
Die Reise von Volodymyr Zelensky nach Zypern zu einem informellen Gipfel der Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union war mit einem offensichtlichen Erfolg verbunden. Nachdem Viktor Orbán aufgehört hatte, die Entscheidung über die Bereitstellung von Geldern für die Ukraine für die nächsten zwei Jahre zu blockieren, konnte die EU ein Paket in Höhe von 90 Milliarden Euro vereinbaren.
Doch das ist ein sehr seltsamer Sieg. Denn die Entscheidung über dieses Paket war bereits auf dem vorherigen EU-Gipfel getroffen worden. Und Viktor Orbán war nicht dagegen. Der Kompromiss mit Ungarn sowie mit der Slowakei und Tschechien bestand darin, dass diese drei Länder sich finanziell nicht an dem Kredit beteiligen würden.
Dann jedoch folgte ein russischer Schlag gegen die Ölpipeline „Druzhba“ – und die Vorwürfe, dass die Ukraine mit der Reparatur nicht eile. Sowohl Orbán als auch der slowakische Ministerpräsident Robert Fico betonten, dass sie das Verfahren zur Gewährung des Kredits erst dann fortsetzen würden, wenn durch „Druzhba“ wieder russisches Öl fließe. Und interessant ist: Brüssel und Kyiv erfüllten die Forderung der ungarischen und slowakischen Regierungschefs, während Orbán und Fico keinerlei Zugeständnisse machten. In Brüssel wurde sogar vermutet, dass die Ukraine den Neustart von „Druzhba“ beschleunigte, um nicht bald mit einer neuen möglichen Blockade konfrontiert zu werden – diesmal durch den künftigen bulgarischen Ministerpräsidenten und ehemaligen Präsidenten Rumen Radev, der während seiner Amtszeit für seine prorussische Haltung bekannt war.
Und darin liegt eine gewisse Schizophrenie. Die Europäische Union stellt einerseits der Ukraine Dutzende Milliarden Dollar zur Verfügung, um das makroökonomische Gleichgewicht zu sichern. Und mit der Fortdauer des russisch-ukrainischen Krieges werden diese Ausgaben nur weiter steigen.
Andererseits ist Brüssel seit vier Jahren nicht in der Lage, etwas gegen den Wunsch der ungarischen und slowakischen Regierungen zu unternehmen, weiterhin russisches Öl zu kaufen. Und wesentliche Veränderungen sind hier nicht zu erwarten. Der Sieger der ungarischen Parlamentswahlen, Péter Magyar, betonte, er werde versuchen, die Ölversorgung zu diversifizieren – doch auf russische Rohstoffe will er ebenfalls nicht vorschnell verzichten.
Das bedeutet, dass die Europäer nicht nur den ukrainischen Widerstand gegen die russische Aggression finanzieren, sondern gleichzeitig Milliarden Dollar auch in eben diese Aggression stecken – denn wir alle verstehen, was Vladimir Putin mit den ungarischen und slowakischen „Öldollars“ macht. Er verwendet sie für den Krieg. Und das sind nicht einmal chinesische Yuan – Geld aus dem Westen ist für Putin tatsächlich entscheidend.
Eine ähnliche Schizophrenie beobachten wir derzeit in den Vereinigten Staaten. Washington setzt weiterhin den Waffenverkauf im Rahmen eines Programms fort, das europäische Käufe amerikanischer Waffen für die Ukraine vorsieht. Doch in den letzten Wochen hat das US-Finanzministerium bereits zweimal Lizenzen für den Verkauf russischen Öls aus Tankern auf See erteilt. Zwar erklärt der US-Finanzminister Scott Bessent, dass die Vereinigten Staaten diese Lizenz künftig nicht verlängern wollen. Doch auch vor der vorherigen Verlängerung hatte der Minister ähnliche Aussagen gemacht – und Russland erhielt dennoch die gewünschte Genehmigung. Eine Genehmigung, Dutzende Milliarden Dollar zur Auffüllung des Haushalts und zur Fortsetzung des Krieges zu erhalten. Und das, obwohl Donald Trump immer wieder betont, dass er an einem Ende des Krieges Russlands gegen die Ukraine interessiert sei. Doch je mehr Geld Russland hat, desto länger wird der Krieg andauern. Denn für Putin ist die Fähigkeit, Krieg zu führen, in erster Linie eine Frage der Ressourcen.
So beobachten wir weiterhin eine Tendenz, die mich seit Jahren immer wieder erstaunt. Der Westen hilft der Ukraine mit der einen Hand, sich gegen die Aggression zu verteidigen – und finanziert diese Aggression mit der anderen. Und angesichts der Entwicklungen im Nahen Osten sowie der Wahrscheinlichkeit einer Energiekrise kann man nicht sicher sein, dass sich diese Situation in naher Zukunft grundlegend ändern wird.
Das bedeutet, dass der Effekt der zwei Hände ein Bestandteil des westlichen Ansatzes im russisch-ukrainischen Krieg bleiben wird. Doch ich bin mir nicht einmal sicher, ob es sich nur um einen Effekt handelt. Manchmal scheint es mir, als sei es ein echtes Urteil – ein Urteil über den gesunden Menschenverstand.
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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Ефект двох рук. Виталий Портников. 29.04.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 29.04.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.