Und nun eine ausführliche Analyse der Beziehungen zu Polen – mit vielen Nuancen, über die bei uns kaum gesprochen wird.
Das polnische Büro unserer Beratungsgruppe SEC Newgate CEE hat einen Bericht über das erste Jahr des Zusammenwirkens von Präsident Karol Nawrocki und der Regierung von Donald Tusk veröffentlicht. Der Titel lautet mit charakteristischer Selbstironie: „Ein Jahr des Zusammenlebens oder der Konfrontation?“. In der Ukraine betrachtet man die polnische Politik meist nur durch einen schmalen Spalt („Was hat Nawrocki diese Woche über Wolhynien gesagt?“). Deshalb möchte ich wiedergeben, wie die Polen selbst diesen Konflikt sehen – und warum alles sehr viel komplizierter ist. Den Bericht selbst stelle ich in die Kommentare; dort findet sich auch meine Folie.
Die zentrale These betrifft nicht einzelne Personen, sondern die Konstruktion des politischen Systems. Die beiden Machtzentren in Polen – Präsident und Ministerpräsident – sind unabhängig davon, wer diese Ämter innehat, zum Konflikt verurteilt, weil das System selbst so aufgebaut ist: unterschiedliche Wahlzyklen, verschiedene Amtszeiten und sich überschneidende Kompetenzen. Diese Konstruktion enthält den Konflikt bereits in sich.
Der schärfste Konflikt zwischen Präsident und Ministerpräsident in der jüngeren Geschichte Polens entbrannte übrigens nicht zwischen politischen Gegnern, sondern zwischen Aleksander Kwaśniewski und Leszek Miller – zwei Politikern derselben Partei, die zwanzig Jahre lang befreundet waren und buchstäblich im selben Hauseingang wohnten; ihre Wohnungen lagen sogar auf derselben Etage. Am Ende führte dieser Konflikt zur Spaltung der Linken und zum Absturz des SLD von 41 auf 11 Prozent.
Daraus ergibt sich eine Formel, die man sich merken sollte: Für einen Krieg zwischen zwei Palästen braucht es keine zwei politischen Lager – zwei Paläste genügen. Persönliche Absprachen können die Spannungen mindern, aber den Konflikt selbst nicht beseitigen.
Die Außenpolitik Polens hat sich inzwischen in das verwandelt, was die Autoren als „mehrere Außenpolitiken gleichzeitig“ bezeichnen. Der Präsident verantwortet die amerikanische Richtung, die Regierung und das Außenministerium die europäische. Jeder Gipfel und jeder Staatsbesuch wird dadurch zum Anlass eines Konkurrenzkampfes darum, wessen Foto später in den Geschichtsbüchern erscheinen wird.
Ein klassisches Beispiel: Vor dem Treffen mit Donald Trump im September 2025 übermittelte das Außenministerium Präsident Nawrocki eine „Anweisung“ für das Gespräch. Die Präsidialkanzlei reagierte empört und warf dem Ministerium vor, die verfassungsmäßige Hierarchie nicht zu kennen. Das Außenministerium wiederum bestand darauf, dass es sich um die offizielle Position des Staates handele, die der Präsident berücksichtigen müsse.
Ein weiteres dauerhaftes Konfliktfeld sind die Ernennungen von Botschaftern – besonders scharf beim Botschafterposten in den Vereinigten Staaten, wo bis heute lediglich ein Geschäftsträger im Amt ist.
Für uns besonders interessant ist das Kapitel über die Sicherheitspolitik, denn dort geht es um Fragen, die die Ukraine unmittelbar betreffen. Die Autoren sprechen vom „Ende der Schonfrist“: Die Sicherheitspolitik, die seit 2022 in Polen eine parteiübergreifende Konsenszone gewesen war, ist inzwischen in den innenpolitischen Machtkampf hineingezogen worden.
Zum symbolischen Wendepunkt wurde der Streit über die Lieferung von Kampfflugzeugen an die Ukraine. Der Präsident warf der Regierung öffentlich vor, ihn darüber nicht informiert zu haben. Die Regierung entgegnete, sämtliche Verfahren seien ordnungsgemäß unter Beteiligung des Nationalen Sicherheitsbüros abgewickelt worden.
Noch schärfer verlief ein Vorfall im Pentagon: Vertreter des Präsidialamtes für nationale Sicherheit schlossen nach Angaben des Berichts den polnischen Verteidigungsattaché von Besprechungen aus. Das Verteidigungsministerium wertete dies als Verletzung der zivilen Kontrolle über die Streitkräfte.
Den Höhepunkt bildete schließlich Nawrockis Veto gegen das Gesetz, das Polen den Zugang zum europäischen Verteidigungsinstrument SAFE eröffnet hätte. Dadurch musste die Regierung das gesamte Modell der Rüstungsfinanzierung überarbeiten und mit den Partnern neu verhandeln.
Daneben schwelt weiterhin ein Konflikt um Personalentscheidungen in den Geheimdiensten. Der Präsident blockierte die Ernennung von mehr als hundert Offizieren und verlangte direkten Zugang zu den Leitern der Nachrichtendienste, während die Regierung darauf besteht, dass dies ausschließlich innerhalb klar definierter institutioneller Verfahren erfolgen dürfe.
Nun direkt zur Ukraine.
Der Bericht bezeichnet Nawrockis Kurs als „zweigleisig“. Einerseits erkennt er die Ukraine als Opfer der russischen Aggression an und versteht, dass ihre Unabhängigkeit für die Sicherheit Polens von entscheidender Bedeutung ist. Andererseits lehnt er eine „bedingungslose“ Beziehung zu Kyiv grundsätzlich ab und stellt polnische Interessen – insbesondere historische Fragen – in den Vordergrund.
Konkret erklärte Nawrocki bereits im Wahlkampf, einer Integration der Ukraine in NATO und EU müsse eine „ehrliche Verständigung über die schwierigen Seiten der gemeinsamen Geschichte“ vorausgehen – gemeint sind Wolhynien sowie eine Neubewertung der ukrainischen Haltung gegenüber OUN und UPA.
Im August 2025 legte er zudem ein Veto gegen die Novellierung des Gesetzes zur Unterstützung ukrainischer Staatsbürger ein. Und was anschließend mit dem Orden des Weißen Adlers geschah, kennen wir alle.
Der Bericht zieht daraus eine nüchterne Schlussfolgerung: Mit einer baldigen Abschwächung dieser Haltung ist nicht zu rechnen. Für uns ist jedoch besonders wichtig, worum sich der gesamte Bericht eigentlich dreht: um die Komplexität der innenpolitischen Debatten in Polen – und nicht um irgendeine angeblich falsche Position der Ukraine.
Ebenso aufschlussreich ist die Perspektive der Nachbarländer, die der Bericht aus einem Dutzend europäischer Hauptstädte zusammenträgt.
In Prag werden die innerpolnischen Konflikte offen als Gefahr für die Berechenbarkeit der gesamten Region bezeichnet. Man weist darauf hin, dass Warschau zunehmend die Fähigkeit verliere, mit einer Stimme für Mitteleuropa zu sprechen.
In Belgrad spricht man bereits von einem „Kalten Krieg“ an der Spitze der Staatsführung.
Berlin und Paris reagieren gelassener. Die Franzosen erinnern daran, dass sie selbst mehrere Phasen der Kohabitation erlebt hätten, ohne dass der Staat daran zerbrochen wäre. Die Deutschen betonen, Polen sei für sie inzwischen unverzichtbar geworden, und keine innenpolitischen Streitigkeiten würden daran etwas ändern.
Allen Einschätzungen gemeinsam ist jedoch folgender Gedanke: Solange es sich um innere Angelegenheiten Polens handelt, bleibt es eine polnische Angelegenheit. Sobald jedoch externe Akteure beginnen, mit einem Machtzentrum gegen das andere zu spielen – und Washington tut dies nach Einschätzung des im Bericht zitierten Analysten bewusst, indem es den Präsidenten unter Umgehung der Regierung bevorzugt –, hört der Konflikt auf, ausschließlich ein polnisches Problem zu sein.
Zum Schluss versuchen die Autoren, den Konflikt nicht nur zu beschreiben, sondern auch messbar zu machen.
Ihr „Spannungsmesser“ bewertet jede Auseinandersetzung anhand von drei Kriterien: institutionelles Gewicht, Intensität der Rhetorik und tatsächliche Folgen.
Das Ergebnis: Innerhalb von zehn Monaten fiel der Spannungsindex kein einziges Mal auf das Niveau eines wirklichen Waffenstillstands. In acht der zehn Monate übertraf die Schärfe der Rhetorik die tatsächlichen Konsequenzen deutlich. Es handelt sich also vor allem um einen Krieg der Narrative, der sich nur gelegentlich, dann aber schmerzhaft, in Vetos und blockierten Ernennungen konkretisiert.
Für die Ukraine ergeben sich daraus zwei praktische Schlussfolgerungen.
Die erste haben wir bereits verstanden: Man kann nicht mehr davon ausgehen, dass die polnische Unterstützung automatisch dieselbe bleibt wie unter Präsident Duda. Sie ist inzwischen Gegenstand des innenpolitischen Machtkampfes in Polen und nicht länger der kleinste gemeinsame Nenner der beiden Machtzentren.
Wir müssen diese innerpolnischen Konflikte berücksichtigen, Polen nicht mutwillig provozieren – denn sonst verlieren wir Verbündete –, zugleich aber unsere eigenen nationalen Interessen nicht preisgeben. Mit kühlem Kopf sollten wir darauf warten, dass unser engster Verbündeter die Kraft findet, politisch reifer zu werden.
Die zweite Schlussfolgerung ist grundsätzlicher.
Ein Konflikt zwischen zwei Zentren der Exekutive, in den sich externe Akteure einmischen und sich jeweils den für sie günstigeren „Palast“ aussuchen, stellt für jedes Land mit einer doppelten Exekutive ein ernstzunehmendes Risiko dar – auch für unseres.
Streitigkeiten, die zunächst wie harmlose politische Debatten erscheinen, führen unweigerlich zu regionalen Spannungen, zum Verlust von Chancen und zur Schwächung des politischen Potenzials.
Kurz gesagt: Das sind Fehler anderer, aus denen wir selbst lernen sollten.
Andrij Smolij. Die Polen beginnen erst jetzt, eben wieder wegen dieses Skandals mit dem Orden des Weißen Adlers und so weiter, sich Fragen zu stellen, zum Beispiel im öffentlichen, im Informationsraum: „Wie sind diese Ukrainer, was ist das für eine Nation?“ Und sie verstehen plötzlich. Ich habe zum Beispiel gesehen, wie jemand von den polnischen Kommentatoren sagte: „Verstehen Sie, die Ukrainer, sie sind wie die Franzosen. Ungefähr wie die Franzosen. Ihnen ist es egal, ob dort ein Pole an der Macht ist oder kein Pole. Sehen Sie, bei ihnen ist zum Beispiel der Präsident jüdischer Herkunft, der Oberbefehlshaber der Armee ist Russe. Wie ist so etwas überhaupt möglich? Aber es ist möglich, weil sie wie die Franzosen sind.“ Sie finden also irgendeine Analogie, sie brauchen einfach irgendeine Analogie, um zu verstehen, dass in der Ukraine normal ist, was sich in Polen offenbar als nicht normal gilt. Und das ist übrigens auch ein interessanter Moment für uns.
Portnikov. Seltsam, nicht wahr? Obwohl es doch so schien, als seien die Polen eine politische Nation, aber diese politische Nation, vielleicht ist das das Ergebnis des Zweiten Weltkriegs, basiert auf ethnischem Boden.
Andrij Smolij. Nun, jemand hat gut darüber geschrieben, ich glaube, die Rzeczpospolita schrieb vor kurzem darüber, dass in der heutigen polnischen Gesellschaft nach vielen, vielen Jahrzehnten Dmowski gesiegt hat, seine Ideen einer monoethnischen, polnischsprachigen, römisch-katholischen polnischen Nation. Obwohl das, wie mir scheint, gerade jetzt unter den Bedingungen dieser Globalisierung unmöglich ist, wenn man in Warschau fast keinen, ich weiß nicht, polnischen Taxifahrer mehr finden kann, zum Beispiel.
Portnikov. Nein, man kann schon die Dienstleistung eines polnischen Taxifahrers bestellen, er kommt.
Andrij Smolij. Aber es wird teurer sein, das stimmt.
Portnikov. Eben. Aber wissen Sie, worin das Problem liegt? Ich denke, Dmowski hat nicht jetzt gesiegt. Dmowski hat nach dem Zweiten Weltkrieg gesiegt, weil nach dem Zweiten Weltkrieg ein Polen entstand, unerwartet für die Polen, in dem praktisch nur Polen gab’s und eine kleine Zahl nationaler Minderheiten. Und auch diese nahmen ab, denn ich erinnere daran, dass in ebendiesem kommunistischen Polen Juden vertrieben wurden, Ukrainer ausreisten. Und ich erinnere mich sehr gut an die letzten Jahre dieses Polens. Wir sehen jetzt, sagen wir, die Büste von Anna Walentynowicz in der polnischen Botschaft in Kyiv, aber niemand wusste doch von ihrer ukrainischen Herkunft.
Was mich in Polen Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre erstaunte, war, dass es sehr viele Menschen gab, die ethnisch Juden, ethnisch Ukrainer waren, aber ihre Herkunft verbargen, selbst wenn sie sich mit irgendwelchen ukrainischen oder jüdischen Angelegenheiten beschäftigten. Sie waren eben solche Polen, die sich aus irgendeinem Grund für die Ukraine oder jüdische Fragen interessierten. Ja, es gab natürlich Menschen, die in ukrainischen Organisationen, in jüdischen Organisationen arbeiteten, aber es waren sehr, sehr wenige.
Aber so zu sagen: „Ich bin Ukrainer“ im damaligen, im kommunistischen Polen, meine ich, später begann sich das schnell zu ändern, das war unmöglich. Unmöglich für einen Menschen, der etwas erreichen wollte.
Und wiederum war das Vorkriegspolen natürlich nicht das Polen Dmowskis, aber es gab darin trotzdem Separation. Jüdische Parteien, ukrainische Parteien. Das ist ja auch nicht sehr normal, verstehen Sie, für einen zivilisierten Staat. Polen ist, wie es scheint, nicht Libanon, aber dort gab es jüdische Parteien, es gab die Ukrainische Nationaldemokratische Vereinigung im Parlament. Das war ja eine Partei für Ukrainer.
Das heißt, irgendwie galt per Definition, dass eine polnische Partei, sagen wir, die Polnische Sozialistische Partei, nicht die Interessen von Juden oder Ukrainern ausdrücken könne. Dass Juden und Ukrainer ihre eigenen Organisationen gründen müssten, sagen wir, den Bund oder die Ukrainische Nationaldemokratische Vereinigung, dass das politische Leben entlang ethnischer Grenzen stattfinden müsse.
Nun, und nach dem Krieg, als es diese Ukrainer und Juden, und Belarussen, und Litauer in Polen einfach nicht mehr in irgendeiner politisch bedeutsamen Zahl gab, schlug die Polnische Vereinigte Arbeiterpartei selbst den Kurs auf im Grunde eine solche Deklaration eines ethnischen Nationalismus unter roter Fahne ein. Dort gab es ganze Parteigruppen antisemitischen Charakters, antiukrainischen Charakters.
Letztlich war es ja die kommunistische Partei, die die Aktion Weichsel durchführte. Es war die kommunistische Partei, die in den 60er und 70er Jahren Juden aus Polen vertrieb. Es war die kommunistische Partei, die Solidarność oder andere Protestbewegungen zu einer jüdischen Verschwörung erklärte. Also, das alles war sie.
Aber jetzt ändert sich wirklich alles. Und jetzt schauen die Polen auf die Ukrainer und sehen, dass die Ukrainer in ihrem Staatsaufbau den Polen tatsächlich nicht ähneln. Denn den Ukrainern ist es, und das ist übrigens ein Wunder der letzten Jahrzehnte, gelungen, zu einer politischen Nation in einem, ich würde sagen, europäischen Sinne des Wortes zu werden. Das ist übrigens eine der größten Errungenschaften des Maidan von 2013–2014. Eine unglaubliche Errungenschaft.
Die Frage ist nicht, dass die Ukrainer Volodymyr Zelensky zum Präsidenten gewählt haben und dass er Jude ist. Die Frage ist, dass die überwältigende Mehrheit der Menschen nicht daran denkt, dass er Jude ist. Das ist doch wichtig, dass die Menschen nicht an die ethnische Herkunft dessen denken, für den sie stimmen, dass sie andere Motive für ihre Wahl brauchen, die entweder für ihn oder gegen ihn sprechen.
Für mich ist, sagen wir, die Herkunft von Volodymyr Zelensky völlig unwichtig. Ich werde nicht als Jude aus Solidarität mit seiner ethnischen Herkunft für Volodymyr Zelensky stimmen. Für mich ist wichtig, dass ein Politiker professionell ist, dass seine politischen Ansichten meinen entsprechen. Und neben mir kann ein Ukrainer stehen, der für Volodymyr Zelensky stimmt, ohne an seine jüdische Herkunft zu denken, weil ihm Volodymyr Zelensky aus diesen oder jenen Gründen gefällt. Das ist eine politische Nation.
Und es stimmt: Wissen Sie, woher wir in der Regel von der ethnischen Herkunft französischer Politiker erfahren? Aus russischen oder polnischen Medien. Alle in Polen, alle in Russland wissen, dass Nicolas Sarkozy halb Jude, halb, glaube ich, Rumäne oder Ungar ist.
Andrij Smolij. Ungar.
Portnikov. Ich erinnere mich schon nicht mehr. Ungar, ja?
Andrij Smolij. Ich glaube.
Portnikov. Aber im Allgemeinen hat sich in Frankreich nie jemand dafür interessiert. Oder Édouard Balladur. Natürlich war es den Armeniern sehr angenehm, dass er Armenier ist, aber das hat in Frankreich selbst irgendwie niemanden bewegt. Oder Pierre Bérégovoy, er ist ethnischer Ukrainer, wir haben darüber immer geschrieben, aber in Frankreich erinnerte sich niemand daran, dass die Herkunft dieses französischen Premierministers ukrainisch war.
Nun, letztlich war Napoleon Bonaparte Italiener. Nicht einmal Korse, er war einfach ein gewöhnlicher Italiener, dessen Familie nach Korsika übersiedelte. Ganz konkret. Nun sagen Sie einem Franzosen, dass Napoleon Italiener ist. Er will das einfach nicht wissen. Ihn interessiert Napoleons Herkunft nicht. Für ihn ist Napoleon eine historische Gestalt in Frankreich.
Und solche Beispiele kann man in großer Zahl anführen, verstehen Sie? Denn die Franzosen, und das ist das Ergebnis der Großen Französischen Revolution, haben sich in eine solche wirklich echte politische Nation verwandelt, in der du sagen kannst: „Ich bin Franzose“, wenn du Jude Raymond Aron bist oder Ungar jüdischer Herkunft Nicolas Sarkozy, oder Niederländer François Hollande, oder Ukrainer Pierre Bérégovoy, oder Jude aus Odessa, Serge Gainsbourg. Du bist ein Franzose.
Andrij Smolij. Dort gab es auch noch die Dreyfus-Affäre. Wenn Sie sich erinnern, meinen manche, dass die Große Französische Revolution eigentlich erst mit dieser Affäre zu Ende ging, weil sie die Einstellung zur Republik und zur politischen Nation der Franzosen schließlich endgültig formte.
Portnikov. Das stimmt, Frankreich hat diese Affäre durchgemacht. Und schon buchstäblich 20 Jahre nach der Dreyfus-Affäre wurde der Jude der Herkunft nach Édouard Herriot Premierminister der Französischen Republik, und niemand dachte an seine jüdische Herkunft.
Also, der Maidan von 2013–2014 ist unsere Große Französische Revolution. Und Polen hat eine solche Revolution nicht erlebt, einfach weil es eine solche Revolution nicht brauchte. Zum Zeitpunkt von Solidarność war es ein ethnisch reines Land. Und die Menschen jüdischer oder ukrainischer Herkunft in den Reihen von Solidarność, sie erwähnten ihre Herkunft nie. Und gab es sie etwa nicht?
Andrij Smolij. Es gab sie.
Portnikov. Es gab sie. Anna Walentynowicz, Adam Michnik, Bronisław Geremek, Włodzimierz Mokry, einer der Weggefährten von Lech Wałęsa, er war Ukrainer, und hier ist nicht einmal die Frage, dass niemanden ihre Herkunft interessierte. Einfach alle hielten alle ringsum für Polen. Einen Nichtpolen konnte es nicht geben.
Andrij Smolij. Ich habe hier eine Frage. Wenn wir inzwischen grundsätzlich verstehen, dass der Nationalismus für Polen wichtig ist – wobei Nationalismus ja durchaus auch positiv verstanden werden kann. Selbst Karl Popper, der als einer der größten Kritiker des Nationalismus gilt und ihn als Tribalismus und Ähnliches beschreibt, sogar bei ihm gibt es ein paar Seiten in seinem Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“, wo er sagt, dass Nationalismus im Prinzip ein gutes Phänomen ist.
Portnikov. Wenn er nicht aggressiv ist.
Andrij Smolij. Wenn er nicht aggressiv ist.
Portnikov. Wenn es kein Chauvinismus ist.
Andrij Smolij. Wenn es kein Chauvinismus ist, genau, wenn wir unsere Nation für die beste halten, ist das okay. Wenn das bedeutet, dass wir unsere Nation nicht kritisieren und sie immer unfehlbar ist, dann verzerrt das, wie mir scheint, einfach unsere Optik im Sinne, nun, ich weiß nicht, im einfachsten.
Portnikov. Wenn wir meinen, unsere Nation sei besser als andere, ist das schon ein Weg ins Nichts.
Andrij Smolij. Und wir sehen jetzt, dass in unserer Diskussion, insbesondere jetzt zur historischen Erinnerung, einerseits bin ich überrascht, wie viele polnische Intellektuelle zum Beispiel jetzt faktisch auf der Seite der Ukraine, auf der Seite von Volodymyr Zelensky in dieser Geschichte stehen. Und das freut ungeheuer. Aber ich sehe auch frische Umfragen, einen scharfen Sprung der Popularität Nawrockis, der erreicht hat, was er wollte. Und hier ist die Frage …
Portnikov. Hören Sie, in solchen Situationen vereinigt sich immer eine große Zahl von Menschen um die Fahne. Wissen Sie, wodurch sich Polen von Russen unterscheiden? Dass Nawrocki dort 54 Prozent hat, nachdem er Volodymyr Zelensky den Orden weggenommen hat, und wie viel Prozent Unterstützung hatte Putin nach der Krim? 80 oder 90, erinnern Sie sich nicht?
Andrij Smolij. Ich erinnere mich schon nicht mehr.
Portnikov. Die polnische Gesellschaft bleibt also selbst in einer solchen Situation trotzdem in zwei Hälften gespalten, und das heißt bereit zur Diskussion, zum Kampf, weil das Polen ist. Die russische Gesellschaft aber ist bereit, sich um jede chauvinistische Entscheidung vollständig zu vereinigen. Diejenigen, die sich nicht vereinigen, bleiben faktisch in absoluter Minderheit und am Rand.
Andrij Smolij. Dort sagte ja sogar Nawalny schließlich, dass die Krim kein Butterbrot sei, oder wie war da diese Formulierung.
Portnikov. Nun, irgend so etwas gab es dort natürlich, dass die Krim kein Butterbrot sei, dass man sie nicht einfach so zurückgeben könne. Weil dort schon Russland sei.
Andrij Smolij. Kein Mensch mit politischen Ambitionen könnte einfach das anerkennen, was wir jetzt von sehr vielen Vertretern des polnischen Establishments hören, von Radek Sikorski bis schließlich zu Donald Tusk selbst. Das heißt, die ganze politische Elite, die jetzige, sie haben Nawrocki faktisch verurteilt.
Portnikov. Sie haben Nawrocki nicht verurteilt. Sie sagen, dass sie mit dieser Benennung nicht einverstanden sind, aber man hätte anders handeln müssen. Das ist alles.
Andrij Smolij. Meine Frage ist: Wenn wir im Prinzip verstehen, dass ein solcher nationalistischer Modus für den Polen, für die polnische Gesellschaft ziemlich charakteristisch, ziemlich wichtig ist, und für die Ukrainer nicht so wichtig, dann bedeutet das in Wirklichkeit, wie mir scheint, dass wir nicht einfach symmetrisch auf irgendwelche polnischen Handlungen antworten können. Das, was Herr Sybiha sagte, dass wir alle schlechten Dinge spiegeln werden, alle schlechten unfreundlichen Handlungen in Richtung Polen. Ihr gegen uns, wir gegen euch und so weiter. Hier liegt die Frage noch in etwas anderem: Die Polen glauben, dass die Ukrainer doch zuerst angefangen hätten, und wir hätten es ihnen gespiegelt, nur von der anderen Seite. Hat das Sinn, wenn wir im Prinzip nicht gleich sind? Wir haben eine unterschiedliche historische Erinnerung. Wir haben ein unterschiedliches Eintauchen in die historische Erinnerung. Wir haben eine unterschiedliche Einbindung in einen solchen, bedingt gesprochen, gesunden oder nicht gesunden Nationalismus in den Gesellschaften. Wir haben schließlich eine unterschiedliche Zusammensetzung der Gesellschaften. Also, sollten wir hier nicht irgendeinen anderen Modus der Kommunikation mit Polen finden? Denn ich verstehe auch sehr viele vernünftige, kluge Ukrainer, die sagen: „Nun wartet, Polen wird uns doch nicht diktieren, wir mischen uns doch auch nicht in eure Politik und eure Geschichte ein, warum mischt ihr euch dann bei uns ein?“ Und dem ist natürlich schwer zu widersprechen.
Portnikov. Ich bin gerade der Meinung, dass die Bereitschaft jedes Landes, seine Sichtweise zur historischen Erinnerung eines Nachbarlandes zu äußern, ein absolut normales Verhalten ist. Deshalb habe ich die ganze Zeit gesagt, dass ich keinerlei Problem darin sehe, dass das Außenministerium Polens meint, was es meint, und dass es gegen diese Entscheidung protestiert hat. Das ist eine wichtige Sache. Aber ich verstehe nicht, wenn wegen irgendwelcher politischer Dividenden sogenannte rote Linien überschritten werden. Nawrocki meint, Volodymyr Zelensky habe eine rote Linie überschritten. Ich meine, Nawrocki hat die rote Linie überschritten. Und die Frage liegt hier nicht in der UPA.
Ich wiederhole noch einmal: Ich bin der Meinung, dass die Republik Polen volles Recht hat zu meinen, dass wir unsere Militäreinheiten nicht nach der Ukrainischen Aufstandsarmee benennen sollten, dass wir unsere Straßen nicht nach Bandera und Schuchewytsch, anderen Führern der OUN benennen sollten. Und Israel kann meinen, dass wir unsere Straßen nicht nach Melnyk und Bandera benennen und Melnyk nicht umbetten sollten. Und wir können genauso meinen, dass die Polen ihre Straßen nicht benennen sollten …
Andrij Smolij. Genau das, was Radosław Sikorski sagte. Wenn Nawrocki Volodymyr Zelensky sehr symmetrisch hätte antworten wollen, nun dann benennt irgendetwas um, ich weiß nicht, nach den Opfern der UPA, und die Ukrainer werden dann darüber diskutieren.
Portnikov. Sozusagen. Das ist euer Recht. Und wir können Protest äußern. Israel hat, wie Sie wissen, in Polen mehrfach Protest wegen irgendwelcher Entscheidungen des Instituts für Nationales Gedenken geäußert. Bis hin zum Abzug von Botschaftern ging es. Na und? Die Frage ist, wie sich das auf die bilateralen Beziehungen auswirkt. Wenn das Wegnehmen von Orden beginnt, wenn das Gespräch beginnt: Mit Bandera wird die Ukraine nicht in die Europäische Union gehen, wie Jarosław Kaczyński seinerzeit zu Petro Poroschenko sagte, dann ist das schon der Versuch, historische Erinnerung für politische Erpressung zu benutzen. Das ist falsch.
Länder können unterschiedliche Vorstellungen von Geschichte haben. Alle europäischen Länder haben unterschiedliche Vorstellungen von Geschichte. Dieses gemeinsame Lehrbuch der europäischen Geschichte spiegelt, wie Sie verstehen, nicht die wirkliche Sicht jedes Landes wider. Es ist ein Kompromiss. Vielleicht erreichen wir mit den Polen in 20–30 Jahren auch einen solchen Kompromiss. Verstehen Sie?
Aber wir gehen übrigens den Weg dieses Kompromisses. Es gab so viele Gespräche über diese Exhumierungen. Ja, diese Exhumierungen finden statt. Heute wurde in Warschau betont, dass eines der Gräber, nach dem man suchte, eines der Opfer von Wolhynien, nicht gefunden wurde. Vielleicht wird man es auch nicht finden, weil sich herausstellen kann, dass es dieses Grab nicht gibt. Das ist ja auch ein großes Problem, dass viele Ereignisse des Zweiten Weltkriegs jetzt, wenn wir Zugang zu Fakten bekommen und nicht zu Mythen, ganz anders aussehen können. Und was soll man damit machen? Man wird auch ohne jede Freude auf Mythen verzichten müssen, denn es ist eine Sache, einen Spielfilm über Wolhynien zu drehen, und eine andere, Ausgrabungen durchzuführen.
Andrij Smolij. Das, was Wjatrowytsch geschrieben hat. Vor kurzem gab es einen Versuch, wenigstens ein antipolnisches Zitat bei Donzow zu finden, er wurde sogar von Vertretern, glaube ich, des polnischen Instituts für Nationales Gedenken angekündigt, aber alles endete in einem Fiasko, weil Donzow ein überzeugter Polonophiler war, er publizierte in Polen und lebte in Polen.
Portnikov. Nun eben, das ist auch ein gutes Beispiel dieser Mythologie.
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Art der Quelle:Interview Titel des Originals:Польща несподівана для поляків. Рейтинг
Навроцького. Міфи чи правда волинськоЇ трагедії Портников. 27.06.2026. Autor:Portnikov Veröffentlichung:27.06.2026. Originalsprache:uk Plattform / Quelle:YouTube Link zum Originaltext:
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Chalyj. Ich würde Ihnen gern das Wort geben. Und da wir nun irgendwie mit Polen begonnen haben, und das Thema in aller Munde ist, habe ich eine direkte und konkrete Frage. Soll Präsident Volodymyr Zelensky nach Danzig zur Wiederaufbaukonferenz fahren – darüber wird jetzt in der Bankowa entschieden – oder soll er einen anderen Schritt tun? Ganz konkret: Was würden Sie raten?
Portnikov. Ich werde nichts raten, weil ich der Meinung bin, dass diese Konferenzen, Anreisen und Abreisen keinerlei Bedeutung haben. Man muss über diese Situation strategisch nachdenken. Denn Sie wissen, dass ich die Wiederaufbaukonferenzen für die Ukraine, wo auch immer sie stattfinden, grundsätzlich für ein rein zeremonielles Ereignis halte. Ob der Präsident dort anwesend ist oder nicht, wird für die Zukunft des russisch-ukrainischen Krieges keine konkrete Rolle spielen. Wenn der Präsident fährt, wenn der Präsident nicht fährt – das wird, sozusagen, zwei Tage nach dieser Konferenz schon halb vergessen sein.
Chalyj. Nicht unter diesen Umständen.
Portnikov. Die Umstände werden noch viele Jahrzehnte andauern, denn wir beschäftigen uns mit den Fragen des Konflikts um die historische Erinnerung mit Polen seit vielen Jahrzehnten. Und diese Fragen können nicht gelöst werden, weil es in der polnischen und in der ukrainischen Gesellschaft einen völlig unterschiedlichen Blick auf den Begriff historischer Fakten und historischer Erinnerung gibt.
Und natürlich wäre es, gelinde gesagt, naiv, sich vorzustellen, dass die Gesellschaften auf diese Kategorien verzichten würden. Wir sagen: „Lasst uns den Historikern die Möglichkeit geben zu sprechen, lasst uns dort den gesellschaftlichen Akteuren die Möglichkeit geben zu sprechen.“ Nun, ich erinnere mich sehr gut an die Diskussionen, die zwischen uns stattfanden, als ich den ukrainischen Teil des ukrainisch-polnischen Partnerschaftsforums leitete. Es gab freundschaftliche Diskussionen, es gab Verständigung. Sobald es um diese Fragen ging, gab es keine Verständigung mehr, weil jeder Politiker und jeder Staatsmann an seine eigenen Perspektiven im eigenen Land denkt.
Chalyj. Also an electorale Bedürfnisse.
Portnikov. Nicht nur electorale, gesellschaftliche. Die überwiegende Mehrheit der Polen unterstützt zumindest die Ansicht des Präsidenten Polens, Karol Nawrocki, dass man keine ukrainische Militäreinheit nach der Ukrainischen Aufstandsarmee benennen darf, weil dies eine verbrecherische Organisation sei, weil Polen der Ukraine hilft und der Präsident der Ukraine in diesem Moment eine der ukrainischen Militäreinheiten nach einer verbrecherischen Organisation benennt.
Chalyj. Entschuldigung, ich möchte Ihnen hier mit Ihrer Erlaubnis widersprechen. Sie ist möglicherweise aus Sicht Polens verbrecherisch.
Portnikov. Aus Sicht Polens. Ich sage ja: Die Mehrheit der Polen denkt so. Sie betrachten die Ukrainische Aufstandsarmee als verbrecherische Organisation als solche. Nicht irgendwelche einzelnen Menschen, nicht irgendwelche einzelnen …
Chalyj. Und die OUN.
Portnikov. Und die OUN natürlich als terroristische Organisation. Die populärste Biografie Stepan Banderas in Polen heißt „Stepan Bandera. Terrorist“. Die Frage ist nur, wie Politiker und gesellschaftliche Akteure die möglichen Folgen kommentieren. Also darüber, dass dies ein Fehler Zelenskys sei, dass Zelensky einen falschen Schritt getan habe, dass er das nicht hätte tun sollen – darüber gibt es bei niemandem irgendwelche Meinungsverschiedenheiten.
Es gibt einzelne Menschen, die versuchen zu sagen: „Aber wissen Sie, die Ukrainische Aufstandsarmee war eine nationale Befreiungsarmee der Ukrainer. Sie kämpfte gegen Bolschewiki und Nationalsozialisten.“ Und was passiert mit diesen Menschen? Sie werden einfach aus dem gesellschaftlichen Feld entfernt.
Chalyj. Entschuldigen Sie, Sie sagen, dass der Schritt mit dem Erlass über …
Portnikov. Warten Sie, hören Sie mich nicht?
Chalyj. Ich habe es eben nicht gehört, weil …
Portnikov. Ich sage Ihnen die ganze Zeit, wie das aus polnischer Sicht aussieht.
Chalyj. Aus polnischer Sicht. Okay.
Portnikov. Aus polnischer Sicht. Ich erkläre einfach, welche Sichtweise in der polnischen Gesellschaft insgesamt vorhanden ist. Und diese polnische Gesellschaft teilt sich dabei nicht in Anhänger von Karol Nawrocki, Jarosław Kaczyński oder Donald Tusk. Das denken überwiegend alle.
Es gibt kleine Gruppen in der Öffentlichkeit, die meinen, dass es nicht so sei, aber sie spielen im polnischen politischen und gesellschaftlichen Leben keine führende Rolle. Für die Polen ist also klar: Die Ukrainische Aufstandsarmee ist eine verbrecherische Organisation. Stepan Bandera ist ein Terrorist. Roman Schuchewytsch ist ein Helfershelfer der Nazis. Und darüber gibt es nichts zu diskutieren. Menschen, die versuchen, es anders zu sehen, existieren im polnischen Mainstream nicht.
Nun schauen wir auf die ukrainische Sichtweise. Die Ukrainische Aufstandsarmee ist eine nationale Befreiungsarmee des ukrainischen Volkes. Stepan Bandera ist ein Held. Roman Schuchewytsch ist ein Held. Man kann die Ukrainische Aufstandsarmee gut mit der Armia Krajowa vergleichen. Wir verstehen für uns selbst, dass Polen Verbrechen begangen haben. Aber um sich mit den Polen nicht zu streiten, können wir auch die Armia Krajowa auf eine Stufe mit der Ukrainischen Aufstandsarmee stellen, ungeachtet der Verbrechen der Armia Krajowa gegen Ukrainer.
Die Polen werden Ihnen sagen: „Was denn? Wovon sprechen Sie? Die Armia Krajowa ist die legitime Armee eines Staates, der trotz der Niederlage gegen Hitler und Stalin im Jahr 1939 weiter existierte. Und eure Ukrainische Aufstandsarmee ist eine Armee, die sich mit den Besatzern Polens verbündete, um der Armia Krajowa nicht die Möglichkeit zu geben, ihr Land zu befreien.“ Also wie wollen Sie hier Verständigung finden?
Chalyj. Sehen Sie, obwohl Sie gesagt haben … Ich achte darauf, ja, ich achte darauf, denn als Sie diese konsequente Sache gesagt haben, sieht es so aus, als hätte sich in Polen ein Bild gefestigt. Ich bin der Meinung, ich habe zum Beispiel eine andere Ansicht zur Rolle der Armia Krajowa und Wolhynien. Das sind sehr viele historische Fragen. Ich möchte jetzt, dass wir darauf übergehen, weil jemand über Wolhynien das eine denkt und jemand sagt: „Das war ukrainisches Territorium, was machten dort andere Völker?“ Ich möchte nicht, dass unsere Diskussion jetzt in Richtung Geschichte geht.
Portnikov. Nein, ich möchte einfach veranschaulichen, wie es sich mit Wolhynien verhält. Mit Wolhynien ist es ebenfalls ein großes Problem, weil Wolhynien auf dem Gebiet der international anerkannten Grenzen Polens stattfand. Das ist ein absoluter Fakt. Im Jahr 1939 war das die Besetzung eines Gebiets.
Chalyj. Sie geben wieder nur die polnische Sicht wieder. Warum gibt es bei Ihnen nur die polnische Sicht? Es gibt noch zwei Sichtweisen. Es gibt die ukrainische Sicht, einen Teil der Historiker. Darf ich dann …
Portnikov. Nein, warten Sie, ich gebe nichts wieder …
Chalyj. Wenn das ein Dialog ist.
Portnikov. Nein, das ist kein Dialog, weil Sie mir nicht die Möglichkeit geben, zu Ende zu sprechen.
Chalyj. Dann machen wir ein Interview.
Portnikov. Warten Sie, ich gebe nichts aus polnischer Sicht wieder. Ich sage Ihnen eine einfache Sache. Sonst entsteht bei den Menschen irgendein sehr seltsamer Eindruck davon, was ich sage. Die Ereignisse in Wolhynien und Galizien fanden innerhalb der international anerkannten Grenzen Polens bis 1939 statt. Dadurch, dass die Sowjetunion diese Gebiete besetzte, wurden sie nicht zu Gebieten der Sowjetunion, genauso wie die Gebiete der Ukraine heute – die Krim, Donezk und Luhansk – nicht Gebiete Russlands sind. Damit sind Sie doch einverstanden?
Chalyj. Ich bin mit Ihrer eindeutigen Formulierung nicht einverstanden, weil Sie finden werden … Dann lassen Sie mich sagen: Sowohl in Polen als auch in der Ukraine gibt es unterschiedliche historische Sichtweisen. Es gibt einen Teil der Historiker, die betonen, dass dies ukrainisches Gebiet ist. Es gibt Völkerrechtler, die verstehen, was Sie sagen – diese Aspekte. Ich verstehe diese Aspekte, den damaligen Kontext, aber für die Mehrheit der Menschen sind das ukrainische Ländereien.. Erstens. Zweitens können wir nicht außer Acht lassen, dass Historiker sehr viel über die Armia Krajowa gesagt haben. Und für uns ist die Position des Präsidenten Polens nicht akzeptabel, der sagt: Hier ist die UPA, und hier ist die Armia Krajowa, zu der es eine völlig andere Haltung gebe.
Portnikov. Hören Sie, Sie illustrieren jetzt genau das, was ich Ihnen über alle sage.
Chalyj. Ja, nur sage ich aus der Sicht eines Ukrainers, wie sehr das die Ukrainer reizt.
Portnikov. Es hat keinerlei Bedeutung, ob wir mit Ihnen aus Sicht der Polen oder aus Sicht der Ukrainer sprechen, es hat keine Bedeutung. Denn wenn Sie als Diplomat und Politiker sprechen, müssen Sie diese beiden Positionen sehen und ihre Unversöhnlichkeit sehen.
Chalyj. Richtig, und Sie widersprechen sich selbst, weil sich herausstellt: Wenn wir schon anerkannt haben, dass jeder seine eigenen Helden hat, dann wird jeder seine eigene Erklärung haben. Mythologie wird es geben, das sind Ihre Worte. Jeder wird seine eigene Mythologie haben. Sie werden keine internationale Formel gemeinsamer Entscheidungen für Nachbarn finden, so wie viele Länder sie nicht gefunden haben.
Portnikov. Nun, wir erkennen ja nicht einmal an, dass jeder seine eigenen Helden hat. Genau darum geht es: Die Polen erkennen nicht an, dass die Ukrainer ihre eigenen Helden haben.
Chalyj. Also müssen wir trotzdem erreichen, dass sie das anerkennen. Und das wurde von Karol Nawrocki gesagt. Karol Nawrocki hat vor einigen Jahren, 2023, gesagt, dass Ukrainer das Recht auf ihre eigenen Helden haben. Weiter hieß es in der ersten Mitteilung der polnischen Botschaft in der Ukraine, die sofort nach dieser Absicht, den Orden zu entziehen, erschien: Ja, für Polen ist das, wie Sie sagen, eine solche Bewertung, aber jeder hat das Recht auf seine eigenen Helden.
Ich denke, dass genau das nicht nur diese Losung ist, die wir seit vielen Jahrzehnten haben: „Wir bitten um Vergebung, und ihr ebenso.“ Ich denke, darauf muss man die Situation irgendwie zementieren, weil sie sonst zu sehr vielen …
Portnikov. Wir werden sie nicht zementieren.
Chalyj. Aus historischer Sicht nicht. Aus politischer Sicht kann man das. Aus politischer Sicht war sie in einem solchen Zustand, ich sage es Ihnen. In jenem Moment, als ich 2015 den Orden erhielt, hatten wir eine schwierige Situation. Und damals wurde dieses Gesetz zur UPA und zu allem anderen im April 2015 verabschiedet.
Portnikov. Damals war eine andere Situation. Ein anderer Präsident, eine andere Situation. Wir müssen berücksichtigen …
Chalyj. In Polen.
Portnikov. Ja. Und in Polen natürlich. Und ich wollte Sie daran erinnern, dass Präsident Petro Poroschenko später von polnischen Politikern als ukrainischer Nationalist, als Bandera-Anhänger wahrgenommen wurde. In Polen freute man sich im rechten Lager über seine Niederlage, und Poroschenko hatte keine ernsthaften Beziehungen zu seinem polnischen Amtskollegen Andrzej Duda.
Chalyj. Gut, entschuldigen Sie. Ich möchte Ihnen als Berater des Präsidenten und Botschafter in den USA …
Portnikov. Sie waren damals aber schon nicht mehr in den USA.
Chalyj. Ich möchte widersprechen: Die Beziehungen zwischen Präsident Poroschenko und Präsident Duda waren ausgezeichnet. Wir hatten gemeinsame Veranstaltungen in Amerika, die beide Präsidenten unterstützten. Ich habe das öffentlich einfach nicht gesagt. Zum Beispiel die Entscheidung, dass auf amerikanischem Territorium die Politisierung der historischen Erinnerung tabu sein würde. Als Botschafter in Washington erfüllte ich eine schwierige Rolle, indem ich unsere Gemeinschaft der Diaspora aufrief, historische Fragen nicht zu politisieren. Ich habe viel Kritik bekommen, dort werden sie es Ihnen sagen, aber ich sagte: „Wir sitzen jetzt in einem Boot, wir müssen uns gegen Russland verteidigen, wir müssen über Sicherheit sprechen. Und liebe Ukrainer, ich bitte euch, so sehr ihr könnt, denn ich verstehe, dass dort viele Polen und Ukrainer umgekommen sind, gebt der Zukunft eine Chance.“
Portnikov. Lassen Sie uns die Realität nicht mystifizieren.
Chalyj. Ich mystifiziere nicht, ich gebe Ihnen Informationen. Das wurde von den Präsidenten unterstützt, auch von Kaczyński wurde es unterstützt, und das ist wichtig. Und Sie werden damals keine Konflikte finden, beginnend mit dem Moment, als Polen während des Jahrestages der Wolhynien-Tragödie das Konsulat in Chicago mit Plakaten behängten und diese dann entfernten – und ich weiß, warum sie sie entfernten –, danach gab es dort nichts Vergleichbares mehr.. Und die Polen halfen uns, sowohl die Diaspora als auch die Lobby im Kongress halfen, gemeinsame Ziele zu erreichen. Darüber diskutiere ich nicht, ich teile es Ihnen mit. Und ich bin nicht einverstanden – jetzt diskutiere ich – ich bin nicht einverstanden, dass Poroschenko mit Bronisław Komorowski zu Beginn, 2014, schlechte Beziehungen gehabt hätte.
Portnikov. Mit Bronisław Komorowski nicht, aber mit Andrzej Duda gab es bereits Spannung. Ich möchte Ihnen sagen, dass Petro Poroschenko genau jener Präsident der Ukraine ist, zu dem Jarosław Kaczyński diesen berühmten Satz sagte, dass die Ukraine mit Bandera nicht in Europa sein werde.
Chalyj. Und jetzt sage ich Ihnen, worin der Unterschied zwischen dieser Periode und aktueller besteht. Wenn Jarosław Kaczyński damals bestimmte Dinge tun konnte für … sie sagten sogar: „Jede solche Position gegen Ukrainer, das war ja nicht gegen Poroschenko, das sind plus fünf Prozent für das Parteirating.“ Das ist bis heute geblieben. Ich stimme hier zu, dass nicht alle Polen Karol Nawrocki sind und nicht alle Polen dasselbe sind. Denn ich bin der Meinung, dass es sehr viele Polen gibt, die die Position Karol Nawrockis nicht unterstützen, angefangen mit Ministerpräsident Donald Tusk, der gestern erklärte, dass weitere Zyklen gegenseitiger Beleidigungen zu sehr schlechten Ereignissen führen könnten. Hier unterstütze ich ihn. Ich denke also, dass es solche Stimmungen gibt. Ich rede die gefährlichen Stimmungen in Polen nicht klein. Ich fürchte, dass sie sich sehr leicht politisch hochschaukeln lassen – sowohl in Polen als auch in der Ukraine. In der Ukraine kennen nur weniger Menschen viele historische Momente als in Polen. Weniger wissen Bescheid. Und ich meine, dass es staatliche und diplomatische Wege gibt, um die Spirale des Konflikts und der Konfrontation nicht weiterzudrehen.
Portnikov. Ich betone noch einmal, dass die Situation mit der historischen Erinnerung für das ukrainische und das polnische Volk noch Jahrzehnte lang nicht gelöst sein wird. Petro Poroschenko war damit konfrontiert. Und wiederum wiederhole ich, dass er in den letzten Jahren seiner Herrschaft im polnischen rechten Lager eine Person war, die man nicht akzeptierte und mit der man keinen Kontakt haben wollte. Genau durch diese Situation ging Viktor Juschtschenko, als er Stepan Bandera den Titel Held der Ukraine verlieh. Und im Zusammenhang mit Juschtschenko und Poroschenko wurden Vorschläge vorgebracht, ihnen den Orden des Weißen Adlers abzuerkennen. Nur haben die Präsidenten das nicht getan. Aber solche gesellschaftlichen Initiativen gab es.
Chalyj. Und warum wurden sie ausgezeichnet? Erinnern Sie sich, wann Viktor Andrijowytsch Juschtschenko ausgezeichnet wurde?
Portnikov. Am Anfang, ihn zeichnete, glaube ich, Präsident Lech Kaczyński aus.
Chalyj. Wofür?
Portnikov. Für die Entwicklung der ukrainisch-polnischen Beziehungen und für die Suche nach Wegen der Versöhnung zwischen der Ukraine und Polen.
Chalyj. Zum Beispiel das Zentrum Polens.
Portnikov. Ja, natürlich, der Friedhof der Lemberger Adler und die Reise der Präsidenten nach Pawłokoma, all das gab es. Zugleich möchte ich noch einmal daran erinnern, dass es nie zu einer Bewertung bestimmter historischer Perioden, Personen und Handlungen kam, die gemeinsam gewesen wäre.
Chalyj. Weil es damals niemanden wie Karol Nawrocki in dieser Position gab. Umso mehr, ich betone noch einmal: Er sagte zunächst etwas anderes, obwohl er persönlich sehr tief in dieser Frage war, und jetzt hat er sich faktisch von diesen Worten losgesagt.
Portnikov. Karol Nawrocki ist keine Person, die von selbst auf der politischen Bühne Polens entstanden ist. Er ist ein Mensch, den die Hälfte des Elektorats unterstützt. 48 Prozent unterstützen ihn, 48 Prozent unterstützen ihn nicht. Und wir verstehen auch eine sehr wichtige Sache: Bei den nächsten Wahlen in Polen wird dieses politische Lager, das die Partei Recht und Gerechtigkeit repräsentiert, falls es an die Macht kommt, nicht ohne die Hilfe antiukrainischer ultrarechter Kräfte auskommen. Und damit werden sich die polnisch-ukrainischen Beziehungen noch weiter verschlechtern. Und wir können absolut klar davon ausgehen, dass Polen die Ukraine viele Jahre lang im Hinterhof der Europäischen Union halten wird, weil es dazu viel mehr Möglichkeiten hat als Ungarn oder die Slowakei.
Aber hier haben Sie in einem anderen Punkt völlig recht. Inwieweit sind wir fähig, in die Zukunft zu schauen? Dabei muss man sagen, dass die Mehrheit der Menschen in Polen, die einen solchen Ansatz Nawrockis unterstützt, diese Ideen, dass die Ukraine ein Schild für Polen sei, nicht unterstützt. Das geschieht synchron. Nicht nur die Frage der historischen Erinnerung trennt uns, sondern auch die Frage der Rolle der Ukraine. Diese Menschen sind absolut überzeugt, dass sich für Polen durch die Existenz oder Nichtexistenz der Ukraine auf der politischen Landkarte der Welt nichts ändern wird, weil Polen seine eigenen Bündnisse hat, die Vereinigten Staaten, die NATO, und die Ukraine einfach, ich würde sagen, den letzten Zug der Geschichte verpasst hat. Jetzt erringt sie entweder mithilfe des Westens und Polens ihre Freiheit oder sie erringt sie nicht und verschwindet. Also wird Polen, wie es neben der Sowjetunion existierte, auch weiter existieren. Genau darin liegt leider das Problem.
Chalyj. Ich denke, es ist noch tiefer. Offen gesagt scheint mir, dass, wenn man Szenarien entwirft, es so sein könnte, dass in Polen die Position wachsen wird, dass die Ukraine ernsthafte Konkurrenz in ihren Absichten schafft, der Europäischen Union beizutreten. Polen hat jetzt, sagen wir, eine negative Bilanz. Es ist Nettoempfänger von Hilfe aus Brüssel. Nach den Zahlen für 2024, soweit ich mich erinnere, 10 Milliarden Euro. Dabei gehört es zu den Empfängern, die am meisten bekommen. Bis heute, obwohl es bereits die zwanzigste Volkswirtschaft der Welt ist, das muss man anerkennen, sie sind aufgestiegen.
Aber ein interessanter Moment kommt. Einerseits entwickelte sich die Wirtschaft, andererseits entwickelte sie sich dank europäischer Unterstützung und Reformen, Reformen und finanzieller Unterstützung. Jetzt will Polen im Grunde nicht dasselbe für die Ukraine. Und wir werden leider noch erleben – ich kann das mit 90 Prozent Sicherheit sagen –, dass es Grenzblockaden geben wird und dass unser Beitritt zur Europäischen Union blockiert werden wird.
Portnikov. Ja, Nawrocki spricht ja offen darüber, dass dies „polnischer Landwirtschaft schaden werde“.
Chalyj. Ich glaube, dass wir eine Chance haben, und wir müssen dafür kämpfen, dass die Meinung in Polen dennoch konstruktiver wird, ungeachtet der Meinung zur Geschichte, der Blick auf das Schild ist unterschiedlich. Ich denke also, dass Ministerpräsident Tusk und ein Teil der Politik, sie haben wiederholt gesagt, dass sie unsere Zusammenarbeit im Verteidigungs- und Sicherheitsbereich schätzen. Das werden Ihnen auch Militärs sagen. Verteidigungsminister Kosiniak-Kamysz sagte, dass es dort sehr viel Zusammenarbeit gebe. Warum ich nicht möchte, dass die Militärs sich weiter mit diesen Fragen beschäftigen? Weil sie jetzt konkret in der Zusammenarbeit etwas zu tun haben, genauso wie die Diplomaten.
Portnikov. Das heißt, die Schlussfolgerung ist einfach: Wir müssen irgendwie jenen Teil der polnischen Gesellschaft und Politik unterstützen, der zu irgendeiner Verständigung mit der Ukraine neigt.
Chalyj. Ich denke, hier ist es schwierig, nicht in eine Einmischung in innere Angelegenheiten überzugehen.
Portnikov. Nein, ich meine durch unsere Haltung zu den polnisch-ukrainischen Beziehungen. Aber das wird nicht leicht sein, weil es wirklich sehr schwer ist, diese rote Linie nicht zu überschreiten, die die beiden polnischen Lager trennt. Außerdem muss man noch eine Sache verstehen. Diese Teilung in zwei Lager in der polnischen Gesellschaft ist seit 1920 zu beobachten. Das sind zwei unversöhnliche Lager. Das sind zwei Polen.
Chalyj. Sogar territorial sehen wir das bei der Abstimmung.
Portnikov. Heute gibt es eine territoriale Teilung, früher war es eine andere, weil Polen in anderen Grenzen existierte. Aber es gab trotzdem zwei Lager. Und ich denke die ganze Zeit darüber nach, wie gefährlich das für Ukrainer ist. Verstehen Sie, wenn du so enge Beziehungen zu einem Lager hast und das andere beginnt, im politischen Leben die Oberhand zu gewinnen, sieht es in dir nicht einfach ein anderes Land, sondern den Verbündeten des anderen Lagers. Genau das haben übrigens vor dem Zweiten Weltkrieg die polnischen Juden durchgemacht. Sie waren Verbündete des linken und zentristischen Lagers. Und es ist klar, warum. Weil das rechte Lager sie in Polen einfach nicht sah. Und das rechte Lager meinte, dass dies nicht einfach Bürger Polens mit eigenen Ansichten seien, sondern einfach die Basis des linken Lagers. Also müsse man sie irgendwie entweder loswerden oder ihnen Bürgerrechte entziehen oder sie nach Madagaskar schicken, irgendetwas müsse man mit ihnen machen. Und das ist ein gefährlicher Moment. Aber das war eine innere Situation. Eine innere übrigens nicht nur für die jüdische, sondern auch für die damalige ukrainische Bevölkerung Polens. Und diese ukrainische Bevölkerung hatte dort ihre politische Kraft im Sejm, die UNDO, und wurde vom rechten Lager ebenfalls nicht akzeptiert.
Und jetzt ist das ein seltsamer Moment, in dem es einerseits ein äußerer ukrainischer Moment ist, andererseits stellen Sie sich vor, was beginnt, wenn eine große Zahl von Ukrainern, die heute in Polen leben, die polnische Staatsbürgerschaft zu erhalten beginnt. Sie werden zu einer realen politischen Kraft, und man wird uns immer verdächtigen, dass wir diese politische Kraft für das zentristische und linke Lager nutzen wollen.
Chalyj. Offensichtlich. Und leider, leider ist sichtbar, dass dieser Prozess weitergehen und auch die Haltung gegenüber Ukrainern betreffen wird. Und ich freue mich sehr, dass jetzt die Gruppe „Warme Kleidung“, glaube ich, die Initiative geäußert hat, nicht nur den Präsidenten der Ukraine Zelensky mit einem Orden auszuzeichnen, nun, symbolisch, mit einem Volksorden. Eine Gruppe von Polen eher liberaler Ausrichtung. Und ich fürchte hier, dass auch das als politischer Schritt wahrgenommen wird, verstehen Sie? Das heißt, hier ist es sehr schwer zu trennen, wo politische Vorlieben sind und wo andere Dinge.
Deshalb möchte ich Sie zum Abschluss der Diskussion über Polen fragen. Meine Position ist, dass man Wege suchen muss, die Agenda jetzt möglichst schnell zu ersetzen, dieses Gespräch herunterzufahren, weil wir historisch dieses Treffen der Historiker im Mai hatten. Die Historiker setzten sich normal hin, sprachen, tauschten Meinungen aus, auch zu Wolhynien, und dann trat Nawrocki auf, Herr Nawrocki sagte etwas von 100.000, was weder den polnischen noch den ukrainischen Schätzungen entspricht. Also gibt es jetzt keine Antwort in historischen Diskussionen. Ich stimme Ihnen zu.
Denn wir können sie ja nicht vermeiden, aber wir können sie zumindest irgendwo unter Historikern fokussieren. Weiter. Aber die Frage der Sicherheit, die Frage des gemeinsamen Feindes Russland, wobei jetzt Zehntausende russische Bots in die polnischen Netzwerke gegangen sind, Skolkowo produziert Memes nur so. Und die Ukraine leider auch. Ich muss sagen, dass auch ein Teil dieser Memes … das alles geht schon nicht mehr um bilaterale Beziehungen, sondern um „Vereinen wir uns um den Präsidenten“. Nun, ich sage noch einmal, man muss sich im Widerstand gegen Russland vereinen, und man muss mehr Unterstützung für den Widerstand gegen Russland in Polen haben. Doch die Prioritäten ändern, die Agenda Sicherheit, Verteidigung und welche anderen Fragen setzen, die real …
Portnikov. Verstehen Sie, wir können die Tagesordnung trotzdem nicht ändern, solange die Frage der historischen Erinnerung in Polen die Tagesordnung ist. Auch das ist bis zu einem gewissen Grad eine Illusion. Wir werden mit einem Teil des polnischen politischen Establishments immer eine gemeinsame Sprache finden, mit den Zentristen und Linken, nun, mit den Linken bis zu einem gewissen Grad auch nicht mit allen, weil ich unter Linken linke Liberale meine. Und es gibt Linke wie Leszek Miller, der einfach auf russischen Positionen steht und nach Waldai fährt. Das sind ja auch Linke.
Chalyj. Er schlägt vor, dass die Ukraine MiGs und Panzer zurückgeben soll.
Portnikov. Genau. Ich meine also gerade Menschen westlicher Orientierung. Mit ihnen werden wir immer eine gemeinsame Sprache zur Änderung der Tagesordnung finden.
Chalyj. Eine Frage der Priorität.
Portnikov. Nein, darum geht es nicht. Man kann Prioritäten beliebig festlegen. Darum geht es mir überhaupt nicht, hier ist ohnehin alles klar. Sowohl Donald Tusk als auch Radosław Sikorski, Paweł Kowal und andere Politiker dieses zentristischen Lagers sind absolut Ihre Gleichgesinnten, und sie werden mit Ihnen die Frage der Prioritäten finden. Das ist der falsche Ansatz. Denn wir müssen Verbündete im rechten Lager suchen.
Unser großer politischer Fehler besteht nicht darin, dass wir die Tagesordnung ändern wollen, denn mit dem Lager Tusk, Sikorski, Bronisław Komorowski, wem auch immer, ist es für uns leicht, die Tagesordnung zu ändern. Und sie selbst wollen die Fragen der historischen Erinnerung nicht in den Mittelpunkt stellen und wollten das nie.
Was tun mit dem entgegengesetzten Lager? Das ist doch unser Hauptproblem. Nicht, wer jetzt in der Regierung Polens ist, verstehen Sie?
Chalyj. Ich verstehe vollkommen. Wenn es so, Gott bewahre, für Polen geschehen würde, dass die Russen ihre Grenze angreifen, dann versichere ich Ihnen, dass sich die Position auch dieser Rechten sehr schnell ändern würde.
Portnikov. Also müssen wir Verbündete im rechten Lager suchen. Nicht aus Sicht der Frage der Politik der historischen Erinnerung, sondern aus Sicht des gemeinsamen Interesses an Sicherheit. Ich möchte Sie daran erinnern, dass, als die Ukraine 2022 angegriffen wurde, in Polen überhaupt eine rechte Regierung und ein rechter Präsident an der Macht waren. Andrzej Duda war Präsident, das ist ein Präsident von Recht und Gerechtigkeit. Und Mateusz Morawiecki war Ministerpräsident. Diese Menschen waren so ernsthafte Verteidiger der Ukraine, dass Mateusz Morawiecki auf der Konferenz ultrarechter Kräfte in Madrid für die Ukraine eintrat, als alle anderen, die sich dort versammelt hatten, sich im Grunde an Moskau orientierten. Also stellt sich die Frage: Haben wir Verbündete im rechten Lager unter Politikern, gesellschaftlichen Akteuren, Journalisten? Stellen Sie sich vor, wir haben sie.
Chalyj. Ich erinnere nur daran, dass der Verteidigungsplan Polens damals, dafür wurden dort hochrangige Beamte, Generäle entlassen, so war, dass man zuerst russische Truppen nach der Einnahme der Ukraine tief nach Polen hineinlässt und dann versucht …
Portnikov. Nein, das ist ebenfalls Mythologie, die die polnischen Rechten erfunden haben.
Chalyj. Aber aus irgendeinem Grund wurden reale Generäle entlassen.
Portnikov. Um dann sozusagen die politischen Perspektiven Donald Tusks infrage zu stellen. Das war ein NATO-Plan. Dass Polen russische Truppen hineinlassen soll, bis die Hauptteile der NATO eintreffen. Aber das war ein Blick auf den Krieg der Vergangenheit, der schon damals nicht mehr aktuell war. Er wurde erstellt, als niemand sich vorstellen konnte, wie die Ereignisse sich entwickeln würden. Aber darum geht es nicht.
Es geht um etwas anderes: Mir fällt es nicht schwer, mit jenen Menschen eine gemeinsame Sprache zu finden, mit denen ich in Polen seit Jahrzehnten gleichgesinnt bin. Verstehen Sie, das ist überhaupt kein Problem. Sie stellen uns Aufgaben, die längst gelöst sind. Mit den polnischen Liberalen, den polnischen Zentristen, den polnischen linken Liberalen haben wir ein vollständiges Verständnis, dass die Politik der historischen Erinnerung den Historikern überlassen bleibt. Wir können meinen, dass ihr Fehler macht. Aber danach lösen wir die Hauptfragen: Sicherheit, Wirtschaft, Entwicklung der bilateralen Beziehungen. Ich möchte Sie aber fragen.
Chalyj. Nicht ganz so. Ich denke, dass auf diesen Fragen spekuliert wurde, auch von den Menschen, die Sie damals genannt haben. Ich habe schon erwähnt, dass sie darin eine electorale Ressource sahen. Und das war bei den Wahlen. Kaczyński
Portnikov. Ja, Kaczyński, das sind ja die polnischen Rechten. Sie hören mir nicht zu.
Chalyj. Nein, die Rechten sind unterschiedlich. Ich verbinde Kaczyński jetzt nicht mit Nawrocki.
Portnikov. Warum verbinden Sie sie nicht? Nawrocki wurde dank Kaczyński Präsident.
Chalyj. Ich verbinde sie nicht, weil mir scheint, dass in dieser Zeit noch rechtere, radikalere Gruppen entstanden sind, die den Moment schnell ergriffen haben. Sie haben ja im Prinzip diese Briefe in den Sejm eingebracht. Wer hat sie eingebracht? Prorussische …
Portnikov. Natürlich, aber in jedem Fall ist Karol Nawrocki der Präsident der Partei Recht und Gerechtigkeit. Sie hat ihn für das Präsidentenamt nominiert. Jarosław Kaczyński hat alles getan, damit er Präsident Polens wird. Ohne Kaczyński gäbe es Nawrocki nicht und umgekehrt. Also, ich wiederhole noch einmal.
Chalyj. Ich stimme natürlich zu, aber wir schauen doch in die Zukunft. Und mit welchen Rechten wollen Sie in Zukunft konstruktiver sprechen?
Portnikov. Ich sage noch einmal: Wir müssen Verbündete unter den polnischen Rechten suchen, unter allen polnischen Rechten, die eine antirussische Position vertreten und bereit sind zu suchen …
Chalyj. Die eine antirussische Position vertreten, denn es gibt solche, die sie nicht vertreten.
Portnikov. Ein Mensch, der eine antirussische Position vertritt, kann heute Jarosław Kaczyński sein, morgen vielleicht jemand wie Sławomir Mentzen. Wir wissen nicht, wie sich das entwickeln wird. Aber das Wichtigste ist etwas anderes. Wir sprechen jetzt nicht über Personen, nicht einmal über politische Parteien. Wir sprechen darüber, dass wir die ganze Zeit, auch ich, die Einstellung haben, dass wir Beziehungen zum liberalen und linken Lager aufbauen, vor allem zum liberalen und zentristischen, weil das linke Lager, sagen wir, für mich persönlich weit entfernt ist, und dort ist alles in Ordnung, alle verstehen alles, wir sind alle Freunde und wir haben praktisch einen gemeinsamen zivilisatorischen Raum. Die polnischen Rechten aber bleiben … Nun, wir müssen sie aussitzen, verstehen Sie – so wie Putin Trump aussitzt. Aber wir können das nicht.
Wir müssen Beziehungen zu ganz Polen haben, sogar zu jenen, die die ukrainische historische Erinnerung nicht akzeptieren. Denn sonst können wir beide Länder verlieren. Also müssen wir Verständigung mit Jarosław Kaczyński suchen. Wir müssen Verständigung mit Mateusz Morawiecki suchen. Wir müssen Verständnis mit verschiedenen Politikern von Recht und Gerechtigkeit suchen, die mit der Ukraine zu tun haben wollen. Wir müssen jene rechten Politiker in ihrem eigenen Lager isolieren, die das nicht wollen. Und mit all dem beschäftigen wir uns nicht. Ich sage Ihnen noch mehr, instrumentell. Sie haben heute zwei Botschafter in Polen erwähnt.
Chalyj. Nun, mehr den amtierenden Botschafter Wasyl Bondar, der einer der besten ukrainischen Botschafter ist.
Portnikov. Und der vorherige Botschafter war Herr Zwarytsch.
Chalyj. Ja, Wasyl Zwarytsch, der jetzt Botschafter in Tschechien ist.
Portnikov. Und wann haben wir den Botschafter gewechselt?
Chalyj. Vor kurzem.
Portnikov. Als die Regierung in Polen wechselte, weil Herr Wasyl Zwarytsch reale Kontakte zum Regierungslager hatte, und wir entschieden also, dass wir einen Botschafter haben werden, der Beziehungen sozusagen von einem weißen Blatt aufbauen wird, wie das oft vorkommt.
Chalyj. Nun, und jetzt haben wir unserem Botschafter die Möglichkeit genommen, mit beiden Lagern zu arbeiten.
Portnikov. Nun, es ist unbekannt, ob wir sie ihm genommen haben.
Chalyj. Es ist bekannt. Ich sage Ihnen jetzt: Wir haben sie ihm genommen, weil er nach einer solchen Demarche als Botschafter … Botschafter können nicht. Das ist keine weise Entscheidung. Präsidenten müssen Botschafter aus der Schusslinie nehmen, denn ihre Aufgabe ist danach eine ganz andere.
Portnikov. Damit bin ich professionell absolut einverstanden. Aber darum geht es mir nicht. Ich sage, dass die Einstellung selbst … Das Außenministerium weiß natürlich besser, wo Herr Wasyl Zwarytsch besser ist, in Warschau oder in Prag, und wo Herr Wasyl Bondar besser ist, in Ankara oder in Warschau. Das ist einfach ein Austausch. Aber ich bin der Meinung, dass wir trotzdem einen Botschafter brauchten, der bereits Kontakte zum rechten Lager hatte. Denn ein Botschafter in Polen, der Kontakte zum zentristischen Lager knüpft, ist keine große Kunst. Die wollen ohnehin mit ihm sprechen. Aber ein Botschafter, der Kontakte zum rechten Lager hat, das ist wirkliche Kunst. Denn das sind Menschen, die nicht besonders gern Beziehungen zu Ihnen unterhalten wollen.
Chalyj. Kunst ist, wenn es einen professionellen Diplomaten gibt, und unabhängig von seinen früheren Verbindungen ist er offen für die Zusammenarbeit mit allen Lagern. Denn es gibt keine solchen Fälle, ich weiß, einen solchen Ansatz gibt es in einigen Ländern. Und in letzter Zeit, deshalb habe ich mich daran festgebissen, gab es solche Gespräche zum Beispiel bevor entschieden wurde, wer Botschafter in Washington wird.
Jedes Mal diese Argumente. Es gibt Länder, besonders die wichtigsten, Nachbarn, wo man nicht so sehr über seine persönliche Erfahrung der Kommunikation sprechen muss, sondern über seine professionellen Fähigkeiten und das Vertrauen des Präsidenten und anderer hoher Beamter, eine solche Rolle zu spielen, nicht die, die in Kyiv ist. Es ist ein Fehler, dass die Position in Kyiv und die Position vor Ort unterschiedlich sein sollen. Die Botschaft – ich habe Ihnen das Zitat der polnischen Botschaft vorgetragen – sie hat es richtig gemacht. Ich möchte einfach den Hut ziehen. Und der frühere Botschafter Cichocki, ein sehr guter Mensch, den ich respektiere, hat es anders gemacht. Er nahm den ukrainischen Orden und sagte: „Ich gebe ihn zurück.“ Ja, das blieb unbemerkt. Aber ich sagte sofort: Das ist nicht der Weg, absolut nicht der Weg.
Portnikov. Aber wie Sie gesehen haben, wurde es dieser Weg.
Chalyj. Ich akzeptiere ihn, wie Sie verstanden haben, unter Politikern, nicht in der Diplomatie.
Portnikov. Nun, vielleicht betrachtet Bartosz sich als Politiker. Auch als er Botschafter Polens in der Ukraine war, betrachtete er sich als Politiker und nicht als Diplomaten und verhielt sich wie ein Politiker, nicht wie ein Diplomat.
Chalyj. Seine Wahrnehmung. Aber was den Ansatz bei Botschaftern betrifft, haben Sie recht. Vielleicht war es so. Diese Ernennung, diese Wechsel. Nun, ich sage sogar mehr. Sie haben recht, es war so. Aber zu sagen, dass dies die richtige Art von Ernennungen in Polen ist, wäre meiner Meinung nach falsch.
Portnikov. Also ist das die Antwort auf Ihre Frage. Die Frage ist nicht, wie wir die Tagesordnung ändern. Die Frage ist, mit wem wir sie ändern. Wir müssen sie mit allen politischen Kräften Polens ändern.
Chalyj. Mit allen.
Portnikov. Außer mit jenen, die offen antiukrainische Positionen vertreten. Recht und Gerechtigkeit vertritt keine offen antiukrainischen Positionen. Wenn wir die Opposition ignorieren und versuchen, Beziehungen nur zum Regierungslager aufzubauen, solange dieses – wie jetzt – zur Zusammenarbeit mit uns bereit ist, werden wir später mit den Folgen konfrontiert werden.
Chalyj. Sie haben gerade den richtigen, universellen Weg für das wichtigste Land genannt. Wir sprechen nicht situativ, sondern strategisch, wie auch in Amerika. Dasselbe. Man muss mit allen zusammenarbeiten.
Portnikov. Deshalb ist die Frage nicht, ob Volodymyr Zelensky nach Danzig fährt oder nicht. Die Frage ist eine andere: Trifft er sich mit Jarosław Kaczyński? Verstehen Sie?
Chalyj. Nun, wenn Sie irgendwo nicht hinfahren, treffen Sie sich nicht.
Portnikov. Nun, mit Jarosław Kaczyński kann man sich auch in Kyiv treffen und eine Delegation der polnischen Opposition nach Kyiv einladen. All das geschieht nicht.
Chalyj. Ich sage noch ketzerischere Dinge. Sogar mit Karol Nawrocki kann man es versuchen.
Portnikov. Der Präsident hat sich mit dem Präsidenten Polens getroffen, mir scheint, ein solches Treffen gab es schon.
Chalyj. Es gab ein Treffen damals, er schenkte ein Buch über Wolhynien, aber gestern sagte der Präsident einige Dinge, auf die in der Kanzlei schon reagiert wurde. Sehen Sie, hier gibt es, seien wir ehrlich, solche Dinge. Es war nicht nur für uns alle kränkend, sondern auch für Präsident Volodymyr Zelensky persönlich war es kränkend. Deshalb zeigen seine jetzigen Aussagen über Fürsten, Zaren, Karol, verstehen Sie, seine Haltung, was völlig verständlich ist.
Portnikov. Das ist überhaupt der Stil des Präsidenten.
Chalyj. Aber es gibt staatliche Interessen, es gibt einen eigens geschaffenen Konsultativrat der Präsidenten beider Länder, der sich übrigens sehr lange nicht getroffen hat. Ich halte das für einen Fehler. Erst vor kurzem wurde er von unserer Seite vom neuen Leiter Serhij Kyslyzja übernommen. Davor war es gerade Ihor Schowkwa, der jetzt keine Ruhe mehr hineinbringen kann.
Portnikov. Herr Kyslyzja hat ebenfalls auf den Orden verzichtet. Sie haben alle verzichtet.
Chalyj. Serhij Kyslyzja?
Portnikov. Ja, er hat verzichtet. Ich habe diese Meldung gesehen. Sie haben sie einfach verpasst.
Chalyj. Ich habe heute Tschernenko nicht verpasst.
Portnikov. Jetzt wird es in den sozialen Netzwerken viele verschiedene Menschen geben.
Chalyj. Wie hat er dort geschrieben? „Ich habe die Ehre.“
Portnikov. Aber wissen Sie, was interessant ist? Haben Sie diese Erklärung der Kanzlei von Präsident Nawrocki gelesen?
Chalyj. Ich habe sie gelesen, natürlich. Und seinen Auftritt habe ich gesehen.
Portnikov. Nein, ich meine die heutige letzte.
Chalyj. Ich habe nur die Erklärung des Büros gesehen, inhaltlich, gelesen habe ich sie nicht.
Portnikov. Sehen Sie, sie haben auf die Worte von Präsident Zelensky reagiert, der Schröder, Katharina II. erwähnte. Und sie sagen eine ziemlich einfache Sache: „Wir haben Schröder den Orden nicht aberkannt, obwohl er prorussische Positionen vertritt, weil er keine deutschen Militäreinheiten nach SS-Einheiten benannt hat.“
Chalyj. Das ist eine noch schlimmere Beleidigung, das Schwungrad wird weitergedreht, hochgedreht.
Portnikov. Präsident Zelensky hat ja keine ukrainischen Militäreinheiten nach irgendwelchen SS-Einheiten benannt. Das heißt, Mitarbeiter der Administration des Präsidenten Polens vergleichen die Ukrainische Aufstandsarmee mit einer SS-Einheit. Also suchen sie, statt die Eskalation irgendwie zu verringern, noch, ich würde sagen, höhere Töne in dieser historischen Erinnerung.
Chalyj. Deshalb gibt es hier keinen Ausweg. Es wird sich weiterdrehen. Dann werden die Ukrainer erklären, dass 375.000 Polen in der Wehrmacht gedient haben. Und dann geht alles los. Deshalb, um einen Strich darunter zu ziehen, denn wir wollen historische … nun, ich wollte es vermeiden, aber es geht trotzdem auf irgendwelche Fakten über, die meiner Meinung nach nirgends verschwinden werden. Das wird in der Gesellschaft diskutiert werden. Aber was man nicht zulassen darf, das ist meine Meinung, und ich sehe Mechanismen, die dennoch, nicht sofort, aber das tun würden, was Sie sagen.
Jetzt muss man Signale geben, dass wir bereit sind, all diese, nicht historischen Fragen, sondern verschiedene Fragen mit allen Parteien des politischen Spektrums zu besprechen. Ich denke, in diesem Fall ist die Spezifik Polens, dass es eine parlamentarisch-präsidentielle Republik ist, dass es einen Ministerpräsidenten gibt, dass es einen Präsidenten gibt und dass der Präsident will, dass seine Partei die führende Position einnimmt. Das bedeutet, dass wir mit Polen so umgehen müssen, wie es ist. Es ist unser Nachbar.
Ich meine, wir müssen einfach alles tun, damit sich kein Konflikt zwischen den Völkern hochschaukelt. Denn von solchen Erklärungen und Handlungen bis zum Hochdrehen gegenseitiger Beleidigungen ist es tatsächlich nur ein sehr kleiner Schritt. Zwei, drei Schritte, nicht mehr. Und das beunruhigt mich sehr, weil man das ausnutzt.
Unser Hauptproblem jetzt, zu dem ich schon übergehen möchte, ist existenziell. Es ist der Krieg. Es ist der russische Versuch, die Ukraine in der Form, in der sie existiert, im Grunde zu vernichten. Und in dieser Hinsicht bin ich vielleicht nicht so optimistisch wie unsere Regierung. Ich glaube nicht, dass die Eröffnung eines Clusters oder einer Gruppe von Kapiteln der Verhandlungsposition zur EU-Mitgliedschaft bereits den Weg zeigt, auch nicht irgendwelche Jahre dieses Weges. Denn die Schlüsselposition, die nach der Erfüllung aller Bedingungen der europäischen Reformen kommt, ist die Entscheidung jedes einzelnen Landes. Und offensichtlich wird es in Polen den Versuch geben, all diese historischen Dinge zu nutzen, um unsere europäische Integration zu bremsen, sagen wir, zu stoppen.
Portnikov. Polen kann sogar einen landwirtschaftlichen Dialog mit uns fünf Jahre lang führen.
Chalyj. Kann es. Aber das wollte Frankreich seinerzeit tun, was mich damals überraschte, doch die Franzosen fürchteten, dass französische Bauern wegen polnischen Rindfleischs verdrängt würden. Und das war nicht weniger hart, als wir es heute mit Polen erleben werden. Deshalb kann man diese Fragen überwinden. Das dauert natürlich längere Zeit. Nun, so wie ich meine, dass diese Frage für uns vor den 30er-Jahren noch nicht aktuell sein wird. Die Dreißiger, ich möchte keine Zahlen nennen, aber ich spreche über die Haushaltsperiode 28–34, sagen wir so. Vielleicht auch später. Das ist optimistisch gesehen, optimistisch und realistisch, sagen wir, ein Realist ist ein gut informierter Optimist, sagen wir so.
Deshalb sollen Politiker natürlich das Ihre tun, sie müssen manchmal wünschenswertere Fristen nennen, alles. Aber wir können das kommentieren, dass es so ist. Und leider sehe ich selbst bis dahin keine ernsthaften Faktoren, die die Probleme historischer Bewertungen zwischen den beiden Ländern verändern würden. Trotzdem haben wir verstanden, ich ziehe die Schlussfolgerung, dass man mit allen Kräften in Polen sprechen muss, natürlich nicht zulassen, antworten geben, vielleicht harte, aber es nicht systemisch tun. Ich meine, Minister Sybiha hat hier keine Wahl in Bezug auf die Position, denn er ist Politiker auf dieser Position. Aber zu erklären, man müsse auf jeden Schritt Polens spiegelbildlich antworten, ist meiner Meinung nach nicht die beste Strategie. Manchmal ist es so, dass man noch härter antworten muss, manchmal ausweichen, manchmal asymmetrisch antworten und so weiter. Also eine Strategie, die auf Auge um Auge, Zahn um Zahn aufgebaut ist, ist keine Strategie des 21. Jahrhunderts. Hier muss das Spiel viel komplizierter sein. Lassen Sie uns einen Strich darunter ziehen, wenn Sie zu dieser Situation noch etwas sagen möchten.
Portnikov. Sie wird weiter andauern, unabhängig davon, was in Danzig passieren wird. Ich sage es noch einmal.
Chalyj. Aber wenn es dennoch eine Möglichkeit gibt, eine weitere Eskalation zu vermeiden, scheint mir, dass auch wir in der Ukraine – ich meine diejenigen, die nicht Präsident sind; vielleicht sieht der Präsident mehr – daran denken sollten. Denn ich glaube, für unsere Völker ist das eine gefährliche Entwicklung. Umso mehr, unser Zentrum als gesellschaftliche Organisation, wir haben verschiedene Beziehungen und Diskussionen mit verschiedenen, sagen wir, Spektren von Kommentatoren, Experten, Journalisten. Wir werden diese Arbeit auf unserer Ebene fortsetzen. Nun, ich wünsche es sehr. Das Ideal wäre, ich denke, es ist unrealistisch, aber dennoch, dass wir hier stehenbleiben, und im Idealfall, dass diese Entscheidung über die Rückgabe des Ordens überhaupt nicht in Kraft tritt.
Portnikov. Das ist absolut unklar, ob sie durch ist oder nicht.
Chalyj. Aber es spielt eine Rolle, ich sage Ihnen, einer der Prognosen, sie kann sehr riskant sein: Früher oder später wird dieser Orden Volodymyr Zelensky zurückgegeben werden. Er wird früher oder später zurückgegeben werden. Gemeint ist nicht die unmittelbare Perspektive, aber es wird geschehen. Nun zur Hauptsituation.
Der Hauptmoment. Ich möchte mich nicht wiederholen, und wir haben viel von Ihnen gehört, was Sie in Ihren Sendungen sagen, und Sie reagieren ständig auf konkrete Situationen. Wenn man, nun, nicht strategisch, ich würde sagen, sondern doch in eine etwas weitere Perspektive blickt, möchte ich über Russland sprechen, über den Feind, weil wir unsere Momente besser verstehen als den Feind. Was meinen Sie: Gibt es Gründe zu sagen, dass die kommenden Monate für Russland Monate der Entscheidung darüber sein werden, wie es weitergeht? Oder halten wir in Wirklichkeit nur Wunschdenken für Realität, und in Russland kann es eine solche Wahl zwischen verschiedenen Handlungsoptionen schlicht nicht geben?
Portnikov. Ich denke, das wird von der wirtschaftlichen Situation abhängen. Wenn sie sehen, dass sie mit der wirtschaftlichen Situation trotz ihrer Krisenmomente zurechtkommen können, werden sie handeln, wie sie gehandelt haben. Sie sind ein sehr träges System. Es geht nicht einmal um Putin. Und dann übertreiben wir sehr oft, scheint mir, die Haltung der russischen Führung zu den Problemen der eigenen Bürger.
Die eigenen Bürger beginnen erst dann zu beunruhigen, wenn sie protestieren und ihr Protest sich nicht mehr unterdrücken lässt. Das ist eine Regel des russischen Lebens. Erinnern Sie sich an Pikaljowo, als Menschen hinausgingen, eine föderale Fernstraße blockierten und mit den Handlungen des damaligen Eigentümers des stadtbildenden Unternehmens, Oleg Deripaska, nicht einverstanden waren. Putin kam selbst, sprach mit ihnen, stellte irgendeine Ordnung her, weil sie protestierten.
Chalyj. Nun, ich erinnere mich, als niemand die Probleme Wladiwostoks lösen konnte, nachdem die zollfreie Einfuhr gebrauchter japanischer Autos, mit denen die Taxifahrer in Wladiwostok fuhren, abgeschafft worden war.elSie versammelten sich auf den zentralen Straßen, an der Kreuzung standen etwa 500 Autos. Und nachdem gepanzerte Mannschaftstransporter kamen, um sie zu vertreiben, kamen noch mehr Autos, und Moskau machte einen Rückzieher. Dann im Norden, erinnern Sie sich, als arbeitslose Jugendliche … also Panzerkreuzer Potemkin.
Portnikov. Das ist die Antwort auf die Frage. Wenn die Russen revoltieren, werden sie die Politik korrigieren. Wenn sie nicht revoltieren, sondern einfach sagen: „Oh, bei uns gibt es an den Tankstellen keinen Treibstoff. Oh, man muss aus der Krim ausreisen.“ „Nun, reist eben aus. Die Rettung der Ertrinkenden ist die Sache der Ertrinkenden selbst. Wir kämpfen einfach. Wir haben keine Zeit für euch. Wir retten euch vor einer noch größeren Gefahr.“
Chalyj. Nun gut, also Aufstand, aber wie groß wird die Möglichkeit sein? Nach Ihren Worten habe ich verstanden, dass es hier keinen Aufstand …
Portnikov. Ich weiß es nicht. Wir können russische gesellschaftliche Stimmungen niemals vollständig vorhersagen. Wie man im Februar 1917 nicht vorhersagen konnte, wie auch im Oktober 1917 nicht. Wer hätte übrigens vorhersagen können …
Chalyj. Die Wagner-Leute, die nach Moskau marschieren.
Portnikov. Die Wagner-Leute oder August 1991. Waren das alles vorhersehbare Handlungen? Haben wir gesagt: „Wissen Sie, wenn es irgendeinen Versuch der Restauration in der Sowjetunion geben wird, werden die Menschen massenhaft auf die Straße gehen?“ So war es nicht. Mit den Russen ist es schwieriger, verstehen Sie? Weil es leichter ist, die Situation mit einer politisch aktiven Gesellschaft vorherzusagen.
Chalyj. Und die Spitze, diese Kremltürme, nun, das ist vereinfacht.
Portnikov. Mir scheint, dass es bei den Kremltürmen einen Konsens über die Notwendigkeit gibt, den Staat in den Grenzen von 1991 wiederherzustellen. Dort gibt es gerade keinerlei Meinungsverschiedenheiten. Es geht nur um die Instrumente. Also, jemand kann meinen, dass man dafür eine Atombombe einsetzen muss. Jemand kann meinen, dass man dafür die Wirtschaft …
Chalyj. Sie meinen die Sowjetunion.
Portnikov. Die Sowjetunion.
Chalyj. Also sprechen wir über die baltischen Länder.
Portnikov. Ich weiß nicht, inwieweit die baltischen Länder jetzt in diesen Kreis gehören, inwieweit sie bereit sind zu einem Konflikt mit der NATO. Wenn sie bereit sind, dann …
Chalyj. Aber Kasachstan gehört dazu.
Portnikov. Kasachstan gehört dazu. Nein, wir kennen ja die Konfiguration. Russland, Ukraine und Belarus sind ein Territorium, weil es das ukrainische und belarussische Volk nicht gibt. Also werden die Ukraine und Belarus als Gebiete angeschlossen. Ein Teil Kasachstans wird als Gebiete angeschlossen, und alle anderen ehemaligen Sowjetrepubliken werden zu Autonomien innerhalb der Russischen Föderation. Der stalinistische Ansatz. Das ist es, was sie am Ende erreichen wollen. Deshalb ist die Ukraine eine notwendige Bedingung, weil sie dann an die Grenzen Mitteleuropas gelangen und zu einem geopolitischen Akteur werden. Und hier ist der Konsens vollständig.
Also, ich sage noch einmal: Es gibt einfach Menschen, die meinen, dass man das durch Krieg tun muss, sogar durch Atomkrieg, und es gibt Menschen, die meinen, dass man das durch wirtschaftlichen Druck erreichen kann. Aber dass man das tun muss und dass Russland ohne dies nicht existieren wird, daran hat dort niemand auch nur irgendwelche Zweifel, weil es ein expansionistisches Land, eine expansionistische Zivilisation ist, ich erinnere die ganze Zeit daran, seit den Zeiten Iwan Kalitas.
Chalyj. Nun gut, ist das ein Imperium?
Portnikov. Nein, das ist nicht einmal ein Imperium, das ist eine expansionistische Zivilisation. Ein Imperium ist etwas anderes.
Chalyj. Und das ist die Sowjetunion.
Portnikov. Eine expansionistische Zivilisation.
Chalyj. Das ist kein Imperium?
Portnikov. Eine expansionistische Zivilisation. Sie haben sich die ganze Zeit ausgedehnt.
Chalyj. Nun, das Prinzip eines Imperiums ist ebenfalls, sich auszudehnen.
Portnikov. Ein Imperium kann irgendwo anhalten und sich im Rahmen der erzielten Ergebnisse entwickeln. Wenn Russland anhält, beginnt es zu degradieren.
Chalyj. Nun, das zeigte die Geschichte vieler Imperien. Ich kann den Unterschied zu Ihrer Definition nicht finden.
Portnikov. Das heißt, Sie meinen, dass jedes Imperium eine expansionistische Zivilisation ist und nicht anhalten kann?
Chalyj. Ich sehe es historisch so, dass alle Imperien versucht haben, ihre Grenzen zu erweitern, bis zu dem Moment, als historische Ereignisse so lagen, dass es ihnen einfach … Nein, Großbritannien zog sich aus dem Nahen Osten und aus Indien zurück, als man noch etwas hätte tun können, aber die wirtschaftlichen Folgen, diese Kolonie zu tragen, waren schon sehr schwierig.
Portnikov. Nun, ich sage Ihnen, worin der Unterschied liegen kann.
Chalyj. Sie können die Krim wirtschaftlich vielleicht nicht tragen.
Portnikov. Jedes Imperium denkt vor allem an seine Ressourcenbasis. Russland denkt an Expansion, weil die Ressourcenbasis für es nicht zwingend ist. Welche Ressourcenbasis hatte die Sowjetunion in Afghanistan, Angola, Mosambik und Kuba?
Chalyj. Ja, ein Imperium wählt manchmal aus, wohin es sich ausdehnt.
Portnikov. Ich denke, dass im russischen Fall die Idee der Expansion einfach wichtiger ist als die Idee der Ressourcenbasis. Deshalb sagen die Russen übrigens die ganze Zeit: „Warum sind wir denn ein so seltsames Imperium, wenn wir unsere Ressourcen an die eroberten Gebiete weitergeben?“ Nun, weil ihr kein Imperium seid. Ein Imperium nimmt tatsächlich, in der Regel plündert es alle eroberten Gebiete, und dann gehen irgendwelche Waren in die Häfen von Lissabon und Madrid. Russland plünderte einerseits natürlich, gab andererseits aber immer auch eigene Ressourcen ab.
Chalyj. Nun, in alten Zeiten gab es auch so etwas. Einigen Gebieten, die Widerstand leisteten, aber sich mit Vasallität einverstanden erklärten, gab man Geld, indem man es anderen wegnahm, die man erobert hatte. Auch das gab es. Aber Sie haben einen interessanten Punkt angesprochen: Itschkerien, heute Tschetschenien, erhält vollständig Subventionen und wird faktisch über Moskau aus den Einnahmen Tatarstans finanziert.
Portnikov. Nicht nur Itschkerien, überhaupt ganz Russland, es gibt sieben Geberregionen.
Chalyj. Sacha-Jakutien ist Geber, Tatarstan ist Geber, Baschkortostan ist Geber.
Portnikov. Moskau.
Chalyj. Moskau, klar. Und im Wesentlichen ist ganz Russland überwiegend Empfänger. Logisch ist, dass sie durch zwei Dinge zusammengehalten werden, nun, vielleicht drei. Erstens dennoch durch eine billigere Sicherheit, seien wir ehrlich, viele dieser Menschen sind solche Russifizierten geworden. Sie sprechen über eine gemeinsame Würde und „unsere“ Errungenschaften. Übrigens ist es sehr lustig, wenn Menschen, die keinerlei Beziehung zu Moskau haben, manchmal all diese Ereignisse erwähnen, aber es existiert trotzdem, und das ist objektiv.
Portnikov. Interessant ist aber etwas anderes: Die besetzten ukrainischen Gebiete erhalten Hilfe. Sie sind ja auch keine Geber, für sie wird ebenfalls Geld ausgegeben. Dann stellt sich ebenfalls die Frage, wozu ihr sie erobert, wenn sie nicht eure Ressourcenbasis sind, sondern ihr sie einfach nur um der Eroberung willen erobern wollt.
Chalyj. Nun, aus dem Osten haben sie etwas genommen und es sofort Kadyrow gegeben, das Werk in Mariupol. Manchmal rechnen sie mit ukrainischem Eigentum ab.
Portnikov. Natürlich, aber trotzdem müssen sie all das aus dem eigenen Haushalt unterhalten.
Chalyj. Und hier entsteht eine solche Situation. Ein Russe, der nicht in Moskau lebt, fragt … Denn Moskau werden sie als letztes aufgeben. Ich denke, in Moskau wird es immer Benzin geben, bis es bei allen nicht mehr da ist.
Portnikov. Mir scheint, dass es dort an den Tankstellen schon kein Benzin mehr gibt.
Chalyj. Nein, nun, es gibt welches. Sie werden Wege finden. Sie werden Moskau abdecken, weil das Wahlen im September sind, das ist Sobyanins Interesse.
Portnikov. Sie haben nicht in Moskau gelebt, Sie haben dort nicht für Brot angestanden. Ich schon.
Chalyj. Sie haben ja auch diese Erfahrung. Ja, Sie sind ein guter Berater. Nun, sagen Sie, wie ist das. Wie sollen wir das jetzt machen, denn das ist ein Feind, der in Schlangen stehen muss.
Portnikov. Ich weiß einfach genau, dass der Moment kommt, in dem sie aus für mich unverständlichen Gründen auf die Stabilität in Moskau keine Rücksicht mehr nehmen.
Chalyj. Und als es Schlangen gab, wurde Buran gestartet. Das ist ein interessanter Moment. Also, was werden ihre vorrangigen Handlungen sein? Werden sie die Krim bis zum Ende finanzieren, versuchen, irgendwie die Illusion aufrechtzuerhalten? Putin versprach ein Schaufenster, dass die Krim überhaupt ein Schaufenster sein werde.
Portnikov. Nun, jetzt ist das ein etwas anderes Schaufenster.
Chalyj. Ein völlig anderes. Und zwar nicht nur wegen dieser Bilder, dass die Krim Territorium der Ukraine ist, auf dem leider Kampfhandlungen stattfinden.
Portnikov. Ich weiß nicht, ob sie sie unterstützen werden oder ob es für sie vorteilhafter ist, dort den Zustand einer humanitären Katastrophe zu schaffen, um zu zeigen, wie grausam die Ukrainer seien, die sogar jene vernichten, die sie als eigene Bevölkerung betrachten, um ihres Sieges willen. „Wir haben euch doch gesagt, dass die Krim-Bewohner vernichtet werden. Jetzt haben die Nazis die Möglichkeit bekommen. Das bedeutet, das ist es, worüber wir euch 2013 gesprochen haben, ihr seht es jetzt. Schaut auf das hungrige Kind auf der Krim. Das wäre geschehen, wenn es 2014 einen Zug von Kyiv nach Simferopol gegeben hätte. Genau das hat Genosse Putin verhindert.“
Chalyj. Aber das ist für ihren inneren Gebrauch.
Portnikov. Ja, natürlich, natürlich.
Chalyj. Sie haben bereits mehr als eine Million gezielt umgesiedelte Russen dorthin gebracht, auf die Krim, und natürlich rechneten sie damit, dass dies gerade die Situation stärker unterstreichen, sie besser machen könnte. Aber sie stießen darauf, dass diese Million jetzt versorgt werden muss.
Portnikov. Und jetzt muss man sie herausbringen, weil all diese Menschen vielleicht nicht dort bleiben wollen.
Chalyj. Ich denke, wenn jetzt wirklich unter Kontrolle und stabil der Landkorridor geschlossen wird und diese Kertsch-Brücke, die in Wirklichkeit aus vielen Gründen eine so fragile Konstruktion ist, dann erzeugt all das realen Druck. Zumindest für jene, die dorthin gekommen sind, nicht für Menschen, die dort lebten, sondern für jene, die gekommen sind, die einfach bewusst auf besetztes Gebiet gekommen sind. Das Gebiet wurde besetzt, sie kamen, und sie verspotten noch jene Ukrainer, die dort sind. Es gibt keine ukrainischen Schulen, nichts gibt es, für sie ist alles normal. Ich halte sie für Besatzer. Diese Menschen, die nach Beginn des Krieges auf das Territorium der ukrainischen Krim gekommen sind, sind Besatzer, die von dort jetzt, wenn sie am Leben bleiben wollen, ausreisen müssen.
Am Leben nicht deshalb, weil Ukrainer … Ich denke nicht, dass der einzige Weg zur Befreiung der Krim irgendwelche Schläge auf der Krim sind. Nein, gerade dieser Weg, der jetzt entsteht, die Insel Krim. Also eine Insel. Und das, was … nun, ich sprach, ich denke, Sie wissen es, auch öffentlich, glaube ich, Präsident Krawtschuk hat darüber gesprochen, ich sprach mit ihm, er erzählte, wie die Krim an die Ukraine überging. Das war ja nicht ein großer Wunsch Chruschtschows. Chruschtschow tat das gezwungenermaßen, weil es auf der Krim Hunger gab. Im nördlichen Teil der Krim zeichnete sich bereits Hunger ab. Und man musste Wasser geben. 100 Milliarden hat die Ukraine, Kyiv, in all diesen Jahren in die Krim investiert.
Portnikov. Die Ukrainische SSR.
Chalyj. Ja, die Ukrainische SSR und nicht nur die Ukrainische SSR.
Portnikov. Die Ukrainische SSR, dann die unabhängige Ukraine.
Chalyj. Die Ukrainische SSR investierte 100. Und wie viel danach, das ist eine Frage. Die Südküste der Krim, dort, wo die Datschen der Generäle sind, sie werden sich bis zuletzt wehren. Aber diese Menschen, die gekommen sind, können genauso ruhig wieder wegfahren. Wenn sie ein Problem bekommen, werden sie sehen, dass es für sie hier nicht besser ist. So begann die Situation mit der Krim.
Ich denke immer: Ein solcher Krieg, wenn er mit einer Entscheidung im Kreml begann und auf der Krim 2014 begann, dann kann er vielleicht auch dort enden.
Portnikov. Je nachdem, wie die Situation auf eben diesem Territorium in den nächsten Monaten sein wird. Auch das können wir nicht wissen. Wiederum können wir diese Situation, ich würde sagen, für das Überleben des russischen Besatzungskontingents auf der Krim schwierig machen und so weiter. Aber es ist unbekannt, ob wir die Kontrolle über das Territorium selbst herstellen können, weil es jetzt nicht nur auf der Krim besetzt ist, sondern auch ein Teil des Festlands dafür besetzt ist.
Chalyj. Und darüber sprach ich mit Krawtschuk. Was ich gehört habe. Die Sache ist: Historisch konnte die Krim nie getrennt vom Festland existieren. Deshalb konnte sie ohne diese wirtschaftliche Verbindung nicht existieren. Deshalb ging das Russische Imperium damals zuerst in den Festlandteil hinein und dann auf die Krim, also seinerzeit. Okay, die Krim sehen wir.
Aber hier ist offensichtlich, dass das nicht eine Frage des morgigen Tages ist, bedingt gesagt, ja? Es gibt das Kriegsbudget, von dem Sie gesprochen haben, und es ist jetzt offensichtlich, dass man weiter darauf schlagen und dieses Kriegsbudget verkleinern muss. Aber ich wollte zu diesen geschlossenen Dingen zurückkehren, die für Menschen wie Sie schwer zu wissen sind, umso mehr mit der Erfahrung des Umgangs seinerzeit mit anderen Eliten. Also dennoch: Kann es vielleicht doch sein, dass sie die Notwendigkeit einer Pause berechnen? Ich sage nicht, dass sie ihre Ziele gegenüber der Ukraine aufgeben, aber dass sie dennoch gezwungen sein könnten, sich auf einen vorübergehenden Waffenstillstand einzulassen und an der Kontaktlinie Halt zu machen.
Portnikov. Nun, erstens glaube ich, dass ich ziemlich viel mit Vertretern dieser Elite gesprochen habe, die jetzt da ist. So hat es sich historisch ergeben. Deshalb habe ich keine Illusionen über ihre Stimmungen. Und ich meine gerade diese tschekistische Elite, die die ganze Zeit dort war. Man konnte sie nicht bemerken, aber sie war die ganzen 90er-Jahre dort. Darin liegt das Problem.
Chalyj. Ja. Aber jetzt hat sie die Kontrolle übernommen.
Portnikov. Jetzt hat sie die Kontrolle übernommen. Ja. Und sie haben sogar versucht, in den 90er-Jahren so zu tun, als seien sie keine Tschekisten. Warum konnte man mit ihnen sprechen? Weil sie sich als jemand anderes maskierten. Aber ihre Positionen waren auch damals so wie heute, und sie haben sich nicht verändert.
Und jetzt zur Pause. Es ist ziemlich einfach. Dort gibt es genug Menschen, die meinen, dass sie Kontrolle auch ohne Krieg erlangen können und die zu einer Pause bereit sind. Insbesondere ist das das Umfeld des Auslandsgeheimdienstes der Russischen Föderation. Vor allem Naryschkin und andere Menschen, die so oder so dem Kreis des Auslandsgeheimdienstes angehören. Was den Föderalen Sicherheitsdienst selbst betrifft, gibt es dort unterschiedliche Ansichten, aber auch dort gibt es genügend pragmatische Menschen. Dort gibt es heute im Grunde eine Dreiherrschaft, drei Generäle. Und in diesen drei Gruppen gibt es unterschiedliche Ansichten darüber, was geschieht.
Aber das Wichtigste ist, dass sie nichts entscheiden. Das ist ein typisches personalistisches Regime. Putin sieht nicht wie ein Mensch aus, der zu einer Pause neigt. Sie können ihn nicht überzeugen. Er kann nur sie überzeugen. Putin ist nicht ganz von Tschekisten umgeben. Er ist von Hochstaplern umgeben, von den Brüdern Kowaltschuk, von dieser ganzen Gesellschaft. Selbst Menschen aus dem tschekistischen Lager führen natürlich Befehle aus, aber sie sind keine Berater. Kirijenko, all das sind Menschen, die sich in Putins Nähe befinden.
Das sind keine Tschekisten in reiner Form. Das ist ein personalistisches Regime, das dem Franco-Regime sehr ähnlich ist. Es vereint verschiedene konservative Gruppen. In diesen konservativen Gruppen gibt es Vorstellungen davon, dass vielleicht eine Pause richtiger wäre, weil man einfach Kräfte für einen Schlag sammeln muss. Aber Putin kann meinen, dass das ein Fahrrad ist, und wenn es stehenbleibt, fällt es um.
Und übrigens, wenn Sie Putins Berater wären oder ich Berater wäre …
Chalyj. Gott bewahre.
Portnikov. Nein, ich meine, wenn man uns fragen würde: Wird er fallen oder nicht, wenn er den Krieg beendet? Wir würden ihm nicht sagen, dass er nicht fallen wird. Oder? Sind Sie sicher, dass er nicht fällt, wenn er die Kriegshandlungen beendet?
Chalyj. Ja, ich bin sicher. Warum? Ich will kein Berater sein, aber ich sage meine Meinung. Trotzdem denke ich, dass er eine einzigartige Möglichkeit hat. Putin übertreibt die Gefahr für sich persönlich, für sein Leben. Denn in Russland, nun, vielleicht irre ich mich, aber ich sehe, dass der Machttransfer, wenn man das ohnehin früher oder später tun muss, vom Wort des Zaren aus geschehen muss, auch wenn dieser Zar schon kraftlos und …
Portnikov. Nun, wie Jelzin.
Chalyj. Ja, denn Jelzin hatte dort fünf bis sieben Prozent Vertrauen, aber man zog ihn ins Fernsehen, wie man so sagt, und er zeigte mit diesem Finger, nun, der Zar, denke ich, zeigte auf den nächsten, eine absolut niemandem bekannte Person, die man einfach über konkrete Stufen der Macht führte und aufbaute, unter anderem durch Explosionen, durch vom FSB eigens gelegten Sprengstoff gegen die eigenen Bürger. Hier ist also alles klar, denke ich.
Nur ohne Putin werden sie die Macht nicht übergeben können. Ich lenke nur die Aufmerksamkeit auf diese Verschwörungstheorie, Nicht-Verschwörungstheorie, dass dennoch eine solche verschwörungstheoretische Idee genannt wurde, dass man sich in diesem Lager, im Kooperativ Ozero, plus andere, bereits untereinander geeinigt habe, diesen Thron nicht mehr auszuspielen, sondern die nächste Generation heranzuführen. Und angeblich wurden drei Namen genannt: die Söhne Setschins, Iwanows und Patruschews. Die Söhne Setschins und Iwanows starben im Alter von 38 und 43 Jahren. Einer ertrank, beim anderen kam der Rettungswagen auf der Rubljowka, glaube ich, nicht rechtzeitig. Also blieb Patruschews Sohn, der Putin Pawlitsch nannte.
Portnikov. Nun, angeblich, nach unseren …
Chalyj. Hören Sie, wir vertrauen unserem Gehör. Wenn wir aufhören, unseren Ohren zu vertrauen, worauf sollen wir dann vertrauen? Dort wurde sehr klar gesprochen, das zeugt von spezifischen Beziehungen. Wahrscheinlich kommuniziert er nicht seit dem ersten Jahr in einem solchen engen Kreis. Deshalb gibt es auch solche Gespräche, dass dieser Transfer möglich sein könnte.
Portnikov. Ich denke, dass alle Gespräche über einen Transfer der Essenz der russischen Geschichte absolut nicht entsprechen, wo, wenn der Zar stirbt, völlig andere Ereignisse beginnen. Der Kern des Machtübergangs von Jelzin zu Putin bestand darin, dass Jelzin nicht starb, lange Zeit Garant für Putin blieb, so wie Putin Garant für Jelzin. Putin wird niemandem irgendwelche Macht übergeben. Er wird bis zum Ende Präsident bleiben. Und wiederum sage ich Ihnen sogar die Formel: Jetzt sind die Risiken einer Beendigung des Krieges für Putin viel größer als die Risiken der Nichtbeendigung. Diese Formel muss sich ändern. Solange diese Formel weiter besteht, wird es keine Pause geben.
Chalyj. Ja, aber diese Risiken können jetzt viel schneller wachsen als früher.
Portnikov. Möglich. Das ist die Antwort auf Ihre Frage.
Chalyj. Die Zeit läuft ab, und ich würde noch anderthalb Stunden mit Ihnen sprechen, aber ich weiß, dass auch Sie Pläne haben. Zum Abschluss stelle ich dennoch eine Frage, die scheinbar über all das hinausgeht, aber dennoch. Wir verstehen, dass das, was in der Ukraine geschieht, der Krieg und all das, nun, ich würde sagen, solche Dinge sind, die Historiker einmal als Wendepunkte, als epochal bezeichnen werden. Das ist ein Krieg in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Und in den 90er-Jahren, 1996, beschrieb Zbigniew Brzeziński in seinem „Grand Chessboard“, dann Huntington über den Bruch der Zivilisationen, andere solche, nun, und Kissinger, auf seine Weise die Situation. Sie sagten zwei Dinge: dass die Grenze, gemeint ist eine reale Grenze, zwischen Russland von der Seite, sozusagen Asiens, und dem europäischen Teil nicht entlang der Grenzen der Ukraine verlaufen werde, sondern irgendwo westlicher der Grenze der Ukraine, sagen wir. Also dort, wo Russland im Grunde versucht, diesen Teil des Grenzlandes zu halten, ja, ich würde es so sagen.
Und sie sprachen darüber, eine zivilisatorische Grenze. Aber zugleich sehen wir Veränderungen seit 1996/97, es sind schon 30 Jahre vergangen, wir sehen, dass reale Identitätsgrenzen, Grenzen realer historischer Ereignisse sich ändern können und den damaligen Prognosen schon nicht mehr entsprechen müssen. Was denken Sie: Wo wird in Zukunft … Ich spreche nicht von Jahren. Nun, wenn von Jahren, okay, etwa Mitte der 40er-Jahre, 2034, wo wird künftig die tatsächliche Grenze zwischen dem Block der Europäischen Union und der übrigen nordeuropäischen Staaten einerseits und Russland andererseits verlaufen? Müssen wir auf diese Prognose hören, dass es nur so ist, oder kann man doch eine Korrektur vornehmen, dass diese Grenzen mindestens entlang der Staatsgrenzen der Ukraine verlaufen werden? Und ich frage: Wo werden sie noch verlaufen?
Portnikov. Es hängt davon ab, ob die Volksrepublik China den Weg der Vereinigten Staaten von Amerika und der Russischen Föderation gehen wird. Einfach gesagt: Die Vereinigten Staaten von Amerika und die Russische Föderation haben bereits bewiesen, dass sie über eine unglaubliche Macht verfügen, diese Macht aber nicht realisieren können. Die Volksrepublik China hat das bisher nicht bewiesen. Für eine Großmacht ist das Wichtigste, keine Gewalt anzuwenden, denn wenn sie Gewalt anwendet und danebentrifft, ist das das ist wie in Kiplings Das Dschungelbuch: Akela, der sein Ziel verfehlt, kann nicht länger Rudelführer bleiben.
Chalyj. Das ist einer der grundlegenden Prinzipien …
Portnikov. Der Zivilisation, nicht einmal der Politik, von allem auf der Welt. China hat diesen Fehler bisher nicht begangen. Wenn es diesen Fehler nicht begeht, dann werden die Grenzen zwischen der Europäischen Union und, sagen wir, Eurasien im russischen Verständnis dieses Wortes, entlang jener Gebiete verlaufen, über die Russland in Zukunft seine Kontrolle behalten kann. Das muss nicht unbedingt ukrainisches Territorium sein. Russland kann eigene Gebiete im europäischen Teil verlieren, so lächerlich das in dieser Situation klingt. Und das wird die konkrete Grenze Chinas und dieser, ich würde sagen, europäischen Zivilisation sein. Die Grenze entweder Asiens und Europas oder Eurasiens und Europas, nennen Sie es, wie Sie wollen.
Chalyj. Also ist es kein Zufall, dass Karaganow vorschlägt, die Hauptstadt schon aus Moskau zu verlegen, und Setschin gesagt hat, dass Rosneft schon irgendwo näher zum Ural zieht.
Portnikov. Genau. Wenn China aber nicht widersteht, dann beginnt in der Welt ein echter Chaos, den wir noch nicht gesehen haben, denn es wird keine Macht mehr geben, auf die man achten kann. Wenn irgendein Land wie die Philippinen oder Japan oder sogar Taiwan beweist, dass China seine Wünsche nicht mit Gewalt realisieren kann, wird es in der Welt keine Weltgendarmen mehr geben. Und es beginnt eine Zeit des Chaos, die länger dauern wird als die 40er-Jahre. Es beginnen dunkle Zeiten. Das wird übrigens unglaublich interessant.
Chalyj. Wie die Chinesen sagen: Mögest du in Zeiten des Wandels leben.
Portnikov. Das wird keine Zeit des Wandels sein, das wird eine Zeit des Chaos sein. Genau darum geht es. Die Zeit des Wandels ist das, worin wir jetzt leben. Danach beginnen entweder, ich würde sagen, etablierte Veränderungen, wenn alle sich über alles einigen und die Störer der Ordnung einfach vom Tisch entfernt werden, oder es beginnt eine solche Zeit des Chaos, in der sich Grenzen alle fünf Jahre verändern werden. Es wird keine Grenzen geben. Die ganze Zeit wird sich etwas ändern, weil jeder glauben wird, dass er fähig ist, jedem seinen Willen aufzuzwingen, wenn es keine Supermächte mehr gibt. Und die Supermächte werden sich von der Beteiligung fernhalten, weil sie fürchten werden, dass ihr Eingreifen ihre Ohnmacht zeigen wird. Das ist das Bild der Welt im 21. Jahrhundert.
Chalyj. Leider muss ich zustimmen. Ich sehe sogar die andere Seite davon. Die Länder, die in dieser Situation gegen die Großen bestehen, werden selbst andere Ansätze und andere Ambitionen entwickeln, wie wir es jetzt übrigens an der Ukraine sehen. Deshalb, ehrlich gesagt, wenn jemand sagt, dass man mit der Ukraine nicht so umgehen sollte: Kissinger sagte, der weise Kissinger am Ende seines Lebens, dass es besser sei, die Ukraine innerhalb der NATO zu halten, um sie zu kontrollieren. In dieser Hinsicht also sehr richtig. Aber dorthin müssen wir noch kommen, und der Preis, den die Ukraine zahlen wird, ist ein gewaltiger Preis für die Zukunft. Und mit China ein interessanter Gedanke. Er schien irgendwie offensichtlich, aber Sie haben ihn so klar ausgesprochen. Tatsächlich diese Möglichkeit, dass die Großen einfach scheitern, sagen wir so, was wir jetzt beobachten. Und klar, wir sagen das im aktuellen Moment, ja, es kann verschiedene schwarze Schwäne geben und anderes, aber ich denke dennoch, dass man auf Fakten schauen muss. Erstens. Und zweitens müssen wir dennoch Tagesordnungen formen, eine ukrainische Position formen und nicht nur spiegelbildlich auf irgendwelche äußeren Handlungen reagieren. Das betrifft Polen, das betrifft Russland.
Portnikov. Wir sagen das seit Beginn des 20. Jahrhunderts, also hoffen wir, dass man irgendwann auf uns hören wird und dass es gelingt.
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Art der Quelle:Diskussion Titel des Originals:Конфлікт Білого Орла | Віталій Портников
@UkraineCrisisMediaCenterOnline. 23.06.2026. Autor:Vitaly Portnikov Veröffentlichung / Entstehung:23.06.2026. Originalsprache:uk Plattform / Quelle: YouTube Link zum Originaltext:
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Der polnisch-ukrainische Konflikt rund um die Geschichte mit der Aberkennung des Ordens des Weißen Adlers für den ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky flaut nicht ab.
Wir wissen immer noch nicht, ob der Präsident der Ukraine die Konferenz zur Entwicklung der Ukraine in Danzig besuchen wird. Und hier liegt der Sinn jetzt nicht einmal in der Konferenz selbst, sondern darin, ob das Oberhaupt des ukrainischen Staates mitten in diesem Konflikt nach Polen kommen wird.
Der Grad der gegenseitigen Beschuldigungen steigt, ebenso wie die Geschichte mit der Rückgabe von Orden, denn jetzt schließen sich den ukrainischen Politikern, die ihre Orden an Polen zurückgeben, auch polnische an. Aber wenn man sich erinnert, wurde diese Büchse der Pandora keineswegs von Volodymyr Zelensky geöffnet, als er seinen Orden des Weißen Adlers an den polnischen Kollegen zurückgab, nachdem Karol Nawrocki bereits die Entscheidung getroffen hatte, ihm diesen Orden abzuerkennen, sondern vom polnischen Botschafter in der Ukraine Bartosz Cichocki.
Und in jedem Fall müssen wir, wenn wir über die Rückgabe dieser Auszeichnungen sprechen, daran denken, dass dies alles verdiente Auszeichnungen sind. Präsident Zelensky erhielt diesen Orden im Namen des ukrainischen Volkes in der schwersten Phase des ukrainischen Widerstands gegen die russische Aggression. Und Botschafter Cichocki, der seinen Orden zurückgegeben hat, erhielt ihn verdient, weil er praktisch der einzige Diplomat eines Mitgliedstaates der Europäischen Union war, der gerade in jenen Tagen in Kyiv blieb, als die ukrainische Hauptstadt vor der größten Gefahr stand, von russischen Truppen eingenommen zu werden. Und auch an all das sollte man denken, wenn wir über jenen Grad gegenseitiger Beschuldigungen und Spannungen sprechen, der heute zwischen bestimmten politischen Kreisen in Polen und der Ukraine besteht.
Heute sagte man in der Kanzlei des Präsidenten Polens, dass dieser Konflikt in Wirklichkeit keinen innenpolitischen Charakter habe. Das sagte auch der Präsident Polens, Karol Nawrocki, selbst, als er auf die Worte des ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky antwortete, wonach der Konflikt für das polnische Staatsoberhaupt eben einen innenpolitischen Charakter angenommen habe und mit seiner Konfrontation mit dem polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk verbunden sei.
Ich neige hier dazu, Zelensky und nicht Nawrocki zuzustimmen, denn ich spreche jetzt nicht einmal von Ansprüchen an den Kern der Frage selbst, weil offensichtlich ist, dass es unter polnischen Politikern niemanden gibt, der meinen würde, eine ukrainische Militäreinheit könne den Namen der Ukrainischen Aufstandsarmee tragen. Aber wenn eine solche Situation Unzufriedenheit, sagen wir, beim Oberhaupt des polnischen Staates hervorruft, hätte er zunächst irgendeinen eigenen Kontakt zu seinem ukrainischen Kollegen herstellen können, um zu verstehen, wie man diese Frage lösen kann und ob man sie überhaupt lösen kann und wozu ein weiterer Konflikt führen wird, und erst danach Entscheidungen über irgendwelche öffentlichen Handlungen treffen können. Ganz zu schweigen davon, dass immer die Frage entsteht: „Warum beginnst du mit einem Orden, den nicht du verliehen hast, und das in einer völlig anderen Situation? Und warum bestehst du darauf, dass deine Entscheidung über die Aberkennung des Ordens vom Ministerpräsidenten Polens bestätigt werden muss? Obwohl es dazu keine Hinweise in der polnischen Gesetzgebung gibt und dies eher deine Interpretation dieser Gesetzgebung ist, die eben diesen Ministerpräsidenten in eine unbequeme Lage bringen soll.“
Und hier müssen wir nicht nur daran denken, dass zwischen dem politischen Lager Nawrockis und dem politischen Lager Tusks eine reale Spannung besteht und dass diese Spannung während der kommenden Wahlkampagne in Polen und während der Wahlen nur zunehmen wird, sondern auch daran, dass der Präsident in Polen praktisch kaum reale Befugnisse besitzt.
Das ist ebenfalls ein Problem des polnischen Verfassungsrechts. Polen ist eine parlamentarisch-präsidentielle Republik, aber in Wirklichkeit hat der vom Volk gewählte Präsident nur sehr wenige reale Befugnisse. Er ist ein vom Volk gewählter Monarch, der nur in einer Situation auf irgendeine ernsthafte politische Rolle hoffen kann, wenn seine eigene Partei im Sejm eine Mehrheit hat. Und selbst in dieser Situation spielt er in der großen Politik eine zweitrangige Rolle.
Vielleicht war uns das nicht aufgefallen, aber die Bedeutung Andrzej Dudas als Präsident Polens blieb deutlich hinter der Bedeutung des Ministerpräsidenten Mateusz Morawiecki und hinter der Bedeutung Jarosław Kaczyńskis als Vorsitzendem der Regierungspartei zurück. Das ist der Fall, in dem die erste Person im Staat die dritte Rolle spielt.
Und was konnte Andrzej Duda damals tun, um seine politische Rolle zu demonstrieren? Die Ukraine auf der internationalen Bühne unterstützen, jene gemeinsame Außenpolitik betreiben, die damals praktisch die gesamte polnische politische Elite und Gesellschaft teilte. Schließlich Volodymyr Zelensky mit dem Orden des Weißen Adlers auszeichnen, was ebenfalls zeigte, was der polnische Präsident tun kann, um den Bürgern eines Landes Respekt zu erweisen, die gegen die Aggression eben jenes Staates kämpfen, der den Polen mehrmals nacheinander ihre Staatlichkeit genommen hatte.
Und was kann Karol Nawrocki tun, damit man auf ihn als ernsthaften Spieler aufmerksam wird? Volodymyr Zelensky den Orden des Weißen Adlers aberkennen. Alles logisch.
Mit den Beziehungen zwischen der Ukraine und Polen hat das real nichts zu tun. Im Ergebnis wurde es jedoch zu einem ernsthaften Belastungsfaktor für diese Beziehungen. Vielleicht zum ernstesten seit Beginn des großen russisch-ukrainischen Krieges. Denn ein Konflikt dieses Ausmaßes zwischen Kyiv und Warschau hat es bisher noch nicht gegeben.
Und hier entsteht die Frage, was weiter zu tun ist und wie man die weitere Entwicklung dieses Konflikts eindämmen kann, wie man weitere Emotionen eindämmen kann.
Auf mich macht all das einen bedrückenden Eindruck. In meinem Bemühen, Kommunikation zwischen der ukrainischen und der polnischen Gesellschaft aufzubauen, bin ich immer auf genau dieses Problem des Konflikts zwischen dem Verständnis historischer Erinnerung der Ukrainer und der Polen gestoßen und auf das klare Bewusstsein, dass es in den nächsten Jahrzehnten keine gemeinsame Version dieser historischen Erinnerung geben wird.
Hier kann man lange nachdenken, versuchen, die Ursachen zu verstehen, versuchen herauszufinden, wer denn mehr recht oder weniger recht hat, wo die Ursprünge dieses, ich würde sagen, gemeinsamen Unverständnisses liegen, seine Argumente oder Gegenargumente vorbringen, aber das wird Stunden dauern und trotzdem zu nichts führen.
In Wirklichkeit wäre die beste Variante in dieser Situation, die Diskussionen über Probleme der historischen Erinnerung fortzusetzen, aber sich bewusst zu machen, dass beide Länder eine gemeinsame Zukunft, einen gemeinsamen zivilisatorischen Raum haben und dass ihr Überleben ebenfalls von dieser gemeinsamen Solidarität abhängt, und eben jene historische Lehre zu berücksichtigen, dass polnisch-ukrainischer Zwist immer zum Verlust der Staatlichkeit sowohl der Ukraine als auch Polens geführt hat.
Das Problem besteht darin, dass es faktisch unter den polnischen Eliten selbst einen Konsens über die Wahrnehmung der historischen Erinnerung Polens als solcher gibt, eine Nichtakzeptanz der ukrainischen Version, aber keinen Konsens in Bezug auf die Schlussfolgerungen.
Sagen wir, jener Teil der Polen, der nicht zu den Anhängern von Präsident Karol Nawrocki gehört, der nicht zu den Anhängern der rechten und ultrarechten politischen Kräfte gehört, versteht, dass historische Fragen ohne überflüssige Emotionen betrachtet werden müssen, in der Hoffnung, dass es irgendwann gelingen wird, zu einem zivilisierteren Dialog zu kommen, und jetzt eine gemeinsame Zukunft aufzubauen.
Das Lager, das Karol Nawrocki repräsentiert und das in seinen Ansichten nicht nur zu den polnisch-ukrainischen historischen Problemen immer radikaler wird, vertritt eine andere Idee: dass es ohne Anerkennung der polnischen Version der historischen Erinnerung durch die Ukrainer keine gemeinsame Zukunft der beiden Völker geben könne, was meines Erachtens ein schwerer Fehler ist.
Ein weiterer schwerer Fehler gerade dieses Lagers ist seine feste Überzeugung, dass die Unabhängigkeit Polens heute nicht mehr von der Zukunft der Ukraine abhängt und dass selbst dann, wenn die Ukraine von der politischen Landkarte der Welt verschwindet und das ukrainische Volk unter den Russen aufgeht, dies zu keinen ernsthaften Problemen für Polen führen werde, sondern ihm die Situation vielleicht sogar erleichtern könne, als einem Land, das nun seine Beziehungen zu Moskau aufbauen werde. Dabei werde jenes Bündnissystem, das Polen nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers geschlossen hat, Polen ein komfortables Dasein ermöglichen und Russland nicht erlauben, Polen seiner Staatlichkeit zu berauben.
Auch das ist eine Illusion, über die ich ständig zu sprechen versuche. Die Sache ist die, dass das gesamte Bündnissystem, das Polen nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers geschaffen hat, heute schon nichts mehr wert ist, zumindest ist das System der euro-atlantischen Solidarität nichts mehr wert, weil die Vereinigten Staaten den klaren Wunsch haben, Europa zu verlassen und die Nachkriegsordnung des Zweiten Weltkriegs zu revidieren. Und unabhängig davon, wer der Herr des Oval Office sein wird, Donald Trump oder irgendeine andere Figur, diese Politik ist meines Erachtens falsch, aber sie existiert und wird umgesetzt werden. Nur kann Trump sie aggressiver und expressiver umsetzen. Seine Nachfolger können es planmäßiger und ruhiger tun.
Nun noch eine Frage, die verstanden werden muss. Wenn die Ukraine von der politischen Landkarte der Welt verschwindet und das ukrainische Volk unter den Russen aufgeht, wird das ein so starkes Wachstum des geopolitischen Gewichts Russlands bedeuten, dass die Vereinigten Staaten einfach gezwungen sein werden, Moskau viel ernster zu nehmen, als dies bisher der Fall war. Und dass die Vereinigten Staaten bereit sind, Gewicht zu berücksichtigen, konnten wir daran sehen, wie sich der Präsident der Vereinigten Staaten in China verhielt und wie er dem Präsidenten der Russischen Föderation applaudierte, als dieser aufgeblasen die Treppe seines eigenen Flugzeugs in Anchorage hinabstieg. Und stellen Sie sich vor, Trump würde den Sieger Putin begrüßen, dessen Truppen in Kyiv und sogar in Lwiw stünden.
Deshalb wird im Falle einer Niederlage der Ukraine dieses gesamte Bündnissystem zusammenbrechen, zumindest für Mitteleuropa. Und für die Sicherheit Polens würde ich nicht einen Złoty geben, und für das weitere Bestehen des polnischen Volkes im Rahmen seiner Staatlichkeit nicht einmal zwei. Und genau das ist das Hauptproblem, das den Vertretern des rechten politischen Lagers in Polen schwer zu beweisen ist.
Aber hier müssen wir eine einfache Sache verstehen. Genauso wie Polen die ukrainische Unabhängigkeit für sein weiteres Überleben braucht, brauchen wir polnische Unterstützung für unser weiteres Überleben. Umso mehr, als vor uns schwere Jahre der Prüfung durch Konflikte mit der Russischen Föderation liegen. Selbst wenn man sich vorstellt, dass der russisch-ukrainische Krieg in den nächsten Jahren endet oder zumindest unterbrochen wird, damit Russland sich auf einen neuen Krieg vorbereiten kann, werden wir diese Unterstützung dennoch brauchen. Und so oder so wird es uns wichtig sein, dass Polen für uns ein Land bleibt, das an unserer Zukunft interessiert ist, und nicht an unserem Verschwinden.
Dann müssen wir uns eine einfache Sache sagen. Die polnische Gesellschaft existiert faktisch in einer Situation, in der es zwei Lager gibt, die sich seit den letzten 100 Jahren, seit der Wiederherstellung der polnischen Staatlichkeit, in ständiger Konfrontation befinden. Man kann sie bedingt rechts und links nennen, zentristisch und rechts.
Aber das sind gewissermaßen zwei Polen. Früher, vor dem Krieg, nannte man sie das Polen des Marschalls Piłsudski und das Polen Roman Dmowskis. Über diese beiden Lager schrieb die große polnische Schriftstellerin Maria Konopnicka unmittelbar nach der Ermordung des ersten Präsidenten des unabhängigen Polen, Gabriel Narutowicz, nach der Piłsudski einen Militärputsch durchführte, die Macht in seine Hände nahm und die Rechten nie wieder an diese Macht ließ.
Diese Tradition ist auf erstaunliche Weise bereits im postsozialistischen Polen wiederauferstanden. Die polnischen Rechten und die polnischen Liberalen und Zentristen waren zusammen, wie man sagt, nur vor der Erschießung, als die polnische Staatlichkeit von der Sowjetunion kontrolliert wurde und in Polen ein im Kern Einparteiensystem der politischen Führung an der Spitze mit der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei existierte, in der es im Grunde ebenfalls eine Aufteilung in zwei solche Lager gab, nur innerhalb eben dieses politischen Systems. Und diese Lager wechseln ständig ihre Rollen an der Macht.
Das ist dem, was in den Vereinigten Staaten geschieht, sehr ähnlich. Und für mich bleibt etwa der faktische Verlust der parteiübergreifenden Unterstützung in Amerika ein großes Problem. Dass wir sehen, wie bei bestimmten ukrainischen Fragen die überwiegende Mehrheit der Demokraten und die Minderheit der Republikaner abstimmt. Und so geschieht es seit dem Moment, als die Republikanische Partei von Donald Trump monopolisiert wurde.
Dieses Problem ist für mich als jemanden, der die amerikanische Politik in den letzten Jahren beobachtet, und für jeden von Ihnen völlig offensichtlich. Wir haben immer gesagt, dass die parteiübergreifende Unterstützung unsere starke Seite ist. In den amerikanisch-ukrainischen Beziehungen gibt es diese parteiübergreifende Unterstützung jetzt nicht, und offenbar gibt es sie für niemanden, nicht einmal für Israel. Nur wechseln dort die Parteien die Plätze.
Aber wir haben uns immer gesagt, dass wir Verständigung nicht nur mit republikanischen Regierungen suchen müssen, sondern auch mit Kongressabgeordneten, Senatoren, Republikanern, die so oder so die Abstimmungen im Kongress bestimmen. Selbst wenn wir eine republikanische Minderheit haben, zeigt sich, dass der Kongress eine für die Ukraine günstige Entscheidung treffen kann.
Derselbe Ansatz sollte meines Erachtens auch für Polen gelten. Verstehen Sie, es ist ziemlich leicht, mit Politikern des liberal-zentristischen Lagers zu diskutieren, die unsere Unterstützer sind. Es ist ziemlich wichtig, auf jene Bürgerinitiativen zu reagieren, die jetzt dort entstehen und Volodymyr Zelensky mit irgendwelchen Volksorden auszeichnen. Aber diese Menschen muss man ohnehin nicht überzeugen. Sie sind ohnehin unsere Unterstützer. Sie sind ohnehin unzufrieden mit den Handlungen Karol Nawrockis. Und schon vor der Geschichte mit der Aberkennung der Auszeichnung Zelenskys sagten sie, Karol Nawrocki sei nicht ihr Präsident, sie hätten für Rafał Trzaskowski gestimmt, den Vertreter der Bürgerplattform und Bürgermeister von Warschau. Und faktisch spaltete sich die polnische Gesellschaft bei diesen Präsidentschaftswahlen erneut in zwei Hälften.
Das heißt, wir müssen daraus eine einfache Schlussfolgerung ziehen. Wir müssen Unterstützer nicht im liberalen Lager suchen, wo wir sie ohnehin haben, sondern im rechten Lager, wo wir sie nicht haben oder wo es nur sehr wenige gibt. Und uns sagen, dass im Jahr 2022 die polnische Führung vollständig aus Vertretern rechter Parteien bestand. Sowohl Andrzej Duda als auch Jarosław Kaczyński und Mateusz Morawiecki waren Vertreter rechter politischer Kräfte. Und gerade diese Regierung galt am 24. Februar 2022 als am stärksten zur Unterstützung der Ukraine geneigt. Wie Sie verstehen, gab es unter jenen Polen, die Ukrainern halfen, die vor dem Krieg flohen, Menschen unterschiedlicher politischer Ansichten.
Zugleich müssen wir uns bewusst machen, dass die Haltung zur historischen Erinnerung bei Vertretern dieses politischen Lagers immer viel härter und viel unversöhnlicher sein wird als bei Vertretern des liberalen oder zentristischen politischen Lagers. Und das bedeutet, dass wir mit den polnischen Rechten gemeinsame politische Interessen suchen müssen und nicht beleidigt auf jede Geste reagieren dürfen, die uns nicht gefällt. Ich spreche jetzt nicht über die Geschichte mit Nawrocki, Sie verstehen, weil sie für mich durchsichtig ist. Wir müssen den Dialog suchen, versuchen, gerade von dieser Konzeption der gemeinsamen Zukunft zu überzeugen, die entweder für beide Länder gewinnbringend oder für beide Länder katastrophal sein kann. Genau davon müssen wir auch diejenigen überzeugen, die kein großes Interesse an einer politischen Zusammenarbeit mit uns haben.
Wir müssen jene polnischen Rechten sehen, die klar sagen, dass Russland für die Polen ein viel vorteilhafterer Nachbar und Partner sei als die Ukraine. Und jene polnischen Rechten, die die Gefahr Russlands für Polen in der Zukunft verstehen. Auch wenn diese Menschen eine Minderheit sein werden, werden sie zusammen mit Liberalen und Demokraten, Zentristen und, sagen wir, linken Liberalen die Mehrheit der polnischen Gesellschaft bilden. Also brauchen wir die Mehrheit der polnischen Gesellschaft.
Ich erzähle immer wieder diese bemerkenswerte Geschichte, dass vor dem Zweiten Weltkrieg in Warschau, einer Hochburg der Rechten, die linken Parteien stets die Stadtverwaltung führten, weil sie mit den jüdischen politischen Kräften ein Bündnis eingegangen waren. Das war eine Koalition, die gemeinsame Ziele hatte. Und diese Ziele waren vor allem mit dem Wunsch der nationalen Minderheiten verbunden, ihren Platz in Polen zu bewahren, und mit der Weigerung des rechten Lagers, ihnen diesen Platz zu geben. Also brauchen wir in Wirklichkeit keinen Konflikt mit Polen, sondern eine breite Koalition von Politikern im liberalen, im linken und im rechten Lager, die auf die Zukunft ausgerichtet ist.
Nun die Frage, was mit der historischen Erinnerung zu tun ist. Auch das ist eine ziemlich einfache Situation. Wir können Ereignisse, die bereits stattgefunden haben, nicht ändern. Die ganze gemeinsame Geschichte des polnischen und ukrainischen Volkes ist voller tragischer Ereignisse. Die Frage der Deutung dieser tragischen Ereignisse wird bei Polen und Ukrainern immer unterschiedlich sein. Mehr noch: Das ist nicht nur ein Problem dieser beiden Völker, wie Sie verstehen, sondern überall in Europa und nicht nur in Europa.
Polen und Israel haben ständig ernsthafte Diskussionen über Fragen der historischen Erinnerung. Denn die Konzeption des Opfer-Volkes selbst schließt die Möglichkeit aus, die Beteiligung eigener Landsleute an Repressionen gegen Nachbarn anderer Abstammungen anzuerkennen. Wie Sie wissen, kam es in den polnisch-israelischen Beziehungen wiederholt auch zu Demarchen von Botschaftern, zur Abberufung von Botschaftern aus Polen oder aus Israel und zur Absage hochrangiger Besuche. All das gab es. Das ist also nicht nur ein ukrainisches Problem.
Und es gab sogar Ereignisse, bei denen einerseits der Botschafter Israels in Polen mit ernsten Vorwürfen gegen die polnische Regierung im Zusammenhang mit Interpretationen von Ereignissen des Zweiten Weltkriegs auftrat. Und zugleich solidarisierte sich der Botschafter Israels in der Ukraine mit dem polnischen Botschafter in der Ukraine wegen der ukrainischen Interpretation von Ereignissen des Zweiten Weltkriegs. All das kann gleichzeitig geschehen.
Und übrigens müssen wir in dieser Situation darüber nachdenken, wie wir uns in denselben analogen Situationen mit eben jenem israelischen Botschafter in Polen für gemeinsame Erklärungen und Initiativen zusammentun können. Wenn der polnische Botschafter in der Ukraine israelische Solidarität sucht, warum sollten wir sie nicht in Polen suchen?
Umso mehr, als all diese Völker zusammenlebten und sowohl Polen als auch Ukrainer, einzelne Vertreter dieser Völker oder irgendwelche Formationen, Verbrechen desselben Ausmaßes gegen Juden begehen konnten wie Polen gegen Ukrainer oder Ukrainer gegen Polen. Das sind die Realitäten des Zweiten Weltkriegs und aller Seiten des Lebens in diesen blutigen Ländern.
Aber hier entsteht eine ziemlich wichtige Frage des Diktierens dessen, was man benennen darf, was man nicht benennen darf und wer das entscheiden soll. Ich habe in Polen bei verschiedenen öffentlichen Diskussionen oft gesagt, dass den Polen einfach gewöhnliche Geduld fehlt, den Ukrainern die Möglichkeit zu geben, sich mit ihrer eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Schließlich lebten bis 1991 90 Prozent der Bewohner unseres Landes im sowjetischen Geschichtsmythos oder im antisowjetischen. Das Verständnis dafür, dass die Geschichte des ukrainischen Volkes viel komplizierter ist, beginnt buchstäblich erst in den letzten Jahren. Wir haben erst vor Kurzem auf den 9. Mai verzichtet.
Ich spreche gar nicht vom Verständnis dessen, was mit der Organisation Ukrainischer Nationalisten, mit der Ukrainischen Aufstandsarmee, mit Bandera oder Melnyk geschah. Umso mehr, als die überwiegende Mehrheit dieser Ereignisse auf einem kleinen Gebiet der heutigen Ukraine, im Westen, stattfand. Und im Osten und Süden gab es eine andere, eigene Geschichte, mit der man sich ebenfalls noch auseinandersetzen muss.
Und die Geschichte der westlichen Gebiete ist im Großen und Ganzen ebenfalls nicht von uns geschrieben, sondern von Russen oder Polen, oder sie ist die Antithese zu dem, was von ihnen geschrieben wurde. Das heißt, wenn Bandera der Hauptfeind Polens und ein Symbol des Hasses der Russen ist, dann wird er automatisch – und das ist Reaktion, nicht Geschichte – zur Hauptfigur der ukrainischen Wahrnehmung der Geschichte heute, da sich die Ukraine in einem jahrelangen endlosen Krieg mit der Russischen Föderation befindet.
Aber die Erfahrung des politischen Ukrainertums in den galizischen Ländern, die Erfahrung derselben Partei der Ukrainischen Nationaldemokratischen Vereinigung unter der Führung von Wasyl Mudryj, die Erfahrung dessen, wie polnische Politiker handelten, sagen wir, jener Befürworter der ukrainisch-polnischen Verständigung Tadeusz Hołówko, der von Kämpfern der Organisation Ukrainischer Nationalisten gerade deshalb getötet wurde, weil er ein Befürworter der ukrainisch-polnischen Versöhnung war. Und das störte natürlich die Ziele radikaler Politiker. All das bleibt weit, sehr weit außerhalb der Mainstream-Meinung, außerhalb des Verständnisses der überwiegenden Mehrheit der Ukrainer davon, was die nationale Geschichte der Ukraine und, sagen wir, der ukrainischen Ländereien ist.
Und wenn erst wenige Jahre vergangen sind, während die Polen sich seit mehreren Jahrzehnten, vielen Jahrzehnten, man kann sagen seit Jahrhunderten, mit dem Verständnis ihrer Geschichte beschäftigen und auch in der kommunistischen Epoche nicht aufhörten, sich damit zu beschäftigen, dann sollte man dem Nachbarland vielleicht Zeit geben, sich damit auseinanderzusetzen, statt ihm Bedingungen zu stellen. Auch das ist ein ziemlich wichtiger Punkt, den man sagen möchte.
Ich denke immer an den großen Film von Andrzej Wajda „Asche und Diamant“ mit dem genialen Zbigniew Cybulski in der Hauptrolle. Und Menschen der älteren Generation erinnern sich an diesen Film. Er ist überhaupt Teil der Geschichte der Filmkunst. Aber denken Sie daran: Es ist ein Film, in dem im Grunde ein Soldat der Armia Krajowa als solch ein vieldeutiger Held auftritt. Und das wurde im filmischen, künstlerischen Leben Polens tatsächlich zu einem Ereignis. Können Sie sich vorstellen, dass man im sowjetisch-ukrainischen Kino zu Sowjetzeiten einen Soldaten der Ukrainischen Aufstandsarmee in solchen Farben hätte darstellen können? Niemals im Leben. Ganz zu schweigen davon, dass unser gesamtes Kino nicht nur seine eigene kommunistische, sondern vor allem die Moskauer chauvinistische Zensur durchlief.
Wie soll man sich damit auseinandersetzen, wie mit all dem leben? Deshalb ist dies ein wichtiger Moment, ein Moment, in dem der Versuch, historische Narrative zu diktieren, ein ernstes Problem für jene ist, die heute versuchen, die Ukraine real als ein Land wahrzunehmen, das mit der Nachbarversion der Geschichte einverstanden sein müsse. Denn in Wirklichkeit ist das ein Ansatz, der keineswegs nur von Polen vertreten wird.
Und Polen sollte beunruhigen, dass Moskau seinerseits ebenfalls ständig versucht, der Ukraine seine eigene Version der Geschichte und seine Vorstellungen davon aufzuzwingen, wie Straßen und Städte heißen sollen. Und in Polen müsste man darauf schauen, wie die Russen in allen besetzten Regionen der Ukraine Lenin-Denkmäler aufstellen, wie sie sowjetische Städtenamen verwenden, und nachdenken: Vielleicht ist gerade ein solcher Umgang mit Ukrainern, wenn er im Kern mit russischem Diktat assoziiert wird, ebenfalls nicht der beste Weg zum Aufbau bilateraler Beziehungen?
Also müssen in dieser Situation beide Länder und beide Völker sich selbst die wichtigste Frage beantworten. Was wollen wir in der Zukunft wirklich? Diskussionen über historische Erinnerung oder gemeinsame Entwicklung? Warum verstehen wir nicht, welches unglaubliche Potenzial in der gemeinsamen Entwicklung der Ukraine und Polens liegt? Von Menschen unterschiedlicher Ansichten, rechten, linken, zentristischen, ohne Ansichten. Wir können gemeinsam diese Staatlichkeit, sowohl die ukrainische als auch die polnische, schützen und entwickeln. Und trotz aller Befürchtungen, dass ein Land dem anderen in der Europäischen Union im Weg stehen könnte, sind das in Wirklichkeit solche Perspektiven eines gemeinsamen Marktes, von denen man nur träumen kann. Und genau darüber sollten wir nachdenken.
Wissen Sie, vor etwa neun Jahren habe ich in Chicago – ich war damals Ko-Vorsitzender des polnisch-ukrainischen Forums für Zusammenarbeit, das von den Außenministerien der beiden Länder geschaffen wurde – ein Treffen der Leiter polnischer Organisationen in den Vereinigten Staaten, denn in Chicago gibt es ihr Zentrum, und ukrainischer Organisationen in Illinois initiiert.
Und ich sah dieses Treffen. Die Leiter polnischer Organisationen der Vereinigten Staaten kamen ins ukrainische Haus im ukrainischen Viertel in Chicago. Diese Menschen trennt der Begriff der historischen Erinnerung viel ernsthafter als die Bewohner der heutigen Ukraine und die Bewohner des heutigen Polen, die sich erst nach dem Ende des Sozialismus wieder mit all diesen Fragen auseinandersetzen mussten. Aber ich habe gesehen, wie die Vereinigten Staaten die Menschen dazu erziehen, an die Zukunft zu denken. Ich habe die besten Erinnerungen an dieses Treffen und an diese Angemessenheit bewahrt.
Ich würde mir von uns allen, sowohl in Warschau als auch in Kyiv, eigentlich Angemessenheit wünschen, das Verständnis, dass kein Land ohne das andere auskommen wird, dass wir nicht versuchen müssen zu zeigen, wer härter auf diese oder jene Bemerkungen und Übergriffe antworten kann, sondern zugleich alles Mögliche tun müssen, damit dieser Konflikt so oder so, wie jede unserer, ich würde sagen, Diskussionen über historische Erinnerung, beruhigt wird, selbst wenn wir sehen, dass derselbe Karol Nawrocki kein besonderes Verlangen hat, ihn zu beruhigen.
Man muss Wege suchen, unter anderem Einfluss auf den polnischen Präsidenten über seine eigenen Mitstreiter zu nehmen. Man muss verstehen, dass es nichts Gutes an einem Konflikt zwischen den Präsidenten der Ukraine und Polens gibt. Selbst wenn uns diese Demonstration gesellschaftlicher Einheit darum gefällt.
Denn wir müssen darüber nachdenken, was weiter sein wird. Wir müssen verstehen, dass wir ohne polnisch-ukrainische Beziehungen und ohne ihre normale Entwicklung nicht auskommen werden. Umso mehr, als früher oder später auch noch die Geschichte mit der europäischen Integration kommen wird. Und hier brauchen wir Polen ganz sicher als Verbündeten. Ohne die Unterstützung Polens riskieren wir, jahrzehntelang in der Tür der Europäischen Union steckenzubleiben. Und auch das ist eine reale Sache, über die man sprechen muss.
Das Problem ist, dass heute weder in Warschau noch in Kyiv ein solches Verständnis bis zum Ende vorhanden ist. In Polen spricht man von Problemen für die Landwirtschaft. Wir glauben, dass Polen uns während der europäischen Integration nicht ernsthaft behindern wird, aber es kann auch ganz anders kommen. Viele Länder Südeuropas stießen gerade zur Zeit ihres Beitritts auf Einwände von Nachbarn. Und übrigens, wenn wir die ganze Zeit über jene Probleme sprechen, die wir mit Ungarn haben und die keine Probleme der historischen Erinnerung sind, sondern instrumentelle Probleme, Bildung und so weiter, also Dinge, die im Prinzip lösbar sind, selbst wenn man auf schmerzhafte Zugeständnisse eingehen muss, dann kann Nordmazedonien gerade deshalb, weil es mit Bulgarien einen Konflikt hat, der mit historischer Erinnerung, mit historischen Interpretationen verbunden ist, auf dem Weg in die Europäische Union überhaupt nicht vorankommen.
Und was geschieht in Nordmazedonien? In Nordmazedonien gibt es echte gesellschaftliche Solidarität. Die überwiegende Mehrheit der ethnischen Mazedonier unterstützt ihre Regierung, die bei der historischen Erinnerung keine ernsthaften Zugeständnisse machen will, die Verfassung nicht ändern will, ihr Land nicht als Fortsetzung der bulgarischen Geschichte anerkennen will. All das ist wunderbar. Aber zugleich erhalten dieselben Menschen, die für einen solchen harten Ansatz stimmen, bulgarische Pässe und fahren in die Europäische Union arbeiten. Und Nordmazedonien wird allmählich zu einem Land mazedonischer Rentner und albanischer ethnischer Jugend, die keinen Pass in Bulgarien bekommen kann, nicht in die Europäische Union fährt und immer mehr wird. Und bald wird Nordmazedonien patriotisch seine ethnische Färbung ändern.
Ich möchte nicht, dass sich bei uns ein ähnlicher Prozess wiederholt: dass die Menschen lautstark eine harte Politik unterstützen, sich patriotisch geben und gleichzeitig nach Polen zum Arbeiten gehen – um dann in Warschau, Lublin, Krakau, Danzig oder Wrocław ihren Patriotismus rasch zu vergessen.
Also lasst uns lieber in die Europäische Union gelangen und erst danach die Fragen der historischen Erinnerung besprechen, die uns nicht gefallen. Dafür braucht es Verständigung, und dafür müssen die Emotionen etwas gedämpft werden. Dafür muss man die unterschiedlichen Interpretationen der historischen Erinnerung bei Ukrainern und Polen als Tatsache akzeptieren und verstehen, dass die Polen uns offensichtlich in nächster Zeit nichts werden beweisen können und wir den Polen ebenso wenig. Genau das müssen wir den Polen vermitteln, damit sie sich zumindest vorübergehend damit abfinden. Nun, das sind einfach solche Bemerkungen zu dem, was geschieht.
Ich werde auf einige Fragen antworten, die es während dieser Sendung bereits gibt.
Frage. Was denken Sie über das Ultimatum Zelenskys an Lukaschenko? Bedeutet das, dass eine strategische Entscheidung über einen Schlag gegen Belarus getroffen wurde und es jetzt nur noch um das Ausmaß geht?
Portnikov. Warum denken Sie nicht, dass Belarus in der Lage, in der es sich befindet, einfach der Abschaltung eben jener Relaisstationen zustimmen wird? Sie verstehen doch, dass Lukaschenko diese, ich würde sagen, Fragilität seiner Situation im Zusammenhang damit sehr gut erkennt, dass die Ukraine mit Schlägen gegen Russland begonnen hat und niemand sie daran hindert. Im Zusammenhang damit, dass die Ukraine es geschafft hat, die Krim faktisch fast zu isolieren, und niemand sie daran hindert. Heute sagte Putin, er sei überzeugt, dass Lukaschenko in der Lage sei, die Souveränität Belarus’ zu schützen. Nun, Lukaschenko ist vielleicht nicht überzeugt, dass er dazu in der Lage ist.
Und hier entsteht noch eine Frage: Braucht Putin Schläge gegen Belarus, wenn es die Raffinerie von Masyr gibt? Wenn diese Raffinerie faktisch fast das einzige Raffinerieunternehmen im europäischen Teil von Belarus und Russland bleibt, das störungsfrei Erdölprodukte für die Bedürfnisse des russischen Staates und der russischen Armee liefert. Auch hier ist die Frage ziemlich gut. „Was ist uns wichtiger? Relaisstationen, mit deren Hilfe wir unsere Drohnen auf die Ukraine lenken können, oder Öl, Erdölprodukte?“ Vielleicht kann man Relaisstationen an der russischen Grenze aufstellen oder ihre Tätigkeit irgendwie umprogrammieren, dabei aber die belarussische Wirtschaft nicht riskieren, die die Russische Föderation jetzt brauchen könnte.
Die Frage ist also nicht, ob eine Entscheidung über einen Schlag gegen Belarus getroffen wurde, sondern wie realistisch dieses Ultimatum auf Lukaschenko und auch auf Putin wirken kann, weil offensichtlich ist, dass Lukaschenko so oder so, wenn er bestimmte Entscheidungen trifft, sich mit Putin beraten und ihm erklären kann, was ich Ihnen erkläre. Und Putin selbst kann das sehr gut verstehen.
Frage. Warum sagen Sie nicht direkt, dass in diesem Konflikt gerade das polnische Volk schuld ist, dem unser Volk überhaupt nichts Schlechtes getan hat? 50 Prozent der Stimmen für Nawrocki sind ein Urteil über ihre Nation.
Portnikov. Nun, entschuldigen Sie. Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass man kein Volk beschuldigen sollte, an irgendetwas schuld zu sein, umso mehr, als die Menschen in Polen absolut unterschiedlich abstimmen, und zu sagen, dass das ukrainische Volk jetzt oder in der Geschichte niemandem etwas Schlechtes getan habe, ist ebenfalls eine Frage.
Und wiederum: Völker tun einander nichts Schlechtes an. Es gibt einfach historische Perioden, in denen bestimmte Schichten von Völkern Verbrechen eines solchen Ausmaßes begehen können, die man dann jahrhundertelang nicht vergessen kann. Glauben Sie mir. Und das betrifft die Ukrainer in genau demselben Maße wie jedes andere Volk Europas. Also sollte man sich selbst die Verantwortung für diese Verbrechen nicht absprechen, so wie man sie auch anderen nicht absprechen sollte.
Wenn Sie über 50 Prozent für Nawrocki sprechen und darüber, dass dies ein Urteil über die polnische Nation sei, erinnern Sie sich an die 50 Prozent der Stimmen für Janukowytsch. Über welche Nation ist das ein Urteil?
Frage. Sagen Sie mir bitte, wie lange kann man noch auf ihre Provokationen hereinfallen? Haben wir denn kein Selbstbewusstsein? Sie erpressen uns doch.
Portnikov. Ich bin auch der Meinung, dass man auf Provokationen angemessen reagieren muss. Doch ohne Verständnis für die Notwendigkeit der Verbindungen zu Polen ist die Ukraine in der weiteren Konfrontation mit der Russischen Föderation zu ernsthaften Problemen verurteilt und möglicherweise zu viel ernsteren Verlusten, als wir erleiden könnten, wenn wir keine gemeinsame Sprache mit Polen finden.
Unsere östliche Grenze ist geschlossen, für immer geschlossen. Es gibt für die Ukraine für die kommenden Jahrzehnte, die Jahrzehnte blutiger Konfrontation mit der Russischen Föderation sein werden, keinerlei Manövriermöglichkeiten. Selbst wenn der Krieg unterbrochen wird, werden neue Konflikte, neue Kriege auf der Tagesordnung stehen, auf die man sich schon jetzt vorbereiten muss.
Diese neuen Konflikte, diese neuen Kriege, den Tod neuer Tausender Ukrainer und Ihrer Kinder und Ihrer Enkel und jener, die noch nicht geboren sind, aber schon als nächste Opfer von Kriegen betrachtet werden können, kann man nur verhindern, wenn wir im Westen eine klare Koalition haben. Diese klare Koalition im Westen ist ohne ein Bündnis mit westlichen Ländern, mit den Ländern Mitteleuropas, unseren Nachbarn, unmöglich.
Ohne dies ist die ukrainische Staatlichkeit zum Scheitern verurteilt, das ukrainische Volk wird Teil des russischen Volkes werden. Zweifeln Sie nicht einmal daran, dass es so sein wird. Und dann wird man natürlich mit den Polen im Namen Putins und Puschkins sprechen können. Aber ich glaube nicht, dass Sie das wollen.
Frage. Wie stellen Sie sich unseren Beitritt zur Europäischen Union mit solchen Nachbarn vor? Ist das wirklich realistisch?
Portnikov. Die Frage des Beitritts der Ukraine zur Europäischen Union ist eine Frage des nächsten Jahrzehnts. Im optimistischsten Fall tritt die Ukraine der Europäischen Union im Zeitraum 2035–2040 bei. Jetzt ist im Kalender 2026, der Krieg ist nicht beendet. Es gibt keine objektiven Gründe anzunehmen, dass er enden wird. Es gibt keine objektiven Gründe anzunehmen, dass er 2035 nicht beginnen wird. Deshalb würde ich mit diesen Dingen nicht eilen.
Aber ich glaube, dass man mit jedem Nachbarn der Europäischen Union beitreten kann, wenn es den allgemeinen Willen der Mehrheit der Länder der Europäischen Union gibt, besonders der führenden Länder. Schließlich war Frankreich seinerzeit an der Vorbereitung eines realen, wie soll man sagen, Verständnisses zwischen Bulgarien und Nordmazedonien beteiligt. Und dieser Kompromiss gab Nordmazedonien die Möglichkeit, Verhandlungen über den Beitritt zur Europäischen Union aufzunehmen.
Ich habe Ihnen bereits erzählt, warum Nordmazedonien diese Verhandlungen nicht aufgenommen hat. Und ich glaube, dass das die Wahl des mazedonischen Volkes ist. Aber Nordmazedonien hat nicht solche Probleme wie wir heute. Es ist schließlich nicht im Krieg. Und die Frage der Existenz des mazedonischen Volkes stellt sich nicht, obwohl sie sich jetzt schon zu stellen beginnt.
Frage. Kommentieren Sie die Mobilisierungsmethode in Pensa. Ist das eine Initiative der Region oder eine Anweisung von oben, um die Stimmung und die Reaktion der Bevölkerung auszuloten?
Portnikov. Ich glaube an keinerlei Initiativen der Region, wenn es um Handlungen von Beamten des russischen Verteidigungsministeriums geht, selbst vor Ort. Das ist eine Armee. Das müssen Sie sehr gut verstehen. Kein Militärkommissar wird solche Anordnungen ohne klare Koordinierung entlang der gesamten Vertikale der militärischen Macht erteilen. Ich denke, das ist gerade der Versuch zu sehen, auf welche Weise eine solche Mobilisierung ohne die Ausrufung einer Massenmobilisierung durchgeführt werden kann.
In Wirklichkeit ist das eine gute Nachricht. Sie sagt, dass die russische politische Führung vorerst, ich betone, nicht bereit ist zu einer Massenmobilisierung von Bürgern zur Fortsetzung des Krieges gegen die Ukraine in den kommenden Jahren. Und dass selbst wenn die strategische Entscheidung getroffen wurde, den Krieg gegen die Ukraine in den 20er- und 30er-Jahren des 21. Jahrhunderts fortzusetzen, was absolut so sein kann, man im Kreml nach Möglichkeiten sucht, in diesen nächsten vier oder acht Jahren Krieg ohne eine massenhafte, offiziell ausgerufene Mobilisierung auszukommen.
Und wie kommt man aus, wenn die Menschen nicht in den Vertrag gehen wollen? Die Antwort ist einfach: das Einsammeln von Vertragswilligen mit Bussen, was ebenfalls Teil des Auswegs aus der Situation sein kann, wenn auch nicht so massenhaft, wie man ein Ergebnis bei einer massenhaften Mobilisierung bekommen könnte.
Aber bei einer massenhaften Mobilisierung russischer Bürger wird eine riesige Zahl von Menschen versuchen, aus dem Land zu fliehen. So aber haben Sie keine Probleme in der Wirtschaft und zugleich Nachschub an Menschenmaterial für die russische Armee.
Frage. Wenn Trump wirklich mehr helfen muss, wird er Polen nicht zwingen können, nachgiebiger zu sein?
Portnikov. Ich glaube nicht, dass Trump der Ukraine mehr helfen müssen wird. Und ich glaube nicht, dass man Polen in dieser Situation nachgiebiger machen müsste, weil ich überzeugt bin, dass Polen realistisch dazu steht, dass Hilfe für die Ukraine ein wichtiger Teil seiner eigenen Sicherheit ist. Zumindest versteht die heutige Regierung Polens das sehr gut. Und ich denke, dass dies unsere letzte, ich würde sagen, Möglichkeit wäre, wenn wir selbst keine gemeinsame Sprache mit der Führung Polens finden können und gezwungen wären, Trump um Hilfe zu bitten.
Ich erinnere Sie daran, dass Karol Nawrocki der einzige Staatschef eines ausländischen Staates war, der zum 80. Geburtstag des Präsidenten der Vereinigten Staaten eingeladen wurde. Es ist also noch unbekannt, wer Donald Trump überzeugen kann. Ich glaube, Karol Nawrocki hat Dutzende Male mehr Möglichkeiten als Volodymyr Zelensky. Denn Volodymyr Zelensky trifft Donald Trump am Rande des G7-Treffens, dann, wenn ihm Emmanuel Macron diese Treffen am Rande organisiert, während im Zeitplan des amerikanischen Präsidenten keinerlei Treffen mit Zelensky steht. Karol Nawrocki hingegen lädt Trump persönlich zu seinem Geburtstag ein.
Verstehen Sie den Unterschied der Ansätze und den Unterschied der Sympathien? Deshalb würde ich nicht voreilig auf Trump setzen und mir darüber im Klaren sein, dass Nawrocki bei Trump wesentlich mehr Sympathien genießt als Zelensky, der überhaupt nicht auf Trumps Sympathie zählen kann und mit dem Trump nur deshalb sprechen muss, weil er nicht darum herumkommt, mit ihm zu sprechen. Zum Glück. Auch das muss man verstehen. Also lasst uns, Freunde, keine Unterstützer dort erfinden, wo es sie nicht gibt, und keine Feinde dort, wo es sie nicht geben sollte.
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Art der Quelle:Artikel Titel des Originals:Українсько- польський конфлікт: наслідки |Віталій Портников. 22.06.2026.
Autor:Vitaly Portnikov Veröffentlichung:22.06.2026. Originalsprache:uk Plattform / Quelle:YouTube Link zum Originaltext:
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Der Präsident der Ukraine, Volodymyr Zelensky, hat seinem polnischen Amtskollegen Karol Nawrocki vorgeworfen, er versuche, die Konferenz zum Wiederaufbau der Ukraine zu sabotieren, die in Danzig stattfinden wird, und stelle zugleich den Wahlerfolg gegenüber den politischen Gegnern der Partei des amtierenden Ministerpräsidenten Donald Tusk in den Mittelpunkt seines Handelns.
Damit bestätigte Zelensky genau das, worauf ich seit Beginn dieses Skandals hingewiesen habe. Es geht nicht um Fragen der historischen Erinnerung, sondern um den Wahlkampf in der polnischen Gesellschaft.
Polen bleibt praktisch seit der Wiedererlangung seiner Unabhängigkeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein in zwei Hälften gespaltenes Land. Und der erbitterte Kampf zwischen zwei politischen Lagern, die in der Geschichte Polens nahezu nie zu einem gegenseitigen Verständnis gefunden haben, bleibt eines der wichtigsten Merkmale der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung des Nachbarlandes.
Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie man aus dieser unerwarteten tiefen politischen Krise herauskommen kann, die in den Beziehungen zwischen zwei füreinander wichtigen Ländern entstanden ist. Denn ungeachtet aller Kontroversen um die historische Erinnerung geht der Krieg der Ukraine gegen Russland weiter. Und wie wir sehen, brennt in Moskau niemand darauf, diesen Krieg in absehbarer Zukunft zu beenden.
Polen bleibt einer der wichtigsten Verbündeten der Ukraine für ihr Überleben in diesem langjährigen, endlos scheinenden Krieg. Und die Ukraine bleibt für Polen ein wichtiger Schutzschild für die eigene Sicherheit.
Denn wir verstehen, dass das Verschwinden des ukrainischen Staates von der politischen Landkarte der Welt nicht nur zu einer gewaltigen Migrationskrise führen würde, die die Entwicklungsperspektiven Polens unter sich begraben könnte, sondern auch die Existenz der polnischen Staatlichkeit selbst infrage stellen würde – in einer Situation, in der die überwiegende Mehrheit der europäischen Länder von Politikern geführt würde, die auf eine Verständigung mit Moskau setzen.
Wahrheit ist jedoch, dass es in Polen bereits eigene solche Politiker gibt. Gerade Vertreter des ultrarechten populistischen Lagers verbergen nicht, dass sie nicht Russland, das mehrmals einen Schlussstrich unter die polnische Staatlichkeit gezogen und die Existenz des polnischen Volkes infrage gestellt hat, als Hauptfeind Polens betrachten, sondern die Ukraine, die dem polnischen Staat heute zumindest die Möglichkeit gibt, sich auf eine Konfrontation mit dem aggressiven russischen Imperium vorzubereiten.
Damit bleibt die Frage der Verständigung die wichtigste Aufgabe für die Zukunft, selbst vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Spaltung. Zugleich können wir sehen, dass wir eine ukrainisch-polnische Verständigung noch lange nicht erleben werden, wenn wir den Weg der historischen Erinnerung weitergehen.
Ungeachtet dessen, dass die polnische Gesellschaft unterschiedlich auf die Entscheidung von Präsident Karol Nawrocki reagiert, seinem ukrainischen Amtskollegen einen polnischen Orden abzuerkennen, besteht im politischen Lager Polens – sei es das Lager von Nawrocki und Kaczyński oder das von Tusk – vollständiger Konsens darüber, dass die Benennung einer Militäreinheit nach der Ukrainischen Aufständischen Armee ein Fehler Volodymyr Zelenskys war. Es gibt jedoch keinen Konsens darüber, wie auf solche Handlungen reagiert werden sollte.
Praktisch niemand möchte anerkennen, dass Zelensky bei dieser Entscheidung überhaupt nicht darüber nachgedacht hat, welche Folgen sie für die ukrainisch-polnischen Beziehungen haben könnte, und dass er seine Entscheidung überhaupt nicht mit dem Dialog mit Warschau in Verbindung brachte.
Die überwiegende Mehrheit der Polen unterstützt Präsident Nawrocki in seiner Haltung gerade in der Frage der Benennung einer Militäreinheit nach der Ukrainischen Aufständischen Armee. Gleichzeitig besteht in der ukrainischen Gesellschaft Konsens darüber, dass die Ukraine selbst entscheiden muss, wie die historische Erinnerung des ukrainischen Volkes aussehen soll, und darüber, dass die Ukrainische Aufständische Armee eine nationale Befreiungskraft dieses Volkes war.
Die Ukrainer sind bereit, die Armee, die in einer wichtigen Phase ihres Bestehens sowohl gegen die Nationalsozialisten als auch gegen die Bolschewiki kämpfte, mit der polnischen Armia Krajowa zu vergleichen. Für Polen zeugt dies vor allem von einem mangelnden Verständnis der Sichtweise Warschaus auf die historische Erinnerung. Denn die Armia Krajowa ist aus polnischer Sicht die offizielle Armee eines zwar zerstörten, aber aufgrund der erhalten gebliebenen Exilinstitutionen weiter bestehenden polnischen Staatswesens. Die Ukrainische Aufständische Armee hingegen ist eine paramilitärische Formation, der man sowohl Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten als auch Separatismus vorwerfen kann.
Daher kann eine Verständigung über die historische Erinnerung als solche zwischen dem ukrainischen und dem polnischen Volk vielleicht erst dann erfolgen, wenn die Vertreter der Nachkriegsgenerationen, ihre Kinder und möglicherweise sogar ihre Enkel endgültig von der Bühne des Lebens abgetreten sind. Hier sollte man keine Verständigung erwarten und auch nicht danach suchen. Kein Dialog zwischen Historikern wird sie wiederherstellen. Das muss man einfach verstehen. Nur die Zeit heilt solche Wunden – und sehr viel Zeit.
Was also tun?
Vielleicht sollte man weniger über historische Erinnerung nachdenken als darüber, wie beide Länder in einer Welt überleben können, die für die sogenannten mittleren Staaten immer ungemütlicher wird, während Länder wie die Vereinigten Staaten von Amerika und die Russische Föderation nach einem Dialog über ihre eigene Sicht der Welt und ihre Rolle darin als Hegemonialmächte suchen.
Und alle Hoffnungen Polens darauf, dass die Vereinigten Staaten es vor Russland schützen könnten, könnten an der unerbittlichen Realität zerschellen – so wie vor unseren Augen derzeit die Hoffnungen des jüdischen Staates zerschellen.
Vielleicht wäre dies ein wirksames Heilmittel, wenn man in Warschau und auch in Kyiv die Unvermeidlichkeit der Existenz beider Staaten in einer Konfrontation mit Partnern begreifen würde, die auf die Stärkung ihrer eigenen Rolle hoffen. Vielleicht würde es helfen, wenn man sowohl in Warschau als auch in Kyiv verstehen würde, dass nur die Vereinigung der sogenannten mittleren Staaten ihnen und ihren Völkern überhaupt eine Existenzgarantie für die nahe Zukunft geben kann.
Dann könnte man die Fragen der historischen Erinnerung tatsächlich den Historikern überlassen und den Politikern die Aufgabe, das Überleben ihrer Völker in der Zukunft zu sichern – im Bewusstsein, dass dieses Überleben keineswegs garantiert ist und heute niemand auch nur eine Hrywnja oder einen Złoty darauf setzen würde, dass sowohl die Ukraine als auch Polen in zehn oder fünfzehn Jahren noch unbedingt auf der politischen Landkarte der Welt existieren werden.
Ganz und gar nicht.
Und wenn wir tatsächlich von der Notwendigkeit des Überlebens ausgehen, dann würden die Handlungen von Politikern wie Karol Nawrocki, von Vertretern des rechtspopulistischen Lagers in Polen oder auch von jenen in der Ukraine, die heute von der Notwendigkeit sprechen, die Beziehungen zum engsten Verbündeten abzubrechen, dessen Zusammenarbeit für die ukrainische Handlungsfähigkeit in den kommenden Monaten und Jahren des schweren russisch-ukrainischen Krieges entscheidend ist, völlig anders aussehen – eines Krieges um die bloße Existenz der ukrainischen Staatlichkeit und Nation.
Gerade die Frage der Sicherheit und dieses Überlebens muss daher im Mittelpunkt der Beziehungen stehen, die wir zu unseren Nachbarstaaten aufbauen.
Die Türen der Ukraine stehen derzeit nur nach Westen offen. Nach Osten werden sie für viele Jahrzehnte des Bestehens des ukrainischen Staates und des ukrainischen Volkes verschlossen bleiben.
Von diesem Paradigma muss man ebenfalls ausgehen, wenn wir über die Zukunft der ukrainisch-polnischen Beziehungen und über die Suche der Ukraine nach Wegen zum eigenen Überleben sprechen.
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Art der Quelle:Artikel Titel des Originals:Зеленський кошмарить Навроцького|Виталий Портников. 22.06.2026. Autor:Vitaly Portnikov Veröffentlichung:22.06.2026. Originalsprache:uk Plattform / Quelle:YouTube Link zum Originaltext:
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Andrij Smolij. Ich denke, wir sollten mit dem aktuellsten Thema beginnen, das heute einfach eine Fortsetzung bekommen hat. Ich meine natürlich diesen unseren frischen Skandal mit den Polen. Die Initiatoren waren diesmal die Polen selbst. Man kann zumindest sagen, dass dies die Entscheidung von Präsident Nawrocki ist, der Präsident Zelensky den Orden des Weißen Adlers, die höchste Auszeichnung Polens, entzogen hat. Und Präsident Zelensky hat heute demonstriert, dass dieser Orden bereits – übrigens per Nowa Poschta – zurück nach Warschau unterwegs ist. Nun, und er hat auch erstmals öffentlich kommentiert, was er davon hält. Fangen wir damit an. Wie beurteilen Sie erstens die Kommunikation von Präsident Zelensky, wie gut, passend und gelungen war der Ton, und hätte man diesen Orden gerade jetzt eigentlich zurückgeben sollen?
Portnikov. Nun, das ist, würde ich sagen, klassisches politisches Verhalten von Volodymyr Zelensky. Aber andererseits: Was hätte er in dieser Situation tun sollen? Warten, bis der polnische Ministerpräsident Donald Tusk die Entscheidung des Präsidenten unterschreibt oder nicht unterschreibt? Man kann sagen, dass Volodymyr Zelensky mit dieser Handlung Donald Tusk einen großen Dienst erwiesen hat, wie Sie verstehen. Denn wenn Donald Tusk, sagen wir, diese Verfügung des Präsidenten unterschrieben hätte – obwohl es hier viele verschiedene juristische Streitigkeiten darüber gibt, ob der Premierminister sie billigen muss oder nicht, weil im Prinzip die Entscheidung über die Verleihung staatlicher Auszeichnungen persönlich vom Präsidenten Polens getroffen wird. Dafür ist keine Gegenzeichnung des Premierministers des Landes nötig. Einige meinen, dass eine Gegenzeichnung nötig sei; da aber der Premierminister eine Entscheidung des Präsidenten, irgendeine staatliche Auszeichnung aufzuheben, nicht billigen könne, es aber in der polnischen Verfassung keine Ausnahme gebe, müsse er es also tun. Das ist eine ganze juristische Diskussion, auf die es bis zu unserem Gespräch keine Antwort gibt. Aber offensichtlich wollte Karol Nawrocki, als er die Entscheidung traf, Volodymyr Zelensky den Orden des Weißen Adlers zu entziehen, sowohl den Präsidenten der Ukraine als auch den Ministerpräsidenten Polens in eine schwierige Lage bringen.
Ich möchte übrigens sagen: Nennen wir das nicht einen Skandal mit den Polen, wenn man bedenkt, wie viele polnische Politiker, Journalisten, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und gewöhnliche Menschen diese Handlung ihres eigenen Präsidenten verurteilen. Es ist also vor allem ein Skandal mit dem Präsidenten Polens, Karol Nawrocki, und nicht mit den Polen als solchen. Ich möchte Sie daran erinnern, dass die polnische Gesellschaft eine ziemlich konfliktträchtige Gesellschaft ist, was ihre Sicht darauf betrifft, wie man diese oder jene Beziehungen entwickeln sollte, und was ihre Sicht auf die Welt betrifft. Und praktisch die Hälfte der Polen – Sie erinnern sich doch an den geringen Vorsprung, mit dem Karol Nawrocki die Präsidentschaftswahlen gegen Rafał Trzaskowski gewonnen hat – die Hälfte der Polen nimmt ihn nicht als jemanden wahr, der gerade ihren Standpunkt ausdrückt.
Wissen Sie, man sollte sich dennoch daran erinnern: Wenn Zelensky den Orden an Nawrocki zurückgibt, dann ist Zelensky ein Mensch, den bei den Wahlen 73 Prozent der Bürger unterstützt haben. Nawrocki kann sich einer solchen einmütigen Unterstützung der Gesellschaft nicht rühmen. Er ist Vertreter eines der fast gleich großen politischen Lager und verhält sich im Amt des polnischen Präsidenten leider ebenfalls wie der Vertreter eines dieser politischen Lager. Denn ein Präsident aller Polen wäre mit konkreten Handlungen vorsichtiger umgegangen.
Ich sage nicht, dass Nawrocki, wenn dies seinen Überzeugungen entspricht, nicht mit der Entscheidung seines ukrainischen Kollegen hätte nicht einverstanden sein können, einer ukrainischen Militäreinheit den Namen der Ukrainischen Aufstandsarmee zu verleihen. Das ist sein Recht als Staatsoberhaupt und als Politiker, unterschiedliche Bewertungen der Handlungen von Kollegen und der Handlungen konkreter Staaten, freundlicher wie unfreundlicher, zu äußern.
Aber wenn es um die Entscheidung geht, den Orden wegzunehmen, ist das bereits eine völlig neue Situation. Das ist bereits eine vollkommen bewusste Überschreitung der roten Linien in den ukrainisch-polnischen Beziehungen durch den polnischen Präsidenten. Wir haben bereits in unserem vorherigen Gespräch gesagt, dass dieser Orden nicht persönlich der Orden von Volodymyr Zelensky ist. Das ist ein Orden, der faktisch den Respekt des polnischen Volkes gegenüber dem ukrainischen Volk im Kampf gegen die russische Aggression gezeigt hat.
Ich war und bin der Ansicht, dass dieser Orden aus Sicht seines Prestiges keine Ehre für Zelensky als solchen ist und nicht einmal einfach eine Auszeichnung für das ukrainische Volk, sondern auch ein Zeichen des Prestiges des Ordens selbst: dass der Präsident Polens in der Zeit des russisch-ukrainischen Krieges die Möglichkeit hatte, den Präsidenten eines Staates mit diesem Orden auszuzeichnen, der gegen den russischen Imperialismus kämpft. Welch ein Kontrast dazu, dass die russischen Zaren, nachdem sie die Kontrolle über Polen erlangt hatten, sich mit eben diesem Orden selbst auszeichneten.
Andrij Smolij. Übrigens hat Präsident Zelensky heute genau darüber gesprochen, dass auch er es so verstanden habe, dass der Orden nicht ihm persönlich verliehen worden sei. Übrigens auch nicht von Herrn Nawrocki verliehen, sondern vom vorherigen Präsidenten. Ich denke ebenfalls, dass dieser Orden nicht Eigentum Nawrockis oder sogar des vorherigen Präsidenten ist.
Portnikov. Dieser Orden ist Eigentum des polnischen Staates. Und wiederum gab es in den polnisch-ukrainischen Beziehungen viele schwierige Momente aus Sicht der historischen Erinnerung. Auch früheren Präsidenten der Ukraine wollte man diesen Orden entziehen. Solche Fragen gab es sowohl in Bezug auf Viktor Juschtschenko als auch in Bezug auf Petro Poroschenko. Und jedes Mal enthielt sich der Präsident Polens solcher scharfen Schritte. Wiederum im Bewusstsein, dass in der Person Juschtschenkos und Poroschenkos nicht eine konkrete Person ausgezeichnet wird, sondern ein konkreter Staat.
Ein Mensch, der an der Spitze dieses Staates steht, kann später Schritte unternehmen, die aus Sicht des Präsidenten Polens den ukrainisch-polnischen Beziehungen nicht entsprechen. Der Präsident Polens kann seine politische Bewertung dieser Schritte äußern. Aber wenn er den Orden aberkennt, beleidigt er damit den Staat und demonstriert ein Unverständnis grundlegender Werte nicht nur in den ukrainisch-polnischen Beziehungen, sondern in der Politik als solcher.
Es ist nicht verwunderlich, dass einer derjenigen, die die Entscheidung von Präsident Nawrocki leidenschaftlich unterstützten, der ehemalige Präsident der Russischen Föderation, der stellvertretende Vorsitzende des Sicherheitsrates der Russischen Föderation Dmitri Medwedew war, der vor Freude sogar beschloss, einen entsprechenden Beitrag auf Polnisch zu veröffentlichen. Ich denke, das ist die angemessenste und genaueste Bewertung der Entscheidung von Karol Nawrocki durch diejenigen, die seine Handlung unterstützen.
Man sollte nicht auf die Bewertungen der polnischen Anhänger von Karol Nawrocki schauen, sondern daran denken, dass diese Handlungen des polnischen Präsidenten faktisch vollständig in das Denkmuster des Präsidenten der Russischen Föderation Wladimir Putin, seines Stellvertreters im Sicherheitsrat Dmitri Medwedew und der russischen Führung passen. Dieser Schritt liegt also vollständig im Interesse Russlands. Er entspricht der russischen Weltsicht. Er macht Karol Nawrocki zu einem realen Unterstützer des russischen Angriffs auf die Ukraine, was auch immer der Präsident Polens sagen mag, wenn er diesen Orden wegnimmt.
Denn wenn er diesen Orden wegnimmt und sagt: „Und wir bleiben Verbündete der Ukraine“, dann ist das zynische Demagogie eines Menschen, der seine Verantwortung für den polnischen Staat, für das polnische Volk und für die ukrainisch-polnischen Beziehungen nicht spürt. Auch Präsident zu sein, muss man erst lernen.
Andrij Smolij. Nun, einige, wie zum Beispiel Serhij Fursa, haben darüber geschrieben. Mir gefällt der pragmatische Ansatz selbst. Darüber schreiben heute übrigens viele: dass der Ansatz zu den Beziehungen zu Polen pragmatisch sein sollte. Bei uns war bis 2022 Polen im Großen und Ganzen allen irgendwie ziemlich gleichgültig, und plötzlich wurden die Polen für uns zu Brüdern. Eine Zeit lang waren bei uns irgendwelche polnischen Amtspersonen und so weiter superpopulär. Und jetzt ist das Pendel ausgeschlagen, und alles. Und jetzt sind die Polen für viele bei uns schon die zweiten Russen.
Portnikov. Imperialisten, Chauvinisten und dergleichen.
Andrij Smolij. Ja.
Portnikov. Wissen Sie, ich gehörte nie zu den Menschen, denen Polen gleichgültig war. Ich habe immer an der Konzeption festgehalten – und übrigens schon seit meiner Kindheit –, dass es ohne ein unabhängiges Polen keine unabhängige Ukraine geben kann und ohne eine unabhängige Ukraine kein unabhängiges Polen. Deshalb habe ich schon als Jugendlicher aufrichtig mit den Aktionen der unabhängigen Gewerkschaft „Solidarność“ sympathisiert.
Lech Wałęsa, selbst wenn er dieses ukrainische Abzeichen vom Revers seines Jacketts oder Pullovers abgenommen hat, wo auch immer er es trug, war mein Held und wird für immer mein Held bleiben, was auch immer später seine politischen Handlungen gewesen sein mögen. Denn ich trenne, würde ich sagen, den zentralen Moment im Leben eines Menschen von dem, was er dann tat, als er aufhörte, aktiver Politiker zu sein.
Die Ukrainerin Anna Walentynowicz war meine Heldin. Ich hörte von der Solidarność auf den Wellen von Voice of America, Radio Free Europe/Radio Liberty und anderen ausländischen Radiosendern und wünschte den Polen aufrichtig den Sieg über den Kommunismus und den Sieg über Moskau. Daran erinnere ich mich sehr gut noch aus jener Zeit.
Ich schätzte sehr den Moment, als das polnische Volk bereit war, für seine Freiheit zu kämpfen, selbst in der Zeit der sowjetischen Besatzung der Länder Mitteleuropas. Das war für das ukrainische Volk ein wichtiges Beispiel der Bereitschaft einer ganzen Gesellschaft, gegen Kollaborateure und gegen russische Agenten zu kämpfen.
Übrigens erinnert auch die Tatsache, dass Karol Nawrocki vom ehemaligen Ministerpräsidenten Polens Leszek Miller unterstützt wurde, der nach Waldai fährt und Kontakte zur russischen politischen Führung pflegt, daran, in wessen Interesse der Präsident Polens handelt. Im Interesse von Menschen, die immer wollten, dass Polen in seine Vasallenstellung gegenüber Moskau zurückkehrt. Denn wie Sie verstehen, ist Leszek Miller ein Aktivist des früheren Regimes und keineswegs eine Persönlichkeit der Solidarność. Man sollte immer schauen, wer unterstützt. Wenn Medwedew und Miller unterstützen, bedeutet das: Es ist eine schlechte Entscheidung.
Also war es mir nicht gleichgültig. Und ich finde, die Ukrainer müssen wertschätzen, was die Polen in diesen schweren Kriegsjahren für sie getan haben, und nicht die Handlungen eines ganzen Volkes und einer ganzen Gesellschaft pauschal verurteilen, nur weil der Präsident des Landes seinen historischen Aufgaben nicht gewachsen war.
Das betrifft alle Völker. Ich sage ständig: Sie können sich nicht einmal vorstellen, wie groß die Unterstützung für die Ukrainer in der amerikanischen Gesellschaft ist. Verstehen Sie? Sie werden nach Amerika reisen – das ist schwieriger als nach Polen, aber Menschen reisen doch. Und Sie werden diese amerikanischen Flaggen neben ukrainischen sehen, Sie werden einfache Menschen sehen, die mit der Ukraine sympathisieren, gewöhnliche Menschen, keine Politiker, keine Blogger mit Millionenpublikum, gewöhnliche Menschen in Supermärkten, an Tankstellen, in Taxis, die der Ukraine aufrichtig den Sieg über Russland und Russland den Zusammenbruch wünschen.
Und zugleich sehen wir, dass Donald Trump sich anders verhält, nicht wahr? Nun also. Aber auch diese Gesellschaft ist halbiert, wie die polnische. Und wir sehen, dass es unter den Republikanern, unter Amerikanern, viele Unterstützer der Ukraine gibt. Und wir sehen, wie viele Unterstützer der Ukraine es unter den polnischen Rechten gibt. Schließlich war die gesamte Hilfe auf staatlicher Ebene, die der Ukraine seit 2022 geleistet wurde, Hilfe, die von einer Regierung koordiniert wurde, die von der Partei Recht und Gerechtigkeit gebildet worden war.
Präsident Andrzej Duda, der Volodymyr Zelensky mit diesem Orden ausgezeichnet hat, kandidierte für dieses Amt als Staatsoberhaupt von dieser Partei. Ministerpräsident Mateusz Morawiecki war der Regierungschef dieser Partei. Man kann also nicht sagen: „Wissen Sie, diese Hälfte ist antiukrainisch, diese Hälfte ist proukrainisch.“ Nein, so funktioniert das nicht.
Andrij Smolij. Duda war bei uns übrigens eine Zeit lang einer der populärsten und sogar der populärste ausländische Politiker. Solche Umfragen gab es bei uns, die das zeigten. Was ich sagen will? Mir scheint, dass es bei uns eine gewisse Asymmetrie gibt. Selbst wenn Stimmen aufkommen, die sagen: Lasst uns versuchen, Parallelen zur Armia Krajowa zu ziehen, dann beginnt gerade diese polnische Ultrarechte oder einfache Rechte zu sagen: „Wie könnt ihr es überhaupt wagen, unsere Armia Krajowa und eure verbrecherische UPA zu vergleichen?“
Ich habe darüber nachgedacht, wissen Sie worüber? Dass in meiner Kindheit einer meiner Lieblingsfilme wahrscheinlich der Film von Andrzej Wajda „Asche und Diamant“ war.
Portnikov. Ja, der handelt von der Armia Krajowa.
Andrij Smolij. Und das ist doch ein Film über einen Kämpfer der Armia Krajowa, wenn man so will, der aus dem Spiel aussteigen und sein Studium abschließen will, weil es ohnehin bereits eine russische, sowjetische Besatzung gibt. Und seine letzte Aufgabe – ich erinnere das so für diejenigen, die ihn nicht gesehen haben – besteht darin, irgendeinen weiteren sowjetischen Funktionär umzubringen, der aus dem Zentrum geschickt wurde. Und danach sagt man ihm: „Du hast Ruhe, du kannst dir gewissermaßen Urlaub nehmen.“ Und dann verliebt er sich in ein Mädchen, und alles ändert sich.
Portnikov. Das ist faktisch ein ukrainischer Plot über die Ukrainische Aufstandsarmee.
Andrij Smolij. Aber allein die Tatsache, dass sie in den 60er-Jahren – das waren, glaube ich, die 60er – einen Film drehen konnten; ich kann mir nicht vorstellen, dass man in der Ukraine, in der Sowjetunion, jemandem erlaubt hätte, so einen Film über irgendeinen, nennen wir ihn auch mit diesem Wort, Kämpfer der UPA zu drehen, der nicht nur sympathisch ist, sondern ein Sexsymbol der Sowjetunion, in das sich alle verlieben. Und er ist ein positiver Held. Selbst wenn am Ende scheinbar diese ganze Parteilinie trotzdem gezogen werden muss, sind das einfach unvergleichbare Dinge.
Und die Polen, so scheint mir, verstehen nicht, unter welchen Bedingungen sich die Ukrainer damals befanden. Wir hatten nicht einmal Zeit, wir hatten keine Chance auf irgendeine Reflexion, und wir hatten keine Chance zu sagen, was wir über die UPA denken und warum sie für uns wichtig ist. Und jetzt sind sie so …
Portnikov. Ich denke, es gibt noch einen Punkt, über den man nachdenken sollte. Die Polen haben ein riesiges Trauma des faktischen Verlustes des Staates, das auch zu einer gewissen historischen Schizophrenie führt. Auf der einen Seite habe der polnische Staat nie aufgehört zu existieren – er habe eine Exilregierung in London und die Armia Krajowa im gesamten international anerkannten Staatsgebiet Polens gehabt, also auch in Wolhynien und Galizien. Andererseits aber sei für die Handlungen der Ukrainischen Aufstandsarmee auf diesen Gebieten, die historische Gebiete Polens und Teil seines international anerkannten Territoriums nicht nur 1939, sondern, sagen wir, auch 1944 waren, der ukrainische Staat verantwortlich, den es damals überhaupt nicht gab und dessen Zugehörigkeit dieser Gebiete Polen nicht anerkannte. Richtig? Schizophrenie.
Noch eine Schizophrenie. Inwieweit kann man ernsthaft davon sprechen, dass der polnische Staat als solcher existierte? Offensichtlich verwandelte er sich im September 1939 in einen Exilorganismus. Und somit kämpften die verschiedenen Völker dieses Staates für ihre nationalen Rechte, ohne überhaupt zu wissen, was später mit ihnen geschehen würde. Das heißt, als sich die Armia Krajowa formierte und gegen die Hitleristen kämpfte, wusste niemand in dieser Armee, ob ein polnischer Staat nach dem Zweiten Weltkrieg überhaupt existieren würde, weil niemand wusste, wer den Zweiten Weltkrieg gewinnen würde. Daran erinnern Sie sich doch?
Andrij Smolij. Ja.
Portnikov. Und zweitens wusste man nicht, was die Sieger mit der polnischen Staatlichkeit machen würden. Stalin, Roosevelt und Churchill einigten sich darauf, dass diese polnische Staatlichkeit bestehen würde. Sie hätten sich aber auch nicht einigen können, sie hätten sich etwas ausdenken können: die Hälfte des Territoriums der Ukrainischen SSR zu geben und auf der Hälfte des Territoriums die deutsche Kontrolle zu erhalten, sie zu einem Teil des neuen Deutschlands, der Deutschen Demokratischen Republik, zu machen. So hätte es leicht kommen können.
Und was wären die Polen? Nun, die Polen wären eine Minderheit in der Sowjetukraine und im demokratischen Deutschland gewesen. Niemand wusste, wie die Geschichte sich wenden würde. Nach 1939 gab es keinerlei Garantien dafür, dass die polnische Staatlichkeit sicher existieren würde. Gerade deshalb, weil es kein Verständnis dafür gab, wie der Zweite Weltkrieg enden würde.
Heute sagen wir: „Oh, die Alliierten waren zum Sieg verurteilt.“ Vor Stalingrad war niemand zu irgendetwas verurteilt. Entschuldigung. Niemand dachte überhaupt so. Man hoffte, dass irgendetwas erhalten bleiben würde, dass Großbritannien sich behaupten würde, aber was aus der Sowjetunion werden würde, mit welchen Territorien sie operieren würde, wusste absolut kein Beobachter, erst recht kein Politiker, noch weniger ein Exilpolitiker. Und das führte zu Dramen, zu Selbstmorden.
Ich war in einem Museum in Warschau, im jüdischen Museum, und dort gab es eine Ausstellung, die einem polnischen Politiker jüdischer Herkunft gewidmet war, der versuchte, über den Holocaust zu berichten. Seine Familie war in Warschau geblieben. Er war im Moment der Besetzung Polens einfach in London oder anderswo und blieb dort. Schließlich endete seine gesamte politische Karriere mit Selbstmord. Weil er die völlige Gleichgültigkeit gegenüber all seinen Appellen sah, überhaupt nicht glaubte, dass das irgendwie positiv enden könnte, einfach nicht weiter an diesen Prozessen teilnehmen wollte, die ihm völlig ausweglos erschienen. Solche Beispiele gibt es Tausende.
Und hier ist es eben so, dass die Armia Krajowa und die Ukrainische Aufstandsarmee in einem Raum handelten, der keine Antwort auf die Frage gab, was morgen sein würde. Sie lösten Fragen hier und jetzt. Und jede dieser Armeen, dieser Formationen, ging von ihrer Vorstellung einer Zukunft aus, die es auch nicht hätte geben können. Die UPA handelte in Wolhynien in der Annahme, dass Wolhynien nach dem Krieg ukrainisch sein würde, dass es ethnisch ukrainisch sein müsse.
Wolhynien hätte aber auch nicht ukrainisch sein können. Stalin hätte die Entscheidung treffen können, all diese Gebiete Polen zu geben, so wie er, zum Beispiel, Przemyśl gegeben hat. Und die ganze heutige Oblast Wolhynien wäre heute die Woiwodschaft Wolhynien. Und die Ukrainer, die die Ukrainische Aufstandsarmee so beschützte, wären von polnischen Kommunisten einfach irgendwohin in die Oblast Kyiv vertrieben worden.
Oder umgekehrt kämpfte die Armia Krajowa. Ihre Führer waren überzeugt – so wie die Führer der polnischen Emigration noch jahrzehntelang überzeugt waren –, dass dieses gesamte Gebiet wieder Polen sein würde. Wie auch sonst? Hitler würde besiegt werden. Der polnische Staat würde auf seinen international anerkannten Gebieten wiederhergestellt werden, also auch mit Wolhynien, mit Galizien. Wie könnte es anders sein? Und die Sowjetunion würde irgendwie nachgeben, sie könne doch nicht jene Gebiete behalten, die sie in einem Bündnis mit Hitler erhalten hatte. Sie sei doch nun Verbündeter der Vereinigten Staaten und Großbritanniens. Nun, wie wir sehen, erwies sich auch diese Idee als völlig falsch.
Alle Vorstellungen sowohl der Armia Krajowa als auch der Ukrainischen Aufstandsarmee über die Zukunft dieser Gebiete erwiesen sich als falsch, weil im Ergebnis auf diesem Gebiet im Zweiten Weltkrieg die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken siegte. Stalin siegte.
Aber bedeutet das, dass sie nicht für die Rechte ihrer Völker kämpfen sollten? Doch, genau das sollten sie. Wiederum: Wurden während dieses Kampfes Verbrechen begangen? Natürlich wurden sie begangen. Wir wissen sehr gut, dass während solcher tragischen Ereignisse von beiden Seiten Verbrechen begangen werden. Von beiden Seiten, betone ich. Das geschah vor unseren Augen im Kosovo.
Für manche ist diese Geschichte zwischen Ukrainern und Polen eine Geschichte, die man im Kino anschauen kann, aber für mich sind das absolut reale Szenen meines Lebens, die ich im Kosovo beobachtet habe, noch vor dem Moment einer solchen absoluten Eskalation zwischen der albanischen und der serbischen Bevölkerung.
Ich lebte im Kosovo, mietete eine Wohnung bei einer serbischen Familie, die dort heute offensichtlich nicht mehr lebt und die sehr stolz darauf war, dass ihr Sohn in der Jugoslawischen Volksarmee diente, die faktisch schon damals die Kontrolle über das Kosovo ausübte. Ich schlief in einem Bett, über dem nicht eine Ikone hing, sondern, entschuldigen Sie, ein Porträt von Slobodan Milošević.
Dann wachte ich auf, sah Milošević in die Augen und ging los, um meine albanischen Freunde zu treffen, die mit mir nicht einmal in Cafés in Straßen gehen konnten, in denen Serben lebten. Und umgekehrt: Wenn ich mich mit irgendeinem serbischen Journalisten traf, brachte er mich bis zu dem Viertel, in dem albanische Häuser, Cafés, Krankenhäuser und so weiter begannen, und blieb stehen.
Dann begann zwischen diesen beiden Gruppen von Menschen, die einander hassten, eine Eskalation. Da die Serben die Armee, die Macht und so weiter in ihren Händen hatten, begannen sie also, die Albaner zu unterdrücken. Die Albaner gründeten die Befreiungsarmee des Kosovo, die berühmte UÇK, die absolut mit der Ukrainischen Aufstandsarmee verglichen werden kann. Und jetzt möchte ich Sie daran erinnern: Die Führer dieser Armee werden in Den Haag vor Gericht gestellt, aber für die albanische Bevölkerung des Kosovo sind sie Helden. Nicht einfach Helden. Hashim Thaçi, der Führer dieser Armee, brachte es bis zum Amt des Präsidenten des Kosovo. Und als ihm in Den Haag Anklagen wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgelegt wurden, trat er übrigens als Mensch, der die internationale Justiz respektiert, zurück, versteckte sich nicht und fuhr zum Tribunal. Und dieses Tribunal läuft jetzt.
Nun die Frage. Stellen wir uns vor, Hashim Thaçi wird endgültig wegen dieser Verbrechen verurteilt. Er wird verurteilt, verbüßt diese Strafe, stirbt irgendwann einfach von selbst an Altersschwäche. Was denken Sie, wird es in Pristina eine Hashim-Thaçi-Straße geben? Was meinen Sie?
Andrij Smolij. Es wird sie geben.
Portnikov. Und was denken Sie, wie wird man auf diese Straße in Belgrad reagieren?
Andrij Smolij. Na ja, so mittel.
Portnikov. Genau. Und nun stellen Sie sich vor, dass es zu diesem Zeitpunkt zwischen Belgrad und dem Kosovo bereits eine Normalisierung gibt. Die diplomatische Beziehungen wurden aufgenommen, irgendwie hat sich das alles geregelt, und sie leben dort miteinander. Und plötzlich beschließt das Bürgermeisteramt von Pristina, dass es eine Hashim-Thaçi-Straße geben wird. „Hashim Thaçi ist vor einem Monat gestorben, er ist unser Held, er ist Präsident des Kosovo. Er ist der Führer der Befreiungsarmee des Kosovo.“ Und da sagt der Präsident Serbiens: „Na, entschuldigen Sie, dann ist alles vorbei, wir schließen die Kontroll- und Grenzübergänge. Wir können mit Ihnen einfach nichts mehr zu tun haben.“ Und die albanische Bevölkerung sagt: „Aber das ist doch unser Held, er hat uns doch verteidigt, als ihr uns getötet und von unserem Heimatboden vertrieben habt. Warum zwingt ihr uns eure historische Erinnerung auf? Wer seid ihr überhaupt? Ihr seid selbst Imperialisten und Terroristen. Und bei euch gibt es Straßen, die nach der Jugoslawischen Volksarmee benannt sind. Das ist aber eine Banditenarmee, unter uns gesagt, sie hat Frauen und Kinder getötet und Kosovo-Albaner aus ihren Heimatorten vertrieben. Benennt sie um.“ Hier haben Sie eine wunderbare Szene, die noch stattfinden wird.
Ich könnte Ihnen noch Dutzende Beispiele aus der Geschichte europäischer Völker nennen, in denen genau so etwas geschieht. Mir scheint, ich habe bereits die Geschichte Südtirols erwähnt, das heute zu Italien gehört. Dort steht buchstäblich eine Autostunde entfernt ein Mausoleum für einen Vertreter der italienischen nationalen Befreiungsbewegung, der für die Abtrennung des Trentino von Österreich kämpfte und von den Österreichern getötet wurde. Später beherrschte Italien dieses Gebiet. Für Italien war er kein Separatist, den man töten musste, sondern ein Held. Man errichtete ihm ein Mausoleum und benannte Straßen und Plätze nach ihm.
Und eine Autostunde entfernt beginnen die deutschsprachigen Städte Südtirols, wo es eine Straße gibt, die nach einem Mann benannt ist, der noch in den 1950er- und 1960er-Jahren, im Kampf für die Unabhängigkeit Südtirols von Italien, Elektrizitätswerke in Italien sprengte. Das ist in Südtirol, das ist Italien. Und diesen Menschen verhaftete man, gab ihm Haftstrafen, dann starb er. Und die dankbaren Bewohner seiner Heimatstadt benannten die zentrale Straße nach ihm.
Das geschieht einfach innerhalb Italiens selbst. Nicht zwischen Polen und der Ukraine, nicht zwischen Kosovo und Serbien. Es geschieht zwischen zwei Städten Italiens, die zu einer Verwaltungseinheit gehören. Sie haben eine völlig andere historische Erinnerung. Die Bewohner eines Teils halten den wichtigsten Helden des anderen für einen Separatisten, der seine Todesstrafe verdient hatte und kein Mausoleum. Die Bewohner des anderen Teils halten denjenigen, nach dem Straßen benannt sind, für einen Terroristen, den man nach seiner Gefängnisstrafe hätte vergessen sollen, statt Straßen und Plätze nach ihm zu benennen. Aber irgendwie haben die Bürger Italiens auf dem Boden dieser völlig widersprüchlichen historischen Erinnerung eine Verständigung gefunden. Warum können wir sie nicht finden?
Andrij Smolij. Wahrscheinlich können wir das. Zumal es in diesem ganzen dramatischen Bild viele andere Züge gibt. Selbst wenn man Polen selbst nimmt, zum Beispiel: Was geschah mit den Sudetendeutschen im Jahr 1945?
Portnikov. Mit den Sudetendeutschen in Tschechien. Ja. Hören Sie, und jetzt stellen Sie sich vor, mir als Juden gäbe man eine Liste ukrainischer und polnischer historischer Personen, nach denen Namen, Straßen und Militäreinheiten benannt sind, und sagte: „Streichen Sie bitte, Herr Vitaly, die Menschen, deren Namen Sie niemals hören möchten.“ Können Sie sich vorstellen, was von dieser Liste übrig bliebe? Dort blieben ausschließlich Straßen wie Rosenstraße, Samtstraße. Vieles wäre dort nicht mehr. Aber ich respektiere das Recht des polnischen und des ukrainischen Volkes auf historische Erinnerung.
Obwohl, wie Sie sehen, das Außenministerium Israels damit nicht so ruhig umgeht wie ich. Und immer, sobald es in Polen und in der Ukraine Versuche gibt, die historische Erinnerung an Menschen zu glorifizieren, die Israel nicht als solche ansieht, die man glorifizieren kann, beginnen sofort scharfe Proteste.
Wie Sie wissen, gibt es zwischen Israel und Polen ständige Konflikte bis hin zur Abberufung von Botschaftern, ja sogar bis zu Demarchen israelischer Botschafter in Polen. Ständige Konflikte, ständige Skandale. Bei uns gibt es solche, würde ich sagen, angespannten Beziehungen nicht, weil wir vorsichtiger auf die israelische Reaktion reagieren. Aber danach geschieht nichts weiter. Keine Aberkennungen von Medaillen oder irgendwelche solchen Demarchen.
Nun, es gibt Erklärungen des Außenministeriums Israels oder der Botschaft Israels. Wir nehmen sie zur Kenntnis. Es gibt sehr kuriose Situationen, wenn die Botschafter Israels und Polens in der Ukraine gemeinsame Erklärungen zur historischen Erinnerung abgeben, während man den israelischen Botschafter in Polen selbst nicht einmal ins Außenministerium lässt und ihn dort als unerwünschte Person betrachtet. Denn dieser Botschafter äußert sich in Polen zur historischen Erinnerung auf eine Weise, die den Polen selbst schon nicht mehr gefällt – denselben Polen, die sich hier mit ihm solidarisieren. Wohlgemerkt: Ich spreche von einem anderen Botschafter.
Andrij Smolij. Das ist übrigens ein sehr gutes Beispiel. Denn warum können wir im Fall Polens nicht genauso handeln, wie wir zum Beispiel ruhig und pragmatisch auf Vorwürfe Israels reagieren können, die auch berechtigt sein mögen?
Portnikov. Wir können das. Polen selbst muss dann, würde ich sagen, etwas lockerlassen. Das polnische Außenministerium hat zu dieser Umbenennung eine Erklärung abgegeben. Ja, Sie haben eine Bewertung geäußert – für mich ein völlig legitimer Schritt, wenn Sie eine solche Konzeption der historischen Erinnerung haben. Ich finde, auch wir müssen, wenn es um unsere historische Erinnerung und andere Länder geht, mit solchen Erklärungen auftreten. Übrigens betrifft das jedes Land, wenn wir Fragen zu bestimmten Personen haben, die wir als solche betrachten, die Verbrechen gegenüber der Ukraine begangen haben.
Andrij Smolij. Wir können mit Piłsudski anfangen und nicht aufhören, zum Beispiel.
Portnikov. Nun, Sie verstehen doch, es geht um ernstere Vorwürfe, nicht um politische Erklärungen, aber dennoch: Das polnische Außenministerium hat eine Erklärung abgegeben. Wir haben sie zur Kenntnis genommen. Man hat sogar den ukrainischen Botschafter in Polen ins polnische Außenministerium einbestellt, ihm eine Note überreicht, danke, und das war’s, weiter geht’s. Aber Nawrocki müsste diesen populistischen Skandal veranstalten.
Alles begann doch nicht mit der Erklärung des polnischen Außenministeriums. Nun, es gab eine Erklärung, wir sahen sie in den Nachrichten, hätten sie nach 15 Minuten vergessen, verstehen Sie? Es begann mit dem Verhalten des polnischen Präsidenten in Bezug auf diesen Orden. Und das ist ebenfalls irgendein Unsinn. Nun hat er dem Präsidenten der Ukraine den Orden des Weißen Adlers aberkannt. Und was? Welche praktischen Folgen?
Andrij Smolij. Wissen Sie, jemand scherzte: Geben wir ihm im Gegenzug zum Beispiel den Orden Bohdan Chmelnyzkyj erster Klasse. Einfach als Antwort. Er hat ihn uns weggenommen, und wir zeichnen ihn im Gegenzug aus. Nun, das wäre ziemlich, wissen Sie, elegant.
Portnikov. Jedenfalls liegt genau darin das Problem. Das Außenministerium Israels tut, nachdem es entsprechende Erklärungen abgegeben hat, nichts weiter. Die haben schließlich auch noch andere Aufgaben, verstehen Sie? Und das gilt genauso für das polnische Außenministerium. Sie erfüllen einfach diplomatische Funktionen. So funktioniert Politik. Etwas gefällt mir nicht, ich informiere darüber, was mir nicht gefallen hat. Dann arbeiten wir weiter.
Andrij Smolij. Nun, sehen Sie, zu Nawrockis Ehren muss man sagen, er sagte ja: „Ich verstehe nicht, warum wir einen Präsidenten wählen. Ich weiß nicht, womit ich mich beschäftigen soll. Ich habe doch keine Befugnisse.“ Hier zeigt sich, dass er zumindest Orden und Medaillen wegnehmen kann, sogar ohne sich mit dem polnischen Ministerrat zu beraten. Und voilà, wir haben einen internationalen Skandal.
Portnikov. Und danach fordert er vom Ministerrat, dass er seine Bewertung seiner Handlungen äußert. Also faktisch hat er eine Beschäftigung für sich gefunden. Nun, wunderbar. Ich freue mich sehr, dass Nawrocki im Amt des polnischen Präsidenten etwas zu tun hat. Aber ich hätte gern, dass er sich im Amt des polnischen Präsidenten mit der Stärkung der ukrainisch-polnischen Beziehungen beschäftigt und nicht mit ihrer Zerstörung, denn das liegt im Interesse sowohl des ukrainischen als auch des polnischen Volkes.
Und ich möchte keinesfalls, dass die Handlungen des polnischen Präsidenten zu einer aggressiven Reaktion eines Teils der ukrainischen Gesellschaft gegenüber Polen und dem polnischen Volk als Ganzem führen. Auch das wäre falsch und ungerechtfertigt.
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Art der Quelle:interview Titel des Originals:Віддавши орден „Білого Орла“, Зеленський зробив велику послугу Туску: Скандал із Польщею. Віталій Портников. 20.06.2026. Autor:Vitaly Portnikov Veröffentlichung / Entstehung:20.06.2026. Originalsprache:uk Plattform / Quelle:YouTube Link zum Originaltext:
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Der polnische Präsident Karol Nawrocki hat die Entscheidung getroffen, seinem ukrainischen Amtskollegen Volodymyr Zelensky den Orden des Weißen Adlers abzuerkennen.
Bekanntlich hatte Nawrocki zuvor darauf bestanden, dass Zelensky seine Entscheidung rückgängig macht, einer ukrainischen Militäreinheit den Ehrennamen der Helden der Ukrainischen Aufstandsarmee zu verleihen. Und es ist vollkommen offensichtlich, dass Zelensky – wie jeder andere Staatschef eines souveränen Staates – einem solchen Ultimatum nicht zustimmen konnte. Aus dem einfachen Grund, dass Entscheidungen über das historische Gedächtnis des ukrainischen Volkes in Kyiv und nicht in Warschau getroffen werden müssen. Und schon gar nicht unter äußerem Druck.
Die Entscheidung des polnischen Präsidenten wirkt jedoch vor allem wie ein unverantwortlicher populistischer Schritt, der nicht einmal in erster Linie auf eine Verschlechterung der ukrainisch-polnischen Beziehungen abzielt, sondern darauf, diese Beziehungen zu einem Thema der innenpolitischen Auseinandersetzung in Polen zu machen. Nicht zufällig betont Nawrocki, dass nun auch der polnische Ministerpräsident Donald Tusk seine Entscheidung über die Aberkennung des Ordens für den Präsidenten der Ukraine bestätigen müsse.
Man könnte sagen, dass der Streit zwischen den beiden politischen Lagern in Polen – wie schon seit vielen Jahrzehnten oder sogar Jahrhunderten – zu ernsthaften Herausforderungen nicht nur für die Beziehungen zwischen dem polnischen und dem ukrainischen Volk, sondern auch für die staatliche Entwicklung Polens selbst führt.
Die Entscheidung des polnischen Präsidenten Karol Nawrocki, dem Präsidenten der Ukraine Volodymyr Zelensky den Orden des Weißen Adlers abzuerkennen, muss klar und eindeutig bewertet werden. Nicht nur als persönlicher Affront gegen das Oberhaupt eines Nachbarstaates, sondern auch als offensichtliche Respektlosigkeit gegenüber dem ukrainischen Volk.
Denn Nawrockis Vorgänger Andrzej Duda zeichnete mit der Verleihung des Ordens des Weißen Adlers an Volodymyr Zelensky in dessen Person das ukrainische Volk aus. So war es übrigens auch bei fast allen Vorgängern Zelenskys im Amt des ukrainischen Staatsoberhauptes: bei Leonid Krawtschuk, Leonid Kutschma, Wiktor Juschtschenko und Petro Poroschenko.
Doch heute hat diese Auszeichnung eine besondere Bedeutung, weil sie einem Volk verliehen wurde, dessen Land gegen einen brutalen Aggressor kämpft. Und dieser Aggressor verfolgte bekanntlich immer imperialistische Pläne nicht nur gegenüber der Ukraine, sondern auch gegenüber Polen. Er war mit diesen Plänen sogar erfolgreich, indem er die Existenz der polnischen Staatlichkeit selbst und die Möglichkeit ihrer unabhängigen Entwicklung auslöschte – so wie es nach dem Zweiten Weltkrieg geschah.
Im Lager der polnischen Rechten herrscht heute die Illusion, dass Warschau im Falle einer Niederlage Kyivs durch neue europäische und euro-atlantische Bündnisse gerettet würde – obwohl deren Belastbarkeit bereits durch den Nahostkonflikt und die Bereitschaft der Vereinigten Staaten, israelische Interessen hintanzustellen, infrage gestellt wurde. Manche hoffen sogar, besondere Beziehungen zu Moskau aufbauen zu können – Hoffnungen, die ein Teil der polnischen Politik schon immer hegte und die das polnische Volk letztlich immer wieder unter das russische Joch führten.
Betrachtet man die Situation jedoch nicht aus der Perspektive jener, die weiterhin unrealistischen Wunschvorstellungen anhängen, wird deutlich, dass die Zukunft Polens vom Erfolg der Ukraine im Krieg gegen Russland abhängt. Ebenso wird klar, dass der wirksame Widerstand der Ukraine gegen die russische Aggression von der Unterstützung ihrer europäischen Verbündeten und vor allem Polens abhängt.
Wie also soll man aus der Situation herauskommen, die durch die unverantwortlichen Handlungen des polnischen Staatsoberhauptes geschaffen wurde?
Erstens muss man anerkennen, dass Warschau das volle Recht hat, seine eigene Bewertung historischer Erinnerung vorzunehmen.
Niemand in Kyiv kann den Polen vorschreiben, wie sie die Armia Krajowa, die Ukrainische Aufstandsarmee oder irgendeine polnische oder ukrainische historische Persönlichkeit bewerten sollen. Aber ebenso muss man in Warschau akzeptieren, dass die Ukraine exakt dieselben Rechte besitzt. Und wenn jemand mit historischen Interpretationen unzufrieden ist, dann ist das eine Angelegenheit des Dialogs zwischen Wissenschaftlern und nicht von politischen Strafaktionen.
Die Außenministerien beider Staaten können ihre Einschätzungen zu Entscheidungen äußern, die die Verleihung von Auszeichnungen oder die Umbenennung militärischer Einheiten betreffen. Wenn jedoch Entscheidungen über die Aberkennung staatlicher Auszeichnungen getroffen werden, wirken sie weniger wie der Versuch, eine Position zur historischen Erinnerung auszudrücken, sondern vielmehr wie ein bewusster Versuch, die Beziehungen zu jenem Staat zu verschlechtern, gegen dessen Präsidenten sich solche Maßnahmen richten.
Schließlich gab es bisher keine Präzedenzfälle, in denen polnische Staatsoberhäupter den Orden des Weißen Adlers aberkannt hätten. Vorschläge dazu hatte es sowohl gegenüber dem ukrainischen Präsidenten Wiktor Juschtschenko als auch gegenüber Petro Poroschenko gegeben. Doch die Vorgänger Karol Nawrockis im Amt des polnischen Präsidenten erwiesen sich schlicht als verantwortungsbewusste Staatsmänner. Zudem gab es bislang überhaupt keinen Fall, in dem einem Staatsoberhaupt, das den Orden des Weißen Adlers erhalten hatte, diese Auszeichnung wieder entzogen wurde.
Die Liste der Träger dieses Ordens ist gut bekannt. Aber erstens hielt niemand es für notwendig, historische Entscheidungen der Vergangenheit zu revidieren. Und zweitens war man offenbar der Ansicht, dass die Auszeichnung eines Politikers – selbst eines so umstrittenen wie des faschistischen italienischen Regierungschefs Benito Mussolini – in erster Linie dem Respekt gegenüber dem Staat und nicht gegenüber der konkreten Person galt.
Warum hat diese einfache Überlegung im Fall Volodymyr Zelenskys nicht funktioniert?
Nun, vielleicht deshalb, weil der polnische Präsident weiterhin in Wahlkampf- und Nachwahlkategorien denkt und nicht in Kategorien staatlicher Verantwortung.
Zweitens muss man sich bewusst machen, dass es sowohl in der ukrainischen als auch in der polnischen Gesellschaft Millionen von Menschen gibt, die sich eine Fortsetzung enger Beziehungen zwischen der Ukraine und Polen, zwischen dem ukrainischen und dem polnischen Volk wünschen.
Die Hilfe, die Polen der Ukraine in den ersten Monaten und Jahren des russisch-ukrainischen Krieges geleistet hat, war ein offensichtlicher Ausdruck eben dieses Volksgeistes und nicht das Ergebnis unverantwortlicher Politiker, die schwierige Kapitel der Geschichte beider Völker für ihren eigenen politischen Erfolg ausnutzen.
Genau dieser gesellschaftliche Dialog muss das Hauptziel der weiteren Entwicklung der Beziehungen zwischen den beiden Nachbarstaaten sein, deren Existenz auf der politischen Landkarte der Welt angesichts der gefährlichen Entwicklungen, die wir in Europa beobachten, keineswegs selbstverständlich ist.
Gerade die Gesellschaften der Ukraine und Polens müssen ihren politischen Vertretern zeigen, dass es notwendig ist, nicht nach Wegen zu suchen, die einen Graben zwischen dem ukrainischen und dem polnischen Volk schaffen, sondern nach Wegen der Annäherung.
Und aus dieser Perspektive ist es natürlich sehr wichtig, dass Politiker, die historische Probleme in Instrumente ihrer eigenen politischen Kampagnen verwandeln wollen und deren Aktionen mit jeder Aberkennung eines Ordens oder jeder lautstarken Rede zunehmen, keinen Platz in den ernsthaften Amtsstuben haben sollten, in denen wichtige Entscheidungen getroffen werden.
Das ist natürlich keine Aufgabe eines Tages oder eines Jahres. Doch ein Modell, in dem besonnene Menschen Entscheidungen treffen, die ihre Staaten und Völker vor dem Verschwinden, vor militärischen Prüfungen und Tragödien bewahren sollen, muss das Wesen der Beziehungen zwischen der Ukraine und Polen in den kommenden stürmischen und möglicherweise kriegerischen Jahrzehnten voller Herausforderungen sein.
Dass man dies in Warschau nicht begreift, ist eine große Tragödie für das polnische Volk.
Dass man dies erst jetzt in Kyiv zu begreifen beginnt, könnte vielleicht das größte Kapital für unseren Beitrag zu den ukrainisch-polnischen Beziehungen in den kommenden schwierigen Zeiten sein.
Jetzt gilt es, mit aller Klarheit die Bereitschaft zu zeigen, die ukrainisch-polnischen Beziehungen weiterzuentwickeln, ohne Bedingungen zu schaffen, unter denen die Ukraine in diesen Beziehungen gedemütigt werden kann, indem man die schwierige Lage unseres Staates infolge des jahrelangen Krieges mit Russland ausnutzt.
Und man sollte auf jene Menschen setzen, die verstehen, dass Demütigung im bilateralen Dialog nicht nur der Ukraine schadet, sondern vor allem Polen selbst.
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Art der Quelle:Artikel Titel des Originals:Навроцький відібрав орден у Зеленського |Віталій Портников. 20.06.2026. Autor:Vitaly Portnikov Veröffentlichung / Entstehung:20.06.2026. Originalsprache:uk Plattform / Quelle: YouTube Link zum Originaltext:
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Die unerwartete Zuspitzung der ukrainisch-polnischen Beziehungen vor dem Hintergrund der Entscheidung von Präsident Volodymyr Zelensky, einer Militäreinheit den Namen „Helden der UPA“ zu verleihen, hat mich vor allem durch ihre Surrealität erschreckt, die über die Grenzen klassischer Politik hinausgeht – wobei man sich fragen muss, wo man heutzutage überhaupt noch klassische Politik findet. Ja, mich hat vor allem überrascht, dass ausgerechnet der Orden des Weißen Adlers ins Zentrum der Ereignisse geraten ist.
Im Gegensatz zu vielen, die heute mit den Polen polemisieren, sehe ich in der offiziellen Reaktion Warschaus nichts Außergewöhnliches. Meiner Ansicht nach hat das Außenministerium jedes Landes das volle Recht, politische Bewertungen von Handlungen eines Partnerstaates vorzunehmen, die mit dessen Interpretation historischer Erinnerung zusammenhängen. Der Partnerstaat kann diese Hinweise zur Kenntnis nehmen, ist aber keineswegs verpflichtet, daraus Konsequenzen zu ziehen. Das ist ein gewöhnliches politisches Signal: Bei uns wird die Vergangenheit anders wahrgenommen als bei euch.
Mehr noch: Ich würde mir wünschen, dass auch das ukrainische Außenministerium ähnlich reagiert, wenn in irgendeinem Land Objekte oder Militäreinheiten nach Personen oder Formationen benannt werden, die möglicherweise an der Ermordung von Ukrainern, an antiukrainischer Propaganda und Ähnlichem beteiligt waren.
Gleichzeitig müssen auch wir uns darüber im Klaren sein, dass die Welt ihre eigene Vorstellung vom Wert dieser Menschen oder Organisationen für das historische Gedächtnis eines bestimmten Landes haben kann. Genau das ist die zivilisierte Praxis internationaler Beziehungen.
Die surreale Situation beginnt erst mit den Drohungen des polnischen Präsidenten Karol Nawrocki, Präsident Volodymyr Zelensky den Orden des Weißen Adlers abzuerkennen. Denn dies ist keine persönliche Auszeichnung für eine konkrete Person. In der Person Zelenskys zeichnete der polnische Präsident Andrzej Duda alle Ukrainer aus, die gegen die russische Invasion kämpften und ihr Land zugleich in einen Schutzschild für Polen verwandelten.
Ja, eine solche Auszeichnung ist eine Ehre für den Präsidenten der Ukraine. Aber noch mehr ist sie eine Ehre für Polen, dass der Präsident eines gegen denselben Feind kämpfenden Landes bereit war, sie anzunehmen.
Und mit Verlaub: Dieser Orden ist keine Frage des Prestiges Zelenskys, sondern eine Frage des Prestiges des Ordens des Weißen Adlers selbst. Denn als der polnische Präsident den ukrainischen Präsidenten auszeichnete, zeichnete er jeden ukrainischen Soldaten aus, der niemals nach Hause zurückkehren wird oder seinen Kampf für die Zukunft der Ukraine und Polens fortsetzt, jede ukrainische Frau, die ihre Kinder unter Beschuss großzieht, jedes Kind, das seinen Unterricht in einer unterirdischen Schule absolviert.
Ist euch das, meine lieben polnischen Freunde, wirklich nicht genug? Wollt ihr daran nicht teilhaben? Ich bin überzeugt, dass ihr es wollt – schließlich war die polnische Hilfe für die Ukrainer und die Ukraine beispiellos. Und nun geht es um einen Orden!
Die weitere Entwicklung dieser Geschichte wirkt noch seltsamer. Das Ordenskapitel hat getagt, und nun müssen wir auf die Entscheidung von Präsident Nawrocki warten, der zu dem Schluss kommen soll, ob dem Präsidenten der Ukraine der Orden aberkannt wird oder nicht. Die Bedingung lautet: den Namen der Militäreinheit zu ändern.
Dabei versteht jeder sehr gut, dass die Aberkennung des Ordens eine rein innerpolnische Angelegenheit wäre, die sich auf Zelensky weder innenpolitisch noch international in irgendeiner Weise auswirken würde. Sollte Zelensky jedoch um des Ordens oder guter Beziehungen zu seinem polnischen Kollegen willen den Namen der Einheit ändern, würde dies für ihn tatsächlich zu einem innenpolitischen Problem werden. Was sollte er also wählen?
Ich diskutiere bewusst weder die Frage der UPA noch die Frage Wolhyniens. Das ist – wie jedes Erbe, das mit dem Tod Tausender Menschen auf beiden Seiten verbunden ist – ein Thema für ernsthafte und wichtige Diskussionen. Und übrigens nicht nur für Historiker, sondern auch für Politiker.
Ich spreche ausschließlich über ein anderes historisches Problem der polnischen Politik: über die Unfähigkeit, rechtzeitig innezuhalten, über jene Megalomanie, die daran hindert, die eigenen Möglichkeiten und die eigene Bedeutung realistisch einzuschätzen.
Ukrainer und Polen verbindet keineswegs der Orden des Weißen Adlers auf der Brust des Präsidenten der Ukraine, sondern das Bewusstsein einer gemeinsamen Gefahr. Hätten beide Völker dieses Bewusstsein bereits zur Zeit der Adelsrepublik besessen, wären Ukrainer und Polen vielleicht gemeinsam nicht unter die Herrschaft Moskaus geraten.
Ukrainer und Polen trennt keineswegs das historische Erbe. Sie trennt das Unverständnis vieler polnischer Politiker gegenüber der einfachen Tatsache, dass Polen im Falle einer Niederlage der Ukraine erneut nicht überleben wird und dass ihm keine Vereinigten Staaten helfen werden.
Im Ernst: Wenn wir heute beobachten, wie die Vereinigten Staaten die Interessen Israels schlicht ignorieren, um sich mit dem Iran zu verständigen, ist es dann wirklich so schwer, sich vorzustellen, was geschehen wird, wenn an Israels Stelle Polen steht und an der Stelle des Iran Russland, das die Ukraine erobert hat?
Es ist höchste Zeit, sich endlich zusammenzuschließen. Wir werden noch Gelegenheit haben, über die schwierige Vergangenheit des polnischen und des ukrainischen Volkes zu diskutieren – vorausgesetzt, Polen und die Ukraine bleiben auf der politischen Landkarte der künftigen Welt erhalten.
Aber selbst dann müssen wir einander eine einfache Sache sagen: Nicht die Ukrainer werden das historische Gedächtnis der Polen bestimmen, und nicht die Polen werden das historische Gedächtnis der Ukrainer bestimmen.
Wir können diskutieren, Einschätzungen austauschen – aber wir sollten nicht erwarten, dass die ukrainischen und polnischen Pantheons jemals deckungsgleich sein werden. Und gerade deshalb muss man sich immer an jene Menschen erinnern, die selbst in dunklen Zeiten für die polnisch-ukrainische Verständigung gearbeitet haben, und auf sie stolz sein.
Übrigens bin ich der Meinung, dass auch diese Menschen ihren Anteil am Orden des Weißen Adlers erhalten haben, als Präsident Duda ihn Präsident Zelensky verlieh.
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Art der Quelle:Essay Titel des Originals:Орден Білого Орла. Віталій Портников. 14.06.2026. Autor:Vitaly Portnikov Veröffentlichung / Entstehung:14.06.2026. Originalsprache:uk Plattform / Quelle:Zeitung Link zum Originaltext:
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Andrij Smolij: Unverhofft und unerwartet sind wir wieder in irgendeinen diplomatischen Skandal mit Polen geraten, wieder rund um die ungelösten Fragen aus unserer gemeinsamen jüngeren Vergangenheit. Ich meine natürlich das 20. Jahrhundert. Und diesmal begann alles damit, dass Präsident Zelensky beschloss, einem Zentrum der Spezialoperationskräfte den Namen der Helden der UPA zu verleihen.
Für die Ukraine schien das eine eher unauffällige Angelegenheit zu sein. Wahrscheinlich hätte niemand darauf geachtet. Aber in Polen hat man darauf geachtet. Zunächst erklärte der ehemalige Präsident und Held der Samtenen Revolution der späten 1980er Jahre in Polen, Lech Wałęsa, er sei zutiefst empört und werde aus Protest irgendein Abzeichen mit der ukrainischen Flagge nicht mehr tragen. Danach griff der amtierende Präsident Polens, Karol Nawrocki, die Geschichte auf und sagte, er werde alles tun, um Zelensky den Orden des Weißen Adlers abzuerkennen. Das ist die höchste staatliche Auszeichnung der Republik Polen.
Dazu kamen noch irgendwelche Protestnoten von israelischer Seite, die sich gegen die Umbettung von Andrij Melnyk richten.
Kurz gesagt, das ist nun diese Geschichte. Und man sollte wohl vorsichtig auf all das reagieren. So scheint es mir jedenfalls. Aber was sehen wir in dieser Geschichte? Hat Präsident Zelensky vielleicht etwas überstürzt getan, ohne es ausreichend zu durchdenken? Obwohl das schwer zu glauben ist. Oder wird es nie einen besseren Zeitpunkt geben, um diese unsere, ich weiß nicht, bereits eiternden Wunden der ungelösten Geschichte freizulegen, und man muss das einfach Schritt für Schritt tun? Ich weiß nicht, wie ich das bis zum Ende beurteilen soll.
Portnikov: Glauben Sie wirklich, dass Präsident Zelensky, als er dieses Dekret unterschrieb, auch nur eine Minute lang daran dachte, dass dies zu irgendeinem Konflikt mit Polen führen könnte? Für ihn war das irgendeine Standardhandlung, irgendeine Umbenennung, die Verleihung eines Namens an eine militärische Einheit zu Ehren der Ukrainischen Aufstandsarmee, die Teil dessen ist, was ich die militärische Ikonostase der Ukraine nennen würde. Wenn es in Lwiw oder anderen Städten Straßen der Helden der UPA gibt …
Andrij Smolij: Hundert Dokumente zur Unterschrift. Er hat einfach unterschrieben, unterschrieben und gar nicht darauf geachtet?
Portnikov: Vielleicht hat wirklich niemand darauf geachtet, denn die Idee der Ukrainischen Aufstandsarmee als Beispiel für Heldentum und als Objekt ukrainischer Glorifizierung existiert ja nicht erst seit gestern. Deshalb war die polnische Reaktion nicht vorhersehbar. Denn wenn man in Polen einfach nicht auf diese Geschichte aufmerksam geworden wäre? Wenn man sie einfach nicht bemerkt hätte? Hätte das passieren können? Ja, das hätte passieren können. Dann hätte es keinen Skandal gegeben.
Es gibt offensichtliche Dinge in den ukrainisch-polnischen Beziehungen, die man verstehen muss. Beide Länder haben völlig unterschiedliche Vorstellungen von historischer Erinnerung. Das ist eine offensichtliche Tatsache. Genau deshalb arbeiten in solchen Ländern Historikerkommissionen. Sie klären schwierige Fragen, versuchen gemeinsame Nenner zu finden, gemeinsame Initiativen vorzuschlagen, nicht das zu suchen, was trennt, sondern das, was verbindet.
Es gibt einen einfachen Unterschied: Wir sagen Polen niemals, wie es etwas zu nennen hat. Polen versucht uns dagegen sehr oft zu sagen, wie wir etwas nennen sollen. Das ist der Unterschied im Ansatz. Ich halte das für falsch. Das ist der Kernpunkt.
Nein, es geht nicht um die Ukrainische Aufstandsarmee, ihre historische Rolle oder ihre Bewertung in Polen. Polen hat jedes Recht, jeden beliebig zu bewerten. Es ist ein souveräner Staat. Polen ist gerade deshalb ein souveräner Staat, weil es diese Möglichkeiten hat. Es ist ein großes Glück, dass Polen Anfang des 20. Jahrhunderts auf die politische Landkarte der Welt zurückkehrte.
Das polnische Volk erhielt endlich diese Möglichkeit. Ich habe mich immer darüber gefreut – sowohl über das Wunder an der Weichsel als auch über die Wiederherstellung der polnischen Staatlichkeit und schließlich über den Übergang dieses Staates aus der Kategorie sowjetischer Satelliten zu einem unabhängigen europäischen Staat. Dafür muss man Lech Wałęsa und seiner historischen Rolle danken. Und das ist eine viel wichtigere historische Rolle als das, was er jetzt über die historischen ukrainisch-polnischen Beziehungen sagt.
Aber man muss verstehen, dass auch die Ukraine seit den 1990er Jahren in einen solchen Status überging. Zwischen dem ukrainischen und dem polnischen Volk sowie den Staaten gab es immer unterschiedliche Bewertungen bestimmter historischer Persönlichkeiten. Und zwar nicht nur der Helden der UPA.
Bohdan Chmelnyzkyj ist für die Ukrainer ein Mensch, der den Grundstein für ihre nationale Unabhängigkeit gelegt hat. Für die Polen ist er jemand, der faktisch begann, die Adelsrepublik zugunsten des Moskauer Zarenreiches zu zerstören. Das sind, wie Sie verstehen, völlig unterschiedliche Bewertungen derselben Persönlichkeit.
In der Ukraine gibt es den Orden Bohdan Chmelnyzkyj. Es ist schwer vorstellbar, dass ein solcher Orden in Polen existieren könnte, oder? Kaum ein Pole würde sich wünschen, mit dem Orden Bohdan Chmelnyzkyj ausgezeichnet zu werden. Ich sage Ihnen noch mehr: Auch ich selbst würde nicht besonders gerne mit dem Orden Bohdan Chmelnyzkyj ausgezeichnet werden, wie Sie wahrscheinlich verstehen.
Aber ich verstehe sehr gut ethnische Ukrainer, die gerne einen solchen Orden auf ihrer Brust tragen würden. Die Geschichte ist einfach komplizierter, als sie uns erscheint.
Andrij Smolij: Ich denke, sogar Taras Hryhorowytsch Schewtschenko hätte einen solchen Orden nicht besonders gewollt.
Portnikov: Taras Hryhorowytsch Schewtschenko hätte den Orden Bohdan Chmelnyzkyj ganz sicher nicht gewollt. Er hätte ihn niemals angenommen. Niemals.
Aber auch hier gilt: Es gibt unterschiedliche Ukrainer. Das ist eine Besonderheit jeder Nation. Sie haben Schewtschenko völlig zu Recht erwähnt, denn Schewtschenko, im Unterschied zu mir ein ethnischer Ukrainer, hasste Chmelnyzkyj als historische Figur, ich würde sagen, vielleicht sogar mehr als ich. Und er hatte das Recht dazu.
Gleichzeitig haben Menschen das volle Recht, Bohdan Chmelnyzkyj anders zu betrachten und seine historische Rolle im Kontext aller späteren Ereignisse zu bewerten.
Andrij Smolij: Wissen Sie, Herr Vitaly, vor etwa zwanzig Jahren hörte ich oft von Historikerkollegen, die irgendwie an diesem Dialog beteiligt waren: „Lasst uns in Ruhe. Wir werden das mit den polnischen Kollegen schon irgendwie klären und euch dann sagen, wie es steht.“
Aber heute funktioniert das einfach nicht mehr. Ganz gleich, wie hervorragend ein Historiker ist und wie erfolgreich eine akademische Konferenz verläuft. Jetzt wurden diese Treffen wieder aufgenommen, und das ist großartig. Aber wir verstehen auch, dass irgendein Influencer auf TikTok zehn Millionen Aufrufe sammeln kann, völligen Unsinn und Unwissenheit vermischt mit Xenophobie verbreitet – und zehn Millionen Menschen sehen das. Damit wird alles zunichtegemacht, woran Historiker zwei Jahre lang gearbeitet haben. Das ist eine neue Situation. Wir können nicht einfach sagen: „Die Historiker werden sich schon einigen.“
Portnikov: Nein, sehen Sie, zweifellos kann ein TikTok-Influencer alles Mögliche tun. Er kann Ihnen sogar zeigen, wie man in der eigenen Wohnung ein Raumschiff baut und zum Mars fliegt.
Aber wir sprechen hier über Staatspolitik. Das ist nicht einfach ein gesellschaftlicher Konflikt. Gesellschaften können sich auf TikTok, Facebook oder sonst irgendwo beliebig über historisches Erbe austauschen.
Jetzt handelt es sich um einen Konflikt auf staatlicher Ebene, weil Präsident Karol Nawrocki sich eingeschaltet hat. Er sagt, sein ukrainischer Kollege habe eine falsche Entscheidung getroffen. Am 6. Juni will er dem Kapitel des Ordens des Weißen Adlers die Frage vorlegen, Zelensky diesen Orden abzuerkennen.
Dabei müssen wir verstehen: Zelensky erhielt diesen Orden nicht als Privatperson und nicht aufgrund persönlicher Verdienste gegenüber Polen, sondern als Präsident eines Landes, das weiterhin faktisch Europas Schild gegen die russische Invasion ist – vor allem Polens Schild. Denn wenn die Ukraine zusammenbricht, wird Polen an seinen Grenzen genau das bekommen, was es nie bekommen wollte.
Dann wird es weder um den Weißen Adler noch um Zelensky gehen. Dann beginnt für das polnische Volk ein ganz anderes Leben – ein Leben, das ich dem polnischen Volk keinesfalls wünsche. Als Journalist würde ich natürlich gerne sehen, wie die Menschen darauf reagieren würden. Ich möchte nur nicht, dass all das auf Kosten der Ukraine geschieht.
Deshalb sage ich: Wenn wir anfangen zu erklären: „Lasst uns dem Präsidenten der Ukraine, den wir für den mutigen Widerstand des ukrainischen Volkes gegen die russische Aggression ausgezeichnet haben, diesen Orden wieder wegnehmen – praktisch für die Fortsetzung dessen, was einst die polnischen Aufstände unter dem Motto ‚Für unsere und eure Freiheit‘ begonnen haben –, lasst uns ihm den Orden wegnehmen, weil er eine falsche Entscheidung über die Benennung einer ukrainischen Militäreinheit getroffen hat.“
Wunderbar. Ich freue mich sehr. Das ist politische Schizophrenie auf staatlicher Ebene. Schizophrenie auf staatlicher Ebene.
Dabei bin ich der Meinung, dass der Präsident Polens und auch der Ministerpräsident Polens – der sich übrigens ebenfalls nicht gerade begeistert dazu geäußert hat – ruhig mit einer Erklärung auftreten können, in der sie eine solche Entscheidung verurteilen. Und damit sollte alles enden. Er hat eine Entscheidung getroffen, sie hätten eine völlig andere Entscheidung sehen wollen. Sie haben diese Entscheidung verurteilt, und dann arbeitet man weiter. So sollte das funktionieren, wenn man sich überhaupt einmischen will.
Obwohl ich noch einmal sage: Ich halte es keineswegs für notwendig, dass man in irgendeinem anderen Land erklärt, wen und wie man auszeichnen soll. Das ist ein imperialer Ansatz, der Russland eigen ist. Erinnern Sie sich übrigens: Es ist nicht das erste Mal, dass es eine solche Geschichte gibt. Seinerzeit verurteilte man in Warschau Viktor Juschtschenko, der Stepan Bandera den Titel Held der Ukraine verliehen hatte. Erinnern Sie sich?
Andrij Smolij: Ja.
Portnikov: Ja. Auch damals gab es einen riesigen Skandal. Aber wiederum: Juschtschenko war Präsident der Ukraine. Er entscheidet selbst, wen er auszeichnet. Übrigens erinnere ich mich nicht, dass damals die Frage gestellt wurde, Juschtschenko irgendwelche polnischen Orden abzuerkennen. Ich weiß nicht, ob er sie hatte oder nicht, aber so war diese Geschichte.
Wir sprechen ja nicht über Persönlichkeiten, sondern über das staatliche Verhältnis zur Geschichte. Dieses staatliche Verhältnis zur Geschichte findet nicht auf TikTok statt. Und gerade der Staat müsste sich um einen Dialog auf staatlicher Ebene kümmern. Das sollte keine gesellschaftliche Historikerkommission sein. Dann können Präsidenten bei sich irgendein historisches Forum schaffen oder die Außenminister.
Wie Sie wissen, leitete ich einst den ukrainischen Teil des ukrainisch-polnischen Forums für Zusammenarbeit, schon, wenn ich mich nicht irre, während der Präsidentschaft von Andrzej Duda. Auf polnischer Seite wurde dieses Forum von dem bekannten polnischen Historiker und Fachmann für polnisch-ukrainische Beziehungen, Jan Malicki, geleitet. Und wenn wir uns trafen – Vertreter der Ukraine, Polens, gesellschaftliche Akteure, Historiker, Diplomaten, Leiter von Hochschulen –, diskutierten wir viele solcher schmerzhaften Probleme, darunter auch historische Fragen. Wir traten mit Initiativen auf, suchten Wege, die verbinden.
Übrigens lud uns Doktor Malicki auf einen Friedhof in Warschau ein, auf dem Veteranen der Ukrainischen Volksrepublik begraben sind, die nach 1920 gezwungen waren, die Ukraine zu verlassen. Sie hatten zusammen mit polnischen Truppen in der Armee von Symon Petljura und Józef Piłsudski gekämpft. Wir fuhren übrigens gemeinsam nach Wolhynien, nach Luzk, und sprachen ebenfalls darüber, wie wichtig es ist, diese gesellschaftlichen Verbindungen wiederherzustellen, wie wichtig es ist, Verständigung wiederherzustellen.
Das ist also alles mühsame Arbeit, verstehen Sie, für Menschen, die sehr genau verstehen, wie groß das Niveau dieser historischen Probleme ist, die zwischen Ukrainern und Polen keineswegs mit dem Zweiten Weltkrieg erschöpft sind. Und sie verstanden, dass das keine Arbeit für ein Jahr und nicht für ein Jahrzehnt ist. Wichtig ist nur, daraus keinen politischen Konflikt zwischen Staaten zu machen. Das ist wichtig. Das ist der Fehler.
Genauso halte ich es für einen Fehler der ungarischen Seite, bereits der neuen ungarischen Regierung, die Frage der europäischen Integration der Ukraine lösen zu wollen, indem man irgendwelche ultimative Forderungen stellt, die die ukrainische Regierung erfüllen müsse. Aber diese Fragen hängen nicht mit der europäischen Integration der Ukraine zusammen, sondern ausschließlich mit den ungarisch-ukrainischen Beziehungen aus Sicht der ungarischen Regierung darauf, wie die Rechte nationaler Gemeinschaften gewährleistet werden sollen, insbesondere der Ungarn in Transkarpatien. Das ist ebenfalls kein konstruktiver Ansatz, wie wir verstehen. Ein konstruktiver Ansatz wäre, für die europäische Integration der Ukraine zu kämpfen und dann gemeinsam in der Europäischen Union faktisch alles Mögliche zu tun, damit Menschen gleiche Rechte haben. Nicht wahr?
Ich sage das die ganze Zeit. Ich verstehe auch das nicht. Ich erinnere immer daran: Wenn es der Ukraine irgendwann gelingt, der Europäischen Union beizutreten, bedeutet das, dass alle ethnischen Ungarn in einer geopolitischen Vereinigung leben. In der Slowakei, in Rumänien, in Ungarn, in der Ukraine – alle ethnischen Ungarn leben ohne Grenzen in einer Vereinigung, haben freie Möglichkeiten, sich zu bewegen, Arbeit zu finden, Ungarisch zu sprechen, an ungarischen Einrichtungen in Ungarn zu lernen, wenn sie das möchten, oder an ukrainischen in der Ukraine. Es gibt kein Trianon mehr. Trianon ist vorbei. Aber Sie sehen ja, dass die Regierung in Budapest die ganze Zeit einen anderen Weg geht.
Andrij Smolij: Mir scheint, dass selbst die ungarische Minderheit, die heute in der Ukraine, in Transkarpatien, in diesen kompakten Siedlungsgebieten lebt, wo sie die Mehrheit bildet, keine großen Probleme hat, nach Ungarn hin und zurück zu fahren. Sie hat keine Probleme damit, in Ungarn zu studieren.
Portnikov: Natürlich, aber es gibt eine Grenze. Zwischen der Europäischen Union und der Ukraine gibt es eine Staatsgrenze. Wenn die Ukraine Mitglied der Europäischen Union wird, wird es keine Grenze geben.
Andrij Smolij: Das stimmt.
Portnikov: Das hat große Bedeutung, verstehen Sie? Wenn Sie von Ungarn in die Ukraine so fahren werden, wie Sie von Ungarn in die Slowakei fahren, ohne überhaupt zu bemerken, dass dort einmal eine Grenze war. Das hat psychologisch und emotional enorme Bedeutung, glauben Sie mir. Ich schaue einfach auf Tirol, sagen wir, das nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen Italien und Österreich geteilt wurde.
Dort lebt im italienischen Tirol ein großer Teil der deutschsprachigen Bevölkerung, Menschen, die sich als Tiroler verstehen. Wie Sie verstehen, hielten sich diese Menschen vor dem europäischen Projekt für von den Tirolern in Österreich abgeschnitten. Dieses Gefühl gibt es heute nicht mehr. Mehr noch, sogar die Integration mit Italien selbst hat sich in diesem Teil verstärkt, weil die Menschen sich nicht bedroht fühlen: Sie steigen ins Auto und fahren in den anderen Teil Tirols. Sie sind italienische Staatsbürger. Das passt ihnen völlig. Sie haben dort ihr eigenes Leben in Italien, aber sie können jederzeit Tiroler sein. EU Region Tirol. Fertig.
Genau so wird das in Europa gelöst. Warum sollten wir also nicht in Europa sein? Warum braucht Budapest künstliche Hindernisse zu errichten, um das zu bremsen? Ich verstehe das nicht, wenn sie wirklich an die Ungarn in Transkarpatien denken.
Andrij Smolij: Nun, die Ungarn in Transkarpatien, wiederum, wer in diesen Regionen war, weiß, dass es dort manchmal schwierig ist, irgendwelche Aufschriften etwa auf Ukrainisch zu finden, was für einen ukrainischen Bürger einfach unbequem ist, wenn er sich im Staat Ukraine befindet.
Portnikov: Ich verstehe das. Aber in Tirol, in Italien, können Sie ebenfalls möglicherweise keine Aufschrift auf Italienisch finden, Menschen, die Italienisch sprechen, kann man dort ebenfalls möglicherweise nicht finden. Zumindest in ländlichen Gegenden. Davon sprechen wir doch nicht. So ist es an Orten mit einer großen Konzentration nationaler Gemeinschaften. Wobei wiederum Tirol als Teil Italiens, dieses Südtirol, schon mehr als 100 Jahre existiert. Und das hat, sozusagen, die Sprachdisziplin nicht beeinflusst. Nein, wahrscheinlich kennen die Menschen Italienisch, aber sie benutzen es irgendwie nicht besonders.
Andrij Smolij: Aber sehen Sie, im Großen und Ganzen haben wir keine historischen Probleme mit Ungarn. Obwohl es in Wirklichkeit im 20. Jahrhundert sehr, sehr vieles gab, wofür man den Ungarn, der ungarischen Regierung, Rechnungen stellen könnte. Sie stand Versuchen der Ukrainer, auf diesen Gebieten Unabhängigkeit auszurufen und sich in Richtung Unabhängigkeit zu bewegen, sehr, sehr, sehr feindlich gegenüber, im Vergleich etwa zu denselben Slowaken oder Tschechen.
Aber andererseits, wenn man diese Situation überträgt und wieder zu den Polen zurückkehrt: Vielleicht hindert uns tatsächlich, dass wir im Dialog mit den Polen ständig in die Rolle eines gewissermaßen jüngeren Bruders geraten, historisch gesehen.
Portnikov: Ich denke, das Problem liegt nicht nur darin, sondern darin, dass die Symbiose zwischen Ukrainern und Polen dennoch viel länger und dichter ist als die zwischen Ukrainern und Ungarn. Der ukrainisch-ungarische ethnische Kontakt fand auf einem vergleichsweise kleinen Territorium statt. Wenn man sich dagegen die Präsenz der Ukrainer im Königreich Ungarn, sogar in Österreich-Ungarn, und die Präsenz der Ukrainer in der Adelsrepublik ansieht, ist das eine völlig besondere Geschichte. Eine Geschichte, die sich über Jahrhunderte erstreckt.
Die Geschichte der Beziehungen zwischen dem Großfürstentum Litauen und der Krone. Die Geschichte der Übergabe ukrainischer Länder an die Krone. Die Geschichte des Chmelnyzkyj-Aufstandes. Das alles ist gemeinsame Geschichte der Ukraine und Polens. Staatliche Geschichte. Geschichte der Nachbarschaft von Völkern, ihrer zivilisatorischen Konkurrenz. Das ist immer so. Das ist einfach eine viel größere Nähe in allen Fragen.
Und man kann auch nicht sagen, dass dies auf dem gesamten Gebiet der heutigen Ukraine so war. Und man kann auch nicht sagen, dass es sich nur auf Galizien beschränkte. Galizien und Wolhynien – das ist im Grunde die Geschichte der letzten Jahrhunderte. Aber eine solche Symbiose gab es auch in der Großen Ukraine, wo sowohl Ukrainer als auch Polen lebten. Und lange Zeit war dieses Gebiet ebenfalls Teil der Adelsrepublik und davor des Großfürstentums.
Diese Symbiose reicht einfach tief. Und das ist, würde ich sagen, sowohl Freundschaft als auch Feindschaft und die Suche nach irgendeiner Zusammenarbeit. Das ist einfach eine so lange und komplizierte Geschichte, dass es in einer solchen langen und komplizierten Geschichte nicht nur eine Farbe geben kann, weiß oder schwarz.
Andrij Smolij: Wenn man, wissen Sie, dennoch über diese Diskussion nicht zwischen Historikern und Intellektuellen spricht, sondern über das, was als normale Reaktion gewöhnlicher Menschen auf das geschieht, was gerade rundherum passiert, insbesondere diese Verleihung des Namens der Helden der UPA und die Reaktion der Polen, dann sagen sehr viele meiner Bekannten, vernünftige Menschen, dass – und wieder höre ich diesen Satz – die Polen Imperialisten seien, sie seien um nichts besser als die Russen. Ich denke, in Moskau ist man sehr zufrieden.
Portnikov: Ich denke, Menschen können gekränkt sein, aber man muss sich immer erinnern: Die Ukraine hat nur eine Wahl. Entweder Teil Europas werden oder Teil Russlands werden. Das heißt, wir werden entweder irgendwie den Dialog mit unseren europäischen Nachbarn – mit Polen, der Slowakei und Ungarn – aufrechterhalten müssen, oder uns damit abfinden müssen, dass es das ukrainische Volk nicht geben wird, dass es Teil Russlands sein wird.
Übrigens werden die Polen dann ganz sicher nichts diktieren. Dann werden hier Atomwaffen stehen. Dann werden wir auf jede Frage sagen: „Hören Sie, Drohnen und Atomwaffen werden Sie gehorsam machen. Wir werfen einfach eine Atombombe auf Warschau, und Sie werden verstehen, was normales Leben bedeutet.“ Das, was es in der Sowjetunion gab, nicht wahr?
Das heißt, wenn Sie wollen, dass Ihnen niemand aus Polen oder Budapest etwas diktiert: Koffer, Bahnhof, Russland. Nicht einmal Koffer und Bahnhof sind nötig. Ihr Territorium kann Teil Russlands werden, und mit diesem großen Staat werden Sie allen anderen alles diktieren. Wenn es natürlich gelingt.
Wenn wir aber wollen, dass hier die Ukraine bleibt, dann haben Sie wiederum eine einfache Wahl. Entweder suchen Sie den Dialog mit Warschau oder Budapest, einen unangenehmen, schwierigen Dialog. Es kann tatsächlich sehr unangenehm sein, solche imperialen Ambitionen zu sehen. Sie können auch in Ungarn als imperial gelten. Ungarn war ebenfalls Teil eines Imperiums, wie wir wissen. Oder wir kämpfen allein gegen Russland. Oder wir einigen uns ebenfalls mit ihm darauf, dass wir Russland sind. Denn wie Sie sehen, will Russland uns im Unterschied zu Polen nicht als Ukraine anerkennen. Das ist ein großer Unterschied.
Wenn Ihre Bekannten sagen, die Polen seien genauso wie die Russen, erinnern Sie sie an eine einfache Sache. Die Polen glauben, zumindest in der jetzigen Phase dieser Geschichte, dass die Ukrainer ein Recht auf Existenz haben. Die Russen glauben in der jetzigen Phase dieser Geschichte, dass die Ukrainer kein Recht auf Existenz haben. Wenn sich dieser Nenner ändert, kann man darüber sprechen.
Aber ich garantiere Ihnen, dass sich dieser Nenner nie wieder ändern wird. Die Russen haben alle Schlüsse gezogen, die sie ziehen mussten, ob das ukrainische Volk auf den Ländereien existieren darf, die sie für die Ländereien des historischen Russlands halten. Damit ist im Dialog des ukrainischen und des russischen Volkes, kann man sagen, für unser Jahrhundert endgültig ein Punkt gesetzt. Alles, finita la commedia. Das heißt, entweder wehren wir uns, und dann einigen wir uns mit Polen und Ungarn, oder wir wehren uns nicht, und dann spucken wir schon als Russen auf Polen und Ungarn vom Glockenturm unserer lieben Basilius-Kathedrale. Aber ich denke, die überwältigende Mehrheit der Ukrainer will ein solches Schicksal nicht, oder?
Andrij Smolij: Umso mehr löst das im Prinzip den Streit überhaupt auf eine andere Weise. Der Streit zwischen Ukrainern und Polen ist beendet, weil es keine Ukrainer mehr gibt. Sie sind zu Russen geworden.
Portnikov: Sie sind zu Russen geworden und haben ebenfalls zugestimmt, dass die UPA Feinde sind. Aber diese Polen, diese Feinde Russlands, sind noch größere Feinde als die Kämpfer der UPA.
Andrij Smolij: Eine solche Alternative.
Portnikov: Es gibt ein wunderbares Ende des Films. Das Ende des Films „Sintflut“ von Jerzy Hoffman. Erinnern Sie sich? Er endet damit, dass Polen, Ukrainer und Krimtataren sich nicht miteinander einigen konnten und infolgedessen überall das Russische Imperium herrschte. Erinnern Sie sich an dieses Ende? Genau ein solches Ende kann es auch jetzt geben.
Andrij Smolij: Diesen Film von Hoffman habe ich irgendwie nicht gesehen, deshalb kann ich dazu nichts sagen. Aber mir scheint, dass dieser Gedanke bei den Polen, bei polnischen Intellektuellen, schon mindestens seit Jahrzehnten existiert: dass die Ukraine außerordentlich wichtig ist, beginnend mit Giedroyc.
Portnikov: Natürlich. Nicht einfach, dass die Ukraine wichtig ist, sondern dass es wichtig ist, sich mit der Ukraine zu einigen. Und wir müssen immer daran erinnern, dass die Frage nicht darin besteht, was uns trennt, sondern was uns verbindet.
Andrij Smolij: Sehen Sie, Herr Vitaly, bedeutet das nicht auch, dass es für die Ukrainer wünschenswert wäre, sozusagen, ihren eigenen ukrainischen Giedroyc zu haben, der von Zeit zu Zeit daran erinnert – vielleicht gibt es solche Menschen in Wirklichkeit auch –, der auch uns daran erinnert, dass Polen für die Ukraine ebenfalls kein unwichtiges Land ist?
Portnikov: Hören Sie, wir brauchen keinen ukrainischen Giedroyc, und zwar aus einem einfachen Grund. Giedroyc sagte den Polen im Grunde, dass Ukrainer, Belarussen und Litauer existieren und dass man mit ihnen als souveränen Nationen neben Russland zu tun haben werde. Bei uns in der Ukraine gibt es niemanden, der glauben würde, dass Polen nicht existieren. Nicht wahr?
Andrij Smolij: Das stimmt.
Portnikov: Das ist der Hauptunterschied. Giedroyc hat tatsächlich die Sicht der Polen auf die europäische Zukunft verändert. Obwohl man sagen muss, dass seine politische Linie heute bis zu einem gewissen Grad ein Fiasko erlitten hat. Ich glaube nicht, dass die Außenpolitik Polens die Politik Giedroycs ist. Dennoch veränderte dies wirklich den Blick eines großen Teils der polnischen Emigration, als Giedroyc Ukrainer, Belarussen und Litauer als souveräne Völker behandelte, die in souveränen Staaten leben werden, weil sie bis dahin faktisch als eine Art Anhängsel Russlands wahrgenommen wurden. Und einige meinten, es werde ein demokratisches Russland geben, das diesen Völkern irgendwelche Rechte geben werde. So sah das in der öffentlichen Meinung aus. Und Sie wissen, dass nicht wenige polnische Intellektuelle noch lange in dieser Illusion lebten. Sie waren, würde ich sagen, kulturelle Russophile. Und Giedroyc ging, kann man sagen, gegen diese Tendenz vor und siegte. Und die Geschichte bewies, dass er recht hatte.
Bei uns aber gab es niemals irgendeinen Gedanken, dass Polen kein Recht auf Unabhängigkeit, Souveränität, auf echte Unabhängigkeit habe. Ich möchte Sie daran erinnern, dass selbst in den 1980er Jahren, als es Solidarność gab, hier in Kyiv unter Intellektuellen diese Sympathie und Solidarität mit den Polen viel stärker zu spüren war als irgendwo in Russland. Ich habe das einfach mit eigenen Augen gesehen. Diese Unterstützung für Polen, dieses Interesse an Polen, sie existierten immer in unserer Gesellschaft.
Was soll uns ein Giedroyc bringen? Vielleicht brauchen wir Menschen, die über die Notwendigkeit gegenseitigen Respekts zwischen dem polnischen und dem ukrainischen Volk sprechen. Nun, das sagen viele. Auch ich gehöre zu den Menschen, die ständig daran erinnern.
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Art der Quelle:Interview Titel des Originals:Скандал між Польщею та Україною через УПА. Заява Валенси та Навроцького, орден Зеленського. Віталій Портников. 30.05.2026. Autor:Vitaly Portnikov Veröffentlichung / Entstehung:30.05.2026. Originalsprache:uk Plattform / Quelle:YouTube Link zum Originaltext:
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Der polnische Premierminister Donald Tusk bezeichnete die Entscheidung des polnischen Präsidentschaftskandidaten Karol Nawrocki, den NATO-Beitritt der Ukraine nicht zu unterstützen und ein entsprechendes Gesetz nicht zu unterzeichnen, falls die NATO-Mitgliedsstaaten dennoch über einen Beitritt der Ukraine entscheiden sollten, als Landesverrat.
Karol Nawrocki gab diese Erklärung in der Sendung des ehemaligen Präsidentschaftskandidaten und rechtsextremen Politikers Sławomir Mentzen ab, der die Teilnehmer der zweiten Runde der polnischen Präsidentschaftswahlen in seine eigene Sendung einlädt, damit sie seine grundsätzlichen Forderungen für die Unterstützung dieser Kandidaten durch die Anhänger von Sławomir Mentzen bestätigen.
Donald Tusk erinnerte daran, dass die Frage der euroatlantischen Integration der Ukraine in der polnischen Politik immer eine Frage des Konsenses zwischen Vertretern der beiden gegnerischen politischen Kräfte „Recht und Gerechtigkeit“ und der Bürgerplattform gewesen sei.
Der polnische Präsident von der Partei „Recht und Gerechtigkeit“, Lech Kaczyński, war schon in den Jahren, als Donald Tusk seine erste Regierung bildete, stets ein konsequenter Befürworter der euroatlantischen Integration der Ukraine.
Für die euroatlantische Integration der Ukraine sprach sich auch ein anderer polnischer Präsident aus, der mit der Unterstützung der Partei „Recht und Gerechtigkeit“ gewählt wurde, Andrzej Duda, der trotz der eher skeptischen Haltung einiger führender Vertreter anderer nordatlantischer Staaten immer wieder die Bedeutung des NATO-Beitritts der Ukraine betonte.
Und das ist eigentlich verständlich, denn der NATO-Beitritt der Ukraine entspricht genau den Interessen Polens. Denn wenn die Ukraine, wie schon seit Jahrzehnten zwischen der NATO und Russland, zwischen den Fronten steht, wird sie immer wieder Angriffen der Russischen Föderation ausgesetzt sein, und der Krieg wird früher oder später polnischen Boden erreichen.
Umso mehr, wenn die Vereinigten Staaten, was nach der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten dieses Landes durchaus realistisch geworden ist, sich im Falle eines russischen Angriffs der Verteidigung ihrer europäischen Verbündeten enthalten.
Für Polen ist all dies auch deshalb von großer Bedeutung, weil die Russische Föderation in der Oblast Kaliningrad eine gemeinsame Grenze mit Polen hat. Daher hängt die Sicherheit Polens sowohl vom Sicherheitsniveau aller NATO-Mitgliedsstaaten als auch von der Fähigkeit des nordatlantischen Bündnisses ab, Staaten in seine Reihen zu integrieren, die in der Lage sind, dem russischen Angriff Widerstand zu leisten, und die Ukraine hat diese Fähigkeit bereits bewiesen.
Formal schloss sich Karol Nawrocki den Forderungen von Sławomir Mentzen an, weil er den Wählerstamm dieses rechtsextremen Politikers für seinen Sieg bei den polnischen Präsidentschaftswahlen benötigt. Aktuelle soziologische Umfragen deuten darauf hin, dass der von der Partei „Recht und Gerechtigkeit“ unterstützte Kandidat gute Chancen hat, diese Wahl zu gewinnen und das neue Staatsoberhaupt Polens zu werden.
Die antiukrainische Haltung von Karol Nawrocki steht jedoch bereits jetzt im Widerspruch zu den Vorstellungen von europäischer Sicherheit, die die Führer von „Recht und Gerechtigkeit“ noch vor kurzem geäußert haben, als diese Partei die polnische Regierung bildete. Ganz zu schweigen vom Widerspruch zwischen der Haltung von Karol Nawrocki und dem amtierenden polnischen Präsidenten Andrzej Duda, der Nawrocki als Kandidaten der Partei „Recht und Gerechtigkeit“ bei den Wahlen zum Staatsoberhaupt des Landes unterstützt.
Es könnte natürlich der falsche Eindruck entstehen, dass Nawrocki nach den polnischen Präsidentschaftswahlen, falls er diese Wahl gewinnt, seine Position zugunsten der traditionellen Prioritäten der rechten Konservativen ändern würde.
Tatsächlich aber zeigt die Tatsache, dass Karol Nawrocki ohne großen Schaden für seine politische Reputation die Ablehnung der euroatlantischen Integration der Ukraine unterstützen kann, obwohl diese Unterstützung seit Jahrzehnten bei jeder Regierung und jedem Präsidenten ein Eckpfeiler der polnischen Außenpolitik war, dass die polnische Gesellschaft selbst sich stark nach rechts verschiebt, und zwar nicht nur stark nach rechts, sondern stark nach rechts in Richtung Kreml.
Denn wir verstehen sehr wohl, dass diese Stimmungsverschiebung auf der Angst von Millionen Polen vor einem möglichen neuen Krieg, vor einem Krieg mit der Russischen Föderation, beruht. Und vor dem Hintergrund des russischen Krieges gegen die Ukraine verstärkt sich diese Angst nur noch. Ein Teil der polnischen Gesellschaft ist der Meinung, dass der Ausweg aus der Situation in der Stärkung der Landesverteidigung und der Verstärkung der Bündnisverpflichtungen gegenüber Ländern liegt, die bereits von der Russischen Föderation angegriffen wurden, während ein anderer Teil der polnischen Gesellschaft der Meinung sein könnte, dass der Ausweg in Absprachen mit Moskau und der Möglichkeit liegt, dem Präsidenten der Russischen Föderation, Wladimir Putin, entgegenzukommen. Denn wir wissen alle, dass die Idee, den NATO-Beitritt der Ukraine zu blockieren, genau ein Schritt in Richtung Kreml ist. Die Bereitschaft, Präsident Wladimir Putin zu zeigen, dass der neue polnische Präsident nicht auf der Seite von Sławomir Mentzen, sondern auf seiner, Putins, Seite stehen wird.
Man könnte denken, dass Karol Nawrocki als Historiker erkennen würde, womit all diese Versuche der Polen enden, russischen Kaisern, sowjetischen Generalsekretären oder dem Präsidenten der Russischen Föderation in die Augen zu schauen. Sie schüren nur den Appetit jedes Aggressors und beweisen, dass Polen wie ein aufständischer Staat behandelt werden kann, der zur Unterwerfung gezwungen werden muss, insbesondere wenn diese Unterwerfung schon bevor der Stiefel des russischen Soldaten auf polnischem Boden steht, demonstriert wird.
Daher ist jede Bewegung in Richtung einer aggressiven russischen Politik, jedes Bestreben, Putin zu gefallen, sei es das Bestreben von Sławomir Mentzen oder das Bestreben von Karol Nawrocki, tatsächlich, wenn nicht Landesverrat, dann mit Sicherheit Verrat an den Interessen des polnischen Volkes selbst. Und das ist eine sehr wichtige Lehre für die Zukunft für jeden, der glaubt, Wladimir Putin durch den Verzicht auf die Ukraine besänftigen zu können.