Die Niederlage Orbáns: Europa verschwindet nicht. Vitaly Portnikov. 13.04.2026.

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Die wichtigste Schlussfolgerung, die die Regierung der Vereinigten Staaten aus den Ergebnissen der Parlamentswahlen in Ungarn und dem erschütternden Fiasko von Viktor Orbán ziehen könnte, ist: Europa verschwindet nicht, und die Bürger der Länder der Europäischen Union wollen Europäer sein. Über viele Jahre hinweg hat der ungarische Ministerpräsident gerade die antieuropäische Idee ausgebeutet und vielleicht gerade deshalb eine solche Wertschätzung sowohl seitens des amerikanischen Präsidenten Donald Trump als auch seitens des russischen Führers Putin verdient. Denn, so seltsam es auch erscheinen mag, an der Schwächung der Europäischen Union sind fast gleichermaßen Washington, Moskau und sogar Peking interessiert. Natürlich ist es mit jedem einzelnen europäischen Staat leichter umzugehen als mit einem vereinten Block europäischer Staaten. Aber mir scheint, dass eine solche Logik vor allem autoritären oder totalitären Regimen eigen sein sollte, während das größte demokratische Land der Welt – die Vereinigten Staaten – gerade an einer Zusammenarbeit mit demokratischen europäischen Staaten interessiert sein sollten, die in einer effektiven Union vereint sind.

Während seiner Amtszeit als Ministerpräsident hat Orbán alles Mögliche getan, um die Einheit dieser Union zu untergraben, und wie wir sehen, hat er seine Absichten gegenüber Putin nicht verheimlicht. Zu seinen letzten Entscheidungen im Amt gehörte auch die Blockade europäischer Hilfe für die Ukraine, obwohl diese Hilfe nicht nur im Interesse der Ukraine selbst lag, die Unterstützung für ihre durch den Krieg erschöpfte Wirtschaft benötigt, sondern auch im Interesse Europas, das die Ambitionen Russlands einfach eindämmen muss. Es ist geradezu paradox, dass der Ministerpräsident eines Landes, dem die Russen so oft die Freiheit genommen haben, wie ein Politiker im Sinne des Kremls handelte. Es ist geradezu paradox, dass der Präsident der Vereinigten Staaten, der Orbán öffentlich vor den Wahlen unterstützte und sogar seinen eigenen Vizepräsidenten nach Budapest schickte, um für Orbáns Partei zu werben, diese Unterstützung und seine persönlichen Beziehungen zum ungarischen Ministerpräsidenten nicht nutzte, um ihn davon zu überzeugen, auf dieses Veto zu verzichten. Und es ist erstaunlich, dass der Präsident der Vereinigten Staaten, der die Europäer jahrelang davon überzeugte, auf russisches Öl und Gas zu verzichten, jedes Mal die Augen verschloss, wenn es um den Kauf russischer Energieträger durch Ungarn ging. Dabei ist inzwischen offensichtlich, dass Putin dieses angeblich billige russische Öl gegen politische Unterstützung und die Förderung eines korrupten Mechanismus im ungarischen Staat eintauschte.

Orbáns Herrschaft hat der Ukraine tatsächlich teuer zu stehen gekommen. Es gab keinerlei Gründe für eine Verschlechterung der ungarisch-ukrainischen Beziehungen, außer einem – der Bereitschaft Budapests, Moskau zu unterstützen. Es gab keinerlei Anlass, die Ukraine der Missachtung der Rechte der ungarischen Minderheit in Transkarpatien zu beschuldigen. Doch Orbán äußerte nicht nur solche Vorwürfe, sondern investierte auch Ressourcen in die Schaffung einer entsprechenden politischen Atmosphäre in der Grenzregion der Ukraine. Und das, obwohl die Ungarn in Transkarpatien eine der wenigen nationalen Gemeinschaften Europas geblieben sind, denen es gelungen ist, ihre Muttersprache, ihre nationalen Traditionen, ihre Bildung und ihre politische Vertretung zu bewahren – und das alles auf ukrainischem Boden. Ich habe dem ungarischen Ministerpräsidenten einst geraten, sich für das Schicksal zweier anderer ungarischer Völker zu interessieren – der Chanten und der Mansen, die auf dem Territorium Russlands leben. Unter Putin haben sie endgültig nicht nur ihre eigene Sprache verloren, sondern auch die Fähigkeit, Gedichte und Prosa ihrer eigenen Schriftsteller zu lesen, und sogar die scheinbaren Attribute einer eigenen nationalen Staatlichkeit – obwohl diese Völker auf einem Gebiet leben, das in seinem Reichtum mit den Vereinigten Arabischen Emiraten vergleichbar ist und ihnen zumindest gewisse Entwicklungsmöglichkeiten bieten könnte. Doch statt die ungarischen Völker gegenüber Putin zu verteidigen, versuchte Orbán, mit den Problemen der Ungarn in Transkarpatien gegenüber Poroschenko oder Volodymyr Zelensky zu spekulieren. Und das zeigt einmal mehr die Unaufrichtigkeit eines Politikers, der mehr prorussisch als proungarisch war. Und natürlich auch mehr prorussisch als proamerikanisch.

Auch daraus sollte Trump Schlüsse ziehen, wenn es ihm gelingen würde, die Augen zu öffnen: Menschen, die gegen die europäische Einheit arbeiten, werden niemals wirklich an die globalen Interessen der Vereinigten Staaten denken. Solchen Politikern ist Moskau viel näher als Washington.


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Titel des Originals: Поразка Орбана: Європа не зникає. Віталій Портников. 13.04.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 13.04.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Orbán hat Trump im Stich gelassen | Vitaly Portnikov. 14.04.2026.

Die Weltmedien behaupten, dass die Niederlage des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán und seiner ultrarechten politischen Partei Fidesz bei den Parlamentswahlen ein schwerer Schlag für die Positionen des amerikanischen Präsidenten Donald Trump und der MAGA-Bewegung sein wird, die derzeit den Kern der amerikanischen Republikaner bildet.

Viktor Orbán und seine Vorstellung von Politik wurden in Kreisen, die Donald Trump nahestehen, wiederholt als Ideal einer europäischen politischen Reaktion auf Trumps Wahlsieg bei den Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten und auf die Rolle gesehen, die die europäischen Eliten in ihren Beziehungen zum neuen Weißen Haus spielen sollten. Zudem war Orbán bereit, sowohl auf die Wünsche Donald Trumps als auch auf die Wünsche Wladimir Putins zu hören, wenn es um die Ausarbeitung der Position der Europäischen Union ging. Ein Beispiel dafür ist die Blockade von Sanktionen gegen Russland oder die Weigerung Viktor Orbáns, die Vergabe eines Kredits von neunzig Milliarden für die Ukraine zu unterstützen.

Es gab jedoch auch viele andere Beispiele im Zusammenhang mit der Reaktion europäischer Politiker auf bestimmte Maßnahmen der Vereinigten Staaten oder auf Äußerungen des amerikanischen Präsidenten. Vor den Wahlen zum ungarischen Parlament unterstützte Trump nicht nur selbst Viktor Orbán, sondern schickte auch seinen Vizepräsidenten J. D. Vance nach Budapest, der bei Wahlkundgebungen als Orbáns Wahlkampfunterstützer auftrat und versicherte, dass der ungarische Regierungschef die Wahlen auf jeden Fall gewinnen werde. Wie sollte es auch anders sein? Schließlich versprach Trump den Ungarn Geld, wenn sie für Fidesz stimmen würden.

Infolgedessen muss sich J. D. Vance nun vor Journalisten rechtfertigen und behaupten, dass man im Weißen Haus verstanden habe, dass Orbán die Wahlen verlieren könne, ihn aber dennoch unterstützt habe, weil man die Politik des ungarischen Ministerpräsidenten für richtig hielt. Dennoch ist der Nachgeschmack dieser Reise von J. D. Vance natürlich geblieben. Nicht nur Europäer, sondern auch Amerikaner haben gesehen, dass das Auftreten eines ultrarechten Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten auf einer Wahlkundgebung und die Unterstützung durch Donald Trump keineswegs zum Erfolg auf der europäischen politischen Bühne beitragen, sondern im Gegenteil sogar zu einer schmählichen Niederlage führen können.

Und es ist keineswegs zufällig, dass wir einen Prozess beobachten, bei dem sich viele europäische Politiker mit ultrarechten Ansichten nach den jüngsten Äußerungen des amerikanischen Präsidenten gezwungen sehen, sich von Donald Trump zu distanzieren.

So erklärte beispielsweise die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, dass sie die Äußerungen Donald Trumps über Papst Leo XIV. für inakzeptabel halte. Bekanntlich hatte der amerikanische Präsident den Pontifex mit Beleidigungen und Angriffen überzogen, nachdem dieser erklärt hatte, dass die angesammelten Probleme der Welt mit friedlichen Mitteln gelöst werden müssten – was für einen Geistlichen durchaus selbstverständlich ist. Trump erklärte daraufhin, dass er einen solchen Papst nicht brauche.

Für den italienischen Wähler jedoch grenzen derartige Aussagen eines Politikers an eine Beleidigung der nationalen Würde und der religiösen Gefühle. Und Meloni konnte, so sehr sie auch gute Beziehungen zum Weißen Haus aufrechterhalten wollte, diese Äußerungen Donald Trumps nicht ignorieren.

Auch der Vorsitzende der britischen Reformpartei, Nigel Farage, der in den Umfragen zunehmend hinter die linken Grünen zurückfällt, die eine Rückkehr Großbritanniens in die Europäische Union befürworten, sah sich gezwungen, sich von Donald Trump zu distanzieren, nachdem dieser den britischen Premierminister Keir Starmer angegriffen hatte – Angriffe, die an Respektlosigkeit gegenüber der Souveränität Großbritanniens grenzten.

Und der neue ungarische Ministerpräsident Péter Magyar, der bald den umstrittenen Viktor Orbán im Amt ablösen wird, erklärte, dass er Donald Trump nicht anrufen werde, aber bereit sei, mit dem amerikanischen Präsidenten zu sprechen, falls dieser ein entsprechendes Interesse bekunde. Für den egozentrischen und ausschließlich auf seine eigenen Möglichkeiten fixierten amerikanischen Präsidenten wirkt eine solche Aussage selbstverständlich wie eine kalte Dusche.

In Europa hat man inzwischen eine recht einfache Schlussfolgerung gezogen: Jede Orientierung an Trump und am Trumpismus erweist sich als verlustbringende Karte für die politische Karriere – selbst für jene, deren Weltanschauung der von Donald Trump und J. D. Vance ähnelt. Damit hört der Trumpismus auf, eine globale Ideologie zu sein, und wird zu einer Bewegung, die ausschließlich auf schnelle Siege in den Vereinigten Staaten selbst ausgerichtet ist. Es stellt sich jedoch die Frage, inwieweit solche Siege möglich sind, wenn sich die wirtschaftliche Lage in den USA infolge der Folgen des Krieges der Vereinigten Staaten und Israels gegen den Iran von Tag zu Tag verschlechtert.

Auch die außenpolitischen Handlungen Trumps wirken nicht wie die eines selbstsicheren Politikers. Zumal derzeit niemand sagen kann, wie der amerikanisch-iranische Krieg enden wird. Wird es Trump gelingen, den russisch-ukrainischen Krieg zu beenden? Und wird er einen Dialog mit dem Vorsitzenden der Volksrepublik China, Xi Jinping, aufbauen können, der mit Genugtuung die wirtschaftliche und energetische Demütigung des Westens infolge unvorbereiteter Maßnahmen im Persischen Golf beobachtet?

So wird die Niederlage Viktor Orbáns zu einem weiteren Beweis dafür, dass die ultrarechte Ideologie, die noch vor kurzem als Siegerin erschien und als Bedrohung für die moderne Demokratie galt, offenbar ausschließlich mit dem Phänomen der persönlichen Popularität und der Ausstrahlung eines rasch alternden amerikanischen Präsidenten verbunden ist, der zunehmend das Verständnis für die Vorgänge um ihn herum verliert. Und je länger das Establishment der Republikanischen Partei darauf setzt, dass Trump und MAGA dieser Partei das politische Überleben sichern können, desto tiefer wird das politische Grab, das diese Kräfte nicht nur für „Make America Great Again“ und seine Aktivisten – von denen viele Trump inzwischen selbst kritisieren –, sondern auch für die Republikanische Partei selbst ausheben, die einst glaubte, sich die Ausstrahlung eines populistischen Geschäftsmanns zunutze machen zu können, um bei Parlaments- und Präsidentschaftswahlen erfolgreich zu sein und immer wieder triumphal ins Weiße Haus zurückzukehren.

Es hat sich herausgestellt, dass dies eines der schlechtesten Rezepte für politischen Erfolg ist, die je in den Vereinigten Staaten erdacht wurden. Es hat sich gezeigt, dass der traditionelle Konservatismus und die Werte, auf die sich die Republikanische Partei über Jahrhunderte gestützt hat, schlicht nicht durch einen ultrarechten, populistischen und inkompetenten Trumpismus ersetzt werden können. Und so hat sich der Trumpismus als ein echtes Gift für die amerikanischen Konservativen erwiesen, das seinerseits das Überleben der Republikanischen Partei als seriöse politische Plattform für die Zukunft Amerikas infrage stellen könnte.


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Titel des Originals: Орбан подвел Трампа | Виталий Портников. 14.04.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 14.04.2026.
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Orbán verliert die Wahlen | Vitaly Portnikov. 12.04.2026.

Viktor Orbán verliert die Macht in Ungarn. Das ist, kann man sagen, das erste Ergebnis der Parlamentswahlen, die heute in diesem Land stattgefunden haben und die die höchste Wahlbeteiligung an den Wahllokalen seit den Parlamentswahlen der letzten Jahre in Ungarn verzeichneten.

Man kann sagen, dass sich auch in den großen Städten Ungarns eine riesige Zahl von Menschen versammelt hat. In Budapest gab es, wie Sie wissen, vor den Wahlen eine Kundgebung mit vielen Tausend Teilnehmern zur Unterstützung der Oppositionspartei Tisza. Eine riesige Zahl von Menschen, und das ist ebenfalls ein sehr wichtiger Punkt, registrierte sich auch in den Diaspora-Wahlkreisen, die immer ein wichtiger Teil des Wahlkampfs in Ungarn waren. Und im Prinzip braucht man jetzt gar nicht mehr davon zu sprechen, dass die Partei von Viktor Orbán, Fidesz, die Wahlen zum ungarischen Parlament noch gewinnen könnte.

Es gibt natürlich Nuancen. Über diese Nuancen werden wir ebenfalls sprechen. Im Moment kann man von der Auszählung bereits von 37 Prozent der Stimmen der Wähler sprechen, von den 77,8 %, die an den Parlamentswahlen in Ungarn teilgenommen haben. Nach diesen vorläufigen Ergebnissen – aber das sind die Parteilisten, ich betone es –, kommt die Oppositionspartei Tisza auf etwa 51 % der Stimmen. Die Partei Fidesz von Viktor Orbán hat 40 % der Stimmen. Und auf weitere 6 % der Stimmen kann die Partei Unsere Heimat rechnen. Das ist eine rechtspopulistische Partei von offen pro-putinistischem, ich würde sogar sagen ultrarechtem Charakter, sehr viel ultrarechter als die Partei von Viktor Orbán. Und man sagte, dass Viktor Orbán auf ihre Unterstützung rechnen könne, falls es ihm nicht gelingen sollte, sich eine eigene Mehrheit im Parlament zu sichern.

Allerdings zeigt selbst die Auszählung dieser 37 % der Wählerstimmen, dass Orbán jetzt auch mit den Stimmen dieser ultrarechten politischen Kraft nicht darauf rechnen kann, an der Macht zu bleiben. Zugleich betone ich, dass wir im Moment ausschließlich vom Votum nach Parteilisten sprechen. Und hier muss erklärt werden, wie die Wahl in die ungarische Nationalversammlung im Prinzip aussieht. Die Nationalversammlung Ungarns besteht aus 199 Abgeordneten. Über Parteilisten – und wir sprechen jetzt über die Auszählung der Stimmen nach Parteilisten – werden 93 Abgeordnete gewählt, weitere 106 Abgeordnete werden nach dem Mehrheitswahlsystem gewählt. Nun, einfache Arithmetik zeigt, dass man für eine Parlamentsmehrheit 100 Stimmen braucht. Und diese 100 Stimmen wird die Partei Tisza aller Wahrscheinlichkeit nach in jedem Fall haben. Für eine verfassungsändernde Mehrheit – und Sie haben vielleicht gehört, dass vor diesen Wahlen viele von einer verfassungsändernden Mehrheit und ihrer Bedeutung gesprochen haben – braucht man 133 Mandate. Hier gibt es bereits eine gewisse Möglichkeit. Somit können wir bis zur endgültigen Auszählung der Stimmen die Zahl der Prozente, die man im Moment erhalten muss, um eine verfassungsändernde Mehrheit im Parlament zu haben, nicht genau berechnen.

Worin besteht die Besonderheit der Abstimmung in den Mehrheitswahlkreisen? Die Besonderheit der Mehrheitswahlkreise hängt damit zusammen, dass sie so zugeschnitten wurden, dass der ländliche Raum einen Vorteil hat. Und dabei muss man noch verstehen, dass das Wahlen in einem einzigen Wahlgang sind und derjenige Kandidat gewinnt, der einfach die relative Mehrheit der Stimmen erhält. So kommt es, dass man auf dem Land sehr viel weniger Stimmen braucht als etwa in Budapest. Und dieses Land unterstützt traditionell Viktor Orbán.

Diese 106 Wahlkreise also. Bei den letzten Parlamentswahlen, bei denen es ebenfalls viele Anhänger der Opposition gab, erhielt Orbán 87 Sitze in den Wahlkreisen. Im ländlichen Raum gibt es jetzt ungefähr 50 Wahlkreise. Orbán kann theoretisch auf alle rechnen. Die Opposition kann mit absoluter Sicherheit auf 26 Wahlkreise in den Großstädten rechnen. Das ist Budapest und das sind Städte wie Szeged oder Pécs. Das sind große Städte. Dort sind die Positionen der Oppositionskandidaten traditionell stark. Tisza wird all diese Wahlkreise zusätzlich zu den Sitzen erhalten, die sie über die Parteilisten bekommt. Noch eine gewisse Zahl von Wahlkreisen, wohl etwa drei Dutzend, so denke ich, könnten Wahlkreise sein, in denen es einen erbitterten Kampf geben wird. Das sind vor allem jene Städte, in denen einerseits die Positionen der Opposition stark sind, andererseits aber auch Fidesz auf die Sympathie einer großen Zahl von Wählern rechnen konnte. Und gerade um diese Städte und die Bezirke in ihrer Nähe – die ungarische Presse nennt vor allem Gegenden wie Debrecen, Győr und so weiter – wird ein erbitterter Kampf geführt werden.

Um also eine solche absolute Mehrheit zu erhalten, muss die Opposition ungefähr 20 dieser angenommenen 30 Wahlkreise gewinnen. Das heißt, 26 hatte sie sozusagen schon vor den Wahlen. Wenn sie weitere 20 erhält, dann sind das 46 Sitze nach den Parteilisten. Und so wird es Orbán, selbst wenn er die gesamte Dörfer hinter sich behält, trotzdem nicht gelingen, eine Mehrheit im Parlament zu bekommen, und eine verfassungsändernde Mehrheit könnte Tisza möglicherweise ebenfalls bekommen.

Nach Mitteilungen etwa der Zeitung Telex kann die Opposition derzeit mit ungefähr 86 Wahlkreisen rechnen. Nach den ersten Daten liegt sie jetzt in 86 Wahlkreisen vorn. Aber das sind sehr vorläufige Daten, sie können sich ändern. Ein weiterer wichtiger Punkt ist nun: Viele sagen, dass die Wahlen durch die Abstimmung in der Diaspora und durch die Briefwahl verändert werden könnten, deren Auszählung jetzt bereits in Anwesenheit des Präsidenten Ungarns beginnt.

Diese per Post eingegangenen Stimmzettel werden – Ungarn hat, wie Sie sehen, ein sehr kompliziertes Wahlsystem – gescannt und auf Übereinstimmung überprüft, damit dort keine gefälschten Stimmzettel auftauchen. In Wirklichkeit haben die Diaspora und die Briefwahl bei solchen Ergebnissen fast keine realen Möglichkeiten, das Wahlergebnis zu beeinflussen. Warum? Weil es sich ausschließlich um Wahlen nach Parteilisten handelt. Und bei den Parteilisten ist der Favorit absolut eindeutig. Übrigens sind während unseres Gesprächs bereits 45 % der Stimmen nach Parteilisten ausgezählt worden, genauer gesagt 45,7 %. Und Tisza hat bereits fast 52 %, Fidesz 39 %, die ultrarechten wahrscheinlichen Verbündeten von Viktor Orbán von „Unsere Heimat“ ungefähr 6 %. Sie liegen weiter an der Schwelle zum möglichen Einzug ins Parlament.

Man wird einfach noch berechnen müssen, wie viele Sitze Tisza real nach diesen Prozentsätzen zugeteilt bekommt, die sie in den Wahlkreisen erhält. Das ist ebenfalls ein sehr wichtiger Punkt, wie Sie verstehen, denn von dieser Umrechnung der Stimmen wird ebenfalls abhängen, wie sich die Sitze im ungarischen Parlament verteilen. Das ist eine ganz reale Geschichte. Nun geht das Nationale Wahlbüro derzeit davon aus, dass die Partei von Magyar ungefähr 125 der 199 Sitze im Parlament erhalten kann. Aber diese Berechnung beruhte auf 21,54 % der Stimmen. 125 Sitze, bei Fidesz 62 Sitze, bei „Unsere Heimat“ acht Sitze. Ich habe Ihnen, glaube ich, schon gesagt, dass diese magische Zahl, die verfassungsändernde Mehrheit, 133 Abgeordnete sind. Das bedeutet, Tisza fehlen im Moment ungefähr acht Stimmen bis zu dieser Zahl, aber das heißt nicht, dass die Neuberechnung der Stimmen kein neues Ergebnis bringen kann. Schauen wir, wie sich das alles in den nächsten Minuten der Auszählung entwickeln wird.

Jetzt müssen wir eine sehr wichtige Sache sagen. Ganz gleich, wie viele Mandate die Partei von Péter Magyar, die Partei Tisza, haben wird, ganz gleich, wie viele Mandate Fidesz haben wird – Sie haben doch gesehen, dass auf der Seite von Viktor Orbán mächtige Unterstützung stand, man kann sagen, von Hegemonen. Am Vorabend der Wahlen kam der Vizepräsident der Vereinigten Staaten, J. D. Vance, nach Budapest, der einfach die Rolle eines Wahlagitators für Viktor Orbán spielte und sich schamlos in den Wahlprozess in Ungarn einmischte. Deshalb sagte Oppositionsführer Péter Magyar, dass das Schicksal Ungarns nicht in Washington, nicht in Brüssel, sondern in Ungarn selbst entschieden werde, was eine klare Antwort auf das unverfrorene Verhalten der Administration Donald Trumps war, die von den Europäern verlangt – und das tat J. D. Vance übrigens öffentlich bei seinen misslungenen Auftritten in der ungarischen Hauptstadt –, sich nicht in die Parlamentswahlen in Ungarn einzumischen, es selbst aber ganz offen tat.

Wissen Sie, per Telefon wandte sich niemand anderer als der Präsident der Vereinigten Staaten Donald Trump an die ungarischen Bürger, der in seiner gewohnten Art versuchte, die Ungarn mit Geldversprechen zu bestechen, das er natürlich nur Viktor Orbán geben werde. Das ist ganz gewöhnliche politische Korruption. So ein Buchweizen, uns allen gut bekannt, nur auf dem Niveau des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. ( Gemeint ist Wählerbestechung durch kleine materielle Geschenke vor Wahlen — klassisch eben durch das Verteilen von Lebensmitteln, besonders Buchweizen, Öl, Zucker, Konserven, Medikamentenpaketen oder ähnlichen Alltagswaren an sozial schwächere Menschen.) Auf der anderen Seite war ein weiterer glühender Anhänger Viktor Orbáns einer der besten Freunde Donald Trumps, wie mir scheint, in seinem ganzen politischen Leben, der russische Präsident Putin. Es wurde von der Anwesenheit russischer Polittechnologen bei diesen Wahlen gesprochen, die den aggressiven Wahlkampf Viktor Orbáns formten. Ein absolut unglaublicher, würde ich sagen, Moment, wie Sie verstehen.

Am Vorabend der Wahlen wurden Protokolle von Telefongesprächen zweier höchster ungarischer Funktionäre veröffentlicht, von Premierminister Orbán und seinem Außenminister Péter Szijjártó, Träger des russischen Ordens der Freundschaft, mit dem russischen Präsidenten Putin und Außenminister Lavrov. Die Protokolle waren schlicht schockierend. Selbst für diejenigen, die das Ausmaß der prorussischen Orientierung des Führers der ultrarechten Partei Fidesz verstanden. Orbán verglich sich im Gespräch mit Putin mit der Äsopischen Maus, die dem Löwen den Käfig öffnen müsse, und unterstrich, dass er alles Mögliche tun werde, um diese Situation zu verbessern, in die der russische Präsident infolge seines Angriffs auf unser Land geraten ist.

Szijjártó war sehr viel konkreter. Er tritt auf wie ein ganz gewöhnlicher kleiner Diener russischer Oligarchen, übrigens ebenso wie Lavrov selbst. Hauptthema, das die Außenminister Ungarns und Russlands besprachen, war die Lockerung der Sanktionen, ein Schema zur Umgehung der Sanktionen für einen der bekanntesten russischen Oligarchen, Alisher Usmanov. Es ging um die Aufhebung der Sanktionen gegen seine Schwester. Szijjártó berichtete Lavrov, dass er bereit sei, dabei zu helfen, dass er darauf bestehen werde. Übrigens muss man sagen, dass die ungarische Regierung diese Aufgabe ihrer Moskauer Freunde oder vielleicht sogar Herren erfüllt hat, und die Sanktionen gegen die Schwester des Oligarchen wurden tatsächlich aufgehoben.

Auch das ist ein absolut offensichtlicher, wichtiger Punkt, über den wir sprechen, wenn wir die Situation mit der Position der Regierung Orbán erörtern. Und es war klar, dass Putin bereit war, dem ungarischen Premier zu helfen. Ich denke, die ganze Geschichte mit der Druschba war Teil der schmutzigen russischen Polittechnologien. Ich bin überzeugt, dass die Russen die Druschba-Pipeline angegriffen haben, über die Öl durch das Gebiet unseres Landes nach Ungarn und in die Slowakei fließt, einen weiteren Staat, in dem eine prorussische Regierung des odiosen Robert Fico an der Macht ist, gerade um Orbán die Möglichkeit zu geben, am Vorabend der Wahlen die Ukraine zu beschuldigen, dass sie den Ungarn faktisch keine Möglichkeit gebe, billiges Öl zu erhalten. Diesen Vorwürfen schloss sich heuchlerisch der Vizepräsident der Vereinigten Staaten J. D. Vance an, der sich als Hintergrundtänzer der russischen Polittechnologen erwies. Was für eine Schande für Amerika.

Und in dieser Situation erlaubte die Geschichte mit der Druschba Orbán natürlich, einerseits eine andere Moskauer Aufgabe zu erfüllen – diese 90 Milliarden Euro zu blockieren, die unser Land so dringend braucht, um den Haushalt im Gleichgewicht zu halten –, und andererseits einen Wahlkampf vor dem Hintergrund ständiger Kritik an der Ukraine zu organisieren. So wissen wir, dass Billboards mit Porträts des ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky faktisch in allen Städten und Ortschaften Ungarns plakatiert wurden. Und die Ukraine trat in der Rolle des Hauptfeindes auf. Man muss sagen, dass das nicht das erste Mal ist. Schon 2022 war gerade das ukrainische Thema ebenfalls das Hauptthema der Wahlkampagne des ungarischen Premierministers.

Man kann sagen, dass Putins Angriff auf unser Land im Februar 2022 Orbán half, an der Macht zu bleiben, denn damals stand er ebenfalls kurz davor, diese Macht zu verlieren. Und der Kandidat für das Amt des Premierministers von Ungarn von der vereinten Opposition, der Bürgermeister einer kleinen ungarischen Stadt, Péter Márki-Zay, erfreute sich im Prinzip bereits großer Popularität unter den Wählern. Aber der Krieg erschreckte natürlich eine große Zahl von Menschen, besonders wiederum in dem für Orbán wichtigen ländlichen Raum. Orbán nutzte damals die Worte von Márki-Zay, der unterstrich, dass Ungarn seine Bündnisverpflichtungen erfüllen werde, wenn die NATO beschließen sollte, der Ukraine zu helfen und Truppen auf das Gebiet unseres Landes zu entsenden. Der Demagoge Orbán nutzte diese Worte natürlich voll aus, sagte, die Opposition wolle, dass Ungarn am Krieg teilnehme, dass er niemals zulassen werde, dass ungarische Bürger am Krieg teilnehmen, dass er der Premierminister des Friedens sei. Und man kann sagen, dass es gerade damals das ukrainische Thema Orbán erlaubte, noch eine weitere Amtszeit seinen auf vertikalisierter, frecher, auf Beziehungen zu Moskau gegründeten Korruption basierenden Staat zu bewahren.

Und Orbán entschied offenbar, dass er das jetzt, wo natürlich die Müdigkeit der Gesellschaft von seiner Herrschaft nur zunimmt, noch einmal nutzen könne, aber es ist ihm nicht gelungen. Wie wir sehen, hat dieser Einsatz auf Zelensky nicht funktioniert. Vielleicht auch deshalb, weil der Oppositionsführer Péter Magyar selbst politisch nicht so wirkte wie Péter Márki-Zay bei den vorigen Wahlen. Er wurde überhaupt nicht mit den traditionellen oppositionellen politischen Kräften assoziiert. Er wurde als ein Mensch wahrgenommen, der einfach sozusagen Anti-Orbán ist. Man kann also sagen, dass er einen anderen Background hat als die früheren Oppositionskandidaten.

Ich muss Ihnen sagen, dass jetzt bereits 53,5 % der Stimmen ausgezählt sind. Im Moment sieht die Lage so aus. Tisza könnte nach den Parteilisten 52,49 % der Stimmen haben. Fidesz 38,83 % der Stimmen. Die Partei Unsere Heimat 6,08 % der Stimmen. Im Wesentlichen könnte Tisza nach den Prognosen jetzt 136 Sitze in der Nationalversammlung haben, und Fidesz 56 Sitze. Ich möchte Sie erneut an die wichtigste Zahl unserer heutigen Diskussion erinnern: 133 Abgeordnete für eine verfassungsändernde Mehrheit. Warum hat die verfassungsändernde Mehrheit eine solche Bedeutung? Warum bestehe ich auf ihr als dem wichtigsten Ergebnis dieser Wahlen? Die verfassungsändernde Mehrheit wird der Opposition die Möglichkeit geben, Orbáns Kandidaten in einer großen Zahl staatlicher Institutionen loszuwerden. Das ist die Generalstaatsanwaltschaft Ungarns, das ist das Verfassungsgericht, das sind andere Institutionen dieser Art. Und wenn diese Leute auf ihren Posten bleiben und die Oppositionsregierung, die dann bereits die neue Regierung sein wird, die Regierung von Péter Magyar, es nicht schaffen wird, sie von ihren Ämtern zu entfernen, eine Säuberung, eine Art Lustration des ungarischen Staatsapparats von den Kandidaten Viktor Orbáns durchzuführen, dann können diese Leute natürlich – obwohl auch das nicht zwingend ist, Sie wissen ja, wie viele Opportunisten es in solch einer Nomenklatura überhaupt gibt – schneller auf die Seite des Siegers überlaufen, als Viktor Orbán sich erinnern wird, dass er sie benutzen kann. Das alles kann so sein. Aber aus Sicht einer solchen politischen Logik ist es wichtig, dass die Opposition zumindest reale Instrumente für ihre Entlassung hat, wenn sie an die Macht kommt. Denn sonst wird dieses System vertikalisierter Korruption, das Viktor Orbán in 16 Jahren dieser talentlosen Herrschaft aufgebaut hat, erhalten bleiben. Was Orbán im Prinzip Möglichkeiten verschaffen könnte, schon bei den nächsten Wahlen an die Macht zurückzukehren, wenn er bis dahin natürlich nicht dort landet, wo er schon vor vielen Jahren hätte landen sollen – im Gefängnis.

Denn ich denke, dass jetzt Untersuchungen seiner Handlungen beginnen, auch solcher, die möglicherweise mit der Untergrabung der nationalen Sicherheit Ungarns verbunden sind, ebenso der Handlungen Péter Szijjártós. Wir sehen doch all diese Protokolle, all diese Informationen. Wenn sich die Justiz damit befasst, denke ich, werden diese Leute sich nicht vor den Wählern, sondern vor Gericht verantworten. Deshalb klammern sie sich so an die Macht. Deshalb haben sie all ihre Freunde aus dem ultrarechten politischen Lager so aktiviert: Trump, Putin, Netanyahu, Milei, den ebenfalls ultrarechten, odiosen Präsidenten Argentiniens, der mit jedem Tag die Schulden seines Landes gegenüber dem Internationalen Währungsfonds auf ein Rekordniveau erhöht. Er zerstört schlicht jede Hoffnung auf ein normales Leben in Argentinien. Obwohl man sagen muss, dass es auch vor ihm dort mit dem normalen Leben schlecht aussah. Wir wissen also, dass ultrarechter Populismus nicht besser ist – und das ist jetzt offensichtlich – als ultralinker. Nun, das ist so. Begeben wir uns jetzt nicht noch in eine weitere Zone, zum Glück, sondern schauen wir, wie sich hier alles entwickelt, wo vielleicht irgendeine Normalisierung beginnt. Das ist ebenfalls ein sehr wichtiger Punkt, den man ansprechen muss.

Mit der Unterstützung Viktor Orbáns durch Benjamin Netanyahu nahm die Sache insgesamt eine unerquicklich(e) Wendung, denn gerade nachdem Benjamin Netanyahu Viktor Orbán unterstützt hatte, darauf einen großen Einsatz gemacht, erzählt hatte, was für ein großer Freund Israels Viktor Orbán sei, war der Sohn Netanyahus nach Budapest gekommen, der als eine Art Familienpropagandist Orbáns im Namen der Familie des israelischen Premierministers auftrat. Und später, buchstäblich vor einigen Tagen, wurde dann das Protokoll eines Gesprächs der Außenminister Ungarns und Irans, Péter Szijjártó und Abbas Araghchi, bekannt, während dessen der Leiter des ungarischen Außenamts dem Iraner versprach, alle nötigen Informationen zu liefern, die die iranische Führung etwa vor solchen Operationen schützen könnten, wie Israel sie im Libanon durchgeführt hat – erinnern Sie sich, als es die berühmte Operation mit den Pagern gab, die buchstäblich in den Händen der Hisbollah-Kämpfer explodierten. Und das beunruhigte die Iraner ziemlich ernsthaft, weil die Iraner, wie Sie wissen, die Kuratoren der Hisbollah, die Finanziers der Hisbollah sind, und sie konnten annehmen, dass eine solche Geschichte auch gegen ihre Kämpfer angewandt werden könnte. Sie erinnern sich, dass einer der Pager in den Händen des iranischen Botschafters im Libanon explodierte, der, wie wir verstehen, ebenfalls Teil dieser Finanzierung der Hisbollah ist. Und es wurde gesagt, dass diese Pager in Ungarn hergestellt worden sein könnten oder dass das Gebiet Ungarns eine Art Basis für ihre Lieferung war. Und Szijjártó versprach den Iranern ganz ruhig zu helfen. Aber Sie verstehen, dass solche diskrete Information sowohl die Tätigkeit der israelischen Geheimdienste als auch konkreter Leute gefährden kann, die sich mit all dem in eben jenem Ungarn beschäftigen. Nun ja, Orbáns besondere Liebe zu Israel hinderte seinen Außenminister keineswegs daran, mit den Iranern eine solche Zusammenarbeit zu vereinbaren.

So sieht das hier, wie Sie verstehen, nicht nur unglaublich beschämend, sondern auch sehr seltsam aus. Mir scheint eigentlich, dass Menschen wie Trump oder Netanyahu ihre persönlichen Interessen immer über die Interessen der nationalen Sicherheit ihrer Länder stellen. Da haben sie irgendwelche guten Beziehungen zu Orbán oder zu Putin. Und man kann die Augen davor verschließen, dass diese Leute faktisch gegen dich arbeiten. Denn diese Haltung Netanyahus zu Orbán erinnert mich sehr an Trumps Haltung zu Putin, als man Trump sagte: „Hören Sie, aber Putin liefert dem Iran reale Aufklärungsinformationen, möglicherweise liefert er Waffen, um amerikanische Soldaten zu töten, um amerikanische Militäranlagen zu bombardieren. Ihre Bürger sterben, Sie verlieren eigene Militärtechnik. Ganz zu schweigen davon, dass diese Drohnen die Infrastruktur der Länder am Persischen Golf zerstören, in die Sie eigenes Geld investieren.“ Aber wenn Trump Putin liebt, dann verschließt er einfach die Augen davor. Er versucht einfach, es nicht zu bemerken. Und die Vertreter seiner Administration rechtfertigen das unbeholfen mit irgendwelchen seltsamen Worten. Ja, „vielleicht tun sie all das, aber sie können uns nicht stören“. Das ist ein völliger, würde ich sagen, moralischer Idiotismus.

60 % der Stimmzettel sind bereits bearbeitet. Jetzt hat die Partei Tisza nach den Parteilisten 52,8 % der Stimmen. Fidesz 38,5. Die Partei Unsere Heimat bleibt bei 6 % der Stimmen. Übrigens, falls Sie interessiert, wie viel das in absoluten Zahlen ist: Das sind jetzt 1.252.000 Stimmen der Wähler, bei Fidesz 914.000. Sie liegen also bislang noch nicht bei einer Million. Nun, sie werden diese Million erreichen, denn das sind erst 50 % der ausgezählten Stimmen. Bei der Partei Unsere Heimat sind es natürlich 143.000 Stimmen, aber es gibt, wie Sie sehen, noch viele nicht ausgezählte Stimmen.

Nun, was kann man von einem Machtwechsel erwarten? Péter Márki-Zay, der frühere Oppositionsführer, der, wie wir wissen, damals Viktor Orbán unterlag, sagte, dass er von Péter Magyar nicht sonderlich begeistert sei, dass die Opposition Péter Magyar gerade deshalb unterstütze, weil sie glaube, dass sein Sieg die Chance sei, Orbán loszuwerden, und dass das jetzt die Hauptaufgabe sei. Aber Péter Márki-Zay sagte eine wichtige Sache: dass Péter Magyar seinen eigenen Fehler nicht wiederholt habe, dass er seine Haltung etwa zur Ukraine nicht der Haltung Viktor Orbáns entgegengesetzt habe. Er war sehr vorsichtig in seiner, würde ich sagen, Position gegenüber dem Krieg in der Ukraine.

Wie wir wissen, hat Péter Magyar Viktor Orbán im Grunde verteidigt, als der ukrainische Präsident Volodymyr Zelensky sozusagen einen Scherz darüber machte, dass er die Adresse des ungarischen Premierministers den ukrainischen Militärs mitteilen werde. Und Péter Magyar sagte, kein ausländischer Politiker dürfe dem Premierminister Ungarns drohen. Er verhält sich sehr vorsichtig zum Beitritt der Ukraine zur Europäischen Union. Er unterstreicht, dass Ungarn der Ukraine keine militärische Hilfe leisten werde. Das heißt, auf den ersten Blick unterscheiden sich die Positionen Péter Magyars gar nicht so stark von denen Viktor Orbáns, selbst wenn es um die Lieferung von Öl durch die Druschba-Pipeline nach Ungarn geht. Auch darauf möchte Péter Magyar nicht verzichten. Er sagt, Ungarn müsse das Öl gemäß den unterzeichneten Verträgen erhalten.

Und viele sagen: „Also was ist dann eigentlich der Unterschied?“ Aber wir brauchen von der ungarischen Regierung überhaupt nicht, dass sie die Politik, die Viktor Orbán in letzter Zeit verfolgt hat, radikal ändert. Ich würde sagen, wir bräuchten von der ungarischen Regierung, dass sie zu jener Politik zurückkehrt, die Viktor Orbán noch vor einem oder anderthalb Jahren verfolgt hat, vor Beginn des Wahlkampfs und vor Beginn der offenen Orientierung des ungarischen Premierministers auf den Kreml. Gemeint sind ganz einfache Dinge:

• Wir brauchen, dass Ungarn sein Veto gegen die Gelder aufhebt, die die Ukraine von der Europäischen Union erhalten soll.

• Wir brauchen, dass Ungarn den Verhandlungsprozess zwischen der Ukraine und der Europäischen Union nicht blockiert. Aus technischer Sicht hat dieser Verhandlungsprozess begonnen, aber formal hat er nicht begonnen, wie Sie wissen. Das heißt, Ungarn blockiert den formalen Beginn der Verhandlungen. Das ist der zweite wichtige Punkt.

• Und der dritte wichtige Punkt: Wir brauchen, dass Ungarn in dieser Situation das neue Sanktionspaket gegen die Russische Föderation nicht blockiert, damit der Sanktionsdruck der Europäischen Union auf die Russische Föderation ebenfalls verstärkt wird.

Drei Positionen. Noch einmal möchte ich Sie daran erinnern, dass bei diesen drei Positionen auch die Rolle einer anderen Regierung wichtig ist. Das ist die slowakische Regierung Robert Ficos. Und Fico hat bereits gesagt, dass er bereit sei, das Erste, das Zweite und das Dritte zu blockieren. Aber mit der slowakischen Regierung wird es leichter sein, sich zu verständigen, wenn Ungarn seine Position ändert. Ganz abgesehen davon, dass die Länder der Europäischen Union in dieser Situation sogar die Möglichkeit haben, die Position der Slowakei zu blockieren, weil die Position eines einzelnen Landes durch einstimmige Abstimmung blockiert werden kann. Wenn aber zwei Länder etwas blockieren, ist das faktisch eine unlösbare Situation.

Kann Péter Magyar seine Position ändern, nachdem er Premierminister Ungarns geworden ist? Er kann es, denn für ihn wird die Freigabe europäischer Fonds für Ungarn eine große Errungenschaft sein. Und im Prinzip ist klar, dass die Europäische Kommission Péter Magyar entgegenkommen wird. Aber die Idee, dass Ungarn etwa an dieser Bereitstellung von 90 Milliarden Euro für die Ukraine nicht teilnehmen wird – das ist die Position, auf der Viktor Orbán bestand, als er der Bereitstellung dieser Hilfe überhaupt zustimmte –, wird höchstwahrscheinlich bleiben. Die Position, dass Ungarn sich nicht an der militärischen Hilfe für die Ukraine beteiligt, wird höchstwahrscheinlich bleiben. Die Position, dass die Ukraine die Druschba reparieren müsse, damit russisches Öl durch sie fließt, wird höchstwahrscheinlich bleiben. All das kann bleiben. Ungarn kann sein Veto aufheben, aber Kontrolle über die Reparatur der Druschba verlangen. So könnte es sein.

In jedem Fall kann es ein konstruktiver Dialog sein, und wird dabei nicht mehr an der Frage der ungarischen Transkarpathier hängenbleiben. Sie wissen, dass der Präsident der Ukraine Volodymyr Zelensky am Vorabend der Wahlen in Ungarn in Transkarpatien war und sich mit Bürgern der Ukraine ungarischer Herkunft traf, darunter auch Militärangehörigen, die unser Land verteidigen. Und bei Péter Szijjártó, Orbáns Außenminister, Träger des russischen Ordens der Freundschaft und zugleich Handlanger des Oligarchen Alisher Usmanov, rief das Irritation hervor. Er sagte: „Warum ist Zelensky denn vor den Wahlen nach Transkarpatien gefahren, um mit den Ungarn zu sprechen? Er sollte lieber die Druschba reparieren.“ Nun, ich bitte Sie, Zelensky weiß selbst, wann er mit den eigenen Bürgern sprechen muss. Diese Situation, in der man in Budapest auf Menschen ungarischer Herkunft wie auf eigenes Eigentum blickt und ihnen vorschreibt, wie sie sich zu verhalten haben, sieht gegenüber diesen Menschen selbst absolut widerwärtig aus.

Übrigens geschah etwas Ähnliches mit der ungarischen Diaspora in Rumänien, wo Orbán ganz frech den Kandidaten der rumänischen Ultrarechten, George Simion, unterstützte. Eben jenen Politiker aus demselben Lager wie er selbst. Und Sie wissen, dass Simion ebenfalls von eben diesem J. D. Vance unterstützt wurde. Nun, ich denke, das ist gut. Möge J. D. Vance alle unterstützen, denn er verliert immer. Er ist ein idealer Marker der Niederlage. Aber der Punkt ist, dass Simion ein antiungarischer Kandidat war. Er ist wiederholt mit antiungarischen Aussagen aufgetreten. Und Orbán kümmerte das überhaupt nicht, wenn es um sein eigenes politisches Lager ging. Er hielt das für völlig normal, und meinte, so müsse es auch sein.

Und in dieser Situation ist, wie Sie verstehen, nichts Neues geschehen mit dem, wie sich die Situation in Rumänien verändert hat. Orbán unterstützte weiter einmal den einen, einmal den anderen ultrarechten Kandidaten. Jetzt hat man in Budapest bereits begriffen, dass das eine gefährliche Taktik war, und versucht wieder, eine gemeinsame Sprache mit den ethnischen Ungarn, den Bürgern Rumäniens, zu finden, die bei den Wahlen abstimmen. Das ist ebenfalls ein wichtiger Punkt: Orbán hat diese Wahlen in eine Art gesamte ungarische Abstimmung verwandelt und nicht in eine Abstimmung der Bürger Ungarns. Aber es ist unbekannt, inwieweit gewöhnliche Menschen, im Unterschied zu den Leitern der ungarischen Gemeinden Rumäniens, ihm dieses Verhalten bei den Wahlen nun verzeihen können.

Also, 66,7 % der Stimmen sind von der Wahlkommission Ungarns ausgezählt worden. Wie sieht die Situation im Moment aus? Tisza erhält 53,27 % der Stimmen nach Parteilisten. Fidesz, die Partei Viktor Orbáns, 38 %, und 6 % erhält „Unsere Heimat“. Das bedeutet im Prinzip, dass Tisza im Moment prognostisch 137 Mandate haben könnte. Das ist mehr als die verfassungsändernde Mehrheit. Die Partei Viktor Orbáns könnte ungefähr 55 Mandate haben. Nun, wenn sich das so hält, dann ist das eine echte, würde ich sagen, vernichtende Niederlage der Partei Viktor Orbáns, wozu ich sie auch beglückwünsche.

Soeben hat der Premierminister Ungarns und Führer der ultrarechten pro-Trump-Partei Fidesz Viktor Orbán seine Niederlage und damit auch die Niederlage Donald Trumps und Wladimir Putins bei den Parlamentswahlen in Ungarn anerkannt. „Wir werden unserem Land und dem ungarischen Volk weiter dienen“, unterstrich Orbán. Nun, das ungarische Volk verstehe ich. Aber welches Land Viktor Orbán für unser hält – Ungarn oder die Russische Föderation –, wenn er sich so begeistert mit der Maus des widerwärtigen russischen Diktators verglich, da bin ich mir nicht sicher, ehrlich gesagt. Ich bin nicht sicher, dass Ungarn das Land Viktor Orbáns ist. Orbán rief den Führer der ungarischen Opposition, den neuen Premierminister Ungarns, offensichtlich Péter Magyar, an und gratulierte ihm zum Sieg über eine der widerwärtigsten politischen Kräfte Europas. Orbán hat es so nicht gesagt, aber wir könnten ihm sagen, dass es so ist.

Wenn die Partei von Magyar tatsächlich diese 135 Sitze erhalten kann, dann wird sie nicht nur die Beamten Viktor Orbáns austauschen können, die der Apparat dieser vertikalisierten Korruption im Land waren. Sie wird die ungarische Verfassung ändern können, aus der Viktor Orbán das Wort Republik entfernt hat, Gesetze ändern und so damit beginnen können, den antiungarischen Staat Viktor Orbáns zu beseitigen, der in diesen widerwärtigen 16 Jahren seines populistischen Verbleibs an der Macht aufgebaut wurde. Das ist eine große Erleichterung für das ungarische Volk, dem ich sagen möchte, dass ich ihm zu diesem Sieg aufrichtig gratuliere. Eine große Erleichterung für Europa.

Die Russen sind bereits außer sich. Der odiose Politologe Sergej Markow – ich zitiere ihn hier gern, zumal er jetzt kein Agent mehr ist –, bekannt für seine aggressiven Ansichten gegenüber unserem Land, unterstreicht, dass die Niederlage Orbáns den Kredit für die Ukraine freischalten werde. „Wir haben Orbán überschätzt“, sagt Markow, „und haben die Führung der Europäischen Union wieder einmal unterschätzt. Das wird sehr schlechte Folgen für den Frieden in Europa haben. Es wird ein gigantisches Budget von 90 Milliarden Euro für die ukrainische Armee, für Europas Krieg mit den Händen der ukrainischen Armee, bereitgestellt werden. Das 20. Sanktionspaket wird verabschiedet werden, und dann auch die Vorbereitung auf massive Piratenangriffe gegen die Schiffe der russischen Schattenflotte mit Drohungen einer harten Reduzierung des russischen Ölexports oder mit Drohungen eines militärischen Konflikts mit Europa. Die EU-Führung wird noch radikaler werden.“ Nun ja, Serjoscha Markow, Pech gehabt für dich und deinen Herrn Putin mit Europa. Das ist tatsächlich auch ein europäisches Fest.

Und noch einer Person, der wir alle aufrichtig für ihre Hilfe danken sollten, vielleicht sogar Dankesbriefe ans Weiße Haus schreiben sollten, ist der Vizepräsident der Vereinigten Staaten J. D. Vance. Kommen Sie zu uns, und was noch wichtiger ist, erscheinen Sie bei diesen Wahlkampagnen, treten Sie mit Aufrufen auf, richtig zu wählen, und Trump soll ruhig twittern. Man kann sagen, dass Trump und Vance heute auch Mitautoren des Sieges von Péter Magyar sind. Tatsache bleibt Tatsache, wie Sie verstehen.

Natürlich wird Orbán noch ungefähr einen Monat an der Macht bleiben, aber das wird bereits ein Monat einer lahmen Ente sein. Und das ist ein wichtiger Punkt, über den wir sprechen müssen, wenn wir diese Situation mit der Fortsetzung der Geschichte, mit der Ablösung Viktor Orbáns, besprechen. Ich möchte Sie davon überzeugen, dass er in diesem Monat ebenfalls versuchen wird, vieles zu tun. Ich glaube nicht, dass Sie an seinen Talenten zweifeln. Diese Person ist immerhin, daran sollten wir denken, ein ernsthafter, erfahrener Politiker, ein Mensch, den man wirklich ein politisches Tier nennen kann. Und auch das ist ein sehr wichtiger Punkt.

Nun wird in diesem Chat, der während dieser Sendung bereits läuft, gefragt, ob Trump irgendwie reagieren wird, also die Ungarn für Orbáns Niederlage bestrafen wird, oder ob er wieder so tun wird, als sei nichts geschehen, kein Problem, alles unter Kontrolle.

Portnikov. Ich denke, die Führung der Vereinigten Staaten wird mit der neuen Regierung Ungarns arbeiten. Übrigens muss ich sagen, dass J. D. Vance das selbst gesagt hat. Und Beobachter in Ungarn haben das ebenfalls bemerkt. Sie sagten, dass Péter Magyar von J. D. Vance das bekommen habe, was er sich wünschte. Als man ihn also fragte: „Und was werden die Vereinigten Staaten im Falle einer Niederlage Viktor Orbáns tun?“, sagte J. D. Vance, dass die Vereinigten Staaten natürlich mit der Regierung zusammenarbeiten würden, die das ungarische Volk wähle. Obwohl Viktor Orbán natürlich gewinnen werde. Aber diese Worte wurden ausgesprochen, also wird niemand irgendwen bestrafen. Man wird nur nach neuen Formen der Zusammenarbeit suchen.

Hier schreibt man, Orbán könne die Wahlen noch gewinnen, der menschliche Faktor könne noch wirken. Nein, er kann die Wahlen nicht mehr gewinnen. Es gibt Niederlagen, die man selbst durch Fälschung nicht mehr umdrehen kann.

Frage. Welche Varianten der weiteren Entwicklung hat Orbán Ihrer Meinung nach für sich vorbereitet, und mit ihm Putin und Trump, falls er die Wahlen verliert? Oder haben sie mit einer solchen Entwicklung gar nicht gerechnet?

Portnikov. Ich denke, Orbán kann meinen, dass er an die Macht zurückkehren kann. Es wäre nicht das erste Mal, verstehen Sie? Orbán hatte ein großes Intervall, eine große Pause, als er zum ersten Mal Premierminister Ungarns war. Sie erinnern sich wohl, dass Viktor Yushchenko sich damals mit einem Brief an ihn wandte. Und dort erinnerte er daran, dass sie Gleichgesinnte gewesen seien, dass sie gemeinsam an die europäische Perspektive ihrer Länder, an die gemeinsame Arbeit in der Europäischen Union gedacht hätten. Aber das war damals, als Orbán zum ersten Mal Premierminister Ungarns war. Und damals ja, war er ein Gleichgesinnter des europäisch denkenden ukrainischen Premierministers Viktor Yushchenko. Doch danach verlor er die Macht. Damals siegten die linken Kräfte der ungarischen Konservativen und Liberalen. Und Orbán kehrte bereits als ultrarechter Politiker an die Macht zurück. Also kann er darüber nachdenken, wie er zurückkehren kann.

Zumal Sie ja verstehen, dass die Menschen von jeder neuen Regierung, die eine solche Macht ablöst, die viele Jahre lang regiert hat, eine rasche Verbesserung der Lage erwarten können, die möglicherweise nicht eintritt. Der Bürgermeister von Budapest, der, wie Sie wissen, ein gegenüber Orbán oppositionell eingestellter Politiker ist, immer mit ihm gestritten hat und jetzt sagte, dass für Budapest die einzige Rettungsmöglichkeit die Wahl einer neuen Macht sei, weil Orbán immer gegen die lokalen Machthaber, darunter auch gegen die Macht Budapests, gekämpft habe – Gergely Karácsony, ja, der Bürgermeister von Budapest –, sagte, dass man keine schnellen Veränderungen erwarten dürfe. Dass die Menschen, wenn sie solche schnellen Veränderungen in einem Staat erwarteten, der 16 Jahre lang als korrupte Vertikale aufgebaut wurde, ziemlich schnell enttäuscht sein könnten. Und man muss sagen, dass in dieser Situation Orbán natürlich genau darauf rechnen kann, in der nächsten Wahlperiode unter Ausnutzung dieser Wählerenttäuschung an die Macht zurückzukehren.

Aber ich wiederhole noch einmal: Das kann nur geschehen, wenn er nicht zum Angeklagten in Gerichtsverfahren wird. Und genau hier gibt es ziemlich interessante Momente. Das ist es, worauf Orbán in Bezug auf seine Freundschaft mit Trump rechnen kann: dass Trump Druck auf die ungarische Führung ausübt, dass Trump den ungarischen Premierminister davon überzeugt, Orbán nicht anzurühren. Aber wissen Sie, ich würde an Orbáns Stelle nicht allzu sehr auf Trump hoffen. Trump verteidigte anfangs den früheren Präsidenten Brasiliens Jair Bolsonaro. Er drohte sogar mit Sanktionen gegen Brasilien. Er sagte, Bolsonaro werde für genau das zu Unrecht beschuldigt, wofür auch er, Trump, beschuldigt worden sei. Und dann hörte er plötzlich auf, sich dafür zu interessieren. Ich meine damit die Machtergreifung, den Sturm aufs Kapitol auf brasilianische Weise. Und dann – zack – interessierte er sich nicht mehr dafür, hörte auf, sich für Bolsonaro zu interessieren, hörte auf, ihn zu erwähnen, antwortete sehr matt auf Fragen zu ihm. Und am Ende kam für Bolsonaro nichts Gutes dabei heraus.

72,4 % der Stimmen der Wähler in Ungarn sind ausgezählt. 53,45 % der Stimmen hat Tisza, 37,92 % der Stimmen die Partei Orbáns, Fidesz. Unsere Heimat hat 5,99 % der Stimmen im Parlament. So sehen wir, dass die Partei Tisza die Möglichkeit einer verfassungsändernden Mehrheit der Stimmen bewahrt. Das ist im Prinzip eine offensichtliche Sache. Jetzt könnte sie nach der Prognose 138 Sitze erhalten, 54 Mandate hätte die Partei Viktor Orbáns. Das ist eine echte vernichtende Niederlage. Denken Sie also nicht einmal daran, dass noch irgendwer real irgendwelche Chancen auf den Sieg verlieren könnte – ich meine Péter Magyar – oder dass Orbán noch irgendetwas durch den administrativen Ressourcenapparat herausholen könnte. Nein. Und Sie verstehen ja, dass jetzt all diese administrativen Ressourcen, wenn ihre, würde ich sagen, Leiter sehen, was geschieht, wie es immer mit solchen Leuten ist, schnell die Seiten wechseln, um den Sieger zu unterstützen. Auch das ist ein wichtiger Punkt bei dem, was geschieht.

Frage. Glauben Sie, dass es reale Gerichtsprozesse geben wird? Die jüngsten Nachrichten über die Zusammenarbeit mit dem Kreml und mit dem Iran und so weiter sind ja einfach erstaunlich. Gibt es eine Chance, dass Orbán und Szijjártó ins Gefängnis kommen?

Portnikov. Nun, auch das wird davon abhängen, wie effektiv die neue Regierung beim Umbau der Justizvertikale arbeiten wird. Sie verstehen doch, dass das jetzt ebenfalls eine große Frage ist. In den letzten Wochen traten bereits einige Vertreter des Strafverfolgungssystems gegen Orbán auf und sagten, dass Orbán faktisch die nationalen Interessen Ungarns verrate. Möglicherweise wird es auch im System der ungarischen Sicherheitsstrukturen reale Möglichkeiten geben, sich zu reinigen. Das wird sehr stark vom Team Péter Magyars abhängen. Wir verstehen ja, dass Péter Magyars Partei Tisza eine Partei eines einzigen Akteurs ist. 

Hier ist es wichtig, über den neuen ungarischen Premierminister selbst zu sprechen. Er kommt ja tatsächlich nicht aus irgendeiner, würde ich sagen, systemischen Opposition zu Orbán, gegen die Orbán all diese Jahre kämpfte und die er seinerzeit vor bereits 15 Jahren bei Wahlen besiegte, auch unter Begleitmusik von Korruptionsvorwürfen, von Verfall des Staates und so weiter. Und tatsächlich hatten die Menschen, die Ungarn damals regierten, allen Anlass, diesen Vorwürfen zu entsprechen. Aber Péter Magyar machte gerade in der Partei Fidesz Karriere. Diese Karriere gelang ihm nicht. Sie wissen, dass es hier eine interessante Situation gab: Péter Magyar ist ein Mann aus einer angesehenen ungarischen Familie, würde ich sagen, mit ernsthaften Positionen in der Gesellschaft. Aber es kam so, dass er, nachdem er Judit Varga geheiratet hatte, eine bekannte Juristin, die später Justizministerin in Orbáns Regierung wurde, geradezu zum Ehemann der Justizministerin wurde – bis zu dem Punkt, dass er Elternurlaub zur Betreuung ihrer Kinder nahm. Und ihn störte das offensichtlich, dass er auf die zweite, dritte Reihe geraten war, und auch die Beziehung zu seiner Frau funktionierte nicht, weil er faktisch nicht in einer solchen Rolle auftreten wollte. Das war sichtbar, als er vor kurzem ein Interview gab und man ihm sagte, dass er ja mit Judit Varga verheiratet gewesen sei, und er sagte: „Nein, sie war mit mir verheiratet.“ Also das ist so eine Geschichte, so ein Komplex, der geblieben ist.

Und Orbáns Kampf mit Magyar begann faktisch in dem Moment, als Orbán beschloss, Varga und die damalige Präsidentin Ungarns für die skandalöse Geschichte mit der Begnadigung eines Mannes verantwortlich zu machen, der der Pädophilie beschuldigt worden war und völlig unverständlich begnadigt wurde. Und Orbán machte für diese Begnadigung die Justizministerin verantwortlich, die den Antrag auf diese Begnadigung eingebracht hatte, und die Präsidentin, die diese Begnadigung unterschrieben hatte. Aber das Problem ist ja, dass wir verstehen, dass solche Entscheidungen nicht über die Präsidentin und die Justizministerin laufen. Sie können nicht ohne Orbán erfolgen. Und alle verstanden ausgezeichnet, dass Orbán diese Frauen einfach als Sündenböcke für seinen eigenen Fehler benutzt hat, um sich selbst zu retten. Und Magyar, der zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr mit Varga verheiratet war, veröffentlichte damals eine Aufnahme eines Gesprächs mit ihr, offensichtlich heimlich angefertigt, in der sie von Korruption im Umfeld Orbáns erzählte. Und Varga versicherte später, er habe ihr diese Aufnahme mit Gewalt abgenommen, er habe ihr gedroht. Man beschuldigte ihn der häuslichen Gewalt. Aber das war schon eine Situation, in der sie nicht mehr verheiratet waren und in der auch Vargás politische Karriere zu Ende ging, denn sie wurde im Prinzip bereits als mögliche Spitzenkandidatin von Orbáns Liste bei den Wahlen zum Europäischen Parlament angesehen. Sie sollte nach Brüssel ziehen. Nichts davon geschah, wie Sie verstehen. Und gerade in diesem Moment geschah diese Geschichte, dass man sagen kann, dass es im Orbánschen System selbst einen ernsten Riss, einen ernsten Bruch gab. Das ist also eine reale Geschichte, die mit der zukünftigen Entwicklung der Ereignisse in Ungarn verbunden ist.

Nun, wenn wir die Stimmen zählen, müssen wir wiederum daran denken, dass es auch Stimmen per Post gibt. Sie können das Kräfteverhältnis ebenfalls noch etwas verändern, aber nach dem, was wir sehen, längst nicht so stark, wie sie darauf Einfluss haben könnten. 77,5 % der Stimmen sind bereits ausgezählt. 53,46 % der Stimmen für die Partei Tisza. 37,91 % der Stimmen für Fidesz und 5,98 % der Stimmen für die ultrarechte Partei, wie ich sagte, offen prorussische Partei Unsere Heimat. Wie könnten die Mandate aussehen? Tisza wird 138 Mandate haben. Höchstwahrscheinlich ist das vorläufig eine sichere verfassungsändernde Mehrheit. Fidesz wird 54 Mandate haben und die Partei Unsere Heimat etwa sieben Mandate. Das heißt, im Prinzip werden selbst bei einem Zusammenschluss zweier ultrarechter politischer Formationen, einer maskiert pro-putinistischen und einer offen pro-putinistischen, nur 61 Mandate zustande kommen, was keine große Bedeutung mehr haben wird. Alle anderen politischen Parteien werden nicht ins Parlament einziehen.

Interessant ist, dass die ungarische Währung, der Forint, vor dem Hintergrund dieser Meldungen über den Sieg der Opposition zu steigen begonnen hat. Auch das sagt vieles, denn wenn sich die nationale Währung stärkt, wenn die Regierung verliert, dann sagt das alles über diese Regierung aus, verstehen Sie? Alles über ihre Wirtschaftspolitik, über das Verhältnis der Wirtschaft zu ihrer Effektivität. Und auch das verstehen wir ja ausgezeichnet.

Ich wundere mich, wie viele Kommentare wir haben, die sagen: „Nein, Orbán wird trotzdem gewinnen.“ Er wird nicht gewinnen. Es gibt einfach arithmetische Dinge. Und übrigens werden jetzt ja außer den Stimmen nach Parteilisten auch die Stimmen in den Wahlkreisen ausgezählt. Verstehen Sie das? Und jene Stimmen per Post, von denen Sie sprechen, die Stimmen der Diaspora, werden dennoch in die Stimmen nach Parteilisten eingehen. Verstehen Sie, wenn die Teilung 50 zu 50 wäre, dann könnte man sagen, dass sich in der Woche nach den Wahlen noch etwas ändern könnte. Nehmen wir an, Tisza hätte 52 oder 53 % der Stimmen und Orbán 49 %, und Orbán könnte dank dieser Stimmen der Diaspora oder per Post, ganz bedingt gesagt – obwohl niemand gesagt hat, dass die Diaspora jetzt für ihn stimmen wird –, die Mehrheit der Wählerstimmen erhalten. Das wird jetzt nicht mehr geschehen, denn die Zahl der Stimmen, die Orbán heute hat, auch unter Berücksichtigung der Besonderheiten der Umverteilung der Mandate nach eben jenem System, das Orbán geschaffen hat – vielleicht wird Tisza es ändern, das wissen wir nicht –, gibt Orbán keine Möglichkeit mehr, administrative Ressourcen oder zusätzliche Stimmen zu nutzen, selbst wenn es sie geben sollte. Deshalb ist im Prinzip für Orbán alles klar, auch wenn für Sie nicht, denn die Ergebnisse, auf die ich jetzt schaue, sind auch Ergebnisse der Abstimmung in den Wahlkreisen. Das heißt, ich sehe vor mir nicht irgendwelche Tabellen der ungarischen Zentralen Wahlkommission, um es mal so zu sagen. Ich schaue auf die ungarische Presse. Wir schauen zusammen auf die ungarische Presse. Und ich schaue auf die Ergebnisse in den Einerwahlkreisen. Und genau das, was ich Ihnen sage, sind auch die Ergebnisse in den Wahlkreisen. Sagen wir bedingt: Es gibt Ergebnisse, bei denen Kandidaten von Fidesz und ihrem Verbündeten führen. Sie treten bekanntlich in einem Block an. Dort braucht man sehr wenige Stimmen. Damit Sie verstehen, wo sie dort führen: elf Wahlkreise, in denen sie führen. In einem Wahlkreis bekommt der Sieger 800 Stimmen. In einem anderen 900 Stimmen. In einem Einerwahlkreis bekommt ein Fidesz-Kandidat 1000 Stimmen. Noch einmal: 1000 Stimmen. Ich lese Ihnen diese Liste vor, damit Sie verstehen, wie diese ländlichen Wahlkreise zugeschnitten sind: Es genügt, 1000 oder 2000 Wählerstimmen zu erhalten, um zu gewinnen und mit den Stimmen von tausend Wählern ins Parlament zu kommen. Das ist ein solches System. Zugleich sehen wir aber, dass es Wahlkreise gibt, die sehr seltsam zugeschnitten sind. Und in diesen Wahlkreisen gewinnt die Partei Tisza positionsmäßig. Auch das ist eine sehr wichtige Sache, die man sagen muss.

So beobachten wir jetzt gleichzeitig zwei Auszählungen. Die Auszählung nach Parteilisten – ich nenne Ihnen ständig ihre Zahlen. Und die Auszählung in den Einerwahlkreisen, von denen ich Ihnen von Anfang an gesprochen habe. Das heißt, diese Mandatszahlen, von denen ich Ihnen erzähle, sind nicht die Zahlen nach Parteilisten. Nach Parteilisten nenne ich Ihnen die Prozentsätze, und diese Sitzzahlen, von denen ich spreche, sind Zahlen unter Einbeziehung der Einerwahlkreise. Zu Beginn unserer Sendung habe ich Ihnen die Anzahl genannt, und ich wiederhole sie noch einmal für die, die später dazugekommen sind: 199 Abgeordnete, 106 nach dem Mehrheitswahlsystem in Einerwahlkreisen, 93 nach Parteilisten, für eine verfassungsändernde Mehrheit 133, für eine einfache Mehrheit 100. Gemerkt? 199, 106, 93, Mehrheit 100, verfassungsändernde Mehrheit 133. Wenn ich Ihnen nun die Auszählung der Stimmen erläutere, nenne ich Ihnen den Prozentsatz der ausgezählten Stimmen und die Prozentsätze, die die Parteien nach Parteilisten erhalten haben. Ich erinnere daran, dass jetzt 77,5 % bearbeitet sind, 53,46 Tisza, 37,91 Fidesz, 5,98 Unsere Heimat. Wenn ich die Zahl der Mandate nenne, dann ist das die Summe der Mandate nach Parteilisten und nach Wahlkreisen, die bereits ausgezählt ist. Deshalb sind das die realen Zahlen.

Warum sagte man, dass die Ergebnisse dieser Wahlen erst in einer Woche bekannt sein könnten? Weil bei ungarischen Wahlen, wenn Opposition und Regierung dicht beieinander liegen, die Ergebnisse der Briefwahl und der Auslandswahllokale die Verteilung der Sitze nach Parteilisten beeinflussen können, aber nicht in die Stimmen eingehen, die in den Einerwahlkreisen abgegeben werden. Und wie Sie verstehen, kann bei einem solchen Vorsprung, wie er bei den Parteilisten besteht, wenn der Führende 53 % der Stimmen hat, keine Diaspora und kein Brief die Gesamtsituation ändern. Das versuche ich zu erklären. Nun, sie könnten theoretisch die verfassungsändernde Mehrheit um irgendeine Zahl verringern, aber auch das sieht bereits nicht realistisch aus. Und außerdem, ich sage es Ihnen noch einmal, denke ich nicht, dass in dieser Situation die ungarische Diaspora für Viktor Orbán stimmen wird, denn selbst in der ungarischen Diaspora war die Registrierung jetzt höher als in vielen Wahljahren zuvor. Auch das müssen jene verstehen, die diese Abstimmung verfolgen.

Im Prinzip hat auch Orbán als realistischer Mensch ausgezeichnet begriffen, was geschehen ist. Wenn Orbán Hoffnung gehabt hätte, dass er das noch zurückdrehen könnte, dann hätte er Péter Magyar nicht öffentlich gratuliert und ihn nicht angerufen. Das ist, verstehen Sie, das große Problem aller autoritären Führer, die gezwungen sind, das Verfahren realer Wahlen aufrechtzuerhalten. Sie müssen ehrlich gewinnen. Das betrifft Orbán ebenso wie jene, die ihn unterstützt haben. Betrifft Trump, betrifft Netanyahu übrigens ebenfalls. Übrigens zeigen die Ratings, die wir jetzt in Israel sehen, dass der israelische Premierminister, seine Partei und Koalition die Parlamentswahlen verlieren würden, wenn sie heute stattfänden. Verstehen Sie? Und Netanyahu würde diese Niederlage nicht anerkennen? Natürlich würde er sie anerkennen, er hat das schon einmal getan. Um auf Wahlen zu pfeifen, muss man Putin sein. Und Orbán ist, wie wir verstehen, nicht Putin.

Nun kommen wir im Prinzip zum Ende dieser Sendung. Denn mir scheint, dass das Gesamtbild klar ist. Die nächsten Zahlen werden kaum noch etwas Ernsthaftes ändern. Nun, ich schließe nicht aus, dass sie den Vorsprung der Opposition in Bezug auf die Zahl der Mandate verändern, wenn wir irgendeine Veränderung der Prozentsätze nach den Parteilisten sehen, aber nicht wesentlich. Deshalb danke ich Ihnen sehr, dass Sie an diesem Wahlabend mit mir zusammen waren, der den Ergebnissen der Wahlen in Ungarn gewidmet war. In jedem Fall müssen wir verstehen, dass das für uns tatsächlich ein realer Sieg ist und für Europa ein realer Sieg. Selbst wenn Tisza irgendwie keine verfassungsändernde Mehrheit erhält, wird es für Péter Magyar schwer sein, eine De-Orbanisierung der ungarischen Staatlichkeit durchzuführen. Aber all diese wichtigen Entscheidungen für die Ukraine, die die Europäische Union treffen muss, werden nun, denke ich, auch von der neuen Regierung Ungarns gebilligt werden. Und das ist wichtig nicht nur für uns, sondern auch für Ungarn selbst, denn die Eindämmung russischer imperialer Ambitionen – wenn man bedenkt, wie viel Böses Russland Ungarn im 19. und im 20. Jahrhundert angetan hat und übrigens auch jetzt tut, indem es Orbán unterstützt – all das ist wichtig sowohl für das ukrainische als auch für das ungarische Volk.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Орбан програє вибори | Віталій Портников. 12.04.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 12.04.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

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Deutsche Übersetzung von iktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Warum Orbán Ukrainer festnehmen ließ | Vitaly Portnikov. 06.03.2026.

Die Eskalation zwischen der Ukraine und Ungarn hat ein neues, ich würde sagen, außerordentliches Niveau erreicht, obwohl auch daran, vor dem Hintergrund der bevorstehenden Parlamentswahlen in Ungarn nichts Unvorhersehbares ist. Es sind die ersten für Ministerpräsident Viktor Orbán seit vielen Jahren seiner Herrschaft in diesem Land wirklich bedrohlichen Wahlen. Nach den gestrigen harten Äußerungen Volodymyr Zelenskys an Orbáns Adresse geschah etwas, das selbst in so angespannten Beziehungen wie den ukrainisch-ungarischen völlig unerhört ist.

In Ungarn wurden ukrainische Geldtransporteure festgenommen, ebenso die Wertsachen, die sie transportierten. Und natürlich wurde diese Festnahme zu einem weiteren, ich würde sagen, Bestandteil jener Maßnahmen, die das offizielle Budapest derzeit gegenüber der Ukraine ergreift, um sowohl die eigenen Mitbürger als auch die Europäer von der Korruptheit und Mafiahaftigkeit des Nachbarstaates zu überzeugen, dem man nicht helfen sollte, weil er ein weiteres postsowjetisches Echo sei, das kaum den Beitritt zur Europäischen Union verdiene.

Und wir sehen, dass diese Äußerungen Orbáns über die Ukraine, die er wiederholt gemacht hat und die sich, wie zu erwarten war, während des Wahlkampfes verschärfen, jetzt neue Qualität und neue Kraft gewinnen, was das betrifft, was sich in den nächsten Wochen zwischen Kyiv und Budapest abspielen wird. Budapest verhehlt nicht die Tatsache, dass es ukrainische Staatsbürger festgenommen hat. Es macht keinen Hehl daraus, dass es im Grunde Wertsachen beschlagnahmt hat, die auf Grundlage eines internationalen Abkommens transportiert wurden, denn es bezeichnet sie als Mafiageld.

Inwieweit das der Wirklichkeit entspricht, interessiert in der ungarischen Regierung niemanden, denn hier ist es wichtig, eine Erklärung abzugeben. Danach kann man lange ermitteln. Danach kann diese Ermittlung erst nach den Parlamentswahlen abgeschlossen werden. Und mir scheint, dass es noch viele solcher Situationen geben wird, die mit ähnlichen Handlungen Budapests gegenüber Kyiv zusammenhängen. Denn besondere Möglichkeiten, die Umfragewerte der Opposition irgendwie zu drücken, hat Orbán nicht, außer mit dem Thema Krieg zu spielen. Die wirtschaftliche Lage wird sich aus objektiven Gründen nicht verbessern. Tatsächlich funktioniert erstens die Druschba-Pipeline nicht.

Und es lohnt sich daran zu erinnern, dass nicht die Ukrainer sie zerstört haben, sondern dass sie durch einen direkten russischen Treffer auf diese Pipeline beschädigt wurde. Und viele wunderten sich, dass die Russen Orbán gerade in dem Moment, in dem er sie im Wahlkampf braucht, das billige Öl genommen haben. Vor dem Hintergrund aber, dass in Budapest russische Polittechnologen aufgetaucht sind, die dem ungarischen Ministerpräsidenten helfen sollen, diese Wahlen zu gewinnen, wirkt der russische Schlag nicht mehr so unberechnet, denn in Moskau konnte man der Meinung sein, dass es selbst bei jenen Ölpreisen, die Orbán vor den Wahlen halten könnte, kaum gelingen würde, den Abwärtstrend seiner Zustimmungswerte zu stoppen. Wenn es ihm aber gelingt, einen Feind zu finden, der diese Pipeline nicht reparieren will, ist das eine ganz andere Situation. Und mit dieser Situation kann man spielen.

Und Orbán selbst verhielt sich wie ein Mensch, der an einer Provokation teilnimmt. Er wusste sehr gut, dass die Pipeline nicht von den Ukrainern, sondern von den Russen beschädigt worden war, dass dies das Ergebnis des Beschusses unseres Landes war. Aber er schenkte dem überhaupt keine Aufmerksamkeit. Er begann sofort, die Ukraine dafür zu beschuldigen, dass sie Ungarn keinen Zugang zu billigem russischem Öl gewähren wolle. Und auch das war eine Provokation, die gerade darauf berechnet war – wir verstehen doch, dass die Leute, die solche Provokationen schreiben, nicht nur mit Orbáns Aussagen arbeiten, sondern auch mit dem Psychotypus Zelenskys und ukrainischer Beamter –, dass die Ukrainer Orbán klar daran erinnern würden, dass er mit dem Kauf russischen Öls den Krieg finanziert, dass er längst nicht-russisches Öl beziehen könnte. Und darauf antwortete Orbán den Ungarn: „Seht ihr, es geht nicht um die Russen, es geht um die Ukrainer. Sie wollen diese Pipeline nicht reparieren. Sie wollen uns das Recht verweigern, billiges Öl zu bekommen. Sie wollen nicht nur ihren Krieg nicht beenden, sondern das auch noch auf unsere Kosten. Wir helfen ihnen. Und wir sollen auch noch teures Öl kaufen, weil sie die Pipeline nicht reparieren wollen, die auf Grundlage der internationalen Verpflichtungen der Ukraine funktioniert.“

Und interessant ist, dass man in Budapest in dieser ganzen Zeit kein einziges Mal Russland beschuldigt hat, das diese Pipeline beschädigt hat. Vor einigen Tagen war der ungarische Außenminister Péter Szijjártó in Moskau, traf sich mit dem Präsidenten Russlands Putin und mit Außenminister Lawrow. Er erwähnte nicht einmal, dass diese Pipeline von den Russen beschädigt worden war, erhob keinerlei Ansprüche, es gab keine einzige Note des ungarischen Außenministeriums an Russland, das jene Route beschädigt hat, über die es gemäß seinen Verpflichtungen Öl nach Ungarn hätte liefern sollen. Der Schlag gegen die Pipeline könnte also bereits eine koordinierte Aktion gewesen sein.

Jetzt verbessert sich Orbáns Lage, würde ich sagen, mit dieser ganzen Geschichte vor dem Hintergrund des Krieges im Nahen Osten sogar noch. Denn in einer alternativen Situation, in der die Ukraine sagen würde, dass sie keine Möglichkeit habe, diese Pipeline schnell zu reparieren, könnte Ungarn sich mit entsprechenden Forderungen an die Europäische Kommission wenden. Und die Europäische Kommission könnte ihm sagen: „Hören Sie, wir haben Ihnen Zeit gegeben, die Pipeline ist nicht von den Ukrainern beschädigt worden, sie verfügen vielleicht nicht über ausreichende Kräfte, um sie zu reparieren. Nehmen Sie Öl aus der kroatischen Pipeline, die bis auf Ihr Territorium reicht.“ Aber jetzt wird das niemand sagen. Jetzt steht die Welt am Rand eines Energiezusammenbruchs. Jetzt verändert sich die Situation mit jedem Tag.

Wir kennen die heutigen Nachrichten: Sagen wir, Indien, das Präsident Donald Trump versprochen hatte, kein russisches Öl mehr zu kaufen, hat von den Vereinigten Staaten die Erlaubnis erhalten, jene Mengen russischen Öls zu kaufen, die sich auf Tankern auf See befinden und seit vielen Wochen auf ihre Käufer warten. Die Erlaubnis, diese Ölmenge zu kaufen. Vorerst wurde diese Erlaubnis für 30 Tage erteilt, aber ich habe praktisch keinen Zweifel daran, dass sie verlängert wird und dass Indien wieder Rekordmengen russischen Öls kaufen wird, weil es keine Alternative geben wird. Denn niemand kann Indien, wenn es die Amerikaner fragt: „Was sollen wir denn mit unserer Ölbilanz machen?“, sagen, dass es unter den Bedingungen der faktischen Blockade der Straße von Hormus irgendwo sonst noch Öl gibt. Das ist ein gewaltiges Problem auch für Indien, das ist ein gewaltiges Problem für China, das mit Iran darüber verhandelt, dass seine Schiffe die Straße von Hormus passieren dürfen, in einer Situation, in der amerikanische und europäische Schiffe oder Schiffe, die aus dem Persischen Golf kommen, dort nicht passieren.

Aber in dieser Situation, wie Sie verstehen, gibt es schlicht kein zusätzliches Öl für Ungarn, das es nutzen könnte. Das heißt, die Aufgabe der Europäischen Kommission besteht darin, Ungarn den Zugang zu russischem Öl zu sichern, und der Druck wird sich hier auf die Ukraine richten, die faktisch die Möglichkeit stört, dass Ungarn und die Slowakei aus Moskau Öl beziehen, weil das die einzige Möglichkeit ist, ihre Ölbilanzen zu decken. Und wenn in Ungarn mit all dem irgendwelche Probleme beginnen, wird Orbán natürlich wissen, wen er beschuldigen muss.

Und interessant ist, dass sich bereits gestern nach diesen Äußerungen Zelenskys auch der Vorsitzende der ungarischen Oppositionspartei Tisza, Péter Magyar, den antiukrainischen Äußerungen Orbáns angeschlossen hat. Er rief die Europäische Union dazu auf, alle Beziehungen zu Volodymyr Zelensky abzubrechen, bis der ukrainische Präsident sich bei den Ungarn, beim ungarischen Ministerpräsidenten, entschuldigt. Das heißt, Magyar nahm Zelenskys Äußerungen als offensichtliche Respektlosigkeit gegenüber der ungarischen Staatlichkeit selbst wahr. Und das zeigt uns im Grunde, dass man, wie auch immer die Parlamentswahlen in Ungarn ausgehen mögen, keine schnelle Lösung der Frage des ungarischen Vetos zu den 90 Milliarden Dollar für die Ukraine oder zur europäischen Integration der Ukraine erwarten sollte.

Man muss sich in die reale Welt versetzen, in der all das vielleicht gar nicht so eintreten wird, wie wir hoffen. Ja, nach den Parlamentswahlen könnten sowohl Orbán als auch Magyar ihre Positionen korrigieren, weil sie eine gemeinsame Sprache mit der Europäischen Kommission finden müssen. Aber ich bin mir dessen nicht sicher. Und hier würde ich übrigens auch die Bedeutung des Tons Volodymyr Zelenskys nicht überschätzen, denn ich diskutiere nicht einmal den Inhalt dieser Erklärungen, weil, wenn wir beginnen, über das diplomatische Geschick entweder Volodymyr Zelenskys oder der Menschen zu sprechen, die im Büro des Präsidenten oder im diplomatischen Korps Volodymyr Zelensky gefallen und so sprechen wollen wie er, mir scheint, dass diese Situation seit 2019 offensichtlich ist: Politik kann man nicht lernen. Und wer für Volodymyr Zelensky gestimmt hat, ist nicht in der Lage, das zu begreifen. Also wird es eben so funktionieren. Dem einen gefallen solche Äußerungen, dem anderen nicht. Jemand meint, man hätte sich anders ausdrücken können. Aber ich möchte Sie an eine wichtige Sache erinnern.

Es gab nach 2019 Zeiten, in denen Zelensky, sagen wir, sich genau entgegengesetzt verhielt. Er erwähnte den Namen des Präsidenten der Russischen Föderation überhaupt nicht. Nicht nur, dass er ihn nicht Aggressor nannte, ihn nicht beleidigte – er versuchte, ihn überhaupt nicht zu erwähnen. Überhaupt nicht. Und erklärte, dass gerade dieses Nichterwähnen des Präsidenten der Russischen Föderation Putin der richtige Ansatz sei. Man dürfe nicht schlecht über ihn sprechen, weil das den damals wie heute übrigens nicht existierenden Friedensprozess mit Russland blockieren könne. Sonst würde Putin sich beleidigt fühlen und sich unserem Staat gegenüber ganz anders verhalten. Das alles klang natürlich wunderbar, nur brachte es weder Zelensky noch der Ukraine irgendeinen Nutzen, denn Putin hatte gar nicht vor, darauf zu achten, ob Zelensky über ihn spricht oder nicht. Putin kalkulierte seine Pläne. Pläne, die mit der Liquidierung der ukrainischen Staatlichkeit, der Liquidierung Zelenskys selbst, seiner Ersetzung – lebendig oder tot, das wäre dann schon so gekommen, wie es kommt – durch Marionettenherrscher wie Janukowytsch oder Medwedtschuk verbunden waren. Und Putin hatte nicht vor zu verfolgen, was Zelensky über ihn sagte oder nicht sagte, denn irgendein Zelensky existierte für ihn einfach nicht, so wie er im Grunde auch jetzt nicht existiert. Es existiert nur die Aufgabe, jene Territorien, die er für russisch hält, an Russland anzugliedern. Natürlich am besten im herzlichen Einvernehmen mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, der diese Tatsache sanktionieren soll und aus irgendeinem Grund nicht sanktioniert.

Auch jetzt zu sagen: „Wenn Zelensky sich anders verhalten hätte, dann hätte Orbán uns plötzlich liebgewonnen“, ist eine gewaltige Übertreibung. Orbán spielt seine eigene Schachpartie. Diese Partie ist seit Langem damit verbunden, aus der Ukraine, nicht aus Zelensky, das Bild des Feindes zu machen. Ob Zelensky Orbán in dieser Situation in die Hände gespielt hat oder nicht – Orbán hätte selbst einen Anlass gefunden, um die Ukraine zu beschuldigen. Und das muss man in der Situation, die sich heute in den Beziehungen zwischen Ungarn und der Ukraine entwickelt hat, einfach klar begreifen.

So scheint es mir im Grunde, dass das, sagen wir so, zwei verschiedene Geschichten sind, und die Realität besteht darin, dass wir, sagen wir so, aus Sicht der ungarisch-ukrainischen Beziehungen in einen gefährlichen Monat eingetreten sind. Das heißt, die beiden Hauptteilnehmer dieses Wahlkampfs werden das Thema des russisch-ukrainischen Krieges die ganze Zeit nutzen, um einander auszustechen. Und Orbán wird als Ministerpräsident Ungarns noch zusätzliche Möglichkeiten haben, durch Taten irgendwie zu demonstrieren, dass er tatsächlich bereit ist, irgendeine Mafia, irgendwelche ukrainischen korrupten Machenschaften und so weiter aufzuzeigen. Und das ist für mich im Grunde eine völlig klare Tatsache in dem, was mit dieser Festnahme der Geldtransporteure, mit diesen Erklärungen Budapests geschieht.

Denn noch einmal: Wenn es um irgendeine mafiöse Organisation geht, werden ihre Mitglieder festgenommen und nicht ausgewiesen. Wenn es um einen ehemaligen SBU-General geht, der am Steuer des Fahrzeugs gesessen habe, wie man in Budapest erzählt, dann müsste diese Person sich in einer Gefängniszelle befinden und nicht der Ukraine übergeben werden. Denn wie will man sonst Beweise krimineller Tätigkeit erhalten, wenn man Europa angeblich vor der ukrainischen Mafia rettet?

Und hier ist immer die gute Frage: Warum rettet ihr Europa dann nicht vor der russischen Mafia? Mit der russischen Mafia unterhaltet ihr Beziehungen. Über die Korruptheit der Russen sagt ihr überhaupt nichts. Für sie schafft ihr Bedingungen. Ihr habt im Wesentlichen das neue Sanktionspaket der Europäischen Union gegen Russland blockiert. Daran möchte ich erinnern: Dieses Paket ist bis heute nicht in Kraft getreten, weil sowohl Orbán als auch der Ministerpräsident der Slowakei, Robert Fico, es im Grunde blockieren. Und das ist zu einem ernsten Problem für die Europäische Union geworden. Und dort geht es um eine echte Mafia, nicht um die, die heute in Meldungen aus Budapest erfunden wird. Und wie Sie sehen, hat sich nichts geändert.

In dieser Situation gibt es also aus Sicht der ungarischen Motive nichts zu überlegen. Sie sind klar. Nachdenken muss man über die Realität. Und die Realität ist die, dass es sehr schwierig, wenn nicht unmöglich sein wird, Ungarn in der Frage der Hilfe für die Ukraine und der europäischen Integration der Ukraine zu umgehen. Wir beruhigen uns ständig damit, dass man das tun könne. Wir haben da ja diesen Prozess von Ersatzverhandlungen mit der Europäischen Union über den Beitritt. Das heißt, wir führen technische Verhandlungen in der Hoffnung, dass, wenn Ungarn sein Veto gegen die Durchführung dieser Verhandlungen aufhebt, bei uns schon alles vorbereitet sein wird. Aber wenn Ungarn sein Veto nicht aufhebt, dann wird es, ob alles vorbereitet ist oder nicht, keinerlei Bedeutung haben, denn das bedeutet, dass es keinen realen verfahrensmäßigen Prozess der europäischen Integration geben wird. Den gibt es auch jetzt nicht.

Das ist ein Prozess der Selbstberuhigung. Das ist übrigens ungefähr dasselbe, was wir über die russisch-ukrainischen Verhandlungen über Frieden sagen. Da treffen sich Militärs, besprechen technische Details: wie eine Truppenentflechtung aussehen soll, wer sie kontrollieren wird, ob Amerikaner dabei sein werden oder nicht. Nun, ein wunderbares Gespräch, sehr angenehm zwischen General Budanow und Admiral Kostjukow. Sie können sich im Prinzip technologisch, als Profis, über alles verständigen. Aber da der Präsident der Russischen Föderation, Präsident Putin, keinerlei politischen Willen hat, den russisch-ukrainischen Krieg zu beenden, sind all diese professionellen Verhandlungen zwischen General und Admiral nichts wert. Nicht einmal die Zeit wert, die man auf sie verwendet. Denn wenn es einen politischen Willen zur Beendigung des Krieges gäbe – vielleicht wird er irgendwann, in irgendeiner Perspektive in den 2020er- oder 2030er-Jahren des 21. Jahrhunderts auftauchen –, dann könnte man sich leicht über technische Details verständigen. Wenn es aber keinen politischen Willen gibt, dann haben technische Details keine Bedeutung.

Genauso ist es hier: Wir vereinbaren politische, also technische Details mit der Europäischen Union. Wir schließen Kapitel der europäischen Integration ab. Aber der politische Wille der Europäischen Union bedeutet die Zustimmung aller Länder zum Beginn von Verhandlungen. Es gibt diese Zustimmung nicht, also gibt es keinen politischen Willen zur europäische Integration der Ukraine. Diese Europäische Union kann neue Sanktionspakete gegen Russland vereinbaren, aber wenn es keine Einstimmigkeit gibt, dann gibt es dieses Sanktionspaket nicht, gibt es keinen politischen Willen, denn in der EU sieht er eben so aus.

Vielleicht wird es der Europäischen Union irgendwann gelingen, so reformiert zu werden, dass ein oder zwei Länder sich der Mehrheit nicht entgegenstellen können. Aber bislang gibt es keinerlei objektive Voraussetzungen für eine solche Reform, denn einen Versuch gab es seinerzeit, als wir noch weit vom Verfahren der europäischen Integration entfernt waren. Damals wurde eine Europäische Verfassung entworfen, eine Kommission unter Leitung des Veteranen der europäischen Politik, des ehemaligen französischen Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing, arbeitete daran. Und all das wurde ausgearbeitet. Im Wesentlichen versuchte die Europäische Union damals erstmals, sich vom Prinzip der Einstimmigkeit zu verabschieden. Und die überwältigende Mehrheit der europäischen Länder stimmte diesem Ansatz zu. Außer Irland, das diesen Verfassungsentwurf in einem eigenen Referendum scheitern ließ, weil in Irland nach dem Gesetz eine solche Entscheidung nicht durch das Parlament, sondern durch das Volk getroffen werden muss. Das irische Volk lehnte dies ab und verwandelte damit die Europäische Union in ein Gebilde, das aus Sicht grundsätzlicher Entscheidungen nicht lebensfähig ist.

Nun, das ist eben die Realität. Wir waren diesen Prozessen, wiederum, einfach sehr fern, aber alle, die die Entwicklung der Europäischen Union verfolgt haben, haben alles verstanden, was damals geschah. Und wiederum: Um eine solche Ordnung real zu ändern, müsste dies ebenfalls von allen Mitgliedstaaten der Europäischen Union beschlossen werden. Vor dem Hintergrund der Bemühungen sowohl Trumps als auch Putins, die Europäische Union daran zu hindern, eine solche echte geopolitische Subjektivität zu erlangen, habe ich persönlich keinerlei Hoffnung, dass das geschieht. Und das muss man klar begreifen.

Wie realistisch ist also unter solchen Bedingungen die Perspektive der europäischen Integration der Ukraine? Nicht besonders realistisch. So sieht das Gesicht des geeinten Europas heute nun einmal aus. Ja, man muss hoffen, dass etwa das Interesse der amerikanischen Administration an einem Friedensprozess in der Ukraine und die Überzeugung aus dem Weißen Haus, dass die europäische Integration der Ukraine diesem dienen werde, ihrerseits dem Dialog zwischen Donald Trump und Viktor Orbán helfen könnte, oder zwischen Donald Trump und einem neuen Ministerpräsidenten Ungarns, falls Orbán diese Wahlen in einem Monat tatsächlich verliert. Aber das sind nur Hoffnungen, denn man darf auch nicht glauben, dass das Weiße Haus, zumal in einer Situation, in der die Positionen des US-Präsidenten nicht stärker, sondern schwächer werden, jemandem irgendetwas diktieren kann. Vielleicht überzeugen die Europäer Orbán, und dann beginnt der Verhandlungsprozess.

Aber vergessen Sie das Wichtigste nicht: Auf den Verhandlungsprozess folgt noch der Beitrittsprozess. Und dann wird vieles davon abhängen, wie sich alle Mitglieder der EU zu diesem Beitrittsprozess stellen. Umso mehr müssen wir verstehen, dass wir nicht wissen, wie die europäischen Regierungen im Hinblick auf die zukünftige Entwicklung in Europa aussehen werden und im Hinblick auf die Bemühungen sowohl Präsident Trumps als auch Präsident Putins, die zu echten Partnern auf dem europäischen Kontinent geworden sind, rechtspopulistische radikale Kräfte in Europa an die Macht zu bringen. Glauben Sie mir: Diese rechtspopulistischen radikalen Kräfte werden alles Mögliche und Unmögliche tun, um die Ukraine außerhalb der Europäischen Union zu halten und die Rückkehr der Ukraine in den „Heimathafen“,  zur Freundschaft, zum Einvernehmen und zur wirtschaftlichen Abhängigkeit von der Russischen Föderation zu fördern.

Natürlich ist es sich unter den Bedingungen, in denen die Russische Föderation ihre Bemühungen um die Liquidierung der ukrainischen Staatlichkeit fortsetzt, für Menschen, die in der Ukraine unter russischen Bomben und Raketen leben, unmöglich, sich eine solche Variante vorzustellen. Aber glauben Sie, dass auch das möglich ist. Schauen Sie auf Georgien. Selbst heute, als es zu dieser Festnahme ukrainischer Geldtransporteure in Budapest kam, höre ich oft: „Wozu brauchen wir eine solche Europäische Union?“ 

Die Ukraine hat leider, wie jedes Frontland, das keine eigene offensichtliche Subjektivität besitzt, keine Wahl. Sie wird entweder Teil des Westens sein oder Teil des Ostens, entweder zusammen mit Russland oder zusammen mit Europa. Deshalb müssen wir zusammen mit Europa sein, nicht weil Europa das will oder nicht will, sondern weil wir keine andere Wahl haben, wenn wir die ukrainische Staatlichkeit und die ukrainische Ethnizität bewahren wollen. Selbst wenn Europa uns nicht will, bedeutet das nicht, dass wir nicht nach Europa wollen dürfen. Mehr noch: Wir müssen nach Europa wollen – gegen den offensichtlichen Wunsch einer großen Zahl von Europäern, das ukrainische Problem als Teil des russischen Problems zu vergessen. Und auch das sollte, wie mir scheint, jedem absolut klar sein.

Umso mehr, als wir jetzt Karten haben, was Trump in seinem Wahlkampf auch sagen mag. Diese Karten hängen damit zusammen, dass vor dem Hintergrund möglicher neuer Sicherheitsbedrohungen für Europa, das ebenso wie jeder andere Kontinent an den Dritten Weltkrieg mit einem möglichen Austausch strategischer Nuklearschläge zwischen den Beteiligten heranrückt, Streitkräfte gebraucht werden, die verstehen, wie man Bedrohungen entgegentritt. Und jetzt gibt es in dieser Welt zwei starke moderne Armeen: die ukrainische und die russische. Nur kämpft die russische für eine andere Mannschaft, für die Mannschaft Chinas, Irans, Nordkoreas und wird Europäer und Amerikaner nichts lehren.

Dass die Amerikaner gezwungen waren, jenseits ihrer Selbstverliebtheit, Überheblichkeit und ihres Machtgefühls, sich an die Ukrainer mit der Frage zu wenden, wie sie iranischen Drohnen entgegenwirken können, sagt bereits sehr viel. Das sagt auch, dass die Menschen, die in den Vereinigten Staaten Militäroperationen planen, einfach nicht in der Lage sind, das Ausmaß moderner Bedrohungen zu verstehen, und deshalb sogar mit einem Land wie Iran eine vernichtende Niederlage erleiden können. Ganz zu schweigen davon, wenn sie in einen Konflikt mit Russland geraten würden.

Ja, die einen haben eine moderne Armee, ihre Armee ist ja nicht anachronistisch, die einen haben viel Geld, die anderen wenig. Und die einen sind technologische Giganten, die anderen eine Tankstelle. Nur hat der technologische Gigant nicht den blassesten Schimmer davon, wie man moderne Kriege führt. Und die Tankstelle versteht das. Was ist daran neu in der Geschichte? Das Römische Reich hatte große Feldherren, eine geniale Zivilisation, eine Militärmacht, die die Welt erobert hatte, Gelehrte. Und dieses Reich fiel unter fremdem Druck zweimal. Zweimal. Zuerst wurde das westliche zu nichts, dann das östliche. Obwohl das die zivilisatorischen Zentren ihrer Welt waren. Solche Städte wie das antike Rom erschienen noch viele Jahrhunderte lang nicht auf der politischen oder der demografischen Landkarte der Welt, und eine Stadt wie Konstantinopel erschien ebenfalls viele Jahrhunderte lang nicht mehr. Und was dann? Barbarenarmeen verstanden es, in einem modernen Krieg sehr viel besser zu kämpfen als römische Soldaten, Legionäre und Generäle, die sogar einfach davon überzeugt waren, dass sie all das mit bloßer Kraft besiegen würden. Die Armee der Osmanen war sehr viel moderner als die byzantinische. Das ist eine solche Katastrophe des Vertrauens in die eigene Stärke.

Und genau darüber müssen wir mit unseren europäischen und amerikanischen Verbündeten sprechen. Denn vor dem Hintergrund der Angriffe iranischer Shaheds auf die Infrastruktur der Länder des Persischen Golfs, auf Israel, auf amerikanische Militärbasen wird all das bald für alle offensichtlich werden. Und auch hier muss man überlegen, wer Trump in Wirklichkeit mehr braucht: Orbán, der eine gewaltige Zahl von Karten hat, weil er mit Trumps Lieblingspartner Putin befreundet ist, oder Zelensky, den man nicht mögen kann, weil er nicht bereit ist, den Donbas abzugeben, was aus Trumps Sicht sein Problem lösen und ihm erlauben würde, mit Putin nichtexistierende Billionen Dollar zu verdienen.

Wer wäre wichtiger im Hinblick darauf, was in dieser künftigen Stärkung der amerikanischen geopolitischen Rolle geschähe? Darüber muss der Westen, wie mir scheint, nachdenken. Und dann werden Politiker wie Orbán oder auch nicht Orbán natürlich eine Antwort bekommen. Aber wenn das nicht geschieht, dann bleiben wir lange an der Tür der Europäischen Union stehen. Und das ist ganz sicher nicht das, was in unserem Interesse liegen sollte. Es geht also nicht darum, wie wir Orbán nennen werden und wie das aus Sicht Präsident Zelenskys für sein Publikum schön klingt. Es geht darum, was wir so anbieten können, dass für die Vereinigten Staaten und Europa die Existenz des ukrainischen Staatsorganismus selbst grundsätzlich sinnvoll erscheint.

Denn verstehen Sie: Die Zeiten der Vorrangstellung des Völkerrechts sind vorbei und kehren vielleicht zu unseren Lebzeiten nicht zurück. Das Völkerrecht ist erledigt. Das bedeutet, dass Staaten künftig nur noch aus Sicht von Macht oder Zweckmäßigkeit auf der politischen Landkarte der Welt verbleiben werden – oder samt den Völkern, die sie bewohnen, verschwinden werden. So, als hätte es diese Staaten und Völker nie gegeben. So war es in der Geschichte schon viele Male. Und es kann auch jetzt so sein, und wir sind die ersten Kandidaten fürs Aus, weil unser Territorium von den Russen als ihr eigenes wahrgenommen wird, und nicht wenige Menschen im Westen, auch in Europa, wie Sie verstehen, bereit sind, sich mit dieser Formel abzufinden, nur um wieder ruhig in einem Einvernehmen mit Russland zu leben.

Und Orbán ist eine dieser Figuren, wie Sie das sehr gut verstehen, denn er ist seit sehr, sehr langer Zeit in diese Vertikale solcher Beziehungen eingebunden. Und es überrascht mich, dass wir diese Entwicklung eines Menschen nicht begreifen, der einst die Fahne des liberalen ungarischen politischen Prozesses war, der seine Karriere mit Erinnerungen an die Notwendigkeit begann, die Teilnehmer der Proteste von 1956 zu würdigen, der in der Stiftung George Soros’ groß geworden ist. Und plötzlich ist aus diesem liberal denkenden Menschen ein rechtsradikaler Populist, ein Demagoge geworden, der in Ungarn ein System personifizierter, kontrollierter staatlicher Korruption geschaffen hat, über das Autoren zahlreicher Orbán-Biografien, die auch in Budapest erschienen sind, wiederholt geschrieben haben, und der die Überlebensfähigkeit eines solchen Regimes unter demokratischen Verfahren demonstrieren konnte und sogar gezeigt hat, dass er der wichtigste Partner eines amerikanischen Präsidenten sein kann, wenn dieser amerikanische Präsident selbst ein Mensch mit rechtsradikalen Ansichten ist.

Und man muss Orbán zugutehalten, dass er sich nie gescheut hat, Risiken einzugehen. In dieser Hinsicht ähneln er und Zelensky einander. Orbán suchte keinerlei Einvernehmen mit der Biden-Administration. Als einer der wenigen Politiker der Welt – selbst Netanjahu ging ein solches Risiko nicht ein – blieb er überzeugter Trumpist, obwohl man ihn im Weißen Haus während des größten Teils von Bidens Präsidentschaft im Grunde boykottierte. Und wie Sie sehen, hat er nicht verloren, sondern gewonnen. Denn Trump, der mit großer Eifersucht darauf reagierte, dass niemand in der Welt seine Reden über die Fälschung der Präsidentschaftswahlen wahrnahm, über die ihm gestohlene Niederlage, muss Orbán wirklich dankbar sein, dass Orbán bereit war, diese Version sogar um den Preis der Verschlechterung der Beziehungen zu den Vereinigten Staaten von Amerika zu vertreten.

Warum, denken Sie, geschah das? Nicht weil Orbán so prinzipienfest wäre, sondern weil er ein anderes Sicherheitskissen hatte – in Form der Unterstützung Putins, in Form dieser Druschba-Pipeline, in Form besonderer Beziehungen zwischen Ungarn und Russland die ganze Zeit über. Denn Péter Szijjártó, der Moskau ständig mit all diesen Sondermissionen besucht, hat ja sogar einen Freundschaftsorden von Putin erhalten. Sie glauben doch nicht, dass Putin in der Situation, in der er sich heute in den Beziehungen zum Westen befindet, Orden nach rechts und links verteilen würde? Nein, das spricht wirklich von der besonderen Rolle, die Szijjártó als Leiter der ungarischen Diplomatie dabei gespielt hat, Ungarn als ein Trojanisches Pferd der Russischen Föderation zu bewahren. Aber das ist ein Trojanisches Pferd, das man nicht loswerden kann, das man nicht aus den Grenzen Trojas hinauswerfen kann, während wir nach Troja hineinmüssen. Das ist ein wichtiger Punkt, den man ebenfalls begreifen muss.

Das sind also die ersten Einschätzungen im Zusammenhang mit der neuen Eskalation der ungarisch-ukrainischen Beziehungen. Es gibt alle Voraussetzungen dafür, dass diese Eskalation sich verstärkt und einen Monat vor den Parlamentswahlen in Ungarn neue gefährliche Züge annimmt, Wahlen, bei denen sich das politische Schicksal Viktor Orbáns selbst, das politische Schicksal des Konstrukts eines russischen Europa, das politische Schicksal des Konstrukts eines chinesischen Europa entscheiden wird. Und ich möchte Sie daran erinnern, Freunde, dass das chinesische und das russische Europa in bestimmten Grenzen verdächtig stark mit dem Konzept eines amerikanischen Europa von Präsident Donald Trump und seinen rechtsradikalen Anhängern übereinstimmt. Auch das muss man verstehen, um sich keinen Illusionen hinzugeben.

Ich werde auf einige Fragen antworten, die während dieser Sendung gestellt wurden.

Frage. Es gibt leider kein Verfahren zur Suspendierung der Mitgliedschaft in der Europäischen Union. Die EU-Kommissare hätten sich längst etwas einfallen lassen müssen, wie man Orbáns Veto umgehen kann.

Portnikov. Nun, sie versuchen alles zu tun, was sie können. Und in diesen vier Jahren wurden viele Formeln gefunden, die der Ukraine unter Umgehung der ungarischen Position helfen sollten. Aber in jedem Fall müssen Sie sich daran erinnern, dass die EU-Kommissare Menschen sind, die von allen Mitgliedstaaten der Europäischen Union abhängen. So funktioniert die Europäische Union. Und wenn wir irgendwann einmal Mitglieder dieser Organisation werden, was ich sehr hoffe, früher oder später, in den 2020er- oder 2030er-Jahren des 21. Jahrhunderts, dann werden wir selbst die Ersten sein, die daran interessiert sind, das Prinzip der Einstimmigkeit zu bewahren. Denn es kann die Situation eintreten, dass man auf uns spuckt, wenn dieses Prinzip nicht mehr gilt – als Erste übrigens, wiederum wegen des russischen Faktors.

Deshalb ist unbekannt, was jetzt besser ist: die Situation zu bewahren, in der es das Prinzip der Einstimmigkeit gibt, aber Wege zu suchen, Orbán zumindest nach den Parlamentswahlen zu beruhigen, oder von der Abschaffung des Prinzips der Einstimmigkeit zu träumen und danach die ersten Opfer dieser Abschaffung zu werden. Das ist also ebenfalls eine sehr wichtige Frage.

Zuschauer. Keine Armee kann heute in der Verteidigung bessere Fähigkeiten haben als die ukrainische. Mächtige Waffen zu besitzen, ohne die Fähigkeiten ihres ständigen, langjährigen, täglichen Einsatzes zu haben, ist die Schwäche aller Armeen außer der ukrainischen.

Portnikov. Nun, und der russischen. Das muss man ebenfalls immer betonen: außer der ukrainischen und außer der russischen, denn die Gefahr für den Westen geht nicht von uns aus, sondern von der russischen Armee. Die russische Armee hat jetzt vier Jahre ernsthafter Kampferfahrung, die ihr in einem Konflikt mit dem Westen helfen wird, besonders in einem begrenzten Konflikt. Daran muss man denken. Und wir sind aus dieser Sicht nicht nur eine Festung, die den Westen vor Russland schützt, sondern auch eine Anleitung, wie das zu tun ist. Darüber muss man nachdenken, darum muss man sich kümmern, darüber muss man mit unseren Verbündeten sprechen. Das ist ein sehr wichtiger Punkt, an den diejenigen denken müssen, die über ukrainische Argumente in der Situation unserer Integration in den Westen nachdenken. Es wird noch viele solcher schwierigen Episoden geben, nicht nur mit Ungarn. Sie sehen, wie sich der slowakische Ministerpräsident Robert Fico verhält. Und auch das ist übrigens, wie Sie verstehen, ein politisches Spiel, denn Fico versteht die Schwäche seiner Positionen in der Slowakei. Sie sind bei ihm viel schwächer, als sie es in besseren Zeiten bei Orbán in Ungarn waren. Eine schwache Koalition, die nur dank der Unterstützung rechtsradikaler prorussischer Kräfte hält, die Ablehnung der prorussischen, antislowakischen Position des slowakischen Ministerpräsidenten durch einen großen Teil der slowakischen Gesellschaft. Und auch das ist eine Spekulation auf Kosten der Ukraine.

Aber denken Sie daran, dass in den europäischen Ländern bereits eine ganze Reihe rechtsradikaler populistischer Politiker bereitsteht, die bereit sind, für russische, chinesische oder amerikanische Interessen zu kämpfen. Und wir haben jetzt aus der westlichen Presse erfahren, dass eine Gruppe russischer Polittechnologen nach Ungarn gereist ist. Sie verstehen doch, dass das dem Szenario des Jahres 2004 sehr ähnelt, als genau dieselben Leute übrigens dem Wahlkampf zugunsten des prorussischen Kandidaten, faktisch eines Agenten der russischen Geheimdienste, des niederträchtigen Viktor Janukowytsch, dienten. Das heißt, die Methoden sind immer dieselben. Und Sie verstehen: Dort, wo Polittechnologen sind, ist auch Geld. Und wenn dieses Geld in Ungarn eingesetzt werden kann, dann kann es in jedem anderen europäischen Land eingesetzt werden. Denn das ist in der Regel Schwarzgeld. Diese rechts- und linksradikalen Politiker geraten ständig in Geschichten mit russischer Finanzierung. Aber je häufiger sie hinein geraten, desto mehr lernen sie, diese Wünsche und diese Verbindungen nach Moskau zu tarnen.

Frage. Warum ist die Opposition in Ungarn nicht so stark? Worin liegt Orbáns Stärke? In Russland?

Portnikov. Nun, erstens ist die Opposition in Ungarn jetzt Führende im Parlamentswahlkampf. Sie liegt dort derzeit 8 bis 10 Punkte vor Orbán, und die Partei Tisza hat alle Chancen, die Parlamentswahlen zu gewinnen. Und warum war die Opposition so marginalisiert? Ich möchte Ihnen sagen: Sie haben nicht beobachtet, wie Orbán an die Macht kam. Mit Kritik an der Korruptheit der vorherigen Eliten, mit der Erzählung, dass alle Politiker korrupt, unfähig und zu nichts in der Lage seien. Orbáns Machtergreifung selbst, oder besser seine Rückkehr an die Macht, nach der er die Macht nie wieder aus der Hand gab, war ein völlig konkreter Moment. Aber wenn Sie damals in Ungarn gewesen wären und gesehen hätten, was während der Wahlen in diesem Land geschah, als Orbán seine Macht festigte, sagen wir so – das ist schon ziemlich lange her, man kann sagen im Jahr 2010 –, dann wurde diese Rückkehr an die Macht nach seiner nicht besonders langen ersten Amtszeit 1998 bis 2002 gerade von der Enttäuschung der Gesellschaft über die traditionelle politische Elite begleitet. Und es war völlig klar, warum man ihn unterstützte. Und noch ein sehr wichtiger Punkt war die Ausweitung des Kreises der Wahlberechtigten. Im Grunde erhielt jeder ethnische Ungar eine Stimme, selbst wenn er nie in Ungarn gelebt hatte. Und all diese Menschen stimmten aus Dankbarkeit für Orbán als ihren Beschützer und stimmten weiterhin für ihn. Fragen Sie unsere Landsleute aus Transkarpatien, für wen sie all diese Jahrzehnte gestimmt haben? Natürlich für Orbáns Partei. Diejenigen, die ungarische Pässe haben, natürlich – aber das ist eine kleine Wählergruppe, und es gibt sehr viel größere. Auch das ist also Teil der Geschichte. Dann die Kontrolle über die Medien, die Marginalisierung liberaler Medien. Das Problem hat also ziemlich einfache Bestandteile. Die Orientierung auf das lumpenisierte Publikum, Populismus, Telemarathon – nichts, was die Ukrainer nicht kennen würden. Darin liegt Viktor Orbáns Stärke. Sie erschöpft sich nur. Umso mehr, als Ungarn unter Orbán zu einem der ärmsten Länder der Europäischen Union geworden ist und keineswegs zu einem der reichsten. Nun, und ja, das russische Öl, seine Preise – sie haben genau so eine, würde ich sagen, Situation festgeschrieben, in der der Staat scheinbar sozial ist, es in ihm aber keinerlei Entwicklung gibt. Auch das ist bis zu einem gewissen Grad ein Gesetz dieses Erfolgs. Und auch wir haben nach solchen Rezepten gelebt. Nur dass Russland den Ukrainern im Unterschied zu den Ungarn die Ethnizität, die Identität, das Recht auf einen eigenständigen Staat abspricht. Sonst hätten auch wir dort in ganz derselben Form noch sehr lange vor uns hin faulen können. Hoffen wir, dass wir in dieser Situation keiner weiteren erheblichen Eskalation begegnen. Zumindest würde ich das gern glauben.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Навіщо Орбан затримав українців | Віталій Портников. 06.03.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 06.03.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Die Russen haben Janukowitsch hervorgeholt | Vitaly Portnikov. 01.09.2025.

Vor dem Hintergrund von Putins Reise nach China und seinen Gesprächen mit dem Vorsitzenden der VR China, Xi Jinping, sowie anderen Führern der Länder des globalen Südens, haben die Russen erneut ihre Marionette Wiktor Janukowitsch aus der Schublade hervorgeholt – damit der ehemalige ukrainische Präsident versichert, dass er selbst die Ukraine in die Europäische Union geführt habe, nur eben gegen die euroatlantische Integration unseres Landes gewesen sei.

Nun, wie Janukowitsch die Ukraine in die Europäische Union geführt hat, daran erinnern wir uns alle sehr gut. Geführt, geführt – und nicht hingeführt. Er verweigerte die Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens mit Europa sogar dann, als die Europäer beschlossen hatten, beide Augen vor den Maßstäben der doppelten Justiz in der Ukraine zu verschließen.

Übrigens bin ich bis heute der Meinung, dass die Unterzeichnung eines Assoziierungsabkommens mit der Ukraine unter solchen Bedingungen faktisch eine Legitimierung des autoritären Regimes in unserem Land durch die Europäische Union gewesen wäre. Aber selbst das wusste Janukowitsch nicht zu schätzen – nur weil ihm sein Kreml-Betreuer verboten hatte, seine Unterschrift unter dieses Abkommen zu setzen.

Und was Janukowitschs Ablehnung der euroatlantischen Integration betrifft, so ist auch das eine völlig offensichtliche Tatsache. Er war nicht nur gegen die euroatlantische Integration und für die Erklärung der Ukraine zu einem blockfreien Staat. Übrigens erinnern Sie sich, dass Russland 2013 genau die blockfreie Ukraine überfallen hat, deren Mehrheit der Bürger gegen den NATO-Beitritt unseres Landes war. Er ernannte auch noch Russen zu Verteidigungsministern der Ukraine und verwandelte aktiv das Verteidigungsministerium unseres Landes sowie die Sicherheitsdienste in Filialen der entsprechenden russischen Behörden.

Das Wichtigste aber ist: Mit einem Abstand von 11 Jahren verstehen wir heute sehr gut, dass das Assoziierungsabkommen, dessen Verweigerung eine umfassende politische Krise auslöste, die zum Maidan 2013–2014 wurde und später zum russischen Angriff auf unser Land führte, keineswegs irgendein Schutzmechanismus gegen russischen Einfluss war – wie damals viele dachten. 

Denn die Unterzeichnung dieses Abkommens durch Georgien hindert Russland nicht daran, seinen Einfluss in diesem Land selbst nach dem Krieg von 2008 wiederherzustellen. Und die Unterzeichnung dieses Abkommens in Moldau hat die prorussischen Kräfte in diesem Land nicht beseitigt. Mehr noch: Sie erlaubt Russland, auf deren Rückkehr bei den kommenden Parlamentswahlen in Moldau zu hoffen. Und auch die Mitgliedschaft in der Europäischen Union, wie wir nun im Falle Ungarns unter Viktor Orbán oder der Slowakei unter Robert Fico sehen, ist keineswegs ein Schutzmechanismus gegen russischen Einfluss.

Putin wollte weder die Ukraine Janukowitschs noch eine Ukraine, die von irgendeinem anderen prorussischen Politiker regiert würde. Er wollte, dass die Ukraine überhaupt nicht existiert. Deshalb war Janukowitsch für ihn keine Marionette, sondern der Leiter eines Liquidationsteams, dessen Aufgabe darin bestand, den Boden für die Schaffung zunächst eines Unionsstaates von Russland, der Ukraine und Belarus vorzubereiten – und später für den Anschluss dieser ehemaligen Sowjetrepubliken als Regionen an Russland.

Darum regte Putin das Assoziierungsabkommen der Ukraine mit der EU so auf – weil es offensichtlich der weiteren Liquidierung der ukrainischen Staatlichkeit nicht dienlich war. Janukowitsch und sein Umfeld machten klar den falschen Schritt, ohne es selbst zu begreifen, weil er meinte, dass „Texas von den Texanern geplündert werden müsse“, dass er treu Putin dienen würde, dass die Ukraine ein Land wie Lukaschenkos Belarus sein würde und dass dies Putin zufriedenstellen müsse. Doch Putin zufriedenstellen konnte nur das Verschwinden der Ukraine von der politischen Weltkarte. Und genau dafür ist der russische Führer bereit, jeden Preis zu zahlen, wie wir uns nun – im vierten Jahr des großen russisch-ukrainischen Krieges – überzeugen können.

Doch die Frage ist nicht, was Janukowitsch einschätzen konnte und was nicht. Denn das Niveau seiner Fähigkeit, die Realität um ihn herum realistisch zu bewerten, ist seit der Zeit bekannt, als dieser Mensch in unserem Land eine „politische Karriere“ machte – wenn man das überhaupt so nennen kann.

Es geht darum, warum die Russen diese Marionette überhaupt wieder hervorgezogen haben. Und das bedeutet, dass sie möglicherweise erkennen, dass es ihnen doch nicht gelingen wird, das gesamte Territorium der Ukraine zu besetzen. Sie bereiten sich auf den Einfluss auf jenem Gebiet vor, das sich zum Zeitpunkt des Kriegsendes und möglicher Wahlen unter der Kontrolle der legitimen ukrainischen Regierung befinden wird. Und natürlich haben sie auch nicht die Absicht, dieses Gebiet in Ruhe zu lassen. Und wenn es schon nicht gelingen sollte, es zu besetzen und einzugliedern, dann muss es eben in ein „Janukowitsch- oder Medwedtschuk-Ukraine“ verwandelt werden – oder in die eines anderen, den sie zu einem Janukowitsch oder Medwedtschuk machen.

Dafür muss man denjenigen Teilen der ukrainischen Bevölkerung, die noch immer Illusionen über ein mögliches Nebeneinander mit Russland in getrennten Staaten hegen, in Erinnerung rufen, dass die prorussischen Kräfte ja gar nicht so schlimm gewesen seien – dass sie europäische Integration, Frieden, ein normales Leben wollten, und dass nur diese verfluchten Nationalisten, diese Radikalen alles verdorben hätten.

Es ist kein Zufall, dass Janukowitsch gerade jetzt seine Erklärungen abgibt – in dem Moment, in dem wir uns vom ehemaligen Vorsitzenden der Werchowna Rada der Ukraine, Andrij Parubij, verabschieden. Einer jener Politiker, die die Ukraine zu einem eigenständigen, souveränen, nationalen Staat machen wollten – und nicht zu einer lächerlichen, umbenannten Sowjetrepublik, einem russischen Bantustan.

Und es sei daran erinnert, dass genau ein solches politisches Entwicklungsprogramm für die Ukraine über Jahrzehnte von der überwältigenden Mehrheit der Bürger unseres Landes unterstützt wurde. Und genau deshalb kam der brutale, endlose Krieg auf ukrainischen Boden – weil diese Menschen nicht erkannten, mit welcher Gefahr, mit welchem Feuer sie spielten.

Nun aber, wie wir sehen, hoffen die Russen, dass – selbst wenn sie irgendwann gezwungen werden, den Krieg zu beenden – man die Ukraine dennoch nicht aus Putins blutigen Armen entkommen lassen darf. Dass der Teil der ukrainischen Bevölkerung, der früher immer für prorussische, antiukrainische, populistische Kräfte gestimmt hat, wieder zu seinen politischen Prioritäten zurückkehrt. Dass er ja nicht auf den Gedanken kommen darf, für ukrainische patriotische Parteien zu stimmen. Nein, das würde die Russen nicht zufriedenstellen – dass diese Menschen, trotz Blut, Tod und Bombardierungen, eine würdige politische Alternative bekämen. Neue Janukowitschs, oder vielleicht auch die alten. Neue Medwedtschuks, oder vielleicht auch die alten.

Genau deshalb holen die Russen erneut aus der schmutzigen Schublade eine schmutzige politische Marionette hervor, befleckt mit ukrainischem Blut. Eine Marionette, die sich nicht schämt zu erzählen, was sie angeblich für die Entwicklung des ukrainischen Staates getan habe. Eine Marionette, für deren Wahl damals der Weg in den großen Krieg geöffnet wurde.

Europäer lehnen die Kapitulation der Ukraine ab | Vitaly Portnikov. 28.08.2025.

Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz betonte, dass die Europäer zwar für einen schnellen Frieden in der Ukraine eintreten, jedoch nicht um jeden Preis – nicht zum Preis einer Kapitulation der Ukraine. Gerade für einen gerechten Frieden arbeiten sie mit den Vereinigten Staaten und anderen Verbündeten zusammen.

Diese Worte des deutschen Bundeskanzlers können in gewissem Maße als Antwort auf jene amerikanischen Beamten betrachtet werden, die in den letzten Wochen und Tagen von der Notwendigkeit ukrainischer Zugeständnisse an Russland sprechen und sogar die Möglichkeit zulassen, dass dieser Krieg in erster Linie zu russischen Bedingungen beendet wird. Bedingungen, die echte territoriale Zugeständnisse seitens der Ukraine vorsehen. Und zwar nicht nur in Bezug auf Gebiete, die heute bereits vom Aggressor kontrolliert werden, sondern auch auf jene Territorien, die derzeit unter dem Schutz der ukrainischen Verteidigungskräfte stehen, die aber nach Putins Ansicht kampflos an die russischen Besatzer übergeben werden sollen.

Wichtig ist auch der Kontext dieser Erklärung. Friedrich Merz sprach sie im Beisein von drei weiteren Staats- und Regierungschefs aus: des französischen Präsidenten Emmanuel Macron, des polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk und der moldauischen Präsidentin Maia Sandu. Man kann daher davon ausgehen, dass es sich hierbei um eine gemeinsame Sichtweise europäischer Führer handelt. Denn Merz, Macron und Tusk reisten am Unabhängigkeitstag der Republik Moldau nach Chișinău, um die Bürger dieses Landes in ihrem Wunsch nach einem Beitritt zur Europäischen Union zu unterstützen.

Dieser Besuch findet unmittelbar vor den Parlamentswahlen in Moldau statt. Wie bekannt ist, konzentriert Russland derzeit erhebliche politische, wirtschaftliche und finanzielle Anstrengungen darauf, sich für die Niederlage des prorussischen Kandidaten bei den moldauischen Präsidentschaftswahlen zu rächen. Moldau ist eine parlamentarische Republik. Sollte es den prorussischen Kräften, hinter denen selbstverständlich der Kreml steht, bei den Wahlen zum höchsten Gesetzgebungsorgan des Nachbarlandes gelingen, zu siegen, könnte dies auch im russisch-ukrainischen Krieg zu ernsthaften Problemen führen.

Denn Russland versucht, wie bekannt, die Ukraine mit feindlichen Ländern einzukreisen, die in der Lage wären, sowohl die Hilfe für unser Land als auch die europäische und euroatlantische Integration der Ukraine zu blockieren. Wir sehen das am Beispiel der politischen Positionen der Ministerpräsidenten Ungarns und der Slowakei, Viktor Orbán und Robert Fico. Die Entstehung eines alternativen Machtzentrums in Chișinău, das die Befugnisse von Präsidentin Maia Sandu beschneiden und versuchen würde, die Hilfe für die Ukraine über moldauisches Territorium zu blockieren, wäre für Moskau ein echtes politisches Geschenk.

Gerade deshalb sind Donald Tusk, Emmanuel Macron und Friedrich Merz mit diesem gemeinsamen Besuch nach Chișinău gekommen. Viele können ihn als Unterstützung der proeuropäischen Kräfte in Moldau ansehen – in ihrem Bemühen, nach den Parlamentswahlen die Hebel der Macht zu behalten und Moskau keine Möglichkeit zur politischen Rache zu geben. Aus dieser Perspektive ist auch klar, dass ein gerechtes Ende des russisch-ukrainischen Krieges eine Frage der Souveränität und Unabhängigkeit Moldaus ist.

Wir erinnern uns, dass schon im ersten Monat dieses Krieges ein dreister russischer General betonte, Ziel der Streitkräfte der Russischen Föderation sei es, die Grenzen der Ukraine bis zur selbsternannten Transnistrischen Moldauischen Republik zu erreichen. Dort befindet sich noch immer die russische Armee, und an der Macht sind Agenten des russischen Einflusses mit Moskauer Pässen.

Wir verstehen sehr gut, warum die russische Armee die Grenze der Oblast Odessa zu Transnistrien erreichen wollte. Nicht nur, um den Süden der Ukraine unter Kontrolle zu bringen und unserem Land den Zugang zum Meer zu nehmen – ein Traum, den man im Kreml nach wie vor hegt –, sondern auch, um den Krieg auf das Territorium der Republik Moldau zu tragen. Damit sollte das russische Kontingent in Transnistrien massiv verstärkt werden, das dank der gemeinsamen Haltung der Ukraine und Moldaus derzeit nicht erneuert wird, und außerdem die freie Hälfte des moldauischen Territoriums unter Kontrolle gebracht werden. Das hätte die Möglichkeit eröffnet, die Staatlichkeit nicht nur der Ukraine, sondern auch der Republik Moldau zu zerstören.

Solche Absichten gibt es im Kreml schon seit den 1990er-Jahren. Fast unmittelbar nach dem Sieg der russischen Demokraten im August 1991 unterstützte die neue demokratische Führung Russlands nicht die Regierung der Republik Moldau unter ihrem damaligen Präsidenten Mircea Ion Snegur – einem der wenigen postsowjetischen Führer, die Jelzin in seinem Kampf gegen die Putschisten unterstützten –, sondern die separatistische, pro-kremlische, antidemokratische und korrupte Macht in dem sogenannten Transnistrien unter Igor Smirnov, einem Agenten der sowjetischen und später der russischen Geheimdienste.

Dass Jelzin im Konflikt in Moldau die Verwaltung Smirnovs und nicht diejenige Snegurs unterstützte, hätte für die Führer aller anderen ehemaligen Sowjetrepubliken ein ernstes Signal sein müssen: Sie hätten erkennen sollen, welche wirkliche Haltung die russische politische Führung gegenüber ihrer Staatlichkeit einnimmt. Leider geschah dies nicht.

So erlebten wir schließlich die Machtübernahme durch Putin, der bereit war, Kampfhandlungen bereits auf das Territorium der Ukraine zu verlagern und – im Gegensatz zu Jelzin – in einem viel größeren Maßstab zu handeln, in der Hoffnung, die Unabhängigkeit aller jener ehemaligen Sowjetrepubliken zu vernichten, die der Kreml erreichen kann.

Und in dieser Situation kann die Anwesenheit des französischen Präsidenten, des deutschen Bundeskanzlers und des polnischen Ministerpräsidenten am Unabhängigkeitstag in der Hauptstadt des Nachbarlandes bedeuten, dass Europa diese Herausforderung Russlands annimmt. Zumindest, wenn es um die europäischen Länder des postsowjetischen Raumes geht, ist Europa bereit, für ihre Integration in die EU und ihre Zugehörigkeit zur zivilisierten Welt zu kämpfen – und nicht zu einer Welt, die von kriminellem Moskauer Einfluss beherrscht wird, der die Völker ihres Existenzrechts und die Länder ihres Rechts auf Souveränität und Unabhängigkeit berauben will.

Aus all dem folgt selbstverständlich, dass der russisch-ukrainische Krieg auf keinen Fall mit einer Kapitulation der Ukraine enden darf, sondern für die Russische Föderation selbst beschämend enden muss. Denn wenn die Bürger Russlands nicht alle schändlichen Folgen des Angriffs ihres Landes auf die Ukraine in den Jahren 2014 und später 2022 erkennen, kann ich Ihnen absolut garantieren, dass die Kriege im postsowjetischen Raum und in Mitteleuropa nicht aufhören, sondern mit neuer Kraft weitergehen und das politische Bild des europäischen Kontinents im 21. Jahrhundert prägen werden.

Darum müssen wir diese These vom gerechten Frieden ohne Kapitulation gegenüber einem der kriminellsten Regime des 21. Jahrhunderts – dem Putin-Regime – aufrechterhalten.

Trump hat Orbans Widerstand gebrochen | Vitaly Portnikov. 27.08.2025

Die Zeitung Politico berichtet, dass Donald Trump Viktor Orbán überzeugen konnte, den weiteren Boykott des Verhandlungsprozesses mit der Ukraine über einen Beitritt zur Europäischen Union aufzugeben. Wie bekannt ist, blockiert derzeit gerade das ungarische Veto den Beginn eines solchen Prozesses.

Die Europäische Union befand sich dadurch in einer sehr schwierigen Lage. Das betrifft nicht nur die Ukraine, sondern auch die Republik Moldau. Wie bekannt ist, gehen beide Länder gemeinsam in den Verhandlungsprozess. Wenn man jetzt keine Beitrittsgespräche mit der Ukraine und Moldau aufnimmt, könnte dies die Chancen der Partei der moldauischen Präsidentin Maia Sandu bei den kommenden Parlamentswahlen in ihrem Land beeinträchtigen. 

Wenn man jedoch die Verhandlungen ohne die Ukraine beginnt und damit Kyiv und Chișinău im Integrationsprozess auseinanderreißt, bedeutet das, anzuerkennen, dass die Ukraine gegenüber der Republik Moldau erheblich zurückliegt und unter die sogenannten wenig aussichtsreichen EU-Beitrittskandidaten fällt. Und das, obwohl in Brüssel noch vor Kurzem sogar über einen sogenannten beschleunigten Beitritt der Ukraine zur Europäischen Union diskutiert wurde.

Viktor Orbán blockierte den Beginn der Verhandlungen vor allem aus politischen Gründen. Man muss verstehen: Verhandlungen bedeuten noch lange nicht die Mitgliedschaft, sondern sind ein sehr langwieriger Konsultationsprozess darüber, wie die Ukraine und die Europäische Union ihre Gesetzgebung harmonisieren und wie die Interessen der EU und der Ukraine auf den Zeitpunkt abgestimmt werden, an dem die Ukraine Mitglied wird. Für viele europäische Staaten, die der Union in den letzten Jahrzehnten beigetreten sind, nahm dieser Prozess eine lange Zeit in Anspruch – insbesondere, wenn es um nationale wirtschaftliche Interessen und Befürchtungen ging, der EU-Beitritt könne ganze Wirtschaftssektoren gefährden.

So war es zum Beispiel bei Polen, das über lange Zeit die Interessen seiner eigenen Landwirte verteidigte, was den EU-Beitritt erheblich verzögerte – am Ende jedoch tatsächlich ermöglichte, dass die polnische Landwirtschaft wettbewerbsfähig blieb.

Übrigens liegt gerade in dieser Wettbewerbsfähigkeit der polnischen Landwirtschaft – durch die Unterstützung der EU – das Geheimnis, warum polnische Bauern so verärgert reagieren, wenn ukrainische Konkurrenten auf dem europäischen Markt auftreten. Seit Beginn des großen Krieges Russlands gegen die Ukraine konnten sie dort nämlich faktisch wie gleichberechtigte Vertreter eines EU-Landes handeln – obwohl die Ukraine bisher noch gar nicht Mitglied ist.

Daher kann man nicht behaupten, dass der Verzicht Viktor Orbáns auf sein Veto gegen Beitrittsgespräche automatisch die Aufnahme der Ukraine in die Europäische Union bedeutet. Das weiß auch Orbán ganz genau. Der Kern seines Vetos liegt vielmehr in seinen innenpolitischen Interessen. Orbán baut den Wahlkampf seiner Partei – die nach vielen Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, erstmals Gefahr läuft, die Parlamentsmehrheit zu verlieren – auf anti-ukrainischer Rhetorik auf. Er erinnert die Wähler daran, dass er ein „Friedenspremier“ sei, während seine Gegner Ungarn in den Krieg führen könnten.

In diesem Kontext passen auch seine Worte, dass die Aufnahme der Ukraine in die EU einen Krieg europäischer Länder – einschließlich Ungarns – mit der Russischen Föderation bedeuten würde, perfekt ins Wahlkampfnarrativ. Obwohl man in Moskau offiziell, wie wir wissen, die europäische Integration der Ukraine nie als Bedrohung der nationalen Sicherheit Russlands darstellte. An erster Stelle steht für den Kreml die NATO. Man sollte sich erinnern: Auch das Assoziierungsabkommen der Ukraine mit der EU im Jahr 2013 rief in Moskau Verärgerung hervor, jedoch ohne militärische Drohungen. Diese entstanden erst nach dem Sturz des Marionettenregimes von Wiktor Janukowytsch.

Die Europäische Union hat jedoch, wie wir sehen, jetzt nicht die Möglichkeit, darauf zu warten, bis Orbán seine Wahlkampagne beendet. Und wie gesagt betrifft dies nicht nur die Ukraine, sondern auch die Republik Moldau – und den Wunsch, die beiden Länder im Integrationsprozess nicht auseinanderzureißen.

Es bleibt nur die Frage: Was ist für Viktor Orbán im Moment wichtiger – ein Wahlkampf mit anti-ukrainischem Beigeschmack oder eine Verschlechterung seiner Beziehungen zu Donald Trump? Denn der amerikanische Präsident betrachtet die europäische Integration der Ukraine als Teil seiner Bemühungen, den russisch-ukrainischen Krieg zu beenden – gewissermaßen als Teil eines Systems von „Sicherheitsgarantien“, bei dem jedoch niemand tatsächlich etwas garantiert. 

Wir verstehen ja sehr gut: Ein EU-Beitritt der Ukraine, wenn er nicht mit einer euro-atlantischen Integration des Landes und verlässlichen militärischen Sicherheitsgarantien – vor allem seitens der Vereinigten Staaten und anderer Nuklearstaaten – verbunden ist, bietet keineswegs die Gewissheit, dass Russlands Krieg gegen die Ukraine nicht erneut ausbricht.

Und hier könnte Orbán übrigens recht haben: Denn es wäre der erste große Krieg Russlands auf dem Gebiet eines EU-Mitgliedsstaates – und die übrigen EU-Mitglieder könnten dann nur hilflos die Hände heben und daran erinnern, dass sie ihrem Partner zwar gern helfen würden, die Ukraine aber nun einmal nicht in der NATO ist. Und die EU hat leider keine vergleichbaren Sicherheitsverpflichtungen.

Es ist also klar: Damit der russisch-ukrainische Krieg wirklich beendet wird und nicht die Gefahr besteht, dass erneut Kämpfe ausbrechen – womöglich sogar auf dem Gebiet der Europäischen Union, falls die Ukraine ihr beitritt – braucht es eine umfassende Lösung und vor allem echten Druck auf Russland, nicht bloß verbale Drohungen, die man im Kreml ohnehin völlig ignoriert.

Aber Worte der Drohung können tatsächlich jemanden beeinflussen – nämlich Viktor Orbán, insbesondere wenn sie vom Präsidenten der Vereinigten Staaten ausgesprochen werden. Daher dürfen wir hoffen, dass der ungarische Premierminister tatsächlich in den kommenden Wochen auf sein Veto gegen den Beginn von Beitrittsgesprächen der Ukraine und Moldau mit der Europäischen Union verzichtet. Dann könnte dieser Prozess reale Formen annehmen und beiden Ländern in den kommenden Jahren oder Jahrzehnten eine echte Perspektive auf die Zugehörigkeit zu Europa eröffnen.

Europäer machen Druck auf Xi | Vitaly Portnikov. 24.07.2025.

Der Präsident des Europäischen Rates António Costa und die Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen haben beim EU-China-Gipfel in Peking den Vorsitzenden der Volksrepublik China, Xi Jinping, dazu aufgefordert, auf Russland einzuwirken, damit der Kreml seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine beendet und an den Verhandlungstisch zurückkehrt.

Ursula von der Leyen betonte, dass China Einfluss auf Russland habe, während die Europäische Union auf die Ukraine einwirke – gemeinsam, so ihre Hoffnung, könnten China und die EU den Krieg beenden.

Doch die zentrale Frage bleibt: Ist Xi Jinping überhaupt an einem Kriegsende interessiert? Schon im Vorfeld des Gipfels hatte der chinesische Außenminister Wang Yi, ein enger Vertrauter Xi Jinpings, gegenüber der EU-Kommission erklärt, dass China eine Niederlage Russlands im Krieg gegen die Ukraine nicht zulassen werde. Und in jüngster Zeit lässt sich beobachten, dass Chinas Interesse an russischen militärischen Erfolgen wächst – insbesondere im Kontext des sich verschärfenden Handelskonflikts zwischen den USA und China.

Xi Jinping ist entschlossen, Donald Trump zu zeigen, dass er über zusätzliche Druckmittel gegenüber den Vereinigten Staaten verfügt – eines davon: die Stärkung Russlands. Zwar könnten die USA und die EU gemeinsam durchaus ernsthaften Druck auf China ausüben – das Problem beginnt jedoch genau dann, wenn wirtschaftliche Interessen der USA im Widerspruch zu denen der EU stehen. In einer solchen Konstellation wird Europa faktisch dazu gezwungen, eigene wirtschaftliche Kompromisse mit China zu schließen – und echte politische Hebel gegen China bleiben aus.

Gerade jetzt, da Donald Trump erneut mit Zöllen gegen EU-Staaten droht, stellt sich eine einfache Frage: Wie soll Europa wirtschaftlich bestehen, wenn es gleichzeitig neue Sanktionen gegen China einführt? Und wie tragfähig wären solche Sanktionen, angesichts der wirtschaftlichen Probleme, die aus Trumps protektionistischer Handelspolitik bereits resultieren?

China seinerseits will wohl kein massives Zerwürfnis mit der EU – aber zu Beginn des Gipfels machte Xi Jinping seinen Gästen klar, dass nicht China für die wirtschaftlichen Probleme Europas verantwortlich sei. Eine deutliche Anspielung auf die Politik der USA.

Fakt ist: China hat dem Druck der US-Zölle bisher nicht nur standgehalten, sondern den US-Präsidenten gezwungen, auf neue Strafzölle gegen China zu verzichten.

Ob allerdings ein neuer US-Gesetzentwurf durchgesetzt wird, der Strafzölle auf chinesische Produkte vorsieht, falls China weiterhin russisches Öl kauft – das bleibt unklar. Ebenso offen bleibt, ob Donald Trump wirklich 100-Prozent-Zölle gegen Länder verhängen wird, die russisches Öl importieren – und ob China sich dem beugen würde. Die Vergangenheit spricht dagegen.

All das ist zugleich Ausdruck des komplexen Verhältnisses zwischen der EU und China. In Peking wird derzeit auch über Lieferungen chinesischer Rohstoffe (etwa Seltene Erden), die Rückkehr europäischer Firmen auf den chinesischen Markt und Handelsbedingungen diskutiert. Das sind die vorrangigen Themen, die António Costa, Ursula von der Leyen und Xi Jinping verhandeln.

Die Frage nach den chinesisch-russischen Beziehungen ist dagegen ein klar politisches Thema – eines, das die EU-Spitzen ansprechen müssen, weil China seinem strategischen Partner Russland offen Unterstützung bietet im Krieg gegen die Ukraine.

Doch entscheidend ist nicht die Rhetorik, sondern die Frage: Welche realen Druckmittel stehen dem Westen zur Verfügung, um China zur Aufgabe seiner Unterstützung für Russland zu bewegen? Hat die EU überhaupt solche Instrumente? Und vor allem: Können sie funktionieren, wenn die USA und die EU wirtschaftspolitisch unterschiedliche Wege gehen?

Denn genau diese Differenzen zwischen Washington und Brüssel ermöglichen es Xi Jinping, zwischen beiden Akteuren zu manövrieren – und deren Drohungen weitgehend zu ignorieren. Und warum sollte er es nicht tun?

Natürlich ist es wichtig, dass die EU-Führung Chinas Verantwortung im Ukraine-Krieg betont. Es ist notwendig, darauf hinzuweisen, dass China erheblichen Einfluss auf Russland ausüben könnte – auch wenn fraglich ist, wie groß Xis tatsächlicher Einfluss auf Wladimir Putin ist. Ebenso relevant ist die Botschaft, dass Chinas wirtschaftliche Beziehungen zur EU vom chinesischen Interesse an Frieden und am Völkerrecht abhängen.

Dass solche Aussagen öffentlich in Peking gemacht werden, zwingt die chinesische Führung immerhin dazu, über die langfristigen Konsequenzen ihrer pro-russischen Haltung nachzudenken – und darüber, was es wirklich bedeutet, wenn sie erklärt, eine russische Niederlage in diesem Krieg nicht zuzulassen.

Aber die entscheidende Frage bleibt: Welche wirksamen Hebel haben die USA oder die EU überhaupt? Vor Jahren glaubte man noch, westliche Sanktionen würden Russland zur Rückkehr zum Völkerrecht bewegen. Eine Illusion – ebenso wie die Hoffnung, die „Sanktionen aus der Hölle“, die der Westen 2022 verhängte, würden Wladimir Putin zum Rückzug aus der Ukraine zwingen.

Heute ist klar: Der Westen hat kaum noch wirksame Mittel, autoritäre Regime im Globalen Süden oder deren Unterstützer unter Druck zu setzen – erst recht nicht, wenn unter den westlichen Ländern keine wertebasierte Geschlossenheit besteht.

Und genau diese Zerrissenheit ist es, die autoritären Staaten die Macht gibt, Kriege als legitimes Mittel zur Durchsetzung ihrer Interessen zu nutzen – unbehelligt vom Westen.

Notwendigkeit der Beziehungen zum Taiwan. Vitaly Portnikov. 21.07.2025.

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An diesem Donnerstag werden die Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen und der Präsident des Europäischen Rates António Costa zum Gipfeltreffen EU-China nach China reisen.

Für die Spitzenpolitiker der Europäischen Union ist dies zweifellos ein wichtiges Ereignis – vor allem wegen der Aussicht auf eine weitere wirtschaftliche Zusammenarbeit mit China vor dem Hintergrund der Einführung von US-Zöllen sowie wegen der Verschärfung der politischen Probleme im Zusammenhang mit der offensichtlichen Unterstützung Moskaus durch Peking bei dessen Aggression gegen die Ukraine.

Gleichzeitig wird eine repräsentative Delegation von Abgeordneten des Europäischen Parlaments in Taiwan eintreffen. Die Delegationsmitglieder vertreten die Vereinigung „Europäischer Schild der Demokratie“. Sie planen Treffen mit der taiwanesischen Führung und Vertretern der Zivilgesellschaft, um gemeinsame Maßnahmen gegen hybride Bedrohungen, die Fähigkeit zur Bekämpfung von Desinformation durch autoritäre Regime und die Gefahr eines neuen Krieges – diesmal in der Taiwanstraße – zu erörtern. Die abschließende Pressekonferenz wird die Delegation in Taiwan abhalten – am Mittwoch, einen Tag vor der Ankunft der EU-Spitzen in Peking.

Wie wir sehen, hat man in Brüssel keine Angst davor. Auch in den europäischen Hauptstädten hat man keine Angst vor Kontakten mit Taipeh. Nur wir haben Angst. Dabei ist es China, das demonstrativ mit seiner strategischen Partnerschaft mit Russland prahlt und keinen Hehl aus seiner Absicht macht, eine Niederlage Putins im Krieg gegen die Ukraine zu verhindern.

Seit den ersten Tagen des großen Krieges betone ich: Wenn wir überhaupt einen Dialog mit Peking wollen, müssen wir Trümpfe in der Hand haben. Einer davon muss der Dialog mit Taiwan sein. Es sind sowohl parlamentarische Besuche als auch die Eröffnung eines Büros der Taipeh-Kommission erforderlich – solche gibt es bereits seit langem in Warschau, Berlin und sogar in Moskau. Wir müssen gemeinsame Herausforderungen diskutieren und den Austausch von Militärtechnologien aufbauen. Nur so kann Peking dazu gebracht werden, über den Preis der Unterstützung Moskaus im Krieg gegen uns nachzudenken. Denn sowohl in China als auch in Russland werden die Schwachen niedergeschlagen.

Ich muss jedoch feststellen: Ich werde immer noch nicht gehört. In all den Jahren gab es nur wenige einzelne Besuche von Abgeordneten. Und keinen einzigen Versuch, auch nur eine elementare institutionelle Grundlage für einen systematischen Dialog mit Taiwan zu schaffen.

Ich versuche immer noch zu verstehen: Haben wir es mit politischer Kurzsichtigkeit und Inkompetenz zu tun oder doch mit dem Einfluss von Geschäftsinteressen bestimmter Gruppen, die bereit sind, die nationalen Interessen der Ukraine zu opfern, um in China Geld zu verdienen? Aber das haben wir doch schon mit Russland erlebt – und wir wissen sehr gut, wie das ausgegangen ist.

Ukraine und EU Mitgliedschaft, im Schatten der polnischen Politik. 31.05.2025.

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Als der Ukraine im Juni 2022 der Kandidatenstatus für EU zuerkannt wurde, warnte ich davor, dass die Verhandlungen mit den Nachbarländern über Fragen, die nicht direkt mit der Mitgliedschaft selbst zusammenhängen, viel komplizierter sein würden als die klassischen Verhandlungen.

Wie üblich glaubte man mir nicht und versicherte mir, dass die EU genügend Einfluss auf Länder wie Ungarn oder die Slowakei habe, die wirtschaftlich von der Hilfe Brüssels abhängig seien. Ich glaubte und glaube immer noch, dass das Haupthindernis die historische Position Polens sein würde, an der kaum jemand etwas ändern könnte. Ich halte die jüngsten Äußerungen des Präsidenten dieses Landes, Andrzej Duda, nicht für ein Element des Wahlkampfes, sondern für einen Brief aus der Zukunft.

Dabei geht es nicht einmal um die Frage, welche Version der Geschichte mehr der Realität entspricht. Das Problem ist ein anderes: Die Europäer selbst haben einen Präzedenzfall geschaffen, dass historische und nationale Fragen den Prozess der Integration in die NATO und die EU blockieren können. Die Integration Nordmazedoniens ist genau der Fall, der die Ukraine vor unüberwindbare Schwierigkeiten stellen kann. Übrigens habe ich 1991 in einem Artikel über die Unabhängigkeit Mazedoniens dieses Land als die „Ukraine des Balkans“ bezeichnet. Und zwar nicht, weil ich die aktuellen Ereignisse im Zusammenhang mit der Integration vorhersah, sondern weil ich verstand, dass die komplexen Identitätsbeziehungen Mazedoniens mit seinen Nachbarn nur mit den Problemen der Ukraine verglichen werden können.

Der Westen war sich einst einig, dass Griechenlands Position zum verfassungsmäßigen Namen Mazedoniens ein Hindernis für den Beitritt des Landes zur NATO und zur EU sein könnte. Um es zynisch auszudrücken: Mazedonien hatte einfach Glück, dass in Griechenland eine große Wirtschaftskrise herrschte, die den Einfluss der traditionellen politischen Parteien vorübergehend schwächte und die Bildung einer Regierung aus Linksradikalen ermöglichte, die nicht so sehr auf die Geschichte fixiert waren und entgegen dem Mainstream handeln konnten.

Keine klassische politische Partei in Griechenland, ob rechts oder links, wäre jemals damit einverstanden gewesen, dass Mazedonien das Wort „Mazedonien“ in seinem Namen behält. Und keine politische Kraft in Mazedonien würde jemals freiwillig auf dieses Wort verzichten. Aber Skopje hat einfach die Gunst der Stunde genutzt, auch wenn die rechtsgerichteten mazedonischen Nationaldemokraten, die derzeit an der Macht sind, diesen Kompromiss noch immer nicht anerkennen. Auf die eine oder andere Weise wurde Nordmazedonien NATO-Mitglied.

Die Probleme endeten damit jedoch nicht: Bulgarien kam ins Spiel, und seine Forderungen an Nordmazedonien gingen viel tiefer als die griechischen, denn sie betrafen nicht den Namen, sondern die Geschichte, die Identität und Fragen der bulgarischen Präsenz – und erforderten Verfassungsänderungen weitreichenderer Art.

Anstatt den Bulgaren zu raten, diese Fragen nach dem Beitritt Nordmazedoniens innerhalb der EU zu lösen, begannen die Europäer, den Mazedoniern zu raten, ihre eigene Gesetzgebung zu ändern, um den Weg für die Aufnahme von Verhandlungen zu ebnen. Es ist wichtig, dies zu bedenken: Bulgarien hat in der Europäischen Union nicht einmal so viel Einfluss wie Ungarn.

Deshalb habe ich wenig Zweifel daran, dass sich der Prozess der europäischen Integration der Ukraine um viele Jahre verzögern könnte. Wenn die Rechtsextremen, die sich selbstbewusst auf dieses Ziel zubewegen, in Polen an die Macht kommen, werden sie den Prozess aus historischen Gründen blockieren. Wenn die Liberalen an der Macht sind, werden sie den Prozess aus wirtschaftlichen Gründen blockieren, auch wenn sie dies mit historischen Fragen begründen werden. Es wird noch möglich sein, eine Verständigung mit den Liberalen zu versuchen, wenn wir uns auf wirtschaftliche Kompromisse einigen können. Aber es wird unmöglich sein, mit der extremen Rechten eine prinzipielle Einigung zu erzielen.

Und wir werden auf unser „Fenster der Gelegenheit“ warten müssen – einen Regierungswechsel in Ungarn oder eine große Wirtschaftskrise in Polen, die die politische Landschaft des Landes radikal verändern wird.

Das Einzige, was unsere Nachbarn wirklich beeinflussen kann, ist nicht die Logik des gesunden Menschenverstandes, sondern die Angst, dass die Ukraine, die hinter den Türen Europas zurückbleibt, früher oder später Teil Russlands wird, das durch die europäische Kurzsichtigkeit nicht schwächer, sondern nur stärker wird.

Leider habe ich immer weniger Hoffnung, dass sich diese Einsicht durchsetzen wird.