Merz’ Plan für die Ukraine | Vitaly Portnikov. 27.04.2026.

Der Bundeskanzler Deutschlands Friedrich Merz bezeichnet einen EU-Beitritt der Ukraine bereits im Jahr 2027 als unrealistisch und betont, dass ein solcher Beitritt kaum möglich sei, solange auf dem Territorium der Ukraine Kampfhandlungen andauern und solange Fragen im Zusammenhang mit der Erfüllung der Anforderungen der Europäischen Union, insbesondere der Korruptionsbekämpfung, nicht gelöst sind. Das sei, wie Friedrich Merz unterstreicht, bislang nicht ausreichend.

Die Aussage des deutschen Bundeskanzlers hat im ukrainischen Informationsraum für Aufsehen gesorgt, obwohl das meiner Meinung nach überzogen ist. Denn der Bundeskanzler  Deutschlands hat nichts wirklich Sensationelles gesagt. Zumindest nichts, was uns beunruhigen müsste, wenn wir über unsere europäische Integration sprechen.

Merz ist eher ein Realist. Ich glaube nicht, dass der Beitritt eines Landes, auf dessen Territorium intensive Kampfhandlungen andauern, zur Europäischen Union jemals ernsthaft von den Mitgliedstaaten dieser Gemeinschaft in Betracht gezogen wurde. Und gerade die Bemühungen zur Beendigung der Kampfhandlungen sind ein Teil der europäischen Integration der Ukraine.

Doch hier stellt sich die Frage, von der Friedrich Merz spricht und die ebenfalls vor dem Beitritt der Ukraine zur Europäischen Union gelöst werden muss. Es ist die Frage der besetzten Gebiete der Ukraine.

Wie bekannt ist, verlangt die Europäische Union von ihren Mitgliedern, dass sie Probleme im Zusammenhang mit ihrer territorialen Integrität lösen. Zuletzt wurden solche Anforderungen an Zypern gestellt.

Bekanntlich kontrolliert die Regierung der Republik Zypern einen Teil ihres Territoriums nicht, auf dem sich die selbsternannte Türkische Republik Nordzypern befindet, die nur von der Türkei anerkannt wird, die auf diesem Gebiet ein eigenes Militärkontingent unterhält. Die Republik Zypern wie auch die selbsternannte Türkische Republik Nordzypern verpflichteten sich, ein Referendum über die Wiedervereinigung durchzuführen. Und dieses Referendum, das bereits nach dem Beitritt Zyperns zur Europäischen Union stattfand, war damit verbunden, dass die Bürger der international anerkannten Republik Zypern einer Vereinigung der Territorien nicht zustimmten.

Für Europa wurde dies zu einer Lehre. Und nun stellt sich eine ziemlich ernste Frage: Wie wird die Frage der Gebiete gelöst werden, die heute von Russland besetzt sind, im Kontext der europäischen Integration der Ukraine?

Ich möchte betonen, dass Merz nicht davon spricht, dass die Ukraine irgendwo ihre Truppen abziehen müsse, wie es in den Vereinigten Staaten gesagt wird. Er stellt die Frage nach dem Schicksal jener Territorien, die bereits jetzt von russischen Truppen besetzt sind. Und natürlich kann die Frage des rechtlichen Status dieser Gebiete oder die Bereitschaft der Ukraine, ihre Rückkehr auf diplomatischem Wege zu erreichen, Teil eines Friedensabkommens mit Russland werden.

Und für den Präsidenten der Ukraine Volodymyr Zelensky soll ein solches Friedensabkommen nach Ansicht des Bundeskanzlers auch eine Antwort auf die Frage der europäischen Integration sein. Denn ohne eine rechtliche Lösung des Problems der besetzten Gebiete wird die europäische Integration der Ukraine nicht stattfinden, während sie sich mit einer solchen Lösung beschleunigen kann.

Das ist das, was man in der Europäischen Union denkt, und das ist es, was der Bundeskanzler sagt. Nicht mehr und nicht weniger.

Und natürlich auch der Zeitpunkt des Beitritts. Zelensky spricht vom Jahr 2027, aber Friedrich Merz sagt, dass dies weder 2027 noch sogar am 1. Januar 2028 geschehen wird.

Offensichtlich wird der vollständige Beitritt der Ukraine zur Europäischen Union erst dann erfolgen, wenn das Land die Beitrittskriterien dieser Gemeinschaft erfüllt. Und übrigens schließt niemand aus, dass dies so viel Zeit in Anspruch nehmen wird, dass die Kampfhandlungen auf dem Territorium unseres Landes dann tatsächlich beendet sein werden und die rechtlichen Fragen im Zusammenhang mit den besetzten Gebieten gelöst sein werden.

Gleichzeitig spricht der Bundeskanzler über etwas, worüber man derzeit in Europa nachdenkt und was von der ukrainischen Regierung und Gesellschaft nicht akzeptiert wird: die Möglichkeit einer Teilnahme der Ukraine an der Europäischen Union bereits jetzt, jedoch unter Bedingungen einer sogenannten eingeschränkten Mitgliedschaft, also einer Mitgliedschaft mit Beobachterrechten. In der Europäischen Kommission und möglicherweise im Europäischen Parlament könnten Vertreter der Ukraine präsent sein, jedoch mit beratender Stimme.

In der Ukraine wurde wiederholt betont, dass man eine solche hybride Mitgliedschaft nicht wünscht und ein vollwertiges Format des Beitritts zur Europäischen Union anstrebt. Dem stimme ich vollkommen zu, doch die Frage ist, dass eine vollwertige Mitgliedschaft in der Europäischen Union – wenn es sowohl um Verhandlungen als auch um die Beendigung der Kampfhandlungen geht – eine ziemlich lange Zeit in Anspruch nehmen kann. Meiner Meinung nach könnte dies innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre geschehen. Und ich würde diesen zeitlichen Abstand nicht unterschätzen.

Was soll die Ukraine also tun? Solchen hybriden Formen der Mitgliedschaft, einer Teilnahme an der Arbeit europäischer Institutionen als Beobachter mit beratender Stimme, einer Präsenz auf dem Markt der Europäischen Union mit bestimmten Präferenzen kann man unter einer einfachen Bedingung zustimmen: wenn dies nicht das Ende, sondern eine Fortsetzung darstellt.

Wenn eine solche beratende Stimme für die Ukraine und möglicherweise für andere Länder, die Mitglieder der Europäischen Union werden möchten, in der EU nur als Teil eines Prozesses langer und langwieriger Verhandlungen über die europäische Integration der Ukraine wahrgenommen wird, dann kann dieses Format – das wiederum nicht nur für die Ukraine, sondern auch für andere Kandidatenländer geschaffen werden muss – als Ergänzung zu den Verhandlungen betrachtet werden, die in den 2020er und vielleicht auch in den 2030er Jahren dieses Jahrhunderts stattfinden und die Europäische Union selbst verändern werden.

Doch wenn die Idee einer halbierten Mitgliedschaft faktisch eine Beendigung der europäischen Integration der Ukraine bedeuten würde, also die Unmöglichkeit der Teilnahme unseres Landes am Binnenmarkt Europas und an der Freizügigkeit der Bürger innerhalb der Europäischen Union, wenn die Ukrainer nicht einfach Bürger eines Landes mit beratender Stimme wären, sondern Bürger Europas zweiter Klasse, dann ist eine solche Integration weder für unser Land noch für die Europäische Union erforderlich.

Doch jeder weiß, was die Alternative zu einer solchen Integration ist. Sie ist eine: das Verschwinden des ukrainischen Staates von der politischen Weltkarte und die Eingliederung seines Territoriums in die Russische Föderation. Und das ist nicht nur etwas, was die Ukrainer nicht wollen, sondern es schafft auch ernsthafte Probleme für die Sicherheit Europas und das Überleben vieler seiner Nationen in den kommenden schweren Jahren der Konfrontation und Krisen, in die der europäische Kontinent eintritt und die aus Sicht der Entwicklung politischer Prozesse in der modernen Welt unvermeidlich sind.

So sind an der europäischen Integration der Ukraine, an unserem Überleben als Staat und als Nation nicht nur wir interessiert. Daran sollten auch die Europäer interessiert sein – vorausgesetzt natürlich, sie wollen die kommende Periode von Kriegen, Krisen, Konflikten und Problemen mit möglichst geringen Verlusten durchstehen.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: План Мерца для України | Віталій Портников. 27.04.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 27.04.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

Original ansehen

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Methodologie der Folter. Wie die Russen auf den besetzten Gebieten eine Atmosphäre der Angst formen und warum Kollaborateure nicht immer Feinde sind – Interview. Nv.ua. 24.03.2026.


Serhii Danylov, stellvertretender Direktor des Zentrums für Nahoststudien. / Foto: DR

https://nv.ua/ukr/ukraine/politics/metodologiya-katuvan-yak-rosiyani-formuyut-atmosferu-strahu-na-okupovanih-teritoriyah-i-chomu-kolaboranti-ne-zavzhdi-vorogi-interv-yu-50594201.html?fbclid=IwZnRzaAQ1FgNmZGlkFlA80YCmPptqTXQynTWoXkf6p28Tsm5leHRuA2FlbQIxMQBzcnRjBmFwcF9pZAo2NjI4NTY4Mzc5AAEeFhBKAUSCj6BB66l81s6yjIYm7MFZK7EDwLKZSwTThmQND4tuGFqd-H3lZog_aem_EMANkH_hid871fUteQn_aw&preview=

Serhii Danylov, stellvertretender Direktor des Zentrums für Nahoststudien, berichtet, wie er seit Beginn des großen Krieges gemeinsam mit Kollegen Zeugnisse von Ukrainern gesammelt hat, die die Besatzung erlebt haben oder erleben, und zu welchen Schlussfolgerungen sie gelangt sind.

Seit mehr als vier Jahren begeht Russland systematisch Verbrechen gegen Ukrainer und die ukrainische Identität in den besetzten Gebieten der Regionen Saporischschja und Cherson. Den Charakter dieser Verbrechen, ihre Durchdachtheit und Systematik untersucht das Zentrum für Nahoststudien.

Seit Beginn der Besatzung spricht das Forschungsteam des Zentrums mit Ukrainern in den besetzten Gebieten sowie in den befreiten Ortschaften der Region Cherson und hat kürzlich die Studie „Auf der Suche nach Wegen zur Wiederherstellung: Risiken und Besonderheiten der Deokkupation“ vorgestellt, in der die Erfahrungen von Menschen systematisiert wurden, die Zeugen und Geiseln russischer Gewalt und Propaganda geworden sind. Über die wichtigsten Thesen und Schlussfolgerungen der Studie spricht NV mit dem stellvertretenden Direktor des Zentrums für Nahoststudien, Serhii Danylov.

— Inwieweit ist die Russifizierung der besetzten Gebiete heute ein bewusst kalkulierter Plan Russlands oder handelt es sich noch immer um eine chaotische Suche nach Methoden?

— Ich bin sicher, dass es bereits ein ausgearbeiteter Plan ist. Mehr noch: Aus vielen Interviews und persönlichen Gesprächen mit Menschen, die sich auf den vorübergehend besetzten Gebieten befanden oder befinden, sehe ich, dass selbst auf der niedrigsten Ebene die russischen Militärs und die russische Bürokratie Anweisungen erhalten, wie dies umzusetzen ist. Diese Anweisungen stimmen weitgehend mit dem überein, was sie auf der Krim gemacht haben. Leider haben wir diese Krim-Erfahrung schlecht studiert, während sie begonnen haben, sie auf die neu besetzten Gebiete anzuwenden.

Gleichzeitig stießen die Russen in den Regionen Saporischschja und Cherson auf unerwarteten Widerstand – sowohl offen als auch verdeckt – sowie auf Versuche, sich dem russischen Druck zu entziehen. Zum Beispiel gaben sich die Menschen während der Phase der Ausstellung russischer Pässe gegenseitig Hinweise, in welchem Passbüro man nicht vor der Kamera die Hymne singen oder laut den Eid auf Russland ablegen musste und wo man den Pass einfach formell erhielt und ging.

— Wenn es sich um eine ausgearbeitete Politik handelt, welchen Zeithorizont hat sie, in wie vielen Jahren ist Russland heute in der Lage, die Kontrolle über die Region zu erlangen?

— Es gibt zwei Faktoren, die die zeitliche Perspektive beeinflussen. Der erste ist der Widerstand. Sie hofften, wie auf der Krim, die „Passifizierung“ in neun Monaten zu bewältigen, aber sie zog sich fast zwei Jahre hin; man musste Zwang, Gewalt und Kontrolle anwenden. Und das führt zum zweiten Faktor: Wie viele Ressourcen können und wollen die Russen dafür aufwenden? Wie viel Polizei, wie viele Soldaten an den Kontrollpunkten, wie viele lokale Kollaborateure? Und wie viel Geld? Ressourcen sind alles. Denn es ist schwierig, Ideologie in Schulen einzuführen, wenn man keine Lehrer hat.

Daher können wir heute feststellen, dass sich dieser Prozess in den neu besetzten Gebieten auf dreieinhalb Jahre ausgedehnt hat. Als Endergebnis können wir eine solche Integration dieser Regionen in den russischen Kontext betrachten, bei der bürokratische Signale in Tambow und in Skadowsk gleich wahrgenommen werden. Und selbst dafür mussten sie Menschen aus Russland heranziehen; allein durch Kollaboration konnten sie es nicht bewältigen.

— Was sind die wichtigsten Methoden und Mechanismen der Kontrolle bei der Russifizierung?

— Das wichtigste Kontrollmittel bleibt Gewalt. Repressionen beginnen in der zweiten Woche nach der Besatzung und dem Verständnis, dass niemand die Besatzer mit Blumen empfängt. Repressionen erfolgen sowohl selektiv als auch wahllos – damit alle Angst haben.

Ich kenne Ortschaften, in denen 100 % der männlichen Bevölkerung im Alter von 16 bis 60 Jahren durch „Gruben“ gegangen sind. Da Keller nicht ausreichten, gruben die Besatzer einfach auf Feldern Löcher und warfen Menschen dort für Wochen hinein. Manchmal wurde dies zwangsläufig von der Abriegelung eines Teils oder der gesamten Ortschaft und Hausdurchsuchungen begleitet. Das geschieht immer demonstrativ: Sie klopfen nicht, sie rufen nicht, sondern brechen Türen auf, legen alle auf den Boden, führen vollständige Durchsuchungen durch, nehmen jemanden mit, oft zufällig.

Die Russen haben die Vorstellung, dass es genügt, jeden Zehnten mitzunehmen. Das ist eine Form wahlloser Gewalt, bei der man das Verständnis dafür verliert, warum man festgenommen werden könnte, und beginnt, an sich selbst zu zweifeln – ein psychologischer Mechanismus. Wir hatten einen Befragten, der jeden Tag um drei oder vier Uhr morgens aufwachte, sich anzog und auf eine Razzia wartete; man war mehrmals zu ihm gekommen, und seine Psyche reagierte so.

Der nächste Schritt ist der Aufbau eines Netzes von Informanten – sowohl echten als auch fingierten, wenn man dir sagt, jemand habe dich denunziert, obwohl das nicht stimmt. Wichtig ist, die Gemeinschaft und die sozialen Bindungen zwischen den Menschen zu zerstören. Am Ende hat man Angst, mit Freunden oder Nachbarn zu sprechen; Menschen erzählten uns, dass sie Angst hatten, ihre Gedanken sogar mit ihrem Ehemann oder ihrer Ehefrau zu teilen, weil diese zuvor mehrmals „in den Keller“ gebracht worden war und man nicht wusste, was sie unterschrieben hatte. Auf dieser Atomisierung und Atmosphäre der Angst basiert alles. Wie eine Befragte sagte: Es ist wie in einem Gefängnis zu leben, nur ohne Mauern – aber das Gefängnis ist da, und man fühlt sich trotzdem eingesperrt.

In dieser Phase griffen die Besatzer auch zu einem weiteren wichtigen Instrument – der Suche nach Kollaborateuren. Zu Beginn suchten sie dabei gezielt nach vernünftigen Menschen, unabhängig von deren Ansichten; für sie war wichtig, dass die Gesichter der lokalen Macht aus der lokalen Bevölkerung stammen. Die absolute Mehrheit der vernünftigen Menschen lehnte die Zusammenarbeit ab.

Wir haben aufgezeichnet, dass die ersten Gespräche sehr korrekt und respektvoll verliefen, man betonte die tatsächlichen geschäftlichen Fähigkeiten der Person; das nächste Treffen war bereits härter, und beim dritten wurden die Menschen gefoltert. Einige wechselten die Seite, doch nach dem, was wir wissen, war das Vertrauen in sie gering, und inzwischen sitzen die meisten von ihnen in lokalen Gefängnissen. Letztlich wurden in der Regel Marginalisierte, Kriminelle, Gekränkte oder zu jene, die gefoltert oder mit der Folter ihrer Angehörigen erpresst wurden, zu Kollaborateuren.

— Was geschieht mit Kindern und Jugendlichen unter der Besatzung?

— Von den ersten Tagen an versuchten die Besatzer, Schulen zu eröffnen. Doch sie stießen darauf, dass Eltern ihre Kinder nicht hergeben und Lehrer sich zu arbeiten weigerten. Sie begannen, den Eltern mit dem Entzug der elterlichen Rechte zu drohen, Lehrer wurden vielerorts – nicht überall, aber häufig – eingeschüchtert und geschlagen. Es gab eine Abhängigkeit: Wenn Direktoren auf die Seite der Besatzer wechselten, wechselten in der Regel auch zwei Drittel der Lehrer. Doch solche Direktoren gab es in zwei Teilen unserer besetzten Regionen Saporischschja und Cherson buchstäblich nur ein oder zwei. In der Folge wurden Reinigungskräfte oder Menschen ohne jeglichen Bezug zum Bildungswesen zu Schulleitern. Entsprechend wurden die Schulen zu Räumen, in denen Kinder festgehalten werden, um auf sie einzuwirken.

Wir haben mehrere Interviews mit Schülern, deren Klassenkameraden in der Besatzung geblieben sind: Die Kinder erhalten hohe Noten, schlechte Schüler werden zu Einser-Schülern, man muss sich nicht vorbereiten; das Wichtigste sind ideologische ‚Unterrichtsstunden über das Wichtige‘, militärische Ausbildung, Teilnahme an Propagandaaktionen und Unterstützung der „Helden der SVO“. Kinder werden auf Übungsplätze gebracht, dürfen mit echten Waffen schießen – das wirkt natürlich anziehend.

Die Russen schaffen derzeit ein System von Kadettenschulen, in denen Kinder gezielt auf den Militärdienst vorbereitet werden. Im Grunde ist ihre Hauptaufgabe, dass die Menschen lesen und schreiben können und dann in die Berufsausbildung gehen. Das Wichtigste ist, ihr Bewusstsein und ihre Identität zu verändern.

— Sie sprechen von Fällen, in denen Kinder gegen nahestehende Erwachsene aufgebracht werden. Wie sah das konkret aus?

— Die Zerstörung der Autorität der Eltern ist ein weiteres Instrument. Zum ersten Mal haben wir dies in einem Dorf am rechten Ufer nach der Befreiung festgestellt. Dort gelang es den Besatzern, Jugendliche im Alter von 12–14 Jahren zu versammeln, die Funktionen der Informationsweitergabe an die lokale Bevölkerung übernahmen – sie liefen durch das Dorf und riefen die Nachrichten der Besatzer aus. Diese Kinder standen oft auch in Schlangen und hörten zu, sogar zu Hause belauschten sie ihre Eltern und meldeten alles den Besatzern, wofür sie Boni erhielten – Zugang zu Treibstoff für Mopeds, zu Alkohol, Zigaretten, Geld. Und Zugang zur Macht.

Zunächst dachten wir, das sei ein Einzelfall, doch dann erhielten wir eine Reihe von Interviews aus dem linken Ufer und sahen, dass diese Praxis weit verbreitet ist. Kinder werden für Spionage und zum Verfassen von Denunziationen gegen ihre Eltern eingesetzt.

— In den besetzten Gebieten führt Russland Mobilisierung durch. Was wissen Sie über diesen Prozess und sein Ausmaß?

— Nach dem, was wir wissen, planen die Russen, aus allen neu besetzten Gebieten etwa 50 000 Soldaten zu mobilisieren. Zumindest war dies ein Versprecher eines einflussreichen Sicherheitsfunktionärs im vergangenen Jahr.

Die Mobilisierung zum Wehrdienst läuft bereits seit zweieinhalb Jahren. Im ersten Jahr, also 2024, gelang es ihnen, buchstäblich etwa hundert Menschen einzuziehen. Diese wurden ausschließlich in der Region Kursk eingesetzt; diese ersten 100–120 Menschen leisteten ihren Dienst unter relativ leichten Bedingungen. Nach Abschluss kehrten praktisch alle zurück und erhielten verschiedene Boni – Aufstiegsmöglichkeiten, soziale Aufzüge.

Die Besatzer wiederholten dies im nächsten Jahr, und dort konnten bereits etwa tausend Menschen mobilisiert werden. Das heißt, sie gehen die ersten Schritte immer so an, dass sie zeigen, dass daran nichts Schreckliches ist. Im vergangenen Jahr begann bereits eine Massenrekrutierung, und ein Teil der Rekruten zeigte sogar einen gewissen Enthusiasmus. Nicht alle, aber einige. So läuft alles „schön“ ab, und danach werden diejenigen, die gedient haben, auf verschiedene Weise überzeugt, einen Vertrag zu unterschreiben. Der Plan, Ukrainer gegen Ukrainer kämpfen zu lassen, wird umgesetzt.

— In welchem Maß sind die neu besetzten Gebiete heute eine Grauzone ohne Regeln, in der mit einem alles geschehen kann?

— In den ersten ein bis zwei Jahren war es genau so. Die schlimmsten Erinnerungen betreffen Polizisten aus den sogenannten „DNR/LNR“, sie waren nicht nur die grausamsten, sondern konnten auch besser als die Russen die Gesichter unserer Leute „lesen“. Danach stellte sich in Städten wie Skadowsk und Melitopol allmählich eine gewisse Ordnung ein. Doch außerhalb der Städte ist es anders: In den Dörfern rund um die Städte gibt es ein Problem mit Deserteuren, den sogenannten „Sachas“. Sie fliehen aus der russischen Armee, verstecken sich, schließen sich zu Banden zusammen, greifen Dörfer an und plündern Menschen aus. Ein Großteil der heutigen Durchsuchungen dient längst nicht mehr der Suche nach ukrainischen Partisanen, sondern der Suche nach eigenen Deserteuren. In den frontnahen Gebieten der Region Saporischschja gibt es kein Gesetz. Dorthin fährt der FSB nicht mehr. Und die lokalen Militärs tun, was sie wollen. Wenn sie wollen, töten sie dich. Wenn sie wollen, vergewaltigen sie dich. Wenn sie wollen, rauben sie dich aus. Du bist völlig in ihrer Macht.

— Die Ukraine entwickelt aktiv Gesetze zur Kollaboration. Was sollte der Staat vermeiden, wenn er Gesetze in Bezug auf ukrainische Bürger in besetzten Gebieten weiterentwickelt?

— Man muss verstehen, dass die Situation dynamisch ist. Und jene Formulierungen, die 2022 verabschiedet wurden, waren vermutlich gerechtfertigt, weil sie eine möglichst breite Auslegung dessen zuließen, wer als Kollaborateur gilt, und tatsächlich die Kollaboration verlangsamt, die Annahme von Pässen erschwert und den Preis der Besatzung für Russland erhöht haben.

Doch jetzt spielen solche unklaren, verschwommenen Formulierungen gegen uns. Man muss verstehen, dass die Menschen psychologisch eine Grenze überschritten haben; sie mussten so oder so russische Pässe annehmen, um zu überleben. Und das bedeutet bereits, dass das, wofür das Gesetz über Kollaboration gedacht war, nicht mehr funktioniert. Jetzt müssen wir verstehen, dass wir uns mit einem breiten Spektrum von Grau bis Schwarz auseinandersetzen müssen.

Und wir müssen verstehen, was wir wollen. Wollen wir uns den Prozess der Reintegration der besetzten Gebiete in der Zukunft erleichtern? Brauchen wir dafür die Loyalität der lokalen Bevölkerung? Oder ist uns das egal? Ich sage ganz zynisch und rational: Wir müssen maximale Loyalität erhalten. Wir müssen darüber nachdenken, wie wir es schaffen, dass die Menschen trotz allem diese Verbindung zur Ukraine spüren.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Interview
Titel des Originals: Методологія катувань. Як росіяни формують атмосферу страху на окупованих територіях і чому колаборанти — не завжди вороги, інтервʼю. Nv.ua. 24.03.2026.
Autor/Kanal: Serhii Danylov/ Nv.ua.
Veröffentlichung / Entstehung: 24.03.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
Link zum Originaltext:

Original ansehen

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.