Der armenische Drift in Richtung Westen. Kolumne von Vitaly Portnikov. 05.05.2026.

Армянский дрейф в сторону Запада. Колонка Виталия Портникова. 05.05.2026.

Allein die Tatsache, dass der Gipfel der Europäischen Politischen Gemeinschaft in Eriwan stattfand, wurde zu einem der anschaulichsten Beispiele für den schwindenden Einfluss Russlands im postsowjetischen Raum, meint der ukrainische Journalist und Publizist Vitaly Portnikov.

Als der Gipfel in Chişinău stattfand, konnte man in Moskau darüber noch hinwegsehen. Moldau driftet seit Jahren in Richtung Westen, hat ein Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union unterzeichnet und wurde Beitrittskandidat der EU. Armenien jedoch ist genau jenes Land, dessen Präsident Putin bereits 2013 buchstäblich dazu zwang, auf ein Assoziierungsabkommen zu verzichten.

Armenien gehört weiterhin zur Eurasischen Wirtschaftsunion und zur OVKS, und Premierminister Nikol Paschinjan war erst vor Kurzem in Moskau und führte Gespräche mit dem russischen Präsidenten. Und nun versammelt sich auf armenischem Boden das „fremde Lager“ – eine Gemeinschaft, die die wachsenden Ambitionen des Westens und dessen Weigerung symbolisiert, die von Russland einseitig proklamierte „Einflusssphäre“ zu akzeptieren. Und niemand vermisst Russland auf diesem Gipfel, während gleichzeitig der Drift Armeniens sichtbar wird – ähnlich jenem Drift, den einst Moldau, Georgien oder die Ukraine vollzogen.

Und der Beweis dafür ist nicht nur der Gipfel der Europäischen Politischen Gemeinschaft selbst, die bislang eher eine symbolische Vereinigung bleibt, sondern auch der erste Gipfel Armenien–EU in der Geschichte. Und ebenso wie beim Gipfel in Chişinău wirkt die Anreise einer derart repräsentativen Gruppe westlicher Staats- und Regierungschefs nach Eriwan wie eine echte Wahlkampfhilfe für den armenischen Premierminister. Und das, obwohl Moskau offenbar bereit ist, ebenso viel Aufwand in die Parlamentswahlen in Armenien zu investieren wie zuvor in die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen in der Republik Moldau.

Während Paschinjans Besuch in Moskau warf Wladimir Putin ihm öffentlich einen unangemessenen Umgang mit der prorussischen Opposition vor. Darauf erhielt er eine spöttische Antwort des armenischen Premierministers, der den russischen Präsidenten an das störungsfreie Internet in Armenien erinnerte.

Ein weiteres Symbol ist die Anwesenheit des ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky auf dem Gipfel in Eriwan und seine Gespräche mit dem armenischen Premierminister. Wenn man bedenkt, dass Zelensky erst vor wenigen Tagen Aserbaidschan besucht und Gespräche mit dessen Präsidenten Ilham Alijew geführt hat, wird klar, dass die ehemaligen Sowjetrepubliken des Südkaukasus nicht mehr nach dem Prinzip leben: „Der Feind Russlands ist mein Feind“ – oder zumindest, wie man sich das in Moskau wünschen würde: „nicht mein Gast“.

All das hat Putin selbst verschuldet. Als er die Entscheidung traf, die ukrainische Staatlichkeit zu zerstören, konnte er durchaus glauben, dass das Verschwinden der Ukraine von der politischen Landkarte der Welt die Eliten anderer ehemaliger Sowjetrepubliken lähmen und sie dazu bringen würde, der Wiederherstellung zumindest einer vollwertigen russischen Einflusssphäre zuzustimmen, wenn schon nicht eines neuen Unionsstaates. Herausgekommen ist jedoch genau das Gegenteil. Putin hat sich in einem langwierigen Krieg verstrickt, und Russlands Nachbarn haben verstanden, dass der Kreml nicht länger Herr der Lage ist.

Man kann nicht sagen, dass dies erst heute geschehen ist. Bereits im September 2022, nach dem Scheitern des Blitzkriegs und des Plans „Kyiv in drei Tagen“, konnte Putin sich auf dem Gipfel der Shanghai Cooperation Organisation in Samarkand wie ein Außenseiter fühlen. Die Staats- und Regierungschefs Zentralasiens, stets sensibel für Veränderungen der politischen Konjunktur, widmeten dem Vorsitzenden der Volksrepublik China Xi Jinping besondere Aufmerksamkeit, während Putin lediglich wie einer der Führer postsowjetischer Staaten wirkte, die gekommen waren, um dem chinesischen Staatschef ihre Ehrerbietung zu erweisen. Doch in Samarkand war zumindest Zelensky nicht anwesend.


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Titel des Originals: Армянский дрейф в сторону Запада. Колонка Виталия Портникова. 05.05.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 05.05.2026.
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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