrochen wurde, der mit der Zerschlagung der Saporoger Sitsch durch Katharina II. begann.

Im Grunde ist die Zeit zwischen der Zerstörung der Sitsch und dem Aufstand der Ukrainischen Volksrepublik nur ein kurzer Abschnitt der Geschichte – ein einziger Tag. Damals hatten die Ukrainer keine Rechte. Davor besaßen sie sie.

Und danach setzte sich der Kampf um diese Rechte jeden einzelnen Tag fort. Vielleicht nicht auf allen ukrainischen Gebieten, aber er ging weiter.

Wir sahen die Kultur des politischen Kampfes in den westukrainischen Gebieten. Wir sahen die UNDO (Ukrainische Nationale Demokratische Vereinigung). Wir sahen die Konflikte zwischen der Ukrainischen Nationaldemokratischen Vereinigung, der OUN und der UPA sowie unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie sich die ukrainischen politischen Prozesse entwickeln sollten.

Aus dieser lebendigen politischen Gesellschaft erwächst der Begriff der Würde, der Wille, auf die Straße zu gehen, um seine Kinder zu schützen, und die Bereitschaft, für den eigenen Staat zu kämpfen. Und ich wiederhole noch einmal: Das ist keine neue, sondern eine tausendjährige Tradition, an die man sich erinnern sollte.

Maria Gurska: Zum Schluss möchte ich – da wir uns hier im Kreis von Journalisten versammelt haben und Karolina, Vitaly und ich alle Medienschaffende sind – an Wiktorija Roschtschyna erinnern, die von den Russen in der Gefangenschaft zu Tode gefoltert wurde.

Sie wusste, dass sie wegen ihrer journalistischen Arbeit zum Schaden kommen konnte, fuhr aber dennoch in die vorübergehend besetzten Gebiete, um den Menschen die Wahrheit zu bringen.

Ich möchte auch an die Worte von Viktor Frankl erinnern, die vielleicht mit deinem Buch in Verbindung stehen. Frankl, der selbst Häftling eines Konzentrationslagers und österreichischer Psychiater war, schrieb 1946 in seinem Buch „…trotzdem Ja zum Leben sagen“ (Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager), dass der Mensch bereit sei zu leiden, wenn er davon überzeugt sei, dass sein Leiden einen Sinn habe.

Und ich möchte außerdem die Worte des wunderbaren Übersetzers Andrij Bondar anführen. Er hat gerade das neue Buch von Wojciech Tochman übersetzt, das man ebenfalls hier beim Arsenal finden kann. Tochman ist ein bekannter polnischer Journalist, der viel über seine Reisen in die Ukraine schreibt.

Bondar schreibt in seinem Blog, dass die Ukrainer trotz allem und trotz des Wunsches der Russen, uns zu töten, in ihrer Heimat bleiben, weil sie sich nicht von ihrem Land verdrängen lassen wollen. 

Und genau darin liege unsere größte Kraft. Darüber hat auch Vitaly Portnikov gesprochen: Diese Worte stehen in unserer Nationalhymne. Genau sie bestätigen uns, geben uns Zuversicht und verleihen uns die Kraft, auf den Sieg zu warten.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Віталій Портников та Марія Гурська: останнє, що тримає. Україна і Польща, розвал імперії. Гіднсть. 05.07.2026.
Autor: Vitaly Portnikov und Maria Gurska
Veröffentlichung: 05.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Wolhynien: Historischer Kontext eines polnisch-ukrainischen Konflikts | Oleh Kryschtopa. 13.07.2026.

Mitten im großen Krieg gegen die Moskauer Aggressoren wurden die Ukrainer plötzlich auf gesetzlicher Ebene des Völkermords beschuldigt. Sogar die Zahl der Opfer wurde genannt: 100.000 Menschen.

Wie immer roch diese Geschichte nach einer Provokation des Kremls. Doch diesmal ging es nicht um acht, sondern um achtzig Jahre. Und nicht um Russen oder das Volk des Donbas, sondern um Polen. Ausgerechnet zum 80. Jahrestag der Wolhynien-Tragödie beschloss der polnische Sejm einen neuen staatlichen Gedenktag. Genau so: den Nationalen Gedenktag für die Opfer des von ukrainischen Nationalisten an Bürgern der Republik Polen verübten Völkermords.

Die geografische Ausdehnung des Verbrechens wurde im Gesetz mit dem kolonialen Begriff „Östliche Kresy“ umrissen, also „östliche Randgebiete Polens“. Nicht einmal Wolhynien, denn Wolhynien ist schließlich ukrainisch, und das würde wie ein Eingriff in fremdes Territorium wirken. Die „Östlichen Kresy“ dagegen erscheinen wie etwas Polnisches.

Die Zahl der Opfer – 100.000 – wurde durch Abstimmung festgelegt. Die Methode ist natürlich demokratisch, aber nicht besonders historisch, vor allem dann nicht, wenn Politiker abstimmen, die ihre Karriere auf historischen Spekulationen aufbauen.

Zu den Tätern des Verbrechens wurden Einheiten der Organisation Ukrainischer Nationalisten, OUN, der Ukrainischen Aufständischen Armee, UPA, außerdem die Division „Galizien“ und andere ukrainische Formationen erklärt, die mit den Deutschen zusammenarbeiteten. Das war ein Zitat. Tatsächlich ist auch das sehr russisch oder sogar sowjetisch: Aufständische und Kollaborateure in einen Topf zu werfen, damit sie als eine einzige böse Masse im Dienst Hitlers erscheinen.

Dabei ermordeten die Nationalsozialisten nicht erfundene 100.000, sondern tatsächlich fünf Millionen Bürger der Republik Polen. Doch aus irgendeinem Grund verdächtigt das heutige Warschau sie nicht einmal des Völkermords.

Ich bin Oleh Kryschtopa. Dies ist „Geschichte für Erwachsene“. Und heute sprechen wir über diese eigentümliche Mathematik. Wir werden den wichtigsten polnischen Mythos des Zweiten Weltkriegs entlarven und endlich ehrlich über den polnisch-ukrainischen Krieg von 1943 bis 1944 erzählen. Oder waren es doch die Jahre 1939 bis 1947? Schauen wir uns das genauer an.

Nun zur Wolhynien-Tragödie oder zum Wolhynien-Massaker, wie polnische Radikale es nennen. Und nicht nur sie. Entscheidend ist hier die Methode selbst: Man nimmt ein historisches Ereignis oder Phänomen und reißt es vollständig aus seinem Kontext.

Für den Verräter Oleh Zarjow begann der Zweite Weltkrieg nicht mit dem Komplott Moskaus mit Berlin, nicht mit dem Militärbündnis, das das weltweite Gemetzel überhaupt erst auslöste und während zwei der insgesamt sechs Kriegsjahre bestand. Nein, daran zu erinnern ist heute unangenehm und unvorteilhaft.

Genauso verhält es sich mit dem Wolhynien-Massaker im polnischen Gesetz und allgemein in der heutigen offiziellen Geschichtsschreibung. Angeblich begann die gesamte Geschichte plötzlich im Jahr 1943 und hatte keinerlei Vorgeschichte. Der Versuch, nach Voraussetzungen zu suchen, gilt als Versuch, das Verbrechen zu leugnen oder infrage zu stellen. 

Auch die UPA mit der Heimatarmee zu vergleichen, sei unzulässig, denn die erste sei angeblich eine illegale Verbrecherbande gewesen, die zweite dagegen die offizielle Untergrundarmee der Exilregierung. Und überhaupt hätten die Ukrainer mit den Nationalsozialisten kollaboriert, weshalb die Symbole der UPA verboten werden müssten.

Der letzte Vorschlag wurde im Sejm eingebracht, aber nicht zur Abstimmung gestellt, weil offenbar jemand herausfand, dass die Aufständische Armee überparteilich war und ukrainische Staatssymbole verwendete: den Treizack und die blau-gelbe Flagge.

All das läuft auf den wichtigsten polnischen Mythos des Zweiten Weltkriegs hinaus. Angeblich war Polen dessen größtes, zugleich aber auch heldenhaftestes Opfer, erlitt unglaubliche Unterdrückung und Verluste, arbeitete jedoch niemals mit den Besatzern zusammen. Überall auf der Welt habe es Kollaboration gegeben, nur nicht in Polen. Deshalb schuldeten alle Polen etwas: die Deutschen Entschädigungen für die Schäden und die Ukrainer das Eingeständnis alleiniger Schuld sowie die Anpassung ihres historischen Gedächtnisses an die gegenwärtigen Vorlieben Warschaus.

All das sind natürlich Spekulationen und ein alarmierendes Signal für eine Art Putinisierung unseres westlichen Nachbarn. Das bedeutet, dass historische Ereignisse nicht in die Vergangenheit treten und nicht zum Gegenstand der Historiker werden. Nein, sie bleiben hier und heute bei uns, werden zur Begründung politischer Entscheidungen in der gegenwärtigen Realität und beeinflussen die Zukunft.

So entschied Putin, die Ukrainer seien vom Westen aufgewiegelte russische Nazis, und griff an, um alles zu „korrigieren“. Und für die polnische Rechte wird plötzlich die blutige Tragödie in Wolhynien vor achtzig Jahren zum aktuellsten Faktor in den Beziehungen zu Kyiv. Deshalb beginnt Warschau einen kognitiven Krieg gegen die Ukraine, die gerade Europa gegen Putins Horden verteidigt.

Wie es in der Politik so weit kommen konnte, werden wir etwas später erzählen. Wenden wir uns zunächst den Ereignissen in Wolhynien im Jahr 1943 zu. Und womit wir auch beginnen, zuerst müssen wir die Voraussetzungen erklären: Warum entschieden ukrainische Nationalisten gerade 1943, einen Aufstand gegen die Nationalsozialisten zu beginnen? Warum nahm dieser Aufstand auch antipolnische Züge an? Warum arbeitete der polnische Untergrund in ganzen Dörfern und Kolonien gleichzeitig mit dem roten und dem braunen Imperium zusammen? Woher kamen plötzlich polnische Kolonien in Wolhynien? Wer begann zuerst, die Zivilbevölkerung zu vernichten – Polen oder Ukrainer? Begann all das tatsächlich in Wolhynien? Und woher kamen in Polen die „Kresy“?

Die polnischen Gesetzgeber mögen uns daher verzeihen, doch wir können nicht über die Wolhynien-Tragödie sprechen, ohne die Ereignisse davor, danach und um sie herum zu schildern.

Beginnen wir mit der Frage, woher in Polen diese „Östlichen Kresy“ kamen, in denen den Polen angeblich so großes Unrecht widerfuhr. Zunächst handelt es sich um einen etwa zweihundert Jahre alten imperialen, romantischen Mythos, der entstand, als die Polen selbst unter Fremdherrschaft standen: unter russischer, österreichischer und preußischer.

Talentierte Menschen aus den östlichen Gebieten der ehemaligen Republik Polen – Wincenty Pol, Adam Mickiewicz, Juliusz Słowacki und Henryk Sienkiewicz – erzählten ihren Landsleuten: „Erinnert ihr euch? Einst herrschten auch wir hier und waren Europas unerschütterliche Mauer gegen Tataren, Türken und Moskauer.“

Das war so etwas wie die amerikanische Legende vom Wilden Westen oder die deutsche Legende von Ostpreußen, in denen unbeugsame Vertreter einer höheren Zivilisation den Wilden Kultur bringen und deren Horden aufhalten. Dabei sind die einheimischen Ureinwohner lediglich Kulisse für die eigentlichen Helden. Und dieser polnische Mythos nahm die lokalen Völker in diesen „Kresy“ weitgehend nicht wahr: Litauer, Belarussen und Ukrainer.

Dieser Mythos wurde neben anderen zur Grundlage der polnischen Wiedergeburt im 19. Jahrhundert und des Kampfes um die Unabhängigkeit im 20. Jahrhundert. Eines Kampfes, der die entsprechenden Bestrebungen jener Völker weitgehend zunichtemachte, die von den polnischen Ideologen übersehen wurden: der Litauer, Belarussen und Ukrainer.

Die Politik des „Staatschefs“ Polens – so lautete tatsächlich die Amtsbezeichnung, Staatschef Polens – Józef Piłsudskis berücksichtigte ihre Existenz zumindest teilweise. Er träumte von einer Vereinigung Polens, Litauens, der Ukraine und Belarus’ zu einer Art Föderation des Intermariums. Als dieses Projekt scheiterte, begnügte er sich mit der gewaltsamen Eroberung des Wilnaer Gebiets sowie der Westukraine und Westbelarus’. Auf Forderung des Völkerbunds verpflichtete er sich, die Rechte der nationalen Minderheiten zu achten und ihnen nationale Autonomien zu gewähren, doch er täuschte ihn.

Mehr noch: Im Dezember 1920 verabschiedete er ein besonderes Gesetz über die militärische Kolonisierung der „Östlichen Kresy“. Nach diesem Gesetz wurden polnischen Veteranen und zivilen Siedlern Grundstücke auf ukrainischem Boden zugeteilt, vor allem in Wolhynien. Darüber hinaus erhielten sie vergünstigte Kredite, Schulden wurden erlassen und das Tragen von Waffen wurde erlaubt. Gleichzeitig wurden die Landrechte der einheimischen ukrainischen Bevölkerung systematisch verletzt und die Ukrainer selbst aus den Organen der kommunalen Selbstverwaltung verdrängt. Etwa 300.000 sogenannte Osadnicy nahmen dieses Programm in Anspruch.

Die Sache ist die, dass die Zwischenkriegsrepublik Polen hinsichtlich ihrer nationalen Zusammensetzung sehr vielfältig war. Sechzehn Prozent ihrer Bürger betrachteten sich als Ukrainer. Damit bildeten sie nach den Polen die zweitgrößte ethnische Gruppe. Ein weiterer Teil der bäuerlichen Bevölkerung identifizierte sich als Ruthenen oder als „Hiesige“, jedenfalls nicht als Titularnation, also nicht als Polen. Ein weiterer Teil übernahm unter Druck oder zum Überleben eine polnische Identität.

Trotz alledem war Wolhynien von allen Woiwodschaften der Zweiten Polnischen Republik am wenigsten polnisch. Die Mehrheit der Ukrainer war hier erdrückend: siebzig Prozent gegenüber sechzehn Prozent Polen. Deshalb wurden gerade dorthin die meisten Siedler geschickt. Gerade dort entstanden für sie eigene Kolonien in monoethnischen ukrainischen Gebieten. Das Land für diese Kolonien wurde natürlich den Ukrainern weggenommen.

Wegen all dessen versuchte die neu gegründete Ukrainische Militärorganisation, UVO, bereits 1921, Piłsudski zu töten. Bald darauf betrachtete der alte Marschall Piłsudski seine Rolle beim Staatsaufbau als erfüllt und zog sich zurück.

1922 verabschiedete Warschau ein Gesetz über die Autonomie der „Östlichen Kresy“ unter einer weiteren kolonialen Bezeichnung: Ostkleinpolen. Das erinnert an „Kleinrussland“, nicht wahr? Denn alle Imperialisten denken nach denselben Mustern. Unter dem Deckmantel des Schutzes der Rechte nationaler Minderheiten erkannte der Völkerbund 1923 die polnischen Eroberungen in den Kresy endgültig an.

Nach Piłsudski kamen in Warschau jedoch die Endecja, die Nationaldemokraten, an die Macht. Trotz ihres Namens vertraten sie offen profaschistische Ansichten. Gerade sie verliehen dem italienischen Duce Benito Mussolini den Orden des Weißen Adlers.

Ihr Anführer Roman Dmowski trat für einen monoethnischen Staat und dementsprechend für die Polonisierung der nationalen Minderheiten ein. Wörtlich sagte er Folgendes, wir zitieren:

„Ein gesundes Land, das auf einem festen Fundament steht, assimiliert fremde Stämme stets politisch und kulturell, mit Gewalt oder ohne.“

Dmowski betrachtete die Polen als eine Nation, die Ukrainern, Deutschen, Litauern und Belarussen überlegen sei. Er war ein glühender Antisemit. Er bezeichnete Juden als „Parasiten schlechthin“ und träumte von ihrer Deportation. Zugleich war er ein glühender Russophiler. Er trat sowohl für ein Bündnis mit dem weißen als auch mit dem roten Russischen Imperium ein, um gemeinsam andere Slawen, Balten und Germanen zu unterdrücken.

Bereits 1924 verabschiedeten die Nationaldemokraten das sogenannte Kresy-Gesetz über zweisprachigen Unterricht in den östlichen Randgebieten. Tatsächlich bedeutete dies Polonisierung und die Verdrängung der lokalen Sprachen. In Wolhynien etwa blieb Ukrainisch nur in elf Prozent der Schulen erhalten, obwohl 77 Prozent der Bevölkerung diese Sprache sprachen. Die Zahl ukrainischer Bibliotheken sank drastisch von 2.800 auf 800.

Als die faschistischen Endecja-Anhänger durch den Staatsstreich des Föderalisten Józef Piłsudski von der Macht verdrängt wurden, wurde es aus irgendeinem Grund nicht leichter, denn Piłsudski begann nun eine Diktatur aufzubauen, die er „Sanacja-Regime“, also „Gesundung des Staates“, nannte. Und diese „Gesundung“ bedeutete die Fortsetzung der Unterdrückung nationaler Minderheiten.

Das bekannteste Beispiel der antipukrainischen Politik Polens in den 1930er Jahren ist die sogenannte Pazifizierung. In Ostkleinpolen, das wir bereits erwähnt haben, bedeutete sie Massenterror gegen die gesamte Bevölkerung durch Polizei und reguläre Truppen. Ganze Dörfer und Kleinstädte wurden umstellt, die Menschen auf die Straßen getrieben, durchsucht, geschlagen und eingesperrt. Ukrainische Einrichtungen wurden geplündert und zerstört.

Daran beteiligten sich nicht nur staatliche Organe, sondern auch nationalistische Organisationen wie die Jugendorganisation Strzelec. Sie ergänzten den Terror noch durch Morde, Vergewaltigungen und Entführungen. Später rechtfertigten sich die Polen damit, nachgewiesene Morde habe es nur einige Dutzend gegeben, und selbst diese seien durch den Widerstand der Ukrainer verursacht worden.

Doch die Wirkung war genau umgekehrt. Ukrainische Sejm-Abgeordnete versuchten zunächst, sich auf legalem Weg gegen die Repressionen zu wehren und wandten sich an den Völkerbund. Dort akzeptierte man jedoch die Beweise der polnischen Seite, während die Abgeordneten und ihre Familien Verfolgungen bis hin zu Vergiftungen ausgesetzt waren.

Daraufhin radikalisierte sich die Jugend und schloss sich der UWO und später der OUN an. Diese entschieden sich für bewaffneten Kampf und Sabotage und töteten die Verantwortlichen der Pazifizierung, darunter Innenminister Bronisław Pieracki.

So drehten sich staatlicher Terror und der Widerstand dagegen immer weiter, denn es blieb nicht bei der Pazifizierung.

  • Ab 1934 begann die sogenannte Politik der „Stärkung des Polentums“, also die gewaltsame Polonisierung und Katholisierung.
  • 1937 begann die sogenannte Revindikation – die Beschlagnahmung und Zerstörung ukrainischer orthodoxer Kirchen.
  • 1938 folgte die Polonisierungs- und „Wiederherstellungsaktion“ gegen Ukrainer und Belarussen.

Um die große Zahl ohne Gerichtsverfahren inhaftierter Ukrainer und anderer Angehöriger nationaler Minderheiten festzuhalten, nutzte das Vorkriegspolen Konzentrationslager – ebenso wie Kommunisten und Nationalsozialisten. Polnische Minister und Polizeibeamte reisten sogar ins Dritte Reich, um von ihren Kollegen bei SS und Polizei moderne Methoden zu übernehmen.

Das bekannteste polnische Lager war Bereza Kartuska. Daneben gab es aber auch Lager in Biała Podlaska und Białe Sarny.

Damit wurde Polen nach Moskau und Berlin zum dritten Staat Europas mit einem eigenen Konzentrationslagersystem.

Als dieser Staat 1939 unter den Schlägen beider Imperialismen zusammenbrach, wollten die zuvor Unterdrückten Rache nehmen. Dieses Phänomen machten sich beide Besatzungsmächte zunutze und hetzten die unterworfenen Völker gegeneinander auf.

Galizien etwa gliederten die Nationalsozialisten dem Generalgouvernement Polen an. Dort stellten sie aus einheimischen Ukrainern und später aus sowjetischen Kriegsgefangenen ungefähr zehn Polizeibataillone auf, die den polnischen Widerstand bekämpfen sollten.

Daraus ziehen Warschauer Historiker den Schluss, dass alle Nachbarvölker zu Kollaborateuren wurden – nur die Polen nicht. Und gerade damit, mit dem Kampf gegen Kollaborateure oder Vergeltungsaktionen gegen sie, rechtfertigen offizielle Warschauer Historiker sämtliche Handlungen ihrer Untergrundkämpfer.

Paradoxerweise begann Wolhynien 1943 jedoch in der Region Chełm bereits 1942. Dort war die ukrainische Gemeinschaft schwächer und der polnische Untergrund stärker. Deshalb stützten sich die Nationalsozialisten nach dem Prinzip „Teile und herrsche“ auf die Ukrainer, während diese ihrerseits eher Unterstützung bei den Besatzern suchten, in Verwaltungsorgane eintraten und Selbstverteidigungseinheiten bildeten.

Die ersten Angriffe auf die Zivilbevölkerung ereigneten sich deshalb gerade hier – bereits im Jahr 1942. Zunächst verübten Einheiten der polnischen Untergrundorganisationen Heimatarmee (AK) und Bauernbataillone (BCh) gezielte Terrorakte gegen ukrainische Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens.

Betroffen waren sowohl Dorfschulzen, Mitglieder des Ukrainischen Hilfskomitees als auch gesellschaftliche Aktivisten – etwa orthodoxe Priester, Agronomen oder Menschen, die sich für den Wiederaufbau jener Kirchen einsetzten, die während der Pazifizierung zerstört worden waren.

Die Zahl der Opfer dieses individuellen Terrors erreichte mehrere Hundert. Nach Angaben des Ukrainischen Hilfskomitees wurden allein im Kreis Zamość im Jahr 1942 insgesamt 123 Ukrainer ermordet, im Kreis Hrubieszów sogar 258.

Wenn individueller Terror ein solches Ausmaß annimmt, geht er zwangsläufig in Massenterror über.

Bereits im Januar 1942 begannen die Bauernbataillone, Bauern im Kreis Chełm zu beschießen, weil sie das orthodoxe Weihnachtsfest feierten. Dabei wurden mindestens neun Menschen getötet.

Im August 1942 folgte dann die erste Massenhinrichtung von Zivilisten. Ein Trupp der Heimatarmee umzingelte das Dorf Pasieka bei Hrubieszów, trieb sämtliche Männer in das Schulgebäude, erschoss sie dort und setzte das Gebäude anschließend in Brand.

In den Jahren 1942–1943 zerstörten polnische Formationen mehr als hundert ukrainische Dörfer vollständig oder teilweise.

Zu den bekanntesten ukrainischen Opfern in der Region Chełm gehörte der Oberst der Armee der Ukrainischen Volksrepublik und Anführer des antibolschewistischen Aufstands am rechten Dneprufer, Jakiw Haltschewskyj-Wojnarowskyj, Deckname „Orel“.

1939 verteidigte er Polen an der Spitze des Territorialverteidigungsbataillons Brodnica und nahm an der Gegenoffensive bei Kutno teil. 1943 organisierte „Orel“ die ukrainische Selbstverteidigung im Raum Hrubieszów. Dafür wurde er von Angehörigen des Untergrunds der Heimatarmee ermordet.

Und genau damit rechtfertigten diese sämtliche ihrer Handlungen in der Region Chełm. Man behauptete: Die Ukrainer – ob mit oder ohne Waffen – seien Kollaborateure, während die Polen niemals mit den Nationalsozialisten oder anderen Feinden zusammengearbeitet hätten, sondern ausschließlich gegen sie kämpften und deshalb im Recht seien.

Doch das ist eine Lüge. Denn erstens arbeitete das gesamte polnische Repressionssystem der Vorkriegszeit – die sogenannte Blaue Polizei (Granatowa Policja) – unter deutscher Besatzung nahezu unverändert weiter. Lediglich deutsche Offiziere der Ordnungspolizei und der SS wurden in ihre Führung integriert. Ihre Personalstärke lag zwischen 11.000 und 16.000 Mann.

In verschiedenen Jahren entstanden außerdem Sonder- und Freiwilligeneinheiten, darunter der sogenannte Sonderdienst unter dem Dach von Gestapo und SS sowie die Propagandalegion „Weißer Adler“ innerhalb der SS-Truppen. Auch eigenständige polnische Polizeibataillone existierten – unter den Nummern 107 und 202.

Sie waren allerdings nicht in Polen eingesetzt, sondern in Wolhynien, wo sie gemeinsam mit den Nationalsozialisten den ukrainischen Widerstand bekämpften.

Hinzu kamen bis zu einer halben Million Polen, die als angebliche Volksdeutsche zur Wehrmacht eingezogen wurden. In Warschau erinnert man daran äußerst ungern.

Als das Museum von Danzig 2025 eine Ausstellung über sie unter dem Titel „Unsere Jungs“ organisierte, wurde diese von sämtlichen politischen Kräften verurteilt, weil sie den Mythos von der ausschließlichen Opferrolle Polens im Zweiten Weltkrieg zerstört.

Tatsächlich ist die Wirklichkeit nicht schwarz-weiß. Verrat geht oft Hand in Hand mit Heldentum, denn das eine schließt das andere nicht aus.

Sowohl Polen als auch Ukrainer versuchten, die Besatzungsmächte für ihre eigenen Ziele zu nutzen – vor allem, um Waffen und militärische Ausbildung zu erhalten und sie gegen ihre jeweiligen Gegner einzusetzen. Gleichzeitig bereiteten beide Seiten einen Aufstand vor – jede ihren eigenen.

Das Problem der nationalen Widerstandsbewegungen im gesamten besetzten Europa bestand darin, dass sie den Nationalsozialisten von vornherein militärisch unterlegen waren und offene bewaffnete Aufstände zum Scheitern verurteilt gewesen wären. Deshalb entschieden sich sowohl die europäische Résistance als auch die polnische Heimatarmee für die Taktik des Attentismus, also des Abwartens, des heimlichen Ansammelns von Kräften und Waffen. 

Der Zeitpunkt für einen bewaffneten Aufstand sollte erst kommen, wenn wenigstens eine minimale Aussicht auf Erfolg bestand. Deshalb brachen der Warschauer Aufstand, der Pariser Aufstand, der Prager Aufstand und der Slowakische Nationalaufstand erst aus, als sich die Front näherte und die alliierten Truppen heranrückten.

Die Ukrainer hingegen konnten sich den Luxus von Verbündeten in diesem Krieg nicht leisten. Zeit zum Warten hatten sie ebenfalls nicht, denn die Besatzer vernichteten, plünderten und verschleppten die Bevölkerung zur Zwangsarbeit und hetzten zugleich die unterdrückten Völker gegeneinander auf.

Der sowjetische Saboteur Dmitri Medwedew überlieferte folgendes Zitat des nationalsozialistischen Statthalters in der Ukraine, Erich Koch:

„Der Ukrainer soll vor Verlangen brennen, den Polen zu töten, und umgekehrt. Und wenn sie bei Gelegenheit gemeinsam auch noch einen Juden töten, dann ist das genau das, was wir brauchen.“

Ende des Zitats.

Deshalb sah man die polnischen Kollaborationsbataillone nicht in Polen – sie operierten ausschließlich in Wolhynien. Gleichzeitig wurden in der Ukraine Ausbildungslager für russische, kosakische und sogenannte Ostlegionen eingerichtet, die ebenfalls als Besatzungstruppen eingesetzt wurden.

So kämpfte gegen die Polissja-Sitsch von Taras Bulba-Borowez, die zum Partisanenkrieg gegen die Nationalsozialisten übergegangen war, das 2. Donkosaken-Regiment, das in Schepetiwka aus gefangenen Russen aufgestellt worden war.

Und wo befand sich das einzige Ausbildungslager für ukrainische Freiwillige der Wehrmacht? Natürlich im zentralen Polen, in der Stadt Piotrków Trybunalski, bei Radom.

So sahen Ukrainer und Polen ineinander – zusätzlich zu den alten Feindschaften – nicht Mitstreiter im gemeinsamen Unglück, sondern Helfer des jeweiligen Feindes.

Deshalb ging der Widerstand gegen die Besatzer meist mit Racheakten an den Nachbarn für alte und neue Kränkungen einher.

In der Region Chełm war die polnische Untergrundbewegung stärker und lenkte bereits seit 1942 den Hass ihrer Anhänger gegen ukrainische Zivilisten. In Wolhynien geschah dasselbe – nur umgekehrt.

Bereits im April 1942 beschloss die Zweite Konferenz der revolutionären OUN (OUN-B), nicht länger abzuwarten und unmittelbar zur Revolution überzugehen. Im Oktober 1942 entschied die Militärkonferenz der Nationalisten, mit der Aufstellung bewaffneter Einheiten der OUN zu beginnen.

Die ersten Hundertschaften entstanden in Wolhynien und übernahmen den von Taras Bulba-Borowez bereits bekannt gemachten Namen UPA – Ukrainische Aufständische Armee.

De facto entstanden die ersten bewaffneten Einheiten der UPA im Winter 1942/43. Als offizielles Gründungsdatum der Armee wurde jedoch der 14. Oktober 1942, das Fest der Fürbitte der Gottesmutter und zugleich der Tag des ukrainischen Kosakentums, festgelegt. An diesem Tag fasste die Militärkonferenz der OUN den entsprechenden Beschluss.

Bereits im Februar 1943 begann der ukrainisch-deutsche Krieg. Die Aufständischen griffen Stützpunkte der Besatzer in Wolodymyrez, Kremenez, Uman und weiteren Städten Wolhyniens an.

Nachdem sie ihre Stärke demonstriert hatten, wandten sie sich an jene Ukrainer, die sich im deutschen Dienst befanden. Ihnen wurde Vergebung ihrer früheren Verfehlungen versprochen, wenn sie mit Waffen in der Hand zu den Aufständischen überliefen.

Die Organisation dieses Übertritts übernahmen OUN-Agenten innerhalb dieser Formationen. So versuchte die OUN bereits im Sommer 1941 in Luzk eine eigene Kampfeinheit aufzubauen – die Sondereinheit Jewhen Konowalez. 

Die Nationalsozialisten erlaubten jedoch keine ukrainische Armee und wandelten das Regiment in eine paramilitärische Schule für landwirtschaftliche Kommandanten des Landdienst Ukraine um. Den Männern ließ man Waffen und Uniformen – ein folgenschwerer Fehler. 

Denn im März 1943 liefen mehr als 300 Lehrgangsteilnehmer unter Führung des Stabschefs und OUN-Agenten Stepan Kowal, Deckname Rubaschenko, bewaffnet zur UPA über. Später entstand aus dieser Einheit das Aufständischenregiment Kotlowyna.

Ganz Wolhynien geriet in Bewegung. Tausende Polizisten und Freiwillige liefen zur UPA über. Die Nationalsozialisten verloren die Kontrolle über ganze Regionen. Es entstanden regelrechte Partisanenrepubliken: die Republik Kolky, die Republik Antoniwka und die Sitsch in den Wäldern des Rajons Turijsk. Die Ortschaft Kolky wurde von der Einheit Kowal-Rubaschenkos eingenommen und zur provisorischen Hauptstadt der Ukraine erklärt.

Der Generalkommissar für Wolhynien und Podolien, Heinrich Schoene, berichtete am 30. April 1943:

„Nationalukrainische Banden beherrschen die westlichen und südlichen Gebiete Wolhyniens. Das, was sich in Bezirken wie Horochiw, Luboml, Dubno, Kremenez und teilweise Luzk abspielt, ist als Aufstand zu bewerten.“

Auch der sowjetische Partisanenkommandeur Iwan Schytow bestätigte dies. Während seines Vorstoßes in die Westukraine meldete er:

„Die nationalistische Bewegung hat sich bis zum Niveau eines bewaffneten Aufstands ausgeweitet. Gegen die Deutschen werden aktive Kämpfe geführt. Auf deutschen Karten sind neue Bezeichnungen erschienen: Gebiete des nationalukrainischen Bandenaufstands.“

Gemeint waren eben jene Partisanenrepubliken.

Der sowjetische Partisanengeneral Petro Werschyhora beschrieb sie mit bemerkenswerter Offenheit:

„Die wirtschaftliche Lage in den von der UPA kontrollierten Gebieten ist besser als in den sowjetischen Regionen. Die Bevölkerung lebt wohlhabender und wird weniger ausgeplündert. Von Ablieferungsquoten weiß man dort nichts.“

Ende des Zitats.

Genau darin bestand das Wesen des ukrainischen Aufstands: der Schutz der eigenen Bevölkerung und ihres Eigentums.

Die Ausfuhr von Getreide und Zwangsarbeitern aus Wolhynien und Podolien nach Deutschland ging plötzlich um das Fünffache zurück. Hitler konnte das nicht hinnehmen.

Wie reagierten die Nationalsozialisten? Zunächst propagandistisch. Sie erklärten, Stepan Bandera, der zu diesem Zeitpunkt im Konzentrationslager Sachsenhausen inhaftiert war, sei – wer hätte es gedacht – ein Agent des Kremls.

Auf einem nationalsozialistischen Flugblatt heißt es:

„Im Namen des Massenmörders von Winnyzja und Katyn, des roten Genossen Stalin, wird der ukrainische Bandenführer Bandera feierlich zum Oberbolschewiken der Sowjetukraine ernannt.“

Eine bemerkenswerte Behauptung.

Darüber hinaus setzte Hitler trotz des Mangels an Truppen an der Front Fronteinheiten und die Luftwaffe gegen die Aufständischen ein.

Die Republik Antoniwka fiel im August 1943. Kolky hielt sich sogar bis November.

Das bedeutete, dass die gerade erst gegründete UPA ein Gebiet bei Luzk befreit hatte, dort ihre eigene Verwaltung und sogar eine eigene Währung – die Bofony – einführte, wirtschaftliche Maßnahmen sowie Mobilisierungen organisierte und Wehrmacht und SS es ein halbes Jahr lang nicht schafften, diese Strukturen zu beseitigen.

Schließlich eroberten die Nationalsozialisten das Gebiet der ukrainischen Republiken nach schweren Kämpfen zurück und verkündeten den Sieg über die UPA.

Das war allerdings eine sehr gewagte Behauptung. Selbst die Einheit von Stepan Kowal-Rubaschenko, die Kolky verteidigt hatte, konnte den deutschen Einschließungsring durchbrechen und kämpfte noch viele Jahre weiter. Rubaschenko selbst erlebte sogar noch die Unabhängigkeit der Ukraine.

Natürlich gab es auch schwere Verluste. So fiel der erste Oberbefehlshaber der UPA, Wassyl Iwachiw, im Kampf gegen die Nationalsozialisten.

Seinen Platz nahmen jedoch nicht weniger fähige militärische Führer ein: der Organisator der UPA in Wolhynien Dmytro Kljatschkiwskyj (Klym Sawur) sowie der Oberbefehlshaber Roman Schuchewytsch, enger Weggefährte Stepan Banderas, ehemaliger Soldat der polnischen Armee, Teilnehmer der Kämpfe um die Karpatenukraine und Angehöriger des Bataillons Nachtigall. Seine Erfahrung und seine Fähigkeiten reichten für weitere Jahrzehnte des Kampfes gegen beide totalitären Regime aus.

Die Armee wuchs rasch und gewann an Stärke. Die Nationalsozialisten schätzten ihre Stärke auf 100.000 Kämpfer. Sie war nicht länger ausschließlich eine Bandera-Armee. Menschen unterschiedlichster politischer Überzeugungen und sogar verschiedener Nationalitäten wurden aufgenommen.

Die politische Führung wurde der Untergrundregierung, dem Ukrainischer Oberster Befreiungsrat, übertragen. Das neue Motto des Kampfes lautete ausgesprochen liberal: „Freiheit den Völkern – Freiheit dem Menschen.“

Hier gelangen wir zur dunklen Seite des ukrainischen Aufstands. Als sich die ukrainische Polizei in Wolhynien erhob und in die Wälder ging, verteilten die Deutschen kurzerhand Waffen an die Polen.

Der bereits erwähnte sowjetische Partisanenkommandeur Iwan Schytow berichtete im Mai 1943 nach Moskau:

„Die Polen fliehen in die Kreiszentren, wo die Deutschen die jungen Männer in die Polizei aufnehmen und die übrigen nach Deutschland schicken. Die polnischen Polizisten werden gegen die ukrainischen Nationalisten eingesetzt.“

Die Situation in der Region Chełm wiederholte sich – nur spiegelverkehrt und in wesentlich größerem Maßstab.

Im Verlauf des Jahres 1943 befanden sich der polnische Untergrund und die gesamte polnische Bevölkerung in der Defensive und arbeiteten in großem Umfang mit den Nationalsozialisten zusammen.

Die Stärke der UPA erreichte bis zum Sommer rund 12.000 Kämpfer und bis zum Jahresende etwa 20.000.

Demgegenüber verfügte die 27. Wolhynische Division der Heimatarmee (AK) über ungefähr 1.300 aktive Kämpfer, während weitere rund 3.600 Männer den Selbstverteidigungseinheiten beitraten und Waffen von den Nationalsozialisten erhielten.

Die Entwicklung folgte demselben Muster. Die ukrainischen Aufständischen begannen zunächst einen Terror gegen Kollaborateure und Selbstverteidigungseinheiten, der sich bald auf die zwischen den Kriegen gegründeten Siedlerkolonien und anschließend auch auf alte polnische Dörfer ausweitete.

Ein Befehl Kljatschkiwskyjs oder Schuchewytschs zur vollständigen Vernichtung der andersnationalen Bevölkerung wurde bis heute nicht gefunden – oder er hat überhaupt nie existiert.

Im Gegenteil: Es gibt zahlreiche Aufrufe an die Polen, den Nationalsozialisten im Kampf gegen die Ukrainer keine Hilfe zu leisten.

Andernfalls drohte man ihnen – Zitat – mit einer „neuen Hajdamaken- und Kolijiwschtschyna“.

Für den internen Gebrauch gab Klym Sawur vage Anweisungen heraus, das „polnische Element zu verdrängen“, und versprach den Bauern zur Gewinnung ihrer Unterstützung die Verteilung des enteigneten Landes.

Das Ergebnis war ein völlig sinnloser ukrainisch-polnischer Krieg mit ethnischen Säuberungen und Zehntausenden Opfern auf beiden Seiten.

Das offizielle Warschau bezeichnet den 11. Juli 1943 als Höhepunkt des von der UPA verübten Völkermords. An diesem und den folgenden Tagen begann die UPA eine groß angelegte Offensive gegen etwa hundert polnische Kolonien und Selbstverteidigungsstützpunkte. Die meisten hielten den Angriffen nicht stand und wurden vernichtet.

An dieses Datum knüpft Polen heute den staatlichen Gedenktag für die Opfer des Wolhynien-Massakers.

Ukrainische Historiker widersprechen dieser Darstellung in der Regel, weil das Morden bereits früher begonnen habe und keineswegs einseitig gewesen sei.

So nennt das Ukrainische Institut für Nationales Gedenken den 19. April 1943 als Beginn der polnisch-ukrainischen Auseinandersetzung in Wolhynien. An diesem Tag verbrannten deutsche und polnische Polizeieinheiten das ukrainische Dorf Krasnyj Sad und töteten sämtliche Bewohner – 104 Menschen unterschiedlichen Alters und Geschlechts.

In den beiden folgenden Tagen transportierten Selbstverteidigungseinheiten den Besitz der Ermordeten in die nahegelegene polnische Kolonie Andrzejówka.

Die Ruinen des Dorfes wurden anschließend niedergebrannt. Das Dorf wurde nie wieder aufgebaut.

Dabei war die Verhängnisvollkeit dieses Konflikts offensichtlich. Bereits im Juli 1943 bezeichnete das Kommando der UPA die Lage als „Provokation der Gestapo“ und rief – Zitat –

„beide Völker, das polnische und das ukrainische, dazu auf, sich gegenseitig im Kampf für die staatliche Unabhängigkeit zu unterstützen.“

Doch die Kämpfe griffen inzwischen auch auf Galizien und das gesamte Gebiet jenseits der Curzon-Linie über und dauerten auf ukrainischer Seite mindestens bis zum Frühjahr 1944 an.

Mit dem Eintreffen der Roten Armee schlug das Pendel in die entgegengesetzte Richtung aus. Polnische Selbstverteidigungseinheiten, die zuvor bereits intensiv mit sowjetischen Saboteuren und Partisanen gegen die UPA zusammengearbeitet hatten, traten nun den Vernichtungsbataillonen des NKWD und der prosowjetischen Armia Ludowa bei.

Auch die Kämpfe gegen die polnischen Unabhängigkeitskämpfer der Heimatarmee und ihrer Nachfolgeorganisationen Freiheit und Unabhängigkeit (WiN) sowie der Nationalen Streitkräfte (NSZ) hielten an. In dieser Phase gingen die meisten Massaker an Zivilisten gerade auf ihr Konto.

Zu den bekanntesten Beispielen gehören die Vernichtung des Dorfes Sahryń sowie das Massaker von Hrubieszów im März 1944. Dort wurden bis zu 1.240 Ukrainer getötet, darunter mehr als hundert Kinder. Am selben Tag griff die Heimatarmee außerdem etwa zehn weitere ukrainische Dörfer in der Region Chełm an.

Ein Jahr später, im März 1945, vernichtete eine Einheit der Heimatarmee das Dorf Pawłokoma. Dort wurden 366 Ukrainer, darunter Frauen und Kinder, grausam ermordet. Im April wurde das Dorf Piskorowice, im Juni Werchowyna zerstört – und so weiter.

Öl ins Feuer der ukrainisch-polnischen Auseinandersetzung gossen beide Imperien gleichermaßen.

Über die Nationalsozialisten haben wir bereits gesprochen. Hier ein weiteres Beispiel.

Am 12. Juli 1943 griff eine UPA-Hundertschaft unter dem Kommando von Wassyl Lywotschko das Dorf Poryzk in Wolhynien an. Etwa fünfzig polnische Zivilisten wurden in die Kirche getrieben und dort getötet.

Ein Jahr später führte derselbe Lywotschko das Bataillon Hajdamaky in einen Hinterhalt. Er selbst tauchte in seiner Heimat in der Uniform eines Hauptmanns des NKWD auf.1945 enttarnte ihn die UPA als feindlichen Agenten und erschoss ihn zusammen mit fünfzehn Leibwächtern.

Das praktische Verständnis dafür, dass gegenseitiges Abschlachten nicht zum Sieg, sondern in die Hölle führt, kam erst viel zu spät.

Besonders anschaulich zeigt dies das Schicksal von Marian Gołębiewski. 

Siehe: Über Marian Gołębiewski

Er war der erste Kommandeur des Bezirks Hrubieszów der Heimatarmee. Gerade er gab den Befehl zur Vernichtung der ukrainischen Dörfer Pryhoryle, Mytke, Sahryń, Schychowytschi, Terebin, Stryschynez, Trukowytschi und weiterer Ortschaften, weil sie die UPA unterstützten. Diese ethnische Säuberung wird von polnischen Historikern als „Hrubieszówer Revolution“ bezeichnet.

Nach der Auflösung der Heimatarmee legte Gołębiewski die Waffen nicht nieder. Im Mai 1945 organisierte er aus eigener Initiative ein Treffen mit Vertretern des Obersten Ukrainischen Befreiungsrats, um über Frieden und ein militärisches Bündnis zu sprechen.

Beide Seiten erkannten ihr gemeinsames Streben nach Unabhängigkeit an und vereinbarten eine Zusammenarbeit. Den Höhepunkt dieser Entwicklung bildete der gemeinsame Angriff von UPA und Heimatarmee auf die Stadt Hrubieszów.

Dabei wurden bis zu dreißig NKWD-Angehörige getötet, Gefangene und Geiseln befreit sowie Listen feindlicher Agenten in der Region erbeutet.

Es existiert sogar ein gemeinsames Foto polnischer und ukrainischer Kämpfer nach dieser Schlacht. Die polnische Exilregierung erkannte dieses taktische Bündnis jedoch nicht an.

Gołębiewski verbrachte zehn Jahre im Gefängnis, erlebte später die Unabhängigkeit Polens und wurde zum einzigen polnischen Veteranen des Zweiten Weltkriegs, der sich öffentlich dafür einsetzte, den Kämpfern der UPA in Polen den Status von Kriegsveteranen zuzuerkennen.

Ein gesondertes Thema ist die Zahl der Opfer dieses sogenannten Völkermords.

Polnische Historiker und Publizisten nannten im Laufe der Zeit sehr unterschiedliche Zahlen.

Zunächst ging man davon aus, dass vor dem Krieg mehr als 300.000 Polen in Wolhynien lebten, weshalb man praktisch alle oder fast alle von ihnen zu den Opfern zählte.

Später stellte sich jedoch heraus, dass infolge der Deportationen, des Bevölkerungsaustauschs, der Repressionen und der Flucht in den Jahren 1939–1941 dort nur noch etwa ein Drittel dieser Zahl verblieben war.

Dennoch kursiert heute im öffentlichen Raum Polens die Zahl von 100.000 bis 120.000 Opfern. Genau diese Zahl wurde inzwischen auch gesetzlich im Zusammenhang mit dem angeblichen Völkermord in den Östlichen Kresy festgeschrieben.

Doch auch diese Zahl ist offensichtlich problematisch. In zahlreichen Dokumenten wird von einer massenhaften Flucht der polnischen Bevölkerung aus Wolhynien in größere Garnisonsstädte und anschließend weiter nach Polen berichtet. Dort verbreiteten die Flüchtlinge vielfach übertriebene Berichte über die Grausamkeiten der Banderisten.

So wurde beispielsweise die bereits erwähnte Kolonie Andrzejówka, deren Selbstverteidigung das Dorf Krasnyj Sad niederbrannte und plünderte, überhaupt nicht vernichtet. Die gesamte Bevölkerung wurde im Januar 1944 gemeinsam mit den sich zurückziehenden deutschen Truppen organisiert evakuiert.

Sowohl ukrainische als auch seriöse polnische Historiker gehen anhand dokumentierter Quellen heute von etwa 35.000 polnischen Todesopfern in Wolhynien in den Jahren 1943–1944 sowie von 10.000 bis 12.000 getöteten Ukrainern aus.

Das bedeutet, dass beide Untergrundarmeen die Zivilbevölkerung der jeweils anderen Seite angriffen. Die UPA verfügte in Wolhynien lediglich über größere Kräfte.

Dieses Ungleichgewicht wird jedoch dadurch ausgeglichen, dass in den Regionen Chełmer Land, Nadsanje und Podlachien zwischen 1943 und 1947 10.000 bis 15.000 friedliche Ukrainer getötet wurden.

Die übrigen wurden im Zuge der Aktion Weichsel und ähnlicher Maßnahmen in die Sowjetunion oder in die westlichen Gebiete Polens deportiert.

Insgesamt verloren infolge der Deportationen der Jahre 1944 bis 1951 rund 750.000 Ukrainer auf dem Gebiet der Volksrepublik Polen ihre Heimat. Umgekehrt wurden aus der Ukrainischen SSR fast 790.000 Polen und Juden nach Polen umgesiedelt.

Aus heutiger Sicht erscheinen der polnisch-ukrainische Krieg und die gegenseitigen ethnischen Säuberungen der 1940er Jahre als ein gemeinsamer blutiger Irrtum und selbstverständlich als ein Verbrechen. Massenmorde an Zivilisten sind – ungeachtet ihrer Voraussetzungen, Begründungen oder Rechtfertigungen – unzulässig.

Die einzig vernünftige Haltung zu diesem Kapitel der Geschichte formulierte bereits der bedeutende Vertreter der polnischen Emigration Jerzy Giedroyc:

„Wir vergeben und bitten um Vergebung.“

Denn – erneut ein Zitat –

„Ohne eine unabhängige Ukraine gibt es kein unabhängiges Polen.“

Auch dies sagte Giedroyc.

Vor ihm hatten bereits Marschall Józef Piłsudski und dessen Ministerpräsident Ignacy Daszyński dieselbe Überzeugung vertreten.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion schien es, als hätten beide Völker diese Grundsätze verinnerlicht.

Im Juni 1994 reichten sich auf einem internationalen Seminar bei Warschau der letzte Oberbefehlshaber der UPA Wassyl Kuk und der Veteran der 27. Wolhynischen Division der Heimatarmee, Tytus Kołakowski, als Zeichen der Versöhnung die Hand. Zwei Jahre später traf sich Kuk in Luzk mit dem Vorsitzenden des Wolhynischen Bezirks des Weltverbands der Veteranen der Heimatarmee.

Im Jahr 2003 gedachten die Präsidenten der Ukraine und Polens, Leonid Kutschma und Aleksander Kwaśniewski, gemeinsam der Opfer der Tragödie. Später erwies auch der ukrainische Präsident Wiktor Juschtschenko den getöteten Polen seine Ehre.

Parallel dazu entwickelten sich jedoch andere Prozesse. Im Jahr 2013 forderten 148 Abgeordnete der Werchowna Rada, Mitglieder der Partei der Regionen und der Kommunistischen Partei, den polnischen Sejm auf, die Wolhynien-Tragödie als Völkermord am polnischen Volk anzuerkennen.

Dieselben Politiker organisierten Wanderausstellungen in ukrainischen und polnischen Städten, die sich spekulativ mit den Verbrechen der UPA befassten.

Angeführt wurde dieser Prozess von Personen, die später ihre Heimat verrieten und den russischen Besatzern halfen: Dmytro Tabatschnyk, Wolodymyr Saldo, Jewhen Balyzkyj, Oleh Zarjow, Wadym Kolesnitschenko und andere ihresgleichen.

Um diesem Narrativ entgegenzuwirken, bat der ukrainische Präsident Petro Poroschenko während seiner Rede im polnischen Sejm die Polen um Vergebung für die Ereignisse in Wolhynien. Später kniete er sogar vor einem Denkmal für die Opfer der Tragödie nieder.

Doch gerade daran knüpfte die polnische Rechte an, angeführt vom Senator der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) Jan Żaryn. Sie brachte die Forderung in den öffentlichen Diskurs ein, die Wolhynien-Tragödie als Völkermord anzuerkennen und der Ukraine die Ehrung von OUN und UPA zu verbieten. Dies traf auf eine ohnehin vorhandene Alltagsxenophobie eines Teils der polnischen Bevölkerung gegenüber ukrainischen Migranten. 

Dabei war es Moskau, das Polen viermal teilte, drei nationale Aufstände niederschlug sowie Millionen Polen ermordete und deportierte. Allein während der sogenannten „Polnischen Operation“ des NKWD im Jahr 1937 wurden 111.091 Polen erschossen, weitere 30.000 in den Gulag verschleppt. In Katyn wurden Zehntausende Angehörige der militärischen und staatlichen Elite des polnischen Volkes ermordet. Doch einen Völkermord erkannte das polnische Parlament darin nicht.

Ebenso erhebt Warschau keine entsprechenden Vorwürfe gegen Deutschland wegen der Ermordung von fünf Millionen polnischen Staatsbürgern durch die Nationalsozialisten. Von Berlin werden gelegentlich lediglich materielle Entschädigungen verlangt. Das klingt realistischer und kommt dem Geschmack eines wenig anspruchsvollen Wählers stärker entgegen.

Im Jahr 2026 erreichte die historische Offensive gegen die Ukraine ihren Höhepunkt. Der polnische Präsident Karol Nawrocki verlangte, Präsident Wolodymyr Selenskyj den Orden des Weißen Adlers abzuerkennen, weil dieser die UPA geehrt hatte. Daraufhin verzichteten sämtliche noch lebenden Präsidenten der Ukraine ihrerseits auf ihre Auszeichnungen mit dem Weißen Adler.

Die Warschauer Zeitschrift „Kultura Liberalna“ erklärte dieses Phänomen in einem Artikel mit dem Titel:

„Polen ist auf die Subjektivität der Ukraine nicht vorbereitet.“

Darin heißt es, Warschau betrachte Kyiv weiterhin als jüngeren Bruder – doch diese Zeit sei längst vorbei.

Ob der Sejm und der Präsidentenpalast im Belvedere diese neue Realität verstehen werden, wird die nahe Zukunft zeigen. Ob wir zu einer besseren Zukunft zurückkehren oder in einer düsteren Vergangenheit verharren werden.

Denn die Polen sind zugleich unsere historischen Gegner und unsere historischen Verbündeten. Mit ihnen hatte es niemals jemand leicht. Nicht einmal der Vater der polnischen Nation, Józef Piłsudski. Erinnern Sie sich an seinen berühmten Ausspruch?

„Die Nation ist großartig – nur die Menschen sind Hurensöhne!“


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Titel des Originals: Правда про Волинь, яку приховували десятиліттями! Ось хто насправді розпалив кривавий конфлікт. Олег Криштопа. 13.07.2026.
Autor: Oleh Kryschtopa
Veröffentlichung: 13.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Ukraine bewahren. Vitaly Portnikov. 13.07.2026.

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Im Netz verbreiten sich Berichte darüber, wie Xenophobe in Polen Ukrainer angreifen. Ich könnte natürlich sagen, dass es viel mehr Polen gibt, die ein solches Verhalten nicht unterstützen – Millionen von Menschen, die den Ukrainern geholfen haben, sich vor dem Krieg zu retten.

Aber ich möchte jetzt über etwas anderes sprechen. Die wichtigste Garantie für eure Sicherheit sind nicht Veränderungen in einem fremden Land und auch nicht ein erfolgreicher Kampf gegen die Fremdenfeindlichkeit. Die wichtigste Garantie ist, dass ihr euren eigenen Staat habt. Natürlich ist es sehr gut, wenn auch fremde Länder tolerant sind – aber ihr könnt nicht für die Entwicklung ihrer Gesellschaft verantwortlich sein.

Als ich die Bedeutung der Ukraine als Zufluchtsort betonte, sagten mir viele, ich denke archaisch und die Zeit der Nationalstaaten sei vorbei.

Nein, Freunde. Die Zeit der Nationalstaaten ist gekommen – so, wie sie in Zeiten von Kriegen und Erschütterungen immer kommt. Und genau in einer solchen Epoche leben wir und werden wir leben.

Wisst ihr, was es mir ermöglicht, mit erhobenem Haupt zu gehen? Die Existenz der Ukraine – ja. Aber auch die Existenz Israels.

Seit dem 1. September 1974 heißt es zu mir: „Geh nach Israel!“– also seit meinem ersten Schultag. Genauso, wie man diese Mädchen im Video heute aufforderte: „Geht in die Ukraine!“ Und man schickt mich nun schon seit 52 Jahren ununterbrochen nach Israel. Es genügt, die Kommentare unter irgendeinem meiner Texte zu öffnen, um das zu sehen.

Wie im Fall Polens sage ich mir immer, dass es viel mehr Ukrainer gibt, die keine Xenophoben sind. Und dass diejenigen, die mir das Recht absprechen, in der Ukraine zu leben, die ich als meine Heimat betrachte, in der Minderheit sind. Aber ich kann nicht für Tendenzen verantwortlich sein, die sich unter den Ukrainern verändern könnten. Ich kann nicht sicher sein, dass diese anständigen Menschen mich immer schützen werden. Und dann erinnere ich mich daran, dass andere Menschen eine nationale Zuflucht geschaffen haben – damit ich mich sicher fühlen kann, unter den Meinen. Dort, wo mich niemand irgendwohin schicken wird. Ich bin diesen Menschen aufrichtig dankbar. Immer.

Als ich zur Schule ging und man mich nach Israel schickte, schmerzte mich der Gedanke, dass die Ukrainer in Wirklichkeit nirgendwohin gehen konnten. Dass sie keine eigene nationale Regierung hatten – und viele von ihnen sich dessen nicht einmal bewusst waren. Deshalb war für mich die Idee der Unabhängigkeit der Ukraine genauso wichtig wie die Souveränität Israels. Ich wollte für die Ukrainer immer das tun, was andere Menschen für mich getan haben.

Und ich denke, dass die Erscheinungsformen des Hasses gegen Ukrainer in anderen Ländern uns erneut vom Wert des ukrainischen Staates überzeugen sollten. Stellt euch vor, wie sich meine Urgroßväter und Urgroßmütter fühlten, als auch sie vertrieben wurden – und sie hatten keinen Ort, an den sie gehen konnten. Schließlich wurden sie ausgeraubt und ihre Häuser niedergebrannt.

Stellt euch einfach vor, was mit euch geschehen wird, wenn es die Ukraine nicht mehr gibt. Wohin sollen Menschen gehen, die aus einem fremden Land vertrieben werden, in dem sie vor Not und Leid Zuflucht gesucht haben?

Deshalb sollte jede solche Erscheinungsform der Fremdenfeindlichkeit euch nicht nur davon überzeugen, dass Polen oder Europa verändert werden müssen. Sie sollte euch vor allem davon überzeugen, wie wichtig es ist, die Ukraine zu bewahren.


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Art der Quelle: Social Media

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 13.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
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