Dmitrij Kisseljow wurde ausgemustert | Vitaly Portnikov. 06.09.2026.

Dmitrij Kisseljow hat den internen Konkurrenzkampf gegen andere Propagandisten verloren, nicht nur gegen Wladimir Solowjow, sondern auch gegen Jewgenij Popow, der nun die Sendung moderieren wird, die bislang Dmitrij Kisseljow zugerechnet wurde.

Der langjährige Veteran der russischen Propaganda selbst ist mit einer 26-minütigen Sendung zurückgeblieben, die man mit einiger Mühe als Autorenprojekt bezeichnen kann, doch in Wirklichkeit ist das lediglich das Vorspiel zu seiner endgültigen Ausmusterung. Sogar das Team von Dmitrij Kisseljow, das ihm jahrzehntelang dabei half, im russischen Fernsehen zu lügen, wird Jewgenij Popow durch wesentlich eifrigere und gefügigere Lügner ersetzen, die den aggressiveren und offensiveren Stil der russischen Propaganda der letzten Jahre besser verstehen. Einen Stil, in dem nichts mehr übrig geblieben ist, was auch nur entfernt an Journalismus erinnert.

Natürlich kann sich eine einfache Frage stellen: Womit ist Dmitrij Kisseljow denn in Ungnade gefallen? Man sollte doch meinen, er habe sich nach Kräften bemüht. Er ist der Urheber eines Großteils jener Aussprüche, die mit der Verwandlung des russischen Journalismus verbunden werden, der einst zumindest den Anschein von Professionalität zu erwecken versuchte, in offen propagandistischen Irrsinn.

Nehmen wir nur die „radioaktive Asche“. Das war schließlich nicht Solowjow, das war nicht Popow, das war Dmitrij Kisseljow – und zwar schon zu einer Zeit, als es noch so schien, als seien in der russischen Staatsführung Menschen übrig geblieben, die, wenn schon nicht zurechnungsfähig, so doch zumindest in der Lage waren, die Gefahr eines großen Krieges zu begreifen. Dmitrij Kisseljow aber bereitete die Gesellschaft bereits damals auf einen solchen Krieg vor, als Dmitrij Medwedew und Sergej Karaganow noch nicht miteinander darin wetteiferten, zum Einsatz von Atomwaffen aufzurufen.

Doch ein Mitläufer bleibt trotzdem immer ein Mitläufer. Die russischen Tschekisten hatten allen Grund, nicht an die Aufrichtigkeit von Dmitrij Kisseljows Absichten zu glauben. In den ersten Jahren der Herrschaft Wladimir Putins gab es für ihn im russischen Fernsehen gerade deshalb keinen Platz, weil er das Image einer Art proeuropäischen Liberalen pflegte, der von einer europäischen Zukunft seines Landes träumte und Reportagen über das Leben auf dem europäischen Kontinent drehte oder Diskussionssendungen organisierte, in denen ebenfalls viel über solche Themen gesprochen wurde.

Gerade weil das russische Fernsehen für Dmitrij Kisseljow verloren war, ging er nach Kyiv, um dort zu arbeiten. Und ich erinnere mich übrigens sehr gut an diese Zeit. Ich erinnere mich daran, wie Dmitrij Kisseljow, nachdem er gerade erst in der ukrainischen Hauptstadt angekommen war und sich auf Sendungen beim Fernsehsender ICTV vorbereitete, mit mir darüber sprach, dass auf diesem Sender auch eine Reihe seiner Europa gewidmeten Sendungen gezeigt werden müsse.

Er hatte diese Sendungen für das russische Publikum gedreht und versucht, seine Landsleute davon zu überzeugen, dass die Zukunft Russlands nur in Europa, nur in einem Bündnis mit dem Westen liege. Und selbstverständlich wollte er genau das auch dem ukrainischen Fernsehzuschauer sagen.

Als ich jedoch sagte, dass dies tatsächlich jener Entwicklungsrichtung entspreche, mit der die ukrainische Zukunft verbunden sei, und dass es gut wäre, wenn jeder ukrainische Fernsehzuschauer solche Sendungen sehen würde, antwortete er, mit dem Start des Projekts solle man besser warten, bis die Sendungen ins Ukrainische übersetzt worden seien. Denn er sei überzeugt, dass für die ukrainischen Bürger die europäische Entwicklungsperspektive mit der ukrainischen Sprache, mit der ukrainischen Kultur und mit der eigenen Geschichte verbunden sein müsse.

Da haben Sie noch eine Maske Dmitrij Kisseljows und noch eine seiner Erscheinungsformen, an die er sich heute selbstverständlich kaum erinnern wollen dürfte. Obwohl er sich, wenn wir uns vorstellen, dass das Putin-Regime fällt und Dmitrij Kisseljow bleibt, uns genau mit dieser Seite seines Wesens wieder zuwenden wird.

Und die Tschekisten verstehen das selbstverständlich ausgezeichnet und haben ihm deshalb nie vertraut. Ja, sobald Dmitrij Kisseljow begriff, dass eine Rückkehr möglich war und dass das wirkliche Geld im Kreml lag und von dort verteilt wurde, versuchte er alles nur Mögliche zu tun, um zu zeigen, dass das Regime, das sich rasch in ein faschistisches verwandelte, ihn brauchte. Doch wirkliches Vertrauen konnte er selbstverständlich nicht mehr gewinnen.

Ob du dich nun bemühst oder nicht – Genosse Ermittler erinnert sich sehr gut daran, welche politischen Ansichten du hattest, mit wem du verkehrtest, welche Erklärungen du abgabst, von wem du abhängig warst und von wem du nicht abhängig sein wolltest. Deshalb war die Karriere Dmitrij Kisseljows trotz all seiner Bereitschaft zu dienen und sich anzudienen vom ersten Tag nach seiner Rückkehr nach Russland an zum Scheitern verurteilt.

Und nun zum Wichtigsten: Eben jener Fernsehzuschauer, den Dmitrij Kisseljow zunächst von der Bedeutung des europäischen Projekts zu überzeugen versuchte und später von der Notwendigkeit, Russland in ein abscheuliches blutiges Ungeheuer zu verwandeln, wird ihn vergessen. Denn wer genug Geduld hatte, sich solche Sendungen anzusehen und all den Unsinn zu glauben, der dort verbreitet wurde, wird sich selbstverständlich mit noch größerem Vergnügen Solowjow und Popow ansehen.

Und anständige Menschen werden Dmitrij Kisseljow nicht nur niemals die Hand reichen, sie werden niemals auch nur eine einzige Fernsehsendung mit seiner Beteiligung einschalten. Für die einen wie für die anderen ist er tot.

Im Grunde ein vollkommen vorhersehbares Ende. Und jetzt stellt sich nur noch eine Frage: Wozu war das alles eigentlich nötig? Wozu die eigene Reputation begraben? Wozu vom Fernsehbildschirm aus lügen? Für ein gutes Gehalt, für einen Platz im Fernsehen, dafür, dass irgendein Putin einem auf die Schulter klopft und einen Orden überreicht?

Ein solcher Abschied von der eigenen Reputation und vom eigenen Beruf, eine solche Bereitschaft, sich selbst dem Vergessen preiszugeben, ist ebenfalls lehrreich für jeden, der versuchen sollte, diese zweifelhafte Erfahrung zu wiederholen.

Ja, natürlich gefällt es dem Pack in Uniform immer, wenn man ihm die Stiefel mit der Zunge sauberleckt. Aber wer bereit ist, solche Dienste zu leisten, muss immer daran denken, dass diese Dienste nicht gewürdigt werden und dass sich andere finden werden, die noch eifriger und unterwürfiger sind und jeden ersetzen, der den Kontakt zu seinem eigenen Gewissen und seinem Anstand verliert.

Das ist das Ende der Geschichte der Fernsehkarriere eines Mannes, der noch vor Kurzem zu den wichtigsten russischen Propagandisten gehörte.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Дмитрия Киселева списали в утиль |
Виталий Портников. 06.09.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 06.09.2026.
Originalsprache: ru
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Musterbeispiel für Menschenfresserei.. Vitaly Portnikov. 31.08.2026.

Зразок людожерства. Віталій Портников. 31.08.2026.

Die russischen Funktionäre haben aufgehört, sich zu schämen. Noch vor einigen Wochen konnten wir die vertraute Rhetorik von der Befreiung der Ukrainer von den Nazis hören, von der Vorherrschaft des Westens, der gegen Russland Krieg führe, und von dem „einen Volk“, das von den verfluchten „Nationalisten“ gewaltsam auseinandergerissen worden sei.

Doch nun ruft der stellvertretende Vorsitzende der russischen Staatsduma von Putins „Einigem Russland“, Pjotr Tolstoi, zur Vernichtung ukrainischer Städte auf und behauptet, dass es in der Ukraine keine Unschuldigen gebe. Und der Staatsduma-Abgeordnete einer anderen putintreuen Partei – „Gerechtes Russland“ –, Alexej Schurawljow, bezeichnet den Einsatz von Atomwaffen als Pflicht der Russischen Föderation und vergleicht die Ukrainer mit … den Japanern, die nach den Atombombenabwürfen zu Verbündeten der Vereinigten Staaten wurden. Obwohl man meinen sollte: Was haben Amerikaner und Japaner mit Ukrainern und Russen zu tun? Amerikaner und Japaner hat schließlich nie jemand als ein Volk bezeichnet, nicht wahr?

Putins Handlanger verstehen, dass der Krieg ganz anders verläuft, als man ihn im Kreml geplant hatte. Dass die Armee nicht in dem Tempo vorankommt, das Putins Generäle ihm versprechen. Dass die Europäer der Ukraine auch nach der Reduzierung der Hilfe aus den Vereinigten Staaten weiterhin helfen. Dass die Schläge gegen die russische Wirtschaft ernsthafte Probleme für das künftige Funktionieren des Tschekistenregimes schaffen. Und ihre Wut sind sie bereit, an Frauen und Kindern auszulassen – buchstäblich! Denn die Abrechnung mit Kyiv und dem Kyiver Gebiet ist buchstäblich eine Kompensation dafür, dass es ihnen nicht gelingt, die Kapitulation der Ukraine zu erzwingen.

Ich werde nicht behaupten, dass dies die Hysterie einer Agonie ist. Bis zur Agonie des Putin-Regimes ist es noch weit, sehr weit, und ich schließe nicht aus, dass der russische Präsident auf dem Weg zum Zusammenbruch noch mehrere Angriffskriege entfesseln wird. Aber das ist ein echtes Schuldeingeständnis für ein Kriegstribunal, eine offene Darlegung der tatsächlichen russischen Absichten. Was Tolstoi, Schurawljow und andere russische Propagandisten und Funktionäre jetzt sagen, zerstört endgültig die Legende von der „Brüderlichkeit“ und der Befreiung. 

Die russischen Chauvinisten haben auch früher nie so gedacht, haben die Ukrainer auch früher als Fremde betrachtet und die Eroberung ukrainischer Gebiete auch früher ausdrücklich als Besatzung verstanden – es genügt, die Dokumente aus der Zeit des Vertrags von Perejaslaw und des bolschewistischen Angriffs auf die Ukraine zu lesen, um sich davon zu überzeugen. Aber sie haben immer freudig gelogen, um die Eroberung fremder Gebiete zu rechtfertigen, um zu erklären, warum sie töten, plündern und brandschatzen.

Doch jetzt haben sie aufgehört zu lügen. Und sie haben gezeigt, dass wir es mit der Banalität des reinen Bösen zu tun haben, das nicht einmal mehr versucht, sich als das Gute auszugeben. Und tatsächlich – warum sollte der Teufel verbergen, dass er einen Schwanz hat, wenn es ohnehin jeder sieht? Tolstoi jedenfalls verbirgt ihn nicht mehr.

Übrigens zu Tolstoi, diesem Kannibalen und Widerling, der ein direkter Nachfahre des berühmten russischen Schriftstellers ist. Vor genau 117 Jahren schrieb Lew Tolstoi in einem letztlich nicht abgeschickten Brief an einen hochrangigen russischen Beamten, er schreibe „über einen sehr bemitleidenswerten Menschen, den bemitleidenswertesten von allen, die ich heute in Russland kenne. Diesen Menschen kennen Sie und, seltsam genug, lieben Sie ihn, aber Sie begreifen nicht das ganze Ausmaß seines Unglücks und bedauern ihn nicht so, wie es seine Lage verdient. Dieser Mensch sind Sie selbst … Ich kann die Verblendung nicht begreifen, die es Ihnen erlaubt, Ihre schreckliche Tätigkeit fortzusetzen, denn durch Ihre heutige Tätigkeit haben Sie sich bereits jenen schrecklichen Ruf erworben, aufgrund dessen Sie für immer als Beispiel für Grobheit, Grausamkeit und Lüge gelten werden.“

Heute könnte man diese Worte des russischen Klassikers sowohl an seinen verlogenen Urenkel als auch an diejenigen richten, denen er dient – an Putin, die Generäle der Tschekisten und der Armee, an alle Mittäter des offen angekündigten Mordens an friedlichen Ukrainern. Besser als Tolstoi selbst – der echte Tolstoi wohlgemerkt und nicht der Abschaum mit dem berühmten Nachnamen – kann man es nicht sagen. All diese Menschen sind ein Beispiel für Grobheit, Grausamkeit und Lüge.

Ein Musterbeispiel für Menschenfresserei.


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Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Зразок людожерства. Віталій Портников. 31.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 31.08.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Putin fürchtet, am Galgen zu enden | Vitaly Portnikov. 31.08.2026.

Der russische Präsident fürchtet um sein Leben für den Fall einer Niederlage im russisch-ukrainischen Krieg und sagt seinen Mitstreitern sogar, dass man ihn hängen werde, wenn er keinen Erfolg habe. Mit diesen Informationen ist die britische Zeitschrift The Economist an die Öffentlichkeit gegangen, die Putins Neigung zu einer weiteren Eskalation im russisch-ukrainischen Krieg gerade mit solchen Motiven erklärt.

Und wir können mit Sicherheit sagen, dass eine solche Erklärung von Putins Logik auch den Interessen des Kremls entspricht. Es ist eine Sache, wenn Putin die Realität nicht begreift – dann muss alles Mögliche getan werden, damit er sich der Realität bewusst wird und seinen Krieg gegen die Ukraine beendet. Und es ist etwas völlig anderes, wenn Putin sehr wohl versteht, dass er den Krieg nicht gewinnen kann, ihn aber fortsetzen muss, weil er den Zorn des russischen Volkes fürchtet. Dann muss man dem russischen Präsidenten natürlich entgegenkommen, ihm helfen, sein Gesicht zu wahren, und die Ukraine zu Zugeständnissen bewegen, denn die Alternative zu Putin könnte eine noch überraschendere und unberechenbarere Führung der Russischen Föderation mit revanchistischen Einstellungen sein, die denen Putins in nichts nachstehen, sondern die chauvinistischen Ambitionen des russischen Präsidenten sogar noch übertreffen.

Putin bedient sich nicht zum ersten Mal einer solchen Propaganda, die sich an westliche Medien und westliche Politiker richtet. Vom ersten Tag nach seiner Machtübernahme in der Russischen Föderation an betonte er immer wieder, er sei weitaus liberaler als die Mehrheit der russischen Bevölkerung, die in den kommunistischen und chauvinistischen Traditionen der jüngeren Vergangenheit erzogen worden sei. Und deshalb müsse man gerade mit ihm, mit Putin, verhandeln.

Russlands Krieg gegen die Ukraine hat Putins Ruf als berechenbarer Politiker zerstört, der gegenüber der Welt realistischer eingestellt sei als die überwiegende Mehrheit der Russen. Und nun versuchen die Propagandisten des Kremls, diesen Ruf ihres Machthabers wiederzubeleben.

Doch wie sieht es in Wirklichkeit aus? Droht Putin tatsächlich Gefahr, falls der russisch-ukrainische Krieg verloren geht?

Am Anfang dieser Überlegungen müssen wir zunächst verstehen: Was bedeutet überhaupt ein Sieg im russisch-ukrainischen Krieg? Glauben die Russen tatsächlich, dass ihrem Land Gefahr droht und dass sie, falls Russland die Ukraine nicht vollständig vernichten und ihr Territorium dem eigenen Staat einverleiben kann, eine Revolution beginnen und bereit sein werden, die russische Staatsführung zu stürzen?

Solche Stimmungen sind in der russischen Gesellschaft nicht zu beobachten. Man kann von der Apathie der überwiegenden Mehrheit der Russen sprechen. Putin hat ihnen das Krim-Abenteuer und den anschließenden Krieg gegen die Ukraine aufgezwungen. Wenn der russische Präsident morgen verkündet, dass der Krieg beendet wird und die Truppen an der heutigen Trennlinie bleiben – wenn er also faktisch dem Vorschlag zustimmt, den der ukrainische Präsident Volodymyr Zelensky gemacht hat und der vom Westen unterstützt wird –, wird die überwiegende Mehrheit der Russen erleichtert aufatmen.

Erleichtert aufatmen wird auch die russische Wirtschaft, die die Folgen ukrainischer Angriffe auf Marktplätze und eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage im Land fürchtet. Erleichtert aufatmen wird auch die russische Oligarchenelite, weil sie die Chance erhält, den für ihre Geschäfte verheerenden westlichen Sanktionen zu entkommen.

Dann stellt sich die Frage: Wer soll eigentlich eine Revolution ausrufen und einen Wechsel der russischen Staatsführung fordern, wenn die überwiegende Mehrheit der Russen entweder objektiv an einem Ende des russisch-ukrainischen Krieges interessiert ist oder allen politischen Ereignissen gleichgültig gegenübersteht, die den einzelnen Bürger der Russischen Föderation nicht unmittelbar betreffen? Das heißt, sie erinnern sich an den russisch-ukrainischen Krieg erst in dem Moment, in dem eine Drohne in der eigenen Wohnung reinfliegt – und nicht einmal dann, wenn sie die benachbarte Ölraffinerie zerstört.

Und wie wahrscheinlich ist es, dass selbst Proteste gegen Putins Handeln in den letzten Jahren so wirkungsvoll sein könnten, dass die mächtigen Sicherheitsstrukturen der Russischen Föderation nicht mit ihnen fertigwerden könnten – jene Sicherheitsstrukturen, deren Vertreter im Kreml seit dem Jahr 2000 der ehemalige Oberst des Komitees für Staatssicherheit der Sowjetunion ist?

All das sind natürlich rhetorische Fragen, denn wir kennen die Antworten darauf. Wenn Putin beschließt, den russisch-ukrainischen Krieg morgen zu beenden, bedroht seine Macht nichts und niemand. Putin entscheidet sich bewusst für die Eskalation, weil er weiterhin darauf hofft, dass die Zeit es ihm ermöglichen wird, den ukrainischen Staat zu vernichten und die Grenzen der Sowjetunion von 1991 zu erreichen – zumindest entlang der Grenzen der ehemaligen Ukrainischen SSR. 

Dies würde es ihm nach Auffassung des russischen Machthabers ermöglichen, sowohl den ehemaligen Sowjetrepubliken seine Bedingungen zu diktieren, die aus Sicht des Kremls Teil eines neuen Unionsstaates werden sollen, dessen Führer Putin noch immer zu werden hofft, als auch den Ländern Mitteleuropas, die ohne wirksame Unterstützung der Vereinigten Staaten dastehen könnten, falls Putin die Ukraine begräbt.

Eine Gefahr durch irgendeine Revolution in der Russischen Föderation oder einen Aufstand der Russen gegen Putin, falls er den Krieg beendet – all das existiert praktisch nicht. Man sollte nicht glauben, dass die Russen selbst glühende Befürworter des Beginns dieses Krieges waren, dass Putin ihre geheimsten Ambitionen verwirklicht hat und deshalb nun jemand ist, der ein Ende der Kampfhandlungen fürchtet, weil er selbst wesentlich vorsichtiger eingestellt sei als seine eigene Gesellschaft. Im Zusammenhang mit dem russisch-ukrainischen Krieg besteht ein solcher direkter Zusammenhang jedenfalls nicht.

Umso mehr müssen wir uns an eine sehr wichtige Sache erinnern. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung der Russischen Föderation hört auf die eigene Propaganda. Wenn diese Propaganda morgen ihre Rhetorik um 180 Grad ändert und von der Notwendigkeit einer Versöhnung mit der Ukraine spricht und davon, dass Putin die Zivilbevölkerung sowohl Russlands als auch der Ukraine vor dem Krieg rettet, wird die Mehrheit der Russen daran glauben und dem zustimmen.

Ich erinnere mich gut daran, wie sich die Stimmung der Menschen während Gorbatschows Perestroika und in den ersten Jahren Jelzins an der Macht veränderte. Ja, vielleicht blieben viele weiterhin in der sowjetischen Ideologie gefangen, aber sie glaubten, dass die Staatsführung besser wisse, wie das Land zu regieren sei.

Wenn wir über all diese Aufstände und Revolutionen sprechen, müssen wir daran denken, dass wir dabei von jenen Ereignissen ausgehen, die sich im Russischen Reich in den fernen Jahren 1905 oder 1917 ereigneten. Das Russland, das damals existierte, gibt es nicht mehr. Die Bevölkerung dieses Russlands wurde grundlegend umgeformt. Menschen mit eigener Initiative, mit einem Glauben an Demokratie wurden bereits damals entweder erschossen, eingeschüchtert oder aus dem bolschewistischen Russland vertrieben und spielten danach nie wieder irgendeine Rolle in seiner gesellschaftlichen Entwicklung.

Das heutige Russland ist das Russland der Enkel jener, die den Bürgerkrieg gewonnen haben. Also das Russland von Menschen, die nicht nur nicht dazu neigten, eine eigene Position zu vertreten, sondern schlicht Analphabeten waren. Die Bolschewiki brachten ihnen das Schreiben bei, aber nicht das Denken. Dafür überzeugten sie sie davon, dass die Staatsmacht alles besser weiß.

Und genau in diesen Traditionen haben diese Menschen, die ihr Leben mit Büchern über die sozialistische Revolution und mit Schulbüchern begannen, in denen sie lernten, dass „Mama den Fensterrahmen wusch“, ihre Nachkommen erzogen. Und genau diese Nachkommen sind heute in der Russischen Föderation an der Macht und stellen die überwiegende Mehrheit ihrer Bürger.

Alle Veränderungen in diesem postbolschewistischen Russland – sowohl nach Stalins Tod als auch nach Breschnews Tod – waren Veränderungen, die von oben durch die Führer der Kommunistischen Partei oder durch ehemalige Parteifunktionäre initiiert wurden, wenn wir etwa an Boris Jelzin denken. Und natürlich versteht auch Putin das sehr gut. Er versteht also, dass ihn niemand irgendwo hängen und niemand einen Aufstand gegen ihn organisieren wird.

Nein, der russische Machthaber fürchtet nicht um sein Leben. Aber er möchte, dass man im Westen genau das glaubt, dass die westliche Presse darüber schreibt, dass westliche Politiker so denken, dass man sich mit ihm zu Bedingungen verständigt, die einer Kapitulation der Ukraine gleichkommen – nur um, Gott bewahre, eine neue Revolution in Russland, irgendwelche Veränderungen in eine ungewisse Richtung und eine unkontrollierte Verbreitung von Atomwaffen zu verhindern.

All diese Geschichten, mit denen russische Propagandisten ihre leichtgläubigen westlichen Gesprächspartner füttern, kann ich Ihnen erzählen, denn sie kursieren bereits seit mehreren Jahrzehnten. Vertrauen wir also nicht denen, die glauben, Putin entscheide sich tatsächlich für die Eskalation, weil die Alternative zur Eskalation eine Revolution wäre.

Nein, die Alternative zur Eskalation besteht faktisch darin, dass der russische Präsident auf seine imperialen Ambitionen verzichtet. Und genau das ist etwas, was er zumindest in absehbarer Zukunft nicht zulassen kann. Und genau das muss durch die Zerstörung der Wirtschaft der Russischen Föderation erzwungen werden. Glauben Sie mir: In den kommenden Jahren der erbitterten russisch-ukrainischen Konfrontation wird es keine andere Alternative geben.


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Titel des Originals: Путін боїться потрапити на шибеницю |Віталій Портников. 31.08.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 31.08.2026.
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Putins Spezialoperation gegen den Westen. Vitaly Portnikov. 11.07.2026.

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Ich musste wiederholt erklären, dass Putin nicht in den Kategorien von Krieg und Verhandlungen denkt, sondern in den Kategorien einer Spezialoperation – was angesichts seiner KGB-Ausbildung und Prägung völlig logisch ist. Und genau jetzt beobachten wir eine weitere Spezialoperation: Ein anonymer General und ein nicht anonymer Milliardär warnen uns vor schrecklichen Folgen für die Welt und für Russland selbst, falls der Krieg nicht bald beendet wird. Und als Krönung des Ganzen berichten irgendwelche anonymen Quellen im Kreml den Kollegen von der Nachrichtenagentur Reuters, dass Putin trotz all dieser Risiken bereit sei, den Krieg fortzusetzen, und ihn die Eskalation sogar zusätzlich ermutige.

Welche Schlussfolgerungen kann ein nüchtern denkender Mensch aus dieser Fülle von Informationen ziehen? Russland nähert sich mit großen Schritten einem echten Abgrund, der unvorhersehbare Folgen, Destabilisierung und eine stärkere Rolle Chinas mit sich bringen könnte – doch Putin denkt nicht daran, darauf Rücksicht zu nehmen, sondern will den Krieg fortsetzen. Offensichtlich muss alles darangesetzt werden, den Krieg zu beenden, bevor Russland in diesen Abgrund stürzt. Und wenn man Putin davon nicht überzeugen kann, dann muss man eben Zelensky überzeugen. Die Ukraine soll auf mögliche und unmögliche Kompromisse eingehen, um den Westen zu retten und Putin alles zu geben, was er verlangt.

Das ist eine so einfache und primitive Spezialoperation, dass man sie nicht einmal entschlüsseln muss – sie ist selbst für einen Erstsemester der Andropow-Hochschule offensichtlich. Unverständlich ist nur, warum die Kollegen jedes Mal wieder auf diesen Haken hereinfallen.

Dafür gibt es mehrere Gründe. Der erste ist der Versuch, die Regeln des westlichen Journalismus mit dem gleichzusetzen, was in Russland geschieht. Für einen westlichen Journalisten ist es sehr schwer, sich selbst einzugestehen, dass drei Quellen im Kreml etwas völlig anderes sind als drei Quellen im Weißen Haus. Und selbst wenn er sich das eingesteht – wie soll er dann seinem eigenen Medienunternehmen seinen Nutzen beweisen? Genau deshalb täuschen die in der russischen Hauptstadt akkreditierten Kollegen seit Jahrzehnten sich selbst und ihre Arbeitgeber – und werden, statt Menschen zu sein, die Informationen beschaffen, zu einem Instrument der Informationspolitik in den Händen des FSB.

Der zweite Grund ist die Nutzung von Influencern, die von ihrer eigenen Kompetenz überzeugt sind. Das ist im Grunde der israelische Fehler. In Israel mag man glauben, die iranische Gesellschaft zu kennen, weil sich Menschen mit ihr beschäftigen, die aus dem Iran stammen, die Sprache beherrschen und die Entwicklungen verfolgen. Dabei wird oft nicht vollständig erkannt, wie grundlegend sich das Gefüge dieser Gesellschaft nach dem Sieg der Islamischen Revolution verändert hat.

Dasselbe geschieht mit der russischen Emigration. Es ist kein Zufall, dass gerade Emigranten eingesetzt werden, um Narrative zu verbreiten, die den Westen überzeugen sollen – Menschen, die fest davon überzeugt sind, die innere Lage genau zu verstehen und über außergewöhnliche Quellen zu verfügen. Würden sie sich selbst eingestehen, dass kein General ohne das Einverständnis der Lubjanka mit ihnen sprechen wird und kein Milliardär ein großes Interview gibt oder eine Kolumne veröffentlicht, ohne dass diese zuvor mit den zuständigen Diensten oder der Präsidialverwaltung Russlands abgestimmt wurde, dann würde sich sofort die Frage nach ihrer eigenen Eignung, ihrer journalistischen Autorität sowie nach dem Interesse des Publikums und der Medienunternehmen an ihren beruflichen Fähigkeiten stellen – jener Medienunternehmen, die sie weiterhin als Russland- oder postsowjetische Experten betrachten. Und so werden auch diese Menschen aus Journalisten zu Instrumenten des Informationskriegs. Dabei werden sie sich das selbst niemals eingestehen.

Man kann sich darüber wundern, dass Menschen, die in einem totalitären Staat aufgewachsen sind oder gezwungen waren, aus einem totalitären Staat auszuwandern, die Regeln nicht begreifen wollen, nach denen Informationen in einem solchen Staat funktionieren. Das Wichtigste, was sie verstehen müssten, ist: Nicht abgestimmte Informationen gibt es in einem solchen System nicht. Und die Abstimmung von Informationen ist selbst Teil einer Spezialoperation.

Deshalb besteht die wichtigste Aufgabe eines Journalisten nicht darin, die Thesen zu verbreiten, die der Urheber einer Spezialoperation vorgibt, sondern darin, deren Ziel zu verstehen.


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Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 11.07.2026.
Originalsprache: uk
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Von 1991 bis heute: Der lange Weg in den Krieg und seine Profiteure. Vitaly Portnikov. 18.04.2026.

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Um zu verstehen, wie die prorussische fünfte Kolonne in unserem Land tatsächlich arbeitet – und wie sie versucht, die Macht zu ihrem Verbündeten zu machen und das Image der „Verteidiger Zelenskys“ auszunutzen –, lohnt es sich, einen Blick auf die erneute Angriffe gegen mich nach dem Interview mit dem Kanal „Bombardir“ zu werfen.

In diesem Interview sage ich klar, dass der Krieg eine Folge davon ist, dass die Ukrainer vom ersten Tag der Unabhängigkeit an die Gefahr nicht erkannt haben und bei Wahlen – immer – seit 1991 – für denjenigen gestimmt haben, der sich besser mit Russland verständigen kann. Ich mache bewusst eine Ausnahme für die Wahlen von 2004, erinnere aber daran, dass der Sieg damals durch den Maidan ermöglicht wurde und dass der erste Besuch des neuen Präsidenten nach Moskau führte. Der Interviewer fragt gezielt nach, ob dasselbe auch 2014 der Fall war, und ich bestätige das – sodass das Jahr 2019 als logische Fortsetzung eines Prozesses nationaler Blindheit erscheint. Und übrigens setzt sich dieser Prozess fort – Sie wissen selbst, wie viele Menschen immer noch glauben, dass man sich mit Putin einigen kann und bereits danach suchen, wer das tun könnte.

Was machen die Propagandisten? Natürlich werfen sie sich in die Verteidigung Zelenskys – und ich bin sicher, dass sie dafür auch noch Geld kassieren. Und sie argumentieren gegen eine These, die ich gar nicht geäußert habe – nämlich dass alles nur mit dem Jahr 2019 zu tun habe –, statt sich mit der These auseinanderzusetzen, die ich tatsächlich formuliert habe: dass der Prozess des Hineingleitens in den Krieg bereits 1991 begonnen hat. Und wozu?

Dazu, dass diese Leute vor dem Krieg nicht nur der Dienst des Präsidentenbüros waren, sondern auch die fünfte Kolonne Moskaus. Sie dienten seinen Interessen, sie dienten den Interessen Medwedtschuks und wurden logischerweise von ihren Kuratoren delegiert, der neuen Macht zu helfen – einer bunten Macht, die auf finanziellen Erfolg ausgerichtet ist und nicht auf Werte. Und ihre Hauptaufgabe besteht darin, Zwietracht zu säen und dabei jenen zu helfen, denen sie in Wirklichkeit immer gedient haben. Denen, deren Gesinnungsgenossen sie stets waren – seit den Zeiten Janukowytschs und sogar noch früher.

Ja, sie schaufeln uns, den ukrainischen Patrioten, ein Grab. Aber die Ironie des Schicksals besteht darin, dass in diesem Grab zusammen mit uns auch Zelensky landen wird, den sie so eifrig verteidigen.

Ich verstehe nur nicht, warum er für dieses Begräbnis auch noch bezahlt.


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Art der Quelle: Social Media
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 18.04.2026.
Originalsprache: uk
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Methodologie der Folter. Wie die Russen auf den besetzten Gebieten eine Atmosphäre der Angst formen und warum Kollaborateure nicht immer Feinde sind – Interview. Nv.ua. 24.03.2026.


Serhii Danylov, stellvertretender Direktor des Zentrums für Nahoststudien. / Foto: DR

https://nv.ua/ukr/ukraine/politics/metodologiya-katuvan-yak-rosiyani-formuyut-atmosferu-strahu-na-okupovanih-teritoriyah-i-chomu-kolaboranti-ne-zavzhdi-vorogi-interv-yu-50594201.html?fbclid=IwZnRzaAQ1FgNmZGlkFlA80YCmPptqTXQynTWoXkf6p28Tsm5leHRuA2FlbQIxMQBzcnRjBmFwcF9pZAo2NjI4NTY4Mzc5AAEeFhBKAUSCj6BB66l81s6yjIYm7MFZK7EDwLKZSwTThmQND4tuGFqd-H3lZog_aem_EMANkH_hid871fUteQn_aw&preview=

Serhii Danylov, stellvertretender Direktor des Zentrums für Nahoststudien, berichtet, wie er seit Beginn des großen Krieges gemeinsam mit Kollegen Zeugnisse von Ukrainern gesammelt hat, die die Besatzung erlebt haben oder erleben, und zu welchen Schlussfolgerungen sie gelangt sind.

Seit mehr als vier Jahren begeht Russland systematisch Verbrechen gegen Ukrainer und die ukrainische Identität in den besetzten Gebieten der Regionen Saporischschja und Cherson. Den Charakter dieser Verbrechen, ihre Durchdachtheit und Systematik untersucht das Zentrum für Nahoststudien.

Seit Beginn der Besatzung spricht das Forschungsteam des Zentrums mit Ukrainern in den besetzten Gebieten sowie in den befreiten Ortschaften der Region Cherson und hat kürzlich die Studie „Auf der Suche nach Wegen zur Wiederherstellung: Risiken und Besonderheiten der Deokkupation“ vorgestellt, in der die Erfahrungen von Menschen systematisiert wurden, die Zeugen und Geiseln russischer Gewalt und Propaganda geworden sind. Über die wichtigsten Thesen und Schlussfolgerungen der Studie spricht NV mit dem stellvertretenden Direktor des Zentrums für Nahoststudien, Serhii Danylov.

— Inwieweit ist die Russifizierung der besetzten Gebiete heute ein bewusst kalkulierter Plan Russlands oder handelt es sich noch immer um eine chaotische Suche nach Methoden?

— Ich bin sicher, dass es bereits ein ausgearbeiteter Plan ist. Mehr noch: Aus vielen Interviews und persönlichen Gesprächen mit Menschen, die sich auf den vorübergehend besetzten Gebieten befanden oder befinden, sehe ich, dass selbst auf der niedrigsten Ebene die russischen Militärs und die russische Bürokratie Anweisungen erhalten, wie dies umzusetzen ist. Diese Anweisungen stimmen weitgehend mit dem überein, was sie auf der Krim gemacht haben. Leider haben wir diese Krim-Erfahrung schlecht studiert, während sie begonnen haben, sie auf die neu besetzten Gebiete anzuwenden.

Gleichzeitig stießen die Russen in den Regionen Saporischschja und Cherson auf unerwarteten Widerstand – sowohl offen als auch verdeckt – sowie auf Versuche, sich dem russischen Druck zu entziehen. Zum Beispiel gaben sich die Menschen während der Phase der Ausstellung russischer Pässe gegenseitig Hinweise, in welchem Passbüro man nicht vor der Kamera die Hymne singen oder laut den Eid auf Russland ablegen musste und wo man den Pass einfach formell erhielt und ging.

— Wenn es sich um eine ausgearbeitete Politik handelt, welchen Zeithorizont hat sie, in wie vielen Jahren ist Russland heute in der Lage, die Kontrolle über die Region zu erlangen?

— Es gibt zwei Faktoren, die die zeitliche Perspektive beeinflussen. Der erste ist der Widerstand. Sie hofften, wie auf der Krim, die „Passifizierung“ in neun Monaten zu bewältigen, aber sie zog sich fast zwei Jahre hin; man musste Zwang, Gewalt und Kontrolle anwenden. Und das führt zum zweiten Faktor: Wie viele Ressourcen können und wollen die Russen dafür aufwenden? Wie viel Polizei, wie viele Soldaten an den Kontrollpunkten, wie viele lokale Kollaborateure? Und wie viel Geld? Ressourcen sind alles. Denn es ist schwierig, Ideologie in Schulen einzuführen, wenn man keine Lehrer hat.

Daher können wir heute feststellen, dass sich dieser Prozess in den neu besetzten Gebieten auf dreieinhalb Jahre ausgedehnt hat. Als Endergebnis können wir eine solche Integration dieser Regionen in den russischen Kontext betrachten, bei der bürokratische Signale in Tambow und in Skadowsk gleich wahrgenommen werden. Und selbst dafür mussten sie Menschen aus Russland heranziehen; allein durch Kollaboration konnten sie es nicht bewältigen.

— Was sind die wichtigsten Methoden und Mechanismen der Kontrolle bei der Russifizierung?

— Das wichtigste Kontrollmittel bleibt Gewalt. Repressionen beginnen in der zweiten Woche nach der Besatzung und dem Verständnis, dass niemand die Besatzer mit Blumen empfängt. Repressionen erfolgen sowohl selektiv als auch wahllos – damit alle Angst haben.

Ich kenne Ortschaften, in denen 100 % der männlichen Bevölkerung im Alter von 16 bis 60 Jahren durch „Gruben“ gegangen sind. Da Keller nicht ausreichten, gruben die Besatzer einfach auf Feldern Löcher und warfen Menschen dort für Wochen hinein. Manchmal wurde dies zwangsläufig von der Abriegelung eines Teils oder der gesamten Ortschaft und Hausdurchsuchungen begleitet. Das geschieht immer demonstrativ: Sie klopfen nicht, sie rufen nicht, sondern brechen Türen auf, legen alle auf den Boden, führen vollständige Durchsuchungen durch, nehmen jemanden mit, oft zufällig.

Die Russen haben die Vorstellung, dass es genügt, jeden Zehnten mitzunehmen. Das ist eine Form wahlloser Gewalt, bei der man das Verständnis dafür verliert, warum man festgenommen werden könnte, und beginnt, an sich selbst zu zweifeln – ein psychologischer Mechanismus. Wir hatten einen Befragten, der jeden Tag um drei oder vier Uhr morgens aufwachte, sich anzog und auf eine Razzia wartete; man war mehrmals zu ihm gekommen, und seine Psyche reagierte so.

Der nächste Schritt ist der Aufbau eines Netzes von Informanten – sowohl echten als auch fingierten, wenn man dir sagt, jemand habe dich denunziert, obwohl das nicht stimmt. Wichtig ist, die Gemeinschaft und die sozialen Bindungen zwischen den Menschen zu zerstören. Am Ende hat man Angst, mit Freunden oder Nachbarn zu sprechen; Menschen erzählten uns, dass sie Angst hatten, ihre Gedanken sogar mit ihrem Ehemann oder ihrer Ehefrau zu teilen, weil diese zuvor mehrmals „in den Keller“ gebracht worden war und man nicht wusste, was sie unterschrieben hatte. Auf dieser Atomisierung und Atmosphäre der Angst basiert alles. Wie eine Befragte sagte: Es ist wie in einem Gefängnis zu leben, nur ohne Mauern – aber das Gefängnis ist da, und man fühlt sich trotzdem eingesperrt.

In dieser Phase griffen die Besatzer auch zu einem weiteren wichtigen Instrument – der Suche nach Kollaborateuren. Zu Beginn suchten sie dabei gezielt nach vernünftigen Menschen, unabhängig von deren Ansichten; für sie war wichtig, dass die Gesichter der lokalen Macht aus der lokalen Bevölkerung stammen. Die absolute Mehrheit der vernünftigen Menschen lehnte die Zusammenarbeit ab.

Wir haben aufgezeichnet, dass die ersten Gespräche sehr korrekt und respektvoll verliefen, man betonte die tatsächlichen geschäftlichen Fähigkeiten der Person; das nächste Treffen war bereits härter, und beim dritten wurden die Menschen gefoltert. Einige wechselten die Seite, doch nach dem, was wir wissen, war das Vertrauen in sie gering, und inzwischen sitzen die meisten von ihnen in lokalen Gefängnissen. Letztlich wurden in der Regel Marginalisierte, Kriminelle, Gekränkte oder zu jene, die gefoltert oder mit der Folter ihrer Angehörigen erpresst wurden, zu Kollaborateuren.

— Was geschieht mit Kindern und Jugendlichen unter der Besatzung?

— Von den ersten Tagen an versuchten die Besatzer, Schulen zu eröffnen. Doch sie stießen darauf, dass Eltern ihre Kinder nicht hergeben und Lehrer sich zu arbeiten weigerten. Sie begannen, den Eltern mit dem Entzug der elterlichen Rechte zu drohen, Lehrer wurden vielerorts – nicht überall, aber häufig – eingeschüchtert und geschlagen. Es gab eine Abhängigkeit: Wenn Direktoren auf die Seite der Besatzer wechselten, wechselten in der Regel auch zwei Drittel der Lehrer. Doch solche Direktoren gab es in zwei Teilen unserer besetzten Regionen Saporischschja und Cherson buchstäblich nur ein oder zwei. In der Folge wurden Reinigungskräfte oder Menschen ohne jeglichen Bezug zum Bildungswesen zu Schulleitern. Entsprechend wurden die Schulen zu Räumen, in denen Kinder festgehalten werden, um auf sie einzuwirken.

Wir haben mehrere Interviews mit Schülern, deren Klassenkameraden in der Besatzung geblieben sind: Die Kinder erhalten hohe Noten, schlechte Schüler werden zu Einser-Schülern, man muss sich nicht vorbereiten; das Wichtigste sind ideologische ‚Unterrichtsstunden über das Wichtige‘, militärische Ausbildung, Teilnahme an Propagandaaktionen und Unterstützung der „Helden der SVO“. Kinder werden auf Übungsplätze gebracht, dürfen mit echten Waffen schießen – das wirkt natürlich anziehend.

Die Russen schaffen derzeit ein System von Kadettenschulen, in denen Kinder gezielt auf den Militärdienst vorbereitet werden. Im Grunde ist ihre Hauptaufgabe, dass die Menschen lesen und schreiben können und dann in die Berufsausbildung gehen. Das Wichtigste ist, ihr Bewusstsein und ihre Identität zu verändern.

— Sie sprechen von Fällen, in denen Kinder gegen nahestehende Erwachsene aufgebracht werden. Wie sah das konkret aus?

— Die Zerstörung der Autorität der Eltern ist ein weiteres Instrument. Zum ersten Mal haben wir dies in einem Dorf am rechten Ufer nach der Befreiung festgestellt. Dort gelang es den Besatzern, Jugendliche im Alter von 12–14 Jahren zu versammeln, die Funktionen der Informationsweitergabe an die lokale Bevölkerung übernahmen – sie liefen durch das Dorf und riefen die Nachrichten der Besatzer aus. Diese Kinder standen oft auch in Schlangen und hörten zu, sogar zu Hause belauschten sie ihre Eltern und meldeten alles den Besatzern, wofür sie Boni erhielten – Zugang zu Treibstoff für Mopeds, zu Alkohol, Zigaretten, Geld. Und Zugang zur Macht.

Zunächst dachten wir, das sei ein Einzelfall, doch dann erhielten wir eine Reihe von Interviews aus dem linken Ufer und sahen, dass diese Praxis weit verbreitet ist. Kinder werden für Spionage und zum Verfassen von Denunziationen gegen ihre Eltern eingesetzt.

— In den besetzten Gebieten führt Russland Mobilisierung durch. Was wissen Sie über diesen Prozess und sein Ausmaß?

— Nach dem, was wir wissen, planen die Russen, aus allen neu besetzten Gebieten etwa 50 000 Soldaten zu mobilisieren. Zumindest war dies ein Versprecher eines einflussreichen Sicherheitsfunktionärs im vergangenen Jahr.

Die Mobilisierung zum Wehrdienst läuft bereits seit zweieinhalb Jahren. Im ersten Jahr, also 2024, gelang es ihnen, buchstäblich etwa hundert Menschen einzuziehen. Diese wurden ausschließlich in der Region Kursk eingesetzt; diese ersten 100–120 Menschen leisteten ihren Dienst unter relativ leichten Bedingungen. Nach Abschluss kehrten praktisch alle zurück und erhielten verschiedene Boni – Aufstiegsmöglichkeiten, soziale Aufzüge.

Die Besatzer wiederholten dies im nächsten Jahr, und dort konnten bereits etwa tausend Menschen mobilisiert werden. Das heißt, sie gehen die ersten Schritte immer so an, dass sie zeigen, dass daran nichts Schreckliches ist. Im vergangenen Jahr begann bereits eine Massenrekrutierung, und ein Teil der Rekruten zeigte sogar einen gewissen Enthusiasmus. Nicht alle, aber einige. So läuft alles „schön“ ab, und danach werden diejenigen, die gedient haben, auf verschiedene Weise überzeugt, einen Vertrag zu unterschreiben. Der Plan, Ukrainer gegen Ukrainer kämpfen zu lassen, wird umgesetzt.

— In welchem Maß sind die neu besetzten Gebiete heute eine Grauzone ohne Regeln, in der mit einem alles geschehen kann?

— In den ersten ein bis zwei Jahren war es genau so. Die schlimmsten Erinnerungen betreffen Polizisten aus den sogenannten „DNR/LNR“, sie waren nicht nur die grausamsten, sondern konnten auch besser als die Russen die Gesichter unserer Leute „lesen“. Danach stellte sich in Städten wie Skadowsk und Melitopol allmählich eine gewisse Ordnung ein. Doch außerhalb der Städte ist es anders: In den Dörfern rund um die Städte gibt es ein Problem mit Deserteuren, den sogenannten „Sachas“. Sie fliehen aus der russischen Armee, verstecken sich, schließen sich zu Banden zusammen, greifen Dörfer an und plündern Menschen aus. Ein Großteil der heutigen Durchsuchungen dient längst nicht mehr der Suche nach ukrainischen Partisanen, sondern der Suche nach eigenen Deserteuren. In den frontnahen Gebieten der Region Saporischschja gibt es kein Gesetz. Dorthin fährt der FSB nicht mehr. Und die lokalen Militärs tun, was sie wollen. Wenn sie wollen, töten sie dich. Wenn sie wollen, vergewaltigen sie dich. Wenn sie wollen, rauben sie dich aus. Du bist völlig in ihrer Macht.

— Die Ukraine entwickelt aktiv Gesetze zur Kollaboration. Was sollte der Staat vermeiden, wenn er Gesetze in Bezug auf ukrainische Bürger in besetzten Gebieten weiterentwickelt?

— Man muss verstehen, dass die Situation dynamisch ist. Und jene Formulierungen, die 2022 verabschiedet wurden, waren vermutlich gerechtfertigt, weil sie eine möglichst breite Auslegung dessen zuließen, wer als Kollaborateur gilt, und tatsächlich die Kollaboration verlangsamt, die Annahme von Pässen erschwert und den Preis der Besatzung für Russland erhöht haben.

Doch jetzt spielen solche unklaren, verschwommenen Formulierungen gegen uns. Man muss verstehen, dass die Menschen psychologisch eine Grenze überschritten haben; sie mussten so oder so russische Pässe annehmen, um zu überleben. Und das bedeutet bereits, dass das, wofür das Gesetz über Kollaboration gedacht war, nicht mehr funktioniert. Jetzt müssen wir verstehen, dass wir uns mit einem breiten Spektrum von Grau bis Schwarz auseinandersetzen müssen.

Und wir müssen verstehen, was wir wollen. Wollen wir uns den Prozess der Reintegration der besetzten Gebiete in der Zukunft erleichtern? Brauchen wir dafür die Loyalität der lokalen Bevölkerung? Oder ist uns das egal? Ich sage ganz zynisch und rational: Wir müssen maximale Loyalität erhalten. Wir müssen darüber nachdenken, wie wir es schaffen, dass die Menschen trotz allem diese Verbindung zur Ukraine spüren.


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Art der Quelle: Interview
Titel des Originals: Методологія катувань. Як росіяни формують атмосферу страху на окупованих територіях і чому колаборанти — не завжди вороги, інтервʼю. Nv.ua. 24.03.2026.
Autor/Kanal: Serhii Danylov/ Nv.ua.
Veröffentlichung / Entstehung: 24.03.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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