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Ich habe keine besonderen Illusionen über die Tätigkeit der UPA.
Und das ist wohl das Erste, was man ehrlich sagen muss – ohne den Eigenen zuzuzwinkern und ohne demonstratives Bußtheater für die Fremden. Die UPA handelte in einer Zeit, als die Ukraine keine eigene Staatlichkeit besaß, keine Regierung hatte, keine Armee, keine internationale Stimme, nicht das Recht, sich an einen Verhandlungstisch zu setzen und zu sagen: Das sind unsere Grenzen, das sind unsere Menschen, das sind unsere Interessen – und nun, verehrte Imperien, rückt beiseite.
Die Ukrainer lebten damals nicht in einem romantischen Geschichtsbuch, sondern zwischen Hammer und Amboss: Der eine Besatzer kam mit dem roten Stern, der zweite mit dem schwarzen Hakenkreuz, der dritte mit seiner eigenen Erinnerung an den Vorkriegsstaat, der die Ukrainer ebenfalls nicht als politische Nation anerkennen wollte. Und in diesem Fleischwolf griffen die Menschen nach jeder Möglichkeit des Kampfes, nach jeder Waffe, nach jeder Chance, eine Ukraine zusammenzuführen, die auf der politischen Landkarte faktisch nicht existierte.
Ich bin überzeugt, dass die Polen an unserer Stelle dasselbe getan hätten. Mehr noch: Sie haben es getan.
Die Armia Krajowa war ebenfalls eine militärische Untergrundstruktur. Auch sie sammelte Aufklärungsinformationen, baute Kommunikationsnetze auf, führte Sabotageakte durch, liquidierte Kollaborateure, griff Verwaltungsstrukturen an, bestrafte diejenigen, die sie für Verräter hielt, kämpfte gegen die Deutschen und stritt und kämpfte mit anderen Kräften in Gebieten, in denen es keine funktionierende Staatsgewalt gab. Das war keine Organisation von Pazifisten mit Broschüren über Toleranz. Es war die Armee eines Volkes, das seinen Staat verloren hatte und ihn zurückgewinnen wollte.
Die UPA tat dasselbe – allerdings mit einem grundlegenden Unterschied, über den man in Polen oft nicht gern offen spricht: Polen verfügte über staatliche Kontinuität, eine Exilregierung, internationale Anerkennung, einen diplomatischen Rahmen, die Erinnerung an den eigenen Staat. Die Ukraine hingegen hatte nichts außer Menschen, Wäldern, Waffen, dem Hass auf die Besatzer und dem verzweifelten Wunsch, nicht länger Material für fremde Imperien zu sein.
Das rechtfertigt keine Verbrechen. Es wischt kein Blut weg. Es hebt den Schmerz polnischer Familien ebenso wenig auf wie den Schmerz ukrainischer Familien. Aber es erklärt, warum die Frage im Stil von „entweder die UPA oder die Europäische Union“ keine historische Ehrlichkeit ist, sondern politische Manipulation, eingehüllt in eine moralische Pose.
Dann seien wir doch konsequent ehrlich. Entweder die Armia Krajowa oder die Europäische Union? Entweder der polnische Untergrund oder Europa? Entweder die Erinnerung an die Eigenen oder das Recht, Teil der zivilisierten Welt zu sein?
Absurd? Ja. Und genauso absurd ist es im Fall der Ukraine.
Wir müssen mit den Polen über Wolhynien sprechen, über Galizien, über die Aktion „Weichsel“, über ukrainische und polnische Opfer, über Exhumierungen, über Archive, über Namen, über Gräber, über die Verbrechen konkreter Menschen und konkreter Strukturen. Wir dürfen schwierigen Themen nicht ausweichen, denn ein Volk, das sich vor seiner eigenen Geschichte fürchtet, beginnt sehr schnell, nach der Geschichtsversion anderer zu leben.
Aber wir dürfen auch keine Ultimaten akzeptieren, in denen von uns verlangt wird, die Erinnerung gegen eine politische Eintrittskarte nach Europa einzutauschen.
Schon gar nicht von einem Land, das selbst sehr genau weiß, was Untergrund bedeutet, was Besatzung bedeutet, was Wald bedeutet, was Waffen ohne eigenen Staat bedeuten, was Befehle bedeuten, die nicht in der schönen Sprache des Völkerrechts geschrieben werden, weil das Völkerrecht in einem solchen Moment irgendwo unter dem Stiefel des Stärkeren liegt.
Die Ukraine besaß damals keine eigene Staatlichkeit. Und genau das ist der Schlüssel zur gesamten Diskussion.
Wenn wir heute über den besetzten Donbas sprechen, verstehen wir doch sehr gut, dass die Menschen dort nicht in einem normalen politischen Raum leben. Dort gibt es keine Wahlfreiheit im europäischen Sinn. Es gibt keine unabhängigen Gerichte, keine freie Presse, keine offenen Parteien, keine sichere Möglichkeit, öffentlich Stellung zu beziehen. Dort gibt es eine Besatzungsverwaltung, Angst, Zwang, Überlebenskampf, Kollaboration, Schweigen, Widerstand, Denunziationen, Partisanen, Angepasste und Menschen, die einfach nur den Morgen erleben wollen.
Und wenn in 80 Jahren jemand beginnen sollte, jede Handlung der Menschen im besetzten Donbas so zu beurteilen, als hätten sie in Krakau, Berlin oder Paris gelebt, dann wäre das keine Geschichtsschreibung, sondern moralische Bequemlichkeit, verkleidet als Rechtschaffenheit.
Genauso wenig kann man die ukrainische Befreiungsbewegung der 1940er Jahre beurteilen, als wäre die Ukraine damals ein Staat mit Regierung, Armee, Gerichten, Parlament, Diplomatie und der Möglichkeit gewesen, ihre Interessen auf friedlichem Weg zu verteidigen.
Das war sie nicht.
Und genau deshalb begehen polnische Politiker einen gewaltigen Fehler, wenn sie die Frage so stellen, als müsse die Ukraine ihre Europatauglichkeit dadurch beweisen, dass sie auf einen Teil ihrer tragischen, schwierigen, blutigen, widersprüchlichen, aber eigenen Geschichte verzichtet.
Die Ukraine ist bereits Teil der europäischen Gemeinschaft. Nicht, weil man uns das in Brüssel oder Warschau großzügig erlaubt hätte, sondern weil die Ukrainer jeden Tag mit Blut, Leben, Städten, Kindern, ihrer Wirtschaft, ihrer Zukunft, ihren Nerven und mit Friedhöfen bezahlen, die schneller wachsen als europäische Erklärungen.
Kein Land der Europäischen Union hat einen solchen Preis für das Recht bezahlt, in Europa zu leben.
Und, sagen wir es ganz offen: Dank der Ukraine wird auch keines einen solchen Preis bezahlen müssen.
Denn das russische Imperium steht heute nicht vor Warschau, nicht vor Vilnius, nicht vor Bukarest und nicht vor Berlin. Es steht vor Pokrowsk, Kupjansk, Cherson, Charkiw, Sumy und Saporischschja. Und wenn sich heute noch jemand in Europa den Luxus leisten kann, die historische Erinnerung zu einem Instrument der Innenpolitik zu machen, dann nur deshalb, weil die Ukrainer die Front halten.
Aber es gibt noch etwas Wichtiges, das ich ebenfalls ohne populären Zuckerguss sagen möchte.
Ich bin kein Befürworter eines Beitritts einer schwachen Ukraine zur Europäischen Union. In vielen Fragen bin ich sogar Euroskeptiker, weil ich sehr gut sehe, wie das heutige Europa durch übermäßige Regulierung, Angst vor Risiken, bürokratische Selbstverliebtheit und den Verlust industriellen Gestaltungswillens gegenüber den globalen Führungsmächten zurückfällt. China baut Fabriken, die USA schaffen technologische Ökosysteme, Asien skaliert seine Produktion, während Europa oft Verordnungen, Verbote, Verfahren und schöne Dokumente über eine Zukunft produziert, die längst andere gestalten.
Die Ukraine darf nicht als armer Bittsteller mit ausgestreckter Hand in die EU gehen, dem erlaubt wird, im Flur eines großen Hauses Platz zu nehmen, wenn er sich zuvor richtig entschuldigt, richtig Buße getan und seine eigene Erinnerung korrekt umgeschrieben hat.
Die Ukraine muss als Große Ukraine nach Europa gehen. Als Land einer neuen Industrialisierung. Als Land der Verteidigungstechnologien, der Drohnen, der robotisierten Kriegsführung, der künstlichen Intelligenz, der Rechenzentren, der Kernenergie, der eigenen Produktion, starker Städte, einer produktiven Minderheit, von Ingenieuren, Unternehmern, Soldaten, Landwirten, Wissenschaftlern und Menschen, die niemanden um Erlaubnis bitten, existieren zu dürfen.
Wir brauchen keine schwache Integration, bei der die Ukraine als Gebiet billiger Arbeitskräfte, von Rohstoffen, Agrarexporten und dauerhafter Förderabhängigkeit in die EU aufgenommen wird. Wir brauchen eine starke Integration, bei der die Ukraine als Staat kommt, ohne den europäische Sicherheit, Energieversorgung, Rüstungsindustrie und technologische Zukunft schlicht nicht funktionieren.
Deshalb muss die Antwort auf polnische Ultimaten ruhig, nüchtern und entschieden sein.
Wir sind bereit, über Geschichte zu sprechen. Wir sind bereit, Archive zu öffnen. Wir sind bereit zu Exhumierungen. Wir sind bereit, Verbrechen als Verbrechen zu bezeichnen. Wir sind bereit, den Schmerz der Polen anzuerkennen, wenn die Polen bereit sind, den Schmerz der Ukrainer anzuerkennen. Wir sind bereit, eine gemeinsame Erinnerung aufzubauen, aber wir sind nicht bereit zu politischer Erpressung.
Denn eine Partnerschaft unter Gleichen wird nicht auf Ultimaten aufgebaut.
Polen hat uns sehr geholfen, und daran muss man sich erinnern. Die Ukrainer dürfen das nicht vergessen. Aber auch Polen muss sich an etwas anderes erinnern: Die Ukraine verteidigt heute nicht nur sich selbst – und ganz sicher nicht nur ihre historische Erinnerung. Die Ukraine verteidigt jenen Raum, in dem polnische Politiker über die UPA streiten können, ohne über ihren Köpfen russische Raketen zu hören.
Deshalb ist die Formel „entweder die UPA oder Europa“ nicht nur politisch falsch, sondern auch moralisch.
Die richtige Formel lautet anders: Entweder wir reifen gemeinsam zu einer schwierigen Wahrheit heran, oder Moskau wird uns allen erneut die Geschichte schreiben.
Und das ist ganz sicher keine Entscheidung, die weder Kyiv noch Warschau treffen sollten.
🔗 Originalquelle
Art der Quelle: Social Media
Autor: Lubomir Haidamaka
Veröffentlichung: 24.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
Link zum Originaltext:
Original ansehen
Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.