Der russische Präsident fürchtet um sein Leben für den Fall einer Niederlage im russisch-ukrainischen Krieg und sagt seinen Mitstreitern sogar, dass man ihn hängen werde, wenn er keinen Erfolg habe. Mit diesen Informationen ist die britische Zeitschrift The Economist an die Öffentlichkeit gegangen, die Putins Neigung zu einer weiteren Eskalation im russisch-ukrainischen Krieg gerade mit solchen Motiven erklärt.
Und wir können mit Sicherheit sagen, dass eine solche Erklärung von Putins Logik auch den Interessen des Kremls entspricht. Es ist eine Sache, wenn Putin die Realität nicht begreift – dann muss alles Mögliche getan werden, damit er sich der Realität bewusst wird und seinen Krieg gegen die Ukraine beendet. Und es ist etwas völlig anderes, wenn Putin sehr wohl versteht, dass er den Krieg nicht gewinnen kann, ihn aber fortsetzen muss, weil er den Zorn des russischen Volkes fürchtet. Dann muss man dem russischen Präsidenten natürlich entgegenkommen, ihm helfen, sein Gesicht zu wahren, und die Ukraine zu Zugeständnissen bewegen, denn die Alternative zu Putin könnte eine noch überraschendere und unberechenbarere Führung der Russischen Föderation mit revanchistischen Einstellungen sein, die denen Putins in nichts nachstehen, sondern die chauvinistischen Ambitionen des russischen Präsidenten sogar noch übertreffen.
Putin bedient sich nicht zum ersten Mal einer solchen Propaganda, die sich an westliche Medien und westliche Politiker richtet. Vom ersten Tag nach seiner Machtübernahme in der Russischen Föderation an betonte er immer wieder, er sei weitaus liberaler als die Mehrheit der russischen Bevölkerung, die in den kommunistischen und chauvinistischen Traditionen der jüngeren Vergangenheit erzogen worden sei. Und deshalb müsse man gerade mit ihm, mit Putin, verhandeln.
Russlands Krieg gegen die Ukraine hat Putins Ruf als berechenbarer Politiker zerstört, der gegenüber der Welt realistischer eingestellt sei als die überwiegende Mehrheit der Russen. Und nun versuchen die Propagandisten des Kremls, diesen Ruf ihres Machthabers wiederzubeleben.
Doch wie sieht es in Wirklichkeit aus? Droht Putin tatsächlich Gefahr, falls der russisch-ukrainische Krieg verloren geht?
Am Anfang dieser Überlegungen müssen wir zunächst verstehen: Was bedeutet überhaupt ein Sieg im russisch-ukrainischen Krieg? Glauben die Russen tatsächlich, dass ihrem Land Gefahr droht und dass sie, falls Russland die Ukraine nicht vollständig vernichten und ihr Territorium dem eigenen Staat einverleiben kann, eine Revolution beginnen und bereit sein werden, die russische Staatsführung zu stürzen?
Solche Stimmungen sind in der russischen Gesellschaft nicht zu beobachten. Man kann von der Apathie der überwiegenden Mehrheit der Russen sprechen. Putin hat ihnen das Krim-Abenteuer und den anschließenden Krieg gegen die Ukraine aufgezwungen. Wenn der russische Präsident morgen verkündet, dass der Krieg beendet wird und die Truppen an der heutigen Trennlinie bleiben – wenn er also faktisch dem Vorschlag zustimmt, den der ukrainische Präsident Volodymyr Zelensky gemacht hat und der vom Westen unterstützt wird –, wird die überwiegende Mehrheit der Russen erleichtert aufatmen.
Erleichtert aufatmen wird auch die russische Wirtschaft, die die Folgen ukrainischer Angriffe auf Marktplätze und eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage im Land fürchtet. Erleichtert aufatmen wird auch die russische Oligarchenelite, weil sie die Chance erhält, den für ihre Geschäfte verheerenden westlichen Sanktionen zu entkommen.
Dann stellt sich die Frage: Wer soll eigentlich eine Revolution ausrufen und einen Wechsel der russischen Staatsführung fordern, wenn die überwiegende Mehrheit der Russen entweder objektiv an einem Ende des russisch-ukrainischen Krieges interessiert ist oder allen politischen Ereignissen gleichgültig gegenübersteht, die den einzelnen Bürger der Russischen Föderation nicht unmittelbar betreffen? Das heißt, sie erinnern sich an den russisch-ukrainischen Krieg erst in dem Moment, in dem eine Drohne in der eigenen Wohnung reinfliegt – und nicht einmal dann, wenn sie die benachbarte Ölraffinerie zerstört.
Und wie wahrscheinlich ist es, dass selbst Proteste gegen Putins Handeln in den letzten Jahren so wirkungsvoll sein könnten, dass die mächtigen Sicherheitsstrukturen der Russischen Föderation nicht mit ihnen fertigwerden könnten – jene Sicherheitsstrukturen, deren Vertreter im Kreml seit dem Jahr 2000 der ehemalige Oberst des Komitees für Staatssicherheit der Sowjetunion ist?
All das sind natürlich rhetorische Fragen, denn wir kennen die Antworten darauf. Wenn Putin beschließt, den russisch-ukrainischen Krieg morgen zu beenden, bedroht seine Macht nichts und niemand. Putin entscheidet sich bewusst für die Eskalation, weil er weiterhin darauf hofft, dass die Zeit es ihm ermöglichen wird, den ukrainischen Staat zu vernichten und die Grenzen der Sowjetunion von 1991 zu erreichen – zumindest entlang der Grenzen der ehemaligen Ukrainischen SSR.
Dies würde es ihm nach Auffassung des russischen Machthabers ermöglichen, sowohl den ehemaligen Sowjetrepubliken seine Bedingungen zu diktieren, die aus Sicht des Kremls Teil eines neuen Unionsstaates werden sollen, dessen Führer Putin noch immer zu werden hofft, als auch den Ländern Mitteleuropas, die ohne wirksame Unterstützung der Vereinigten Staaten dastehen könnten, falls Putin die Ukraine begräbt.
Eine Gefahr durch irgendeine Revolution in der Russischen Föderation oder einen Aufstand der Russen gegen Putin, falls er den Krieg beendet – all das existiert praktisch nicht. Man sollte nicht glauben, dass die Russen selbst glühende Befürworter des Beginns dieses Krieges waren, dass Putin ihre geheimsten Ambitionen verwirklicht hat und deshalb nun jemand ist, der ein Ende der Kampfhandlungen fürchtet, weil er selbst wesentlich vorsichtiger eingestellt sei als seine eigene Gesellschaft. Im Zusammenhang mit dem russisch-ukrainischen Krieg besteht ein solcher direkter Zusammenhang jedenfalls nicht.
Umso mehr müssen wir uns an eine sehr wichtige Sache erinnern. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung der Russischen Föderation hört auf die eigene Propaganda. Wenn diese Propaganda morgen ihre Rhetorik um 180 Grad ändert und von der Notwendigkeit einer Versöhnung mit der Ukraine spricht und davon, dass Putin die Zivilbevölkerung sowohl Russlands als auch der Ukraine vor dem Krieg rettet, wird die Mehrheit der Russen daran glauben und dem zustimmen.
Ich erinnere mich gut daran, wie sich die Stimmung der Menschen während Gorbatschows Perestroika und in den ersten Jahren Jelzins an der Macht veränderte. Ja, vielleicht blieben viele weiterhin in der sowjetischen Ideologie gefangen, aber sie glaubten, dass die Staatsführung besser wisse, wie das Land zu regieren sei.
Wenn wir über all diese Aufstände und Revolutionen sprechen, müssen wir daran denken, dass wir dabei von jenen Ereignissen ausgehen, die sich im Russischen Reich in den fernen Jahren 1905 oder 1917 ereigneten. Das Russland, das damals existierte, gibt es nicht mehr. Die Bevölkerung dieses Russlands wurde grundlegend umgeformt. Menschen mit eigener Initiative, mit einem Glauben an Demokratie wurden bereits damals entweder erschossen, eingeschüchtert oder aus dem bolschewistischen Russland vertrieben und spielten danach nie wieder irgendeine Rolle in seiner gesellschaftlichen Entwicklung.
Das heutige Russland ist das Russland der Enkel jener, die den Bürgerkrieg gewonnen haben. Also das Russland von Menschen, die nicht nur nicht dazu neigten, eine eigene Position zu vertreten, sondern schlicht Analphabeten waren. Die Bolschewiki brachten ihnen das Schreiben bei, aber nicht das Denken. Dafür überzeugten sie sie davon, dass die Staatsmacht alles besser weiß.
Und genau in diesen Traditionen haben diese Menschen, die ihr Leben mit Büchern über die sozialistische Revolution und mit Schulbüchern begannen, in denen sie lernten, dass „Mama den Fensterrahmen wusch“, ihre Nachkommen erzogen. Und genau diese Nachkommen sind heute in der Russischen Föderation an der Macht und stellen die überwiegende Mehrheit ihrer Bürger.
Alle Veränderungen in diesem postbolschewistischen Russland – sowohl nach Stalins Tod als auch nach Breschnews Tod – waren Veränderungen, die von oben durch die Führer der Kommunistischen Partei oder durch ehemalige Parteifunktionäre initiiert wurden, wenn wir etwa an Boris Jelzin denken. Und natürlich versteht auch Putin das sehr gut. Er versteht also, dass ihn niemand irgendwo hängen und niemand einen Aufstand gegen ihn organisieren wird.
Nein, der russische Machthaber fürchtet nicht um sein Leben. Aber er möchte, dass man im Westen genau das glaubt, dass die westliche Presse darüber schreibt, dass westliche Politiker so denken, dass man sich mit ihm zu Bedingungen verständigt, die einer Kapitulation der Ukraine gleichkommen – nur um, Gott bewahre, eine neue Revolution in Russland, irgendwelche Veränderungen in eine ungewisse Richtung und eine unkontrollierte Verbreitung von Atomwaffen zu verhindern.
All diese Geschichten, mit denen russische Propagandisten ihre leichtgläubigen westlichen Gesprächspartner füttern, kann ich Ihnen erzählen, denn sie kursieren bereits seit mehreren Jahrzehnten. Vertrauen wir also nicht denen, die glauben, Putin entscheide sich tatsächlich für die Eskalation, weil die Alternative zur Eskalation eine Revolution wäre.
Nein, die Alternative zur Eskalation besteht faktisch darin, dass der russische Präsident auf seine imperialen Ambitionen verzichtet. Und genau das ist etwas, was er zumindest in absehbarer Zukunft nicht zulassen kann. Und genau das muss durch die Zerstörung der Wirtschaft der Russischen Föderation erzwungen werden. Glauben Sie mir: In den kommenden Jahren der erbitterten russisch-ukrainischen Konfrontation wird es keine andere Alternative geben.
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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Путін боїться потрапити на шибеницю |Віталій Портников. 31.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 31.08.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.