„Zelensky greift Fedorov an“ | Vitaly Portnikov. 23.08.2026.

Der ukrainische Präsident Volodymyr Zelensky erklärte, er habe sich gleich viermal mit dem früheren Verteidigungsminister Mykhailo Fedorov getroffen und ihm verschiedene Ämter angeboten. Fedorov habe jedoch keines dieser Angebote angenommen. Damit wollte Zelensky gegenüber Journalisten zeigen, dass er für eine weitere Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Minister offen gewesen sei. Unbeantwortet ließ er allerdings die entscheidende Frage: Warum wurde Mykhailo Fedorov überhaupt als Verteidigungsminister entlassen – und zwar gerade zu einem Zeitpunkt, als seine Arbeit in diesem Amt in der Öffentlichkeit positiv bewertet wurde?

Zelensky wiederholte, der Rücktritt habe mit dem Konflikt zwischen Fedorov und dem inzwischen ebenfalls ehemaligen Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, Oleksandr Syrsky, zusammengehangen. Angeblich habe Fedorov dem Präsidenten selbst vorgeschlagen, beide Amtsträger zu entlassen, weil sie sich nicht mehr verständigen konnten und sogar den direkten Kontakt miteinander eingestellt hatten.

Doch der zeitliche Ablauf wirft Fragen auf. Die Entscheidung über Fedorovs Rücktritt fiel zu einem Zeitpunkt, als von einem Austausch des Oberbefehlshabers noch gar nicht ernsthaft die Rede war. Das Thema einer Entlassung Syrskys entstand vielmehr erst infolge der Proteste, deren Teilnehmer forderten, Fedorov müsse Verteidigungsminister bleiben.

Ich erinnere daran, dass Zelensky damals beschloss, Syrsky zu entlassen und Mykhailo Drapaty zum neuen Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine zu machen. Offensichtlich hoffte der Präsident, mit dieser personellen Rochade die Proteststimmung zu dämpfen.

Damit stellt sich aber eine einfache logische Frage: Wenn tatsächlich ein Konflikt zwischen zwei Amtsträgern bestand und der Präsident beide zugleich für effektiv hielt, weshalb musste dann einer von ihnen gehen? Man hätte den Verteidigungsminister entlassen und den Oberbefehlshaber im Amt lassen können.

Und wenn umgekehrt bereits beschlossen worden war, den Oberbefehlshaber auszutauschen, hätte nichts den Präsidenten daran gehindert, Mykhailo Fedorov erneut für das Amt des Verteidigungsministers vorzuschlagen. Das wäre jedenfalls dann logisch gewesen, wenn Zelensky Fedorovs Arbeit in diesem Amt tatsächlich für erfolgreich hielt und überzeugt war, dass ausschließlich dessen Konflikt mit dem Oberbefehlshaber die Erfüllung seiner Aufgaben verhindert hatte. Zu dem Zeitpunkt, als der Präsident der Werchowna Rada die Kandidatur des Verteidigungsministers vorlegte, war dieser Oberbefehlshaber bereits nicht mehr im Amt.

Doch das sind nur Fragen der Logik. In Wirklichkeit verstehen wir sehr gut, dass zwischen dem Präsidenten und dem ehemaligen Verteidigungsminister ein eigener Konflikt besteht, der mit der Auseinandersetzung zwischen Fedorov und Syrsky nichts zu tun hat. Dass es sich tatsächlich um einen Konflikt zwischen zwei früheren Weggefährten handelt, zeigen auch weitere Aussagen sowohl Zelenskys als auch Fedorovs.

Volodymyr Zelensky bezeichnete etwa die Idee von Wahlen während des Krieges als einen „Tsunami“, der die Lage im Land erheblich verändern und destabilisieren könne. Er berichtete zudem, er habe mit den Verbündeten über die Möglichkeit solcher Wahlen gesprochen, aber keinerlei Garantien erhalten, die eine sichere Durchführung der Abstimmung erwarten ließen. Der russische Präsident Putin wiederum ist bekanntlich an keinem Waffenstillstand interessiert, der der Ukraine überhaupt die Möglichkeit geben würde, in einen Wahlprozess einzutreten.

Damit reagierte Zelensky unmittelbar auf Fedorovs Initiative. Der ehemalige Verteidigungsminister hatte Wahlen als ein mögliches Modell zur Erneuerung der ukrainischen Staatsführung bezeichnet. Über eine solche Erneuerung spricht Fedorov weiterhin. In einem BBC-Interview erklärte er, Volodymyr Zelensky müsse der Gesellschaft sagen, ob er von Korruption in seinem Umfeld gewusst habe. Zugleich äußerte Fedorov die Überzeugung, Zelensky sei zu einem solchen Gespräch bereit.

Der Präsident wiederum sagte bei einem Treffen mit Journalisten zu den aktuellen Korruptionsskandalen in seinem engsten dienstlichen Umfeld, das Nationale Antikorruptionsbüro der Ukraine habe keinerlei Fragen an ihn. Die Vertreter der unabhängigen Antikorruptionsstrukturen wüssten, so Zelensky, dass er mit solchen Dingen nichts zu tun habe. Auch das ist Teil der öffentlichen Auseinandersetzung, die wir derzeit beobachten.

Dieser Schlagabtausch zeigt im Grunde, dass zwischen Zelensky und Fedorov kaum noch eine tragfähige Grundlage für eine weitere Verständigung vorhanden ist. Ein belastbares, auf Vertrauen beruhendes Modell der Zusammenarbeit scheint zwischen ihnen nicht mehr möglich. Mykhailo Fedorov reiht sich damit in die Gruppe jener früher engen Vertrauten Zelenskys ein, die mit ihm im inzwischen weit zurückliegenden Jahr 2019 an die Macht kamen und der Gesellschaft versicherten, die Wahl Volodymyr Zelenskys sei ein echter Weg zu Veränderungen.

Mehr noch: Fedorov war offenbar der letzte wirklich enge Weggefährte Zelenskys aus jenem ursprünglichen Kreis. Nach Zelenskys Wahlsieg, den vorgezogenen Parlamentswahlen, der Bildung einer Mehrheit durch Diener des Volkes und der Einsetzung der ersten Regierung Zelenskys war Fedorov von Anfang an Minister. Er gehörte damit zu den Menschen, die Zelensky beim Sieg in der Präsidentschaftswahl halfen und die Gesellschaft davon überzeugen wollten, dass ein politischer Neuling, selbst wenn er weit von Politik und vom Verständnis der Prozesse im ukrainischen Staat entfernt war, für die Ukraine wichtiger sei als jemand, der die Herausforderungen eines im Krieg befindlichen Landes verstand. Gerade diese Herausforderungen konnten durch einen dilettantischen Umgang mit den Problemen eines unabhängigen Staates, der dem Angriff einer rasend gewordenen ehemaligen Metropole ausgesetzt war, nur noch größer werden.

Heute lässt sich jedenfalls klar feststellen, dass Zelensky inzwischen von anderen Menschen umgeben ist – mit anderen Vorstellungen vom Leben und mit neuen Ambitionen. Diese Personen verbindet mit ihm offenbar nicht mehr die Erinnerung an die berühmte Wahlkampagne von 2019 und damit auch nicht deren Versprechen. Der Krieg hat Zelenskys engstes Umfeld endgültig verändert.

Auch die Korruptionsskandale, die sich um ihn herum entfalten, werden dieses Umfeld weiter verändern. Meiner Ansicht nach werden sie sich mit jedem neuen Monat der Ermittlungen in den bereits aufsehenerregenden Fällen, die beim NABU liegen, noch verstärken. Viele Personen, die sich heute in Machtpositionen befinden, werden gezwungen sein, ihre Ämter und ihren Einfluss aufzugeben, um gegenüber den Antikorruptionsstrukturen und der Spezialisierten Antikorruptionsstaatsanwaltschaft Erklärungen abzugeben und mit den Ermittlungsbehörden zusammenzuarbeiten.

Deshalb schließe ich nicht aus, dass sich um Zelensky schon bald erneut ein ganz neuer Kreis von Personen bilden wird, der seine Arbeit in den kommenden Kriegsjahren absichert. Mit einem gewissen Bedauern muss man allerdings sagen: Was wir brauchen, ist nicht noch ein neuer Kreis um den Präsidenten, sondern kompetent arbeitende Institutionen, die solche Konflikte und Skandale verhindern würden.

Dann könnte jeder sein tatsächliches Potenzial entfalten: Volodymyr Zelensky, Mykhailo Fedorov und jeder andere, der für das Überleben der Ukraine in diesem endlosen Krieg gegen die Russische Föderation arbeiten muss – für die Verringerung des russischen wirtschaftlichen und militärischen Potenzials und für die Suche nach Wegen, die den russischen Präsidenten Wladimir Putin zumindest irgendwann dazu bringen könnten, über ein Ende des russisch-ukrainischen Krieges nachzudenken. Und erst dann würde sich auch der Weg zu vernünftigen Personalentscheidungen und schließlich zu Wahlen öffnen.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Зеленський наїхав на Федорова | Віталій Портников. 23.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 23.08.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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