Der polnische Präsident Karol Nawrocki hat die Entscheidung getroffen, seinem ukrainischen Amtskollegen Volodymyr Zelensky den Orden des Weißen Adlers abzuerkennen.
Bekanntlich hatte Nawrocki zuvor darauf bestanden, dass Zelensky seine Entscheidung rückgängig macht, einer ukrainischen Militäreinheit den Ehrennamen der Helden der Ukrainischen Aufstandsarmee zu verleihen. Und es ist vollkommen offensichtlich, dass Zelensky – wie jeder andere Staatschef eines souveränen Staates – einem solchen Ultimatum nicht zustimmen konnte. Aus dem einfachen Grund, dass Entscheidungen über das historische Gedächtnis des ukrainischen Volkes in Kyiv und nicht in Warschau getroffen werden müssen. Und schon gar nicht unter äußerem Druck.
Die Entscheidung des polnischen Präsidenten wirkt jedoch vor allem wie ein unverantwortlicher populistischer Schritt, der nicht einmal in erster Linie auf eine Verschlechterung der ukrainisch-polnischen Beziehungen abzielt, sondern darauf, diese Beziehungen zu einem Thema der innenpolitischen Auseinandersetzung in Polen zu machen. Nicht zufällig betont Nawrocki, dass nun auch der polnische Ministerpräsident Donald Tusk seine Entscheidung über die Aberkennung des Ordens für den Präsidenten der Ukraine bestätigen müsse.
Man könnte sagen, dass der Streit zwischen den beiden politischen Lagern in Polen – wie schon seit vielen Jahrzehnten oder sogar Jahrhunderten – zu ernsthaften Herausforderungen nicht nur für die Beziehungen zwischen dem polnischen und dem ukrainischen Volk, sondern auch für die staatliche Entwicklung Polens selbst führt.
Die Entscheidung des polnischen Präsidenten Karol Nawrocki, dem Präsidenten der Ukraine Volodymyr Zelensky den Orden des Weißen Adlers abzuerkennen, muss klar und eindeutig bewertet werden. Nicht nur als persönlicher Affront gegen das Oberhaupt eines Nachbarstaates, sondern auch als offensichtliche Respektlosigkeit gegenüber dem ukrainischen Volk.
Denn Nawrockis Vorgänger Andrzej Duda zeichnete mit der Verleihung des Ordens des Weißen Adlers an Volodymyr Zelensky in dessen Person das ukrainische Volk aus. So war es übrigens auch bei fast allen Vorgängern Zelenskys im Amt des ukrainischen Staatsoberhauptes: bei Leonid Krawtschuk, Leonid Kutschma, Wiktor Juschtschenko und Petro Poroschenko.
Doch heute hat diese Auszeichnung eine besondere Bedeutung, weil sie einem Volk verliehen wurde, dessen Land gegen einen brutalen Aggressor kämpft. Und dieser Aggressor verfolgte bekanntlich immer imperialistische Pläne nicht nur gegenüber der Ukraine, sondern auch gegenüber Polen. Er war mit diesen Plänen sogar erfolgreich, indem er die Existenz der polnischen Staatlichkeit selbst und die Möglichkeit ihrer unabhängigen Entwicklung auslöschte – so wie es nach dem Zweiten Weltkrieg geschah.
Im Lager der polnischen Rechten herrscht heute die Illusion, dass Warschau im Falle einer Niederlage Kyivs durch neue europäische und euro-atlantische Bündnisse gerettet würde – obwohl deren Belastbarkeit bereits durch den Nahostkonflikt und die Bereitschaft der Vereinigten Staaten, israelische Interessen hintanzustellen, infrage gestellt wurde. Manche hoffen sogar, besondere Beziehungen zu Moskau aufbauen zu können – Hoffnungen, die ein Teil der polnischen Politik schon immer hegte und die das polnische Volk letztlich immer wieder unter das russische Joch führten.
Betrachtet man die Situation jedoch nicht aus der Perspektive jener, die weiterhin unrealistischen Wunschvorstellungen anhängen, wird deutlich, dass die Zukunft Polens vom Erfolg der Ukraine im Krieg gegen Russland abhängt. Ebenso wird klar, dass der wirksame Widerstand der Ukraine gegen die russische Aggression von der Unterstützung ihrer europäischen Verbündeten und vor allem Polens abhängt.
Wie also soll man aus der Situation herauskommen, die durch die unverantwortlichen Handlungen des polnischen Staatsoberhauptes geschaffen wurde?
- Erstens muss man anerkennen, dass Warschau das volle Recht hat, seine eigene Bewertung historischer Erinnerung vorzunehmen.
Niemand in Kyiv kann den Polen vorschreiben, wie sie die Armia Krajowa, die Ukrainische Aufstandsarmee oder irgendeine polnische oder ukrainische historische Persönlichkeit bewerten sollen. Aber ebenso muss man in Warschau akzeptieren, dass die Ukraine exakt dieselben Rechte besitzt. Und wenn jemand mit historischen Interpretationen unzufrieden ist, dann ist das eine Angelegenheit des Dialogs zwischen Wissenschaftlern und nicht von politischen Strafaktionen.
Die Außenministerien beider Staaten können ihre Einschätzungen zu Entscheidungen äußern, die die Verleihung von Auszeichnungen oder die Umbenennung militärischer Einheiten betreffen. Wenn jedoch Entscheidungen über die Aberkennung staatlicher Auszeichnungen getroffen werden, wirken sie weniger wie der Versuch, eine Position zur historischen Erinnerung auszudrücken, sondern vielmehr wie ein bewusster Versuch, die Beziehungen zu jenem Staat zu verschlechtern, gegen dessen Präsidenten sich solche Maßnahmen richten.
Schließlich gab es bisher keine Präzedenzfälle, in denen polnische Staatsoberhäupter den Orden des Weißen Adlers aberkannt hätten. Vorschläge dazu hatte es sowohl gegenüber dem ukrainischen Präsidenten Wiktor Juschtschenko als auch gegenüber Petro Poroschenko gegeben. Doch die Vorgänger Karol Nawrockis im Amt des polnischen Präsidenten erwiesen sich schlicht als verantwortungsbewusste Staatsmänner. Zudem gab es bislang überhaupt keinen Fall, in dem einem Staatsoberhaupt, das den Orden des Weißen Adlers erhalten hatte, diese Auszeichnung wieder entzogen wurde.
Die Liste der Träger dieses Ordens ist gut bekannt. Aber erstens hielt niemand es für notwendig, historische Entscheidungen der Vergangenheit zu revidieren. Und zweitens war man offenbar der Ansicht, dass die Auszeichnung eines Politikers – selbst eines so umstrittenen wie des faschistischen italienischen Regierungschefs Benito Mussolini – in erster Linie dem Respekt gegenüber dem Staat und nicht gegenüber der konkreten Person galt.
Warum hat diese einfache Überlegung im Fall Volodymyr Zelenskys nicht funktioniert?
Nun, vielleicht deshalb, weil der polnische Präsident weiterhin in Wahlkampf- und Nachwahlkategorien denkt und nicht in Kategorien staatlicher Verantwortung.
- Zweitens muss man sich bewusst machen, dass es sowohl in der ukrainischen als auch in der polnischen Gesellschaft Millionen von Menschen gibt, die sich eine Fortsetzung enger Beziehungen zwischen der Ukraine und Polen, zwischen dem ukrainischen und dem polnischen Volk wünschen.
Die Hilfe, die Polen der Ukraine in den ersten Monaten und Jahren des russisch-ukrainischen Krieges geleistet hat, war ein offensichtlicher Ausdruck eben dieses Volksgeistes und nicht das Ergebnis unverantwortlicher Politiker, die schwierige Kapitel der Geschichte beider Völker für ihren eigenen politischen Erfolg ausnutzen.
Genau dieser gesellschaftliche Dialog muss das Hauptziel der weiteren Entwicklung der Beziehungen zwischen den beiden Nachbarstaaten sein, deren Existenz auf der politischen Landkarte der Welt angesichts der gefährlichen Entwicklungen, die wir in Europa beobachten, keineswegs selbstverständlich ist.
Gerade die Gesellschaften der Ukraine und Polens müssen ihren politischen Vertretern zeigen, dass es notwendig ist, nicht nach Wegen zu suchen, die einen Graben zwischen dem ukrainischen und dem polnischen Volk schaffen, sondern nach Wegen der Annäherung.
Und aus dieser Perspektive ist es natürlich sehr wichtig, dass Politiker, die historische Probleme in Instrumente ihrer eigenen politischen Kampagnen verwandeln wollen und deren Aktionen mit jeder Aberkennung eines Ordens oder jeder lautstarken Rede zunehmen, keinen Platz in den ernsthaften Amtsstuben haben sollten, in denen wichtige Entscheidungen getroffen werden.
Das ist natürlich keine Aufgabe eines Tages oder eines Jahres. Doch ein Modell, in dem besonnene Menschen Entscheidungen treffen, die ihre Staaten und Völker vor dem Verschwinden, vor militärischen Prüfungen und Tragödien bewahren sollen, muss das Wesen der Beziehungen zwischen der Ukraine und Polen in den kommenden stürmischen und möglicherweise kriegerischen Jahrzehnten voller Herausforderungen sein.
Dass man dies in Warschau nicht begreift, ist eine große Tragödie für das polnische Volk.
Dass man dies erst jetzt in Kyiv zu begreifen beginnt, könnte vielleicht das größte Kapital für unseren Beitrag zu den ukrainisch-polnischen Beziehungen in den kommenden schwierigen Zeiten sein.
Jetzt gilt es, mit aller Klarheit die Bereitschaft zu zeigen, die ukrainisch-polnischen Beziehungen weiterzuentwickeln, ohne Bedingungen zu schaffen, unter denen die Ukraine in diesen Beziehungen gedemütigt werden kann, indem man die schwierige Lage unseres Staates infolge des jahrelangen Krieges mit Russland ausnutzt.
Und man sollte auf jene Menschen setzen, die verstehen, dass Demütigung im bilateralen Dialog nicht nur der Ukraine schadet, sondern vor allem Polen selbst.
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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Навроцький відібрав орден у Зеленського |Віталій Портников. 20.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 20.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.