Der Zweite Weltkrieg wurde für die Zweite Polnische Republik zu einem Stresstest. Maxim Mayorov. Istoravda.com.ua. 17.06.2026. 

Друга світова стала для Другої Речі Посполитої краш-тестом. Максим Майоров. Istoravda.com.ua. 17.06.2026.

In meinem Feed tauchte eine aktuelle Veröffentlichung des polnischen Instituts für Nationales Gedenken (IPN) auf, in der erklärt wird, warum ein Vergleich zwischen der Armia Krajowa (AK) und der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) unzulässig sei.

Demnach sei die AK die offizielle Streitmacht des polnischen Untergrundstaates gewesen, ein Teil der Polnischen Streitkräfte, die innerhalb der Anti-Hitler-Koalition kämpften.

Die UPA hingegen sei eine illegale bewaffnete Formation radikaler Kämpfer der OUN gewesen. Und so weiter und so fort.

Ich wollte dieses Thema eigentlich nicht ansprechen, aber mit der Legitimität und der staatsrechtlichen Kontinuität des polnischen Untergrundstaates und seiner militärischen Formationen ist bei weitem nicht alles so eindeutig, wie es dargestellt wird.

Vor dem Krieg wurde Polen vom politischen Regime der „Sanacja“ regiert – den Nachfolgern von Józef Piłsudski.

Die einflussreichste Persönlichkeit und faktischer Staatsführer war Oberbefehlshaber Edward Rydz-Śmigły. Präsident der Republik war Ignacy Mościcki, Ministerpräsident Felicjan Sławoj-Składkowski – beide enge Verbündete Rydz-Śmigłys.

Nach der Flucht der polnischen Staatsführung ins Ausland im September 1939 wurden die führenden Politiker interniert und waren nicht in der Lage, ihre Aufgaben im Exil wahrzunehmen. Nach der Verfassung konnte der Präsident allein seinen Nachfolger bestimmen. Genau das tat er, indem er Bolesław Wieniawa-Długoszowski aus dem Lager der „Sanacja“ ernannte.

Frankreich führte jedoch rasch eine faktische Übernahme der polnischen Exilregierung durch und zwang Mościcki, seine Entscheidung zugunsten von Władysław Raczkiewicz zu ändern.

Der neue Präsident Raczkiewicz ernannte umgehend den französischen Protegé Władysław Sikorski – einen Gegner der „Sanacja“, der während des unabhängigen polnischen Staates zehn Jahre im Exil in Paris verbracht hatte – zum Regierungschef und Oberbefehlshaber. Die spätere Übertragung weiterer Präsidentenbefugnisse an Sikorski erfolgte bereits offen verfassungswidrig.

So viel also zu Legitimität und Souveränität. Aber das ist nicht einmal der wichtigste Punkt.

Die Zweite Polnische Republik war ein multinationaler Staat, in dem mehr als 30 Prozent der Bevölkerung ethnischen Minderheiten angehörten.

Allein die Ukrainer machten bis zu 14 Prozent der Bevölkerung aus und verfügten über eigene kompakte Siedlungsgebiete. Sie waren nicht freiwillig Teil der polnischen Gesellschaft geworden und besaßen zu Beginn des Zweiten Weltkriegs erst seit weniger als zwanzig Jahren die polnische Staatsbürgerschaft.

Während Minderheiten vor dem Krieg zumindest teilweise im Sejm und in der Verwaltung vertreten waren, gab es in den im Exil gebildeten Regierungs- und Repräsentationsstrukturen Polens praktisch keinen Platz für Nicht-Polen.

Die Frage, wenigstens einen Ukrainer in die Regierung oder den Nationalrat aufzunehmen, wurde mehrfach diskutiert, aber jedes Mal von Nationalisten blockiert.

Noch problematischer war die Situation im bewaffneten Untergrund. Anstatt zu einer gesamtgesellschaftlichen Partisanenarmee zu werden, entwickelte sich die Armia Krajowa zu einem Akteur ethnischer Konflikte mit ehemaligen Mitbürgern – vor allem mit Ukrainern und Litauern.

Das besetzte Polen innerhalb seiner Vorkriegsgrenzen erinnerte an das ebenso zersplitterte Jugoslawien, in dem Serben gegen Kroaten kämpften, Christen gegen Muslime und so weiter.

Selbst die polnischen Juden hielten sich von den Londoner Strukturen weitgehend fern. Sie bevorzugten eigene Selbstverteidigungseinheiten und litten unter polnischem Antisemitismus – sowohl während des Krieges als auch in den ersten Nachkriegsjahren.

Man kann die OUN beliebig kritisieren. Doch warum, so müsste man die Experten des IPN fragen, sollte eine einzige Untergrundorganisation in der Lage gewesen sein, einer ganzen Staatlichkeit ihre Agenda für die zwischenethnischen Beziehungen aufzuzwingen?

Tatsächlich repräsentierten der polnische „Untergrundstaat“ und seine Exilregierung gegenüber der Anti-Hitler-Koalition nicht den früheren Staat und seine gesamte Gesellschaft, sondern vielmehr die staatenlos gewordene polnische ethnische Nation – ähnlich wie bereits während des Ersten Weltkriegs.

In diesem Sinne war die AK kaum besser als die „Armee ohne Staat“ – die UPA. Und mit den heutigen Verteidigungskräften der Ukraine ist die AK überhaupt nicht vergleichbar. In den ukrainischen Streitkräften gibt es weder ethnische Segregation noch ethnische Feindseligkeit, und Kämpfer aller nationalen Gemeinschaften sind dort würdig vertreten – selbst aus den vorübergehend besetzten Gebieten, darunter auch die Krimtataren.

Das Problem Polens vor 80 Jahren waren nicht die „bösen Banderisten“.

Der Zweite Weltkrieg war für die Zweite Polnische Republik ein Stresstest, den sie bereits bei der ersten Kollision nicht bestand. Die schlecht zusammengefügte Staatsbürgernation hörte praktisch sofort auf zu existieren, sobald der polnische Gendarm verschwunden war.

Die Ursachen dieser Fragilität liegen sowohl in der Politik Warschaus zwischen den Weltkriegen als auch in der Art und Weise, wie der polnische Staat nach mehr als einem Jahrhundert fremder Herrschaft auf die historische Bühne zurückkehrte.

Darüber sollten die Kollegen vom IPN nachdenken.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Друга світова стала для Другої Речі Посполитої краш-тестом. Максим Майоров. Istoravda.com.ua. 17.06.2026.

Autor: Maxim Mayorov
Veröffentlichung / Entstehung: [Datum/ Epoche]
Originalsprache: 17.06.2026.
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Das Land der sauberen Luft. Vitaly Portnikov. 09.09.24

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Auf einem strategischen Forum in Slowenien äußerte sich Julia, die Witwe des in Putins Gefängnis ermordeten Oppositionsführers Alexej Nawalny, kürzlich recht abfällig über die so genannten „Dekolonisatoren“ Russlands, die angeblich das Unmögliche wollen – den Zerfall des Reiches. 

Diese unerwartete Äußerung zeigte einmal mehr, dass das Entkolonialisierungsprogramm nicht nur von den russischen Behörden, sondern auch von einigen Mitgliedern der Opposition als Angriff auf das künftige „demokratische Russland“ verstanden wird, ohne zu erklären, wie diese Demokratie erreicht werden kann, wenn nicht gleiche Rechte für alle Bürger gewährleistet sind. 

Gleichzeitig geht es denjenigen, die von außen (insbesondere in der Ukraine) von der Entkolonialisierung Russlands sprechen, nur darum, Putins Staat zu schwächen, und nicht um die Rechte seiner Völker. 

Ich wage die Vermutung, dass viele dieser Befürworter der Entkolonialisierung genauso wenig an den Rechten der russischen Völker interessiert sind wie Julia Nawalnaja. Sie hoffen einfach, dass der Kampf dieser Völker um ihre Zukunft Russland schwächen wird, und Russland fürchtet dies. 

Aber der Ansatz ist identisch und erkennbar. Der sowjetische Ansatz. Denn bei der Entkolonialisierung geht es nicht so sehr um den Zusammenbruch des Staates, sondern um die Gewährleistung gleicher Rechte für seine Bürger, Gemeinschaften und Völker. 

Man kann in einem Nationalstaat leben, in dem man eine Geisel der Dummheit und Unfähigkeit seiner Regierung ist. Oder man kann in einem multinationalen Staat leben, in dem Demokratie herrscht und man für seine Rechte kämpfen und sogar seinen Status in diesem Staat ändern kann. So ist es in den letzten Jahrzehnten im Vereinigten Königreich, in Spanien oder Frankreich geschehen. 

Denn in Wirklichkeit kann nur ein demokratischer, toleranter Staat die nationale Frage lösen. Und die Autokratie verlässt sich einfach auf die „Hauptnation“, auf den „großen Bruder“, um die anderen Nationen zu unterwerfen und gefügig zu machen. Das ist es, was in Putins Russland oder Genosse Xis China geschieht.

Es sollte auch klar sein, dass nicht nur ein demokratischer Staat dafür kämpfen kann, einen autoritären Staat zu schwächen, indem er ihn an die nationale Frage erinnert. Für den Autoritarismus ist die nationale Frage in anderen Ländern auch ein mächtiges Instrument zur Destabilisierung des Gegners. 

Nicht umsonst stand die Sowjetunion an der Spitze der nationalen Befreiungsbewegungen und der antikolonialen Bewegungen in aller Welt. Währenddessen lebten wir in der UdSSR selbst in einem klassischen „Gefängnis der Nationen“. 

Kein Wunder, dass die Führer der UdSSR, sobald die Position des sowjetischen Zentrums schwach wurde, eine tief verborgene stalinistische Mine nach der anderen zu sprengen begannen. Der Kreml betrachtete solche rebellischen Sowjetrepubliken wie Georgien, Moldawien oder sogar Jelzins Russische Föderation als Mini-Reiche. Indem sie nationale Unruhen auslösten, wurde ihnen gezeigt, dass nur ihre Existenz in der Sowjetunion ihre territoriale Integrität und Stabilität gewährleisten konnte. 

Die Aktivierung dieser Fallen hat die Entwicklung Georgiens und der Republik Moldau für lange Zeit gebremst, und im bereits unabhängigen Russland führten die Kriege in Tschetschenien zum faktischen Verlust der Demokratie und zur Errichtung von Putins totalitärem Regime. 

Aber Putin selbst beschloss, genau diesen Mechanismus der Nötigung gegen die Ukraine einzusetzen, als er begann, in jeder Region ein eigenes „Volk“ zu erfinden und unsere Gebiete zu annektieren. 

Gerade weil der Kreml keinen echten ethnischen Konflikt in der Ukraine herbeiführen kann, versucht er, einen zivilisatorischen Konflikt zu erfinden. Daher der Begriff „russischsprachige Bevölkerung“, die Aufteilung der ukrainischen Bevölkerung in verschiedene Arten durch russische politische Technologen und die Versuche, das Thema der nationalen Minderheiten zu aktivieren. 

Und noch einmal: Es wird für die Ukraine nicht schwer sein, diese Fallen nach dem Krieg zu vermeiden, gerade weil die Logik der europäischen Integration unseres Landes die Schaffung einer gleichberechtigten Gesellschaft impliziert, in der die Entwicklung der Sprache und Kultur der ethnischen Mehrheit mit dem Schutz der Rechte der ethnischen, sprachlichen und religiösen Minderheiten einhergeht. 

Und das ist etwas, was die Menschen in Russland nicht begreifen, weil sie nie in einer Welt mit solchen gleichen Rechten gelebt haben, nicht einmal versucht haben, saubere Luft zu atmen.