Wolhynien: Historischer Kontext eines polnisch-ukrainischen Konflikts | Oleh Kryschtopa. 13.07.2026.

Mitten im großen Krieg gegen die Moskauer Aggressoren wurden die Ukrainer plötzlich auf gesetzlicher Ebene des Völkermords beschuldigt. Sogar die Zahl der Opfer wurde genannt: 100.000 Menschen.

Wie immer roch diese Geschichte nach einer Provokation des Kremls. Doch diesmal ging es nicht um acht, sondern um achtzig Jahre. Und nicht um Russen oder das Volk des Donbas, sondern um Polen. Ausgerechnet zum 80. Jahrestag der Wolhynien-Tragödie beschloss der polnische Sejm einen neuen staatlichen Gedenktag. Genau so: den Nationalen Gedenktag für die Opfer des von ukrainischen Nationalisten an Bürgern der Republik Polen verübten Völkermords.

Die geografische Ausdehnung des Verbrechens wurde im Gesetz mit dem kolonialen Begriff „Östliche Kresy“ umrissen, also „östliche Randgebiete Polens“. Nicht einmal Wolhynien, denn Wolhynien ist schließlich ukrainisch, und das würde wie ein Eingriff in fremdes Territorium wirken. Die „Östlichen Kresy“ dagegen erscheinen wie etwas Polnisches.

Die Zahl der Opfer – 100.000 – wurde durch Abstimmung festgelegt. Die Methode ist natürlich demokratisch, aber nicht besonders historisch, vor allem dann nicht, wenn Politiker abstimmen, die ihre Karriere auf historischen Spekulationen aufbauen.

Zu den Tätern des Verbrechens wurden Einheiten der Organisation Ukrainischer Nationalisten, OUN, der Ukrainischen Aufständischen Armee, UPA, außerdem die Division „Galizien“ und andere ukrainische Formationen erklärt, die mit den Deutschen zusammenarbeiteten. Das war ein Zitat. Tatsächlich ist auch das sehr russisch oder sogar sowjetisch: Aufständische und Kollaborateure in einen Topf zu werfen, damit sie als eine einzige böse Masse im Dienst Hitlers erscheinen.

Dabei ermordeten die Nationalsozialisten nicht erfundene 100.000, sondern tatsächlich fünf Millionen Bürger der Republik Polen. Doch aus irgendeinem Grund verdächtigt das heutige Warschau sie nicht einmal des Völkermords.

Ich bin Oleh Kryschtopa. Dies ist „Geschichte für Erwachsene“. Und heute sprechen wir über diese eigentümliche Mathematik. Wir werden den wichtigsten polnischen Mythos des Zweiten Weltkriegs entlarven und endlich ehrlich über den polnisch-ukrainischen Krieg von 1943 bis 1944 erzählen. Oder waren es doch die Jahre 1939 bis 1947? Schauen wir uns das genauer an.

Nun zur Wolhynien-Tragödie oder zum Wolhynien-Massaker, wie polnische Radikale es nennen. Und nicht nur sie. Entscheidend ist hier die Methode selbst: Man nimmt ein historisches Ereignis oder Phänomen und reißt es vollständig aus seinem Kontext.

Für den Verräter Oleh Zarjow begann der Zweite Weltkrieg nicht mit dem Komplott Moskaus mit Berlin, nicht mit dem Militärbündnis, das das weltweite Gemetzel überhaupt erst auslöste und während zwei der insgesamt sechs Kriegsjahre bestand. Nein, daran zu erinnern ist heute unangenehm und unvorteilhaft.

Genauso verhält es sich mit dem Wolhynien-Massaker im polnischen Gesetz und allgemein in der heutigen offiziellen Geschichtsschreibung. Angeblich begann die gesamte Geschichte plötzlich im Jahr 1943 und hatte keinerlei Vorgeschichte. Der Versuch, nach Voraussetzungen zu suchen, gilt als Versuch, das Verbrechen zu leugnen oder infrage zu stellen. 

Auch die UPA mit der Heimatarmee zu vergleichen, sei unzulässig, denn die erste sei angeblich eine illegale Verbrecherbande gewesen, die zweite dagegen die offizielle Untergrundarmee der Exilregierung. Und überhaupt hätten die Ukrainer mit den Nationalsozialisten kollaboriert, weshalb die Symbole der UPA verboten werden müssten.

Der letzte Vorschlag wurde im Sejm eingebracht, aber nicht zur Abstimmung gestellt, weil offenbar jemand herausfand, dass die Aufständische Armee überparteilich war und ukrainische Staatssymbole verwendete: den Treizack und die blau-gelbe Flagge.

All das läuft auf den wichtigsten polnischen Mythos des Zweiten Weltkriegs hinaus. Angeblich war Polen dessen größtes, zugleich aber auch heldenhaftestes Opfer, erlitt unglaubliche Unterdrückung und Verluste, arbeitete jedoch niemals mit den Besatzern zusammen. Überall auf der Welt habe es Kollaboration gegeben, nur nicht in Polen. Deshalb schuldeten alle Polen etwas: die Deutschen Entschädigungen für die Schäden und die Ukrainer das Eingeständnis alleiniger Schuld sowie die Anpassung ihres historischen Gedächtnisses an die gegenwärtigen Vorlieben Warschaus.

All das sind natürlich Spekulationen und ein alarmierendes Signal für eine Art Putinisierung unseres westlichen Nachbarn. Das bedeutet, dass historische Ereignisse nicht in die Vergangenheit treten und nicht zum Gegenstand der Historiker werden. Nein, sie bleiben hier und heute bei uns, werden zur Begründung politischer Entscheidungen in der gegenwärtigen Realität und beeinflussen die Zukunft.

So entschied Putin, die Ukrainer seien vom Westen aufgewiegelte russische Nazis, und griff an, um alles zu „korrigieren“. Und für die polnische Rechte wird plötzlich die blutige Tragödie in Wolhynien vor achtzig Jahren zum aktuellsten Faktor in den Beziehungen zu Kyiv. Deshalb beginnt Warschau einen kognitiven Krieg gegen die Ukraine, die gerade Europa gegen Putins Horden verteidigt.

Wie es in der Politik so weit kommen konnte, werden wir etwas später erzählen. Wenden wir uns zunächst den Ereignissen in Wolhynien im Jahr 1943 zu. Und womit wir auch beginnen, zuerst müssen wir die Voraussetzungen erklären: Warum entschieden ukrainische Nationalisten gerade 1943, einen Aufstand gegen die Nationalsozialisten zu beginnen? Warum nahm dieser Aufstand auch antipolnische Züge an? Warum arbeitete der polnische Untergrund in ganzen Dörfern und Kolonien gleichzeitig mit dem roten und dem braunen Imperium zusammen? Woher kamen plötzlich polnische Kolonien in Wolhynien? Wer begann zuerst, die Zivilbevölkerung zu vernichten – Polen oder Ukrainer? Begann all das tatsächlich in Wolhynien? Und woher kamen in Polen die „Kresy“?

Die polnischen Gesetzgeber mögen uns daher verzeihen, doch wir können nicht über die Wolhynien-Tragödie sprechen, ohne die Ereignisse davor, danach und um sie herum zu schildern.

Beginnen wir mit der Frage, woher in Polen diese „Östlichen Kresy“ kamen, in denen den Polen angeblich so großes Unrecht widerfuhr. Zunächst handelt es sich um einen etwa zweihundert Jahre alten imperialen, romantischen Mythos, der entstand, als die Polen selbst unter Fremdherrschaft standen: unter russischer, österreichischer und preußischer.

Talentierte Menschen aus den östlichen Gebieten der ehemaligen Republik Polen – Wincenty Pol, Adam Mickiewicz, Juliusz Słowacki und Henryk Sienkiewicz – erzählten ihren Landsleuten: „Erinnert ihr euch? Einst herrschten auch wir hier und waren Europas unerschütterliche Mauer gegen Tataren, Türken und Moskauer.“

Das war so etwas wie die amerikanische Legende vom Wilden Westen oder die deutsche Legende von Ostpreußen, in denen unbeugsame Vertreter einer höheren Zivilisation den Wilden Kultur bringen und deren Horden aufhalten. Dabei sind die einheimischen Ureinwohner lediglich Kulisse für die eigentlichen Helden. Und dieser polnische Mythos nahm die lokalen Völker in diesen „Kresy“ weitgehend nicht wahr: Litauer, Belarussen und Ukrainer.

Dieser Mythos wurde neben anderen zur Grundlage der polnischen Wiedergeburt im 19. Jahrhundert und des Kampfes um die Unabhängigkeit im 20. Jahrhundert. Eines Kampfes, der die entsprechenden Bestrebungen jener Völker weitgehend zunichtemachte, die von den polnischen Ideologen übersehen wurden: der Litauer, Belarussen und Ukrainer.

Die Politik des „Staatschefs“ Polens – so lautete tatsächlich die Amtsbezeichnung, Staatschef Polens – Józef Piłsudskis berücksichtigte ihre Existenz zumindest teilweise. Er träumte von einer Vereinigung Polens, Litauens, der Ukraine und Belarus’ zu einer Art Föderation des Intermariums. Als dieses Projekt scheiterte, begnügte er sich mit der gewaltsamen Eroberung des Wilnaer Gebiets sowie der Westukraine und Westbelarus’. Auf Forderung des Völkerbunds verpflichtete er sich, die Rechte der nationalen Minderheiten zu achten und ihnen nationale Autonomien zu gewähren, doch er täuschte ihn.

Mehr noch: Im Dezember 1920 verabschiedete er ein besonderes Gesetz über die militärische Kolonisierung der „Östlichen Kresy“. Nach diesem Gesetz wurden polnischen Veteranen und zivilen Siedlern Grundstücke auf ukrainischem Boden zugeteilt, vor allem in Wolhynien. Darüber hinaus erhielten sie vergünstigte Kredite, Schulden wurden erlassen und das Tragen von Waffen wurde erlaubt. Gleichzeitig wurden die Landrechte der einheimischen ukrainischen Bevölkerung systematisch verletzt und die Ukrainer selbst aus den Organen der kommunalen Selbstverwaltung verdrängt. Etwa 300.000 sogenannte Osadnicy nahmen dieses Programm in Anspruch.

Die Sache ist die, dass die Zwischenkriegsrepublik Polen hinsichtlich ihrer nationalen Zusammensetzung sehr vielfältig war. Sechzehn Prozent ihrer Bürger betrachteten sich als Ukrainer. Damit bildeten sie nach den Polen die zweitgrößte ethnische Gruppe. Ein weiterer Teil der bäuerlichen Bevölkerung identifizierte sich als Ruthenen oder als „Hiesige“, jedenfalls nicht als Titularnation, also nicht als Polen. Ein weiterer Teil übernahm unter Druck oder zum Überleben eine polnische Identität.

Trotz alledem war Wolhynien von allen Woiwodschaften der Zweiten Polnischen Republik am wenigsten polnisch. Die Mehrheit der Ukrainer war hier erdrückend: siebzig Prozent gegenüber sechzehn Prozent Polen. Deshalb wurden gerade dorthin die meisten Siedler geschickt. Gerade dort entstanden für sie eigene Kolonien in monoethnischen ukrainischen Gebieten. Das Land für diese Kolonien wurde natürlich den Ukrainern weggenommen.

Wegen all dessen versuchte die neu gegründete Ukrainische Militärorganisation, UVO, bereits 1921, Piłsudski zu töten. Bald darauf betrachtete der alte Marschall Piłsudski seine Rolle beim Staatsaufbau als erfüllt und zog sich zurück.

1922 verabschiedete Warschau ein Gesetz über die Autonomie der „Östlichen Kresy“ unter einer weiteren kolonialen Bezeichnung: Ostkleinpolen. Das erinnert an „Kleinrussland“, nicht wahr? Denn alle Imperialisten denken nach denselben Mustern. Unter dem Deckmantel des Schutzes der Rechte nationaler Minderheiten erkannte der Völkerbund 1923 die polnischen Eroberungen in den Kresy endgültig an.

Nach Piłsudski kamen in Warschau jedoch die Endecja, die Nationaldemokraten, an die Macht. Trotz ihres Namens vertraten sie offen profaschistische Ansichten. Gerade sie verliehen dem italienischen Duce Benito Mussolini den Orden des Weißen Adlers.

Ihr Anführer Roman Dmowski trat für einen monoethnischen Staat und dementsprechend für die Polonisierung der nationalen Minderheiten ein. Wörtlich sagte er Folgendes, wir zitieren:

„Ein gesundes Land, das auf einem festen Fundament steht, assimiliert fremde Stämme stets politisch und kulturell, mit Gewalt oder ohne.“

Dmowski betrachtete die Polen als eine Nation, die Ukrainern, Deutschen, Litauern und Belarussen überlegen sei. Er war ein glühender Antisemit. Er bezeichnete Juden als „Parasiten schlechthin“ und träumte von ihrer Deportation. Zugleich war er ein glühender Russophiler. Er trat sowohl für ein Bündnis mit dem weißen als auch mit dem roten Russischen Imperium ein, um gemeinsam andere Slawen, Balten und Germanen zu unterdrücken.

Bereits 1924 verabschiedeten die Nationaldemokraten das sogenannte Kresy-Gesetz über zweisprachigen Unterricht in den östlichen Randgebieten. Tatsächlich bedeutete dies Polonisierung und die Verdrängung der lokalen Sprachen. In Wolhynien etwa blieb Ukrainisch nur in elf Prozent der Schulen erhalten, obwohl 77 Prozent der Bevölkerung diese Sprache sprachen. Die Zahl ukrainischer Bibliotheken sank drastisch von 2.800 auf 800.

Als die faschistischen Endecja-Anhänger durch den Staatsstreich des Föderalisten Józef Piłsudski von der Macht verdrängt wurden, wurde es aus irgendeinem Grund nicht leichter, denn Piłsudski begann nun eine Diktatur aufzubauen, die er „Sanacja-Regime“, also „Gesundung des Staates“, nannte. Und diese „Gesundung“ bedeutete die Fortsetzung der Unterdrückung nationaler Minderheiten.

Das bekannteste Beispiel der antipukrainischen Politik Polens in den 1930er Jahren ist die sogenannte Pazifizierung. In Ostkleinpolen, das wir bereits erwähnt haben, bedeutete sie Massenterror gegen die gesamte Bevölkerung durch Polizei und reguläre Truppen. Ganze Dörfer und Kleinstädte wurden umstellt, die Menschen auf die Straßen getrieben, durchsucht, geschlagen und eingesperrt. Ukrainische Einrichtungen wurden geplündert und zerstört.

Daran beteiligten sich nicht nur staatliche Organe, sondern auch nationalistische Organisationen wie die Jugendorganisation Strzelec. Sie ergänzten den Terror noch durch Morde, Vergewaltigungen und Entführungen. Später rechtfertigten sich die Polen damit, nachgewiesene Morde habe es nur einige Dutzend gegeben, und selbst diese seien durch den Widerstand der Ukrainer verursacht worden.

Doch die Wirkung war genau umgekehrt. Ukrainische Sejm-Abgeordnete versuchten zunächst, sich auf legalem Weg gegen die Repressionen zu wehren und wandten sich an den Völkerbund. Dort akzeptierte man jedoch die Beweise der polnischen Seite, während die Abgeordneten und ihre Familien Verfolgungen bis hin zu Vergiftungen ausgesetzt waren.

Daraufhin radikalisierte sich die Jugend und schloss sich der UWO und später der OUN an. Diese entschieden sich für bewaffneten Kampf und Sabotage und töteten die Verantwortlichen der Pazifizierung, darunter Innenminister Bronisław Pieracki.

So drehten sich staatlicher Terror und der Widerstand dagegen immer weiter, denn es blieb nicht bei der Pazifizierung.

  • Ab 1934 begann die sogenannte Politik der „Stärkung des Polentums“, also die gewaltsame Polonisierung und Katholisierung.
  • 1937 begann die sogenannte Revindikation – die Beschlagnahmung und Zerstörung ukrainischer orthodoxer Kirchen.
  • 1938 folgte die Polonisierungs- und „Wiederherstellungsaktion“ gegen Ukrainer und Belarussen.

Um die große Zahl ohne Gerichtsverfahren inhaftierter Ukrainer und anderer Angehöriger nationaler Minderheiten festzuhalten, nutzte das Vorkriegspolen Konzentrationslager – ebenso wie Kommunisten und Nationalsozialisten. Polnische Minister und Polizeibeamte reisten sogar ins Dritte Reich, um von ihren Kollegen bei SS und Polizei moderne Methoden zu übernehmen.

Das bekannteste polnische Lager war Bereza Kartuska. Daneben gab es aber auch Lager in Biała Podlaska und Białe Sarny.

Damit wurde Polen nach Moskau und Berlin zum dritten Staat Europas mit einem eigenen Konzentrationslagersystem.

Als dieser Staat 1939 unter den Schlägen beider Imperialismen zusammenbrach, wollten die zuvor Unterdrückten Rache nehmen. Dieses Phänomen machten sich beide Besatzungsmächte zunutze und hetzten die unterworfenen Völker gegeneinander auf.

Galizien etwa gliederten die Nationalsozialisten dem Generalgouvernement Polen an. Dort stellten sie aus einheimischen Ukrainern und später aus sowjetischen Kriegsgefangenen ungefähr zehn Polizeibataillone auf, die den polnischen Widerstand bekämpfen sollten.

Daraus ziehen Warschauer Historiker den Schluss, dass alle Nachbarvölker zu Kollaborateuren wurden – nur die Polen nicht. Und gerade damit, mit dem Kampf gegen Kollaborateure oder Vergeltungsaktionen gegen sie, rechtfertigen offizielle Warschauer Historiker sämtliche Handlungen ihrer Untergrundkämpfer.

Paradoxerweise begann Wolhynien 1943 jedoch in der Region Chełm bereits 1942. Dort war die ukrainische Gemeinschaft schwächer und der polnische Untergrund stärker. Deshalb stützten sich die Nationalsozialisten nach dem Prinzip „Teile und herrsche“ auf die Ukrainer, während diese ihrerseits eher Unterstützung bei den Besatzern suchten, in Verwaltungsorgane eintraten und Selbstverteidigungseinheiten bildeten.

Die ersten Angriffe auf die Zivilbevölkerung ereigneten sich deshalb gerade hier – bereits im Jahr 1942. Zunächst verübten Einheiten der polnischen Untergrundorganisationen Heimatarmee (AK) und Bauernbataillone (BCh) gezielte Terrorakte gegen ukrainische Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens.

Betroffen waren sowohl Dorfschulzen, Mitglieder des Ukrainischen Hilfskomitees als auch gesellschaftliche Aktivisten – etwa orthodoxe Priester, Agronomen oder Menschen, die sich für den Wiederaufbau jener Kirchen einsetzten, die während der Pazifizierung zerstört worden waren.

Die Zahl der Opfer dieses individuellen Terrors erreichte mehrere Hundert. Nach Angaben des Ukrainischen Hilfskomitees wurden allein im Kreis Zamość im Jahr 1942 insgesamt 123 Ukrainer ermordet, im Kreis Hrubieszów sogar 258.

Wenn individueller Terror ein solches Ausmaß annimmt, geht er zwangsläufig in Massenterror über.

Bereits im Januar 1942 begannen die Bauernbataillone, Bauern im Kreis Chełm zu beschießen, weil sie das orthodoxe Weihnachtsfest feierten. Dabei wurden mindestens neun Menschen getötet.

Im August 1942 folgte dann die erste Massenhinrichtung von Zivilisten. Ein Trupp der Heimatarmee umzingelte das Dorf Pasieka bei Hrubieszów, trieb sämtliche Männer in das Schulgebäude, erschoss sie dort und setzte das Gebäude anschließend in Brand.

In den Jahren 1942–1943 zerstörten polnische Formationen mehr als hundert ukrainische Dörfer vollständig oder teilweise.

Zu den bekanntesten ukrainischen Opfern in der Region Chełm gehörte der Oberst der Armee der Ukrainischen Volksrepublik und Anführer des antibolschewistischen Aufstands am rechten Dneprufer, Jakiw Haltschewskyj-Wojnarowskyj, Deckname „Orel“.

1939 verteidigte er Polen an der Spitze des Territorialverteidigungsbataillons Brodnica und nahm an der Gegenoffensive bei Kutno teil. 1943 organisierte „Orel“ die ukrainische Selbstverteidigung im Raum Hrubieszów. Dafür wurde er von Angehörigen des Untergrunds der Heimatarmee ermordet.

Und genau damit rechtfertigten diese sämtliche ihrer Handlungen in der Region Chełm. Man behauptete: Die Ukrainer – ob mit oder ohne Waffen – seien Kollaborateure, während die Polen niemals mit den Nationalsozialisten oder anderen Feinden zusammengearbeitet hätten, sondern ausschließlich gegen sie kämpften und deshalb im Recht seien.

Doch das ist eine Lüge. Denn erstens arbeitete das gesamte polnische Repressionssystem der Vorkriegszeit – die sogenannte Blaue Polizei (Granatowa Policja) – unter deutscher Besatzung nahezu unverändert weiter. Lediglich deutsche Offiziere der Ordnungspolizei und der SS wurden in ihre Führung integriert. Ihre Personalstärke lag zwischen 11.000 und 16.000 Mann.

In verschiedenen Jahren entstanden außerdem Sonder- und Freiwilligeneinheiten, darunter der sogenannte Sonderdienst unter dem Dach von Gestapo und SS sowie die Propagandalegion „Weißer Adler“ innerhalb der SS-Truppen. Auch eigenständige polnische Polizeibataillone existierten – unter den Nummern 107 und 202.

Sie waren allerdings nicht in Polen eingesetzt, sondern in Wolhynien, wo sie gemeinsam mit den Nationalsozialisten den ukrainischen Widerstand bekämpften.

Hinzu kamen bis zu einer halben Million Polen, die als angebliche Volksdeutsche zur Wehrmacht eingezogen wurden. In Warschau erinnert man daran äußerst ungern.

Als das Museum von Danzig 2025 eine Ausstellung über sie unter dem Titel „Unsere Jungs“ organisierte, wurde diese von sämtlichen politischen Kräften verurteilt, weil sie den Mythos von der ausschließlichen Opferrolle Polens im Zweiten Weltkrieg zerstört.

Tatsächlich ist die Wirklichkeit nicht schwarz-weiß. Verrat geht oft Hand in Hand mit Heldentum, denn das eine schließt das andere nicht aus.

Sowohl Polen als auch Ukrainer versuchten, die Besatzungsmächte für ihre eigenen Ziele zu nutzen – vor allem, um Waffen und militärische Ausbildung zu erhalten und sie gegen ihre jeweiligen Gegner einzusetzen. Gleichzeitig bereiteten beide Seiten einen Aufstand vor – jede ihren eigenen.

Das Problem der nationalen Widerstandsbewegungen im gesamten besetzten Europa bestand darin, dass sie den Nationalsozialisten von vornherein militärisch unterlegen waren und offene bewaffnete Aufstände zum Scheitern verurteilt gewesen wären. Deshalb entschieden sich sowohl die europäische Résistance als auch die polnische Heimatarmee für die Taktik des Attentismus, also des Abwartens, des heimlichen Ansammelns von Kräften und Waffen. 

Der Zeitpunkt für einen bewaffneten Aufstand sollte erst kommen, wenn wenigstens eine minimale Aussicht auf Erfolg bestand. Deshalb brachen der Warschauer Aufstand, der Pariser Aufstand, der Prager Aufstand und der Slowakische Nationalaufstand erst aus, als sich die Front näherte und die alliierten Truppen heranrückten.

Die Ukrainer hingegen konnten sich den Luxus von Verbündeten in diesem Krieg nicht leisten. Zeit zum Warten hatten sie ebenfalls nicht, denn die Besatzer vernichteten, plünderten und verschleppten die Bevölkerung zur Zwangsarbeit und hetzten zugleich die unterdrückten Völker gegeneinander auf.

Der sowjetische Saboteur Dmitri Medwedew überlieferte folgendes Zitat des nationalsozialistischen Statthalters in der Ukraine, Erich Koch:

„Der Ukrainer soll vor Verlangen brennen, den Polen zu töten, und umgekehrt. Und wenn sie bei Gelegenheit gemeinsam auch noch einen Juden töten, dann ist das genau das, was wir brauchen.“

Ende des Zitats.

Deshalb sah man die polnischen Kollaborationsbataillone nicht in Polen – sie operierten ausschließlich in Wolhynien. Gleichzeitig wurden in der Ukraine Ausbildungslager für russische, kosakische und sogenannte Ostlegionen eingerichtet, die ebenfalls als Besatzungstruppen eingesetzt wurden.

So kämpfte gegen die Polissja-Sitsch von Taras Bulba-Borowez, die zum Partisanenkrieg gegen die Nationalsozialisten übergegangen war, das 2. Donkosaken-Regiment, das in Schepetiwka aus gefangenen Russen aufgestellt worden war.

Und wo befand sich das einzige Ausbildungslager für ukrainische Freiwillige der Wehrmacht? Natürlich im zentralen Polen, in der Stadt Piotrków Trybunalski, bei Radom.

So sahen Ukrainer und Polen ineinander – zusätzlich zu den alten Feindschaften – nicht Mitstreiter im gemeinsamen Unglück, sondern Helfer des jeweiligen Feindes.

Deshalb ging der Widerstand gegen die Besatzer meist mit Racheakten an den Nachbarn für alte und neue Kränkungen einher.

In der Region Chełm war die polnische Untergrundbewegung stärker und lenkte bereits seit 1942 den Hass ihrer Anhänger gegen ukrainische Zivilisten. In Wolhynien geschah dasselbe – nur umgekehrt.

Bereits im April 1942 beschloss die Zweite Konferenz der revolutionären OUN (OUN-B), nicht länger abzuwarten und unmittelbar zur Revolution überzugehen. Im Oktober 1942 entschied die Militärkonferenz der Nationalisten, mit der Aufstellung bewaffneter Einheiten der OUN zu beginnen.

Die ersten Hundertschaften entstanden in Wolhynien und übernahmen den von Taras Bulba-Borowez bereits bekannt gemachten Namen UPA – Ukrainische Aufständische Armee.

De facto entstanden die ersten bewaffneten Einheiten der UPA im Winter 1942/43. Als offizielles Gründungsdatum der Armee wurde jedoch der 14. Oktober 1942, das Fest der Fürbitte der Gottesmutter und zugleich der Tag des ukrainischen Kosakentums, festgelegt. An diesem Tag fasste die Militärkonferenz der OUN den entsprechenden Beschluss.

Bereits im Februar 1943 begann der ukrainisch-deutsche Krieg. Die Aufständischen griffen Stützpunkte der Besatzer in Wolodymyrez, Kremenez, Uman und weiteren Städten Wolhyniens an.

Nachdem sie ihre Stärke demonstriert hatten, wandten sie sich an jene Ukrainer, die sich im deutschen Dienst befanden. Ihnen wurde Vergebung ihrer früheren Verfehlungen versprochen, wenn sie mit Waffen in der Hand zu den Aufständischen überliefen.

Die Organisation dieses Übertritts übernahmen OUN-Agenten innerhalb dieser Formationen. So versuchte die OUN bereits im Sommer 1941 in Luzk eine eigene Kampfeinheit aufzubauen – die Sondereinheit Jewhen Konowalez. 

Die Nationalsozialisten erlaubten jedoch keine ukrainische Armee und wandelten das Regiment in eine paramilitärische Schule für landwirtschaftliche Kommandanten des Landdienst Ukraine um. Den Männern ließ man Waffen und Uniformen – ein folgenschwerer Fehler. 

Denn im März 1943 liefen mehr als 300 Lehrgangsteilnehmer unter Führung des Stabschefs und OUN-Agenten Stepan Kowal, Deckname Rubaschenko, bewaffnet zur UPA über. Später entstand aus dieser Einheit das Aufständischenregiment Kotlowyna.

Ganz Wolhynien geriet in Bewegung. Tausende Polizisten und Freiwillige liefen zur UPA über. Die Nationalsozialisten verloren die Kontrolle über ganze Regionen. Es entstanden regelrechte Partisanenrepubliken: die Republik Kolky, die Republik Antoniwka und die Sitsch in den Wäldern des Rajons Turijsk. Die Ortschaft Kolky wurde von der Einheit Kowal-Rubaschenkos eingenommen und zur provisorischen Hauptstadt der Ukraine erklärt.

Der Generalkommissar für Wolhynien und Podolien, Heinrich Schoene, berichtete am 30. April 1943:

„Nationalukrainische Banden beherrschen die westlichen und südlichen Gebiete Wolhyniens. Das, was sich in Bezirken wie Horochiw, Luboml, Dubno, Kremenez und teilweise Luzk abspielt, ist als Aufstand zu bewerten.“

Auch der sowjetische Partisanenkommandeur Iwan Schytow bestätigte dies. Während seines Vorstoßes in die Westukraine meldete er:

„Die nationalistische Bewegung hat sich bis zum Niveau eines bewaffneten Aufstands ausgeweitet. Gegen die Deutschen werden aktive Kämpfe geführt. Auf deutschen Karten sind neue Bezeichnungen erschienen: Gebiete des nationalukrainischen Bandenaufstands.“

Gemeint waren eben jene Partisanenrepubliken.

Der sowjetische Partisanengeneral Petro Werschyhora beschrieb sie mit bemerkenswerter Offenheit:

„Die wirtschaftliche Lage in den von der UPA kontrollierten Gebieten ist besser als in den sowjetischen Regionen. Die Bevölkerung lebt wohlhabender und wird weniger ausgeplündert. Von Ablieferungsquoten weiß man dort nichts.“

Ende des Zitats.

Genau darin bestand das Wesen des ukrainischen Aufstands: der Schutz der eigenen Bevölkerung und ihres Eigentums.

Die Ausfuhr von Getreide und Zwangsarbeitern aus Wolhynien und Podolien nach Deutschland ging plötzlich um das Fünffache zurück. Hitler konnte das nicht hinnehmen.

Wie reagierten die Nationalsozialisten? Zunächst propagandistisch. Sie erklärten, Stepan Bandera, der zu diesem Zeitpunkt im Konzentrationslager Sachsenhausen inhaftiert war, sei – wer hätte es gedacht – ein Agent des Kremls.

Auf einem nationalsozialistischen Flugblatt heißt es:

„Im Namen des Massenmörders von Winnyzja und Katyn, des roten Genossen Stalin, wird der ukrainische Bandenführer Bandera feierlich zum Oberbolschewiken der Sowjetukraine ernannt.“

Eine bemerkenswerte Behauptung.

Darüber hinaus setzte Hitler trotz des Mangels an Truppen an der Front Fronteinheiten und die Luftwaffe gegen die Aufständischen ein.

Die Republik Antoniwka fiel im August 1943. Kolky hielt sich sogar bis November.

Das bedeutete, dass die gerade erst gegründete UPA ein Gebiet bei Luzk befreit hatte, dort ihre eigene Verwaltung und sogar eine eigene Währung – die Bofony – einführte, wirtschaftliche Maßnahmen sowie Mobilisierungen organisierte und Wehrmacht und SS es ein halbes Jahr lang nicht schafften, diese Strukturen zu beseitigen.

Schließlich eroberten die Nationalsozialisten das Gebiet der ukrainischen Republiken nach schweren Kämpfen zurück und verkündeten den Sieg über die UPA.

Das war allerdings eine sehr gewagte Behauptung. Selbst die Einheit von Stepan Kowal-Rubaschenko, die Kolky verteidigt hatte, konnte den deutschen Einschließungsring durchbrechen und kämpfte noch viele Jahre weiter. Rubaschenko selbst erlebte sogar noch die Unabhängigkeit der Ukraine.

Natürlich gab es auch schwere Verluste. So fiel der erste Oberbefehlshaber der UPA, Wassyl Iwachiw, im Kampf gegen die Nationalsozialisten.

Seinen Platz nahmen jedoch nicht weniger fähige militärische Führer ein: der Organisator der UPA in Wolhynien Dmytro Kljatschkiwskyj (Klym Sawur) sowie der Oberbefehlshaber Roman Schuchewytsch, enger Weggefährte Stepan Banderas, ehemaliger Soldat der polnischen Armee, Teilnehmer der Kämpfe um die Karpatenukraine und Angehöriger des Bataillons Nachtigall. Seine Erfahrung und seine Fähigkeiten reichten für weitere Jahrzehnte des Kampfes gegen beide totalitären Regime aus.

Die Armee wuchs rasch und gewann an Stärke. Die Nationalsozialisten schätzten ihre Stärke auf 100.000 Kämpfer. Sie war nicht länger ausschließlich eine Bandera-Armee. Menschen unterschiedlichster politischer Überzeugungen und sogar verschiedener Nationalitäten wurden aufgenommen.

Die politische Führung wurde der Untergrundregierung, dem Ukrainischer Oberster Befreiungsrat, übertragen. Das neue Motto des Kampfes lautete ausgesprochen liberal: „Freiheit den Völkern – Freiheit dem Menschen.“

Hier gelangen wir zur dunklen Seite des ukrainischen Aufstands. Als sich die ukrainische Polizei in Wolhynien erhob und in die Wälder ging, verteilten die Deutschen kurzerhand Waffen an die Polen.

Der bereits erwähnte sowjetische Partisanenkommandeur Iwan Schytow berichtete im Mai 1943 nach Moskau:

„Die Polen fliehen in die Kreiszentren, wo die Deutschen die jungen Männer in die Polizei aufnehmen und die übrigen nach Deutschland schicken. Die polnischen Polizisten werden gegen die ukrainischen Nationalisten eingesetzt.“

Die Situation in der Region Chełm wiederholte sich – nur spiegelverkehrt und in wesentlich größerem Maßstab.

Im Verlauf des Jahres 1943 befanden sich der polnische Untergrund und die gesamte polnische Bevölkerung in der Defensive und arbeiteten in großem Umfang mit den Nationalsozialisten zusammen.

Die Stärke der UPA erreichte bis zum Sommer rund 12.000 Kämpfer und bis zum Jahresende etwa 20.000.

Demgegenüber verfügte die 27. Wolhynische Division der Heimatarmee (AK) über ungefähr 1.300 aktive Kämpfer, während weitere rund 3.600 Männer den Selbstverteidigungseinheiten beitraten und Waffen von den Nationalsozialisten erhielten.

Die Entwicklung folgte demselben Muster. Die ukrainischen Aufständischen begannen zunächst einen Terror gegen Kollaborateure und Selbstverteidigungseinheiten, der sich bald auf die zwischen den Kriegen gegründeten Siedlerkolonien und anschließend auch auf alte polnische Dörfer ausweitete.

Ein Befehl Kljatschkiwskyjs oder Schuchewytschs zur vollständigen Vernichtung der andersnationalen Bevölkerung wurde bis heute nicht gefunden – oder er hat überhaupt nie existiert.

Im Gegenteil: Es gibt zahlreiche Aufrufe an die Polen, den Nationalsozialisten im Kampf gegen die Ukrainer keine Hilfe zu leisten.

Andernfalls drohte man ihnen – Zitat – mit einer „neuen Hajdamaken- und Kolijiwschtschyna“.

Für den internen Gebrauch gab Klym Sawur vage Anweisungen heraus, das „polnische Element zu verdrängen“, und versprach den Bauern zur Gewinnung ihrer Unterstützung die Verteilung des enteigneten Landes.

Das Ergebnis war ein völlig sinnloser ukrainisch-polnischer Krieg mit ethnischen Säuberungen und Zehntausenden Opfern auf beiden Seiten.

Das offizielle Warschau bezeichnet den 11. Juli 1943 als Höhepunkt des von der UPA verübten Völkermords. An diesem und den folgenden Tagen begann die UPA eine groß angelegte Offensive gegen etwa hundert polnische Kolonien und Selbstverteidigungsstützpunkte. Die meisten hielten den Angriffen nicht stand und wurden vernichtet.

An dieses Datum knüpft Polen heute den staatlichen Gedenktag für die Opfer des Wolhynien-Massakers.

Ukrainische Historiker widersprechen dieser Darstellung in der Regel, weil das Morden bereits früher begonnen habe und keineswegs einseitig gewesen sei.

So nennt das Ukrainische Institut für Nationales Gedenken den 19. April 1943 als Beginn der polnisch-ukrainischen Auseinandersetzung in Wolhynien. An diesem Tag verbrannten deutsche und polnische Polizeieinheiten das ukrainische Dorf Krasnyj Sad und töteten sämtliche Bewohner – 104 Menschen unterschiedlichen Alters und Geschlechts.

In den beiden folgenden Tagen transportierten Selbstverteidigungseinheiten den Besitz der Ermordeten in die nahegelegene polnische Kolonie Andrzejówka.

Die Ruinen des Dorfes wurden anschließend niedergebrannt. Das Dorf wurde nie wieder aufgebaut.

Dabei war die Verhängnisvollkeit dieses Konflikts offensichtlich. Bereits im Juli 1943 bezeichnete das Kommando der UPA die Lage als „Provokation der Gestapo“ und rief – Zitat –

„beide Völker, das polnische und das ukrainische, dazu auf, sich gegenseitig im Kampf für die staatliche Unabhängigkeit zu unterstützen.“

Doch die Kämpfe griffen inzwischen auch auf Galizien und das gesamte Gebiet jenseits der Curzon-Linie über und dauerten auf ukrainischer Seite mindestens bis zum Frühjahr 1944 an.

Mit dem Eintreffen der Roten Armee schlug das Pendel in die entgegengesetzte Richtung aus. Polnische Selbstverteidigungseinheiten, die zuvor bereits intensiv mit sowjetischen Saboteuren und Partisanen gegen die UPA zusammengearbeitet hatten, traten nun den Vernichtungsbataillonen des NKWD und der prosowjetischen Armia Ludowa bei.

Auch die Kämpfe gegen die polnischen Unabhängigkeitskämpfer der Heimatarmee und ihrer Nachfolgeorganisationen Freiheit und Unabhängigkeit (WiN) sowie der Nationalen Streitkräfte (NSZ) hielten an. In dieser Phase gingen die meisten Massaker an Zivilisten gerade auf ihr Konto.

Zu den bekanntesten Beispielen gehören die Vernichtung des Dorfes Sahryń sowie das Massaker von Hrubieszów im März 1944. Dort wurden bis zu 1.240 Ukrainer getötet, darunter mehr als hundert Kinder. Am selben Tag griff die Heimatarmee außerdem etwa zehn weitere ukrainische Dörfer in der Region Chełm an.

Ein Jahr später, im März 1945, vernichtete eine Einheit der Heimatarmee das Dorf Pawłokoma. Dort wurden 366 Ukrainer, darunter Frauen und Kinder, grausam ermordet. Im April wurde das Dorf Piskorowice, im Juni Werchowyna zerstört – und so weiter.

Öl ins Feuer der ukrainisch-polnischen Auseinandersetzung gossen beide Imperien gleichermaßen.

Über die Nationalsozialisten haben wir bereits gesprochen. Hier ein weiteres Beispiel.

Am 12. Juli 1943 griff eine UPA-Hundertschaft unter dem Kommando von Wassyl Lywotschko das Dorf Poryzk in Wolhynien an. Etwa fünfzig polnische Zivilisten wurden in die Kirche getrieben und dort getötet.

Ein Jahr später führte derselbe Lywotschko das Bataillon Hajdamaky in einen Hinterhalt. Er selbst tauchte in seiner Heimat in der Uniform eines Hauptmanns des NKWD auf.1945 enttarnte ihn die UPA als feindlichen Agenten und erschoss ihn zusammen mit fünfzehn Leibwächtern.

Das praktische Verständnis dafür, dass gegenseitiges Abschlachten nicht zum Sieg, sondern in die Hölle führt, kam erst viel zu spät.

Besonders anschaulich zeigt dies das Schicksal von Marian Gołębiewski. 

Siehe: Über Marian Gołębiewski

Er war der erste Kommandeur des Bezirks Hrubieszów der Heimatarmee. Gerade er gab den Befehl zur Vernichtung der ukrainischen Dörfer Pryhoryle, Mytke, Sahryń, Schychowytschi, Terebin, Stryschynez, Trukowytschi und weiterer Ortschaften, weil sie die UPA unterstützten. Diese ethnische Säuberung wird von polnischen Historikern als „Hrubieszówer Revolution“ bezeichnet.

Nach der Auflösung der Heimatarmee legte Gołębiewski die Waffen nicht nieder. Im Mai 1945 organisierte er aus eigener Initiative ein Treffen mit Vertretern des Obersten Ukrainischen Befreiungsrats, um über Frieden und ein militärisches Bündnis zu sprechen.

Beide Seiten erkannten ihr gemeinsames Streben nach Unabhängigkeit an und vereinbarten eine Zusammenarbeit. Den Höhepunkt dieser Entwicklung bildete der gemeinsame Angriff von UPA und Heimatarmee auf die Stadt Hrubieszów.

Dabei wurden bis zu dreißig NKWD-Angehörige getötet, Gefangene und Geiseln befreit sowie Listen feindlicher Agenten in der Region erbeutet.

Es existiert sogar ein gemeinsames Foto polnischer und ukrainischer Kämpfer nach dieser Schlacht. Die polnische Exilregierung erkannte dieses taktische Bündnis jedoch nicht an.

Gołębiewski verbrachte zehn Jahre im Gefängnis, erlebte später die Unabhängigkeit Polens und wurde zum einzigen polnischen Veteranen des Zweiten Weltkriegs, der sich öffentlich dafür einsetzte, den Kämpfern der UPA in Polen den Status von Kriegsveteranen zuzuerkennen.

Ein gesondertes Thema ist die Zahl der Opfer dieses sogenannten Völkermords.

Polnische Historiker und Publizisten nannten im Laufe der Zeit sehr unterschiedliche Zahlen.

Zunächst ging man davon aus, dass vor dem Krieg mehr als 300.000 Polen in Wolhynien lebten, weshalb man praktisch alle oder fast alle von ihnen zu den Opfern zählte.

Später stellte sich jedoch heraus, dass infolge der Deportationen, des Bevölkerungsaustauschs, der Repressionen und der Flucht in den Jahren 1939–1941 dort nur noch etwa ein Drittel dieser Zahl verblieben war.

Dennoch kursiert heute im öffentlichen Raum Polens die Zahl von 100.000 bis 120.000 Opfern. Genau diese Zahl wurde inzwischen auch gesetzlich im Zusammenhang mit dem angeblichen Völkermord in den Östlichen Kresy festgeschrieben.

Doch auch diese Zahl ist offensichtlich problematisch. In zahlreichen Dokumenten wird von einer massenhaften Flucht der polnischen Bevölkerung aus Wolhynien in größere Garnisonsstädte und anschließend weiter nach Polen berichtet. Dort verbreiteten die Flüchtlinge vielfach übertriebene Berichte über die Grausamkeiten der Banderisten.

So wurde beispielsweise die bereits erwähnte Kolonie Andrzejówka, deren Selbstverteidigung das Dorf Krasnyj Sad niederbrannte und plünderte, überhaupt nicht vernichtet. Die gesamte Bevölkerung wurde im Januar 1944 gemeinsam mit den sich zurückziehenden deutschen Truppen organisiert evakuiert.

Sowohl ukrainische als auch seriöse polnische Historiker gehen anhand dokumentierter Quellen heute von etwa 35.000 polnischen Todesopfern in Wolhynien in den Jahren 1943–1944 sowie von 10.000 bis 12.000 getöteten Ukrainern aus.

Das bedeutet, dass beide Untergrundarmeen die Zivilbevölkerung der jeweils anderen Seite angriffen. Die UPA verfügte in Wolhynien lediglich über größere Kräfte.

Dieses Ungleichgewicht wird jedoch dadurch ausgeglichen, dass in den Regionen Chełmer Land, Nadsanje und Podlachien zwischen 1943 und 1947 10.000 bis 15.000 friedliche Ukrainer getötet wurden.

Die übrigen wurden im Zuge der Aktion Weichsel und ähnlicher Maßnahmen in die Sowjetunion oder in die westlichen Gebiete Polens deportiert.

Insgesamt verloren infolge der Deportationen der Jahre 1944 bis 1951 rund 750.000 Ukrainer auf dem Gebiet der Volksrepublik Polen ihre Heimat. Umgekehrt wurden aus der Ukrainischen SSR fast 790.000 Polen und Juden nach Polen umgesiedelt.

Aus heutiger Sicht erscheinen der polnisch-ukrainische Krieg und die gegenseitigen ethnischen Säuberungen der 1940er Jahre als ein gemeinsamer blutiger Irrtum und selbstverständlich als ein Verbrechen. Massenmorde an Zivilisten sind – ungeachtet ihrer Voraussetzungen, Begründungen oder Rechtfertigungen – unzulässig.

Die einzig vernünftige Haltung zu diesem Kapitel der Geschichte formulierte bereits der bedeutende Vertreter der polnischen Emigration Jerzy Giedroyc:

„Wir vergeben und bitten um Vergebung.“

Denn – erneut ein Zitat –

„Ohne eine unabhängige Ukraine gibt es kein unabhängiges Polen.“

Auch dies sagte Giedroyc.

Vor ihm hatten bereits Marschall Józef Piłsudski und dessen Ministerpräsident Ignacy Daszyński dieselbe Überzeugung vertreten.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion schien es, als hätten beide Völker diese Grundsätze verinnerlicht.

Im Juni 1994 reichten sich auf einem internationalen Seminar bei Warschau der letzte Oberbefehlshaber der UPA Wassyl Kuk und der Veteran der 27. Wolhynischen Division der Heimatarmee, Tytus Kołakowski, als Zeichen der Versöhnung die Hand. Zwei Jahre später traf sich Kuk in Luzk mit dem Vorsitzenden des Wolhynischen Bezirks des Weltverbands der Veteranen der Heimatarmee.

Im Jahr 2003 gedachten die Präsidenten der Ukraine und Polens, Leonid Kutschma und Aleksander Kwaśniewski, gemeinsam der Opfer der Tragödie. Später erwies auch der ukrainische Präsident Wiktor Juschtschenko den getöteten Polen seine Ehre.

Parallel dazu entwickelten sich jedoch andere Prozesse. Im Jahr 2013 forderten 148 Abgeordnete der Werchowna Rada, Mitglieder der Partei der Regionen und der Kommunistischen Partei, den polnischen Sejm auf, die Wolhynien-Tragödie als Völkermord am polnischen Volk anzuerkennen.

Dieselben Politiker organisierten Wanderausstellungen in ukrainischen und polnischen Städten, die sich spekulativ mit den Verbrechen der UPA befassten.

Angeführt wurde dieser Prozess von Personen, die später ihre Heimat verrieten und den russischen Besatzern halfen: Dmytro Tabatschnyk, Wolodymyr Saldo, Jewhen Balyzkyj, Oleh Zarjow, Wadym Kolesnitschenko und andere ihresgleichen.

Um diesem Narrativ entgegenzuwirken, bat der ukrainische Präsident Petro Poroschenko während seiner Rede im polnischen Sejm die Polen um Vergebung für die Ereignisse in Wolhynien. Später kniete er sogar vor einem Denkmal für die Opfer der Tragödie nieder.

Doch gerade daran knüpfte die polnische Rechte an, angeführt vom Senator der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) Jan Żaryn. Sie brachte die Forderung in den öffentlichen Diskurs ein, die Wolhynien-Tragödie als Völkermord anzuerkennen und der Ukraine die Ehrung von OUN und UPA zu verbieten. Dies traf auf eine ohnehin vorhandene Alltagsxenophobie eines Teils der polnischen Bevölkerung gegenüber ukrainischen Migranten. 

Dabei war es Moskau, das Polen viermal teilte, drei nationale Aufstände niederschlug sowie Millionen Polen ermordete und deportierte. Allein während der sogenannten „Polnischen Operation“ des NKWD im Jahr 1937 wurden 111.091 Polen erschossen, weitere 30.000 in den Gulag verschleppt. In Katyn wurden Zehntausende Angehörige der militärischen und staatlichen Elite des polnischen Volkes ermordet. Doch einen Völkermord erkannte das polnische Parlament darin nicht.

Ebenso erhebt Warschau keine entsprechenden Vorwürfe gegen Deutschland wegen der Ermordung von fünf Millionen polnischen Staatsbürgern durch die Nationalsozialisten. Von Berlin werden gelegentlich lediglich materielle Entschädigungen verlangt. Das klingt realistischer und kommt dem Geschmack eines wenig anspruchsvollen Wählers stärker entgegen.

Im Jahr 2026 erreichte die historische Offensive gegen die Ukraine ihren Höhepunkt. Der polnische Präsident Karol Nawrocki verlangte, Präsident Wolodymyr Selenskyj den Orden des Weißen Adlers abzuerkennen, weil dieser die UPA geehrt hatte. Daraufhin verzichteten sämtliche noch lebenden Präsidenten der Ukraine ihrerseits auf ihre Auszeichnungen mit dem Weißen Adler.

Die Warschauer Zeitschrift „Kultura Liberalna“ erklärte dieses Phänomen in einem Artikel mit dem Titel:

„Polen ist auf die Subjektivität der Ukraine nicht vorbereitet.“

Darin heißt es, Warschau betrachte Kyiv weiterhin als jüngeren Bruder – doch diese Zeit sei längst vorbei.

Ob der Sejm und der Präsidentenpalast im Belvedere diese neue Realität verstehen werden, wird die nahe Zukunft zeigen. Ob wir zu einer besseren Zukunft zurückkehren oder in einer düsteren Vergangenheit verharren werden.

Denn die Polen sind zugleich unsere historischen Gegner und unsere historischen Verbündeten. Mit ihnen hatte es niemals jemand leicht. Nicht einmal der Vater der polnischen Nation, Józef Piłsudski. Erinnern Sie sich an seinen berühmten Ausspruch?

„Die Nation ist großartig – nur die Menschen sind Hurensöhne!“


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Правда про Волинь, яку приховували десятиліттями! Ось хто насправді розпалив кривавий конфлікт. Олег Криштопа. 13.07.2026.
Autor: Oleh Kryschtopa
Veröffentlichung: 13.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Der Konflikt um den Weißen Adler | Vitaly Portnikov @UkraineCrisisMediaCenterOnline. 23.06.2026.

Chalyj. Ich würde Ihnen gern das Wort geben. Und da wir nun irgendwie mit Polen begonnen haben, und das Thema in aller Munde ist, habe ich eine direkte und konkrete Frage. Soll Präsident Volodymyr Zelensky nach Danzig zur Wiederaufbaukonferenz fahren – darüber wird jetzt in der Bankowa entschieden – oder soll er einen anderen Schritt tun? Ganz konkret: Was würden Sie raten?

Portnikov. Ich werde nichts raten, weil ich der Meinung bin, dass diese Konferenzen, Anreisen und Abreisen keinerlei Bedeutung haben. Man muss über diese Situation strategisch nachdenken. Denn Sie wissen, dass ich die Wiederaufbaukonferenzen für die Ukraine, wo auch immer sie stattfinden, grundsätzlich für ein rein zeremonielles Ereignis halte. Ob der Präsident dort anwesend ist oder nicht, wird für die Zukunft des russisch-ukrainischen Krieges keine konkrete Rolle spielen. Wenn der Präsident fährt, wenn der Präsident nicht fährt – das wird, sozusagen, zwei Tage nach dieser Konferenz schon halb vergessen sein.

Chalyj. Nicht unter diesen Umständen.

Portnikov. Die Umstände werden noch viele Jahrzehnte andauern, denn wir beschäftigen uns mit den Fragen des Konflikts um die historische Erinnerung mit Polen seit vielen Jahrzehnten. Und diese Fragen können nicht gelöst werden, weil es in der polnischen und in der ukrainischen Gesellschaft einen völlig unterschiedlichen Blick auf den Begriff historischer Fakten und historischer Erinnerung gibt.

Und natürlich wäre es, gelinde gesagt, naiv, sich vorzustellen, dass die Gesellschaften auf diese Kategorien verzichten würden. Wir sagen: „Lasst uns den Historikern die Möglichkeit geben zu sprechen, lasst uns dort den gesellschaftlichen Akteuren die Möglichkeit geben zu sprechen.“ Nun, ich erinnere mich sehr gut an die Diskussionen, die zwischen uns stattfanden, als ich den ukrainischen Teil des ukrainisch-polnischen Partnerschaftsforums leitete. Es gab freundschaftliche Diskussionen, es gab Verständigung. Sobald es um diese Fragen ging, gab es keine Verständigung mehr, weil jeder Politiker und jeder Staatsmann an seine eigenen Perspektiven im eigenen Land denkt.

Chalyj. Also an electorale Bedürfnisse.

Portnikov. Nicht nur electorale, gesellschaftliche. Die überwiegende Mehrheit der Polen unterstützt zumindest die Ansicht des Präsidenten Polens, Karol Nawrocki, dass man keine ukrainische Militäreinheit nach der Ukrainischen Aufstandsarmee benennen darf, weil dies eine verbrecherische Organisation sei, weil Polen der Ukraine hilft und der Präsident der Ukraine in diesem Moment eine der ukrainischen Militäreinheiten nach einer verbrecherischen Organisation benennt.

Chalyj. Entschuldigung, ich möchte Ihnen hier mit Ihrer Erlaubnis widersprechen. Sie ist möglicherweise aus Sicht Polens verbrecherisch.

Portnikov. Aus Sicht Polens. Ich sage ja: Die Mehrheit der Polen denkt so. Sie betrachten die Ukrainische Aufstandsarmee als verbrecherische Organisation als solche. Nicht irgendwelche einzelnen Menschen, nicht irgendwelche einzelnen …

Chalyj. Und die OUN.

Portnikov. Und die OUN natürlich als terroristische Organisation. Die populärste Biografie Stepan Banderas in Polen heißt „Stepan Bandera. Terrorist“. Die Frage ist nur, wie Politiker und gesellschaftliche Akteure die möglichen Folgen kommentieren. Also darüber, dass dies ein Fehler Zelenskys sei, dass Zelensky einen falschen Schritt getan habe, dass er das nicht hätte tun sollen – darüber gibt es bei niemandem irgendwelche Meinungsverschiedenheiten.

Es gibt einzelne Menschen, die versuchen zu sagen: „Aber wissen Sie, die Ukrainische Aufstandsarmee war eine nationale Befreiungsarmee der Ukrainer. Sie kämpfte gegen Bolschewiki und Nationalsozialisten.“ Und was passiert mit diesen Menschen? Sie werden einfach aus dem gesellschaftlichen Feld entfernt.

Chalyj. Entschuldigen Sie, Sie sagen, dass der Schritt mit dem Erlass über …

Portnikov. Warten Sie, hören Sie mich nicht?

Chalyj. Ich habe es eben nicht gehört, weil …

Portnikov. Ich sage Ihnen die ganze Zeit, wie das aus polnischer Sicht aussieht.

Chalyj. Aus polnischer Sicht. Okay.

Portnikov. Aus polnischer Sicht. Ich erkläre einfach, welche Sichtweise in der polnischen Gesellschaft insgesamt vorhanden ist. Und diese polnische Gesellschaft teilt sich dabei nicht in Anhänger von Karol Nawrocki, Jarosław Kaczyński oder Donald Tusk. Das denken überwiegend alle.

Es gibt kleine Gruppen in der Öffentlichkeit, die meinen, dass es nicht so sei, aber sie spielen im polnischen politischen und gesellschaftlichen Leben keine führende Rolle. Für die Polen ist also klar: Die Ukrainische Aufstandsarmee ist eine verbrecherische Organisation. Stepan Bandera ist ein Terrorist. Roman Schuchewytsch ist ein Helfershelfer der Nazis. Und darüber gibt es nichts zu diskutieren. Menschen, die versuchen, es anders zu sehen, existieren im polnischen Mainstream nicht.

Nun schauen wir auf die ukrainische Sichtweise. Die Ukrainische Aufstandsarmee ist eine nationale Befreiungsarmee des ukrainischen Volkes. Stepan Bandera ist ein Held. Roman Schuchewytsch ist ein Held. Man kann die Ukrainische Aufstandsarmee gut mit der Armia Krajowa vergleichen. Wir verstehen für uns selbst, dass Polen Verbrechen begangen haben. Aber um sich mit den Polen nicht zu streiten, können wir auch die Armia Krajowa auf eine Stufe mit der Ukrainischen Aufstandsarmee stellen, ungeachtet der Verbrechen der Armia Krajowa gegen Ukrainer.

Die Polen werden Ihnen sagen: „Was denn? Wovon sprechen Sie? Die Armia Krajowa ist die legitime Armee eines Staates, der trotz der Niederlage gegen Hitler und Stalin im Jahr 1939 weiter existierte. Und eure Ukrainische Aufstandsarmee ist eine Armee, die sich mit den Besatzern Polens verbündete, um der Armia Krajowa nicht die Möglichkeit zu geben, ihr Land zu befreien.“ Also wie wollen Sie hier Verständigung finden?

Chalyj. Sehen Sie, obwohl Sie gesagt haben … Ich achte darauf, ja, ich achte darauf, denn als Sie diese konsequente Sache gesagt haben, sieht es so aus, als hätte sich in Polen ein Bild gefestigt. Ich bin der Meinung, ich habe zum Beispiel eine andere Ansicht zur Rolle der Armia Krajowa und Wolhynien. Das sind sehr viele historische Fragen. Ich möchte jetzt, dass wir darauf übergehen, weil jemand über Wolhynien das eine denkt und jemand sagt: „Das war ukrainisches Territorium, was machten dort andere Völker?“ Ich möchte nicht, dass unsere Diskussion jetzt in Richtung Geschichte geht.

Portnikov. Nein, ich möchte einfach veranschaulichen, wie es sich mit Wolhynien verhält. Mit Wolhynien ist es ebenfalls ein großes Problem, weil Wolhynien auf dem Gebiet der international anerkannten Grenzen Polens stattfand. Das ist ein absoluter Fakt. Im Jahr 1939 war das die Besetzung eines Gebiets.

Chalyj. Sie geben wieder nur die polnische Sicht wieder. Warum gibt es bei Ihnen nur die polnische Sicht? Es gibt noch zwei Sichtweisen. Es gibt die ukrainische Sicht, einen Teil der Historiker. Darf ich dann …

Portnikov. Nein, warten Sie, ich gebe nichts wieder …

Chalyj. Wenn das ein Dialog ist.

Portnikov. Nein, das ist kein Dialog, weil Sie mir nicht die Möglichkeit geben, zu Ende zu sprechen.

Chalyj. Dann machen wir ein Interview.

Portnikov. Warten Sie, ich gebe nichts aus polnischer Sicht wieder. Ich sage Ihnen eine einfache Sache. Sonst entsteht bei den Menschen irgendein sehr seltsamer Eindruck davon, was ich sage. Die Ereignisse in Wolhynien und Galizien fanden innerhalb der international anerkannten Grenzen Polens bis 1939 statt. Dadurch, dass die Sowjetunion diese Gebiete besetzte, wurden sie nicht zu Gebieten der Sowjetunion, genauso wie die Gebiete der Ukraine heute – die Krim, Donezk und Luhansk – nicht Gebiete Russlands sind. Damit sind Sie doch einverstanden?

Chalyj. Ich bin mit Ihrer eindeutigen Formulierung nicht einverstanden, weil Sie finden werden … Dann lassen Sie mich sagen: Sowohl in Polen als auch in der Ukraine gibt es unterschiedliche historische Sichtweisen. Es gibt einen Teil der Historiker, die betonen, dass dies ukrainisches Gebiet ist. Es gibt Völkerrechtler, die verstehen, was Sie sagen – diese Aspekte. Ich verstehe diese Aspekte, den damaligen Kontext, aber für die Mehrheit der Menschen sind das ukrainische Ländereien.. Erstens. Zweitens können wir nicht außer Acht lassen, dass Historiker sehr viel über die Armia Krajowa gesagt haben. Und für uns ist die Position des Präsidenten Polens nicht akzeptabel, der sagt: Hier ist die UPA, und hier ist die Armia Krajowa, zu der es eine völlig andere Haltung gebe.

Portnikov. Hören Sie, Sie illustrieren jetzt genau das, was ich Ihnen über alle sage.

Chalyj. Ja, nur sage ich aus der Sicht eines Ukrainers, wie sehr das die Ukrainer reizt.

Portnikov. Es hat keinerlei Bedeutung, ob wir mit Ihnen aus Sicht der Polen oder aus Sicht der Ukrainer sprechen, es hat keine Bedeutung. Denn wenn Sie als Diplomat und Politiker sprechen, müssen Sie diese beiden Positionen sehen und ihre Unversöhnlichkeit sehen.

Chalyj. Richtig, und Sie widersprechen sich selbst, weil sich herausstellt: Wenn wir schon anerkannt haben, dass jeder seine eigenen Helden hat, dann wird jeder seine eigene Erklärung haben. Mythologie wird es geben, das sind Ihre Worte. Jeder wird seine eigene Mythologie haben. Sie werden keine internationale Formel gemeinsamer Entscheidungen für Nachbarn finden, so wie viele Länder sie nicht gefunden haben.

Portnikov. Nun, wir erkennen ja nicht einmal an, dass jeder seine eigenen Helden hat. Genau darum geht es: Die Polen erkennen nicht an, dass die Ukrainer ihre eigenen Helden haben.

Chalyj. Also müssen wir trotzdem erreichen, dass sie das anerkennen. Und das wurde von Karol Nawrocki gesagt. Karol Nawrocki hat vor einigen Jahren, 2023, gesagt, dass Ukrainer das Recht auf ihre eigenen Helden haben. Weiter hieß es in der ersten Mitteilung der polnischen Botschaft in der Ukraine, die sofort nach dieser Absicht, den Orden zu entziehen, erschien: Ja, für Polen ist das, wie Sie sagen, eine solche Bewertung, aber jeder hat das Recht auf seine eigenen Helden.

Ich denke, dass genau das nicht nur diese Losung ist, die wir seit vielen Jahrzehnten haben: „Wir bitten um Vergebung, und ihr ebenso.“ Ich denke, darauf muss man die Situation irgendwie zementieren, weil sie sonst zu sehr vielen …

Portnikov. Wir werden sie nicht zementieren.

Chalyj. Aus historischer Sicht nicht. Aus politischer Sicht kann man das. Aus politischer Sicht war sie in einem solchen Zustand, ich sage es Ihnen. In jenem Moment, als ich 2015 den Orden erhielt, hatten wir eine schwierige Situation. Und damals wurde dieses Gesetz zur UPA und zu allem anderen im April 2015 verabschiedet.

Portnikov. Damals war eine andere Situation. Ein anderer Präsident, eine andere Situation. Wir müssen berücksichtigen …

Chalyj. In Polen.

Portnikov. Ja. Und in Polen natürlich. Und ich wollte Sie daran erinnern, dass Präsident Petro Poroschenko später von polnischen Politikern als ukrainischer Nationalist, als Bandera-Anhänger wahrgenommen wurde. In Polen freute man sich im rechten Lager über seine Niederlage, und Poroschenko hatte keine ernsthaften Beziehungen zu seinem polnischen Amtskollegen Andrzej Duda.

Chalyj. Gut, entschuldigen Sie. Ich möchte Ihnen als Berater des Präsidenten und Botschafter in den USA …

Portnikov. Sie waren damals aber schon nicht mehr in den USA.

Chalyj. Ich möchte widersprechen: Die Beziehungen zwischen Präsident Poroschenko und Präsident Duda waren ausgezeichnet. Wir hatten gemeinsame Veranstaltungen in Amerika, die beide Präsidenten unterstützten. Ich habe das öffentlich einfach nicht gesagt. Zum Beispiel die Entscheidung, dass auf amerikanischem Territorium die Politisierung der historischen Erinnerung tabu sein würde. Als Botschafter in Washington erfüllte ich eine schwierige Rolle, indem ich unsere Gemeinschaft der Diaspora aufrief, historische Fragen nicht zu politisieren. Ich habe viel Kritik bekommen, dort werden sie es Ihnen sagen, aber ich sagte: „Wir sitzen jetzt in einem Boot, wir müssen uns gegen Russland verteidigen, wir müssen über Sicherheit sprechen. Und liebe Ukrainer, ich bitte euch, so sehr ihr könnt, denn ich verstehe, dass dort viele Polen und Ukrainer umgekommen sind, gebt der Zukunft eine Chance.“

Portnikov. Lassen Sie uns die Realität nicht mystifizieren.

Chalyj. Ich mystifiziere nicht, ich gebe Ihnen Informationen. Das wurde von den Präsidenten unterstützt, auch von Kaczyński wurde es unterstützt, und das ist wichtig. Und Sie werden damals keine Konflikte finden, beginnend mit dem Moment, als Polen während des Jahrestages der Wolhynien-Tragödie das Konsulat in Chicago mit Plakaten behängten und diese dann entfernten – und ich weiß, warum sie sie entfernten –, danach gab es dort nichts Vergleichbares mehr.. Und die Polen halfen uns, sowohl die Diaspora als auch die Lobby im Kongress halfen, gemeinsame Ziele zu erreichen. Darüber diskutiere ich nicht, ich teile es Ihnen mit. Und ich bin nicht einverstanden – jetzt diskutiere ich – ich bin nicht einverstanden, dass Poroschenko mit Bronisław Komorowski zu Beginn, 2014, schlechte Beziehungen gehabt hätte.

Portnikov. Mit Bronisław Komorowski nicht, aber mit Andrzej Duda gab es bereits Spannung. Ich möchte Ihnen sagen, dass Petro Poroschenko genau jener Präsident der Ukraine ist, zu dem Jarosław Kaczyński diesen berühmten Satz sagte, dass die Ukraine mit Bandera nicht in Europa sein werde.

Chalyj. Und jetzt sage ich Ihnen, worin der Unterschied zwischen dieser Periode und aktueller besteht. Wenn Jarosław Kaczyński damals bestimmte Dinge tun konnte für … sie sagten sogar: „Jede solche Position gegen Ukrainer, das war ja nicht gegen Poroschenko, das sind plus fünf Prozent für das Parteirating.“ Das ist bis heute geblieben. Ich stimme hier zu, dass nicht alle Polen Karol Nawrocki sind und nicht alle Polen dasselbe sind. Denn ich bin der Meinung, dass es sehr viele Polen gibt, die die Position Karol Nawrockis nicht unterstützen, angefangen mit Ministerpräsident Donald Tusk, der gestern erklärte, dass weitere Zyklen gegenseitiger Beleidigungen zu sehr schlechten Ereignissen führen könnten. Hier unterstütze ich ihn. Ich denke also, dass es solche Stimmungen gibt. Ich rede die gefährlichen Stimmungen in Polen nicht klein. Ich fürchte, dass sie sich sehr leicht politisch hochschaukeln lassen – sowohl in Polen als auch in der Ukraine. In der Ukraine kennen nur weniger Menschen viele historische Momente als in Polen. Weniger wissen Bescheid. Und ich meine, dass es staatliche und diplomatische Wege gibt, um die Spirale des Konflikts und der Konfrontation nicht weiterzudrehen.

Portnikov. Ich betone noch einmal, dass die Situation mit der historischen Erinnerung für das ukrainische und das polnische Volk noch Jahrzehnte lang nicht gelöst sein wird. Petro Poroschenko war damit konfrontiert. Und wiederum wiederhole ich, dass er in den letzten Jahren seiner Herrschaft im polnischen rechten Lager eine Person war, die man nicht akzeptierte und mit der man keinen Kontakt haben wollte. Genau durch diese Situation ging Viktor Juschtschenko, als er Stepan Bandera den Titel Held der Ukraine verlieh. Und im Zusammenhang mit Juschtschenko und Poroschenko wurden Vorschläge vorgebracht, ihnen den Orden des Weißen Adlers abzuerkennen. Nur haben die Präsidenten das nicht getan. Aber solche gesellschaftlichen Initiativen gab es.

Chalyj. Und warum wurden sie ausgezeichnet? Erinnern Sie sich, wann Viktor Andrijowytsch Juschtschenko ausgezeichnet wurde?

Portnikov. Am Anfang, ihn zeichnete, glaube ich, Präsident Lech Kaczyński aus.

Chalyj. Wofür?

Portnikov. Für die Entwicklung der ukrainisch-polnischen Beziehungen und für die Suche nach Wegen der Versöhnung zwischen der Ukraine und Polen.

Chalyj. Zum Beispiel das Zentrum Polens.

Portnikov. Ja, natürlich, der Friedhof der Lemberger Adler und die Reise der Präsidenten nach Pawłokoma, all das gab es. Zugleich möchte ich noch einmal daran erinnern, dass es nie zu einer Bewertung bestimmter historischer Perioden, Personen und Handlungen kam, die gemeinsam gewesen wäre.

Chalyj. Weil es damals niemanden wie Karol Nawrocki in dieser Position gab. Umso mehr, ich betone noch einmal: Er sagte zunächst etwas anderes, obwohl er persönlich sehr tief in dieser Frage war, und jetzt hat er sich faktisch von diesen Worten losgesagt.

Portnikov. Karol Nawrocki ist keine Person, die von selbst auf der politischen Bühne Polens entstanden ist. Er ist ein Mensch, den die Hälfte des Elektorats unterstützt. 48 Prozent unterstützen ihn, 48 Prozent unterstützen ihn nicht. Und wir verstehen auch eine sehr wichtige Sache: Bei den nächsten Wahlen in Polen wird dieses politische Lager, das die Partei Recht und Gerechtigkeit repräsentiert, falls es an die Macht kommt, nicht ohne die Hilfe antiukrainischer ultrarechter Kräfte auskommen. Und damit werden sich die polnisch-ukrainischen Beziehungen noch weiter verschlechtern. Und wir können absolut klar davon ausgehen, dass Polen die Ukraine viele Jahre lang im Hinterhof der Europäischen Union halten wird, weil es dazu viel mehr Möglichkeiten hat als Ungarn oder die Slowakei.

Aber hier haben Sie in einem anderen Punkt völlig recht. Inwieweit sind wir fähig, in die Zukunft zu schauen? Dabei muss man sagen, dass die Mehrheit der Menschen in Polen, die einen solchen Ansatz Nawrockis unterstützt, diese Ideen, dass die Ukraine ein Schild für Polen sei, nicht unterstützt. Das geschieht synchron. Nicht nur die Frage der historischen Erinnerung trennt uns, sondern auch die Frage der Rolle der Ukraine. Diese Menschen sind absolut überzeugt, dass sich für Polen durch die Existenz oder Nichtexistenz der Ukraine auf der politischen Landkarte der Welt nichts ändern wird, weil Polen seine eigenen Bündnisse hat, die Vereinigten Staaten, die NATO, und die Ukraine einfach, ich würde sagen, den letzten Zug der Geschichte verpasst hat. Jetzt erringt sie entweder mithilfe des Westens und Polens ihre Freiheit oder sie erringt sie nicht und verschwindet. Also wird Polen, wie es neben der Sowjetunion existierte, auch weiter existieren. Genau darin liegt leider das Problem.

Chalyj. Ich denke, es ist noch tiefer. Offen gesagt scheint mir, dass, wenn man Szenarien entwirft, es so sein könnte, dass in Polen die Position wachsen wird, dass die Ukraine ernsthafte Konkurrenz in ihren Absichten schafft, der Europäischen Union beizutreten. Polen hat jetzt, sagen wir, eine negative Bilanz. Es ist Nettoempfänger von Hilfe aus Brüssel. Nach den Zahlen für 2024, soweit ich mich erinnere, 10 Milliarden Euro. Dabei gehört es zu den Empfängern, die am meisten bekommen. Bis heute, obwohl es bereits die zwanzigste Volkswirtschaft der Welt ist, das muss man anerkennen, sie sind aufgestiegen.

Aber ein interessanter Moment kommt. Einerseits entwickelte sich die Wirtschaft, andererseits entwickelte sie sich dank europäischer Unterstützung und Reformen, Reformen und finanzieller Unterstützung. Jetzt will Polen im Grunde nicht dasselbe für die Ukraine. Und wir werden leider noch erleben – ich kann das mit 90 Prozent Sicherheit sagen –, dass es Grenzblockaden geben wird und dass unser Beitritt zur Europäischen Union blockiert werden wird.

Portnikov. Ja, Nawrocki spricht ja offen darüber, dass dies „polnischer Landwirtschaft schaden werde“.

Chalyj. Ich glaube, dass wir eine Chance haben, und wir müssen dafür kämpfen, dass die Meinung in Polen dennoch konstruktiver wird, ungeachtet der Meinung zur Geschichte, der Blick auf das Schild ist unterschiedlich. Ich denke also, dass Ministerpräsident Tusk und ein Teil der Politik, sie haben wiederholt gesagt, dass sie unsere Zusammenarbeit im Verteidigungs- und Sicherheitsbereich schätzen. Das werden Ihnen auch Militärs sagen. Verteidigungsminister Kosiniak-Kamysz sagte, dass es dort sehr viel Zusammenarbeit gebe. Warum ich nicht möchte, dass die Militärs sich weiter mit diesen Fragen beschäftigen? Weil sie jetzt konkret in der Zusammenarbeit etwas zu tun haben, genauso wie die Diplomaten.

Portnikov. Das heißt, die Schlussfolgerung ist einfach: Wir müssen irgendwie jenen Teil der polnischen Gesellschaft und Politik unterstützen, der zu irgendeiner Verständigung mit der Ukraine neigt.

Chalyj. Ich denke, hier ist es schwierig, nicht in eine Einmischung in innere Angelegenheiten überzugehen.

Portnikov. Nein, ich meine durch unsere Haltung zu den polnisch-ukrainischen Beziehungen. Aber das wird nicht leicht sein, weil es wirklich sehr schwer ist, diese rote Linie nicht zu überschreiten, die die beiden polnischen Lager trennt. Außerdem muss man noch eine Sache verstehen. Diese Teilung in zwei Lager in der polnischen Gesellschaft ist seit 1920 zu beobachten. Das sind zwei unversöhnliche Lager. Das sind zwei Polen.

Chalyj. Sogar territorial sehen wir das bei der Abstimmung.

Portnikov. Heute gibt es eine territoriale Teilung, früher war es eine andere, weil Polen in anderen Grenzen existierte. Aber es gab trotzdem zwei Lager. Und ich denke die ganze Zeit darüber nach, wie gefährlich das für Ukrainer ist. Verstehen Sie, wenn du so enge Beziehungen zu einem Lager hast und das andere beginnt, im politischen Leben die Oberhand zu gewinnen, sieht es in dir nicht einfach ein anderes Land, sondern den Verbündeten des anderen Lagers. Genau das haben übrigens vor dem Zweiten Weltkrieg die polnischen Juden durchgemacht. Sie waren Verbündete des linken und zentristischen Lagers. Und es ist klar, warum. Weil das rechte Lager sie in Polen einfach nicht sah. Und das rechte Lager meinte, dass dies nicht einfach Bürger Polens mit eigenen Ansichten seien, sondern einfach die Basis des linken Lagers. Also müsse man sie irgendwie entweder loswerden oder ihnen Bürgerrechte entziehen oder sie nach Madagaskar schicken, irgendetwas müsse man mit ihnen machen. Und das ist ein gefährlicher Moment. Aber das war eine innere Situation. Eine innere übrigens nicht nur für die jüdische, sondern auch für die damalige ukrainische Bevölkerung Polens. Und diese ukrainische Bevölkerung hatte dort ihre politische Kraft im Sejm, die UNDO, und wurde vom rechten Lager ebenfalls nicht akzeptiert.

Und jetzt ist das ein seltsamer Moment, in dem es einerseits ein äußerer ukrainischer Moment ist, andererseits stellen Sie sich vor, was beginnt, wenn eine große Zahl von Ukrainern, die heute in Polen leben, die polnische Staatsbürgerschaft zu erhalten beginnt. Sie werden zu einer realen politischen Kraft, und man wird uns immer verdächtigen, dass wir diese politische Kraft für das zentristische und linke Lager nutzen wollen.

Chalyj. Offensichtlich. Und leider, leider ist sichtbar, dass dieser Prozess weitergehen und auch die Haltung gegenüber Ukrainern betreffen wird. Und ich freue mich sehr, dass jetzt die Gruppe „Warme Kleidung“, glaube ich, die Initiative geäußert hat, nicht nur den Präsidenten der Ukraine Zelensky mit einem Orden auszuzeichnen, nun, symbolisch, mit einem Volksorden. Eine Gruppe von Polen eher liberaler Ausrichtung. Und ich fürchte hier, dass auch das als politischer Schritt wahrgenommen wird, verstehen Sie? Das heißt, hier ist es sehr schwer zu trennen, wo politische Vorlieben sind und wo andere Dinge.

Deshalb möchte ich Sie zum Abschluss der Diskussion über Polen fragen. Meine Position ist, dass man Wege suchen muss, die Agenda jetzt möglichst schnell zu ersetzen, dieses Gespräch herunterzufahren, weil wir historisch dieses Treffen der Historiker im Mai hatten. Die Historiker setzten sich normal hin, sprachen, tauschten Meinungen aus, auch zu Wolhynien, und dann trat Nawrocki auf, Herr Nawrocki sagte etwas von 100.000, was weder den polnischen noch den ukrainischen Schätzungen entspricht. Also gibt es jetzt keine Antwort in historischen Diskussionen. Ich stimme Ihnen zu.

Denn wir können sie ja nicht vermeiden, aber wir können sie zumindest irgendwo unter Historikern fokussieren. Weiter. Aber die Frage der Sicherheit, die Frage des gemeinsamen Feindes Russland, wobei jetzt Zehntausende russische Bots in die polnischen Netzwerke gegangen sind, Skolkowo produziert Memes nur so. Und die Ukraine leider auch. Ich muss sagen, dass auch ein Teil dieser Memes … das alles geht schon nicht mehr um bilaterale Beziehungen, sondern um „Vereinen wir uns um den Präsidenten“. Nun, ich sage noch einmal, man muss sich im Widerstand gegen Russland vereinen, und man muss mehr Unterstützung für den Widerstand gegen Russland in Polen haben. Doch die Prioritäten ändern, die Agenda Sicherheit, Verteidigung und welche anderen Fragen setzen, die real …

Portnikov. Verstehen Sie, wir können die Tagesordnung trotzdem nicht ändern, solange die Frage der historischen Erinnerung in Polen die Tagesordnung ist. Auch das ist bis zu einem gewissen Grad eine Illusion. Wir werden mit einem Teil des polnischen politischen Establishments immer eine gemeinsame Sprache finden, mit den Zentristen und Linken, nun, mit den Linken bis zu einem gewissen Grad auch nicht mit allen, weil ich unter Linken linke Liberale meine. Und es gibt Linke wie Leszek Miller, der einfach auf russischen Positionen steht und nach Waldai fährt. Das sind ja auch Linke.

Chalyj. Er schlägt vor, dass die Ukraine MiGs und Panzer zurückgeben soll.

Portnikov. Genau. Ich meine also gerade Menschen westlicher Orientierung. Mit ihnen werden wir immer eine gemeinsame Sprache zur Änderung der Tagesordnung finden.

Chalyj. Eine Frage der Priorität.

Portnikov. Nein, darum geht es nicht. Man kann Prioritäten beliebig festlegen. Darum geht es mir überhaupt nicht, hier ist ohnehin alles klar. Sowohl Donald Tusk als auch Radosław Sikorski, Paweł Kowal und andere Politiker dieses zentristischen Lagers sind absolut Ihre Gleichgesinnten, und sie werden mit Ihnen die Frage der Prioritäten finden. Das ist der falsche Ansatz. Denn wir müssen Verbündete im rechten Lager suchen.

Unser großer politischer Fehler besteht nicht darin, dass wir die Tagesordnung ändern wollen, denn mit dem Lager Tusk, Sikorski, Bronisław Komorowski, wem auch immer, ist es für uns leicht, die Tagesordnung zu ändern. Und sie selbst wollen die Fragen der historischen Erinnerung nicht in den Mittelpunkt stellen und wollten das nie.

Was tun mit dem entgegengesetzten Lager? Das ist doch unser Hauptproblem. Nicht, wer jetzt in der Regierung Polens ist, verstehen Sie?

Chalyj. Ich verstehe vollkommen. Wenn es so, Gott bewahre, für Polen geschehen würde, dass die Russen ihre Grenze angreifen, dann versichere ich Ihnen, dass sich die Position auch dieser Rechten sehr schnell ändern würde.

Portnikov. Also müssen wir Verbündete im rechten Lager suchen. Nicht aus Sicht der Frage der Politik der historischen Erinnerung, sondern aus Sicht des gemeinsamen Interesses an Sicherheit. Ich möchte Sie daran erinnern, dass, als die Ukraine 2022 angegriffen wurde, in Polen überhaupt eine rechte Regierung und ein rechter Präsident an der Macht waren. Andrzej Duda war Präsident, das ist ein Präsident von Recht und Gerechtigkeit. Und Mateusz Morawiecki war Ministerpräsident. Diese Menschen waren so ernsthafte Verteidiger der Ukraine, dass Mateusz Morawiecki auf der Konferenz ultrarechter Kräfte in Madrid für die Ukraine eintrat, als alle anderen, die sich dort versammelt hatten, sich im Grunde an Moskau orientierten. Also stellt sich die Frage: Haben wir Verbündete im rechten Lager unter Politikern, gesellschaftlichen Akteuren, Journalisten? Stellen Sie sich vor, wir haben sie.

Chalyj. Ich erinnere nur daran, dass der Verteidigungsplan Polens damals, dafür wurden dort hochrangige Beamte, Generäle entlassen, so war, dass man zuerst russische Truppen nach der Einnahme der Ukraine tief nach Polen hineinlässt und dann versucht …

Portnikov. Nein, das ist ebenfalls Mythologie, die die polnischen Rechten erfunden haben.

Chalyj. Aber aus irgendeinem Grund wurden reale Generäle entlassen.

Portnikov. Um dann sozusagen die politischen Perspektiven Donald Tusks infrage zu stellen. Das war ein NATO-Plan. Dass Polen russische Truppen hineinlassen soll, bis die Hauptteile der NATO eintreffen. Aber das war ein Blick auf den Krieg der Vergangenheit, der schon damals nicht mehr aktuell war. Er wurde erstellt, als niemand sich vorstellen konnte, wie die Ereignisse sich entwickeln würden. Aber darum geht es nicht.

Es geht um etwas anderes: Mir fällt es nicht schwer, mit jenen Menschen eine gemeinsame Sprache zu finden, mit denen ich in Polen seit Jahrzehnten gleichgesinnt bin. Verstehen Sie, das ist überhaupt kein Problem. Sie stellen uns Aufgaben, die längst gelöst sind. Mit den polnischen Liberalen, den polnischen Zentristen, den polnischen linken Liberalen haben wir ein vollständiges Verständnis, dass die Politik der historischen Erinnerung den Historikern überlassen bleibt. Wir können meinen, dass ihr Fehler macht. Aber danach lösen wir die Hauptfragen: Sicherheit, Wirtschaft, Entwicklung der bilateralen Beziehungen. Ich möchte Sie aber fragen.

Chalyj. Nicht ganz so. Ich denke, dass auf diesen Fragen spekuliert wurde, auch von den Menschen, die Sie damals genannt haben. Ich habe schon erwähnt, dass sie darin eine electorale Ressource sahen. Und das war bei den Wahlen. Kaczyński

Portnikov. Ja, Kaczyński, das sind ja die polnischen Rechten. Sie hören mir nicht zu.

Chalyj. Nein, die Rechten sind unterschiedlich. Ich verbinde Kaczyński jetzt nicht mit Nawrocki.

Portnikov. Warum verbinden Sie sie nicht? Nawrocki wurde dank Kaczyński Präsident.

Chalyj. Ich verbinde sie nicht, weil mir scheint, dass in dieser Zeit noch rechtere, radikalere Gruppen entstanden sind, die den Moment schnell ergriffen haben. Sie haben ja im Prinzip diese Briefe in den Sejm eingebracht. Wer hat sie eingebracht? Prorussische …

Portnikov. Natürlich, aber in jedem Fall ist Karol Nawrocki der Präsident der Partei Recht und Gerechtigkeit. Sie hat ihn für das Präsidentenamt nominiert. Jarosław Kaczyński hat alles getan, damit er Präsident Polens wird. Ohne Kaczyński gäbe es Nawrocki nicht und umgekehrt. Also, ich wiederhole noch einmal.

Chalyj. Ich stimme natürlich zu, aber wir schauen doch in die Zukunft. Und mit welchen Rechten wollen Sie in Zukunft konstruktiver sprechen?

Portnikov. Ich sage noch einmal: Wir müssen Verbündete unter den polnischen Rechten suchen, unter allen polnischen Rechten, die eine antirussische Position vertreten und bereit sind zu suchen …

Chalyj. Die eine antirussische Position vertreten, denn es gibt solche, die sie nicht vertreten.

Portnikov. Ein Mensch, der eine antirussische Position vertritt, kann heute Jarosław Kaczyński sein, morgen vielleicht jemand wie Sławomir Mentzen. Wir wissen nicht, wie sich das entwickeln wird. Aber das Wichtigste ist etwas anderes. Wir sprechen jetzt nicht über Personen, nicht einmal über politische Parteien. Wir sprechen darüber, dass wir die ganze Zeit, auch ich, die Einstellung haben, dass wir Beziehungen zum liberalen und linken Lager aufbauen, vor allem zum liberalen und zentristischen, weil das linke Lager, sagen wir, für mich persönlich weit entfernt ist, und dort ist alles in Ordnung, alle verstehen alles, wir sind alle Freunde und wir haben praktisch einen gemeinsamen zivilisatorischen Raum. Die polnischen Rechten aber bleiben … Nun, wir müssen sie aussitzen, verstehen Sie – so wie Putin Trump aussitzt. Aber wir können das nicht.

Wir müssen Beziehungen zu ganz Polen haben, sogar zu jenen, die die ukrainische historische Erinnerung nicht akzeptieren. Denn sonst können wir beide Länder verlieren. Also müssen wir Verständigung mit Jarosław Kaczyński suchen. Wir müssen Verständigung mit Mateusz Morawiecki suchen. Wir müssen Verständnis mit verschiedenen Politikern von Recht und Gerechtigkeit suchen, die mit der Ukraine zu tun haben wollen. Wir müssen jene rechten Politiker in ihrem eigenen Lager isolieren, die das nicht wollen. Und mit all dem beschäftigen wir uns nicht. Ich sage Ihnen noch mehr, instrumentell. Sie haben heute zwei Botschafter in Polen erwähnt.

Chalyj. Nun, mehr den amtierenden Botschafter Wasyl Bondar, der einer der besten ukrainischen Botschafter ist.

Portnikov. Und der vorherige Botschafter war Herr Zwarytsch.

Chalyj. Ja, Wasyl Zwarytsch, der jetzt Botschafter in Tschechien ist.

Portnikov. Und wann haben wir den Botschafter gewechselt?

Chalyj. Vor kurzem.

Portnikov. Als die Regierung in Polen wechselte, weil Herr Wasyl Zwarytsch reale Kontakte zum Regierungslager hatte, und wir entschieden also, dass wir einen Botschafter haben werden, der Beziehungen sozusagen von einem weißen Blatt aufbauen wird, wie das oft vorkommt.

Chalyj. Nun, und jetzt haben wir unserem Botschafter die Möglichkeit genommen, mit beiden Lagern zu arbeiten.

Portnikov. Nun, es ist unbekannt, ob wir sie ihm genommen haben.

Chalyj. Es ist bekannt. Ich sage Ihnen jetzt: Wir haben sie ihm genommen, weil er nach einer solchen Demarche als Botschafter … Botschafter können nicht. Das ist keine weise Entscheidung. Präsidenten müssen Botschafter aus der Schusslinie nehmen, denn ihre Aufgabe ist danach eine ganz andere.

Portnikov. Damit bin ich professionell absolut einverstanden. Aber darum geht es mir nicht. Ich sage, dass die Einstellung selbst … Das Außenministerium weiß natürlich besser, wo Herr Wasyl Zwarytsch besser ist, in Warschau oder in Prag, und wo Herr Wasyl Bondar besser ist, in Ankara oder in Warschau. Das ist einfach ein Austausch. Aber ich bin der Meinung, dass wir trotzdem einen Botschafter brauchten, der bereits Kontakte zum rechten Lager hatte. Denn ein Botschafter in Polen, der Kontakte zum zentristischen Lager knüpft, ist keine große Kunst. Die wollen ohnehin mit ihm sprechen. Aber ein Botschafter, der Kontakte zum rechten Lager hat, das ist wirkliche Kunst. Denn das sind Menschen, die nicht besonders gern Beziehungen zu Ihnen unterhalten wollen.

Chalyj. Kunst ist, wenn es einen professionellen Diplomaten gibt, und unabhängig von seinen früheren Verbindungen ist er offen für die Zusammenarbeit mit allen Lagern. Denn es gibt keine solchen Fälle, ich weiß, einen solchen Ansatz gibt es in einigen Ländern. Und in letzter Zeit, deshalb habe ich mich daran festgebissen, gab es solche Gespräche zum Beispiel bevor entschieden wurde, wer Botschafter in Washington wird.

Jedes Mal diese Argumente. Es gibt Länder, besonders die wichtigsten, Nachbarn, wo man nicht so sehr über seine persönliche Erfahrung der Kommunikation sprechen muss, sondern über seine professionellen Fähigkeiten und das Vertrauen des Präsidenten und anderer hoher Beamter, eine solche Rolle zu spielen, nicht die, die in Kyiv ist. Es ist ein Fehler, dass die Position in Kyiv und die Position vor Ort unterschiedlich sein sollen. Die Botschaft – ich habe Ihnen das Zitat der polnischen Botschaft vorgetragen – sie hat es richtig gemacht. Ich möchte einfach den Hut ziehen. Und der frühere Botschafter Cichocki, ein sehr guter Mensch, den ich respektiere, hat es anders gemacht. Er nahm den ukrainischen Orden und sagte: „Ich gebe ihn zurück.“ Ja, das blieb unbemerkt. Aber ich sagte sofort: Das ist nicht der Weg, absolut nicht der Weg.

Portnikov. Aber wie Sie gesehen haben, wurde es dieser Weg.

Chalyj. Ich akzeptiere ihn, wie Sie verstanden haben, unter Politikern, nicht in der Diplomatie.

Portnikov. Nun, vielleicht betrachtet Bartosz sich als Politiker. Auch als er Botschafter Polens in der Ukraine war, betrachtete er sich als Politiker und nicht als Diplomaten und verhielt sich wie ein Politiker, nicht wie ein Diplomat.

Chalyj. Seine Wahrnehmung. Aber was den Ansatz bei Botschaftern betrifft, haben Sie recht. Vielleicht war es so. Diese Ernennung, diese Wechsel. Nun, ich sage sogar mehr. Sie haben recht, es war so. Aber zu sagen, dass dies die richtige Art von Ernennungen in Polen ist, wäre meiner Meinung nach falsch.

Portnikov. Also ist das die Antwort auf Ihre Frage. Die Frage ist nicht, wie wir die Tagesordnung ändern. Die Frage ist, mit wem wir sie ändern. Wir müssen sie mit allen politischen Kräften Polens ändern.

Chalyj. Mit allen.

Portnikov. Außer mit jenen, die offen antiukrainische Positionen vertreten. Recht und Gerechtigkeit vertritt keine offen antiukrainischen Positionen. Wenn wir die Opposition ignorieren und versuchen, Beziehungen nur zum Regierungslager aufzubauen, solange dieses – wie jetzt – zur Zusammenarbeit mit uns bereit ist, werden wir später mit den Folgen konfrontiert werden.

Chalyj. Sie haben gerade den richtigen, universellen Weg für das wichtigste Land genannt. Wir sprechen nicht situativ, sondern strategisch, wie auch in Amerika. Dasselbe. Man muss mit allen zusammenarbeiten.

Portnikov. Deshalb ist die Frage nicht, ob Volodymyr Zelensky nach Danzig fährt oder nicht. Die Frage ist eine andere: Trifft er sich mit Jarosław Kaczyński? Verstehen Sie?

Chalyj. Nun, wenn Sie irgendwo nicht hinfahren, treffen Sie sich nicht.

Portnikov. Nun, mit Jarosław Kaczyński kann man sich auch in Kyiv treffen und eine Delegation der polnischen Opposition nach Kyiv einladen. All das geschieht nicht.

Chalyj. Ich sage noch ketzerischere Dinge. Sogar mit Karol Nawrocki kann man es versuchen.

Portnikov. Der Präsident hat sich mit dem Präsidenten Polens getroffen, mir scheint, ein solches Treffen gab es schon.

Chalyj. Es gab ein Treffen damals, er schenkte ein Buch über Wolhynien, aber gestern sagte der Präsident einige Dinge, auf die in der Kanzlei schon reagiert wurde. Sehen Sie, hier gibt es, seien wir ehrlich, solche Dinge. Es war nicht nur für uns alle kränkend, sondern auch für Präsident Volodymyr Zelensky persönlich war es kränkend. Deshalb zeigen seine jetzigen Aussagen über Fürsten, Zaren, Karol, verstehen Sie, seine Haltung, was völlig verständlich ist.

Portnikov. Das ist überhaupt der Stil des Präsidenten.

Chalyj. Aber es gibt staatliche Interessen, es gibt einen eigens geschaffenen Konsultativrat der Präsidenten beider Länder, der sich übrigens sehr lange nicht getroffen hat. Ich halte das für einen Fehler. Erst vor kurzem wurde er von unserer Seite vom neuen Leiter Serhij Kyslyzja übernommen. Davor war es gerade Ihor Schowkwa, der jetzt keine Ruhe mehr hineinbringen kann.

Portnikov. Herr Kyslyzja hat ebenfalls auf den Orden verzichtet. Sie haben alle verzichtet.

Chalyj. Serhij Kyslyzja?

Portnikov. Ja, er hat verzichtet. Ich habe diese Meldung gesehen. Sie haben sie einfach verpasst.

Chalyj. Ich habe heute Tschernenko nicht verpasst.

Portnikov. Jetzt wird es in den sozialen Netzwerken viele verschiedene Menschen geben.

Chalyj. Wie hat er dort geschrieben? „Ich habe die Ehre.“

Portnikov. Aber wissen Sie, was interessant ist? Haben Sie diese Erklärung der Kanzlei von Präsident Nawrocki gelesen?

Chalyj. Ich habe sie gelesen, natürlich. Und seinen Auftritt habe ich gesehen.

Portnikov. Nein, ich meine die heutige letzte.

Chalyj. Ich habe nur die Erklärung des Büros gesehen, inhaltlich, gelesen habe ich sie nicht.

Portnikov. Sehen Sie, sie haben auf die Worte von Präsident Zelensky reagiert, der Schröder, Katharina II. erwähnte. Und sie sagen eine ziemlich einfache Sache: „Wir haben Schröder den Orden nicht aberkannt, obwohl er prorussische Positionen vertritt, weil er keine deutschen Militäreinheiten nach SS-Einheiten benannt hat.“

Chalyj. Das ist eine noch schlimmere Beleidigung, das Schwungrad wird weitergedreht, hochgedreht.

Portnikov. Präsident Zelensky hat ja keine ukrainischen Militäreinheiten nach irgendwelchen SS-Einheiten benannt. Das heißt, Mitarbeiter der Administration des Präsidenten Polens vergleichen die Ukrainische Aufstandsarmee mit einer SS-Einheit. Also suchen sie, statt die Eskalation irgendwie zu verringern, noch, ich würde sagen, höhere Töne in dieser historischen Erinnerung.

Chalyj. Deshalb gibt es hier keinen Ausweg. Es wird sich weiterdrehen. Dann werden die Ukrainer erklären, dass 375.000 Polen in der Wehrmacht gedient haben. Und dann geht alles los. Deshalb, um einen Strich darunter zu ziehen, denn wir wollen historische … nun, ich wollte es vermeiden, aber es geht trotzdem auf irgendwelche Fakten über, die meiner Meinung nach nirgends verschwinden werden. Das wird in der Gesellschaft diskutiert werden. Aber was man nicht zulassen darf, das ist meine Meinung, und ich sehe Mechanismen, die dennoch, nicht sofort, aber das tun würden, was Sie sagen.

Jetzt muss man Signale geben, dass wir bereit sind, all diese, nicht historischen Fragen, sondern verschiedene Fragen mit allen Parteien des politischen Spektrums zu besprechen. Ich denke, in diesem Fall ist die Spezifik Polens, dass es eine parlamentarisch-präsidentielle Republik ist, dass es einen Ministerpräsidenten gibt, dass es einen Präsidenten gibt und dass der Präsident will, dass seine Partei die führende Position einnimmt. Das bedeutet, dass wir mit Polen so umgehen müssen, wie es ist. Es ist unser Nachbar.

Ich meine, wir müssen einfach alles tun, damit sich kein Konflikt zwischen den Völkern hochschaukelt. Denn von solchen Erklärungen und Handlungen bis zum Hochdrehen gegenseitiger Beleidigungen ist es tatsächlich nur ein sehr kleiner Schritt. Zwei, drei Schritte, nicht mehr. Und das beunruhigt mich sehr, weil man das ausnutzt.

Unser Hauptproblem jetzt, zu dem ich schon übergehen möchte, ist existenziell. Es ist der Krieg. Es ist der russische Versuch, die Ukraine in der Form, in der sie existiert, im Grunde zu vernichten. Und in dieser Hinsicht bin ich vielleicht nicht so optimistisch wie unsere Regierung. Ich glaube nicht, dass die Eröffnung eines Clusters oder einer Gruppe von Kapiteln der Verhandlungsposition zur EU-Mitgliedschaft bereits den Weg zeigt, auch nicht irgendwelche Jahre dieses Weges. Denn die Schlüsselposition, die nach der Erfüllung aller Bedingungen der europäischen Reformen kommt, ist die Entscheidung jedes einzelnen Landes. Und offensichtlich wird es in Polen den Versuch geben, all diese historischen Dinge zu nutzen, um unsere europäische Integration zu bremsen, sagen wir, zu stoppen.

Portnikov. Polen kann sogar einen landwirtschaftlichen Dialog mit uns fünf Jahre lang führen.

Chalyj. Kann es. Aber das wollte Frankreich seinerzeit tun, was mich damals überraschte, doch die Franzosen fürchteten, dass französische Bauern wegen polnischen Rindfleischs verdrängt würden. Und das war nicht weniger hart, als wir es heute mit Polen erleben werden. Deshalb kann man diese Fragen überwinden. Das dauert natürlich längere Zeit. Nun, so wie ich meine, dass diese Frage für uns vor den 30er-Jahren noch nicht aktuell sein wird. Die Dreißiger, ich möchte keine Zahlen nennen, aber ich spreche über die Haushaltsperiode 28–34, sagen wir so. Vielleicht auch später. Das ist optimistisch gesehen, optimistisch und realistisch, sagen wir, ein Realist ist ein gut informierter Optimist, sagen wir so.

Deshalb sollen Politiker natürlich das Ihre tun, sie müssen manchmal wünschenswertere Fristen nennen, alles. Aber wir können das kommentieren, dass es so ist. Und leider sehe ich selbst bis dahin keine ernsthaften Faktoren, die die Probleme historischer Bewertungen zwischen den beiden Ländern verändern würden. Trotzdem haben wir verstanden, ich ziehe die Schlussfolgerung, dass man mit allen Kräften in Polen sprechen muss, natürlich nicht zulassen, antworten geben, vielleicht harte, aber es nicht systemisch tun. Ich meine, Minister Sybiha hat hier keine Wahl in Bezug auf die Position, denn er ist Politiker auf dieser Position. Aber zu erklären, man müsse auf jeden Schritt Polens spiegelbildlich antworten, ist meiner Meinung nach nicht die beste Strategie. Manchmal ist es so, dass man noch härter antworten muss, manchmal ausweichen, manchmal asymmetrisch antworten und so weiter. Also eine Strategie, die auf Auge um Auge, Zahn um Zahn aufgebaut ist, ist keine Strategie des 21. Jahrhunderts. Hier muss das Spiel viel komplizierter sein. Lassen Sie uns einen Strich darunter ziehen, wenn Sie zu dieser Situation noch etwas sagen möchten.

Portnikov. Sie wird weiter andauern, unabhängig davon, was in Danzig passieren wird. Ich sage es noch einmal.

Chalyj. Aber wenn es dennoch eine Möglichkeit gibt, eine weitere Eskalation zu vermeiden, scheint mir, dass auch wir in der Ukraine – ich meine diejenigen, die nicht Präsident sind; vielleicht sieht der Präsident mehr – daran denken sollten. Denn ich glaube, für unsere Völker ist das eine gefährliche Entwicklung. Umso mehr, unser Zentrum als gesellschaftliche Organisation, wir haben verschiedene Beziehungen und Diskussionen mit verschiedenen, sagen wir, Spektren von Kommentatoren, Experten, Journalisten. Wir werden diese Arbeit auf unserer Ebene fortsetzen. Nun, ich wünsche es sehr. Das Ideal wäre, ich denke, es ist unrealistisch, aber dennoch, dass wir hier stehenbleiben, und im Idealfall, dass diese Entscheidung über die Rückgabe des Ordens überhaupt nicht in Kraft tritt.

Portnikov. Das ist absolut unklar, ob sie durch ist oder nicht.

Chalyj. Aber es spielt eine Rolle, ich sage Ihnen, einer der Prognosen, sie kann sehr riskant sein: Früher oder später wird dieser Orden Volodymyr Zelensky zurückgegeben werden. Er wird früher oder später zurückgegeben werden. Gemeint ist nicht die unmittelbare Perspektive, aber es wird geschehen. Nun zur Hauptsituation.

Der Hauptmoment. Ich möchte mich nicht wiederholen, und wir haben viel von Ihnen gehört, was Sie in Ihren Sendungen sagen, und Sie reagieren ständig auf konkrete Situationen. Wenn man, nun, nicht strategisch, ich würde sagen, sondern doch in eine etwas weitere Perspektive blickt, möchte ich über Russland sprechen, über den Feind, weil wir unsere Momente besser verstehen als den Feind. Was meinen Sie: Gibt es Gründe zu sagen, dass die kommenden Monate für Russland Monate der Entscheidung darüber sein werden, wie es weitergeht? Oder halten wir in Wirklichkeit nur Wunschdenken für Realität, und in Russland kann es eine solche Wahl zwischen verschiedenen Handlungsoptionen schlicht nicht geben?

Portnikov. Ich denke, das wird von der wirtschaftlichen Situation abhängen. Wenn sie sehen, dass sie mit der wirtschaftlichen Situation trotz ihrer Krisenmomente zurechtkommen können, werden sie handeln, wie sie gehandelt haben. Sie sind ein sehr träges System. Es geht nicht einmal um Putin. Und dann übertreiben wir sehr oft, scheint mir, die Haltung der russischen Führung zu den Problemen der eigenen Bürger.

Die eigenen Bürger beginnen erst dann zu beunruhigen,     wenn sie protestieren und ihr Protest sich nicht mehr unterdrücken lässt. Das ist eine Regel des russischen Lebens. Erinnern Sie sich an Pikaljowo, als Menschen hinausgingen, eine föderale Fernstraße blockierten und mit den Handlungen des damaligen Eigentümers des stadtbildenden Unternehmens, Oleg Deripaska, nicht einverstanden waren. Putin kam selbst, sprach mit ihnen, stellte irgendeine Ordnung her, weil sie protestierten.

Chalyj. Nun, ich erinnere mich, als niemand die Probleme Wladiwostoks lösen konnte, nachdem die zollfreie Einfuhr gebrauchter japanischer Autos, mit denen die Taxifahrer in Wladiwostok fuhren, abgeschafft worden war.elSie versammelten sich auf den zentralen Straßen, an der Kreuzung standen etwa 500 Autos. Und nachdem gepanzerte Mannschaftstransporter kamen, um sie zu vertreiben, kamen noch mehr Autos, und Moskau machte einen Rückzieher. Dann im Norden, erinnern Sie sich, als arbeitslose Jugendliche … also Panzerkreuzer Potemkin.

Portnikov. Das ist die Antwort auf die Frage. Wenn die Russen revoltieren, werden sie die Politik korrigieren. Wenn sie nicht revoltieren, sondern einfach sagen: „Oh, bei uns gibt es an den Tankstellen keinen Treibstoff. Oh, man muss aus der Krim ausreisen.“ „Nun, reist eben aus. Die Rettung der Ertrinkenden ist die Sache der Ertrinkenden selbst. Wir kämpfen einfach. Wir haben keine Zeit für euch. Wir retten euch vor einer noch größeren Gefahr.“

Chalyj. Nun gut, also Aufstand, aber wie groß wird die Möglichkeit sein? Nach Ihren Worten habe ich verstanden, dass es hier keinen Aufstand …

Portnikov. Ich weiß es nicht. Wir können russische gesellschaftliche Stimmungen niemals vollständig vorhersagen. Wie man im Februar 1917 nicht vorhersagen konnte, wie auch im Oktober 1917 nicht. Wer hätte übrigens vorhersagen können …

Chalyj. Die Wagner-Leute, die nach Moskau marschieren.

Portnikov. Die Wagner-Leute oder August 1991. Waren das alles vorhersehbare Handlungen? Haben wir gesagt: „Wissen Sie, wenn es irgendeinen Versuch der Restauration in der Sowjetunion geben wird, werden die Menschen massenhaft auf die Straße gehen?“ So war es nicht. Mit den Russen ist es schwieriger, verstehen Sie? Weil es leichter ist, die Situation mit einer politisch aktiven Gesellschaft vorherzusagen.

Chalyj. Und die Spitze, diese Kremltürme, nun, das ist vereinfacht.

Portnikov. Mir scheint, dass es bei den Kremltürmen einen Konsens über die Notwendigkeit gibt, den Staat in den Grenzen von 1991 wiederherzustellen. Dort gibt es gerade keinerlei Meinungsverschiedenheiten. Es geht nur um die Instrumente. Also, jemand kann meinen, dass man dafür eine Atombombe einsetzen muss. Jemand kann meinen, dass man dafür die Wirtschaft …

Chalyj. Sie meinen die Sowjetunion.

Portnikov. Die Sowjetunion.

Chalyj. Also sprechen wir über die baltischen Länder.

Portnikov. Ich weiß nicht, inwieweit die baltischen Länder jetzt in diesen Kreis gehören, inwieweit sie bereit sind zu einem Konflikt mit der NATO. Wenn sie bereit sind, dann …

Chalyj. Aber Kasachstan gehört dazu.

Portnikov. Kasachstan gehört dazu. Nein, wir kennen ja die Konfiguration. Russland, Ukraine und Belarus sind ein Territorium, weil es das ukrainische und belarussische Volk nicht gibt. Also werden die Ukraine und Belarus als Gebiete angeschlossen. Ein Teil Kasachstans wird als Gebiete angeschlossen, und alle anderen ehemaligen Sowjetrepubliken werden zu Autonomien innerhalb der Russischen Föderation. Der stalinistische Ansatz. Das ist es, was sie am Ende erreichen wollen. Deshalb ist die Ukraine eine notwendige Bedingung, weil sie dann an die Grenzen Mitteleuropas gelangen und zu einem geopolitischen Akteur werden. Und hier ist der Konsens vollständig.

Also, ich sage noch einmal: Es gibt einfach Menschen, die meinen, dass man das durch Krieg tun muss, sogar durch Atomkrieg, und es gibt Menschen, die meinen, dass man das durch wirtschaftlichen Druck erreichen kann. Aber dass man das tun muss und dass Russland ohne dies nicht existieren wird, daran hat dort niemand auch nur irgendwelche Zweifel, weil es ein expansionistisches Land, eine expansionistische Zivilisation ist, ich erinnere die ganze Zeit daran, seit den Zeiten Iwan Kalitas.

Chalyj. Nun gut, ist das ein Imperium?

Portnikov. Nein, das ist nicht einmal ein Imperium, das ist eine expansionistische Zivilisation. Ein Imperium ist etwas anderes.

Chalyj. Und das ist die Sowjetunion.

Portnikov. Eine expansionistische Zivilisation.

Chalyj. Das ist kein Imperium?

Portnikov. Eine expansionistische Zivilisation. Sie haben sich die ganze Zeit ausgedehnt.

Chalyj. Nun, das Prinzip eines Imperiums ist ebenfalls, sich auszudehnen.

Portnikov. Ein Imperium kann irgendwo anhalten und sich im Rahmen der erzielten Ergebnisse entwickeln. Wenn Russland anhält, beginnt es zu degradieren.

Chalyj. Nun, das zeigte die Geschichte vieler Imperien. Ich kann den Unterschied zu Ihrer Definition nicht finden.

Portnikov. Das heißt, Sie meinen, dass jedes Imperium eine expansionistische Zivilisation ist und nicht anhalten kann?

Chalyj. Ich sehe es historisch so, dass alle Imperien versucht haben, ihre Grenzen zu erweitern, bis zu dem Moment, als historische Ereignisse so lagen, dass es ihnen einfach … Nein, Großbritannien zog sich aus dem Nahen Osten und aus Indien zurück, als man noch etwas hätte tun können, aber die wirtschaftlichen Folgen, diese Kolonie zu tragen, waren schon sehr schwierig.

Portnikov. Nun, ich sage Ihnen, worin der Unterschied liegen kann.

Chalyj. Sie können die Krim wirtschaftlich vielleicht nicht tragen.

Portnikov. Jedes Imperium denkt vor allem an seine Ressourcenbasis. Russland denkt an Expansion, weil die Ressourcenbasis für es nicht zwingend ist. Welche Ressourcenbasis hatte die Sowjetunion in Afghanistan, Angola, Mosambik und Kuba?

Chalyj. Ja, ein Imperium wählt manchmal aus, wohin es sich ausdehnt.

Portnikov. Ich denke, dass im russischen Fall die Idee der Expansion einfach wichtiger ist als die Idee der Ressourcenbasis. Deshalb sagen die Russen übrigens die ganze Zeit: „Warum sind wir denn ein so seltsames Imperium, wenn wir unsere Ressourcen an die eroberten Gebiete weitergeben?“ Nun, weil ihr kein Imperium seid. Ein Imperium nimmt tatsächlich, in der Regel plündert es alle eroberten Gebiete, und dann gehen irgendwelche Waren in die Häfen von Lissabon und Madrid. Russland plünderte einerseits natürlich, gab andererseits aber immer auch eigene Ressourcen ab.

Chalyj. Nun, in alten Zeiten gab es auch so etwas. Einigen Gebieten, die Widerstand leisteten, aber sich mit Vasallität einverstanden erklärten, gab man Geld, indem man es anderen wegnahm, die man erobert hatte. Auch das gab es. Aber Sie haben einen interessanten Punkt angesprochen: Itschkerien, heute Tschetschenien, erhält vollständig Subventionen und wird faktisch über Moskau aus den Einnahmen Tatarstans finanziert.

Portnikov. Nicht nur Itschkerien, überhaupt ganz Russland, es gibt sieben Geberregionen.

Chalyj. Sacha-Jakutien ist Geber, Tatarstan ist Geber, Baschkortostan ist Geber.

Portnikov. Moskau.

Chalyj. Moskau, klar. Und im Wesentlichen ist ganz Russland überwiegend Empfänger. Logisch ist, dass sie durch zwei Dinge zusammengehalten werden, nun, vielleicht drei. Erstens dennoch durch eine billigere Sicherheit, seien wir ehrlich, viele dieser Menschen sind solche Russifizierten geworden. Sie sprechen über eine gemeinsame Würde und „unsere“ Errungenschaften. Übrigens ist es sehr lustig, wenn Menschen, die keinerlei Beziehung zu Moskau haben, manchmal all diese Ereignisse erwähnen, aber es existiert trotzdem, und das ist objektiv.

Portnikov. Interessant ist aber etwas anderes: Die besetzten ukrainischen Gebiete erhalten Hilfe. Sie sind ja auch keine Geber, für sie wird ebenfalls Geld ausgegeben. Dann stellt sich ebenfalls die Frage, wozu ihr sie erobert, wenn sie nicht eure Ressourcenbasis sind, sondern ihr sie einfach nur um der Eroberung willen erobern wollt.

Chalyj. Nun, aus dem Osten haben sie etwas genommen und es sofort Kadyrow gegeben, das Werk in Mariupol. Manchmal rechnen sie mit ukrainischem Eigentum ab.

Portnikov. Natürlich, aber trotzdem müssen sie all das aus dem eigenen Haushalt unterhalten.

Chalyj. Und hier entsteht eine solche Situation. Ein Russe, der nicht in Moskau lebt, fragt … Denn Moskau werden sie als letztes aufgeben. Ich denke, in Moskau wird es immer Benzin geben, bis es bei allen nicht mehr da ist.

Portnikov. Mir scheint, dass es dort an den Tankstellen schon kein Benzin mehr gibt.

Chalyj. Nein, nun, es gibt welches. Sie werden Wege finden. Sie werden Moskau abdecken, weil das Wahlen im September sind, das ist Sobyanins Interesse.

Portnikov. Sie haben nicht in Moskau gelebt, Sie haben dort nicht für Brot angestanden. Ich schon.

Chalyj. Sie haben ja auch diese Erfahrung. Ja, Sie sind ein guter Berater. Nun, sagen Sie, wie ist das. Wie sollen wir das jetzt machen, denn das ist ein Feind, der in Schlangen stehen muss.

Portnikov. Ich weiß einfach genau, dass der Moment kommt, in dem sie aus für mich unverständlichen Gründen auf die Stabilität in Moskau keine Rücksicht mehr nehmen.

Chalyj. Und als es Schlangen gab, wurde Buran gestartet. Das ist ein interessanter Moment. Also, was werden ihre vorrangigen Handlungen sein? Werden sie die Krim bis zum Ende finanzieren, versuchen, irgendwie die Illusion aufrechtzuerhalten? Putin versprach ein Schaufenster, dass die Krim überhaupt ein Schaufenster sein werde.

Portnikov. Nun, jetzt ist das ein etwas anderes Schaufenster.

Chalyj. Ein völlig anderes. Und zwar nicht nur wegen dieser Bilder, dass die Krim Territorium der Ukraine ist, auf dem leider Kampfhandlungen stattfinden.

Portnikov. Ich weiß nicht, ob sie sie unterstützen werden oder ob es für sie vorteilhafter ist, dort den Zustand einer humanitären Katastrophe zu schaffen, um zu zeigen, wie grausam die Ukrainer seien, die sogar jene vernichten, die sie als eigene Bevölkerung betrachten, um ihres Sieges willen. „Wir haben euch doch gesagt, dass die Krim-Bewohner vernichtet werden. Jetzt haben die Nazis die Möglichkeit bekommen. Das bedeutet, das ist es, worüber wir euch 2013 gesprochen haben, ihr seht es jetzt. Schaut auf das hungrige Kind auf der Krim. Das wäre geschehen, wenn es 2014 einen Zug von Kyiv nach Simferopol gegeben hätte. Genau das hat Genosse Putin verhindert.“

Chalyj. Aber das ist für ihren inneren Gebrauch.

Portnikov. Ja, natürlich, natürlich.

Chalyj. Sie haben bereits mehr als eine Million gezielt umgesiedelte Russen dorthin gebracht, auf die Krim, und natürlich rechneten sie damit, dass dies gerade die Situation stärker unterstreichen, sie besser machen könnte. Aber sie stießen darauf, dass diese Million jetzt versorgt werden muss.

Portnikov. Und jetzt muss man sie herausbringen, weil all diese Menschen vielleicht nicht dort bleiben wollen.

Chalyj. Ich denke, wenn jetzt wirklich unter Kontrolle und stabil der Landkorridor geschlossen wird und diese Kertsch-Brücke, die in Wirklichkeit aus vielen Gründen eine so fragile Konstruktion ist, dann erzeugt all das realen Druck. Zumindest für jene, die dorthin gekommen sind, nicht für Menschen, die dort lebten, sondern für jene, die gekommen sind, die einfach bewusst auf besetztes Gebiet gekommen sind. Das Gebiet wurde besetzt, sie kamen, und sie verspotten noch jene Ukrainer, die dort sind. Es gibt keine ukrainischen Schulen, nichts gibt es, für sie ist alles normal. Ich halte sie für Besatzer. Diese Menschen, die nach Beginn des Krieges auf das Territorium der ukrainischen Krim gekommen sind, sind Besatzer, die von dort jetzt, wenn sie am Leben bleiben wollen, ausreisen müssen.

Am Leben nicht deshalb, weil Ukrainer … Ich denke nicht, dass der einzige Weg zur Befreiung der Krim irgendwelche Schläge auf der Krim sind. Nein, gerade dieser Weg, der jetzt entsteht, die Insel Krim. Also eine Insel. Und das, was … nun, ich sprach, ich denke, Sie wissen es, auch öffentlich, glaube ich, Präsident Krawtschuk hat darüber gesprochen, ich sprach mit ihm, er erzählte, wie die Krim an die Ukraine überging. Das war ja nicht ein großer Wunsch Chruschtschows. Chruschtschow tat das gezwungenermaßen, weil es auf der Krim Hunger gab. Im nördlichen Teil der Krim zeichnete sich bereits Hunger ab. Und man musste Wasser geben. 100 Milliarden hat die Ukraine, Kyiv, in all diesen Jahren in die Krim investiert.

Portnikov. Die Ukrainische SSR.

Chalyj. Ja, die Ukrainische SSR und nicht nur die Ukrainische SSR.

Portnikov. Die Ukrainische SSR, dann die unabhängige Ukraine.

Chalyj. Die Ukrainische SSR investierte 100. Und wie viel danach, das ist eine Frage. Die Südküste der Krim, dort, wo die Datschen der Generäle sind, sie werden sich bis zuletzt wehren. Aber diese Menschen, die gekommen sind, können genauso ruhig wieder wegfahren. Wenn sie ein Problem bekommen, werden sie sehen, dass es für sie hier nicht besser ist. So begann die Situation mit der Krim.

Ich denke immer: Ein solcher Krieg, wenn er mit einer Entscheidung im Kreml begann und auf der Krim 2014 begann, dann kann er vielleicht auch dort enden.

Portnikov. Je nachdem, wie die Situation auf eben diesem Territorium in den nächsten Monaten sein wird. Auch das können wir nicht wissen. Wiederum können wir diese Situation, ich würde sagen, für das Überleben des russischen Besatzungskontingents auf der Krim schwierig machen und so weiter. Aber es ist unbekannt, ob wir die Kontrolle über das Territorium selbst herstellen können, weil es jetzt nicht nur auf der Krim besetzt ist, sondern auch ein Teil des Festlands dafür besetzt ist.

Chalyj. Und darüber sprach ich mit Krawtschuk. Was ich gehört habe. Die Sache ist: Historisch konnte die Krim nie getrennt vom Festland existieren. Deshalb konnte sie ohne diese wirtschaftliche Verbindung nicht existieren. Deshalb ging das Russische Imperium damals zuerst in den Festlandteil hinein und dann auf die Krim, also seinerzeit. Okay, die Krim sehen wir.

Aber hier ist offensichtlich, dass das nicht eine Frage des morgigen Tages ist, bedingt gesagt, ja? Es gibt das Kriegsbudget, von dem Sie gesprochen haben, und es ist jetzt offensichtlich, dass man weiter darauf schlagen und dieses Kriegsbudget verkleinern muss. Aber ich wollte zu diesen geschlossenen Dingen zurückkehren, die für Menschen wie Sie schwer zu wissen sind, umso mehr mit der Erfahrung des Umgangs seinerzeit mit anderen Eliten. Also dennoch: Kann es vielleicht doch sein, dass sie die Notwendigkeit einer Pause berechnen? Ich sage nicht, dass sie ihre Ziele gegenüber der Ukraine aufgeben, aber dass sie dennoch gezwungen sein könnten, sich auf einen vorübergehenden Waffenstillstand einzulassen und an der Kontaktlinie Halt zu machen.

Portnikov. Nun, erstens glaube ich, dass ich ziemlich viel mit Vertretern dieser Elite gesprochen habe, die jetzt da ist. So hat es sich historisch ergeben. Deshalb habe ich keine Illusionen über ihre Stimmungen. Und ich meine gerade diese tschekistische Elite, die die ganze Zeit dort war. Man konnte sie nicht bemerken, aber sie war die ganzen 90er-Jahre dort. Darin liegt das Problem.

Chalyj. Ja. Aber jetzt hat sie die Kontrolle übernommen.

Portnikov. Jetzt hat sie die Kontrolle übernommen. Ja. Und sie haben sogar versucht, in den 90er-Jahren so zu tun, als seien sie keine Tschekisten. Warum konnte man mit ihnen sprechen? Weil sie sich als jemand anderes maskierten. Aber ihre Positionen waren auch damals so wie heute, und sie haben sich nicht verändert.

Und jetzt zur Pause. Es ist ziemlich einfach. Dort gibt es genug Menschen, die meinen, dass sie Kontrolle auch ohne Krieg erlangen können und die zu einer Pause bereit sind. Insbesondere ist das das Umfeld des Auslandsgeheimdienstes der Russischen Föderation. Vor allem Naryschkin und andere Menschen, die so oder so dem Kreis des Auslandsgeheimdienstes angehören. Was den Föderalen Sicherheitsdienst selbst betrifft, gibt es dort unterschiedliche Ansichten, aber auch dort gibt es genügend pragmatische Menschen. Dort gibt es heute im Grunde eine Dreiherrschaft, drei Generäle. Und in diesen drei Gruppen gibt es unterschiedliche Ansichten darüber, was geschieht.

Aber das Wichtigste ist, dass sie nichts entscheiden. Das ist ein typisches personalistisches Regime. Putin sieht nicht wie ein Mensch aus, der zu einer Pause neigt. Sie können ihn nicht überzeugen. Er kann nur sie überzeugen. Putin ist nicht ganz von Tschekisten umgeben. Er ist von Hochstaplern umgeben, von den Brüdern Kowaltschuk, von dieser ganzen Gesellschaft. Selbst Menschen aus dem tschekistischen Lager führen natürlich Befehle aus, aber sie sind keine Berater. Kirijenko, all das sind Menschen, die sich in Putins Nähe befinden.

Das sind keine Tschekisten in reiner Form. Das ist ein personalistisches Regime, das dem Franco-Regime sehr ähnlich ist. Es vereint verschiedene konservative Gruppen. In diesen konservativen Gruppen gibt es Vorstellungen davon, dass vielleicht eine Pause richtiger wäre, weil man einfach Kräfte für einen Schlag sammeln muss. Aber Putin kann meinen, dass das ein Fahrrad ist, und wenn es stehenbleibt, fällt es um.

Und übrigens, wenn Sie Putins Berater wären oder ich Berater wäre …

Chalyj. Gott bewahre.

Portnikov. Nein, ich meine, wenn man uns fragen würde: Wird er fallen oder nicht, wenn er den Krieg beendet? Wir würden ihm nicht sagen, dass er nicht fallen wird. Oder? Sind Sie sicher, dass er nicht fällt, wenn er die Kriegshandlungen beendet?

Chalyj. Ja, ich bin sicher. Warum? Ich will kein Berater sein, aber ich sage meine Meinung. Trotzdem denke ich, dass er eine einzigartige Möglichkeit hat. Putin übertreibt die Gefahr für sich persönlich, für sein Leben. Denn in Russland, nun, vielleicht irre ich mich, aber ich sehe, dass der Machttransfer, wenn man das ohnehin früher oder später tun muss, vom Wort des Zaren aus geschehen muss, auch wenn dieser Zar schon kraftlos und …

Portnikov. Nun, wie Jelzin.

Chalyj. Ja, denn Jelzin hatte dort fünf bis sieben Prozent Vertrauen, aber man zog ihn ins Fernsehen, wie man so sagt, und er zeigte mit diesem Finger, nun, der Zar, denke ich, zeigte auf den nächsten, eine absolut niemandem bekannte Person, die man einfach über konkrete Stufen der Macht führte und aufbaute, unter anderem durch Explosionen, durch vom FSB eigens gelegten Sprengstoff gegen die eigenen Bürger. Hier ist also alles klar, denke ich.

Nur ohne Putin werden sie die Macht nicht übergeben können. Ich lenke nur die Aufmerksamkeit auf diese Verschwörungstheorie, Nicht-Verschwörungstheorie, dass dennoch eine solche verschwörungstheoretische Idee genannt wurde, dass man sich in diesem Lager, im Kooperativ Ozero, plus andere, bereits untereinander geeinigt habe, diesen Thron nicht mehr auszuspielen, sondern die nächste Generation heranzuführen. Und angeblich wurden drei Namen genannt: die Söhne Setschins, Iwanows und Patruschews. Die Söhne Setschins und Iwanows starben im Alter von 38 und 43 Jahren. Einer ertrank, beim anderen kam der Rettungswagen auf der Rubljowka, glaube ich, nicht rechtzeitig. Also blieb Patruschews Sohn, der Putin Pawlitsch nannte.

Portnikov. Nun, angeblich, nach unseren …

Chalyj. Hören Sie, wir vertrauen unserem Gehör. Wenn wir aufhören, unseren Ohren zu vertrauen, worauf sollen wir dann vertrauen? Dort wurde sehr klar gesprochen, das zeugt von spezifischen Beziehungen. Wahrscheinlich kommuniziert er nicht seit dem ersten Jahr in einem solchen engen Kreis. Deshalb gibt es auch solche Gespräche, dass dieser Transfer möglich sein könnte.

Portnikov. Ich denke, dass alle Gespräche über einen Transfer der Essenz der russischen Geschichte absolut nicht entsprechen, wo, wenn der Zar stirbt, völlig andere Ereignisse beginnen. Der Kern des Machtübergangs von Jelzin zu Putin bestand darin, dass Jelzin nicht starb, lange Zeit Garant für Putin blieb, so wie Putin Garant für Jelzin. Putin wird niemandem irgendwelche Macht übergeben. Er wird bis zum Ende Präsident bleiben. Und wiederum sage ich Ihnen sogar die Formel: Jetzt sind die Risiken einer Beendigung des Krieges für Putin viel größer als die Risiken der Nichtbeendigung. Diese Formel muss sich ändern. Solange diese Formel weiter besteht, wird es keine Pause geben.

Chalyj. Ja, aber diese Risiken können jetzt viel schneller wachsen als früher.

Portnikov. Möglich. Das ist die Antwort auf Ihre Frage.

Chalyj. Die Zeit läuft ab, und ich würde noch anderthalb Stunden mit Ihnen sprechen, aber ich weiß, dass auch Sie Pläne haben. Zum Abschluss stelle ich dennoch eine Frage, die scheinbar über all das hinausgeht, aber dennoch. Wir verstehen, dass das, was in der Ukraine geschieht, der Krieg und all das, nun, ich würde sagen, solche Dinge sind, die Historiker einmal als Wendepunkte, als epochal bezeichnen werden. Das ist ein Krieg in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Und in den 90er-Jahren, 1996, beschrieb Zbigniew Brzeziński in seinem „Grand Chessboard“, dann Huntington über den Bruch der Zivilisationen, andere solche, nun, und Kissinger, auf seine Weise die Situation. Sie sagten zwei Dinge: dass die Grenze, gemeint ist eine reale Grenze, zwischen Russland von der Seite, sozusagen Asiens, und dem europäischen Teil nicht entlang der Grenzen der Ukraine verlaufen werde, sondern irgendwo westlicher der Grenze der Ukraine, sagen wir. Also dort, wo Russland im Grunde versucht, diesen Teil des Grenzlandes zu halten, ja, ich würde es so sagen.

Und sie sprachen darüber, eine zivilisatorische Grenze. Aber zugleich sehen wir Veränderungen seit 1996/97, es sind schon 30 Jahre vergangen, wir sehen, dass reale Identitätsgrenzen, Grenzen realer historischer Ereignisse sich ändern können und den damaligen Prognosen schon nicht mehr entsprechen müssen. Was denken Sie: Wo wird in Zukunft … Ich spreche nicht von Jahren. Nun, wenn von Jahren, okay, etwa Mitte der 40er-Jahre, 2034, wo wird künftig die tatsächliche Grenze zwischen dem Block der Europäischen Union und der übrigen nordeuropäischen Staaten einerseits und Russland andererseits verlaufen? Müssen wir auf diese Prognose hören, dass es nur so ist, oder kann man doch eine Korrektur vornehmen, dass diese Grenzen mindestens entlang der Staatsgrenzen der Ukraine verlaufen werden? Und ich frage: Wo werden sie noch verlaufen?

Portnikov. Es hängt davon ab, ob die Volksrepublik China den Weg der Vereinigten Staaten von Amerika und der Russischen Föderation gehen wird. Einfach gesagt: Die Vereinigten Staaten von Amerika und die Russische Föderation haben bereits bewiesen, dass sie über eine unglaubliche Macht verfügen, diese Macht aber nicht realisieren können. Die Volksrepublik China hat das bisher nicht bewiesen. Für eine Großmacht ist das Wichtigste, keine Gewalt anzuwenden, denn wenn sie Gewalt anwendet und danebentrifft, ist das das ist wie in Kiplings Das Dschungelbuch: Akela, der sein Ziel verfehlt, kann nicht länger Rudelführer bleiben.

Chalyj. Das ist einer der grundlegenden Prinzipien …

Portnikov. Der Zivilisation, nicht einmal der Politik, von allem auf der Welt. China hat diesen Fehler bisher nicht begangen. Wenn es diesen Fehler nicht begeht, dann werden die Grenzen zwischen der Europäischen Union und, sagen wir, Eurasien im russischen Verständnis dieses Wortes, entlang jener Gebiete verlaufen, über die Russland in Zukunft seine Kontrolle behalten kann. Das muss nicht unbedingt ukrainisches Territorium sein. Russland kann eigene Gebiete im europäischen Teil verlieren, so lächerlich das in dieser Situation klingt. Und das wird die konkrete Grenze Chinas und dieser, ich würde sagen, europäischen Zivilisation sein. Die Grenze entweder Asiens und Europas oder Eurasiens und Europas, nennen Sie es, wie Sie wollen.

Chalyj. Also ist es kein Zufall, dass Karaganow vorschlägt, die Hauptstadt schon aus Moskau zu verlegen, und Setschin gesagt hat, dass Rosneft schon irgendwo näher zum Ural zieht.

Portnikov. Genau. Wenn China aber nicht widersteht, dann beginnt in der Welt ein echter Chaos, den wir noch nicht gesehen haben, denn es wird keine Macht mehr geben, auf die man achten kann. Wenn irgendein Land wie die Philippinen oder Japan oder sogar Taiwan beweist, dass China seine Wünsche nicht mit Gewalt realisieren kann, wird es in der Welt keine Weltgendarmen mehr geben. Und es beginnt eine Zeit des Chaos, die länger dauern wird als die 40er-Jahre. Es beginnen dunkle Zeiten. Das wird übrigens unglaublich interessant.

Chalyj. Wie die Chinesen sagen: Mögest du in Zeiten des Wandels leben.

Portnikov. Das wird keine Zeit des Wandels sein, das wird eine Zeit des Chaos sein. Genau darum geht es. Die Zeit des Wandels ist das, worin wir jetzt leben. Danach beginnen entweder, ich würde sagen, etablierte Veränderungen, wenn alle sich über alles einigen und die Störer der Ordnung einfach vom Tisch entfernt werden, oder es beginnt eine solche Zeit des Chaos, in der sich Grenzen alle fünf Jahre verändern werden. Es wird keine Grenzen geben. Die ganze Zeit wird sich etwas ändern, weil jeder glauben wird, dass er fähig ist, jedem seinen Willen aufzuzwingen, wenn es keine Supermächte mehr gibt. Und die Supermächte werden sich von der Beteiligung fernhalten, weil sie fürchten werden, dass ihr Eingreifen ihre Ohnmacht zeigen wird. Das ist das Bild der Welt im 21. Jahrhundert.

Chalyj. Leider muss ich zustimmen. Ich sehe sogar die andere Seite davon. Die Länder, die in dieser Situation gegen die Großen bestehen, werden selbst andere Ansätze und andere Ambitionen entwickeln, wie wir es jetzt übrigens an der Ukraine sehen. Deshalb, ehrlich gesagt, wenn jemand sagt, dass man mit der Ukraine nicht so umgehen sollte: Kissinger sagte, der weise Kissinger am Ende seines Lebens, dass es besser sei, die Ukraine innerhalb der NATO zu halten, um sie zu kontrollieren. In dieser Hinsicht also sehr richtig. Aber dorthin müssen wir noch kommen, und der Preis, den die Ukraine zahlen wird, ist ein gewaltiger Preis für die Zukunft. Und mit China ein interessanter Gedanke. Er schien irgendwie offensichtlich, aber Sie haben ihn so klar ausgesprochen. Tatsächlich diese Möglichkeit, dass die Großen einfach scheitern, sagen wir so, was wir jetzt beobachten. Und klar, wir sagen das im aktuellen Moment, ja, es kann verschiedene schwarze Schwäne geben und anderes, aber ich denke dennoch, dass man auf Fakten schauen muss. Erstens. Und zweitens müssen wir dennoch Tagesordnungen formen, eine ukrainische Position formen und nicht nur spiegelbildlich auf irgendwelche äußeren Handlungen reagieren. Das betrifft Polen, das betrifft Russland.

Portnikov. Wir sagen das seit Beginn des 20. Jahrhunderts, also hoffen wir, dass man irgendwann auf uns hören wird und dass es gelingt.


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Art der Quelle: Diskussion
Titel des Originals: Конфлікт Білого Орла | Віталій Портников
@UkraineCrisisMediaCenterOnline. 23.06.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 23.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Der Zweite Weltkrieg wurde für die Zweite Polnische Republik zu einem Stresstest. Maxim Mayorov. Istoravda.com.ua. 17.06.2026. 

Друга світова стала для Другої Речі Посполитої краш-тестом. Максим Майоров. Istoravda.com.ua. 17.06.2026.

In meinem Feed tauchte eine aktuelle Veröffentlichung des polnischen Instituts für Nationales Gedenken (IPN) auf, in der erklärt wird, warum ein Vergleich zwischen der Armia Krajowa (AK) und der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) unzulässig sei.

Demnach sei die AK die offizielle Streitmacht des polnischen Untergrundstaates gewesen, ein Teil der Polnischen Streitkräfte, die innerhalb der Anti-Hitler-Koalition kämpften.

Die UPA hingegen sei eine illegale bewaffnete Formation radikaler Kämpfer der OUN gewesen. Und so weiter und so fort.

Ich wollte dieses Thema eigentlich nicht ansprechen, aber mit der Legitimität und der staatsrechtlichen Kontinuität des polnischen Untergrundstaates und seiner militärischen Formationen ist bei weitem nicht alles so eindeutig, wie es dargestellt wird.

Vor dem Krieg wurde Polen vom politischen Regime der „Sanacja“ regiert – den Nachfolgern von Józef Piłsudski.

Die einflussreichste Persönlichkeit und faktischer Staatsführer war Oberbefehlshaber Edward Rydz-Śmigły. Präsident der Republik war Ignacy Mościcki, Ministerpräsident Felicjan Sławoj-Składkowski – beide enge Verbündete Rydz-Śmigłys.

Nach der Flucht der polnischen Staatsführung ins Ausland im September 1939 wurden die führenden Politiker interniert und waren nicht in der Lage, ihre Aufgaben im Exil wahrzunehmen. Nach der Verfassung konnte der Präsident allein seinen Nachfolger bestimmen. Genau das tat er, indem er Bolesław Wieniawa-Długoszowski aus dem Lager der „Sanacja“ ernannte.

Frankreich führte jedoch rasch eine faktische Übernahme der polnischen Exilregierung durch und zwang Mościcki, seine Entscheidung zugunsten von Władysław Raczkiewicz zu ändern.

Der neue Präsident Raczkiewicz ernannte umgehend den französischen Protegé Władysław Sikorski – einen Gegner der „Sanacja“, der während des unabhängigen polnischen Staates zehn Jahre im Exil in Paris verbracht hatte – zum Regierungschef und Oberbefehlshaber. Die spätere Übertragung weiterer Präsidentenbefugnisse an Sikorski erfolgte bereits offen verfassungswidrig.

So viel also zu Legitimität und Souveränität. Aber das ist nicht einmal der wichtigste Punkt.

Die Zweite Polnische Republik war ein multinationaler Staat, in dem mehr als 30 Prozent der Bevölkerung ethnischen Minderheiten angehörten.

Allein die Ukrainer machten bis zu 14 Prozent der Bevölkerung aus und verfügten über eigene kompakte Siedlungsgebiete. Sie waren nicht freiwillig Teil der polnischen Gesellschaft geworden und besaßen zu Beginn des Zweiten Weltkriegs erst seit weniger als zwanzig Jahren die polnische Staatsbürgerschaft.

Während Minderheiten vor dem Krieg zumindest teilweise im Sejm und in der Verwaltung vertreten waren, gab es in den im Exil gebildeten Regierungs- und Repräsentationsstrukturen Polens praktisch keinen Platz für Nicht-Polen.

Die Frage, wenigstens einen Ukrainer in die Regierung oder den Nationalrat aufzunehmen, wurde mehrfach diskutiert, aber jedes Mal von Nationalisten blockiert.

Noch problematischer war die Situation im bewaffneten Untergrund. Anstatt zu einer gesamtgesellschaftlichen Partisanenarmee zu werden, entwickelte sich die Armia Krajowa zu einem Akteur ethnischer Konflikte mit ehemaligen Mitbürgern – vor allem mit Ukrainern und Litauern.

Das besetzte Polen innerhalb seiner Vorkriegsgrenzen erinnerte an das ebenso zersplitterte Jugoslawien, in dem Serben gegen Kroaten kämpften, Christen gegen Muslime und so weiter.

Selbst die polnischen Juden hielten sich von den Londoner Strukturen weitgehend fern. Sie bevorzugten eigene Selbstverteidigungseinheiten und litten unter polnischem Antisemitismus – sowohl während des Krieges als auch in den ersten Nachkriegsjahren.

Man kann die OUN beliebig kritisieren. Doch warum, so müsste man die Experten des IPN fragen, sollte eine einzige Untergrundorganisation in der Lage gewesen sein, einer ganzen Staatlichkeit ihre Agenda für die zwischenethnischen Beziehungen aufzuzwingen?

Tatsächlich repräsentierten der polnische „Untergrundstaat“ und seine Exilregierung gegenüber der Anti-Hitler-Koalition nicht den früheren Staat und seine gesamte Gesellschaft, sondern vielmehr die staatenlos gewordene polnische ethnische Nation – ähnlich wie bereits während des Ersten Weltkriegs.

In diesem Sinne war die AK kaum besser als die „Armee ohne Staat“ – die UPA. Und mit den heutigen Verteidigungskräften der Ukraine ist die AK überhaupt nicht vergleichbar. In den ukrainischen Streitkräften gibt es weder ethnische Segregation noch ethnische Feindseligkeit, und Kämpfer aller nationalen Gemeinschaften sind dort würdig vertreten – selbst aus den vorübergehend besetzten Gebieten, darunter auch die Krimtataren.

Das Problem Polens vor 80 Jahren waren nicht die „bösen Banderisten“.

Der Zweite Weltkrieg war für die Zweite Polnische Republik ein Stresstest, den sie bereits bei der ersten Kollision nicht bestand. Die schlecht zusammengefügte Staatsbürgernation hörte praktisch sofort auf zu existieren, sobald der polnische Gendarm verschwunden war.

Die Ursachen dieser Fragilität liegen sowohl in der Politik Warschaus zwischen den Weltkriegen als auch in der Art und Weise, wie der polnische Staat nach mehr als einem Jahrhundert fremder Herrschaft auf die historische Bühne zurückkehrte.

Darüber sollten die Kollegen vom IPN nachdenken.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Друга світова стала для Другої Речі Посполитої краш-тестом. Максим Майоров. Istoravda.com.ua. 17.06.2026.

Autor: Maxim Mayorov
Veröffentlichung / Entstehung: [Datum/ Epoche]
Originalsprache: 17.06.2026.
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Über Marian Gołębiewski. Volodymyr Rysenko. 13.06.2026.

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Sie haben sicherlich bereits gehört, dass die polnische Ultrarechte eine neue Stufe des Rassismus erreicht hat und nun vom polnischen Sejm Erklärungen darüber verlangt, warum sich Personen ukrainischer Herkunft in der Regierung befinden. Sie haben sich nicht verhört – genau dieselben Leute, die die Ukrainer des Nationalsozialismus beschuldigen. Und ja, des Nationalsozialismus hat sie nicht etwa ich bezichtigt, sondern Sejmmarschall Włodzimierz Czarzasty, der meint, der nächste Schritt werde das Vermessen von Schädeln und die Feststellung nationaler Reinheit sein.

Dies ist die Fortsetzung eines großen Skandals und der Angriffe auf den stellvertretenden Minister Andrzej Scheptycki (übrigens den Urenkel des Bruders von Andrej Scheptyzkyj), der es gewagt hat – o Gott! – zu erklären, dass die UPA für viele Ukrainer mit dem Kampf um die Unabhängigkeit verbunden wird.

Für viele polnische Nationalisten (nennen wir die Dinge doch endlich beim Namen) wurde dies zum Anlass für eine „Hexenjagd“ auf „Verbrecher, die den Völkermord der UPA rechtfertigen“.

Nun gut. Dann bin ich bereit, ihnen die ersten beiden Kandidaten vorzuschlagen, die man im heutigen Polen wegen „Heroisierung der UPA und Verherrlichung der Bandera-Ideologie“ ans Kreuz schlagen würde.

Wie man so schön sagt: Bleiben Sie dran, es wird interessant.

Kandidat Nr. 1. Ein Held des polnischen Volkes und des polnischen Widerstands, ein „unbeugsamer Soldat“, der in Polen verehrt wird und zugleich ein Kriegsverbrecher, auf dessen Gewissen Tausende ermordete Ukrainer lasten.

Darf ich vorstellen: Marian Gołębiewski.

Genau Marian Gołębiewski war als Kommandeur des Bezirks Hrubieszów der Heimatarmee (Armia Krajowa) Initiator einer Reihe von Angriffen auf die ukrainischen Dörfer Pryhorile, Metke, Sahryń, Schychowytschi, Terebiń, Strzyżeniec und Turkowice.

Falls Sie es nicht wissen: Diese ethnische Säuberung wird von den Polen als die „Hrubieszówer Revolution“ bezeichnet.

Allein in Sahryń ermordeten die Bauernbataillone von Stanisław Basaj „Ryś“ und das AK-Bataillon von Zenon Jachymek „Wiktor“ (über diese beiden Henker, die in Polen mit Straßennamen und Wandgemälden geehrt werden, müsste man gesondert schreiben), auf Befehl Gołębiewskis bis zu 1.200 friedliche Ukrainer auf grausamste Weise.

Danach zogen sie weiter, um weitere Dörfer niederzubrennen – ebenfalls auf seinen Befehl hin.

Nun aber zur Komplexität dieser historischen Persönlichkeit.

Nach der Besetzung Polens durch das kommunistische Regime wurde Marian Gołębiewski zu einem aktiven Befürworter der Verständigung mit den Ukrainern.

Wie er später erinnerte:

„Im September 1944 berief ich eine Besprechung von 23 Kommandeuren der Heimatarmee aus dem Cholmer Land, dem Raum Zamość und Hrubieszów ein. Ich befahl, statt Kämpfen mit den Ukrainern nach Möglichkeiten der Verständigung und Zusammenarbeit zu suchen. Unter den Anwesenden herrschte Verwunderung, denn viele hatten im Kampf gegen die Ukrainer ganze Familien verloren. Niemand sprach sich dagegen aus.“

Die Kontakte zwischen der Heimatarmee und der UPA sowie die gegenseitigen Verhandlungen führten zum Abschluss eines Waffenstillstands.

Gołębiewski schrieb über dessen wichtigstes Ergebnis – die Operation Hrubieszów:

„Unsere Vereinbarung wurde in vielen Punkten – soweit es die damaligen Möglichkeiten (1944–1947) zuließen – von beiden Seiten ehrlich umgesetzt. Der Beweis dafür ist, dass die Ukrainer, als die Notwendigkeit bewaffneter Zusammenarbeit entstand, sich in größerem Umfang am Kampf beteiligten. Dies geschah in Hrubieszów am 26. oder 28. Mai 1946, als es darum ging, 50 AK-Angehörige zu befreien, von denen mehrere von der Todesstrafe bedroht waren und deren Urteil mit Sicherheit vollstreckt worden wäre. Die damalige Führung unserer Einheiten (WiN) bat die UPA um Hilfe, und die Ukrainer beteiligten sich mit einer Truppe von 1.200 Kämpfern. Sie griffen ein NKWD-Bataillon an, während die WiN-Einheiten die Verhafteten befreiten, das Gebäude des Sicherheitsdienstes vollständig zerstörten und einen Teil der Sicherheitsbeamten sowie andere Personen ausschalteten. In Hrubieszów befanden sich neben den Sowjets ein Armeeregiment, eine Milizkompanie und bewaffnete Sicherheitskräfte, dennoch gelang die Aktion. Es war die erste so große gemeinsame Aktion seit den Zeiten von Piłsudski und Petljura.“

Der polnische Sicherheitsdienst (UB) verhaftete ihn am 21. Januar 1946 und ließ ihn erst zehn Jahre später, am 21. Juni 1956, frei.

Er hatte ein langes Leben, in dem vieles Platz hatte – antikommunistischer Widerstand, die Gründung einer Untergrundorganisation, eine zweite Haftstrafe und die Fortsetzung seines Kampfes.

Der Link zu einem Artikel über ihn 

Marian Gołębiewski 

https://pl.wikipedia.org/wiki/Marian_Go%C5%82%C4%99biewski_(%C5%BCo%C5%82nierz)

Er starb 1996.

Und nun das Wichtigste für uns.

Nicht ich schreibe das, sondern es ist ein wörtliches Zitat aus einer polnischen Quelle:

„Als einziger polnischer Veteran des Zweiten Weltkriegs sprach er sich dafür aus, den UPA-Partisanen in Polen Veteranenrechte zuzuerkennen.“

Noch einmal.

Marian Gołębiewski, Kommandeur des Bezirks Hrubieszów der Heimatarmee, sprach sich dafür aus, den UPA-Kämpfern Veteranenstatus zu verleihen – nicht in der Ukraine, sondern in Polen.

Die polnische Wikipedia schreibt wörtlich:

„Jako jedyny z polskich weteranów II wojny światowej był za przyznaniem partyzantom UPA w Polsce praw kombatanckich.“

Man stelle sich das vor – er nannte die UPA Partisanen und nicht „Schlächter“.

Überhaupt erlaubt sich die polnische Wikipedia in ihrem Artikel über Marian Gołębiewski aus heutiger polnischer Sicht erstaunlich viel:

„In der neuen Situation wurde er zu einem überzeugten Befürworter der Verständigung mit den Ukrainern, gegen die seine unterstellten Einheiten kurz zuvor noch blutige Kämpfe geführt hatten. Er stellte sein Konzept im September 1944 bei einer Besprechung der Kommandeure der Bezirke Hrubieszów, Chełm und Zamość vor. Nach der Besprechung wurde den Ukrainern ein Flugblatt übergeben, das zur Einstellung der Kampfhandlungen und zur Einheit gegen den gemeinsamen Feind aufrief. Verhandlungen auf höherer Ebene begannen erst im Mai 1945. Nach Aussage Gołębiewskis, der daran teilnahm, erkannten beide Seiten die Notwendigkeit an, den Kampf für die Unabhängigkeit ihrer Länder fortzusetzen, und erklärten ihre gegenseitige Unterstützung bei diesen Bemühungen.“

Was geht hier eigentlich vor?

Die UPA-Partisanen waren also keine Völkermörder, sondern Kämpfer für die Unabhängigkeit der Ukraine?

Die Führung der Heimatarmee erkannte ihr Recht auf die „Fortsetzung des Kampfes für die Unabhängigkeit der Ukraine“ an und unterstützte diesen Kampf?

Dann darf man in der Ukraine wohl auch Militäreinheiten nach solchen Helden benennen?

Wahrscheinlich wird man diesen Artikel bald aus der polnischen Wikipedia löschen.

Er passt nicht in die historische Hysterie – oder die hysterische Geschichtsschreibung, ich weiß nicht, was hier der treffendere Ausdruck ist.

Zur Kenntnis der polnischen Ultrarechten und von Präsident Nawrocki:

Auszeichnungen von Marian Gołębiewski:

  • Silbernes Kreuz des Ordens Virtuti Militari (1943)
  • Kampfkrüz der Polnischen Streitkräfte im Westen (1992)
  • Ritterkreuz des Ordens Polonia Restituta (1989)
  • Komturkreuz des Ordens Polonia Restituta (29. Juli 1994)
  • Komturkreuz mit Stern des Ordens Polonia Restituta (8. November 2007, posthum)

Nach ihm wurde eine Straße in Lublin benannt.

Über den zweiten Kandidaten werde ich vielleicht später schreiben.

Denn jeder von ihnen verdient einen eigenen Beitrag.

Bis dahin schlage ich den polnischen Nationalisten vor, nicht stehenzubleiben und Marian Gołębiewski wegen „Heroisierung der UPA und Verherrlichung der Bandera-Ideologie“ seine polnischen Auszeichnungen abzuerkennen und die Straße in Lublin umzubenennen.

Besonders sorgfältig sollte überprüft werden, dass auf der Straße dieses „UPA-Komplizen“ kein polnischer öffentlicher Nahverkehr mehr fährt.


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Art der Quelle: Sozialmedia

Autor: Volodymyr Rysenko
Veröffentlichung / Entstehung: 13.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Der Skandal zwischen Polen und der Ukraine wegen der UPA. Die Erklärungen von Wałęsa und Nawrocki, Zelenskys Orden. Vitaly Portnikov. 30.05.2026.

Andrij Smolij: Unverhofft und unerwartet sind wir wieder in irgendeinen diplomatischen Skandal mit Polen geraten, wieder rund um die ungelösten Fragen aus unserer gemeinsamen jüngeren Vergangenheit. Ich meine natürlich das 20. Jahrhundert. Und diesmal begann alles damit, dass Präsident Zelensky beschloss, einem Zentrum der Spezialoperationskräfte den Namen der Helden der UPA zu verleihen.

Für die Ukraine schien das eine eher unauffällige Angelegenheit zu sein. Wahrscheinlich hätte niemand darauf geachtet. Aber in Polen hat man darauf geachtet. Zunächst erklärte der ehemalige Präsident und Held der Samtenen Revolution der späten 1980er Jahre in Polen, Lech Wałęsa, er sei zutiefst empört und werde aus Protest irgendein Abzeichen mit der ukrainischen Flagge nicht mehr tragen. Danach griff der amtierende Präsident Polens, Karol Nawrocki, die Geschichte auf und sagte, er werde alles tun, um Zelensky den Orden des Weißen Adlers abzuerkennen. Das ist die höchste staatliche Auszeichnung der Republik Polen.

Dazu kamen noch irgendwelche Protestnoten von israelischer Seite, die sich gegen die Umbettung von Andrij Melnyk richten.

Kurz gesagt, das ist nun diese Geschichte. Und man sollte wohl vorsichtig auf all das reagieren. So scheint es mir jedenfalls. Aber was sehen wir in dieser Geschichte? Hat Präsident Zelensky vielleicht etwas überstürzt getan, ohne es ausreichend zu durchdenken? Obwohl das schwer zu glauben ist. Oder wird es nie einen besseren Zeitpunkt geben, um diese unsere, ich weiß nicht, bereits eiternden Wunden der ungelösten Geschichte freizulegen, und man muss das einfach Schritt für Schritt tun? Ich weiß nicht, wie ich das bis zum Ende beurteilen soll.

Portnikov: Glauben Sie wirklich, dass Präsident Zelensky, als er dieses Dekret unterschrieb, auch nur eine Minute lang daran dachte, dass dies zu irgendeinem Konflikt mit Polen führen könnte? Für ihn war das irgendeine Standardhandlung, irgendeine Umbenennung, die Verleihung eines Namens an eine militärische Einheit zu Ehren der Ukrainischen Aufstandsarmee, die Teil dessen ist, was ich die militärische Ikonostase der Ukraine nennen würde. Wenn es in Lwiw oder anderen Städten Straßen der Helden der UPA gibt …

Andrij Smolij: Hundert Dokumente zur Unterschrift. Er hat einfach unterschrieben, unterschrieben und gar nicht darauf geachtet?

Portnikov: Vielleicht hat wirklich niemand darauf geachtet, denn die Idee der Ukrainischen Aufstandsarmee als Beispiel für Heldentum und als Objekt ukrainischer Glorifizierung existiert ja nicht erst seit gestern. Deshalb war die polnische Reaktion nicht vorhersehbar. Denn wenn man in Polen einfach nicht auf diese Geschichte aufmerksam geworden wäre? Wenn man sie einfach nicht bemerkt hätte? Hätte das passieren können? Ja, das hätte passieren können. Dann hätte es keinen Skandal gegeben.

Es gibt offensichtliche Dinge in den ukrainisch-polnischen Beziehungen, die man verstehen muss. Beide Länder haben völlig unterschiedliche Vorstellungen von historischer Erinnerung. Das ist eine offensichtliche Tatsache. Genau deshalb arbeiten in solchen Ländern Historikerkommissionen. Sie klären schwierige Fragen, versuchen gemeinsame Nenner zu finden, gemeinsame Initiativen vorzuschlagen, nicht das zu suchen, was trennt, sondern das, was verbindet.

Es gibt einen einfachen Unterschied: Wir sagen Polen niemals, wie es etwas zu nennen hat. Polen versucht uns dagegen sehr oft zu sagen, wie wir etwas nennen sollen. Das ist der Unterschied im Ansatz. Ich halte das für falsch. Das ist der Kernpunkt.

Nein, es geht nicht um die Ukrainische Aufstandsarmee, ihre historische Rolle oder ihre Bewertung in Polen. Polen hat jedes Recht, jeden beliebig zu bewerten. Es ist ein souveräner Staat. Polen ist gerade deshalb ein souveräner Staat, weil es diese Möglichkeiten hat. Es ist ein großes Glück, dass Polen Anfang des 20. Jahrhunderts auf die politische Landkarte der Welt zurückkehrte.

Das polnische Volk erhielt endlich diese Möglichkeit. Ich habe mich immer darüber gefreut – sowohl über das Wunder an der Weichsel als auch über die Wiederherstellung der polnischen Staatlichkeit und schließlich über den Übergang dieses Staates aus der Kategorie sowjetischer Satelliten zu einem unabhängigen europäischen Staat. Dafür muss man Lech Wałęsa und seiner historischen Rolle danken. Und das ist eine viel wichtigere historische Rolle als das, was er jetzt über die historischen ukrainisch-polnischen Beziehungen sagt.

Aber man muss verstehen, dass auch die Ukraine seit den 1990er Jahren in einen solchen Status überging. Zwischen dem ukrainischen und dem polnischen Volk sowie den Staaten gab es immer unterschiedliche Bewertungen bestimmter historischer Persönlichkeiten. Und zwar nicht nur der Helden der UPA.

Bohdan Chmelnyzkyj ist für die Ukrainer ein Mensch, der den Grundstein für ihre nationale Unabhängigkeit gelegt hat. Für die Polen ist er jemand, der faktisch begann, die Adelsrepublik zugunsten des Moskauer Zarenreiches zu zerstören. Das sind, wie Sie verstehen, völlig unterschiedliche Bewertungen derselben Persönlichkeit.

In der Ukraine gibt es den Orden Bohdan Chmelnyzkyj. Es ist schwer vorstellbar, dass ein solcher Orden in Polen existieren könnte, oder? Kaum ein Pole würde sich wünschen, mit dem Orden Bohdan Chmelnyzkyj ausgezeichnet zu werden. Ich sage Ihnen noch mehr: Auch ich selbst würde nicht besonders gerne mit dem Orden Bohdan Chmelnyzkyj ausgezeichnet werden, wie Sie wahrscheinlich verstehen.

Aber ich verstehe sehr gut ethnische Ukrainer, die gerne einen solchen Orden auf ihrer Brust tragen würden. Die Geschichte ist einfach komplizierter, als sie uns erscheint.

Andrij Smolij: Ich denke, sogar Taras Hryhorowytsch Schewtschenko hätte einen solchen Orden nicht besonders gewollt.

Portnikov: Taras Hryhorowytsch Schewtschenko hätte den Orden Bohdan Chmelnyzkyj ganz sicher nicht gewollt. Er hätte ihn niemals angenommen. Niemals.

Aber auch hier gilt: Es gibt unterschiedliche Ukrainer. Das ist eine Besonderheit jeder Nation. Sie haben Schewtschenko völlig zu Recht erwähnt, denn Schewtschenko, im Unterschied zu mir ein ethnischer Ukrainer, hasste Chmelnyzkyj als historische Figur, ich würde sagen, vielleicht sogar mehr als ich. Und er hatte das Recht dazu.

Gleichzeitig haben Menschen das volle Recht, Bohdan Chmelnyzkyj anders zu betrachten und seine historische Rolle im Kontext aller späteren Ereignisse zu bewerten.

Andrij Smolij: Wissen Sie, Herr Vitaly, vor etwa zwanzig Jahren hörte ich oft von Historikerkollegen, die irgendwie an diesem Dialog beteiligt waren: „Lasst uns in Ruhe. Wir werden das mit den polnischen Kollegen schon irgendwie klären und euch dann sagen, wie es steht.“

Aber heute funktioniert das einfach nicht mehr. Ganz gleich, wie hervorragend ein Historiker ist und wie erfolgreich eine akademische Konferenz verläuft. Jetzt wurden diese Treffen wieder aufgenommen, und das ist großartig. Aber wir verstehen auch, dass irgendein Influencer auf TikTok zehn Millionen Aufrufe sammeln kann, völligen Unsinn und Unwissenheit vermischt mit Xenophobie verbreitet – und zehn Millionen Menschen sehen das. Damit wird alles zunichtegemacht, woran Historiker zwei Jahre lang gearbeitet haben. Das ist eine neue Situation. Wir können nicht einfach sagen: „Die Historiker werden sich schon einigen.“

Portnikov: Nein, sehen Sie, zweifellos kann ein TikTok-Influencer alles Mögliche tun. Er kann Ihnen sogar zeigen, wie man in der eigenen Wohnung ein Raumschiff baut und zum Mars fliegt.

Aber wir sprechen hier über Staatspolitik. Das ist nicht einfach ein gesellschaftlicher Konflikt. Gesellschaften können sich auf TikTok, Facebook oder sonst irgendwo beliebig über historisches Erbe austauschen.

Jetzt handelt es sich um einen Konflikt auf staatlicher Ebene, weil Präsident Karol Nawrocki sich eingeschaltet hat. Er sagt, sein ukrainischer Kollege habe eine falsche Entscheidung getroffen. Am 6. Juni will er dem Kapitel des Ordens des Weißen Adlers die Frage vorlegen, Zelensky diesen Orden abzuerkennen.

Dabei müssen wir verstehen: Zelensky erhielt diesen Orden nicht als Privatperson und nicht aufgrund persönlicher Verdienste gegenüber Polen, sondern als Präsident eines Landes, das weiterhin faktisch Europas Schild gegen die russische Invasion ist – vor allem Polens Schild. Denn wenn die Ukraine zusammenbricht, wird Polen an seinen Grenzen genau das bekommen, was es nie bekommen wollte.

Dann wird es weder um den Weißen Adler noch um Zelensky gehen. Dann beginnt für das polnische Volk ein ganz anderes Leben – ein Leben, das ich dem polnischen Volk keinesfalls wünsche. Als Journalist würde ich natürlich gerne sehen, wie die Menschen darauf reagieren würden. Ich möchte nur nicht, dass all das auf Kosten der Ukraine geschieht.

Deshalb sage ich: Wenn wir anfangen zu erklären: „Lasst uns dem Präsidenten der Ukraine, den wir für den mutigen Widerstand des ukrainischen Volkes gegen die russische Aggression ausgezeichnet haben, diesen Orden wieder wegnehmen – praktisch für die Fortsetzung dessen, was einst die polnischen Aufstände unter dem Motto ‚Für unsere und eure Freiheit‘ begonnen haben –, lasst uns ihm den Orden wegnehmen, weil er eine falsche Entscheidung über die Benennung einer ukrainischen Militäreinheit getroffen hat.“

Wunderbar. Ich freue mich sehr. Das ist politische Schizophrenie auf staatlicher Ebene. Schizophrenie auf staatlicher Ebene.

Dabei bin ich der Meinung, dass der Präsident Polens und auch der Ministerpräsident Polens – der sich übrigens ebenfalls nicht gerade begeistert dazu geäußert hat – ruhig mit einer Erklärung auftreten können, in der sie eine solche Entscheidung verurteilen. Und damit sollte alles enden. Er hat eine Entscheidung getroffen, sie hätten eine völlig andere Entscheidung sehen wollen. Sie haben diese Entscheidung verurteilt, und dann arbeitet man weiter. So sollte das funktionieren, wenn man sich überhaupt einmischen will.

Obwohl ich noch einmal sage: Ich halte es keineswegs für notwendig, dass man in irgendeinem anderen Land erklärt, wen und wie man auszeichnen soll. Das ist ein imperialer Ansatz, der Russland eigen ist. Erinnern Sie sich übrigens: Es ist nicht das erste Mal, dass es eine solche Geschichte gibt. Seinerzeit verurteilte man in Warschau Viktor Juschtschenko, der Stepan Bandera den Titel Held der Ukraine verliehen hatte. Erinnern Sie sich?

Andrij Smolij: Ja.

Portnikov: Ja. Auch damals gab es einen riesigen Skandal. Aber wiederum: Juschtschenko war Präsident der Ukraine. Er entscheidet selbst, wen er auszeichnet. Übrigens erinnere ich mich nicht, dass damals die Frage gestellt wurde, Juschtschenko irgendwelche polnischen Orden abzuerkennen. Ich weiß nicht, ob er sie hatte oder nicht, aber so war diese Geschichte.

Wir sprechen ja nicht über Persönlichkeiten, sondern über das staatliche Verhältnis zur Geschichte. Dieses staatliche Verhältnis zur Geschichte findet nicht auf TikTok statt. Und gerade der Staat müsste sich um einen Dialog auf staatlicher Ebene kümmern. Das sollte keine gesellschaftliche Historikerkommission sein. Dann können Präsidenten bei sich irgendein historisches Forum schaffen oder die Außenminister.

Wie Sie wissen, leitete ich einst den ukrainischen Teil des ukrainisch-polnischen Forums für Zusammenarbeit, schon, wenn ich mich nicht irre, während der Präsidentschaft von Andrzej Duda. Auf polnischer Seite wurde dieses Forum von dem bekannten polnischen Historiker und Fachmann für polnisch-ukrainische Beziehungen, Jan Malicki, geleitet. Und wenn wir uns trafen – Vertreter der Ukraine, Polens, gesellschaftliche Akteure, Historiker, Diplomaten, Leiter von Hochschulen –, diskutierten wir viele solcher schmerzhaften Probleme, darunter auch historische Fragen. Wir traten mit Initiativen auf, suchten Wege, die verbinden.

Übrigens lud uns Doktor Malicki auf einen Friedhof in Warschau ein, auf dem Veteranen der Ukrainischen Volksrepublik begraben sind, die nach 1920 gezwungen waren, die Ukraine zu verlassen. Sie hatten zusammen mit polnischen Truppen in der Armee von Symon Petljura und Józef Piłsudski gekämpft. Wir fuhren übrigens gemeinsam nach Wolhynien, nach Luzk, und sprachen ebenfalls darüber, wie wichtig es ist, diese gesellschaftlichen Verbindungen wiederherzustellen, wie wichtig es ist, Verständigung wiederherzustellen.

Das ist also alles mühsame Arbeit, verstehen Sie, für Menschen, die sehr genau verstehen, wie groß das Niveau dieser historischen Probleme ist, die zwischen Ukrainern und Polen keineswegs mit dem Zweiten Weltkrieg erschöpft sind. Und sie verstanden, dass das keine Arbeit für ein Jahr und nicht für ein Jahrzehnt ist. Wichtig ist nur, daraus keinen politischen Konflikt zwischen Staaten zu machen. Das ist wichtig. Das ist der Fehler.

Genauso halte ich es für einen Fehler der ungarischen Seite, bereits der neuen ungarischen Regierung, die Frage der europäischen Integration der Ukraine lösen zu wollen, indem man irgendwelche ultimative Forderungen stellt, die die ukrainische Regierung erfüllen müsse. Aber diese Fragen hängen nicht mit der europäischen Integration der Ukraine zusammen, sondern ausschließlich mit den ungarisch-ukrainischen Beziehungen aus Sicht der ungarischen Regierung darauf, wie die Rechte nationaler Gemeinschaften gewährleistet werden sollen, insbesondere der Ungarn in Transkarpatien. Das ist ebenfalls kein konstruktiver Ansatz, wie wir verstehen. Ein konstruktiver Ansatz wäre, für die europäische Integration der Ukraine zu kämpfen und dann gemeinsam in der Europäischen Union faktisch alles Mögliche zu tun, damit Menschen gleiche Rechte haben. Nicht wahr?

Ich sage das die ganze Zeit. Ich verstehe auch das nicht. Ich erinnere immer daran: Wenn es der Ukraine irgendwann gelingt, der Europäischen Union beizutreten, bedeutet das, dass alle ethnischen Ungarn in einer geopolitischen Vereinigung leben. In der Slowakei, in Rumänien, in Ungarn, in der Ukraine – alle ethnischen Ungarn leben ohne Grenzen in einer Vereinigung, haben freie Möglichkeiten, sich zu bewegen, Arbeit zu finden, Ungarisch zu sprechen, an ungarischen Einrichtungen in Ungarn zu lernen, wenn sie das möchten, oder an ukrainischen in der Ukraine. Es gibt kein Trianon mehr. Trianon ist vorbei. Aber Sie sehen ja, dass die Regierung in Budapest die ganze Zeit einen anderen Weg geht.

Andrij Smolij: Mir scheint, dass selbst die ungarische Minderheit, die heute in der Ukraine, in Transkarpatien, in diesen kompakten Siedlungsgebieten lebt, wo sie die Mehrheit bildet, keine großen Probleme hat, nach Ungarn hin und zurück zu fahren. Sie hat keine Probleme damit, in Ungarn zu studieren.

Portnikov: Natürlich, aber es gibt eine Grenze. Zwischen der Europäischen Union und der Ukraine gibt es eine Staatsgrenze. Wenn die Ukraine Mitglied der Europäischen Union wird, wird es keine Grenze geben.

Andrij Smolij: Das stimmt.

Portnikov: Das hat große Bedeutung, verstehen Sie? Wenn Sie von Ungarn in die Ukraine so fahren werden, wie Sie von Ungarn in die Slowakei fahren, ohne überhaupt zu bemerken, dass dort einmal eine Grenze war. Das hat psychologisch und emotional enorme Bedeutung, glauben Sie mir. Ich schaue einfach auf Tirol, sagen wir, das nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen Italien und Österreich geteilt wurde.

Dort lebt im italienischen Tirol ein großer Teil der deutschsprachigen Bevölkerung, Menschen, die sich als Tiroler verstehen. Wie Sie verstehen, hielten sich diese Menschen vor dem europäischen Projekt für von den Tirolern in Österreich abgeschnitten. Dieses Gefühl gibt es heute nicht mehr. Mehr noch, sogar die Integration mit Italien selbst hat sich in diesem Teil verstärkt, weil die Menschen sich nicht bedroht fühlen: Sie steigen ins Auto und fahren in den anderen Teil Tirols. Sie sind italienische Staatsbürger. Das passt ihnen völlig. Sie haben dort ihr eigenes Leben in Italien, aber sie können jederzeit Tiroler sein. EU Region Tirol. Fertig.

Genau so wird das in Europa gelöst. Warum sollten wir also nicht in Europa sein? Warum braucht Budapest künstliche Hindernisse zu errichten, um das zu bremsen? Ich verstehe das nicht, wenn sie wirklich an die Ungarn in Transkarpatien denken.

Andrij Smolij: Nun, die Ungarn in Transkarpatien, wiederum, wer in diesen Regionen war, weiß, dass es dort manchmal schwierig ist, irgendwelche Aufschriften etwa auf Ukrainisch zu finden, was für einen ukrainischen Bürger einfach unbequem ist, wenn er sich im Staat Ukraine befindet.

Portnikov: Ich verstehe das. Aber in Tirol, in Italien, können Sie ebenfalls möglicherweise keine Aufschrift auf Italienisch finden, Menschen, die Italienisch sprechen, kann man dort ebenfalls möglicherweise nicht finden. Zumindest in ländlichen Gegenden. Davon sprechen wir doch nicht. So ist es an Orten mit einer großen Konzentration nationaler Gemeinschaften. Wobei wiederum Tirol als Teil Italiens, dieses Südtirol, schon mehr als 100 Jahre existiert. Und das hat, sozusagen, die Sprachdisziplin nicht beeinflusst. Nein, wahrscheinlich kennen die Menschen Italienisch, aber sie benutzen es irgendwie nicht besonders.

Andrij Smolij: Aber sehen Sie, im Großen und Ganzen haben wir keine historischen Probleme mit Ungarn. Obwohl es in Wirklichkeit im 20. Jahrhundert sehr, sehr vieles gab, wofür man den Ungarn, der ungarischen Regierung, Rechnungen stellen könnte. Sie stand Versuchen der Ukrainer, auf diesen Gebieten Unabhängigkeit auszurufen und sich in Richtung Unabhängigkeit zu bewegen, sehr, sehr, sehr feindlich gegenüber, im Vergleich etwa zu denselben Slowaken oder Tschechen.

Aber andererseits, wenn man diese Situation überträgt und wieder zu den Polen zurückkehrt: Vielleicht hindert uns tatsächlich, dass wir im Dialog mit den Polen ständig in die Rolle eines gewissermaßen jüngeren Bruders geraten, historisch gesehen.

Portnikov: Ich denke, das Problem liegt nicht nur darin, sondern darin, dass die Symbiose zwischen Ukrainern und Polen dennoch viel länger und dichter ist als die zwischen Ukrainern und Ungarn. Der ukrainisch-ungarische ethnische Kontakt fand auf einem vergleichsweise kleinen Territorium statt. Wenn man sich dagegen die Präsenz der Ukrainer im Königreich Ungarn, sogar in Österreich-Ungarn, und die Präsenz der Ukrainer in der Adelsrepublik ansieht, ist das eine völlig besondere Geschichte. Eine Geschichte, die sich über Jahrhunderte erstreckt.

Die Geschichte der Beziehungen zwischen dem Großfürstentum Litauen und der Krone. Die Geschichte der Übergabe ukrainischer Länder an die Krone. Die Geschichte des Chmelnyzkyj-Aufstandes. Das alles ist gemeinsame Geschichte der Ukraine und Polens. Staatliche Geschichte. Geschichte der Nachbarschaft von Völkern, ihrer zivilisatorischen Konkurrenz. Das ist immer so. Das ist einfach eine viel größere Nähe in allen Fragen.

Und man kann auch nicht sagen, dass dies auf dem gesamten Gebiet der heutigen Ukraine so war. Und man kann auch nicht sagen, dass es sich nur auf Galizien beschränkte. Galizien und Wolhynien – das ist im Grunde die Geschichte der letzten Jahrhunderte. Aber eine solche Symbiose gab es auch in der Großen Ukraine, wo sowohl Ukrainer als auch Polen lebten. Und lange Zeit war dieses Gebiet ebenfalls Teil der Adelsrepublik und davor des Großfürstentums.

Diese Symbiose reicht einfach tief. Und das ist, würde ich sagen, sowohl Freundschaft als auch Feindschaft und die Suche nach irgendeiner Zusammenarbeit. Das ist einfach eine so lange und komplizierte Geschichte, dass es in einer solchen langen und komplizierten Geschichte nicht nur eine Farbe geben kann, weiß oder schwarz.

Andrij Smolij: Wenn man, wissen Sie, dennoch über diese Diskussion nicht zwischen Historikern und Intellektuellen spricht, sondern über das, was als normale Reaktion gewöhnlicher Menschen auf das geschieht, was gerade rundherum passiert, insbesondere diese Verleihung des Namens der Helden der UPA und die Reaktion der Polen, dann sagen sehr viele meiner Bekannten, vernünftige Menschen, dass – und wieder höre ich diesen Satz – die Polen Imperialisten seien, sie seien um nichts besser als die Russen. Ich denke, in Moskau ist man sehr zufrieden.

Portnikov: Ich denke, Menschen können gekränkt sein, aber man muss sich immer erinnern: Die Ukraine hat nur eine Wahl. Entweder Teil Europas werden oder Teil Russlands werden. Das heißt, wir werden entweder irgendwie den Dialog mit unseren europäischen Nachbarn – mit Polen, der Slowakei und Ungarn – aufrechterhalten müssen, oder uns damit abfinden müssen, dass es das ukrainische Volk nicht geben wird, dass es Teil Russlands sein wird.

Übrigens werden die Polen dann ganz sicher nichts diktieren. Dann werden hier Atomwaffen stehen. Dann werden wir auf jede Frage sagen: „Hören Sie, Drohnen und Atomwaffen werden Sie gehorsam machen. Wir werfen einfach eine Atombombe auf Warschau, und Sie werden verstehen, was normales Leben bedeutet.“ Das, was es in der Sowjetunion gab, nicht wahr?

Das heißt, wenn Sie wollen, dass Ihnen niemand aus Polen oder Budapest etwas diktiert: Koffer, Bahnhof, Russland. Nicht einmal Koffer und Bahnhof sind nötig. Ihr Territorium kann Teil Russlands werden, und mit diesem großen Staat werden Sie allen anderen alles diktieren. Wenn es natürlich gelingt.

Wenn wir aber wollen, dass hier die Ukraine bleibt, dann haben Sie wiederum eine einfache Wahl. Entweder suchen Sie den Dialog mit Warschau oder Budapest, einen unangenehmen, schwierigen Dialog. Es kann tatsächlich sehr unangenehm sein, solche imperialen Ambitionen zu sehen. Sie können auch in Ungarn als imperial gelten. Ungarn war ebenfalls Teil eines Imperiums, wie wir wissen. Oder wir kämpfen allein gegen Russland. Oder wir einigen uns ebenfalls mit ihm darauf, dass wir Russland sind. Denn wie Sie sehen, will Russland uns im Unterschied zu Polen nicht als Ukraine anerkennen. Das ist ein großer Unterschied.

Wenn Ihre Bekannten sagen, die Polen seien genauso wie die Russen, erinnern Sie sie an eine einfache Sache. Die Polen glauben, zumindest in der jetzigen Phase dieser Geschichte, dass die Ukrainer ein Recht auf Existenz haben. Die Russen glauben in der jetzigen Phase dieser Geschichte, dass die Ukrainer kein Recht auf Existenz haben. Wenn sich dieser Nenner ändert, kann man darüber sprechen.

Aber ich garantiere Ihnen, dass sich dieser Nenner nie wieder ändern wird. Die Russen haben alle Schlüsse gezogen, die sie ziehen mussten, ob das ukrainische Volk auf den Ländereien existieren darf, die sie für die Ländereien des historischen Russlands halten. Damit ist im Dialog des ukrainischen und des russischen Volkes, kann man sagen, für unser Jahrhundert endgültig ein Punkt gesetzt. Alles, finita la commedia. Das heißt, entweder wehren wir uns, und dann einigen wir uns mit Polen und Ungarn, oder wir wehren uns nicht, und dann spucken wir schon als Russen auf Polen und Ungarn vom Glockenturm unserer lieben Basilius-Kathedrale. Aber ich denke, die überwältigende Mehrheit der Ukrainer will ein solches Schicksal nicht, oder?

Andrij Smolij: Umso mehr löst das im Prinzip den Streit überhaupt auf eine andere Weise. Der Streit zwischen Ukrainern und Polen ist beendet, weil es keine Ukrainer mehr gibt. Sie sind zu Russen geworden.

Portnikov: Sie sind zu Russen geworden und haben ebenfalls zugestimmt, dass die UPA Feinde sind. Aber diese Polen, diese Feinde Russlands, sind noch größere Feinde als die Kämpfer der UPA.

Andrij Smolij: Eine solche Alternative.

Portnikov: Es gibt ein wunderbares Ende des Films. Das Ende des Films „Sintflut“ von Jerzy Hoffman. Erinnern Sie sich? Er endet damit, dass Polen, Ukrainer und Krimtataren sich nicht miteinander einigen konnten und infolgedessen überall das Russische Imperium herrschte. Erinnern Sie sich an dieses Ende? Genau ein solches Ende kann es auch jetzt geben.

Andrij Smolij: Diesen Film von Hoffman habe ich irgendwie nicht gesehen, deshalb kann ich dazu nichts sagen. Aber mir scheint, dass dieser Gedanke bei den Polen, bei polnischen Intellektuellen, schon mindestens seit Jahrzehnten existiert: dass die Ukraine außerordentlich wichtig ist, beginnend mit Giedroyc.

Portnikov: Natürlich. Nicht einfach, dass die Ukraine wichtig ist, sondern dass es wichtig ist, sich mit der Ukraine zu einigen. Und wir müssen immer daran erinnern, dass die Frage nicht darin besteht, was uns trennt, sondern was uns verbindet.

Andrij Smolij: Sehen Sie, Herr Vitaly, bedeutet das nicht auch, dass es für die Ukrainer wünschenswert wäre, sozusagen, ihren eigenen ukrainischen Giedroyc zu haben, der von Zeit zu Zeit daran erinnert – vielleicht gibt es solche Menschen in Wirklichkeit auch –, der auch uns daran erinnert, dass Polen für die Ukraine ebenfalls kein unwichtiges Land ist?

Portnikov: Hören Sie, wir brauchen keinen ukrainischen Giedroyc, und zwar aus einem einfachen Grund. Giedroyc sagte den Polen im Grunde, dass Ukrainer, Belarussen und Litauer existieren und dass man mit ihnen als souveränen Nationen neben Russland zu tun haben werde. Bei uns in der Ukraine gibt es niemanden, der glauben würde, dass Polen nicht existieren. Nicht wahr?

Andrij Smolij: Das stimmt.

Portnikov: Das ist der Hauptunterschied. Giedroyc hat tatsächlich die Sicht der Polen auf die europäische Zukunft verändert. Obwohl man sagen muss, dass seine politische Linie heute bis zu einem gewissen Grad ein Fiasko erlitten hat. Ich glaube nicht, dass die Außenpolitik Polens die Politik Giedroycs ist. Dennoch veränderte dies wirklich den Blick eines großen Teils der polnischen Emigration, als Giedroyc Ukrainer, Belarussen und Litauer als souveräne Völker behandelte, die in souveränen Staaten leben werden, weil sie bis dahin faktisch als eine Art Anhängsel Russlands wahrgenommen wurden. Und einige meinten, es werde ein demokratisches Russland geben, das diesen Völkern irgendwelche Rechte geben werde. So sah das in der öffentlichen Meinung aus. Und Sie wissen, dass nicht wenige polnische Intellektuelle noch lange in dieser Illusion lebten. Sie waren, würde ich sagen, kulturelle Russophile. Und Giedroyc ging, kann man sagen, gegen diese Tendenz vor und siegte. Und die Geschichte bewies, dass er recht hatte.

Bei uns aber gab es niemals irgendeinen Gedanken, dass Polen kein Recht auf Unabhängigkeit, Souveränität, auf echte Unabhängigkeit habe. Ich möchte Sie daran erinnern, dass selbst in den 1980er Jahren, als es Solidarność gab, hier in Kyiv unter Intellektuellen diese Sympathie und Solidarität mit den Polen viel stärker zu spüren war als irgendwo in Russland. Ich habe das einfach mit eigenen Augen gesehen. Diese Unterstützung für Polen, dieses Interesse an Polen, sie existierten immer in unserer Gesellschaft.

Was soll uns ein Giedroyc bringen? Vielleicht brauchen wir Menschen, die über die Notwendigkeit gegenseitigen Respekts zwischen dem polnischen und dem ukrainischen Volk sprechen. Nun, das sagen viele. Auch ich gehöre zu den Menschen, die ständig daran erinnern.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Interview
Titel des Originals: Скандал між Польщею та Україною через УПА. Заява Валенси та Навроцького, орден Зеленського. Віталій Портников. 30.05.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 30.05.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

Original ansehen

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Polen, Ukraine und die Last der Geschichte. Tamara Zlobina. 05.06.2026. 

Zehntausende von der UPA getötete polnische Zivilisten sind ein Verbrechen und eine Tragödie, unabhängig davon, welche Zahlen genannt werden – 40–60 Tausend nach ukrainischen Schätzungen oder 100 Tausend nach polnischen.

Und wir sollten den Mut haben, dies als Verbrechen anzuerkennen und es durch nichts zu erklären, es nicht zu relativieren, uns nicht herauszureden und nicht zu versuchen, uns selbst zu rechtfertigen.

Gründe hatten immer alle für alles. Das hebt die Verantwortung nicht auf.

Es ist schrecklich, und es tut mir sehr leid, dass es dazu gekommen ist. Wir werden uns daran erinnern, die Opfer ehren und darauf achten, dass sich so etwas nicht wiederholt.

Das ist die einzige normale erwachsene Reaktion. Und wir haben damit bereits zu Zeiten von Juschtschenko begonnen.

Aber zugleich sollte man auch hier einen Punkt setzen und die Polen daran erinnern, dass unsere gemeinsame Erinnerungspolitik lautet: „Wir vergeben und bitten um Vergebung.“

Und nicht: „Wir bitten um Vergebung und streuen Asche auf unser Haupt, während ihr so tut, als hättet ihr selbst keine Verbrechen gegen Ukrainer begangen.“

Die Polen sagen, sie seien durch Symmetrie besonders beleidigt (durch die Erinnerung daran, dass auch Polen Ukrainer verfolgt haben). Für sie sind die 20 000 von der Heimatarmee getöteten Ukrainer lediglich eine Antwort und Selbstverteidigung, denn schließlich kann es nur ein einziges unschuldiges und makelloses Opfer geben.

Deshalb beleidigt es mich sehr, dass sie glauben, die Probleme in den polnisch-ukrainischen Beziehungen hätten erst in den 1940er Jahren begonnen – und seien von den Ukrainern ausgegangen.

Wenn man an die Pazifizierung Galiziens erinnert, heißt es: „Das kann man nicht mit ethnischen Säuberungen vergleichen.“ Nun ja, sie haben nicht getötet (na gut, nur 20 Menschen, „nicht so wie ihr“), sie haben lediglich geschlagen, beraubt, vergewaltigt, eingesperrt, ukrainische Aktivisten und Aktivistinnen verfolgt sowie gesellschaftliche Organisationen und Bildungseinrichtungen verboten.

Von der Tragödie der galizischen Aktivistin Iwanna Blaschkewytsch, deren zwei kleine Töchter vergiftet wurden, als sie gerade für den Sejm kandidierte, werden die Polen euch nichts erzählen.

Und wenn man dennoch darauf besteht und Fakten vorlegt, landet man schnell bei: „Nun, diese Pazifizierung wurde ja nicht ohne Grund durchgeführt.“

Natürlich nicht ohne Grund. Es waren die 1930er Jahre, die Blütezeit des integralistischen Nationalismus – sowohl bei uns als auch bei euch. Wir lebten auf demselben Territorium, um das wir gerade Krieg geführt und verloren hatten, und nun waren die Ukrainer eine diskriminierte ethnische Minderheit im Polen der Zwischenkriegszeit, das eine aggressive Politik der Polonisierung betrieb.

Heute warnen gemäßigtere polnische Liberale: Mit eurem Nationalisten Bandera werdet ihr nicht in die EU aufgenommen. Was macht ihr dann mit eurem Nationalisten Dmowski, eurem „Vater der Nation“, einem ethnischen Chauvinisten, Antisemiten und Sympathisanten des Faschismus? Sind seine Denkmäler, Straßen, Schulen und sogar ein Bahnhof nach ihm für euch in Ordnung?

Wenn die UPA nur Verbrecher waren und wir ihre Denkmäler entfernen und sie nie anders als im Kontext der Reue erwähnen sollten – möchten unsere kultivierten Nachbarn dann nicht bei sich selbst anfangen und die Denkmäler für die Heimatarmee, Dmowski und Piłsudski abbauen?

Sie befinden sich übrigens derzeit nicht in einem Überlebenskrieg und verfügen über deutlich mehr Ressourcen für eine kritische Neubewertung ihrer eigenen Geschichte.

Stattdessen begannen sie, die „Verfluchten Soldaten“, ihre Partisanen nach 1945, die für Verbrechen an Belarussen, Ukrainern, Juden und Litauern bekannt sind, als Kämpfer für die Unabhängigkeit Polens zu verherrlichen (siehe den pathetischen Beitrag von Nawrocki). Dagegen bestand lange Zeit sogar in Polen selbst ein gesellschaftlicher Konsens.

Und wenn man berücksichtigt, dass ein erheblicher Teil der Żołnierze Wyklęci aus der Heimatarmee hervorging, dann ist die Trennung zwischen ihnen ohnehin eher fragwürdig.

Aber der Spiegel gefällt unseren Nachbarn nicht besonders.

Denn wenn Polen ihre ethnischen Chauvinisten und die Henker ihrer Nachbarn verherrlichen, dann ist das natürlich „etwas anderes“.

Was die Polen nicht verstehen, wenn sie die antukrainische Karte in der Politik spielen und dabei längst jede Grenze des Vernünftigen überschritten haben, ist, dass sie damit unsere historische Erinnerung aktivieren.

Was jahrzehntelang nur auf den Seiten von Geschichtsbüchern existierte, kehrt in die heutige emotionale Erfahrung zurück, wie die inzwischen fast einwöchige Diskussion in unseren Facebook-Netzwerken zeigt.

Ich spreche Polnisch und habe ein halbes Jahr in Polen gelebt. Nach Beginn der großangelegten Invasion freute ich mich, als ich durch Polen in die Ukraine fuhr – denn das waren schon Nachbarn, das war schon fast Zuhause.

Insgesamt löste Polen bei mir freundschaftliche Gefühle aus. Die Herablassung, die gelegentlich durchschimmerte, ignorierte ich – dumme Menschen gibt es überall. Selbst die Begegnung mit einem polnischen Neonazi, der mir in einer Regionalbahn erklärte, die Ukraine existiere nicht und wir seien Vieh, während ein halber Waggon zuhörte und niemand ihn stoppte – selbst diese Episode beeinflusste meine Haltung zu Polen nicht.

Nach dem Sieg Nawrockis und ihrem gesamten Wahlkampf, in dem die Politiker nicht mit Visionen für die Zukunft Polens konkurrierten, sondern mit Vorwürfen gegenüber den Ukrainern, änderte sich meine emotionale Einstellung.

So sehr, dass ich heute auf die polnische Sprache ähnlich reagiere wie auf die russische.

Mit Abneigung – und dem Wunsch, Abstand zu nehmen.

Und als Ihor vorschlug, nach Polen umzuziehen, weil es für ihn als Belarussen dort einfacher mit den Dokumenten wäre, löste das bei mir blinde Panik aus.

So starke Panik, dass ich meine Mutter fragte, warum mein Urgroßvater 1939 aus der Gegend von Przemyśl nach Wolhynien gezogen war. Seine Frau, meine Urgroßmutter Olja, war doch Polin.

So erfuhr ich, dass sie wegen ihrer Mischehe verfolgt wurden.

Mir ist bewusst, dass das vielleicht eine etwas übertriebene Reaktion ist, und ich hoffe, dass ich irgendwann wieder lächeln werde, wenn ich Polnisch höre. Aber im Moment ist es eben so.

Warum erkennen nicht beide Völker die Realität ehrlich an?

Sie ist doch einfach.

Jahrhundertelang waren wir Feinde und Verbündete zugleich – wie alle in Europa seit dem Mittelalter. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kämpften wir um Galizien. Die Ukrainer verloren und gerieten unter die harte diskriminierende Politik des Polen der Zwischenkriegszeit. Während des Zweiten Weltkriegs kämpften wir erneut gegeneinander. Mit schrecklichen „Entgleisungen“.

Letztlich verlor Polen diese Gebiete, allerdings nicht an uns, sondern an die Sowjetunion. Und hätten die Sowjets die Polen nicht teilweise nach Polen und teilweise nach Sibirien umgesiedelt, dann hätten wir in den 1990er Jahren womöglich erneut gegeneinander Krieg geführt.

Ich glaube nicht, dass wir einen Ressentiment gegenüber den Polen haben (sie haben einen gegenüber uns), und die Politik des „Wir vergeben und bitten um Vergebung“ ist für uns akzeptabel (für sie nicht) – nicht wegen der unterschiedlichen Zahl getöteter Zivilisten.

Sondern weil die umstrittenen Gebiete letztlich bei uns geblieben sind und wir Polen nie als Leibeigene besessen haben.

Wir haben keine „Kresy Wschodnie“ und kein „bäuerliches Vieh“ im gesellschaftlichen Unterbewusstsein.

Seit den Zeiten Chmelnyzkyjs haben wir uns gegenseitig massakriert, weil wir Feinde waren. Wir schlossen Bündnisse, wenn es vorteilhaft war. Wir verrieten einander, wenn es vorteilhaft war. Ethnische Säuberungen sind schlecht, Diskriminierung ist schlecht. Aber man kann sehr wohl den Teil der Tätigkeit der Heimatarmee gegenüber Ukrainern und den Teil der Tätigkeit der UPA gegenüber Polen verurteilen und gleichzeitig ihren Beitrag zum Aufbau unabhängiger Staaten anerkennen.

Trotz Sahryń stört mich das Denkmal der Heimatarmee gegenüber dem polnischen Parlament nicht. Trotz Piłsudskis Verrat an Petljura war er ein brillanter Politiker. Und trotz seines Chauvinismus war Dmowski ein typischer integralistischer Nationalist der Zeit der Entstehung der Nationalstaaten zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Selbst die „Verfluchten Soldaten“ aus der 1945 aufgelösten Heimatarmee warfen sich letztlich aus Verzweiflung und Ausweglosigkeit auf diejenigen, die sie noch erreichen konnten.

Wir können die Vergangenheit und die Umstände, unter denen unsere Nationalhelden lebten und handelten, nicht ändern. Wenn man mit dem Maßstab der Gegenwart misst, bleibt in keinem Land jemand im nationalen Pantheon übrig. Nicht einmal Künstler, Philosophen oder Schriftsteller – denn auch sie waren in der Regel Sexisten.

Also: „Liebe Brüder, Nachbarn Polen, unsere freundschaftlichen Gefühle kommen aus tiefstem Herzen“, wie die Brüder Hadjukin sangen.

Vielleicht etwas mehr Pragmatismus?

Was wäre euch auf den „östlichen Grenzgebieten“ lieber: eine Ukraine mit UPA-Denkmälern und null Ansprüchen an euch in der Gegenwart – oder Russland, das erst vor Kurzem euren Präsidenten und die Hälfte eurer politischen Elite getötet hat?

Kommentare: 

1. 

Über historische Erinnerung und meine polnische Urgroßmutter

Das große ukrainische Dorf Stuschyzja im Kreis Krasnystaw der Woiwodschaft Lublin.

Dies sind die Erinnerungen eines konkreten Zeitzeugen – Feofan Kostjuk, Jahrgang 1927.

„Die ukrainische Bevölkerung von Stuschyzja war zahlenmäßig zwar den Polen überlegen, befand sich jedoch in einem Ring polnischer Dörfer, von denen eine ständige Bedrohung für ihre Existenz ausging. Die Ereignisse der Jahre 1940–1945 bestätigten die Drohungen vieler örtlicher Polen, dass ukrainisches Blut in Strömen in die Weichselzuflüsse fließen werde. Bereits 1940 wurden die Dorfbewohner Buk und Waschtschuk von Polen ermordet. Die sogenannten Schutzpolizisten verhafteten die Ehepaare Haran und Masur, brachten sie zu Verhören nach Lublin, von wo sie ins Konzentrationslager Majdanek kamen und nie zurückkehrten.

Im Jahr 1941 begann in der Umgebung von Stuschyzja eine polnische Untergrundgruppe zu operieren, angeführt von Wujcik sowie den Brüdern Bolesław und Stefan Schuran, die in der Kolonie Kuty lebten. Ich denke, sie gehörten der Untergrundorganisation Bauernbataillone (Bataliony Chłopskie) an, die sich durch besondere Grausamkeit gegenüber der ukrainischen Landbevölkerung auszeichnete.

Am Fest der Heiligen Gottesmutter (das Datum führe ich gesondert an) umzingelte eine Gruppe von Männern in Uniformen der polnischen Polizei und Gendarmerie die Höfe der verschwägerten Familien Tschubjak und Sawa. Sie nahmen die alten Tschubjaks mit, brachten sie in deren Scheune und erschossen sie dort nach Folterungen gemeinsam mit dem Ehepaar Sawa. Danach steckten sie Haus und Scheune in Brand. Die Mörder erlaubten den Menschen nicht, das Feuer zu löschen, wodurch das gesamte Gehöft der Tschubjaks niederbrannte. Erst zwei Tage später wurden die vier verkohlten Leichen in einem Gemeinschaftsgrab bei der Kirche beigesetzt.“

Beim Begräbnis half lediglich die Mutter ihrer Mörder, der Brüder Schuran.

Trochym und Olena Tschubjak (beide erst 50 Jahre alt) waren der Ururgroßvater und die Ururgroßmutter meiner Frau.

Und nun achten wir auf das Datum: Sie wurden am 21. September 1942 von einer polnischen Einheit ermordet und verbrannt (eine andere Zeugin behauptete, sie seien lebendig verbrannt worden). Lange vor der Tragödie von Wolhynien.

Doch die Morde an Ukrainern nahmen erst Fahrt auf:

„In der Weihnachtsnacht 1943 ermordete die von Wujcik und den Brüdern Schuran angeführte Bande Pawlo Majstruk und Wolodymyr Tschubjak.“

Vermutlich ebenfalls einen Verwandten.

1946 verlangten die Polen von allen Ukrainern in Stuschyzja die Deportation in die UdSSR. Mein Urgroßvater weigerte sich, weil er ein wohlhabender Mann war, eine Schmiede besaß und landwirtschaftliche Geräte vermietete. Alle Ukrainer weigerten sich, bis eine polnische Einheit in einem Nachbardorf innerhalb einer Nacht sämtliche Ukrainer bis zum letzten Kind abschlachtete – darunter auch die letzten Verwandten.

Danach stimmten die Ukrainer der Deportation in die UdSSR zu. Vor der Deportation nahm man ihnen sämtliche Dokumente und ihr Eigentum weg und verlud sie unter Bewachung sowjetischer NKWD-Angehöriger in Güterwagen.

Von der großen Familie, deren Erwähnungen ich zufällig noch in polnischen Archiven aus dem Jahr 1830 fand, blieben nur drei Menschen am Leben: der Urgroßvater, die polnische Urgroßmutter, die das Unglück hatte, einen Ukrainer zu heiraten, und ein kleiner Junge – der Großvater meiner Frau. Alle anderen wurden von Polen getötet.

Weder der Großvater noch der Urgroßvater erzählten jemals von dieser Tragödie. Der Urgroßvater sagte meinem Schwiegervater einmal nur einen einzigen Satz:

„Von den Tschubjaks ist niemand mehr übrig geblieben.“

Alles ist einfach: Recht darf nicht selektiv sein. Es muss für alle gleich gelten, unabhängig davon, wer vor ihm steht.

Wenn die polnische Regierung und Gesellschaft der Ansicht sind, dass die UPA 1943 in Wolhynien einen Völkermord an der polnischen Zivilbevölkerung verübte, dann haben auch die polnischen bewaffneten Formationen der Bauernbataillone und der Heimatarmee einen Völkermord an der ukrainischen Zivilbevölkerung begangen.

Und vor allem: Sie begannen damit bereits 1941–1942 im Cholmer Land.

Dennoch sind in Polen der Heimatarmee und den Bauernbataillonen Museen, Straßen und Denkmäler gewidmet – sogar konkreten Mördern. Durch ganz Hrubieszów zieht sich die Stanisław-„Ryś“-Basaj-Straße, benannt nach dem Organisator der Bauernbataillone, einem Mann, der Hunderte ukrainische Frauen und Kinder – Bürger Polens – ermorden ließ.

P.S.

Meine schwerste und wichtigste Schlussfolgerung habe ich schon vor etwa zehn Jahren formuliert:

„In diesem polnisch-ukrainischen Krieg gab es weder vollkommen Schuldlose noch vollkommen Schuldige. Weder die schrecklichen Verbrechen der Ukrainer an Polen noch die schrecklichen Verbrechen der Polen an Ukrainern lassen sich durch irgendetwas rechtfertigen. Für die Ermordung friedlicher Menschen gibt es keine Rechtfertigung.

‚Wir vergeben und bitten um Vergebung.‘

Das ist der einzige Weg in die Zukunft. Alles andere führt ins Nichts, in eine schreckliche Vergangenheit.“

Doch in diesen zehn Jahren ist alles nur noch viel schlimmer geworden. Und zu dieser Formel kann man nur dann zurückkehren, wenn die polnische Seite dazu bereit ist.

2.

Die Polen betonen in allen Diskussionen, dass die Ukrainer „nicht human“ getötet hätten.

Fragt sie sofort: Wie haben die Polen dann human getötet?

Und wenn es um Täter geht, dann sind es Ukrainer. Wenn es aber um Bürgerrechte geht, dann gibt es plötzlich keine Ukrainer.

P.S. In der Zwischenkriegszeit existierten die Ukrainer in Polen juristisch als Bevölkerungsgruppe, doch der Staat vermied systematisch, sie als eigenständige politische Nation anzuerkennen. Stattdessen betrachtete man sie vor allem als „Bürger Polens nichtpolnischer Herkunft“, die assimiliert werden sollten. Das bedeutet nicht, dass es „keine Ukrainer“ gab – sie waren die größte Minderheit. Die polnische Politik versuchte jedoch, ihren Status auf eine ethnographische Gruppe ohne politische Rechte zu reduzieren.

3.

Diese Reaktion auf alles Polnische, die der Reaktion auf alles Russische gleichkommt, ist etwas sehr Irrationales.

Es ist ähnlich wie bei den polnischen Apologeten von Wolhynien: Sie sind von dieser Tragödie so geblendet, dass sie vergessen, was die Russen ihnen angetan haben.

Ohne jene Polen zu rechtfertigen, die sich auf Wolhynien fixiert haben, denke ich dennoch, dass Russland eine große Rolle dabei spielt, antieu­krainische Stimmungen in Polen und antipolnische Stimmungen in der Ukraine anzustacheln. Und man muss nicht lange erklären, warum das für Russland äußerst vorteilhaft ist.

3a. 

– Ich verstehe das rational. Es ist eine emotionale Reaktion, und ich habe ein Recht darauf. Ich bin ein Mensch – ich darf Angst haben, ich darf beleidigt sein.

Was den russischen Einfluss betrifft, stimme ich ebenfalls zu. Aber das ist wie bei uns mit den Migranten – es fiel auf sehr fruchtbaren Boden.

Der Sieg Nawrockis ist dennoch die Entscheidung der Mehrheit der Polen und nicht einer marginalen Minderheit. Genau das hat meine Einstellung verändert – so sehr, dass ich meine übliche Reiseroute in die Ukraine geändert habe und nun über Ungarn fahre.

Ich hoffe sehr und warte darauf, dass sich das wieder ändert.

3b.

– Das Ergebnis der Präsidentschaftswahlen lag fast bei 50 zu 50. Und zum Glück ist der Präsident in Polen keine so bedeutende Figur. Interessant wird sein, wie die nächsten Parlamentswahlen ausgehen.

Was die antipolnischen Stimmungen betrifft, die bei manchen Ukrainern manchmal sogar stärker sind als antirussische – das ist meine Beobachtung nach Gesprächen mit vielen Freunden aus dem journalistischen Umfeld. Interessanterweise sind diese antipolnischen Gefühle oft bei Menschen aus der Zentral- oder Ostukraine stärker ausgeprägt. Sie haben keine gemeinsame historische Traumatisierung mit Polen, aber die Abneigung ist dennoch vorhanden. Das ist bemerkenswert. Wahrscheinlich stammt vieles davon noch aus der sowjetischen Geschichtsschreibung.

3c.

– Als ich mit polnischen Kollegen sprach, sagten sie mir, dass die Hysterie um die Wolhynien-Tragödie in Polen eigentlich erst seit etwa 15 Jahren existiert. Früher war das nicht so.

Wenn man nachrechnet, begann das ungefähr vor der EURO 2012.

Ich vermute, dass sowohl Janukowytsch als auch Russland damals ihren Anteil daran hatten.


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Art der Quelle: [Social Media

Autor: Tamara Zlobina
Veröffentlichung / Entstehung: 05.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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