Zelenskys Flugzeug unter Beschuss | Vitaly Portnikov. 09.09.2026.

Der norwegische Ministerpräsident Jonas Gahr Støre teilte mit, dass das Flugzeug des ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky beim Abflug vom Flughafen in der Republik Moldau beinahe mit einer Drohne zusammengestoßen wäre, die möglicherweise gezielt auf das Flugzeug der ukrainischen Delegation angesetzt worden war, die zur Beerdigung des norwegischen Monarchen unterwegs war.

Der norwegische Ministerpräsident gab keine weiteren Erklärungen zu diesem Vorfall ab. Er sagte nicht, ob es dazu Kommentare aus Kyiv gegeben habe und ob dieser Vorfall ein vorsätzlicher Versuch gewesen sei, den Präsidenten der Ukraine und andere hochrangige Vertreter des Landes zu töten, oder ob es sich lediglich um einen Zufall gehandelt habe, der mit dem Auftauchen von Drohnen im Luftraum der Republik Moldau zusammenhing.

Aber geben Sie zu: Das ist ein ziemlich merkwürdiger Zufall. Die Russische Föderation intensiviert ihre Angriffe auf den Süden der Ukraine genau zu dem Zeitpunkt, an dem das Flugzeug des ukrainischen Präsidenten vom Flughafen der moldauischen Hauptstadt abfliegen soll. Dabei gelangt ein Teil der Drohnen, die formal auf ukrainisches Gebiet gerichtet sind, ausgerechnet in den Luftraum der Republik Moldau. Nicht zum ersten Mal, aber diesmal genau dann, als das Flugzeug des ukrainischen Präsidenten in die norwegische Hauptstadt fliegen soll.

Dabei sollte man daran erinnern, dass die mögliche Teilnahme des Präsidenten der Ukraine an der Trauerfeier für König Harald im Voraus bekannt war. Das ist gerade eine jener Veranstaltungen, die nicht unangekündigt bleiben können, denn die Beerdigung des Königs brachte eine große Zahl ausländischer Vertreter aus ganz Europa und aus der ganzen Welt zusammen. Und wer die jeweilige Delegation anführen wird, wird gemäß dem Protokoll mitgeteilt.

Und noch ein wichtiger Punkt, auf den ich aufmerksam machen möchte. Während seiner Pressekonferenz in Bischkek nach Abschluss des Gipfels der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit beantwortet Putin die Frage eines Journalisten nach einer möglichen Liquidierung der ukrainischen Führung. Schon die Frage selbst ist kein Zufall. Offensichtlich werden solche Fragen von den Journalisten, die Putins propagandistische Bedürfnisse bedienen, stets mit der Administration des russischen Präsidenten abgestimmt.

Und Putin sagt, die ukrainischen Führungskräfte würden nicht liquidiert, weil Russland Verhandlungspartner brauche, die zu einem Frieden zu russischen Bedingungen bereit seien, also zur Kapitulation der Ukraine mit ihrem anschließenden Verschwinden von der politischen Weltkarte und dem Übergang ukrainischer Gebiete unter die Kontrolle Moskaus.

Wenn Putin sagt, dass etwas nicht geschehen werde, bedeutet das natürlich, dass er zu einer neuen Etappe seines Kampfes gegen die Ukraine übergeht. Und diese Etappe könnte Versuche, die oberste Führung der Ukraine zu töten, ebenso einschließen wie Angriffe auf Verwaltungsgebäude mit dem Ziel, die Führungskräfte der Ukraine und unserer Sicherheitsstrukturen zu töten.

Natürlich hat es solche Angriffe bereits gegeben. Es gab Versuche, die ukrainische Regierung anzugreifen, es gab Versuche, die Sicherheitsministerien anzugreifen. Doch jetzt hat Russland, wie wir am Einschlag einer Drohne im Büro des amtierenden Leiters des Sicherheitsdienstes der Ukraine sehen, zumindest größere Möglichkeiten für symbolische Angriffe, weil es das Zeitfenster nutzt, in dem wir über keine wirksamen Mittel zur Abwehr sowohl ballistischer Raketen als auch strahlgetriebener Drohnen verfügen, die Kyiv und andere Städte und Ortschaften unseres leidgeprüften Landes weiterhin terrorisieren.

Und in dieser Situation fügt sich der Versuch, ein Passagierflugzeug zu zerstören, in dem sich der Präsident der Ukraine befinden könnte, in diese Logik Putins ein. „Zuerst sagen wir, dass wir nicht vorhaben, die oberste Führung der Ukraine zu töten. Dann tauchen aus irgendwelchen Gründen Drohnen im Luftraum der Republik Moldau auf. Und wenn es einer Drohne tatsächlich gelingt, das Flugzeug mit dem ukrainischen Präsidenten und anderen Vertretern der ukrainischen Führung zu zerstören, sprechen wir anschließend von einem Unglücksfall und betonen, dass im Krieg alles Mögliche passieren kann.“

Und die Verantwortung für den Tod des ukrainischen Präsidenten und anderer Führungskräfte unseres Staates würde Moskau übrigens der moldauischen Seite zuschieben. Nach dem Motto: „Da sehen Sie es doch, Moldau hat eine derart ineffektive Luftverteidigung, dass sie nicht einmal am Flughafen von Chișinău mit den Drohnen fertigwerden konnte.“ Oder: „Warum hat die Republik Moldau ihren Luftraum nicht gesperrt, als sich Drohnen darin befanden? Und nun sehen Sie, Menschen sind ums Leben gekommen.“

Das wäre ungefähr derselbe Vorwurf, den Russland gegen die Ukraine erhob, nachdem seine Rakete ein Passagierflugzeug am Himmel über dem Donbas abgeschossen hatte. Angeblich seien nicht die russischen Militärangehörigen und Söldner schuld gewesen, die diesen schrecklichen Anschlag organisiert hatten, sondern die Ukraine, weil sie den Luftraum angesichts eines möglichen Raketentreffers nicht gesperrt hatte.

Obwohl, wie Sie verstehen, weder in Kyiv noch sonst irgendwo auf der Welt jemand überhaupt auf den Gedanken gekommen war, dass die Russische Föderation in einem Konfliktgebiet derart weitreichende Raketen einsetzen könnte, zu einem Zeitpunkt, als überhaupt nicht von Luftkämpfen die Rede war und auch nicht davon, dass die sogenannten Separatisten, bei denen es sich in Wirklichkeit um russische Truppen handelte, über Mittel verfügten, mit denen sie die zivile Luftfahrt oder Flugzeuge treffen konnten, die sich in einem Luftkorridor in einer solchen Höhe befanden.

Aber so, wie Russland seine Verantwortung für den Tod der Passagiere dieses Flugzeugs abstritt, würde es natürlich auch seine Verantwortung für die Ermordung des ukrainischen Präsidenten abstreiten. Es besteht kein Zweifel daran, dass solche Versuche, selbst wenn wir es jetzt mit einem zufälligen Vorfall zu tun haben, auch in Zukunft fortgesetzt werden.

Ich betone seit 2022, dass zu den Instrumenten zur Destabilisierung der Lage in der Ukraine, an denen der Präsident der Russischen Föderation sowie die russischen Sicherheitsstrukturen beteiligt sein könnten, auch die Liquidierung der obersten Führung der Ukraine und die Jagd auf diese Führung gehören können – nicht einmal unbedingt mit dem Ziel, ein konkretes Ergebnis zu erzielen, sondern zum Zweck der Einschüchterung, um das zu senden, was Putin am meisten liebt: Signale nach dem Motto: „Natürlich töten wir euch heute nicht. Aber morgen, wenn ihr kurzsichtig seid und nicht zu den Kompromissen bereit seid, auf die wir hoffen, werden wir euch holen – in Kyiv oder in Chișinău oder in der Hauptstadt irgendeines westlichen Staates, in dem wir über ein ziemlich ernstzunehmendes Agentennetz verfügen.“

Ich weiß also nicht, ob diese Drohne in der Nähe von Volodymyr Zelenskys Flugzeug Zufall war. Aber die Tötung der obersten ukrainischen Führung wäre ganz sicher kein Zufall, sondern eine weitere Seite in diesem langen und vonseiten des russischen Präsidenten und seines Umfelds grausam geführten Krieg.


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Titel des Originals: Літак Зеленського під обстрілом | Віталій Портников. 09.09.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 09.09.2026.
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Rubio verspricht Verhandlungen | Vitaly Portnikov. 09.09.2026.

Der Außenminister der Vereinigten Staaten Marco Rubio hat versprochen, in Kürze die Voraussetzungen für neue Verhandlungsrunden zwischen der Ukraine, Russland und den Vereinigten Staaten über die Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges zu schaffen.

Der Chef des US-Außenministeriums bewertete die jüngsten Gespräche positiv, die die Vertreter von Präsident Trump, Steve Witkoff und Jared Kushner, in der russischen und der ukrainischen Hauptstadt geführt hatten, und betonte, diese Gespräche hätten reale Möglichkeiten dafür geschaffen, dass sich die Seiten bei künftigen Treffen auf eine Beendigung des Krieges zu Bedingungen einigen könnten, die alle zufriedenstellen würden.

Zugleich warnte der Außenminister der Vereinigten Staaten, dass zwischen Moskau und Kyiv weiterhin ernsthafte Meinungsverschiedenheiten bestünden, die bislang nicht überwunden werden konnten und die man nicht ignorieren könne. Es könnte also sein, dass die optimistischen Prognosen des Außenministers, wie schon mehr als einmal zuvor, auf die unerbittliche Realität treffen werden, dass die russische Führung nicht bereit ist, irgendwelche wirklichen Verhandlungen unter Vermittlung der Vereinigten Staaten fortzusetzen.

Der Kreml versucht allerdings gerade, einen Streit mit Donald Trump zu vermeiden. Nachdem der amerikanische Präsident mit seinem russischen Amtskollegen gesprochen hat – ich möchte übrigens daran erinnern, dass auch noch ein Gespräch Trumps mit dem Präsidenten der Ukraine Volodymyr Zelensky stattfinden soll –, betonte der Berater des Präsidenten der Russischen Föderation Juri Uschakow, das Hauptthema des Gesprächs zwischen dem amerikanischen und dem russischen Präsidenten sei die Wiederaufnahme der amerikanisch-russischen wirtschaftlichen Zusammenarbeit im Falle einer Lösung der Frage nach der Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges gewesen.

Wie man erkennen kann, ist genau das Trumps wichtigster Trumpf bei seinen Gesprächen mit Putin, mit dessen Hilfe er den russischen Präsidenten davon zu überzeugen hofft, den Krieg gegen die Ukraine zu beenden. Doch so merkwürdig es auch klingen mag: Trump verfügt heute gerade im Hinblick auf die wirtschaftlichen Interessen des Kreml über mehr Möglichkeiten, auf Putin einzuwirken, als noch vor einigen Monaten. Und das ist kein großes Verdienst des amerikanischen Präsidenten selbst. Es ist ein Verdienst der Streitkräfte der Ukraine.

Denn je mehr für Russland wichtige Wirtschaftsobjekte die ukrainischen Soldaten zerstören, je häufiger die Erdölraffinerien der Russischen Föderation brennen und je weniger Möglichkeiten Russland hat, Öl aus seinen Häfen zu exportieren, desto größer wird das Interesse des russischen Präsidenten an einer Aufhebung der Sanktionen gegen die Russische Föderation und an einer Wiederaufnahme der Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten.

Bis vor Kurzem war man in Moskau der Ansicht, alle mit den westlichen Sanktionen verbundenen Probleme gelöst zu haben und dass sich die Beendigung der Zusammenarbeit sowohl mit den Vereinigten Staaten als auch mit der Europäischen Union in keiner Weise auf die russische Wirtschaft auswirken werde, die Putin auf den Globalen Süden, auf China und Indien, umorientieren wollte. Doch nun zeigt sich, dass die Möglichkeiten, die Verluste durch die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Peking und Neu-Delhi auszugleichen, immer geringer werden. Zum einen deshalb, weil die Sanktionen gegen russisches Öl eben doch wirken und selbst Indien weniger davon kauft als noch vor einigen Jahren. Zum anderen deshalb, weil Russland inzwischen Probleme mit seiner Erdölverarbeitungsindustrie und mit dem Verkauf von Öl hat.

Jeder weitere Tag mit Angriffen auf die Erdölverarbeitung, jeder weitere Tag, an dem russische Ölhäfen zerstört werden, jeder weitere Tag, an dem die Europäer Jagd auf russische Tanker machen, die Öl transportieren, wird zusätzliche Probleme für die russische Wirtschaft schaffen. Und auf diese Weise wird Putin gezwungen sein, den Vorschlägen Donald Trumps ernsthafter Gehör zu schenken.

Das einzige Problem bei all dem ist die Frage, wann der Präsident der Russischen Föderation tatsächlich realistische Gespräche über die Beendigung des Krieges aufnehmen möchte. Dazu gibt es, wie wir wissen, zahlreiche widersprüchliche Informationen. Quellen aus dem Kreml betonen, Putin hoffe weiterhin darauf, dass es ihm gelingen werde, die gesamte Oblast Donezk zu erobern, und halte es zumindest für notwendig abzuwarten, wie die Ukraine den Winter 2026/2027 bewältigen wird.

Natürlich ist für Putin die Kapitulation unseres Staates und sein anschließendes Verschwinden von der politischen Weltkarte wichtiger als die Wiederaufnahme der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten. Und der russische Präsident kann schlicht davon ausgehen, dass die Amerikaner im Falle dieser Kapitulation ihre Beziehungen zu Moskau ohnehin wieder aufnehmen werden. Und deshalb besteht für ihn vorerst kein Grund zur Eile.

Die Amerikaner dagegen haben es eilig. Sowohl die Reise von Steve Witkoff und Jared Kushner in die russische und die ukrainische Hauptstadt als auch die Erklärungen des Außenministers der Vereinigten Staaten Marco Rubio über eine baldige Wiederaufnahme der Verhandlungen sowie die Tatsache, dass Steve Witkoff seinen europäischen Gesprächspartnern versprochen hat, Moskau werde sich nach den sogenannten Wahlen zur Staatsduma der Russischen Föderation, die bereits in den kommenden Wochen stattfinden werden, intensiver an den Verhandlungen beteiligen – all das zeigt, dass die Administration zumindest irgendein positives Ergebnis im Zusammenhang mit der Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges vor den Zwischenwahlen zum Kongress der Vereinigten Staaten erzielen möchte, die für Trump buchstäblich eine Frage des politischen Überlebens sind.

Und natürlich würde der amerikanische Präsident den Amerikanern vor diesen Wahlen gerne konkrete Erfolge zumindest auf außenpolitischem Gebiet präsentieren. Erfolge im Zusammenhang mit der Möglichkeit, den russisch-ukrainischen Krieg zu beenden, mit der Beendigung der Krise im Nahen Osten und mit der Möglichkeit, die Kraftstoffpreise an den amerikanischen Tankstellen zu senken.

All diese Dinge hängen miteinander zusammen. Denn wenn es gelingt, das Feuer an der russisch-ukrainischen Front einzustellen oder zumindest eine Waffenruhe im Energiebereich zu vereinbaren, würde das automatisch bedeuten, dass die Ukraine die russische Erdölverarbeitungsindustrie und die Häfen der Russischen Föderation nicht mehr angreifen würde und Russland mehr Öl an die Länder des Globalen Südens verkaufen könnte. Für die Russen bleibt das in der nächsten Zukunft tatsächlich eine ziemlich wichtige Frage.

Wie dem auch sei: Die Worte des Außenministers der Vereinigten Staaten, wonach es Möglichkeiten gibt, den Verhandlungsprozess selbst wieder aufzunehmen, werden schon bald auf die Probe gestellt werden. Und möglicherweise werden der amerikanische und der ukrainische Präsident, die sich ebenfalls bereits in den kommenden Wochen in den Vereinigten Staaten treffen könnten, vielleicht am Rande der Generalversammlung, genau darüber sprechen.


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Titel des Originals: Рубіо обіцяє перемовини | Віталій Портников. 09.09.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 09.09.2026.
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Trump wird Zelensky und Putin anrufen | Vitaly Portnikov. 07.09.2026.

Der Präsident der Vereinigten Staaten Donald Trump wird den Präsidenten der Ukraine und den Präsidenten Russlands nach dem Besuch anrufen, den die Vertreter des amerikanischen Staatschefs Steve Witkoff und Jared Kushner in Kyiv und Moskau absolviert haben.

Wie berichtet wird, soll das Gespräch Trumps mit Zelensky und Putin, das bereits heute stattfinden wird, darauf abzielen, nach Möglichkeiten für eine Annäherung der Positionen der Seiten zu suchen sowie möglicherweise ein amerikanisch-ukrainisch-russisches Treffen zu organisieren, um Verhandlungen über Möglichkeiten zur Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges zu führen.

Die Tatsache, dass Trump bereit ist, unmittelbar nachdem seine Vertreter die ukrainische Hauptstadt verlassen haben, mit dem ukrainischen und dem russischen Präsidenten zu sprechen, zeigt, dass der amerikanische Präsident diesmal tatsächlich daran interessiert ist, zumindest irgendein reales Ergebnis bei der Regelung der Situation rund um den Krieg in der Ukraine zu erzielen.

Umso mehr, als die Wahlen zum amerikanischen Kongress, die bereits im November dieses Jahres stattfinden werden, für den Präsidenten der Vereinigten Staaten zu einer ernsthaften Bewährungsprobe werden und Probleme in den Beziehungen zwischen der Administration und dem Kongress schaffen könnten. Und genau das versucht Trump jetzt zu verhindern.

Somit kann man sagen, dass der Besuch Witkoffs und Kushners in Moskau und Kyiv aus Sicht der amerikanischen Administration keineswegs zufällig und auch keine bloße Episode war. Doch es stellt sich die Frage nach den konkreten Inhalten.

Die Financial Times, die sich auf eigene Quellen in der Administration des Präsidenten der Vereinigten Staaten beruft, betont, dass die Vermittler lediglich aktualisierte Fassungen alter Dokumente in die russische und die ukrainische Hauptstadt mitgebracht hätten. Weder in Moskau noch in Kyiv brachten Witkoff und Kushner irgendwelche neuen Ideen dazu vor, wie man die Positionen der Seiten einander annähern und Voraussetzungen für die Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges schaffen könnte, und zumindest von der russischen Führung erhielten sie darauf auch keine ernsthafte positive Reaktion.

Der russische Präsident Putin hielt weiterhin an seiner harten und kompromisslosen Position hinsichtlich der Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges fest, bestand auf dem Abzug der ukrainischen Truppen aus jenem Teil der Gebiete Donezk und Luhansk, der weiterhin unter der Kontrolle der legitimen ukrainischen Regierung steht, und betonte außerdem, Russland werde seine Ziele auf jeden Fall mit Gewalt erreichen, wenn man in der ukrainischen Hauptstadt seinen Bedingungen nicht zustimme.

Der ukrainische Präsident Volodymyr Zelensky betonte dagegen, dass die Ukraine ihre Truppen nicht aus einem Gebiet abziehen werde, das die Russen nicht erobern können.

Übrigens wurde gerade heute beim Institute for the Study of War betont, dass, selbst wenn die russische Armee das derzeitige Tempo ihres Vormarsches auf die ukrainischen Stellungen beibehält, die Russen erst in den 2030er-Jahren wirkliche Erfolge bei der Herstellung der Kontrolle über das gesamte Gebiet der Oblast Donezk erzielen könnten. Somit kann man davon ausgehen, dass Putin in einer Welt der Illusionen lebt, die zudem durch unrealistische Informationen seitens der militärischen Führung der Russischen Föderation genährt werden.

Aber es ist klar, dass die Amerikaner diesen Besuch ziemlich ernst nahmen. Witkoff und Kushner wurden von zahlreichen Beamten des Nationalen Sicherheitsrats der Vereinigten Staaten, des Außenministeriums sowie von Behörden begleitet, die für Sanktionen gegen die Russische Föderation und andere Staaten zuständig sind, die sich heute im Konflikt mit Washington befinden.

Man kann sagen, dass der Besuch der Vermittler diesmal tatsächlich auf staatlicher Ebene vorbereitet wurde, kein amateurhafter Besuch war, sondern von Beamten begleitet wurde. Das zeigt bereits, dass bei einer solchen Zusammensetzung der Delegation irgendwelche besonderen Absprachen hinter verschlossenen Türen nicht möglich waren und dass Beamte, die beispielsweise für die Sanktionen gegen die Russische Föderation zuständig sind, sowohl dem Sonderbeauftragten des russischen Präsidenten Kirill Dmitrijew als auch Putin selbst die Folgen der russischen Unnachgiebigkeit hinsichtlich der Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges erläutern konnten.

Aber jetzt liegt das Wort natürlich bei Trump. Während seiner früheren Gespräche mit Putin stimmte der amerikanische Präsident wiederholt solchen Vorschlägen seines russischen Amtskollegen zu, die für die ukrainische Führung eindeutig inakzeptabel waren und weit entfernt von den Möglichkeiten ihrer Umsetzung im Sinne jenes gerechten Friedens lagen, den die Ukrainer anstreben. Doch jetzt hat Trump natürlich nicht nur keine Möglichkeit, ernsthaften Druck auf die Russische Föderation auszuüben, sondern auch keine Möglichkeit, ernsthaften Druck auf die Ukraine auszuüben.

Zumindest die Logik der vergangenen Wahlen in den Vereinigten Staaten und die Sympathie der überwiegenden Mehrheit der Wähler für die Ukraine erlauben es dem amerikanischen Präsidenten nicht, offen Druck auf Kyiv auszuüben und gerade von uns Zugeständnisse in der Frage der Beendigung des Krieges und die Erfüllung russischer Bedingungen zu verlangen.

Es ist jedoch offensichtlich, dass die Telefongespräche mit Putin und Zelensky auch für den ukrainischen Präsidenten zu einer schwierigen Bewährungsprobe werden können, weil der amerikanische Präsident Putins Bedingungen für die Beendigung des Krieges als seine eigenen Wünsche und als konstruktiven Ansatz ausgeben könnte. Erneut könnte die Frage jener Gebiete aufkommen, die die Ukraine im Austausch für die Beendigung der Kampfhandlungen aufgeben könnte.

Und außerdem wissen wir, dass ein solcher Ansatz auch bei einem bestimmten Teil der ukrainischen Gesellschaft Unterstützung findet, weil dort nicht verstanden wird, dass jegliche territorialen Zugeständnisse heute bereits morgen zu neuen Forderungen Russlands führen und keineswegs mit einem positiven Ergebnis enden werden.

Aber so oder so sehen wir, dass es dank des Besuchs Witkoffs und Kushners in der russischen und der ukrainischen Hauptstadt tatsächlich gelungen ist, den Verhandlungsprozess zwischen Russland und der Ukraine unter Vermittlung der Vereinigten Staaten wieder zu aktivieren. Und das ist zum heutigen Zeitpunkt das einzige reale Ergebnis, von dem man sprechen kann, wenn wir den Aufenthalt der Vermittler aus den Vereinigten Staaten in Moskau und Kyiv kommentieren.

Und natürlich ist es ebenfalls sehr wichtig, dass Russland in der Zeit, in der Witkoff und Kushner sich in der ukrainischen Hauptstadt aufhielten, seine barbarischen Angriffe auf Kyiv und auf die friedlichen Einwohner unserer Stadt eingestellt hat.


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Titel des Originals: Трамп зателефонує Зеленському і Путіну|Віталій Портников. 07.09.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 07.09.2026.
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Die Ankunft von Witkoff und Kushner: das Wichtigste | Vitaly Portnikov. 06.09.2026.

Der Besuch der Vertreter des Präsidenten der Vereinigten Staaten, Steve Witkoff und Jared Kushner, in der russischen und der ukrainischen Hauptstadt ist zu Ende gegangen. Diesem Besuch wurde, wie Sie wissen, besondere Aufmerksamkeit geschenkt, weil es sich faktisch um die erste derartige Wiederaufnahme des Verhandlungsprozesses zwischen der Russischen Föderation und der Ukraine unter Vermittlung der Vereinigten Staaten handelte, nachdem die Verhandlungen während der Angriffe der Vereinigten Staaten und Israels auf Iran faktisch eingefroren worden waren.

Aber man sollte daran erinnern, dass die Verhandlungen in Wirklichkeit weder von den Vereinigten Staaten noch von der Ukraine blockiert wurden, sondern dass die Russische Föderation selbst aus den Verhandlungen ausgestiegen war. Dabei stellte der Kreml als Bedingung für die Wiederaufnahme dieser Verhandlungen den Abzug der ukrainischen Truppen aus jenem Teil der Gebiete Donezk und Luhansk, der sich bis heute unter der Kontrolle der legitimen ukrainischen Regierung befindet.

Dass der Verhandlungsprozess wieder aufgenommen wurde, obwohl im Donbas weiterhin schwere Kämpfe stattfinden und es der russischen Armee nicht gelingt, die Kontrolle über das gesamte Gebiet der Oblast Donezk zu erlangen, zeigt bis zu einem gewissen Grad, dass man im Kreml trotz aller Gespräche über eine Schwächung der Ukraine nicht sicher ist, ohne Verhandlungen auskommen zu können.

Aber die wichtigste Frage lautet: Wozu braucht die Russische Föderation diese Verhandlungen?

Viele mögen glauben, dass die Verhandlungen faktisch durch die Einladung initiiert wurden, die der Präsident der Russischen Föderation während seiner Pressekonferenz in Bischkek an Witkoff und Kushner richtete. Es ist klar, dass diese Verhandlungen im Voraus vorbereitet wurden und auch schon früher darüber gesprochen wurde, aber eine solche öffentliche Einladung könnte damit zusammenhängen, dass Putin eine Schwächung seiner Position spürt.

Ich gehe nicht davon aus, dass Putin darüber nachdenkt, die wirtschaftliche Lage in seinem Land sei inzwischen so schwierig, dass er gezwungen wäre, Verhandlungen aufzunehmen, deren Ziel die Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges wäre. Ich habe wiederholt gesagt, dass Verhandlungen, die während fortdauernder Kampfhandlungen stattfinden, überhaupt keine Verhandlungen sind, sondern ein Spiel auf Zeit.

Dass Russland es sich erlaubte, die Angriffe auf Kyiv für einige Stunden einzustellen, einfach weil sich dort die amerikanischen Vermittler aufhalten würden, spricht gerade nicht dafür, dass Putin nach Frieden strebt, sondern dafür, dass er weiterhin Anhänger eines Konzepts ist, in dem Verhandlungen Teil des Krieges sind und erstens dazu dienen sollen, in den Beziehungen zu den Vereinigten Staaten Zeit zu gewinnen, und zweitens als Instrument für die Kapitulation der Ukraine dienen sollen, wenn man im Kreml entscheidet, dass sich sämtliche militärischen Anstrengungen sowohl gegen die ukrainische Front als auch gegen das ukrainische Hinterland bereits bemerkbar gemacht haben. Und dann wird man mit Kyiv ausschließlich noch über eine solche Kapitulation sprechen.

Eine weitere Motivation des Präsidenten der Russischen Föderation für die Wiederaufnahme dieses Verhandlungsprozesses könnte sein Treffen mit dem Staatspräsidenten der Volksrepublik China Xi Jinping in Bischkek gewesen sein. Es mag den Anschein haben, dass Xi Jinping, der grundsätzlich an einem langen russisch-ukrainischen Krieg interessiert ist, nicht an einer Form dieses Krieges interessiert sein kann, bei der die Wirtschaft der Russischen Föderation zerstört wird – die Wirtschaft eines Landes, das bekanntlich ein wichtiger strategischer politischer Partner sowie ein politischer und wirtschaftlicher Satellit der Volksrepublik China ist.

Und in dieser Situation ist Putin einfach gezwungen, eine gewisse Imitation eines Verhandlungsprozesses zu inszenieren – auch das ist verständlich –, damit man in China sieht, dass er den Krieg ohne erhebliche Verluste für die russische Wirtschaft beenden möchte. Obwohl diese erheblichen Verluste den russischen Präsidenten meiner Ansicht nach wesentlich weniger interessieren als den chinesischen Staatschef. Denn Putin ist es nicht gewohnt, in wirtschaftlichen Kategorien zu denken. Und manchmal scheint mir sogar, dass er gar nicht in diesen wirtschaftlichen Kategorien denken kann.

Wie bekannt ist, dauerten die Gespräche, die Steve Witkoff und Jared Kushner gestern im Kreml unter Beteiligung des russischen Präsidenten Putin und seiner engsten Mitarbeiter führten, dreieinhalb Stunden. Von amerikanischer Seite wurden überhaupt keine Erklärungen abgegeben.

Wir hörten ausschließlich die Erklärungen des Beraters des Präsidenten der Russischen Föderation, Uschakow, der, wie Sie wissen, solche Treffen immer kommentiert und so etwas wie Moskaus wichtigster News-Maker ist. Und Uschakow sagte im Grunde nichts Konkretes zu den Fragen, die mit der Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges zusammenhängen.

Er sagte, Putin habe Witkoff und Kushner erzählt, was weiter an der Front geschehen könne; Putin werde die wichtigen Ziele der sogenannten Spezialoperation weiterverfolgen und ändere seine Position grundsätzlich nicht; die russische Seite habe erneut über die Ursachen des Konflikts gesprochen und ihre Sicht der Dinge der Sicht von Witkoff und Kushner gegenübergestellt; und es seien dort nicht nur Fragen im Zusammenhang mit dem russisch-ukrainischen Krieg, sondern auch Fragen wirtschaftlicher Kontakte zwischen Russland und den Vereinigten Staaten erörtert worden.

Und übrigens scheint mir, dass wir gerade heute verstanden haben, warum Putin Witkoff und Kushner im Kreml treffen wollte und was er ihnen tatsächlich anbieten wollte.

Das Wichtigste ist, dass Putin während des bevorstehenden APEC-Gipfels ein trilaterales Treffen der Präsidenten der Vereinigten Staaten und Russlands und des Staatspräsidenten der Volksrepublik China abhalten möchte. Das ist das Hauptziel dessen, dass Witkoff und Kushner die russische Hauptstadt besucht haben.

Ich halte es übrigens sogar für möglich, dass dies das Hauptziel der Reise des Direktors der Central Intelligence Agency der Vereinigten Staaten nach Moskau war.

Ich habe wiederholt gesagt, dass Trump der russisch-ukrainische Krieg als solcher in Wirklichkeit nicht besonders interessiert. Jetzt beschäftigt er sich ausschließlich mit den Zwischenwahlen. Die Ergebnisse des russisch-ukrainischen Krieges haben keinerlei Einfluss auf diese Wahlen. Deshalb erschien mir schon die Tatsache, dass Trump Witkoff und Kushner in die russische Hauptstadt schickt, um eine Frage zu lösen, die für die amerikanischen Wahlen keine Priorität besitzt, insgesamt merkwürdig.

Jetzt, da man in Moskau von der Möglichkeit eines solchen trilateralen Treffens spricht, denke ich, dass genau das das ist, was sie Trump verkaufen wollen. Und Trump, der bekanntlich von der Idee einer Aufteilung der Einflusssphären zwischen zwei – nein, nicht zwei, Entschuldigung – sondern drei Hauptakteuren lebt, zwischen Peking, Washington und Moskau, könnte diesen Köder schlucken und glauben, dass ein solches Treffen der Weltherrscher Trump, Putin und Xi Jinping Eindruck auf die republikanischen Wähler machen könnte.

Ob dieses Treffen tatsächlich stattfinden wird oder ob es bilaterale Treffen Trump–Putin, Putin–Xi Jinping, Xi Jinping–Trump und so weiter geben wird, ist allerdings unbekannt. Auch das ist also ein sehr wichtiger Punkt.

Gleichzeitig wird über die Möglichkeit eines trilateralen Treffens Russlands, der Vereinigten Staaten und der Ukraine gesprochen. Darüber sprach Steve Witkoff während seiner Verhandlungen in Kyiv. Aber es ist unbekannt, in welchem Format ein solches Treffen stattfinden könnte.

Offensichtlich ist es unwahrscheinlich, dass ein Treffen auf Ebene der Staatschefs in nächster Zeit stattfindet, und es geht ausschließlich um die Möglichkeit einer Wiederaufnahme des Verhandlungsprozesses, der vor dem Hintergrund der Kampfhandlungen ohnehin – erinnern Sie sich an diese Worte – keine greifbaren Ergebnisse bringen wird, sondern vom Kreml dazu genutzt werden wird, in den amerikanisch-russischen Beziehungen Zeit zu gewinnen, um neue Sanktionen gegen die Russische Föderation zu verhindern.

Witkoff und Kushner sagen Zelensky, dass sie vor dem Winter einen Durchbruch bei den Verhandlungen erreichen und an einem aktualisierten Friedensvorschlag arbeiten wollen. Was das bedeutet, weiß in Wirklichkeit niemand.

Denn zunächst hieß es, Witkoff und Kushner hätten Trumps alten Plan in die russische Hauptstadt gebracht. Der Präsident der Vereinigten Staaten selbst sagte, sie brächten nichts Neues nach Moskau. Jetzt ist plötzlich die Idee eines aktualisierten Vorschlags mit unbekannten Details aufgetaucht. Und auch Zelensky sagte, man müsse das erörtern, was die amerikanische Seite vorgeschlagen habe. Im Grunde haben wir nichts wirklich Konkretes gehört.

Witkoff sagte, in Moskau seien viele wichtige und substanzielle Ideen erörtert worden, die man nach Kyiv mitgebracht habe, und die Zusammenarbeit bei der Lösung dieser Probleme sei von entscheidender Bedeutung. Gerade deshalb waren bei dem Treffen die nationalen Sicherheitsberater europäischer Länder anwesend.

Und Witkoff betonte, dass beide Seiten gewisse Kompromisse eingehen und die Differenzen zwischen ihnen verringern müssten.

„Wir glauben, dass wir über die notwendigen Bestandteile verfügen“, sagt Witkoff, „um dieses Ziel zu erreichen. Wir sind entschlossen, es ist uns nicht gleichgültig. Und wir hoffen, dass all dies zu einer erfolgreichen, friedlichen, diplomatischen Regelung führen wird.“

Aber ich wiederhole noch einmal: All das ist wichtig, doch in diesen Worten steckt keinerlei Konkretes. Zum heutigen Zeitpunkt ist das einfach weißes Rauschen eines optimistisch gestimmten Vermittlers.

Zelensky sagt zugleich auf derselben Pressekonferenz mit Witkoff und Kushner, dass die Frage des Donbas die Frage des gesamten Krieges sei, dass sie eine der Schlüsselfragen bei den Verhandlungen über die Beendigung des Krieges sei und dass die Ukraine ihre Position hinsichtlich der Übergabe ihrer Gebiete im Donbas an Russland nicht ändern werde.

Ich möchte Sie davon überzeugen, dass die Frage des Donbas nicht die Schlüsselfrage dieses Krieges ist. Hier irrt sich der Präsident der Ukraine entschieden.

Der Donbas ist ausschließlich ein Brückenkopf, der dazu benutzt wird, die ukrainische Staatlichkeit selbst zu zerstören und die überwiegende Mehrheit der Ukrainer aus ihrem angestammten Siedlungsgebiet zu vertreiben, um die ukrainische Frage durch das Russische Imperium endgültig zu lösen.

So wird es kommen, wenn die Ukraine den Krieg verliert. Auf ukrainischem Boden wird es keine Ukrainer geben. Die Geschichte des ukrainischen Volkes in der Ukraine wird beendet sein. Und es wird einfach eine weitere über die Welt verstreute Diasporanation ohne eigenen Staat sein. So kann es bereits in den kommenden Jahren kommen, wenn der Krieg verloren wird.

Aber wenn die Ukraine den Donbas verteidigt, bedeutet das nicht, dass Russland nicht versuchen wird, andere ukrainische Gebiete zu erobern. Wenn die Ukraine den Donbas abgibt, bedeutet das nicht, dass Russland nicht von diesem Donbas aus andere ukrainische Regionen angreifen wird.

Wenn die Ukraine in den kommenden Jahren in der Lage sein wird, Russland seines militärischen und wirtschaftlichen Potenzials zu berauben, wird das bedeuten, dass der Krieg für eben diese Jahre aufhört, um später mit neuer Kraft wieder auszubrechen, falls die Ukraine in dieser Zeit keine entschlossenen Veränderungen ihrer eigenen Staatlichkeit mit dem Ziel einer maximalen Militarisierung und Befestigung durchführt.

Eine Ukraine, die keine Festung, kein militarisiertes Land ist, wird so oder so von der politischen Weltkarte verschwinden, selbst wenn sie der NATO beitritt.

Früher habe ich das nicht so gesehen. Aber jetzt, da wir verstehen, dass militärische Bündnisse infolge des schwindenden Sicherheitsverständnisses der Vereinigten Staaten selbst an Bedeutung verlieren, können nur die Länder selbst dafür sorgen, ihre Bürger vor der Perspektive des Verschwindens und der Flucht in andere Länder zu schützen, in denen später wiederum ein großer zerstörerischer Krieg beginnen wird.

Also nicht der Donbas. Und es ist völlig unrealistisch zu behaupten, der Donbas sei die Hauptgeschichte dieses Krieges.

Gleichzeitig muss man jedoch verstehen, dass Putin die Donbas-Frage in diesen Verhandlungen zur weiteren Destabilisierung der Situation in der Ukraine, zur Vertiefung des Bruchs zwischen Staatsführung und Gesellschaft, zwischen Staatsführung und Armee und zur Schaffung von Bedingungen nutzen wird, die es ermöglichen sollen, wesentlich größere ukrainische Gebiete zu besetzen. Auch das muss man verstehen, wenn wir über die Situation im Donbas sprechen.

Und wiederum werde ich der ukrainischen Führung nicht vorwerfen, es mangele ihr an Realismus. Denn anders als Witkoff und Kushner, die sagen, sie wollten den Krieg bis zum Winter beenden, sagt Zelensky realistisch, dass der Krieg auch im Winter weitergehen werde. Ich sage gleich, dass ich es für möglich halte, dass der Krieg auch im nächsten Winter, im Winter 2027/2028, weitergehen wird, wenn es uns nicht gelingt, das wirtschaftliche und demografische Potenzial Russlands zu verringern.

Objektive Voraussetzungen für die Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges gab es 2022 nicht, und es gibt sie auch 2026 nicht. Jetzt zeichnet sich lediglich eine Tendenz zur Entstehung solcher Voraussetzungen in den kommenden Jahren ab – falls es der Ukraine gelingt, die russische Wirtschaft zu zerstören.

Das ist der einzige realistische Weg, der die Annahme erlaubt, dass der Präsident der Russischen Föderation beginnen könnte, über eine Unterbrechung des Krieges gegen die Ukraine nachzudenken – um Kräfte zu sammeln für weitere zerstörerische Angriffe in der Zukunft, auf die wir vorbereitet sein müssen. Eine sehr einfache und, wie mir scheint, elementare Situation, die sich ebenfalls aus diesem Besuch ergibt.

Im Grunde ist also genau das geschehen, was wir erwartet haben. Weder in Moskau noch in Kyiv haben wir irgendwelche wirklich konkreten Aussagen darüber gehört, wie der Krieg enden könnte, und wir konnten sie auch gar nicht hören. Man kann nicht hören, was es nicht gibt. Man kann in dem dunklen Raum eines nicht vorhandenen Kompromisses nicht nach einer schwarzen Katze suchen.

Dann kann natürlich die Frage entstehen: Wozu trifft man sich überhaupt mit Witkoff und Kushner? Dafür gibt es, würde ich sagen, für jede Seite, die jetzt diese Treffen führt, ihre eigenen Voraussetzungen.

Putins Interesse ist für mich verständlich, und heute ist es noch verständlicher geworden. Putins Interesse besteht in seinem Wunsch, ein trilaterales Treffen Trump–Xi Jinping–Putin abzuhalten und zu demonstrieren, dass er ein Herr der Welt ist.

Sie verstehen doch, dass ein solches Treffen, sollte es beim APEC-Gipfel stattfinden, zu einem echten politischen Triumph für den Präsidenten der Russischen Föderation werden würde. Das ist genau jenes G3-Format, von dem sowohl Trump als auch Putin träumen. Es ist ein Format, das im Grunde einen Schlusspunkt unter jene Weltordnung setzt, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist.

Der APEC-Gipfel soll zu einem regelrechten politischen Umsturz mit unklaren Folgen werden und könnte uns im Grunde schneller in den Dritten Weltkrieg führen, als wir denken. Viel schneller. Dieser Express steht bereits am Bahnsteig, man muss nur noch die entsprechenden Knöpfe drücken, und dann wird alles derart losrasen, dass Sie es sich nicht einmal vorstellen können. Aber damit dieses trilaterale Treffen stattfinden kann, muss Putin Friedfertigkeit vorspielen.

Trump, der sich nicht mit Putin trifft, der nicht einmal mit dessen Vertretern sprechen und Verhandlungen führen will, kann sich nicht einmal ein bilaterales Treffen mit dem russischen Präsidenten erlauben, geschweige denn ein trilaterales.

Jetzt aber, nachdem Witkoff und Kushner die russische Hauptstadt besucht, dort mit Dmitrijew zu Mittag gegessen und mit Putin gesprochen haben, sind alle Schleusen sowohl für ein bilaterales Treffen der Präsidenten der Russischen Föderation und der Vereinigten Staaten von Amerika als auch grundsätzlich für einen trilateralen Gipfel China–USA–Russland geöffnet – sofern Washington und Peking dazu bereit sind. Das wäre ein echter politischer Triumph für Putin. Zweifeln Sie nicht daran.

Und damit verstehen wir sehr gut, warum Putin mit Kushner und Witkoff sprechen muss. Das hat überhaupt nichts Reales mit der Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges zu tun.

Und nun der zweite, nicht weniger wichtige Punkt. Warum trifft sich Zelensky mit Witkoff und Kushner, obwohl er sehr gut versteht, dass sie sich mit Putin nicht über die Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges einigen können und dies vielleicht auch gar nicht anstreben?

Weil wir die Unterstützung der Vereinigten Staaten sichern müssen. Wenn Zelensky darüber scherzt, Witkoff und Kushner hätten die Rolle von Patriots gespielt – nun, seinerzeit spielten andere Vertreter der amerikanischen Administration, die in die Ukraine kamen, wie Sie sich erinnern, dieselbe Rolle. Wir haben sogar über diese Reisen des Vertreters des amerikanischen Präsidenten, Keith Kellogg, gelacht, der in der Administration keinerlei Einfluss hatte, dessen Status die Russen aber respektierten. Und wenn er zu völlig bedeutungslosen Besuchen kam, schossen sie wenigstens nicht.

Aber Scherz beiseite: Die Ukraine braucht Unterstützung. Die Unterstützung Amerikas ist für die Ukraine von entscheidender Bedeutung – sowohl hinsichtlich der Bereitstellung von Geheimdienstinformationen als auch hinsichtlich des Verkaufs von Waffen an Europa, die Europa anschließend uns zur Verfügung stellt. Auch das ist ein vollkommen verständlicher Teil unseres Interesses. Und wir können uns weder gegenüber den Amerikanern noch gegenüber den Europäern als Menschen darstellen, die keinen Frieden wollen. Das heißt, wir sind gezwungen, dieses Spiel mitzuspielen, das mit einem wirklichen Friedensprozess überhaupt nichts zu tun hat.

Sie können mich fragen: „Und wann wird dann ein wirklicher Friedensprozess beginnen?“

Erstens kann er auch niemals beginnen. Es kann einfach zu einem Abflauen des Krieges ohne irgendwelche Verhandlungen kommen, weil die Seiten so erschöpft sein werden, dass sie nicht mehr weiterkämpfen können.

Und ich hoffe, dass wir Russland so erschöpfen können, dass sie sich einigen wollen. Das ist der realistischste Ausgang jener Ereignisse, die mit dem großen russischen Angriff auf die Ukraine begonnen haben.

Und noch ein Punkt: Es gibt einen Indikator. Wenn eine Waffenruhe verkündet wird, wenn Witkoff eines schönen Tages gemeinsam mit Kushner nach Moskau kommt und sie sich mit Putin auf eine Waffenruhe einigen – dann verrate ich ihnen ein großes Geheimnis: Wenn Putin im russisch-ukrainischen Krieg eine Waffenruhe verkünden will, braucht er die Amerikaner überhaupt nicht.

Er hat übrigens selbst während seiner Pressekonferenz in Bischkek gesagt, dass Russland und die Ukraine sich über die Beendigung des Krieges einigen müssten. Der springende Punkt ist, dass die Amerikaner dort überhaupt nicht gebraucht werden.

Putin führt nicht deshalb Verhandlungen mit den Amerikanern, damit sie Vermittler im russisch-ukrainischen Konflikt sind. Er braucht ihre Vermittlung überhaupt nicht. Er trifft sich mit ihnen, um anderen Möglichkeiten der Amerikaner, Druck auf Russland auszuüben, zuvorzukommen.

Und wenn Putin zu der Auffassung gelangt, dass er den Krieg tatsächlich beenden muss – ich weiß nicht, ob das überhaupt geschehen wird, bislang sehe ich dafür keine Voraussetzungen –, wird er einfach eine Möglichkeit finden, damit irgendein Abramowitsch sich mit einem hypothetischen Arachamija trifft.

Und danach verkünden die Generalstabschefs der Streitkräfte der Ukraine und der Russischen Föderation eine Waffenruhe, und das war’s. Erst danach beginnt der Friedensprozess. Und die Teilnahme an diesem Friedensprozess wird für die Vermittler ein politischer Preis sein.

Wenn Putin Trump ein solches Geschenk machen will – oder vielleicht wird es um denjenigen gehen, der nach 2028 Präsident der Vereinigten Staaten sein wird –, dann ist auch das eine vollkommen realistische Variante für das Ende dieses Krieges. Er kann sie als Vermittler einladen. Wenn er der Ansicht ist, dass er die Amerikaner nicht braucht, wird er ihnen ein solches Geschenk nicht machen.

Wenn wir den Europäern ein Geschenk machen wollen und uns darauf einigen, dass auch die Russen bereit sind, dies zu berücksichtigen, laden wir die Europäer zu den Verhandlungen ein.

Wenn jemand China ein Geschenk machen will – ich halte es für möglich, dass dies in einer solchen Situation sowohl der Präsident Russlands als auch der Präsident der Ukraine sein könnte –, dann wird China bei diesen Verhandlungen vermitteln.

Aber die Rolle des Verhandlers, die Rolle des Vermittlers bei den Verhandlungen, ist rein dekorativ. Verstehen Sie das? Dekorativ.

Die Vereinigten Staaten spielen eine dekorative Rolle, weil sie erstens keinerlei wirksame Instrumente besitzen, um Druck auf die Russische Föderation auszuüben. Sie haben keine mehr, sie können kaum noch etwas tun. Und nach dem Krieg gegen Iran können sie überhaupt nichts mehr tun.

Sie beschweren sich sogar über die Ukraine, weil sie das Ölgleichgewicht in der Welt durcheinandergebracht habe. Das ist das Ergebnis, das wir von amerikanischen Regierungsvertretern hören, von Finanzminister Bessent, von Energieminister Wright. Sie beschuldigen die Ukraine inzwischen ganz offen. Weil sie die Lage auf dem Ölmarkt nicht in den Griff bekommen. Trump hat diesen Kampf verloren.

Und Trump kann auch gegen uns nicht besonders viel unternehmen, denn ja, wir brauchen amerikanische Hilfe, aber sie ist nicht so kritisch, dass wir wegen dieser Hilfe irgendwelche Entscheidungen treffen würden, die mit der Zerstörung unserer Souveränität verbunden sind.

Deshalb ist das keine Shuttle-Diplomatie Kissingers im Nahen Osten. Als Kissinger zwischen den Ländern des Nahen Ostens hin und her reiste und über die Beendigung des Krieges verhandelte, verfügten die Vereinigten Staaten über ein Vielfaches mehr Einfluss als heute, weil es China und die chinesische Wirtschaft in ihrer heutigen Form nicht gab.

Das Entstehen zweier wirtschaftlicher Systeme, die einander ausbalancieren, führt grundsätzlich dazu, dass die Vereinigten Staaten längst nicht mehr jener Vermittler sind, der sie selbst noch zu Zeiten Barack Obamas waren. All das verliert rasch an Bedeutung. Und Trump unternimmt übrigens unglaubliche Anstrengungen, um all das weiter zu entwerten.

Das ist also ein ziemlich ernstzunehmender Umstand, der uns eine Vorstellung davon vermittelt, wie der Verhandlungsprozess in nächster Zukunft aussehen wird.

Und noch ein Punkt, über den wir sprechen: Wir müssen dennoch verstehen, in welchem Maße die Positionen der Staatschefs dieselben bleiben wie zuvor.

Putin erzählt weiterhin davon, dass sämtliche Ziele der „Spezialoperation“ erreicht werden müssten, obwohl er sie nicht erreichen kann. Und er erzählt Witkoff und Kushner von irgendeiner „Faschisierung“ der Ukraine, begründet dies mit der Entscheidung, die Führer der Organisation Ukrainischer Nationalisten umzubetten, und erzählt den amerikanischen Vermittlern deren Biografien.

Zelensky wiederum betont weiterhin, dass territoriale Fragen auf Ebene der Staatschefs entschieden werden müssten. Das heißt, er strebt weiterhin ein Treffen mit Putin an, der sich nicht mit ihm treffen will.

All das hören wir schon seit vielen Jahren. Und das bedeutet nicht, dass sich dort jemand einfach querstellt – Putin oder Zelensky. Nein. Es bedeutet, dass es keinerlei reale Grundlage für einen Kompromiss gibt.

Putin ist nach wie vor der Ansicht, die Ukraine sei lediglich ein separatistisches Territorium mit einer nichtigen Regierung, das entweder mit Waffengewalt oder durch Kapitulation an Russland zurückgegeben werden müsse.

Zelensky wiederum betrachtet sich weiterhin als Staatschef eines souveränen Staates, der mit dem Präsidenten der Russischen Föderation auf Augenhöhe sprechen muss.

Diese beiden Positionen lassen sich nicht miteinander vereinbaren. Sie sind unvereinbar. Und so wird es bleiben, bis es gelingt, diese beiden Positionen miteinander in Einklang zu bringen.

Es gibt zwei Möglichkeiten.

Entweder erkennt der Präsident der Ukraine an, dass er überhaupt kein Staatschef eines souveränen Staates ist, stimmt der Liquidierung der Ukraine zu, wie Medwedew uns das bereits vor einigen Jahren vorgeschlagen hat. Die Werchowna Rada tritt zusammen und liquidiert die Ukraine. Das wäre der Weg zu Verhandlungen – zu solchen Verhandlungen, wie Hitler sie mit dem letzten Präsidenten der Tschechoslowakei vor dem Krieg, Emil Hácha, führte, als er ihn zum Staatspräsidenten des Protektorats Böhmen und Mähren machte.

Oder Putin – beziehungsweise Putins Nachfolger, denn all das kann erst unter Putins Nachfolgern enden, schließlich ist es ein langer Prozess – akzeptiert, dass die Ukraine ein Existenzrecht besitzt, dass sie kein Land mit eingeschränkter Souveränität und kein Territorium der Russischen Föderation, sondern ein wirklicher Staat ist.

In Russland hat das noch nie jemand ernsthaft so gesehen. Selbst als man die Ukraine anerkannte und Verträge mit ihr unterzeichnete, hielt man sie stets für ein vorübergehendes staatliches Gebilde.

Wenn irgendwann jemand in Russland zu der Auffassung gelangt, dass sich die Ukraine zumindest nicht von Polen oder Finnland unterscheidet – ich spreche noch nicht einmal von Deutschland oder Frankreich –, wäre das bereits eine solche Revolution im russischen Nationalbewusstsein, wie es sie seit den Zeiten des Moskauer Fürstentums nicht gegeben hat.

Und bislang gibt es keinerlei objektive Voraussetzungen für eine solche Revolution. Also werden wir uns verteidigen müssen.

Das sind im Grunde die wichtigsten Punkte, über die man, würde ich sagen, sprechen konnte, bevor wir vielleicht künftig irgendwelche konkreten Einzelheiten im Zusammenhang mit dem Besuch Witkoffs und Kushners in der ukrainischen und der russischen Hauptstadt erfahren.

Ich werde auf einige Fragen antworten, die während dieser Sendung gestellt wurden.

Frage: Welche Rolle spielten die Vertreter der europäischen Länder bei dem heutigen Treffen?

Portnikov: Ich denke, dass die Vertreter der europäischen Länder vor allem eine Idee haben. Die Vertreter der europäischen Länder wollen, dass ihre Stimme Gewicht hat, dass man auf ihre Position hört. Sie wollen, dass auch die Ukraine in der Trump-Administration Gehör findet. Das ist alles.

Zumal die Amerikaner, wie Sie verstehen, ohne die europäische Position ohnehin keine ernsthaften Zugeständnisse an Moskau machen können, weil der Löwenanteil der Sanktionen gegen Russland – SWIFT und so weiter – eine europäische Angelegenheit ist.

Frage: Eine Frage der Logik: Wenn Putin selbst die Kampfhandlungen beenden will, warum sollte er Trump eine so einmalige Gelegenheit schenken, daran beteiligt zu sein? Er kann sich doch direkt einigen?

Portnikov: Natürlich kann er das. Genau das sage ich die ganze Zeit. Putin braucht Trump überhaupt nicht. Nur wenn Putin Trump aus irgendwelchen Gründen ein politisches Geschenk machen will. Putin kann das ganz sicher direkt vereinbaren.

Frage: Gibt es eine Chance, dass nach Putins Tod ein weniger imperialistischer Herrscher kommt, der unser Land nicht angreifen wird? Oder sind wir zu einem ewigen Kampf verdammt, bis entweder wir oder sie nicht mehr da sind?

Portnikov: Nach Putins Tod oder seinem politischen Zusammenbruch kann ein Mensch an die Macht kommen, der der Ansicht ist, die Ukraine könne nicht mit militärischen, sondern mit wirtschaftlichen und politischen Mitteln in die russische Zange genommen werden.

Übrigens könnte ein solcher Mensch wesentlich größere Erfolge erzielen als Putin, weil es Millionen Ukrainer gibt, die zu irgendeiner Form des Zusammenlebens mit Russland bereit sind und sich weiterhin als Teil der russischsprachigen Welt betrachten.

Und glauben Sie mir: Sobald der Krieg endet, werden sich diese Menschen wieder lautstark zu Wort melden und für entsprechende politische Kräfte stimmen. Damit Sie sich keinerlei Illusionen machen.

Wenn Putin kein Idiot wäre, befände sich die Ukraine längst faktisch in der Einflusssphäre der Russischen Föderation. Putin wollte von der Ukraine immer mehr, als sie ihm geben konnte. Er verweigerte prorussischen Ukrainern schlicht das Recht, prorussische Ukrainer zu sein. Er versuchte, sie zu Russen zu machen, wie es in den besetzten Gebieten geschieht.

Ein klügerer Mensch an der Spitze Russlands kann die Ukraine ohne Panzer und Raketen besiegen. Auch daran muss man denken.

Denn die ukrainische politische Nation in der Form, wie wir sie heute kennen, haben Putin und Yanukovych geschaffen. Andernfalls hätte sie möglicherweise auch in den kommenden drei oder vier Jahrzehnten nicht entstehen können.

Und die Ukrainer mit einem europäischen und nationalpatriotischen Bewusstsein wären in unserem Land, wie es auch vor Putin der Fall war, eine absolute Minderheit geblieben beziehungsweise hätten 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung ausgemacht.

Frage: Sie sagten, Trump werde diese beiden Herren jetzt nur dann zu Verhandlungen schicken, wenn realistische Vereinbarungen möglich seien. Was war diesmal anders?

Portnikov: Vielleicht war alles genau so? Vielleicht besteht die realistische Vereinbarung in einem trilateralen Gipfel von Trump, Putin und Xi? Vielleicht wollten sie darüber sprechen?

Realistische Vereinbarungen müssen nicht das Ende des Krieges betreffen. Ich sage noch einmal: Wir können unter Realismus bestimmte Dinge verstehen, während sie darunter etwas völlig anderes verstehen können.

Sie haben doch gesehen, dass sie sich nicht über das einigen, worüber wir glauben, dass sie sich einigen. Und das ist ein gewaltiges Problem, wenn wir über den russisch-ukrainischen Krieg und die Haltung der Trump-Administration zu diesem Krieg sprechen.

Frage: Wenn die Demokraten nach den Wahlen in den Vereinigten Staaten die Mehrheit bekommen, kann die Ukraine dann mit militärischer Hilfe der USA rechnen?

Portnikov: Grundsätzlich bestehen solche Möglichkeiten. Die Außenpolitik der Vereinigten Staaten bleibt unabhängig davon, wer im Kongress die Mehrheit besitzt, unter der Kontrolle des Präsidenten der Vereinigten Staaten. Aber wenn man berücksichtigt, dass das Gesetz zur Unterstützung der Ukraine bereits verabschiedet wurde und sich jetzt im Senat befindet, wo es von den Trump-treuen Führern des Senats und von Trump selbst blockiert wird – und dieses Gesetz ist wesentlich wichtiger als das Graham-Gesetz –, dann können die Demokraten, wenn sie an die Macht kommen, die Zustimmung zu bestimmten Vorhaben Trumps gegen die Zustimmung zu eigenen Gesetzesvorhaben eintauschen.. So etwas geschieht in Amerika.

Wenn Trump unbedingt etwas verabschieden muss – bis hin zu einer Begnadigung irgendwelcher Verwandten oder Mitarbeiter, der Bestätigung irgendeiner Person für ein Amt oder der Verabschiedung bestimmter Haushaltsposten –, wir wissen nicht, was es sein wird. Er hat schließlich noch zwei Jahre als Präsident vor sich. Danach kommen 2026, 2027, 2028. Gott bewahre, dass in diesen Jahren nicht der Dritte Weltkrieg beginnt, denn unter Trump ist alles möglich.

Nun, er kann diese Gesetze gegeneinander eintauschen. Und auf diese Weise können wir von den Vereinigten Staaten mehr militärische Hilfe bekommen. Nicht weil Trump das verlangen würde, sondern weil der Kongress es verlangen würde. Diese Möglichkeiten bestehen durchaus. Das sage ich gleich.

Frage: Müssen wir also mindestens bis 2029 warten?

Portnikov: Ich kann Ihnen nicht sagen, wann der russisch-ukrainische Krieg enden wird. Es gibt auf der Welt keinen einzigen Menschen, der weiß, wie er enden soll und wann.

Ich wiederhole: Es gibt keine objektiven Voraussetzungen für die Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges und, weiter gefasst, des russisch-ukrainischen Konflikts.

2029 ist nicht das Jahr, in dem der Krieg endet. Es ist das Jahr, in dem im Sicherheitsrat der Russischen Föderation Entscheidungen getroffen werden. Das wird nach November 2028 sein: Welche Taktik soll man im Krieg angesichts eines neuen amerikanischen Präsidenten wählen?

Aber wer hat Ihnen gesagt, dass der Krieg nicht weitergehen kann oder dass der Konflikt nicht während der gesamten nächsten Präsidentschaft weitergehen kann? Wer hat Ihnen das gesagt?

Ich sage Ihnen lediglich, dass Putin nach 2029 einige ernsthafte Entscheidungen treffen wird. Das bedeutet aber nicht, dass dann irgendetwas beendet sein wird. Es ist einfach eine Etappe.

Der russisch-ukrainische Krieg und der russisch-ukrainische Konflikt haben verschiedene Etappen. Das Jahr 2028, das Jahr der Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten, wird eine bestimmte Etappe sein, aber vielleicht keine so wichtige, wie es uns erscheint.

Aus dem einfachen Grund, dass Putin 2024, als in den Vereinigten Staaten Präsidentschaftswahlen stattfanden, möglicherweise dachte, ein Wechsel des amerikanischen Präsidenten würde es ermöglichen, den Krieg zugunsten Russlands zu beenden, dass diese ganze Geschichte mit dem Krieg dann vorbei wäre und Putin die Ukraine besiegen könnte, weil es keine amerikanische Hilfe mehr geben würde.

Könnte das die Vorstellung des russischen Präsidenten gewesen sein? Ja, das könnte sie gewesen sein.

Jetzt ist bereits klar, dass der Wechsel des Präsidenten der Vereinigten Staaten darauf keinen so wesentlichen Einfluss hat.

Deshalb überschätzen vielleicht sowohl ich als auch wir alle gemeinsam die Bedeutung des Wechsels an der Spitze der amerikanischen Macht im Jahr 2029.

Wie Sie alle würde auch ich sehr gerne wissen, wann der russisch-ukrainische Krieg enden wird. Leider verfügt bislang keiner von uns über dieses Wissen.

Aber zum Abschluss unserer Sendung und während wir darauf warten, vielleicht konkrete Einzelheiten im Zusammenhang mit dem Besuch der amerikanischen Vermittler zu erfahren, möchte ich Sie an eine wichtige Sache erinnern.

Es wird von den Streitkräften der Ukraine abhängen und von der Bereitschaft der Ukrainer, ihr Land in den Reihen dieser Streitkräfte zu verteidigen, sowie von der Bereitschaft der Gesellschaft, den Streitkräften dabei zu helfen, Ressourcen und Möglichkeiten für den Widerstand gegen die russische Aggression in den kommenden schweren Jahren zu finden.

Einen anderen historischen Ausweg hat es für das ukrainische Volk nie gegeben, gibt es nicht und wird es nicht geben. Das garantiere ich Ihnen mit hundertprozentiger Klarheit.

Und wenn es der Ukraine gelingt, die russische Wirtschaft zu zerstören und die Zahl der russischen Mörder auf ukrainischem Boden so weit zu verringern, dass keine Mobilmachung Russland dabei helfen kann, seine Pläne zur Zerstörung unseres Staates fortzusetzen, können wir das ersehnte Abflauen erreichen. Ein Abflauen, kein Ende. Für ein Ende gibt es überhaupt keine Voraussetzungen. Ein Abflauen des Krieges.

Dafür müssen die Ukrainer arbeiten und kämpfen. Zumal sich uns, wie Sie verstehen, bald eine enorme Zahl von Menschen anschließen wird, die in europäischen Ländern leben, weil auch diese Länder zu Ländern werden, die von Konflikten betroffen sind. Und viele unserer Landsleute werden entweder diese Länder in neuen Konflikten verteidigen oder Teil der ukrainischen Verteidigung werden.

Auch das ist eine Perspektive, an die jeder denken muss, der über die Zukunft des ukrainischen Staates, über die Zukunft des russisch-ukrainischen Krieges und über einen möglichen großen Krieg in Europa nachdenkt, an dessen Grenze wir uns nun ebenfalls befinden.

Ich denke, der Besuch der amerikanischen Vermittler Witkoff und Kushner in der russischen und der ukrainischen Hauptstadt hat Sie davon überzeugt, dass gerade die ukrainische Armee in den kommenden Jahren der wichtigste Garant für den Erhalt des ukrainischen Staates und für Ihr physisches Überleben als solches bleiben wird, denn die Alternative besteht in der Zerstörung des Staates und im Tod seiner Bürger.

Ich hoffe, dass es eine solche Alternative für uns nicht geben wird, dass die Ukraine standhalten wird und dass keinerlei Manöver um die Ukraine herum uns dazu zwingen werden, auf die ukrainische staatliche Souveränität und auf die Existenz der ukrainischen Nation auf ukrainischem Boden zu verzichten.

Das heißt, Putin wird es nicht gelingen, jene Ziele zu erreichen, die bereits formuliert und verkündet wurden und die der russische Aggressor derzeit in die Tat umzusetzen versucht.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Приїзд Віткоффа і Кушнера: головне |Віталій Портников. 06.09.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 06.09.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


SBU gegen HUR: Krieg der Geheimdienste | Vitaly Portnikov. 02.09.2026.

Die Schießerei zwischen Mitarbeitern des Sicherheitsdienstes der Ukraine und der Hauptverwaltung für Aufklärung des Verteidigungsministeriums unseres Landes hat bereits die Titelseiten westlicher Medien erreicht. Journalisten fragen, ob Kyiv die Kontrolle über seine eigenen Geheimdienste verloren hat. Ukrainische Medien versuchen zu verstehen, was eigentlich geschehen ist und ob tatsächlich die Festnahme und anschließende Freilassung des stellvertretenden Kommandeurs des Russischen Freiwilligenkorps, Stepan Kaplunow, der Anlass für diese Schießerei war.

Bekanntlich ist dieses Korps Teil der Hauptverwaltung für Aufklärung, und die Tatsache, dass einer seiner Anführer in die Hände des Sicherheitsdienstes der Ukraine geriet, der später betonte, man habe versucht, einen Terroranschlag gegen einen anonymen russischen Oppositionellen zu verhindern, der zur Feier des Jahrestages der Unabhängigkeit nach Kyiv gekommen war, erklärt die Situation keineswegs, sondern verwirrt sie, könnte man sagen, nur noch mehr.

Aber davon zu sprechen, dass dies irgendein neuer Konflikt sei, bedeutet, sich nicht daran zu erinnern, was bereits 2022 geschah. Wir wissen bis heute nicht, was die Ursache für den Tod Kirejews war, eines Teilnehmers der ersten ukrainisch-russischen Verhandlungen seit Beginn des Großen Krieges. In der Hauptverwaltung für Aufklärung bezeichnete man ihn als einen wahren Helden. Und darüber sprach auch der damalige Leiter der Behörde, Kyrylo Budanow, der später Leiter des Büros des Präsidenten der Ukraine werden sollte. Beim SBU sprach man vom Tod eines Agenten der russischen Geheimdienste. Das sind, wie wir verstehen, diametral entgegengesetzte Sichtweisen auf das, was im Zusammenhang mit diesem Vorfall geschehen ist. Wenn man das überhaupt einen Vorfall nennen kann, denn schließlich geht es um das Leben eines Menschen.

Es handelt sich also um einen ziemlich alten Konflikt. Und natürlich ist die interessanteste Frage, wie so etwas in einem demokratischen Land überhaupt möglich sein kann. Und ich kann diese Frage mit völliger Sicherheit beantworten. Das spricht gerade für die Degradation des Systems der Staatsführung unter dem personalistischen Regime, das 2019 in der Ukraine errichtet wurde. 

Jetzt weist Volodymyr Zelensky das Staatliche Ermittlungsbüro an, zu klären, was eigentlich geschehen ist und wie es zu dieser Schießerei kommen konnte. Aber das Staatliche Ermittlungsbüro müsste sich nicht in die Angelegenheit einschalten, wenn es in der Ukraine ein tatsächlich geschaffenes System von Gegengewichten gäbe, wenn die Geheimdienste unseres Landes tatsächlich von den entsprechenden parlamentarischen und staatlichen Strukturen kontrolliert würden.

Wenn sich sowohl die Leitung des Sicherheitsdienstes der Ukraine als auch die des Verteidigungsministeriums und damit auch der Hauptverwaltung für Aufklärung nicht vollständig auf eine einzige Person ausrichten würden, sondern sich ihrer Verantwortung gegenüber dem Parlament, der Regierung und dem Volk bewusst wären, dann wäre ihr Verhalten natürlich völlig anders. Und dann würden sich weder der Sicherheitsdienst der Ukraine noch die Hauptverwaltung für Aufklärung in solche eigenständigen Milizen verwandeln, die mit konkreten politischen oder nicht einmal politischen, sondern wirtschaftlichen Interessen verbunden sind. Und wir wären nicht Zeugen von Ereignissen, die als anschauliche Illustration für die Unkontrollierbarkeit staatlicher Institutionen erscheinen können.

Und ich möchte Sie davon überzeugen, dass diese Unkontrollierbarkeit nur noch zunehmen wird. Denn wenn es eine einzige Person gibt, die 2019 die gesamte Machtvertikale bei sich gebündelt hat – sei es mithilfe von Günstlingswirtschaft, aber sie hat sie gebündelt –, und niemand sonst im Staat irgendwelche Entscheidungen trifft, während alle anderen Menschen, wie der Ministerpräsident der Ukraine, die zuständigen Minister der Sicherheitsressorts und schließlich auch der Vorsitzende der Werchowna Rada, lediglich Sachbearbeiter sind, die den Interessen des Präsidentenbüros dienen, und dann plötzlich der Einfluss dieser einen Person aus unterschiedlichen Gründen abzunehmen beginnt, dann versucht jeder, der in einem solchen System existiert, diese Möglichkeit zu nutzen, um den eigenen Status zu erhöhen.

Nun, daran ist nichts neu. Das ist die ganz formale Logik der Entwicklung personalistischer Regime, der Entwicklung von Ein-Mann-Herrschaft. Solange alles in deinen Händen konzentriert ist, versuchen praktisch alle, in einer Reihe zu marschieren. Aber sobald dir weder die Kraft noch die Zeit reichen, die Prozesse der Staatsführung vollständig zu kontrollieren, beginnen diese Prozesse sofort zu degradieren. Im ukrainischen Fall dauert diese Degradation bereits seit sieben Jahren an.

Ja, wir können sagen, dass die ukrainische Gesellschaft selbst der Urheber dieser Degradation war und begeistert Beifall dafür klatschte, dass Menschen, die sich nie mit Politik und Staatsführung beschäftigt hatten, nun an den Ukrainern lernen würden, wie man diese armen Geschöpfe regiert.

Aber die Frage ist doch nicht, dass die Gesellschaft eine Variante akzeptiert hat, die unweigerlich zu einer Krise ungekannten Ausmaßes führen musste, und das auch noch während eines großen Krieges, in dem die Existenz des ukrainischen Staates und auch des ukrainischen Volkes selbst auf dem Spiel steht. 

Die Frage ist, wie man die weitere Entwicklung der Verselbstständigung der Sicherheitsstrukturen und das Austragen von Rechnungen zwischen ihren Leitern und Mitarbeitern verhindern kann. Denn in Wirklichkeit ist das bereits ein klassischer Kampf zwischen dem Sicherheitsdienst und der Armee. Schließlich ist die Hauptverwaltung für Aufklärung Teil des Verteidigungsministeriums. Sie ist eine militärische Struktur.

Das ist die gewöhnlichste, ich würde sagen, Logik der Entwicklung jedes Regimes persönlicher Herrschaft in Lateinamerika. Früher haben wir all das in Büchern über lateinamerikanische Machthaber gelesen, Spiel- und Dokumentarfilme gesehen, in denen das alles so wunderbar dargestellt wurde. Jetzt sehen wir es auf den Straßen von Kyiv.

Und ich möchte Ihnen praktisch garantieren, dass dies erst der Anfang einer solchen Krise ist. Danach wird es noch viel interessanter werden, wenn die Präsidenten und die ukrainische Gesellschaft natürlich nicht schließlich zu der völlig logischen Schlussfolgerung gelangen, dass die Prozesse des Staatsaufbaus wiederhergestellt werden müssen, und erkennen, dass die Degradation der Staatsführung während eines großen, grausamen und endlosen Krieges ein weiterer Schritt in den Abgrund ist, zur Niederlage, zum Zusammenbruch, zur Katastrophe. Und das brauchen wir nicht.

Wir brauchen, dass der ukrainische Staat nach diesem großen Krieg auf der politischen Weltkarte erhalten bleibt, dass zumindest auf dem Gebiet dieses Staates, das zu diesem Zeitpunkt von einer legitimen ukrainischen Regierung kontrolliert werden wird, eine ausreichende Zahl von Menschen für die weiteren Prozesse des Staatsaufbaus erhalten bleibt. Und wir brauchen außerdem, dass der Sicherheitsdienst der Ukraine dem ukrainischen Volk dient und nicht bestimmte Interessen schützt oder dass ein Teil der Mitarbeiter dieses Dienstes konkrete Unternehmensinteressen schützt.

Denn wir werden doch nicht den gesamten Dienst verurteilen, in dem es viele echte Profis, Helden und Patrioten der Ukraine gibt, ebenso wie in der Hauptverwaltung für Aufklärung des Verteidigungsministeriums der Ukraine. Wir verstehen ebenfalls den Beitrag sowohl dieser Hauptverwaltung als auch des SBU zum weiteren erbitterten Widerstand der Ukrainer gegen die russische Aggression. Und natürlich darf in dieser Situation niemand die Frage danach, was mit diesen Institutionen als solchen geschieht, stellen, ohne ihren Beitrag zum Sieg des Volkes, zum Widerstand des Volkes und zum weiteren langen und ernsthaften Kampf gegen die russische Invasion zu berücksichtigen, der nicht enden wird, selbst wenn wir theoretisch in Zukunft das Ende der heißen Phase des russisch-ukrainischen Krieges erleben sollten.

Deshalb brauchen wir effektive Geheimdienste. Dienste, die zur schrittweisen Verwandlung der Ukraine in eine Festung auf Russlands Weg beitragen werden, in eine Festung, die gegen Russland kämpfen, die Ukraine und die zivilisierte Welt in den kommenden, für diese zivilisierte Welt kritischen Jahrzehnten schützen wird. Das ist es, was wir brauchen, und keineswegs Konflikte zwischen SBU und HUR.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: СБУ проти ГУР: війна спецслужб | Віталій Портников. 02.09.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 02.09.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Trump-Zelensky-Putin-Gipfel: Gibt es eine Perspektive? | Vitaly Portnikov. 30.08.2026.

Der Direktor der Central Intelligence Agency der Vereinigten Staaten, John Ratcliffe, hat während seines Aufenthalts in der russischen Hauptstadt seinem Amtskollegen, dem Direktor des Föderalen Sicherheitsdienstes der Russischen Föderation Alexander Bortnikow, vorgeschlagen, einen Dreiergipfel der Präsidenten der Vereinigten Staaten, der Ukraine und Russlands zu organisieren, um den russisch-ukrainischen Krieg zu beenden. Über diese neuen Einzelheiten des mysteriösen Aufenthalts des CIA-Direktors in der russischen Hauptstadt berichtet Axios.

Wie wir sehen, kommen mit jedem weiteren Tag nach dem Ende des kurzen Aufenthalts des CIA-Direktors in Moskau immer neue Einzelheiten ans Licht, die erklären, warum der Leiter der Central Intelligence Agency so dringend in die russische Hauptstadt reisen musste.

Und hier stellt sich eine naheliegende Frage: Kann ein Gipfeltreffen der Staatschefs der Vereinigten Staaten, Russlands und der Ukraine tatsächlich stattfinden? Und wird Putin dem zustimmen? Und warum ist gerade jetzt eine solche Initiative des Direktors der Central Intelligence Agency entstanden?

Wie wir sehen, ist der russische Präsident derzeit zu keinerlei Verhandlungen über ein Ende des russisch-ukrainischen Krieges bereit. Obwohl Ratcliffe Bortnikow für einen vernünftigeren und konstruktiveren Menschen hält als andere russische Beamte, stellt sich die große Frage, ob der langjährige Direktor des Föderalen Sicherheitsdienstes der Russischen Föderation – selbst wenn Bortnikow ein ebenso großer Realist ist wie Portnikow – in der Lage ist, den Machthaber der Russischen Föderation von der Notwendigkeit zu überzeugen, den Krieg zu beenden und einen solchen Gipfel abzuhalten.

Ich habe ernsthafte Zweifel sowohl an seiner Vernunft als auch an seinen Möglichkeiten. Und natürlich hätten solche Zweifel auch dem Direktor der Central Intelligence Agency kommen müssen. Er hätte von Anfang an begreifen müssen, dass seine Mission zum Scheitern verurteilt war.

Warum ist er also hingefahren, und wozu hat er all das vorgeschlagen? Wie ich bereits mehrfach erklärt habe, als ich über die Treffen des Direktors der Central Intelligence Agency in der russischen Hauptstadt gesprochen habe, sollte man den Sinn dieser Reise nicht aus der Perspektive dessen erklären, was früher geschah, als CIA-Direktoren Moskau besuchten oder sich auf neutralem Boden mit ihren Amtskollegen, den Direktoren des Föderalen Sicherheitsdienstes der Russischen Föderation und des Auslandsgeheimdienstes der Russischen Föderation, trafen. Man muss versuchen, den Zweck dieser Reise ausgehend von der Logik des amerikanischen Präsidenten Donald Trump und seinen eigenen Interessen zu verstehen.

Denn heute ist die gesamte Außen- und auch Innenpolitik der Vereinigten Staaten gerade mit diesen Interessen verbunden. Donald Trumps wichtigstes Interesse besteht derzeit darin, die Kongresswahlen zu gewinnen. Sollten die Republikaner auch nur im Repräsentantenhaus ihre Mehrheit verlieren, drohen Trump ernsthafte Untersuchungen über das Wesen seiner Tätigkeit als Präsident der Vereinigten Staaten sowie über die Interessen seiner Familienmitglieder und seines engsten Umfelds.

All das versucht Trump mit einer enormen Zahl innenpolitischer Entscheidungen und Manipulationen ebenso wie mit Schritten auf der außenpolitischen Bühne zu verhindern. Und das, obwohl er praktisch keine besonderen Möglichkeiten hat, die Situation zu verändern.

Und hier könnte Trump, der bekanntlich vor allem in PR-Kategorien denkt, auf die Idee eines Dreiergipfels gekommen sein, dessen Durchführung er praktisch seit 2025 vorschlägt. Übrigens sollte man auch daran erinnern, dass diese Initiative stets die Unterstützung des ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky gefunden hat, der immer wieder von der Zweckmäßigkeit eigener Verhandlungen mit dem Präsidenten der Russischen Föderation unter Vermittlung des Präsidenten der Vereinigten Staaten spricht.

Was Zelensky betrifft, hat Donald Trump also keinerlei Probleme. Der ukrainische Präsident ist bereit, sich mit dem Präsidenten Russlands zu treffen, wobei Trump bei diesem Treffen der wichtigste Vermittler sein soll. 

Das Problem liegt beim Präsidenten der Russischen Föderation, der:

  • erstens nicht beabsichtigt, den russisch-ukrainischen Krieg zu beenden;
  • zweitens nicht beabsichtigt, sich mit dem Präsidenten der Ukraine zu treffen – nach jenem Fiasko, zu dem es beim letzten Treffen des ukrainischen und des russischen Präsidenten im Normandie-Format in Paris noch zu Beginn von Volodymyr Zelenskys Amtszeit als Präsident der Ukraine kam;
  • drittens versucht, bis zum Ende von Donald Trumps Amtszeit als Präsident Zeit zu schinden und damit keine realen Probleme zu lösen, sondern ausschließlich seine Bereitschaft zu Kompromissen zu demonstrieren, falls die Ukraine auf die politischen Bedingungen eingeht, die von der Führung der Russischen Föderation gestellt werden – also auf Kapitulationsbedingungen.

Und Trump könnte zu dem Schluss gekommen sein, dass Putin in einer Situation, in der die Ukraine russische Infrastrukturobjekte angreift und Russland mit ernsthaften wirtschaftlichen Problemen konfrontiert ist, einem Dreiergipfel zustimmen könnte – zumindest um die eigenen wirtschaftlichen Kapazitäten zu retten, um die Situation in der Russischen Föderation nicht bis zu einer sozialen Explosion kommen zu lassen und um keine massive Mobilmachung durchführen zu müssen, die sich ebenfalls auf die Stabilität des russischen Regimes auswirken könnte.

Und all das hätte John Ratcliffe natürlich dem Direktor des Föderalen Sicherheitsdienstes der Russischen Föderation erklären müssen, der all das auch ohne ihn weiß, aber wohl kaum bereit ist, es sich erstens selbst einzugestehen und es zweitens dem Präsidenten der Russischen Föderation zu erklären, der seit dem 24. Februar 2022 von all dem nichts hören will, sondern nur hören möchte, dass die ukrainische Staatlichkeit beseitigt und das ukrainische Territorium einverleibt worden ist.

Und die Menschen, die in Putins Umfeld erfolgreich Karriere machen wollen, erzählen ihm auch nur genau das. Ähnliche Äußerungen haben wir bereits vom ehemaligen Präsidenten der Russischen Föderation und stellvertretenden Vorsitzenden des russischen Sicherheitsrates Dmitri Medwedew sowie von anderen russischen Beamten gehört, die über ihre Zukunft unter Putin und nach Putin nachdenken.

Man kann also grundsätzlich sagen, dass Donald Trump den Direktor der Central Intelligence Agency in die russische Hauptstadt geschickt hat, um ein zum Scheitern verurteiltes Treffen vorzubereiten, das in der Realität ohnehin kaum hätte stattfinden können.

Doch die Situation mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten ist nun einmal so, wie sie ist. Donald Trump versucht, in seiner eigenen Realität zu leben, und wehe demjenigen, der versucht, den amerikanischen Präsidenten aus dieser Realität herauszuholen. Der Direktor der Central Intelligence Agency hat es jedenfalls nicht gewagt und ist stattdessen einfach in die russische Hauptstadt geflogen, um mit dem Direktor des Föderalen Sicherheitsdienstes über eine Initiative zu sprechen, die von vornherein auf Ablehnung stoßen musste.

Das ist die ganze Situation, in der wir uns heute befinden. Der Präsident der Vereinigten Staaten befindet sich in seiner eigenen Realität, die sich von dem unterscheidet, was tatsächlich in der Welt geschieht. Der Präsident der Russischen Föderation befindet sich in seiner eigenen Realität, die sich von dem unterscheidet, was tatsächlich in der Welt geschieht. 

Die Direktoren der Central Intelligence Agency und des Föderalen Sicherheitsdienstes sind gezwungen, Verhandlungen zu inszenieren, damit ihre Chefs sehen, wie gewissenhaft sie ihre Aufträge erfüllen. Und natürlich können in einer solchen Situation selbst Menschen, die die Lage realistisch einschätzen, über nichts wirklich ernsthaft sprechen.

Und wissen Sie, welche Schlussfolgerung wir daraus ziehen müssen? Wir müssen zumindest eine Situation erreichen, in der sich der Präsident der Ukraine – anders als der Präsident der Vereinigten Staaten und der Präsident der Russischen Föderation, die sich längst und endgültig in eine andere Realität verabschiedet haben – in der realen Welt befindet und mit unserer Hilfe, mit der Hilfe der ukrainischen Gesellschaft, begreift, was in der Ukraine und in der Welt tatsächlich geschieht, und keine Entscheidungen trifft, die nicht von der Realität bestimmt werden, sondern von seiner persönlichen Vorstellung davon, wie diese Realität aussieht. Denn in Wirklichkeit wird die Initiative bei demjenigen liegen, der in der realen Welt lebt, und nicht bei denen, die sich ihre eigene Realität erschaffen, damit sie ihnen gefällt und ihren Vorstellungen von Macht und Politik entspricht.

Es scheint, dass das Treffen des Direktors des Föderalen Sicherheitsdienstes der Russischen Föderation mit dem Direktor der Central Intelligence Agency der Vereinigten Staaten zu einer weiteren hervorragenden Illustration dessen geworden ist, was geschieht, wenn Menschen versuchen, die Realität nicht durch konkrete Entscheidungen zu verändern, sondern aus der Perspektive, wie sie ihren eigenen Präsidenten gefallen und Perspektiven aufzeigen können, die sich ohnehin nicht in jener Welt verwirklichen lassen, die vor ihren Augen existiert – sondern nur in den Köpfen von Trump oder Putin.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Саміт Трампа, Зеленського і Путіна: чи є перспектива | Віталій Портников. 30.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 30.08.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Geheime Verhandlungen zwischen Musk und Zelensky | Vitaly Portnikov. 26.08.2026.

Der ukrainische Präsident Volodymyr Zelensky führt geheime Verhandlungen mit dem amerikanischen Milliardär Elon Musk vor dem Hintergrund der Suche der Ukraine nach Möglichkeiten, noch vor dem Winter Schläge gegen die Abschussvorrichtungen russischer ballistischer Raketen zu führen.

Diese Meldung erschien vor dem Hintergrund der offiziellen Entscheidung Zelenskys, Musk mit einem ukrainischen Orden auszuzeichnen, was Teil des Verhandlungsprozesses sein und die Suche nach Lösungen gemeinsam mit dem Chef des amerikanischen Hightech-Unternehmens beeinflussen könnte.

Zuvor hatte der Zugang der Ukraine zu den Starlink-Systemen die Möglichkeiten der ukrainischen Streitkräfte, russische Stellungen in den besetzten ukrainischen Gebieten anzugreifen, erheblich verbessert und es ermöglicht, das Tempo der Offensive zu verringern und Putins Plan zu durchkreuzen. Würde Musk dem Einsatz von Starlink auf dem souveränen Territorium der Russischen Föderation zustimmen, wäre dies eine unangenehme Überraschung für den russischen militärisch-industriellen Komplex.

Bislang gibt es jedoch keine Informationen darüber, dass Musk tatsächlich bereit ist, der ukrainischen Führung bei der Suche nach Wegen zur Neutralisierung der russischen Bedrohung durch ballistische Raketen entgegenzukommen. Zumal wir uns auch darüber im Klaren sein müssen, dass der amerikanische Präsident Donald Trump hier derjenige ist, der letztlich entscheiden wird, ob Technologien der Vereinigten Staaten der Ukraine tatsächlich bei Angriffen auf das souveräne Territorium der Russischen Föderation helfen dürfen.

Bis vor Kurzem scheute Trump davor zurück, einen offenen Konflikt mit dem russischen Präsidenten Putin einzugehen, den er, wenn schon nicht als gleichberechtigten Akteur im Weltkonzert, so doch zumindest als jemanden betrachtet, auf dessen Interessen die Vereinigten Staaten Rücksicht nehmen müssen.

Und hier treten natürlich nicht die geheimen Verhandlungen zwischen Zelensky und Musk in den Vordergrund, sondern die geheimen Verhandlungen des Direktors der Central Intelligence Agency der Vereinigten Staaten in der russischen Hauptstadt. Wobei die Geheimhaltung dieser Verhandlungen ziemlich relativ ist, denn nachdem der CIA-Direktor die russische Hauptstadt verlassen hatte, bestätigte der Pressesprecher des russischen Präsidenten, Peskow, dessen Aufenthalt dort. Einen anderen wichtigen Umstand bestätigte er allerdings nicht: Kontakte zwischen dem Direktor der Central Intelligence Agency und dem Präsidenten der Russischen Föderation selbst.

Es ist schwer vorstellbar, dass ein Amtsträger dieses Ranges zum ersten Mal seit fünf Jahren die russische Hauptstadt besucht und sich lediglich mit Kontakten zu seinen Amtskollegen vom Auslandsgeheimdienst der Russischen Föderation und vom Föderalen Sicherheitsdienst begnügt hätte. Solche Kontakte hätte man ohne größere Probleme auch auf neutralem Boden organisieren können. Der ganze Sinn der Reise des CIA-Direktors nach Moskau könnte also ausschließlich in seinem Kontakt mit dem Präsidenten der Russischen Föderation gelegen haben.

Und hier stellt sich die wichtigste Frage: Worüber könnten der Präsident der Russischen Föderation und der Direktor der Central Intelligence Agency tatsächlich gesprochen haben? Welche Warnungen könnte der CIA-Direktor an den russischen Präsidenten gerichtet haben, falls es um den russisch-ukrainischen Krieg ging? Obwohl auch das unbekannt ist. Bekanntlich gibt es zwischen Moskau und Washington zahlreiche andere für Amerika wichtige strittige Themen, die etwa mit der Entwicklung der Konfliktsituation im Nahen Osten und der Erwartung einer echten globalen Energiekrise zusammenhängen, falls es den Vereinigten Staaten in den kommenden Monaten nicht gelingt, sich mit dem Iran zu einigen und die Straße von Hormus zu öffnen.

Vor dem Hintergrund der Verhandlungen zwischen Zelensky und Musk erscheint die Substanz der Konsultationen zwischen dem CIA-Direktor und dem Präsidenten der Russischen Föderation somit bereits als das realere Ereignis. Warum? Weil es darum gegangen sein könnte, dass die Vereinigten Staaten bereit wären, der Ukraine ernsthaftere Unterstützung zu gewähren, falls die Russische Föderation nicht der Möglichkeit einer Einstellung der Kampfhandlungen an der russisch-ukrainischen Front oder zumindest ihrer teilweisen Einstellung zustimmt.

In Washington könnte man davon ausgehen, dass Präsident Putin angesichts der fortgesetzten ukrainischen Angriffe auf die Ölraffinerien der Russischen Föderation und auf die Marktplätze des Terrorstaates nun selbst zumindest an einer teilweisen Einstellung der Kampfhandlungen interessiert sein könnte, um den russischen Ölraffineriekomplex und das wirtschaftliche Potenzial des Landes zu erhalten. Und gerade deshalb kann man jetzt von realen Chancen darauf sprechen, dass ein Waffenstillstand, zumindest ein Waffenstillstand in der Luft, erreicht werden könnte.

Die Alternative zu einem solchen Waffenstillstand könnte gerade darin bestehen, dass der Präsident der Vereinigten Staaten Donald Trump dem Einsatz amerikanischer Technologien für weitere Angriffe auf die Russische Föderation zustimmt. Wobei es dabei, wie wir verstehen, nicht nur um Abschussvorrichtungen für ballistische Raketen gehen könnte. Allein die Möglichkeit, Starlink einzusetzen, eröffnet bereits die Chance, dass die ukrainischen Streitkräfte sowohl den Ölraffineriekomplex der Russischen Föderation als auch russische Rüstungsbetriebe und Ansammlungen russischer Truppen wirkungsvoller angreifen können. Denn operative Informationen von Satelliten haben einen erheblichen Einfluss auf die mit der Fortsetzung des Krieges verbundene Situation.

Putin versteht das natürlich, könnte zugleich aber der Ansicht sein, dass die Zeit für ihn arbeitet und dass eine Einigung mit den Amerikanern gerade vor Beginn der Herbst-Winter-Periode in der Ukraine die Möglichkeiten schmälert, seine Erwartungen an die kommenden Angriffe auf die ukrainische Energieversorgung und Infrastruktur zu verwirklichen.

Denn Putin glaubt weiterhin, dass es ihm mithilfe dieser Angriffe entweder gelingen wird, die ukrainische Gesellschaft zu destabilisieren und dadurch eine Stimmung zugunsten einer Kapitulation der Ukraine im russisch-ukrainischen Krieg zu erzeugen, oder, falls es ihm nicht gelingt, die ukrainische Gesellschaft zu destabilisieren, die Voraussetzungen für eine demografische Krise in der Ukraine selbst und eine Migrationskrise in den europäischen Staaten zu verschärfen.

Ganz zu schweigen davon, dass der russische Präsident noch immer die Möglichkeit von Angriffen auf europäische Länder in Betracht ziehen könnte, zumindest wenn es um Einrichtungen geht, die zur Unterstützung der Ukraine genutzt werden. Und alle westlichen Experten sprechen derzeit ernsthaft darüber.

Der Direktor der Central Intelligence Agency hatte also tatsächlich einiges, wovor er den Präsidenten der Russischen Föderation warnen konnte, und Zelensky hat tatsächlich einiges mit Elon Musk und anderen Vertretern des amerikanischen militärisch-industriellen Komplexes und der Hightech-Industrie zu besprechen.

Tatsächlich ist es gerade die Hilfe des Westens, die den russischen Präsidenten dazu zwingen kann, die Unmöglichkeit der Umsetzung all seiner Pläne zu erkennen, die mit der Zerstörung der ukrainischen Staatlichkeit und der Vernichtung des wirtschaftlichen Potenzials der Ukraine verbunden sind. Allerdings müsste Musk natürlich auch den ukrainischen Plänen zustimmen und nicht nur dem ukrainischen Präsidenten zuhören und aus dessen Händen ukrainische Orden entgegennehmen.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Таємні перемовини Маска і Зеленського |
Віталій Портников. 26.08.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 26.08.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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„Zelensky greift Fedorov an“ | Vitaly Portnikov. 23.08.2026.

Der ukrainische Präsident Volodymyr Zelensky erklärte, er habe sich gleich viermal mit dem früheren Verteidigungsminister Mykhailo Fedorov getroffen und ihm verschiedene Ämter angeboten. Fedorov habe jedoch keines dieser Angebote angenommen. Damit wollte Zelensky gegenüber Journalisten zeigen, dass er für eine weitere Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Minister offen gewesen sei. Unbeantwortet ließ er allerdings die entscheidende Frage: Warum wurde Mykhailo Fedorov überhaupt als Verteidigungsminister entlassen – und zwar gerade zu einem Zeitpunkt, als seine Arbeit in diesem Amt in der Öffentlichkeit positiv bewertet wurde?

Zelensky wiederholte, der Rücktritt habe mit dem Konflikt zwischen Fedorov und dem inzwischen ebenfalls ehemaligen Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, Oleksandr Syrsky, zusammengehangen. Angeblich habe Fedorov dem Präsidenten selbst vorgeschlagen, beide Amtsträger zu entlassen, weil sie sich nicht mehr verständigen konnten und sogar den direkten Kontakt miteinander eingestellt hatten.

Doch der zeitliche Ablauf wirft Fragen auf. Die Entscheidung über Fedorovs Rücktritt fiel zu einem Zeitpunkt, als von einem Austausch des Oberbefehlshabers noch gar nicht ernsthaft die Rede war. Das Thema einer Entlassung Syrskys entstand vielmehr erst infolge der Proteste, deren Teilnehmer forderten, Fedorov müsse Verteidigungsminister bleiben.

Ich erinnere daran, dass Zelensky damals beschloss, Syrsky zu entlassen und Mykhailo Drapaty zum neuen Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine zu machen. Offensichtlich hoffte der Präsident, mit dieser personellen Rochade die Proteststimmung zu dämpfen.

Damit stellt sich aber eine einfache logische Frage: Wenn tatsächlich ein Konflikt zwischen zwei Amtsträgern bestand und der Präsident beide zugleich für effektiv hielt, weshalb musste dann einer von ihnen gehen? Man hätte den Verteidigungsminister entlassen und den Oberbefehlshaber im Amt lassen können.

Und wenn umgekehrt bereits beschlossen worden war, den Oberbefehlshaber auszutauschen, hätte nichts den Präsidenten daran gehindert, Mykhailo Fedorov erneut für das Amt des Verteidigungsministers vorzuschlagen. Das wäre jedenfalls dann logisch gewesen, wenn Zelensky Fedorovs Arbeit in diesem Amt tatsächlich für erfolgreich hielt und überzeugt war, dass ausschließlich dessen Konflikt mit dem Oberbefehlshaber die Erfüllung seiner Aufgaben verhindert hatte. Zu dem Zeitpunkt, als der Präsident der Werchowna Rada die Kandidatur des Verteidigungsministers vorlegte, war dieser Oberbefehlshaber bereits nicht mehr im Amt.

Doch das sind nur Fragen der Logik. In Wirklichkeit verstehen wir sehr gut, dass zwischen dem Präsidenten und dem ehemaligen Verteidigungsminister ein eigener Konflikt besteht, der mit der Auseinandersetzung zwischen Fedorov und Syrsky nichts zu tun hat. Dass es sich tatsächlich um einen Konflikt zwischen zwei früheren Weggefährten handelt, zeigen auch weitere Aussagen sowohl Zelenskys als auch Fedorovs.

Volodymyr Zelensky bezeichnete etwa die Idee von Wahlen während des Krieges als einen „Tsunami“, der die Lage im Land erheblich verändern und destabilisieren könne. Er berichtete zudem, er habe mit den Verbündeten über die Möglichkeit solcher Wahlen gesprochen, aber keinerlei Garantien erhalten, die eine sichere Durchführung der Abstimmung erwarten ließen. Der russische Präsident Putin wiederum ist bekanntlich an keinem Waffenstillstand interessiert, der der Ukraine überhaupt die Möglichkeit geben würde, in einen Wahlprozess einzutreten.

Damit reagierte Zelensky unmittelbar auf Fedorovs Initiative. Der ehemalige Verteidigungsminister hatte Wahlen als ein mögliches Modell zur Erneuerung der ukrainischen Staatsführung bezeichnet. Über eine solche Erneuerung spricht Fedorov weiterhin. In einem BBC-Interview erklärte er, Volodymyr Zelensky müsse der Gesellschaft sagen, ob er von Korruption in seinem Umfeld gewusst habe. Zugleich äußerte Fedorov die Überzeugung, Zelensky sei zu einem solchen Gespräch bereit.

Der Präsident wiederum sagte bei einem Treffen mit Journalisten zu den aktuellen Korruptionsskandalen in seinem engsten dienstlichen Umfeld, das Nationale Antikorruptionsbüro der Ukraine habe keinerlei Fragen an ihn. Die Vertreter der unabhängigen Antikorruptionsstrukturen wüssten, so Zelensky, dass er mit solchen Dingen nichts zu tun habe. Auch das ist Teil der öffentlichen Auseinandersetzung, die wir derzeit beobachten.

Dieser Schlagabtausch zeigt im Grunde, dass zwischen Zelensky und Fedorov kaum noch eine tragfähige Grundlage für eine weitere Verständigung vorhanden ist. Ein belastbares, auf Vertrauen beruhendes Modell der Zusammenarbeit scheint zwischen ihnen nicht mehr möglich. Mykhailo Fedorov reiht sich damit in die Gruppe jener früher engen Vertrauten Zelenskys ein, die mit ihm im inzwischen weit zurückliegenden Jahr 2019 an die Macht kamen und der Gesellschaft versicherten, die Wahl Volodymyr Zelenskys sei ein echter Weg zu Veränderungen.

Mehr noch: Fedorov war offenbar der letzte wirklich enge Weggefährte Zelenskys aus jenem ursprünglichen Kreis. Nach Zelenskys Wahlsieg, den vorgezogenen Parlamentswahlen, der Bildung einer Mehrheit durch Diener des Volkes und der Einsetzung der ersten Regierung Zelenskys war Fedorov von Anfang an Minister. Er gehörte damit zu den Menschen, die Zelensky beim Sieg in der Präsidentschaftswahl halfen und die Gesellschaft davon überzeugen wollten, dass ein politischer Neuling, selbst wenn er weit von Politik und vom Verständnis der Prozesse im ukrainischen Staat entfernt war, für die Ukraine wichtiger sei als jemand, der die Herausforderungen eines im Krieg befindlichen Landes verstand. Gerade diese Herausforderungen konnten durch einen dilettantischen Umgang mit den Problemen eines unabhängigen Staates, der dem Angriff einer rasend gewordenen ehemaligen Metropole ausgesetzt war, nur noch größer werden.

Heute lässt sich jedenfalls klar feststellen, dass Zelensky inzwischen von anderen Menschen umgeben ist – mit anderen Vorstellungen vom Leben und mit neuen Ambitionen. Diese Personen verbindet mit ihm offenbar nicht mehr die Erinnerung an die berühmte Wahlkampagne von 2019 und damit auch nicht deren Versprechen. Der Krieg hat Zelenskys engstes Umfeld endgültig verändert.

Auch die Korruptionsskandale, die sich um ihn herum entfalten, werden dieses Umfeld weiter verändern. Meiner Ansicht nach werden sie sich mit jedem neuen Monat der Ermittlungen in den bereits aufsehenerregenden Fällen, die beim NABU liegen, noch verstärken. Viele Personen, die sich heute in Machtpositionen befinden, werden gezwungen sein, ihre Ämter und ihren Einfluss aufzugeben, um gegenüber den Antikorruptionsstrukturen und der Spezialisierten Antikorruptionsstaatsanwaltschaft Erklärungen abzugeben und mit den Ermittlungsbehörden zusammenzuarbeiten.

Deshalb schließe ich nicht aus, dass sich um Zelensky schon bald erneut ein ganz neuer Kreis von Personen bilden wird, der seine Arbeit in den kommenden Kriegsjahren absichert. Mit einem gewissen Bedauern muss man allerdings sagen: Was wir brauchen, ist nicht noch ein neuer Kreis um den Präsidenten, sondern kompetent arbeitende Institutionen, die solche Konflikte und Skandale verhindern würden.

Dann könnte jeder sein tatsächliches Potenzial entfalten: Volodymyr Zelensky, Mykhailo Fedorov und jeder andere, der für das Überleben der Ukraine in diesem endlosen Krieg gegen die Russische Föderation arbeiten muss – für die Verringerung des russischen wirtschaftlichen und militärischen Potenzials und für die Suche nach Wegen, die den russischen Präsidenten Wladimir Putin zumindest irgendwann dazu bringen könnten, über ein Ende des russisch-ukrainischen Krieges nachzudenken. Und erst dann würde sich auch der Weg zu vernünftigen Personalentscheidungen und schließlich zu Wahlen öffnen.


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Titel des Originals: Зеленський наїхав на Федорова | Віталій Портников. 23.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 23.08.2026.
Originalsprache: uk
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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35 Jahre Unabhängigkeit. Vitaly Portnikov über Kutschma, Zelensky und die ukrainische Identität. 17.08.2026.

Maja Orel. Heute, zum Unabhängigkeitstag, spreche ich mit dem Publizisten und Analysten Vitaly Portnikov. Warum habe ich gerade ihn für dieses Gespräch ausgewählt? Im Grunde aus zwei Gründen. Der erste Grund ist, dass wir wohl alle – ich persönlich jedenfalls jeden Tag – hören, was Vitaly Portnikov darüber erzählt, was in der Ukraine und in der Welt tatsächlich geschieht. Und zweitens gefällt mir, wissen Sie, sehr, dass Vitaly sich seinerzeit ganz bewusst für die ukrainische Staatsbürgerschaft entschieden hat, obwohl er das auch nicht hätte tun müssen. Er hatte damals eine Wahl, aber er entschied sich für die ukrainische Staatsbürgerschaft. Das gefällt mir sehr.

Portnikov. Ich bin übrigens der Meinung, dass ich überhaupt keine Wahl hatte. Ich glaube, die Heimat sucht man sich ebenso wenig aus wie die Herkunft. Man kann die Wahl haben, auf die Heimat zu verzichten und die eigene Herkunft zu leugnen. Ich habe Ukrainer gesehen, die sich von der Ukraine losgesagt haben. Ich habe Juden gesehen, die ihre jüdische Herkunft verborgen haben. Ich war nie bereit, weder den einen noch den anderen ähnlich zu sein. Ich bin einfach nicht so erzogen worden und nehme mich selbst nicht so wahr. Ich denke, das ist auch eine Frage der Selbstachtung.

Maja Orel. Sagen Sie bitte, wenn wir über den Unabhängigkeitstag sprechen: Welche Emotion löst allein die Tatsache in Ihnen aus, dass die Ukraine Staatlichkeit besitzt?

Portnikov. Ich halte das vor allem für einen Triumph der Gerechtigkeit.

Maja Orel. Schauen Sie: Ein jüdischer Junge lebt in der Ukraine, ist Bürger der großen Sowjetunion. Für mich ist das so ein, wissen Sie, Dreieck, in dem sich Ihre Identität herausgebildet hat. Ihre Eltern haben Sie geprägt, Sie haben sich selbst geprägt, Sie sind aufgewachsen, Sie wurden zu jemandem. Wie hat sich Ihre Identität in diesem Dreieck überhaupt herausgebildet? Und welche Rolle spielte dabei der ukrainische Faktor?

Portnikov. Nun, erstens habe ich die Sowjetunion nie für etwas Großes gehalten. Ich hielt sie immer für etwas, dessen man sich schämen musste. Und das war völlig normal, weil ich in einem antisemitischen Land lebte. Wie hätten Sie gewollt, dass ich ein Land respektiere, das völlig vom Antisemitismus durchdrungen war? Dass dieses Land alles Ukrainische als zweitrangig betrachtete, stand, denke ich, für Menschen ukrainischer Herkunft, die sich als Ukrainer empfanden, an erster Stelle. Für mich aber stand der Antisemitismus an erster Stelle. Warum hätte ich glauben sollen, dass ich Bürger der Sowjetunion bin und dort auf irgendetwas stolz sein müsste? Für mich war das ein vorübergehender Status. Ich dachte nicht, dass ich mein ganzes Leben in einem Land dieses Typs verbringen müsste.

Zweitens möchte ich noch einmal daran erinnern, dass ich 1967 geboren wurde. Das war die Zeit des Sechstagekrieges Israels. Damals hätte Israel nach den Plänen der sowjetischen Strategen von der politischen Weltkarte verschwinden sollen. Es sollte von den Nachbarstaaten vernichtet werden. Israel gewann diesen Krieg. Das war ein enormer Aufschwung des jüdischen Nationalbewusstseins in der ganzen Welt, auch in der Sowjetunion. Und in der Sowjetunion hing das, so merkwürdig es klingt, nicht mit dem Sieg Israels zusammen, sondern mit einem neuen Ausbruch des Antisemitismus. Denn die sowjetischen Führer begannen ihre Wut darüber, dass ihre Pläne nicht aufgegangen waren, an den eigenen Juden auszulassen. Damals begannen Säuberungen im Kulturbereich. Damals wurden die Prozentquoten an den Hochschulen verschärft.

Ich wuchs in dieser Atmosphäre auf, verstand all das, wuchs in einer Atmosphäre großer jüdischer Emigration auf, die es damals gab, und zugleich mit dem Verständnis, dass es einen Staat gibt, der mein Nationalstaat ist und Juden schützt. Und gleichzeitig sah ich Ukrainer, die niemand schützte, weil ich der Ansicht war, dass die Regierung in Moskau keine ukrainische, sondern eine russische Regierung war.

Maja Orel. Das heißt, Sie empfanden gleichzeitig Schmerz um die Ukrainer und Schmerz um die Juden.

Portnikov. Nein, ich machte mir Sorgen um die Ukrainer, weil ich ihre Lage sah.

Maja Orel. Und sagen Sie bitte: Welche war die Muttersprache, die Sprache der Kommunikation in der Familie?

Portnikov. Russisch.

Maja Orel. Russisch? Und wie haben Sie Ukrainisch gelernt? Wie kam dieses Ukrainische überhaupt in Sie hinein?

Portnikov. Noch einmal: Russisch war die Sprache der Kommunikation in der Familie, aber man darf nicht denken, dass das in allen Generationen so war. Meine Verwandten mütterlicherseits hatten Russisch überhaupt nicht als Muttersprache. Es war für sie die dritte Sprache. Die erste Sprache war Jiddisch. Sie sprachen untereinander Jiddisch, meine Großmutter und ihre Schwestern, meine Mutter beherrschte Jiddisch hervorragend. Sie konnte sich an diesen Gesprächen beteiligen. Und ihre zweite Sprache war Ukrainisch, weil sie alle ukrainische Schulen im Gebiet Tscherkassy besucht hatten. Russisch war die Sprache von Kyiv, wohin sie noch als junge Menschen kamen, und die Sprache ihrer Evakuierung in Kasachstan. Dort sprachen sie ebenfalls Russisch.

Maja Orel. Gut. Also Abendessen, Familienabendessen. In welcher Sprache sagen Sie: „Reich mir das Brot“, zum Beispiel?

Portnikov. Auf Russisch, natürlich, auf Russisch. Es war eine russischsprachige Familie, wie die überwiegende Mehrheit der jüdischen Familien in der Sowjetunion. Und übrigens auch wie bei der überwiegenden Mehrheit der Ukrainer damals in den großen Städten der Sowjetunion. Aber noch einmal: Man muss verstehen, dass es in einem Imperium eigentlich keine große Bedeutung hat, wie du beim Abendessen sprichst. Entscheidend ist, für wen du dich im Imperium hältst.

Maja Orel. Und für wen hielten Sie sich im Imperium?

Portnikov. Ich hielt mich für einen Juden, der in der Ukraine lebt.

Maja Orel. Also mehrere Kokons: Ich bin Jude, dann das Ukrainische, und dann irgendwo erst das Sowjetische.

Portnikov. Das Sowjetische, das russisch ist. Und es hat mich immer interessiert, aber ich hielt es aus einem einfachen Grund nie für meines. Ich las seit meiner Kindheit zum Beispiel jüdische Schriftsteller. Und zwar auf eine sehr interessante Weise, weil meine Tante, die mir irgendwelche Abenteuerbücher gab, mir einmal etwa Jonathan Swift oder Daniel Defoe gab und beim nächsten Mal Scholem Alejchem.

Maja Orel. Und Sie lasen Scholem Alejchem auf Jiddisch oder auf Russisch?

Portnikov. Auf Russisch oder auf Ukrainisch, das spielte überhaupt keine Rolle. Es gab viele ukrainische Übersetzungen, die habe ich ebenfalls gelesen. Außerdem dürfen Sie nicht vergessen, dass ich seit meiner Kindheit auch in anderen Sprachen lese, auf Bulgarisch, Serbisch. Auch in diesen Sprachen las ich damals. Und ich sah, dass diese Bücher jüdischer Schriftsteller, die ich las, dem nahestanden, was ich in meiner eigenen Familie sah. Das war das Leben, das ich lebte, sagen wir, das Alltagsleben. Der Humor. Sie verstehen doch, dass Humor ethnische Grenzen nicht überwindet. Mein Humor ist jüdisch, nicht ukrainisch. Und eine riesige Zahl von Ukrainern versteht manchmal nicht einmal, dass ich scherze, weil es ein völlig anderes Humorverständnis ist. Das ist wie ein Volkslied. Es überschreitet keine ethnischen Grenzen. Es kann dir gefallen, aber ich erinnere mich als Journalist immer auf einer ganz professionellen Ebene daran, dass ein ukrainisches Lied bei mir und bei Ihnen unterschiedliche Emotionen hervorruft.

Maja Orel. So soll es ja auch sein.

Portnikov. Natürlich, so soll es sein. Und das kann man nicht imitieren. Du kannst ein politisches Bewusstsein haben, aber kein ethnisches. Denn ein Volkslied ist gerade dafür da, dass es aus dem Wiegenlied kommt. Übrigens sang mir meine Großmutter die Wiegenlieder auf Jiddisch, was interessant ist. Und in dieser Situation, als ich diese Bücher las, sah ich dort: Das ist meine Literatur. Ich hörte jüdische Lieder und wusste, das sind meine Lieder, dann ukrainische.

Maja Orel. Haben Sie nie mit Ihrem Vater darüber gesprochen: „Warum emigrieren wir nicht nach Israel?“

Portnikov. Doch, darüber haben wir gesprochen, alle haben darüber gesprochen. Aber ich möchte den Gedanken zu Ende führen. Dann kam die ukrainische Literatur. Die ukrainische Literatur erinnerte mich an die Menschen, die um mich herum waren. Das heißt, sie ähnelte dem Leben. Und dann gab es die russische Literatur, aber die ähnelte dem Leben nicht.

Maja Orel. Nicht dem Leben, das Sie lebten und das Sie beobachteten?

Portnikov. Nicht dem Leben, das wir lebten und das wir um uns herum beobachteten. Dieses Leben ähnelte weder dem Leben der Juden noch dem Leben der Ukrainer. Es ähnelte dem Leben irgendwelcher anderer Menschen. Genau wie ich Flaubert oder Balzac las, konnte man Turgenjew oder Tolstoi wie Flaubert oder Balzac lesen. Interessante Literatur, aber nicht über uns, nicht über uns alle. Deshalb haben mich Menschen immer gewundert, die das als ihre eigene Literatur empfanden. Für mich war das unglaublich merkwürdig.

Maja Orel. Wurde in Ihrer Familie irgendwann über die Möglichkeit einer ukrainischen Unabhängigkeit von der Sowjetunion gesprochen? Wurde das jemals diskutiert, wenigstens, ich weiß nicht, Anfang der 80er, Mitte oder Ende der 80er? Oder sprach man nicht darüber? Also dieses Gefühl einer gewissen Ausweglosigkeit sowohl für Ukrainer als auch für Juden?

Portnikov. Nun, erstens dürfen Sie nicht vergessen, dass sich in jenen Jahren überhaupt niemand vorstellen konnte, dass die Sowjetunion verschwinden könnte. Ich glaube, ich war einer der Ersten, die das verstanden, nachdem wir die baltischen Länder besucht hatten. Ich schrieb ein Heft, ich glaube, ich habe das auch schon erzählt: Im Zug von Tallinn nach Sankt Petersburg schrieb ich ein Heft darüber, wie die Sowjetunion zerfallen würde.

Maja Orel. Als Kind.

Portnikov. Als Kind. Und dieses Heft nahm man mir weg und ließ es irgendwo verschwinden. Ich habe es nie wieder gesehen.

Maja Orel. Damit Sie Ihre Familie nicht kompromittierten?

Portnikov. Nun, das war eine gefährliche Geschichte, wie Sie verstehen, wenn das jemand gefunden hätte. Aber worauf stützte ich mich? Ich glaube, das war die sechste oder siebte Klasse, so etwas. Ich stützte mich darauf, dass ich die baltischen Länder gesehen hatte. Übrigens lag ich nicht sehr falsch. Ich sah dort Gesellschaften, die im Grunde antisowjetisch waren. Zum Beispiel die lettische Gesellschaft. Ich war damals in Lettland, in Estland. Ich sah dort Menschen, die im Grunde keine Sowjetmenschen sein wollten, im Unterschied zu denen, die ich in der Ukraine sah und die sich als Sowjetmenschen verstanden und die Sowjetunion als ihre Heimat betrachteten. In Lettland oder Estland betrachtete niemand die Sowjetunion als seine Heimat. Dort betrachtete man Lettland und Estland als Heimat.

Viele Menschen waren der Meinung, dass das Territorium besetzt sei. Viele hielten die Russen für Besatzer. Man wollte dort nicht Russisch sprechen. Ich begann in Riga oder Tallinn meine ersten Sätze immer auf Ukrainisch. Erst danach sprach man mit Sympathie mit mir. Damals zog ich den Schluss: Wenn solche Gesellschaften existieren und die Zentralmacht nichts dagegen tut, dann ist sie schwach geworden. Also wird sie bei der ersten Krise zusammenbrechen. Und Sie erinnern sich übrigens, dass Litauen tatsächlich zu einem der wichtigen Faktoren für den Zusammenbruch des gesamten sowjetischen Systems wurde.

Ansonsten denke ich, dass wir auf jeden Fall verstanden, dass die Ukraine etwas von Russland Getrenntes war, was die Menschen in Russland nicht verstanden, für die das alles Sowjetunion war. Aber mir sagte man zum Beispiel immer, dass ich Ukrainisch können müsse, weil wir in der Ukraine leben. Man müsse die ukrainische Sprache und die ukrainische Kultur kennen. Das wurde nie diskutiert, das war einfach selbstverständlich. Deshalb ja, wir sprachen Russisch, kauften aber genauso Bücher auf Ukrainisch. Und wenn ich Kinderbücher las, hatte ich sowohl ukrainische als auch russische Kinderbücher, was bei vielen Menschen ebenfalls nicht der Fall war. Und für mich gab es da keinen Unterschied, verstehen Sie, denn ich wuchs schon vor der Schule genauso mit der ukrainischen Sprache und Kultur auf wie mit der russischen.

Maja Orel. Und jetzt sagen Sie mir bitte: Woher kam bei Ihnen diese Moskau-Begeisterung bei Ihnen? Warum zog es Sie aus dem damaligen Dnipropetrowsk nach Moskau an die Universität, und warum sind Sie dort so lange hängen geblieben?

Portnikov. Halten Sie das für Moskau-Begeisterung?

Maja Orel. Was war es dann? Warum sind Sie aus Dnipropetrowsk nach Moskau gegangen? Dort gab es doch auch eine ziemlich ordentliche Universität.

Portnikov. Dort gab es keinen Journalismus. Journalistik gab es nur an einigen wenigen Universitäten des Landes. Und die einzige Möglichkeit, eine journalistische Ausbildung zu bekommen, bestand darin, dass von philologischen Fakultäten ein oder zwei Studenten im dritten Studienjahr an die Fakultät für Journalistik der Moskauer Universität versetzt wurden. Mir wurde das angeboten, weil wir erstens – erinnern Sie sich wieder – Prozentquoten für Juden hatten. Bei uns gab es mehr Juden als erlaubt, das Dekanat wollte niemanden exmatrikulieren, und außerdem hielt ich es für eine wirklich gute Ausbildung.

Maja Orel. Und warum sind Sie nicht gleich nach Moskau gegangen?

Portnikov. Niemand hätte mich dort aufgenommen. Ich war seit dem Sechstagekrieg der erste Jude an der Journalistikfakultät der Moskauer Universität. Ich meine Jude laut Pass.

Maja Orel. Aber warum sind Sie dann so lange in Moskau geblieben? Ich habe Ihre Biografie angesehen. 1990 haben Sie die Moskauer Staatliche Universität abgeschlossen, dann gingen Sie ebenfalls in Moskau in die Aspirantur. Also dieses imperiale Zentrum lockt, verzaubert einen.

Portnikov. Erfinden Sie bitte nichts. Es war das reale Zentrum. Ich arbeitete dort von Anfang an als Korrespondent von „Molod Ukrainy“, seit meinem dritten Studienjahr. Ich war der Meinung, dass Ukrainer die Welt um sie herum mit ukrainischen Augen betrachten müssen. Ich war der erste ukrainische Journalist, der nach Symon Petljura in Moskau arbeitete. Moskau war das Zentrum des Wandels. Vergessen Sie nicht, dass die Ukraine damals die konservativste Republik der Sowjetunion war. Bei uns gab es keine Perestroika, bei uns gab es keine realen Veränderungen. Schtscherbyzkyj bremste all das. Und Moskau war das Zentrum des Wandels, das reale Zentrum, wo wenigstens etwas geschah.

Die ersten ukrainischen Organisationen nach 1918 gründeten wir in Moskau. Den Ukrainischen Jugendklub und die Gesellschaft für ukrainische Kultur „Slawutytsch“. Die unabhängige Presse entstand neben den baltischen Ländern in Moskau. Alles, was damals geschah, geschah in Moskau. War es also für uns interessant, einen Korrespondenten in Moskau zu haben? Natürlich war es interessant.

Außerdem möchte ich Ihnen noch eine wichtige Sache sagen. Ich arbeitete für eine ukrainischsprachige Zeitung, daneben gab es eine sehr populäre russischsprachige Zeitung, „Komsomolskoje Snamja“. Wir mussten nicht nur mit Moskauer Zeitungen um Popularität kämpfen, sondern auch mit der russischsprachigen Presse der Ukraine, die in den Städten viel populärer war als unsere Zeitung. Und wenn wir so etwas aus Moskau brachten, trug das, glaube ich, zusätzlich zu unserer Popularität bei. Meine Artikel in „Molod Ukrainy“, Interviews über das Programm der Perestroika und so weiter, wurden ausgeschnitten und in den Schaufenstern von Kiosken aufgehängt, weil die Auflage unserer Zeitung, die übrigens bei 800.000 lag, nicht ausreichte, wenn solche Texte erschienen.

Maja Orel. Sagen Sie bitte: Dann kam 1991, die Ukraine wurde unabhängig. Und Sie waren trotzdem in Moskau. Sie waren nach 1991 in Moskau, nicht in der Ukraine. Warum sind Sie nicht in die Ukraine zurückgekehrt?

Portnikov. Weil ich als Moskauer Korrespondent ukrainischer Medien arbeitete. Ich war der Meinung, dass das in dieser Situation noch wichtiger war.

Maja Orel. Das heißt, Sie interessierte nicht, was jetzt in der Ukraine geschah? Also direkt an den ukrainischen Ereignissen teilzunehmen?

Portnikov. Wenn ich als ukrainischer Journalist arbeite, nehme ich dann nicht an ukrainischen Ereignissen teil? Außerdem war ich der einzige ukrainische Journalist, der unsere Position irgendwie in der russischen Presse vermitteln konnte, weil ich der einzige Mensch war, auf den man in der russischen Presse hörte, die für die überwiegende Mehrheit der Menschen ohnehin die wichtigste Presse blieb. Vergessen Sie nicht, dass unsere Hauptstadt auch nach 1991 in Moskau lag. Und wenn ich zu diesen Sichtweisen eine Alternative darstellen konnte, nutzte ich das, so gut ich konnte. Schließlich muss man eine einfache Sache verstehen: Alle ersten Interviews mit ukrainischen Ministerpräsidenten und ukrainischen Präsidenten bis Yushchenko führte ich für die Moskauer Presse, übrigens auch für die ukrainische.

Maja Orel. Die Unabhängigkeit traf Sie also, sagen wir, in Moskau. Sie arbeiten dort 1991 in Moskau. Sie sprechen oft davon, dass Sie hätten bleiben und russischer Staatsbürger werden können. Mich interessiert Folgendes: Sie haben einen sowjetischen Pass, der sich in diesem Moment automatisch in einen Pass eines Bürgers der Russischen Föderation verwandelt. Aber gleichzeitig können Sie – das ist 1991, damals begannen die massenhaften Ausreisen ins Ausland: Deutschland, die Vereinigten Staaten, Israel. Als Jude von Herkunft hätten Sie nach Israel gehen, israelischer Staatsbürger werden können, deutscher oder amerikanischer Staatsbürger. Haben Sie diese Möglichkeiten für sich in Betracht gezogen? Die Welt öffnete sich vor Ihnen, und nun konnte man frei reisen und Bürger irgendeines Staates werden.

Portnikov. Sie betrachten das auf eine erstaunliche Weise, wie die überwiegende Mehrheit Ihrer Landsleute. Glauben Sie, das sind Spielsachen?

Maja Orel. Was war es denn für Sie?

Portnikov. Wie bitte? Wenn ich die ganze Zeit wollte, dass die Ukraine ein unabhängiger Staat wird, und mich darum bemüht habe, seitdem ich aktiv zu arbeiten begann. Vielleicht waren das nicht viele Jahre, aber für mich waren es viele Jahre. Ich war 24. Man kann sagen, dass ich mich seit meinem 20. Lebensjahr damit beschäftigte, ich vertrat die ukrainische Position. Wissen Sie, wie mein erster Artikel in der großen russischen Presse hieß, noch bevor die „Nesawissimaja Gaseta“ erschien? „Die Ukraine in Blau-Gelb“.

Und Sie stellen sich vor, dass ein Mensch, der das tut, der zu ukrainischen Organisationen geht, der sich in München mit Slawa Stezko trifft, zum ersten Mal in der Geschichte des ukrainischen Journalismus, plötzlich sagt: „Jetzt brauche ich irgendeinen anderen Pass, weil ich solche Möglichkeiten habe, weil ich jüdischer Herkunft bin“? Das ist Respektlosigkeit gegenüber dem Land und den Menschen. Und es ist Respektlosigkeit gegenüber dem Land, dessen Pass ich nehmen würde. Es ist Respektlosigkeit gegenüber Israel. Denn Israel wurde von Menschen aufgebaut, damit es für mich eine Zuflucht ist, von Menschen, die ihr Leben und ihre Sicherheit riskierten. Und nun muss ich das für die Ukrainer tun. So muss ein Mensch denken, der sich selbst respektiert.

Maja Orel. Das heißt, Sie empfanden Verantwortung für das Land, das in der Ukraine entstehen würde, für diesen Staat?

Portnikov. Natürlich. Ich hatte keinen einzigen Augenblick einen solchen Gedanken. Und wenn Sie glauben, dass ich nicht einmal ohne Ausreise nach Israel israelischer Staatsbürger hätte werden können, irren Sie sich. Ich hatte diese Möglichkeit mehrfach. Ich bekam solche Angebote mehrfach.

Maja Orel. Haben Sie es nie bereut?

Portnikov. Nein. Ich glaube einfach, wenn die Ukraine als unabhängiger Staat bestehen bleibt, woran ich glaube, wenn sie ein zivilisierter demokratischer europäischer Staat wird, dann bedeutet das, dass ich mich verwirklicht habe. Sie haben mich gefragt, warum ich so lange in Russland blieb? Gerade deshalb, weil ich sehen wollte, wie sich das Imperium verändert, weil ich diesen Moment für wichtig hielt.

Maja Orel. Übrigens, bis zu welchem Jahr waren Sie dort? Wann sind Sie endgültig in die Ukraine gezogen?

Portnikov. 2005 oder 2006, glaube ich.

Maja Orel. Und was brachte Sie dazu, Russland zu verlassen? Sie hatten dort ja schon, wissen Sie, einen Status, ein Nest, hatten sich eingerichtet. Also Sie waren dort fachlich ein sehr etablierter Mensch.

Portnikov. Ich glaubte, dass dort nichts mehr geschehen würde und hier alles erst begann. Das war der Maidan von 2004. Ich dachte immer darüber nach, welcher Moment kommen müsste, damit ich meine Möglichkeiten gerade in der Ukraine verwirklichen könnte. Zu Kutschmas Zeiten war das völlig unrealistisch, weil ich das einfach für ein Remake des Jelzin-Russlands in seiner schlechtesten Form hielt. Einfach ein oligarchisches Land ohne Chancen auf normale Entwicklung. Nach dem Maidan 2004 begann ich ernsthaft darüber nachzudenken, zumal wir „Gazeta 24“ machten, wie Sie sich erinnern, deren Chefredakteur ich war. Es gab also auch berufliche Gründe.

Aber Sie müssen eine einfache Sache verstehen. Von 1989 bis 2005 lebte ich in einem Rhythmus, in dem ich etwa drei Wochen in Moskau und eine Woche in Kyiv war, und von 2005 bis 2013 lebte ich in einem Rhythmus von drei Wochen in Kyiv und einer Woche in Moskau. Ich gab meine Arbeit in Russland nicht auf, weil ich der Meinung war, die Situation weiter beobachten zu müssen. Deshalb verstand ich, dass es Krieg geben würde, sagen wir, deshalb verstand ich, was Russland im Ergebnis irgendwelcher Volksaufstände tun würde. Ich hatte nie Illusionen, gerade weil ich dort arbeitete, Verbindungen hatte und verstand, wie die Gesellschaft funktioniert. Deshalb warnte ich immer vor dieser Gefahr.

Maja Orel. Eine Sache hat mich interessiert. Sie sagten, dass Sie, als Sie in Russland lebten, verstanden, dass es Krieg geben würde, aber Sie waren ja auch in der Ukraine präsent, lebten ebenfalls in der Ukraine. Spürten Sie diesen Kontrast zwischen den sich, sagen wir, über Russland zusammenziehenden Wolken und der Sorglosigkeit, mit der die Ukrainer das wahrnahmen?

Portnikov. Natürlich, immer. Während des Maidans 2004 sprach ich zum Beispiel darüber, was die russische Führung tatsächlich denkt, welche Pläne sie hat. Niemand wollte irgendetwas verstehen. Sie waren einfach wie blinde Kätzchen. Ich sagte zum Beispiel einer Mitarbeiterin des damaligen Yushchenko-Stabs, damals eine ziemlich bedeutende Person, dass Russland grundsätzlich eine Energieblockade der Ukraine, Preiserhöhungen und so weiter erwäge. Ich bekam die Antwort: „Wir können diesen Putin jetzt für immer ignorieren.“

Maja Orel. In welchem Jahr war das ungefähr?

Portnikov. 2004, sage ich doch, während des Maidans 2004.

Maja Orel. Hat Sie damals nicht Verzweiflung erfasst? Wie findet man als Journalist, Publizist die Worte, um durchzudringen: „Liebe Leute, es wird Krieg geben, tut etwas“?

Portnikov. Wie soll ich zu diesen Menschen durchdringen, wenn sie mental im Grunde genauso sind wie ihre Nachbarn im Osten, wenn Menschen aus den südlichen und östlichen Regionen des Landes ihre Nachbarn im Westen Russlands als ihnen näher empfinden als ihre Nachbarn im Westen der Ukraine? Wie soll man zu ihnen durchdringen, wenn das eine andere Identität ist? Ich war der Meinung, der Hauptweg könne nur über eine Veränderung der Identität führen.

Maja Orel. Kravchuk wurde gefragt, warum er nicht die Möglichkeit erwogen habe, die unabhängige Ukraine in den Grenzen von 1918 wiederherzustellen. Also die UNR mit Brest-Litowsk, Cholm, Belgorod …

Portnikov. Und ohne das Gebiet Lwiw und Iwano-Frankiwsk. Verstehe ich das richtig? Ohne die Bukowina?

Maja Orel. In den ethnischen Grenzen der Ukraine. Und er sagte damals zu jemandem, ich weiß nicht mehr zu wem, man dürfe dieses Thema überhaupt nicht aufwerfen. Und es ging nicht um die Wiederherstellung der ukrainischen Unabhängigkeit, wie zum Beispiel in den baltischen Republiken, dort war es ja eine Wiederherstellung der Unabhängigkeit, bei uns aber eine Ausrufung, als wäre es zum ersten Mal.

Portnikov. Nun, weil wir einen völlig anderen Staat ausgerufen haben, weil die Staaten, die hier von 1918 bis 1920 existierten, entweder besiegt wurden oder Fälschungen waren. Sie erinnern sich doch, dass die Bolschewiki sogar versuchten, die Ukrainische Volksrepublik zu fälschen und ihre Regierung in Charkiw zur Ukrainischen Volksrepublik zu erklären. Aber das Entscheidende ist etwas anderes: Unser Staat wurde nach der Schlussakte von Helsinki ausgerufen. Und übrigens: Ob unser Staat ausgerufen wurde oder die baltischen Länder ihre Staatlichkeit wiederherstellten, sie stellten sich ohnehin in den Grenzen nach 1975 wieder her. Sie konnten nicht jene Grenzen beanspruchen, die es früher gegeben hatte.

Maja Orel. Man sollte den Menschen, die uns sehen werden, wahrscheinlich einfach erklären, dass es 1975 die Vereinbarungen von Helsinki gab, wonach die Grenzen nach dem Zweiten Weltkrieg unverletzlich sind.

Portnikov. Wir alle als Nachfolger der Sowjetunion respektieren das – respektierten es, würde ich sagen, bis zur Annexion der Krim – diese Vereinbarungen. Sie wurden zerstört, aber sie galten zum Zeitpunkt der Ausrufung der ukrainischen Unabhängigkeit. Deshalb denke ich, dass Kravchuk völlig recht hatte, dieses Thema nie aufzuwerfen.

Wissen Sie, da gab es eine interessante Geschichte. Ich traf mich 1990, vielleicht war es 1989 oder 1990, in Chişinău mit dem ersten Präsidenten Moldaus, Mircea Snegur. Und ich führte mit ihm ein großes Interview. Auch das war wieder das erste Interview, das der Präsident Moldaus einem ukrainischen Journalisten gab. Ich fuhr extra nach Moldau, um dort eine Artikelserie zu machen: „Moldau – die unbekannte Nachbarin“. Ich traf Snegur, traf später auch seinen Nachfolger im Amt des Präsidenten der Republik Moldau, Petru Lucinschi, aber damals gab es bereits Transnistrien und Gagausien. Dorthin fuhr ich ebenfalls. Und als ich Snegur traf, sagte er zu mir: „Könntest du das nicht mit Leonid Makarowytsch besprechen? Was für Beziehungen hast du zu ihm?“ Nun, normale Beziehungen, ich könnte ihn grundsätzlich treffen und dort ebenfalls ein Interview führen. „Einen Gebietstausch.“

Maja Orel. Was wollte Snegur tauschen?

Portnikov. Transnistrien wollte er uns geben, und wir sollten dafür Bezirke des Gebiets Tscherniwzi mit moldauischer Bevölkerung abtreten.

Maja Orel. Und warum wollte Kravchuk nicht?

Portnikov. Weil er die Grenzen nicht verändern wollte. Er sagte: „Wenn das beginnt, kann ich mir nicht vorstellen, was passieren wird.“ Interessant war aber, dass Snegur selbst nicht darüber sprechen wollte. Er wollte das mit meiner Hilfe sondieren. Ich war einfach Student, und er verstand, dass Kravchuk, wenn ihn das interessieren würde, eine Möglichkeit finden würde, es zu besprechen. Und wenn es ihn nicht interessierte, dann hätte es dieses Gespräch gewissermaßen nie gegeben. Nun, hören Sie, Sie können mir jetzt natürlich sagen, dass ich mir das alles ausgedacht habe, nicht wahr?

Maja Orel. Nein, ich glaube Ihnen völlig. Sie haben Kravchuk davon erzählt, und was sagte er Ihnen?

Portnikov. Er sagte, wenn wir die Grenzen der ehemaligen Sowjetrepubliken antasten, geraten wir, wie in der Situation mit Russland, einfach in eine Krise, die niemals enden wird.

Maja Orel. Die Ukrainer wollten so sehr einen Nationalstaat, einige jedenfalls, und dann ließen sie zu, dass Yushchenko einfach von der politischen Bühne verschwand.

Portnikov. Die Ukrainer, die einen Nationalstaat wollten, waren immer in der Minderheit und hatten nie eine Mehrheit. Die Mehrheit der Ukrainer stimmt bekanntlich wie die Mehrheit der Amerikaner mit dem Geldbeutel ab. Und bei uns gab es natürlich immer zwei Teile der Bevölkerung, die nie die Mehrheit bildeten. Einen offen proukrainischen und einen offen prorussischen. Dazwischen gab es immer eine Bevölkerung, die mit dem Geldbeutel abstimmte. Und diese Bevölkerung schloss sich immer entweder den einen oder den anderen an.

Und übrigens wurde Yushchenko, wenn Sie sich erinnern, nicht nur deshalb Präsident, weil er ein national orientierter Führer war, sondern weil er den Ruf eines Ministerpräsidenten hatte, der als Erster begann, das wirtschaftliche Chaos, das es vor ihm im Land gegeben hatte, tatsächlich in den Griff zu bekommen. Rentenzahlungen, pünktliche Gehaltszahlungen.

Maja Orel. Geld statt Tauschhandel.

Portnikov. Geld statt Tauschhandel. Das war Yushchenko. Deshalb stimmte eine große Zahl von Menschen, die nicht national, sondern wirtschaftlich orientiert waren, für Yushchenko. Und später stimmten diese Menschen genauso für Yanukovych als „guten Wirtschaftsmanager“. Sie interessierten sich nicht für Yanukovychs Ansichten, sie wollten besser leben.

Maja Orel. Und jetzt sagen Sie bitte noch Folgendes. Zelensky ist noch nicht Präsident, er ist noch bei „Quartal“, und Sawik Schuster lädt ihn in seine Sendung ein. Und Zelensky sagt mit solchem Pathos: „In welcher Sprache springt Bubka? In welcher Sprache springt Bubka?“ Das erschien ihm offenbar als, nun, schlagendes Argument. Dann sagt er später: „Was macht es für einen Unterschied, wie die Straßen heißen?“

Portnikov. Hauptsache, sie sind asphaltiert.

Maja Orel. Hauptsache, sie sind asphaltiert. Dann sagt er: „Ich bin kein Trottel, ich bin Präsident dieses Landes. Weißt du, sozusagen, dass ich Präsident dieses Landes bin.“ Und Ihrer Meinung nach: Als er Präsident dieses Landes wurde und, wie es einmal in irgendwelchen Nachrichten hieß, sich ein Buch über die Geschichte der Ukraine auf den Schreibtisch legte – verstand dieser Mensch, welches Land er übernommen hatte und was dieses Land brauchte?

Portnikov. Ich glaube, gerade dieser Mensch verstand es, im Unterschied zu allen Vorgängern. Denn ich sage Ihnen noch einmal: Es gab immer Präsidenten, die Vertreter einer bestimmten Vision waren, entweder einer ukrainophilen oder einer russophilen. 2019 aber geschah etwas, das es vorher nie gegeben hatte.

Maja Orel. Was?

Portnikov. Die Menschen in der Mitte, die mit dem Geldbeutel abstimmten, stellten ihren eigenen Kandidaten auf, und ihnen schloss sich ein Teil der proukrainischen und prorussischen Wählerschaft an.

Maja Orel. Nun hören Sie, Sie sagen, ein Teil der proukrainischen Wählerschaft habe sich angeschlossen. Aber Zelensky sagte vor der Wahl kein einziges Wort über nationales Selbstbewusstsein, ukrainische Staatlichkeit oder sonst etwas davon.

Portnikov. Haben Sie Zweifel daran, dass ein großer Teil der Menschen, die zum Beispiel für Yulia Tymoshenko gestimmt hatten, für Volodymyr Zelensky stimmten?

Maja Orel. Ich denke, ja.

Portnikov. Halten Sie diese Menschen nicht für proukrainische Wähler?

Maja Orel. Ich verstehe nicht, warum sie dann so gewählt haben.

Portnikov. Nun, weil sie glaubten, Volodymyr Zelensky sei ein neues Wort in der ukrainischen Politik. Ein junger Mensch, der nichts mit Korruption und den alten Clans zu tun hat, und dass gerade das die Ukraine brauche. Das konnten sie glauben.

Maja Orel. Selbst wenn er, sagen wir, sehr weit davon entfernt war zu verstehen, was die Ukraine ist.

Portnikov. Aber so haben Menschen überall gewählt. So stimmte die Mehrheit der Bevölkerung des Gebiets Ternopil, des Gebiets Iwano-Frankiwsk und des Gebiets Lwiw ohne die Stadt Lwiw. Sie werden doch nicht über diese Menschen sagen, das seien keine proukrainischen Wähler. Das sind dieselben Menschen, die zu beiden Maidans kamen, die unter den Kugeln der Berkut ihr Leben riskierten. Das können Sie ihnen nicht vorwerfen. Natürlich stimmten viele von ihnen für Poroshenko, aber Sie verstehen doch, dass bei einem so großen Abstand der Stimmen nicht möglich ist, dass für Zelensky keine Menschen mit proukrainischer Haltung gestimmt hätten.

Maja Orel. Sagen Sie mir bitte: Ich bin völlig sicher, wenn Saakaschwili sich seinerzeit als Präsidentschaftskandidat aufgestellt hätte, hätten auch irgendwie Menschen für ihn gestimmt.

Portnikov. Aber nicht so viele.

Maja Orel. Nicht so viele. Warum ist unseren Leuten die staatspolitische Haltung eines Präsidentschaftskandidaten nicht so wichtig wie, sagen wir, sein persönlicher Charme?

Portnikov. So wählen heute viele Menschen auf der ganzen Welt, weil heute andere Informationstechnologien wirken, die Menschen andere Werte bekommen. Andererseits spielte nicht nur Zelenskys Persönlichkeit eine Rolle, sondern auch das politische Programm, das in der Serie „Diener des Volkes“ dargestellt wurde. Es spielte das politische Programm eines Robin Hood eine Rolle. Und Sie müssen verstehen: Solange die Ukrainer kein Gefühl ihrer eigenen Identität als wichtigen Marker politischer Orientierung entwickeln und solange die Ukrainer kein Eigentum haben, das sie aufs Spiel setzen können, und solche Menschen nicht die Mehrheit bilden – Vertreter des Mittelstands, nicht Oligarchen, sondern Vertreter kleiner und mittlerer Unternehmen, die verstehen: Für den haben wir gestimmt, und jetzt bricht unser Geschäft zusammen –, solange wird es so bleiben. Warum auch nicht? Wenn du nichts riskierst. Sie verstehen, eine riesige Zahl von Menschen riskiert nichts, wenn sie einen Präsidenten wählt.

Maja Orel. In ihrem Leben ändert sich nichts.

Portnikov. Ja, jedenfalls denken sie das. Deshalb stimmen sie für den, der ihnen sympathisch ist, oder für den, der diesen bestrafen, jenen einsperren wird. Das nutzen die Menschen aus. Im Westen aber stimmen Menschen für den, der ihre Steuern senkt oder erhöht und den Wert ihrer Aktien steigert. Das ist ein wichtiger Punkt.

Als zum Beispiel die Konservativen in Großbritannien den Brexit unterstützten, was sagten sie den Menschen? „Ihr werdet besser leben. Wir werden dieses, jenes und anderes los. Ihr werdet weniger an den Staat zahlen, wir werden weniger an Brüssel zahlen, und ihr werdet besser leben.“ Wirtschaftlich stimmte das nicht, aber die Menschen stimmten dafür, nicht weil ihnen Boris Johnson gefiel. Verstehen Sie?

Maja Orel. Sagen Sie bitte: Haben sich Ihrer Meinung nach in diesen sieben Jahren gewisse Metamorphosen bei Zelensky vollzogen, sodass er heute besser als 2019 versteht, welchen Staat er, wenn schon nicht aufbaut, dann zumindest bewahren muss?

Portnikov. Hören Sie, wir wissen nicht, was mit Zelensky geschieht, weil wir überhaupt nichts über ihn wissen. Wir sehen ein filmisches Bild. Zelensky ist Schauspieler. Er spielt seine Rolle unter völlig neuen Umständen weiter. Und was er selbst über sich denkt, wissen wir nicht.

Maja Orel. Sagen Sie bitte: Reicht Ihrer Meinung nach in der Ukraine dieses Widerstandspotenzial aus, um Zelensky als Staatsführer zu verkraften? Er zerstört doch, zerstört alles, was …

Portnikov. Wissen Sie, ich wundere mich über Sie. Sie sprechen weiter über Zelensky als Hauptgefahr für dieses Land. Die Hauptgefahr für dieses Land ist Putin. Und wir, Sie und ich und Zelensky, sitzen in einem Boot. Und wenn wir das Land nicht bewahren können, welchen Unterschied macht es dann, wer wen verkraftet? Ich glaube nicht, dass Zelensky alles im Land zerstört. Ich glaube, das Land verändert Zelensky selbst und diejenigen um ihn herum. Aber ich möchte Sie daran erinnern, dass das Hauptproblem der ukrainischen Staatlichkeit darin besteht, dass Russland niemals ihrer Existenz zustimmen wird. Niemals. Im wörtlichen Sinne: niemals.

Maja Orel. Ist es unseren beiden Ländern also zu eng auf einem Planeten?

Portnikov. Nein, das ist ein völlig anderer Grund. Das ist ein objektiver Grund. Ohne Kontrolle über das Territorium der Ukraine ist Russland kein Imperium, das die Lage in Europa beeinflussen kann. Und ohne die Fähigkeit, die Lage in Europa zu beeinflussen, braucht niemand Russland als geopolitischen Akteur. Es befindet sich gewissermaßen in einer Ehe mit China. Gerade weil es in Europa Einfluss ausüben kann, kann es in dieser Ehe sein. Wenn es in Europa keinen Einfluss hat, befindet es sich in Abhängigkeit. Die Sowjetunion befand sich, wenn Sie so wollen, in einer geopolitischen Konfrontation mit Amerika. Auch das war gewissermaßen eine Ehe. Gerade weil Russland Europa beeinflussen konnte, befand es sich in dieser Konfrontation und dieser Interaktion, weil es faktisch halb Europa kontrollierte. Hätte es das nicht kontrolliert, wäre es nicht in dieser Lage gewesen. Deshalb sind alle Wünsche Russlands, Kontrolle über die Ukraine und andere ehemalige Sowjetrepubliken zu haben, aus imperialer Sicht objektive Notwendigkeit. Für die Rolle eines Nationalstaats taugt Russland aber nicht. Wissen Sie warum?

Maja Orel. Warum?

Portnikov. Weil es nie einer war. Nie in seiner Geschichte.

Maja Orel. Wir haben über Lettland gesprochen. Wir haben über Polen gesprochen. Polen erlebte ebenfalls drei Teilungen, verlor seine Staatlichkeit, konnte sich wieder erheben, konnte zu dem Polen werden, das es heute ist. Lettland dasselbe. Staatlichkeit gab es dort überhaupt nur 20 Jahre zwischen zwei Kriegen, dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg. Auch Lettland wurde zu dem, was es heute ist. Mich hat beeindruckt, dass zum Beispiel 1991, zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit, in Lettland mehr Russen als Letten lebten. Sehen Sie heute, wo Lettland ist. Wir leben auf unserem ethnischen Territorium. Wir hatten eine gewisse Quasi-Staatlichkeit in Form der Ukrainischen SSR. Wir können uns immer noch nicht die Frage beantworten, wer wir sind und was wir brauchen. Wir können uns selbst nicht identifizieren.

Portnikov. Hören Sie, Sie nennen Beispiele, die mit dem ukrainischen nicht ganz vergleichbar sind. Wissen Sie warum?

Maja Orel. Warum?

Portnikov. Weil die Geschichte der polnischen Staatlichkeit nicht von den Russen gestohlen wurde. Auch die Geschichte der Staatlichkeit in Lettland wurde von den Russen nicht gestohlen, weil es auf dem Gebiet Lettlands Staatlichkeit gab. Sie war nicht lettisch, aber dort gab es Staatlichkeit. Dort gab es das Herzogtum Kurland. Woher kam Anna Iwanowna nach Sankt Petersburg, die die Konditionen zerriss? Sie war doch Herzogin von Kurland. War das kein Staat? Natürlich war es ein Staat. Der Livländische Orden auf diesem Territorium – war das kein Staat? Es war ein Staat, ein Ritterstaat, aber ein Staat mit staatlichen Institutionen und Traditionen. Und die Menschen wussten, wie ein anderer Staat aussieht.

Und bei uns? Wir wussten, wie ein anderer Staat aussieht, aber uns sagte man, das sei der russische Staat gewesen. Verstehen Sie: Als Taras Schewtschenko im Grunde begann, die ukrainische Identität wiederherzustellen, musste er sich im Wesentlichen bei der Geschichte der Aufstände aufhalten. Warum also die Hajdamaken? Weil die Ukrainer Aufständische sind. Für ihn bedeutete, über ukrainische Geschichte zu sprechen, über imperiale Geschichte zu sprechen, deshalb verurteilte er alle Fürsten und Zaren. So verwandelte er die Ukrainer einfach in diese Nation der Aufstände. In Wirklichkeit aber sind die Ukrainer eine staatstragende Nation. Schewtschenko konnte das damals einfach nicht, verstehen Sie? Er konnte es nicht, weil diese Geschichte von Russland vom ersten Tag an, seit Rurik, vollständig gestohlen worden war.

Maja Orel. Sagen Sie bitte: Mit jedem Jahr gibt es immer weniger Menschen, die in der Sowjetunion aufgewachsen und erzogen worden sind.

Portnikov. Ein großes Glück.

Maja Orel. Ein großes Glück, ja. Aber warum nimmt ihre Zahl ab, während die Zahl der Menschen, die irgendwelche sowjetischen Narrative teilen, nicht annähernd so stark abnimmt?

Portnikov. Identität entsteht nicht von selbst. Sie ist Teil familiärer Erziehung und staatlicher Politik. Ich möchte Sie davon überzeugen, dass alles anders aussehen wird, wenn in unserem Land Menschen die Mehrheit bilden, die nach 2007 geboren wurden. Aber wann wird das sein? Wie viele Jahre braucht es?

Maja Orel. Nun, ich denke noch 30 bis 40 Jahre.

Portnikov. Na also, dann werden Sie zu meinem hundertsten Geburtstag sagen, dass alles geklappt hat. Und das ist kein Scherz, denn diese Menschen, die etwa 2013 in die Schule kamen, begannen erstmals ohne realen russischen Einfluss zu lernen. Sehen Sie, wie viel wir getan haben. Ukrainische Musik läuft im ukrainischen Radio. Ukrainisches Kino, ukrainisches Theater. Sie fragen, warum ich in Moskau lebte. Weil ich nicht in Brjansk leben wollte. Ich kam nach Kyiv, schaltete das Radio ein, und mir schien, ich sei nicht in Moskau, sondern in Brjansk oder Kursk, ich hörte irgendein provinzielles russisches Radio mit Irina Allegrowa.

Maja Orel. Sagen Sie bitte: In einer Zeit wie heute, in einer so globalisierten Welt, in der wir alle leben – wie wichtig ist diese nationale Identität überhaupt?

Portnikov. In einer globalisierten Welt möchte sich der Mensch von anderen unterscheiden. Gerade das ist die einzige Möglichkeit, eine Persönlichkeit zu sein, wenn du etwas Eigenes hast. Verstehen Sie, Identität bedeutet ja nicht, dass du keine westliche Rockmusik hören oder japanische Schriftsteller lesen kannst. Es geht darum, wie du dich selbst empfindest und was für dich einen Wert darstellt.

Maja Orel. Identität hat also immer mit Werten zu tun.

Portnikov. Mit inneren Werten und mit dem, was du anderen hinterlässt. Und je entwickelter du als Weltbürger bist, desto mehr bereicherst du dein eigenes Volk, so sehe ich das.

Maja Orel. Sagen Sie bitte, noch einmal über Territorium, noch einmal über den Preis, sagen wir, der Unabhängigkeit. Mich hat einmal Finnland beeindruckt: Sie gaben einen Teil Kareliens an die Sowjetunion ab. Bitte, nehmt es, wir entwickeln uns hier auf diesem Stück als Finnland.

Portnikov. Auch das ist Mythologie.

Maja Orel. Ich möchte zu Ende sprechen. Dann erfuhr ich Folgendes: In den 60er Jahren eroberte Israel von Ägypten die Sinai-Halbinsel. Und die Fläche der Sinai-Halbinsel beträgt etwa 60.000 Quadratkilometer, während das heutige Israel nur 20.000 Quadratkilometer groß ist. Also dieser Sinai, der biblische Sinai, gehörte Israel. Israel gab ihn Ägypten zurück.

Portnikov. Für Frieden.

Maja Orel. Für Frieden. Und ich sitze da und denke: Was sind wir bereit, für Frieden abzugeben, und werden wir etwas für Frieden abgeben müssen, wenn es keinen anderen Ausweg gibt?

Portnikov. Alle Analogien hinken.

Maja Orel. Warum?

Portnikov. Erste Analogie. Finnland wollte der Sowjetunion überhaupt nichts abgeben. Als Finnland auf Wyborg und Karelien verzichtete, erhielt es von Deutschland eine klare Zusicherung, dass es sich alles zurückholen werde und sogar mehr. Sie beendeten den Krieg, als Berlin sagte, es werde für sie nicht eintreten, aber gegen die Sowjetunion Krieg führen, und dann könne Finnland seinen Beitrag leisten. Und genau so geschah es. Finnland eroberte nach 1941 alle seine Gebiete zurück und besetzte ganz Sowjetkarelien. Nur waren im Zweiten Weltkrieg nicht Finnland und Deutschland die Sieger. Deshalb musste Finnland zu jenen Grenzen zurückkehren, die nach dem ersten Winterkrieg festgelegt worden waren. Aber die Fortsetzung des Winterkrieges war Teil des Plans der finnischen Führung, der beschlossen worden war, als der erste Winterkrieg zu Ende ging. Niemand wollte also bewusst etwas abgeben. Das war ein taktischer Schritt.

Maja Orel. Um Staat zu bleiben.

Portnikov. Um Staat zu bleiben und sich später das Territorium zurückzuholen.

Maja Orel. Und Israel?

Portnikov. Israel kontrollierte ein Territorium, das ihm nach internationalem Recht nicht gehörte. Und in Israel verstand man sehr gut, dass Israel niemals zu einem friedlichen Zusammenleben mit Ägypten kommen würde, wenn es ägyptisches Territorium besetzt hielte. Und das friedliche Zusammenleben mit Ägypten ist eine der Grundlagen der Unabhängigkeit Israels. Stellen Sie sich vor, das gäbe es heute nicht. Aber es war kein israelisches Territorium. Ich erinnere Sie noch einmal daran. Biblisch oder nicht biblisch – auf biblischem Territorium liegt übrigens auch Jordanien, abgesehen vom Sinai, entschuldigen Sie. Dort liegt der Berg, von dem Moses auf das Gelobte Land blickte. Na und? Wir sprechen doch über internationales Recht.

Und wenn wir über die Ukraine sprechen und darüber, was wir abgeben können: nichts. Denn aus Sicht des internationalen Rechts ist das unser Territorium. Wir können einen Teil des Territoriums nicht kontrollieren, aber der Tag, an dem wir sagen, wir erkennen die russische Kontrolle über die Krim oder den Donbas oder irgendein anderes Gebiet an, wird der Tag sein, an dem wir als Staat aufhören zu existieren.

Maja Orel. Das heißt, wenn, Gott bewahre, eine Situation eintritt, in der die Ukraine, der Staat Ukraine, irgendwie auf die Größe eines einzigen Gebiets zusammenschrumpft, ich weiß nicht, Transkarpatien oder Lwiw, dann würden alle anderen Gebiete nach internationalem Recht trotzdem als besetzt gelten?

Portnikov. Sagen Sie bitte, welches Territorium kontrolliert die Regierung der Republik China, die sich auf Taiwan befindet?

Maja Orel. Taiwan.

Portnikov. Und auf welches erhebt sie Anspruch?

Maja Orel. Auf ganz China.

Portnikov. Da haben Sie die Antwort.

Maja Orel. Man kann sich vielleicht damit beruhigen, dass im Maßstab der Geschichte 30, 40, ich weiß nicht, 50 oder 150 Jahre nur ein kleiner Zeitraum sind. Schließlich sehen Sie, Israel stellte seinen Staat nach 2.000 Jahren wieder her. 2.000 Jahre war das Volk ohne Staat. Dann wurde es wieder ein Staat. Wenn ich heute an die Ukrainer denke, wissen Sie, jetzt, wo so viele Ukrainer ausreisen, so viele in Westeuropa sind, und vielleicht tatsächlich das eintritt, wovon Sie sprechen, dass der größere Teil des ukrainischen Ethnos in Westeuropa leben wird und nicht …

Portnikov. Ich sage Ihnen die Wahrheit.

Maja Orel. Sagen Sie.

Portnikov. Ziehen Sie bitte keine Parallelen zu den Juden.

Maja Orel. Warum?

Portnikov. Nach dem Zusammenbruch ihrer Staatlichkeit zur Zeit des Bar-Kochba-Aufstands – das war bereits der endgültige Zusammenbruch – blieben die Juden als isolierte religiöse Gruppe erhalten. Es war gerade eine religiöse Gruppe, die sich in anderen Staaten allmählich in eine Nation verwandelte und erst im neu gegründeten Israel zu einer politischen Nation wurde. Die Ukrainer sind keine isolierte religiöse Gruppe. Für Völker wie die Ukrainer ist es sehr wichtig, das eigene ethnische Territorium, wenigstens einen Teil des eigenen ethnischen Territoriums, zu bewahren. Die Ukrainer sollte man nicht mit den Juden vergleichen. Wissen Sie, mit wem?

Maja Orel. Mit wem?

Portnikov. Mit den Iren. Die Mehrheit der Iren lebt außerhalb Irlands, aber sie bleiben gerade deshalb Iren, weil es Irland gibt, verstehen Sie? Es gibt Irland. Und es gibt Iren, die in Irland leben. Und es gibt nicht einmal eine sprachliche Gemeinsamkeit, denn nicht die gesamte Bevölkerung spricht Gälisch, aber es gibt das Gefühl, Ire zu sein.

Wir befinden uns also heute in einer historisch gefährlichen Situation. Wir verstehen, dass Russlands Idee nicht einfach die Vernichtung des ukrainischen Staates ist, sondern die Vernichtung des ukrainischen Ethnos als solchem. Sehen Sie, was in den besetzten Gebieten geschieht. Dort verwandelt man Ukrainer in Russen. Dort sagt man nicht: Ihr seid gute Ukrainer, und es gibt schlechte ukrainische Nazis. Nein: „Ihr seid Russen.“ Nicht einmal „Rossijane“, sondern „russkije“. „Russen von Herkunft, weil das ein Volk ist.“ Und wenn dieser Staat zusammenbricht, wird es einfach keine Ukrainer mehr geben. Glauben Sie mir, denn dieser Staat ist die Essenz – nicht einmal der Staat, das Territorium, wenn Sie so wollen, das Territorium der Ukrainischen SSR war die Essenz. Hier leben Ukrainer. Unsere Hauptaufgabe besteht darin, das Gebiet der ethnischen Besiedlung der Ukrainer zu bewahren. Das kann man nur auf eine Weise tun: indem wir Moskau abwehren. Denn wenn wir es nicht abwehren, wird es auf diesem Territorium keine Ukrainer geben. Und dann werden die Ukrainer im Ausland schließlich einfach Teil anderer Völker. Denn jene Ukrainer, die Sie kennen, die jahrzehntelang, jahrhundertelang in Kanada, den Vereinigten Staaten oder Europa lebten, blieben Ukrainer und konnten dieses Ukrainertum ihren Kindern weitergeben, weil es einen Leuchtturm gab. Wenn es keinen Leuchtturm gibt, wenn das Signal erlischt … Für die Juden war es in dieser Hinsicht zugleich schwerer und leichter. Verstehen Sie? Denn der Leuchtturm war Jerusalem, aber das war ein religiöses Zentrum, nicht nur ein staatliches.

Maja Orel. Viele von uns haben Probleme mit der Identität, weil: Wer bin ich? Wie ein Mann zu mir sagte: „Ich wohne eigentlich in Swjatoschyn.“

Portnikov. Nun, das ist immer so. Das gibt es in allen Ländern.

Maja Orel. Das gibt es in allen Ländern. Gut, vielleicht brauchen nicht alle Länder das. Aber bei uns mobilisiert die Identität heute die Gesellschaft zum Kampf.

Portnikov. Das stimmt. Aber man kann einem Menschen nicht etwas aufzwingen, was er innerlich nicht hat. Auch das ist eine völlig sinnlose Tätigkeit. Das ist so, wie ich meinen israelischen Freunden immer sagte: Ihr werdet aus einem Araber ohnehin keinen Juden machen. Ihr müsst darüber nachdenken, wie ihr mit jenem Araber zusammenlebt, der auf eurem Land lebt, sagen wir, und der dort im Grunde sein ganzes Leben gelebt hat. Es ist ja nicht irgendein Zugewanderter, er lebt dort seit Urzeiten, und ihr wollt seine Identität verändern. Das wird nicht gelingen. Hier ist es dasselbe.

Maja Orel. Aber wie macht man dann aus einem Menschen, dem Identität gleichgültig ist, einen Patrioten, der bereit ist, sogar sein Leben zu opfern?

Portnikov. In allen Ländern gibt es Menschen, die dazu bereit sind, und Menschen, die es nicht sind. Man muss die Menschen so akzeptieren, wie sie sind, und sich keine Menschen ausdenken. Es wird immer Menschen geben, die bereit sind zu opfern, und solche, die nicht bereit sind zu opfern.

Maja Orel. Und grob gesagt: Wenn die Generation endet, die auf den Maidans aufgewachsen ist, die vom Maidan geprägt wurde, für die die Ukraine, wissen Sie, zu etwas geworden ist, auf das man stolz sein kann, auch auf die eigene Zugehörigkeit zum Ukrainertum?

Portnikov. Nun, erstens werden zunächst die sowjetischen Generationen verschwinden, wie Sie richtig sagen, dann werden die Generationen verschwinden, die auf den Maidans aufgewachsen sind, aber danach kommen Generationen, die vor unseren Augen auf den Maidans mit Pappschildern heranwachsen. Sie sehen doch, dass dieses Gen des Widerstands in der Gesellschaft vorhanden ist.

Maja Orel. Mir macht nur Angst, wissen Sie, dass Russland diese Maidan-Generation früher auslöschen könnte, als wir irgendeinen Sieg erringen.

Portnikov. So funktioniert das nicht.

Maja Orel. Wie funktioniert es dann?

Portnikov. Es funktioniert über Tradition, darüber, wie sich Gesellschaft und Nation selbst verstehen. Die ukrainische Nation trägt diese Traditionen seit Urzeiten in sich. Sie gingen schon zur Zeit der Kyiver Fürsten auf die Wetsche und werden auch unter den nächsten Präsidenten der Ukraine auf Wetschen gehen. Glauben Sie mir. Das kann qualitativ nicht besonders gut sein. Sie können kein politisches Bewusstsein haben, jemand wird keine Identität haben, aber dieses Gefühl: Ich habe das Recht, über meinen Staat mitzubestimmen, und ich kann jederzeit von dem enttäuscht sein, für den ich gestimmt habe – das wird bei den Ukrainern bleiben. Da bin ich hinsichtlich der Ukrainer völlig ruhig. Verstehen Sie, dieses Gefühl kann man selbst in 200 Jahren gemeinsamen Lebens mit den Russen nicht ausrotten – nicht einmal das Gefühl von Freiheit, sondern von freiem Willen. 

Maja Orel. Sagen Sie bitte: Welche Ukraine würden Sie, sagen wir, in zehn Jahren und wenn wir den Faktor Krieg wegnehmen, gern aufbauen und aufgebaut sehen?

Portnikov. 1989 oder 1990 gab es einen solchen Artikel in der Zeitung „Prawda“, von einem Korrespondenten der „Prawda“.

Maja Orel. Den habe ich nicht gelesen.

Portnikov. „Welche Ukraine wollen sie?“ So hieß er, als wir gerade die Volksbewegung gründeten. „Welche Ukraine wollen sie?“ Diesen Titel habe ich mein ganzes Leben lang behalten. Ich möchte eine demokratische, europäische, ukrainische Ukraine. Ganz einfach. Ich habe sehr einfache Vorstellungen. Ich will, dass die Ukraine Teil der europäischen Welt ist. Ich will, dass es dort Demokratie gibt. Ich will, dass sich dort die ukrainische Kultur und die ukrainische Identität entwickeln, dass dort Ukrainisch gesprochen wird und dass es ein vollwertiger zivilisierter Staat ist. Das ist alles. Ich wünsche und erwarte von den Ukrainern aus dieser Sicht nichts Besonderes, nichts anderes als von jedem anderen europäischen Volk. Aber eine solche Ukraine wäre bereits ein wunderbares Ergebnis all unserer Leiden.

Maja Orel. Können Sie jetzt einfach einige schöne Wünsche für die Menschen sagen, die uns sehen werden?

Portnikov. Diese Ukraine zu erleben und sie aufzubauen.

Maja Orel. Und können Sie zum Unabhängigkeitstag gratulieren? Etwas sagen, wissen Sie, das einen wirklich berührt.

Portnikov. Wissen Sie, ich gratuliere den Ukrainern seit 35 Jahren auf unterschiedliche Weise zum Unabhängigkeitstag. Und in der Regel sind diese Bilanzen nicht besonders optimistisch.

Maja Orel. Und ich verstehe, dass sich der Inhalt dieser Beiträge über die Jahre nicht besonders verändert.

Portnikov. Nicht besonders. Aber andererseits überraschen mich die Ukrainer über all die Jahre immer wieder.

Maja Orel. Womit?

Portnikov. Mit ihrer Fähigkeit zu überleben, zu kämpfen, in schweren Momenten die besten Eigenschaften in sich zu finden, mit ihrer Bereitschaft zur Verständigung dann, wenn es scheint, dass andere eine solche Bereitschaft nicht finden können. Es gab viele Ereignisse, die im Grunde gezeigt haben, dass das ukrainische Volk zur Entwicklung und zum Bewusstsein seiner Rolle in dem Land fähig ist, in dem es lebt, und auf diesem Land, auf dem es lebt. Und in diesen 35 Jahren habe ich übrigens sehr viele Ukrainer gesehen, bei denen ich dachte: „Ich würde gern, dass alle Ukrainer so wären.“ Zuerst sah ich solche Menschen irgendwo in den Vereinigten Staaten und Kanada, später immer mehr auch in der Ukraine. Deshalb wünsche ich mir, dass es einfach mehr von solchen Menschen gibt.

Maja Orel. Darf ich noch fragen, wenn Sie können, sagen Sie offen: Wenn Sie in Sendungen davon sprechen, dass der Krieg noch 25 oder 30 Jahre dauern kann, dass dieser Putin gehen kann, dieser Putin wird gehen, aber an seine Stelle kommt ein anderer Putin. Was macht das für einen Unterschied? Russland verschwindet ja nicht. Es ist, wie es ist. Wie kann man unter solchen Bedingungen überhaupt eine Perspektive sehen?

Portnikov. Nun, Sie haben doch über Israel gesprochen. Wie sahen die Juden eine Perspektive? Darin, dass sie ein starkes Land haben würden, das niemand angreifen kann. Ein solches Land brauchen auch wir. Wir brauchen ein starkes Land, bei dem ein Angriff teurer ist als ein Nichtangriff.

Maja Orel. Mein Gott, 35 Jahre. Ich kann kaum glauben, dass es 35 Jahre sind. Irgendwie sind sie einfach vergangen.

Portnikov. Nun, sie sind nicht einfach vergangen, sie waren turbulent. Ich erinnere mich sehr gut daran, wie ich am 24. August 1991 diese Zahlen auf der Anzeigetafel sah. Was empfand ich? Dass ich etwas gesehen hatte, was ich vielleicht niemals hätte sehen können.

Maja Orel. Am 24. August standen wir so da. Aus irgendeinem Grund glaubten alle, wenn man näher am Fernseher steht, ganz dicht am Fernseher, erfährt man es als Erster. Als Erster. Und meine Tante, sehen Sie, ich weine schon, sie war 1912 geboren. Und sie sagte immer: „Ich werde es nicht mehr erleben.“ Und als sie sah, wie die Flagge hereingetragen wurde …

Portnikov. Nun sehen Sie, weil sie Ukrainerin war, glaubte sie daran. Wenn Menschen lange an etwas glauben, geschieht es. Wissen Sie, meine Großmutter nannte die Kyiver Straßen nie bei ihren sowjetischen Namen. Sie sagte immer: „Geh zur Prorizna, dann geh zur Sofijiwska.“ Ich sagte zu ihr: „Welche Prorizna, welche Sofijiwska? Das sind Kalinina und Swerdlowa.“ Sie sagte: „Das ist die Prorizna und die Sofijiwska.“ Sie erlebte die Rückkehr der alten Kyiver Straßennamen.

Maja Orel. Hören Sie, ich weiß nicht, ob ich sehr sentimental geworden bin oder ob ich einfach schon so sehr will, dass alles endet. Entschuldigen Sie, dass ich am Ende des Gesprächs so weich geworden bin.

Portnikov. Vielleicht ist genau das der Moment eines solchen historischen Ereignisses. Übrigens wissen Sie, dass ich darüber sogar geschrieben habe, in einem Artikel über den 24. August 1991: Als die Unabhängigkeit ausgerufen wurde, standen bereits Menschen vor der Werchowna Rada, und dort war ein Priester, der begann, mit ihnen zu beten, und sie beteten alle auf den Knien. Das war ein fast biblischer Anblick.

Maja Orel. Weil es geschehen war.

Portnikov. Und ich dachte damals wieder: Ich sehe Bilder, an die ich mich mein ganzes Leben erinnern werde.

Maja Orel. Wissen Sie, manchmal denkt man: So viele Generationen, so viele Völker haben keinen eigenen Staat, so viele Generationen dieser Menschen, die in der Ukraine lebten, hatten keinen eigenen Staat. Wir hatten das Glück, in einer Zeit geboren zu werden, in der das möglich wurde, und man denkt: „Mein Gott, wir sind doch alle Auserwählte, wir alle sind auserwählt, weil all das zu unseren Lebzeiten geschieht.“

Portnikov. Wichtig ist nur, das nicht zu verspielen.

Maja Orel. Vielleicht ist das eine etwas exaltierte Wahrnehmung einer ukrainischen Frau.

Portnikov. Aber sie ist wahr. Ich denke, solche Momente, die von der Geburt einer Nation und ihrer Staatlichkeit sprechen, besonders nach so vielen Jahrhunderten ohne Staatlichkeit, geschehen nur einmal. Deshalb habe ich versucht, Ihnen zu erklären, dass ich für die Ukrainer das tun wollte, was die Gründerväter für Israel getan haben, weil ich dachte, für das jüdische Volk sei das bereits getan worden. Jemand anderes hatte das für mich getan. Ich kann mir völlig vorstellen, dass ich 1948, wenn ich die Möglichkeit gehabt hätte, Israel aufzubauen, Israel aufgebaut hätte. Nur war Israel zu dem Zeitpunkt, als ich erwachsen wurde, bereits diese Zuflucht, die es für jeden Juden weiterhin ist. Die Ukraine aber gab es nicht. Die Ukrainer waren im Grunde dem Wind preisgegeben.

Maja Orel. Ich danke Ihnen sehr, dass Sie gekommen sind, dass Sie Zeit gefunden haben, und wünschen wir einander, dass wir sowohl Putin als auch Russland überleben.

Portnikov. Und beim nächsten Jubiläum der Unabhängigkeit wieder miteinander sprechen können.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Interview
Titel des Originals: 35 років незалежності. Віталій Портников про Кучму, Зеленського й українську ідентичність. 17.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 17.08.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Der „Träumer“ Fedorov und die Realität des ukrainischen politischen Systems. Kolumne von Vitaly Portnikov. 19.08.2026.


Demonstration während einer Sitzung der Werchowna Rada. 19. August 2026. Foto: Tatjana Dschafarowa / AFP / East News

«Мечтатель» Фёдоров и реальность украинской политической системы. Колонка Виталия Портникова. 19.08.2026.

Die mehrtägigen Proteste, deren Teilnehmer die Rückkehr von Mykhailo Fedorov auf den Posten des Verteidigungsministers forderten, endeten mit einer Abstimmung im Parlament, bei der General Yevhen Khmara als neuer Leiter des Verteidigungsressorts bestätigt wurde – er hatte nach dem Rücktritt der Regierung von Yulia Svyrydenko das Amt des Verteidigungsministers kommissarisch ausgeübt.

Ich weiß nicht, inwieweit Fedorov tatsächlich auf seine Rückkehr hoffte, doch der Tag, an dem Präsident Volodymyr Zelensky der Werchowna Rada Khmaras Kandidatur vorlegte, wurde für den zurückgetretenen Minister zu einer Art Rubikon. Fedorov richtete einen neuen YouTube-Kanal ein und wandte sich an seine Landsleute mit dem Aufruf, gegen Korruption zu kämpfen und über die Durchführung neuer Wahlen nachzudenken – trotz des Krieges.

In der Ukraine vergleichen viele Beobachter diese Ansprache Fedorovs mit der damaligen Neujahrsansprache des Showmans Volodymyr Zelensky – als Zelensky im Programm des damals dem berüchtigten Oligarchen Ihor Kolomoyskyi gehörenden Fernsehsenders „1+1“ zu seinen Landsleuten sprach, während alle anderen Fernsehsender die Ansprache des damaligen Präsidenten Petro Poroshenko übertrugen. Der entscheidende Unterschied besteht jedoch darin, dass Zelensky im Bewusstsein des Durchschnittsbürgers weder mit Poroshenko noch mit den revolutionären Ereignissen von 2013–2014 in Verbindung gebracht wurde, die mit neuen Präsidentschaftswahlen endeten. Und eine Konfrontation mit Poroshenko fürchtete der künftige Präsident keineswegs. Fedorov hingegen vermeidet es in seinen Ansprachen und Interviews sorgfältig, Zelensky zu erwähnen – und auch diesmal sprach er erneut über die Mängel des Systems, ohne zu erwähnen, dass das gesamte System der Staatsführung auf die Person Volodymyr Zelenskys ausgerichtet ist.

Das von Fedorov angesprochene Thema der Wahlen verdient eine gesonderte Betrachtung, da es mit dem wachsenden Wunsch vieler Ukrainer nach einer Erneuerung der Staatsführung zusammenhängt. Die Frage ist, wie diese Erneuerung erreicht werden kann. Der ehemalige Minister sagt seinen Landsleuten, dass der russische Staatschef Wladimir Putin nicht darüber bestimmen werde, wann in der Ukraine Wahlen stattfinden. Doch über die Frage der Wahlen entscheidet nicht Putin, sondern der von Putin entfesselte Krieg. Putin selbst würde offensichtlich gerade zu den Nutznießern von Wahlen während des Krieges gehören wollen. Der Wahlkampf könnte zur Destabilisierung der gesellschaftlichen Stimmung in der Ukraine beitragen, und die Wahlen selbst könnten anschließend in Moskau für illegitim erklärt werden – Begründungen für ein solches Vorgehen würden sich mit Sicherheit finden. Schließlich verstehen wir sehr gut, dass kein Wahlprozess unter Bomben völlig reibungslos ablaufen könnte.

Doch selbst wenn man Putins Interesse außer Acht lässt, bleibt die Frage, wie eine Abstimmung während des Krieges tatsächlich durchgeführt werden kann. Parlamentswahlen während des Krieges können ohne entsprechende Änderungen der ukrainischen Verfassung nicht abgehalten werden, zu denen das amtierende Parlament schlicht nicht in der Lage ist. Präsidentschaftswahlen könnten theoretisch durchgeführt werden, aber auch dafür wären Gesetzesänderungen erforderlich, für die die Abgeordneten der präsidententreuen Mehrheit schlicht nicht stimmen würden. Doch selbst wenn man annimmt, dass sie dafür stimmen, die Wahlen stattfinden und nicht Zelensky zum neuen Präsidenten gewählt wird, würde sich das nächste Staatsoberhaupt zwangsläufig in einer Situation der Konfrontation mit dem alten Parlament wiederfinden, in dem es keinen einzigen Unterstützer hätte. Und dann müssten sich die Ukrainer daran erinnern, dass ihr Land eine parlamentarisch-präsidentielle Republik ist. Jetzt, da im Parlament die Mehrheit aus Kandidaten des Präsidenten besteht, sind die Werchowna Rada – und mit ihr die Regierung – ihrer politischen Eigenständigkeit beraubt, und die gesamte Macht im Land ist im Präsidentenbüro konzentriert. Gibt es keine parlamentarische Mehrheit, gibt es auch keine präsidentielle Alleinherrschaft.

Doch die Tatsache, dass Wahlen praktisch unmöglich durchzuführen sind, beseitigt nicht die Frage nach der Notwendigkeit einer Erneuerung der Staatsführung vor dem Hintergrund anhaltender Korruptionsskandale und eines zunehmenden – wenn auch bislang keineswegs kritischen – Misstrauens gegenüber dem Präsidenten selbst und seinem engsten Umfeld. Immer mehr Ukrainer, die sich nach 2019 infolge der Wahl eines „einfachen Kerls“ zum Staatsoberhaupt in einem politischen lethargischen Schlaf befanden, eines Mannes, der in seinen Ansätzen die „volkstümlichen“ Vorstellungen von der Lösung existenzieller Probleme verkörperte und sich gemeinsam mit seinen Wählern weigerte, über die strategischen Probleme des Landes nachzudenken, stellen sich die Frage, inwieweit die Staatsführung den gestellten Aufgaben gewachsen ist. Und wie lässt sich ohne Wahlen der Glaube dieser Menschen an die Effizienz staatlicher Institutionen wiederherstellen?

Man kann natürlich davon ausgehen, dass wir uns in einer Sackgasse befinden. Wahlen gibt es nicht und wird es nicht geben, das Vertrauen nimmt ab, der Krieg geht weiter – ohne irgendeine reale Aussicht auch nur auf einen Waffenstillstand, geschweige denn auf eine langfristige Beendigung der Kampfhandlungen. Doch in Wirklichkeit lautet die Antwort auf alle Fragen: das Vorhandensein politischen Willens.

Ich habe in diesem Text bereits daran erinnert, dass die Ukraine eine parlamentarisch-präsidentielle Republik ist. Und wenn bei den Parlamentariern der Wunsch aufkäme, der Werchowna Rada ihre politische Eigenständigkeit zurückzugeben, könnten keine Manager aus dem Präsidentenbüro sie daran hindern. Und ein großer Teil der Fehler, die bereits begangen wurden, wäre schlicht nicht entstanden – Zelensky begeht diese Fehler gerade deshalb, weil er sich fremde Befugnisse aneignet! Er hat weder das Recht noch die Pflicht, Ministerpräsidenten und Minister zu entlassen oder zu ernennen – mit Ausnahme der Außen- und Verteidigungsminister, deren Kandidaturen gerade er der Rada vorlegen muss –, Regierungen zu entlassen … Selbst den Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine kann der Präsident nur auf Vorschlag des Verteidigungsministers ernennen – und ein Minister wird ohne Zustimmung des Parlaments niemals Minister. Somit können die Abgeordneten jede Kandidatur blockieren, die ihnen nicht zusagt.

Wenn sich die Abgeordneten der Regierungspartei daran erinnern würden, dass sie Bürger sind, und außerdem erkennen würden, dass sie immerhin Politiker und keine Instrumente zur Erfüllung präsidentieller Wünsche sind, ließen sich die Degradation der ukrainischen Staatsführung und der Vertrauensverlust in sie aufhalten. Doch der größte Teil der Menschen, die 2019 für die „Diener des Volkes“ ins Parlament gewählt wurden, verfügt schlicht nicht über das persönliche, moralische und professionelle Potenzial für eine solche Entwicklung. Daher bleibt den Bürgern wohl nur, den guten Wünschen Mykhailo Fedorovs Gehör zu schenken.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: «Мечтатель» Фёдоров и реальность украинской политической системы. Колонка Виталия Портникова. 19.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 19.08.2026.
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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