Der Krieg der Erinnerungen: Wem nützt der polnisch-ukrainische Geschichtsstreit? Oleh Cheslavskyi. 04.07.2026.

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Es gibt ein Spiel, das zwei Völker unendlich lange spielen können – und gewinnen wird dabei immer ein Dritter. Es ist das Spiel der Abrechnung. Wer wen zuerst, wer wen mehr, wessen Dörfer häufiger brannten und wessen Kinder tiefer begraben liegen. Die Regeln sind einfach: Du legst deine Toten auf den Tisch, ich lege meine darauf, und so geht es weiter, bis zwischen uns nichts mehr errichtet werden kann außer einer gemeinsamen Grube. Moskau kennt diese Regeln besser als wir beide, denn es hat sie selbst geschrieben.

Wie man uns beibrachte, richtig zu hassen

Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb Polen formal ein Staat, tatsächlich aber war es ein Gebiet unter totalitärer Kontrolle Moskaus – durch das Marionettenregime der Volksrepublik Polen und die Geheimdienste UB und SB, die bis in die letzte Dienststelle hinein vom NKWD und später vom KGB gelenkt wurden. Und diesem Apparat war eine ganz konkrete Aufgabe gestellt. Nicht nur, die Polen in Unterwerfung zu halten. Sondern auf Dauer jede mögliche Allianz der beiden unterdrückten Völker – der Ukrainer und der Polen – gegen ihren gemeinsamen Feind unmöglich zu machen, dessen Name russischer Imperialismus lautet.

Die Methode war in ihrer Einfachheit elegant. Die sowjetische Propaganda konstruierte eine schwarz-weiße Assoziationskette, in der jede kompromisslose nationale Befreiungsbewegung automatisch das Etikett erhielt: Faschismus, Banditentum, Massaker. Die tragischsten Seiten des polnisch-ukrainischen Krieges, vor allem Wolhynien, wurden aus dem Gesamtkontext des Kampfes um Staatlichkeit herausgerissen, übersteigert und zu einem grundlegenden emotionalen Trigger gemacht. Nicht zu einem Gegenstand der Forschung. Sondern zu einem Knopf.

Und dieser Knopf funktioniert bis heute. Die heutige scharfe Reaktion eines Teils der polnischen Gesellschaft schon auf das Wort „Banderowez“ ist zu einem großen Teil das Auslösen eines Reflexes, der von eben jenem Apparat eingeprägt wurde. Hier muss man bis zum Ende ehrlich sein, denn genau daran zeigt sich wahre Ehrlichkeit: Die Wolhynien-Tragödie ist keine Erfindung des KGB. Sie hat stattgefunden, sie ist dokumentiert, sie wurde vom polnischen Sejm anerkannt, und für das familiäre Gedächtnis der Polen ist sie eine offene Wunde und keine propagandistische Konstruktion. Das sowjetische System hat sie im Übrigen jahrzehntelang verschwiegen, weil ein Massaker zwischen „Brudervölkern“ das Bild der Völkerfreundschaft störte. Doch den Deutungsrahmen des Ukrainertums als solchem, die Optik, durch die ein Pole jede ukrainische Befreiungsbewegung betrachtet, schuf gerade die sowjetische Maschinerie. Und heute schafft Russland diese Wunde nicht. Es vertieft sie. Es genügt, ein Streichholz hinzuhalten.

Die Symmetrie, die man in Moskau nur ungern schwarz auf weiß sähe

Um die ukrainische Seite dieses Krieges ohne sowjetische Brille zu verstehen, muss man nicht mit dem Jahr 1943 beginnen, sondern mit 1918. In der Zwischenkriegszeit verübte die Zweite Polnische Republik eine bewaffnete Aggression gegen die Westukrainische Volksrepublik, besetzte die westukrainischen Gebiete und führte ein Regime der Zwangsassimilation ein. Die Osadnik-Politik, also die Kolonisierung ukrainischer Gebiete durch polnische Militärangehörige. Die Schließung ukrainischer Schulen. Die Zerstörung von Kirchen. Die „Pazifizierung“ – massenhafte Strafaktionen gegen die ukrainische Zivilbevölkerung. Den Ukrainern wurden systematisch alle legalen Instrumente genommen, ihre Rechte zu verteidigen –     und anschließend wunderte man sich, dass diese Verteidigung in die Illegalität abglitt.

Die Radikalisierung der OUN war eine direkte, symmetrische Antwort auf den staatlichen Terror und auf die hartnäckige Weigerung, den Ukrainern das Recht auf einen eigenen Staat zuzugestehen. Und hier drängt sich eine Analogie auf, vor der die polnische Geschichtsschreibung lieber die Augen verschließt. Das genaueste Gegenstück zu Bandera und der UPA im heutigen polnischen Geschichtsbewusstsein sind die „Verfemten Soldaten“ (Żołnierze wyklęci). Szendzielarz „Łupaszko“, Kuraś „Ogień“. Polen heroisiert sie wegen ihres kompromisslosen Kampfes gegen die sowjetische und die nationalsozialistische Besatzung, wegen der Verteidigung der polnischen Staatlichkeit, und blendet dabei ihre Methoden und Verbrechen an der ukrainischen, litauischen, slowakischen und jüdischen Zivilbevölkerung leicht aus. Der doppelte Maßstab gegenüber der UPA ist eine unmittelbare Folge der Bewahrung eben jener sowjetischen Sichtweise – allerdings dort, wo es um den fremden Befreiungskampf gegen polnische Herrschaft geht.

Und nun zu den konkreten Fakten. Nicht, um eine Rechnung zu präsentieren. Sondern um zu zeigen, dass diese Rechnung, falls wir sie präsentieren wollten, keineswegs leer wäre. Wir haben unser eigenes umgekehrtes Pantheon. Nur haben wir es nicht auf ein Podest gestellt, sondern in eine Schublade gelegt. Hier sind vier Namen daraus.

Romuald Rajs, „Bury“

Kommandeur einer Einheit der Nationalen Militärischen Vereinigung (NZW). Januar–Februar 1946, Podlachien. Das Kriterium für die Auswahl der Opfer war primitiv und bedurfte keiner Untersuchung: orthodoxer Glaube und eine nichtpolnische Sprache.

Bei den Strafaktionen wurden 79 orthodoxe belarussische und ukrainische Zivilisten getötet. Die Dörfer Zanie, Szpaki und Zaleszany wurden vollständig niedergebrannt. Wehrlose Menschen, darunter Frauen und Kinder, wurden in ihre Häuser getrieben, eingeschlossen und bei lebendigem Leib verbrannt. Fuhrleute wurden erschossen, weil sie ein Gebet nicht auf Polnisch aufsagen konnten.

1995 rehabilitierte ein polnisches Gericht „Bury“ offiziell und subsumierte die Massenmorde an Zivilisten unter den Begriff des „rechtfertigenden Notstands“ und des „Kampfes für die Unabhängigkeit“. Später erkannte sogar das polnische Institut für Nationales Gedenken unter dem Druck der Beweise an, dass die Taten der Einheit Merkmale eines Verbrechens mit Elementen des Völkermords aufweisen. Das änderte jedoch nichts. Rechtsextreme veranstalten bis heute jedes Jahr Märsche zu seinen Ehren.

Zenon Jachymek, „Wiktor“

Kommandeur des Verbands der Heimatarmee (Armia Krajowa) im Kreis Hrubieszów. Gemeinsam mit Stanisław Basaj, „Ryś“, leitete er im Frühjahr 1944 unmittelbar die Strafaktionen im Cholmer Land. Die Befehle zur Vernichtung ukrainischer Zentren zusammen mit der Zivilbevölkerung wurden bewusst erteilt.

Die ukrainischen Dörfer Sahryń, Miątkie, Sachończyce und andere wurden zu Asche. Hunderte friedliche Einwohner – Frauen, Kinder und alte Menschen – kamen ums Leben.

Im offiziellen polnischen Geschichtsgedächtnis ist Jachymek keine problematische Figur, sondern ein unbestrittener Held des Untergrunds. Er wurde mit den höchsten militärischen Auszeichnungen geehrt, darunter dem Orden Virtuti Militari. Die Geschichtsschreibung neigt bis heute dazu, ihn zu romantisieren und die Morde mit „militärischer Notwendigkeit“ und der „Liquidierung von UPA-Stützpunkten“ zu rechtfertigen.

Stanisław Basaj, „Ryś“

Kommandeur eines Bataillons der Bauernbataillone (Bataliony Chłopskie, BCh) im Cholmer Land. Seine Einheit führte die sogenannten „Vergeltungsaktionen“ mit besonderer Gründlichkeit durch. Sahryń und die benachbarten ukrainischen Dörfer Szychowice und Lasków gehören zu den blutigsten Kapiteln der Geschichte des Cholmer Landes.

An nur einem Tag töteten polnische Partisanen zwischen 800 und 1200 ukrainische Zivilisten. Die Dörfer wurden gezielt niedergebrannt; die Opfer waren überwiegend Frauen, Kinder und ältere Menschen, die mit bewaffneten Formationen nichts zu tun hatten.

Im heutigen nationalistischen Narrativ gilt Basaj als Symbol eines furchtlosen Verteidigers polnischer Dörfer. Straßen tragen seinen Namen, ihm werden Denkmäler und Gedenktafeln gewidmet. Die tausend Ermordeten werden entweder verschwiegen oder als „Präventivschläge“ gerechtfertigt.

Józef Bis, „Wacław“

Kommandeur der OP-26-Gruppe der Heimatarmee. März 1945, das ukrainische Dorf Pawłokoma. Die Logik des Massakers war einfach und total: Die einheimischen Polen wurden ausgesondert und freigelassen, die Ukrainer zur Vernichtung bestimmt.

366 Ukrainer wurden erschossen und in Gruben geworfen. Unter den Ermordeten waren alte Menschen, Frauen, Kinder und Säuglinge.

Jahrzehntelang stilisierte die polnische Geschichtsschreibung „Wacław“ zum Helden des antikommunistischen Untergrunds und klammerte Pawłokoma aus seiner Biografie aus. Erst in den 2000er Jahren wurde unter dem Druck der Fakten und der Aussagen der Überlebenden die Wahrheit öffentlich. Für einen Teil der Radikalen ist Bis bis heute ein „Verteidiger“.

Und nun das Wichtigste. Die Leere auf der anderen Seite

Ich könnte diese Liste fortsetzen. Sie endet nicht bei vier Namen. Und genau darin liegt der Kern.

Schauen Sie sich an, womit die polnische Seite das Thema Wolhynien auflädt. Mit einer Resolution des Sejm zum Völkermord. Mit einem eigenen Gedenktag. Mit dem Institut für Nationales Gedenken und seinem Gewicht. Mit Exhumierungen als Voraussetzung für die bilateralen Beziehungen. Mit diplomatischen Noten. Das ist staatliche Leidenschaft, multipliziert mit politischen Ressourcen und verstärkt durch Wahlkämpfe.

Und schauen Sie nun, was auf unserer Seite denselben Namen derselben Dörfer gegenübersteht. Sahryń. Pawłokoma. Podlachien. Dieselben niedergebrannten Häuser, dieselben Gruben, dieselben Frauen und Kinder – nur unter einer anderen Überschrift. Wo ist der ukrainische Gedenktag für Sahryń? Wo ist die ukrainische Resolution zum Völkermord im Cholmer Land? Wo sind die diplomatischen Noten, die Vorbedingungen, die jährlichen staatlichen Gedenkfeiern, die Straßen, die nach unseren Toten benannt sind, und die Wahlkampagnen, die auf ihren Gebeinen errichtet wurden?

Es gibt sie nicht. Und das nicht, weil wir nichts davon wüssten. Das Material, das Sie gerade gelesen haben, liegt bereit. Die Zahlen sind dokumentiert, die Namen der Täter bekannt, die Dörfer auf der Karte verzeichnet. Wir könnten morgen eine spiegelbildliche Kampagne beginnen, und sie wäre nicht schwächer als die polnische, in mancher Hinsicht sogar überzeugender, weil ein Teil dieser Verbrechen sogar vom polnischen Institut für Nationales Gedenken anerkannt wurde.

Wir tun es nicht. Kein einziges Mal hat die Ukraine während ihrer gesamten Unabhängigkeit daraus Staatspolitik gemacht.

Warum wir es nicht tun. Und warum das keine Schwäche, sondern Reife ist

Hier kann man leicht ausrutschen und sagen: weil wir edler sind. Das wäre eine Lüge und eine Falle – nur eine weitere Abrechnung, diesmal moralischer Art. Darum geht es nicht.

Es geht um Erfahrung. Wir haben etwas durchlebt, was Polen trotz seiner gesamten Erinnerung in diesem Ausmaß nicht erlebt hat: die direkte, umfassende Konfrontation mit einem Imperium, das kommt, um dich allein deshalb zu töten, weil du getrennt von ihm existierst. Und diese Erfahrung hat etwas gelehrt. Vor allem das Wichtigste: den wirklichen Feind vom aufgezwungenen Feind zu unterscheiden. Die Hand zu erkennen, die gegeneinander aufhetzt, und nicht nur die Axt zu sehen, mit der die Aufgehetzten einander erschlagen.

Ein Volk, das täglich mit Blut für seine Unabhängigkeit bezahlt, hört sehr schnell auf, den Nachbarn mit dem Besatzer zu verwechseln. Politisch sind wir nicht in Amtsstuben erwachsen geworden, sondern unter Beschuss. Und aus dieser Reife heraus erkennt man, was man vom Wahltisch in Warschau aus nicht sieht: Der Brudermord der Jahre 1943 bis 1947 ist keine Geschichte darüber, dass die Polen Henker und die Ukrainer Engel waren oder umgekehrt. Es ist die Geschichte einer Peripherie, in der der Zusammenbruch von Imperien und das kalte Kalkül Berlins und Moskaus ein Vakuum schufen, in dem zwei unterdrückte Völker, beide ohne eigenen Staat, einander abschlachteten – zur Freude jener, die dieses Vakuum geschaffen hatten.

Deshalb bleibt die Schublade geschlossen. Nicht, weil sie leer wäre. Sondern weil wir verstanden haben, wem es nützt, wenn sie geöffnet wird.

Die Frage, die auf dem Tisch bleibt

Also, Polen – die Frage richtet sich nicht persönlich an euch und auch nicht danach, wessen Helden reiner sind. Es ist eine gemeinsame und einfache Frage.

Wollen wir wirklich Krieg mit der Geschichte führen? Denn wenn wir das wollen, dann wisst: Wir haben ebenfalls etwas vorzulegen. Die Liste ist fertig, die Dörfer sind markiert, die Täter benannt. Wir können unsere Toten als Antwort auf eure Toten auf den Tisch legen – und das Spiel wird nach euren Regeln beginnen und so lange dauern, bis zwischen uns nichts mehr bleibt als eine gemeinsame Grube.

Und über dieser Grube wird sich derselbe zufrieden die Hände reiben, der sich seit acht Jahrhunderten von unseren Streitigkeiten ernährt. Derselbe, der 1944 eure Dörfer durch fremde Hände niederbrennen ließ – und unsere ebenso durch fremde Hände. Derselbe, der die Regeln dieses Spiels geschrieben hat und geduldig darauf wartet, dass wir uns wieder an den Tisch setzen.

Wir setzen diese Runde aus. Nicht, weil wir keine Karten hätten. Sondern weil wir wissen, wer die Bank hält.

Anlagen:

📜 Wenn höchste staatliche Auszeichnungen Verbrechen gegen die Menschlichkeit in den Schatten stellen, wird das historische Gedächtnis zu einem gefährlichen Instrument der Manipulation und selektiven Blindheit.

👤 Zenon Jachymek (Deckname „Wiktor“) – Kommandeur des Verbands der Heimatarmee (Armia Krajowa, AK) im Kreis Hrubieszów.

◼️ Der blutige März 1944: Sahryń, Miątkie, Sachończyce

Gemeinsam mit Stanisław Basaj („Ryś“) war Jachymek unmittelbarer Leiter und Organisator groß angelegter Strafaktionen im Cholmer Land. Unter seinem Kommando wurden bewusst Befehle zur vollständigen Vernichtung ukrainischer Ortschaften samt ihrer Zivilbevölkerung erteilt.

Infolge dieser planmäßig durchgeführten Angriffe wurden die ukrainischen Dörfer Sahryń, Miątkie, Sachończyce und weitere in Schutt und Asche gelegt. Hunderte friedliche Einwohner – Frauen, Kinder und alte Menschen – fielen einer umfassenden Vernichtung zum Opfer.

🏛 Orden statt Verantwortung

In der offiziellen polnischen Geschichtsschreibung und im nationalen Gedächtnis wird Zenon Jachymek als unbestrittener Held des antikommunistischen Untergrunds geehrt. Er wurde mit den höchsten militärischen Auszeichnungen Polens geehrt, darunter mit dem Orden Virtuti Militari (dem höchsten polnischen Militärorden für Tapferkeit vor dem Feind).

Doch hinter dem Glanz dieser Auszeichnungen verbirgt sich die blutige Spur ethnischer Säuberungen. Die offizielle Geschichtsschreibung neigt bis heute dazu, seine Person zu romantisieren und die Massenmorde an Ukrainern mit „militärischer Notwendigkeit“ und der „Liquidierung von UPA-Stützpunkten“ zu rechtfertigen, wobei die gezielte Vernichtung der Zivilbevölkerung vollständig ausgeblendet wird.

⚠️ Keine militärischen Dienstgrade, Orden oder Verdienste um den eigenen Staat können die Verantwortung für Kriegsverbrechen und Gewalt gegen wehrlose Menschen aufheben.

🕯 Das Gedenken an die zerstörten ukrainischen Dörfer des Cholmer Landes verlangt eine ehrliche Auseinandersetzung ohne doppelte Maßstäbe. Historische Wahrheit ist mit der Heroisierung jener unvereinbar, die Befehle zur Tötung von Zivilisten erteilten.

📜 Wenn das staatliche Pantheon seine Tore für jene öffnet, deren Hände bis zu den Ellbogen im Blut Unschuldiger stecken, ist das nicht nur eine Herausforderung für die historische Gerechtigkeit, sondern auch für die elementare Menschlichkeit.

👤 Romuald Rajs (Deckname „Bury“) – Kommandeur einer Einheit der Nationalen Militärischen Vereinigung (NZW).

◼️ Strafaktionen in Podlachien (Januar–Februar 1946)

Die Einheit „Bury“ führte eine Reihe brutaler Massaker an der Zivilbevölkerung Podlachiens durch. Das Auswahlkriterium für die Opfer war ebenso schlicht wie erbarmungslos: orthodoxes Glaubensbekenntnis und Sprache.

Im Zuge dieser Strafaktionen wurden 79 orthodoxe belarussische und ukrainische Zivilisten ermordet. Die Dörfer Zanie, Szpaki und Zaleszany wurden vollständig niedergebrannt. Besonders zynisch und grausam war, dass wehrlose Menschen, darunter Frauen und Kinder, in Häuser getrieben, eingeschlossen und bei lebendigem Leib verbrannt wurden. Fuhrleute wurden allein deshalb erschossen, weil sie ein Gebet nicht auf Polnisch aufsagen konnten.

🏛 Rehabilitierung des Verbrechens und Märsche zu Ehren des Henkers

Im heutigen Polen gehört Rajs zu den umstrittensten und tragischsten Figuren im Zusammenhang mit der Ehrung der „Verfemten Soldaten“ (Żołnierze Wyklęci).

1995 rehabilitierte ein polnisches Gericht „Bury“ offiziell und rechtfertigte die Massenmorde an Zivilisten mit der absurden Begründung eines „rechtfertigenden Notstands“ und des „Kampfes für die Unabhängigkeit“.

Obwohl später sogar das polnische Institut für Nationales Gedenken (IPN) unter dem Druck unwiderlegbarer Beweise anerkennen musste, dass die Taten der Einheit Rajs Merkmale eines Verbrechens mit Elementen des Völkermords aufweisen, hielt dies die Heroisierung nicht auf. Bis heute veranstalten rechtsextreme und radikale Gruppen in Polen jährlich Märsche zu seinen Ehren und erheben den Mörder friedlicher Dorfbewohner zum Nationalhelden.

⚠️ Keine Verdienste im antikommunistischen Untergrund können ethnische Säuberungen, das Verbrennen von Menschen bei lebendigem Leib und den gezielten Terror gegen die Zivilbevölkerung aufgrund ihrer Sprache oder Religion rechtfertigen.

🕯 Das Gedenken an die Opfer Podlachiens ist ein schmerzliches Zeugnis dafür, wohin selektive Blindheit einer Gesellschaft und politisch motivierte Versuche führen, Kriegsverbrechen im Namen eines nationalen Mythos reinzuwaschen.

📜 Wenn Geschichte ausschließlich durch das Prisma eines nationalen Mythos geschrieben wird, versucht man Kriegsverbrechen und Massenmorde oft hinter dem bequemen Schleier einer „Verteidigungsnotwendigkeit“ zu verbergen.

👤 Stanisław Basaj (Deckname „Ryś“) – Kommandeur eines Bataillons der Bauernbataillone (Bataliony Chłopskie, BCh) im Cholmer Land.

◼️ Die Vernichtung von Sahryń und der umliegenden Dörfer (März 1944)

Die Einheit „Ryś“ zeichnete sich bei den sogenannten „Vergeltungsaktionen“ durch besondere Grausamkeit aus. Die Tragödie von Sahryń sowie der benachbarten ukrainischen Dörfer Szychowice und Lasków gehört zu den blutigsten und tragischsten Kapiteln der Geschichte des Cholmer Landes.

An nur einem Tag töteten polnische Partisanen zwischen 800 und 1200 ukrainische Zivilisten. Die Dörfer wurden gezielt bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Opfer des Massakers waren vor allem Frauen, Kinder und ältere Menschen, die keinerlei Verbindung zu bewaffneten Formationen hatten.

🏛 Heroisierung statt Reue

Im heutigen polnischen Geschichtsbewusstsein und im nationalistischen Narrativ wird Stanisław Basaj weiterhin als Symbol eines furchtlosen „Verteidigers polnischer Dörfer“ dargestellt. Straßen tragen seinen Namen, ihm werden Denkmäler und Gedenktafeln gewidmet.

Gleichzeitig wird die vollständige Vernichtung ukrainischer Dörfer und die Ermordung von rund tausend friedlichen Menschen entweder ignoriert oder zynisch mit „Präventivschlägen“ und „militärischer Zweckmäßigkeit“ gerechtfertigt.

⚠️ Weder militärische Umstände noch politische Motive können ethnische Säuberungen und die gezielte Vernichtung der Zivilbevölkerung rechtfertigen.

🕯 Das Gedenken an die Opfer von Sahryń ist eine schmerzliche Mahnung, dass selektive Blindheit gegenüber der eigenen Vergangenheit und die Heroisierung von Personen, die für Kriegsverbrechen verantwortlich sind, lediglich die Unwahrheit konservieren und die Grundlagen historischer Gerechtigkeit zerstören.

📜 Geschichte darf weder bequem noch selektiv sein.

Es geht um eine Persönlichkeit, die für die einen noch immer auf ein Podest gehoben wird, für die anderen jedoch ein Symbol des erbarmungslosen Massenmordes an der Zivilbevölkerung ist.

👤 Józef Bis (Deckname „Wacław“) – Kommandeur der OP-26-Gruppe der Heimatarmee (Armia Krajowa, AK).

◼️ Die Tragödie von Pawłokoma (März 1945)

Unter dem Kommando von Józef Bis nahm eine Einheit der Heimatarmee das ukrainische Dorf Pawłokoma ein. Die Logik des Massakers war blutig und total: Die einheimischen Polen wurden ausgesondert und freigelassen, die Ukrainer hingegen zur Vernichtung bestimmt.

Im Zuge dieser Strafaktion wurden 366 Ukrainer erschossen und in Gruben geworfen. Unter den Ermordeten befanden sich alte Menschen, Frauen, Kinder und sogar Säuglinge.

🏛 Die Blindheit der Geschichtsschreibung und doppelte Maßstäbe

Jahrzehntelang stilisierte die offizielle polnische Geschichtsschreibung „Wacław“ zum Helden des antikommunistischen Untergrunds. Das Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Pawłokoma wurde entweder verschwiegen oder bewusst aus seiner Biografie ausgeklammert.

Erst in den 2000er Jahren wurde die Wahrheit über das Massaker dank des Drucks unwiderlegbarer Fakten, der Aussagen der Überlebenden und der gemeinsamen Arbeit von Historikern öffentlich bekannt.

⚠️ Dennoch gilt Bis bis heute für einen Teil der radikalen Nationalisten als „Verteidiger“, während die Vernichtung Hunderter unschuldiger Menschen verschwiegen oder zynisch mit den „Realitäten jener Zeit“ gerechtfertigt wird.

🕯 Das Gedenken an die Opfer von Pawłokoma erinnert daran: Kriegsverbrechen und Gewalt gegen die Zivilbevölkerung verjähren nicht und können durch keine Flaggen und keine Parolen gerechtfertigt werden. Wahrer Respekt vor der Geschichte beginnt mit der Bereitschaft, selbst die bitterste Wahrheit anzuerkennen.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Social Media

Autor: Oleh Cheslavskyi
Veröffentlichung / Entstehung: 04.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Auf der Suche nach der verlorenen Zeit oder Die erstaunlichen Abenteuer des Zuges „Piłsudski–Petljura“. Taras Rad. 04.07.2026.

У пошуках втраченого часу або Дивовижні пригоди потяга „Пілсудський – Петлюра“. Taras Rad. 04.07.2026.

Mit Erstaunen beobachte ich, wie Ukrainer in der Ukraine begonnen haben, Probleme in den ukrainisch-polnischen Beziehungen wahrzunehmen, wie die Zahl der Polen-Experten gewachsen ist und wie immer mehr Experten vor allem zur Versöhnung beider Seiten aufrufen, weil Russland davon profitiere.

Ich habe eine Frage: Wo wart ihr alle vor zehn Jahren? Im Jahr 2016, als auf dem Gebiet Polens 16 ukrainische Grabstätten zerstört und geschändet wurden, die bis heute nicht wiederhergestellt sind. Keine einzige. Und sie werden auch nicht wiederhergestellt werden, denn schon damals wurde klar, dass die polnische Regierung Kurs auf die Kriminalisierung und Dämonisierung der ukrainischen Befreiungsbewegung genommen hatte und dass die historische Vergangenheit von nun an zu einem integralen Bestandteil der offiziellen Staatspolitik Polens wurde, die vorsieht, alle Fragen der internationalen Beziehungen von der Interpretation der Geschichte abhängig zu machen. Seitdem hat die Ukraine, wie immer, einseitige Zugeständnisse gegenüber Polen gemacht und hat Exhumierungen von Grabstätten auf dem Gebiet der Ukraine wieder aufgenommen, während Polen absolut nichts zur Wiederherstellung ukrainischer Grabstätten unternommen hat, nicht einmal jener einen auf dem Grab in Monastyr, deren Wiederherstellung der damalige polnische Präsident Andrzej Duda persönlich offiziell versprochen hatte.

Wo wart ihr im Jahr 2016, als der polnische Sejm einstimmig eine Resolution „über die Anerkennung des Genozids („ludobójstwo“), begangen von ukrainischen Nationalisten an Bürgern der Zweiten Polnischen Republik in den Jahren 1943–45“, verabschiedete und der 11. Juli als Gedenktag für die Opfer der Wolhynien-Tragödie eingeführt wurde? Damals, als das fiktive Konzept eines „Genozids“ in Wolhynien erfunden und gesetzlich verankert wurde, als das Bild einer leidenden und viktimisierten polnischen Gesellschaft geformt wurde und die ukrainische Befreiungsbewegung diffamiert und dämonisiert wurde. Als bereits damals klar festgestellt wurde, dass die Heimatarmee und die Ukrainische Aufstandsarmee auf keinen Fall miteinander verglichen werden dürften.

Wo wart ihr, als in Polen auf staatlicher Ebene ein antiukrainischer Kult des „Wolhynien-Wahns“ zu entstehen begann, nach dem Muster des offiziellen Kults des „Siegeswahns“, der in Russland herrschte? Als Geschichte und historische Mythen zu einem Mittel wurden, alle inneren Probleme zu rechtfertigen, die eigene Außenpolitik gegenüber den Nachbarn expansiv auszuweiten, ihnen den eigenen politischen Willen aufzuzwingen und dies mit nationalen Interessen und historischer Gerechtigkeit zu begründen.

Wo wart ihr, als die polnische Regierung 2017 in Person des Innenministers Mariusz Błaszczak erstmals und für immer die Finanzierung von Gedenkveranstaltungen für die Opfer der Aktion „Weichsel“ einstellte und dies mit dem „Fehlen symmetrischer Maßnahmen in historischen Fragen, nämlich einer angemessenen Ehrung der Opfer der Wolhynien-Tragödie“ begründete? Ich erinnere daran, dass die Aktion „Weichsel“ eine ethnische Säuberung war – ebenso wie die Ereignisse der Wolhynien-Tragödie. Sie wurde 1947 von der polnischen kommunistischen Regierung mit dem Ziel der „endgültigen Lösung der ukrainischen Frage in Polen“ durchgeführt.

Wo wart ihr, als 2017 der graue Kardinal der polnischen Politik und Vorsitzende der damals regierenden Partei „Recht und Gerechtigkeit“, Jarosław Kaczyński, erstmals erklärte: „Mit Bandera wird die Ukraine niemals der Europäischen Union beitreten“? In der Folge wurde diese These wiederholt von anderen Vertretern des rechten konservativen Lagers in Polen aufgegriffen. Damals wurde nicht nur die Dämonisierung des „Bandera-Kults“ Teil des gesamtpolnischen politischen Diskurses, unabhängig vom ideologischen Spektrum der polnischen Politik, sondern auch die Illusion einer strategischen Partnerschaft zwischen der Ukraine und Polen verwandelte sich in ein Modell strategischer Konkurrenz.

Wo wart ihr, als der damalige polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki 2018 die Gebiete der Westukraine als sogenannte „Ostkleinpolen“ bezeichnete, wie diese Gebiete in der Polnischen Republik offiziell genannt wurden? Nach ihm wiederholten andere polnische Politiker diese koloniale Form des Kresy-Ressentiments mehrfach. Eines Ressentiments des polnischen Imperialismus, das eine analoge Form des russischen imperialen Imperialismus über die sogenannte „Noworossija“ und Erzählungen über den besonderen Platz der sogenannten „östlichen Kresy“ in der Geschichte Polens reproduziert.

Wo wart ihr, als der damalige Woiwode der Woiwodschaft Lublin, spätere Minister für Bildung und Wissenschaft Polens und heutige von der Oppositionspartei „Recht und Gerechtigkeit“ nominierte Kandidat für das Amt des künftigen polnischen Ministerpräsidenten, Przemysław Czarnek, 2018 ein Strafverfahren gegen den Historiker und Vorsitzenden der Ukrainischen Gesellschaft in Lublin, Hryhorij Kuprijanowytsch, eröffnete und dieser systematischem Mobbing ausgesetzt wurde, weil er am Ort eines Massengrabes von Ukrainern in Sahryń, die vom polnischen Untergrund getötet worden waren, eine Rede gehalten hatte? Das kostete Kuprijanowytsch anderthalb Jahre gerichtlichen Ärger, die Entlassung aus dem Polnischen Institut für Nationales Gedenken, ruinierte Gesundheit und wurde zugleich zu einer Lektion für alle polnischen Historiker, die sich für die akademische Freiheit bekennen und sich nicht an die offizielle Linie des Staates halten.

Wo wart ihr, als in Polen politische Mythen die evidenzbasierte und verifizierte Geschichtswissenschaft im Namen politischer Zweckmäßigkeit, der Instrumentalisierung des Machtkampfes, der Spaltung und Atomisierung der polnischen Gesellschaft verdrängten und schließlich ersetzten? Als in Polen infolge gesetzlicher Änderungen über strafrechtliche Sanktionen für die Leugnung der Verbrechen der Wolhynien-Tragödie professionelle polnische Historiker, die die offizielle Geschichtssicht nicht teilen, sich immer weniger mit dem Problem der schwierigen Seiten der polnisch-ukrainischen Vergangenheit zu beschäftigen begannen, bis schließlich nur noch jene offiziellen „Troubadoure des Imperiums“ übrigblieben, die die offizielle Version der Ereignisse der Wolhynien-Tragödie und anderer schwieriger Seiten der polnischen Geschichte des 20. Jahrhunderts reproduzieren.

Wo wart ihr, als sich im politischen System Polens ein System des „Duopols“ herausbildete – die Aufteilung der Politik und der Gesellschaft in zwei antagonistische und unversöhnliche politische Lager zwischen den Rechtskonservativen unter Führung von „Recht und Gerechtigkeit“ und seit 2023 zusammen mit der Partei „Konföderation“ sowie den liberal-linkszentristischen Kräften unter Führung der „Bürgerplattform“? Als dieses bipolare politische System die Ukraine zur Geisel seiner innenpolitischen Prozesse in Polen machte, besonders der Wahlen, und ein bequemes und zuverlässiges Modell wählte, jede „ukrainische Frage“ als Mittel zur Erpressung der Ukraine bei jeder Gelegenheit zu nutzen, wenn dies mit den nationalen Interessen Polens gerechtfertigt werden konnte, und der Ukraine alles Mögliche vorzuwerfen, um das eigene politische Rating zu retten. Irgendwann führte dieses Modell politischen Parasitierens dazu, dass sich in der polnischen Politik und Gesellschaft ein Konsens zu einzelnen Fragen herausbildete, insbesondere zur Wolhynien-Tragödie oder zur Mitgliedschaft der Ukraine in der EU, die die überwiegende Mehrheit der polnischen Gesellschaft unabhängig von politischen Sympathien vereinen.

Wo wart ihr, als 2023 die polnische Regierung und der überwiegende Teil der polnischen Gesellschaft die Blockade des Transits ukrainischen Getreides und dessen Ausschüttung an der polnisch-ukrainischen Grenze billigten, begründet mit dem Schutz polnischer Landwirte, was in Wirklichkeit durch Angst vor Konkurrenz und durch die Bedrohung des Status der polnischen Landwirtschaft in der EU bedingt war und ein Ausdruck von Überheblichkeit und der Vorteile der EU-Mitgliedschaft gegenüber der unbequemen Idee einer gleichberechtigten Partnerschaft wurde? Ein Ausdruck genau derselben Merkmale und Ansätze in den bilateralen Wirtschaftsbeziehungen, die Polen bis dahin im Bereich der historischen Vergangenheit demonstriert und durchgesetzt hatte. Damals war offensichtlich, dass Geschichte und die Wolhynien-Tragödie nur ein bequemer Anlass und ein Versuchsfeld für Polen werden würden, um eine Politik des nationalen Egoismus, Narzissmus und Protektionismus einzuüben.

Und all das war noch vor dem Auftreten der extrem rechten, euroskeptischen und xenophoben Partei „Konföderation“, von der sich später die „Konföderation der Polnischen Krone“ abspaltete, die 2019 gegründet wurde. 2023 erhielt sie mehr als 7 Prozent der Stimmen und 18 Abgeordnetenmandate, bei den Präsidentschaftswahlen 25 Prozent der Stimmen, die dem nominellen Kandidaten der PiS, Karol Nawrocki, im zweiten Wahlgang zum Sieg verhalfen. Er plant, bei den nächsten Parlamentswahlen im Oktober 2027 den gesamten rechten Block in einer Koalition aus „Konföderation“ und einem Teil von „Recht und Gerechtigkeit“ anzuführen. Heute hat die antiukrainische Politik, die sie seit 2025 vertreten, große Chancen, Teil der künftigen offiziellen Politik Polens zu werden, und genau damit hängt die neue Eskalationsstufe der polnisch-ukrainischen Beziehungen zusammen.

Ich beobachte, wie man in der Ukraine massenhaft begann, an das Erbe von Jerzy Giedroyc, Jacek Kuroń, Józef Łobodowski, Jerzy Stempowski, Juliusz Mieroszewski, Stanisław Vincenz, Czesław Miłosz und Karol Wojtyła zu erinnern. Ich lese sowohl die „Kultura“ als auch ihre hervorragenden Arbeiten sehr gern und schlage allen vor, sich damit vertraut zu machen. Doch dies ist die Vorstellung von einem alternativen Polen, das immer wieder Opfer seines eigenen Egoismus, Narzissmus und Messianismus wird. Bis Mitte der 2000er-Jahre diente diese Sichtweise als Wegweiser, solange Polen auf die Mitgliedschaft in der Europäischen Union zusteuerte. Doch seit inzwischen 15 Jahren sind diese Ansichten in Polen selbst kein politischer Mainstream mehr und sind an den Rand der polnischen liberalen Intellektuellen gerückt, die sich immer stärker in die innere Emigration begeben. Das ähnelt immer mehr dem klugen Ruf eines Einsiedlers in der Wüste, an den ukrainische Intellektuelle und die überwiegende Mehrheit derjenigen in der Ukraine, die zur polnisch-ukrainischen Versöhnung aufrufen, naiv anzuknüpfen versuchen. Wo wart ihr im Jahr 2015, als dieser Zug vom Bahnhof „Bündnis Piłsudski und Petljura“ abfuhr, über die Stationen „Erster polnisch-ukrainischer Krieg“ und „Vertrag von Riga“ fuhr und an der Station „Polnische Republik“ ankam? Doch Polen und Ukrainer kamen in unterschiedlichen Waggons an unterschiedlichen Endstationen an: die Ukrainer in Waggons für militärische Internierte in Lager auf dem Gebiet des wiederhergestellten polnischen Staates. Alles, wozu Piłsudski fähig war, war, den Ukrainern zu sagen: „Entschuldigen Sie, meine Herren, es tut mir sehr leid, das hätte nicht geschehen dürfen.“ Danach gehen unsere Wege auseinander. 

Diejenigen, die heute in der Ukraine massenhaft zur Versöhnung zwischen der Ukraine und Polen um jeden Preis aufrufen, erinnern mich vor allem an Passagiere, die den Zug verpasst haben, der aus dem revolutionären Kyiv der Zeit der Ukrainischen Volksrepublik abfuhr und im Nachkrieg-Lwiw der Zeit der Polnischen Republik ankam. Sie wissen noch nicht, dass sie auf der Flucht vor der russischen bolschewistischen Besatzung und Repression in polnischer Besatzung landen, Diskriminierung erfahren und Bürger zweiter Klasse sein werden. Was dort in den folgenden 20 Jahren geschah, hatte wenig mit polnisch-ukrainischer Freundschaft zu tun und legte Krümel für Krümel die Grundlagen für die künftige polnisch-ukrainische Konfrontation in den Jahren des Zweiten Weltkriegs, darunter auch die Wolhynien-Tragödie.

Gerade in dieser Zeit, als die Sozialisten Piłsudskis, die Nationaldemokraten Dmowskis und die „Bauern“ Witos’ miteinander um die Macht kämpften, was ideologisch dem heutigen Konflikt in der polnischen Politik sehr nahekommt, begannen Łobodowski, Giedroyc, Stempowski, Mieroszewski und Vincenz ihren beruflichen Weg, und ihre Ansichten zur Suche nach ukrainisch-polnischer Verständigung formten sich. Aber wie die Geschichte gezeigt hat, musste eine Tragödie geschehen, damit sie gehört wurden – und danach eine Niederlage Polens.

Ich liebe auch ihre Parolen sehr: „Für unsere und eure Freiheit“, „Ohne freie Ukraine gibt es kein freies Polen“, „Zum Wohl des künftigen Polens müssen die Polen anerkennen, dass Vilnius litauisch und Lwiw eine ukrainische Stadt ist“ und so weiter. Doch sie funktionieren nicht von selbst. Dafür braucht es einen politischen Kontext und die Bereitschaft beider Seiten zur Versöhnung. Zum Tango gehören zwei! Sie hatten praktischen Sinn in dem Moment, als sowohl Polen als auch Ukrainer unter denselben Bedingungen der Besatzung und Unterdrückung standen und für die Wiederherstellung der Unabhängigkeit kämpften. Doch einige Zeit nach dem Erreichen der Ziele verloren sie ihren Sinn und rückten in den Rang von Selbstsuggestion und magischen Beschwörungen für Naive. So war es in den Jahren des Ersten Weltkriegs, des Zweiten Weltkriegs und, wie im Moment der gemeinsamen Geschichte klar ist: Sobald Polen auf die Beine kam, erinnerte es sich sofort an sein „goldenes Zeitalter“ und raste mit voller Kraft zur Endstation „Rzeczpospolita“ unter der Parole „Gott, Ehre, Vaterland“, im Transit vorbei an der Station „Ukraine“.

Um ernsthaft und nicht deklarativ über Versöhnung zu sprechen, ist ein Bewusstsein beider Seiten für eine gemeinsame Bedrohung notwendig, das es in Polen leider derzeit nicht gibt. Stattdessen funktioniert die Logik des gegenseitigen Nutzens nicht, denn genau sie trennt, erzeugt Konkurrenz und bedingt die Angst Polens vor dem Verlust der nicht konkurrenzfähigen Vorteile Polens als EU-Mitglied gegenüber der Ukraine, die EU-Mitglied werden will. Trotz vernünftiger Erklärungen, dass eine Eskalation der Beziehungen zwischen Warschau und Kyiv Moskau in die Hände spielt, fürchtet die überwiegende Mehrheit der polnischen Gesellschaft in Wirklichkeit die Ukraine mehr als Russland. Vielleicht fürchtet sie sie nicht so sehr, sondern akzeptiert sie nicht, ist vorsichtig gegenüber ukrainischer Subjektivität und betrachtet die Ukraine nicht als gleichberechtigten Partner, mit dem paritätische Beziehungen angemessen wären. Gerade die historische Logik von Herrschaft, Unterordnung und Überheblichkeit bedingt die für Warschau traditionelle Logik einseitiger Forderungen, Ultimaten und der Erwartung einseitiger Zugeständnisse seitens der Ukraine. Unter solchen Bedingungen kann man natürlich zur Versöhnung aufrufen, aber dafür gibt es keine Voraussetzungen. Die Zeit dafür wurde schon 2015 vertan, in Wahrheit aber deutlich früher – in der zweiten Hälfte der Nullerjahre, sobald Polen Mitglied der Europäischen Union wurde.

Wenn ich heute Aufrufe an beide Seiten zur Verständigung höre sowie dazu, sich von Erklärungen und Entscheidungen zurückzuhalten, die zur Eskalation der ukrainisch-polnischen Beziehungen führen könnten, lässt mich das Gefühl eines Déjà-vu mit den Aufrufen an Russland und die Ukraine nicht los, sich von einer Eskalation des russisch-ukrainischen Krieges zurückzuhalten, während doch offensichtlich ist, wer der Aggressor ist. Wenn ich diese UNO-Position im Fall der Krise der polnisch-ukrainischen Beziehungen höre, lässt mich ein ähnliches Gefühl nicht los: Ihr Initiator ist einer – Polen –, doch die Folgen ihrer Überwindung sollen beide Seiten in gleichem Maße auf sich nehmen. Das ist eine sehr bequeme Position für Polen, immer neue Anlässe für eine Eskalation unter dem Vorwand der historischen Vergangenheit, der Wahrung wirtschaftlicher Vorteile oder des Kampfes um regionale Führungsrolle zu schaffen, in der Hoffnung, zumindest etwas zu bekommen, aber die Ukraine jedes Mal vor ein „Gefangenendilemma“ zu stellen – zu wählen, ob es sich lohnt, Zugeständnisse zu machen, oder bis zum Ende zu gehen.

Inzwischen hat Polen in den vergangenen zehn Jahren in der Ukraine aktiv ein Netzwerk von Organisationen, Thinktanks und Meinungsführern unter Beteiligung sowohl von Polen als auch loyaler Ukrainer aufgebaut, verschiedene Programme geschaffen und Fördergelder für ihm genehme Forschungen, Projekte und Initiativen verteilt, um in der Ukraine seine eigene Agenda zu formen und die öffentliche Meinung in der Ukraine zu beeinflussen. Das ist mit bloßem Auge zu erkennen – dafür braucht es nicht einmal eine Tiefenanalyse, obwohl ich denke, eine detaillierte Untersuchung dieser Frage würde uns alle unangenehm überraschen, so wie seinerzeit die Untersuchung des Ausmaßes der russischen Durchdringung verschiedenster ukrainischer Milieus. Das ist das klassische Modell der „Soft Power“, das Staaten nutzen, die über genügend Finanzmittel verfügen, um sie für verdeckten Einfluss mit dem Ziel der Förderung eigener nationaler Interessen in Staaten auszugeben, in denen sie strategische Interessen haben. Finanzierung von Konferenzen, Rundtischen, Publikation und Übersetzung von Büchern, Wiederherstellung historischer Denkmäler, Unterstützung von Initiativen für Unternehmen, Projekte für die lokale Selbstverwaltung, Freiwilligeninitiativen und so weiter. Auf diese Weise kann und soll ein solches Netzwerk die Rolle des „guten Polizisten“ übernehmen, während Warschau die Rolle des „bösen Polizisten“ spielt. Sie sollen die Illusion eines Dialogs schaffen, Offenheit demonstrieren und allen Naiven, die zu ukrainisch-polnischer Versöhnung um jeden Preis und zu Aufrufen an beide Seiten, von einer Eskalation der bilateralen Beziehungen abzusehen, ein „Fenster der Möglichkeiten“ zeigen. Genau dann, wenn das Polnische Institut für nationale Propaganda und Hass nicht fähig und nicht bereit ist, mit dem Ukrainischen Institut für Nationales Gedenken zusammenzuarbeiten, tritt irgendein „Mieroszewski-Zentrum“ auf die Bühne, das allen ukrainischen „Friedensstiftern“ anbietet, sich an einen runden Tisch zu setzen, zu sprechen und „Dampf abzulassen“. Natürlich wird diese Imitation eines Dialogs keinerlei Ergebnis haben, doch Warschau braucht das auch nicht. Es reicht ihm, Einfluss auf die Stimmungen in der ukrainischen Gesellschaft auszuüben und sie nach Möglichkeit in die gewünschte Richtung zu kanalisieren. Genau dafür lenkt Polen unter anderem Mittel aus dem wirtschaftlichen Wachstum infolge seiner Mitgliedschaft in der Europäischen Union und des Aufstiegs unter die 20 größten Volkswirtschaften der Welt und äfft die Erfahrung anderer starker Volkswirtschaften nach, etwa der USA, Großbritanniens, Deutschlands, Frankreichs, der Volksrepublik China sowie Russlands, um seine Ambitionen auf regionale Führungsrolle und geopolitische Subjektivität in der Welt zu verwirklichen. Wenn man ehrlich ist, gelingt ihm das eher mäßig, doch einen gewissen Erfolg in der Ukraine haben sie dennoch erreichen können. Wenn Polen in den Spiegel schaut, sieht es einen neuen „europäischen Tiger“, doch in Wirklichkeit ist es derselbe alte eigenwillige „mitteleuropäische Katze“, die allein umherstreift und ewig mit allem unzufrieden ist.

Das Problem liegt nicht in den Unterschieden der historischen Erinnerungen der Ukraine und Polens an sich, sondern in der Unfähigkeit der polnischen Seite, die Tatsache dieser Unterschiede und den Aufbau paralleler Erinnerungen als Grundlage für bilaterale Beziehungen zu akzeptieren. Wenn wir nicht fähig sind, eine gemeinsame Position abzustimmen – und wir sind nicht fähig dazu, was ebenfalls akzeptabel ist –, dann muss jeder die Möglichkeit akzeptieren, eine eigene autonome Erinnerung aufzubauen, unabhängig davon, was die andere Seite darüber denkt. Stattdessen schlagen die Polen den Ukrainern vor, die kategorische Ablehnung der polnischen Seite gegenüber jeder dieser Varianten als Teil eines gemeinsamen Verständigungsproblems zu akzeptieren. Die ukrainische Seite akzeptiert das Recht Polens, seine Erinnerung autonom aufzubauen, und erhebt gegenüber der polnischen Seite keinerlei Ansprüche oder Ultimaten. Deshalb liegt das Problem nicht in den Unterschieden der Erinnerungen, sondern in der Unfähigkeit der polnischen Seite, das Recht der Ukraine auf eine eigene Erinnerung zuzulassen – egal ob gemeinsam oder autonom.

Das Schwungrad der antiukrainischen Hysterie in Polen ist bereits so weit in Gang gesetzt, dass es nicht mehr zu stoppen ist. Es gibt keine paritätischen Handlungen der ukrainischen Seite, die Polen zufriedenstellen würden, denn Warschau erwartet unverhältnismäßige Zugeständnisse, in Wirklichkeit meist einseitige Zugeständnisse zu einer so großen Liste von Fragen, dass kein Raum für Kompromisse bleibt. Was wir jetzt schon verstehen, ist, dass es sich nicht auf Fragen der Kriminalisierung des ukrainischen Untergrunds, der Dämonisierung Stepan Banderas, Demarchen gegen das Ukrainische Pantheon, Beschränkungen für Agrarprodukte, Stahl, Transportbeförderungen und so weiter beschränken wird, sondern auch Hindernisse oder eine Blockade der Ukraine auf dem Weg zur Europäischen Union, Konkurrenz im Sicherheitsbereich und unversöhnliche regionale Führungsansprüche im Gebiet des Intermariums umfassen wird. Vor uns liegen noch sehr viele unerwartete und schwierige Fragen der bilateralen Beziehungen, die weniger durch die Suche nach Kompromissen als nach dem Prinzip des Stärkeren gelöst werden.

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Titel des Originals: У пошуках втраченого часу або Дивовижні пригоди потяга „Пілсудський – Петлюра“. Taras Rad. 04.07.2026.
Autor: Taras Rad
Veröffentlichung: 04.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Zwischen Erinnerung und Erpressung: Kritik an Polens Ukraine-Politik. Vitaliy Vantsa. 01.07.2026.

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Polen – so schmerzhaft es ist, das zu sagen, aber das sieht längst nicht mehr nach Freundschaft aus. Man muss ehrlich anerkennen: Polen ist für die Ukraine inzwischen ein klar unfreundliches Land geworden!

  • Polen hat ein Recht auf Erinnerung.
  • Polen hat das Recht, über Wolhynien zu sprechen.
  • Polen hat das Recht, nach seinen Toten zu suchen, Exhumierungen durchzuführen, die Verstorbenen christlich zu bestatten und Würde für seine Toten einzufordern.
  • Aber Polen hat nicht das Recht, seinen Schmerz in eine tägliche politische Peitsche gegen die Ukraine zu verwandeln.
  • Polen hat nicht das Recht, die Ukraine mit ihrem EU-Beitritt zu erpressen.
  • Polen hat nicht das Recht, der Ukraine vorzuschreiben, an wen sie erinnern darf, wen sie ehren soll, welche Namen sie ihren Militäreinheiten geben und welchen Heldenkanon sie aufbauen soll.
  • Polen hat nicht das Recht, die ukrainische historische Erinnerung zu kriminalisieren, mit Abschiebungen zu drohen, mit dem Europäischen Parlament zu winken und so zu tun, als seien das „europäische Werte“.

Denn das sind keine europäischen Werte!!!

Das ist politische Erpressung mit einer weiß-roten Schleife.

Und nun Punkt für Punkt.

  • Ja, die Polen gehörten 2022 zu den Ersten, die der Ukraine geholfen haben.

Das stimmt. Dafür gibt es Dankbarkeit. Menschliche, ehrliche, echte Dankbarkeit. Polen öffneten ihre Häuser, ihre Grenzen, ihre Lagerhallen, ihre Bahnhöfe, ihre Krankenhäuser und ihre Herzen. Polen stellte Waffen, Logistik, Zuflucht und einen sicheren Hinterraum zur Verfügung. Das darf man nicht aus der Geschichte streichen.

Aber Dankbarkeit ist keine Leine und kein Halsband!

Hilfe bedeutet kein Eigentumsrecht!

Solidarität ist keine Lizenz zur Demütigung!

Es kann nicht heißen: „Wir haben euch geholfen, also müsst ihr eure historische Erinnerung künftig in Warschau genehmigen lassen.“

Das ist keine Freundschaft mehr!

Das ist blanker Paternalismus!

  • Ja, ukrainische Soldaten kämpfen in erster Linie für die Ukraine!

Aber bitte ohne geopolitischen Kindergarten!

Wenn die Ukraine fällt, rückt die russische Bedrohung erheblich näher an Polen heran!

Wenn die ukrainische Armee die Front hält, verfügt Polen über strategische Tiefe, ohne einen eigenen großen Krieg auf seinem Territorium führen zu müssen!

Das ist keine emotionale Erpressung!

Das ist elementare Geopolitik und einfache Geschichtskunde!

Man kann sich noch so sehr über den Satz ärgern, dass die Ukrainer auch für die Sicherheit Europas kämpfen. Aber dann muss man ehrlich sagen: Wenn die Ukraine Russland nicht aufhält – wer hält Russland dann im Osten Europas auf? Ein Meme über Wolhynien? Eine Resolution des Europäischen Parlaments? Ein polnischer Abgeordneter mit einem lauten Mikrofon?

  • Keiner von uns macht sich über die polnischen Opfer lustig! Und das hat auch nie jemand getan!

Das ist ein sehr seltsamer und sehr beleidigender Vorwurf.

Ich sehe und sah keinen massenhaften ukrainischen Spott über den Schmerz der Polen!

Aber ich sehe sehr wohl etwas anderes!

Ich sehe, wie polnische Politiker die Ukrainer jeden Tag zu historischen Angeklagten machen!

Ich sehe, wie ukrainischen Soldaten, die heute gegen Russland kämpfen, erklärt wird, ihre Symbole müssten mit der polnischen Wählerschaft abgestimmt werden.

Ich sehe, wie man uns sagt: „Mit Bandera werdet ihr der EU nicht beitreten.“

Ich sehe Vorschläge, die UPA auf Ebene des Europäischen Parlaments als nationalsozialistische Organisation einzustufen.

Ich sehe, wie polnische Politiker darüber nachdenken, die Kontakte zu Volodymyr Zelensky einzuschränken.

Ich sehe, wie historische Erinnerung nicht zur Versöhnung, sondern zur Eskalation benutzt wird.

Wer macht sich hier also über wen lustig??

Denn es sieht so aus, als würde heute nicht die Ukraine Polen verhöhnen, sondern ganz offen Tag für Tag genau umgekehrt!!!

Es ist ein Teil der polnischen Politik, der die Ukraine täglich demütigt – mit Vorwürfen, Belehrungen, Drohungen, Erpressung, Paternalismus und dem ewigen Tonfall: „Wir werden euch jetzt erklären, wie man zivilisiert zu sein hat.“

  • Auch das Gerede von einem „demokratischen Europa“ ist interessant.

Man sagt uns: „Europa ist demokratisch, man darf nicht nur an sich selbst denken.“

Wunderbar!!!

Dann denkt auch nicht nur an euch selbst!

Denkt nicht nur an den polnischen Schmerz!

Denkt nicht nur an polnische Gräber!

Denkt nicht nur an die polnische Version von Wolhynien!

Denkt nicht nur an die polnische Wählerschaft am 11. Juli!

Es gibt auch ukrainischen Schmerz!

Es gibt Sahryn!

Es gibt Pawłokoma!

Es gibt Bereza Kartuska!

Es gibt die Aktion „Weichsel“!

Es gibt die Deportationen der Ukrainer!

Es gibt die Pazifizierung!

Es gibt die Besetzung ukrainischer Gebiete!

Es gibt die Polonisierung!

Es gibt ukrainische Gräber in Polen!

Es gibt ukrainische Dörfer, die von polnischen Formationen niedergebrannt wurden!

Es gibt Ukrainer, die in der Zweiten Polnischen Republik auf ihrem eigenen Land oft wie Menschen zweiter Klasse behandelt wurden!

Es gibt eine ukrainische Erinnerung, die Polen sehr bequem bittet, nicht auf den Tisch zu legen, weil ihm sonst das moralische Dessert nicht mehr schmeckt!!

  • Zu Piłsudski.

Man sagt uns: „Man darf Bandera nicht mit Piłsudski vergleichen.“

Wer hat gesagt, dass dies ein direkter Eins-zu-eins-Vergleich sei?

Es geht nicht darum, dass Bandera Piłsudski gleichzusetzen wäre.

Es geht darum, dass Polen von der Ukraine eine sterile historische Erinnerung verlangt, während es selbst einen Heldenkanon mit alles andere als sterilen Persönlichkeiten besitzt.

Piłsudski war der Vater der polnischen Unabhängigkeit. Ja.

Aber er war auch der Führer, nach dessen Staatsstreich Polen den Weg in den Autoritarismus einschlug.

Er war auch ein Politiker, unter dessen Herrschaft die Opposition verfolgt wurde.

Er war auch ein Politiker der Ära von Bereza Kartuska.

Er war auch ein Politiker, unter dessen Regierung die polnischen Behörden die Pazifizierung der Ukrainer in Galizien durchführten.

Er war auch ein Politiker, dessen Staat nach dem Vertrag von Riga Teile ukrainischer Gebiete besetzt hielt und eine Politik der Polonisierung betrieb.

Polen hat das Recht, in ihm einen Staatsmann zu sehen.

Dann soll es aber nicht so tun, als hätten die Ukrainer nicht das Recht, in ihren historischen Persönlichkeiten Kämpfer für die ukrainische Staatlichkeit zu sehen.

Jeder möchte den historischen Kontext für seine eigenen Helden.

Und jeder vergisst diesen Kontext erstaunlich schnell, sobald es um die Helden der anderen geht.

Genau das ist der doppelte Maßstab.

  • Zu dem Satz: „Das wäre so, als würde Deutschland die Wehrmacht zu Helden erklären.“

Nein, das ist nicht dasselbe.

Die UPA war keine Staatsarmee des Dritten Reiches.

Die UPA griff Polen nicht am 1. September 1939 an.

Die UPA errichtete keinen nationalsozialistischen Staat.

Die UPA war nicht die Wehrmacht.

Die UPA war eine ukrainische Widerstandsbewegung ohne eigenen Staat – in einem schrecklichen Raum zwischen den Nationalsozialisten, den Sowjets, dem polnischen Untergrund, ethnischen Konflikten, Terror, Vergeltung und dem Kampf für einen zukünftigen ukrainischen Staat.

Gab es dort Verbrechen an Zivilisten? Ja.

Haben die polnischen Opfer ein Recht auf Erinnerung? Ja.

Bedeutet das, dass Polen das Recht hat, die gesamte ukrainische Befreiungsbewegung auf das Wort „Nazis“ zu reduzieren? Nein.

Denn das ist keine Geschichte mehr.

Das ist ein politisches Plakat.

  • Zur Zahl von 100.000.

Die polnische Seite spricht häufig von 100.000 polnischen Opfern.

Das ist eine schreckliche Zahl.

Aber selbst wenn man diese polnische Schätzung zugrunde legt, hebt sie die ukrainischen Opfer nicht auf.

Sie hebt Sahryn nicht auf.

Sie hebt Pawłokoma nicht auf.

Sie hebt die Aktion „Weichsel“ nicht auf.

Sie hebt die 150.000 deportierten Ukrainer des Jahres 1947 nicht auf.

Sie hebt die Hunderttausenden Ukrainer nicht auf, die zwischen 1944 und 1951 aus ihren ethnischen Siedlungsgebieten vertrieben wurden.

Sie hebt die polnischen Repressionen der Zwischenkriegszeit nicht auf.

Sie hebt auch die Frage nicht auf: Was tat Polen nach 1921 auf ukrainischen Gebieten?

Und vor allem hebt sie eines nicht auf: Man kann die Zukunft nicht auf der Arithmetik von Leichen aufbauen!!!

Denn dann werden wir sehr schnell an den Punkt gelangen, an dem jede Seite ihre Knochen hervorholt und zu beweisen versucht, dass ihr Tod „wichtiger“ gewesen sei!

Das ist keine Versöhnung!

Das ist ein Friedhof mit Mikrofon!

  • Zu der Behauptung, Polen wolle „wie jedes andere Land behandelt werden“.

Ausgezeichnet!

Dann behandeln wir Polen wie jedes andere Land!

Nicht wie einen großen Bruder.

Nicht wie einen historischen Zensor.

Nicht wie einen moralischen Staatsanwalt.

Nicht wie einen Staat, der das Recht hat, über unsere Erinnerung abzustimmen.

Sondern wie einen gewöhnlichen Nachbarstaat mit eigenen Interessen, eigenem Schmerz, eigenen Vorwürfen und eigenen doppelten Maßstäben.

Dann hat auch die Ukraine jedes Recht, ihre eigenen Schlussfolgerungen zu ziehen.

  • Ein praktisches Fazit für die Ukrainer.

Und tatsächlich: Wenn ihr die Wahl habt, würde ich heute Polen nicht als erstes Ziel für Auswanderung, Arbeit, Studium, Geschäfte oder ein langfristiges Leben empfehlen.

Nicht weil alle Polen Feinde wären!

Nicht weil man das polnische Volk hassen müsste!

Nein.

Sondern weil das politische Klima in Polen gegenüber der Ukraine immer toxischer, nervöser, unberechenbarer und immer häufiger offen unfreundlich sowie nationalistisch radikalisiert wird.

Wenn in einem Land beginnt, über Abschiebungen wegen Symbolen diskutiert zu werden.

Wenn der Verteidigungsminister sagt: „Mit Bandera werdet ihr der EU nicht beitreten.“

Wenn Politiker die ukrainische historische Erinnerung ins Strafrecht aufnehmen wollen.

Wenn der Präsident der Ukraine demonstrativ gedemütigt wird.

Wenn den Ukrainern ständig die Rechnung für die geleistete Hilfe präsentiert wird.

Wenn deine Dankbarkeit grenzenlos sein soll, deine Würde aber nur vorübergehend gilt.

Dann ist das kein besonders gesundes Umfeld mehr!!!

Das ist ein Risiko!

Und Selbstachtung ist ebenfalls Risikomanagement!

  • Ist Polen heute ein freundschaftlicher Staat für die Ukraine?

Es ist schmerzhaft, aber ehrlich: immer weniger und immer deutlicher – Nein!!

Nicht die polnischen Freiwilligen.

Nicht die einfachen Polen, die geholfen haben.

Nicht diejenigen, die die gemeinsame Bedrohung wirklich verstehen.

Sondern das politische Polen, das diese Welle derzeit antreibt, verhält sich immer weniger freundschaftlich!

Das muss man ruhig anerkennen.

Ohne unnötige Hysterie.

Ohne besonderen Hass.

Ohne das pauschale „Alle Polen sind so“.

Sondern nüchtern, klar und mit den entsprechenden Schlussfolgerungen!

Ein Staat, der mitten im Krieg beginnt, die Ukraine wegen ihrer historischen Erinnerung mit dem EU-Beitritt zu erpressen, handelt nicht wie ein strategischer Verbündeter.

Ein Staat, der während der russischen Aggression der Ukraine wegen ihres Heldenkanons mit politischer Isolation droht, handelt nicht wie ein Freund.

Ein Staat, der täglich die Vergangenheit als Waffe gegen seinen Nachbarn hervorholt, der Russland aufhält, spielt ein sehr gefährliches Spiel!

Und dieses Spiel gefällt dem Kreml außerordentlich.

  • Und das Wichtigste.

Wir bitten Polen nicht, Wolhynien zu vergessen.

Wir bitten Polen nicht, über seine Toten zu schweigen.

Wir bitten Polen nicht, auf seine Erinnerung zu verzichten.

Wir bitten nur um eines: Diese Erinnerung nicht in ein Erpressungsinstrument gegen die Ukraine zu verwandeln, die noch immer lebt!!!

Denn während polnische Politiker gegen tote Ukrainer der 1940er Jahre kämpfen, kämpfen lebende Ukrainer heute gegen Russland.

Und das ist wohl der größte Unterschied zwischen uns.

Die Ukraine blickt auf die Front.

Polnische Populisten blicken in Gräber und suchen dort nach Umfragewerten.

Sehr traurig. Sehr schmerzhaft.

Aber offenbar ist es an der Zeit, ehrlich zu sprechen!!!


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Autor: Vitaliy Vantsa
Veröffentlichung: 01.07.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Die Ukraine schuldet niemandem den Verzicht auf ihre Erinnerung. Lubomir Haidamaka. 24.06.2026.

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Ich habe keine besonderen Illusionen über die Tätigkeit der UPA.

Und das ist wohl das Erste, was man ehrlich sagen muss – ohne den Eigenen zuzuzwinkern und ohne demonstratives Bußtheater für die Fremden. Die UPA handelte in einer Zeit, als die Ukraine keine eigene Staatlichkeit besaß, keine Regierung hatte, keine Armee, keine internationale Stimme, nicht das Recht, sich an einen Verhandlungstisch zu setzen und zu sagen: Das sind unsere Grenzen, das sind unsere Menschen, das sind unsere Interessen – und nun, verehrte Imperien, rückt beiseite.

Die Ukrainer lebten damals nicht in einem romantischen Geschichtsbuch, sondern zwischen Hammer und Amboss: Der eine Besatzer kam mit dem roten Stern, der zweite mit dem schwarzen Hakenkreuz, der dritte mit seiner eigenen Erinnerung an den Vorkriegsstaat, der die Ukrainer ebenfalls nicht als politische Nation anerkennen wollte. Und in diesem Fleischwolf griffen die Menschen nach jeder Möglichkeit des Kampfes, nach jeder Waffe, nach jeder Chance, eine Ukraine zusammenzuführen, die auf der politischen Landkarte faktisch nicht existierte.

Ich bin überzeugt, dass die Polen an unserer Stelle dasselbe getan hätten. Mehr noch: Sie haben es getan.

Die Armia Krajowa war ebenfalls eine militärische Untergrundstruktur. Auch sie sammelte Aufklärungsinformationen, baute Kommunikationsnetze auf, führte Sabotageakte durch, liquidierte Kollaborateure, griff Verwaltungsstrukturen an, bestrafte diejenigen, die sie für Verräter hielt, kämpfte gegen die Deutschen und stritt und kämpfte mit anderen Kräften in Gebieten, in denen es keine funktionierende Staatsgewalt gab. Das war keine Organisation von Pazifisten mit Broschüren über Toleranz. Es war die Armee eines Volkes, das seinen Staat verloren hatte und ihn zurückgewinnen wollte.

Die UPA tat dasselbe – allerdings mit einem grundlegenden Unterschied, über den man in Polen oft nicht gern offen spricht: Polen verfügte über staatliche Kontinuität, eine Exilregierung, internationale Anerkennung, einen diplomatischen Rahmen, die Erinnerung an den eigenen Staat. Die Ukraine hingegen hatte nichts außer Menschen, Wäldern, Waffen, dem Hass auf die Besatzer und dem verzweifelten Wunsch, nicht länger Material für fremde Imperien zu sein.

Das rechtfertigt keine Verbrechen. Es wischt kein Blut weg. Es hebt den Schmerz polnischer Familien ebenso wenig auf wie den Schmerz ukrainischer Familien. Aber es erklärt, warum die Frage im Stil von „entweder die UPA oder die Europäische Union“ keine historische Ehrlichkeit ist, sondern politische Manipulation, eingehüllt in eine moralische Pose.

Dann seien wir doch konsequent ehrlich. Entweder die Armia Krajowa oder die Europäische Union? Entweder der polnische Untergrund oder Europa? Entweder die Erinnerung an die Eigenen oder das Recht, Teil der zivilisierten Welt zu sein?

Absurd? Ja. Und genauso absurd ist es im Fall der Ukraine.

Wir müssen mit den Polen über Wolhynien sprechen, über Galizien, über die Aktion „Weichsel“, über ukrainische und polnische Opfer, über Exhumierungen, über Archive, über Namen, über Gräber, über die Verbrechen konkreter Menschen und konkreter Strukturen. Wir dürfen schwierigen Themen nicht ausweichen, denn ein Volk, das sich vor seiner eigenen Geschichte fürchtet, beginnt sehr schnell, nach der Geschichtsversion anderer zu leben.

Aber wir dürfen auch keine Ultimaten akzeptieren, in denen von uns verlangt wird, die Erinnerung gegen eine politische Eintrittskarte nach Europa einzutauschen.

Schon gar nicht von einem Land, das selbst sehr genau weiß, was Untergrund bedeutet, was Besatzung bedeutet, was Wald bedeutet, was Waffen ohne eigenen Staat bedeuten, was Befehle bedeuten, die nicht in der schönen Sprache des Völkerrechts geschrieben werden, weil das Völkerrecht in einem solchen Moment irgendwo unter dem Stiefel des Stärkeren liegt.

Die Ukraine besaß damals keine eigene Staatlichkeit. Und genau das ist der Schlüssel zur gesamten Diskussion.

Wenn wir heute über den besetzten Donbas sprechen, verstehen wir doch sehr gut, dass die Menschen dort nicht in einem normalen politischen Raum leben. Dort gibt es keine Wahlfreiheit im europäischen Sinn. Es gibt keine unabhängigen Gerichte, keine freie Presse, keine offenen Parteien, keine sichere Möglichkeit, öffentlich Stellung zu beziehen. Dort gibt es eine Besatzungsverwaltung, Angst, Zwang, Überlebenskampf, Kollaboration, Schweigen, Widerstand, Denunziationen, Partisanen, Angepasste und Menschen, die einfach nur den Morgen erleben wollen.

Und wenn in 80 Jahren jemand beginnen sollte, jede Handlung der Menschen im besetzten Donbas so zu beurteilen, als hätten sie in Krakau, Berlin oder Paris gelebt, dann wäre das keine Geschichtsschreibung, sondern moralische Bequemlichkeit, verkleidet als Rechtschaffenheit.

Genauso wenig kann man die ukrainische Befreiungsbewegung der 1940er Jahre beurteilen, als wäre die Ukraine damals ein Staat mit Regierung, Armee, Gerichten, Parlament, Diplomatie und der Möglichkeit gewesen, ihre Interessen auf friedlichem Weg zu verteidigen.

Das war sie nicht.

Und genau deshalb begehen polnische Politiker einen gewaltigen Fehler, wenn sie die Frage so stellen, als müsse die Ukraine ihre Europatauglichkeit dadurch beweisen, dass sie auf einen Teil ihrer tragischen, schwierigen, blutigen, widersprüchlichen, aber eigenen Geschichte verzichtet.

Die Ukraine ist bereits Teil der europäischen Gemeinschaft. Nicht, weil man uns das in Brüssel oder Warschau großzügig erlaubt hätte, sondern weil die Ukrainer jeden Tag mit Blut, Leben, Städten, Kindern, ihrer Wirtschaft, ihrer Zukunft, ihren Nerven und mit Friedhöfen bezahlen, die schneller wachsen als europäische Erklärungen.

Kein Land der Europäischen Union hat einen solchen Preis für das Recht bezahlt, in Europa zu leben.

Und, sagen wir es ganz offen: Dank der Ukraine wird auch keines einen solchen Preis bezahlen müssen.

Denn das russische Imperium steht heute nicht vor Warschau, nicht vor Vilnius, nicht vor Bukarest und nicht vor Berlin. Es steht vor Pokrowsk, Kupjansk, Cherson, Charkiw, Sumy und Saporischschja. Und wenn sich heute noch jemand in Europa den Luxus leisten kann, die historische Erinnerung zu einem Instrument der Innenpolitik zu machen, dann nur deshalb, weil die Ukrainer die Front halten.

Aber es gibt noch etwas Wichtiges, das ich ebenfalls ohne populären Zuckerguss sagen möchte.

Ich bin kein Befürworter eines Beitritts einer schwachen Ukraine zur Europäischen Union. In vielen Fragen bin ich sogar Euroskeptiker, weil ich sehr gut sehe, wie das heutige Europa durch übermäßige Regulierung, Angst vor Risiken, bürokratische Selbstverliebtheit und den Verlust industriellen Gestaltungswillens gegenüber den globalen Führungsmächten zurückfällt. China baut Fabriken, die USA schaffen technologische Ökosysteme, Asien skaliert seine Produktion, während Europa oft Verordnungen, Verbote, Verfahren und schöne Dokumente über eine Zukunft produziert, die längst andere gestalten.

Die Ukraine darf nicht als armer Bittsteller mit ausgestreckter Hand in die EU gehen, dem erlaubt wird, im Flur eines großen Hauses Platz zu nehmen, wenn er sich zuvor richtig entschuldigt, richtig Buße getan und seine eigene Erinnerung korrekt umgeschrieben hat.

Die Ukraine muss als Große Ukraine nach Europa gehen. Als Land einer neuen Industrialisierung. Als Land der Verteidigungstechnologien, der Drohnen, der robotisierten Kriegsführung, der künstlichen Intelligenz, der Rechenzentren, der Kernenergie, der eigenen Produktion, starker Städte, einer produktiven Minderheit, von Ingenieuren, Unternehmern, Soldaten, Landwirten, Wissenschaftlern und Menschen, die niemanden um Erlaubnis bitten, existieren zu dürfen.

Wir brauchen keine schwache Integration, bei der die Ukraine als Gebiet billiger Arbeitskräfte, von Rohstoffen, Agrarexporten und dauerhafter Förderabhängigkeit in die EU aufgenommen wird. Wir brauchen eine starke Integration, bei der die Ukraine als Staat kommt, ohne den europäische Sicherheit, Energieversorgung, Rüstungsindustrie und technologische Zukunft schlicht nicht funktionieren.

Deshalb muss die Antwort auf polnische Ultimaten ruhig, nüchtern und entschieden sein.

Wir sind bereit, über Geschichte zu sprechen. Wir sind bereit, Archive zu öffnen. Wir sind bereit zu Exhumierungen. Wir sind bereit, Verbrechen als Verbrechen zu bezeichnen. Wir sind bereit, den Schmerz der Polen anzuerkennen, wenn die Polen bereit sind, den Schmerz der Ukrainer anzuerkennen. Wir sind bereit, eine gemeinsame Erinnerung aufzubauen, aber wir sind nicht bereit zu politischer Erpressung.

Denn eine Partnerschaft unter Gleichen wird nicht auf Ultimaten aufgebaut.

Polen hat uns sehr geholfen, und daran muss man sich erinnern. Die Ukrainer dürfen das nicht vergessen. Aber auch Polen muss sich an etwas anderes erinnern: Die Ukraine verteidigt heute nicht nur sich selbst – und ganz sicher nicht nur ihre historische Erinnerung. Die Ukraine verteidigt jenen Raum, in dem polnische Politiker über die UPA streiten können, ohne über ihren Köpfen russische Raketen zu hören.

Deshalb ist die Formel „entweder die UPA oder Europa“ nicht nur politisch falsch, sondern auch moralisch.

Die richtige Formel lautet anders: Entweder wir reifen gemeinsam zu einer schwierigen Wahrheit heran, oder Moskau wird uns allen erneut die Geschichte schreiben.

Und das ist ganz sicher keine Entscheidung, die weder Kyiv noch Warschau treffen sollten.


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Autor: Lubomir Haidamaka
Veröffentlichung: 24.06.2026.
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Ukrainisch-polnischer Konflikt: die Folgen | Vitaly Portnikov. 22.06.2026.

Der polnisch-ukrainische Konflikt rund um die Geschichte mit der Aberkennung des Ordens des Weißen Adlers für den ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky flaut nicht ab.

Wir wissen immer noch nicht, ob der Präsident der Ukraine die Konferenz zur Entwicklung der Ukraine in Danzig besuchen wird. Und hier liegt der Sinn jetzt nicht einmal in der Konferenz selbst, sondern darin, ob das Oberhaupt des ukrainischen Staates mitten in diesem Konflikt nach Polen kommen wird.

Der Grad der gegenseitigen Beschuldigungen steigt, ebenso wie die Geschichte mit der Rückgabe von Orden, denn jetzt schließen sich den ukrainischen Politikern, die ihre Orden an Polen zurückgeben, auch polnische an. Aber wenn man sich erinnert, wurde diese Büchse der Pandora keineswegs von Volodymyr Zelensky geöffnet, als er seinen Orden des Weißen Adlers an den polnischen Kollegen zurückgab, nachdem Karol Nawrocki bereits die Entscheidung getroffen hatte, ihm diesen Orden abzuerkennen, sondern vom polnischen Botschafter in der Ukraine Bartosz Cichocki.

Und in jedem Fall müssen wir, wenn wir über die Rückgabe dieser Auszeichnungen sprechen, daran denken, dass dies alles verdiente Auszeichnungen sind. Präsident Zelensky erhielt diesen Orden im Namen des ukrainischen Volkes in der schwersten Phase des ukrainischen Widerstands gegen die russische Aggression. Und Botschafter Cichocki, der seinen Orden zurückgegeben hat, erhielt ihn verdient, weil er praktisch der einzige Diplomat eines Mitgliedstaates der Europäischen Union war, der gerade in jenen Tagen in Kyiv blieb, als die ukrainische Hauptstadt vor der größten Gefahr stand, von russischen Truppen eingenommen zu werden. Und auch an all das sollte man denken, wenn wir über jenen Grad gegenseitiger Beschuldigungen und Spannungen sprechen, der heute zwischen bestimmten politischen Kreisen in Polen und der Ukraine besteht.

Heute sagte man in der Kanzlei des Präsidenten Polens, dass dieser Konflikt in Wirklichkeit keinen innenpolitischen Charakter habe. Das sagte auch der Präsident Polens, Karol Nawrocki, selbst, als er auf die Worte des ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky antwortete, wonach der Konflikt für das polnische Staatsoberhaupt eben einen innenpolitischen Charakter angenommen habe und mit seiner Konfrontation mit dem polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk verbunden sei.

Ich neige hier dazu, Zelensky und nicht Nawrocki zuzustimmen, denn ich spreche jetzt nicht einmal von Ansprüchen an den Kern der Frage selbst, weil offensichtlich ist, dass es unter polnischen Politikern niemanden gibt, der meinen würde, eine ukrainische Militäreinheit könne den Namen der Ukrainischen Aufstandsarmee tragen. Aber wenn eine solche Situation Unzufriedenheit, sagen wir, beim Oberhaupt des polnischen Staates hervorruft, hätte er zunächst irgendeinen eigenen Kontakt zu seinem ukrainischen Kollegen herstellen können, um zu verstehen, wie man diese Frage lösen kann und ob man sie überhaupt lösen kann und wozu ein weiterer Konflikt führen wird, und erst danach Entscheidungen über irgendwelche öffentlichen Handlungen treffen können. Ganz zu schweigen davon, dass immer die Frage entsteht: „Warum beginnst du mit einem Orden, den nicht du verliehen hast, und das in einer völlig anderen Situation? Und warum bestehst du darauf, dass deine Entscheidung über die Aberkennung des Ordens vom Ministerpräsidenten Polens bestätigt werden muss? Obwohl es dazu keine Hinweise in der polnischen Gesetzgebung gibt und dies eher deine Interpretation dieser Gesetzgebung ist, die eben diesen Ministerpräsidenten in eine unbequeme Lage bringen soll.“

Und hier müssen wir nicht nur daran denken, dass zwischen dem politischen Lager Nawrockis und dem politischen Lager Tusks eine reale Spannung besteht und dass diese Spannung während der kommenden Wahlkampagne in Polen und während der Wahlen nur zunehmen wird, sondern auch daran, dass der Präsident in Polen praktisch kaum reale Befugnisse besitzt.

Das ist ebenfalls ein Problem des polnischen Verfassungsrechts. Polen ist eine parlamentarisch-präsidentielle Republik, aber in Wirklichkeit hat der vom Volk gewählte Präsident nur sehr wenige reale Befugnisse. Er ist ein vom Volk gewählter Monarch, der nur in einer Situation auf irgendeine ernsthafte politische Rolle hoffen kann, wenn seine eigene Partei im Sejm eine Mehrheit hat. Und selbst in dieser Situation spielt er in der großen Politik eine zweitrangige Rolle.

Vielleicht war uns das nicht aufgefallen, aber die Bedeutung Andrzej Dudas als Präsident Polens blieb deutlich hinter der Bedeutung des Ministerpräsidenten Mateusz Morawiecki und hinter der Bedeutung Jarosław Kaczyńskis als Vorsitzendem der Regierungspartei zurück. Das ist der Fall, in dem die erste Person im Staat die dritte Rolle spielt.

Und was konnte Andrzej Duda damals tun, um seine politische Rolle zu demonstrieren? Die Ukraine auf der internationalen Bühne unterstützen, jene gemeinsame Außenpolitik betreiben, die damals praktisch die gesamte polnische politische Elite und Gesellschaft teilte. Schließlich Volodymyr Zelensky mit dem Orden des Weißen Adlers auszeichnen, was ebenfalls zeigte, was der polnische Präsident tun kann, um den Bürgern eines Landes Respekt zu erweisen, die gegen die Aggression eben jenes Staates kämpfen, der den Polen mehrmals nacheinander ihre Staatlichkeit genommen hatte.

Und was kann Karol Nawrocki tun, damit man auf ihn als ernsthaften Spieler aufmerksam wird? Volodymyr Zelensky den Orden des Weißen Adlers aberkennen. Alles logisch.

Mit den Beziehungen zwischen der Ukraine und Polen hat das real nichts zu tun. Im Ergebnis wurde es jedoch zu einem ernsthaften Belastungsfaktor für diese Beziehungen. Vielleicht zum ernstesten seit Beginn des großen russisch-ukrainischen Krieges. Denn ein Konflikt dieses Ausmaßes zwischen Kyiv und Warschau hat es bisher noch nicht gegeben.

Und hier entsteht die Frage, was weiter zu tun ist und wie man die weitere Entwicklung dieses Konflikts eindämmen kann, wie man weitere Emotionen eindämmen kann.

Auf mich macht all das einen bedrückenden Eindruck. In meinem Bemühen, Kommunikation zwischen der ukrainischen und der polnischen Gesellschaft aufzubauen, bin ich immer auf genau dieses Problem des Konflikts zwischen dem Verständnis historischer Erinnerung der Ukrainer und der Polen gestoßen und auf das klare Bewusstsein, dass es in den nächsten Jahrzehnten keine gemeinsame Version dieser historischen Erinnerung geben wird.

Hier kann man lange nachdenken, versuchen, die Ursachen zu verstehen, versuchen herauszufinden, wer denn mehr recht oder weniger recht hat, wo die Ursprünge dieses, ich würde sagen, gemeinsamen Unverständnisses liegen, seine Argumente oder Gegenargumente vorbringen, aber das wird Stunden dauern und trotzdem zu nichts führen.

In Wirklichkeit wäre die beste Variante in dieser Situation, die Diskussionen über Probleme der historischen Erinnerung fortzusetzen, aber sich bewusst zu machen, dass beide Länder eine gemeinsame Zukunft, einen gemeinsamen zivilisatorischen Raum haben und dass ihr Überleben ebenfalls von dieser gemeinsamen Solidarität abhängt, und eben jene historische Lehre zu berücksichtigen, dass polnisch-ukrainischer Zwist immer zum Verlust der Staatlichkeit sowohl der Ukraine als auch Polens geführt hat.

Das Problem besteht darin, dass es faktisch unter den polnischen Eliten selbst einen Konsens über die Wahrnehmung der historischen Erinnerung Polens als solcher gibt, eine Nichtakzeptanz der ukrainischen Version, aber keinen Konsens in Bezug auf die Schlussfolgerungen.

Sagen wir, jener Teil der Polen, der nicht zu den Anhängern von Präsident Karol Nawrocki gehört, der nicht zu den Anhängern der rechten und ultrarechten politischen Kräfte gehört, versteht, dass historische Fragen ohne überflüssige Emotionen betrachtet werden müssen, in der Hoffnung, dass es irgendwann gelingen wird, zu einem zivilisierteren Dialog zu kommen, und jetzt eine gemeinsame Zukunft aufzubauen.

Das Lager, das Karol Nawrocki repräsentiert und das in seinen Ansichten nicht nur zu den polnisch-ukrainischen historischen Problemen immer radikaler wird, vertritt eine andere Idee: dass es ohne Anerkennung der polnischen Version der historischen Erinnerung durch die Ukrainer keine gemeinsame Zukunft der beiden Völker geben könne, was meines Erachtens ein schwerer Fehler ist.

Ein weiterer schwerer Fehler gerade dieses Lagers ist seine feste Überzeugung, dass die Unabhängigkeit Polens heute nicht mehr von der Zukunft der Ukraine abhängt und dass selbst dann, wenn die Ukraine von der politischen Landkarte der Welt verschwindet und das ukrainische Volk unter den Russen aufgeht, dies zu keinen ernsthaften Problemen für Polen führen werde, sondern ihm die Situation vielleicht sogar erleichtern könne, als einem Land, das nun seine Beziehungen zu Moskau aufbauen werde. Dabei werde jenes Bündnissystem, das Polen nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers geschlossen hat, Polen ein komfortables Dasein ermöglichen und Russland nicht erlauben, Polen seiner Staatlichkeit zu berauben.

Auch das ist eine Illusion, über die ich ständig zu sprechen versuche. Die Sache ist die, dass das gesamte Bündnissystem, das Polen nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers geschaffen hat, heute schon nichts mehr wert ist, zumindest ist das System der euro-atlantischen Solidarität nichts mehr wert, weil die Vereinigten Staaten den klaren Wunsch haben, Europa zu verlassen und die Nachkriegsordnung des Zweiten Weltkriegs zu revidieren. Und unabhängig davon, wer der Herr des Oval Office sein wird, Donald Trump oder irgendeine andere Figur, diese Politik ist meines Erachtens falsch, aber sie existiert und wird umgesetzt werden. Nur kann Trump sie aggressiver und expressiver umsetzen. Seine Nachfolger können es planmäßiger und ruhiger tun.

Nun noch eine Frage, die verstanden werden muss. Wenn die Ukraine von der politischen Landkarte der Welt verschwindet und das ukrainische Volk unter den Russen aufgeht, wird das ein so starkes Wachstum des geopolitischen Gewichts Russlands bedeuten, dass die Vereinigten Staaten einfach gezwungen sein werden, Moskau viel ernster zu nehmen, als dies bisher der Fall war. Und dass die Vereinigten Staaten bereit sind, Gewicht zu berücksichtigen, konnten wir daran sehen, wie sich der Präsident der Vereinigten Staaten in China verhielt und wie er dem Präsidenten der Russischen Föderation applaudierte, als dieser aufgeblasen die Treppe  seines eigenen Flugzeugs in Anchorage hinabstieg. Und stellen Sie sich vor, Trump würde den Sieger Putin begrüßen, dessen Truppen in Kyiv und sogar in Lwiw stünden.

Deshalb wird im Falle einer Niederlage der Ukraine dieses gesamte Bündnissystem zusammenbrechen, zumindest für Mitteleuropa. Und für die Sicherheit Polens würde ich nicht einen Złoty geben, und für das weitere Bestehen des polnischen Volkes im Rahmen seiner Staatlichkeit nicht einmal zwei. Und genau das ist das Hauptproblem, das den Vertretern des rechten politischen Lagers in Polen schwer zu beweisen ist.

Aber hier müssen wir eine einfache Sache verstehen. Genauso wie Polen die ukrainische Unabhängigkeit für sein weiteres Überleben braucht, brauchen wir polnische Unterstützung für unser weiteres Überleben. Umso mehr, als vor uns schwere Jahre der Prüfung durch Konflikte mit der Russischen Föderation liegen. Selbst wenn man sich vorstellt, dass der russisch-ukrainische Krieg in den nächsten Jahren endet oder zumindest unterbrochen wird, damit Russland sich auf einen neuen Krieg vorbereiten kann, werden wir diese Unterstützung dennoch brauchen. Und so oder so wird es uns wichtig sein, dass Polen für uns ein Land bleibt, das an unserer Zukunft interessiert ist, und nicht an unserem Verschwinden.

Dann müssen wir uns eine einfache Sache sagen. Die polnische Gesellschaft existiert faktisch in einer Situation, in der es zwei Lager gibt, die sich seit den letzten 100 Jahren, seit der Wiederherstellung der polnischen Staatlichkeit, in ständiger Konfrontation befinden. Man kann sie bedingt rechts und links nennen, zentristisch und rechts.

Aber das sind gewissermaßen zwei Polen. Früher, vor dem Krieg, nannte man sie das Polen des Marschalls Piłsudski und das Polen Roman Dmowskis. Über diese beiden Lager schrieb die große polnische Schriftstellerin Maria Konopnicka unmittelbar nach der Ermordung des ersten Präsidenten des unabhängigen Polen, Gabriel Narutowicz, nach der Piłsudski einen Militärputsch durchführte, die Macht in seine Hände nahm und die Rechten nie wieder an diese Macht ließ.

Diese Tradition ist auf erstaunliche Weise bereits im postsozialistischen Polen wiederauferstanden. Die polnischen Rechten und die polnischen Liberalen und Zentristen waren zusammen, wie man sagt, nur vor der Erschießung, als die polnische Staatlichkeit von der Sowjetunion kontrolliert wurde und in Polen ein im Kern Einparteiensystem der politischen Führung an der Spitze mit der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei existierte, in der es im Grunde ebenfalls eine Aufteilung in zwei solche Lager gab, nur innerhalb eben dieses politischen Systems. Und diese Lager wechseln ständig ihre Rollen an der Macht.

Das ist dem, was in den Vereinigten Staaten geschieht, sehr ähnlich. Und für mich bleibt etwa der faktische Verlust der parteiübergreifenden Unterstützung in Amerika ein großes Problem. Dass wir sehen, wie bei bestimmten ukrainischen Fragen die überwiegende Mehrheit der Demokraten und die Minderheit der Republikaner abstimmt. Und so geschieht es seit dem Moment, als die Republikanische Partei von Donald Trump monopolisiert wurde.

Dieses Problem ist für mich als jemanden, der die amerikanische Politik in den letzten Jahren beobachtet, und für jeden von Ihnen völlig offensichtlich. Wir haben immer gesagt, dass die parteiübergreifende Unterstützung unsere starke Seite ist. In den amerikanisch-ukrainischen Beziehungen gibt es diese parteiübergreifende Unterstützung jetzt nicht, und offenbar gibt es sie für niemanden, nicht einmal für Israel. Nur wechseln dort die Parteien die Plätze.

Aber wir haben uns immer gesagt, dass wir Verständigung nicht nur mit republikanischen Regierungen suchen müssen, sondern auch mit Kongressabgeordneten, Senatoren, Republikanern, die so oder so die Abstimmungen im Kongress bestimmen. Selbst wenn wir eine republikanische Minderheit haben, zeigt sich, dass der Kongress eine für die Ukraine günstige Entscheidung treffen kann.

Derselbe Ansatz sollte meines Erachtens auch für Polen gelten. Verstehen Sie, es ist ziemlich leicht, mit Politikern des liberal-zentristischen Lagers zu diskutieren, die unsere Unterstützer sind. Es ist ziemlich wichtig, auf jene Bürgerinitiativen zu reagieren, die jetzt dort entstehen und Volodymyr Zelensky mit irgendwelchen Volksorden auszeichnen. Aber diese Menschen muss man ohnehin nicht überzeugen. Sie sind ohnehin unsere Unterstützer. Sie sind ohnehin unzufrieden mit den Handlungen Karol Nawrockis. Und schon vor der Geschichte mit der Aberkennung der Auszeichnung Zelenskys sagten sie, Karol Nawrocki sei nicht ihr Präsident, sie hätten für Rafał Trzaskowski gestimmt, den Vertreter der Bürgerplattform und Bürgermeister von Warschau. Und faktisch spaltete sich die polnische Gesellschaft bei diesen Präsidentschaftswahlen erneut in zwei Hälften.

Das heißt, wir müssen daraus eine einfache Schlussfolgerung ziehen. Wir müssen Unterstützer nicht im liberalen Lager suchen, wo wir sie ohnehin haben, sondern im rechten Lager, wo wir sie nicht haben oder wo es nur sehr wenige gibt. Und uns sagen, dass im Jahr 2022 die polnische Führung vollständig aus Vertretern rechter Parteien bestand. Sowohl Andrzej Duda als auch Jarosław Kaczyński und Mateusz Morawiecki waren Vertreter rechter politischer Kräfte. Und gerade diese Regierung galt am 24. Februar 2022 als am stärksten zur Unterstützung der Ukraine geneigt. Wie Sie verstehen, gab es unter jenen Polen, die Ukrainern halfen, die vor dem Krieg flohen, Menschen unterschiedlicher politischer Ansichten. 

Zugleich müssen wir uns bewusst machen, dass die Haltung zur historischen Erinnerung bei Vertretern dieses politischen Lagers immer viel härter und viel unversöhnlicher sein wird als bei Vertretern des liberalen oder zentristischen politischen Lagers. Und das bedeutet, dass wir mit den polnischen Rechten gemeinsame politische Interessen suchen müssen und nicht beleidigt auf jede Geste reagieren dürfen, die uns nicht gefällt. Ich spreche jetzt nicht über die Geschichte mit Nawrocki, Sie verstehen, weil sie für mich durchsichtig ist. Wir müssen den Dialog suchen, versuchen, gerade von dieser Konzeption der gemeinsamen Zukunft zu überzeugen, die entweder für beide Länder gewinnbringend oder für beide Länder katastrophal sein kann. Genau davon müssen wir auch diejenigen überzeugen, die kein großes Interesse an einer politischen Zusammenarbeit mit uns haben.

Wir müssen jene polnischen Rechten sehen, die klar sagen, dass Russland für die Polen ein viel vorteilhafterer Nachbar und Partner sei als die Ukraine. Und jene polnischen Rechten, die die Gefahr Russlands für Polen in der Zukunft verstehen. Auch wenn diese Menschen eine Minderheit sein werden, werden sie zusammen mit Liberalen und Demokraten, Zentristen und, sagen wir, linken Liberalen die Mehrheit der polnischen Gesellschaft bilden. Also brauchen wir die Mehrheit der polnischen Gesellschaft.

Ich erzähle immer wieder diese bemerkenswerte Geschichte, dass vor dem Zweiten Weltkrieg in Warschau, einer Hochburg der Rechten, die linken Parteien stets die Stadtverwaltung führten, weil sie mit den jüdischen politischen Kräften ein Bündnis eingegangen waren. Das war eine Koalition, die gemeinsame Ziele hatte. Und diese Ziele waren vor allem mit dem Wunsch der nationalen Minderheiten verbunden, ihren Platz in Polen zu bewahren, und mit der Weigerung des rechten Lagers, ihnen diesen Platz zu geben. Also brauchen wir in Wirklichkeit keinen Konflikt mit Polen, sondern eine breite Koalition von Politikern im liberalen, im linken und im rechten Lager, die auf die Zukunft ausgerichtet ist.

Nun die Frage, was mit der historischen Erinnerung zu tun ist. Auch das ist eine ziemlich einfache Situation. Wir können Ereignisse, die bereits stattgefunden haben, nicht ändern. Die ganze gemeinsame Geschichte des polnischen und ukrainischen Volkes ist voller tragischer Ereignisse. Die Frage der Deutung dieser tragischen Ereignisse wird bei Polen und Ukrainern immer unterschiedlich sein. Mehr noch: Das ist nicht nur ein Problem dieser beiden Völker, wie Sie verstehen, sondern überall in Europa und nicht nur in Europa.

Polen und Israel haben ständig ernsthafte Diskussionen über Fragen der historischen Erinnerung. Denn die Konzeption des Opfer-Volkes selbst schließt die Möglichkeit aus, die Beteiligung eigener Landsleute an Repressionen gegen Nachbarn anderer Abstammungen anzuerkennen. Wie Sie wissen, kam es in den polnisch-israelischen Beziehungen wiederholt auch zu Demarchen von Botschaftern, zur Abberufung von Botschaftern aus Polen oder aus Israel und zur Absage hochrangiger Besuche. All das gab es. Das ist also nicht nur ein ukrainisches Problem.

Und es gab sogar Ereignisse, bei denen einerseits der Botschafter Israels in Polen mit ernsten Vorwürfen gegen die polnische Regierung im Zusammenhang mit Interpretationen von Ereignissen des Zweiten Weltkriegs auftrat. Und zugleich solidarisierte sich der Botschafter Israels in der Ukraine mit dem polnischen Botschafter in der Ukraine wegen der ukrainischen Interpretation von Ereignissen des Zweiten Weltkriegs. All das kann gleichzeitig geschehen.

Und übrigens müssen wir in dieser Situation darüber nachdenken, wie wir uns in denselben analogen Situationen mit eben jenem israelischen Botschafter in Polen für gemeinsame Erklärungen und Initiativen zusammentun können. Wenn der polnische Botschafter in der Ukraine israelische Solidarität sucht, warum sollten wir sie nicht in Polen suchen?

Umso mehr, als all diese Völker zusammenlebten und sowohl Polen als auch Ukrainer, einzelne Vertreter dieser Völker oder irgendwelche Formationen, Verbrechen desselben Ausmaßes gegen Juden begehen konnten wie Polen gegen Ukrainer oder Ukrainer gegen Polen. Das sind die Realitäten des Zweiten Weltkriegs und aller Seiten des Lebens in diesen blutigen Ländern.

Aber hier entsteht eine ziemlich wichtige Frage des Diktierens dessen, was man benennen darf, was man nicht benennen darf und wer das entscheiden soll. Ich habe in Polen bei verschiedenen öffentlichen Diskussionen oft gesagt, dass den Polen einfach gewöhnliche Geduld fehlt, den Ukrainern die Möglichkeit zu geben, sich mit ihrer eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Schließlich lebten bis 1991 90 Prozent der Bewohner unseres Landes im sowjetischen Geschichtsmythos oder im antisowjetischen. Das Verständnis dafür, dass die Geschichte des ukrainischen Volkes viel komplizierter ist, beginnt buchstäblich erst in den letzten Jahren. Wir haben erst vor Kurzem auf den 9. Mai verzichtet.

Ich spreche gar nicht vom Verständnis dessen, was mit der Organisation Ukrainischer Nationalisten, mit der Ukrainischen Aufstandsarmee, mit Bandera oder Melnyk geschah. Umso mehr, als die überwiegende Mehrheit dieser Ereignisse auf einem kleinen Gebiet der heutigen Ukraine, im Westen, stattfand. Und im Osten und Süden gab es eine andere, eigene Geschichte, mit der man sich ebenfalls noch auseinandersetzen muss.

Und die Geschichte der westlichen Gebiete ist im Großen und Ganzen ebenfalls nicht von uns geschrieben, sondern von Russen oder Polen, oder sie ist die Antithese zu dem, was von ihnen geschrieben wurde. Das heißt, wenn Bandera der Hauptfeind Polens und ein Symbol des Hasses der Russen ist, dann wird er automatisch – und das ist Reaktion, nicht Geschichte – zur Hauptfigur der ukrainischen Wahrnehmung der Geschichte heute, da sich die Ukraine in einem jahrelangen endlosen Krieg mit der Russischen Föderation befindet.

Aber die Erfahrung des politischen Ukrainertums in den galizischen Ländern, die Erfahrung derselben Partei der Ukrainischen Nationaldemokratischen Vereinigung unter der Führung von Wasyl Mudryj, die Erfahrung dessen, wie polnische Politiker handelten, sagen wir, jener Befürworter der ukrainisch-polnischen Verständigung Tadeusz Hołówko, der von Kämpfern der Organisation Ukrainischer Nationalisten gerade deshalb getötet wurde, weil er ein Befürworter der ukrainisch-polnischen Versöhnung war. Und das störte natürlich die Ziele radikaler Politiker. All das bleibt weit, sehr weit außerhalb der Mainstream-Meinung, außerhalb des Verständnisses der überwiegenden Mehrheit der Ukrainer davon, was die nationale Geschichte der Ukraine und, sagen wir, der ukrainischen Ländereien ist.

Und wenn erst wenige Jahre vergangen sind, während die Polen sich seit mehreren Jahrzehnten, vielen Jahrzehnten, man kann sagen seit Jahrhunderten, mit dem Verständnis ihrer Geschichte beschäftigen und auch in der kommunistischen Epoche nicht aufhörten, sich damit zu beschäftigen, dann sollte man dem Nachbarland vielleicht Zeit geben, sich damit auseinanderzusetzen, statt ihm Bedingungen zu stellen. Auch das ist ein ziemlich wichtiger Punkt, den man sagen möchte.

Ich denke immer an den großen Film von Andrzej Wajda „Asche und Diamant“ mit dem genialen Zbigniew Cybulski in der Hauptrolle. Und Menschen der älteren Generation erinnern sich an diesen Film. Er ist überhaupt Teil der Geschichte der Filmkunst. Aber denken Sie daran: Es ist ein Film, in dem im Grunde ein Soldat der Armia Krajowa als solch ein vieldeutiger Held auftritt. Und das wurde im filmischen, künstlerischen Leben Polens tatsächlich zu einem Ereignis. Können Sie sich vorstellen, dass man im sowjetisch-ukrainischen Kino zu Sowjetzeiten einen Soldaten der Ukrainischen Aufstandsarmee in solchen Farben hätte darstellen können? Niemals im Leben. Ganz zu schweigen davon, dass unser gesamtes Kino nicht nur seine eigene kommunistische, sondern vor allem die Moskauer chauvinistische Zensur durchlief.

Wie soll man sich damit auseinandersetzen, wie mit all dem leben? Deshalb ist dies ein wichtiger Moment, ein Moment, in dem der Versuch, historische Narrative zu diktieren, ein ernstes Problem für jene ist, die heute versuchen, die Ukraine real als ein Land wahrzunehmen, das mit der Nachbarversion der Geschichte einverstanden sein müsse. Denn in Wirklichkeit ist das ein Ansatz, der keineswegs nur von Polen vertreten wird.

Und Polen sollte beunruhigen, dass Moskau seinerseits ebenfalls ständig versucht, der Ukraine seine eigene Version der Geschichte und seine Vorstellungen davon aufzuzwingen, wie Straßen und Städte heißen sollen. Und in Polen müsste man darauf schauen, wie die Russen in allen besetzten Regionen der Ukraine Lenin-Denkmäler aufstellen, wie sie sowjetische Städtenamen verwenden, und nachdenken: Vielleicht ist gerade ein solcher Umgang mit Ukrainern, wenn er im Kern mit russischem Diktat assoziiert wird, ebenfalls nicht der beste Weg zum Aufbau bilateraler Beziehungen?

Also müssen in dieser Situation beide Länder und beide Völker sich selbst die wichtigste Frage beantworten. Was wollen wir in der Zukunft wirklich? Diskussionen über historische Erinnerung oder gemeinsame Entwicklung? Warum verstehen wir nicht, welches unglaubliche Potenzial in der gemeinsamen Entwicklung der Ukraine und Polens liegt? Von Menschen unterschiedlicher Ansichten, rechten, linken, zentristischen, ohne Ansichten. Wir können gemeinsam diese Staatlichkeit, sowohl die ukrainische als auch die polnische, schützen und entwickeln. Und trotz aller Befürchtungen, dass ein Land dem anderen in der Europäischen Union im Weg stehen könnte, sind das in Wirklichkeit solche Perspektiven eines gemeinsamen Marktes, von denen man nur träumen kann. Und genau darüber sollten wir nachdenken.

Wissen Sie, vor etwa neun Jahren habe ich in Chicago – ich war damals Ko-Vorsitzender des polnisch-ukrainischen Forums für Zusammenarbeit, das von den Außenministerien der beiden Länder geschaffen wurde – ein Treffen der Leiter polnischer Organisationen in den Vereinigten Staaten, denn in Chicago gibt es ihr Zentrum, und ukrainischer Organisationen in Illinois initiiert.

Und ich sah dieses Treffen. Die Leiter polnischer Organisationen der Vereinigten Staaten kamen ins ukrainische Haus im ukrainischen Viertel in Chicago. Diese Menschen trennt der Begriff der historischen Erinnerung viel ernsthafter als die Bewohner der heutigen Ukraine und die Bewohner des heutigen Polen, die sich erst nach dem Ende des Sozialismus wieder mit all diesen Fragen auseinandersetzen mussten. Aber ich habe gesehen, wie die Vereinigten Staaten die Menschen dazu erziehen, an die Zukunft zu denken. Ich habe die besten Erinnerungen an dieses Treffen und an diese Angemessenheit bewahrt.

Ich würde mir von uns allen, sowohl in Warschau als auch in Kyiv, eigentlich Angemessenheit wünschen, das Verständnis, dass kein Land ohne das andere auskommen wird, dass wir nicht versuchen müssen zu zeigen, wer härter auf diese oder jene Bemerkungen und Übergriffe antworten kann, sondern zugleich alles Mögliche tun müssen, damit dieser Konflikt so oder so, wie jede unserer, ich würde sagen, Diskussionen über historische Erinnerung, beruhigt wird, selbst wenn wir sehen, dass derselbe Karol Nawrocki kein besonderes Verlangen hat, ihn zu beruhigen.

Man muss Wege suchen, unter anderem Einfluss auf den polnischen Präsidenten über seine eigenen Mitstreiter zu nehmen. Man muss verstehen, dass es nichts Gutes an einem Konflikt zwischen den Präsidenten der Ukraine und Polens gibt. Selbst wenn uns diese Demonstration gesellschaftlicher Einheit darum gefällt.

Denn wir müssen darüber nachdenken, was weiter sein wird. Wir müssen verstehen, dass wir ohne polnisch-ukrainische Beziehungen und ohne ihre normale Entwicklung nicht auskommen werden. Umso mehr, als früher oder später auch noch die Geschichte mit der europäischen Integration kommen wird. Und hier brauchen wir Polen ganz sicher als Verbündeten. Ohne die Unterstützung Polens riskieren wir, jahrzehntelang in der Tür der Europäischen Union steckenzubleiben. Und auch das ist eine reale Sache, über die man sprechen muss.

Das Problem ist, dass heute weder in Warschau noch in Kyiv ein solches Verständnis bis zum Ende vorhanden ist. In Polen spricht man von Problemen für die Landwirtschaft. Wir glauben, dass Polen uns während der europäischen Integration nicht ernsthaft behindern wird, aber es kann auch ganz anders kommen. Viele Länder Südeuropas stießen gerade zur Zeit ihres Beitritts auf Einwände von Nachbarn. Und übrigens, wenn wir die ganze Zeit über jene Probleme sprechen, die wir mit Ungarn haben und die keine Probleme der historischen Erinnerung sind, sondern instrumentelle Probleme, Bildung und so weiter, also Dinge, die im Prinzip lösbar sind, selbst wenn man auf schmerzhafte Zugeständnisse eingehen muss, dann kann Nordmazedonien gerade deshalb, weil es mit Bulgarien einen Konflikt hat, der mit historischer Erinnerung, mit historischen Interpretationen verbunden ist, auf dem Weg in die Europäische Union überhaupt nicht vorankommen.

Und was geschieht in Nordmazedonien? In Nordmazedonien gibt es echte gesellschaftliche Solidarität. Die überwiegende Mehrheit der ethnischen Mazedonier unterstützt ihre Regierung, die bei der historischen Erinnerung keine ernsthaften Zugeständnisse machen will, die Verfassung nicht ändern will, ihr Land nicht als Fortsetzung der bulgarischen Geschichte anerkennen will. All das ist wunderbar. Aber zugleich erhalten dieselben Menschen, die für einen solchen harten Ansatz stimmen, bulgarische Pässe und fahren in die Europäische Union arbeiten. Und Nordmazedonien wird allmählich zu einem Land mazedonischer Rentner und albanischer ethnischer Jugend, die keinen Pass in Bulgarien bekommen kann, nicht in die Europäische Union fährt und immer mehr wird. Und bald wird Nordmazedonien patriotisch seine ethnische Färbung ändern.

Ich möchte nicht, dass sich bei uns ein ähnlicher Prozess wiederholt: dass die Menschen lautstark eine harte Politik unterstützen, sich patriotisch geben und gleichzeitig nach Polen zum Arbeiten gehen – um dann in Warschau, Lublin, Krakau, Danzig oder Wrocław ihren Patriotismus rasch zu vergessen.

Also lasst uns lieber in die Europäische Union gelangen und erst danach die Fragen der historischen Erinnerung besprechen, die uns nicht gefallen. Dafür braucht es Verständigung, und dafür müssen die Emotionen etwas gedämpft werden. Dafür muss man die unterschiedlichen Interpretationen der historischen Erinnerung bei Ukrainern und Polen als Tatsache akzeptieren und verstehen, dass die Polen uns offensichtlich in nächster Zeit nichts werden beweisen können und wir den Polen ebenso wenig. Genau das müssen wir den Polen vermitteln, damit sie sich zumindest vorübergehend damit abfinden. Nun, das sind einfach solche Bemerkungen zu dem, was geschieht.

Ich werde auf einige Fragen antworten, die es während dieser Sendung bereits gibt.

Frage. Was denken Sie über das Ultimatum Zelenskys an Lukaschenko? Bedeutet das, dass eine strategische Entscheidung über einen Schlag gegen Belarus getroffen wurde und es jetzt nur noch um das Ausmaß geht?

Portnikov. Warum denken Sie nicht, dass Belarus in der Lage, in der es sich befindet, einfach der Abschaltung eben jener Relaisstationen zustimmen wird? Sie verstehen doch, dass Lukaschenko diese, ich würde sagen, Fragilität seiner Situation im Zusammenhang damit sehr gut erkennt, dass die Ukraine mit Schlägen gegen Russland begonnen hat und niemand sie daran hindert. Im Zusammenhang damit, dass die Ukraine es geschafft hat, die Krim faktisch fast zu isolieren, und niemand sie daran hindert. Heute sagte Putin, er sei überzeugt, dass Lukaschenko in der Lage sei, die Souveränität Belarus’ zu schützen. Nun, Lukaschenko ist vielleicht nicht überzeugt, dass er dazu in der Lage ist.

Und hier entsteht noch eine Frage: Braucht Putin Schläge gegen Belarus, wenn es die Raffinerie von Masyr gibt? Wenn diese Raffinerie faktisch fast das einzige Raffinerieunternehmen im europäischen Teil von Belarus und Russland bleibt, das störungsfrei Erdölprodukte für die Bedürfnisse des russischen Staates und der russischen Armee liefert. Auch hier ist die Frage ziemlich gut. „Was ist uns wichtiger? Relaisstationen, mit deren Hilfe wir unsere Drohnen auf die Ukraine lenken können, oder Öl, Erdölprodukte?“ Vielleicht kann man Relaisstationen an der russischen Grenze aufstellen oder ihre Tätigkeit irgendwie umprogrammieren, dabei aber die belarussische Wirtschaft nicht riskieren, die die Russische Föderation jetzt brauchen könnte.

Die Frage ist also nicht, ob eine Entscheidung über einen Schlag gegen Belarus getroffen wurde, sondern wie realistisch dieses Ultimatum auf Lukaschenko und auch auf Putin wirken kann, weil offensichtlich ist, dass Lukaschenko so oder so, wenn er bestimmte Entscheidungen trifft, sich mit Putin beraten und ihm erklären kann, was ich Ihnen erkläre. Und Putin selbst kann das sehr gut verstehen.

Frage. Warum sagen Sie nicht direkt, dass in diesem Konflikt gerade das polnische Volk schuld ist, dem unser Volk überhaupt nichts Schlechtes getan hat? 50 Prozent der Stimmen für Nawrocki sind ein Urteil über ihre Nation.

Portnikov. Nun, entschuldigen Sie. Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass man kein Volk beschuldigen sollte, an irgendetwas schuld zu sein, umso mehr, als die Menschen in Polen absolut unterschiedlich abstimmen, und zu sagen, dass das ukrainische Volk jetzt oder in der Geschichte niemandem etwas Schlechtes getan habe, ist ebenfalls eine Frage. 

Und wiederum: Völker tun einander nichts Schlechtes an. Es gibt einfach historische Perioden, in denen bestimmte Schichten von Völkern Verbrechen eines solchen Ausmaßes begehen können, die man dann jahrhundertelang nicht vergessen kann. Glauben Sie mir. Und das betrifft die Ukrainer in genau demselben Maße wie jedes andere Volk Europas. Also sollte man sich selbst die Verantwortung für diese Verbrechen nicht absprechen, so wie man sie auch anderen nicht absprechen sollte.

Wenn Sie über 50 Prozent für Nawrocki sprechen und darüber, dass dies ein Urteil über die polnische Nation sei, erinnern Sie sich an die 50 Prozent der Stimmen für Janukowytsch. Über welche Nation ist das ein Urteil?

Frage. Sagen Sie mir bitte, wie lange kann man noch auf ihre Provokationen hereinfallen? Haben wir denn kein Selbstbewusstsein? Sie erpressen uns doch.

Portnikov. Ich bin auch der Meinung, dass man auf Provokationen angemessen reagieren muss. Doch ohne Verständnis für die Notwendigkeit der Verbindungen zu Polen ist die Ukraine in der weiteren Konfrontation mit der Russischen Föderation zu ernsthaften Problemen verurteilt und möglicherweise zu viel ernsteren Verlusten, als wir erleiden könnten, wenn wir keine gemeinsame Sprache mit Polen finden.

Unsere östliche Grenze ist geschlossen, für immer geschlossen. Es gibt für die Ukraine für die kommenden Jahrzehnte, die Jahrzehnte blutiger Konfrontation mit der Russischen Föderation sein werden, keinerlei Manövriermöglichkeiten. Selbst wenn der Krieg unterbrochen wird, werden neue Konflikte, neue Kriege auf der Tagesordnung stehen, auf die man sich schon jetzt vorbereiten muss.

Diese neuen Konflikte, diese neuen Kriege, den Tod neuer Tausender Ukrainer und Ihrer Kinder und Ihrer Enkel und jener, die noch nicht geboren sind, aber schon als nächste Opfer von Kriegen betrachtet werden können, kann man nur verhindern, wenn wir im Westen eine klare Koalition haben. Diese klare Koalition im Westen ist ohne ein Bündnis mit westlichen Ländern, mit den Ländern Mitteleuropas, unseren Nachbarn, unmöglich.

Ohne dies ist die ukrainische Staatlichkeit zum Scheitern verurteilt, das ukrainische Volk wird Teil des russischen Volkes werden. Zweifeln Sie nicht einmal daran, dass es so sein wird. Und dann wird man natürlich mit den Polen im Namen Putins und Puschkins sprechen können. Aber ich glaube nicht, dass Sie das wollen.

Frage. Wie stellen Sie sich unseren Beitritt zur Europäischen Union mit solchen Nachbarn vor? Ist das wirklich realistisch?

Portnikov. Die Frage des Beitritts der Ukraine zur Europäischen Union ist eine Frage des nächsten Jahrzehnts. Im optimistischsten Fall tritt die Ukraine der Europäischen Union im Zeitraum 2035–2040 bei. Jetzt ist im Kalender 2026, der Krieg ist nicht beendet. Es gibt keine objektiven Gründe anzunehmen, dass er enden wird. Es gibt keine objektiven Gründe anzunehmen, dass er 2035 nicht beginnen wird. Deshalb würde ich mit diesen Dingen nicht eilen.

Aber ich glaube, dass man mit jedem Nachbarn der Europäischen Union beitreten kann, wenn es den allgemeinen Willen der Mehrheit der Länder der Europäischen Union gibt, besonders der führenden Länder. Schließlich war Frankreich seinerzeit an der Vorbereitung eines realen, wie soll man sagen, Verständnisses zwischen Bulgarien und Nordmazedonien beteiligt. Und dieser Kompromiss gab Nordmazedonien die Möglichkeit, Verhandlungen über den Beitritt zur Europäischen Union aufzunehmen.

Ich habe Ihnen bereits erzählt, warum Nordmazedonien diese Verhandlungen nicht aufgenommen hat. Und ich glaube, dass das die Wahl des mazedonischen Volkes ist. Aber Nordmazedonien hat nicht solche Probleme wie wir heute. Es ist schließlich nicht im Krieg. Und die Frage der Existenz des mazedonischen Volkes stellt sich nicht, obwohl sie sich jetzt schon zu stellen beginnt.

Frage. Kommentieren Sie die Mobilisierungsmethode in Pensa. Ist das eine Initiative der Region oder eine Anweisung von oben, um die Stimmung und die Reaktion der Bevölkerung auszuloten?

Portnikov. Ich glaube an keinerlei Initiativen der Region, wenn es um Handlungen von Beamten des russischen Verteidigungsministeriums geht, selbst vor Ort. Das ist eine Armee. Das müssen Sie sehr gut verstehen. Kein Militärkommissar wird solche Anordnungen ohne klare Koordinierung entlang der gesamten Vertikale der militärischen Macht erteilen. Ich denke, das ist gerade der Versuch zu sehen, auf welche Weise eine solche Mobilisierung ohne die Ausrufung einer Massenmobilisierung durchgeführt werden kann.

In Wirklichkeit ist das eine gute Nachricht. Sie sagt, dass die russische politische Führung vorerst, ich betone, nicht bereit ist zu einer Massenmobilisierung von Bürgern zur Fortsetzung des Krieges gegen die Ukraine in den kommenden Jahren. Und dass selbst wenn die strategische Entscheidung getroffen wurde, den Krieg gegen die Ukraine in den 20er- und 30er-Jahren des 21. Jahrhunderts fortzusetzen, was absolut so sein kann, man im Kreml nach Möglichkeiten sucht, in diesen nächsten vier oder acht Jahren Krieg ohne eine massenhafte, offiziell ausgerufene Mobilisierung auszukommen.

Und wie kommt man aus, wenn die Menschen nicht in den Vertrag gehen wollen? Die Antwort ist einfach: das Einsammeln von Vertragswilligen mit Bussen, was ebenfalls Teil des Auswegs aus der Situation sein kann, wenn auch nicht so massenhaft, wie man ein Ergebnis bei einer massenhaften Mobilisierung bekommen könnte.

Aber bei einer massenhaften Mobilisierung russischer Bürger wird eine riesige Zahl von Menschen versuchen, aus dem Land zu fliehen. So aber haben Sie keine Probleme in der Wirtschaft und zugleich Nachschub an Menschenmaterial für die russische Armee.

Frage. Wenn Trump wirklich mehr helfen muss, wird er Polen nicht zwingen können, nachgiebiger zu sein?

Portnikov. Ich glaube nicht, dass Trump der Ukraine mehr helfen müssen wird. Und ich glaube nicht, dass man Polen in dieser Situation nachgiebiger machen müsste, weil ich überzeugt bin, dass Polen realistisch dazu steht, dass Hilfe für die Ukraine ein wichtiger Teil seiner eigenen Sicherheit ist. Zumindest versteht die heutige Regierung Polens das sehr gut. Und ich denke, dass dies unsere letzte, ich würde sagen, Möglichkeit wäre, wenn wir selbst keine gemeinsame Sprache mit der Führung Polens finden können und gezwungen wären, Trump um Hilfe zu bitten.

Ich erinnere Sie daran, dass Karol Nawrocki der einzige Staatschef eines ausländischen Staates war, der zum 80. Geburtstag des Präsidenten der Vereinigten Staaten eingeladen wurde. Es ist also noch unbekannt, wer Donald Trump überzeugen kann. Ich glaube, Karol Nawrocki hat Dutzende Male mehr Möglichkeiten als Volodymyr Zelensky. Denn Volodymyr Zelensky trifft Donald Trump am Rande des G7-Treffens, dann, wenn ihm Emmanuel Macron diese Treffen am Rande organisiert, während im Zeitplan des amerikanischen Präsidenten keinerlei Treffen mit Zelensky steht. Karol Nawrocki hingegen lädt Trump persönlich zu seinem Geburtstag ein.

Verstehen Sie den Unterschied der Ansätze und den Unterschied der Sympathien? Deshalb würde ich nicht voreilig auf Trump setzen und mir darüber im Klaren sein, dass Nawrocki bei Trump wesentlich mehr Sympathien genießt als Zelensky, der überhaupt nicht auf Trumps Sympathie zählen kann und mit dem Trump nur deshalb sprechen muss, weil er nicht darum herumkommt, mit ihm zu sprechen. Zum Glück. Auch das muss man verstehen. Also lasst uns, Freunde, keine Unterstützer dort erfinden, wo es sie nicht gibt, und keine Feinde dort, wo es sie nicht geben sollte.


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Titel des Originals: Українсько- польський конфлікт: наслідки |Віталій Портников. 22.06.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 22.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Zelensky setzt Nawrocki unter Druck | Vitaly Portnikov. 22.06.2026.

Der Präsident der Ukraine, Volodymyr Zelensky, hat seinem polnischen Amtskollegen Karol Nawrocki vorgeworfen, er versuche, die Konferenz zum Wiederaufbau der Ukraine zu sabotieren, die in Danzig stattfinden wird, und stelle zugleich den Wahlerfolg gegenüber den politischen Gegnern der Partei des amtierenden Ministerpräsidenten Donald Tusk in den Mittelpunkt seines Handelns.

Damit bestätigte Zelensky genau das, worauf ich seit Beginn dieses Skandals hingewiesen habe. Es geht nicht um Fragen der historischen Erinnerung, sondern um den Wahlkampf in der polnischen Gesellschaft.

Polen bleibt praktisch seit der Wiedererlangung seiner Unabhängigkeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein in zwei Hälften gespaltenes Land. Und der erbitterte Kampf zwischen zwei politischen Lagern, die in der Geschichte Polens nahezu nie zu einem gegenseitigen Verständnis gefunden haben, bleibt eines der wichtigsten Merkmale der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung des Nachbarlandes.

Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie man aus dieser unerwarteten tiefen politischen Krise herauskommen kann, die in den Beziehungen zwischen zwei füreinander wichtigen Ländern entstanden ist. Denn ungeachtet aller Kontroversen um die historische Erinnerung geht der Krieg der Ukraine gegen Russland weiter. Und wie wir sehen, brennt in Moskau niemand darauf, diesen Krieg in absehbarer Zukunft zu beenden.

Polen bleibt einer der wichtigsten Verbündeten der Ukraine für ihr Überleben in diesem langjährigen, endlos scheinenden Krieg. Und die Ukraine bleibt für Polen ein wichtiger Schutzschild für die eigene Sicherheit.

Denn wir verstehen, dass das Verschwinden des ukrainischen Staates von der politischen Landkarte der Welt nicht nur zu einer gewaltigen Migrationskrise führen würde, die die Entwicklungsperspektiven Polens unter sich begraben könnte, sondern auch die Existenz der polnischen Staatlichkeit selbst infrage stellen würde – in einer Situation, in der die überwiegende Mehrheit der europäischen Länder von Politikern geführt würde, die auf eine Verständigung mit Moskau setzen.

Wahrheit ist jedoch, dass es in Polen bereits eigene solche Politiker gibt. Gerade Vertreter des ultrarechten populistischen Lagers verbergen nicht, dass sie nicht Russland, das mehrmals einen Schlussstrich unter die polnische Staatlichkeit gezogen und die Existenz des polnischen Volkes infrage gestellt hat, als Hauptfeind Polens betrachten, sondern die Ukraine, die dem polnischen Staat heute zumindest die Möglichkeit gibt, sich auf eine Konfrontation mit dem aggressiven russischen Imperium vorzubereiten.

Damit bleibt die Frage der Verständigung die wichtigste Aufgabe für die Zukunft, selbst vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Spaltung. Zugleich können wir sehen, dass wir eine ukrainisch-polnische Verständigung noch lange nicht erleben werden, wenn wir den Weg der historischen Erinnerung weitergehen.

Ungeachtet dessen, dass die polnische Gesellschaft unterschiedlich auf die Entscheidung von Präsident Karol Nawrocki reagiert, seinem ukrainischen Amtskollegen einen polnischen Orden abzuerkennen, besteht im politischen Lager Polens – sei es das Lager von Nawrocki und Kaczyński oder das von Tusk – vollständiger Konsens darüber, dass die Benennung einer Militäreinheit nach der Ukrainischen Aufständischen Armee ein Fehler Volodymyr Zelenskys war. Es gibt jedoch keinen Konsens darüber, wie auf solche Handlungen reagiert werden sollte.

Praktisch niemand möchte anerkennen, dass Zelensky bei dieser Entscheidung überhaupt nicht darüber nachgedacht hat, welche Folgen sie für die ukrainisch-polnischen Beziehungen haben könnte, und dass er seine Entscheidung überhaupt nicht mit dem Dialog mit Warschau in Verbindung brachte.

Die überwiegende Mehrheit der Polen unterstützt Präsident Nawrocki in seiner Haltung gerade in der Frage der Benennung einer Militäreinheit nach der Ukrainischen Aufständischen Armee. Gleichzeitig besteht in der ukrainischen Gesellschaft Konsens darüber, dass die Ukraine selbst entscheiden muss, wie die historische Erinnerung des ukrainischen Volkes aussehen soll, und darüber, dass die Ukrainische Aufständische Armee eine nationale Befreiungskraft dieses Volkes war.

Die Ukrainer sind bereit, die Armee, die in einer wichtigen Phase ihres Bestehens sowohl gegen die Nationalsozialisten als auch gegen die Bolschewiki kämpfte, mit der polnischen Armia Krajowa zu vergleichen. Für Polen zeugt dies vor allem von einem mangelnden Verständnis der Sichtweise Warschaus auf die historische Erinnerung. Denn die Armia Krajowa ist aus polnischer Sicht die offizielle Armee eines zwar zerstörten, aber aufgrund der erhalten gebliebenen Exilinstitutionen weiter bestehenden polnischen Staatswesens. Die Ukrainische Aufständische Armee hingegen ist eine paramilitärische Formation, der man sowohl Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten als auch Separatismus vorwerfen kann.

Daher kann eine Verständigung über die historische Erinnerung als solche zwischen dem ukrainischen und dem polnischen Volk vielleicht erst dann erfolgen, wenn die Vertreter der Nachkriegsgenerationen, ihre Kinder und möglicherweise sogar ihre Enkel endgültig von der Bühne des Lebens abgetreten sind. Hier sollte man keine Verständigung erwarten und auch nicht danach suchen. Kein Dialog zwischen Historikern wird sie wiederherstellen. Das muss man einfach verstehen. Nur die Zeit heilt solche Wunden – und sehr viel Zeit.

Was also tun?

Vielleicht sollte man weniger über historische Erinnerung nachdenken als darüber, wie beide Länder in einer Welt überleben können, die für die sogenannten mittleren Staaten immer ungemütlicher wird, während Länder wie die Vereinigten Staaten von Amerika und die Russische Föderation nach einem Dialog über ihre eigene Sicht der Welt und ihre Rolle darin als Hegemonialmächte suchen.

Und alle Hoffnungen Polens darauf, dass die Vereinigten Staaten es vor Russland schützen könnten, könnten an der unerbittlichen Realität zerschellen – so wie vor unseren Augen derzeit die Hoffnungen des jüdischen Staates zerschellen.

Vielleicht wäre dies ein wirksames Heilmittel, wenn man in Warschau und auch in Kyiv die Unvermeidlichkeit der Existenz beider Staaten in einer Konfrontation mit Partnern begreifen würde, die auf die Stärkung ihrer eigenen Rolle hoffen. Vielleicht würde es helfen, wenn man sowohl in Warschau als auch in Kyiv verstehen würde, dass nur die Vereinigung der sogenannten mittleren Staaten ihnen und ihren Völkern überhaupt eine Existenzgarantie für die nahe Zukunft geben kann. 

Dann könnte man die Fragen der historischen Erinnerung tatsächlich den Historikern überlassen und den Politikern die Aufgabe, das Überleben ihrer Völker in der Zukunft zu sichern – im Bewusstsein, dass dieses Überleben keineswegs garantiert ist und heute niemand auch nur eine Hrywnja oder einen Złoty darauf setzen würde, dass sowohl die Ukraine als auch Polen in zehn oder fünfzehn Jahren noch unbedingt auf der politischen Landkarte der Welt existieren werden.

Ganz und gar nicht.

Und wenn wir tatsächlich von der Notwendigkeit des Überlebens ausgehen, dann würden die Handlungen von Politikern wie Karol Nawrocki, von Vertretern des rechtspopulistischen Lagers in Polen oder auch von jenen in der Ukraine, die heute von der Notwendigkeit sprechen, die Beziehungen zum engsten Verbündeten abzubrechen, dessen Zusammenarbeit für die ukrainische Handlungsfähigkeit in den kommenden Monaten und Jahren des schweren russisch-ukrainischen Krieges entscheidend ist, völlig anders aussehen – eines Krieges um die bloße Existenz der ukrainischen Staatlichkeit und Nation.

Gerade die Frage der Sicherheit und dieses Überlebens muss daher im Mittelpunkt der Beziehungen stehen, die wir zu unseren Nachbarstaaten aufbauen.

Die Türen der Ukraine stehen derzeit nur nach Westen offen. Nach Osten werden sie für viele Jahrzehnte des Bestehens des ukrainischen Staates und des ukrainischen Volkes verschlossen bleiben.

Von diesem Paradigma muss man ebenfalls ausgehen, wenn wir über die Zukunft der ukrainisch-polnischen Beziehungen und über die Suche der Ukraine nach Wegen zum eigenen Überleben sprechen.


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Titel des Originals: Зеленський кошмарить Навроцького|Виталий Портников. 22.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 22.06.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Die Ukraine muss die Rückführung der sterblichen Überreste historischer Persönlichkeiten anstreben, die die ukrainische Staatlichkeit geschaffen haben und im Ausland bestattet sind. Viktor Juschtschenko. 25.05.2026.

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Liebe Landsleute,

heute war ich bei einem Ereignis anwesend, dessen Bedeutung unsere Nation im Laufe der Jahre noch tiefer verstehen wird.

Auf ihre Heimaterde, in das Herz der Ukraine – in das heilige Kyiv – sind der Oberst der Armee der Ukrainischen Volksrepublik, Vorsitzende der Organisation Ukrainischer Nationalisten, Andrij Melnyk, und seine treue Ehefrau und Mitstreiterin Sofija Fedak-Melnyk zurückgekehrt.

Sie sind nach Hause zurückgekehrt.

Sie sind in die Ukraine zurückgekehrt, für die sie gekämpft haben, die sie selbst in der Fremde in ihrem Herzen trugen, für die sie beteten und für die sie ihr eigenes Leben opferten.

Dies ist nicht nur eine Umbettung. Es ist ein Akt großer historischer Gerechtigkeit. Es ist die Rückkehr der Erinnerung. Die Rückkehr unserer staatlichen Kontinuität. Die Rückkehr jener Namen, ohne die die vollständige Geschichte der ukrainischen Nation nicht geschrieben werden kann.

Über Jahrhunderte hinweg versuchte Moskau nicht nur, ukrainisches Land zu besetzen – es wollte unsere historischen Wurzeln zerstören, unsere Erinnerung über die Welt verstreuen und dafür sorgen, dass ukrainische Helden selbst nach ihrem Tod Verbannte blieben. Deshalb hat das heutige Ereignis nicht nur symbolische, sondern auch eine tiefgreifende staatspolitische Bedeutung.

Wir müssen eine einfache Wahrheit erkennen: Das ukrainische Pantheon des nationalen Ruhms kann nicht vollendet sein, solange unsere großen Söhne in der Fremde verbleiben.

Die Ukraine muss ihre Helden nach Hause zurückholen. Wir müssen die sterblichen Überreste des großen Hetmans Iwan Masepa, des Schöpfers der ersten ukrainischen Verfassung Pylyp Orlyk, des Obersten Atamans Symon Petljura, des Hetmans Pawlo Skoropadskyj, des Obersten Jewhen Konowalez, des Führers Stepan Bandera und Tausender anderer Ukrainer zurückführen, die unsere Staatlichkeit geschaffen haben und deren Gräber heute über die ganze Welt verstreut sind.

Denn ein Volk, das seine Helden nicht ehrt, hat keine Zukunft. Ein Volk aber, das seine Erinnerung zurückgewinnt, wird stark, geeint und unbesiegbar.

Heute gibt die Ukraine nicht nur Namen zurück – die Ukraine gewinnt ihre staatliche Erinnerung zurück. Die Ukraine holt die Ihren heim.

Die Ukraine holt ihre Geschichte zurück.

Die Ukraine holt sich selbst zurück.

Ruhm der Ukraine!


Liebe Freunde!

Ich sehe, mit welcher Leidenschaft ihr dieses Ereignis diskutiert, und ich danke jedem Einzelnen für seine Anteilnahme. Jeder Führer, jede Persönlichkeit in unserer Geschichte hat ihre Spuren hinterlassen, und es ist natürlich, dass die Bewertungen unterschiedlich ausfallen können.

Doch heute, da wir die sterblichen Überreste eines herausragenden Kämpfers für die ukrainische Freiheit auf die heilige Erde von Kyiv zurückgeführt haben, haben wir unsere heilige Pflicht als Staat und als Nation erfüllt.

Dies ist ein Moment der Solidarität, nicht des Zwistes.

Alle Führungspersönlichkeiten – vergangene wie gegenwärtige – müssen Schulter an Schulter stehen, wenn es um das nationale Gedächtnis geht.

Ich bitte euch: Bewahren wir Ruhe, Respekt voreinander und unsere Einheit.

Nur in der Einheit liegen unsere Stärke und unsere Zukunft.


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Autor: [Autor]
Veröffentlichung / Entstehung: 25.05.2026.
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Was Polen und Ukrainer über ihre gemeinsame Tragödie vergessen. Vitaly Portnikov . 11.06.2026.

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Wenn ich die neue Aufblähung des polnisch-ukrainischen historischen Konflikts verfolge, der erneut droht, die Beziehungen nicht nur zwischen unseren Staaten, sondern auch zwischen unseren Völkern zu verschlechtern, verspüre ich eine große Versuchung, diese Situation nicht aus der Perspektive eines ukrainischen Journalisten zu betrachten, der an sein Land und dessen Zukunft glaubt, und auch nicht aus der Perspektive eines aufrichtigen Freundes Polens.

Ich verspüre die Versuchung, diese Situation aus der Perspektive eines Opfers zu betrachten. Ja, eines Opfers. Denn in der Realität, vor der alle so gern die Augen verschließen, gehöre ich zu einem Volk, dessen Millionen Angehörige jahrhundertelang auf dem Gebiet des heutigen Polen und der heutigen Ukraine lebten. Sie lebten dort übrigens schon, bevor die Polen begriffen, dass sie Polen sind, und die Ukrainer, dass sie Ukrainer sind.

Sie lebten – und jetzt leben sie dort nicht mehr. Wohin sind sie wohl verschwunden? Sie wissen selbst, wohin. Die überwältigende Mehrheit wurde einfach ermordet – darunter auch meine nächsten Verwandten. Viele wurden einfach vertrieben. Und dabei geht es nicht nur um das Mittelalter mit seinen blutigen Exzessen. Es geht auch um das 20. Jahrhundert. Um den Holocaust, ja. Aber auch um alles, was vor und nach dem Holocaust geschah. Um die Pogrome in der Ukraine. Um Jedwabne, um Kielce. Um die Vertreibungen aus dem kommunistischen Polen. Um den wilden sowjetischen Antisemitismus. Sowohl die Ukrainer als auch die Polen sollten einfach verstehen: Das hat niemand vergessen. Und niemand wird es vergessen – genauso wenig, wie Ukrainer und Polen sich an die Opfer von Wolhynien erinnern werden.

Dabei funktionieren keine der üblichen Erklärungen über religiöse oder wirtschaftliche Motive der Verfolgungen in der realen Welt. Es funktionieren keine Erklärungen, wonach diese ganze Atmosphäre von hinterhältigen feindlichen Imperien oder von den Russen geschaffen worden sei. Es funktionieren keine Erklärungen, wonach die „Volksrächer“ auf die kommunistischen Verbrechen reagiert hätten, weil es unter den Mitgliedern dieser verbrecherischen Partei viele Juden gegeben habe. Man muss immer daran denken: Die Antwort auf all diese „Motive“ war die Ermordung von Frauen und Kindern. Dass vielleicht Ihr Großvater – ein ukrainischer oder ein polnischer – ein jüdisches Kind getötet hat und Ihre Großmutter – eine ukrainische oder eine polnische – ein jüdisches Kind verraten hat, woraufhin es in den Tod geschickt wurde.

Was empfinde ich also, wenn mich von meinen ermordeten Verwandten – und von jenen, die sie hätten töten können – genau ein Handschlag trennt? Ich verspüre keinen Wunsch nach Rache. Ich verspüre keinen Wunsch, Vorwürfe zu machen oder zu erklären, welche Denkmäler niedergerissen und wie Straßen benannt werden sollen.

Ich möchte die polnischen und die ukrainischen Völker als Bürger starker Staaten sehen, die ihrer eigenen Zukunft sicher sind. Ich weiß, dass jede Gewalt gegen Schwächere aus einem nationalen Minderwertigkeitskomplex hervorgeht – aus Unsicherheit, aus der Unfähigkeit, sich selbst zu schützen, und aus dem Wunsch, die eigene Wut auszulassen und Stärke gegenüber demjenigen zu demonstrieren, der sich nicht verteidigen kann.

Und ich bin absolut überzeugt, dass der Weg zu einem Gefühl eigener Würde über den Respekt vor jenen führt, die für ihre eigene Souveränität und ihre eigene Staatlichkeit gekämpft haben. Aber ein solcher Kampf unterdrückter Nationen kam in der Geschichte niemals ohne Verbrechen aus, ohne die Trennung zwischen gemäßigten Politikern und Radikalen, ohne Mörder und ohne Gerechte. Menschen sind keine Roboter. Ich würde gern „leider“ schreiben, aber ich werde es nicht tun. Denn sonst würden wir jene Wunder der Selbstaufopferung nicht sehen, bei denen neben denen, die töteten und verrieten, immer auch jene standen, die retteten – um den Preis ihres eigenen Lebens.

Daran denke ich immer, wenn ich die Allee der Gerechten in Yad Vashem in Jerusalem sehe: Wie viele Ukrainer und Polen dort vertreten sind! Und ich bedaure, dass wir bis heute jene Polen, die Ukrainer vor ihren eigenen Landsleuten retteten, und jene Ukrainer, die Polen retteten, nicht würdig ehren. Diese Menschen sind die wahren Helden.

Viele Personen, die im ukrainischen und im polnischen Pantheon geehrt werden, lösen bei mir nicht nur Abscheu, sondern auch ganz gewöhnliche Angst aus. Ja, Angst. Die Angst eines Opfers – denn ich erinnere mich sehr gut an alles, was diese Menschen taten, schrieben und sagten. Aber ich bin überzeugt: Man muss den Völkern die Möglichkeit geben, ihre Helden auf dem Weg des Staatsaufbaus zu ehren. Zumal kein Denkmal ewig ist. Das haben wir in vielen Ländern immer wieder gesehen – von den Vereinigten Staaten bis nach Frankreich oder Deutschland.

Und ich bin überzeugt, dass viele Menschen, die heute in Polen oder in der Ukraine geehrt werden, im Laufe der Geschichte von ihren Sockeln verschwinden werden. Nur müssen dies die Ukrainer selbst und die Polen selbst entscheiden – nicht die Ukrainer für die Polen und nicht die Polen für die Ukrainer.

Heute führt jedoch jeder Konflikt auf historischem Boden nur zum Sieg eines einzigen Staates. Eines Staates, der stets danach gestrebt hat, allen seine eigene Vorstellung von historischer Erinnerung aufzuzwingen. Der niemals irgendein eigenes Verbrechen anerkannt hat und immer alle anderen zu Verbrechern erklärte.

Jeder Zwist zwischen dem polnischen und dem ukrainischen Volk wird unweigerlich zum Triumph Russlands führen. Besiegt Russland die Ukraine, wird es auch Polen zerstören – ganz gleich, mit welchen Illusionen über die eigene Sicherheit in europäischen Strukturen oder in der NATO sich der gewöhnliche Pole vor der Realität zu schützen versucht. Man sollte endlich bemerken, dass sich die Welt erneut verändert hat – und dass niemand mehr irgendwelche Sicherheitsgarantien besitzt.

Wir können nur gemeinsam gerettet werden. Oder gemeinsam zugrunde gehen.


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Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 11.06.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Der Skandal zwischen Polen und der Ukraine wegen der UPA. Die Erklärungen von Wałęsa und Nawrocki, Zelenskys Orden. Vitaly Portnikov. 30.05.2026.

Andrij Smolij: Unverhofft und unerwartet sind wir wieder in irgendeinen diplomatischen Skandal mit Polen geraten, wieder rund um die ungelösten Fragen aus unserer gemeinsamen jüngeren Vergangenheit. Ich meine natürlich das 20. Jahrhundert. Und diesmal begann alles damit, dass Präsident Zelensky beschloss, einem Zentrum der Spezialoperationskräfte den Namen der Helden der UPA zu verleihen.

Für die Ukraine schien das eine eher unauffällige Angelegenheit zu sein. Wahrscheinlich hätte niemand darauf geachtet. Aber in Polen hat man darauf geachtet. Zunächst erklärte der ehemalige Präsident und Held der Samtenen Revolution der späten 1980er Jahre in Polen, Lech Wałęsa, er sei zutiefst empört und werde aus Protest irgendein Abzeichen mit der ukrainischen Flagge nicht mehr tragen. Danach griff der amtierende Präsident Polens, Karol Nawrocki, die Geschichte auf und sagte, er werde alles tun, um Zelensky den Orden des Weißen Adlers abzuerkennen. Das ist die höchste staatliche Auszeichnung der Republik Polen.

Dazu kamen noch irgendwelche Protestnoten von israelischer Seite, die sich gegen die Umbettung von Andrij Melnyk richten.

Kurz gesagt, das ist nun diese Geschichte. Und man sollte wohl vorsichtig auf all das reagieren. So scheint es mir jedenfalls. Aber was sehen wir in dieser Geschichte? Hat Präsident Zelensky vielleicht etwas überstürzt getan, ohne es ausreichend zu durchdenken? Obwohl das schwer zu glauben ist. Oder wird es nie einen besseren Zeitpunkt geben, um diese unsere, ich weiß nicht, bereits eiternden Wunden der ungelösten Geschichte freizulegen, und man muss das einfach Schritt für Schritt tun? Ich weiß nicht, wie ich das bis zum Ende beurteilen soll.

Portnikov: Glauben Sie wirklich, dass Präsident Zelensky, als er dieses Dekret unterschrieb, auch nur eine Minute lang daran dachte, dass dies zu irgendeinem Konflikt mit Polen führen könnte? Für ihn war das irgendeine Standardhandlung, irgendeine Umbenennung, die Verleihung eines Namens an eine militärische Einheit zu Ehren der Ukrainischen Aufstandsarmee, die Teil dessen ist, was ich die militärische Ikonostase der Ukraine nennen würde. Wenn es in Lwiw oder anderen Städten Straßen der Helden der UPA gibt …

Andrij Smolij: Hundert Dokumente zur Unterschrift. Er hat einfach unterschrieben, unterschrieben und gar nicht darauf geachtet?

Portnikov: Vielleicht hat wirklich niemand darauf geachtet, denn die Idee der Ukrainischen Aufstandsarmee als Beispiel für Heldentum und als Objekt ukrainischer Glorifizierung existiert ja nicht erst seit gestern. Deshalb war die polnische Reaktion nicht vorhersehbar. Denn wenn man in Polen einfach nicht auf diese Geschichte aufmerksam geworden wäre? Wenn man sie einfach nicht bemerkt hätte? Hätte das passieren können? Ja, das hätte passieren können. Dann hätte es keinen Skandal gegeben.

Es gibt offensichtliche Dinge in den ukrainisch-polnischen Beziehungen, die man verstehen muss. Beide Länder haben völlig unterschiedliche Vorstellungen von historischer Erinnerung. Das ist eine offensichtliche Tatsache. Genau deshalb arbeiten in solchen Ländern Historikerkommissionen. Sie klären schwierige Fragen, versuchen gemeinsame Nenner zu finden, gemeinsame Initiativen vorzuschlagen, nicht das zu suchen, was trennt, sondern das, was verbindet.

Es gibt einen einfachen Unterschied: Wir sagen Polen niemals, wie es etwas zu nennen hat. Polen versucht uns dagegen sehr oft zu sagen, wie wir etwas nennen sollen. Das ist der Unterschied im Ansatz. Ich halte das für falsch. Das ist der Kernpunkt.

Nein, es geht nicht um die Ukrainische Aufstandsarmee, ihre historische Rolle oder ihre Bewertung in Polen. Polen hat jedes Recht, jeden beliebig zu bewerten. Es ist ein souveräner Staat. Polen ist gerade deshalb ein souveräner Staat, weil es diese Möglichkeiten hat. Es ist ein großes Glück, dass Polen Anfang des 20. Jahrhunderts auf die politische Landkarte der Welt zurückkehrte.

Das polnische Volk erhielt endlich diese Möglichkeit. Ich habe mich immer darüber gefreut – sowohl über das Wunder an der Weichsel als auch über die Wiederherstellung der polnischen Staatlichkeit und schließlich über den Übergang dieses Staates aus der Kategorie sowjetischer Satelliten zu einem unabhängigen europäischen Staat. Dafür muss man Lech Wałęsa und seiner historischen Rolle danken. Und das ist eine viel wichtigere historische Rolle als das, was er jetzt über die historischen ukrainisch-polnischen Beziehungen sagt.

Aber man muss verstehen, dass auch die Ukraine seit den 1990er Jahren in einen solchen Status überging. Zwischen dem ukrainischen und dem polnischen Volk sowie den Staaten gab es immer unterschiedliche Bewertungen bestimmter historischer Persönlichkeiten. Und zwar nicht nur der Helden der UPA.

Bohdan Chmelnyzkyj ist für die Ukrainer ein Mensch, der den Grundstein für ihre nationale Unabhängigkeit gelegt hat. Für die Polen ist er jemand, der faktisch begann, die Adelsrepublik zugunsten des Moskauer Zarenreiches zu zerstören. Das sind, wie Sie verstehen, völlig unterschiedliche Bewertungen derselben Persönlichkeit.

In der Ukraine gibt es den Orden Bohdan Chmelnyzkyj. Es ist schwer vorstellbar, dass ein solcher Orden in Polen existieren könnte, oder? Kaum ein Pole würde sich wünschen, mit dem Orden Bohdan Chmelnyzkyj ausgezeichnet zu werden. Ich sage Ihnen noch mehr: Auch ich selbst würde nicht besonders gerne mit dem Orden Bohdan Chmelnyzkyj ausgezeichnet werden, wie Sie wahrscheinlich verstehen.

Aber ich verstehe sehr gut ethnische Ukrainer, die gerne einen solchen Orden auf ihrer Brust tragen würden. Die Geschichte ist einfach komplizierter, als sie uns erscheint.

Andrij Smolij: Ich denke, sogar Taras Hryhorowytsch Schewtschenko hätte einen solchen Orden nicht besonders gewollt.

Portnikov: Taras Hryhorowytsch Schewtschenko hätte den Orden Bohdan Chmelnyzkyj ganz sicher nicht gewollt. Er hätte ihn niemals angenommen. Niemals.

Aber auch hier gilt: Es gibt unterschiedliche Ukrainer. Das ist eine Besonderheit jeder Nation. Sie haben Schewtschenko völlig zu Recht erwähnt, denn Schewtschenko, im Unterschied zu mir ein ethnischer Ukrainer, hasste Chmelnyzkyj als historische Figur, ich würde sagen, vielleicht sogar mehr als ich. Und er hatte das Recht dazu.

Gleichzeitig haben Menschen das volle Recht, Bohdan Chmelnyzkyj anders zu betrachten und seine historische Rolle im Kontext aller späteren Ereignisse zu bewerten.

Andrij Smolij: Wissen Sie, Herr Vitaly, vor etwa zwanzig Jahren hörte ich oft von Historikerkollegen, die irgendwie an diesem Dialog beteiligt waren: „Lasst uns in Ruhe. Wir werden das mit den polnischen Kollegen schon irgendwie klären und euch dann sagen, wie es steht.“

Aber heute funktioniert das einfach nicht mehr. Ganz gleich, wie hervorragend ein Historiker ist und wie erfolgreich eine akademische Konferenz verläuft. Jetzt wurden diese Treffen wieder aufgenommen, und das ist großartig. Aber wir verstehen auch, dass irgendein Influencer auf TikTok zehn Millionen Aufrufe sammeln kann, völligen Unsinn und Unwissenheit vermischt mit Xenophobie verbreitet – und zehn Millionen Menschen sehen das. Damit wird alles zunichtegemacht, woran Historiker zwei Jahre lang gearbeitet haben. Das ist eine neue Situation. Wir können nicht einfach sagen: „Die Historiker werden sich schon einigen.“

Portnikov: Nein, sehen Sie, zweifellos kann ein TikTok-Influencer alles Mögliche tun. Er kann Ihnen sogar zeigen, wie man in der eigenen Wohnung ein Raumschiff baut und zum Mars fliegt.

Aber wir sprechen hier über Staatspolitik. Das ist nicht einfach ein gesellschaftlicher Konflikt. Gesellschaften können sich auf TikTok, Facebook oder sonst irgendwo beliebig über historisches Erbe austauschen.

Jetzt handelt es sich um einen Konflikt auf staatlicher Ebene, weil Präsident Karol Nawrocki sich eingeschaltet hat. Er sagt, sein ukrainischer Kollege habe eine falsche Entscheidung getroffen. Am 6. Juni will er dem Kapitel des Ordens des Weißen Adlers die Frage vorlegen, Zelensky diesen Orden abzuerkennen.

Dabei müssen wir verstehen: Zelensky erhielt diesen Orden nicht als Privatperson und nicht aufgrund persönlicher Verdienste gegenüber Polen, sondern als Präsident eines Landes, das weiterhin faktisch Europas Schild gegen die russische Invasion ist – vor allem Polens Schild. Denn wenn die Ukraine zusammenbricht, wird Polen an seinen Grenzen genau das bekommen, was es nie bekommen wollte.

Dann wird es weder um den Weißen Adler noch um Zelensky gehen. Dann beginnt für das polnische Volk ein ganz anderes Leben – ein Leben, das ich dem polnischen Volk keinesfalls wünsche. Als Journalist würde ich natürlich gerne sehen, wie die Menschen darauf reagieren würden. Ich möchte nur nicht, dass all das auf Kosten der Ukraine geschieht.

Deshalb sage ich: Wenn wir anfangen zu erklären: „Lasst uns dem Präsidenten der Ukraine, den wir für den mutigen Widerstand des ukrainischen Volkes gegen die russische Aggression ausgezeichnet haben, diesen Orden wieder wegnehmen – praktisch für die Fortsetzung dessen, was einst die polnischen Aufstände unter dem Motto ‚Für unsere und eure Freiheit‘ begonnen haben –, lasst uns ihm den Orden wegnehmen, weil er eine falsche Entscheidung über die Benennung einer ukrainischen Militäreinheit getroffen hat.“

Wunderbar. Ich freue mich sehr. Das ist politische Schizophrenie auf staatlicher Ebene. Schizophrenie auf staatlicher Ebene.

Dabei bin ich der Meinung, dass der Präsident Polens und auch der Ministerpräsident Polens – der sich übrigens ebenfalls nicht gerade begeistert dazu geäußert hat – ruhig mit einer Erklärung auftreten können, in der sie eine solche Entscheidung verurteilen. Und damit sollte alles enden. Er hat eine Entscheidung getroffen, sie hätten eine völlig andere Entscheidung sehen wollen. Sie haben diese Entscheidung verurteilt, und dann arbeitet man weiter. So sollte das funktionieren, wenn man sich überhaupt einmischen will.

Obwohl ich noch einmal sage: Ich halte es keineswegs für notwendig, dass man in irgendeinem anderen Land erklärt, wen und wie man auszeichnen soll. Das ist ein imperialer Ansatz, der Russland eigen ist. Erinnern Sie sich übrigens: Es ist nicht das erste Mal, dass es eine solche Geschichte gibt. Seinerzeit verurteilte man in Warschau Viktor Juschtschenko, der Stepan Bandera den Titel Held der Ukraine verliehen hatte. Erinnern Sie sich?

Andrij Smolij: Ja.

Portnikov: Ja. Auch damals gab es einen riesigen Skandal. Aber wiederum: Juschtschenko war Präsident der Ukraine. Er entscheidet selbst, wen er auszeichnet. Übrigens erinnere ich mich nicht, dass damals die Frage gestellt wurde, Juschtschenko irgendwelche polnischen Orden abzuerkennen. Ich weiß nicht, ob er sie hatte oder nicht, aber so war diese Geschichte.

Wir sprechen ja nicht über Persönlichkeiten, sondern über das staatliche Verhältnis zur Geschichte. Dieses staatliche Verhältnis zur Geschichte findet nicht auf TikTok statt. Und gerade der Staat müsste sich um einen Dialog auf staatlicher Ebene kümmern. Das sollte keine gesellschaftliche Historikerkommission sein. Dann können Präsidenten bei sich irgendein historisches Forum schaffen oder die Außenminister.

Wie Sie wissen, leitete ich einst den ukrainischen Teil des ukrainisch-polnischen Forums für Zusammenarbeit, schon, wenn ich mich nicht irre, während der Präsidentschaft von Andrzej Duda. Auf polnischer Seite wurde dieses Forum von dem bekannten polnischen Historiker und Fachmann für polnisch-ukrainische Beziehungen, Jan Malicki, geleitet. Und wenn wir uns trafen – Vertreter der Ukraine, Polens, gesellschaftliche Akteure, Historiker, Diplomaten, Leiter von Hochschulen –, diskutierten wir viele solcher schmerzhaften Probleme, darunter auch historische Fragen. Wir traten mit Initiativen auf, suchten Wege, die verbinden.

Übrigens lud uns Doktor Malicki auf einen Friedhof in Warschau ein, auf dem Veteranen der Ukrainischen Volksrepublik begraben sind, die nach 1920 gezwungen waren, die Ukraine zu verlassen. Sie hatten zusammen mit polnischen Truppen in der Armee von Symon Petljura und Józef Piłsudski gekämpft. Wir fuhren übrigens gemeinsam nach Wolhynien, nach Luzk, und sprachen ebenfalls darüber, wie wichtig es ist, diese gesellschaftlichen Verbindungen wiederherzustellen, wie wichtig es ist, Verständigung wiederherzustellen.

Das ist also alles mühsame Arbeit, verstehen Sie, für Menschen, die sehr genau verstehen, wie groß das Niveau dieser historischen Probleme ist, die zwischen Ukrainern und Polen keineswegs mit dem Zweiten Weltkrieg erschöpft sind. Und sie verstanden, dass das keine Arbeit für ein Jahr und nicht für ein Jahrzehnt ist. Wichtig ist nur, daraus keinen politischen Konflikt zwischen Staaten zu machen. Das ist wichtig. Das ist der Fehler.

Genauso halte ich es für einen Fehler der ungarischen Seite, bereits der neuen ungarischen Regierung, die Frage der europäischen Integration der Ukraine lösen zu wollen, indem man irgendwelche ultimative Forderungen stellt, die die ukrainische Regierung erfüllen müsse. Aber diese Fragen hängen nicht mit der europäischen Integration der Ukraine zusammen, sondern ausschließlich mit den ungarisch-ukrainischen Beziehungen aus Sicht der ungarischen Regierung darauf, wie die Rechte nationaler Gemeinschaften gewährleistet werden sollen, insbesondere der Ungarn in Transkarpatien. Das ist ebenfalls kein konstruktiver Ansatz, wie wir verstehen. Ein konstruktiver Ansatz wäre, für die europäische Integration der Ukraine zu kämpfen und dann gemeinsam in der Europäischen Union faktisch alles Mögliche zu tun, damit Menschen gleiche Rechte haben. Nicht wahr?

Ich sage das die ganze Zeit. Ich verstehe auch das nicht. Ich erinnere immer daran: Wenn es der Ukraine irgendwann gelingt, der Europäischen Union beizutreten, bedeutet das, dass alle ethnischen Ungarn in einer geopolitischen Vereinigung leben. In der Slowakei, in Rumänien, in Ungarn, in der Ukraine – alle ethnischen Ungarn leben ohne Grenzen in einer Vereinigung, haben freie Möglichkeiten, sich zu bewegen, Arbeit zu finden, Ungarisch zu sprechen, an ungarischen Einrichtungen in Ungarn zu lernen, wenn sie das möchten, oder an ukrainischen in der Ukraine. Es gibt kein Trianon mehr. Trianon ist vorbei. Aber Sie sehen ja, dass die Regierung in Budapest die ganze Zeit einen anderen Weg geht.

Andrij Smolij: Mir scheint, dass selbst die ungarische Minderheit, die heute in der Ukraine, in Transkarpatien, in diesen kompakten Siedlungsgebieten lebt, wo sie die Mehrheit bildet, keine großen Probleme hat, nach Ungarn hin und zurück zu fahren. Sie hat keine Probleme damit, in Ungarn zu studieren.

Portnikov: Natürlich, aber es gibt eine Grenze. Zwischen der Europäischen Union und der Ukraine gibt es eine Staatsgrenze. Wenn die Ukraine Mitglied der Europäischen Union wird, wird es keine Grenze geben.

Andrij Smolij: Das stimmt.

Portnikov: Das hat große Bedeutung, verstehen Sie? Wenn Sie von Ungarn in die Ukraine so fahren werden, wie Sie von Ungarn in die Slowakei fahren, ohne überhaupt zu bemerken, dass dort einmal eine Grenze war. Das hat psychologisch und emotional enorme Bedeutung, glauben Sie mir. Ich schaue einfach auf Tirol, sagen wir, das nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen Italien und Österreich geteilt wurde.

Dort lebt im italienischen Tirol ein großer Teil der deutschsprachigen Bevölkerung, Menschen, die sich als Tiroler verstehen. Wie Sie verstehen, hielten sich diese Menschen vor dem europäischen Projekt für von den Tirolern in Österreich abgeschnitten. Dieses Gefühl gibt es heute nicht mehr. Mehr noch, sogar die Integration mit Italien selbst hat sich in diesem Teil verstärkt, weil die Menschen sich nicht bedroht fühlen: Sie steigen ins Auto und fahren in den anderen Teil Tirols. Sie sind italienische Staatsbürger. Das passt ihnen völlig. Sie haben dort ihr eigenes Leben in Italien, aber sie können jederzeit Tiroler sein. EU Region Tirol. Fertig.

Genau so wird das in Europa gelöst. Warum sollten wir also nicht in Europa sein? Warum braucht Budapest künstliche Hindernisse zu errichten, um das zu bremsen? Ich verstehe das nicht, wenn sie wirklich an die Ungarn in Transkarpatien denken.

Andrij Smolij: Nun, die Ungarn in Transkarpatien, wiederum, wer in diesen Regionen war, weiß, dass es dort manchmal schwierig ist, irgendwelche Aufschriften etwa auf Ukrainisch zu finden, was für einen ukrainischen Bürger einfach unbequem ist, wenn er sich im Staat Ukraine befindet.

Portnikov: Ich verstehe das. Aber in Tirol, in Italien, können Sie ebenfalls möglicherweise keine Aufschrift auf Italienisch finden, Menschen, die Italienisch sprechen, kann man dort ebenfalls möglicherweise nicht finden. Zumindest in ländlichen Gegenden. Davon sprechen wir doch nicht. So ist es an Orten mit einer großen Konzentration nationaler Gemeinschaften. Wobei wiederum Tirol als Teil Italiens, dieses Südtirol, schon mehr als 100 Jahre existiert. Und das hat, sozusagen, die Sprachdisziplin nicht beeinflusst. Nein, wahrscheinlich kennen die Menschen Italienisch, aber sie benutzen es irgendwie nicht besonders.

Andrij Smolij: Aber sehen Sie, im Großen und Ganzen haben wir keine historischen Probleme mit Ungarn. Obwohl es in Wirklichkeit im 20. Jahrhundert sehr, sehr vieles gab, wofür man den Ungarn, der ungarischen Regierung, Rechnungen stellen könnte. Sie stand Versuchen der Ukrainer, auf diesen Gebieten Unabhängigkeit auszurufen und sich in Richtung Unabhängigkeit zu bewegen, sehr, sehr, sehr feindlich gegenüber, im Vergleich etwa zu denselben Slowaken oder Tschechen.

Aber andererseits, wenn man diese Situation überträgt und wieder zu den Polen zurückkehrt: Vielleicht hindert uns tatsächlich, dass wir im Dialog mit den Polen ständig in die Rolle eines gewissermaßen jüngeren Bruders geraten, historisch gesehen.

Portnikov: Ich denke, das Problem liegt nicht nur darin, sondern darin, dass die Symbiose zwischen Ukrainern und Polen dennoch viel länger und dichter ist als die zwischen Ukrainern und Ungarn. Der ukrainisch-ungarische ethnische Kontakt fand auf einem vergleichsweise kleinen Territorium statt. Wenn man sich dagegen die Präsenz der Ukrainer im Königreich Ungarn, sogar in Österreich-Ungarn, und die Präsenz der Ukrainer in der Adelsrepublik ansieht, ist das eine völlig besondere Geschichte. Eine Geschichte, die sich über Jahrhunderte erstreckt.

Die Geschichte der Beziehungen zwischen dem Großfürstentum Litauen und der Krone. Die Geschichte der Übergabe ukrainischer Länder an die Krone. Die Geschichte des Chmelnyzkyj-Aufstandes. Das alles ist gemeinsame Geschichte der Ukraine und Polens. Staatliche Geschichte. Geschichte der Nachbarschaft von Völkern, ihrer zivilisatorischen Konkurrenz. Das ist immer so. Das ist einfach eine viel größere Nähe in allen Fragen.

Und man kann auch nicht sagen, dass dies auf dem gesamten Gebiet der heutigen Ukraine so war. Und man kann auch nicht sagen, dass es sich nur auf Galizien beschränkte. Galizien und Wolhynien – das ist im Grunde die Geschichte der letzten Jahrhunderte. Aber eine solche Symbiose gab es auch in der Großen Ukraine, wo sowohl Ukrainer als auch Polen lebten. Und lange Zeit war dieses Gebiet ebenfalls Teil der Adelsrepublik und davor des Großfürstentums.

Diese Symbiose reicht einfach tief. Und das ist, würde ich sagen, sowohl Freundschaft als auch Feindschaft und die Suche nach irgendeiner Zusammenarbeit. Das ist einfach eine so lange und komplizierte Geschichte, dass es in einer solchen langen und komplizierten Geschichte nicht nur eine Farbe geben kann, weiß oder schwarz.

Andrij Smolij: Wenn man, wissen Sie, dennoch über diese Diskussion nicht zwischen Historikern und Intellektuellen spricht, sondern über das, was als normale Reaktion gewöhnlicher Menschen auf das geschieht, was gerade rundherum passiert, insbesondere diese Verleihung des Namens der Helden der UPA und die Reaktion der Polen, dann sagen sehr viele meiner Bekannten, vernünftige Menschen, dass – und wieder höre ich diesen Satz – die Polen Imperialisten seien, sie seien um nichts besser als die Russen. Ich denke, in Moskau ist man sehr zufrieden.

Portnikov: Ich denke, Menschen können gekränkt sein, aber man muss sich immer erinnern: Die Ukraine hat nur eine Wahl. Entweder Teil Europas werden oder Teil Russlands werden. Das heißt, wir werden entweder irgendwie den Dialog mit unseren europäischen Nachbarn – mit Polen, der Slowakei und Ungarn – aufrechterhalten müssen, oder uns damit abfinden müssen, dass es das ukrainische Volk nicht geben wird, dass es Teil Russlands sein wird.

Übrigens werden die Polen dann ganz sicher nichts diktieren. Dann werden hier Atomwaffen stehen. Dann werden wir auf jede Frage sagen: „Hören Sie, Drohnen und Atomwaffen werden Sie gehorsam machen. Wir werfen einfach eine Atombombe auf Warschau, und Sie werden verstehen, was normales Leben bedeutet.“ Das, was es in der Sowjetunion gab, nicht wahr?

Das heißt, wenn Sie wollen, dass Ihnen niemand aus Polen oder Budapest etwas diktiert: Koffer, Bahnhof, Russland. Nicht einmal Koffer und Bahnhof sind nötig. Ihr Territorium kann Teil Russlands werden, und mit diesem großen Staat werden Sie allen anderen alles diktieren. Wenn es natürlich gelingt.

Wenn wir aber wollen, dass hier die Ukraine bleibt, dann haben Sie wiederum eine einfache Wahl. Entweder suchen Sie den Dialog mit Warschau oder Budapest, einen unangenehmen, schwierigen Dialog. Es kann tatsächlich sehr unangenehm sein, solche imperialen Ambitionen zu sehen. Sie können auch in Ungarn als imperial gelten. Ungarn war ebenfalls Teil eines Imperiums, wie wir wissen. Oder wir kämpfen allein gegen Russland. Oder wir einigen uns ebenfalls mit ihm darauf, dass wir Russland sind. Denn wie Sie sehen, will Russland uns im Unterschied zu Polen nicht als Ukraine anerkennen. Das ist ein großer Unterschied.

Wenn Ihre Bekannten sagen, die Polen seien genauso wie die Russen, erinnern Sie sie an eine einfache Sache. Die Polen glauben, zumindest in der jetzigen Phase dieser Geschichte, dass die Ukrainer ein Recht auf Existenz haben. Die Russen glauben in der jetzigen Phase dieser Geschichte, dass die Ukrainer kein Recht auf Existenz haben. Wenn sich dieser Nenner ändert, kann man darüber sprechen.

Aber ich garantiere Ihnen, dass sich dieser Nenner nie wieder ändern wird. Die Russen haben alle Schlüsse gezogen, die sie ziehen mussten, ob das ukrainische Volk auf den Ländereien existieren darf, die sie für die Ländereien des historischen Russlands halten. Damit ist im Dialog des ukrainischen und des russischen Volkes, kann man sagen, für unser Jahrhundert endgültig ein Punkt gesetzt. Alles, finita la commedia. Das heißt, entweder wehren wir uns, und dann einigen wir uns mit Polen und Ungarn, oder wir wehren uns nicht, und dann spucken wir schon als Russen auf Polen und Ungarn vom Glockenturm unserer lieben Basilius-Kathedrale. Aber ich denke, die überwältigende Mehrheit der Ukrainer will ein solches Schicksal nicht, oder?

Andrij Smolij: Umso mehr löst das im Prinzip den Streit überhaupt auf eine andere Weise. Der Streit zwischen Ukrainern und Polen ist beendet, weil es keine Ukrainer mehr gibt. Sie sind zu Russen geworden.

Portnikov: Sie sind zu Russen geworden und haben ebenfalls zugestimmt, dass die UPA Feinde sind. Aber diese Polen, diese Feinde Russlands, sind noch größere Feinde als die Kämpfer der UPA.

Andrij Smolij: Eine solche Alternative.

Portnikov: Es gibt ein wunderbares Ende des Films. Das Ende des Films „Sintflut“ von Jerzy Hoffman. Erinnern Sie sich? Er endet damit, dass Polen, Ukrainer und Krimtataren sich nicht miteinander einigen konnten und infolgedessen überall das Russische Imperium herrschte. Erinnern Sie sich an dieses Ende? Genau ein solches Ende kann es auch jetzt geben.

Andrij Smolij: Diesen Film von Hoffman habe ich irgendwie nicht gesehen, deshalb kann ich dazu nichts sagen. Aber mir scheint, dass dieser Gedanke bei den Polen, bei polnischen Intellektuellen, schon mindestens seit Jahrzehnten existiert: dass die Ukraine außerordentlich wichtig ist, beginnend mit Giedroyc.

Portnikov: Natürlich. Nicht einfach, dass die Ukraine wichtig ist, sondern dass es wichtig ist, sich mit der Ukraine zu einigen. Und wir müssen immer daran erinnern, dass die Frage nicht darin besteht, was uns trennt, sondern was uns verbindet.

Andrij Smolij: Sehen Sie, Herr Vitaly, bedeutet das nicht auch, dass es für die Ukrainer wünschenswert wäre, sozusagen, ihren eigenen ukrainischen Giedroyc zu haben, der von Zeit zu Zeit daran erinnert – vielleicht gibt es solche Menschen in Wirklichkeit auch –, der auch uns daran erinnert, dass Polen für die Ukraine ebenfalls kein unwichtiges Land ist?

Portnikov: Hören Sie, wir brauchen keinen ukrainischen Giedroyc, und zwar aus einem einfachen Grund. Giedroyc sagte den Polen im Grunde, dass Ukrainer, Belarussen und Litauer existieren und dass man mit ihnen als souveränen Nationen neben Russland zu tun haben werde. Bei uns in der Ukraine gibt es niemanden, der glauben würde, dass Polen nicht existieren. Nicht wahr?

Andrij Smolij: Das stimmt.

Portnikov: Das ist der Hauptunterschied. Giedroyc hat tatsächlich die Sicht der Polen auf die europäische Zukunft verändert. Obwohl man sagen muss, dass seine politische Linie heute bis zu einem gewissen Grad ein Fiasko erlitten hat. Ich glaube nicht, dass die Außenpolitik Polens die Politik Giedroycs ist. Dennoch veränderte dies wirklich den Blick eines großen Teils der polnischen Emigration, als Giedroyc Ukrainer, Belarussen und Litauer als souveräne Völker behandelte, die in souveränen Staaten leben werden, weil sie bis dahin faktisch als eine Art Anhängsel Russlands wahrgenommen wurden. Und einige meinten, es werde ein demokratisches Russland geben, das diesen Völkern irgendwelche Rechte geben werde. So sah das in der öffentlichen Meinung aus. Und Sie wissen, dass nicht wenige polnische Intellektuelle noch lange in dieser Illusion lebten. Sie waren, würde ich sagen, kulturelle Russophile. Und Giedroyc ging, kann man sagen, gegen diese Tendenz vor und siegte. Und die Geschichte bewies, dass er recht hatte.

Bei uns aber gab es niemals irgendeinen Gedanken, dass Polen kein Recht auf Unabhängigkeit, Souveränität, auf echte Unabhängigkeit habe. Ich möchte Sie daran erinnern, dass selbst in den 1980er Jahren, als es Solidarność gab, hier in Kyiv unter Intellektuellen diese Sympathie und Solidarität mit den Polen viel stärker zu spüren war als irgendwo in Russland. Ich habe das einfach mit eigenen Augen gesehen. Diese Unterstützung für Polen, dieses Interesse an Polen, sie existierten immer in unserer Gesellschaft.

Was soll uns ein Giedroyc bringen? Vielleicht brauchen wir Menschen, die über die Notwendigkeit gegenseitigen Respekts zwischen dem polnischen und dem ukrainischen Volk sprechen. Nun, das sagen viele. Auch ich gehöre zu den Menschen, die ständig daran erinnern.


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Art der Quelle: Interview
Titel des Originals: Скандал між Польщею та Україною через УПА. Заява Валенси та Навроцького, орден Зеленського. Віталій Портников. 30.05.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 30.05.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Zwei Pantheons. Vitaly Portnikov. 31.05.2026.

Два пантеони. Віталій Портников. 31.05.2026.

Die Geschichte der Umbettung der sterblichen Überreste von Kaiser Napoleon Bonaparte in Frankreich – bekanntlich wurde der berühmte Feldherr und Politiker nach seiner Niederlage bei Waterloo von den Alliierten auf die Insel Sankt Helena verbannt, wo er bald darauf starb – gilt als eines der besten Beispiele historischer Versöhnung. Umso mehr, als die Entscheidung über diese Umbettung nicht in den Zeiten der Republik und nicht einmal während der kurzen Restauration der Dynastie Bonaparte getroffen wurde, sondern zu einer Zeit, als Frankreich vom letzten der Bourbonen, König Louis-Philippe, regiert wurde. Doch die nächste Frage lautet: Wo fand Napoleon eigentlich seine letzte Ruhestätte?

Große Franzosen werden gewöhnlich im Pantheon im Zentrum von Paris bestattet – jedem Besucher der französischen Hauptstadt ist dieses monumentale Bauwerk bekannt. Im Pantheon kann man die Gräber Voltaires, Mirabeaus, Hugos, Zolas, Dumas’ und vieler anderer besuchen. Hier befinden sich auch die Grabstätten berühmter Politiker – etwa Gambettas und Jaurès’ – sowie von Militärs. Nur eines fehlt hier: das Grab Napoleons.

Die Bestattung des Kaisers erfolgte in einem anderen Pantheon – dem Pantheon des Invalidendoms. Dort werden ausschließlich Militärangehörige beigesetzt, obwohl Bonaparte neben Mitgliedern seiner Familie ruht, darunter auch sein junger Sohn Napoleon II., der „Adlerjunge“, der selbstverständlich keine Gelegenheit mehr hatte, selbst ein Feldherr zu werden. Durch diese Bestattung neben Marschällen und Admiralen wurden jedoch gerade die militärischen Verdienste des Kaisers hervorgehoben. Zu seinem politischen Erbe und zu seinen Ansprüchen auf den Thron konnte man unterschiedlich stehen, doch es gibt auf der Welt nur sehr wenige Menschen, die das militärische Genie Napoleons I. infrage stellen würden. Und gerade in der Haltung zu Bonaparte als Feldherrn fanden die Franzosen ihre Versöhnung.

Diese französische Lehre kann helfen zu verstehen, wie wir mit dem ukrainischen Gedächtnis umgehen sollten. Jetzt, vor dem Hintergrund des Krieges, entsteht vor unseren Augen ein Pantheon von Menschen, die für die ukrainische Unabhängigkeit eintraten und bereit waren, für sie zu kämpfen – entweder mit der Waffe in der Hand oder mit der Feder. Dabei muss man verstehen, dass diese Menschen zu ihren Lebzeiten, nicht in unserer Erinnerung an sie, überwiegend die Minderheit des ukrainischen Volkes repräsentierten. Noch weniger Menschen waren bereit, sie nicht nur zu unterstützen, sondern auch aktiv für sie einzutreten. Nur in kritischen Momenten der Geschichte, in Zeiten von Kriegen und Aufständen, konnten sie auf die Unterstützung einer relativen Mehrheit zählen.

Erinnern wir uns daran, dass selbst nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit der Ukraine im Jahr 1991 das Wort ‚Nationalist‘ in weiten Teilen des Landes weiterhin als Ausdruck politischer Marginalität wahrgenommen wurde, wenn nicht sogar als Schimpfwort. Und ja, für mich ist offensichtlich, dass dies Ausdruck einer nationalen Schizophrenie war und bleibt. Wenn ein Staat existiert, dann sollten seine Helden in erster Linie jene Menschen sein, die für seine Gründung eingetreten sind, als dies bei der Mehrheit ihrer Landsleute noch nicht populär war. Ich kann mir Israel jedenfalls nicht vorstellen, in dem man die Gründer und Führer des Zionismus wie Herzl oder Jabotinsky nicht ehren würde – die übrigens ebenfalls in Jerusalem auf dem Herzlberg, dem Pendant zum Pantheon, bestattet sind –, dafür aber jene Juden, die sich um die Entwicklung der jüdischen Kultur kümmerten oder Wissenschaftler waren, sich jedoch nicht für Staatlichkeit interessierten.

Doch auch solche Menschen haben jedes Recht, in unserer dankbaren Erinnerung zu bleiben – hier haben wir also das „andere Pantheon“. Es gibt bedeutende Schriftsteller, die in fremden Imperien lebten und diesen sogar dienten – doch ohne ihr Wort wären die Ukrainer wohl kaum Ukrainer geblieben. Es gibt große Sänger, die auf Wiener oder Moskauer Bühnen auftraten und dennoch Beispiele ukrainischen nationalen Genies blieben. Es gibt Wissenschaftler, die die Wissenschaft in der Ukraine entwickelten oder zu Beispielen ukrainischer Beteiligung an der Entwicklung der Weltwissenschaft wurden – schließlich wissen die Ukrainer bis heute nicht allzu viel über ihre Diaspora. Es gibt religiöse Persönlichkeiten, die Hierarchen fremder Kirchen waren, als es noch keine ukrainische Kirche gab. Solcher Beispiele gibt es viele, und man wird mir sagen, dass sich unter diesen Persönlichkeiten Menschen mit sehr widersprüchlichem Ruf befinden – das stimmt. Ja, auch unter den Politikern und Militärs des „ersten“ Pantheons gibt es Menschen mit sehr widersprüchlichem Ruf, Menschen, die derart verhängnisvolle Fehler begingen, dass sie die Entwicklung der ukrainischen Nation buchstäblich aufhielten. Doch die Bewertung einer Persönlichkeit bemisst sich am gesamten Beitrag und an der Absicht, nicht am Fehler als solchem. Leider gibt es in der Geschichte insgesamt nur wenige eindeutig zu bewertende Persönlichkeiten. Wirklich eindeutige Persönlichkeiten begegnen uns höchstens auf Ikonen – und selbst dort nicht immer.

Und noch ein wichtiger Grundsatz: Im Pantheon unserer Erinnerung darf kein Platz für jene sein, die bewusst dafür gearbeitet haben, dass es keine Ukraine gibt – für jene, die Agenten ihrer Zerstörung waren und dafür ihre Ämter oder ihre Talente einsetzten. Sollen doch jene Staaten auf die Verräter der Ukraine und des ukrainischen Volkes stolz sein, mit deren Interessen diese Menschen ihr Schicksal verbunden haben – aber nicht wir! Das bedeutet jedoch nicht, dass wir solche Persönlichkeiten einfach aus der ukrainischen Geschichte streichen und so tun können, als hätte es sie nie gegeben. Nein, eine vollwertige Nation, eine Nation ohne Komplexe vergisst weder ihre Helden noch ihre Verräter.

Ich nenne in diesem Text bewusst keinen einzigen ukrainischen Namen – denn jeder Versuch, Beispiele anzuführen, würde die Diskussion durch Hysterie ersetzen. Und ich möchte, dass wir nicht über Gräber nachdenken, sondern über unsere Fähigkeit zu dankbarer Erinnerung – die Erinnerung an jene, die von einer unabhängigen Ukraine träumten und für sie kämpften, und die Erinnerung an jene, die ihr Leben dem ukrainischen Volk als solchem widmeten, als dies keineswegs populär war, sondern eine Frage der Entscheidung und sogar des Opfers, ein Verzicht auf die „große“ Welt der Imperien und ihre Perspektiven.

Natürlich war die Unmöglichkeit, in der eigenen Entscheidung Staat und Nation miteinander zu verbinden, eine wahrhaft ukrainische – wenn auch keineswegs ausschließlich ukrainische – Tragödie. Doch die Geschichte der Ukraine hat sich nun einmal so entwickelt, und sie lässt sich nicht nach den Bedürfnissen der Gegenwart umschreiben.

Den Bedürfnissen der Gegenwart kann man jedoch dadurch entgegenkommen, dass man versucht, diese beiden so unterschiedlichen Pantheons in einer gemeinsamen nationalen Dankbarkeit zu vereinen.


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Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Два пантеони. Віталій Портников. 31.05.2026.
Autor / Verfasser / Kanal: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 31.05.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung,
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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