Verhandlungen in Abu Dhabi: Was ist zu erwarten? | Vitaly Portnikov. 23.10.2026.

Der Pressesprecher des Präsidenten der Russischen Föderation, Peskow, betont, dass ein neues Treffen der ukrainischen, russischen und amerikanischen Delegationen über die Beendigung des Krieges, den Russland gegen die Ukraine fortsetzt, bereits in der ersten Novemberhälfte in Abu Dhabi stattfinden könnte. Peskow hält sogar die Teilnahme eines Vertreters der Europäischen Union an diesem Treffen für möglich, betont jedoch, dass dies von der Haltung Brüssels abhängen werde.

Aber die wichtigste Frage lautet: Was soll bei dieser erneuten Wiederaufnahme des Verhandlungsprozesses zwischen Moskau, Kyiv und Washington vor dem Hintergrund der anhaltenden Kampfhandlungen und der brutalen russischen Angriffe auf die Ukraine eigentlich besprochen werden? Die Zeitschrift The Economist berichtet unter Berufung auf ukrainische Quellen, dass die amerikanischen Unterhändler keine großen neuen Ideen hätten. Sie bestehen weiterhin darauf, dass die Ukraine auf einen NATO-Beitritt verzichten müsse, zugleich aber die Möglichkeit erhalten solle, der Europäischen Union beizutreten. Im Gegenzug für die Beendigung der Kampfhandlungen könnte die Russische Föderation Zugang zum Energiemarkt der Europäischen Union erhalten. Außerdem könnten die Sanktionen aufgehoben werden, die nach Beginn der russischen Aggression gegen die Ukraine verhängt wurden.

Schon aus den ersten Einzelheiten dieses neuen alten Plans wird deutlich, dass man in der Regierung des amerikanischen Präsidenten weniger über die Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges nachdenkt als vielmehr über lukrative Geschäfte mit Putin. Wir verstehen inzwischen sogar, welche beiden Projekte für Witkoff und Kushner und damit auch für Trump am wichtigsten sind. Das erste ist der Kauf der Auslandsvermögenswerte des russischen Konzerns Lukoil. Und offenbar ist es genau das, worüber Witkoff während seines Aufenthalts in Russland stundenlang mit Putin und Dmitrijew spricht.

Und dann gibt es noch ein weiteres Projekt, das Projekt von Trumps Schwiegersohn Kushner. Es sieht die Wiederaufnahme russischer Gaslieferungen nach Europa vor, sowohl über das ukrainische Gastransportsystem als auch über Pipelines wie Nord Stream 1 oder Nord Stream 2. Die Vereinigten Staaten sollen dabei als Garant für die Sicherheit dieser Lieferungen auftreten. Und es ist klar, dass es für die derzeitige amerikanische Regierung wichtig ist, dass der russisch-ukrainische Krieg möglichst schnell endet, damit diese Projekte verwirklicht werden können. Zumindest solange Trump noch im Weißen Haus sitzt und Putin die Interessen seines engsten Umfelds berücksichtigen kann.

Genau deshalb übt das Weiße Haus einen so intensiven Druck auf die Ukraine aus, damit der ukrainische Präsident Zugeständnisse macht und den wichtigsten russischen Forderungen für die Beendigung des Krieges zustimmt. Dazu gehören die Kontrolle über das gesamte Territorium der Gebiete Donezk und Luhansk sowie die Wiederherstellung des politischen und zivilisatorischen Einflusses Russlands auf die Ukraine.

Aber die wichtigste Frage ist hier nicht einmal, ob Zelensky bereit ist, solchen Bedingungen für die Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges zuzustimmen. Die entscheidende Frage lautet, ob Putin bereit ist, diese Bedingungen zu akzeptieren. Und meiner Meinung nach könnte den Präsidenten der Vereinigten Staaten und seine engsten Vertrauten hier eine weitere Enttäuschung erwarten. Denn für den Präsidenten der Russischen Föderation, für sein engstes Umfeld und für alle chauvinistisch eingestellten Russen wäre allein die Tatsache, dass die Ukraine auf der politischen Weltkarte bestehen bleibt, noch dazu mit Sicherheitsgarantien des Westens, seien sie auch nur bedingt wirksam, und obendrein mit einer Mitgliedschaft in der Europäischen Union, die größte staatliche Niederlage der Russischen Föderation und die größte nationale Niederlage des russischen Volkes seit dem Auftauchen des Fürstentums Moskau auf der politischen Weltkarte. Und Putin möchte wohl kaum als Anführer eines Staates in die Geschichte eingehen, der aus seiner Sicht eine derart eklatante zivilisatorische Niederlage erleidet.

Denn womit Russland derzeit beschäftigt ist, ist die Wiederherstellung seiner imperialen Macht und die Rückgewinnung seiner sogenannten historischen russischen Gebiete, zu denen selbstverständlich auch das Territorium der heutigen Ukraine gehört. Und in dieser Situation würde eine Zustimmung zu den Vorschlägen der Trump-Regierung natürlich bedeuten, all jene Anstrengungen zunichtezumachen, die die Russische Föderation in den vergangenen Jahren unternommen hat, um ihre geopolitischen Möglichkeiten auszubauen und den Prozess der sogenannten Sammlung russischer Länder einzuleiten, der 2014 mit der Annexion der ukrainischen Krim begann.

Warum sollte Putin dann überhaupt Verhandlungen in Abu Dhabi zustimmen und sogar Vertreter der Europäischen Union zu diesen Verhandlungen einladen? Die Antwort darauf ist sehr einfach und logisch. Der Präsident der Russischen Föderation arbeitet als erfahrener Geheimdienstmann mit dem Verhandlungsprozess wie mit einer Karotte, die er einem Esel direkt vor die Nase hält. Der Esel soll glauben, dass diese Karotte früher oder später zu einer wichtigen Belohnung für seine diplomatischen Bemühungen wird. Dabei weiß der Präsident der Russischen Föderation ganz genau, wann die Möglichkeiten des Esels, dem er diese Karotte vor die Nase hält, erschöpft sein werden.

Das wird Anfang 2029 geschehen, wenn Donald Trump das Oval Office verlässt und mit ihm auch seine Verwandten und Freunde ihren Einfluss verlieren. Und für Putin ist es von größter Bedeutung, diese Karotte dem amerikanischen Präsidenten und seinem engsten Umfeld so lange vor Augen zu halten, um sich vor neuen ernsthaften Sanktionen der Vereinigten Staaten zu schützen und eine Krise in den Beziehungen zwischen Amerikanern, Ukrainern und den europäischen Verbündeten Amerikas herbeizuführen.

Und jetzt sehen wir bereits die ersten Ergebnisse dieses Erfolgs von Putin. Trump versucht nicht einmal mehr, den Anschein zu erwecken, dass er daran interessiert wäre, Sanktionen gegen Russland und seine Unterstützer im Energiesektor zu verhängen. Diese Sanktionen sind im Graham-Gesetz vorgesehen, das er selbst unterzeichnet hat. Stattdessen schickt er Witkoff nach Sankt Petersburg, um nach neuen Möglichkeiten für neue Energiegeschäfte mit dem russischen Präsidenten zu suchen.

Aus dieser Sicht erscheint Putins Taktik also durchaus gerechtfertigt und logisch, wenn man berücksichtigt, wie gut er die Psychologie und die Taktik versteht, an die sich Trump selbst hält. Das Einzige, was den russischen Präsidenten bei seinem nicht besonders komplizierten, ich würde sagen, kindischen Spiel mit dem amerikanischen Staatschef aufhalten könnte, ist die Bereitschaft der Ukraine und Europas, die wirtschaftlichen Möglichkeiten der Russischen Föderation zu schwächen und Donald Trump damit die Kontrolle über das Fell des noch nicht erlegten russischen Bären zu entziehen, von dessen Geld man in Washington weiterhin träumt.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Переговори в Абу-Дабі: на що чекати |
Віталій Портников. 23.10.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 23.10.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Die Welt ist schockiert über Trump: Die Folgen | Vitaly Portnikov. 10.10.2026.

Gestern Abend, als der Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, in seinem eigenen sozialen Netzwerk einen langen Tweet veröffentlichte, in dem er über beispiellose Vereinbarungen mit dem Präsidenten der Russischen Föderation, Putin, über die Lieferung von Dieselkraftstoff auf den Weltmarkt berichtete, sprachen wir sozusagen unmittelbar nach dieser Erklärung des amerikanischen Staatschefs darüber und versuchten zu verstehen, was eigentlich geschehen war, warum Trump Putin hilft, die Frage des Verkaufs von Dieselkraftstoff zu lösen. Wozu brauchen die Vereinigten Staaten das? Wozu braucht die Russische Föderation das? Was wird das tatsächliche Ergebnis dieser ganzen Geschichte sein?

Jetzt, da seit dem Telefongespräch zwischen den Präsidenten der Vereinigten Staaten und der Russischen Föderation sozusagen schon ziemlich viel Zeit vergangen ist, können wir uns zumindest vorstellen, was infolge dieses Gesprächs tatsächlich geschehen ist und welche praktischen Auswirkungen das haben wird.

Nun, der erste Punkt betrifft gerade den Dieselkraftstoff. Es ist völlig offensichtlich, dass keine Vereinbarungen zwischen Trump und Putin über die Lieferung russischen Kraftstoffs auf die Weltmärkte den Dieselpreis senken werden. Das ist unmöglich. Trump und Putin haben vereinbart, dass die Russische Föderation im ersten Monat ungefähr 300.000 Tonnen Kraftstoff auf den Weltmarkt liefern kann, im zweiten 500.000, im dritten Monat eine Million Tonnen und dass sie je nach Zustand der Erdölraffinerien der Russischen Föderation bis zu drei Millionen Tonnen Diesel auf den Weltmarkt liefern kann, wenn es ihr gelingt. Denn wie wir wissen, verfügt die Russische Föderation derzeit schlicht nicht über solche Kraftstoffüberschüsse.

Aber man muss sagen, dass drei Millionen Tonnen Dieselkraftstoff genau die Menge sind, die Russland vor Beginn der ukrainischen Angriffe auf die Erdölraffinerien der Russischen Föderation auf den Weltmarkt lieferte. Und das spiegelte sich keineswegs in den Kraftstoffpreisen wider.

Denn damit die Kraftstoffpreise sinken, muss der Ölpreis sinken. Der Dieselpreis hängt vom Ölpreis ab. Es gibt weltweit keinen Mangel an Dieselkraftstoff, insbesondere auch nicht auf dem amerikanischen Markt. Mehr noch: Die Vereinigten Staaten gehören weiterhin zu den größten Dieselexporteuren der Welt und liefern monatlich bis zu sechs Millionen Tonnen Diesel auf den Weltmarkt. Sagen Sie mir bitte, warum sollte ein Staat, der jeden Monat sechs Millionen Tonnen Dieselkraftstoff an andere Länder verkauft, von einem anderen Staat 300.000 Tonnen kaufen? Und offensichtlich werden die Vereinigten Staaten diesen Kraftstoff auch nicht kaufen, weil sie ihn nicht brauchen.

Darüber hinaus können die Vereinigten Staaten diesen Kraftstoff auch aus dem einfachen Grund nicht kaufen, dass ein Gesetz der Vereinigten Staaten aus dem Jahr 2022 den Kauf von Öl und Gas aus der Russischen Föderation verbietet. Dieses Gesetz wurde vom Kongress verabschiedet, vom Präsidenten unterzeichnet und nicht aufgehoben. Deshalb gibt es keinerlei rechtliche Möglichkeit für die Vereinigten Staaten selbst, Dieselkraftstoff aus Russland zu kaufen. Und die Vereinigten Staaten haben auch keinen Bedarf, Dieselkraftstoff aus Russland zu kaufen. Eine Genehmigung des US-Finanzministeriums kann sich ausschließlich auf das Recht Russlands beziehen, seinen Dieselkraftstoff an andere Länder zu verkaufen. 

Aber Russland konnte diese Überschüsse auch ohne diese Genehmigung mithilfe seiner eigenen Schattenflotte verkaufen. Und es hat sie auch verkauft. Im September dieses Jahres hat Russland bereits rund 432 Tonnen Dieselkraftstoff an seine Nachbarländer in Zentralasien verkauft. Das ist der Überschuss, der auf dem Markt der Russischen Föderation vorhanden ist, und das belegen Meldungen aus diesem Land. Es gibt einen erheblichen Benzinmangel. Aber im Herbst entsteht gerade deshalb, weil die landwirtschaftlichen Arbeiten zu Ende gehen und dieselbetriebene Maschinen nicht mehr gebraucht werden, ein Überschuss an Dieselkraftstoff, selbst in der Situation, in der sich die Erdölverarbeitungsindustrie der Russischen Föderation nach den ukrainischen Angriffen befindet. Deshalb hat die Entscheidung von Trump und Putin keinerlei praktische Bedeutung. Auf den Verlauf des Krieges wird sie sich ebenfalls in keiner Weise auswirken, denn all die Behauptungen, Russland werde mit diesen Verkäufen innerhalb eines halben Jahres 4,5 Milliarden Dollar verdienen, sofern es überhaupt über diese gesamte Menge verfügt, sind ebenfalls sehr merkwürdig. Russland hätte dieses Geld auch ohne die amerikanische Entscheidung verdient. Einfach illegal, und jetzt wird es möglicherweise legal daran verdienen können. Das heißt, was es für Rupien und Yuan hätte verkaufen können, wird es möglicherweise jemandem gegen harte Währung verkaufen. Aber auch das hat keinerlei Einfluss auf die tatsächlichen russischen Ressourcen. Was sind schon 4,5 Milliarden Dollar für einen Staat innerhalb einiger Monate?

Dann können Sie fragen: „Warum macht Trump das überhaupt?“ Nun, ich denke, dass das mit irgendwelchen völlig anderen Vereinbarungen zusammenhängt, die er entweder mit Putin hat oder von denen er glaubt, dass sie bestehen. Bis zu einem gewissen Grad findet sich die Antwort auf die Frage, worüber Trump und Putin tatsächlich gesprochen haben, in der Mitteilung des Pressedienstes des russischen Präsidenten selbst, der von der iranischen Geschichte spricht. Putin traf sich gerade jetzt mit dem iranischen Präsidenten Massud Peseschkian. Er erörterte mit ihm Möglichkeiten irgendwelcher iranisch-amerikanischen Vereinbarungen über die Freigabe der Straße von Hormus. Ich erinnere daran, dass diese Meerenge entgegen dem, was Donald Trump erzählt, blockiert ist. Und deshalb ist der Ölpreis so hoch, deshalb sind die Preise an den Tankstellen so hoch, deshalb sind die Dieselpreise so hoch, deshalb ist alles so. Und Trump hat offensichtlich bereits verstanden, dass die pakistanischen Vermittler hier nichts für ihn erreichen können. Alle Bemühungen der arabischen Länder führen zu nichts. Die Meerenge ist geschlossen. Auf militärischem Wege kann er den Iran nicht besiegen. Und grundsätzlich bringt jeder neue Tag für ihn derzeit neue Gefahren im Hinblick auf eine militärische Konfrontation mit dem Iran.

Denn stellen Sie sich vor, was passiert, wenn der Iran über Shahed-Drohnen mit Strahlantrieb verfügt, und die wird er bekommen. Was wird dann überhaupt aus der Luftverteidigung der Vereinigten Staaten von Amerika, und was wird aus der Luftverteidigung Israels und der Golfstaaten, wenn Schwärme von Shahed-Drohnen mit Strahlantrieb auf sie zufliegen? Das sind doch Gebiete, die sich ihrer Größe nach nicht mit der Ukraine vergleichen lassen. Das könnten Gebiete werden, in denen die Infrastruktur vollständig zerstört wird. Man darf nicht glauben, dass Trump das nicht versteht. Er versteht es, deshalb sucht er nach Wegen, sich mit dem Iran zu einigen. Und Putin verkauft ihm als geschickter Zauberkünstler solche Möglichkeiten. Tatsächlich trat Putin gestern, und das ist der wichtigste Inhalt dieses Gesprächs, als jemand auf, der Trump Botschaften Peseschkians übermittelte und versprach, Peseschkian Botschaften Trumps zu übermitteln. Das wird Trump nicht retten.

Wozu braucht Trump das überhaupt? Er will, dass die Preise an den Tankstellen sinken. Er will sonst nichts. Man darf nicht glauben, dass Trump nicht versteht, was um ihn herum geschieht. Er versteht alles. Er versteht, dass die Republikaner bei den Kongresswahlen eine vernichtende Niederlage erleiden könnten. Und dass es jetzt nicht nur um das Repräsentantenhaus geht. Ich glaube nicht, dass Trump überhaupt noch hofft, das Repräsentantenhaus zu halten, aber er möchte die Mehrheit im Senat auf keinen Fall verlieren. Wenn jetzt Meinungsumfragen zeigen, dass der demokratische Kandidat im Bundesstaat Texas, der immer eine republikanische Hochburg war und einen republikanischen Präsidenten nach dem anderen hervorgebracht hat – Johnson, Bush senior, Bush junior –, vor dem republikanischen Kandidaten liegt, dann wäre das für die Amerikaner geradezu ein Umsturz. Es wäre eine echte Wahlkatastrophe für die Republikanische Partei, wenn sie den Senatssitz in Texas verliert. Und Trump tut alles, um das zu verhindern.

Und übrigens: Wir sagen ja, dass ein Amtsenthebungsverfahren gegen Trump, das zu seinem Rücktritt führen könnte, grundsätzlich unmöglich ist, weil die Demokraten im Senat keine Zweidrittelmehrheit haben und sie auch nicht bekommen werden, selbst wenn sie die Mehrheit im Senat erringen. Das ist alles richtig. Aber auch etwas anderes ist richtig. Als Richard Nixon während des Watergate-Skandals vom Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten zurücktrat, hatten die Demokraten ebenfalls keine Zweidrittelmehrheit im Senat. Die hatten sie nicht. Nixon genoss in der Republikanischen Partei ein Ansehen, das sich kaum mit dem Ansehen Trumps vergleichen ließ. Er war der anerkannte politische Führer der Republikaner, ein Mann, der seine zweite Präsidentschaftswahl in Folge gewonnen hatte. Ein ehemaliger Vizepräsident, der zwei Amtszeiten in der Administration von Dwight Eisenhower gedient hatte. Aber Nixon erkannte, dass die gegen ihn im Zusammenhang mit Watergate erhobenen Vorwürfe so schwerwiegend waren, dass sich genügend republikanische Senatoren finden würden, die bereit wären, ihn loszuwerden, um ihre eigenen politischen Karrieren fortsetzen zu können. So kam es zu seinem Rücktritt. Und übrigens erinnere ich daran, dass dieser Rücktritt Teil einer Krise war, in deren Verlauf zuvor auch der Vizepräsident der Vereinigten Staaten, Spiro Agnew, sein Amt hatte aufgeben müssen, ebenfalls einer der republikanischen Führer, den man mit JD Vance unter Trump vergleichen kann.

Warum erzähle ich Ihnen das alles so ausführlich und greife dabei auf die amerikanische Geschichte zurück? Weil wir nicht wissen, was die Demokraten alles ausgraben könnten, wenn sie nach ihrem Sieg, selbst wenn es nur bei den Wahlen zum Repräsentantenhaus wäre, das Repräsentantenhaus in eine Untersuchungskommission verwandeln, die die tatsächliche Amtsführung von Präsident Trump sowie die Aktivitäten seiner Verwandten und Bekannten untersucht. Wir wissen es nicht, aber Trump weiß es. Und deshalb sucht er nach Wegen, diese Situation zu verhindern. Denn er kann glauben, dass die Republikaner, wenn sie die Mehrheit im Senat behalten, unter allen Umständen an ihm festhalten werden. Wenn die Republikaner aber auch den Senat verlieren, könnten sie sich bei einer ungünstigen Entwicklung der Ereignisse von ihm abwenden.

Trump kämpft um seine eigene Macht und um seine eigene Freiheit. Und dabei ist ihm der russisch-ukrainische Krieg völlig unwichtig, weil dieser möglicherweise keinen Einfluss auf seine Vorstellungen von seiner eigenen Macht und seiner eigenen Freiheit hat. Verstehen Sie? Für ihn kann es nur wichtig sein, zu überleben. Und er kann glauben, dass irgendwelche beispiellosen Vereinbarungen mit Putin ihm die Möglichkeit geben werden, Putin als wirksamen Vermittler in den Beziehungen zum Regime im Iran einzusetzen, das zu jenem Regime wird, das ihn faktisch an der Kehle gepackt hat und bereit ist, ihn politisch zu erwürgen.

Und ich habe übrigens gesagt, dass die Iraner alles Mögliche und Unmögliche tun werden, um Donald Trump bei den Zwischenwahlen politisch zu vernichten, damit jeder künftige Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika nach dieser Schande instinktiv davor zurückschreckt, den Iran anzurühren. Kein Putin wird sie von dieser Absicht abbringen, glauben Sie mir. Aber Putin nutzt das aus. Das ist ein Motiv, von dem sich der amerikanische Präsident vor seinem Gespräch mit seinem russischen Amtskollegen leiten lassen konnte.

Ein anderer Punkt sind die Lukoil-Aktien. Das könnte sozusagen derselbe Teil der Geschichte sein, der finanzielle Anreiz, das, was schon immer die wahren Absichten Trumps, seiner Verwandten und seiner Freunde bestimmt hat. Diese Menschen sind vor allem ins Weiße Haus gekommen, um sich zu bereichern. Die tatsächlichen nationalen Interessen der Vereinigten Staaten von Amerika sind ihnen scheißegal, das Geld aber nicht. Deshalb suchen sie nach Wegen, an die ausländischen Aktien von Lukoil zu kommen. Im Grunde dreht sich der gesamte Verhandlungsprozess darum.

Ich erinnere immer wieder daran: Russland hat sich in Wirklichkeit aus dem Verhandlungsprozess mit der Ukraine zurückgezogen und erklärt, dass es erst nach dem Abzug der ukrainischen Truppen aus den Gebieten Donezk und Luhansk an den Verhandlungstisch zurückkehren werde. Putin hält sich an dieses Versprechen. Während des gestrigen Gesprächs mit Trump sagte er erneut, dass Russland zu Verhandlungen bereit sei, dass aber die ukrainischen Angriffe auf Russland eine solche Rückkehr natürlich unmöglich machten. Es spielt keine Rolle, wie er das darstellt. Ich erinnere Sie einfach daran, dass es höchstwahrscheinlich keinerlei russisch-ukrainische Verhandlungen geben wird, solange die ukrainischen Truppen nicht aus den Gebieten Donezk und Luhansk abgezogen werden. Und wir werden diese Truppen nicht abziehen.

Und übrigens habe ich mir das ja nicht ausgedacht. Das ist keine Vorhersage von mir. Das wurde im Interview des US-Außenministers und Nationalen Sicherheitsberaters des Präsidenten, Marco Rubio, mit der griechischen Zeitung Kathimerini ganz klar gesagt. Ich habe es aufmerksam gelesen. Und dort sagt der Außenminister, dass die Verhandlungen blockiert sind, weil Russland den Abzug der ukrainischen Truppen aus dem Donbas fordert, die Ukraine sie aber nicht abziehen will. Deshalb finden keine Verhandlungen statt.

Jetzt können Sie fragen: „Und was passiert, wenn die ukrainischen Truppen die Gebiete Donezk und Luhansk verlassen? Kommt dann Frieden?“ Nein. Das kann eine Bedingung für Verhandlungen sein, während die Kampfhandlungen weitergehen. Und auch diese Verhandlungen können scheitern, weil Russland eine neue Bedingung stellen wird. Sagen wir: Zieht jetzt aus den Gebieten Saporischschja und Cherson ab, trefft noch irgendeine Entscheidung. Russland braucht keinerlei Verhandlungen. Russland muss die Ukraine vernichten. Es sucht einfach nach Vorwänden, um nicht reden zu müssen und sich nicht mit Trump zu streiten.

Dann können Sie fragen: „Warum sind Kushner und Witkoff dann nach Moskau und Kyiv gereist?“ Kushner und Witkoff sind nach Moskau gereist, um mit Dmitrijew und anschließend mit Putin über die Lukoil-Aktien zu verhandeln, und nach Kyiv, um diesen Besuch in Moskau zu tarnen, um ihn als friedensstiftenden Besuch auszugeben und nicht als einen Besuch wegen der Aktien. Deshalb hatten Kushner und Witkoff in Kyiv absolut nichts zu tun. Sie langweilten sich ganz offensichtlich, und ihre ukrainischen Gesprächspartner wussten nicht, weshalb sie gekommen waren und worüber sie eigentlich sprachen, weil sie grundsätzlich keinerlei Vorschläge mitgebracht hatten.

Und gestern, während der Verhandlungen Witkoffs mit der ukrainischen Delegation, die auf Ersuchen aus Kyiv in die Vereinigten Staaten gereist war, täuschte Witkoff ebenfalls Aktivität vor. Man darf auch nicht glauben, dass Witkoff irgendein Idiot ist. Er versteht alles ganz genau. Er versteht sehr gut, dass es keinen Verhandlungsprozess mit Russland gibt und auch keinen geben wird. Genauso wie er versteht, dass es keinen Verhandlungsprozess mit dem Iran gibt und auch keinen geben wird. Aber im Fall des Iran müssen sie verhindern, dass der Iran eine akute Phase des Krieges provoziert, die zu einer militärischen Katastrophe für die Vereinigten Staaten von Amerika führen könnte. Das ist unter den neuen militärtechnologischen Bedingungen keine Übertreibung. Die Vereinigten Staaten könnten sich als wehrlos erweisen. Sie werden einfach ihre gesamte Luftverteidigung im Kampf gegen Shahed-Drohnen ohne Strahlantrieb im Nahen Osten aufbrauchen. Und das war’s. Das ist dann die ganze Geschichte mit der Großmacht.

Und im Fall Russlands interessiert ihn einfach die Kohle, interessieren ihn die Lukoil-Aktien. Und er versucht, das mit all diesen sinnlosen Gesprächen zu verbergen. Wir haben doch darüber gesprochen, dass es dieses Treffen geben wird. Budanow, Umjerow, Kyslyzja und noch jemand aus dem Präsidentenbüro, Arachamija, mit Witkoff. Und dann soll es noch dieses große Treffen mit den europäischen nationalen Sicherheitsberatern geben. Und was ist? Was wissen Sie über dieses Treffen? Sie wissen nichts? Es hat doch bereits stattgefunden. Das alles fand statt, weil all diese Menschen versuchten, die Vereinigten Staaten von demonstrativen Vereinbarungen mit Moskau abzuhalten, weil sie wussten, dass diese Vereinbarungen näher rückten. Es gibt schließlich Geheimdienste, die hören das alles ab und verfügen unter anderem über Informationen aus amerikanischen und russischen Quellen. Sie versuchten, Trump davon abzuhalten, konnten ihn aber nicht von diesem Gespräch mit Putin abhalten. Danach erwies sich der gesamte Verhandlungsprozess als völlig sinnlos und für niemanden mehr notwendig. Finita la commedia.

Nun weiter. Präsident Zelensky reagierte sehr scharf. Man könnte sagen, dass er vorsichtiger hätte sein müssen. Jetzt heißt es, dass er damit womöglich jene wunderbare Partnerschaft zerstören könnte, die nach dem Skandal im Oval Office zwischen ihm und Trump entstanden ist. Aber was bringt diese wunderbare Partnerschaft? Ich würde gerne wissen, was diese Partnerschaft bringt, wenn Trump Entscheidungen trifft, die sogar gegen die Gesetzgebung der Vereinigten Staaten verstoßen und die er gar nicht umsetzen kann. Wenn Trump die finanzielle Unterstützung für die Ukraine grundsätzlich eingestellt hat und das vom Repräsentantenhaus verabschiedete Gesetz zur Unterstützung der Ukraine, das diese finanzielle Hilfe und die militärische Zusammenarbeit wiederherstellt, weder unterzeichnen noch auch nur im Senat behandeln lassen will.

Ich möchte Sie daran erinnern, dass Trump nicht, wie hier viele unserer ukrainischen Politiker, diese Opportunisten, zum Teufel mit ihnen, behaupten, die nationalen Interessen der Vereinigten Staaten verteidigt. Nein. Die Menschen, die das amerikanische Volk ebenso wie Trump gewählt hat, haben dieses Gesetz mit Stimmenmehrheit verabschiedet. Warum behandeln die Senatoren es nicht, und warum unterzeichnet Trump es nicht? Im Senat gibt es genügend Stimmen, um dieses Gesetz zu verabschieden. Das garantiere ich Ihnen. Der Vorsitzende der republikanischen Mehrheit im Senat, Senator Thune, setzt diese Frage auf Verlangen des Weißen Hauses einfach nicht zur Abstimmung an. Und Trump kann uns nicht etwas wegnehmen, was er uns gar nicht gibt. Das heißt, Trumps einziger wirklicher Trumpf ist derzeit der Austausch von Geheimdienstinformationen, der es uns ermöglicht, Erdölraffinerien anzugreifen.

Es gab Berichte, dass Witkoff und Trumps Schwiegersohn Kushner, der bekanntlich noch mit einem weiteren Abenteuer dieser Administration beschäftigt ist, nämlich dem Versuch, die Lieferung russischen Gases durch Nord Stream 2 wieder aufzunehmen, uns damit gedroht hätten, keine Geheimdienstinformationen mehr mit uns auszutauschen. Das ist zweifellos ein beunruhigender Punkt, obwohl Witkoff das öffentlich bestreitet und sagt, Amerika sei ein verlässlicher Partner. Ich glaube nicht, dass sie jetzt vor den Wahlen eine solche Entscheidung treffen werden, denn sie verstehen sehr gut, dass es einen großen Teil der Bevölkerung gibt, der mit der Ukraine sympathisiert und auf keinen Fall will, dass die Vereinigten Staaten Russland helfen. Und dass die Vereinigten Staaten Russland faktisch ermöglichen, Geld zu verdienen, und damit im Grunde den Krieg finanzieren, ist bereits ein ziemlich negativer Punkt. Wie Sie sehen, wird Trump dafür in Amerika kritisiert, und zwar nicht nur in der Demokratischen, sondern auch in der Republikanischen Partei.

Aber ich hoffe sehr, dass wir uns auf eine solche Wendung der Ereignisse vorbereitet haben. Schließlich brauchen wir die Geheimdienstinformationen, um die Wirtschaft der Russischen Föderation zu zerstören und ihre Erdölraffinerien anzugreifen. Dabei geht es nicht nur um Amerika und Starlink. Es geht nicht einmal um Starlink, sondern um amerikanische Satelliten. Ich möchte hoffen, dass wir uns wenigstens darauf vorbereitet haben und solche Informationen mithilfe europäischer Satelliten erhalten können. Das wäre ebenfalls ein sehr wichtiger Punkt, denn grundsätzlich war schon vor vielen Monaten offensichtlich, dass Trump bei der erstbesten Gelegenheit versuchen würde, sich aus dieser Situation zurückzuziehen, die mit dem russisch-ukrainischen Krieg und dem Engagement der Vereinigten Staaten auf der Seite der Ukraine verbunden ist.

Aber noch einmal: Ich glaube nicht wirklich, dass das während des Wahlkampfes geschehen wird, denn Trump würde damit Kritik an seinen möglichen Handlungen im Zusammenhang mit dem russisch-ukrainischen Krieg Tür und Tor öffnen, gerade weil er im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit jener steht, die von den Vereinigten Staaten eine aktivere Unterstützung der Ukraine erwarten. Und auch das könnte dazu führen, dass er bei den Zwischenwahlen künftig einige Stimmen verliert. Das ist ganz sicher nicht das, was Donald Trump braucht. Ich denke, er braucht in der gegenwärtigen Situation auf der politischen Bühne Amerikas etwas völlig anderes. Deshalb muss man auch das alles klar verstehen.

Gleichzeitig kann man aber sagen, dass Trump weder das Wesen seiner eigenen Herangehensweise an diesen Konflikt noch die tatsächlichen Auswirkungen seiner Vereinbarungen mit Putin auf den Energiemarkt versteht. Nun, grundsätzlich muss man sich klarmachen, dass wir heute gerade Zeugen eines mangelnden Verständnisses für den wirtschaftlichen Sinn dieser Situation sind. Und auch hier muss man die Frage stellen: Versteht Trump das wirklich nicht? Ich denke, dass er auch das verstehen könnte. Er könnte einfach beschlossen haben, dass seine Vereinbarungen mit Putin ein wirkungsvoller Schritt für den Markt sind. Dass der Markt solche Vereinbarungen als etwas auffassen könnte, das eine Preissenkung ermöglicht. Jetzt ist Wochenende, wir werden das nicht sehen, denn das hängt so oder so mit den Börsen zusammen. Aber am Montag werden wir feststellen, wie realistisch diese Berechnungen Trumps sind und inwieweit infolge all seiner Gespräche der Preis für Dieselkraftstoff überhaupt zu sinken begonnen hat. Denn ich sage es noch einmal: Das Problem ist nicht ein Dieselmangel. Das Problem ist, dass der Ölpreis es nicht erlaubt, die Preise für Diesel und Benzin zu senken.

Möglicherweise besteht das Problem auch darin, dass auf dem russischen Markt Benzin fehlt. Und das führt zu einer größeren Nachfrage nach Kraftstoff insgesamt. Aber das sind alles solche, wissen Sie, Vermutungen, die in keiner Weise der wirtschaftlichen Logik dessen entsprechen, was tatsächlich geschieht. Zumal sich weitere, noch bedrohlichere Ereignisse abzeichnen. Grundsätzlich versuchen derzeit nicht nur wir, Russland auf dem Luftweg zu isolieren, sondern auch die jemenitischen Huthis versuchen, Saudi-Arabien zu isolieren. Sie wissen, dass es nicht nur in dieser Nacht tatsächliche und wirksame Versuche gab, den Luftraum der Russischen Föderation zu blockieren, sondern auch tatsächliche jemenitische Angriffe auf saudische Flughäfen. Dabei kamen drei Menschen ums Leben, ein Passagierflugzeug wurde zerstört, internationale Flüge wurden gestrichen. Und das am Vorabend eines bedeutenden internationalen Forums in Riad. Es ist nicht bekannt, inwieweit es jetzt überhaupt stattfinden wird, denn die Huthis haben gerade am Freitag erklärt, dass der Luftraum Saudi-Arabiens ihr Ziel, ihre Zielscheibe sei.

Und jetzt denken Sie einmal ernsthaft darüber nach, was mit den Ölpreisen geschehen wird, wenn wir sehen, dass Saudi-Arabien sogar darüber nachdenkt, einen wichtigen Investitionsgipfel zu verschieben, der in diesem Land stattfinden sollte. Natürlich wird es auch schwerwiegende Folgen für den globalen Energiemarkt haben, wenn am Flughafen von Riad Explosionen zu hören sind und sich herausstellt, dass Saudi-Arabien dem derzeit nichts entgegensetzen kann. Auch das muss man verstehen. Neue technologische Möglichkeiten eröffnen allen neue Chancen: Russland, die ukrainische Infrastruktur anzugreifen; der Ukraine, die Erdölraffinerien der Russischen Föderation anzugreifen; den jemenitischen Huthis, den Luftraum Saudi-Arabiens ins Chaos zu stürzen. Das ist einfach die Entwicklung des militärischen Fortschritts auf allen Seiten.

Und deshalb ist der Wunsch des amerikanischen Präsidenten verständlich, sein Land vor den Zwischenwahlen nicht in irgendeine neue Geschichte hineinzuziehen, die sehr schlechte Folgen für sein Ansehen und für das Militär haben könnte. Und deshalb will er dieses Heraushalten auch noch durch Gespräche darüber ersetzen, wie erfolgreich sich der Kraftstoffmarkt in den Vereinigten Staaten dank seiner Vereinbarungen mit Putin entwickelt. Das heißt, es wird der Eindruck erweckt, wir hätten irgendeinen Kraftstoffmangel, insbesondere einen Dieselmangel, und eine größere Kraftstoffmenge werde den Preis senken. So lässt sich dieser Propagandatrick genau beschreiben, der im Zusammenhang mit dem Gespräch zwischen den Präsidenten der Vereinigten Staaten und der Russischen Föderation angewandt wurde.

Ich spreche schon gar nicht davon, dass gleichzeitig versucht wird, der Ukraine die Schuld an all diesen Vorgängen zu geben. Denn ein amerikanischer Beamter, der mit dem Medium Axios gesprochen hat, sagte bekanntlich: Sehen Sie, Trump hat beschlossen, sich mit Putin zu einigen, weil Zelensky seiner Bitte, die Erdölraffinerien der Russischen Föderation nicht anzugreifen, nicht nachgekommen ist. Aber was hat das damit zu tun? Das ist doch eine Form von Schizophrenie. Russland verliert infolge unserer Angriffe auf die Erdölraffinerien die Möglichkeit, Millionen Tonnen zu liefern. Millionen Tonnen Kraftstoff, sowohl Benzin als auch Diesel. Millionen. Allein Diesel wurden früher drei Millionen Tonnen im Monat geliefert. Und Trump hat mit Putin vereinbart, dass Putin 300.000 Tonnen liefern kann. Warum sollten wir also auf irgendwelche Appelle Trumps reagieren, wenn Trump seinen eigenen Appellen nichts Wirksames folgen lassen kann? Wir sind trotzdem im Vorteil. Wenn wir Russland die Möglichkeit genommen haben, allein mit Diesel, wenn wir nur über Diesel sprechen, Gewinne aus drei Millionen Tonnen im Monat zu erzielen, was macht es uns dann aus, dass Trump ihnen die legale Möglichkeit geschenkt hat, Gewinne aus 300.000 Tonnen zu erzielen, die sie auch ohne jeden Trump erzielt hätten? Ich sage es noch einmal: Sie hätten den Kraftstoff einfach woandershin geliefert. Um 300.000 Tonnen zu verkaufen, braucht man Trump nicht. Das hat der Verkauf russischen Kraftstoffs an die Länder Zentralasiens im vergangenen Monat gezeigt.

Das ist die ganze Antwort auf die Fragen, die jetzt gestellt werden: Warum wurde das alles gemacht, und sollten wir auf Trumps Bitte hören? Denn jetzt werden bei uns wieder Menschen auftauchen, die sagen werden, dass wir die Füße stillhalten und all diesen Entscheidungen zustimmen müssen. Nein, denn uns wird nichts im Gegenzug angeboten. Zelensky hat gestern und auch zuvor mehrfach erklärt, dass die Ukraine bereit ist, die Angriffe auf die Erdölraffinerien der Russischen Föderation einzustellen, wenn Russland aufhört, die ukrainische Energieinfrastruktur anzugreifen. Für Putin ist es offenbar viel wichtiger, die Energieinfrastruktur der Ukraine anzugreifen, als seine eigene Erdölverarbeitungsindustrie zu erhalten. Denn die Vernichtung der Ukraine und die Errichtung der Kontrolle über ihr Territorium sind in seinem Kopf viel wichtiger als die Erhaltung der Erdölverarbeitungsindustrie der Russischen Föderation. Nun, das ist ebenfalls ein sehr wichtiger Punkt in der Situation, die mit Russlands Krieg gegen die Ukraine zusammenhängt. Ja, das kann eine völlig richtige Priorität sein.

Ja, Putins Handlungen können die russische Erdölverarbeitungsindustrie in den Zusammenbruch treiben. Aber daran ist doch nicht Zelensky schuld. Und Zelensky schlägt doch die ganze Zeit diese Variante einer Waffenruhe im Energiebereich vor. Und die Amerikaner haben übrigens ebenfalls an der Idee einer Waffenruhe im Energiebereich gearbeitet. Wenn aber der Präsident der Russischen Föderation sagt, dass das ein absurder Vorschlag sei, wer ist dann schuld? 

Wir werden einige Fragen beantworten, die bereits während dieser Sendung gestellt wurden.

Frage: Werden die Demokraten jetzt einen Weg finden, diesen populistischen Schachzug Trumps zu kontern und den Wählern zu beweisen, dass er die Preise nicht verändern, sondern die Vereinigten Staaten wegen ihrer Beihilfe für Putin noch tiefer in die Schande stürzen wird?

Portnikov: Nun, hören Sie, warum sollten die Demokraten den Wähler von irgendetwas überzeugen müssen? Der Wähler kommt an die Tankstelle und sieht alles auf der Preistafel. Auf der Preistafel, verstehen Sie? Und glauben Sie mir, die Dieselpreise werden dort nicht sinken, selbst wenn sie vielleicht für ein paar Tage sinken. Ich sage Ihnen noch mehr. Selbst wenn man sich irgendeine Entwicklung vorstellt, bei der die Dieselpreise zu sinken beginnen, braucht es in dieser Situation zwei bis drei Monate, bis sich das tatsächlich irgendwie einpendelt. Dafür ist es ohnehin schon zu spät. Aber bisher gibt es keinerlei Voraussetzungen dafür, dass die Preise an den Tankstellen sinken. Deshalb werden die Demokraten niemandem irgendetwas beweisen müssen. Die Preise sprechen für sich. Verstehen Sie? Wir diskutieren die Welt die ganze Zeit nach der Logik irgendeiner merkwürdigen PR. Aber wozu braucht man PR, wenn die Realität nun einmal so aussieht?

Frage: Werden die Vereinigten Staaten Sanktionen gegen die Ukraine verhängen?

Portnikov: Nein, ich denke, das wird nicht geschehen. Zumindest vor den Zwischenwahlen wird das nicht geschehen. Aber wir könnten mit irgendwelchen Versuchen konfrontiert werden, der Ukraine beispielsweise Geheimdienstinformationen vorzuenthalten, wenn Zelensky nicht auf Trump hört. Das schließe ich nicht aus. Von Trump erwarte ich, wie Sie nach dieser erstaunlichen Entscheidung sehen, inzwischen alles Mögliche. Und diese Situation könnte dazu dienen, zu zeigen, dass eine Einigung mit der Ukraine unmöglich ist, oder uns die Hilfe zu entziehen und uns zur Kapitulation zu zwingen. Aber die Vereinigten Staaten leisten uns gar keine solche Hilfe, deren Entzug uns zur Kapitulation zwingen könnte. Die Vereinigten Staaten sind schon im vergangenen Jahr aus dem Spiel ausgestiegen. Sie leisten uns weder kostenlose militärische noch finanzielle Hilfe. Trump blockiert ein Gesetz, das bereits vom Repräsentantenhaus verabschiedet wurde. Ich habe es schon gesagt: Die Vereinigten Staaten verkaufen Waffen, die Rüstungsunternehmen verkaufen sie. Wenn Trump ihnen verbietet, Waffen an europäische Länder zu verkaufen, nimmt er ihnen vor den Zwischenwahlen ihre Gewinne. Ich glaube nicht, dass das geschehen wird.

Frage: Die Aufhebung von Sanktionen im Austausch gegen Öl – ist das die amerikanische Kunst des Deals oder einfach eine geopolitische Tankstelle bei Gazprom auf Kosten der Ukraine?

Portnikov: Ich verstehe, ehrlich gesagt, nicht so ganz, wovon Sie sprechen, denn es gibt keinerlei Aufhebung von Sanktionen im Austausch gegen Öl. Es gibt einfach eine Genehmigung für Russland, ein halbes Jahr lang seinen Dieselkraftstoff zu verkaufen, den Russland auch ohne diese Genehmigung wunderbar verkauft hat. Das ist also im Grunde völlig bedeutungslos, ehrlich gesagt.

Frage: Sollten wir auf einen Sieg der demokratischen Kräfte in den USA hoffen und eine stärkere Unterstützung der Ukraine bei der Verschärfung des Drucks auf Russland erwarten?

Portnikov: Die Außenpolitik der Vereinigten Staaten wird auf jeden Fall, selbst nach einem Wahlsieg der Demokraten, in den Händen des Präsidenten der Vereinigten Staaten bleiben, der dem Präsidenten der Russischen Föderation positiv gegenübersteht und dessen Weltbild auf Vereinbarungen zwischen drei Staatschefs beruht, zu denen er sich selbst, Putin und Xi Jinping zählt. Aber grundsätzlich werden die Demokraten, selbst wenn sie nur die Kontrolle über eine Kammer des Kongresses erlangen, ein Instrument in die Hand bekommen, das damit zusammenhängt, dass sie die Verabschiedung bestimmter Gesetze ermöglichen müssen, die die Administration braucht. Bei einem solchen Zusammenspiel haben Administrationen und ihnen oppositionell gegenüberstehende Kongresse, selbst wenn es nur um das Repräsentantenhaus ging, in der Regel immer einen Kompromiss gefunden. Aber ich weiß nicht, wie das während der zweiten Trump-Administration sein wird. Sie sehen doch, dass Trump nicht wie ein Mensch aussieht, der zu Kompromissen fähig ist. Er wirkt wie jemand, der keinerlei Grenzen kennt. Deshalb weiß ich nicht, wie das sein wird. Wir wissen nicht, wie die Situation bei einer solchen Wendung der Ereignisse aussehen wird. Wir wissen es einfach nicht, denn alles, was mit Trumps zweiter Amtszeit und mit diesem, ich würde sagen, psychischen Zustand zusammenhängt, in dem sich der Präsident der Vereinigten Staaten befindet, das wissen wir nicht.

Kommentar: Die amerikanische Lizenz für russischen Diesel ist das weltweit erste offizielle Abonnement zur Finanzierung russischer Raketen mit Cashback in Dollar.

Portnikov: Nun, das ist ein schönes Bild. Ich wiederhole noch einmal: Kein russischer Diesel wird in die Vereinigten Staaten von Amerika verkauft werden. Die Vereinigten Staaten von Amerika haben jeden Monat einen Überschuss von sechs Millionen Tonnen Dieselkraftstoff. Und nach den in den Vereinigten Staaten geltenden Gesetzen haben sie keine Möglichkeit, diesen Kraftstoff zu kaufen. Das ist die, wie ich sagen würde, objektive Realität, wie Sie verstehen. Deshalb wird nichts davon geschehen. Es wird keinerlei Cashback in Dollar geben. Das ist eine Vereinbarung über nichts. Ich wiederhole es Ihnen noch einmal: Ihr Wert ist gleich null. Wenn Russland im Herbst einen Überschuss von 300.000 oder 400.000 Tonnen Dieselkraftstoff hat, hätte es ihn auch ohne Trump verkauft. An Amerika wird es ihn ohnehin nicht verkaufen. Worüber reden wir hier eigentlich? Hören Sie sich bitte diese Erklärungen an. Nicht einmal eine einzige Tonne russischen Kraftstoffs kann an die Vereinigten Staaten geliefert werden, weil die Vereinigten Staaten keine rechtliche Möglichkeit haben, ihn zu kaufen, und ihn auch nicht brauchen. Das ist die Antwort auf die Frage.

Frage: Ist das also wirklich das erste Mal in der Geschichte der Vereinigten Staaten, dass ein so geldgieriger Mensch im Oval Office sitzt? Was für eine Schande.

Portnikov: Nun, ein so geldgieriger Mensch sitzt offensichtlich zum ersten Mal in der Geschichte der Vereinigten Staaten im Oval Office. Aber ich erinnere mich an viele Fälle, in denen amerikanische Präsidenten verhängnisvolle außenpolitische Fehler begangen haben. Deshalb kann ich grundsätzlich nicht sagen, dass das etwas völlig Neues ist. Ich glaube, Winston Churchill sagte, die Amerikaner würden tausend falsche Wege ausprobieren, bevor sie das Richtige tun. Die Administration von Donald Trump unterscheidet sich von ihren Vorgängern dadurch, dass sie tausend falsche Wege ausprobieren und trotzdem nicht das Richtige tun wird, weil Donald Trumps Verständnis dafür, was richtig und was falsch ist, verkümmert ist. Er versteht in der Regel nur seine eigenen Interessen, nur sich selbst. Mehr sieht er nicht, wie Sie sehen. Und die Menschen, die sich in seiner Nähe befinden, denken überhaupt nur an sich selbst und an ihre politische Zukunft.

Vizepräsident JD Vance und Außenminister Marco Rubio sind erbitterte Gegner im Kampf um die künftige Präsidentschaft. Und sie wissen, dass sie sich nicht mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, streiten dürfen, denn sie erwarten immer noch, dass er persönlich seinen Nachfolger empfehlen wird, der die Nominierung der Republikanischen Partei gewinnen wird. Sobald sie sehen, dass dieser Mensch in der Republikanischen Partei kein Ansehen mehr genießt, werden sie ihn noch im selben Monat verraten und sich einen Platz an der Sonne suchen, als Menschen, die seinem politischen Kurs oppositionell gegenüberstehen.

Vance wird das wohl kaum schaffen, weil er Vizepräsident ist, obwohl alles möglich ist. Rubio aber wird ihn ganz sicher verraten. Das wird nicht der erste solche politische Verrat in seiner politischen Biografie sein. Ein Mensch, der fähig ist, seine eigenen Werte um seiner Karriere willen zu verraten, wird auch den Menschen verraten, der Werte vertritt, die seinen eigenen entgegengesetzt sind. Nun, das ist die Formel. Das muss man also verstehen. Auch die Turbulenzen dieser Situation muss man verstehen.

Und noch etwas muss man verstehen. Bis zu diesen Zwischenwahlen bleibt glücklicherweise nicht mehr viel Zeit. Buchstäblich ein paar Wochen, ungefähr ein Monat, weniger als ein Monat dieses Wahlkampfes, wenn ich mich nicht irre, denn ich kann mich bei den Daten irren. Man muss doch einmal nachsehen, wann genau die Zwischenwahlen in den Vereinigten Staaten stattfinden. Am 3. November. Nun ja, weniger als ein Monat. Alles richtig.

Also, vom 10. Oktober bis zum 3. November rate ich Ihnen, sich anzuschnallen, die Sicherheitsgurte anzulegen. Es wird noch viel solchen Wahnsinn geben. Er wird nur noch zunehmen. Verstehen Sie, Donald Trump ist jetzt wie ein Fisch, den man aus einem Teich ans Ufer zieht. Und der Fisch will im Teich bleiben. Er wehrt sich, er ist schon fast auf dem Trockenen. Er atmet schwer, schlägt mit seinem schrecklichen Schwanz um sich, fühlt sich schlecht. Würden Sie denn, wenn Sie ein Fisch wären, wollen, dass man Sie aufs Trockene zerrt? Zumal Sie noch vor einigen Monaten für all diese Gauner, die Sie umgeben, ein echter Goldfisch waren und ihnen eine wolkenlose Zukunft versprochen haben, solange sie nur Ihre Wünsche erfüllen.

Deshalb ist das eine solche Krisensituation, deshalb kann jeder neue Tag eine neue Stufe des Wahnsinns bringen. Das muss man klar verstehen, wenn wir über den Verlauf dieser Ereignisse sprechen. Nun, ich denke, dass wir leider noch gezwungen sein werden, auf dieses Thema zurückzukommen und neue sensationelle, katastrophale Ereignisse im Zusammenhang mit dem Wahlkampf in den Vereinigten Staaten zu besprechen. Das garantiere ich Ihnen, ich garantiere Ihnen einfach, dass es noch viele unangenehme Nachrichten geben wird, mehr, als Sie denken. Aber wir werden sie auf jeden Fall besprechen und darüber sprechen, wie wir in dieser schwierigen Situation handeln sollen.

Nach dem 3. November 2026 werden wir uns alle auf die eine oder andere Weise in einer neuen politischen Welt wiederfinden, worauf wir uns ebenfalls vorbereiten müssen. Verstehen Sie, wir fliegen jetzt gewissermaßen, und am 3. November werden wir die Gangway des Flugzeugs der politischen Turbulenzen hinunter auf die sündige Erde steigen müssen. Wir müssen bereit sein für den Ausstieg, für einen Kaffee am Flughafen und für die Fahrt in die Stadt, in der wir bereits eine Vorstellung davon haben werden, was wir nach diesem Flug weiter tun sollen – in die Stadt einer neuen politischen Epoche. 


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Titel des Originals: Світ шокований Трампом: наслідки | Віталій Портников. 10.10.2026.
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Veröffentlichung: 10.10.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Wadephul rechtfertigt sich wegen Lawrow | Vitaly Portnikov. 27.09.2026.

Der deutsche Außenminister Johann Wadephul rechtfertigt sich weiterhin für sein Treffen mit dem Leiter des russischen Außenministeriums Sergej Lawrow, das am Rande der Sitzung der UN-Generalversammlung stattfand.

Es war der erste derartige Kontakt zwischen den Leitern der Außenministerien Deutschlands und Russlands seit 2022, also seit jenem Zeitpunkt, als Russland seinen groß angelegten Angriff auf die Ukraine begann.

Seitdem haben weder die Leiter des Außenministeriums in der Regierung von Olaf Scholz noch die Leiter des Außenministeriums in der Regierung von Friedrich Merz noch die meisten anderen Außenminister europäischer Länder versucht, sich mit Lawrow zu treffen – mit Ausnahme etwa des inzwischen ehemaligen ungarischen Außenministers Péter Szijjártó, der mit dem russischen Freundschaftsorden ausgezeichnet wurde.

Deshalb bedarf ein solch offensichtlicher Durchbruch der diplomatischen Isolation Russlands einer wirklichen Erklärung. Natürlich lautet die wichtigste Erklärung, die auch der deutsche Minister vorbringt, dass die Europäer den gesamten Dialog mit Russland nicht den Amerikanern überlassen wollen. Und dass andere europäische Kollegen Wadephul um ein Treffen mit Lawrow gebeten hätten.

Der entscheidende Durchbruch bei der Isolation Russlands fand also natürlich genau in dem Moment statt, als Donald Trump Putin anrief und es dem russischen Präsidenten ermöglichte, den amerikanischen Präsidenten dafür zu benutzen, weiter auf Zeit zu spielen und einen Verhandlungsprozess zu simulieren. Und wie wir uns erinnern, traf sich nach diesem Telefonat Trumps mit Putin nicht nur der amerikanische Präsident selbst mit seinem russischen Amtskollegen bei dem inhaltsleeren Treffen in Anchorage, das die russische Propaganda bis heute für ihre Zwecke nutzt, sondern auch US-Außenminister Marco Rubio traf sich mehrfach mit Lawrow. Das jüngste Treffen fand übrigens ebenfalls am Rande der Sitzung der UN-Generalversammlung statt, führte zu keinerlei Ergebnissen und erregte keine besondere öffentliche Aufmerksamkeit, weil die Kontakte zwischen Lawrow und Rubio leider bereits zur Routine geworden sind.

Doch es stellt sich die Frage, warum sich die Europäer dieser Linie der gegenwärtigen amerikanischen Administration anschließen sollten, wenn sie keinerlei konkrete Ergebnisse bringt. Und auch das Treffen zwischen Lawrow und Wadephul brachte keinerlei konkrete Ergebnisse – abgesehen von der Möglichkeit für die Russen, allein die Tatsache dieses Treffens für ihre Zwecke zu nutzen. Der deutsche Außenminister sagt, er habe dem russischen Außenminister entschieden erklärt, dass Handlungen wie der Versuch, den Flughafen Leipzig zu sprengen, inakzeptabel seien, dass Deutschland entschlossen handeln werde, dass Deutschland die Ukraine weiterhin unterstützen werde und dass Russland beweisen müsse, dass es Frieden wolle.

Doch das ist keine Frage von Verhandlungen. Es geht darum, eine Position deutlich zu machen, die auch ohne ein Treffen bekannt ist. Und hier kann man dem Außenminister der Russischen Föderation zustimmen, der sagte, wenn das Treffen lediglich dazu gedient habe, Moskau die Position Berlins mitzuteilen, hätte man ihn einfach anrufen können. Denn Verhandlungen – und das sollte übrigens auch Donald Trump verstehen – werden dann geführt, wenn die Seiten bereit sind, ihre Positionen aufeinander abzustimmen. Wenn sie hingegen lediglich ihre Positionen austauschen und in keiner einzigen wirklichen Grundsatzfrage zu einer Einigung gelangen können, dann sind das überhaupt keine Verhandlungen. Dann ist es eben ein Durchbrechen der diplomatischen Isolation Russlands.

Und zwar durch das Verkünden deklaratorischer Erklärungen, die die russische Führung überhaupt nicht interessieren. Und was sehen wir am Ende? Nach dem Treffen der Außenminister Deutschlands und Russlands äußert sich Lawrow auf seiner eigenen Pressekonferenz mit unverhohlener Geringschätzung über seinen deutschen Amtskollegen und betont, dass bei diesem Treffen keinerlei konkrete Vereinbarungen erzielt werden konnten.

Es ist also nicht klar, wozu dieses Treffen überhaupt notwendig war. Russland nimmt keine der deutschen Erklärungen ernst. Mehr noch: Lawrow beginnt bereits davon zu sprechen, dass die Europäer, wenn sie sich auf einen Krieg vorbereiten, diesen Krieg auch bekommen werden. Nur werde es, den Worten des russischen Präsidenten Putin zufolge, ein kurzer Krieg sein. Und die Sprecherin des russischen Außenministeriums, die widerwärtige Maria Sacharowa, demütigt Berlin weiter und betont, der deutsche Außenminister habe ausschließlich deshalb um ein Treffen mit Lawrow gebeten, um die sinkenden Umfragewerte von Bundeskanzler Friedrich Merz aufzubessern.

Und hier können wir uns tatsächlich den außenpolitischen Aspekten der Kontakte zwischen Deutschland und Russland zuwenden und darüber nachdenken, wie sie sich auf die Innenpolitik auswirken. Vielleicht hat Sacharowa recht? Vielleicht hat man in der deutschen Regierung entschieden: Wenn die Führung der Partei Alternative für Deutschland, die heute in den Wahlumfragen des Landes an der Spitze liegt, zu Gesprächen mit dem Kreml aufruft, dann könnte ein solches Gespräch, wenn es von der derzeitigen Regierung geführt wird, beweisen, dass Kontakte mit Moskau selbst dann, wenn sie stattfinden, zu keinerlei konkreten Ergebnissen führen?

Aber Verzeihung: Die Partei Alternative für Deutschland ruft keineswegs deshalb zu Gesprächen mit dem Kreml auf, um jene Positionen zu vermitteln, die Johann Wadephul Lawrow mitgeteilt hat, sondern um sich mit Moskau über die Wiederinbetriebnahme der Nord-Stream-Pipelines zu verständigen, um wieder die Möglichkeit zu erhalten, russisches Gas für die deutsche Industrie günstiger als zu Börsenpreisen zu beziehen, und um über die Einstellung der Hilfe für die Ukraine zu sprechen. Mit einem solchen deutschen Minister, einem Minister der Alternative für Deutschland, der Lawrow faktisch die Kapitulation Deutschlands vor Russland versprechen würde, würde der Leiter des russischen Außenministeriums natürlich eine gemeinsame Sprache finden.

An der Stelle der europäischen Diplomaten würde ich es mit Kontakten zu ihren russischen Kollegen daher nicht eilig haben. Russland hat seinen klaren Kurs gewählt, einen Kurs der Konfrontation und Eskalation in Europa, und keinerlei Kontakte mit Lawrow oder irgendeinem anderen russischen Funktionär werden zu einer Änderung der russischen Position führen, solange Russland tatsächlich über genügend Kräfte verfügt, um den Krieg in der Ukraine fortzusetzen und sich auf einen Krieg in Europa vorzubereiten.

Daher müssen sich auch die Europäer nicht auf Verhandlungen und nicht auf Frieden, sondern auf Krieg vorbereiten und verstehen, wie sie dieser für sie ernsten Prüfung begegnen werden, falls Russland beschließt, von hybriden Angriffen auf europäische Länder zu einem tatsächlichen aggressiven Angriff überzugehen, oder falls Putin einen weiteren Fehler begeht und seine hybriden Provokationen sich selbst gegen den Willen des russischen Staatschefs in einen wirklichen Krieg mit Europa verwandeln – so wie der ukrainische Blitzkrieg zu einem jahrelangen Krieg gegen unser Land wurde, bei dem niemand auch nur den Hauch eines Auswegs finden kann, der auf diplomatischem Wege erreicht werden könnte.

Das ist es, was meines Erachtens die wichtigste Aufgabe der Regierung Friedrich Merz hätte sein müssen, und das ist weitaus wichtiger als irgendwelche wahltaktischen Überlegungen. Denn wie wir aus unserer eigenen Erfahrung schon seit Langem wissen: Wenn Krieg herrscht, vergisst man die Wahlen.


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Titel des Originals: Вадефуль виправдовується за Лаврова |
Віталій Портников. 27.09.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 27.09.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Polen bereitet sich auf Angriffe vor | Vitaly Portnikov. 17.09.2026.

In Polen wird angekündigt, dass man angesichts der immer wieder nahe der ukrainisch-polnischen Grenze auftauchenden russischen Drohnen Präventivmaßnahmen ergreifen werde.

Wie bekannt, wurden in diesen Tagen erstmals seit Beginn des großen Krieges Russlands gegen die Ukraine Gebiete an der polnisch-ukrainischen Grenze angegriffen – zwar auf ukrainischem Territorium, aber in unmittelbarer Nähe zur Republik Polen. Das konnte bei unseren Nachbarn nur ernsthafte Besorgnis auslösen.

Dabei können wir bereits von einer tatsächlichen Bereitschaft der Russischen Föderation sprechen, nach Wegen zu suchen, die Ukraine von ihren europäischen Nachbarn zu isolieren. Es begann mit der Bombardierung von Grenzübergängen an der Grenze zwischen der Ukraine und der Republik Moldau. Meiner Ansicht nach war dies eine Generalprobe für jenen großen Plan, der im Kreml bereits vorbereitet worden ist. 

Die Republik Moldau ist nicht Teil der Europäischen Union, sondern lediglich Beitrittskandidat und gehört nicht der NATO an. Die Russen konnten daher davon ausgehen, dass man gerade mit einem Land beginnen sollte, das nicht mit schnellem Schutz oder zumindest mit einer Reaktion seiner Verbündeten rechnen kann.

Und nachdem die Angriffe auf Grenzübergänge nahe dem Territorium der Republik Moldau stattgefunden hatten, gingen sie zur nächsten Phase ihrer Pläne über: zu Angriffen auf das Grenzgebiet zu Polen, auf Personenzüge und auf die Grenzübergänge selbst.

Die Idee ist vollkommen klar. Erstens soll die Ukraine von ihren europäischen Verbündeten isoliert werden. In Moskau ist man zu dem Schluss gekommen, dass die europäische Hilfe Russland keine Möglichkeit geben wird, den russisch-ukrainischen Krieg zu gewinnen oder die Ukraine zur Kapitulation zu zwingen. Und damit ist die Isolierung der Ukraine einer der wichtigen Schritte auf dem Weg zur Vorbereitung jener Kapitulation Kyivs vor Moskau, von der Putin weiterhin träumt.

Der zweite Punkt ist die Möglichkeit, die Gesellschaften in den europäischen Ländern einzuschüchtern. Denn in Moskau hofft man, dass die Bürger der Mitgliedstaaten der Europäischen Union und der NATO erkennen werden, dass die einzige wirkliche Alternative zu einem Krieg in Europa Vereinbarungen mit Russland über ein Zusammenleben sind. Und dieses Zusammenleben schließt natürlich die Unterstützung der Ukraine und weitere Maßnahmen zur wirtschaftlichen und politischen Isolierung des Putin-Regimes aus.

Es gibt viele Politiker, die bereit sind, den Weg zu Vereinbarungen mit der Russischen Föderation einzuschlagen. Es gibt sie in Polen, es gibt sie in Deutschland. Und Sie können übrigens feststellen, dass vor den Wahlen im Bundesland Sachsen-Anhalt, bei denen die rechtspopulistische Alternative für Deutschland triumphierte, die sich gerade mit Putin verständigen will, ein ganzes Feuerwerk an Sabotageakten veranstaltet wurde. Diese sollten den Bewohnern der ostdeutschen Bundesländer demonstrieren, dass sie sowohl Licht als auch Wärme verlieren würden, wenn sie keine Politiker wählen, die bereit sind, sich mit dem Kreml zu verständigen.

Nun ist Polen an der Reihe. Wir sehen eine ernsthafte Besorgnis wegen russischer Angriffe in den östlichen Woiwodschaften des Landes, wo mehrmals Alarm ausgelöst, die Luftwaffe in Bereitschaft versetzt und der Schulunterricht abgesagt wurde.

Die Nähe des Krieges wirkt sich auf die Bevölkerung immer ziemlich negativ aus. Und hier stellt sich die wichtige Frage, wie diese Bevölkerung politisch auf solche permanenten Bedrohungen reagieren wird, wenn sie zu einem Teil des Lebens der Bewohner der Grenzwoiwodschaften werden. Werden sie tatsächlich bereit sein, für prorussisch eingestellte Politiker zu stimmen, oder werden sie im Gegenteil von ihrer Regierung Widerstand verlangen? Und das wird davon abhängen, wie Warschau und andere europäische Hauptstädte tatsächlich auf die zunehmende Eskalation reagieren werden.

Wir sehen, dass jetzt erneut die Frage einer gemeinsamen Kontrolle des Luftraums der Ukraine und Polens an Bedeutung gewinnt. Der polnische Außenminister Radosław Sikorski hatte bereits über eine solche Möglichkeit gesprochen, als eine ganze Armada russischer Aufklärungsdrohnen im Luftraum seines Landes aufgetaucht war. Doch damals wurde dem polnischen Minister leider kein Gehör geschenkt.

Er hat diese Initiative nun erneut vorgebracht, die zweifellos sowohl für Ruhe in den östlichen Woiwodschaften der Republik Polen sorgen als auch die ukrainische Luftverteidigung in den westlichen Gebieten unseres Landes entlasten könnte, wodurch es möglich würde, das Zentrum und den Osten schneller vor russischen Angriffen zu schützen.

Und noch ein ziemlich wichtiger Punkt, der ein Signal an den Kreml sein könnte, sind die Worte des amerikanischen Präsidenten Donald Trump, wonach die Vereinigten Staaten die Vorbereitungen für die Eröffnung ihrer Militärbasis auf dem Gebiet der Republik Polen intensivieren. Dies ist möglicherweise das ernsthafteste Signal des amerikanischen Präsidenten an seinen russischen Amtskollegen in den vergangenen Jahren.

Damit gibt man dem Präsidenten der Russischen Föderation in Washington zu verstehen, dass er Polen nicht ungestraft angreifen kann und dass Angriffe auf Polen irgendwann zu Angriffen auf das amerikanische Kontingent werden könnten, das nicht nur auf polnischem Territorium stationiert sein, sondern dort auch vergrößert werden wird. Der russische Präsident wird daher das gesamte Risiko abwägen müssen, das mit seinen Absichten verbunden ist, den Krieg auf das Gebiet von Mitgliedstaaten der Europäischen Union auszuweiten.

Ja, wir verstehen sehr gut, dass es sich bislang gerade um einen hybriden Krieg handelt. Doch in einem hybriden Krieg ist es gar nicht so schwer, einen Fehler zu machen, der ihn in einen echten Krieg verwandelt. Die gesamte Geschichte der Weltkriege zeigt gerade, dass solche Fehler zu realen militärischen Auseinandersetzungen führten und eine solche Eskalationsspirale in Gang setzten, aus der es keinen Ausweg mehr gab.

Möglicherweise versuchen die Vereinigten Staaten mit ihrer Ankündigung, eine Militärbasis auf dem Gebiet der Republik Polen eröffnen zu wollen und die Maßnahmen zu deren weiterem Ausbau zu verstärken, den russischen Präsidenten von unüberlegten Schritten abzuhalten. Doch es stellt sich immer die Frage, inwieweit Präsident Putin heute, nach viereinhalb Jahren des großen Krieges Russlands gegen die Ukraine, viereinhalb Jahre nachdem seine Blitzkriegspläne gescheitert sind und er sich in einen jahrelangen Krieg mit einem Nachbarstaat verstrickt hat, politisch noch in der Lage ist, dieses Signal aus dem Weißen Haus realistisch einzuschätzen und zu erkennen, auf welchen Weg mit ungewissem Ausgang er sich begeben könnte, wenn er den Krieg gegen die Ukraine auf unsere europäischen Nachbarn ausweiten will.

Bislang haben wir keine Situation erlebt, in der Putin wie jemand gewirkt hätte, der die Risiken in dem Krieg, den er am 24. Februar 2022 begonnen hat, stets nüchtern einschätzt.


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Titel des Originals: Польща готується до ударів | Віталій Портников. 17.09.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 17.09.2026.
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Dafür haben sie gekämpft – und genau das ist ihnen nun zum Verhängnis geworden. Natalya Gaevskaya. 17.08.2026.

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Alle wissen, dass man weder die Gesetze des Staates noch die Gesetze des menschlichen Zusammenlebens missachten darf, und ganz besonders darf man die Gesetze des Universums nicht missachten, denn was man sät, das wird man auch ernten. Die Raschisten haben gesät und beginnen nun, ihre „Ernte“ einzufahren. Auch bei den Polen haben sie Hass und Dreistigkeit ‚mitgesät‘.. Nun stellt die himmlische Verwaltung  dieser „Monokultur“ die Rechnung aus: Über den polnischen Feldern herrscht eine Rekorddürre. Mehr als 65 % der landwirtschaftlichen Betriebe sind vom Wassermangel betroffen.

Und wer hat dem polnischen Landwirt während der Ernte unter der sengenden Sonne immer geholfen? Richtig, die fleißigen ukrainischen Arbeitsmigranten.Doch seit sich die polnische Gastfreundschaft in Form von Blutergüssen in ukrainischen Gesichtern zeigt, ziehen die Ukrainer massenhaft weiter nach Westen – weg von Polen (Deutschland, Niederlande, Dänemark), und die polnischen Landwirte schlagen Alarm: Es fehlt in kritischem Ausmaß an Saisonarbeitskräften. Erdbeeren und Äpfel verfaulen mancherorts einfach an den Pflanzen beziehungsweise Bäumen, denn andere Migranten haben es nicht eilig, sie für das Geld zu pflücken, das die Polen anbieten, während die Ukrainer bereits Deutsch lernen und nicht daran denken, zurückzukehren.

Unterdessen jammern die örtlichen polnischen Gewerkschaften weiterhin darüber, dass „die verfluchte Eurobürokratie mit ihren Umweltvorschriften des Green Deal und ihren Quoten das polnische Dorf erdrosselt“, dass Europa ein Feind und Brüssel eine Diktatur sei. Dabei vergessen sie zu erwähnen, dass gerade Polen weiterhin der größte Nettoempfänger finanzieller Hilfen aus dem EU-Haushalt ist. Im neuen langfristigen Haushalt (2028–2034) sind für polnische Landwirte 33,6 Milliarden an direkter Unterstützung vorgesehen. Eine schöne Idylle: Tagsüber blockieren sie – häufig nach Kreml-Drehbüchern – Straßen aus Protest gegen die EU-Politik, und abends überprüfen sie ihre Bankkarten, auf denen die großzügigen Brüsseler Subventionen eingehen. Echte europäische Integration mit Kreml-Beigeschmack.

Und nun fast zu den biblischen Gleichnissen … Habt ihr die hitzköpfigen polnischen Jungs noch nicht vergessen, die auf ihren Traktoren stolz die Grenze blockierten und demonstrativ ukrainischen Weizen direkt auf den Asphalt schütteten? Damals wurde das als „heiliger Krieg“ zur Rettung der polnischen Verbraucher vor „giftigem und billigem“ ukrainischem Getreide und anderen landwirtschaftlichen Erzeugnissen dargestellt. Sie verabschiedeten sogar ein Gesetz (einseitig und unbefristet), das den Ankauf „ukrainischer“ Waren verbot.

Die Zeit verging. Die Dürre verbrannte die polnischen Felder. Heute fleht der polnische Verband (PSPO), der 95 % der verarbeitenden Industrie des Landes vertritt, Donald Tusk buchstäblich an: „Heben Sie das Importverbot für Waren aus der Ukraine auf!“ Den polnischen Fabriken fehlen katastrophal mindestens 500.000 Tonnen Raps, den die Ukraine problemlos an Frankreich und Deutschland verkauft. Dort wird er anschließend verarbeitet, und die fertigen Produkte werden nach Polen verkauft.

So sieht sie also aus, die „Monokultur“ auf Polnisch: Eher scheißen wir uns ein, als dem gesunden Menschenverstand nachzugeben. So etwas ist weder im Nationalcharakter noch in den Kreml-Drehbüchern vorgesehen. Und politische Umfragewerte sind „unser EIN UND ALLES“ – sowohl in Polen als auch anderswo auf der Welt, einschließlich unseres Landes … Denn gerade sie schützen die Welt vor dem gesunden Menschenverstand und die Machthaber vor Gefängnisgittern.

Fazit: Wenn du das Brot eines anderen auf die Straße schüttest, sei darauf vorbereitet, dass deine eigene Erde vor Dürre aufreißt – wie aus Verachtung für dich selbst und deine einzige Rettung das Geld jenes Brüssels sein wird, das du verfluchst.

Nun denn, halten wir die Reihen geschlossen und beobachten wir das Handeln der himmlischen Verwaltung.


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Titel des Originals: За що боролися, на те й напоролися. Natalya Gaevskaya. 17.08.2026.
Autor: Natalya Gaevskaya
Veröffentlichung: 17.08.2026.
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Portnikov: „Die junge Generation muss sich darauf vorbereiten, in Kriegen zu sterben.“ 07.08.2026.

Hans Luik. Wir wollten uns eigentlich schon der Rente nähern, aber man lässt uns nicht. Sie sind ja jünger als ich. Also mussten wir zurückkehren. Wieder Imperialisten, wieder die Islamische Revolution, die Revolutionsgarden. Wird das für immer mit uns bleiben?

Portnikov. Ja, solange Sie leben, ja.

Hans Luik. Nun, dann natürlich auch solange Sie leben, Sie sind sechs Jahre jünger. Und was sagen wir der jungen Generation? Dass Imperialismus immer bleiben wird?

Portnikov. Der jungen Generation muss man einfach sagen, dass sie sich darauf vorbereiten soll, in Kriegen zu sterben. Was soll man da sagen. Und wir beide werden das beschreiben.

Hans Luik. Ja: „Begreif, mein Sohn, dass bald wieder die Imperialisten kommen werden. Der Oreschnik fliegt und signalisiert der ganzen Welt, verkündet allen Völkern: ‚Wir sind für Freundschaft, wir sind für Frieden.‘“ Und gestern habe ich Sie in einem Stream mit Yuri Rashkin gesehen, da waren Sie so: „Ich habe so gelacht.“

Portnikov (Zitat aus einem anderen Video). Und das, was die Iraner sagen, ist genau das, was wir schon gehört haben.

  • Als Trump den Waffenstillstand ankündigte, saßen wir alle hier und gingen davon aus, dass nun der von Trump angekündigte Untergang der Zivilisation eintreten würde. Eine Katastrophe.
  • Und der Iran sagte: „Macht nichts, wir werden die Straße von Hormus trotzdem nicht öffnen. Mehr noch, dann greifen wir die Staaten am Persischen Golf an, ihre Entsalzungsanlagen. Wir greifen ihre Ölfelder an, und dann werdet ihr alle euer blaues Wunder erleben.“ Und alle saßen da und warteten darauf, wohin das führen würde.
  • Dann trat Trump ganz in Weiß auf und sagte, er verkünde einen Waffenstillstand. Alle atmeten auf.
  • Dann hieß es, der Waffenstillstand gelte nicht nur für den Iran, sondern auch für den Libanon.
  • Dann sagten Trump und Netanyahu: „Nein, für die Hisbollah gilt das nicht.“
  • Dann sagte der Iran: „Ach, wenn das nicht gilt, dann wird die Straße von Hormus auch nicht geöffnet.“
  • Dann sagte Trump: „Wenn die Straße von Hormus nicht geöffnet wird, gibt es auch keinen Waffenstillstand.“
  • Der Iran sagte: „Dann werden wir die Straße von Hormus nicht öffnen.“
  • Trump sagte: „Gut, ich habe Israel befohlen, im Libanon nicht zu schießen.“
  • Der Iran sagte: „Gut, wir öffnen die Straße von Hermuss.“
  • Trump sagte: „Aha, dann werde ich sie selbst für eure Schiffe sperren, solange ihr die übrigen Bedingungen nicht akzeptiert.“
  • Der Iran sagte: „Ach so, dann schließen wir die Straße von Hormus.“
  • Trump sagte: „Ach so, dann schicke ich Vance zu Verhandlungen nach Islamabad.“
  • Der Iran sagte: „Ach so, dann schicken wir niemanden zu Verhandlungen, solange ihr die Meerenge nicht öffnet.“
  • An diesem Punkt befinden wir uns. Und Trump sagt: „Ach so, dann richte ich den Untergang an.“ Nun, er sagt nicht mehr „Untergang der Zivilisation“. „Dann bombardiere ich alles in Grund und Boden.“
  • Und was wird der Iran sagen? „Na gut, dann bombardiert eben. Wenn ihr bombardieren wollt, dann bombardiert. Wir haben uns während des Waffenstillstands sehr viel besser vorbereitet.“

Hans Luik. Was ist das für ein Absurdistan? Da ist der Egomane Trump mit Raketenmangel. Er schlägt zu, und Iran, reagierst so? „Wenn du so, dann wir so.“ Das war ein interessanter Ansatz. Können Sie für unser Publikum noch einmal erklären, wie diese Logik funktioniert? Also: Entweder wir schließen Hormus oder nicht, ich schließe es selbst, nein, ich werde bombardieren, und dann ihr so, und wir dann Dubai oder …

Portnikov. Das ist doch das natürliche Verhalten kriegführender Seiten. Ich verstehe nicht, was Sie daran ungewöhnlich finden. Die Vereinigten Staaten waren offenbar einfach nicht auf eine Schließung der Straße von Hormus und auf iranische Angriffe gegen die Staaten am Persischen Golf vorbereitet. Aber es ist eine völlig verständliche Formel, wenn ein schwächerer Staat die verwundbaren Punkte eines stärkeren ausnutzt, um auf diese Weise unter den Bedingungen eines totalen Krieges irgendwie seine Existenz zu sichern. Der Iran tut im Krieg mit den Vereinigten Staaten genau dasselbe wie die Ukraine im Krieg mit Russland.

Hans Luik. Was wird mit ihrer Atomwaffe?

Portnikov. Nun, sie verfügten nicht über die Fähigkeit zur Herstellung von Atomwaffen, aber sie haben weiterhin Material zur Herstellung einer Atomwaffe. Soweit ich weiß, wird das in den Vereinigten Staaten von niemandem bestritten.

Hans Luik. Interessant, ist von dort nicht irgendein Mordechai Vanunu geflohen, der uns genauer erklären könnte, wo in den Bergen diese Zentrifugen stehen?

Portnikov. Bislang sehen wir nichts Derartiges.

Hans Luik. Ein Direktor eines amerikanischen Nachrichtendienstzweigs ist zurückgetreten und sagt, das sei alles eine Provokation, dort gebe es nichts.

Portnikov. Nein, das war nicht der Direktor der CIA. Ich glaube, das sagte die Geheimdienstchefin Tulsi Gabbard, als sie zurücktrat. Sie leitet nicht die CIA. Aber Zweifel daran, dass der Iran angereichertes Uran besitzt, hat meines Wissens niemand geäußert.

Hans Luik. Aber bei den Verhandlungen, die mit Witkoff, mit Kushner gescheitert sind, soll Araghchi, der iranische Minister, oder jemand aus der Delegation gesagt haben: „Wir werden bald elf Atomsprengköpfe haben, und dann werdet ihr noch euer blaues Wunder erleben.“

Portnikov. Wir wissen nicht, wie sehr man irgendwelchen Informationen dieser Art trauen kann, die aus Teheran kommen.

Hans Luik. Genau. Gut. Sie waren während der Perestroika und der Befreiung Lettlands in Lettland, ja? Haben Sie dort gearbeitet?

Portnikov. Nun, ich war während der Perestroika mehrfach in Lettland.

Hans Luik. Haben Sie in deren Zeitschriften geschrieben?

Portnikov. Ja, ich schrieb Texte für die lettische Zeitung „Padomju Jaunatne“, als ihr die Akkreditierung in Moskau entzogen wurde.

Hans Luik. Was meinen Sie: Wie lange muss eine freie lettische Republik bestehen, damit ihre russischsprachige Bevölkerung – von der es in Daugavpils, Riga, Liepāja, Ventspils ja nicht wenige gibt – ihren Imperialismus vergisst?

Portnikov. Wir haben es mit unterschiedlichen ethnischen Gruppen zu tun, die sich nur sehr schwer zu einer gemeinsamen politischen Nation zusammenfügen. Denn einerseits gibt es das Konzept des Nationalstaates, und die Republik Lettland ist ein solcher.

Andererseits leben dort Menschen, ethnische Russen. Sie sind ja keine russischsprachigen Letten, sagen wir, wie es in der Ukraine bei Ukrainern häufig vorkommt. Das sind Menschen, die ethnische Russen sind, sehr häufig selbst aus Russland stammen oder deren Eltern aus Russland stammen. Und sie haben ein anderes ethnisches und nationales Bewusstsein. Sie haben eine andere Muttersprache, andere kulturelle Wurzeln.

In diesem Sinne ist das ein ziemlich schwieriges Problem, das mit der Existenz zweier Gemeinschaften innerhalb einer politischen Nation und mit der Frage verbunden ist, ob diese politische Nation effektiv existieren kann.

Entschuldigen Sie, das ist dasselbe, was in Israel passiert. Es gibt israelische Juden und israelische Araber. Sie wollen doch nicht sagen, dass man aus einem Araber in Israel einen Juden machen kann. Genauso wenig kann man aus einem Russen in Lettland einen Letten machen.

Wenn wir von einer politischen Nation der Einwohner Lettlands sprechen, ja, die kann entstehen. Aber das wird sehr schwer sein, denn die Schaffung einer solchen politischen Nation setzt gerade nicht voraus, dass alle in einem einzigen ethnischen Pol aufgehen. Deshalb wird dieses Problem sowohl in Lettland als auch in Estland immer bestehen.

Hans Luik. Ja, aber Russischsprachigkeit bedeutet nicht zwangsläufig Imperialismus.

Portnikov. Wir sprechen vom russischen Volk, nicht von Russischsprachigen. Diese Menschen sind ethnische Russen. Für sie ist Russisch die Muttersprache und russische Kultur ihre eigene Kultur. Und alles, was mit russischer Kultur verbunden ist, ist ihnen auf die eine oder andere Weise verständlich und zugänglich. Natürlich muss das nicht automatisch mit Imperialismus zusammenhängen. Aber wenn der Imperialismus, wenn Sie so wollen, sowohl der politischen als auch der künstlerischen Kultur zugrunde liegt – wo soll er dann hin?

Hans Luik. Imperialismus, ja, Entschuldigung, das ist ein philologischer Aspekt. Sie sagten Russentum, ja?

Portnikov. Ich erinnere noch einmal daran, dass diese Menschen ethnische Russen sind. Sie haben unterschiedliche politische Ansichten, aber dennoch verbindet sie ihre Zugehörigkeit zu diesem kulturellen Raum, nicht zum lettischen. Sie können Lettisch können, lettische Bücher lesen, aber deshalb werden sie trotzdem keine Letten. Sie werden Einwohner Lettlands, Bürger Lettlands, Letten im staatsbürgerlichen Sinn sein, aber keine ethnischen Letten. Ja, ja. Deshalb wird diese Verschmelzung höchstwahrscheinlich überhaupt nicht stattfinden.

Hans Luik. Überhaupt nicht? Dreißig Jahre, eine neue Generation.

Portnikov. Hören Sie, ich bin jüdischer Herkunft. Ich brauche weder 30 noch 40 noch 100 Jahre. Wir leben seit Jahrtausenden auf dem Gebiet der Ukraine und bleiben trotzdem Juden.

Hans Luik. Ich habe hier in Tallinn den Schriftsteller Michail Schischkin interviewt, und seltsamerweise musste ich ihn irgendwie trösten. Er sagte, das Prestige der russischen Sprache sei inzwischen völlig abgestürzt, stehe sehr niedrig. Ich sagte: „Das stimmt nicht. Zum Beispiel spreche ich doch hier mit Ihnen mein mehr oder weniger brauchbares Russisch.“

Portnikov. Ich glaube, dass Herr Schischkin völlig recht hat, denn jene Wahrnehmung der russischen Kultur und der russischen Zivilisation, die es vor Beginn des großen Krieges Russlands gegen die Ukraine gab, ist unwiderruflich verschwunden. Aber das besagt nichts weiter, das ist an sich nichts Besonderes.

Hans Luik. Mir tut unsere junge Generation trotzdem leid, insbesondere meine Söhne, die kein Russisch verstehen.

Portnikov. Wissen Sie, offen gesagt tut es mir nicht besonders leid, dass Ihre Kinder kein Russisch verstehen, weil ich mir schon zu Sowjetzeiten immer die Frage gestellt habe, warum sie es überhaupt verstehen sollten. Die Menschen leben in Estland, ihnen sind, sagen wir, der finnische, deutsche oder englische Kulturraum viel näher. Sie künstlich an etwas heranzuführen, das für sie keine zivilisatorische Wahl darstellt – wozu? Sie können russische Schriftsteller auf Estnisch lesen, um Gottes willen. Aber was hat die Sprache damit zu tun?

Hans Luik. Diesen Dialog werde ich mit meinen Kindern führen, mit meinen Töchtern und Söhnen. Gut, und wie werden die Russen, also die Bürger Russlands, später, wenn dieser schreckliche Krieg mit der Ukraine irgendwann endet, daran zurückdenken? „Ewiger Ruhm, wir vergessen nichts, wir können es wiederholen“ – wie wird das aussehen?

Portnikov. Das hängt vom Ergebnis ab. Aber höchstwahrscheinlich wird es, wenn auch nur irgendein Teil ukrainischen Territoriums unter russischer Kontrolle bleibt und ein großer Teil des ukrainischen Territoriums in ein zum Leben ungeeignetes Gebiet verwandelt wird, als Sieg wahrgenommen werden: Man habe einen Teil des Territoriums, auf dem russische Menschen leben, zurückholen können, und einen großen Teil des Territoriums, von dem aus der Westen Russland angegriffen habe, in eine Pufferzone verwandelt. Wenn ihnen das alles gelingt, werden sie es als Sieg betrachten.

Wenn sich dagegen herausstellt, dass sie die Kontrolle über die eroberten Gebiete nicht halten können und die Ukraine beginnt, sich nach dem Krieg zu erholen, dann werden sie es anders deuten: Der Westen habe Russland erobern und vernichten wollen, aber es sei ihm nicht gelungen, und Russland existiere weiterhin in seinen, wie sie sagen werden, natürlichen Grenzen, die es gegen die westliche und nationalsozialistische Invasion verteidigen konnte. Das heißt, sie werden in jedem Fall über diesen Krieg als Sieg sprechen.

Hans Luik. Und dann wird es dort eine Statue für den Helden, den Vertragssoldaten geben, eine Pionierorganisation …

Portnikov. Entschuldigen Sie, es gibt doch Denkmäler für Veteranen des Afghanistan-Krieges. Gibt es solche bei Ihnen in Estland?

Hans Luik. Bei uns nicht mehr.

Portnikov. Bei uns in der Ukraine gibt es sie. Und niemand zweifelt auch nur daran, dass sie existieren sollen. Deshalb, entschuldigen Sie, ist das eine sehr einfache Illustration. Hier haben Sie ein Beispiel für einen Krieg, in dem bis zu einer Million Zivilisten ums Leben kamen und in dem der sowjetische Soldat ein Besatzungssoldat war, selbst wenn nicht aus eigenem Willen, sondern auf Befehl der sowjetischen Regierung. Trotzdem ehren wir das Andenken dieser Soldaten als unsere eigenen und erinnern uns nicht an ihre Opfer. Wenn das also selbst heute in der Ukraine geschieht, während der Krieg mit Russland weitergeht, warum zweifeln Sie dann daran, dass man in Russland der Soldaten gedenken wird, die im Krieg in der Ukraine gefallen sind? Ja, das wird so sein.

Hans Luik. Julija Latynina hat mich einmal in so einen Teufelskreis hineingezogen. Es ging übrigens darum, wie TV Rain aus Riga verdrängt wurde. Wir stritten darüber, und sie sagte: „Manche behaupten, wir, also die Russen, seien ein Volk von Sklaven.“ Sie fragte mich – das war noch die vegetarische Julija Latynina, nicht jene, mit der Sie sich später gestritten haben –: „Wie war es denn bei euch mit dem Afghanistan-Krieg? Das war doch überhaupt kein baltischer Krieg. Ihr wurdet eingezogen. Habt ihr Wehrämter angezündet, seid ihr demonstrieren gegangen, haben sich Soldatenmütter versammelt?“ Ich sagte: „Eigentlich nicht.“ „Was seid ihr denn, ein Volk von Sklaven?“ Was würden Sie darauf antworten?

Portnikov. Ich glaube, das war eine völlig andere Zeit, in der die Sowjetunion eine effektive Repressionsmaschine mit einer eingeschüchterten Bevölkerung war, und Estland war darüber hinaus ein besetztes Gebiet. Deshalb verstehe ich überhaupt nicht, warum wir hier von einem Volk von Sklaven oder Nicht-Sklaven sprechen.

Der Krieg Russlands gegen die Ukraine findet nicht deshalb statt, weil das russische Volk ein Volk von Sklaven ist, sondern weil es die Bedeutung des imperialen Projekts für die Existenz seines Staates und seines Volkes versteht. Das ist objektiv. Ich habe nie gesagt, dass sie diesen Krieg hinnehmen, weil sie ein Volk von Sklaven seien. Das haben vermutlich Sie Frau Latynina gesagt. Ich dagegen glaube, dass der Präsident der Russischen Föderation mit seinem Bestreben, ukrainische Gebiete Russland einzuverleiben, auf eine natürliche Nachfrage der russischen Gesellschaft antwortet, die immer in Kategorien der Expansion gelebt hat.

Deshalb ist das Problem viel schlimmer. Ein Sklave kann frei werden, aber ein Imperialist kann kein Vegetarier werden. Der Präsident Russlands, die russische Armee und das russische Volk handeln gemeinsam mit dem Ziel, die ukrainische Staatlichkeit zu vernichten, ebenso möglicherweise die Staatlichkeit anderer ehemaliger Sowjetrepubliken. Das ist alles so.

Das Problem ist natürlich, dass bei wirtschaftlichen Schwierigkeiten und bei fehlender Möglichkeit eines militärischen Sieges die Frage des Preises entsteht. Und für einen gewöhnlichen Menschen kann die Frage des Preises größere Probleme verursachen als für den Präsidenten, weil der Präsident die Folgen dieses Preises nicht am eigenen Leib spürt. Aber ein gewöhnlicher Mensch, dessen Verwandter an der Front gefallen ist oder dessen Warenlager explodiert ist und der sein Geschäft verloren hat, für den ist das eine Frage des Preises. Er kann denken: „Vielleicht sollten wir die Eroberung der Ukraine verschieben, damit ich erst einmal normal leben kann. Vielleicht sollen meine Kinder die Ukraine erobern?“ Aber das, was Putin tut, ist ihm nah und verständlich. Das ist keine Frage von Sklaverei.

Hans Luik. Und nehmen wir Belarus. Das ist ihr Land, sie haben dort einen Kartoffelpräsidenten und ein ziemlich hartes Regime. Es gibt dort Foltergefängnisse, sogar einen KGB, einen Staatssicherheitskomitee. Wir haben darüber einfach keine Informationen, und ich bedaure das. Zum Beispiel: Wie lässt sich das Leben im besetzten Mariupol mit dem Leben auf heimischem Boden in Belarus für belarussische Bürger vergleichen?

Portnikov. Hören Sie, Belarus ist ein Staat, in dem nach 2020 endgültig ein Polizeiregime etabliert wurde. Das wissen Sie sehr gut. Darüber muss man gar nicht diskutieren. Tausende Menschen kamen ins Gefängnis. Jetzt tauschen die Amerikaner sie gegen irgendwelche Versprechen, gegen eine teilweise Aufhebung von Sanktionen.

Hans Luik. Und Lukaschenko nimmt gleich neue politische Gefangene.

Portnikov. Deshalb ist klar, dass das Leben in Minsk und das Leben in Mariupol im Großen und Ganzen vergleichbar sind. In Mariupol gibt es eine Form des Besatzungsregimes, in Minsk eine andere.

Hans Luik. Das Internet ist dort frei, man kann im Internet Kanäle auswählen.

Portnikov. Ich glaube, die Frage des Internets hat überhaupt keine besondere Bedeutung. Sie überschätzen die Bedeutung des Zugangs zu Informationen. Ich erinnere mich sehr gut daran, dass selbst in den 1990er-Jahren, wenn ich in Belarus war und dort die Schrauben immer weiter angezogen wurden, in den Kiosken keine oppositionelle Presse mehr lag und das Internet noch kaum verbreitet war, es aber Internetcafés gab. Man konnte in jedes beliebige Postamt in Belarus gehen und dort völlig problemlos jede oppositionelle Website lesen. Aber Menschen, die das tun wollten, habe ich irgendwie nicht gesehen. Es ist eben keine Frage des Zugangs, sondern der Bedeutung für die Gesellschaft.

Hans Luik. Ich glaube nicht, dass die Leute Ihnen applaudieren würden, wenn Sie sagen, ich überschätze das Interesse am Internetzugang. Die Russen würden Ihnen da nicht zustimmen.

Portnikov. Die Russen würden, glaube ich, gerade deshalb nicht zustimmen, weil Einschränkungen des Internetzugangs ihnen gewöhnliche Alltagsdienstleistungen nehmen und nicht den Zugang zu politischen Informationen. Einschränkungen des Internets schaffen ganz andere Probleme. Zum Beispiel ein Taxi rufen, Essen nach Hause bestellen – all das, was wir beide tun, ohne überhaupt zu bemerken, dass es Internet ist. Ich versichere Ihnen: Wenn es Russland gelänge, ein kontrolliertes Internet wie in China zu schaffen, mit dem gesamten Spektrum an Dienstleistungen, aber ohne Zugang zu politischen Websites, würden 90 Prozent der russischen Bevölkerung das nicht einmal bemerken.

Hans Luik. Ja, wir alle haben beobachtet, wie ukrainische Raketen oder Drohnen Wildberries-Lager zerstört haben. Interessant ist doch: Funktioniert das Internet noch so weit, dass alle darüber klagen können? „Ich kann mein Geschäft nicht betreiben, meine Waren nicht verkaufen.“

Portnikov. Ja, aber im Großen und Ganzen spricht niemand über die Probleme, die entstanden sind, im Hinblick auf ihre Ursache. Die meisten Menschen, die ihr Geschäft bedauern, erwähnen den Krieg nicht, wie den Elefanten im Raum, wissen Sie? Deshalb noch einmal: Welche Bedeutung hat das Internet? Nun, ein Lager ist abgebrannt, dein Geschäft ist explodiert, aber du sagst nicht zu anderen Leuten: „Vielleicht sollten wir den Krieg beenden?“ Die überwältigende Mehrheit der Menschen umgeht dieses Thema. Und vor allem: Wenn Menschen sagen „den Krieg beenden“, wissen wir nie, was sie meinen: den Krieg stoppen oder ihn intensivieren, um die Ukraine endgültig zu zerschlagen und all diese mit ihr verbundenen Risiken, wie sie sagen würden, zu beseitigen. Man muss also immer nachfragen: Wenn Sie sagen, den Krieg beenden – wie?

Hans Luik. Was glauben Sie, wie denken die Russen? Wie viel Prozent sagen: „Lasst uns die Ukraine endlich erledigen“, und wie viel Prozent sagen: „Alles stoppen“?

Portnikov. Ich denke, die Mehrheit der Menschen wäre bereit, den Krieg in seinem jetzigen Zustand zu beenden. Aber ich glaube, es gibt auch genügend Menschen, die meinen, Putin sei nicht effektiv genug und man müsse härter vorgehen.

Hans Luik. Einer von ihnen ist natürlich Oberst Girkin, der im Gefängnis sitzt.

Portnikov. Nein, Oberst Girkin wirkt durchaus realistisch. Aber ich glaube, irgendwelche einzelnen Personen spielen in diesem Fall überhaupt keine Rolle.

Hans Luik. Sagen Sie bitte noch einmal etwas zu Lettland. Sie haben dort TV Rain hinausgedrängt. Ich habe beobachtet, dass Sie sehr vorsichtig waren, keine Position bezogen haben. Das ist schließlich das lettische Volk, ihre Demokratie. Aber meiner Meinung nach haben nicht alle bemerkt, worin der eigentliche Kern des Konflikts bestand. Es ging doch nicht nur darum, dass TV Rain ein mehr oder weniger demokratischer Sender war. Ich habe ihn früher auch verfolgt und kenne einige dieser Leute. Gut, sie hatten dort irgendeine Sammlung angekündigt, ich weiß nicht, Kleidung für „unsere Jungs, die in der Ukraine kämpfen“. Aber haben Sie gesehen, dass Ekaterina Kotrikadze in einem Interview den Bürgermeister von Riga, einen Letten, gefragt hat: „Warum reißen Sie die Denkmäler für die Befreier ab?“ Und der lettische Bürgermeister musste ihr erklären, dass das nicht ganz solche Befreier waren.

Ekaterina Kotrikadze (Zitat aus einer anderen Sendung). Gleichzeitig stellt dieses Denkmal offensichtlich einen erheblichen Wert für Tausende, Zehntausende Einwohner Ihrer Stadt dar. Und natürlich stellt sich die Frage, warum man vor dem Hintergrund der enormen Unzufriedenheit, sagen wir, der russischsprachigen Einwohner Rigas diese Eskalation provoziert?

Portnikov. Nun, warum wundern Sie sich darüber? Ein großer Teil der Menschen, die im sowjetischen oder russischen Schul- und Hochschulsystem ausgebildet wurden, versteht überhaupt nicht, wie die Welt funktioniert und was die wirklichen historischen Wahrheiten in den Beziehungen Russlands zu seinen Nachbarn sind.

Für mich ist daran nichts überraschend, denn ich habe 2014 mit einer Journalistin von TV Rain, Frau Taratuta, gesprochen. Sie ist übrigens ethnische Ukrainerin. Sie wurde in der Ukraine geboren und begann ihre Karriere in Russland bereits zu einer Zeit, als die Ukraine ein unabhängiger Staat war. Eine solche zivilisatorische Entscheidung fand ich geradezu verblüffend. Aber das ist das Recht jedes Einzelnen. Vielleicht identifizierte sie sich als Russin.

Und in unserem Gespräch 2014 wiederholte sie auf TV Rain sämtliche russischen Narrative. Im Grunde war es ein Interview mit einem Menschen, der Träger russischer, ich würde sagen, zivilisatorischer Narrative war. Und TV Rain selbst ist ein deutliches Beispiel für einen Träger russischer zivilisatorischer Narrative, sagen wir, in demokratisch-imperialer Form.

Deshalb überrascht mich weder Taratuta noch Kotrikadze noch irgendein anderer Vertreter dieser professionellen Gemeinschaft. Denn so ist es. Wenn diese Menschen die russische Zivilisation wählen – Kotrikadze ist Georgierin, Taratuta Ukrainerin –, dann wählen sie eine Zivilisation der Expansion und verzichten damit faktisch auf jene Werte und Ideale, die bei ihren eigenen Völkern existieren. Was sollen sie dann sonst tun?

Hans Luik. Nein, wenn das einfach gewöhnlicher alltäglicher Imperialismus wäre, wäre daran nichts Interessantes. Aber ich glaube, ich vermute – obwohl ich kein Psychopathologe bin –, dass das Unterbewusstsein ist.

Portnikov. Noch einmal: Sie liegen völlig falsch damit, dass das Unterbewusstsein sei, denn Kotrikadze oder Taratuta könnten durchaus eine andere Muttersprache haben. Russisch könnte für sie, sagen wir, eine erlernte Sprache sein oder eine Sprache, die sie seit der Kindheit auf regionaler Ebene kennen.

Hans Luik. Ich sage nicht, dass Russisch die Muttersprache von Frau Kotrikadze ist.

Portnikov. Nein, da stimme ich nicht zu, denn Herzen schrieb ebenfalls auf Russisch. Alles, was Herzen über den polnischen Aufstand sagte, wurde auf Russisch gesagt, nicht auf Polnisch, Englisch oder Französisch. Alles, was Novodvorskaya sagte, wurde auf Russisch gesagt. Deshalb muss man nichts erfinden.

Hans Luik. Ich habe übrigens vor Kurzem zwei seltene Bände mit der originalen diplomatischen Korrespondenz Iwans des Schrecklichen gelesen. Und obwohl das nicht jenes Russisch ist, das man mir hier in der Tallinner Schule beigebracht hat, halte ich es doch für dasselbe. Vor 500 Jahren genau dasselbe. „Ihr habt dort nicht den richtigen Glauben, ihr Livländer, Polen.“

Portnikov. Ganz genau, denn damals standen russische Soldaten tatsächlich vor Tallinn. Man musste irgendwie erklären, warum sie dort standen. Übrigens bot das Konzept der Angliederung der ukrainischen Gebiete Kyivs hervorragende Möglichkeiten, russische Expansion zu erklären. Denn wenn du deine Staatlichkeit nicht mit dem Zeitpunkt beginnen lässt, als in Wladimir und Susdal die ersten Großfürsten auftauchten, sondern mit dem Moment, als ein Staat mit Zentrum in Kyiv entstand, dann haben Sie ja Jahrtausende mit Feldzügen, Erwerbungen und Verlusten zur Verfügung. Auf diese Weise können Sie bis nach Konstantinopel gehen, wohin die Kyiver Fürsten zogen, und sagen, auch das sei Russland.

Hans Luik. Nicht ganz ohne. Ja. Wissen Sie, Iwan der Schreckliche schrieb nur einer einzigen Frau? Alle anderen waren natürlich der eine Orden, der andere Orden, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation.

Portnikov. Sehen Sie, Sie kennen das immerhin auf Deutsch und nicht auf Russisch. Und behaupten trotzdem, die russische Sprache verbinde uns.

Hans Luik. Nein, ich provoziere. Entschuldigen Sie, wir sind beide Journalisten. Wer war diese einzige Frau? Er machte ihr sogar einen Heiratsantrag.

Portnikov. Sie meinen die englische Königin Elisabeth I.?

Hans Luik. Ja. Elisabeth I. Das ist eine interessante Parallele, denn ähnlich wie Wladimir Putin schrieb Iwan der Schreckliche vor 500 Jahren ebenfalls: „Hier sind diese lokalen Europäer, Livländer, Polen, irgendwie nicht richtig. Sie haben keine Moral, keinen Gott. Kommen Sie doch mit Ihrer Flotte her, und dann schauen wir mal, was wir mit ihnen machen. Ich und Sie.“ Und er war sehr beleidigt, weil Elisabeth es irgendwie schaffte, ihn nicht sofort dahin zu schicken, wohin man ihn hätte schicken müssen. Dann ging es um irgendwelche Kaufleute. Und damals gab es, glaube ich, die erste Blockade europäischer Waren. Iwan der Schreckliche schrieb: „Alle Freibriefe und Zollbefreiungen, die ich euch Engländern, euren Kaufleuten gegeben habe, werden annulliert. Das russische Volk brauchte nie irgendwelche englischen Waren. Wir kommen auch so gut zurecht. Nur unsere Militärspezialisten sollen die Livländer mit ihren Kanonen durchlassen.“ Dasselbe. Gut.

Darf ich Sie zur Politik fragen? Demonstrationen, der Wechsel des Oberbefehlshabers, zuvor Minister Fedorov. Wie sieht das aus? Ich beobachte im ukrainischen russischsprachigen Internet, dass sofort Verschwörungstheorien auftauchten: Das sei wegen Drohnenlieferungen, wegen Aufträgen, es gehe um großes Geld, das seien alles Clowns, Schauspieler, das sei keine echte Demonstration. So etwas gab es.

Portnikov. Ich interessiere mich nicht besonders für das russischsprachige Internet und glaube, dass es in der Ukraine ein ukrainischsprachiges Internet gibt und alles andere sozusagen die Nachhut ist. Aber wenn wir ernsthaft sprechen, denke ich, dass es schlicht eine Frage des Zusammenhangs zwischen Macht und Gesellschaft ist. Bei uns funktioniert das so. Unter Kriegsbedingungen, unter Bedingungen, in denen unser Parlament kein eigenständiges Subjekt ist, erweist sich die Gesellschaft faktisch als einziger Mechanismus zur Korrektur staatlicher Entscheidungen. Mehr kann man dazu nicht sagen.

Hans Luik. Und der Staatshaushalt? Alfred Gove sagte, und Ursula von der Leyen sprach beim G7-Treffen davon, dass Geld für Raketen und Drohnen fehlt, dass man trotzdem kaufen müsse, auch aus ukrainischen Fabriken, aber das Geld fehlt. Dieses großartige Feuerwerk, das wir mit großer Freude beobachten, endet bald, und dann werden zig Milliarden fehlen. Ursula von der Leyen bat die nichteuropäischen G7-Mitglieder, Japan, die Vereinigten Staaten, Großbritannien. Und die lehnten ab und sagten: „Das ist eine europäische Angelegenheit. Findet das Geld selbst.“ Und nun entsteht diese Situation, dass die Europäer, also die Europäische Union, inzwischen auch für amerikanische Waffen bezahlen. Und zusätzlich gibt es dieses große Loch im ukrainischen Haushalt. Dieser Winter wird hart.

Portnikov. Wir sprechen jedes Mal über Schwierigkeiten im Winter und jedes Mal überstehen wir den Winter. Schauen wir, wie es diesmal wird. Das ist schließlich nicht der erste und nicht der letzte Winter des Krieges.

Hans Luik. Kommentieren Sie das bitte etwas ausführlicher. Dieser letzte Winter war nicht wie der vorletzte. Das war eine Grausamkeit mit Heizwerken, Kraftwerken.

Portnikov. Wir wissen nicht, wie die Ukraine jetzt auf den kommenden Winter vorbereitet ist, wie sich die Wärmeenergieversorgung verändert hat, wie stark sie dezentralisiert wurde. Wir haben diese Informationen nicht. Deshalb können wir keinerlei Prognosen abgeben.

Hans Luik. Und vermutlich lohnt es sich nicht einmal zu fragen, ob der Kreml, Moskowien, im Herbst wenigstens irgendeinen Waffenstillstand schließen will?

Portnikov. Nein, bei Russland ist keinerlei Wunsch zu erkennen, überhaupt einen Waffenstillstand zu schließen.

Hans Luik. Sie sind ein geborener Optimist, Vitaly.

Portnikov. Ich bin weder Optimist noch Pessimist. Ich stelle einfach Tatsachen fest.

Hans Luik. Und was sagen Sie zu dem viel gelesenen und zitierten Artikel von General Zaluzhny vom 8. Juli im Londoner Telegraph?

Portnikov. Ja, auf die Texte von General Valery Zaluzhny wird bei uns immer geachtet, weil sie konzeptionell sind.

Hans Luik. Aber meiner Meinung nach sagt er, dieses Feuerwerk sehe gut aus – Ölhäfen, Ölraffinerien –, aber das bedeute noch nicht, dass wir gewinnen.

Portnikov. Genau das sage ich auch. Ich sage Ihnen, dass die Verringerung des wirtschaftlichen Potenzials Russlands der richtige Weg zum Ende des Krieges ist. Aber wann dieser Weg zu einem Ergebnis führt, weiß niemand. Es ist Krieg. Sie wollen ständig irgendwelche Prognosen, aber im Krieg gibt es keine Prognosen. Im Krieg gibt es nur eine Bewegung, die zur Erschöpfung der Seiten führen kann. Das ist Erschöpfung. Ein Abnutzungskrieg. Wie viele Jahre oder Monate braucht es, um Russland zu erschöpfen? Weder Sie wissen das noch ich.

Die Ukraine ist schwerer zu erschöpfen, weil sie, wie Sie richtig gesagt haben, vom Europäischen Union getragen wird. Das hängt allein von unseren europäischen Verbündeten, von unseren westlichen Verbündeten insgesamt ab. Diese beiden Dinge wissen wir. Und mit ihnen arbeiten wir in den kommenden Jahren. Eine Prognose kann niemand erstellen. Einen solchen Menschen gibt es nicht.

Hans Luik. Ich muss Ihnen gestehen, dass ich mich für unser Brüssel, für unsere Europäische Union schäme. Denn während der Finanzkrise nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers sammelte die Europäische Union für ihre eigenen Mitgliedstaaten Kredite und Garantien, subventionierte nationale Banken und so weiter. Was glauben Sie, wie groß war der gesamte Umfang? Man bereitete das vor, verteilte Geld und erklärte Garantien.

Portnikov. Ja, ich erinnere mich an diese Situation, aber es ist immer so. Das eigene Hemd ist einem näher als der Rock. Das ist eine bekannte Tatsache.

Hans Luik. Nein, aber wenn man es quantifiziert: Es waren 4,3 Billionen. Und ich glaube, dass wir, die Europäische Union, der Ukraine bis zu diesem Frühjahr – und das ist weder Militärhilfe noch Waffen – 150 Milliarden gegeben haben, also 30-mal weniger. Damals wurden auf dem europäischen Kontinent aber keine Menschen getötet.

Portnikov. Ja. Aber damals wurde das als Gefahr für die europäische Wirtschaft wahrgenommen. Heute wird das eben nicht so wahrgenommen. Es ist eine Frage der Wahrnehmung.

Hans Luik. Mir ist dieser Maßstab trotzdem peinlich.

Portnikov. Ich verstehe Sie sehr gut. Wir arbeiten eben mit den Realitäten, die wir haben.

Hans Luik. Sprechen wir über Demokratie in der Ukraine. Ich glaube nicht, dass Sie widersprechen werden, dass ein Indikator für Demokratie die effektive Unabhängigkeit des Richters ist, dass das Gericht als Institution unabhängig sein muss. Bei Ihnen wird Roman Chervinsky vor Gericht gestellt, ein Oberst der Spezialoperationen, Poroschenko, Kolomojskyj, ich weiß nicht, Andriy Yermak ist verhaftet, wartet …

Portnikov. Nein, er steht unter Ermittlungen, ist aber nicht verhaftet.

Hans Luik. Nun, die Anklage wird vorbereitet, so verstehe ich es, ja? Und wurde jemand von ihnen verurteilt?

Portnikov. Warum glauben Sie, dass Poroschenko verurteilt werden müsste, wenn die Sanktionen gegen ihn beispielsweise wie ein offensichtlicher politischer Auftrag der derzeitigen Regierung aussehen? Gerade das Verhalten des Obersten Gerichtshofs in dieser Situation zeugt eher von der politischen Abhängigkeit der Justiz als von ihrer Unabhängigkeit.

Hans Luik. Dem ehemaligen Präsidenten Petro Poroschenko erlaubt man also weiterhin nicht, die Ukraine zu verlassen, nicht einmal für Konferenzen?

Portnikov. Nun, das ist eine Frage, die immer punktuell entschieden wird. Aber offensichtlich kann die Frage der Sanktionen gegen den ehemaligen Präsidenten früher oder später zu einem ernsthaften politischen Problem für unsere europäische Integration und für die derzeitige Regierung als solche werden.

Der Fairness halber muss man allerdings sagen, dass wir schon ziemlich lange an einer Reform der Justiz arbeiten, seit dem Maidan 2013–2014. Diese Reform geht weiter. So oder so denke ich, dass schon die Logik der europäischen Integration dazu zwingen wird, sie fortzusetzen. Und außerdem darf man nicht vergessen, dass wir Teil des europäischen Rechtssystems sind. Entscheidungen, die der Oberste Gerichtshof der Ukraine nicht treffen kann, wird früher oder später der Gerichtshof in Straßburg treffen. Und das ist wichtig.

Was die allgemeine Situation betrifft, verstehen Sie ja, dass sich das in einer ehemaligen Sowjetrepublik nicht so einfach machen lässt, wie man es gerne hätte. Und dennoch haben Sie gesehen, dass die Menschen bei uns im vergangenen Jahr gerade deshalb protestierten, weil sie die Unabhängigkeit der Antikorruptionsstrukturen forderten, die übrigens über eine eigene gerichtliche Vertikale verfügen.

Hans Luik. Jetzt habe ich Sie beim Optimismus erwischt. Ich stimme Ihnen sehr zu. Das freut mich.

Portnikov. Es ist einfach ein schwieriger Prozess, der ebenfalls nicht schnell endet, aber gesellschaftliche Unterstützung hat.

Hans Luik. Zu Beginn des Krieges gab es bei Ihnen diese Situation: Der ukrainische Staat wurde in die Zange genommen. Auf der einen Seite waren die Asow-Kämpfer in russischen Foltergefängnissen. Schreckliche Folter, und außerdem wurde noch ihre Baracke bombardiert.

Portnikov. Ja. In der Strafkolonie Oleniwka.

Hans Luik. Auf der anderen Seite fingen Ihre Geheimdienstler Medwedtschuk, der einen Putsch vorbereitet hatte, und er sagte aus und sprach in Videos. Ich habe Ukrainer gefragt, und alle sagten, er habe alles ausgepackt, weil er nicht wusste, ob man ihn wegen Hochverrats hängen würde oder nicht.

Portnikov. Ich glaube nicht, dass irgendjemand dachte, Medwedtschuk könne gehängt werden oder Ähnliches, denn auch hier handelt es sich um ein zivilisiertes Rechtssystem. Wenn man ihn nicht nach Russland ausgetauscht hätte, wäre er genauso vor Gericht gestellt worden wie jeder andere ukrainische Staatsbürger.

Hans Luik. Und wenn man ihn nicht ausgetauscht hätte?

Portnikov. Wenn man ihn nicht ausgetauscht hätte, hätte es einen Prozess gegeben, in dem man die Beteiligung Viktor Medwedtschuks an all den Verbrechen hätte beweisen müssen, die ihm vorgeworfen wurden.

Hans Luik. Angenommen. Mir scheint, ihm wäre nur geblieben, selbst ein Geständnis abzulegen.

Portnikov. Das ist eine sehr große Frage. Wir haben genügend Politiker, die aktiv mit Moskau zusammengearbeitet haben und Abgeordnete der Werchowna Rada sind, zu Sitzungen kommen und abstimmen. Diese Menschen standen mit demselben Medwedtschuk in engen Beziehungen, und ihnen ist nichts passiert.

Hans Luik. Wenn wir uns aber das Beste vorstellen, was hätte passieren können: Dass die Asow-Leute irgendwie anders freigekommen oder ausgetauscht worden wären und Medwedtschuk bei Ihnen geblieben wäre und öffentlich gestanden hätte: „Ja, ich habe den Putsch vorbereitet. Ich habe heimlich im Auftrag aus Moskau gearbeitet, im Auftrag des Paten meiner Tochter, Wladimir Wladimirowitsch.“ Und all das wäre irgendwie dokumentiert worden. Die Frage ist: Wäre Wladimir Putin danach noch jemand gewesen, dem man die Hand reicht?

Portnikov. Ja, natürlich, nichts hätte sich geändert. Im Westen zweifelt niemand daran, dass Putin die Zerstörung der ukrainischen Staatsmacht vorbereitet hat. Das ist für niemanden ein Geheimnis. Und übrigens hat man das in Moskau auch nie verheimlicht. In Moskau sagte man immer, 2014 habe in der Ukraine ein Staatsstreich stattgefunden und an der Macht befinde sich ein illegales, vom Westen eingesetztes Regime. Mal sprechen sie mit unseren Präsidenten, mal erklären sie sie wieder für illegitim. Deshalb sehe ich überhaupt keinen besonderen Effekt, den Medwedtschuks Aussagen gehabt hätten. Sie hätten überhaupt nichts verändert.

Hans Luik. Nun, es gibt einen Unterschied, wenn es ein Gerichtsverfahren und Beweise gibt.

Portnikov. Mir scheint, dass die Tatsache, dass Russland friedliche ukrainische Städte bombardiert, Raketen auf Kinderkrankenhäuser abfeuert und Regierungsgebäude angreift, ein wesentlich schwerwiegenderer Beweis ist als die Beteiligung irgendeines ukrainischen Politikers an der Vorbereitung eines Staatsstreichs in Kyiv. Ganz zu schweigen davon, dass einer der Beteiligten an solcher Agententätigkeit, Andriy Derkach, ehemaliger Abgeordneter der Werchowna Rada der Ukraine, heute Mitglied des Föderationsrates der Föderalen Versammlung Russlands ist. Wen hat das beeinflusst?

Hans Luik. Ja, sie sind eben Legalisten. Trump sagt auch: Putin sagt nichts. Demokratisch gewählter Präsident, dieser sogenannte Putin oder nicht. Aber über Zelensky sagt er: „Es gab keine Wahlen, die Amtszeit ist abgelaufen.“

Portnikov. Menschen sagen das, was ihnen gerade nützt. Wie Sie sehen, sagt Trump über Venezuela nichts. Noch vor Kurzem galt Nicolás Maduro als illegitimer Präsident und Machtusurpator, während seine Nachfolgerin Delcy Rodríguez, die auf ebenso usurpatorische Weise an die Macht kam, als legitime Führerin Venezuelas betrachtet wird.

Hans Luik. Gut. Warum hören wir eigentlich nichts mehr von Nordkorea? Haben wir es vergessen? Hat der Kreml es vergessen?

Portnikov. Warum? Vielleicht verfolgen Sie es einfach nicht? Vor Kurzem war der Vorsitzende der Volksrepublik China, Xi Jinping, in Pjöngjang. Er führte dort recht ernsthafte Gespräche. Es war sein erster Besuch seit vielen Jahren, ich glaube seit Jahrzehnten. Ich verfolge die nordkoreanische Politik also aufmerksam.

Als Sie früher viel von Nordkorea hörten, verfügte Nordkorea über enorme Waffenbestände in seinen Lagern. Diese Bestände sind aufgebraucht. Und heute kann Russland nur noch das kaufen, was Nordkorea laufend produziert. Und es produziert nicht besonders schnell. Der ganze Effekt der russischen Beziehungen zu Nordkorea bestand darin, dass Moskau angesichts des Mangels an eigener Waffenproduktion eine gewisse Zeit lang auf qualitativ schlechtere, aber in großer Menge vorhandene nordkoreanische Waffen zurückgreifen konnte.

Inzwischen wurde auch in Moskau die Waffenproduktion hochgefahren, und die nordkoreanischen Arsenale sind in dem Umfang erschöpft, der für Russland interessant sein könnte. Deshalb hören Sie davon im Zusammenhang mit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine nichts mehr. Aber als die Kursk-Operation stattfand, sahen Sie, dass Russland, das damals nicht über genügend Soldaten für operative Einsätze entlang der gesamten Frontlinie verfügte, nordkoreanische Soldaten auf dem Gebiet der Region Kursk einsetzte. Das war der letzte solche Moment. Ich versichere Ihnen: Wenn ukrainische Truppen erneut auf dem auftauchen, was wir als souveränes Territorium Russlands bezeichnen, könnten auch nordkoreanische Soldaten wieder auftauchen.

Hans Luik. Der Krieg endet. Ist das irgendwann realistisch?

Portnikov. Wenn der Krieg endet, werden wir sehen, in welchem Zustand sich die Ukraine befindet, in welchem Zustand Russland ist und in welchem Zustand der Westen ist. Das ist keine Frage von heute oder morgen.

Hans Luik. Müssen wir ernst nehmen, was sowohl Ilham Aliyev als auch Kanzler Merz festgestellt haben, dass in Baku geheime Verhandlungen stattfanden?

Portnikov. Nicht ernst nehmen. Das ist, glaube ich, bereits das dritte oder vierte solche Treffen in den letzten Monaten. Diese Treffen haben nie zu etwas geführt.

Hans Luik. Das heißt, irgendwelche substanzielleren Verhandlungen, die zu Frieden führen könnten …

Portnikov. Ich glaube überhaupt, dass die Gespräche, die ehemalige deutsche und ehemalige russische Politiker führen, nicht den Krieg betreffen, sondern die Energiewirtschaft. Die Anwesenheit Viktor Subkows, des Vorsitzenden des Aufsichtsrats von Gazprom, bei diesen Gesprächen zeigt im Grunde, dass dort nicht über den Krieg als solchen gesprochen wird, sondern über Perspektiven einer Zusammenarbeit im Energiebereich, falls es irgendwann gelingen sollte, sich über ein Ende des Krieges zu einigen.

Hans Luik. Das heißt, es gibt keine Verhandlungen, die Leute treffen sich nicht, es gibt nicht einmal einen Kanal, meiner Meinung nach, ja?

Portnikov. Selbst wenn es einen Kanal gibt, spielt das keine Rolle. Wenn der Präsident Russlands nicht auf ein Ende des Krieges eingestellt ist, haben Verhandlungen keinen Sinn.

Hans Luik. Was würden Sie Geldgebern aus der Europäischen Union, aus Brüssel, hinsichtlich ihres Einflusses auf die ukrainische Demokratie raten?

Portnikov. Ich glaube, wir verstehen sehr gut: Wenn wir die Ukraine künftig in Europa sehen wollen, selbst wenn erst in 10 oder 15 Jahren, muss diese Ukraine den Kopenhagener Kriterien entsprechen und somit ein demokratisches Land mit Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung sein. All das muss erst noch aufgebaut werden.

Hans Luik. Aber 1946, nach dem Zweiten Weltkrieg, kam in der Sowjetunion eine Hungersnot, weil die Lend-Lease-Konserven ausgingen, die Hilfe endete. Stalin beendete, glaube ich, das Kartensystem, und dann kam die Hungersnot. Damals bat man den Westen um Hilfe. Der Westen hätte doch verlangen können: „Gut, wir helfen euch, aber schafft bitte die Kolchosen ab, dann bekommt ihr Hilfe.“

Portnikov. Das sind wieder politische Märchen. Niemand hätte jemals etwas Derartiges gefordert. Die Sowjetunion war ein Siegerstaat des Zweiten Weltkriegs, kontrollierte die Hälfte Europas. Und wie Sie sehen, gelang es nicht einmal, ihren Einfluss deswegen zu reduzieren. Außerdem sagen Sie über die Hungersnot merkwürdige Dinge. Für die sowjetische Führung war es leichter, zehn Millionen Menschen zu opfern, die verhungern würden, als die Grundlagen des Regimes abzubauen. Warum glauben Sie überhaupt, dass der Tod irgendwelcher Menschen durch Hunger für Stalin einen besonderen Wert dargestellt hätte?

Hans Luik. Nun, man bat trotzdem um Hilfe, man will schließlich essen.

Portnikov. Um Hilfe zu bitten bedeutet nicht, Zugeständnisse zu machen. Und noch einmal: Es baten jene Menschen darum, die selbst keine Probleme mit Lebensmitteln hatten, die ihrerseits Lebensmittel für diejenigen finden wollten, die keine hatten – aber nicht um den Preis von Zugeständnissen, die für ein solches System grundlegend gewesen wären.

Hans Luik. Erinnern Sie sich, als in Riga eine Dame, nämlich die Botschafterin der Vereinigten Staaten, sagte: „Kein Wort mehr davon. Ihr habt diesen state capture, eure Oligarchen, ihr verteilt ihre Organisationen, Parteien, sonst wird es schlimm, dann habt ihr keinen Staat mehr.“ Sie sagte das sehr hart, sehr unkonventionell.

Portnikov. Aber sie verlangte doch keine Zugeständnisse. Sie charakterisierte lediglich die politische Lage in Lettland zu der Zeit, als sie die diplomatische Vertretung leitete. Das entspricht durchaus dem Stil amerikanischer Botschafter. Das tun sie nicht nur in Lettland.

Hans Luik. Und wenn die Europäische Kommission bei der nächsten Unterstützung sagen würde: „Übrigens, mobilisiert eure vier Millionen jungen Männer aus Europa, dann helfen wir weiter“?

Portnikov. Entschuldigen Sie, meiner Meinung nach ist es nicht Sache der Europäischen Kommission, der Ukraine so etwas zu sagen. Sie reden gerade offensichtlichen Unsinn. Diese Menschen genießen den Schutz der jeweiligen europäischen Staaten. Die Ukraine kann Bürger auf dem Territorium anderer Staaten nicht mobilisieren. Und diese Bürger wiederum stehen unter europäischem humanitärem Recht. Ich verstehe überhaupt nicht, wovon Sie sprechen und in welcher Welt Sie leben.

Hans Luik. Ich kritisiere die Situation, ja, ich kritisiere die Situation. Finden Sie das normal?

Portnikov. Ich denke, wir müssen sowohl die Besonderheiten des europäischen humanitären Rechts als auch den Mobilisierungsbedarf der Ukraine berücksichtigen. Schließlich gibt es auch in der Ukraine selbst noch Millionen Menschen, die mobilisiert werden könnten. Wir sprechen ständig über die Notwendigkeit einer Mobilisierungsreform. Diese Menschen sind viel zahlreicher als jene, die sich in Europa befinden.

Hans Luik. Da Sie sowohl die Lage in Europa als auch in Paris und Berlin beobachten, die Alternative für Deutschland, die Partei Le Pens: Wie viel Zeit bleibt Ihrer Meinung nach noch, bis die entschlossene Unterstützung für die Ukraine endet?

Portnikov. Das weiß ich nicht, weil ich die Ergebnisse künftiger europäischer Wahlen nicht kenne.

Hans Luik. Aber sie sind doch populär, sogar die populärsten.

Portnikov. Nun, Popularität bedeutet noch keinen Wahlsieg. Deshalb werden wir die Prozesse beobachten. Sie können unterschiedlich verlaufen.

Hans Luik. Dann danke ich Ihnen, Vitaly. Optimismus haben wir genug. Es wird also alles so bleiben wie bisher. Nichts verändert sich.

Portnikov. Ich habe nicht gesagt, dass alles so bleiben wird wie bisher. Ich habe gesagt, dass ukrainische Angriffe auf russische Ölraffinerien, auf Marktplätze und andere wichtige wirtschaftliche Objekte Bedingungen dafür schaffen, dass der Krieg irgendwann beendet wird. Aber ich kann Ihnen nicht sagen, wann das geschieht.

Hans Luik. Uh, provoziert, provoziert. Ich hoffe es. Vielen Dank. Ich hoffe, Sie haben unrecht, aber ich fürchte, Sie haben recht.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Interview
Titel des Originals: Портников: «Молодому поколению надо готовиться гибнуть на войнах». 07.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 07.08.2026.
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Fedorov-Krise: die Folgen | Vitaly Portnikov. 16.07.2026.

In vielen Städten der Ukraine dauern die sogenannten Pappschilder–Proteste im Zusammenhang mit dem Rücktritt Mykhailo Fedorovs vom Amt des Verteidigungsministers der Ukraine weiterhin an.

Möglicherweise ist dieser für viele unerwartete Rücktritt zu einem echten Katalysator des politischen Prozesses im Land geworden, zu einem Katalysator neuer Protestaktionen, wie sie die Ukraine seit dem vorherigen Pappschilder-Protest nicht mehr gesehen hatte, der mit dem Versuch der Staatsführung verbunden war, den Antikorruptionsorganen unseres Landes ihre Unabhängigkeit zu nehmen.

Und nun gibt es ein neues Ereignis: Eine riesige Zahl von Menschen, die an Mykhailo Fedorov als einen Manager geglaubt haben, der die Situation im Verteidigungsministerium zum Besseren verändern könne, als einen Menschen, der die Realitäten des neuen Krieges wirklich begreifen könne, befürchtet jetzt, dass die personellen Veränderungen im Verteidigungsministerium negative Folgen für die Streitkräfte der Ukraine und für die Verteidigungsfähigkeit des Landes selbst haben werden.

Natürlich könnte man ausführlich über Fedorov selbst sprechen, der heute einen detaillierten Bericht darüber veröffentlicht hat, was ihm als Verteidigungsminister gelungen ist und was nicht, und der bei einem Briefing vor Journalisten und sogar Abgeordneten der Werchowna Rada der Ukraine auftrat. Zugleich müssen wir in dieser Situation über systemische Dinge sprechen. Und darüber spreche ich übrigens nicht zum ersten Mal.

Vor dem Hintergrund der Situation um Fedorovs Rücktritt und seiner Tätigkeit als Verteidigungsminister möchte ich einfach, dass Sie sich an alle Ereignisse der vergangenen Monate, ich würde sagen, des vergangenen Jahres erinnern. An jene Ereignisse, die Mykhailo Fedorov ins Amt des Verteidigungsministers der Ukraine brachten.

Mykhailo Fedorov leitete lange Zeit das Ministerium für digitale Transformation, in mehreren Regierungen, die faktisch von Volodymyr Zelensky gebildet worden waren, dessen enger Mitstreiter er die ganze Zeit über war. Er war auch Organisator von Zelenskys Wahlkampf gerade im digitalen Bereich und Mitorganisator seiner Regierungspartei „Diener des Volkes“. Er leitete sogar eine regionale Organisation dieser gerade erst gegründeten Partei.

Als plötzlich entschieden wurde, die Regierung Denys Schmyhals abzulösen, der das Ministerkabinett der Ukraine lange geleitet hatte, übernahm Mykhailo Fedorov in der neuen Regierung, der Regierung Julija Swyrydenkos, erneut das Amt des Ministers für digitale Transformation. Verteidigungsminister der Ukraine wurde der frühere Ministerpräsident Denys Schmyhal.

Dabei stellte niemand die Frage: Warum? Warum wird ein Ministerpräsident ausgetauscht, gegen den der Präsident und das Parlament jahrelang keinerlei Einwände hatten? Warum? Wenn es Zweifel an seinen Fähigkeiten als Manager gibt, warum wird er dann zum Ersten Stellvertretenden Ministerpräsidenten und Verteidigungsminister ernannt, während seine Erste Stellvertreterin Ministerpräsidentin wird? Welchen Sinn hat eine solche Rochade überhaupt? Warum findet sie statt? Niemand von denen, die heute in Kyiv, Odesa, Lwiw und anderen ukrainischen Städten auf die Straße gehen, stellte sich damals diese Frage.

in den sich die Leiter des ukrainischen Energieministeriums als verwickelt erwiesen, ebenso wie der frühere Minister Herman Haluschtschenko, der dieses Amt verlassen hatte, um in der neuen Regierung Julija Swyrydenkos Justizminister der Ukraine zu werden. Sie haben das wahrscheinlich schon vergessen. Auch seine Nachfolgerin im Amt der Energieministerin verließ ihren Posten. Und plötzlich wurde Denys Schmyhal, der gerade noch Ministerpräsident der Ukraine gewesen war und für kurze Zeit Verteidigungsminister geworden war, ohne dass es Fragen oder Beanstandungen hinsichtlich seiner Arbeit gegeben hätte, zum Energieminister ernannt, wobei er das Amt des Ersten Stellvertretenden Ministerpräsidenten behielt. Zum Verteidigungsminister wurde der Digitalisierungsminister ernannt – zufällig, ohne dass es zuvor überhaupt irgendwelche Absichten gegeben hätte, ihm dieses Ressort zu übertragen.

Das heißt: Hätte es die Korruptionsskandale in der ukrainischen Staatsführung nicht gegeben und hätte es den vorherigen Pappschilder-Protest nicht gegeben, der verhinderte, dass die Sicherheit und Unabhängigkeit der nationalen Antikorruptionsorgane eingeschränkt wurden, wäre Mykhailo Fedorov niemals Verteidigungsminister der Ukraine geworden. Er wäre weiterhin Digitalisierungsminister geblieben, weil dies aus Sicht der amtierenden Staatsführung und auch im Hinblick auf Fedorovs Möglichkeit, dieses Amt noch lange auszuüben, viel wichtiger gewesen wäre. Doch in einer Situation, in der der Staatsführung katastrophal Ersatzspieler fehlen und nur wenige bereit sind, Ämter zu übernehmen, die im Hinblick auf einen weiteren Verbleib in der Macht als sehr gefährlich erscheinen, muss man aus jenen Menschen auswählen, die zum engsten Umfeld Volodymyr Zelenskys gehören, weil sonst niemand bereit ist, ein solches Amt zu übernehmen, und der Präsident des Landes niemandem außerhalb seines engsten Umfelds vertraut.

Und dann gab es einen Volltreffer, völlig zufällig, der weder im Leben und in der Karriere Volodymyr Zelenskys noch im Leben und in der Karriere Mykhailo Fedorovs jemals hätte eintreten müssen. Der Verteidigungsminister begann sich im Verteidigungsministerium so zu verhalten wie zuvor im Digitalisierungsministerium: wie ein Hausherr. Er begann, die Spielregeln zu ändern, sowohl wirtschaftlich als auch im Hinblick auf die Beziehungen zu den Streitkräften der Ukraine. Er begann Ergebnisse zu erzielen und Dinge zu bemerken, die vor ihm aus irgendeinem Grund nicht bemerkt worden waren, etwa die Notwendigkeit, den Russen Starlink abzuschalten, mit dessen Hilfe sie unser Land bereits bombardierten. Und solcher Erfolge könnte man viele nennen. Ich werde mich nicht wiederholen, weil Mykhailo Fedorov selbst mit Freude allen davon erzählt.

Und wie ich vor genau zwei Monaten sagte, hat ein solcher Verteidigungsminister zwei Wege. 

  • Entweder er erweist sich als sehr schlechter Manager, die öffentliche Meinung mobilisiert sich gegen ihn, das Rating des Präsidenten fällt, und dieser ersetzt den Verteidigungsminister, wie es übrigens schon bei Fedorovs Vorgängern in diesem Amt und bei Schmyhals Vorgängern der Fall war. 
  • Oder er erweist sich als so erfolgreicher und populärer Minister, dass auch dies beginnt, das Rating des Präsidenten zu beschädigen. Dann beginnt dieser in dem früheren Digitalisierungsminister, dem er zusammen mit einigen anderen Menschen seinen Einzug in den Präsidentensessel verdankt, eine Bedrohung zu sehen und beseitigt ihn.

Das Ende von Mykhailo Fedorovs politischer Karriere, zumindest im Umfeld Volodymyr Zelenskys, war nur eine Frage der Zeit. Und dies geschah, würde ich sagen, genau nach Plan. Aber ich habe grundsätzlich eine Frage an all jene Menschen, die heute zur Verteidigung Mykhailo Fedorovs auf die Straße gehen: Interessiert es euch wirklich überhaupt nicht, wie der Staat regiert wird, in dem ihr lebt und den ihr vor der jahrelangen russischen Aggression zu schützen hofft?

Nun haben sich die Sterne so gefügt. Fedorov wurde Verteidigungsminister. Hätten sich die Sterne anders gefügt, hätten Sie ihn niemals in diesem Amt gesehen. Ich weiß nicht, was mit Starlink geschehen wäre, ich weiß nicht, was mit anderen Erfolgen geschehen wäre, nur wäre dieser Mensch niemals Verteidigungsminister geworden. Es war schlicht eine Lotterie. Mal hat man Glück, mal Pech. Ein nachvollziehbares Auswahlkriterium existiert nicht.

Und übrigens möchte ich Sie an eine andere Geschichte erinnern. Jetzt gibt es viele Emotionen in Bezug auf Oleksandr Syrsky. Aber als der Präsident den Oberbefehlshaber der Streitkräfte, General Valery Zaluzhny, aus dem Amt entfernte, habe ich keine Proteste gesehen. Vielleicht war auch Zaluzhnys Verbleib in diesem Amt von entscheidender Bedeutung? Schließlich war er jener Mensch, der sich auf den russischen Angriff vorbereitet hatte – entgegen der Vorstellung der ukrainischen Staatsführung, dass dieser Angriff überhaupt nicht stattfinden werde.

Ich möchte Sie daran erinnern, dass die meisten Menschen im Team Volodymyr Zelenskys und der Präsident selbst bis zuletzt kaum an die Möglichkeit eines großen Krieges seitens Russlands glaubten, selbst als der Direktor der Central Intelligence Agency der Vereinigten Staaten ihnen dies offen sagte.

Ja, auch Zaluzhny wurde von Zelensky ernannt. Aber was wäre gewesen, wenn er ihn nicht ernannt hätte? Wenn er irgendeinen anderen Menschen ernannt hätte, der es für viel wichtiger gehalten hätte, die Auffassung des Präsidialamtes darüber zu berücksichtigen, was im Land tatsächlich geschehen werde, statt sich auf eine mögliche russische Invasion vorzubereiten?

In dieser Situation denke ich, dass Kyiv und andere ukrainische Städte hätten eingenommen werden können, Zelensky hätte getötet oder aus der ukrainischen Hauptstadt vertrieben werden können, Kyiv wäre zum Verwaltungszentrum irgendeiner „Kyiver Volksrepublik“ geworden. So hätten sich die Ereignisse entwickeln können, wenn irgendeine Luftlandeoperation in Hostomel erfolgreich gewesen wäre oder die russischen Truppen die ukrainische Hauptstadt erreicht hätten.

Zum Glück ist das nicht geschehen. Aber auch das war ein völlig offensichtlicher Moment der Lotterie. Ein Staat, dessen Liquidierung im Kreml bereits beschlossen wurde, kann sich keine lotterieartige Form der Regierungsführung leisten. Bürger, deren Todesurteil im Kreml bereits unterzeichnet wurde, können nicht darauf hoffen, dass die Lostrommel erneut zu ihren Gunsten dreht.

Wissen Sie, was ich sehe? Wenn ich ernsthaft darüber spreche, erinnert es mich an die ersten Tage des Maidan 2013–2014, als ich mir genau dieselben Fragen stellte und bei meinen Landsleuten keine Antworten darauf fand. Eine riesige Zahl junger Menschen, genau solcher jungen Menschen, die heute mit Pappschildern für Fedorov auf die Straße gehen und gestern noch mit Pappschildern für das NABU demonstrierten. Damals waren es Menschen im selben Alter, die heute älter sind und jetzt an den Fronten für die Ukraine kämpfen. Sie gingen auf die Straße, und ihre Hauptforderung war, dass Viktor Janukowytsch das Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union unterzeichnet.

Dabei verstand ich überhaupt nicht, warum zum Teufel die Europäische Union mit ihm überhaupt irgendetwas unterzeichnen sollte. Schließlich ging es um einen Staat, in dem selektive Justiz gesiegt hatte und in dem die Oppositionsführerin aufgrund gefälschter Anschuldigungen im Gefängnis saß.

Aber keiner dieser jungen Menschen wollte auch nur etwas über Julija Tymoschenko hören, geschweige denn über Politik. Die meisten von ihnen sagten sogar im Fernsehen, sie wollten so gut leben wie in Europa. Deshalb müsse Janukowytsch dieses Abkommen unterzeichnen. Alles andere interessiere sie nicht.

Dabei war offensichtlich, dass ein Staat mit selektiver Justiz niemals nach Europa gelangen würde, weil er dieses Assoziierungsabkommen schlicht nicht erfüllen könnte. Ganz zu schweigen davon, Mitglied oder wenigstens Beitrittskandidat der Europäischen Union zu werden.

Deshalb gab es zunächst zwei Maidans, wie Sie sich erinnern: einen studentischen auf dem Unabhängigkeitsplatz und einen zweiten auf dem Europäischen Platz, wo sich die Aktivisten der oppositionellen politischen Parteien versammelten.

Und hätte es die Misshandlung der Studenten nicht gegeben, die sowohl ein grober politischer Fehler Viktor Janukowytschs als auch eine Provokation mit dem Ziel gewesen sein könnte, Instabilität in der Ukraine zu schaffen und Janukowytsch zu zwingen, diesen Maidan aufzulösen – eine Provokation, die russische Agenten hätten organisieren können; wir wissen bis heute übrigens nicht endgültig, was geschehen ist –, dann hätte es keinen Maidan 2013–2014 und keine Revolution der Würde gegeben.

Der Auslöser für all das war gerade die Misshandlung junger Menschen, die lediglich wollten, dass Janukowytsch zu jenem europäischen Kurs zurückkehrt, den er selbst jahrelang propagiert hatte. Aber so funktioniert das nicht. Man kann nicht unpolitisch sein, wenn Politik über das eigene Leben und den eigenen Tod entscheidet.

Jetzt ist es genauso. Seit Jahren versuche ich, eine einfache Sache zu erklären. Nicht ohne Grund begann ich, besonders seit 2022, als mir klar wurde, dass der Krieg für lange Zeit auf den Boden der Ukraine gekommen war, dass er zur Realität des ukrainischen Lebens für schwarze Jahrzehnte voller Prüfungen werden könnte, dass keinerlei Friedensperspektive existiert und dass das Land lernen muss, in diesem schrecklichen Krieg zu leben, zu überleben und sich zu entwickeln. Und dass man mit den Menschen ernsthaft darüber sprechen muss, damit sie das Wesen ihres Schicksals begreifen. Gerade deshalb begann ich damals über eine Regierung der nationalen Einheit zu sprechen, über eine Injektion staatsmännischer Sichtweisen und von Professionalität in den populistischen Umgang mit den Staatsangelegenheiten.

Und ganz gleich, wie viel Unsinn mir Menschen schreiben, die sagen: „Ach, Sie sprechen schon wieder von Poroschenko oder von jemand anderem, Sie wollen sie wieder an die Macht bringen“ – solange jene Menschen, die ihre Landsleute durch ihre Verantwortungslosigkeit in einen Sumpf aus Ausweglosigkeit und Tod hineingezogen haben, ihre Verantwortung nicht begreifen, wird nichts geschehen. Ganz gleich, mit welchen Pappschildern Sie wohin gehen.

Nur die Verantwortung des Bürgers und sein Verständnis der Prozesse, die im Staat stattfinden, geben diesem Bürger die Möglichkeit zu überleben. Nicht zu siegen. Siegen kann man nur, wenn man überlebt. Und jetzt besteht die Hauptaufgabe darin, zu überleben.

Und ihre Bewältigung wird, würde ich sagen, alles andere als einfach sein. Es geht nicht darum, wer wen wohin bringen will. Die Frage ist: Wenn bereits 2019 gerade mit Unterstützung von Menschen wie Mykhailo Fedorov ein Wahlkampf auf Grundlage der Serie „Diener des Volkes“ geschaffen wurde, Bedingungen für die sogenannte Protestwahl entstanden und damit nicht nur Volodymyr Zelenskys Sieg, sondern auch der Sieg eines zufälligen populistischen Parteiprojekts in der Werchowna Rada ermöglicht wurde, was den ukrainischen Parlamentarismus auf null setzte – wenn das bereits geschehen ist, kann man es nicht mehr umschreiben. Es ist geschehen. Danach kam der Krieg. In dieser Situation musste man, wie Sie verstehen, die Fehler korrigieren, allein um zu überleben, allein damit in den kommenden Jahren weniger Menschen auf den Friedhöfen landen.

Gerade damit sie leben, damit ihre Kinder leben und nicht zu Toten werden, musste eine Regierung der nationalen Einheit geschaffen werden, eine politische Regierung. Man musste dazu zurückkehren, dass Ministerien von Politikern geleitet werden und nicht von angestellten Managern ohne wirkliche Überzeugungen und ohne Verständnis dafür, warum sie dieses oder jenes Ressort leiten. Und Politiker an der Spitze der Ministerien müssten in der Lage sein, diese Manager zu schützen.

Wenn es so wäre und wenn das Parlament wieder Eigenständigkeit erlangt hätte, wäre die Situation sehr einfach. Ein solcher Politiker – oder besser gesagt ein solcher Manager wie Mykhailo Fedorov – hätte ein hervorragender Stellvertreter des Verteidigungsministers sein können, sogar all diese Jahre sein Erster Stellvertreter. Er hätte sich mit Drohnen befassen, Elon Musk anrufen, sich um Beschaffungen und um technische Tätigkeiten kümmern können, also um das, womit er sich ohnehin befasste. Das ist der Aufgabenbereich eines Ersten Stellvertretenden Ministers.

Aber einen Verteidigungsminister gibt es nicht. Überhaupt nicht, seit 2019. Denn alle Menschen, die Verteidigungsminister waren, waren keine Politiker, sondern Beamte. Dabei ist dies ein politisches Amt. Wenn ich Politiker wäre und klar wäre, dass meine Kandidatur im Parlament für das Amt des Verteidigungsministers bestätigt werden könnte und der Präsident des Landes diese Kandidatur einbringen könnte – schließlich gehört das nach wie vor zum Zuständigkeitsbereich des Präsidenten, obwohl ich meine, dass auch das geändert werden muss. Wir brauchen eine vollständig parlamentarisch-präsidentielle Republik, damit auch der Verteidigungsminister und der Außenminister vom Parlament vorgeschlagen werden. Aber nach der Verfassung ist es heute so. Das Erste, was ich tun würde, wenn ich Verteidigungsminister würde, wäre, mir einen Manager wie Mykhailo Fedorov als Ersten Stellvertreter zu nehmen. Ich würde ihn finden und ihn schützen. Ich selbst würde mich mit der Militärführung auseinandersetzen und meine Stellvertreter mit meiner Autorität schützen, wenn ich Politiker wäre.

Das muss man verstehen, und so muss es funktionieren. Andernfalls wird es ohnehin nicht funktionieren. Selbst wenn man sich vorstellt, dass Sie jetzt denselben Mykhailo Fedorov verteidigt haben und er erneut zum Verteidigungsminister ernannt wird: Was dann? Nun, er wird eine Zeit lang arbeiten, dann wird das Staatliche Ermittlungsbüro zu ihm kommen, es wird Korruptionsvorwürfe geben. Damit wird alles enden.

Und wie soll ein Verteidigungsminister, der das Vertrauen des Präsidenten verloren hat und von diesem als Konkurrent betrachtet wird, mit dem Präsidenten und dem Oberbefehlshaber der Streitkräfte zusammenarbeiten? Natürlich wird man ihn, könnte man sagen, bei der ersten Gelegenheit auflaufen lassen. Auch das ist völlig klar. Das ist die reale Situation, die bei einer Ernennung dieser Art entstehen kann.

Deshalb sage ich, dass der Ausweg aus dieser Situation gerade eine politische Regierung ist. Eine politische Regierung, eine Regierung der nationalen Einheit, eine Expertenregierung, die von verschiedenen politischen Parteien unterstützt wird. Das wäre der Ausweg aus der Situation.

Die Reaktion der Gesellschaft ist verständlich, aber sie löst dennoch nichts. Die Ukrainer haben einen guten Manager gesehen, der ihrer Meinung nach die Probleme des Verteidigungsministeriums lösen kann. Natürlich verteidigen sie ihn. Aber das System bleibt trotzdem so, wie es aufgebaut wurde – unter anderem durch die Anstrengungen desselben Fedorov. Ein System ohne Instrument kollektiver Entscheidungsfindung kann nun einmal nicht normal funktionieren.

In einem Krieg kann man auf zwei Arten siegen. 

  • Entweder man ist ein demokratischer Staat mit funktionierenden Institutionen, Wettbewerb und gemeinsamer Entscheidungsfindung, in dem der Oberste Befehlshaber Zeit hat, Oberster Befehlshaber zu sein und sich mit Verteidigung und Außenpolitik zu beschäftigen. 
  • Oder man kann ein autoritärer Staat mit funktionierenden Institutionen sein, der seine Gegner einfach wie die Sowjetunion mit den Leichen der eigenen Landsleute überschüttet, mit Millionen von Toten.

Nur verfügen wir nicht über eine solche Zahl von Leichen, weil wir gegen einen autoritären Staat mit funktionierenden Institutionen kämpfen, dessen Bevölkerung um ein Vielfaches größer ist. Und wir sind nicht jener Staat, der bereit wäre, irgendjemanden mit Leichen zu überschütten. Richtig? Denn im Unterschied zu den Russen schätzen wir menschliches Leben.

Dann müssen wir einen demokratischen Staat mit funktionierenden Institutionen haben. Denn ein demokratischer Staat mit nicht funktionierenden Institutionen verliert einfach den Krieg. Ein demokratischer Staat, in dem die Menschen darauf hoffen, dass der Präsident im sechsten Kriegsjahr durch irgendein Wunder einen Verteidigungsminister ernennt, der das Verteidigungsministerium verändern kann, und dabei nicht einmal begreifen, wie zufällig dies geschehen ist – worauf werden wir beim nächsten Mal hoffen?

Wenn wir Kommentare in sozialen Netzwerken sehen wie: „Wenn Fedorov entlassen wird, hat es keinen Sinn mehr, mit diesem Staat etwas zu tun.“ War bis zu diesem Augenblick also alles großartig? Wenn Fedorov selbst plötzlich bemerkt hat, dass es anonyme Telegram-Kanäle gibt, die gegen ihn hetzen, ohne dafür Verantwortung zu tragen: Hat er diese anonymen Telegram-Kanäle zuvor, als er Verteidigungsminister wurde, überhaupt wahrgenommen? Wen sie hetzten, wen sie nicht hetzten, wie sie die Menschen belogen? Und hetzen diese anonymen Telegram-Kanäle etwa nur gegen Fedorov? Wer hat diesen gesamten Informationsraum 2019 geschaffen? Wer setzte überhaupt auf Telegram als wichtigstes Instrument des künftigen Sieges Zelenskys?

Warum beginnen Menschen erst dann über offensichtliche Probleme zu sprechen, wenn sie selbst davon betroffen sind? Warum interessiert es niemanden, dass wir keine freien Medien haben, solange dies nicht persönlich den Verteidigungsminister und sein Team betrifft? Solange anonyme Telegram-Kanäle gegen unabhängige Oppositionspolitiker, unabhängige Journalisten, andere Politiker und Minister hetzen, kümmert es niemanden. Nun, das wurde eben im Präsidialamt so entschieden, was soll man machen?

„Gott bewahre, dass jemand denkt, ich sei ein Porochobot“ – mit diesen Worten beendete der nun ehemalige Verteidigungsminister der Ukraine sein Briefing. Und wenn man tatsächlich denkt, er sei ein Porochobot, wie man früher dachte, jemand sei ein Masepiner, Petljurist oder Banderist, wenn man glaubt, er sei ein ukrainischer Patriot – was wäre daran die Katastrophe? Diskreditierung? Würde dann die politische Karriere nicht stattfinden?

Das Gefährlichste ist, dass der der Ukraine 2019 aufgezwungene Politikstil am Ende zum allein maßgeblichen Stil des politischen Lebens wird. So geschah es in Belarus unter Lukaschenko, als 2020 selbst jene Menschen gegen Lukaschenko auftraten, die in Lukaschenkos Belarus aufgewachsen und von ihm geprägt worden waren. So beginnen auch wir bereits in der Ukraine zu leben.

Eine große Zahl von Bürgern, insbesondere wenn es junge Menschen sind, kann sich einfach nicht vorstellen, wie Leben und Regierungsstil anders aussehen könnten als der Stil, den Volodymyr Zelensky pflegt. Von dort führt ein direkter Weg zu einem autoritären Staat postsowjetischen Typs. Und gerade einen solchen Staat wollten wir verhindern. Gerade gegen einen solchen Staat gingen die Menschen auf die Straße: bei „Ukraine ohne Kutschma“, beim Maidan 2004 und beim Maidan 2013–2014 – nicht für bestimmte Personen, sondern für das Recht auf eine freie Presse.

Erinnern Sie sich, „Ukraine ohne Kutschma“ entstand, nachdem mein Kollege Heorhij Gongadse ermordet worden war. Es ging um die freie Presse. Und wie steht es heute um die freie Presse? Haben abscheuliche anonyme Telegram-Kanäle mit Schmutzkampagnen sie für die Mehrheit unserer Landsleute nicht ersetzt? Und die Menschen, die dort arbeiten, verbergen ihre Verbindungen zur Staatsführung nicht.

2004 gingen die Menschen für freie Wahlen auf die Straße. Heute kann es keine freien Wahlen geben, weil Krieg herrscht, und wir wissen überhaupt nicht, wann die Ukrainer das nächste Mal wählen können – in den 2020er- oder vielleicht erst in den 2030er-Jahren dieses Jahrhunderts. Denn es gibt keinerlei Grund zu glauben, dass der Krieg in absehbarer Zeit endet, wie ich bereits sagte. Weder in der Realität noch in Putins Kopf existiert ein solcher Grund.

Wenn es aber keine freien Wahlen gibt, muss es einen nationalen Konsens geben. Genau das muss in einer Situation bestehen, in der keine Wahlen abgehalten werden können. Deshalb herrscht in solchen Ländern, in denen keine Wahlen stattfinden, nationale Eintracht und nicht die permanente Vorbereitung auf nicht existierende, unmögliche Wahlen mit der Beseitigung potenzieller, nicht existierender Konkurrenten. 

Denn man kann alles Mögliche darüber sagen, dass jetzt Fedorovs politische Karriere beginnen könnte. Welche politische Karriere? Wenn wir nicht wissen, in wie vielen Jahren Wahlen stattfinden werden. Sie könnten dann stattfinden, wenn sich niemand mehr daran erinnert, wer er ist. Auch das ist möglich, wie Sie verstehen.

Der Maidan 2013–2014, die Revolution der Würde, stand für Würde, für die Verantwortung jedes Bürgers, dafür, nicht aus Spaß abzustimmen, und für das Verständnis jedes Einzelnen, dass er für den Staat verantwortlich ist.

Wie ist es geschehen, dass die Erfahrung all dieser Revolutionen und Aufstände nun auf die Möglichkeit episodischer Proteste reduziert wurde, die das Land ohne systemische Veränderungen, die nichts mit Personalwechseln zu tun haben, dennoch nicht systematisch verändern können?

Es kann keinen Ausweg aus dieser Situation geben, in der wir uns auch infolge der Unterschätzung der Gefahr durch die überwältigende Mehrheit der ukrainischen Bürger und durch jene Staatsführung befinden, die sie an die Macht gebracht haben. Es wird einen endlosen Krieg geben. Das garantiere ich Ihnen.

Denn dieser Krieg kann ausgesetzt, aber überhaupt nicht beendet werden. Aussetzen kann man ihn nur auf eine Weise: durch die wirksame finanzielle Zerstörung der energetischen, demografischen und militärischen Ressourcen der Russischen Föderation. Dafür braucht man eine starke Armee. Und dafür darf man die eigene Infrastruktur nicht durch ballistische Angriffe des Feindes verlieren.

Dafür braucht man Veränderungen und Eintracht. Und dafür braucht man einen anderen Stil der Staatsführung. Wenn ich vom Präsidenten höre und hier in Ihren Kommentaren sehe: Syrsky müsse entfernt, Fedorov ernannt werden – so funktioniert das in einem zivilisierten Staat überhaupt nicht.

Wenn man einen starken Verteidigungsminister und einen starken Oberbefehlshaber hat und beide nicht miteinander arbeiten können, muss man nicht einen von ihnen entfernen und auch nicht beide, wie Zelensky es Berichten zufolge ebenfalls in der Fraktion „Diener des Volkes“ gesagt haben soll. Man muss sie in verschiedene Ecken des Rings stellen und mit der eigenen Autorität ihre gemeinsame Arbeit gewährleisten. Das muss man tun. Man muss einen Kompromiss suchen und auf einige eigene Ambitionen verzichten.

Denn noch einmal: Sie können schreiben, dass Ihnen jemand gefällt oder nicht gefällt, doch es ist das Vorrecht des Präsidenten, den Verteidigungsminister vorzuschlagen und den Oberbefehlshaber der Streitkräfte zu ernennen. Wenn er diese beiden auswählt, den einen empfiehlt und den anderen ernennt, bedeutet dies, dass er ihre gemeinsame Arbeit gewährleisten muss.

Wenn man jedoch in einer Komfortzone leben will, in der alle einem zustimmen und auch untereinander einig sind, und man nicht weiß, wie man sie miteinander versöhnen soll, bedeutet das, dass man seinen eigenen Pflichten nicht gewachsen ist. Das muss man verstehen. Und genau das muss man lernen, falls man es überhaupt lernen kann.

Ich werde versuchen, auf die Fragen zu antworten, die während dieser Sendung bereits gestellt wurden. Ich sehe, dass die meisten dieser Fragen eher Kommentare als Fragen sind. Auch das ist ein wichtiger Moment: Derzeit kochen bei allen die Emotionen hoch.

Frage: Vielleicht doch Wahlen?

Portnikov: Nein, während des Krieges wird man keine Wahlen durchführen können. Es gibt eine völlig offensichtliche Tatsache. Erstens verbieten dies die Verfassung und die Gesetzgebung. Während des Kriegsrechts finden keine Wahlen statt. Wie stellen Sie sich unter den heutigen Bedingungen eine Aufhebung des Kriegsrechts vor? Wenn die Einwohner Kyivs alle zwei oder drei Tage – und nicht nur sie – in Schutzräumen vor ballistischen Angriffen Schutz suchen. Welche Wahlen sollen das dann bitte sein?

Man kann sagen, dass man die Gesetzgebung ändern könne. Aber entschuldigen Sie: Wie soll man die Gesetzgebung und die Verfassung ändern, wenn die Werchowna Rada der Ukraine während des Kriegsrechts das Grundgesetz nicht ändern darf? All das ist unmöglich. Es gibt einfach keine rechtliche Grundlage.

Wollen Sie, dass alles außerhalb rechtlicher Grundlagen geschieht? Begreifen Sie überhaupt nicht, dass das Land bereits ohne rechtliche Grundlagen regiert wird? Der Präsident kann nicht die Regierungschefin zu sich bestellen, wie es bei Julija Swyrydenko geschah, und ihr mitteilen, dass er beschlossen habe, sie zu entlassen. Das ist nicht sein Vorrecht. Er hat damit nichts zu tun. Es ist das Vorrecht der Koalition, die faktisch gar nicht existiert. Der Präsident kann nicht entscheiden, wen er zum geschäftsführenden Verteidigungsminister ernennt. Das ist nicht sein Vorrecht. So funktioniert es nicht.

Deshalb ist dies eine sehr wichtige Sache, die man verstehen muss. Ich stimme diesem Kommentar zu:

Kommentar: Verstehen Sie, was man Ihnen sagt. Es geht nicht um Fedorov, sondern um das System.

Portnikov: Es geht um das System. Verstehen Sie das doch. Sie haben ständig versucht, eine Person nach der anderen zu schützen und für jeden neuen Retter zu stimmen. Sehen Sie, wo Sie gelandet sind: am Rand des Abgrunds. Wenn Sie nicht klüger und erwachsener werden, werden Sie endgültig hineinfallen. Es gibt in einer solchen Situation keine Chance, sich zu halten. Null. Deshalb ist das eine wichtige Sache.

Kommentar: Man sollte Portnikovs Interpretationen nicht als Wahrheit ansehen, auch sie können falsch sein.

Portnikov: Es gibt doch gar keine Interpretationen. Ich erzähle Ihnen lediglich, wie dieser Staat nach der Verfassung überhaupt regiert werden muss. Wenn Sie wollen, dass die Regierung anders funktioniert, muss man das Grundgesetz ändern. Wie Genosse Schpilerman uns sagte: „Es muss eine präsidentielle Superrepublik geben, wie in Russland oder Frankreich.“ Dafür müssen die Ukrainer jedoch einer solchen Entwicklung zustimmen, und das Parlament muss die Verfassung ändern können. Während des Krieges ist das nicht möglich.

Frage: Wie nehmen die Partner in Europa das wahr?

Portnikov: Ich denke, dass die Partner in Europa vieles nicht besonders gut aufnehmen, aber Personalfragen sind nicht das Wichtigste. Wir haben gesehen, dass beispielsweise der EU-Kommissar für Verteidigungsfragen, Andrius Kubilius, sagte, man habe in Fedorov einen guten Partner gefunden. Daran werden wir doch nicht zweifeln? Zumal wir gesehen haben, dass es Fedorov sogar gelungen ist, sich mit Elon Musk, der der Ukraine offensichtlich, gelinde gesagt, nicht besonders wohlgesinnt ist, darauf zu verständigen, die Starlink-Verbindungen der Russen abzuschalten. Das ist in einer solchen Situation, wie Sie verstehen, ein großer Erfolg.

Aber in Europa ist man der Ansicht, dass nur die ukrainische Staatsführung das Recht zu entscheiden hat, wer welches Amt ausübt. Brüssel und Washington sind nicht Moskau. Nicht Moskau. Auch das muss man begreifen. Dass Russland uns immer Kandidaten für verschiedene Ämter aufgezwungen, Minister blockiert und Janukowytsch gesagt hat, wer bei uns Verteidigungsminister sein müsse, sogar russische Staatsbürger für das Amt des Verteidigungsministers durchgesetzt hat, ist wahr.

In Europa ist man der Ansicht, dass wir erwachsene Menschen sind und selbst entscheiden müssen, wer wo Minister wird. Deshalb kann ihnen das missfallen, aber sie werden keinesfalls für den allgemein gewählten Präsidenten unseres Landes, der ein legitimes Mandat besitzt, entscheiden, wer Minister wird und wen die Koalition zum Ministerpräsidenten ernennt.

Frage: Sie sagen uns gerade, dass der Himmel blau ist. Aber was sollen wir tun, wenn es keine Wahlen gibt und noch lange keine geben wird? Vielleicht gehen wir gerade deshalb mit Pappschildern auf die Straße?

Portnikov: Ich habe überhaupt nichts dagegen, dass Menschen mit Pappschildern auf die Straße gehen. Ich halte das für eine wichtige Form zivilgesellschaftlicher Aktivität. Für mich ist nur die Frage, was auf diesen Pappschildern steht und aus welchem Anlass die Menschen demonstrieren. 

Wenn dieser Anlass personalistisch ist, funktioniert es nicht. Wenn die Pappschilder vielleicht systemische Forderungen enthielten, beispielsweise für eine Regierung der nationalen Einheit oder für eine kompetente Staatsführung, hätte das mehr Sinn. Denken Sie nicht darüber nach?

Der vorherige Pappschilder–Protest war ein Protest systemischen Charakters, nicht personalisiert. Niemand sagte: „Wir wollen, dass diese oder jene Person das NABU leitet.“ Ich denke, eine riesige Zahl von Menschen wusste nicht einmal, wer das NABU leitet. Alle wollten, dass das NABU unabhängig bleibt.

In diesem Fall entsteht jedoch der Eindruck, dass alles auf eine einzelne, aus personeller Sicht wichtige Kandidatur hinausläuft, die ihre Effektivität in einem bestimmten Amt bewiesen hat. Und das bestreitet übrigens niemand.

Es geht ausschließlich darum, dass dieser Mensch zufällig in diesem Ministerium gelandet ist und nicht infolge systemischer Entscheidungen, sondern weil die Lücken in der Mannschaft geschlossen werden mussten, die durch die Korruptionsermittlungen desselben NABU entstanden waren. Deshalb bin ich keineswegs jemand, der gegen Pappschilder-Proteste ist. Ich selbst war heute dort und habe gesehen, wie alles ablief.

Kommentar: Früher achtete niemand darauf, weil es zu Beginn des umfassenden Krieges eine schlechte Idee war, den Präsidenten zu kritisieren. Außerdem sind Kundgebungen bis heute verboten, aber man hat keine Kraft mehr, das zu ertragen.

Portnikov: Ich bestreite nicht, dass die Menschen anfangs vom Krieg so schockiert waren, dass auch ihr Vertrauen in die Staatsführung und deren Entscheidungen wesentlich größer war. Deshalb sage ich: Stellen Sie sich vor, eine so populäre Person wie Valery Zaluzhny würde heute aus dem Amt des Oberbefehlshabers entfernt. Die Reaktion wäre wahrscheinlich eine andere als 2023. Das ist zweifellos so. 

Aus dieser Perspektive muss auch die Staatsführung berücksichtigen, dass die Gesellschaft heute anders gestimmt und vom Krieg sehr erschöpft ist und von der Staatsführung, wenn schon nicht mehr Effizienz, dann wenigstens mehr Kommunikation erwartet. Auch das versuche ich zu erklären. Mehr Kommunikation. Wenn auch diese Kommunikation fehlt, wirft das ebenfalls Fragen auf.

Denn niemand stellt Zusammenhänge her und erklärt die Gründe. Im Fall Fedorov hat Zelensky wenigstens erklärt, es gebe keine Einigkeit. Obwohl ich noch einmal sage, dass es aus meiner Sicht einen anderen Ausweg geben müsste, wurde dies wenigstens erklärt. Aber warum wurde Swyrydenko entfernt und zugleich mit einem Orden ausgezeichnet? Warum wird die Botschafterin in den Vereinigten Staaten ersetzt, obwohl sie gerade erst ihre Arbeit aufgenommen hat? Auch das muss irgendwie erklärt werden. Dieses Amt ist nicht weniger wichtig als das des Verteidigungsministers.

Begreifen Sie das überhaupt? Von der Person, die die Botschaft in den Vereinigten Staaten leitet, hängt grundsätzlich die Zukunft unseres Landes ab. Warum werden auch Botschafter ohne jede Begründung ausgewechselt? Sie erinnern sich wahrscheinlich nicht daran, dass wir in dieser Zeit bereits vier Botschafter in den Vereinigten Staaten hatten. Seit 2019, in nur sieben Jahren von Zelenskys Präsidentschaft – dabei hätte es höchstens einen oder zwei geben sollen.

Valerij Tschalyj beendete seine Mission. Volodymyr Jeltschenko, der Vertreter bei den Vereinten Nationen gewesen war, arbeitete nur sehr kurze Zeit als Botschafter in den Vereinigten Staaten. Er wurde abberufen – ein erfahrener Diplomat, einer der Patriarchen der ukrainischen Diplomatie. Es wurde nicht erklärt, warum Oksana Markarowa ernannt wurde, die ihre Amtszeit offenbar vollständig absolvierte. Und nun ist erneut ein Jahr der Botschaftertätigkeit Olha Stefanischynas vergangen, und schon verlässt sie diesen Posten. Aus welchen Gründen?

Dasselbe kann man bei vielen wichtigen Ämtern fragen, nicht nur beim Verteidigungsministerium. Sie sehen das Verteidigungsministerium lediglich mit eigenen Augen. Aber das Fehlen eines Botschafters in Washington kann, glauben Sie mir, irgendwann kein geringeres, sondern ein größeres Problem sein. Was ist daran neu?

Kommentar: Das Wichtigste ist jetzt, sich nicht von pseudooppositionellen Dampfablassern täuschen zu lassen, sondern klar an einer gemeinsamen Position festzuhalten: Fedorov ins Verteidigungsministerium, Syrsky zurücktreten lassen und die „Diener des Volkes“ zu echter Arbeit zwingen.

Portnikov: Aber wie wollen Sie das durchsetzen, darf ich fragen? Und wie wollen Sie dem Staatsoberhaupt Ihre Vorstellung davon aufzwingen, wer Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine sein soll? Und wie stellen Sie sich vor, dass, wenn jene Person Oberbefehlshaber wird, die Ihnen gefällt, dem Obersten Befehlshaber aber nicht gefällt, beide miteinander arbeiten werden? Sie wurden nicht zum Präsidenten der Ukraine gewählt. Auch die Menschen, die auf die Straße gehen, wurden nicht gewählt.

So oder so wird Volodymyr Zelensky entscheiden, wer Verteidigungsminister wird, sofern das Parlament für diese Person stimmt, und wer Oberbefehlshaber wird – nicht Sie. Das müssen Sie einfach klar begreifen.

Frage: Welche Hebel haben wir, um systemische Veränderungen im Land zu beeinflussen?

Portnikov: Ich habe bereits gesagt, welche. Wenn dies zu einer gesellschaftlichen Forderung wird, wenn sichtbar ist, dass es diese gesellschaftliche Forderung sowohl in den Umfragen als auch im Verhalten der Menschen bei diesen Pappschilder-Protesten gibt, wird die Staatsführung darauf hören. Aber die Menschen wollen nichts dergleichen. Sie suchen erneut ein Wunder, irgendeinen wunderbaren Retter, der ihnen aus der Not hilft. Und dieser Retter kann sich ebenfalls eher als Mythos denn als Realität erweisen. Auch das muss klar sein.

Wir werden diese Ereignisse selbstverständlich weiterverfolgen. Sie werden sich, wie Sie verstehen, erst noch weiter zuspitzen.


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Titel des Originals: Криза Федорова: наслідки | Віталій Портников. 16.07.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 16.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Ein Krieg der Paläste in Polen.  Artem Bidenko. 07.07.2026.

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Und nun eine ausführliche Analyse der Beziehungen zu Polen – mit vielen Nuancen, über die bei uns kaum gesprochen wird.

Das polnische Büro unserer Beratungsgruppe SEC Newgate CEE hat einen Bericht über das erste Jahr des Zusammenwirkens von Präsident Karol Nawrocki und der Regierung von Donald Tusk veröffentlicht. Der Titel lautet mit charakteristischer Selbstironie: „Ein Jahr des Zusammenlebens oder der Konfrontation?“. In der Ukraine betrachtet man die polnische Politik meist nur durch einen schmalen Spalt („Was hat Nawrocki diese Woche über Wolhynien gesagt?“). Deshalb möchte ich wiedergeben, wie die Polen selbst diesen Konflikt sehen – und warum alles sehr viel komplizierter ist. Den Bericht selbst stelle ich in die Kommentare; dort findet sich auch meine Folie.

Die zentrale These betrifft nicht einzelne Personen, sondern die Konstruktion des politischen Systems. Die beiden Machtzentren in Polen – Präsident und Ministerpräsident – sind unabhängig davon, wer diese Ämter innehat, zum Konflikt verurteilt, weil das System selbst so aufgebaut ist: unterschiedliche Wahlzyklen, verschiedene Amtszeiten und sich überschneidende Kompetenzen. Diese Konstruktion enthält den Konflikt bereits in sich.

Der schärfste Konflikt zwischen Präsident und Ministerpräsident in der jüngeren Geschichte Polens entbrannte übrigens nicht zwischen politischen Gegnern, sondern zwischen Aleksander Kwaśniewski und Leszek Miller – zwei Politikern derselben Partei, die zwanzig Jahre lang befreundet waren und buchstäblich im selben Hauseingang wohnten; ihre Wohnungen lagen sogar auf derselben Etage. Am Ende führte dieser Konflikt zur Spaltung der Linken und zum Absturz des SLD von 41 auf 11 Prozent.

Daraus ergibt sich eine Formel, die man sich merken sollte: Für einen Krieg zwischen zwei Palästen braucht es keine zwei politischen Lager – zwei Paläste genügen. Persönliche Absprachen können die Spannungen mindern, aber den Konflikt selbst nicht beseitigen.

Die Außenpolitik Polens hat sich inzwischen in das verwandelt, was die Autoren als „mehrere Außenpolitiken gleichzeitig“ bezeichnen. Der Präsident verantwortet die amerikanische Richtung, die Regierung und das Außenministerium die europäische. Jeder Gipfel und jeder Staatsbesuch wird dadurch zum Anlass eines Konkurrenzkampfes darum, wessen Foto später in den Geschichtsbüchern erscheinen wird.

Ein klassisches Beispiel: Vor dem Treffen mit Donald Trump im September 2025 übermittelte das Außenministerium Präsident Nawrocki eine „Anweisung“ für das Gespräch. Die Präsidialkanzlei reagierte empört und warf dem Ministerium vor, die verfassungsmäßige Hierarchie nicht zu kennen. Das Außenministerium wiederum bestand darauf, dass es sich um die offizielle Position des Staates handele, die der Präsident berücksichtigen müsse.

Ein weiteres dauerhaftes Konfliktfeld sind die Ernennungen von Botschaftern – besonders scharf beim Botschafterposten in den Vereinigten Staaten, wo bis heute lediglich ein Geschäftsträger im Amt ist.

Für uns besonders interessant ist das Kapitel über die Sicherheitspolitik, denn dort geht es um Fragen, die die Ukraine unmittelbar betreffen. Die Autoren sprechen vom „Ende der Schonfrist“: Die Sicherheitspolitik, die seit 2022 in Polen eine parteiübergreifende Konsenszone gewesen war, ist inzwischen in den innenpolitischen Machtkampf hineingezogen worden.

Zum symbolischen Wendepunkt wurde der Streit über die Lieferung von Kampfflugzeugen an die Ukraine. Der Präsident warf der Regierung öffentlich vor, ihn darüber nicht informiert zu haben. Die Regierung entgegnete, sämtliche Verfahren seien ordnungsgemäß unter Beteiligung des Nationalen Sicherheitsbüros abgewickelt worden.

Noch schärfer verlief ein Vorfall im Pentagon: Vertreter des Präsidialamtes für nationale Sicherheit schlossen nach Angaben des Berichts den polnischen Verteidigungsattaché von Besprechungen aus. Das Verteidigungsministerium wertete dies als Verletzung der zivilen Kontrolle über die Streitkräfte.

Den Höhepunkt bildete schließlich Nawrockis Veto gegen das Gesetz, das Polen den Zugang zum europäischen Verteidigungsinstrument SAFE eröffnet hätte. Dadurch musste die Regierung das gesamte Modell der Rüstungsfinanzierung überarbeiten und mit den Partnern neu verhandeln.

Daneben schwelt weiterhin ein Konflikt um Personalentscheidungen in den Geheimdiensten. Der Präsident blockierte die Ernennung von mehr als hundert Offizieren und verlangte direkten Zugang zu den Leitern der Nachrichtendienste, während die Regierung darauf besteht, dass dies ausschließlich innerhalb klar definierter institutioneller Verfahren erfolgen dürfe.

Nun direkt zur Ukraine.

Der Bericht bezeichnet Nawrockis Kurs als „zweigleisig“. Einerseits erkennt er die Ukraine als Opfer der russischen Aggression an und versteht, dass ihre Unabhängigkeit für die Sicherheit Polens von entscheidender Bedeutung ist. Andererseits lehnt er eine „bedingungslose“ Beziehung zu Kyiv grundsätzlich ab und stellt polnische Interessen – insbesondere historische Fragen – in den Vordergrund.

Konkret erklärte Nawrocki bereits im Wahlkampf, einer Integration der Ukraine in NATO und EU müsse eine „ehrliche Verständigung über die schwierigen Seiten der gemeinsamen Geschichte“ vorausgehen – gemeint sind Wolhynien sowie eine Neubewertung der ukrainischen Haltung gegenüber OUN und UPA.

Im August 2025 legte er zudem ein Veto gegen die Novellierung des Gesetzes zur Unterstützung ukrainischer Staatsbürger ein. Und was anschließend mit dem Orden des Weißen Adlers geschah, kennen wir alle.

Der Bericht zieht daraus eine nüchterne Schlussfolgerung: Mit einer baldigen Abschwächung dieser Haltung ist nicht zu rechnen. Für uns ist jedoch besonders wichtig, worum sich der gesamte Bericht eigentlich dreht: um die Komplexität der innenpolitischen Debatten in Polen – und nicht um irgendeine angeblich falsche Position der Ukraine.

Ebenso aufschlussreich ist die Perspektive der Nachbarländer, die der Bericht aus einem Dutzend europäischer Hauptstädte zusammenträgt.

In Prag werden die innerpolnischen Konflikte offen als Gefahr für die Berechenbarkeit der gesamten Region bezeichnet. Man weist darauf hin, dass Warschau zunehmend die Fähigkeit verliere, mit einer Stimme für Mitteleuropa zu sprechen.

In Belgrad spricht man bereits von einem „Kalten Krieg“ an der Spitze der Staatsführung.

Berlin und Paris reagieren gelassener. Die Franzosen erinnern daran, dass sie selbst mehrere Phasen der Kohabitation erlebt hätten, ohne dass der Staat daran zerbrochen wäre. Die Deutschen betonen, Polen sei für sie inzwischen unverzichtbar geworden, und keine innenpolitischen Streitigkeiten würden daran etwas ändern.

Allen Einschätzungen gemeinsam ist jedoch folgender Gedanke: Solange es sich um innere Angelegenheiten Polens handelt, bleibt es eine polnische Angelegenheit. Sobald jedoch externe Akteure beginnen, mit einem Machtzentrum gegen das andere zu spielen – und Washington tut dies nach Einschätzung des im Bericht zitierten Analysten bewusst, indem es den Präsidenten unter Umgehung der Regierung bevorzugt –, hört der Konflikt auf, ausschließlich ein polnisches Problem zu sein.

Zum Schluss versuchen die Autoren, den Konflikt nicht nur zu beschreiben, sondern auch messbar zu machen.

Ihr „Spannungsmesser“ bewertet jede Auseinandersetzung anhand von drei Kriterien: institutionelles Gewicht, Intensität der Rhetorik und tatsächliche Folgen.

Das Ergebnis: Innerhalb von zehn Monaten fiel der Spannungsindex kein einziges Mal auf das Niveau eines wirklichen Waffenstillstands. In acht der zehn Monate übertraf die Schärfe der Rhetorik die tatsächlichen Konsequenzen deutlich. Es handelt sich also vor allem um einen Krieg der Narrative, der sich nur gelegentlich, dann aber schmerzhaft, in Vetos und blockierten Ernennungen konkretisiert.

Für die Ukraine ergeben sich daraus zwei praktische Schlussfolgerungen.

Die erste haben wir bereits verstanden: Man kann nicht mehr davon ausgehen, dass die polnische Unterstützung automatisch dieselbe bleibt wie unter Präsident Duda. Sie ist inzwischen Gegenstand des innenpolitischen Machtkampfes in Polen und nicht länger der kleinste gemeinsame Nenner der beiden Machtzentren.

Wir müssen diese innerpolnischen Konflikte berücksichtigen, Polen nicht mutwillig provozieren – denn sonst verlieren wir Verbündete –, zugleich aber unsere eigenen nationalen Interessen nicht preisgeben. Mit kühlem Kopf sollten wir darauf warten, dass unser engster Verbündeter die Kraft findet, politisch reifer zu werden.

Die zweite Schlussfolgerung ist grundsätzlicher.

Ein Konflikt zwischen zwei Zentren der Exekutive, in den sich externe Akteure einmischen und sich jeweils den für sie günstigeren „Palast“ aussuchen, stellt für jedes Land mit einer doppelten Exekutive ein ernstzunehmendes Risiko dar – auch für unseres.

Streitigkeiten, die zunächst wie harmlose politische Debatten erscheinen, führen unweigerlich zu regionalen Spannungen, zum Verlust von Chancen und zur Schwächung des politischen Potenzials.

Kurz gesagt: Das sind Fehler anderer, aus denen wir selbst lernen sollten.

Anlage:

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Autor: Artem Bidenko
Veröffentlichung: 07.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Die Ukraine des Balkans. Vitaly Portnikov. 05.07.2026.

Україна Балкан. Vitaly Portnikov. 05.07.2026.

8. September 1991. Das ukrainische Parlament hatte nur wenige Wochen zuvor den Akt über die Ausrufung der Unabhängigkeit der Ukraine verabschiedet, und in der ehemaligen „zweiten Republik“ der Sowjetunion liefen bereits die Vorbereitungen für das Referendum am 1. Dezember. In einer anderen ehemaligen Republik – allerdings einer jugoslawischen –, in Mazedonien, fand das Referendum hingegen genau am 8. September statt, wenn auch mit einer etwas anderen Fragestellung als in der Ukraine: „Bestätigen Sie die unabhängige Republik Mazedonien mit dem Recht, einem künftigen Bund souveräner Staaten Jugoslawiens beizutreten?“

Das Paradoxe an dieser Abstimmung bestand darin, dass die Führung Mazedoniens vor dem Hintergrund des Krieges zwischen Serbien und Kroatien genau wusste, dass es einen Bund souveräner Staaten niemals geben würde – dennoch beruhigte sie die Gesellschaft. Die Ukraine hingegen, deren Bürger für die Unabhängigkeit ohne jegliche Bündnisse stimmten, trat nur wenige Wochen nach dem 1. Dezember der hastig geschaffenen Gemeinschaft Unabhängiger Staaten bei – als stamme ihre Entscheidung direkt aus dem mazedonischen Stimmzettel. Doch die Paradoxien beschränken sich nicht darauf.

Nur wenige Tage nach dem mazedonischen Referendum kommentierte ich dieses gerade im Vergleich zur ukrainischen Souveränität. „Die Unabhängigkeit Mazedoniens lässt sich allenfalls mit der künftigen Unabhängigkeit der Ukraine vergleichen, die das Kräfteverhältnis ebenfalls grundlegend verändern wird – allerdings in einem anderen Teil des Kontinents. Die Abspaltung Sloweniens und die Freiheit Kroatiens, die sogar zu einem echten Krieg geführt hat, sind eine innerjugoslawische Angelegenheit … Doch die Entstehung eines mazedonischen Staates, der zudem nur einen Teil des Siedlungsgebietes dieses Volkes umfasst, ist geeignet, viele zu schockieren …“

Einige Tage später traf ich den stellvertretenden Ministerpräsidenten der neuen mazedonischen Regierung, den bekannten Wissenschaftler Blaže Ristovski. Der Akademiker nahm zum ersten Mal an einer hochrangigen internationalen Konferenz teil; kurz zuvor war er in Sofia gewesen und hatte dort den bulgarischen Präsidenten Schelju Schelew getroffen. Ristovski räumte ein: Die Bulgaren weigerten sich, die Mazedonier als Nation anzuerkennen, seien jedoch bereit, mit dem Staat zusammenzuarbeiten, und er hoffe, mit Griechenland ein ähnliches Ergebnis zu erzielen. „Es ist schließlich ein mazedonischer Staat“, sagte Ristovski zu mir.

Für den Leser, der sich 1991 mit meinen Veröffentlichungen über Mazedonien vertraut machte, war schon dessen Existenz etwas Exotisches. Heute mag das überraschen, denn es war doch „einfach“ eine der Republiken des sozialistischen Jugoslawiens. Nein, eben nicht einfach. Die bulgarischen Kommunisten, die die engsten Partner und Freunde ihrer sowjetischen Schutzmacht waren, bestritten schon die Existenz des mazedonischen Volkes, der mazedonischen Sprache und Identität. Die wichtigste Ideologin des Kampfes gegen den „Mazedonismus“ war das Mitglied des Politbüros des Zentralkomitees der Bulgarischen Kommunistischen Partei, die altgediente Kommunistin Zola Dragojtschewa, die zugleich der Gesellschaft für sowjetisch-bulgarische Freundschaft vorstand. Deshalb versuchte man in der Sowjetunion, über Mazedonien und die Mazedonier möglichst überhaupt nicht zu sprechen. Ich war möglicherweise einer der ersten ukrainischen Journalisten, der die Republik noch vor ihrer Unabhängigkeit besucht, dort Journalisten und Politiker kennengelernt hatte und deshalb wenigstens etwas dazu sagen konnte. Doch sich damals vorzustellen, welchem Druck Mazedonien in den folgenden 35 Jahren seiner Unabhängigkeit durch seine Nachbarn ausgesetzt sein würde, war kaum möglich.

Griechenland würde den Austausch der nationalen Symbolik und später sogar des Staatsnamens verlangen – so wurde aus dem Land schließlich die Republik Nordmazedonien. Albanien und der Kosovo würden albanische politische Parteien unterstützen und Krisen zwischen ethnischen Mazedoniern und Albanern schüren, bis hin zu einem kurzen ethnischen Krieg; auch in der Nachkriegszeit tun sie dies weiter, wobei die albanischen politischen Eliten die einen albanischen Politiker in Nordmazedonien unterstützen und die kosovarischen Eliten deren erbitterte Konkurrenten.

Serbien würde die Kirchenfrage instrumentalisieren. Die Serbisch-Orthodoxe Kirche, von der sich die Mazedonisch-Orthodoxe Kirche bereits in kommunistischer Zeit getrennt hatte – mit der Begründung, dass das Erzbistum Ohrid älter sei als seine serbische „Mutter“ (erinnert das an nichts?) –, würde nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Jugoslawien eine Parallelstruktur schaffen. Später würde der serbische Patriarch den Mazedoniern schließlich doch einen eigenen Tomos verleihen – was wiederum einen neuen Konflikt beider Kirchen mit dem Ökumenischen Patriarchen auslösen würde. (Vergessen wir nicht, dass unser großer Freund Bartholomäus I. dennoch Grieche ist – und ihm deshalb das Wort „mazedonisch“ im Namen der Kirche ebenfalls missfällt.)

Und als es schien, alle großen Konflikte seien beigelegt, nahmen sich die bulgarischen Brüder der Zukunft Nordmazedoniens an. Sie beschlossen, die europäische Integration des Nachbarlandes zu nutzen, um dessen historisches Gedächtnis und seine Identität zu verändern – von der Verfassung bis zu den Schulbüchern. In mancher Hinsicht erinnert dies an die ukrainisch-polnischen Auseinandersetzungen – allerdings genau umgekehrt.

In Warschau etwa wirft man den Führern der OUN die Zusammenarbeit mit dem Reich vor und verspricht, dass die Ukraine „mit Bandera“ niemals nach Europa gelangen werde. In Sofia hingegen verlangt man von Nordmazedonien, die bulgarische Besetzung des heutigen Staatsgebiets nicht als Besatzung zu bezeichnen – obwohl Bulgarien diesen Teil des Königreichs Jugoslawien gerade deshalb besetzte, weil es ein Verbündeter des Deutschen Reiches war. Die Mazedonier lehnen dies ab, weil der antifaschistische Kampf zu den Grundpfeilern ihrer modernen Identität gehört und unmittelbar mit der Ausrufung ihrer Staatlichkeit innerhalb von Titos Jugoslawien verbunden ist. Andererseits ist das Bündnis zwischen Deutschland und Bulgarien eine historische Tatsache. Und wenn man eine Besatzung nicht mehr Besatzung nennen darf, wird es schwer zu erklären sein, wie es auf dem Gebiet des heutigen Nordmazedoniens zum Holocaust kommen konnte und praktisch alle dortigen Juden ermordet wurden – obwohl die Juden Bulgariens selbst von der Regierung unter dem Druck der Öffentlichkeit nicht an die Nationalsozialisten ausgeliefert wurden.

Doch die Frage ist nicht, wer im Zweiten Weltkrieg wen unterstützte, sondern die tatsächliche Krise der Europäischen Union. Die Idee eines geeinten Europas besteht gerade darin, dass alle historischen Gegensätze innerhalb der EU behandelt werden, denn nur sie ist das Instrument, das Kriege auf einem einst verwüsteten Kontinent verhindern kann. Tatsächlich aber geschieht das Gegenteil: Die Staaten, die bereits der Europäischen Union angehören, beginnen den Beitrittskandidaten vorzuschreiben, was in ihrer Verfassung stehen oder sogar was in ihren Geschichtsbüchern geschrieben werden soll. Und die Europäische Union stellt sich auf die Seite ihrer Mitglieder, obwohl deren Forderungen nichts mit den Beitrittskriterien der EU zu tun haben.

Nordmazedonien steckt seit Jahrzehnten vor den Türen der Europäischen Union fest – nicht weil das Land keine Reformen durchführt, sondern weil es sich der von Europa unterstützten bulgarischen Erpressung widersetzt. Dabei unterstützt die Mehrheit der Bürger mazedonischer Herkunft die Haltung ihrer Regierung, weil sie diese für würdevoll hält. Doch neben der Würde gibt es auch die Praxis. Junge Mazedonier wollen nicht jahrelang warten, beantragen bulgarische Pässe (Sie haben doch nicht vergessen: Bulgarien betrachtet sie als Bulgaren) und verlassen das Land. Nicht etwa in Richtung Bulgarien – was sollten sie dort? –, sondern nach Deutschland.

Die jungen Bürger Nordmazedoniens albanischer Herkunft haben hingegen keinen Anspruch auf einen bulgarischen Pass und bleiben vorerst im Land. So sieht also das Bild einer demografischen Katastrophe eines kleinen Volkes aus.

Als Sofia begann, seine Forderungen zu diktieren, hoffte ich noch, dass man in Brüssel erkennen würde, wie gefährlich historische Erpressung ist. Doch das geschah nicht. Und nun bereite ich mich darauf vor zu beobachten, wie sich die europäische Integration der Ukraine genau nach dem mazedonischen Szenario vollziehen wird. Denn ich sehe bereits, wie ein Teil der polnischen Politiker der Versuchung nicht widerstehen kann – und ich weiß nicht, wie man unseren Nachbarn erklären soll, dass dieses Szenario vor allem für sie selbst gefährlich ist.

Doch natürlich geht es nicht nur um die Polen. Mit Forderungen werden später praktisch alle an uns herantreten: Die einen, weil sie im Bündnis mit den Russen handeln; die anderen, weil sie sehen, wie gut sich Minderheitenschutz und historische Forderungen beim eigenen Elektorat verkaufen; wieder andere einfach deshalb, weil sie Narren sind.

Die Schlussfolgerung daraus ist einfach und bitter: Wir werden niemals Mitglied der Europäischen Union werden, wenn wir Europa nicht schon jetzt verändern. Wenn wir nicht nachweisen können, dass gerade jene Staaten bestraft werden müssen, die gegen die Kriterien verstoßen – selbst wenn sie bereits Mitglieder der EU sind. Dass man Geschichte nicht als Erpressungsinstrument benutzen darf. Dass solchen Erpressern die europäischen Fördermittel gestrichen werden müssen und nach Möglichkeiten gesucht werden sollte, ihnen zumindest in Fragen unserer Integration das Stimmrecht zu entziehen.

Wir sind schlicht verpflichtet, das zu tun. Um unseretwillen. Und um der Mazedonier willen.


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Titel des Originals: Україна Балкан. Vitaly Portnikov. 05.07.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 05.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Ukrainisch-polnischer Konflikt: die Folgen | Vitaly Portnikov. 22.06.2026.

Der polnisch-ukrainische Konflikt rund um die Geschichte mit der Aberkennung des Ordens des Weißen Adlers für den ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky flaut nicht ab.

Wir wissen immer noch nicht, ob der Präsident der Ukraine die Konferenz zur Entwicklung der Ukraine in Danzig besuchen wird. Und hier liegt der Sinn jetzt nicht einmal in der Konferenz selbst, sondern darin, ob das Oberhaupt des ukrainischen Staates mitten in diesem Konflikt nach Polen kommen wird.

Der Grad der gegenseitigen Beschuldigungen steigt, ebenso wie die Geschichte mit der Rückgabe von Orden, denn jetzt schließen sich den ukrainischen Politikern, die ihre Orden an Polen zurückgeben, auch polnische an. Aber wenn man sich erinnert, wurde diese Büchse der Pandora keineswegs von Volodymyr Zelensky geöffnet, als er seinen Orden des Weißen Adlers an den polnischen Kollegen zurückgab, nachdem Karol Nawrocki bereits die Entscheidung getroffen hatte, ihm diesen Orden abzuerkennen, sondern vom polnischen Botschafter in der Ukraine Bartosz Cichocki.

Und in jedem Fall müssen wir, wenn wir über die Rückgabe dieser Auszeichnungen sprechen, daran denken, dass dies alles verdiente Auszeichnungen sind. Präsident Zelensky erhielt diesen Orden im Namen des ukrainischen Volkes in der schwersten Phase des ukrainischen Widerstands gegen die russische Aggression. Und Botschafter Cichocki, der seinen Orden zurückgegeben hat, erhielt ihn verdient, weil er praktisch der einzige Diplomat eines Mitgliedstaates der Europäischen Union war, der gerade in jenen Tagen in Kyiv blieb, als die ukrainische Hauptstadt vor der größten Gefahr stand, von russischen Truppen eingenommen zu werden. Und auch an all das sollte man denken, wenn wir über jenen Grad gegenseitiger Beschuldigungen und Spannungen sprechen, der heute zwischen bestimmten politischen Kreisen in Polen und der Ukraine besteht.

Heute sagte man in der Kanzlei des Präsidenten Polens, dass dieser Konflikt in Wirklichkeit keinen innenpolitischen Charakter habe. Das sagte auch der Präsident Polens, Karol Nawrocki, selbst, als er auf die Worte des ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky antwortete, wonach der Konflikt für das polnische Staatsoberhaupt eben einen innenpolitischen Charakter angenommen habe und mit seiner Konfrontation mit dem polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk verbunden sei.

Ich neige hier dazu, Zelensky und nicht Nawrocki zuzustimmen, denn ich spreche jetzt nicht einmal von Ansprüchen an den Kern der Frage selbst, weil offensichtlich ist, dass es unter polnischen Politikern niemanden gibt, der meinen würde, eine ukrainische Militäreinheit könne den Namen der Ukrainischen Aufstandsarmee tragen. Aber wenn eine solche Situation Unzufriedenheit, sagen wir, beim Oberhaupt des polnischen Staates hervorruft, hätte er zunächst irgendeinen eigenen Kontakt zu seinem ukrainischen Kollegen herstellen können, um zu verstehen, wie man diese Frage lösen kann und ob man sie überhaupt lösen kann und wozu ein weiterer Konflikt führen wird, und erst danach Entscheidungen über irgendwelche öffentlichen Handlungen treffen können. Ganz zu schweigen davon, dass immer die Frage entsteht: „Warum beginnst du mit einem Orden, den nicht du verliehen hast, und das in einer völlig anderen Situation? Und warum bestehst du darauf, dass deine Entscheidung über die Aberkennung des Ordens vom Ministerpräsidenten Polens bestätigt werden muss? Obwohl es dazu keine Hinweise in der polnischen Gesetzgebung gibt und dies eher deine Interpretation dieser Gesetzgebung ist, die eben diesen Ministerpräsidenten in eine unbequeme Lage bringen soll.“

Und hier müssen wir nicht nur daran denken, dass zwischen dem politischen Lager Nawrockis und dem politischen Lager Tusks eine reale Spannung besteht und dass diese Spannung während der kommenden Wahlkampagne in Polen und während der Wahlen nur zunehmen wird, sondern auch daran, dass der Präsident in Polen praktisch kaum reale Befugnisse besitzt.

Das ist ebenfalls ein Problem des polnischen Verfassungsrechts. Polen ist eine parlamentarisch-präsidentielle Republik, aber in Wirklichkeit hat der vom Volk gewählte Präsident nur sehr wenige reale Befugnisse. Er ist ein vom Volk gewählter Monarch, der nur in einer Situation auf irgendeine ernsthafte politische Rolle hoffen kann, wenn seine eigene Partei im Sejm eine Mehrheit hat. Und selbst in dieser Situation spielt er in der großen Politik eine zweitrangige Rolle.

Vielleicht war uns das nicht aufgefallen, aber die Bedeutung Andrzej Dudas als Präsident Polens blieb deutlich hinter der Bedeutung des Ministerpräsidenten Mateusz Morawiecki und hinter der Bedeutung Jarosław Kaczyńskis als Vorsitzendem der Regierungspartei zurück. Das ist der Fall, in dem die erste Person im Staat die dritte Rolle spielt.

Und was konnte Andrzej Duda damals tun, um seine politische Rolle zu demonstrieren? Die Ukraine auf der internationalen Bühne unterstützen, jene gemeinsame Außenpolitik betreiben, die damals praktisch die gesamte polnische politische Elite und Gesellschaft teilte. Schließlich Volodymyr Zelensky mit dem Orden des Weißen Adlers auszeichnen, was ebenfalls zeigte, was der polnische Präsident tun kann, um den Bürgern eines Landes Respekt zu erweisen, die gegen die Aggression eben jenes Staates kämpfen, der den Polen mehrmals nacheinander ihre Staatlichkeit genommen hatte.

Und was kann Karol Nawrocki tun, damit man auf ihn als ernsthaften Spieler aufmerksam wird? Volodymyr Zelensky den Orden des Weißen Adlers aberkennen. Alles logisch.

Mit den Beziehungen zwischen der Ukraine und Polen hat das real nichts zu tun. Im Ergebnis wurde es jedoch zu einem ernsthaften Belastungsfaktor für diese Beziehungen. Vielleicht zum ernstesten seit Beginn des großen russisch-ukrainischen Krieges. Denn ein Konflikt dieses Ausmaßes zwischen Kyiv und Warschau hat es bisher noch nicht gegeben.

Und hier entsteht die Frage, was weiter zu tun ist und wie man die weitere Entwicklung dieses Konflikts eindämmen kann, wie man weitere Emotionen eindämmen kann.

Auf mich macht all das einen bedrückenden Eindruck. In meinem Bemühen, Kommunikation zwischen der ukrainischen und der polnischen Gesellschaft aufzubauen, bin ich immer auf genau dieses Problem des Konflikts zwischen dem Verständnis historischer Erinnerung der Ukrainer und der Polen gestoßen und auf das klare Bewusstsein, dass es in den nächsten Jahrzehnten keine gemeinsame Version dieser historischen Erinnerung geben wird.

Hier kann man lange nachdenken, versuchen, die Ursachen zu verstehen, versuchen herauszufinden, wer denn mehr recht oder weniger recht hat, wo die Ursprünge dieses, ich würde sagen, gemeinsamen Unverständnisses liegen, seine Argumente oder Gegenargumente vorbringen, aber das wird Stunden dauern und trotzdem zu nichts führen.

In Wirklichkeit wäre die beste Variante in dieser Situation, die Diskussionen über Probleme der historischen Erinnerung fortzusetzen, aber sich bewusst zu machen, dass beide Länder eine gemeinsame Zukunft, einen gemeinsamen zivilisatorischen Raum haben und dass ihr Überleben ebenfalls von dieser gemeinsamen Solidarität abhängt, und eben jene historische Lehre zu berücksichtigen, dass polnisch-ukrainischer Zwist immer zum Verlust der Staatlichkeit sowohl der Ukraine als auch Polens geführt hat.

Das Problem besteht darin, dass es faktisch unter den polnischen Eliten selbst einen Konsens über die Wahrnehmung der historischen Erinnerung Polens als solcher gibt, eine Nichtakzeptanz der ukrainischen Version, aber keinen Konsens in Bezug auf die Schlussfolgerungen.

Sagen wir, jener Teil der Polen, der nicht zu den Anhängern von Präsident Karol Nawrocki gehört, der nicht zu den Anhängern der rechten und ultrarechten politischen Kräfte gehört, versteht, dass historische Fragen ohne überflüssige Emotionen betrachtet werden müssen, in der Hoffnung, dass es irgendwann gelingen wird, zu einem zivilisierteren Dialog zu kommen, und jetzt eine gemeinsame Zukunft aufzubauen.

Das Lager, das Karol Nawrocki repräsentiert und das in seinen Ansichten nicht nur zu den polnisch-ukrainischen historischen Problemen immer radikaler wird, vertritt eine andere Idee: dass es ohne Anerkennung der polnischen Version der historischen Erinnerung durch die Ukrainer keine gemeinsame Zukunft der beiden Völker geben könne, was meines Erachtens ein schwerer Fehler ist.

Ein weiterer schwerer Fehler gerade dieses Lagers ist seine feste Überzeugung, dass die Unabhängigkeit Polens heute nicht mehr von der Zukunft der Ukraine abhängt und dass selbst dann, wenn die Ukraine von der politischen Landkarte der Welt verschwindet und das ukrainische Volk unter den Russen aufgeht, dies zu keinen ernsthaften Problemen für Polen führen werde, sondern ihm die Situation vielleicht sogar erleichtern könne, als einem Land, das nun seine Beziehungen zu Moskau aufbauen werde. Dabei werde jenes Bündnissystem, das Polen nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers geschlossen hat, Polen ein komfortables Dasein ermöglichen und Russland nicht erlauben, Polen seiner Staatlichkeit zu berauben.

Auch das ist eine Illusion, über die ich ständig zu sprechen versuche. Die Sache ist die, dass das gesamte Bündnissystem, das Polen nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers geschaffen hat, heute schon nichts mehr wert ist, zumindest ist das System der euro-atlantischen Solidarität nichts mehr wert, weil die Vereinigten Staaten den klaren Wunsch haben, Europa zu verlassen und die Nachkriegsordnung des Zweiten Weltkriegs zu revidieren. Und unabhängig davon, wer der Herr des Oval Office sein wird, Donald Trump oder irgendeine andere Figur, diese Politik ist meines Erachtens falsch, aber sie existiert und wird umgesetzt werden. Nur kann Trump sie aggressiver und expressiver umsetzen. Seine Nachfolger können es planmäßiger und ruhiger tun.

Nun noch eine Frage, die verstanden werden muss. Wenn die Ukraine von der politischen Landkarte der Welt verschwindet und das ukrainische Volk unter den Russen aufgeht, wird das ein so starkes Wachstum des geopolitischen Gewichts Russlands bedeuten, dass die Vereinigten Staaten einfach gezwungen sein werden, Moskau viel ernster zu nehmen, als dies bisher der Fall war. Und dass die Vereinigten Staaten bereit sind, Gewicht zu berücksichtigen, konnten wir daran sehen, wie sich der Präsident der Vereinigten Staaten in China verhielt und wie er dem Präsidenten der Russischen Föderation applaudierte, als dieser aufgeblasen die Treppe  seines eigenen Flugzeugs in Anchorage hinabstieg. Und stellen Sie sich vor, Trump würde den Sieger Putin begrüßen, dessen Truppen in Kyiv und sogar in Lwiw stünden.

Deshalb wird im Falle einer Niederlage der Ukraine dieses gesamte Bündnissystem zusammenbrechen, zumindest für Mitteleuropa. Und für die Sicherheit Polens würde ich nicht einen Złoty geben, und für das weitere Bestehen des polnischen Volkes im Rahmen seiner Staatlichkeit nicht einmal zwei. Und genau das ist das Hauptproblem, das den Vertretern des rechten politischen Lagers in Polen schwer zu beweisen ist.

Aber hier müssen wir eine einfache Sache verstehen. Genauso wie Polen die ukrainische Unabhängigkeit für sein weiteres Überleben braucht, brauchen wir polnische Unterstützung für unser weiteres Überleben. Umso mehr, als vor uns schwere Jahre der Prüfung durch Konflikte mit der Russischen Föderation liegen. Selbst wenn man sich vorstellt, dass der russisch-ukrainische Krieg in den nächsten Jahren endet oder zumindest unterbrochen wird, damit Russland sich auf einen neuen Krieg vorbereiten kann, werden wir diese Unterstützung dennoch brauchen. Und so oder so wird es uns wichtig sein, dass Polen für uns ein Land bleibt, das an unserer Zukunft interessiert ist, und nicht an unserem Verschwinden.

Dann müssen wir uns eine einfache Sache sagen. Die polnische Gesellschaft existiert faktisch in einer Situation, in der es zwei Lager gibt, die sich seit den letzten 100 Jahren, seit der Wiederherstellung der polnischen Staatlichkeit, in ständiger Konfrontation befinden. Man kann sie bedingt rechts und links nennen, zentristisch und rechts.

Aber das sind gewissermaßen zwei Polen. Früher, vor dem Krieg, nannte man sie das Polen des Marschalls Piłsudski und das Polen Roman Dmowskis. Über diese beiden Lager schrieb die große polnische Schriftstellerin Maria Konopnicka unmittelbar nach der Ermordung des ersten Präsidenten des unabhängigen Polen, Gabriel Narutowicz, nach der Piłsudski einen Militärputsch durchführte, die Macht in seine Hände nahm und die Rechten nie wieder an diese Macht ließ.

Diese Tradition ist auf erstaunliche Weise bereits im postsozialistischen Polen wiederauferstanden. Die polnischen Rechten und die polnischen Liberalen und Zentristen waren zusammen, wie man sagt, nur vor der Erschießung, als die polnische Staatlichkeit von der Sowjetunion kontrolliert wurde und in Polen ein im Kern Einparteiensystem der politischen Führung an der Spitze mit der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei existierte, in der es im Grunde ebenfalls eine Aufteilung in zwei solche Lager gab, nur innerhalb eben dieses politischen Systems. Und diese Lager wechseln ständig ihre Rollen an der Macht.

Das ist dem, was in den Vereinigten Staaten geschieht, sehr ähnlich. Und für mich bleibt etwa der faktische Verlust der parteiübergreifenden Unterstützung in Amerika ein großes Problem. Dass wir sehen, wie bei bestimmten ukrainischen Fragen die überwiegende Mehrheit der Demokraten und die Minderheit der Republikaner abstimmt. Und so geschieht es seit dem Moment, als die Republikanische Partei von Donald Trump monopolisiert wurde.

Dieses Problem ist für mich als jemanden, der die amerikanische Politik in den letzten Jahren beobachtet, und für jeden von Ihnen völlig offensichtlich. Wir haben immer gesagt, dass die parteiübergreifende Unterstützung unsere starke Seite ist. In den amerikanisch-ukrainischen Beziehungen gibt es diese parteiübergreifende Unterstützung jetzt nicht, und offenbar gibt es sie für niemanden, nicht einmal für Israel. Nur wechseln dort die Parteien die Plätze.

Aber wir haben uns immer gesagt, dass wir Verständigung nicht nur mit republikanischen Regierungen suchen müssen, sondern auch mit Kongressabgeordneten, Senatoren, Republikanern, die so oder so die Abstimmungen im Kongress bestimmen. Selbst wenn wir eine republikanische Minderheit haben, zeigt sich, dass der Kongress eine für die Ukraine günstige Entscheidung treffen kann.

Derselbe Ansatz sollte meines Erachtens auch für Polen gelten. Verstehen Sie, es ist ziemlich leicht, mit Politikern des liberal-zentristischen Lagers zu diskutieren, die unsere Unterstützer sind. Es ist ziemlich wichtig, auf jene Bürgerinitiativen zu reagieren, die jetzt dort entstehen und Volodymyr Zelensky mit irgendwelchen Volksorden auszeichnen. Aber diese Menschen muss man ohnehin nicht überzeugen. Sie sind ohnehin unsere Unterstützer. Sie sind ohnehin unzufrieden mit den Handlungen Karol Nawrockis. Und schon vor der Geschichte mit der Aberkennung der Auszeichnung Zelenskys sagten sie, Karol Nawrocki sei nicht ihr Präsident, sie hätten für Rafał Trzaskowski gestimmt, den Vertreter der Bürgerplattform und Bürgermeister von Warschau. Und faktisch spaltete sich die polnische Gesellschaft bei diesen Präsidentschaftswahlen erneut in zwei Hälften.

Das heißt, wir müssen daraus eine einfache Schlussfolgerung ziehen. Wir müssen Unterstützer nicht im liberalen Lager suchen, wo wir sie ohnehin haben, sondern im rechten Lager, wo wir sie nicht haben oder wo es nur sehr wenige gibt. Und uns sagen, dass im Jahr 2022 die polnische Führung vollständig aus Vertretern rechter Parteien bestand. Sowohl Andrzej Duda als auch Jarosław Kaczyński und Mateusz Morawiecki waren Vertreter rechter politischer Kräfte. Und gerade diese Regierung galt am 24. Februar 2022 als am stärksten zur Unterstützung der Ukraine geneigt. Wie Sie verstehen, gab es unter jenen Polen, die Ukrainern halfen, die vor dem Krieg flohen, Menschen unterschiedlicher politischer Ansichten. 

Zugleich müssen wir uns bewusst machen, dass die Haltung zur historischen Erinnerung bei Vertretern dieses politischen Lagers immer viel härter und viel unversöhnlicher sein wird als bei Vertretern des liberalen oder zentristischen politischen Lagers. Und das bedeutet, dass wir mit den polnischen Rechten gemeinsame politische Interessen suchen müssen und nicht beleidigt auf jede Geste reagieren dürfen, die uns nicht gefällt. Ich spreche jetzt nicht über die Geschichte mit Nawrocki, Sie verstehen, weil sie für mich durchsichtig ist. Wir müssen den Dialog suchen, versuchen, gerade von dieser Konzeption der gemeinsamen Zukunft zu überzeugen, die entweder für beide Länder gewinnbringend oder für beide Länder katastrophal sein kann. Genau davon müssen wir auch diejenigen überzeugen, die kein großes Interesse an einer politischen Zusammenarbeit mit uns haben.

Wir müssen jene polnischen Rechten sehen, die klar sagen, dass Russland für die Polen ein viel vorteilhafterer Nachbar und Partner sei als die Ukraine. Und jene polnischen Rechten, die die Gefahr Russlands für Polen in der Zukunft verstehen. Auch wenn diese Menschen eine Minderheit sein werden, werden sie zusammen mit Liberalen und Demokraten, Zentristen und, sagen wir, linken Liberalen die Mehrheit der polnischen Gesellschaft bilden. Also brauchen wir die Mehrheit der polnischen Gesellschaft.

Ich erzähle immer wieder diese bemerkenswerte Geschichte, dass vor dem Zweiten Weltkrieg in Warschau, einer Hochburg der Rechten, die linken Parteien stets die Stadtverwaltung führten, weil sie mit den jüdischen politischen Kräften ein Bündnis eingegangen waren. Das war eine Koalition, die gemeinsame Ziele hatte. Und diese Ziele waren vor allem mit dem Wunsch der nationalen Minderheiten verbunden, ihren Platz in Polen zu bewahren, und mit der Weigerung des rechten Lagers, ihnen diesen Platz zu geben. Also brauchen wir in Wirklichkeit keinen Konflikt mit Polen, sondern eine breite Koalition von Politikern im liberalen, im linken und im rechten Lager, die auf die Zukunft ausgerichtet ist.

Nun die Frage, was mit der historischen Erinnerung zu tun ist. Auch das ist eine ziemlich einfache Situation. Wir können Ereignisse, die bereits stattgefunden haben, nicht ändern. Die ganze gemeinsame Geschichte des polnischen und ukrainischen Volkes ist voller tragischer Ereignisse. Die Frage der Deutung dieser tragischen Ereignisse wird bei Polen und Ukrainern immer unterschiedlich sein. Mehr noch: Das ist nicht nur ein Problem dieser beiden Völker, wie Sie verstehen, sondern überall in Europa und nicht nur in Europa.

Polen und Israel haben ständig ernsthafte Diskussionen über Fragen der historischen Erinnerung. Denn die Konzeption des Opfer-Volkes selbst schließt die Möglichkeit aus, die Beteiligung eigener Landsleute an Repressionen gegen Nachbarn anderer Abstammungen anzuerkennen. Wie Sie wissen, kam es in den polnisch-israelischen Beziehungen wiederholt auch zu Demarchen von Botschaftern, zur Abberufung von Botschaftern aus Polen oder aus Israel und zur Absage hochrangiger Besuche. All das gab es. Das ist also nicht nur ein ukrainisches Problem.

Und es gab sogar Ereignisse, bei denen einerseits der Botschafter Israels in Polen mit ernsten Vorwürfen gegen die polnische Regierung im Zusammenhang mit Interpretationen von Ereignissen des Zweiten Weltkriegs auftrat. Und zugleich solidarisierte sich der Botschafter Israels in der Ukraine mit dem polnischen Botschafter in der Ukraine wegen der ukrainischen Interpretation von Ereignissen des Zweiten Weltkriegs. All das kann gleichzeitig geschehen.

Und übrigens müssen wir in dieser Situation darüber nachdenken, wie wir uns in denselben analogen Situationen mit eben jenem israelischen Botschafter in Polen für gemeinsame Erklärungen und Initiativen zusammentun können. Wenn der polnische Botschafter in der Ukraine israelische Solidarität sucht, warum sollten wir sie nicht in Polen suchen?

Umso mehr, als all diese Völker zusammenlebten und sowohl Polen als auch Ukrainer, einzelne Vertreter dieser Völker oder irgendwelche Formationen, Verbrechen desselben Ausmaßes gegen Juden begehen konnten wie Polen gegen Ukrainer oder Ukrainer gegen Polen. Das sind die Realitäten des Zweiten Weltkriegs und aller Seiten des Lebens in diesen blutigen Ländern.

Aber hier entsteht eine ziemlich wichtige Frage des Diktierens dessen, was man benennen darf, was man nicht benennen darf und wer das entscheiden soll. Ich habe in Polen bei verschiedenen öffentlichen Diskussionen oft gesagt, dass den Polen einfach gewöhnliche Geduld fehlt, den Ukrainern die Möglichkeit zu geben, sich mit ihrer eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Schließlich lebten bis 1991 90 Prozent der Bewohner unseres Landes im sowjetischen Geschichtsmythos oder im antisowjetischen. Das Verständnis dafür, dass die Geschichte des ukrainischen Volkes viel komplizierter ist, beginnt buchstäblich erst in den letzten Jahren. Wir haben erst vor Kurzem auf den 9. Mai verzichtet.

Ich spreche gar nicht vom Verständnis dessen, was mit der Organisation Ukrainischer Nationalisten, mit der Ukrainischen Aufstandsarmee, mit Bandera oder Melnyk geschah. Umso mehr, als die überwiegende Mehrheit dieser Ereignisse auf einem kleinen Gebiet der heutigen Ukraine, im Westen, stattfand. Und im Osten und Süden gab es eine andere, eigene Geschichte, mit der man sich ebenfalls noch auseinandersetzen muss.

Und die Geschichte der westlichen Gebiete ist im Großen und Ganzen ebenfalls nicht von uns geschrieben, sondern von Russen oder Polen, oder sie ist die Antithese zu dem, was von ihnen geschrieben wurde. Das heißt, wenn Bandera der Hauptfeind Polens und ein Symbol des Hasses der Russen ist, dann wird er automatisch – und das ist Reaktion, nicht Geschichte – zur Hauptfigur der ukrainischen Wahrnehmung der Geschichte heute, da sich die Ukraine in einem jahrelangen endlosen Krieg mit der Russischen Föderation befindet.

Aber die Erfahrung des politischen Ukrainertums in den galizischen Ländern, die Erfahrung derselben Partei der Ukrainischen Nationaldemokratischen Vereinigung unter der Führung von Wasyl Mudryj, die Erfahrung dessen, wie polnische Politiker handelten, sagen wir, jener Befürworter der ukrainisch-polnischen Verständigung Tadeusz Hołówko, der von Kämpfern der Organisation Ukrainischer Nationalisten gerade deshalb getötet wurde, weil er ein Befürworter der ukrainisch-polnischen Versöhnung war. Und das störte natürlich die Ziele radikaler Politiker. All das bleibt weit, sehr weit außerhalb der Mainstream-Meinung, außerhalb des Verständnisses der überwiegenden Mehrheit der Ukrainer davon, was die nationale Geschichte der Ukraine und, sagen wir, der ukrainischen Ländereien ist.

Und wenn erst wenige Jahre vergangen sind, während die Polen sich seit mehreren Jahrzehnten, vielen Jahrzehnten, man kann sagen seit Jahrhunderten, mit dem Verständnis ihrer Geschichte beschäftigen und auch in der kommunistischen Epoche nicht aufhörten, sich damit zu beschäftigen, dann sollte man dem Nachbarland vielleicht Zeit geben, sich damit auseinanderzusetzen, statt ihm Bedingungen zu stellen. Auch das ist ein ziemlich wichtiger Punkt, den man sagen möchte.

Ich denke immer an den großen Film von Andrzej Wajda „Asche und Diamant“ mit dem genialen Zbigniew Cybulski in der Hauptrolle. Und Menschen der älteren Generation erinnern sich an diesen Film. Er ist überhaupt Teil der Geschichte der Filmkunst. Aber denken Sie daran: Es ist ein Film, in dem im Grunde ein Soldat der Armia Krajowa als solch ein vieldeutiger Held auftritt. Und das wurde im filmischen, künstlerischen Leben Polens tatsächlich zu einem Ereignis. Können Sie sich vorstellen, dass man im sowjetisch-ukrainischen Kino zu Sowjetzeiten einen Soldaten der Ukrainischen Aufstandsarmee in solchen Farben hätte darstellen können? Niemals im Leben. Ganz zu schweigen davon, dass unser gesamtes Kino nicht nur seine eigene kommunistische, sondern vor allem die Moskauer chauvinistische Zensur durchlief.

Wie soll man sich damit auseinandersetzen, wie mit all dem leben? Deshalb ist dies ein wichtiger Moment, ein Moment, in dem der Versuch, historische Narrative zu diktieren, ein ernstes Problem für jene ist, die heute versuchen, die Ukraine real als ein Land wahrzunehmen, das mit der Nachbarversion der Geschichte einverstanden sein müsse. Denn in Wirklichkeit ist das ein Ansatz, der keineswegs nur von Polen vertreten wird.

Und Polen sollte beunruhigen, dass Moskau seinerseits ebenfalls ständig versucht, der Ukraine seine eigene Version der Geschichte und seine Vorstellungen davon aufzuzwingen, wie Straßen und Städte heißen sollen. Und in Polen müsste man darauf schauen, wie die Russen in allen besetzten Regionen der Ukraine Lenin-Denkmäler aufstellen, wie sie sowjetische Städtenamen verwenden, und nachdenken: Vielleicht ist gerade ein solcher Umgang mit Ukrainern, wenn er im Kern mit russischem Diktat assoziiert wird, ebenfalls nicht der beste Weg zum Aufbau bilateraler Beziehungen?

Also müssen in dieser Situation beide Länder und beide Völker sich selbst die wichtigste Frage beantworten. Was wollen wir in der Zukunft wirklich? Diskussionen über historische Erinnerung oder gemeinsame Entwicklung? Warum verstehen wir nicht, welches unglaubliche Potenzial in der gemeinsamen Entwicklung der Ukraine und Polens liegt? Von Menschen unterschiedlicher Ansichten, rechten, linken, zentristischen, ohne Ansichten. Wir können gemeinsam diese Staatlichkeit, sowohl die ukrainische als auch die polnische, schützen und entwickeln. Und trotz aller Befürchtungen, dass ein Land dem anderen in der Europäischen Union im Weg stehen könnte, sind das in Wirklichkeit solche Perspektiven eines gemeinsamen Marktes, von denen man nur träumen kann. Und genau darüber sollten wir nachdenken.

Wissen Sie, vor etwa neun Jahren habe ich in Chicago – ich war damals Ko-Vorsitzender des polnisch-ukrainischen Forums für Zusammenarbeit, das von den Außenministerien der beiden Länder geschaffen wurde – ein Treffen der Leiter polnischer Organisationen in den Vereinigten Staaten, denn in Chicago gibt es ihr Zentrum, und ukrainischer Organisationen in Illinois initiiert.

Und ich sah dieses Treffen. Die Leiter polnischer Organisationen der Vereinigten Staaten kamen ins ukrainische Haus im ukrainischen Viertel in Chicago. Diese Menschen trennt der Begriff der historischen Erinnerung viel ernsthafter als die Bewohner der heutigen Ukraine und die Bewohner des heutigen Polen, die sich erst nach dem Ende des Sozialismus wieder mit all diesen Fragen auseinandersetzen mussten. Aber ich habe gesehen, wie die Vereinigten Staaten die Menschen dazu erziehen, an die Zukunft zu denken. Ich habe die besten Erinnerungen an dieses Treffen und an diese Angemessenheit bewahrt.

Ich würde mir von uns allen, sowohl in Warschau als auch in Kyiv, eigentlich Angemessenheit wünschen, das Verständnis, dass kein Land ohne das andere auskommen wird, dass wir nicht versuchen müssen zu zeigen, wer härter auf diese oder jene Bemerkungen und Übergriffe antworten kann, sondern zugleich alles Mögliche tun müssen, damit dieser Konflikt so oder so, wie jede unserer, ich würde sagen, Diskussionen über historische Erinnerung, beruhigt wird, selbst wenn wir sehen, dass derselbe Karol Nawrocki kein besonderes Verlangen hat, ihn zu beruhigen.

Man muss Wege suchen, unter anderem Einfluss auf den polnischen Präsidenten über seine eigenen Mitstreiter zu nehmen. Man muss verstehen, dass es nichts Gutes an einem Konflikt zwischen den Präsidenten der Ukraine und Polens gibt. Selbst wenn uns diese Demonstration gesellschaftlicher Einheit darum gefällt.

Denn wir müssen darüber nachdenken, was weiter sein wird. Wir müssen verstehen, dass wir ohne polnisch-ukrainische Beziehungen und ohne ihre normale Entwicklung nicht auskommen werden. Umso mehr, als früher oder später auch noch die Geschichte mit der europäischen Integration kommen wird. Und hier brauchen wir Polen ganz sicher als Verbündeten. Ohne die Unterstützung Polens riskieren wir, jahrzehntelang in der Tür der Europäischen Union steckenzubleiben. Und auch das ist eine reale Sache, über die man sprechen muss.

Das Problem ist, dass heute weder in Warschau noch in Kyiv ein solches Verständnis bis zum Ende vorhanden ist. In Polen spricht man von Problemen für die Landwirtschaft. Wir glauben, dass Polen uns während der europäischen Integration nicht ernsthaft behindern wird, aber es kann auch ganz anders kommen. Viele Länder Südeuropas stießen gerade zur Zeit ihres Beitritts auf Einwände von Nachbarn. Und übrigens, wenn wir die ganze Zeit über jene Probleme sprechen, die wir mit Ungarn haben und die keine Probleme der historischen Erinnerung sind, sondern instrumentelle Probleme, Bildung und so weiter, also Dinge, die im Prinzip lösbar sind, selbst wenn man auf schmerzhafte Zugeständnisse eingehen muss, dann kann Nordmazedonien gerade deshalb, weil es mit Bulgarien einen Konflikt hat, der mit historischer Erinnerung, mit historischen Interpretationen verbunden ist, auf dem Weg in die Europäische Union überhaupt nicht vorankommen.

Und was geschieht in Nordmazedonien? In Nordmazedonien gibt es echte gesellschaftliche Solidarität. Die überwiegende Mehrheit der ethnischen Mazedonier unterstützt ihre Regierung, die bei der historischen Erinnerung keine ernsthaften Zugeständnisse machen will, die Verfassung nicht ändern will, ihr Land nicht als Fortsetzung der bulgarischen Geschichte anerkennen will. All das ist wunderbar. Aber zugleich erhalten dieselben Menschen, die für einen solchen harten Ansatz stimmen, bulgarische Pässe und fahren in die Europäische Union arbeiten. Und Nordmazedonien wird allmählich zu einem Land mazedonischer Rentner und albanischer ethnischer Jugend, die keinen Pass in Bulgarien bekommen kann, nicht in die Europäische Union fährt und immer mehr wird. Und bald wird Nordmazedonien patriotisch seine ethnische Färbung ändern.

Ich möchte nicht, dass sich bei uns ein ähnlicher Prozess wiederholt: dass die Menschen lautstark eine harte Politik unterstützen, sich patriotisch geben und gleichzeitig nach Polen zum Arbeiten gehen – um dann in Warschau, Lublin, Krakau, Danzig oder Wrocław ihren Patriotismus rasch zu vergessen.

Also lasst uns lieber in die Europäische Union gelangen und erst danach die Fragen der historischen Erinnerung besprechen, die uns nicht gefallen. Dafür braucht es Verständigung, und dafür müssen die Emotionen etwas gedämpft werden. Dafür muss man die unterschiedlichen Interpretationen der historischen Erinnerung bei Ukrainern und Polen als Tatsache akzeptieren und verstehen, dass die Polen uns offensichtlich in nächster Zeit nichts werden beweisen können und wir den Polen ebenso wenig. Genau das müssen wir den Polen vermitteln, damit sie sich zumindest vorübergehend damit abfinden. Nun, das sind einfach solche Bemerkungen zu dem, was geschieht.

Ich werde auf einige Fragen antworten, die es während dieser Sendung bereits gibt.

Frage. Was denken Sie über das Ultimatum Zelenskys an Lukaschenko? Bedeutet das, dass eine strategische Entscheidung über einen Schlag gegen Belarus getroffen wurde und es jetzt nur noch um das Ausmaß geht?

Portnikov. Warum denken Sie nicht, dass Belarus in der Lage, in der es sich befindet, einfach der Abschaltung eben jener Relaisstationen zustimmen wird? Sie verstehen doch, dass Lukaschenko diese, ich würde sagen, Fragilität seiner Situation im Zusammenhang damit sehr gut erkennt, dass die Ukraine mit Schlägen gegen Russland begonnen hat und niemand sie daran hindert. Im Zusammenhang damit, dass die Ukraine es geschafft hat, die Krim faktisch fast zu isolieren, und niemand sie daran hindert. Heute sagte Putin, er sei überzeugt, dass Lukaschenko in der Lage sei, die Souveränität Belarus’ zu schützen. Nun, Lukaschenko ist vielleicht nicht überzeugt, dass er dazu in der Lage ist.

Und hier entsteht noch eine Frage: Braucht Putin Schläge gegen Belarus, wenn es die Raffinerie von Masyr gibt? Wenn diese Raffinerie faktisch fast das einzige Raffinerieunternehmen im europäischen Teil von Belarus und Russland bleibt, das störungsfrei Erdölprodukte für die Bedürfnisse des russischen Staates und der russischen Armee liefert. Auch hier ist die Frage ziemlich gut. „Was ist uns wichtiger? Relaisstationen, mit deren Hilfe wir unsere Drohnen auf die Ukraine lenken können, oder Öl, Erdölprodukte?“ Vielleicht kann man Relaisstationen an der russischen Grenze aufstellen oder ihre Tätigkeit irgendwie umprogrammieren, dabei aber die belarussische Wirtschaft nicht riskieren, die die Russische Föderation jetzt brauchen könnte.

Die Frage ist also nicht, ob eine Entscheidung über einen Schlag gegen Belarus getroffen wurde, sondern wie realistisch dieses Ultimatum auf Lukaschenko und auch auf Putin wirken kann, weil offensichtlich ist, dass Lukaschenko so oder so, wenn er bestimmte Entscheidungen trifft, sich mit Putin beraten und ihm erklären kann, was ich Ihnen erkläre. Und Putin selbst kann das sehr gut verstehen.

Frage. Warum sagen Sie nicht direkt, dass in diesem Konflikt gerade das polnische Volk schuld ist, dem unser Volk überhaupt nichts Schlechtes getan hat? 50 Prozent der Stimmen für Nawrocki sind ein Urteil über ihre Nation.

Portnikov. Nun, entschuldigen Sie. Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass man kein Volk beschuldigen sollte, an irgendetwas schuld zu sein, umso mehr, als die Menschen in Polen absolut unterschiedlich abstimmen, und zu sagen, dass das ukrainische Volk jetzt oder in der Geschichte niemandem etwas Schlechtes getan habe, ist ebenfalls eine Frage. 

Und wiederum: Völker tun einander nichts Schlechtes an. Es gibt einfach historische Perioden, in denen bestimmte Schichten von Völkern Verbrechen eines solchen Ausmaßes begehen können, die man dann jahrhundertelang nicht vergessen kann. Glauben Sie mir. Und das betrifft die Ukrainer in genau demselben Maße wie jedes andere Volk Europas. Also sollte man sich selbst die Verantwortung für diese Verbrechen nicht absprechen, so wie man sie auch anderen nicht absprechen sollte.

Wenn Sie über 50 Prozent für Nawrocki sprechen und darüber, dass dies ein Urteil über die polnische Nation sei, erinnern Sie sich an die 50 Prozent der Stimmen für Janukowytsch. Über welche Nation ist das ein Urteil?

Frage. Sagen Sie mir bitte, wie lange kann man noch auf ihre Provokationen hereinfallen? Haben wir denn kein Selbstbewusstsein? Sie erpressen uns doch.

Portnikov. Ich bin auch der Meinung, dass man auf Provokationen angemessen reagieren muss. Doch ohne Verständnis für die Notwendigkeit der Verbindungen zu Polen ist die Ukraine in der weiteren Konfrontation mit der Russischen Föderation zu ernsthaften Problemen verurteilt und möglicherweise zu viel ernsteren Verlusten, als wir erleiden könnten, wenn wir keine gemeinsame Sprache mit Polen finden.

Unsere östliche Grenze ist geschlossen, für immer geschlossen. Es gibt für die Ukraine für die kommenden Jahrzehnte, die Jahrzehnte blutiger Konfrontation mit der Russischen Föderation sein werden, keinerlei Manövriermöglichkeiten. Selbst wenn der Krieg unterbrochen wird, werden neue Konflikte, neue Kriege auf der Tagesordnung stehen, auf die man sich schon jetzt vorbereiten muss.

Diese neuen Konflikte, diese neuen Kriege, den Tod neuer Tausender Ukrainer und Ihrer Kinder und Ihrer Enkel und jener, die noch nicht geboren sind, aber schon als nächste Opfer von Kriegen betrachtet werden können, kann man nur verhindern, wenn wir im Westen eine klare Koalition haben. Diese klare Koalition im Westen ist ohne ein Bündnis mit westlichen Ländern, mit den Ländern Mitteleuropas, unseren Nachbarn, unmöglich.

Ohne dies ist die ukrainische Staatlichkeit zum Scheitern verurteilt, das ukrainische Volk wird Teil des russischen Volkes werden. Zweifeln Sie nicht einmal daran, dass es so sein wird. Und dann wird man natürlich mit den Polen im Namen Putins und Puschkins sprechen können. Aber ich glaube nicht, dass Sie das wollen.

Frage. Wie stellen Sie sich unseren Beitritt zur Europäischen Union mit solchen Nachbarn vor? Ist das wirklich realistisch?

Portnikov. Die Frage des Beitritts der Ukraine zur Europäischen Union ist eine Frage des nächsten Jahrzehnts. Im optimistischsten Fall tritt die Ukraine der Europäischen Union im Zeitraum 2035–2040 bei. Jetzt ist im Kalender 2026, der Krieg ist nicht beendet. Es gibt keine objektiven Gründe anzunehmen, dass er enden wird. Es gibt keine objektiven Gründe anzunehmen, dass er 2035 nicht beginnen wird. Deshalb würde ich mit diesen Dingen nicht eilen.

Aber ich glaube, dass man mit jedem Nachbarn der Europäischen Union beitreten kann, wenn es den allgemeinen Willen der Mehrheit der Länder der Europäischen Union gibt, besonders der führenden Länder. Schließlich war Frankreich seinerzeit an der Vorbereitung eines realen, wie soll man sagen, Verständnisses zwischen Bulgarien und Nordmazedonien beteiligt. Und dieser Kompromiss gab Nordmazedonien die Möglichkeit, Verhandlungen über den Beitritt zur Europäischen Union aufzunehmen.

Ich habe Ihnen bereits erzählt, warum Nordmazedonien diese Verhandlungen nicht aufgenommen hat. Und ich glaube, dass das die Wahl des mazedonischen Volkes ist. Aber Nordmazedonien hat nicht solche Probleme wie wir heute. Es ist schließlich nicht im Krieg. Und die Frage der Existenz des mazedonischen Volkes stellt sich nicht, obwohl sie sich jetzt schon zu stellen beginnt.

Frage. Kommentieren Sie die Mobilisierungsmethode in Pensa. Ist das eine Initiative der Region oder eine Anweisung von oben, um die Stimmung und die Reaktion der Bevölkerung auszuloten?

Portnikov. Ich glaube an keinerlei Initiativen der Region, wenn es um Handlungen von Beamten des russischen Verteidigungsministeriums geht, selbst vor Ort. Das ist eine Armee. Das müssen Sie sehr gut verstehen. Kein Militärkommissar wird solche Anordnungen ohne klare Koordinierung entlang der gesamten Vertikale der militärischen Macht erteilen. Ich denke, das ist gerade der Versuch zu sehen, auf welche Weise eine solche Mobilisierung ohne die Ausrufung einer Massenmobilisierung durchgeführt werden kann.

In Wirklichkeit ist das eine gute Nachricht. Sie sagt, dass die russische politische Führung vorerst, ich betone, nicht bereit ist zu einer Massenmobilisierung von Bürgern zur Fortsetzung des Krieges gegen die Ukraine in den kommenden Jahren. Und dass selbst wenn die strategische Entscheidung getroffen wurde, den Krieg gegen die Ukraine in den 20er- und 30er-Jahren des 21. Jahrhunderts fortzusetzen, was absolut so sein kann, man im Kreml nach Möglichkeiten sucht, in diesen nächsten vier oder acht Jahren Krieg ohne eine massenhafte, offiziell ausgerufene Mobilisierung auszukommen.

Und wie kommt man aus, wenn die Menschen nicht in den Vertrag gehen wollen? Die Antwort ist einfach: das Einsammeln von Vertragswilligen mit Bussen, was ebenfalls Teil des Auswegs aus der Situation sein kann, wenn auch nicht so massenhaft, wie man ein Ergebnis bei einer massenhaften Mobilisierung bekommen könnte.

Aber bei einer massenhaften Mobilisierung russischer Bürger wird eine riesige Zahl von Menschen versuchen, aus dem Land zu fliehen. So aber haben Sie keine Probleme in der Wirtschaft und zugleich Nachschub an Menschenmaterial für die russische Armee.

Frage. Wenn Trump wirklich mehr helfen muss, wird er Polen nicht zwingen können, nachgiebiger zu sein?

Portnikov. Ich glaube nicht, dass Trump der Ukraine mehr helfen müssen wird. Und ich glaube nicht, dass man Polen in dieser Situation nachgiebiger machen müsste, weil ich überzeugt bin, dass Polen realistisch dazu steht, dass Hilfe für die Ukraine ein wichtiger Teil seiner eigenen Sicherheit ist. Zumindest versteht die heutige Regierung Polens das sehr gut. Und ich denke, dass dies unsere letzte, ich würde sagen, Möglichkeit wäre, wenn wir selbst keine gemeinsame Sprache mit der Führung Polens finden können und gezwungen wären, Trump um Hilfe zu bitten.

Ich erinnere Sie daran, dass Karol Nawrocki der einzige Staatschef eines ausländischen Staates war, der zum 80. Geburtstag des Präsidenten der Vereinigten Staaten eingeladen wurde. Es ist also noch unbekannt, wer Donald Trump überzeugen kann. Ich glaube, Karol Nawrocki hat Dutzende Male mehr Möglichkeiten als Volodymyr Zelensky. Denn Volodymyr Zelensky trifft Donald Trump am Rande des G7-Treffens, dann, wenn ihm Emmanuel Macron diese Treffen am Rande organisiert, während im Zeitplan des amerikanischen Präsidenten keinerlei Treffen mit Zelensky steht. Karol Nawrocki hingegen lädt Trump persönlich zu seinem Geburtstag ein.

Verstehen Sie den Unterschied der Ansätze und den Unterschied der Sympathien? Deshalb würde ich nicht voreilig auf Trump setzen und mir darüber im Klaren sein, dass Nawrocki bei Trump wesentlich mehr Sympathien genießt als Zelensky, der überhaupt nicht auf Trumps Sympathie zählen kann und mit dem Trump nur deshalb sprechen muss, weil er nicht darum herumkommt, mit ihm zu sprechen. Zum Glück. Auch das muss man verstehen. Also lasst uns, Freunde, keine Unterstützer dort erfinden, wo es sie nicht gibt, und keine Feinde dort, wo es sie nicht geben sollte.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Українсько- польський конфлікт: наслідки |Віталій Портников. 22.06.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 22.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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