Wolhynien: Historischer Kontext eines polnisch-ukrainischen Konflikts | Oleh Kryschtopa. 13.07.2026.

Mitten im großen Krieg gegen die Moskauer Aggressoren wurden die Ukrainer plötzlich auf gesetzlicher Ebene des Völkermords beschuldigt. Sogar die Zahl der Opfer wurde genannt: 100.000 Menschen.

Wie immer roch diese Geschichte nach einer Provokation des Kremls. Doch diesmal ging es nicht um acht, sondern um achtzig Jahre. Und nicht um Russen oder das Volk des Donbas, sondern um Polen. Ausgerechnet zum 80. Jahrestag der Wolhynien-Tragödie beschloss der polnische Sejm einen neuen staatlichen Gedenktag. Genau so: den Nationalen Gedenktag für die Opfer des von ukrainischen Nationalisten an Bürgern der Republik Polen verübten Völkermords.

Die geografische Ausdehnung des Verbrechens wurde im Gesetz mit dem kolonialen Begriff „Östliche Kresy“ umrissen, also „östliche Randgebiete Polens“. Nicht einmal Wolhynien, denn Wolhynien ist schließlich ukrainisch, und das würde wie ein Eingriff in fremdes Territorium wirken. Die „Östlichen Kresy“ dagegen erscheinen wie etwas Polnisches.

Die Zahl der Opfer – 100.000 – wurde durch Abstimmung festgelegt. Die Methode ist natürlich demokratisch, aber nicht besonders historisch, vor allem dann nicht, wenn Politiker abstimmen, die ihre Karriere auf historischen Spekulationen aufbauen.

Zu den Tätern des Verbrechens wurden Einheiten der Organisation Ukrainischer Nationalisten, OUN, der Ukrainischen Aufständischen Armee, UPA, außerdem die Division „Galizien“ und andere ukrainische Formationen erklärt, die mit den Deutschen zusammenarbeiteten. Das war ein Zitat. Tatsächlich ist auch das sehr russisch oder sogar sowjetisch: Aufständische und Kollaborateure in einen Topf zu werfen, damit sie als eine einzige böse Masse im Dienst Hitlers erscheinen.

Dabei ermordeten die Nationalsozialisten nicht erfundene 100.000, sondern tatsächlich fünf Millionen Bürger der Republik Polen. Doch aus irgendeinem Grund verdächtigt das heutige Warschau sie nicht einmal des Völkermords.

Ich bin Oleh Kryschtopa. Dies ist „Geschichte für Erwachsene“. Und heute sprechen wir über diese eigentümliche Mathematik. Wir werden den wichtigsten polnischen Mythos des Zweiten Weltkriegs entlarven und endlich ehrlich über den polnisch-ukrainischen Krieg von 1943 bis 1944 erzählen. Oder waren es doch die Jahre 1939 bis 1947? Schauen wir uns das genauer an.

Nun zur Wolhynien-Tragödie oder zum Wolhynien-Massaker, wie polnische Radikale es nennen. Und nicht nur sie. Entscheidend ist hier die Methode selbst: Man nimmt ein historisches Ereignis oder Phänomen und reißt es vollständig aus seinem Kontext.

Für den Verräter Oleh Zarjow begann der Zweite Weltkrieg nicht mit dem Komplott Moskaus mit Berlin, nicht mit dem Militärbündnis, das das weltweite Gemetzel überhaupt erst auslöste und während zwei der insgesamt sechs Kriegsjahre bestand. Nein, daran zu erinnern ist heute unangenehm und unvorteilhaft.

Genauso verhält es sich mit dem Wolhynien-Massaker im polnischen Gesetz und allgemein in der heutigen offiziellen Geschichtsschreibung. Angeblich begann die gesamte Geschichte plötzlich im Jahr 1943 und hatte keinerlei Vorgeschichte. Der Versuch, nach Voraussetzungen zu suchen, gilt als Versuch, das Verbrechen zu leugnen oder infrage zu stellen. 

Auch die UPA mit der Heimatarmee zu vergleichen, sei unzulässig, denn die erste sei angeblich eine illegale Verbrecherbande gewesen, die zweite dagegen die offizielle Untergrundarmee der Exilregierung. Und überhaupt hätten die Ukrainer mit den Nationalsozialisten kollaboriert, weshalb die Symbole der UPA verboten werden müssten.

Der letzte Vorschlag wurde im Sejm eingebracht, aber nicht zur Abstimmung gestellt, weil offenbar jemand herausfand, dass die Aufständische Armee überparteilich war und ukrainische Staatssymbole verwendete: den Treizack und die blau-gelbe Flagge.

All das läuft auf den wichtigsten polnischen Mythos des Zweiten Weltkriegs hinaus. Angeblich war Polen dessen größtes, zugleich aber auch heldenhaftestes Opfer, erlitt unglaubliche Unterdrückung und Verluste, arbeitete jedoch niemals mit den Besatzern zusammen. Überall auf der Welt habe es Kollaboration gegeben, nur nicht in Polen. Deshalb schuldeten alle Polen etwas: die Deutschen Entschädigungen für die Schäden und die Ukrainer das Eingeständnis alleiniger Schuld sowie die Anpassung ihres historischen Gedächtnisses an die gegenwärtigen Vorlieben Warschaus.

All das sind natürlich Spekulationen und ein alarmierendes Signal für eine Art Putinisierung unseres westlichen Nachbarn. Das bedeutet, dass historische Ereignisse nicht in die Vergangenheit treten und nicht zum Gegenstand der Historiker werden. Nein, sie bleiben hier und heute bei uns, werden zur Begründung politischer Entscheidungen in der gegenwärtigen Realität und beeinflussen die Zukunft.

So entschied Putin, die Ukrainer seien vom Westen aufgewiegelte russische Nazis, und griff an, um alles zu „korrigieren“. Und für die polnische Rechte wird plötzlich die blutige Tragödie in Wolhynien vor achtzig Jahren zum aktuellsten Faktor in den Beziehungen zu Kyiv. Deshalb beginnt Warschau einen kognitiven Krieg gegen die Ukraine, die gerade Europa gegen Putins Horden verteidigt.

Wie es in der Politik so weit kommen konnte, werden wir etwas später erzählen. Wenden wir uns zunächst den Ereignissen in Wolhynien im Jahr 1943 zu. Und womit wir auch beginnen, zuerst müssen wir die Voraussetzungen erklären: Warum entschieden ukrainische Nationalisten gerade 1943, einen Aufstand gegen die Nationalsozialisten zu beginnen? Warum nahm dieser Aufstand auch antipolnische Züge an? Warum arbeitete der polnische Untergrund in ganzen Dörfern und Kolonien gleichzeitig mit dem roten und dem braunen Imperium zusammen? Woher kamen plötzlich polnische Kolonien in Wolhynien? Wer begann zuerst, die Zivilbevölkerung zu vernichten – Polen oder Ukrainer? Begann all das tatsächlich in Wolhynien? Und woher kamen in Polen die „Kresy“?

Die polnischen Gesetzgeber mögen uns daher verzeihen, doch wir können nicht über die Wolhynien-Tragödie sprechen, ohne die Ereignisse davor, danach und um sie herum zu schildern.

Beginnen wir mit der Frage, woher in Polen diese „Östlichen Kresy“ kamen, in denen den Polen angeblich so großes Unrecht widerfuhr. Zunächst handelt es sich um einen etwa zweihundert Jahre alten imperialen, romantischen Mythos, der entstand, als die Polen selbst unter Fremdherrschaft standen: unter russischer, österreichischer und preußischer.

Talentierte Menschen aus den östlichen Gebieten der ehemaligen Republik Polen – Wincenty Pol, Adam Mickiewicz, Juliusz Słowacki und Henryk Sienkiewicz – erzählten ihren Landsleuten: „Erinnert ihr euch? Einst herrschten auch wir hier und waren Europas unerschütterliche Mauer gegen Tataren, Türken und Moskauer.“

Das war so etwas wie die amerikanische Legende vom Wilden Westen oder die deutsche Legende von Ostpreußen, in denen unbeugsame Vertreter einer höheren Zivilisation den Wilden Kultur bringen und deren Horden aufhalten. Dabei sind die einheimischen Ureinwohner lediglich Kulisse für die eigentlichen Helden. Und dieser polnische Mythos nahm die lokalen Völker in diesen „Kresy“ weitgehend nicht wahr: Litauer, Belarussen und Ukrainer.

Dieser Mythos wurde neben anderen zur Grundlage der polnischen Wiedergeburt im 19. Jahrhundert und des Kampfes um die Unabhängigkeit im 20. Jahrhundert. Eines Kampfes, der die entsprechenden Bestrebungen jener Völker weitgehend zunichtemachte, die von den polnischen Ideologen übersehen wurden: der Litauer, Belarussen und Ukrainer.

Die Politik des „Staatschefs“ Polens – so lautete tatsächlich die Amtsbezeichnung, Staatschef Polens – Józef Piłsudskis berücksichtigte ihre Existenz zumindest teilweise. Er träumte von einer Vereinigung Polens, Litauens, der Ukraine und Belarus’ zu einer Art Föderation des Intermariums. Als dieses Projekt scheiterte, begnügte er sich mit der gewaltsamen Eroberung des Wilnaer Gebiets sowie der Westukraine und Westbelarus’. Auf Forderung des Völkerbunds verpflichtete er sich, die Rechte der nationalen Minderheiten zu achten und ihnen nationale Autonomien zu gewähren, doch er täuschte ihn.

Mehr noch: Im Dezember 1920 verabschiedete er ein besonderes Gesetz über die militärische Kolonisierung der „Östlichen Kresy“. Nach diesem Gesetz wurden polnischen Veteranen und zivilen Siedlern Grundstücke auf ukrainischem Boden zugeteilt, vor allem in Wolhynien. Darüber hinaus erhielten sie vergünstigte Kredite, Schulden wurden erlassen und das Tragen von Waffen wurde erlaubt. Gleichzeitig wurden die Landrechte der einheimischen ukrainischen Bevölkerung systematisch verletzt und die Ukrainer selbst aus den Organen der kommunalen Selbstverwaltung verdrängt. Etwa 300.000 sogenannte Osadnicy nahmen dieses Programm in Anspruch.

Die Sache ist die, dass die Zwischenkriegsrepublik Polen hinsichtlich ihrer nationalen Zusammensetzung sehr vielfältig war. Sechzehn Prozent ihrer Bürger betrachteten sich als Ukrainer. Damit bildeten sie nach den Polen die zweitgrößte ethnische Gruppe. Ein weiterer Teil der bäuerlichen Bevölkerung identifizierte sich als Ruthenen oder als „Hiesige“, jedenfalls nicht als Titularnation, also nicht als Polen. Ein weiterer Teil übernahm unter Druck oder zum Überleben eine polnische Identität.

Trotz alledem war Wolhynien von allen Woiwodschaften der Zweiten Polnischen Republik am wenigsten polnisch. Die Mehrheit der Ukrainer war hier erdrückend: siebzig Prozent gegenüber sechzehn Prozent Polen. Deshalb wurden gerade dorthin die meisten Siedler geschickt. Gerade dort entstanden für sie eigene Kolonien in monoethnischen ukrainischen Gebieten. Das Land für diese Kolonien wurde natürlich den Ukrainern weggenommen.

Wegen all dessen versuchte die neu gegründete Ukrainische Militärorganisation, UVO, bereits 1921, Piłsudski zu töten. Bald darauf betrachtete der alte Marschall Piłsudski seine Rolle beim Staatsaufbau als erfüllt und zog sich zurück.

1922 verabschiedete Warschau ein Gesetz über die Autonomie der „Östlichen Kresy“ unter einer weiteren kolonialen Bezeichnung: Ostkleinpolen. Das erinnert an „Kleinrussland“, nicht wahr? Denn alle Imperialisten denken nach denselben Mustern. Unter dem Deckmantel des Schutzes der Rechte nationaler Minderheiten erkannte der Völkerbund 1923 die polnischen Eroberungen in den Kresy endgültig an.

Nach Piłsudski kamen in Warschau jedoch die Endecja, die Nationaldemokraten, an die Macht. Trotz ihres Namens vertraten sie offen profaschistische Ansichten. Gerade sie verliehen dem italienischen Duce Benito Mussolini den Orden des Weißen Adlers.

Ihr Anführer Roman Dmowski trat für einen monoethnischen Staat und dementsprechend für die Polonisierung der nationalen Minderheiten ein. Wörtlich sagte er Folgendes, wir zitieren:

„Ein gesundes Land, das auf einem festen Fundament steht, assimiliert fremde Stämme stets politisch und kulturell, mit Gewalt oder ohne.“

Dmowski betrachtete die Polen als eine Nation, die Ukrainern, Deutschen, Litauern und Belarussen überlegen sei. Er war ein glühender Antisemit. Er bezeichnete Juden als „Parasiten schlechthin“ und träumte von ihrer Deportation. Zugleich war er ein glühender Russophiler. Er trat sowohl für ein Bündnis mit dem weißen als auch mit dem roten Russischen Imperium ein, um gemeinsam andere Slawen, Balten und Germanen zu unterdrücken.

Bereits 1924 verabschiedeten die Nationaldemokraten das sogenannte Kresy-Gesetz über zweisprachigen Unterricht in den östlichen Randgebieten. Tatsächlich bedeutete dies Polonisierung und die Verdrängung der lokalen Sprachen. In Wolhynien etwa blieb Ukrainisch nur in elf Prozent der Schulen erhalten, obwohl 77 Prozent der Bevölkerung diese Sprache sprachen. Die Zahl ukrainischer Bibliotheken sank drastisch von 2.800 auf 800.

Als die faschistischen Endecja-Anhänger durch den Staatsstreich des Föderalisten Józef Piłsudski von der Macht verdrängt wurden, wurde es aus irgendeinem Grund nicht leichter, denn Piłsudski begann nun eine Diktatur aufzubauen, die er „Sanacja-Regime“, also „Gesundung des Staates“, nannte. Und diese „Gesundung“ bedeutete die Fortsetzung der Unterdrückung nationaler Minderheiten.

Das bekannteste Beispiel der antipukrainischen Politik Polens in den 1930er Jahren ist die sogenannte Pazifizierung. In Ostkleinpolen, das wir bereits erwähnt haben, bedeutete sie Massenterror gegen die gesamte Bevölkerung durch Polizei und reguläre Truppen. Ganze Dörfer und Kleinstädte wurden umstellt, die Menschen auf die Straßen getrieben, durchsucht, geschlagen und eingesperrt. Ukrainische Einrichtungen wurden geplündert und zerstört.

Daran beteiligten sich nicht nur staatliche Organe, sondern auch nationalistische Organisationen wie die Jugendorganisation Strzelec. Sie ergänzten den Terror noch durch Morde, Vergewaltigungen und Entführungen. Später rechtfertigten sich die Polen damit, nachgewiesene Morde habe es nur einige Dutzend gegeben, und selbst diese seien durch den Widerstand der Ukrainer verursacht worden.

Doch die Wirkung war genau umgekehrt. Ukrainische Sejm-Abgeordnete versuchten zunächst, sich auf legalem Weg gegen die Repressionen zu wehren und wandten sich an den Völkerbund. Dort akzeptierte man jedoch die Beweise der polnischen Seite, während die Abgeordneten und ihre Familien Verfolgungen bis hin zu Vergiftungen ausgesetzt waren.

Daraufhin radikalisierte sich die Jugend und schloss sich der UWO und später der OUN an. Diese entschieden sich für bewaffneten Kampf und Sabotage und töteten die Verantwortlichen der Pazifizierung, darunter Innenminister Bronisław Pieracki.

So drehten sich staatlicher Terror und der Widerstand dagegen immer weiter, denn es blieb nicht bei der Pazifizierung.

  • Ab 1934 begann die sogenannte Politik der „Stärkung des Polentums“, also die gewaltsame Polonisierung und Katholisierung.
  • 1937 begann die sogenannte Revindikation – die Beschlagnahmung und Zerstörung ukrainischer orthodoxer Kirchen.
  • 1938 folgte die Polonisierungs- und „Wiederherstellungsaktion“ gegen Ukrainer und Belarussen.

Um die große Zahl ohne Gerichtsverfahren inhaftierter Ukrainer und anderer Angehöriger nationaler Minderheiten festzuhalten, nutzte das Vorkriegspolen Konzentrationslager – ebenso wie Kommunisten und Nationalsozialisten. Polnische Minister und Polizeibeamte reisten sogar ins Dritte Reich, um von ihren Kollegen bei SS und Polizei moderne Methoden zu übernehmen.

Das bekannteste polnische Lager war Bereza Kartuska. Daneben gab es aber auch Lager in Biała Podlaska und Białe Sarny.

Damit wurde Polen nach Moskau und Berlin zum dritten Staat Europas mit einem eigenen Konzentrationslagersystem.

Als dieser Staat 1939 unter den Schlägen beider Imperialismen zusammenbrach, wollten die zuvor Unterdrückten Rache nehmen. Dieses Phänomen machten sich beide Besatzungsmächte zunutze und hetzten die unterworfenen Völker gegeneinander auf.

Galizien etwa gliederten die Nationalsozialisten dem Generalgouvernement Polen an. Dort stellten sie aus einheimischen Ukrainern und später aus sowjetischen Kriegsgefangenen ungefähr zehn Polizeibataillone auf, die den polnischen Widerstand bekämpfen sollten.

Daraus ziehen Warschauer Historiker den Schluss, dass alle Nachbarvölker zu Kollaborateuren wurden – nur die Polen nicht. Und gerade damit, mit dem Kampf gegen Kollaborateure oder Vergeltungsaktionen gegen sie, rechtfertigen offizielle Warschauer Historiker sämtliche Handlungen ihrer Untergrundkämpfer.

Paradoxerweise begann Wolhynien 1943 jedoch in der Region Chełm bereits 1942. Dort war die ukrainische Gemeinschaft schwächer und der polnische Untergrund stärker. Deshalb stützten sich die Nationalsozialisten nach dem Prinzip „Teile und herrsche“ auf die Ukrainer, während diese ihrerseits eher Unterstützung bei den Besatzern suchten, in Verwaltungsorgane eintraten und Selbstverteidigungseinheiten bildeten.

Die ersten Angriffe auf die Zivilbevölkerung ereigneten sich deshalb gerade hier – bereits im Jahr 1942. Zunächst verübten Einheiten der polnischen Untergrundorganisationen Heimatarmee (AK) und Bauernbataillone (BCh) gezielte Terrorakte gegen ukrainische Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens.

Betroffen waren sowohl Dorfschulzen, Mitglieder des Ukrainischen Hilfskomitees als auch gesellschaftliche Aktivisten – etwa orthodoxe Priester, Agronomen oder Menschen, die sich für den Wiederaufbau jener Kirchen einsetzten, die während der Pazifizierung zerstört worden waren.

Die Zahl der Opfer dieses individuellen Terrors erreichte mehrere Hundert. Nach Angaben des Ukrainischen Hilfskomitees wurden allein im Kreis Zamość im Jahr 1942 insgesamt 123 Ukrainer ermordet, im Kreis Hrubieszów sogar 258.

Wenn individueller Terror ein solches Ausmaß annimmt, geht er zwangsläufig in Massenterror über.

Bereits im Januar 1942 begannen die Bauernbataillone, Bauern im Kreis Chełm zu beschießen, weil sie das orthodoxe Weihnachtsfest feierten. Dabei wurden mindestens neun Menschen getötet.

Im August 1942 folgte dann die erste Massenhinrichtung von Zivilisten. Ein Trupp der Heimatarmee umzingelte das Dorf Pasieka bei Hrubieszów, trieb sämtliche Männer in das Schulgebäude, erschoss sie dort und setzte das Gebäude anschließend in Brand.

In den Jahren 1942–1943 zerstörten polnische Formationen mehr als hundert ukrainische Dörfer vollständig oder teilweise.

Zu den bekanntesten ukrainischen Opfern in der Region Chełm gehörte der Oberst der Armee der Ukrainischen Volksrepublik und Anführer des antibolschewistischen Aufstands am rechten Dneprufer, Jakiw Haltschewskyj-Wojnarowskyj, Deckname „Orel“.

1939 verteidigte er Polen an der Spitze des Territorialverteidigungsbataillons Brodnica und nahm an der Gegenoffensive bei Kutno teil. 1943 organisierte „Orel“ die ukrainische Selbstverteidigung im Raum Hrubieszów. Dafür wurde er von Angehörigen des Untergrunds der Heimatarmee ermordet.

Und genau damit rechtfertigten diese sämtliche ihrer Handlungen in der Region Chełm. Man behauptete: Die Ukrainer – ob mit oder ohne Waffen – seien Kollaborateure, während die Polen niemals mit den Nationalsozialisten oder anderen Feinden zusammengearbeitet hätten, sondern ausschließlich gegen sie kämpften und deshalb im Recht seien.

Doch das ist eine Lüge. Denn erstens arbeitete das gesamte polnische Repressionssystem der Vorkriegszeit – die sogenannte Blaue Polizei (Granatowa Policja) – unter deutscher Besatzung nahezu unverändert weiter. Lediglich deutsche Offiziere der Ordnungspolizei und der SS wurden in ihre Führung integriert. Ihre Personalstärke lag zwischen 11.000 und 16.000 Mann.

In verschiedenen Jahren entstanden außerdem Sonder- und Freiwilligeneinheiten, darunter der sogenannte Sonderdienst unter dem Dach von Gestapo und SS sowie die Propagandalegion „Weißer Adler“ innerhalb der SS-Truppen. Auch eigenständige polnische Polizeibataillone existierten – unter den Nummern 107 und 202.

Sie waren allerdings nicht in Polen eingesetzt, sondern in Wolhynien, wo sie gemeinsam mit den Nationalsozialisten den ukrainischen Widerstand bekämpften.

Hinzu kamen bis zu einer halben Million Polen, die als angebliche Volksdeutsche zur Wehrmacht eingezogen wurden. In Warschau erinnert man daran äußerst ungern.

Als das Museum von Danzig 2025 eine Ausstellung über sie unter dem Titel „Unsere Jungs“ organisierte, wurde diese von sämtlichen politischen Kräften verurteilt, weil sie den Mythos von der ausschließlichen Opferrolle Polens im Zweiten Weltkrieg zerstört.

Tatsächlich ist die Wirklichkeit nicht schwarz-weiß. Verrat geht oft Hand in Hand mit Heldentum, denn das eine schließt das andere nicht aus.

Sowohl Polen als auch Ukrainer versuchten, die Besatzungsmächte für ihre eigenen Ziele zu nutzen – vor allem, um Waffen und militärische Ausbildung zu erhalten und sie gegen ihre jeweiligen Gegner einzusetzen. Gleichzeitig bereiteten beide Seiten einen Aufstand vor – jede ihren eigenen.

Das Problem der nationalen Widerstandsbewegungen im gesamten besetzten Europa bestand darin, dass sie den Nationalsozialisten von vornherein militärisch unterlegen waren und offene bewaffnete Aufstände zum Scheitern verurteilt gewesen wären. Deshalb entschieden sich sowohl die europäische Résistance als auch die polnische Heimatarmee für die Taktik des Attentismus, also des Abwartens, des heimlichen Ansammelns von Kräften und Waffen. 

Der Zeitpunkt für einen bewaffneten Aufstand sollte erst kommen, wenn wenigstens eine minimale Aussicht auf Erfolg bestand. Deshalb brachen der Warschauer Aufstand, der Pariser Aufstand, der Prager Aufstand und der Slowakische Nationalaufstand erst aus, als sich die Front näherte und die alliierten Truppen heranrückten.

Die Ukrainer hingegen konnten sich den Luxus von Verbündeten in diesem Krieg nicht leisten. Zeit zum Warten hatten sie ebenfalls nicht, denn die Besatzer vernichteten, plünderten und verschleppten die Bevölkerung zur Zwangsarbeit und hetzten zugleich die unterdrückten Völker gegeneinander auf.

Der sowjetische Saboteur Dmitri Medwedew überlieferte folgendes Zitat des nationalsozialistischen Statthalters in der Ukraine, Erich Koch:

„Der Ukrainer soll vor Verlangen brennen, den Polen zu töten, und umgekehrt. Und wenn sie bei Gelegenheit gemeinsam auch noch einen Juden töten, dann ist das genau das, was wir brauchen.“

Ende des Zitats.

Deshalb sah man die polnischen Kollaborationsbataillone nicht in Polen – sie operierten ausschließlich in Wolhynien. Gleichzeitig wurden in der Ukraine Ausbildungslager für russische, kosakische und sogenannte Ostlegionen eingerichtet, die ebenfalls als Besatzungstruppen eingesetzt wurden.

So kämpfte gegen die Polissja-Sitsch von Taras Bulba-Borowez, die zum Partisanenkrieg gegen die Nationalsozialisten übergegangen war, das 2. Donkosaken-Regiment, das in Schepetiwka aus gefangenen Russen aufgestellt worden war.

Und wo befand sich das einzige Ausbildungslager für ukrainische Freiwillige der Wehrmacht? Natürlich im zentralen Polen, in der Stadt Piotrków Trybunalski, bei Radom.

So sahen Ukrainer und Polen ineinander – zusätzlich zu den alten Feindschaften – nicht Mitstreiter im gemeinsamen Unglück, sondern Helfer des jeweiligen Feindes.

Deshalb ging der Widerstand gegen die Besatzer meist mit Racheakten an den Nachbarn für alte und neue Kränkungen einher.

In der Region Chełm war die polnische Untergrundbewegung stärker und lenkte bereits seit 1942 den Hass ihrer Anhänger gegen ukrainische Zivilisten. In Wolhynien geschah dasselbe – nur umgekehrt.

Bereits im April 1942 beschloss die Zweite Konferenz der revolutionären OUN (OUN-B), nicht länger abzuwarten und unmittelbar zur Revolution überzugehen. Im Oktober 1942 entschied die Militärkonferenz der Nationalisten, mit der Aufstellung bewaffneter Einheiten der OUN zu beginnen.

Die ersten Hundertschaften entstanden in Wolhynien und übernahmen den von Taras Bulba-Borowez bereits bekannt gemachten Namen UPA – Ukrainische Aufständische Armee.

De facto entstanden die ersten bewaffneten Einheiten der UPA im Winter 1942/43. Als offizielles Gründungsdatum der Armee wurde jedoch der 14. Oktober 1942, das Fest der Fürbitte der Gottesmutter und zugleich der Tag des ukrainischen Kosakentums, festgelegt. An diesem Tag fasste die Militärkonferenz der OUN den entsprechenden Beschluss.

Bereits im Februar 1943 begann der ukrainisch-deutsche Krieg. Die Aufständischen griffen Stützpunkte der Besatzer in Wolodymyrez, Kremenez, Uman und weiteren Städten Wolhyniens an.

Nachdem sie ihre Stärke demonstriert hatten, wandten sie sich an jene Ukrainer, die sich im deutschen Dienst befanden. Ihnen wurde Vergebung ihrer früheren Verfehlungen versprochen, wenn sie mit Waffen in der Hand zu den Aufständischen überliefen.

Die Organisation dieses Übertritts übernahmen OUN-Agenten innerhalb dieser Formationen. So versuchte die OUN bereits im Sommer 1941 in Luzk eine eigene Kampfeinheit aufzubauen – die Sondereinheit Jewhen Konowalez. 

Die Nationalsozialisten erlaubten jedoch keine ukrainische Armee und wandelten das Regiment in eine paramilitärische Schule für landwirtschaftliche Kommandanten des Landdienst Ukraine um. Den Männern ließ man Waffen und Uniformen – ein folgenschwerer Fehler. 

Denn im März 1943 liefen mehr als 300 Lehrgangsteilnehmer unter Führung des Stabschefs und OUN-Agenten Stepan Kowal, Deckname Rubaschenko, bewaffnet zur UPA über. Später entstand aus dieser Einheit das Aufständischenregiment Kotlowyna.

Ganz Wolhynien geriet in Bewegung. Tausende Polizisten und Freiwillige liefen zur UPA über. Die Nationalsozialisten verloren die Kontrolle über ganze Regionen. Es entstanden regelrechte Partisanenrepubliken: die Republik Kolky, die Republik Antoniwka und die Sitsch in den Wäldern des Rajons Turijsk. Die Ortschaft Kolky wurde von der Einheit Kowal-Rubaschenkos eingenommen und zur provisorischen Hauptstadt der Ukraine erklärt.

Der Generalkommissar für Wolhynien und Podolien, Heinrich Schoene, berichtete am 30. April 1943:

„Nationalukrainische Banden beherrschen die westlichen und südlichen Gebiete Wolhyniens. Das, was sich in Bezirken wie Horochiw, Luboml, Dubno, Kremenez und teilweise Luzk abspielt, ist als Aufstand zu bewerten.“

Auch der sowjetische Partisanenkommandeur Iwan Schytow bestätigte dies. Während seines Vorstoßes in die Westukraine meldete er:

„Die nationalistische Bewegung hat sich bis zum Niveau eines bewaffneten Aufstands ausgeweitet. Gegen die Deutschen werden aktive Kämpfe geführt. Auf deutschen Karten sind neue Bezeichnungen erschienen: Gebiete des nationalukrainischen Bandenaufstands.“

Gemeint waren eben jene Partisanenrepubliken.

Der sowjetische Partisanengeneral Petro Werschyhora beschrieb sie mit bemerkenswerter Offenheit:

„Die wirtschaftliche Lage in den von der UPA kontrollierten Gebieten ist besser als in den sowjetischen Regionen. Die Bevölkerung lebt wohlhabender und wird weniger ausgeplündert. Von Ablieferungsquoten weiß man dort nichts.“

Ende des Zitats.

Genau darin bestand das Wesen des ukrainischen Aufstands: der Schutz der eigenen Bevölkerung und ihres Eigentums.

Die Ausfuhr von Getreide und Zwangsarbeitern aus Wolhynien und Podolien nach Deutschland ging plötzlich um das Fünffache zurück. Hitler konnte das nicht hinnehmen.

Wie reagierten die Nationalsozialisten? Zunächst propagandistisch. Sie erklärten, Stepan Bandera, der zu diesem Zeitpunkt im Konzentrationslager Sachsenhausen inhaftiert war, sei – wer hätte es gedacht – ein Agent des Kremls.

Auf einem nationalsozialistischen Flugblatt heißt es:

„Im Namen des Massenmörders von Winnyzja und Katyn, des roten Genossen Stalin, wird der ukrainische Bandenführer Bandera feierlich zum Oberbolschewiken der Sowjetukraine ernannt.“

Eine bemerkenswerte Behauptung.

Darüber hinaus setzte Hitler trotz des Mangels an Truppen an der Front Fronteinheiten und die Luftwaffe gegen die Aufständischen ein.

Die Republik Antoniwka fiel im August 1943. Kolky hielt sich sogar bis November.

Das bedeutete, dass die gerade erst gegründete UPA ein Gebiet bei Luzk befreit hatte, dort ihre eigene Verwaltung und sogar eine eigene Währung – die Bofony – einführte, wirtschaftliche Maßnahmen sowie Mobilisierungen organisierte und Wehrmacht und SS es ein halbes Jahr lang nicht schafften, diese Strukturen zu beseitigen.

Schließlich eroberten die Nationalsozialisten das Gebiet der ukrainischen Republiken nach schweren Kämpfen zurück und verkündeten den Sieg über die UPA.

Das war allerdings eine sehr gewagte Behauptung. Selbst die Einheit von Stepan Kowal-Rubaschenko, die Kolky verteidigt hatte, konnte den deutschen Einschließungsring durchbrechen und kämpfte noch viele Jahre weiter. Rubaschenko selbst erlebte sogar noch die Unabhängigkeit der Ukraine.

Natürlich gab es auch schwere Verluste. So fiel der erste Oberbefehlshaber der UPA, Wassyl Iwachiw, im Kampf gegen die Nationalsozialisten.

Seinen Platz nahmen jedoch nicht weniger fähige militärische Führer ein: der Organisator der UPA in Wolhynien Dmytro Kljatschkiwskyj (Klym Sawur) sowie der Oberbefehlshaber Roman Schuchewytsch, enger Weggefährte Stepan Banderas, ehemaliger Soldat der polnischen Armee, Teilnehmer der Kämpfe um die Karpatenukraine und Angehöriger des Bataillons Nachtigall. Seine Erfahrung und seine Fähigkeiten reichten für weitere Jahrzehnte des Kampfes gegen beide totalitären Regime aus.

Die Armee wuchs rasch und gewann an Stärke. Die Nationalsozialisten schätzten ihre Stärke auf 100.000 Kämpfer. Sie war nicht länger ausschließlich eine Bandera-Armee. Menschen unterschiedlichster politischer Überzeugungen und sogar verschiedener Nationalitäten wurden aufgenommen.

Die politische Führung wurde der Untergrundregierung, dem Ukrainischer Oberster Befreiungsrat, übertragen. Das neue Motto des Kampfes lautete ausgesprochen liberal: „Freiheit den Völkern – Freiheit dem Menschen.“

Hier gelangen wir zur dunklen Seite des ukrainischen Aufstands. Als sich die ukrainische Polizei in Wolhynien erhob und in die Wälder ging, verteilten die Deutschen kurzerhand Waffen an die Polen.

Der bereits erwähnte sowjetische Partisanenkommandeur Iwan Schytow berichtete im Mai 1943 nach Moskau:

„Die Polen fliehen in die Kreiszentren, wo die Deutschen die jungen Männer in die Polizei aufnehmen und die übrigen nach Deutschland schicken. Die polnischen Polizisten werden gegen die ukrainischen Nationalisten eingesetzt.“

Die Situation in der Region Chełm wiederholte sich – nur spiegelverkehrt und in wesentlich größerem Maßstab.

Im Verlauf des Jahres 1943 befanden sich der polnische Untergrund und die gesamte polnische Bevölkerung in der Defensive und arbeiteten in großem Umfang mit den Nationalsozialisten zusammen.

Die Stärke der UPA erreichte bis zum Sommer rund 12.000 Kämpfer und bis zum Jahresende etwa 20.000.

Demgegenüber verfügte die 27. Wolhynische Division der Heimatarmee (AK) über ungefähr 1.300 aktive Kämpfer, während weitere rund 3.600 Männer den Selbstverteidigungseinheiten beitraten und Waffen von den Nationalsozialisten erhielten.

Die Entwicklung folgte demselben Muster. Die ukrainischen Aufständischen begannen zunächst einen Terror gegen Kollaborateure und Selbstverteidigungseinheiten, der sich bald auf die zwischen den Kriegen gegründeten Siedlerkolonien und anschließend auch auf alte polnische Dörfer ausweitete.

Ein Befehl Kljatschkiwskyjs oder Schuchewytschs zur vollständigen Vernichtung der andersnationalen Bevölkerung wurde bis heute nicht gefunden – oder er hat überhaupt nie existiert.

Im Gegenteil: Es gibt zahlreiche Aufrufe an die Polen, den Nationalsozialisten im Kampf gegen die Ukrainer keine Hilfe zu leisten.

Andernfalls drohte man ihnen – Zitat – mit einer „neuen Hajdamaken- und Kolijiwschtschyna“.

Für den internen Gebrauch gab Klym Sawur vage Anweisungen heraus, das „polnische Element zu verdrängen“, und versprach den Bauern zur Gewinnung ihrer Unterstützung die Verteilung des enteigneten Landes.

Das Ergebnis war ein völlig sinnloser ukrainisch-polnischer Krieg mit ethnischen Säuberungen und Zehntausenden Opfern auf beiden Seiten.

Das offizielle Warschau bezeichnet den 11. Juli 1943 als Höhepunkt des von der UPA verübten Völkermords. An diesem und den folgenden Tagen begann die UPA eine groß angelegte Offensive gegen etwa hundert polnische Kolonien und Selbstverteidigungsstützpunkte. Die meisten hielten den Angriffen nicht stand und wurden vernichtet.

An dieses Datum knüpft Polen heute den staatlichen Gedenktag für die Opfer des Wolhynien-Massakers.

Ukrainische Historiker widersprechen dieser Darstellung in der Regel, weil das Morden bereits früher begonnen habe und keineswegs einseitig gewesen sei.

So nennt das Ukrainische Institut für Nationales Gedenken den 19. April 1943 als Beginn der polnisch-ukrainischen Auseinandersetzung in Wolhynien. An diesem Tag verbrannten deutsche und polnische Polizeieinheiten das ukrainische Dorf Krasnyj Sad und töteten sämtliche Bewohner – 104 Menschen unterschiedlichen Alters und Geschlechts.

In den beiden folgenden Tagen transportierten Selbstverteidigungseinheiten den Besitz der Ermordeten in die nahegelegene polnische Kolonie Andrzejówka.

Die Ruinen des Dorfes wurden anschließend niedergebrannt. Das Dorf wurde nie wieder aufgebaut.

Dabei war die Verhängnisvollkeit dieses Konflikts offensichtlich. Bereits im Juli 1943 bezeichnete das Kommando der UPA die Lage als „Provokation der Gestapo“ und rief – Zitat –

„beide Völker, das polnische und das ukrainische, dazu auf, sich gegenseitig im Kampf für die staatliche Unabhängigkeit zu unterstützen.“

Doch die Kämpfe griffen inzwischen auch auf Galizien und das gesamte Gebiet jenseits der Curzon-Linie über und dauerten auf ukrainischer Seite mindestens bis zum Frühjahr 1944 an.

Mit dem Eintreffen der Roten Armee schlug das Pendel in die entgegengesetzte Richtung aus. Polnische Selbstverteidigungseinheiten, die zuvor bereits intensiv mit sowjetischen Saboteuren und Partisanen gegen die UPA zusammengearbeitet hatten, traten nun den Vernichtungsbataillonen des NKWD und der prosowjetischen Armia Ludowa bei.

Auch die Kämpfe gegen die polnischen Unabhängigkeitskämpfer der Heimatarmee und ihrer Nachfolgeorganisationen Freiheit und Unabhängigkeit (WiN) sowie der Nationalen Streitkräfte (NSZ) hielten an. In dieser Phase gingen die meisten Massaker an Zivilisten gerade auf ihr Konto.

Zu den bekanntesten Beispielen gehören die Vernichtung des Dorfes Sahryń sowie das Massaker von Hrubieszów im März 1944. Dort wurden bis zu 1.240 Ukrainer getötet, darunter mehr als hundert Kinder. Am selben Tag griff die Heimatarmee außerdem etwa zehn weitere ukrainische Dörfer in der Region Chełm an.

Ein Jahr später, im März 1945, vernichtete eine Einheit der Heimatarmee das Dorf Pawłokoma. Dort wurden 366 Ukrainer, darunter Frauen und Kinder, grausam ermordet. Im April wurde das Dorf Piskorowice, im Juni Werchowyna zerstört – und so weiter.

Öl ins Feuer der ukrainisch-polnischen Auseinandersetzung gossen beide Imperien gleichermaßen.

Über die Nationalsozialisten haben wir bereits gesprochen. Hier ein weiteres Beispiel.

Am 12. Juli 1943 griff eine UPA-Hundertschaft unter dem Kommando von Wassyl Lywotschko das Dorf Poryzk in Wolhynien an. Etwa fünfzig polnische Zivilisten wurden in die Kirche getrieben und dort getötet.

Ein Jahr später führte derselbe Lywotschko das Bataillon Hajdamaky in einen Hinterhalt. Er selbst tauchte in seiner Heimat in der Uniform eines Hauptmanns des NKWD auf.1945 enttarnte ihn die UPA als feindlichen Agenten und erschoss ihn zusammen mit fünfzehn Leibwächtern.

Das praktische Verständnis dafür, dass gegenseitiges Abschlachten nicht zum Sieg, sondern in die Hölle führt, kam erst viel zu spät.

Besonders anschaulich zeigt dies das Schicksal von Marian Gołębiewski. 

Siehe: Über Marian Gołębiewski

Er war der erste Kommandeur des Bezirks Hrubieszów der Heimatarmee. Gerade er gab den Befehl zur Vernichtung der ukrainischen Dörfer Pryhoryle, Mytke, Sahryń, Schychowytschi, Terebin, Stryschynez, Trukowytschi und weiterer Ortschaften, weil sie die UPA unterstützten. Diese ethnische Säuberung wird von polnischen Historikern als „Hrubieszówer Revolution“ bezeichnet.

Nach der Auflösung der Heimatarmee legte Gołębiewski die Waffen nicht nieder. Im Mai 1945 organisierte er aus eigener Initiative ein Treffen mit Vertretern des Obersten Ukrainischen Befreiungsrats, um über Frieden und ein militärisches Bündnis zu sprechen.

Beide Seiten erkannten ihr gemeinsames Streben nach Unabhängigkeit an und vereinbarten eine Zusammenarbeit. Den Höhepunkt dieser Entwicklung bildete der gemeinsame Angriff von UPA und Heimatarmee auf die Stadt Hrubieszów.

Dabei wurden bis zu dreißig NKWD-Angehörige getötet, Gefangene und Geiseln befreit sowie Listen feindlicher Agenten in der Region erbeutet.

Es existiert sogar ein gemeinsames Foto polnischer und ukrainischer Kämpfer nach dieser Schlacht. Die polnische Exilregierung erkannte dieses taktische Bündnis jedoch nicht an.

Gołębiewski verbrachte zehn Jahre im Gefängnis, erlebte später die Unabhängigkeit Polens und wurde zum einzigen polnischen Veteranen des Zweiten Weltkriegs, der sich öffentlich dafür einsetzte, den Kämpfern der UPA in Polen den Status von Kriegsveteranen zuzuerkennen.

Ein gesondertes Thema ist die Zahl der Opfer dieses sogenannten Völkermords.

Polnische Historiker und Publizisten nannten im Laufe der Zeit sehr unterschiedliche Zahlen.

Zunächst ging man davon aus, dass vor dem Krieg mehr als 300.000 Polen in Wolhynien lebten, weshalb man praktisch alle oder fast alle von ihnen zu den Opfern zählte.

Später stellte sich jedoch heraus, dass infolge der Deportationen, des Bevölkerungsaustauschs, der Repressionen und der Flucht in den Jahren 1939–1941 dort nur noch etwa ein Drittel dieser Zahl verblieben war.

Dennoch kursiert heute im öffentlichen Raum Polens die Zahl von 100.000 bis 120.000 Opfern. Genau diese Zahl wurde inzwischen auch gesetzlich im Zusammenhang mit dem angeblichen Völkermord in den Östlichen Kresy festgeschrieben.

Doch auch diese Zahl ist offensichtlich problematisch. In zahlreichen Dokumenten wird von einer massenhaften Flucht der polnischen Bevölkerung aus Wolhynien in größere Garnisonsstädte und anschließend weiter nach Polen berichtet. Dort verbreiteten die Flüchtlinge vielfach übertriebene Berichte über die Grausamkeiten der Banderisten.

So wurde beispielsweise die bereits erwähnte Kolonie Andrzejówka, deren Selbstverteidigung das Dorf Krasnyj Sad niederbrannte und plünderte, überhaupt nicht vernichtet. Die gesamte Bevölkerung wurde im Januar 1944 gemeinsam mit den sich zurückziehenden deutschen Truppen organisiert evakuiert.

Sowohl ukrainische als auch seriöse polnische Historiker gehen anhand dokumentierter Quellen heute von etwa 35.000 polnischen Todesopfern in Wolhynien in den Jahren 1943–1944 sowie von 10.000 bis 12.000 getöteten Ukrainern aus.

Das bedeutet, dass beide Untergrundarmeen die Zivilbevölkerung der jeweils anderen Seite angriffen. Die UPA verfügte in Wolhynien lediglich über größere Kräfte.

Dieses Ungleichgewicht wird jedoch dadurch ausgeglichen, dass in den Regionen Chełmer Land, Nadsanje und Podlachien zwischen 1943 und 1947 10.000 bis 15.000 friedliche Ukrainer getötet wurden.

Die übrigen wurden im Zuge der Aktion Weichsel und ähnlicher Maßnahmen in die Sowjetunion oder in die westlichen Gebiete Polens deportiert.

Insgesamt verloren infolge der Deportationen der Jahre 1944 bis 1951 rund 750.000 Ukrainer auf dem Gebiet der Volksrepublik Polen ihre Heimat. Umgekehrt wurden aus der Ukrainischen SSR fast 790.000 Polen und Juden nach Polen umgesiedelt.

Aus heutiger Sicht erscheinen der polnisch-ukrainische Krieg und die gegenseitigen ethnischen Säuberungen der 1940er Jahre als ein gemeinsamer blutiger Irrtum und selbstverständlich als ein Verbrechen. Massenmorde an Zivilisten sind – ungeachtet ihrer Voraussetzungen, Begründungen oder Rechtfertigungen – unzulässig.

Die einzig vernünftige Haltung zu diesem Kapitel der Geschichte formulierte bereits der bedeutende Vertreter der polnischen Emigration Jerzy Giedroyc:

„Wir vergeben und bitten um Vergebung.“

Denn – erneut ein Zitat –

„Ohne eine unabhängige Ukraine gibt es kein unabhängiges Polen.“

Auch dies sagte Giedroyc.

Vor ihm hatten bereits Marschall Józef Piłsudski und dessen Ministerpräsident Ignacy Daszyński dieselbe Überzeugung vertreten.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion schien es, als hätten beide Völker diese Grundsätze verinnerlicht.

Im Juni 1994 reichten sich auf einem internationalen Seminar bei Warschau der letzte Oberbefehlshaber der UPA Wassyl Kuk und der Veteran der 27. Wolhynischen Division der Heimatarmee, Tytus Kołakowski, als Zeichen der Versöhnung die Hand. Zwei Jahre später traf sich Kuk in Luzk mit dem Vorsitzenden des Wolhynischen Bezirks des Weltverbands der Veteranen der Heimatarmee.

Im Jahr 2003 gedachten die Präsidenten der Ukraine und Polens, Leonid Kutschma und Aleksander Kwaśniewski, gemeinsam der Opfer der Tragödie. Später erwies auch der ukrainische Präsident Wiktor Juschtschenko den getöteten Polen seine Ehre.

Parallel dazu entwickelten sich jedoch andere Prozesse. Im Jahr 2013 forderten 148 Abgeordnete der Werchowna Rada, Mitglieder der Partei der Regionen und der Kommunistischen Partei, den polnischen Sejm auf, die Wolhynien-Tragödie als Völkermord am polnischen Volk anzuerkennen.

Dieselben Politiker organisierten Wanderausstellungen in ukrainischen und polnischen Städten, die sich spekulativ mit den Verbrechen der UPA befassten.

Angeführt wurde dieser Prozess von Personen, die später ihre Heimat verrieten und den russischen Besatzern halfen: Dmytro Tabatschnyk, Wolodymyr Saldo, Jewhen Balyzkyj, Oleh Zarjow, Wadym Kolesnitschenko und andere ihresgleichen.

Um diesem Narrativ entgegenzuwirken, bat der ukrainische Präsident Petro Poroschenko während seiner Rede im polnischen Sejm die Polen um Vergebung für die Ereignisse in Wolhynien. Später kniete er sogar vor einem Denkmal für die Opfer der Tragödie nieder.

Doch gerade daran knüpfte die polnische Rechte an, angeführt vom Senator der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) Jan Żaryn. Sie brachte die Forderung in den öffentlichen Diskurs ein, die Wolhynien-Tragödie als Völkermord anzuerkennen und der Ukraine die Ehrung von OUN und UPA zu verbieten. Dies traf auf eine ohnehin vorhandene Alltagsxenophobie eines Teils der polnischen Bevölkerung gegenüber ukrainischen Migranten. 

Dabei war es Moskau, das Polen viermal teilte, drei nationale Aufstände niederschlug sowie Millionen Polen ermordete und deportierte. Allein während der sogenannten „Polnischen Operation“ des NKWD im Jahr 1937 wurden 111.091 Polen erschossen, weitere 30.000 in den Gulag verschleppt. In Katyn wurden Zehntausende Angehörige der militärischen und staatlichen Elite des polnischen Volkes ermordet. Doch einen Völkermord erkannte das polnische Parlament darin nicht.

Ebenso erhebt Warschau keine entsprechenden Vorwürfe gegen Deutschland wegen der Ermordung von fünf Millionen polnischen Staatsbürgern durch die Nationalsozialisten. Von Berlin werden gelegentlich lediglich materielle Entschädigungen verlangt. Das klingt realistischer und kommt dem Geschmack eines wenig anspruchsvollen Wählers stärker entgegen.

Im Jahr 2026 erreichte die historische Offensive gegen die Ukraine ihren Höhepunkt. Der polnische Präsident Karol Nawrocki verlangte, Präsident Wolodymyr Selenskyj den Orden des Weißen Adlers abzuerkennen, weil dieser die UPA geehrt hatte. Daraufhin verzichteten sämtliche noch lebenden Präsidenten der Ukraine ihrerseits auf ihre Auszeichnungen mit dem Weißen Adler.

Die Warschauer Zeitschrift „Kultura Liberalna“ erklärte dieses Phänomen in einem Artikel mit dem Titel:

„Polen ist auf die Subjektivität der Ukraine nicht vorbereitet.“

Darin heißt es, Warschau betrachte Kyiv weiterhin als jüngeren Bruder – doch diese Zeit sei längst vorbei.

Ob der Sejm und der Präsidentenpalast im Belvedere diese neue Realität verstehen werden, wird die nahe Zukunft zeigen. Ob wir zu einer besseren Zukunft zurückkehren oder in einer düsteren Vergangenheit verharren werden.

Denn die Polen sind zugleich unsere historischen Gegner und unsere historischen Verbündeten. Mit ihnen hatte es niemals jemand leicht. Nicht einmal der Vater der polnischen Nation, Józef Piłsudski. Erinnern Sie sich an seinen berühmten Ausspruch?

„Die Nation ist großartig – nur die Menschen sind Hurensöhne!“


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Правда про Волинь, яку приховували десятиліттями! Ось хто насправді розпалив кривавий конфлікт. Олег Криштопа. 13.07.2026.
Autor: Oleh Kryschtopa
Veröffentlichung: 13.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Der Krieg der Erinnerungen: Wem nützt der polnisch-ukrainische Geschichtsstreit? Oleh Cheslavskyi. 04.07.2026.

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Es gibt ein Spiel, das zwei Völker unendlich lange spielen können – und gewinnen wird dabei immer ein Dritter. Es ist das Spiel der Abrechnung. Wer wen zuerst, wer wen mehr, wessen Dörfer häufiger brannten und wessen Kinder tiefer begraben liegen. Die Regeln sind einfach: Du legst deine Toten auf den Tisch, ich lege meine darauf, und so geht es weiter, bis zwischen uns nichts mehr errichtet werden kann außer einer gemeinsamen Grube. Moskau kennt diese Regeln besser als wir beide, denn es hat sie selbst geschrieben.

Wie man uns beibrachte, richtig zu hassen

Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb Polen formal ein Staat, tatsächlich aber war es ein Gebiet unter totalitärer Kontrolle Moskaus – durch das Marionettenregime der Volksrepublik Polen und die Geheimdienste UB und SB, die bis in die letzte Dienststelle hinein vom NKWD und später vom KGB gelenkt wurden. Und diesem Apparat war eine ganz konkrete Aufgabe gestellt. Nicht nur, die Polen in Unterwerfung zu halten. Sondern auf Dauer jede mögliche Allianz der beiden unterdrückten Völker – der Ukrainer und der Polen – gegen ihren gemeinsamen Feind unmöglich zu machen, dessen Name russischer Imperialismus lautet.

Die Methode war in ihrer Einfachheit elegant. Die sowjetische Propaganda konstruierte eine schwarz-weiße Assoziationskette, in der jede kompromisslose nationale Befreiungsbewegung automatisch das Etikett erhielt: Faschismus, Banditentum, Massaker. Die tragischsten Seiten des polnisch-ukrainischen Krieges, vor allem Wolhynien, wurden aus dem Gesamtkontext des Kampfes um Staatlichkeit herausgerissen, übersteigert und zu einem grundlegenden emotionalen Trigger gemacht. Nicht zu einem Gegenstand der Forschung. Sondern zu einem Knopf.

Und dieser Knopf funktioniert bis heute. Die heutige scharfe Reaktion eines Teils der polnischen Gesellschaft schon auf das Wort „Banderowez“ ist zu einem großen Teil das Auslösen eines Reflexes, der von eben jenem Apparat eingeprägt wurde. Hier muss man bis zum Ende ehrlich sein, denn genau daran zeigt sich wahre Ehrlichkeit: Die Wolhynien-Tragödie ist keine Erfindung des KGB. Sie hat stattgefunden, sie ist dokumentiert, sie wurde vom polnischen Sejm anerkannt, und für das familiäre Gedächtnis der Polen ist sie eine offene Wunde und keine propagandistische Konstruktion. Das sowjetische System hat sie im Übrigen jahrzehntelang verschwiegen, weil ein Massaker zwischen „Brudervölkern“ das Bild der Völkerfreundschaft störte. Doch den Deutungsrahmen des Ukrainertums als solchem, die Optik, durch die ein Pole jede ukrainische Befreiungsbewegung betrachtet, schuf gerade die sowjetische Maschinerie. Und heute schafft Russland diese Wunde nicht. Es vertieft sie. Es genügt, ein Streichholz hinzuhalten.

Die Symmetrie, die man in Moskau nur ungern schwarz auf weiß sähe

Um die ukrainische Seite dieses Krieges ohne sowjetische Brille zu verstehen, muss man nicht mit dem Jahr 1943 beginnen, sondern mit 1918. In der Zwischenkriegszeit verübte die Zweite Polnische Republik eine bewaffnete Aggression gegen die Westukrainische Volksrepublik, besetzte die westukrainischen Gebiete und führte ein Regime der Zwangsassimilation ein. Die Osadnik-Politik, also die Kolonisierung ukrainischer Gebiete durch polnische Militärangehörige. Die Schließung ukrainischer Schulen. Die Zerstörung von Kirchen. Die „Pazifizierung“ – massenhafte Strafaktionen gegen die ukrainische Zivilbevölkerung. Den Ukrainern wurden systematisch alle legalen Instrumente genommen, ihre Rechte zu verteidigen –     und anschließend wunderte man sich, dass diese Verteidigung in die Illegalität abglitt.

Die Radikalisierung der OUN war eine direkte, symmetrische Antwort auf den staatlichen Terror und auf die hartnäckige Weigerung, den Ukrainern das Recht auf einen eigenen Staat zuzugestehen. Und hier drängt sich eine Analogie auf, vor der die polnische Geschichtsschreibung lieber die Augen verschließt. Das genaueste Gegenstück zu Bandera und der UPA im heutigen polnischen Geschichtsbewusstsein sind die „Verfemten Soldaten“ (Żołnierze wyklęci). Szendzielarz „Łupaszko“, Kuraś „Ogień“. Polen heroisiert sie wegen ihres kompromisslosen Kampfes gegen die sowjetische und die nationalsozialistische Besatzung, wegen der Verteidigung der polnischen Staatlichkeit, und blendet dabei ihre Methoden und Verbrechen an der ukrainischen, litauischen, slowakischen und jüdischen Zivilbevölkerung leicht aus. Der doppelte Maßstab gegenüber der UPA ist eine unmittelbare Folge der Bewahrung eben jener sowjetischen Sichtweise – allerdings dort, wo es um den fremden Befreiungskampf gegen polnische Herrschaft geht.

Und nun zu den konkreten Fakten. Nicht, um eine Rechnung zu präsentieren. Sondern um zu zeigen, dass diese Rechnung, falls wir sie präsentieren wollten, keineswegs leer wäre. Wir haben unser eigenes umgekehrtes Pantheon. Nur haben wir es nicht auf ein Podest gestellt, sondern in eine Schublade gelegt. Hier sind vier Namen daraus.

Romuald Rajs, „Bury“

Kommandeur einer Einheit der Nationalen Militärischen Vereinigung (NZW). Januar–Februar 1946, Podlachien. Das Kriterium für die Auswahl der Opfer war primitiv und bedurfte keiner Untersuchung: orthodoxer Glaube und eine nichtpolnische Sprache.

Bei den Strafaktionen wurden 79 orthodoxe belarussische und ukrainische Zivilisten getötet. Die Dörfer Zanie, Szpaki und Zaleszany wurden vollständig niedergebrannt. Wehrlose Menschen, darunter Frauen und Kinder, wurden in ihre Häuser getrieben, eingeschlossen und bei lebendigem Leib verbrannt. Fuhrleute wurden erschossen, weil sie ein Gebet nicht auf Polnisch aufsagen konnten.

1995 rehabilitierte ein polnisches Gericht „Bury“ offiziell und subsumierte die Massenmorde an Zivilisten unter den Begriff des „rechtfertigenden Notstands“ und des „Kampfes für die Unabhängigkeit“. Später erkannte sogar das polnische Institut für Nationales Gedenken unter dem Druck der Beweise an, dass die Taten der Einheit Merkmale eines Verbrechens mit Elementen des Völkermords aufweisen. Das änderte jedoch nichts. Rechtsextreme veranstalten bis heute jedes Jahr Märsche zu seinen Ehren.

Zenon Jachymek, „Wiktor“

Kommandeur des Verbands der Heimatarmee (Armia Krajowa) im Kreis Hrubieszów. Gemeinsam mit Stanisław Basaj, „Ryś“, leitete er im Frühjahr 1944 unmittelbar die Strafaktionen im Cholmer Land. Die Befehle zur Vernichtung ukrainischer Zentren zusammen mit der Zivilbevölkerung wurden bewusst erteilt.

Die ukrainischen Dörfer Sahryń, Miątkie, Sachończyce und andere wurden zu Asche. Hunderte friedliche Einwohner – Frauen, Kinder und alte Menschen – kamen ums Leben.

Im offiziellen polnischen Geschichtsgedächtnis ist Jachymek keine problematische Figur, sondern ein unbestrittener Held des Untergrunds. Er wurde mit den höchsten militärischen Auszeichnungen geehrt, darunter dem Orden Virtuti Militari. Die Geschichtsschreibung neigt bis heute dazu, ihn zu romantisieren und die Morde mit „militärischer Notwendigkeit“ und der „Liquidierung von UPA-Stützpunkten“ zu rechtfertigen.

Stanisław Basaj, „Ryś“

Kommandeur eines Bataillons der Bauernbataillone (Bataliony Chłopskie, BCh) im Cholmer Land. Seine Einheit führte die sogenannten „Vergeltungsaktionen“ mit besonderer Gründlichkeit durch. Sahryń und die benachbarten ukrainischen Dörfer Szychowice und Lasków gehören zu den blutigsten Kapiteln der Geschichte des Cholmer Landes.

An nur einem Tag töteten polnische Partisanen zwischen 800 und 1200 ukrainische Zivilisten. Die Dörfer wurden gezielt niedergebrannt; die Opfer waren überwiegend Frauen, Kinder und ältere Menschen, die mit bewaffneten Formationen nichts zu tun hatten.

Im heutigen nationalistischen Narrativ gilt Basaj als Symbol eines furchtlosen Verteidigers polnischer Dörfer. Straßen tragen seinen Namen, ihm werden Denkmäler und Gedenktafeln gewidmet. Die tausend Ermordeten werden entweder verschwiegen oder als „Präventivschläge“ gerechtfertigt.

Józef Bis, „Wacław“

Kommandeur der OP-26-Gruppe der Heimatarmee. März 1945, das ukrainische Dorf Pawłokoma. Die Logik des Massakers war einfach und total: Die einheimischen Polen wurden ausgesondert und freigelassen, die Ukrainer zur Vernichtung bestimmt.

366 Ukrainer wurden erschossen und in Gruben geworfen. Unter den Ermordeten waren alte Menschen, Frauen, Kinder und Säuglinge.

Jahrzehntelang stilisierte die polnische Geschichtsschreibung „Wacław“ zum Helden des antikommunistischen Untergrunds und klammerte Pawłokoma aus seiner Biografie aus. Erst in den 2000er Jahren wurde unter dem Druck der Fakten und der Aussagen der Überlebenden die Wahrheit öffentlich. Für einen Teil der Radikalen ist Bis bis heute ein „Verteidiger“.

Und nun das Wichtigste. Die Leere auf der anderen Seite

Ich könnte diese Liste fortsetzen. Sie endet nicht bei vier Namen. Und genau darin liegt der Kern.

Schauen Sie sich an, womit die polnische Seite das Thema Wolhynien auflädt. Mit einer Resolution des Sejm zum Völkermord. Mit einem eigenen Gedenktag. Mit dem Institut für Nationales Gedenken und seinem Gewicht. Mit Exhumierungen als Voraussetzung für die bilateralen Beziehungen. Mit diplomatischen Noten. Das ist staatliche Leidenschaft, multipliziert mit politischen Ressourcen und verstärkt durch Wahlkämpfe.

Und schauen Sie nun, was auf unserer Seite denselben Namen derselben Dörfer gegenübersteht. Sahryń. Pawłokoma. Podlachien. Dieselben niedergebrannten Häuser, dieselben Gruben, dieselben Frauen und Kinder – nur unter einer anderen Überschrift. Wo ist der ukrainische Gedenktag für Sahryń? Wo ist die ukrainische Resolution zum Völkermord im Cholmer Land? Wo sind die diplomatischen Noten, die Vorbedingungen, die jährlichen staatlichen Gedenkfeiern, die Straßen, die nach unseren Toten benannt sind, und die Wahlkampagnen, die auf ihren Gebeinen errichtet wurden?

Es gibt sie nicht. Und das nicht, weil wir nichts davon wüssten. Das Material, das Sie gerade gelesen haben, liegt bereit. Die Zahlen sind dokumentiert, die Namen der Täter bekannt, die Dörfer auf der Karte verzeichnet. Wir könnten morgen eine spiegelbildliche Kampagne beginnen, und sie wäre nicht schwächer als die polnische, in mancher Hinsicht sogar überzeugender, weil ein Teil dieser Verbrechen sogar vom polnischen Institut für Nationales Gedenken anerkannt wurde.

Wir tun es nicht. Kein einziges Mal hat die Ukraine während ihrer gesamten Unabhängigkeit daraus Staatspolitik gemacht.

Warum wir es nicht tun. Und warum das keine Schwäche, sondern Reife ist

Hier kann man leicht ausrutschen und sagen: weil wir edler sind. Das wäre eine Lüge und eine Falle – nur eine weitere Abrechnung, diesmal moralischer Art. Darum geht es nicht.

Es geht um Erfahrung. Wir haben etwas durchlebt, was Polen trotz seiner gesamten Erinnerung in diesem Ausmaß nicht erlebt hat: die direkte, umfassende Konfrontation mit einem Imperium, das kommt, um dich allein deshalb zu töten, weil du getrennt von ihm existierst. Und diese Erfahrung hat etwas gelehrt. Vor allem das Wichtigste: den wirklichen Feind vom aufgezwungenen Feind zu unterscheiden. Die Hand zu erkennen, die gegeneinander aufhetzt, und nicht nur die Axt zu sehen, mit der die Aufgehetzten einander erschlagen.

Ein Volk, das täglich mit Blut für seine Unabhängigkeit bezahlt, hört sehr schnell auf, den Nachbarn mit dem Besatzer zu verwechseln. Politisch sind wir nicht in Amtsstuben erwachsen geworden, sondern unter Beschuss. Und aus dieser Reife heraus erkennt man, was man vom Wahltisch in Warschau aus nicht sieht: Der Brudermord der Jahre 1943 bis 1947 ist keine Geschichte darüber, dass die Polen Henker und die Ukrainer Engel waren oder umgekehrt. Es ist die Geschichte einer Peripherie, in der der Zusammenbruch von Imperien und das kalte Kalkül Berlins und Moskaus ein Vakuum schufen, in dem zwei unterdrückte Völker, beide ohne eigenen Staat, einander abschlachteten – zur Freude jener, die dieses Vakuum geschaffen hatten.

Deshalb bleibt die Schublade geschlossen. Nicht, weil sie leer wäre. Sondern weil wir verstanden haben, wem es nützt, wenn sie geöffnet wird.

Die Frage, die auf dem Tisch bleibt

Also, Polen – die Frage richtet sich nicht persönlich an euch und auch nicht danach, wessen Helden reiner sind. Es ist eine gemeinsame und einfache Frage.

Wollen wir wirklich Krieg mit der Geschichte führen? Denn wenn wir das wollen, dann wisst: Wir haben ebenfalls etwas vorzulegen. Die Liste ist fertig, die Dörfer sind markiert, die Täter benannt. Wir können unsere Toten als Antwort auf eure Toten auf den Tisch legen – und das Spiel wird nach euren Regeln beginnen und so lange dauern, bis zwischen uns nichts mehr bleibt als eine gemeinsame Grube.

Und über dieser Grube wird sich derselbe zufrieden die Hände reiben, der sich seit acht Jahrhunderten von unseren Streitigkeiten ernährt. Derselbe, der 1944 eure Dörfer durch fremde Hände niederbrennen ließ – und unsere ebenso durch fremde Hände. Derselbe, der die Regeln dieses Spiels geschrieben hat und geduldig darauf wartet, dass wir uns wieder an den Tisch setzen.

Wir setzen diese Runde aus. Nicht, weil wir keine Karten hätten. Sondern weil wir wissen, wer die Bank hält.

Anlagen:

📜 Wenn höchste staatliche Auszeichnungen Verbrechen gegen die Menschlichkeit in den Schatten stellen, wird das historische Gedächtnis zu einem gefährlichen Instrument der Manipulation und selektiven Blindheit.

👤 Zenon Jachymek (Deckname „Wiktor“) – Kommandeur des Verbands der Heimatarmee (Armia Krajowa, AK) im Kreis Hrubieszów.

◼️ Der blutige März 1944: Sahryń, Miątkie, Sachończyce

Gemeinsam mit Stanisław Basaj („Ryś“) war Jachymek unmittelbarer Leiter und Organisator groß angelegter Strafaktionen im Cholmer Land. Unter seinem Kommando wurden bewusst Befehle zur vollständigen Vernichtung ukrainischer Ortschaften samt ihrer Zivilbevölkerung erteilt.

Infolge dieser planmäßig durchgeführten Angriffe wurden die ukrainischen Dörfer Sahryń, Miątkie, Sachończyce und weitere in Schutt und Asche gelegt. Hunderte friedliche Einwohner – Frauen, Kinder und alte Menschen – fielen einer umfassenden Vernichtung zum Opfer.

🏛 Orden statt Verantwortung

In der offiziellen polnischen Geschichtsschreibung und im nationalen Gedächtnis wird Zenon Jachymek als unbestrittener Held des antikommunistischen Untergrunds geehrt. Er wurde mit den höchsten militärischen Auszeichnungen Polens geehrt, darunter mit dem Orden Virtuti Militari (dem höchsten polnischen Militärorden für Tapferkeit vor dem Feind).

Doch hinter dem Glanz dieser Auszeichnungen verbirgt sich die blutige Spur ethnischer Säuberungen. Die offizielle Geschichtsschreibung neigt bis heute dazu, seine Person zu romantisieren und die Massenmorde an Ukrainern mit „militärischer Notwendigkeit“ und der „Liquidierung von UPA-Stützpunkten“ zu rechtfertigen, wobei die gezielte Vernichtung der Zivilbevölkerung vollständig ausgeblendet wird.

⚠️ Keine militärischen Dienstgrade, Orden oder Verdienste um den eigenen Staat können die Verantwortung für Kriegsverbrechen und Gewalt gegen wehrlose Menschen aufheben.

🕯 Das Gedenken an die zerstörten ukrainischen Dörfer des Cholmer Landes verlangt eine ehrliche Auseinandersetzung ohne doppelte Maßstäbe. Historische Wahrheit ist mit der Heroisierung jener unvereinbar, die Befehle zur Tötung von Zivilisten erteilten.

📜 Wenn das staatliche Pantheon seine Tore für jene öffnet, deren Hände bis zu den Ellbogen im Blut Unschuldiger stecken, ist das nicht nur eine Herausforderung für die historische Gerechtigkeit, sondern auch für die elementare Menschlichkeit.

👤 Romuald Rajs (Deckname „Bury“) – Kommandeur einer Einheit der Nationalen Militärischen Vereinigung (NZW).

◼️ Strafaktionen in Podlachien (Januar–Februar 1946)

Die Einheit „Bury“ führte eine Reihe brutaler Massaker an der Zivilbevölkerung Podlachiens durch. Das Auswahlkriterium für die Opfer war ebenso schlicht wie erbarmungslos: orthodoxes Glaubensbekenntnis und Sprache.

Im Zuge dieser Strafaktionen wurden 79 orthodoxe belarussische und ukrainische Zivilisten ermordet. Die Dörfer Zanie, Szpaki und Zaleszany wurden vollständig niedergebrannt. Besonders zynisch und grausam war, dass wehrlose Menschen, darunter Frauen und Kinder, in Häuser getrieben, eingeschlossen und bei lebendigem Leib verbrannt wurden. Fuhrleute wurden allein deshalb erschossen, weil sie ein Gebet nicht auf Polnisch aufsagen konnten.

🏛 Rehabilitierung des Verbrechens und Märsche zu Ehren des Henkers

Im heutigen Polen gehört Rajs zu den umstrittensten und tragischsten Figuren im Zusammenhang mit der Ehrung der „Verfemten Soldaten“ (Żołnierze Wyklęci).

1995 rehabilitierte ein polnisches Gericht „Bury“ offiziell und rechtfertigte die Massenmorde an Zivilisten mit der absurden Begründung eines „rechtfertigenden Notstands“ und des „Kampfes für die Unabhängigkeit“.

Obwohl später sogar das polnische Institut für Nationales Gedenken (IPN) unter dem Druck unwiderlegbarer Beweise anerkennen musste, dass die Taten der Einheit Rajs Merkmale eines Verbrechens mit Elementen des Völkermords aufweisen, hielt dies die Heroisierung nicht auf. Bis heute veranstalten rechtsextreme und radikale Gruppen in Polen jährlich Märsche zu seinen Ehren und erheben den Mörder friedlicher Dorfbewohner zum Nationalhelden.

⚠️ Keine Verdienste im antikommunistischen Untergrund können ethnische Säuberungen, das Verbrennen von Menschen bei lebendigem Leib und den gezielten Terror gegen die Zivilbevölkerung aufgrund ihrer Sprache oder Religion rechtfertigen.

🕯 Das Gedenken an die Opfer Podlachiens ist ein schmerzliches Zeugnis dafür, wohin selektive Blindheit einer Gesellschaft und politisch motivierte Versuche führen, Kriegsverbrechen im Namen eines nationalen Mythos reinzuwaschen.

📜 Wenn Geschichte ausschließlich durch das Prisma eines nationalen Mythos geschrieben wird, versucht man Kriegsverbrechen und Massenmorde oft hinter dem bequemen Schleier einer „Verteidigungsnotwendigkeit“ zu verbergen.

👤 Stanisław Basaj (Deckname „Ryś“) – Kommandeur eines Bataillons der Bauernbataillone (Bataliony Chłopskie, BCh) im Cholmer Land.

◼️ Die Vernichtung von Sahryń und der umliegenden Dörfer (März 1944)

Die Einheit „Ryś“ zeichnete sich bei den sogenannten „Vergeltungsaktionen“ durch besondere Grausamkeit aus. Die Tragödie von Sahryń sowie der benachbarten ukrainischen Dörfer Szychowice und Lasków gehört zu den blutigsten und tragischsten Kapiteln der Geschichte des Cholmer Landes.

An nur einem Tag töteten polnische Partisanen zwischen 800 und 1200 ukrainische Zivilisten. Die Dörfer wurden gezielt bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Opfer des Massakers waren vor allem Frauen, Kinder und ältere Menschen, die keinerlei Verbindung zu bewaffneten Formationen hatten.

🏛 Heroisierung statt Reue

Im heutigen polnischen Geschichtsbewusstsein und im nationalistischen Narrativ wird Stanisław Basaj weiterhin als Symbol eines furchtlosen „Verteidigers polnischer Dörfer“ dargestellt. Straßen tragen seinen Namen, ihm werden Denkmäler und Gedenktafeln gewidmet.

Gleichzeitig wird die vollständige Vernichtung ukrainischer Dörfer und die Ermordung von rund tausend friedlichen Menschen entweder ignoriert oder zynisch mit „Präventivschlägen“ und „militärischer Zweckmäßigkeit“ gerechtfertigt.

⚠️ Weder militärische Umstände noch politische Motive können ethnische Säuberungen und die gezielte Vernichtung der Zivilbevölkerung rechtfertigen.

🕯 Das Gedenken an die Opfer von Sahryń ist eine schmerzliche Mahnung, dass selektive Blindheit gegenüber der eigenen Vergangenheit und die Heroisierung von Personen, die für Kriegsverbrechen verantwortlich sind, lediglich die Unwahrheit konservieren und die Grundlagen historischer Gerechtigkeit zerstören.

📜 Geschichte darf weder bequem noch selektiv sein.

Es geht um eine Persönlichkeit, die für die einen noch immer auf ein Podest gehoben wird, für die anderen jedoch ein Symbol des erbarmungslosen Massenmordes an der Zivilbevölkerung ist.

👤 Józef Bis (Deckname „Wacław“) – Kommandeur der OP-26-Gruppe der Heimatarmee (Armia Krajowa, AK).

◼️ Die Tragödie von Pawłokoma (März 1945)

Unter dem Kommando von Józef Bis nahm eine Einheit der Heimatarmee das ukrainische Dorf Pawłokoma ein. Die Logik des Massakers war blutig und total: Die einheimischen Polen wurden ausgesondert und freigelassen, die Ukrainer hingegen zur Vernichtung bestimmt.

Im Zuge dieser Strafaktion wurden 366 Ukrainer erschossen und in Gruben geworfen. Unter den Ermordeten befanden sich alte Menschen, Frauen, Kinder und sogar Säuglinge.

🏛 Die Blindheit der Geschichtsschreibung und doppelte Maßstäbe

Jahrzehntelang stilisierte die offizielle polnische Geschichtsschreibung „Wacław“ zum Helden des antikommunistischen Untergrunds. Das Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Pawłokoma wurde entweder verschwiegen oder bewusst aus seiner Biografie ausgeklammert.

Erst in den 2000er Jahren wurde die Wahrheit über das Massaker dank des Drucks unwiderlegbarer Fakten, der Aussagen der Überlebenden und der gemeinsamen Arbeit von Historikern öffentlich bekannt.

⚠️ Dennoch gilt Bis bis heute für einen Teil der radikalen Nationalisten als „Verteidiger“, während die Vernichtung Hunderter unschuldiger Menschen verschwiegen oder zynisch mit den „Realitäten jener Zeit“ gerechtfertigt wird.

🕯 Das Gedenken an die Opfer von Pawłokoma erinnert daran: Kriegsverbrechen und Gewalt gegen die Zivilbevölkerung verjähren nicht und können durch keine Flaggen und keine Parolen gerechtfertigt werden. Wahrer Respekt vor der Geschichte beginnt mit der Bereitschaft, selbst die bitterste Wahrheit anzuerkennen.


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Art der Quelle: Social Media

Autor: Oleh Cheslavskyi
Veröffentlichung / Entstehung: 04.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Polen, Ukraine und die Last der Geschichte. Tamara Zlobina. 05.06.2026. 

Zehntausende von der UPA getötete polnische Zivilisten sind ein Verbrechen und eine Tragödie, unabhängig davon, welche Zahlen genannt werden – 40–60 Tausend nach ukrainischen Schätzungen oder 100 Tausend nach polnischen.

Und wir sollten den Mut haben, dies als Verbrechen anzuerkennen und es durch nichts zu erklären, es nicht zu relativieren, uns nicht herauszureden und nicht zu versuchen, uns selbst zu rechtfertigen.

Gründe hatten immer alle für alles. Das hebt die Verantwortung nicht auf.

Es ist schrecklich, und es tut mir sehr leid, dass es dazu gekommen ist. Wir werden uns daran erinnern, die Opfer ehren und darauf achten, dass sich so etwas nicht wiederholt.

Das ist die einzige normale erwachsene Reaktion. Und wir haben damit bereits zu Zeiten von Juschtschenko begonnen.

Aber zugleich sollte man auch hier einen Punkt setzen und die Polen daran erinnern, dass unsere gemeinsame Erinnerungspolitik lautet: „Wir vergeben und bitten um Vergebung.“

Und nicht: „Wir bitten um Vergebung und streuen Asche auf unser Haupt, während ihr so tut, als hättet ihr selbst keine Verbrechen gegen Ukrainer begangen.“

Die Polen sagen, sie seien durch Symmetrie besonders beleidigt (durch die Erinnerung daran, dass auch Polen Ukrainer verfolgt haben). Für sie sind die 20 000 von der Heimatarmee getöteten Ukrainer lediglich eine Antwort und Selbstverteidigung, denn schließlich kann es nur ein einziges unschuldiges und makelloses Opfer geben.

Deshalb beleidigt es mich sehr, dass sie glauben, die Probleme in den polnisch-ukrainischen Beziehungen hätten erst in den 1940er Jahren begonnen – und seien von den Ukrainern ausgegangen.

Wenn man an die Pazifizierung Galiziens erinnert, heißt es: „Das kann man nicht mit ethnischen Säuberungen vergleichen.“ Nun ja, sie haben nicht getötet (na gut, nur 20 Menschen, „nicht so wie ihr“), sie haben lediglich geschlagen, beraubt, vergewaltigt, eingesperrt, ukrainische Aktivisten und Aktivistinnen verfolgt sowie gesellschaftliche Organisationen und Bildungseinrichtungen verboten.

Von der Tragödie der galizischen Aktivistin Iwanna Blaschkewytsch, deren zwei kleine Töchter vergiftet wurden, als sie gerade für den Sejm kandidierte, werden die Polen euch nichts erzählen.

Und wenn man dennoch darauf besteht und Fakten vorlegt, landet man schnell bei: „Nun, diese Pazifizierung wurde ja nicht ohne Grund durchgeführt.“

Natürlich nicht ohne Grund. Es waren die 1930er Jahre, die Blütezeit des integralistischen Nationalismus – sowohl bei uns als auch bei euch. Wir lebten auf demselben Territorium, um das wir gerade Krieg geführt und verloren hatten, und nun waren die Ukrainer eine diskriminierte ethnische Minderheit im Polen der Zwischenkriegszeit, das eine aggressive Politik der Polonisierung betrieb.

Heute warnen gemäßigtere polnische Liberale: Mit eurem Nationalisten Bandera werdet ihr nicht in die EU aufgenommen. Was macht ihr dann mit eurem Nationalisten Dmowski, eurem „Vater der Nation“, einem ethnischen Chauvinisten, Antisemiten und Sympathisanten des Faschismus? Sind seine Denkmäler, Straßen, Schulen und sogar ein Bahnhof nach ihm für euch in Ordnung?

Wenn die UPA nur Verbrecher waren und wir ihre Denkmäler entfernen und sie nie anders als im Kontext der Reue erwähnen sollten – möchten unsere kultivierten Nachbarn dann nicht bei sich selbst anfangen und die Denkmäler für die Heimatarmee, Dmowski und Piłsudski abbauen?

Sie befinden sich übrigens derzeit nicht in einem Überlebenskrieg und verfügen über deutlich mehr Ressourcen für eine kritische Neubewertung ihrer eigenen Geschichte.

Stattdessen begannen sie, die „Verfluchten Soldaten“, ihre Partisanen nach 1945, die für Verbrechen an Belarussen, Ukrainern, Juden und Litauern bekannt sind, als Kämpfer für die Unabhängigkeit Polens zu verherrlichen (siehe den pathetischen Beitrag von Nawrocki). Dagegen bestand lange Zeit sogar in Polen selbst ein gesellschaftlicher Konsens.

Und wenn man berücksichtigt, dass ein erheblicher Teil der Żołnierze Wyklęci aus der Heimatarmee hervorging, dann ist die Trennung zwischen ihnen ohnehin eher fragwürdig.

Aber der Spiegel gefällt unseren Nachbarn nicht besonders.

Denn wenn Polen ihre ethnischen Chauvinisten und die Henker ihrer Nachbarn verherrlichen, dann ist das natürlich „etwas anderes“.

Was die Polen nicht verstehen, wenn sie die antukrainische Karte in der Politik spielen und dabei längst jede Grenze des Vernünftigen überschritten haben, ist, dass sie damit unsere historische Erinnerung aktivieren.

Was jahrzehntelang nur auf den Seiten von Geschichtsbüchern existierte, kehrt in die heutige emotionale Erfahrung zurück, wie die inzwischen fast einwöchige Diskussion in unseren Facebook-Netzwerken zeigt.

Ich spreche Polnisch und habe ein halbes Jahr in Polen gelebt. Nach Beginn der großangelegten Invasion freute ich mich, als ich durch Polen in die Ukraine fuhr – denn das waren schon Nachbarn, das war schon fast Zuhause.

Insgesamt löste Polen bei mir freundschaftliche Gefühle aus. Die Herablassung, die gelegentlich durchschimmerte, ignorierte ich – dumme Menschen gibt es überall. Selbst die Begegnung mit einem polnischen Neonazi, der mir in einer Regionalbahn erklärte, die Ukraine existiere nicht und wir seien Vieh, während ein halber Waggon zuhörte und niemand ihn stoppte – selbst diese Episode beeinflusste meine Haltung zu Polen nicht.

Nach dem Sieg Nawrockis und ihrem gesamten Wahlkampf, in dem die Politiker nicht mit Visionen für die Zukunft Polens konkurrierten, sondern mit Vorwürfen gegenüber den Ukrainern, änderte sich meine emotionale Einstellung.

So sehr, dass ich heute auf die polnische Sprache ähnlich reagiere wie auf die russische.

Mit Abneigung – und dem Wunsch, Abstand zu nehmen.

Und als Ihor vorschlug, nach Polen umzuziehen, weil es für ihn als Belarussen dort einfacher mit den Dokumenten wäre, löste das bei mir blinde Panik aus.

So starke Panik, dass ich meine Mutter fragte, warum mein Urgroßvater 1939 aus der Gegend von Przemyśl nach Wolhynien gezogen war. Seine Frau, meine Urgroßmutter Olja, war doch Polin.

So erfuhr ich, dass sie wegen ihrer Mischehe verfolgt wurden.

Mir ist bewusst, dass das vielleicht eine etwas übertriebene Reaktion ist, und ich hoffe, dass ich irgendwann wieder lächeln werde, wenn ich Polnisch höre. Aber im Moment ist es eben so.

Warum erkennen nicht beide Völker die Realität ehrlich an?

Sie ist doch einfach.

Jahrhundertelang waren wir Feinde und Verbündete zugleich – wie alle in Europa seit dem Mittelalter. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kämpften wir um Galizien. Die Ukrainer verloren und gerieten unter die harte diskriminierende Politik des Polen der Zwischenkriegszeit. Während des Zweiten Weltkriegs kämpften wir erneut gegeneinander. Mit schrecklichen „Entgleisungen“.

Letztlich verlor Polen diese Gebiete, allerdings nicht an uns, sondern an die Sowjetunion. Und hätten die Sowjets die Polen nicht teilweise nach Polen und teilweise nach Sibirien umgesiedelt, dann hätten wir in den 1990er Jahren womöglich erneut gegeneinander Krieg geführt.

Ich glaube nicht, dass wir einen Ressentiment gegenüber den Polen haben (sie haben einen gegenüber uns), und die Politik des „Wir vergeben und bitten um Vergebung“ ist für uns akzeptabel (für sie nicht) – nicht wegen der unterschiedlichen Zahl getöteter Zivilisten.

Sondern weil die umstrittenen Gebiete letztlich bei uns geblieben sind und wir Polen nie als Leibeigene besessen haben.

Wir haben keine „Kresy Wschodnie“ und kein „bäuerliches Vieh“ im gesellschaftlichen Unterbewusstsein.

Seit den Zeiten Chmelnyzkyjs haben wir uns gegenseitig massakriert, weil wir Feinde waren. Wir schlossen Bündnisse, wenn es vorteilhaft war. Wir verrieten einander, wenn es vorteilhaft war. Ethnische Säuberungen sind schlecht, Diskriminierung ist schlecht. Aber man kann sehr wohl den Teil der Tätigkeit der Heimatarmee gegenüber Ukrainern und den Teil der Tätigkeit der UPA gegenüber Polen verurteilen und gleichzeitig ihren Beitrag zum Aufbau unabhängiger Staaten anerkennen.

Trotz Sahryń stört mich das Denkmal der Heimatarmee gegenüber dem polnischen Parlament nicht. Trotz Piłsudskis Verrat an Petljura war er ein brillanter Politiker. Und trotz seines Chauvinismus war Dmowski ein typischer integralistischer Nationalist der Zeit der Entstehung der Nationalstaaten zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Selbst die „Verfluchten Soldaten“ aus der 1945 aufgelösten Heimatarmee warfen sich letztlich aus Verzweiflung und Ausweglosigkeit auf diejenigen, die sie noch erreichen konnten.

Wir können die Vergangenheit und die Umstände, unter denen unsere Nationalhelden lebten und handelten, nicht ändern. Wenn man mit dem Maßstab der Gegenwart misst, bleibt in keinem Land jemand im nationalen Pantheon übrig. Nicht einmal Künstler, Philosophen oder Schriftsteller – denn auch sie waren in der Regel Sexisten.

Also: „Liebe Brüder, Nachbarn Polen, unsere freundschaftlichen Gefühle kommen aus tiefstem Herzen“, wie die Brüder Hadjukin sangen.

Vielleicht etwas mehr Pragmatismus?

Was wäre euch auf den „östlichen Grenzgebieten“ lieber: eine Ukraine mit UPA-Denkmälern und null Ansprüchen an euch in der Gegenwart – oder Russland, das erst vor Kurzem euren Präsidenten und die Hälfte eurer politischen Elite getötet hat?

Kommentare: 

1. 

Über historische Erinnerung und meine polnische Urgroßmutter

Das große ukrainische Dorf Stuschyzja im Kreis Krasnystaw der Woiwodschaft Lublin.

Dies sind die Erinnerungen eines konkreten Zeitzeugen – Feofan Kostjuk, Jahrgang 1927.

„Die ukrainische Bevölkerung von Stuschyzja war zahlenmäßig zwar den Polen überlegen, befand sich jedoch in einem Ring polnischer Dörfer, von denen eine ständige Bedrohung für ihre Existenz ausging. Die Ereignisse der Jahre 1940–1945 bestätigten die Drohungen vieler örtlicher Polen, dass ukrainisches Blut in Strömen in die Weichselzuflüsse fließen werde. Bereits 1940 wurden die Dorfbewohner Buk und Waschtschuk von Polen ermordet. Die sogenannten Schutzpolizisten verhafteten die Ehepaare Haran und Masur, brachten sie zu Verhören nach Lublin, von wo sie ins Konzentrationslager Majdanek kamen und nie zurückkehrten.

Im Jahr 1941 begann in der Umgebung von Stuschyzja eine polnische Untergrundgruppe zu operieren, angeführt von Wujcik sowie den Brüdern Bolesław und Stefan Schuran, die in der Kolonie Kuty lebten. Ich denke, sie gehörten der Untergrundorganisation Bauernbataillone (Bataliony Chłopskie) an, die sich durch besondere Grausamkeit gegenüber der ukrainischen Landbevölkerung auszeichnete.

Am Fest der Heiligen Gottesmutter (das Datum führe ich gesondert an) umzingelte eine Gruppe von Männern in Uniformen der polnischen Polizei und Gendarmerie die Höfe der verschwägerten Familien Tschubjak und Sawa. Sie nahmen die alten Tschubjaks mit, brachten sie in deren Scheune und erschossen sie dort nach Folterungen gemeinsam mit dem Ehepaar Sawa. Danach steckten sie Haus und Scheune in Brand. Die Mörder erlaubten den Menschen nicht, das Feuer zu löschen, wodurch das gesamte Gehöft der Tschubjaks niederbrannte. Erst zwei Tage später wurden die vier verkohlten Leichen in einem Gemeinschaftsgrab bei der Kirche beigesetzt.“

Beim Begräbnis half lediglich die Mutter ihrer Mörder, der Brüder Schuran.

Trochym und Olena Tschubjak (beide erst 50 Jahre alt) waren der Ururgroßvater und die Ururgroßmutter meiner Frau.

Und nun achten wir auf das Datum: Sie wurden am 21. September 1942 von einer polnischen Einheit ermordet und verbrannt (eine andere Zeugin behauptete, sie seien lebendig verbrannt worden). Lange vor der Tragödie von Wolhynien.

Doch die Morde an Ukrainern nahmen erst Fahrt auf:

„In der Weihnachtsnacht 1943 ermordete die von Wujcik und den Brüdern Schuran angeführte Bande Pawlo Majstruk und Wolodymyr Tschubjak.“

Vermutlich ebenfalls einen Verwandten.

1946 verlangten die Polen von allen Ukrainern in Stuschyzja die Deportation in die UdSSR. Mein Urgroßvater weigerte sich, weil er ein wohlhabender Mann war, eine Schmiede besaß und landwirtschaftliche Geräte vermietete. Alle Ukrainer weigerten sich, bis eine polnische Einheit in einem Nachbardorf innerhalb einer Nacht sämtliche Ukrainer bis zum letzten Kind abschlachtete – darunter auch die letzten Verwandten.

Danach stimmten die Ukrainer der Deportation in die UdSSR zu. Vor der Deportation nahm man ihnen sämtliche Dokumente und ihr Eigentum weg und verlud sie unter Bewachung sowjetischer NKWD-Angehöriger in Güterwagen.

Von der großen Familie, deren Erwähnungen ich zufällig noch in polnischen Archiven aus dem Jahr 1830 fand, blieben nur drei Menschen am Leben: der Urgroßvater, die polnische Urgroßmutter, die das Unglück hatte, einen Ukrainer zu heiraten, und ein kleiner Junge – der Großvater meiner Frau. Alle anderen wurden von Polen getötet.

Weder der Großvater noch der Urgroßvater erzählten jemals von dieser Tragödie. Der Urgroßvater sagte meinem Schwiegervater einmal nur einen einzigen Satz:

„Von den Tschubjaks ist niemand mehr übrig geblieben.“

Alles ist einfach: Recht darf nicht selektiv sein. Es muss für alle gleich gelten, unabhängig davon, wer vor ihm steht.

Wenn die polnische Regierung und Gesellschaft der Ansicht sind, dass die UPA 1943 in Wolhynien einen Völkermord an der polnischen Zivilbevölkerung verübte, dann haben auch die polnischen bewaffneten Formationen der Bauernbataillone und der Heimatarmee einen Völkermord an der ukrainischen Zivilbevölkerung begangen.

Und vor allem: Sie begannen damit bereits 1941–1942 im Cholmer Land.

Dennoch sind in Polen der Heimatarmee und den Bauernbataillonen Museen, Straßen und Denkmäler gewidmet – sogar konkreten Mördern. Durch ganz Hrubieszów zieht sich die Stanisław-„Ryś“-Basaj-Straße, benannt nach dem Organisator der Bauernbataillone, einem Mann, der Hunderte ukrainische Frauen und Kinder – Bürger Polens – ermorden ließ.

P.S.

Meine schwerste und wichtigste Schlussfolgerung habe ich schon vor etwa zehn Jahren formuliert:

„In diesem polnisch-ukrainischen Krieg gab es weder vollkommen Schuldlose noch vollkommen Schuldige. Weder die schrecklichen Verbrechen der Ukrainer an Polen noch die schrecklichen Verbrechen der Polen an Ukrainern lassen sich durch irgendetwas rechtfertigen. Für die Ermordung friedlicher Menschen gibt es keine Rechtfertigung.

‚Wir vergeben und bitten um Vergebung.‘

Das ist der einzige Weg in die Zukunft. Alles andere führt ins Nichts, in eine schreckliche Vergangenheit.“

Doch in diesen zehn Jahren ist alles nur noch viel schlimmer geworden. Und zu dieser Formel kann man nur dann zurückkehren, wenn die polnische Seite dazu bereit ist.

2.

Die Polen betonen in allen Diskussionen, dass die Ukrainer „nicht human“ getötet hätten.

Fragt sie sofort: Wie haben die Polen dann human getötet?

Und wenn es um Täter geht, dann sind es Ukrainer. Wenn es aber um Bürgerrechte geht, dann gibt es plötzlich keine Ukrainer.

P.S. In der Zwischenkriegszeit existierten die Ukrainer in Polen juristisch als Bevölkerungsgruppe, doch der Staat vermied systematisch, sie als eigenständige politische Nation anzuerkennen. Stattdessen betrachtete man sie vor allem als „Bürger Polens nichtpolnischer Herkunft“, die assimiliert werden sollten. Das bedeutet nicht, dass es „keine Ukrainer“ gab – sie waren die größte Minderheit. Die polnische Politik versuchte jedoch, ihren Status auf eine ethnographische Gruppe ohne politische Rechte zu reduzieren.

3.

Diese Reaktion auf alles Polnische, die der Reaktion auf alles Russische gleichkommt, ist etwas sehr Irrationales.

Es ist ähnlich wie bei den polnischen Apologeten von Wolhynien: Sie sind von dieser Tragödie so geblendet, dass sie vergessen, was die Russen ihnen angetan haben.

Ohne jene Polen zu rechtfertigen, die sich auf Wolhynien fixiert haben, denke ich dennoch, dass Russland eine große Rolle dabei spielt, antieu­krainische Stimmungen in Polen und antipolnische Stimmungen in der Ukraine anzustacheln. Und man muss nicht lange erklären, warum das für Russland äußerst vorteilhaft ist.

3a. 

– Ich verstehe das rational. Es ist eine emotionale Reaktion, und ich habe ein Recht darauf. Ich bin ein Mensch – ich darf Angst haben, ich darf beleidigt sein.

Was den russischen Einfluss betrifft, stimme ich ebenfalls zu. Aber das ist wie bei uns mit den Migranten – es fiel auf sehr fruchtbaren Boden.

Der Sieg Nawrockis ist dennoch die Entscheidung der Mehrheit der Polen und nicht einer marginalen Minderheit. Genau das hat meine Einstellung verändert – so sehr, dass ich meine übliche Reiseroute in die Ukraine geändert habe und nun über Ungarn fahre.

Ich hoffe sehr und warte darauf, dass sich das wieder ändert.

3b.

– Das Ergebnis der Präsidentschaftswahlen lag fast bei 50 zu 50. Und zum Glück ist der Präsident in Polen keine so bedeutende Figur. Interessant wird sein, wie die nächsten Parlamentswahlen ausgehen.

Was die antipolnischen Stimmungen betrifft, die bei manchen Ukrainern manchmal sogar stärker sind als antirussische – das ist meine Beobachtung nach Gesprächen mit vielen Freunden aus dem journalistischen Umfeld. Interessanterweise sind diese antipolnischen Gefühle oft bei Menschen aus der Zentral- oder Ostukraine stärker ausgeprägt. Sie haben keine gemeinsame historische Traumatisierung mit Polen, aber die Abneigung ist dennoch vorhanden. Das ist bemerkenswert. Wahrscheinlich stammt vieles davon noch aus der sowjetischen Geschichtsschreibung.

3c.

– Als ich mit polnischen Kollegen sprach, sagten sie mir, dass die Hysterie um die Wolhynien-Tragödie in Polen eigentlich erst seit etwa 15 Jahren existiert. Früher war das nicht so.

Wenn man nachrechnet, begann das ungefähr vor der EURO 2012.

Ich vermute, dass sowohl Janukowytsch als auch Russland damals ihren Anteil daran hatten.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: [Social Media

Autor: Tamara Zlobina
Veröffentlichung / Entstehung: 05.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Zwischen Erinnerung und Zukunft: Die Krise der polnisch-ukrainischen Beziehungen. Lubomir Haidamaka. 02.06.2026.

Lubomir Haidamaka. 02.06.2026.

Manchmal sagt ein einziger Satz mehr über einen Menschen aus als all seine Bücher, Titel, Ämter und patriotischen Reden zusammen.

Professor Jan Żaryn, einer der langjährigen Ideologen der polnischen Rechten in Fragen der Geschichtspolitik, sagte etwas sehr Einfaches und sehr Ehrliches: Wenn die Ukraine den Krieg gegen Russland gewinnt, könnte sie seiner Ansicht nach für Polen sogar gefährlicher werden als Russland.

Und an diesem Punkt könnte man die Diskussion eigentlich schon beenden, denn der Mann hat sich schlicht verplappert.

Denn das hat nichts mehr mit Wolhynien, nichts mit der UPA, nichts mit historischer Erinnerung, nichts mit Gräbern, nichts mit Traumata und nicht einmal mit polnischem Patriotismus zu tun, hinter dem sich in solchen Fällen alte imperiale Komplexe sehr bequem verbergen lassen. Es geht um die Angst vor einer starken Ukraine, die aufhört, ein bequemes Opfer zu sein, die aufhört, ein Gebiet zwischen Russland und Polen zu sein, die aufhört, der arme Verwandte am europäischen Tisch zu sein und plötzlich beginnt, zu einem eigenständigen Akteur zu werden, mit dem man rechnen muss.

Für einen Teil der polnischen Rechten war die Ukraine akzeptabel, solange man sie bedauern, belehren, aus der Position des großen Bruders unterstützen und sie gelegentlich daran erinnern konnte, dass sie irgendwem etwas schulde. Eine Ukraine, die um Waffen bittet, Binnenvertriebene versorgt, unter Raketenbeschuss steht und sich für jede einzelne Granate bedankt, passte für sie noch irgendwie ins Weltbild. Eine Ukraine jedoch, die überlebt hat, die gelernt hat zu kämpfen, die eine der stärksten Armeen Europas geschaffen hat, eine eigene Stimme gewonnen hat und morgen zum Zentrum einer neuen Sicherheitsordnung im Osten des Kontinents werden könnte, macht ihnen bereits Angst.

Und das ist sehr bezeichnend.

Denn eine normale polnische Elite müsste sagen: Eine starke Ukraine ist eine historische Chance für Polen. Es ist die Chance, endlich aus der ewigen Rolle eines Grenzstaates zwischen Berlin und Moskau herauszutreten. Es ist die Chance, eine Achse Kyiv–Warschau zu schaffen, mit der man in Brüssel, Washington und sogar in Moskau rechnen muss – sofern dort irgendwann noch jemand rechnen lernt. Stattdessen hören wir wieder das alte Lied jener Menschen, die nicht nach vorne blicken, sondern in den Sarg der Vergangenheit, und die darüber hinaus verlangen, dass alle anderen neben ihnen in dieser Pose historischen Leidens verharren.

Polen hat tatsächlich schreckliche Traumata, und darüber sollte man sich nicht lustig machen. Doch wenn ein Trauma zu einem politischen Beruf wird, wenn darauf Karrieren, Umfragewerte, Lehrstühle, Parteien und Fernsehreden aufgebaut werden, dann hört es auf, Erinnerung zu sein, und wird zu einem Instrument, die Gesellschaft in einem kindlichen Zustand zu halten. Denn erwachsene Nationen erinnern sich an ihre Toten, erlauben den Toten aber nicht, die Zukunft der Lebenden zu bestimmen.

Auch die Ukraine ist weder heilig noch ohne Schuld. Auch bei uns gibt es viele Menschen, die Geschichte nicht als Verantwortung verstehen, sondern als Knüppel, mit dem man anderen auf den Kopf schlagen kann. Auch bei uns gibt es genügend Politiker, die nicht in der Lage sind, mit Polen in der Sprache von Stärke, Würde und langfristiger Strategie zu sprechen. Denn dafür braucht man nicht nur ein Amt, sondern auch Rückgrat, Bildung, Erinnerung und ein Gefühl für Staatlichkeit. Und damit haben wir – wie immer – größere Schwierigkeiten als mit der nächsten pathetischen Erklärung vor laufender Kamera.

Und deshalb stehen wir vor einer sehr unangenehmen Wahrheit.

Auf polnischer Seite ist ein erheblicher Teil der rechten Politiker nicht bereit für eine starke Ukraine, weil eine starke Ukraine ihre alte Weltkarte zerstört, auf der die Polen immer ein wenig älter, ein wenig klüger, ein wenig europäischer sind und die Ukrainer höflich danken und nicht allzu laut daran erinnern sollen, dass Polen ohne ukrainisches Blut heute womöglich nicht über historische Kränkungen nachdenken würde, sondern über russische Panzer irgendwo deutlich näher an der Weichsel.

Auf ukrainischer Seite ist ein erheblicher Teil der Politiker nicht bereit für ein Gespräch mit Polen, weil man für ein solches Gespräch nicht jammern, nicht pöbeln und keinen billigen Patriotismus spielen darf, sondern ruhig und bestimmt sagen muss: Wir respektieren eure Erinnerung, aber wir werden euch nicht erlauben, unsere zu privatisieren; wir sind bereit, über alle Opfer zu sprechen, aber wir sind nicht bereit, vor euren Mythen auf die Knie zu gehen; wir wollen ein Bündnis, aber wir akzeptieren nicht die Rolle des kleinen Bruders, den man gelegentlich zurechtweisen kann.

Denn eine Versöhnung zwischen der Ukraine und Polen kann nicht auf gegenseitiger Erniedrigung aufgebaut werden. Sie kann nur auf einer erwachsenen Formel beruhen: Wir vergeben und bitten um Vergebung, wir erinnern uns an alle Getöteten, wir nennen jedes Opfer beim Namen, wir erkennen an, dass unsere Helden nicht immer eure Helden sein werden und eure Helden nicht immer unsere Helden sein werden, und gleichzeitig verstehen wir das Wichtigste: Wenn die Ukraine und Polen nicht zusammenstehen, gewinnt Moskau.

Doch dafür braucht es würdige Menschen.

Nicht Kommentatoren historischer Kränkungen, nicht professionelle Patrioten, nicht kleine politische Händler, nicht jene, die nur darin geübt sind, Traumata vor Wahlen aufzubauschen und sich danach bei Empfängen mit einem Glas in der Hand als Staatsmänner zu inszenieren. Es braucht Menschen, die in der Lage sind, ihren Gesellschaften unangenehme Wahrheiten zu sagen und nicht beim ersten Aufschrei zusammenzuzucken.

Und solche Menschen sind weder dort noch hier besonders sichtbar.

Stattdessen haben wir politische Impotente, die unfähig sind, Zukunft hervorzubringen, dafür aber hervorragend darin sind, die Vergangenheit zu bewirtschaften. Die polnische Rechte fürchtet eine starke Ukraine, weil diese von ihr verlangt, erwachsen zu werden. Die ukrainische Führung versteht es nicht, mit Polen auf Augenhöhe zu sprechen, weil man dafür selbst Staatsmänner sein müsste und nicht bloß zeitweilige Manager auf gemieteten Sesseln.

Und genau darin liegt die ganze Tragödie.

Zwei Länder, die das Rückgrat eines neuen Europas bilden könnten, riskieren erneut, im Sumpf alter Ängste, kleiner Ambitionen und großer politischer Hilflosigkeit zu versinken. Russland verliert historisch, doch das bedeutet noch lange nicht, dass wir automatisch die Zukunft gewinnen.

Denn die Zukunft wird nicht von denen gewonnen, die einen starken Nachbarn fürchten.

Und ganz sicher nicht von denen, die selbst nicht in der Lage sind, stark zu werden.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Social Media

Autor / Verfasser / Kanal: Lubomir Haidamaka
Veröffentlichung / Entstehung: 02.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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