
Орден Білого Орла. Віталій Портников. 14.06.2026.
Die unerwartete Zuspitzung der ukrainisch-polnischen Beziehungen vor dem Hintergrund der Entscheidung von Präsident Volodymyr Zelensky, einer Militäreinheit den Namen „Helden der UPA“ zu verleihen, hat mich vor allem durch ihre Surrealität erschreckt, die über die Grenzen klassischer Politik hinausgeht – wobei man sich fragen muss, wo man heutzutage überhaupt noch klassische Politik findet. Ja, mich hat vor allem überrascht, dass ausgerechnet der Orden des Weißen Adlers ins Zentrum der Ereignisse geraten ist.
Im Gegensatz zu vielen, die heute mit den Polen polemisieren, sehe ich in der offiziellen Reaktion Warschaus nichts Außergewöhnliches. Meiner Ansicht nach hat das Außenministerium jedes Landes das volle Recht, politische Bewertungen von Handlungen eines Partnerstaates vorzunehmen, die mit dessen Interpretation historischer Erinnerung zusammenhängen. Der Partnerstaat kann diese Hinweise zur Kenntnis nehmen, ist aber keineswegs verpflichtet, daraus Konsequenzen zu ziehen. Das ist ein gewöhnliches politisches Signal: Bei uns wird die Vergangenheit anders wahrgenommen als bei euch.
Mehr noch: Ich würde mir wünschen, dass auch das ukrainische Außenministerium ähnlich reagiert, wenn in irgendeinem Land Objekte oder Militäreinheiten nach Personen oder Formationen benannt werden, die möglicherweise an der Ermordung von Ukrainern, an antiukrainischer Propaganda und Ähnlichem beteiligt waren.
Gleichzeitig müssen auch wir uns darüber im Klaren sein, dass die Welt ihre eigene Vorstellung vom Wert dieser Menschen oder Organisationen für das historische Gedächtnis eines bestimmten Landes haben kann. Genau das ist die zivilisierte Praxis internationaler Beziehungen.
Die surreale Situation beginnt erst mit den Drohungen des polnischen Präsidenten Karol Nawrocki, Präsident Volodymyr Zelensky den Orden des Weißen Adlers abzuerkennen. Denn dies ist keine persönliche Auszeichnung für eine konkrete Person. In der Person Zelenskys zeichnete der polnische Präsident Andrzej Duda alle Ukrainer aus, die gegen die russische Invasion kämpften und ihr Land zugleich in einen Schutzschild für Polen verwandelten.
Ja, eine solche Auszeichnung ist eine Ehre für den Präsidenten der Ukraine. Aber noch mehr ist sie eine Ehre für Polen, dass der Präsident eines gegen denselben Feind kämpfenden Landes bereit war, sie anzunehmen.
Und mit Verlaub: Dieser Orden ist keine Frage des Prestiges Zelenskys, sondern eine Frage des Prestiges des Ordens des Weißen Adlers selbst. Denn als der polnische Präsident den ukrainischen Präsidenten auszeichnete, zeichnete er jeden ukrainischen Soldaten aus, der niemals nach Hause zurückkehren wird oder seinen Kampf für die Zukunft der Ukraine und Polens fortsetzt, jede ukrainische Frau, die ihre Kinder unter Beschuss großzieht, jedes Kind, das seinen Unterricht in einer unterirdischen Schule absolviert.
Ist euch das, meine lieben polnischen Freunde, wirklich nicht genug? Wollt ihr daran nicht teilhaben? Ich bin überzeugt, dass ihr es wollt – schließlich war die polnische Hilfe für die Ukrainer und die Ukraine beispiellos. Und nun geht es um einen Orden!
Die weitere Entwicklung dieser Geschichte wirkt noch seltsamer. Das Ordenskapitel hat getagt, und nun müssen wir auf die Entscheidung von Präsident Nawrocki warten, der zu dem Schluss kommen soll, ob dem Präsidenten der Ukraine der Orden aberkannt wird oder nicht. Die Bedingung lautet: den Namen der Militäreinheit zu ändern.
Dabei versteht jeder sehr gut, dass die Aberkennung des Ordens eine rein innerpolnische Angelegenheit wäre, die sich auf Zelensky weder innenpolitisch noch international in irgendeiner Weise auswirken würde. Sollte Zelensky jedoch um des Ordens oder guter Beziehungen zu seinem polnischen Kollegen willen den Namen der Einheit ändern, würde dies für ihn tatsächlich zu einem innenpolitischen Problem werden. Was sollte er also wählen?
Ich diskutiere bewusst weder die Frage der UPA noch die Frage Wolhyniens. Das ist – wie jedes Erbe, das mit dem Tod Tausender Menschen auf beiden Seiten verbunden ist – ein Thema für ernsthafte und wichtige Diskussionen. Und übrigens nicht nur für Historiker, sondern auch für Politiker.
Ich spreche ausschließlich über ein anderes historisches Problem der polnischen Politik: über die Unfähigkeit, rechtzeitig innezuhalten, über jene Megalomanie, die daran hindert, die eigenen Möglichkeiten und die eigene Bedeutung realistisch einzuschätzen.
Ukrainer und Polen verbindet keineswegs der Orden des Weißen Adlers auf der Brust des Präsidenten der Ukraine, sondern das Bewusstsein einer gemeinsamen Gefahr. Hätten beide Völker dieses Bewusstsein bereits zur Zeit der Adelsrepublik besessen, wären Ukrainer und Polen vielleicht gemeinsam nicht unter die Herrschaft Moskaus geraten.
Ukrainer und Polen trennt keineswegs das historische Erbe. Sie trennt das Unverständnis vieler polnischer Politiker gegenüber der einfachen Tatsache, dass Polen im Falle einer Niederlage der Ukraine erneut nicht überleben wird und dass ihm keine Vereinigten Staaten helfen werden.
Im Ernst: Wenn wir heute beobachten, wie die Vereinigten Staaten die Interessen Israels schlicht ignorieren, um sich mit dem Iran zu verständigen, ist es dann wirklich so schwer, sich vorzustellen, was geschehen wird, wenn an Israels Stelle Polen steht und an der Stelle des Iran Russland, das die Ukraine erobert hat?
Es ist höchste Zeit, sich endlich zusammenzuschließen. Wir werden noch Gelegenheit haben, über die schwierige Vergangenheit des polnischen und des ukrainischen Volkes zu diskutieren – vorausgesetzt, Polen und die Ukraine bleiben auf der politischen Landkarte der künftigen Welt erhalten.
Aber selbst dann müssen wir einander eine einfache Sache sagen: Nicht die Ukrainer werden das historische Gedächtnis der Polen bestimmen, und nicht die Polen werden das historische Gedächtnis der Ukrainer bestimmen.
Wir können diskutieren, Einschätzungen austauschen – aber wir sollten nicht erwarten, dass die ukrainischen und polnischen Pantheons jemals deckungsgleich sein werden. Und gerade deshalb muss man sich immer an jene Menschen erinnern, die selbst in dunklen Zeiten für die polnisch-ukrainische Verständigung gearbeitet haben, und auf sie stolz sein.
Übrigens bin ich der Meinung, dass auch diese Menschen ihren Anteil am Orden des Weißen Adlers erhalten haben, als Präsident Duda ihn Präsident Zelensky verlieh.
🔗 Originalquelle
Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Орден Білого Орла. Віталій Портников. 14.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 14.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.