Was Polen und Ukrainer über ihre gemeinsame Tragödie vergessen. Vitaly Portnikov . 11.06.2026.

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Wenn ich die neue Aufblähung des polnisch-ukrainischen historischen Konflikts verfolge, der erneut droht, die Beziehungen nicht nur zwischen unseren Staaten, sondern auch zwischen unseren Völkern zu verschlechtern, verspüre ich eine große Versuchung, diese Situation nicht aus der Perspektive eines ukrainischen Journalisten zu betrachten, der an sein Land und dessen Zukunft glaubt, und auch nicht aus der Perspektive eines aufrichtigen Freundes Polens.

Ich verspüre die Versuchung, diese Situation aus der Perspektive eines Opfers zu betrachten. Ja, eines Opfers. Denn in der Realität, vor der alle so gern die Augen verschließen, gehöre ich zu einem Volk, dessen Millionen Angehörige jahrhundertelang auf dem Gebiet des heutigen Polen und der heutigen Ukraine lebten. Sie lebten dort übrigens schon, bevor die Polen begriffen, dass sie Polen sind, und die Ukrainer, dass sie Ukrainer sind.

Sie lebten – und jetzt leben sie dort nicht mehr. Wohin sind sie wohl verschwunden? Sie wissen selbst, wohin. Die überwältigende Mehrheit wurde einfach ermordet – darunter auch meine nächsten Verwandten. Viele wurden einfach vertrieben. Und dabei geht es nicht nur um das Mittelalter mit seinen blutigen Exzessen. Es geht auch um das 20. Jahrhundert. Um den Holocaust, ja. Aber auch um alles, was vor und nach dem Holocaust geschah. Um die Pogrome in der Ukraine. Um Jedwabne, um Kielce. Um die Vertreibungen aus dem kommunistischen Polen. Um den wilden sowjetischen Antisemitismus. Sowohl die Ukrainer als auch die Polen sollten einfach verstehen: Das hat niemand vergessen. Und niemand wird es vergessen – genauso wenig, wie Ukrainer und Polen sich an die Opfer von Wolhynien erinnern werden.

Dabei funktionieren keine der üblichen Erklärungen über religiöse oder wirtschaftliche Motive der Verfolgungen in der realen Welt. Es funktionieren keine Erklärungen, wonach diese ganze Atmosphäre von hinterhältigen feindlichen Imperien oder von den Russen geschaffen worden sei. Es funktionieren keine Erklärungen, wonach die „Volksrächer“ auf die kommunistischen Verbrechen reagiert hätten, weil es unter den Mitgliedern dieser verbrecherischen Partei viele Juden gegeben habe. Man muss immer daran denken: Die Antwort auf all diese „Motive“ war die Ermordung von Frauen und Kindern. Dass vielleicht Ihr Großvater – ein ukrainischer oder ein polnischer – ein jüdisches Kind getötet hat und Ihre Großmutter – eine ukrainische oder eine polnische – ein jüdisches Kind verraten hat, woraufhin es in den Tod geschickt wurde.

Was empfinde ich also, wenn mich von meinen ermordeten Verwandten – und von jenen, die sie hätten töten können – genau ein Handschlag trennt? Ich verspüre keinen Wunsch nach Rache. Ich verspüre keinen Wunsch, Vorwürfe zu machen oder zu erklären, welche Denkmäler niedergerissen und wie Straßen benannt werden sollen.

Ich möchte die polnischen und die ukrainischen Völker als Bürger starker Staaten sehen, die ihrer eigenen Zukunft sicher sind. Ich weiß, dass jede Gewalt gegen Schwächere aus einem nationalen Minderwertigkeitskomplex hervorgeht – aus Unsicherheit, aus der Unfähigkeit, sich selbst zu schützen, und aus dem Wunsch, die eigene Wut auszulassen und Stärke gegenüber demjenigen zu demonstrieren, der sich nicht verteidigen kann.

Und ich bin absolut überzeugt, dass der Weg zu einem Gefühl eigener Würde über den Respekt vor jenen führt, die für ihre eigene Souveränität und ihre eigene Staatlichkeit gekämpft haben. Aber ein solcher Kampf unterdrückter Nationen kam in der Geschichte niemals ohne Verbrechen aus, ohne die Trennung zwischen gemäßigten Politikern und Radikalen, ohne Mörder und ohne Gerechte. Menschen sind keine Roboter. Ich würde gern „leider“ schreiben, aber ich werde es nicht tun. Denn sonst würden wir jene Wunder der Selbstaufopferung nicht sehen, bei denen neben denen, die töteten und verrieten, immer auch jene standen, die retteten – um den Preis ihres eigenen Lebens.

Daran denke ich immer, wenn ich die Allee der Gerechten in Yad Vashem in Jerusalem sehe: Wie viele Ukrainer und Polen dort vertreten sind! Und ich bedaure, dass wir bis heute jene Polen, die Ukrainer vor ihren eigenen Landsleuten retteten, und jene Ukrainer, die Polen retteten, nicht würdig ehren. Diese Menschen sind die wahren Helden.

Viele Personen, die im ukrainischen und im polnischen Pantheon geehrt werden, lösen bei mir nicht nur Abscheu, sondern auch ganz gewöhnliche Angst aus. Ja, Angst. Die Angst eines Opfers – denn ich erinnere mich sehr gut an alles, was diese Menschen taten, schrieben und sagten. Aber ich bin überzeugt: Man muss den Völkern die Möglichkeit geben, ihre Helden auf dem Weg des Staatsaufbaus zu ehren. Zumal kein Denkmal ewig ist. Das haben wir in vielen Ländern immer wieder gesehen – von den Vereinigten Staaten bis nach Frankreich oder Deutschland.

Und ich bin überzeugt, dass viele Menschen, die heute in Polen oder in der Ukraine geehrt werden, im Laufe der Geschichte von ihren Sockeln verschwinden werden. Nur müssen dies die Ukrainer selbst und die Polen selbst entscheiden – nicht die Ukrainer für die Polen und nicht die Polen für die Ukrainer.

Heute führt jedoch jeder Konflikt auf historischem Boden nur zum Sieg eines einzigen Staates. Eines Staates, der stets danach gestrebt hat, allen seine eigene Vorstellung von historischer Erinnerung aufzuzwingen. Der niemals irgendein eigenes Verbrechen anerkannt hat und immer alle anderen zu Verbrechern erklärte.

Jeder Zwist zwischen dem polnischen und dem ukrainischen Volk wird unweigerlich zum Triumph Russlands führen. Besiegt Russland die Ukraine, wird es auch Polen zerstören – ganz gleich, mit welchen Illusionen über die eigene Sicherheit in europäischen Strukturen oder in der NATO sich der gewöhnliche Pole vor der Realität zu schützen versucht. Man sollte endlich bemerken, dass sich die Welt erneut verändert hat – und dass niemand mehr irgendwelche Sicherheitsgarantien besitzt.

Wir können nur gemeinsam gerettet werden. Oder gemeinsam zugrunde gehen.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Sozialmedia

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 11.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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