Wolhynien: Historischer Kontext eines polnisch-ukrainischen Konflikts | Oleh Kryschtopa. 13.07.2026.

Mitten im großen Krieg gegen die Moskauer Aggressoren wurden die Ukrainer plötzlich auf gesetzlicher Ebene des Völkermords beschuldigt. Sogar die Zahl der Opfer wurde genannt: 100.000 Menschen.

Wie immer roch diese Geschichte nach einer Provokation des Kremls. Doch diesmal ging es nicht um acht, sondern um achtzig Jahre. Und nicht um Russen oder das Volk des Donbas, sondern um Polen. Ausgerechnet zum 80. Jahrestag der Wolhynien-Tragödie beschloss der polnische Sejm einen neuen staatlichen Gedenktag. Genau so: den Nationalen Gedenktag für die Opfer des von ukrainischen Nationalisten an Bürgern der Republik Polen verübten Völkermords.

Die geografische Ausdehnung des Verbrechens wurde im Gesetz mit dem kolonialen Begriff „Östliche Kresy“ umrissen, also „östliche Randgebiete Polens“. Nicht einmal Wolhynien, denn Wolhynien ist schließlich ukrainisch, und das würde wie ein Eingriff in fremdes Territorium wirken. Die „Östlichen Kresy“ dagegen erscheinen wie etwas Polnisches.

Die Zahl der Opfer – 100.000 – wurde durch Abstimmung festgelegt. Die Methode ist natürlich demokratisch, aber nicht besonders historisch, vor allem dann nicht, wenn Politiker abstimmen, die ihre Karriere auf historischen Spekulationen aufbauen.

Zu den Tätern des Verbrechens wurden Einheiten der Organisation Ukrainischer Nationalisten, OUN, der Ukrainischen Aufständischen Armee, UPA, außerdem die Division „Galizien“ und andere ukrainische Formationen erklärt, die mit den Deutschen zusammenarbeiteten. Das war ein Zitat. Tatsächlich ist auch das sehr russisch oder sogar sowjetisch: Aufständische und Kollaborateure in einen Topf zu werfen, damit sie als eine einzige böse Masse im Dienst Hitlers erscheinen.

Dabei ermordeten die Nationalsozialisten nicht erfundene 100.000, sondern tatsächlich fünf Millionen Bürger der Republik Polen. Doch aus irgendeinem Grund verdächtigt das heutige Warschau sie nicht einmal des Völkermords.

Ich bin Oleh Kryschtopa. Dies ist „Geschichte für Erwachsene“. Und heute sprechen wir über diese eigentümliche Mathematik. Wir werden den wichtigsten polnischen Mythos des Zweiten Weltkriegs entlarven und endlich ehrlich über den polnisch-ukrainischen Krieg von 1943 bis 1944 erzählen. Oder waren es doch die Jahre 1939 bis 1947? Schauen wir uns das genauer an.

Nun zur Wolhynien-Tragödie oder zum Wolhynien-Massaker, wie polnische Radikale es nennen. Und nicht nur sie. Entscheidend ist hier die Methode selbst: Man nimmt ein historisches Ereignis oder Phänomen und reißt es vollständig aus seinem Kontext.

Für den Verräter Oleh Zarjow begann der Zweite Weltkrieg nicht mit dem Komplott Moskaus mit Berlin, nicht mit dem Militärbündnis, das das weltweite Gemetzel überhaupt erst auslöste und während zwei der insgesamt sechs Kriegsjahre bestand. Nein, daran zu erinnern ist heute unangenehm und unvorteilhaft.

Genauso verhält es sich mit dem Wolhynien-Massaker im polnischen Gesetz und allgemein in der heutigen offiziellen Geschichtsschreibung. Angeblich begann die gesamte Geschichte plötzlich im Jahr 1943 und hatte keinerlei Vorgeschichte. Der Versuch, nach Voraussetzungen zu suchen, gilt als Versuch, das Verbrechen zu leugnen oder infrage zu stellen. 

Auch die UPA mit der Heimatarmee zu vergleichen, sei unzulässig, denn die erste sei angeblich eine illegale Verbrecherbande gewesen, die zweite dagegen die offizielle Untergrundarmee der Exilregierung. Und überhaupt hätten die Ukrainer mit den Nationalsozialisten kollaboriert, weshalb die Symbole der UPA verboten werden müssten.

Der letzte Vorschlag wurde im Sejm eingebracht, aber nicht zur Abstimmung gestellt, weil offenbar jemand herausfand, dass die Aufständische Armee überparteilich war und ukrainische Staatssymbole verwendete: den Treizack und die blau-gelbe Flagge.

All das läuft auf den wichtigsten polnischen Mythos des Zweiten Weltkriegs hinaus. Angeblich war Polen dessen größtes, zugleich aber auch heldenhaftestes Opfer, erlitt unglaubliche Unterdrückung und Verluste, arbeitete jedoch niemals mit den Besatzern zusammen. Überall auf der Welt habe es Kollaboration gegeben, nur nicht in Polen. Deshalb schuldeten alle Polen etwas: die Deutschen Entschädigungen für die Schäden und die Ukrainer das Eingeständnis alleiniger Schuld sowie die Anpassung ihres historischen Gedächtnisses an die gegenwärtigen Vorlieben Warschaus.

All das sind natürlich Spekulationen und ein alarmierendes Signal für eine Art Putinisierung unseres westlichen Nachbarn. Das bedeutet, dass historische Ereignisse nicht in die Vergangenheit treten und nicht zum Gegenstand der Historiker werden. Nein, sie bleiben hier und heute bei uns, werden zur Begründung politischer Entscheidungen in der gegenwärtigen Realität und beeinflussen die Zukunft.

So entschied Putin, die Ukrainer seien vom Westen aufgewiegelte russische Nazis, und griff an, um alles zu „korrigieren“. Und für die polnische Rechte wird plötzlich die blutige Tragödie in Wolhynien vor achtzig Jahren zum aktuellsten Faktor in den Beziehungen zu Kyiv. Deshalb beginnt Warschau einen kognitiven Krieg gegen die Ukraine, die gerade Europa gegen Putins Horden verteidigt.

Wie es in der Politik so weit kommen konnte, werden wir etwas später erzählen. Wenden wir uns zunächst den Ereignissen in Wolhynien im Jahr 1943 zu. Und womit wir auch beginnen, zuerst müssen wir die Voraussetzungen erklären: Warum entschieden ukrainische Nationalisten gerade 1943, einen Aufstand gegen die Nationalsozialisten zu beginnen? Warum nahm dieser Aufstand auch antipolnische Züge an? Warum arbeitete der polnische Untergrund in ganzen Dörfern und Kolonien gleichzeitig mit dem roten und dem braunen Imperium zusammen? Woher kamen plötzlich polnische Kolonien in Wolhynien? Wer begann zuerst, die Zivilbevölkerung zu vernichten – Polen oder Ukrainer? Begann all das tatsächlich in Wolhynien? Und woher kamen in Polen die „Kresy“?

Die polnischen Gesetzgeber mögen uns daher verzeihen, doch wir können nicht über die Wolhynien-Tragödie sprechen, ohne die Ereignisse davor, danach und um sie herum zu schildern.

Beginnen wir mit der Frage, woher in Polen diese „Östlichen Kresy“ kamen, in denen den Polen angeblich so großes Unrecht widerfuhr. Zunächst handelt es sich um einen etwa zweihundert Jahre alten imperialen, romantischen Mythos, der entstand, als die Polen selbst unter Fremdherrschaft standen: unter russischer, österreichischer und preußischer.

Talentierte Menschen aus den östlichen Gebieten der ehemaligen Republik Polen – Wincenty Pol, Adam Mickiewicz, Juliusz Słowacki und Henryk Sienkiewicz – erzählten ihren Landsleuten: „Erinnert ihr euch? Einst herrschten auch wir hier und waren Europas unerschütterliche Mauer gegen Tataren, Türken und Moskauer.“

Das war so etwas wie die amerikanische Legende vom Wilden Westen oder die deutsche Legende von Ostpreußen, in denen unbeugsame Vertreter einer höheren Zivilisation den Wilden Kultur bringen und deren Horden aufhalten. Dabei sind die einheimischen Ureinwohner lediglich Kulisse für die eigentlichen Helden. Und dieser polnische Mythos nahm die lokalen Völker in diesen „Kresy“ weitgehend nicht wahr: Litauer, Belarussen und Ukrainer.

Dieser Mythos wurde neben anderen zur Grundlage der polnischen Wiedergeburt im 19. Jahrhundert und des Kampfes um die Unabhängigkeit im 20. Jahrhundert. Eines Kampfes, der die entsprechenden Bestrebungen jener Völker weitgehend zunichtemachte, die von den polnischen Ideologen übersehen wurden: der Litauer, Belarussen und Ukrainer.

Die Politik des „Staatschefs“ Polens – so lautete tatsächlich die Amtsbezeichnung, Staatschef Polens – Józef Piłsudskis berücksichtigte ihre Existenz zumindest teilweise. Er träumte von einer Vereinigung Polens, Litauens, der Ukraine und Belarus’ zu einer Art Föderation des Intermariums. Als dieses Projekt scheiterte, begnügte er sich mit der gewaltsamen Eroberung des Wilnaer Gebiets sowie der Westukraine und Westbelarus’. Auf Forderung des Völkerbunds verpflichtete er sich, die Rechte der nationalen Minderheiten zu achten und ihnen nationale Autonomien zu gewähren, doch er täuschte ihn.

Mehr noch: Im Dezember 1920 verabschiedete er ein besonderes Gesetz über die militärische Kolonisierung der „Östlichen Kresy“. Nach diesem Gesetz wurden polnischen Veteranen und zivilen Siedlern Grundstücke auf ukrainischem Boden zugeteilt, vor allem in Wolhynien. Darüber hinaus erhielten sie vergünstigte Kredite, Schulden wurden erlassen und das Tragen von Waffen wurde erlaubt. Gleichzeitig wurden die Landrechte der einheimischen ukrainischen Bevölkerung systematisch verletzt und die Ukrainer selbst aus den Organen der kommunalen Selbstverwaltung verdrängt. Etwa 300.000 sogenannte Osadnicy nahmen dieses Programm in Anspruch.

Die Sache ist die, dass die Zwischenkriegsrepublik Polen hinsichtlich ihrer nationalen Zusammensetzung sehr vielfältig war. Sechzehn Prozent ihrer Bürger betrachteten sich als Ukrainer. Damit bildeten sie nach den Polen die zweitgrößte ethnische Gruppe. Ein weiterer Teil der bäuerlichen Bevölkerung identifizierte sich als Ruthenen oder als „Hiesige“, jedenfalls nicht als Titularnation, also nicht als Polen. Ein weiterer Teil übernahm unter Druck oder zum Überleben eine polnische Identität.

Trotz alledem war Wolhynien von allen Woiwodschaften der Zweiten Polnischen Republik am wenigsten polnisch. Die Mehrheit der Ukrainer war hier erdrückend: siebzig Prozent gegenüber sechzehn Prozent Polen. Deshalb wurden gerade dorthin die meisten Siedler geschickt. Gerade dort entstanden für sie eigene Kolonien in monoethnischen ukrainischen Gebieten. Das Land für diese Kolonien wurde natürlich den Ukrainern weggenommen.

Wegen all dessen versuchte die neu gegründete Ukrainische Militärorganisation, UVO, bereits 1921, Piłsudski zu töten. Bald darauf betrachtete der alte Marschall Piłsudski seine Rolle beim Staatsaufbau als erfüllt und zog sich zurück.

1922 verabschiedete Warschau ein Gesetz über die Autonomie der „Östlichen Kresy“ unter einer weiteren kolonialen Bezeichnung: Ostkleinpolen. Das erinnert an „Kleinrussland“, nicht wahr? Denn alle Imperialisten denken nach denselben Mustern. Unter dem Deckmantel des Schutzes der Rechte nationaler Minderheiten erkannte der Völkerbund 1923 die polnischen Eroberungen in den Kresy endgültig an.

Nach Piłsudski kamen in Warschau jedoch die Endecja, die Nationaldemokraten, an die Macht. Trotz ihres Namens vertraten sie offen profaschistische Ansichten. Gerade sie verliehen dem italienischen Duce Benito Mussolini den Orden des Weißen Adlers.

Ihr Anführer Roman Dmowski trat für einen monoethnischen Staat und dementsprechend für die Polonisierung der nationalen Minderheiten ein. Wörtlich sagte er Folgendes, wir zitieren:

„Ein gesundes Land, das auf einem festen Fundament steht, assimiliert fremde Stämme stets politisch und kulturell, mit Gewalt oder ohne.“

Dmowski betrachtete die Polen als eine Nation, die Ukrainern, Deutschen, Litauern und Belarussen überlegen sei. Er war ein glühender Antisemit. Er bezeichnete Juden als „Parasiten schlechthin“ und träumte von ihrer Deportation. Zugleich war er ein glühender Russophiler. Er trat sowohl für ein Bündnis mit dem weißen als auch mit dem roten Russischen Imperium ein, um gemeinsam andere Slawen, Balten und Germanen zu unterdrücken.

Bereits 1924 verabschiedeten die Nationaldemokraten das sogenannte Kresy-Gesetz über zweisprachigen Unterricht in den östlichen Randgebieten. Tatsächlich bedeutete dies Polonisierung und die Verdrängung der lokalen Sprachen. In Wolhynien etwa blieb Ukrainisch nur in elf Prozent der Schulen erhalten, obwohl 77 Prozent der Bevölkerung diese Sprache sprachen. Die Zahl ukrainischer Bibliotheken sank drastisch von 2.800 auf 800.

Als die faschistischen Endecja-Anhänger durch den Staatsstreich des Föderalisten Józef Piłsudski von der Macht verdrängt wurden, wurde es aus irgendeinem Grund nicht leichter, denn Piłsudski begann nun eine Diktatur aufzubauen, die er „Sanacja-Regime“, also „Gesundung des Staates“, nannte. Und diese „Gesundung“ bedeutete die Fortsetzung der Unterdrückung nationaler Minderheiten.

Das bekannteste Beispiel der antipukrainischen Politik Polens in den 1930er Jahren ist die sogenannte Pazifizierung. In Ostkleinpolen, das wir bereits erwähnt haben, bedeutete sie Massenterror gegen die gesamte Bevölkerung durch Polizei und reguläre Truppen. Ganze Dörfer und Kleinstädte wurden umstellt, die Menschen auf die Straßen getrieben, durchsucht, geschlagen und eingesperrt. Ukrainische Einrichtungen wurden geplündert und zerstört.

Daran beteiligten sich nicht nur staatliche Organe, sondern auch nationalistische Organisationen wie die Jugendorganisation Strzelec. Sie ergänzten den Terror noch durch Morde, Vergewaltigungen und Entführungen. Später rechtfertigten sich die Polen damit, nachgewiesene Morde habe es nur einige Dutzend gegeben, und selbst diese seien durch den Widerstand der Ukrainer verursacht worden.

Doch die Wirkung war genau umgekehrt. Ukrainische Sejm-Abgeordnete versuchten zunächst, sich auf legalem Weg gegen die Repressionen zu wehren und wandten sich an den Völkerbund. Dort akzeptierte man jedoch die Beweise der polnischen Seite, während die Abgeordneten und ihre Familien Verfolgungen bis hin zu Vergiftungen ausgesetzt waren.

Daraufhin radikalisierte sich die Jugend und schloss sich der UWO und später der OUN an. Diese entschieden sich für bewaffneten Kampf und Sabotage und töteten die Verantwortlichen der Pazifizierung, darunter Innenminister Bronisław Pieracki.

So drehten sich staatlicher Terror und der Widerstand dagegen immer weiter, denn es blieb nicht bei der Pazifizierung.

  • Ab 1934 begann die sogenannte Politik der „Stärkung des Polentums“, also die gewaltsame Polonisierung und Katholisierung.
  • 1937 begann die sogenannte Revindikation – die Beschlagnahmung und Zerstörung ukrainischer orthodoxer Kirchen.
  • 1938 folgte die Polonisierungs- und „Wiederherstellungsaktion“ gegen Ukrainer und Belarussen.

Um die große Zahl ohne Gerichtsverfahren inhaftierter Ukrainer und anderer Angehöriger nationaler Minderheiten festzuhalten, nutzte das Vorkriegspolen Konzentrationslager – ebenso wie Kommunisten und Nationalsozialisten. Polnische Minister und Polizeibeamte reisten sogar ins Dritte Reich, um von ihren Kollegen bei SS und Polizei moderne Methoden zu übernehmen.

Das bekannteste polnische Lager war Bereza Kartuska. Daneben gab es aber auch Lager in Biała Podlaska und Białe Sarny.

Damit wurde Polen nach Moskau und Berlin zum dritten Staat Europas mit einem eigenen Konzentrationslagersystem.

Als dieser Staat 1939 unter den Schlägen beider Imperialismen zusammenbrach, wollten die zuvor Unterdrückten Rache nehmen. Dieses Phänomen machten sich beide Besatzungsmächte zunutze und hetzten die unterworfenen Völker gegeneinander auf.

Galizien etwa gliederten die Nationalsozialisten dem Generalgouvernement Polen an. Dort stellten sie aus einheimischen Ukrainern und später aus sowjetischen Kriegsgefangenen ungefähr zehn Polizeibataillone auf, die den polnischen Widerstand bekämpfen sollten.

Daraus ziehen Warschauer Historiker den Schluss, dass alle Nachbarvölker zu Kollaborateuren wurden – nur die Polen nicht. Und gerade damit, mit dem Kampf gegen Kollaborateure oder Vergeltungsaktionen gegen sie, rechtfertigen offizielle Warschauer Historiker sämtliche Handlungen ihrer Untergrundkämpfer.

Paradoxerweise begann Wolhynien 1943 jedoch in der Region Chełm bereits 1942. Dort war die ukrainische Gemeinschaft schwächer und der polnische Untergrund stärker. Deshalb stützten sich die Nationalsozialisten nach dem Prinzip „Teile und herrsche“ auf die Ukrainer, während diese ihrerseits eher Unterstützung bei den Besatzern suchten, in Verwaltungsorgane eintraten und Selbstverteidigungseinheiten bildeten.

Die ersten Angriffe auf die Zivilbevölkerung ereigneten sich deshalb gerade hier – bereits im Jahr 1942. Zunächst verübten Einheiten der polnischen Untergrundorganisationen Heimatarmee (AK) und Bauernbataillone (BCh) gezielte Terrorakte gegen ukrainische Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens.

Betroffen waren sowohl Dorfschulzen, Mitglieder des Ukrainischen Hilfskomitees als auch gesellschaftliche Aktivisten – etwa orthodoxe Priester, Agronomen oder Menschen, die sich für den Wiederaufbau jener Kirchen einsetzten, die während der Pazifizierung zerstört worden waren.

Die Zahl der Opfer dieses individuellen Terrors erreichte mehrere Hundert. Nach Angaben des Ukrainischen Hilfskomitees wurden allein im Kreis Zamość im Jahr 1942 insgesamt 123 Ukrainer ermordet, im Kreis Hrubieszów sogar 258.

Wenn individueller Terror ein solches Ausmaß annimmt, geht er zwangsläufig in Massenterror über.

Bereits im Januar 1942 begannen die Bauernbataillone, Bauern im Kreis Chełm zu beschießen, weil sie das orthodoxe Weihnachtsfest feierten. Dabei wurden mindestens neun Menschen getötet.

Im August 1942 folgte dann die erste Massenhinrichtung von Zivilisten. Ein Trupp der Heimatarmee umzingelte das Dorf Pasieka bei Hrubieszów, trieb sämtliche Männer in das Schulgebäude, erschoss sie dort und setzte das Gebäude anschließend in Brand.

In den Jahren 1942–1943 zerstörten polnische Formationen mehr als hundert ukrainische Dörfer vollständig oder teilweise.

Zu den bekanntesten ukrainischen Opfern in der Region Chełm gehörte der Oberst der Armee der Ukrainischen Volksrepublik und Anführer des antibolschewistischen Aufstands am rechten Dneprufer, Jakiw Haltschewskyj-Wojnarowskyj, Deckname „Orel“.

1939 verteidigte er Polen an der Spitze des Territorialverteidigungsbataillons Brodnica und nahm an der Gegenoffensive bei Kutno teil. 1943 organisierte „Orel“ die ukrainische Selbstverteidigung im Raum Hrubieszów. Dafür wurde er von Angehörigen des Untergrunds der Heimatarmee ermordet.

Und genau damit rechtfertigten diese sämtliche ihrer Handlungen in der Region Chełm. Man behauptete: Die Ukrainer – ob mit oder ohne Waffen – seien Kollaborateure, während die Polen niemals mit den Nationalsozialisten oder anderen Feinden zusammengearbeitet hätten, sondern ausschließlich gegen sie kämpften und deshalb im Recht seien.

Doch das ist eine Lüge. Denn erstens arbeitete das gesamte polnische Repressionssystem der Vorkriegszeit – die sogenannte Blaue Polizei (Granatowa Policja) – unter deutscher Besatzung nahezu unverändert weiter. Lediglich deutsche Offiziere der Ordnungspolizei und der SS wurden in ihre Führung integriert. Ihre Personalstärke lag zwischen 11.000 und 16.000 Mann.

In verschiedenen Jahren entstanden außerdem Sonder- und Freiwilligeneinheiten, darunter der sogenannte Sonderdienst unter dem Dach von Gestapo und SS sowie die Propagandalegion „Weißer Adler“ innerhalb der SS-Truppen. Auch eigenständige polnische Polizeibataillone existierten – unter den Nummern 107 und 202.

Sie waren allerdings nicht in Polen eingesetzt, sondern in Wolhynien, wo sie gemeinsam mit den Nationalsozialisten den ukrainischen Widerstand bekämpften.

Hinzu kamen bis zu einer halben Million Polen, die als angebliche Volksdeutsche zur Wehrmacht eingezogen wurden. In Warschau erinnert man daran äußerst ungern.

Als das Museum von Danzig 2025 eine Ausstellung über sie unter dem Titel „Unsere Jungs“ organisierte, wurde diese von sämtlichen politischen Kräften verurteilt, weil sie den Mythos von der ausschließlichen Opferrolle Polens im Zweiten Weltkrieg zerstört.

Tatsächlich ist die Wirklichkeit nicht schwarz-weiß. Verrat geht oft Hand in Hand mit Heldentum, denn das eine schließt das andere nicht aus.

Sowohl Polen als auch Ukrainer versuchten, die Besatzungsmächte für ihre eigenen Ziele zu nutzen – vor allem, um Waffen und militärische Ausbildung zu erhalten und sie gegen ihre jeweiligen Gegner einzusetzen. Gleichzeitig bereiteten beide Seiten einen Aufstand vor – jede ihren eigenen.

Das Problem der nationalen Widerstandsbewegungen im gesamten besetzten Europa bestand darin, dass sie den Nationalsozialisten von vornherein militärisch unterlegen waren und offene bewaffnete Aufstände zum Scheitern verurteilt gewesen wären. Deshalb entschieden sich sowohl die europäische Résistance als auch die polnische Heimatarmee für die Taktik des Attentismus, also des Abwartens, des heimlichen Ansammelns von Kräften und Waffen. 

Der Zeitpunkt für einen bewaffneten Aufstand sollte erst kommen, wenn wenigstens eine minimale Aussicht auf Erfolg bestand. Deshalb brachen der Warschauer Aufstand, der Pariser Aufstand, der Prager Aufstand und der Slowakische Nationalaufstand erst aus, als sich die Front näherte und die alliierten Truppen heranrückten.

Die Ukrainer hingegen konnten sich den Luxus von Verbündeten in diesem Krieg nicht leisten. Zeit zum Warten hatten sie ebenfalls nicht, denn die Besatzer vernichteten, plünderten und verschleppten die Bevölkerung zur Zwangsarbeit und hetzten zugleich die unterdrückten Völker gegeneinander auf.

Der sowjetische Saboteur Dmitri Medwedew überlieferte folgendes Zitat des nationalsozialistischen Statthalters in der Ukraine, Erich Koch:

„Der Ukrainer soll vor Verlangen brennen, den Polen zu töten, und umgekehrt. Und wenn sie bei Gelegenheit gemeinsam auch noch einen Juden töten, dann ist das genau das, was wir brauchen.“

Ende des Zitats.

Deshalb sah man die polnischen Kollaborationsbataillone nicht in Polen – sie operierten ausschließlich in Wolhynien. Gleichzeitig wurden in der Ukraine Ausbildungslager für russische, kosakische und sogenannte Ostlegionen eingerichtet, die ebenfalls als Besatzungstruppen eingesetzt wurden.

So kämpfte gegen die Polissja-Sitsch von Taras Bulba-Borowez, die zum Partisanenkrieg gegen die Nationalsozialisten übergegangen war, das 2. Donkosaken-Regiment, das in Schepetiwka aus gefangenen Russen aufgestellt worden war.

Und wo befand sich das einzige Ausbildungslager für ukrainische Freiwillige der Wehrmacht? Natürlich im zentralen Polen, in der Stadt Piotrków Trybunalski, bei Radom.

So sahen Ukrainer und Polen ineinander – zusätzlich zu den alten Feindschaften – nicht Mitstreiter im gemeinsamen Unglück, sondern Helfer des jeweiligen Feindes.

Deshalb ging der Widerstand gegen die Besatzer meist mit Racheakten an den Nachbarn für alte und neue Kränkungen einher.

In der Region Chełm war die polnische Untergrundbewegung stärker und lenkte bereits seit 1942 den Hass ihrer Anhänger gegen ukrainische Zivilisten. In Wolhynien geschah dasselbe – nur umgekehrt.

Bereits im April 1942 beschloss die Zweite Konferenz der revolutionären OUN (OUN-B), nicht länger abzuwarten und unmittelbar zur Revolution überzugehen. Im Oktober 1942 entschied die Militärkonferenz der Nationalisten, mit der Aufstellung bewaffneter Einheiten der OUN zu beginnen.

Die ersten Hundertschaften entstanden in Wolhynien und übernahmen den von Taras Bulba-Borowez bereits bekannt gemachten Namen UPA – Ukrainische Aufständische Armee.

De facto entstanden die ersten bewaffneten Einheiten der UPA im Winter 1942/43. Als offizielles Gründungsdatum der Armee wurde jedoch der 14. Oktober 1942, das Fest der Fürbitte der Gottesmutter und zugleich der Tag des ukrainischen Kosakentums, festgelegt. An diesem Tag fasste die Militärkonferenz der OUN den entsprechenden Beschluss.

Bereits im Februar 1943 begann der ukrainisch-deutsche Krieg. Die Aufständischen griffen Stützpunkte der Besatzer in Wolodymyrez, Kremenez, Uman und weiteren Städten Wolhyniens an.

Nachdem sie ihre Stärke demonstriert hatten, wandten sie sich an jene Ukrainer, die sich im deutschen Dienst befanden. Ihnen wurde Vergebung ihrer früheren Verfehlungen versprochen, wenn sie mit Waffen in der Hand zu den Aufständischen überliefen.

Die Organisation dieses Übertritts übernahmen OUN-Agenten innerhalb dieser Formationen. So versuchte die OUN bereits im Sommer 1941 in Luzk eine eigene Kampfeinheit aufzubauen – die Sondereinheit Jewhen Konowalez. 

Die Nationalsozialisten erlaubten jedoch keine ukrainische Armee und wandelten das Regiment in eine paramilitärische Schule für landwirtschaftliche Kommandanten des Landdienst Ukraine um. Den Männern ließ man Waffen und Uniformen – ein folgenschwerer Fehler. 

Denn im März 1943 liefen mehr als 300 Lehrgangsteilnehmer unter Führung des Stabschefs und OUN-Agenten Stepan Kowal, Deckname Rubaschenko, bewaffnet zur UPA über. Später entstand aus dieser Einheit das Aufständischenregiment Kotlowyna.

Ganz Wolhynien geriet in Bewegung. Tausende Polizisten und Freiwillige liefen zur UPA über. Die Nationalsozialisten verloren die Kontrolle über ganze Regionen. Es entstanden regelrechte Partisanenrepubliken: die Republik Kolky, die Republik Antoniwka und die Sitsch in den Wäldern des Rajons Turijsk. Die Ortschaft Kolky wurde von der Einheit Kowal-Rubaschenkos eingenommen und zur provisorischen Hauptstadt der Ukraine erklärt.

Der Generalkommissar für Wolhynien und Podolien, Heinrich Schoene, berichtete am 30. April 1943:

„Nationalukrainische Banden beherrschen die westlichen und südlichen Gebiete Wolhyniens. Das, was sich in Bezirken wie Horochiw, Luboml, Dubno, Kremenez und teilweise Luzk abspielt, ist als Aufstand zu bewerten.“

Auch der sowjetische Partisanenkommandeur Iwan Schytow bestätigte dies. Während seines Vorstoßes in die Westukraine meldete er:

„Die nationalistische Bewegung hat sich bis zum Niveau eines bewaffneten Aufstands ausgeweitet. Gegen die Deutschen werden aktive Kämpfe geführt. Auf deutschen Karten sind neue Bezeichnungen erschienen: Gebiete des nationalukrainischen Bandenaufstands.“

Gemeint waren eben jene Partisanenrepubliken.

Der sowjetische Partisanengeneral Petro Werschyhora beschrieb sie mit bemerkenswerter Offenheit:

„Die wirtschaftliche Lage in den von der UPA kontrollierten Gebieten ist besser als in den sowjetischen Regionen. Die Bevölkerung lebt wohlhabender und wird weniger ausgeplündert. Von Ablieferungsquoten weiß man dort nichts.“

Ende des Zitats.

Genau darin bestand das Wesen des ukrainischen Aufstands: der Schutz der eigenen Bevölkerung und ihres Eigentums.

Die Ausfuhr von Getreide und Zwangsarbeitern aus Wolhynien und Podolien nach Deutschland ging plötzlich um das Fünffache zurück. Hitler konnte das nicht hinnehmen.

Wie reagierten die Nationalsozialisten? Zunächst propagandistisch. Sie erklärten, Stepan Bandera, der zu diesem Zeitpunkt im Konzentrationslager Sachsenhausen inhaftiert war, sei – wer hätte es gedacht – ein Agent des Kremls.

Auf einem nationalsozialistischen Flugblatt heißt es:

„Im Namen des Massenmörders von Winnyzja und Katyn, des roten Genossen Stalin, wird der ukrainische Bandenführer Bandera feierlich zum Oberbolschewiken der Sowjetukraine ernannt.“

Eine bemerkenswerte Behauptung.

Darüber hinaus setzte Hitler trotz des Mangels an Truppen an der Front Fronteinheiten und die Luftwaffe gegen die Aufständischen ein.

Die Republik Antoniwka fiel im August 1943. Kolky hielt sich sogar bis November.

Das bedeutete, dass die gerade erst gegründete UPA ein Gebiet bei Luzk befreit hatte, dort ihre eigene Verwaltung und sogar eine eigene Währung – die Bofony – einführte, wirtschaftliche Maßnahmen sowie Mobilisierungen organisierte und Wehrmacht und SS es ein halbes Jahr lang nicht schafften, diese Strukturen zu beseitigen.

Schließlich eroberten die Nationalsozialisten das Gebiet der ukrainischen Republiken nach schweren Kämpfen zurück und verkündeten den Sieg über die UPA.

Das war allerdings eine sehr gewagte Behauptung. Selbst die Einheit von Stepan Kowal-Rubaschenko, die Kolky verteidigt hatte, konnte den deutschen Einschließungsring durchbrechen und kämpfte noch viele Jahre weiter. Rubaschenko selbst erlebte sogar noch die Unabhängigkeit der Ukraine.

Natürlich gab es auch schwere Verluste. So fiel der erste Oberbefehlshaber der UPA, Wassyl Iwachiw, im Kampf gegen die Nationalsozialisten.

Seinen Platz nahmen jedoch nicht weniger fähige militärische Führer ein: der Organisator der UPA in Wolhynien Dmytro Kljatschkiwskyj (Klym Sawur) sowie der Oberbefehlshaber Roman Schuchewytsch, enger Weggefährte Stepan Banderas, ehemaliger Soldat der polnischen Armee, Teilnehmer der Kämpfe um die Karpatenukraine und Angehöriger des Bataillons Nachtigall. Seine Erfahrung und seine Fähigkeiten reichten für weitere Jahrzehnte des Kampfes gegen beide totalitären Regime aus.

Die Armee wuchs rasch und gewann an Stärke. Die Nationalsozialisten schätzten ihre Stärke auf 100.000 Kämpfer. Sie war nicht länger ausschließlich eine Bandera-Armee. Menschen unterschiedlichster politischer Überzeugungen und sogar verschiedener Nationalitäten wurden aufgenommen.

Die politische Führung wurde der Untergrundregierung, dem Ukrainischer Oberster Befreiungsrat, übertragen. Das neue Motto des Kampfes lautete ausgesprochen liberal: „Freiheit den Völkern – Freiheit dem Menschen.“

Hier gelangen wir zur dunklen Seite des ukrainischen Aufstands. Als sich die ukrainische Polizei in Wolhynien erhob und in die Wälder ging, verteilten die Deutschen kurzerhand Waffen an die Polen.

Der bereits erwähnte sowjetische Partisanenkommandeur Iwan Schytow berichtete im Mai 1943 nach Moskau:

„Die Polen fliehen in die Kreiszentren, wo die Deutschen die jungen Männer in die Polizei aufnehmen und die übrigen nach Deutschland schicken. Die polnischen Polizisten werden gegen die ukrainischen Nationalisten eingesetzt.“

Die Situation in der Region Chełm wiederholte sich – nur spiegelverkehrt und in wesentlich größerem Maßstab.

Im Verlauf des Jahres 1943 befanden sich der polnische Untergrund und die gesamte polnische Bevölkerung in der Defensive und arbeiteten in großem Umfang mit den Nationalsozialisten zusammen.

Die Stärke der UPA erreichte bis zum Sommer rund 12.000 Kämpfer und bis zum Jahresende etwa 20.000.

Demgegenüber verfügte die 27. Wolhynische Division der Heimatarmee (AK) über ungefähr 1.300 aktive Kämpfer, während weitere rund 3.600 Männer den Selbstverteidigungseinheiten beitraten und Waffen von den Nationalsozialisten erhielten.

Die Entwicklung folgte demselben Muster. Die ukrainischen Aufständischen begannen zunächst einen Terror gegen Kollaborateure und Selbstverteidigungseinheiten, der sich bald auf die zwischen den Kriegen gegründeten Siedlerkolonien und anschließend auch auf alte polnische Dörfer ausweitete.

Ein Befehl Kljatschkiwskyjs oder Schuchewytschs zur vollständigen Vernichtung der andersnationalen Bevölkerung wurde bis heute nicht gefunden – oder er hat überhaupt nie existiert.

Im Gegenteil: Es gibt zahlreiche Aufrufe an die Polen, den Nationalsozialisten im Kampf gegen die Ukrainer keine Hilfe zu leisten.

Andernfalls drohte man ihnen – Zitat – mit einer „neuen Hajdamaken- und Kolijiwschtschyna“.

Für den internen Gebrauch gab Klym Sawur vage Anweisungen heraus, das „polnische Element zu verdrängen“, und versprach den Bauern zur Gewinnung ihrer Unterstützung die Verteilung des enteigneten Landes.

Das Ergebnis war ein völlig sinnloser ukrainisch-polnischer Krieg mit ethnischen Säuberungen und Zehntausenden Opfern auf beiden Seiten.

Das offizielle Warschau bezeichnet den 11. Juli 1943 als Höhepunkt des von der UPA verübten Völkermords. An diesem und den folgenden Tagen begann die UPA eine groß angelegte Offensive gegen etwa hundert polnische Kolonien und Selbstverteidigungsstützpunkte. Die meisten hielten den Angriffen nicht stand und wurden vernichtet.

An dieses Datum knüpft Polen heute den staatlichen Gedenktag für die Opfer des Wolhynien-Massakers.

Ukrainische Historiker widersprechen dieser Darstellung in der Regel, weil das Morden bereits früher begonnen habe und keineswegs einseitig gewesen sei.

So nennt das Ukrainische Institut für Nationales Gedenken den 19. April 1943 als Beginn der polnisch-ukrainischen Auseinandersetzung in Wolhynien. An diesem Tag verbrannten deutsche und polnische Polizeieinheiten das ukrainische Dorf Krasnyj Sad und töteten sämtliche Bewohner – 104 Menschen unterschiedlichen Alters und Geschlechts.

In den beiden folgenden Tagen transportierten Selbstverteidigungseinheiten den Besitz der Ermordeten in die nahegelegene polnische Kolonie Andrzejówka.

Die Ruinen des Dorfes wurden anschließend niedergebrannt. Das Dorf wurde nie wieder aufgebaut.

Dabei war die Verhängnisvollkeit dieses Konflikts offensichtlich. Bereits im Juli 1943 bezeichnete das Kommando der UPA die Lage als „Provokation der Gestapo“ und rief – Zitat –

„beide Völker, das polnische und das ukrainische, dazu auf, sich gegenseitig im Kampf für die staatliche Unabhängigkeit zu unterstützen.“

Doch die Kämpfe griffen inzwischen auch auf Galizien und das gesamte Gebiet jenseits der Curzon-Linie über und dauerten auf ukrainischer Seite mindestens bis zum Frühjahr 1944 an.

Mit dem Eintreffen der Roten Armee schlug das Pendel in die entgegengesetzte Richtung aus. Polnische Selbstverteidigungseinheiten, die zuvor bereits intensiv mit sowjetischen Saboteuren und Partisanen gegen die UPA zusammengearbeitet hatten, traten nun den Vernichtungsbataillonen des NKWD und der prosowjetischen Armia Ludowa bei.

Auch die Kämpfe gegen die polnischen Unabhängigkeitskämpfer der Heimatarmee und ihrer Nachfolgeorganisationen Freiheit und Unabhängigkeit (WiN) sowie der Nationalen Streitkräfte (NSZ) hielten an. In dieser Phase gingen die meisten Massaker an Zivilisten gerade auf ihr Konto.

Zu den bekanntesten Beispielen gehören die Vernichtung des Dorfes Sahryń sowie das Massaker von Hrubieszów im März 1944. Dort wurden bis zu 1.240 Ukrainer getötet, darunter mehr als hundert Kinder. Am selben Tag griff die Heimatarmee außerdem etwa zehn weitere ukrainische Dörfer in der Region Chełm an.

Ein Jahr später, im März 1945, vernichtete eine Einheit der Heimatarmee das Dorf Pawłokoma. Dort wurden 366 Ukrainer, darunter Frauen und Kinder, grausam ermordet. Im April wurde das Dorf Piskorowice, im Juni Werchowyna zerstört – und so weiter.

Öl ins Feuer der ukrainisch-polnischen Auseinandersetzung gossen beide Imperien gleichermaßen.

Über die Nationalsozialisten haben wir bereits gesprochen. Hier ein weiteres Beispiel.

Am 12. Juli 1943 griff eine UPA-Hundertschaft unter dem Kommando von Wassyl Lywotschko das Dorf Poryzk in Wolhynien an. Etwa fünfzig polnische Zivilisten wurden in die Kirche getrieben und dort getötet.

Ein Jahr später führte derselbe Lywotschko das Bataillon Hajdamaky in einen Hinterhalt. Er selbst tauchte in seiner Heimat in der Uniform eines Hauptmanns des NKWD auf.1945 enttarnte ihn die UPA als feindlichen Agenten und erschoss ihn zusammen mit fünfzehn Leibwächtern.

Das praktische Verständnis dafür, dass gegenseitiges Abschlachten nicht zum Sieg, sondern in die Hölle führt, kam erst viel zu spät.

Besonders anschaulich zeigt dies das Schicksal von Marian Gołębiewski. 

Siehe: Über Marian Gołębiewski

Er war der erste Kommandeur des Bezirks Hrubieszów der Heimatarmee. Gerade er gab den Befehl zur Vernichtung der ukrainischen Dörfer Pryhoryle, Mytke, Sahryń, Schychowytschi, Terebin, Stryschynez, Trukowytschi und weiterer Ortschaften, weil sie die UPA unterstützten. Diese ethnische Säuberung wird von polnischen Historikern als „Hrubieszówer Revolution“ bezeichnet.

Nach der Auflösung der Heimatarmee legte Gołębiewski die Waffen nicht nieder. Im Mai 1945 organisierte er aus eigener Initiative ein Treffen mit Vertretern des Obersten Ukrainischen Befreiungsrats, um über Frieden und ein militärisches Bündnis zu sprechen.

Beide Seiten erkannten ihr gemeinsames Streben nach Unabhängigkeit an und vereinbarten eine Zusammenarbeit. Den Höhepunkt dieser Entwicklung bildete der gemeinsame Angriff von UPA und Heimatarmee auf die Stadt Hrubieszów.

Dabei wurden bis zu dreißig NKWD-Angehörige getötet, Gefangene und Geiseln befreit sowie Listen feindlicher Agenten in der Region erbeutet.

Es existiert sogar ein gemeinsames Foto polnischer und ukrainischer Kämpfer nach dieser Schlacht. Die polnische Exilregierung erkannte dieses taktische Bündnis jedoch nicht an.

Gołębiewski verbrachte zehn Jahre im Gefängnis, erlebte später die Unabhängigkeit Polens und wurde zum einzigen polnischen Veteranen des Zweiten Weltkriegs, der sich öffentlich dafür einsetzte, den Kämpfern der UPA in Polen den Status von Kriegsveteranen zuzuerkennen.

Ein gesondertes Thema ist die Zahl der Opfer dieses sogenannten Völkermords.

Polnische Historiker und Publizisten nannten im Laufe der Zeit sehr unterschiedliche Zahlen.

Zunächst ging man davon aus, dass vor dem Krieg mehr als 300.000 Polen in Wolhynien lebten, weshalb man praktisch alle oder fast alle von ihnen zu den Opfern zählte.

Später stellte sich jedoch heraus, dass infolge der Deportationen, des Bevölkerungsaustauschs, der Repressionen und der Flucht in den Jahren 1939–1941 dort nur noch etwa ein Drittel dieser Zahl verblieben war.

Dennoch kursiert heute im öffentlichen Raum Polens die Zahl von 100.000 bis 120.000 Opfern. Genau diese Zahl wurde inzwischen auch gesetzlich im Zusammenhang mit dem angeblichen Völkermord in den Östlichen Kresy festgeschrieben.

Doch auch diese Zahl ist offensichtlich problematisch. In zahlreichen Dokumenten wird von einer massenhaften Flucht der polnischen Bevölkerung aus Wolhynien in größere Garnisonsstädte und anschließend weiter nach Polen berichtet. Dort verbreiteten die Flüchtlinge vielfach übertriebene Berichte über die Grausamkeiten der Banderisten.

So wurde beispielsweise die bereits erwähnte Kolonie Andrzejówka, deren Selbstverteidigung das Dorf Krasnyj Sad niederbrannte und plünderte, überhaupt nicht vernichtet. Die gesamte Bevölkerung wurde im Januar 1944 gemeinsam mit den sich zurückziehenden deutschen Truppen organisiert evakuiert.

Sowohl ukrainische als auch seriöse polnische Historiker gehen anhand dokumentierter Quellen heute von etwa 35.000 polnischen Todesopfern in Wolhynien in den Jahren 1943–1944 sowie von 10.000 bis 12.000 getöteten Ukrainern aus.

Das bedeutet, dass beide Untergrundarmeen die Zivilbevölkerung der jeweils anderen Seite angriffen. Die UPA verfügte in Wolhynien lediglich über größere Kräfte.

Dieses Ungleichgewicht wird jedoch dadurch ausgeglichen, dass in den Regionen Chełmer Land, Nadsanje und Podlachien zwischen 1943 und 1947 10.000 bis 15.000 friedliche Ukrainer getötet wurden.

Die übrigen wurden im Zuge der Aktion Weichsel und ähnlicher Maßnahmen in die Sowjetunion oder in die westlichen Gebiete Polens deportiert.

Insgesamt verloren infolge der Deportationen der Jahre 1944 bis 1951 rund 750.000 Ukrainer auf dem Gebiet der Volksrepublik Polen ihre Heimat. Umgekehrt wurden aus der Ukrainischen SSR fast 790.000 Polen und Juden nach Polen umgesiedelt.

Aus heutiger Sicht erscheinen der polnisch-ukrainische Krieg und die gegenseitigen ethnischen Säuberungen der 1940er Jahre als ein gemeinsamer blutiger Irrtum und selbstverständlich als ein Verbrechen. Massenmorde an Zivilisten sind – ungeachtet ihrer Voraussetzungen, Begründungen oder Rechtfertigungen – unzulässig.

Die einzig vernünftige Haltung zu diesem Kapitel der Geschichte formulierte bereits der bedeutende Vertreter der polnischen Emigration Jerzy Giedroyc:

„Wir vergeben und bitten um Vergebung.“

Denn – erneut ein Zitat –

„Ohne eine unabhängige Ukraine gibt es kein unabhängiges Polen.“

Auch dies sagte Giedroyc.

Vor ihm hatten bereits Marschall Józef Piłsudski und dessen Ministerpräsident Ignacy Daszyński dieselbe Überzeugung vertreten.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion schien es, als hätten beide Völker diese Grundsätze verinnerlicht.

Im Juni 1994 reichten sich auf einem internationalen Seminar bei Warschau der letzte Oberbefehlshaber der UPA Wassyl Kuk und der Veteran der 27. Wolhynischen Division der Heimatarmee, Tytus Kołakowski, als Zeichen der Versöhnung die Hand. Zwei Jahre später traf sich Kuk in Luzk mit dem Vorsitzenden des Wolhynischen Bezirks des Weltverbands der Veteranen der Heimatarmee.

Im Jahr 2003 gedachten die Präsidenten der Ukraine und Polens, Leonid Kutschma und Aleksander Kwaśniewski, gemeinsam der Opfer der Tragödie. Später erwies auch der ukrainische Präsident Wiktor Juschtschenko den getöteten Polen seine Ehre.

Parallel dazu entwickelten sich jedoch andere Prozesse. Im Jahr 2013 forderten 148 Abgeordnete der Werchowna Rada, Mitglieder der Partei der Regionen und der Kommunistischen Partei, den polnischen Sejm auf, die Wolhynien-Tragödie als Völkermord am polnischen Volk anzuerkennen.

Dieselben Politiker organisierten Wanderausstellungen in ukrainischen und polnischen Städten, die sich spekulativ mit den Verbrechen der UPA befassten.

Angeführt wurde dieser Prozess von Personen, die später ihre Heimat verrieten und den russischen Besatzern halfen: Dmytro Tabatschnyk, Wolodymyr Saldo, Jewhen Balyzkyj, Oleh Zarjow, Wadym Kolesnitschenko und andere ihresgleichen.

Um diesem Narrativ entgegenzuwirken, bat der ukrainische Präsident Petro Poroschenko während seiner Rede im polnischen Sejm die Polen um Vergebung für die Ereignisse in Wolhynien. Später kniete er sogar vor einem Denkmal für die Opfer der Tragödie nieder.

Doch gerade daran knüpfte die polnische Rechte an, angeführt vom Senator der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) Jan Żaryn. Sie brachte die Forderung in den öffentlichen Diskurs ein, die Wolhynien-Tragödie als Völkermord anzuerkennen und der Ukraine die Ehrung von OUN und UPA zu verbieten. Dies traf auf eine ohnehin vorhandene Alltagsxenophobie eines Teils der polnischen Bevölkerung gegenüber ukrainischen Migranten. 

Dabei war es Moskau, das Polen viermal teilte, drei nationale Aufstände niederschlug sowie Millionen Polen ermordete und deportierte. Allein während der sogenannten „Polnischen Operation“ des NKWD im Jahr 1937 wurden 111.091 Polen erschossen, weitere 30.000 in den Gulag verschleppt. In Katyn wurden Zehntausende Angehörige der militärischen und staatlichen Elite des polnischen Volkes ermordet. Doch einen Völkermord erkannte das polnische Parlament darin nicht.

Ebenso erhebt Warschau keine entsprechenden Vorwürfe gegen Deutschland wegen der Ermordung von fünf Millionen polnischen Staatsbürgern durch die Nationalsozialisten. Von Berlin werden gelegentlich lediglich materielle Entschädigungen verlangt. Das klingt realistischer und kommt dem Geschmack eines wenig anspruchsvollen Wählers stärker entgegen.

Im Jahr 2026 erreichte die historische Offensive gegen die Ukraine ihren Höhepunkt. Der polnische Präsident Karol Nawrocki verlangte, Präsident Wolodymyr Selenskyj den Orden des Weißen Adlers abzuerkennen, weil dieser die UPA geehrt hatte. Daraufhin verzichteten sämtliche noch lebenden Präsidenten der Ukraine ihrerseits auf ihre Auszeichnungen mit dem Weißen Adler.

Die Warschauer Zeitschrift „Kultura Liberalna“ erklärte dieses Phänomen in einem Artikel mit dem Titel:

„Polen ist auf die Subjektivität der Ukraine nicht vorbereitet.“

Darin heißt es, Warschau betrachte Kyiv weiterhin als jüngeren Bruder – doch diese Zeit sei längst vorbei.

Ob der Sejm und der Präsidentenpalast im Belvedere diese neue Realität verstehen werden, wird die nahe Zukunft zeigen. Ob wir zu einer besseren Zukunft zurückkehren oder in einer düsteren Vergangenheit verharren werden.

Denn die Polen sind zugleich unsere historischen Gegner und unsere historischen Verbündeten. Mit ihnen hatte es niemals jemand leicht. Nicht einmal der Vater der polnischen Nation, Józef Piłsudski. Erinnern Sie sich an seinen berühmten Ausspruch?

„Die Nation ist großartig – nur die Menschen sind Hurensöhne!“


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Правда про Волинь, яку приховували десятиліттями! Ось хто насправді розпалив кривавий конфлікт. Олег Криштопа. 13.07.2026.
Autor: Oleh Kryschtopa
Veröffentlichung: 13.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Die Blase der polnischen Kränkung und die ukrainische Blutung…Vitaliy Vantsa. 07.07.2026.

Польська бульбашка кривди та українська кровотеча.. Vitaliy Vantsa. 07.07.2026.

Polen erinnert heute immer mehr an einen Menschen, der in einem Boot sitzt, das durch einen Sturm treibt, und statt auf die Wellen zu schauen, ein internes Seminar darüber veranstaltet, wer wem 1943 was gesagt hat.

Das ist sehr edelmütig … fast so, als würde man die Speisekarte eines Restaurants überarbeiten, das bereits brennt.

In Polen gibt es eine lange politische Kultur des historischen Unrechts. Die Teilungen Polens, der Verlust der Staatlichkeit, Besatzungen, Kriege, der Verrat durch die Großmächte – all das sind reale Traumata. Man sollte sie nicht kleinreden.

Doch ein Trauma ist das eine … eine politische Industrie des Traumas ist etwas völlig anderes.

Denn wenn historisches Unrecht zum wichtigsten Treibstoff der eigenen Identität wird, muss es ständig neu angefacht und nachgefüllt werden. Sonst verliert die Blase ihre Spannung. Und wenn die Deutschen weit weg sind, die Russen scheinbar „irgendwo weit weg“ und in Polen kaum noch Juden leben – wer eignet sich dann am besten als lebendige Verkörperung historischen Unrechts?

Richtig … die Ukrainer. Sie sind „praktischerweise“ hier. Ganz in der Nähe. Sie arbeiten. Sie sprechen Ukrainisch. Sie haben ihre eigenen Helden. Sie fragen niemanden um Erlaubnis. Und sie haben – diese Frechheit – irgendwie überlebt.

Genau das scheint manchmal eines der Hauptprobleme zu sein.

Die polnische Politik (genauer gesagt: die Politik!) versteht heute oft nicht, dass die Ukraine nicht im Theater ihrer Erinnerung lebt, sondern auf der Intensivstation. Und wir leiden unter einer massiven Blutung.

Wenn ein Mensch verblutet, führt er keine Podiumsdiskussion darüber, ob das Tourniquet vielleicht zu radikal angelegt wurde. Er zieht das Tourniquet einfach fest.

Wenn der Schmerz unerträglich ist, hält er keinen Vortrag über die langfristige Toxizität von Morphin oder Fentanyl. Er lindert den Schmerz, um nicht zu sterben.

Mit nationalen Symbolen im Krieg verhält es sich möglicherweise ähnlich. In Kriegszeiten greift eine Gesellschaft nicht zu akademisch sterilen Symbolen, sondern zu starken Symbolen – zu denen, die mobilisieren, den Mut aufrechterhalten, Rückgrat geben und gegen das Imperium wirken.

Ja, irgendwann wird die Zeit kommen, den gesamten nationalen Kanon in Ruhe zu überprüfen. Irgendwann wird man ausführlich über Toxizität, Kontexte, Schattenseiten, Verantwortung und internationale Wahrnehmung diskutieren können. Aber im Moment befinden wir uns leider nicht auf einem historischen Symposium.

Unser Alltag heißt Russland. Jeden Tag. Mit Verlusten und massiven Angriffen. Bei uns gibt es Raketen. Drohnen. Schützengräben. Todesnachrichten. Kriegsgefangene. Städte ohne Strom. Kinder in Luftschutzkellern.

Und da wirkt es äußerst befremdlich, wenn man uns aus Warschau gerade jetzt Vorträge hält: „Sind eure Helden überhaupt zivilisiert genug?“

Meine Damen und Herren – wir verbluten gerade. Ihr Seminar über die richtige Verwendung von Verbänden kann man etwas später abhalten.

Das größte Paradoxon besteht darin, dass Polen und die Ukraine noch immer im selben Boot sitzen. Wenn die Ukraine fällt, wird Polen dadurch nicht sicherer. Wenn die Ukraine jedoch die Front hält, gewinnt Polen strategische Tiefe. Und wenn die Ukraine siegt, erhält Polen einen starken Partner an seiner Seite – einen Markt, ein Verteidigungsbündnis, logistische Möglichkeiten, den Wiederaufbau und ein neues Osteuropa. Wenn Polen sich stattdessen mit der Ukraine zerstreitet, schenkt es diesen Raum Berlin, Paris, London, Washington – wem auch immer, nur nicht sich selbst.

Genau darin besteht das strategische Talent des polnischen Populismus: eine einmalige historische Chance zu ergreifen und sich damit selbst auf den Kopf zu schlagen.

Polen hätte der wichtigste Fürsprecher der Ukraine in Europa sein können. Das wichtigste Drehkreuz für den Wiederaufbau. Die wichtigste politische Brücke zwischen der Ukraine und der EU. Der wichtigste Partner einer neuen Sicherheitsarchitektur Osteuropas.

Doch ein Teil der polnischen Politik hat beschlossen, es sei interessanter, gegen tote Ukrainer der 1940er Jahre zu kämpfen, während lebende Ukrainer gegen Russland kämpfen.

Ein „brillanter“ Geschäftsplan!

Fast so, als würde man die Aktien eines künftigen Technologiekonzerns ablehnen, weil einem die Frisur seines Großvaters nicht gefallen hat.

Die Ukraine wird nach diesem Krieg – so hoffe ich sehr – nicht mehr dieselbe Ukraine sein. Sie wird kein Bittsteller mehr sein. Kein „kleiner Nachbar“. Kein schweigendes Objekt fremder Erziehungsversuche.

Sie wird ein Staat mit gewaltiger Kampferfahrung sein, mit einer eigenen Rüstungsindustrie, einer Schule für Drohnentechnologie, einer Armee, die den modernen Krieg tatsächlich kennt, und mit dem politischen Kapital eines Landes, das den russischen Imperialismus aufgehalten hat.

Und wenn Polen glaubt, mit einer solchen Ukraine weiterhin in der Sprache sprechen zu können: „Mit Bandera werdet ihr nicht beitreten“, „Eure Erinnerungskultur ist falsch“, „Wir lassen euch hinein oder eben nicht“, dann ist das keine Diplomatie mehr. Das ist geopolitische Kurzsichtigkeit unter nationaler Flagge.

Besonders amüsant ist auch die Behauptung, die Ukrainer seien eine Belastung für Polen.

Die Ukrainer in Polen arbeiten, zahlen Steuern, gründen Unternehmen, tragen einen Teil des Arbeitsmarktes, stärken die polnische Wirtschaft und schließen demografische Lücken, die die polnische Politik selbst nicht schließen kann.

Und gleichzeitig erklärt man ihnen von den höchsten politischen Tribünen Polens, sie seien das Problem.

Das ist nicht einmal mehr Undankbarkeit. Das ist bereits eine Art wirtschaftliche Schizophrenie mit patriotischem Soundtrack.

Was sollte die Ukraine also tun?

Ganz sicher nicht mit Orden hinterherlaufen.

Nicht betteln.

Nicht versuchen, diejenigen zu überzeugen, die von politischer Kränkung leben.

Nicht die eigene Erinnerungskultur für die Zustimmung des polnischen Elektorats preisgeben.

Nicht den eigenen nationalen Kanon gegen ein vorübergehendes polnisches „Ja“ in Brüssel eintauschen.

Denn wenn es nicht Bandera ist, wird es später Masepa sein. Wenn nicht die UPA, dann Chmelnyzkyj. Wenn nicht Wolhynien, dann das Getreide. Wenn nicht das Getreide, dann der Transport oder die Spediteure. Wenn nicht der Transport, dann „die Ukrainer nehmen uns die Arbeitsplätze weg“.

Wer einen Vorwand finden will, wird ihn leider immer finden.

Deshalb sollte die Strategie einfach sein.

Dankbarkeit – ja.

Erniedrigung – nein.

Dialog – ja.

Erpressung – nein.

Exhumierungen – ja.

Kriminalisierung der ukrainischen Erinnerungskultur – nein.

Partnerschaft – ja.

Polnische Vormundschaft über die ukrainische Identität – nein.

Und noch etwas.

Gute Nachbarschaft entsteht nicht dadurch, dass sich immer nur eine Seite entschuldigt.

Gute Nachbarschaft beruht auf Stärke, Gegenseitigkeit, Respekt und dem Verständnis einer gemeinsamen Bedrohung.

Die beste Garantie für gute nachbarschaftliche Beziehungen der Ukraine ist nicht ein weiterer schöner Gipfel.

Es sind eine starke Armee, eigene Raketen, eigene Drohnen, eine eigene Luftverteidigung, eigene Geheimdienste, eine eigene Rüstungsindustrie, eine eigene Wirtschaft – aber auch eine eigene Erinnerungskultur, die weder durch ein polnisches, ungarisches, russisches noch irgendein anderes Veto blockiert werden kann.

Polen kann seine Blase des historischen Unrechts noch lange weiter aufblasen.

Aber es sollte sich nicht wundern, wenn die Ukraine irgendwann einfach aufhört, an diese Blase zu klopfen, und beginnt, ihre Zukunft mit jenen aufzubauen, die eine Zukunft wollen – und keinen endlosen politischen Friedhof mit Mikrofon.

Denn im Moment ist alles ganz einfach.

Die Ukraine blickt auf die Front.

Die polnischen Populisten blicken in die Vergangenheit und suchen dort nach Umfragewerten.

Und noch etwas Wichtiges:

Über die Geschichte werden wir ganz sicher noch sprechen.

Aber zuerst müssen wir schlicht überleben!

Und genau das scheint man in Warschau bis heute am schwersten zu begreifen. ((


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Social Media
Titel des Originals: Польська бульбашка кривди та українська
кровотеча.. Vitaliy Vantsa. 07.07.2026.

Autor: Vitaliy Vantsa.
Veröffentlichung / Entstehung: 07.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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