Es gibt viele Ukrainer in Polen, man kann sie leicht bemerken. Im schlimmsten Fall kann das in Pogrome münden – Volodymyr Vyatrovych. Ukrajinska Prawda. 07.07.2026.

Українців у Польщі багато, їх легко помітити. У найгіршому разі це може вилитися в погроми – Володимир В’ятрович. Українська правда. 07.07.2026.

„Den Dschinn des Hasses freizulassen ist leicht, aber ihn wieder zurückzuschieben wird schwer sein“, meint Volodymyr Vyatrovych, einer der bekanntesten Forscher der Befreiungsbewegung und der ukrainisch-polnischen Beziehungen in der Ukraine sowie Leiter des Instituts für Nationales Gedenken in den Jahren 2014–2019.

Am 26. Mai unterzeichnete Volodymyr Zelensky ein Dekret über die Verleihung des Ehrennamens „benannt nach den Helden der UPA“ an das Separate Zentrum für Spezialoperationen „Nord“ innerhalb der SSO. Kaum dürfte gerade diese Entscheidung der Ausgangspunkt der jetzigen Zuspitzung in den Beziehungen zwischen der Ukraine und Polen gewesen sein. Doch die polnische Politik nahm dieses Dekret als Vorlage wahr, die man unmöglich ungenutzt lassen konnte. In der Kritik an der Ukraine vereinten sich politische Gegner – Präsident Nawrocki und Premier Tusk.

Eine nicht minder scharfe Reaktion löste auch die seit Langem überfällige Entscheidung der Werchowna Rada über die Schaffung eines Nationalen Pantheons aus, die mit fast verfassungsmäßiger Mehrheit angenommen wurde. In Polen wurde sie als weiteres politisches Signal aus Kyiv bewertet.

Die heutige Fixierung des polnischen Informationsraums auf das Thema UPA ruft beunruhigende Assoziationen damit hervor, wie Geschichte seinerzeit zu einem der Instrumente russischen Drucks auf die Ukraine wurde – mit dem Unterschied, dass es sich um einen der wichtigsten Verbündeten während des Krieges handelt.

Am Montagabend, dem 6. Juli, gab das polnische Verteidigungsministerium Daten über den Umfang der Militärhilfe für die Ukraine frei, als Antwort auf Vorwürfe der Rechten über eine geheime Übergabe von Raketen für Patriot, die angeblich die Verteidigungsfähigkeit Warschaus untergraben habe.

Ob es möglich ist, die Schärfe des Moments zu nehmen, worin seine wahre Natur liegt und wozu das führen kann – im Interview mit Volodymyr Vyatrovych.

– Sollte die Ukraine ihr eigenes Pantheon der Helden mit Partnern abstimmen?

– Weder der Krakauer Wawel noch das Pantheon in Rom, noch das in Lissabon, noch anderswo waren Gegenstand internationaler Diskussionen. Das ist ausschließlich eine innere nationale Frage. Ganz vor Kurzem fand in Paris die Umbettung des bekannten französischen Historikers Marc Bloch statt. Dem ging eine innerfranzösische Diskussion voraus, aber keinerlei internationale. Weil es sie auch nicht geben kann.

Das, was wir jetzt erleben, ist ein Wachstumsproblem. Wir waren sehr lange Kinder und später Jugendliche, die auf Ältere hörten. Wir haben uns daran gewöhnt, dass andere unsere Geschichte schrieben und uns Vorgaben machten, wie wir unsere Vergangenheit bewerten sollen. Die Situation ändert sich, wir werden erwachsen. Man sagt, Geschichte werde von den Siegern geschrieben. Jetzt ist der Moment, in dem wir beginnen, unsere eigene Geschichte zu schreiben. Unter anderem deshalb, weil wir in diesem Krieg siegen können.

– Die Werchowna Rada hat das Gesetz über das Nationale Pantheon verabschiedet. Wer wird dort begraben sein?

– Im Gesetz gibt es keine klare Liste, und das löste eine weitere Welle der Hysterie bei polnischen Politikern aus. Es war komisch zu beobachten, dass einige Tage nach Veröffentlichung des Gesetzentwurfs bereits Warnungen aus dem Büro von Präsident Nawrocki erklangen, sie würden aufmerksam auf den Text warten und die Liste prüfen. Zu diesem Zeitpunkt war der vollständige Text bereits auf der Website der Werchowna Rada. Wenn es schwer ist, auf Ukrainisch zu lesen, konnte man zumindest sehen, dass dieser Text keinerlei Liste enthält. Das Gesetz bestimmt nur Kriterien für die Persönlichkeiten, die dort umgebettet werden können.

Es geht um Staatsführer verschiedener Epochen von der Rus bis zur Gegenwart, Armeekommandeure, einschließlich der Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine aus der Zeit des Unabhängigkeitskrieges, also seit 2014, sowie Menschen aus Kultur, Wissenschaft und Kunst.

Es wird eine Koordinierungskommission geschaffen, die auf Grundlage öffentlicher Diskussionen und von Forschungen des Instituts für Nationales Gedenken als zuständigem Organ der Exekutive eine Liste bilden und sie der Werchowna Rada als Gesetz zur Prüfung vorlegen wird. Danach muss sie der Präsident unterzeichnen.

Es geht nicht um Hunderte Menschen, sondern um einige Dutzend der bedeutendsten Persönlichkeiten der Geschichte. Ein Teil von ihnen wird umgebettet, falls es Überreste gibt, besonders im Ausland. Aber zum Beispiel nicht Taras Schewtschenko. Denn seine Grabstätte ist bereits selbst ein Kultort. Dasselbe gilt für Iwan Franko, Mychajlo Hruschewskyj und andere. Ihre Gräber sind gepflegt und an sich Denkmäler.

Stattdessen wird man diejenigen übertragen, die im Ausland begraben sind und deren Gräber bedroht sind.

Ich denke, nicht weniger als die Hälfte des Pantheons werden Kenotaphe bilden, also symbolische Gräber. Denn die Begräbnisorte vieler ukrainischer Persönlichkeiten sind unbekannt.

– Die Kanzlei des polnischen Präsidenten äußerte Enttäuschung über die Verabschiedung des Gesetzes über das Pantheon und nannte dies einen weiteren Eskalationsschritt der Ukraine. Vielleicht ist das wirklich „nicht an der Zeit“?

– Das ist polnische Hysterie und polnische Bewertungen, die nichts mit der objektiven Realität zu tun haben. Ich glaube nicht, dass man darauf überhaupt reagieren muss. Mir scheint, es geht um den Sprecher des Präsidenten. Konkret diese Erklärung ist für mich sehr persönlich. Ich kenne ihn gut – wir waren praktisch Freunde, gingen Bier trinken. Das ist ein Mensch, der seinerzeit Aufständischenlieder sang. Ich glaube, seine Frau ist Ukrainerin. Also war er ein völlig vernünftiger Typ. Hysterie verformt leider vielen Menschen das Gehirn.

Ich bin überzeugt, dass keine ukrainische Reaktion das aufhalten wird, was in Polen geschieht. Die Ukraine hat sehr lange versucht, Zugeständnisse zu machen. Diese Zugeständnisse verwöhnen die polnischen Politiker nur. Wir haben keine Druckinstrumente. Deshalb ist das Einzige, was wir tun können, auf irgendeine Ernüchterung der polnischen Gesellschaft aus dem Rausch zu warten.

Gewisse Anzeichen dafür gibt es bereits: Es erklingen vernünftige Stimmen polnischer katholischer Bischöfe, von Veteranen der Bewegung „Solidarność“, von polnischen Journalisten zusammen mit ukrainischen Journalisten. Anzeichen dafür, dass das irgendwann aufhören wird, gibt es. Aber darauf sollte man in nächster Zeit sicher nicht warten. Vorläufig lässt sich diese Hysterie sehr gut konvertieren – achten Sie auf das starke Wachstum des Ratings von Nawrocki.

Ich kenne ihn als Kollegen. Als ich das ukrainische Institut für Nationales Gedenken leitete, war er Leiter der Danziger Filiale des polnischen Instituts für Nationales Gedenken.

Als Politiker bot Nawrocki den Polen während des Wahlkampfs nichts anderes an. „Zuerst die Polen“ – so lautete sein Slogan, der sich auf die eine oder andere Weise um die ukrainische Thematik drehte. Wie ein geschickter Surfer ritt er auf der antiukrainischen Welle, die spätestens seit 2013 gesät und genährt wurde. Obwohl ihre Wurzeln noch im Jahr 2003 liegen.

Den Dschinn des Hasses freizulassen ist sehr leicht, aber ihn wieder zurückzuschieben wird schwer sein.

Und das ist vor allem ein Problem für die polnische Gesellschaft. Sie muss erkennen, dass eine solche Politik nicht nur der Ukraine und den polnisch-ukrainischen Beziehungen schadet, sondern Polen schadet. Durch ihr Eintauchen in die Vergangenheit wirft sie sich selbst aus wichtigen politischen Prozessen hinaus, die hier und jetzt stattfinden.

Beim Aufbau einer neuen Sicherheitsarchitektur müssten Polen und die Ukraine die zentrale Achse werden. Es finden Treffen im Format Ukraine – Deutschland – Frankreich – Großbritannien statt – minus Polen. Das ist ihre Wahl der Geohistorie statt der Geopolitik. Eine falsche Wahl, aber sie müssen da hindurchgehen.

– Der Außenminister der Ukraine, Sybiha, fuhr nach Verabschiedung des Gesetzes über das Nationale Pantheon nach Warschau mit dem Ziel der Deeskalation. Ein Schritt dazu kann die Aufnahme der Figur des Generals der Armee der UNR, Marko Bezrutschko, in das ukrainische nationale Pantheon sein. Wie bewerten Sie das Potenzial eines solchen Schrittes?

– Erstens wird das der Deeskalation nicht helfen.

Zweitens wird nicht Andrij Sybiga entscheiden, wer im Pantheon landet.

Ich respektiere ihn als Minister, aber es gibt ein Gesetz, das ein Verfahren und Kriterien für die Aufnahme einzelner Persönlichkeiten in das Pantheon vorsieht.

Und drittens ist das Grab von Marko Bezrutschko in Warschau ein wichtiger Ort für die lokalen Ukrainer. Jedes Mal, wenn ein hoher Amtsträger aus der Ukraine nach Polen kommt, geht er auf den Friedhof, um Bezrutschko zu ehren, wie es kürzlich der derzeitige Leiter des Instituts für Nationales Gedenken tat.

Letztlich ist das ein Sammlungspunkt der ukrainischen Gemeinschaft, und es ist kaum nötig, das zu zerstören. Ich bin kein kategorischer Gegner der Überführung von General Bezrutschko, aber dieser Schritt wird sicher nicht zur Deeskalation führen.

– Wie ist die Rolle dieser Persönlichkeit für die Ukraine und Polen zu bestimmen?

– Marko Bezrutschko ist eine der Gestalten der ukrainischen Revolution, ein herausragender Feldherr der Zeit der ukrainischen Revolution von 1917–21. Und für Polen ist er derjenige, der Warschau 1920 rettete.

Er kann ein gemeinsamer Held für beide Länder sein.

Mich brachte eine Veröffentlichung in der polnischen Zeitung „Rzeczpospolita“ zum Lachen, in der Vorschläge erklangen, wen die Ukrainer als Helden annehmen sollten. Nach polnischer Version können dort gemeinsame ukrainisch-polnische Helden sein: Bezrutschko, Sahaidatschnyj, Petljura. Aber nach dieser Version dürfen in unserem Pantheon keine rein ukrainischen Helden sein: Bitte, hört auf den älteren Bruder, nun – den westlichen.

Unsere westlichen Nachbarn müssen irgendwie reifen und erkennen, dass die heutige Ukraine nicht die Ukraine von 2013 ist, als sich 149 Abgeordnete an den polnischen Sejm wandten, um die Handlungen der UPA als Genozid an den Polen anzuerkennen. Damals waren diese Abgeordneten Bürger der Ukraine und tauchten noch nicht in Verfahren wegen Landesverrats auf.

Wahrscheinlich hat diese Erklärung die polnischen rechten Politiker verwöhnt, die genau eine solche Ukraine sehen wollten. Sie wollen nicht erkennen, dass das nicht die Ukraine war, sondern ein Kreml-Simulakrum. Der Initiator des Aufrufs, Wadym Kolesnitschenko, ist ein offensichtlicher russischer Agent. Aber das wollte man nicht bemerken und empfing ihn feierlich im polnischen Sejm.

Jetzt ist 2026. Die Ukraine von 2013 ruht nicht in Gott, sondern irgendwo in der Hölle und wird nicht mehr zurückkehren.

Polnische Politiker, die an die Zukunft denken, müssten die reale Ukraine sehen. Faktisch in allen Regionen betrachten Ukrainer die Helden der UPA als diejenigen, die zur Unabhängigkeit der Ukraine beigetragen haben. Das ist ein unumkehrbarer Prozess.

Polnische Politiker sprechen über ihre Verwundbarkeit bei diesem Thema. Aber sie haben das Recht auf Verwundbarkeit auf ihrem eigenen Territorium und sollten damit nicht erpressen. Umso mehr, als es um ein Land geht, dem sie jetzt ihre Freiheit verdanken. Die Ukrainer halten eine Aggression auf, die Polen unmittelbar betreffen kann.

– Warum hat die Formel Kutschma–Kwaśniewski von 2003 – „Ich vergebe und bitte um Vergebung“ – aufgehört zu funktionieren?

– Diese Formel ist nicht einzigartig. Sie wurde schon in den 60er-Jahren erfunden, gerade im Kontext der polnisch-deutschen Versöhnung.

Der polnisch-ukrainische Konflikt in den Jahren des Zweiten Weltkriegs ist ebenfalls kein einzigartiges Phänomen. Wenn wir uns auf der Weltkarte in irgendeine Richtung bewegen, haben alle benachbarten Völker einander nicht nur geliebt und zusammengearbeitet, sondern auch einander gehasst und getötet. So verlief der Prozess nationaler Bewusstwerdung und Staatsbildung.

Alles, was in der Frage des polnisch-ukrainischen Konflikts auf politischer Ebene getan werden musste, wurde 2003 getan. Neben der Erklärung der Präsidenten gab es eine Erklärung der Kirchen und die gemeinsame Eröffnung eines Denkmals.

Zum 60. Jahrestag der Wolhynischen Tragödie nahmen die Werchowna Rada und der Sejm Polens gleichzeitig eine Erklärung mit einem einheitlichen Text an. Die Politiker haben alles getan, was nötig war – danach sollen sie sich nicht mehr in dieses Thema einmischen, sondern die Historiker diskutieren lassen.

Aber gerade damals beschlossen gewisse rechte Kreise in Polen, dass das nicht genug sei. Mehr noch, sie nutzten eine weitere sehr wichtige innerpolnische Diskussion der frühen 2000er-Jahre – über die Beteiligung von Polen am Holocaust. Das ist eine Diskussion über Massentötungen, die von Polen an Juden ohne Beteiligung der Deutschen begangen wurden. Sie erschütterte Polen Anfang der 2000er-Jahre nach Erscheinen des Buches von Jan Tomasz Gross „Nachbarn“.

Und diese Diskussion traf die mentalen Grundlagen der polnischen Gesellschaft, die gewohnt war, sich nur als Opfer zu sehen. In diesem Moment wurde die Verlagerung des Fokus von der Beteiligung der Polen am Holocaust auf Ukrainer, die Polen töteten, zu einem Rettungsring für einen Teil der Gesellschaft.

Die von Ihnen erwähnte Erklärung der beiden Präsidenten und Parlamente war der letzte Versuch, diese Diskussion im Rahmen der Angemessenheit zu kontrollieren. Später gab es Versuche auf der Ebene der Präsidenten Kaczyński und Juschtschenko. Und selbst 2008, zum 65. Jahrestag der Ereignisse in Wolhynien, fanden in Polen keinerlei Gedenkveranstaltungen statt.

Aber Präsident Juschtschenko verlor die Wahl, und Präsident Kaczyński starb zusammen mit einem bedeutenden Teil der angemessensten polnischen Akteure. Übrigens, darunter auch Historiker. Unter den Toten war mein Kollege Janusz Kurtyka, Leiter des Polnischen Instituts für Nationales Gedenken, der ruhig auf eine Pressekonferenz ging und erzählte, dass Schuchewytsch ein Held für die Ukrainer ist und sein kann.

Diese Menschen würden sich auch heute nicht so äußern wie die heutigen polnischen Akteure. Die Situation wurde auch durch die Ereignisse in der Ukraine verschlechtert, die gegenüber russischen historischen Narrativen sehr empfänglich wurde – für einen Gasrabatt, für alles Mögliche.

Das vergrößerte die Versuchung unserer westlichen Nachbarn.

Der Aufruf von 149 ukrainischen Abgeordneten im Jahr 2013 gab den Anstoß zur ersten Erklärung des Sejm „Über die Ereignisse in Wolhynien mit Anzeichen eines Genozids“. Und 2016 verwandelten sich die Anzeichen in einen vollständigen Genozid. Danach übernahmen die Politiker die historische Diskussion über den polnisch-ukrainischen Konflikt vollständig – und dieser Prozess setzte sich nur noch fort.

Von unserer Seite und von polnischer Seite gab es zwischen 2014 und 2016 noch Versuche, das Thema den Historikern zu überlassen. Wir haben sogar eigens ein polnisch-ukrainisches Historikerforum geschaffen. Es war klasse – wir diskutierten bis spät in die Nacht, stritten. Ich glaube, dass das für beide Seiten vorteilhaft war. Aber 2016 ergreift in Polen „Recht und Gerechtigkeit“ vollständig die Macht, und in diesem Dialog wird ein Punkt gesetzt. An diesen Punkt klammert man sich bis heute. Erinnern Sie sich an die jüngste Erklärung des polnischen Verteidigungsministers Kosiniak-Kamysz, dass „die Frage Wolhynien nicht diskutiert werden kann“. Was heißt das – kann nicht diskutiert werden?

– Der Verteidigungsminister Polens erklärte auch, die Ukraine müsse eine Wahl zwischen Bandera und der Europäischen Union treffen …

– Er ist nicht der Erste. Symptomatische Parolen, die leider nur von der Unreife der polnischen Gesellschaft zeugen.

– Jeder ukrainische Präsident, wie übrigens auch jeder Leiter des Instituts für Nationales Gedenken, war überzeugt, dass man durch Zugeständnisse Versöhnung erreichen könne …

– Ich nicht. Über viele Jahre habe ich mehr als einmal gehört, dass gerade ich an der Eskalation der ukrainisch-polnischen Beziehungen schuld sei. Deshalb möchte ich jetzt am liebsten schreien oder ein T-Shirt mit der Aufschrift „Ich habe es doch gesagt“ anziehen.. Ich war von Anfang an der Meinung, dass man Beziehungen von Gleichen aufbauen muss. Wahrscheinlich ist das die einzige Möglichkeit für einen normalen Dialog. Halb scherzhaft, halb ernst erinnert man mir in diesem Kontext meine teilweise polnische Herkunft – mein Urgroßvater war Kazimierz Vyatrovych.

– Nicht aus Wolhynien?

– Nicht aus Wolhynien, aus Galizien, von älteren Okkupanten. Vielleicht verstehe ich tatsächlich besser die Psyche von Menschen, die nur jene respektieren, die sich selbst respektieren. Sobald wir beginnen, nach dem Motto „Was wünschen Sie?“ zu handeln, gibt es kein Halten mehr. Die Forderungen werden immer weiter wachsen.

Deshalb hoffe ich, dass die jetzige Situation, trotz all ihrer Unangenehmheit, unsere Beziehungen ernüchtern wird und sie wieder normal und gleichberechtigt werden. Von polnischer Seite gab es immer die Wette darauf, dass jede neue ukrainische Regierung …

– Sich vor den Opfern der Wolhynischen Tragödie auf die Knie stellen wird, wie Poroschenko?

– Übrigens ein starker Gestus Poroschenkos, auf den die polnische Gesellschaft sehr originell reagierte: Sie nahmen ihn schlichtweg nicht zur Kenntnis. Das ist ein Zeugnis dafür, dass sie das nicht brauchen. Sie wollen nicht, dass jemand um Vergebung bittet, sie wollen weiter Entschuldigungen fordern. Ein nicht weniger aussagekräftiges Beispiel ist die Exhumierung.

In der Ukraine gab es kein Verbot der Exhumierung, in der Ukraine gab es ein Verbot von Sucharbeiten. Dieses Verbot war eine Reaktion darauf, dass 15 Denkmäler auf realen ukrainischen Gräbern in den Jahren 2014–16 zerstört wurden. Ein Teil davon – live. Im Online-Modus schaute man zu, likte, bat um mehr.

Unter den zerstörten waren unter anderem solche, die Staatssymbole enthielten. Um das zu stoppen, gab es unsere Reaktion. Und ehrlich gesagt, wir stoppten es. Die Zerstörungen hörten auf. In den Verhandlungen machten wir zur Bedingung für die Fortsetzung der Sucharbeiten die Wiederherstellung wenigstens eines Grabes.

Das geschah jedoch nie. Aber von polnischer Seite begannen Manipulationen, dass die Ukraine angeblich Exhumierungen verbiete.

Ich erkläre den Unterschied: Exhumierung ist, wenn wir genau wissen, wo ein Begräbnis ist und dass dort tatsächlich sterbliche Überreste liegen, aber „die Ukrainer, Satanisten, Heiden lassen nicht umbetten“. Jetzt, wo die Ukraine die Genehmigung für Sucharbeiten gegeben hat und diese Arbeiten stattfinden – o Gott, es gibt diese Überreste nicht. Es stellt sich heraus, dass Sucharbeiten nicht unbedingt ein Ergebnis bringen. Es stellt sich heraus, dass viele Informationen, die in Polen als verlässlich gelten, sich in Wirklichkeit auf keinerlei verlässliche Quellen stützen. Und deshalb gibt es die sterblichen Überreste, die eine Exhumierung benötigen, einfach nicht.

Jetzt wird die Behauptung laut, die Ukrainer versteckten diese sterblichen Überreste irgendwo. Und einige Jahre zuvor wurde eine Kampagne über Ukrainer hochgefahren, die nicht Mitglied der Europäischen Union sein können, weil sie grundlegende europäische Werte nicht teilen und den Polen nicht erlauben, ihre Vorfahren zu begraben, die irgendwo auf ukrainischem Boden liegen.

– Wie korrekt ist die Behauptung eines Genozids, wenn die Ukraine zum Zeitpunkt der Wolhynischen Tragödie eine staatenlose Nation war, im Unterschied zu Polen, das zumindest eine Exilregierung hatte?

– Das Territorium stand unter deutscher Okkupation, deshalb sind Gespräche über Genozid, ob von Seiten der Ukrainer oder von Seiten der Polen, unangebracht. Sie haben den staatenlosen Status zu Recht bemerkt. In der Weltgeschichte gibt es keine Beispiele eines Genozids, der bei Abwesenheit eines Staatsapparats durchgeführt wurde.

Um einen Genozid zu organisieren, braucht es eine kolossale Disproportion zwischen Aggressor und Opfer. Sie muss in völliger Schutzlosigkeit der einen und vollständiger Kontrolle über das Territorium durch die anderen bestehen. Dafür braucht es Polizei, Armee, Geheimdienste, Propaganda.

In den Jahren des Zweiten Weltkriegs hatten weder Ukrainer noch Polen eine solche Möglichkeit. Während des polnisch-ukrainischen Konflikts töteten Ukrainer Polen, und Polen töteten Ukrainer. Wo finden Sie in der Weltgeschichte einen Genozid, bei dem Opfer des Genozids ihre Henker töteten? Das Verhältnis lag jedenfalls bei etwas weniger als fünfzig zu fünfzig. Wo finden Sie in der Weltgeschichte einen Genozid, bei dem Opfer und Henker eines Genozids sich an den Verhandlungstisch setzen?

Und es gab Verhandlungen in den Jahren 1941, 1942, 1943, 1944, 1945 zwischen beiden Untergründen. Sie fanden keine gemeinsame Sprache, weil die Konzepte beider Untergrundbewegungen auf Grundlage territorialer Ansprüche einander entgegengesetzt waren. Polen bestand auf der Wiederherstellung der Grenzen von 1939. Die Ukrainer konnten dem nicht zustimmen, weil sie für einen selbständigen vereinten ukrainischen Staat kämpften. Auf die Westukraine zu verzichten war für sie unmöglich, denn gerade sie war der Brückenkopf dieses Kampfes.

Stellen Sie sich vor, Roman Schuchewytsch sagt: „Wir gehen hinter den Sbrutsch und setzen dort den Kampf fort. Die Ukrainische Aufständische Armee stellen wir wie einen Schrank um – irgendwo weiter nach Osten“. Das ist absurd. Deshalb konnten die ukrainischen Aufständischen der polnischen Konzeption nicht zustimmen.

Die Verhandlungen gerieten periodisch in eine Sackgasse, und der bewaffnete Kampf begann. Einschließlich Kriegsverbrechen gegen die Zivilbevölkerung – absolut symmetrisch von beiden Seiten. Das Einzige, was asymmetrisch, unverhältnismäßig war, waren die Verluste. Auf polnischer Seite gab es mehr davon, weil die Hauptarena der Konfrontation Territorien wurden, auf denen Ukrainer die absolute Mehrheit waren. Wenn man zum Beispiel über Wolhynien spricht, dort betrug das Bevölkerungsverhältnis 1:8. Wer hätte also mehr sterben müssen – Ukrainer oder Polen? Offensichtlich spiegelte sich dieses Verhältnis auch in der Zahl der Verluste wider.

– Aus Sicht des heutigen Völkerrechts ist die Operation „Weichsel“ ebenfalls ein klassisches Kriegsverbrechen …

– Eine ethnische Säuberung.

– Gab es neben der Vertreibung der Bevölkerung auch eine massenhafte Wegnahme ukrainischer Kinder? 

– Kriegsverbrechen und Genozid sind verschiedene rechtliche Kategorien. Das, was während des polnisch-ukrainischen Konflikts geschah, nicht nur in Wolhynien, sondern auch in Galizien, in der Lemkenregion, im Cholmer Land und nicht nur 1943, sondern auch von 1942 bis 1947, einschließlich der von Ihnen erwähnten „Weichsel“ – all das enthielt Elemente von Kriegsverbrechen von beiden Seiten.

Gerade „Weichsel“ ist jenes Kriegsverbrechen, das Ukrainer und Polen hätte vereinen sollen, weil es ein typisches kommunistisches Verbrechen ist, durchgeführt von der polnischen kommunistischen Macht. Meiner Meinung nach hätte es hier Gründe für eine gemeinsame Position geben müssen. Mehr noch, sie existierte: In den 90er-Jahren nahm der polnische Senat eine Entscheidung mit der Verurteilung der Aktion „Weichsel“ an.

Das war dann später, als Karol Nawrocki, der heutige Präsident Polens, Leiter des polnischen Instituts für Nationales Gedenken wurde, dass die 20-jährige Untersuchung gestoppt wurde.

Obwohl es sogar vorläufige Schlussfolgerungen gab, wonach es sich nicht um ein Verbrechen, sondern um eine notwendige Maßnahme zum Schutz der polnischen Bevölkerung vor den Banditen der Ukrainischen Aufständischen Armee gehandelt habe. Das heißt, im Vergleich zu den 1990er Jahren hat Polen im Verständnis seiner Vergangenheit einen vollständigen Rückschritt erlebt.

– Bis 2022 war die Ukraine Objekt, nicht Subjekt der internationalen Politik und stellte in der ukrainisch-polnischen Diskussion nie Gegenforderungen und Ansprüche. Vielleicht ist es Zeit?

– Wenn es um Forderungen geht wie Józef Piłsudski aus dem Pantheon der Helden Polens zu entfernen, dann ist das absurd. Ich bin kategorisch dagegen, Dummheit mit Dummheit zu beantworten. Lasst uns den Absurdität nicht vermehren. Aber wenn es um die Ehrung von Ukrainern geht, die durch die Hände von Polen starben, dann muss man das tun.

Auf der Plattform der Ukrainischen Katholischen Universität wird derzeit ein Projekt der namentlichen Verifizierung aller Opfer umgesetzt. Es wurden 30 Tausend Ukrainer festgestellt, die während des Konflikts von Polen getötet wurden. Davon sind 10 Tausend Opfer in Wolhynien. Nichts Ähnliches gibt es von polnischer Seite.

Von polnischer Seite haben wir stattdessen die Zahl von 100 Tausend Opfern, die einfach im Gesetz festgeschrieben ist und nicht einmal diskutiert wird. In all den Jahren der Diskussionen ist es ihnen nicht gelungen, diese Zahl methodisch anhand von Quellen zu belegen.

Noch ein wichtiger Moment, der polnische Politiker dazu bewegt, über die Unzulässigkeit einer Revision von Fakten zu erklären – die Öffnung der KGB-Archive. Wir erhielten beispiellosen Zugang zu Dokumenten, darunter auch über den polnisch-ukrainischen Konflikt. Die Hauptarena des Konflikts war das Territorium der heutigen Ukraine und teilweise Ostpolens.

Ohne Dokumente ist es sehr schwierig zu verstehen, was damals geschah. Die überwiegende Mehrheit der polnischen Konzepte hingegen, insbesondere jener, die Anfang der 2000er Jahre populär wurden und später die Grundlage des Genozid-Ansatzes bildeten, stützte sich auf Erinnerungen von Zeitzeugen. Diese Aussagen wurden erst in den 1990er- und 2000er-Jahren aufgezeichnet.

Ein anschauliches Beispiel für die Fehlerhaftigkeit vieler dieser Zeugnisse wurde ein Foto, das die polnische Seite bis heute verwendet – Kinder, die mit Stacheldraht an einen Baum gebunden sind. Man nannte ihn sogar „Baum der unabhängigen Ukraine“. Es begannen Erinnerungen aufzutauchen, dass es so etwas in verschiedenen Dörfern gegeben habe. Und jemand erklärte sogar, es habe nicht einen Baum gegeben, sondern eine ganze Allee.

So dauerte es bis 2006–2008, bis polnische Journalisten feststellten, dass dieses Foto eine Illustration aus einem Psychiatrielehrbuch ist, auf dem Kinder dargestellt sind, die von einer wahnsinnigen Mutter getötet wurden. Das ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie verzerrt Erinnerungen sein können.

Dieses Foto hat keinerlei Bezug zur Ukraine. Aber es wurde allen Ernstes als Entwurf für ein Denkmal für die Opfer der Wolhynischen Tragödie in Warschau betrachtet. Das Einzige, was damals diskutiert wurde, war die Ästhetik: Vielleicht würde den Menschen ein derart schreckliches Bild nicht gefallen.

Ukrainische Forschungen finden auf dokumentarischer Grundlage statt, und sie stellen den einseitigen Ansatz infrage, dem zufolge Ukrainer nur Mörder und Polen nur Opfer sind. Und gerade das, so scheint mir, veranlasste die polnischen Politiker, die Diskussion in einem für sie günstigen Stadium zu beenden: in dem alles als geklärt gilt und jeder, der widerspricht, als Revisionist gilt.

Mein zweites Buch „Der ukrainisch-polnische Krieg“ erschien auf Polnisch und Englisch. Wenn man den polnischsprachigen oder englischsprachigen, offensichtlich von Polen redigierten Artikel über dieses Buch oder über mich anschaut, dann ist Vyatrovych ein „wolhynischer Revisionist“, weil er irgendwelche Schlüsselkonzepte infrage stellt. Ja, ich stelle sie infrage, weil sie sich überhaupt nicht auf eine ernsthafte Methodik oder auf ernsthafte Quellen stützen.

– Aber auch einige ukrainische Historiker bestehen auf einer Revision der Erinnerungspolitik gegenüber der UPA – der außerhalb der Ukraine bekannte Jaroslaw Hryzak, Heorhij Kasjanow, Danylo Janewskyj und nicht nur sie.

– Jaroslaw Hryzak verheddert sich, entschuldigen Sie, in den Aussagen. In polnischen Medien sagt er, dass die Ereignisse in Wolhynien als Genozid qualifiziert werden können. In ukrainischen Medien behauptet er parallel, dass man das nicht als Genozid betrachten könne.

Danylo Janewskyj ist ein Verbreiter rein russischer Narrative – sei es im Zusammenhang mit dem Bewerfen der ukrainischen Befreiungsbewegung, der Dekolonisierung oder der Verteidigung Bulgakows mit Dreck.P Es ist seltsam, dass der ukrainische Verlag „Folio“ periodisch diesen Unsinn von ihm druckt, der nichts mit Geschichte gemein hat. Heorhij Kasjanow ist noch ein „guter“ Mann, der in Polen lebt, von wo aus es leicht ist, über die Verbrechen ukrainischer Nationalisten zu sprechen und sehr schwer, die Verbrechen polnischer Nationalisten zu bemerken.

Von 2010 bis 2014 war Heorhij Kasjanow, systematischer Kritiker des Instituts für Nationales Gedenken und der Politik nationalen Gedenkens als solcher, Mitarbeiter des Instituts für Nationales Gedenken, das zu diesem Zeitpunkt vom Kommunisten Walerij Soldatenko geleitet wurde.

Was den geschätzten Jaroslaw Hryzak betrifft, so wiederholt er die meiner Meinung nach falsche These eines anderen Historikers, eines großen Sympathisanten der Ukraine, Timothy Snyder, der von der „dritten Phase der UPA“ spricht.

Es gab keinerlei Phasen. Die Ukrainische Aufständische Armee begann als antinazistische Widerstandsbewegung Ende 1942, als das gesamte Territorium der Ukraine von den Nazis besetzt war. Das waren dieselben Jungs, die ihren Kampf gegen die Nazis begannen, ihn gegen die Sowjets fortsetzten und periodisch an der dritten, wie sie sagten, unnötigen Front kämpften – gegen den polnischen Untergrund. Warum es sie gab, darüber haben wir schon teilweise gesprochen. Es sind dieselben Menschen. Wer Besatzer war, der war für sie auch Feind.

Geschichte schreiben die Sieger. Leider waren wir nicht unter den Siegern.

Jetzt haben wir die Möglichkeit, selbst unsere Geschichte zu schreiben, weil wir die Möglichkeit haben, den Krieg zu gewinnen.

– Kehren wir zum Pantheon der ukrainischen Helden zurück: Wird dort Stepan Bandera sein, unter Berücksichtigung dessen, welche Reaktion das in Polen hervorrufen wird?

– Ich bin überzeugt, dass er dort sein muss.

Roman Schuchewytsch passt ebenfalls nach allen Kriterien. Leider gibt es kein Grab, entsprechend wird es ein Kenotaph sein.

Und Wassyl Kuk auch. Er ist in Krasne begraben, ich habe mich persönlich um dieses Begräbnis gekümmert. Er vermachte, ihn im Fall der Errichtung eines Pantheons in Kyiv umzubetten. Deshalb ist es für mich neben allem anderen die Erfüllung einer persönlichen Verpflichtung gegenüber Wassyl Kuk.

Wenn man über die UPA spricht, fallen entsprechend dem Gesetz über das Nationale Pantheon nur zwei in diese Kategorie – Schuchewytsch und Kuk. Was die OUN betrifft, sind das offensichtlich Konowalez, Bandera, Melnyk.

Die Umbettung des Letzteren auf dem Nationalen Militärgedenkfriedhof wurde sofort als vorläufig betrachtet, bis zu dem Moment, in dem das Pantheon errichtet wird.

– Ist es korrekt, Bandera und Melnyk in einem Memorial zu platzieren?

– Das ist eine der Funktionen des Pantheons – Menschen zu versöhnen, die stritten, aber für die Sache der selbständigen Ukraine kämpften.

– Aber die Bandera-Anhänger und die Melnyk-Anhänger diskutierten nicht nur, sie schossen sogar in der Emigration aufeinander!

– Und Skoropadskyj mit Petljura? Und die Schlacht bei Motowyliwka, der Aufstand gegen Skoropadskyj? Sie töteten ebenfalls einander, aber zugleich kämpften sie für die Ukraine. Deshalb müssen Skoropadskyj und Petljura, trotz dessen, dass sie zu Lebzeiten Feinde waren, zusammen sein.

– Und Konowalez?

– Ohne Zweifel. Das ist eine der Schlüsselfiguren der ukrainischen Geschichte des 20. Jahrhunderts.

– Die Errichtung der Büste von Masepa in der Kyiv-Petschersker Lawra und das Versprechen von Zelensky, ein Denkmal an der Stelle des gestürzten Lenin in Kyiv zu errichten – ist das ein Versuch, den historischen Fokus von der heiklen Thematik OUN–UPA auf ältere Zeiten zu verschieben?

– In der Ukraine muss es sicher ein Denkmal für Masepa, Petljura, Bandera geben. Und Petljura aus Paris sollte man sicher holen. Er ist es absolut wert, als Staatsführer und Kommandeur des ukrainischen Heeres jener Zeit begraben zu werden.

Und in das Pantheon müssen Pylyp Orlyk, Sahaidatschnyj, Chmelnyzkyj, Fürsten eingehen. Prinzipiell wichtig ist, die Kontinuität von der Rus bis zur Gegenwart zu zeigen.

Was die Präsidenten der Ukraine betrifft, so ist eine solche Option ebenfalls möglich: wenn 20 Jahre nach dem Tod die Kommission keinerlei Vorbehalte feststellt und das Parlament entsprechend abstimmt. Ebenso können die Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine aus der Zeit des Unabhängigkeitskrieges umgebettet werden, also seit 2014.

– Der Grad der Diskussion in der polnischen Gesellschaft unterscheidet sich nicht allzu sehr von dem, was in Russland kurz vor dem umfassenden Krieg geschah. Worin kann das münden?

– Im schlimmsten Fall – in Pogrome gegen Ukrainer. Es gibt viele von ihnen, man kann sie leicht bemerken, sie sind dort schutzlos, wenn der polnische Staat sie nicht schützen wird.

Das, was jetzt mit dem sogenannten Wolhynien-43 geschieht, erinnert mich wirklich an russisches Siegeswahn. Es ist bereits aus dem Bereich irgendwelcher historischer Diskussionen in eine Quasi-Religion übergegangen, in der man nichts diskutieren kann, wo bestimmte Rituale stattfinden, irgendwelche heiligen Worte, heilige Zahlen, an die man sich in keinem Fall heranwagen darf. Und wir haben tatsächlich gesehen, was eine solche Krankheit letztlich mit der russischen Gesellschaft angerichtet hat; ich fürchte, dass so etwas auch mit der polnischen Gesellschaft geschehen kann.

– Für die Eurointegration verzichtete Kroatien auf lebende Nationalhelden. Der Kriegsheld General Ante Gotovina wurde als Kriegsverbrecher nach Den Haag ausgeliefert. Die Enttäuschung der Kroaten hätte beinahe den EU-Beitritt scheitern lassen, aber der General selbst rief aus dem Gefängnis heraus die Nation auf, die Eurointegration beim Referendum zu unterstützen. Ist für die Ukraine eine Variante des zeitweiligen Verzichts auf ihre Helden zugunsten der Mitgliedschaft in der Europäischen Union möglich?

– Weder Bandera noch Schuchewytsch werden die Ukrainer dazu aufrufen, die Erinnerung an sich selbst zugunsten der europäischen Integration zu opfern. Und die heutigen Verteidiger der Ukraine werden nicht erlauben, die Erinnerung an Bandera und Schuchewytsch zu opfern.


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Art der Quelle: Interview
Titel des Originals: Українців у Польщі багато, їх легко помітити. У найгіршому разі це може вилитися в погроми – Володимир В’ятрович. Українська правда. 07.07.2026./span>
Autor: Vyatrovych
Veröffentlichung: 07.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
Link zum Originaltext:

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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Die Blase der polnischen Kränkung und die ukrainische Blutung…Vitaliy Vantsa. 07.07.2026.

Польська бульбашка кривди та українська кровотеча.. Vitaliy Vantsa. 07.07.2026.

Polen erinnert heute immer mehr an einen Menschen, der in einem Boot sitzt, das durch einen Sturm treibt, und statt auf die Wellen zu schauen, ein internes Seminar darüber veranstaltet, wer wem 1943 was gesagt hat.

Das ist sehr edelmütig … fast so, als würde man die Speisekarte eines Restaurants überarbeiten, das bereits brennt.

In Polen gibt es eine lange politische Kultur des historischen Unrechts. Die Teilungen Polens, der Verlust der Staatlichkeit, Besatzungen, Kriege, der Verrat durch die Großmächte – all das sind reale Traumata. Man sollte sie nicht kleinreden.

Doch ein Trauma ist das eine … eine politische Industrie des Traumas ist etwas völlig anderes.

Denn wenn historisches Unrecht zum wichtigsten Treibstoff der eigenen Identität wird, muss es ständig neu angefacht und nachgefüllt werden. Sonst verliert die Blase ihre Spannung. Und wenn die Deutschen weit weg sind, die Russen scheinbar „irgendwo weit weg“ und in Polen kaum noch Juden leben – wer eignet sich dann am besten als lebendige Verkörperung historischen Unrechts?

Richtig … die Ukrainer. Sie sind „praktischerweise“ hier. Ganz in der Nähe. Sie arbeiten. Sie sprechen Ukrainisch. Sie haben ihre eigenen Helden. Sie fragen niemanden um Erlaubnis. Und sie haben – diese Frechheit – irgendwie überlebt.

Genau das scheint manchmal eines der Hauptprobleme zu sein.

Die polnische Politik (genauer gesagt: die Politik!) versteht heute oft nicht, dass die Ukraine nicht im Theater ihrer Erinnerung lebt, sondern auf der Intensivstation. Und wir leiden unter einer massiven Blutung.

Wenn ein Mensch verblutet, führt er keine Podiumsdiskussion darüber, ob das Tourniquet vielleicht zu radikal angelegt wurde. Er zieht das Tourniquet einfach fest.

Wenn der Schmerz unerträglich ist, hält er keinen Vortrag über die langfristige Toxizität von Morphin oder Fentanyl. Er lindert den Schmerz, um nicht zu sterben.

Mit nationalen Symbolen im Krieg verhält es sich möglicherweise ähnlich. In Kriegszeiten greift eine Gesellschaft nicht zu akademisch sterilen Symbolen, sondern zu starken Symbolen – zu denen, die mobilisieren, den Mut aufrechterhalten, Rückgrat geben und gegen das Imperium wirken.

Ja, irgendwann wird die Zeit kommen, den gesamten nationalen Kanon in Ruhe zu überprüfen. Irgendwann wird man ausführlich über Toxizität, Kontexte, Schattenseiten, Verantwortung und internationale Wahrnehmung diskutieren können. Aber im Moment befinden wir uns leider nicht auf einem historischen Symposium.

Unser Alltag heißt Russland. Jeden Tag. Mit Verlusten und massiven Angriffen. Bei uns gibt es Raketen. Drohnen. Schützengräben. Todesnachrichten. Kriegsgefangene. Städte ohne Strom. Kinder in Luftschutzkellern.

Und da wirkt es äußerst befremdlich, wenn man uns aus Warschau gerade jetzt Vorträge hält: „Sind eure Helden überhaupt zivilisiert genug?“

Meine Damen und Herren – wir verbluten gerade. Ihr Seminar über die richtige Verwendung von Verbänden kann man etwas später abhalten.

Das größte Paradoxon besteht darin, dass Polen und die Ukraine noch immer im selben Boot sitzen. Wenn die Ukraine fällt, wird Polen dadurch nicht sicherer. Wenn die Ukraine jedoch die Front hält, gewinnt Polen strategische Tiefe. Und wenn die Ukraine siegt, erhält Polen einen starken Partner an seiner Seite – einen Markt, ein Verteidigungsbündnis, logistische Möglichkeiten, den Wiederaufbau und ein neues Osteuropa. Wenn Polen sich stattdessen mit der Ukraine zerstreitet, schenkt es diesen Raum Berlin, Paris, London, Washington – wem auch immer, nur nicht sich selbst.

Genau darin besteht das strategische Talent des polnischen Populismus: eine einmalige historische Chance zu ergreifen und sich damit selbst auf den Kopf zu schlagen.

Polen hätte der wichtigste Fürsprecher der Ukraine in Europa sein können. Das wichtigste Drehkreuz für den Wiederaufbau. Die wichtigste politische Brücke zwischen der Ukraine und der EU. Der wichtigste Partner einer neuen Sicherheitsarchitektur Osteuropas.

Doch ein Teil der polnischen Politik hat beschlossen, es sei interessanter, gegen tote Ukrainer der 1940er Jahre zu kämpfen, während lebende Ukrainer gegen Russland kämpfen.

Ein „brillanter“ Geschäftsplan!

Fast so, als würde man die Aktien eines künftigen Technologiekonzerns ablehnen, weil einem die Frisur seines Großvaters nicht gefallen hat.

Die Ukraine wird nach diesem Krieg – so hoffe ich sehr – nicht mehr dieselbe Ukraine sein. Sie wird kein Bittsteller mehr sein. Kein „kleiner Nachbar“. Kein schweigendes Objekt fremder Erziehungsversuche.

Sie wird ein Staat mit gewaltiger Kampferfahrung sein, mit einer eigenen Rüstungsindustrie, einer Schule für Drohnentechnologie, einer Armee, die den modernen Krieg tatsächlich kennt, und mit dem politischen Kapital eines Landes, das den russischen Imperialismus aufgehalten hat.

Und wenn Polen glaubt, mit einer solchen Ukraine weiterhin in der Sprache sprechen zu können: „Mit Bandera werdet ihr nicht beitreten“, „Eure Erinnerungskultur ist falsch“, „Wir lassen euch hinein oder eben nicht“, dann ist das keine Diplomatie mehr. Das ist geopolitische Kurzsichtigkeit unter nationaler Flagge.

Besonders amüsant ist auch die Behauptung, die Ukrainer seien eine Belastung für Polen.

Die Ukrainer in Polen arbeiten, zahlen Steuern, gründen Unternehmen, tragen einen Teil des Arbeitsmarktes, stärken die polnische Wirtschaft und schließen demografische Lücken, die die polnische Politik selbst nicht schließen kann.

Und gleichzeitig erklärt man ihnen von den höchsten politischen Tribünen Polens, sie seien das Problem.

Das ist nicht einmal mehr Undankbarkeit. Das ist bereits eine Art wirtschaftliche Schizophrenie mit patriotischem Soundtrack.

Was sollte die Ukraine also tun?

Ganz sicher nicht mit Orden hinterherlaufen.

Nicht betteln.

Nicht versuchen, diejenigen zu überzeugen, die von politischer Kränkung leben.

Nicht die eigene Erinnerungskultur für die Zustimmung des polnischen Elektorats preisgeben.

Nicht den eigenen nationalen Kanon gegen ein vorübergehendes polnisches „Ja“ in Brüssel eintauschen.

Denn wenn es nicht Bandera ist, wird es später Masepa sein. Wenn nicht die UPA, dann Chmelnyzkyj. Wenn nicht Wolhynien, dann das Getreide. Wenn nicht das Getreide, dann der Transport oder die Spediteure. Wenn nicht der Transport, dann „die Ukrainer nehmen uns die Arbeitsplätze weg“.

Wer einen Vorwand finden will, wird ihn leider immer finden.

Deshalb sollte die Strategie einfach sein.

Dankbarkeit – ja.

Erniedrigung – nein.

Dialog – ja.

Erpressung – nein.

Exhumierungen – ja.

Kriminalisierung der ukrainischen Erinnerungskultur – nein.

Partnerschaft – ja.

Polnische Vormundschaft über die ukrainische Identität – nein.

Und noch etwas.

Gute Nachbarschaft entsteht nicht dadurch, dass sich immer nur eine Seite entschuldigt.

Gute Nachbarschaft beruht auf Stärke, Gegenseitigkeit, Respekt und dem Verständnis einer gemeinsamen Bedrohung.

Die beste Garantie für gute nachbarschaftliche Beziehungen der Ukraine ist nicht ein weiterer schöner Gipfel.

Es sind eine starke Armee, eigene Raketen, eigene Drohnen, eine eigene Luftverteidigung, eigene Geheimdienste, eine eigene Rüstungsindustrie, eine eigene Wirtschaft – aber auch eine eigene Erinnerungskultur, die weder durch ein polnisches, ungarisches, russisches noch irgendein anderes Veto blockiert werden kann.

Polen kann seine Blase des historischen Unrechts noch lange weiter aufblasen.

Aber es sollte sich nicht wundern, wenn die Ukraine irgendwann einfach aufhört, an diese Blase zu klopfen, und beginnt, ihre Zukunft mit jenen aufzubauen, die eine Zukunft wollen – und keinen endlosen politischen Friedhof mit Mikrofon.

Denn im Moment ist alles ganz einfach.

Die Ukraine blickt auf die Front.

Die polnischen Populisten blicken in die Vergangenheit und suchen dort nach Umfragewerten.

Und noch etwas Wichtiges:

Über die Geschichte werden wir ganz sicher noch sprechen.

Aber zuerst müssen wir schlicht überleben!

Und genau das scheint man in Warschau bis heute am schwersten zu begreifen. ((


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Titel des Originals: Польська бульбашка кривди та українська
кровотеча.. Vitaliy Vantsa. 07.07.2026.

Autor: Vitaliy Vantsa.
Veröffentlichung / Entstehung: 07.07.2026.
Originalsprache: uk
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Krakau: Hakenkreuz in ukrainischen Farben – Ein Alarmsignal für Polen? Vitaliy Vantsa. 08.07.2026.

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Ein Hakenkreuz in den ukrainischen Farben auf dem Gehweg.

Ich weiß ehrlich gesagt nicht einmal, was ich dazu noch kommentieren soll. Genauer gesagt weiß ich es, aber ich möchte es eigentlich nicht, denn das ist längst keine politische Diskussion mehr, keine „historische Erinnerung“, kein Wolhynien, kein Bandera, keine UPA und auch kein weiterer Fernsehpatriotismus mit Mikrofon.

Das ist inzwischen ein schweres Geschwür … ein widerliches, eiterndes, stinkendes Geschwür, das man lange mit Worten, Fernsehsendungen, Andeutungen, Erpressung, „Mit Bandera werdet ihr nicht beitreten“, „Die Ukrainer sind undankbar“, „Die Ukrainer lachen über die polnischen Opfer“, „Ukrainische Symbole müssen bestraft werden“ aufgebläht hat.

Und jetzt beginnt es aufzubrechen … heute ein Hakenkreuz auf dem Asphalt … morgen Brandstiftung … übermorgen Prügelattacken … Pogrome.

Und danach werden alle ganz erstaunt fragen: „Wie konnte das passieren? Wir haben doch nur über historische Erinnerung gesprochen.“

Ja, natürlich … man hat nur gesprochen … die Ukrainer nur ein wenig entmenschlicht … sie nur ein wenig mit den Nationalsozialisten gleichgesetzt … den eigenen Wählern nur ein wenig erklärt, dass das ukrainische Geschichtsverständnis falsch sei … den Radikalen nur ein wenig die moralische Erlaubnis erteilt.

Und dann hat die Farbe ganz von selbst zur Spraydose gegriffen und angefangen, Hakenkreuze zu malen.

Ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, wer das getan hat … russische Agenten? Für Rubel bezahlte Trolle? Neue polnische braune Nationalisten? Oder ein örtlicher Dummkopf, dem der Fernseher längst das Gehirn ersetzt hat?

Das soll die ABW (Agencja Bezpieczeństwa Wewnętrznego / Agentur für Innere Sicherheit) untersuchen. Und zwar möglichst schnell. Denn wenn der polnische Staat das jetzt nicht behandelt, wird später nicht mehr der Asphalt behandelt werden müssen … sondern Menschen … viele Menschen.

Und nein, das ist wahrscheinlich noch nicht einmal der Höhepunkt … leider noch lange nicht … das ist erst eine Etappe.

Denn Hass beginnt nur selten mit einem Messer. Er beginnt mit einem Witz, einem Etikett, einem Graffiti, dem Schweigen der Nachbarn und dem äußerst bequemen Satz: „Sie sind doch selbst schuld.“

Polen steht jetzt vor einer sehr einfachen Wahl:

▪️ entweder diese Welle jetzt stoppen;

▪️ oder später so tun, als hätte niemand gesehen, wie sie gewachsen ist.

Die Ukrainer lachen nicht über die polnischen Opfer. Aber heute sieht es sehr danach aus, als erlaube sich ein Teil Polens bereits offen, sich über lebende Ukrainer lustig zu machen … über jene, die vor dem Krieg geflohen sind … über jene, die in Polen arbeiten … über jene, deren Angehörige jetzt kämpfen … über jene, die Russland jeden Tag mit Raketen, Drohnen und Artillerie tötet.

Ein Hakenkreuz in den ukrainischen Farben ist keine „Meinung“ mehr … es ist ein Symptom … und ein sehr schlechtes Symptom.

Das Geschwür reift.

Die einzige Frage ist, ob Polen noch in der Lage ist, es zu behandeln – oder ob man beschlossen hat, das Ganze einfach „patriotische Dermatologie“ zu nennen.

Vielen Dank an Łukasz Wantuch für das Originalmaterial aus Krakau.


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Autor: Vitaliy Vantsa.
Veröffentlichung: 08.07.2026.
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Ein Krieg der Paläste in Polen.  Artem Bidenko. 07.07.2026.

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Und nun eine ausführliche Analyse der Beziehungen zu Polen – mit vielen Nuancen, über die bei uns kaum gesprochen wird.

Das polnische Büro unserer Beratungsgruppe SEC Newgate CEE hat einen Bericht über das erste Jahr des Zusammenwirkens von Präsident Karol Nawrocki und der Regierung von Donald Tusk veröffentlicht. Der Titel lautet mit charakteristischer Selbstironie: „Ein Jahr des Zusammenlebens oder der Konfrontation?“. In der Ukraine betrachtet man die polnische Politik meist nur durch einen schmalen Spalt („Was hat Nawrocki diese Woche über Wolhynien gesagt?“). Deshalb möchte ich wiedergeben, wie die Polen selbst diesen Konflikt sehen – und warum alles sehr viel komplizierter ist. Den Bericht selbst stelle ich in die Kommentare; dort findet sich auch meine Folie.

Die zentrale These betrifft nicht einzelne Personen, sondern die Konstruktion des politischen Systems. Die beiden Machtzentren in Polen – Präsident und Ministerpräsident – sind unabhängig davon, wer diese Ämter innehat, zum Konflikt verurteilt, weil das System selbst so aufgebaut ist: unterschiedliche Wahlzyklen, verschiedene Amtszeiten und sich überschneidende Kompetenzen. Diese Konstruktion enthält den Konflikt bereits in sich.

Der schärfste Konflikt zwischen Präsident und Ministerpräsident in der jüngeren Geschichte Polens entbrannte übrigens nicht zwischen politischen Gegnern, sondern zwischen Aleksander Kwaśniewski und Leszek Miller – zwei Politikern derselben Partei, die zwanzig Jahre lang befreundet waren und buchstäblich im selben Hauseingang wohnten; ihre Wohnungen lagen sogar auf derselben Etage. Am Ende führte dieser Konflikt zur Spaltung der Linken und zum Absturz des SLD von 41 auf 11 Prozent.

Daraus ergibt sich eine Formel, die man sich merken sollte: Für einen Krieg zwischen zwei Palästen braucht es keine zwei politischen Lager – zwei Paläste genügen. Persönliche Absprachen können die Spannungen mindern, aber den Konflikt selbst nicht beseitigen.

Die Außenpolitik Polens hat sich inzwischen in das verwandelt, was die Autoren als „mehrere Außenpolitiken gleichzeitig“ bezeichnen. Der Präsident verantwortet die amerikanische Richtung, die Regierung und das Außenministerium die europäische. Jeder Gipfel und jeder Staatsbesuch wird dadurch zum Anlass eines Konkurrenzkampfes darum, wessen Foto später in den Geschichtsbüchern erscheinen wird.

Ein klassisches Beispiel: Vor dem Treffen mit Donald Trump im September 2025 übermittelte das Außenministerium Präsident Nawrocki eine „Anweisung“ für das Gespräch. Die Präsidialkanzlei reagierte empört und warf dem Ministerium vor, die verfassungsmäßige Hierarchie nicht zu kennen. Das Außenministerium wiederum bestand darauf, dass es sich um die offizielle Position des Staates handele, die der Präsident berücksichtigen müsse.

Ein weiteres dauerhaftes Konfliktfeld sind die Ernennungen von Botschaftern – besonders scharf beim Botschafterposten in den Vereinigten Staaten, wo bis heute lediglich ein Geschäftsträger im Amt ist.

Für uns besonders interessant ist das Kapitel über die Sicherheitspolitik, denn dort geht es um Fragen, die die Ukraine unmittelbar betreffen. Die Autoren sprechen vom „Ende der Schonfrist“: Die Sicherheitspolitik, die seit 2022 in Polen eine parteiübergreifende Konsenszone gewesen war, ist inzwischen in den innenpolitischen Machtkampf hineingezogen worden.

Zum symbolischen Wendepunkt wurde der Streit über die Lieferung von Kampfflugzeugen an die Ukraine. Der Präsident warf der Regierung öffentlich vor, ihn darüber nicht informiert zu haben. Die Regierung entgegnete, sämtliche Verfahren seien ordnungsgemäß unter Beteiligung des Nationalen Sicherheitsbüros abgewickelt worden.

Noch schärfer verlief ein Vorfall im Pentagon: Vertreter des Präsidialamtes für nationale Sicherheit schlossen nach Angaben des Berichts den polnischen Verteidigungsattaché von Besprechungen aus. Das Verteidigungsministerium wertete dies als Verletzung der zivilen Kontrolle über die Streitkräfte.

Den Höhepunkt bildete schließlich Nawrockis Veto gegen das Gesetz, das Polen den Zugang zum europäischen Verteidigungsinstrument SAFE eröffnet hätte. Dadurch musste die Regierung das gesamte Modell der Rüstungsfinanzierung überarbeiten und mit den Partnern neu verhandeln.

Daneben schwelt weiterhin ein Konflikt um Personalentscheidungen in den Geheimdiensten. Der Präsident blockierte die Ernennung von mehr als hundert Offizieren und verlangte direkten Zugang zu den Leitern der Nachrichtendienste, während die Regierung darauf besteht, dass dies ausschließlich innerhalb klar definierter institutioneller Verfahren erfolgen dürfe.

Nun direkt zur Ukraine.

Der Bericht bezeichnet Nawrockis Kurs als „zweigleisig“. Einerseits erkennt er die Ukraine als Opfer der russischen Aggression an und versteht, dass ihre Unabhängigkeit für die Sicherheit Polens von entscheidender Bedeutung ist. Andererseits lehnt er eine „bedingungslose“ Beziehung zu Kyiv grundsätzlich ab und stellt polnische Interessen – insbesondere historische Fragen – in den Vordergrund.

Konkret erklärte Nawrocki bereits im Wahlkampf, einer Integration der Ukraine in NATO und EU müsse eine „ehrliche Verständigung über die schwierigen Seiten der gemeinsamen Geschichte“ vorausgehen – gemeint sind Wolhynien sowie eine Neubewertung der ukrainischen Haltung gegenüber OUN und UPA.

Im August 2025 legte er zudem ein Veto gegen die Novellierung des Gesetzes zur Unterstützung ukrainischer Staatsbürger ein. Und was anschließend mit dem Orden des Weißen Adlers geschah, kennen wir alle.

Der Bericht zieht daraus eine nüchterne Schlussfolgerung: Mit einer baldigen Abschwächung dieser Haltung ist nicht zu rechnen. Für uns ist jedoch besonders wichtig, worum sich der gesamte Bericht eigentlich dreht: um die Komplexität der innenpolitischen Debatten in Polen – und nicht um irgendeine angeblich falsche Position der Ukraine.

Ebenso aufschlussreich ist die Perspektive der Nachbarländer, die der Bericht aus einem Dutzend europäischer Hauptstädte zusammenträgt.

In Prag werden die innerpolnischen Konflikte offen als Gefahr für die Berechenbarkeit der gesamten Region bezeichnet. Man weist darauf hin, dass Warschau zunehmend die Fähigkeit verliere, mit einer Stimme für Mitteleuropa zu sprechen.

In Belgrad spricht man bereits von einem „Kalten Krieg“ an der Spitze der Staatsführung.

Berlin und Paris reagieren gelassener. Die Franzosen erinnern daran, dass sie selbst mehrere Phasen der Kohabitation erlebt hätten, ohne dass der Staat daran zerbrochen wäre. Die Deutschen betonen, Polen sei für sie inzwischen unverzichtbar geworden, und keine innenpolitischen Streitigkeiten würden daran etwas ändern.

Allen Einschätzungen gemeinsam ist jedoch folgender Gedanke: Solange es sich um innere Angelegenheiten Polens handelt, bleibt es eine polnische Angelegenheit. Sobald jedoch externe Akteure beginnen, mit einem Machtzentrum gegen das andere zu spielen – und Washington tut dies nach Einschätzung des im Bericht zitierten Analysten bewusst, indem es den Präsidenten unter Umgehung der Regierung bevorzugt –, hört der Konflikt auf, ausschließlich ein polnisches Problem zu sein.

Zum Schluss versuchen die Autoren, den Konflikt nicht nur zu beschreiben, sondern auch messbar zu machen.

Ihr „Spannungsmesser“ bewertet jede Auseinandersetzung anhand von drei Kriterien: institutionelles Gewicht, Intensität der Rhetorik und tatsächliche Folgen.

Das Ergebnis: Innerhalb von zehn Monaten fiel der Spannungsindex kein einziges Mal auf das Niveau eines wirklichen Waffenstillstands. In acht der zehn Monate übertraf die Schärfe der Rhetorik die tatsächlichen Konsequenzen deutlich. Es handelt sich also vor allem um einen Krieg der Narrative, der sich nur gelegentlich, dann aber schmerzhaft, in Vetos und blockierten Ernennungen konkretisiert.

Für die Ukraine ergeben sich daraus zwei praktische Schlussfolgerungen.

Die erste haben wir bereits verstanden: Man kann nicht mehr davon ausgehen, dass die polnische Unterstützung automatisch dieselbe bleibt wie unter Präsident Duda. Sie ist inzwischen Gegenstand des innenpolitischen Machtkampfes in Polen und nicht länger der kleinste gemeinsame Nenner der beiden Machtzentren.

Wir müssen diese innerpolnischen Konflikte berücksichtigen, Polen nicht mutwillig provozieren – denn sonst verlieren wir Verbündete –, zugleich aber unsere eigenen nationalen Interessen nicht preisgeben. Mit kühlem Kopf sollten wir darauf warten, dass unser engster Verbündeter die Kraft findet, politisch reifer zu werden.

Die zweite Schlussfolgerung ist grundsätzlicher.

Ein Konflikt zwischen zwei Zentren der Exekutive, in den sich externe Akteure einmischen und sich jeweils den für sie günstigeren „Palast“ aussuchen, stellt für jedes Land mit einer doppelten Exekutive ein ernstzunehmendes Risiko dar – auch für unseres.

Streitigkeiten, die zunächst wie harmlose politische Debatten erscheinen, führen unweigerlich zu regionalen Spannungen, zum Verlust von Chancen und zur Schwächung des politischen Potenzials.

Kurz gesagt: Das sind Fehler anderer, aus denen wir selbst lernen sollten.

Anlage:

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Autor: Artem Bidenko
Veröffentlichung: 07.07.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Zwei Polen – und die Zukunft der polnisch-ukrainischen Verständigung. Vitaly Portnikov. 04.07.2026.

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Unsere wichtigste Aufgabe heute besteht nicht darin, uns an all die Kränkungen und Konflikte zu erinnern, die Polen und Ukrainer trennen, sondern jene Polen zu unterstützen, die aufrichtige Befürworter einer polnisch-ukrainischen Verständigung sind. Und wir sollten uns daran erinnern, dass es viele solcher Menschen gibt – sehr viele. Doch auch jene, die die Ukrainer hassen und vom polnisch-ukrainischen Zerwürfnis profitieren wollen, gibt es in großer Zahl. Und im Ringen zwischen diesen beiden Polen wird vieles gerade von uns abhängen.

Ich möchte daran erinnern, dass es auch unter unseren Landsleuten stets Menschen gab, die nicht nur für eine Unterordnung der Ukraine unter Russland eintraten, sondern auch bereit waren, für Politiker zu stimmen, die den ukrainischen Staat demontierten. Menschen, die die ukrainische Sprache, Kultur und Geschichte verachteten und alles daransetzten, dass ihre Position in unserem Land die Oberhand gewann. Und diese Menschen sind auch heute nicht verschwunden – lediglich der Rauch des Krieges hindert uns daran zu erkennen, wie viele es von ihnen gibt. Ja, diese Menschen wählten Präsidenten und Abgeordnete, sie gewannen Wahlen. Und sie können auch in der Nachkriegsukraine wieder Wahlen gewinnen. Doch wir wollten immer, dass man uns nicht mit ihnen gleichsetzt, dass die Menschen um uns herum eine andere Ukraine sehen – eine demokratische, europäische und vor allem ukrainische. Warum also wollen wir in Polen nur jene sehen, die uns verachten, und nicht jene, die gemeinsam mit uns sein wollen?

Die Zukunft der Ukraine und die Zukunft Polens hängen davon ab, ob die Ukrainer, die die Zukunft ihres Landes in Europa sehen – als toleranten, demokratischen und am Staatswohl orientierten Staat –, gemeinsam mit jenen Polen erfolgreich sein werden, die an ein demokratisches und europäisches Polen glauben, das seinen Nachbarn mit Toleranz begegnet.

Die Zukunft hängt davon ab, ob wir uns zusammenschließen und jenen entgegentreten können, die seit Jahrhunderten versuchen, das polnische und das ukrainische Volk auseinanderzubringen.

Jenen in Moskau.


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Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 04.07.2026.
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Kaczyńskis Brief an die PiS: Sechs logische Fehler in seiner Argumentation. Oleksandr Kulyk. 04.07.2026.


Jarosław Kaczyński, der Vorsitzende der Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS)

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Haben Sie den Brief Kaczyńskis an die Mitglieder seiner Partei gelesen? Ich habe ihn gelesen. Das ist schlicht erschreckend. Darüber, was Bandera getan oder nicht getan hat, sollen Historiker sprechen. Ich möchte diesen Text Kaczyńskis unter dem Gesichtspunkt der Logik analysieren. Ich habe darin sechs schwerwiegende logische Fehler festgestellt.

Der erste Fehler ist die fallacia fictae universalitatis, also eine vorschnelle Verallgemeinerung. Aus einzelnen symbolischen Gesten, Bezeichnungen, Erklärungen oder Handlungen der ukrainischen Führung wird auf die gesamte ukrainische politische Elite, die gesamte ukrainische Identität oder sogar auf das „Bewusstsein der ukrainischen Nation“ geschlossen. Das ist eine viel zu weitgehende Schlussfolgerung. Aus der Tatsache, dass der Präsident auf Bitten von Vertretern einer bestimmten Militäreinheit dieser Einheit einen bestimmten Namen verliehen hat, folgt lediglich, dass er dieser Einheit diesen Namen verliehen hat. Das mag einem gefallen oder nicht gefallen, sagt aber nichts über das „Bewusstsein der ukrainischen Nation“ aus.

Der zweite Fehler ist die ignoratio elenchi. Die ursprüngliche These könnte konkret lauten: „Ist es angemessen, eine ukrainische Militäreinheit nach Persönlichkeiten oder Formationen zu benennen, die mit der Wolhynien-Tragödie in Verbindung stehen?“ Doch anschließend wird diese These durch eine wesentlich umfassendere ersetzt: „Die Ukraine baut ihr nationales Bewusstsein auf dem Banderismus auf.“ Das ist bereits eine andere Behauptung.

Der dritte Fehler ist ein non sequitur, also eine Schlussfolgerung, die sich nicht aus den Prämissen ergibt. Kaczyński geht von der Prämisse aus, dass „eine ukrainische Einheit einen problematischen Namen erhalten hat“, und gelangt zu der Schlussfolgerung: „Folglich formen die ukrainischen Eliten einen rassistischen, antipolnischen und antisemitischen Nationalismus.“ Welcher unmittelbare Zusammenhang besteht zwischen diesen Aussagen? Worin zeigt sich der Antisemitismus von Volodymyr Zelensky, der jüdischer Herkunft ist, das Gesetz „Über die Verhütung und Bekämpfung des Antisemitismus in der Ukraine“ unterzeichnet hat und erst kürzlich Änderungen des Strafgesetzbuches unterzeichnete, die die Strafen für antisemitische Handlungen verschärfen? Was den Rassismus betrifft, so klingt dieser Vorwurf geradezu absurd. Wen unterdrücken die Ukrainer aufgrund seiner Rasse? Einen solchen Vorwurf habe ich nicht einmal von den Russen gehört.

Der vierte Fehler ist die fallacia falsae dilemmatis, also ein falsches Dilemma. Kaczyński stellt die Wahl so dar, als gebe es nur zwei Möglichkeiten: Entweder verteidigt Polen seine Würde und die christliche Zivilisation, oder es duldet den „Banderismus“. Es gibt jedoch weitere mögliche Positionen: die Ukraine im Krieg gegen Russland unterstützen und zugleich problematische historische Symbole kritisieren; einen Dialog der Historiker fordern; zwischen der heutigen Ukraine und der OUN/UPA unterscheiden usw. Das tatsächliche Spektrum möglicher Positionen ist also wesentlich breiter, als Kaczyńskis Text suggeriert.

Der fünfte Fehler ist ein argumentum ad hominem abusivum, also die Dämonisierung des Gegners. Begriffe wie „rassistisch“, „antipolnisch“, „antisemitisch“, „verbrecherisch“, „unmenschlich“ oder „grausame Mörder“ erfüllen nicht nur eine beschreibende Funktion, sondern dienen zugleich der starken emotionalen Diskreditierung. Sie setzen von vornherein den Rahmen: Der Gegner irrt sich nicht einfach, sondern wird einem moralisch verwerflichen Phänomen zugeordnet.

Der sechste Fehler ist ein weiteres non sequitur im Zusammenhang mit dem Orden des Weißen Adlers. Aus der Tatsache, dass Nawrocki Zelensky aufgefordert hat, den Orden des Weißen Adlers zurückzugeben, und Zelensky ihn zurückgegeben hat, folgt keineswegs, dass „die Ukrainer mit noch größerer Aggression geantwortet haben“. Die Rückgabe eines Ordens ist keine Aggression.

Natürlich ist auch Kaczyńskis Behauptung interessant, die moderne ukrainische Nation habe sich seit 1991 vor seinen Augen herausgebildet, während die polnische Nation „tausend Jahre alt“ sei. Das gehört allerdings nicht mehr in den Bereich der Logik, sondern eher in den der Psychologie.

Auf dem beigefügten Scan der Auszüge aus diesem Brief können Sie sehen, an welchen Stellen sich diese Fehler befinden. Den vollständigen Brief auf Polnisch finden Sie über den Link in den Kommentaren.

Zur Erinnerung: Jarosław Kaczyński ist der Vorsitzende der Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS), die zu den populärsten Parteien Polens gehört.


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Autor: Oleksandr Kulyk
Veröffentlichung / Entstehung: 04.07.2026.
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Der Krieg der Erinnerungen: Wem nützt der polnisch-ukrainische Geschichtsstreit? Oleh Cheslavskyi. 04.07.2026.

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Es gibt ein Spiel, das zwei Völker unendlich lange spielen können – und gewinnen wird dabei immer ein Dritter. Es ist das Spiel der Abrechnung. Wer wen zuerst, wer wen mehr, wessen Dörfer häufiger brannten und wessen Kinder tiefer begraben liegen. Die Regeln sind einfach: Du legst deine Toten auf den Tisch, ich lege meine darauf, und so geht es weiter, bis zwischen uns nichts mehr errichtet werden kann außer einer gemeinsamen Grube. Moskau kennt diese Regeln besser als wir beide, denn es hat sie selbst geschrieben.

Wie man uns beibrachte, richtig zu hassen

Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb Polen formal ein Staat, tatsächlich aber war es ein Gebiet unter totalitärer Kontrolle Moskaus – durch das Marionettenregime der Volksrepublik Polen und die Geheimdienste UB und SB, die bis in die letzte Dienststelle hinein vom NKWD und später vom KGB gelenkt wurden. Und diesem Apparat war eine ganz konkrete Aufgabe gestellt. Nicht nur, die Polen in Unterwerfung zu halten. Sondern auf Dauer jede mögliche Allianz der beiden unterdrückten Völker – der Ukrainer und der Polen – gegen ihren gemeinsamen Feind unmöglich zu machen, dessen Name russischer Imperialismus lautet.

Die Methode war in ihrer Einfachheit elegant. Die sowjetische Propaganda konstruierte eine schwarz-weiße Assoziationskette, in der jede kompromisslose nationale Befreiungsbewegung automatisch das Etikett erhielt: Faschismus, Banditentum, Massaker. Die tragischsten Seiten des polnisch-ukrainischen Krieges, vor allem Wolhynien, wurden aus dem Gesamtkontext des Kampfes um Staatlichkeit herausgerissen, übersteigert und zu einem grundlegenden emotionalen Trigger gemacht. Nicht zu einem Gegenstand der Forschung. Sondern zu einem Knopf.

Und dieser Knopf funktioniert bis heute. Die heutige scharfe Reaktion eines Teils der polnischen Gesellschaft schon auf das Wort „Banderowez“ ist zu einem großen Teil das Auslösen eines Reflexes, der von eben jenem Apparat eingeprägt wurde. Hier muss man bis zum Ende ehrlich sein, denn genau daran zeigt sich wahre Ehrlichkeit: Die Wolhynien-Tragödie ist keine Erfindung des KGB. Sie hat stattgefunden, sie ist dokumentiert, sie wurde vom polnischen Sejm anerkannt, und für das familiäre Gedächtnis der Polen ist sie eine offene Wunde und keine propagandistische Konstruktion. Das sowjetische System hat sie im Übrigen jahrzehntelang verschwiegen, weil ein Massaker zwischen „Brudervölkern“ das Bild der Völkerfreundschaft störte. Doch den Deutungsrahmen des Ukrainertums als solchem, die Optik, durch die ein Pole jede ukrainische Befreiungsbewegung betrachtet, schuf gerade die sowjetische Maschinerie. Und heute schafft Russland diese Wunde nicht. Es vertieft sie. Es genügt, ein Streichholz hinzuhalten.

Die Symmetrie, die man in Moskau nur ungern schwarz auf weiß sähe

Um die ukrainische Seite dieses Krieges ohne sowjetische Brille zu verstehen, muss man nicht mit dem Jahr 1943 beginnen, sondern mit 1918. In der Zwischenkriegszeit verübte die Zweite Polnische Republik eine bewaffnete Aggression gegen die Westukrainische Volksrepublik, besetzte die westukrainischen Gebiete und führte ein Regime der Zwangsassimilation ein. Die Osadnik-Politik, also die Kolonisierung ukrainischer Gebiete durch polnische Militärangehörige. Die Schließung ukrainischer Schulen. Die Zerstörung von Kirchen. Die „Pazifizierung“ – massenhafte Strafaktionen gegen die ukrainische Zivilbevölkerung. Den Ukrainern wurden systematisch alle legalen Instrumente genommen, ihre Rechte zu verteidigen –     und anschließend wunderte man sich, dass diese Verteidigung in die Illegalität abglitt.

Die Radikalisierung der OUN war eine direkte, symmetrische Antwort auf den staatlichen Terror und auf die hartnäckige Weigerung, den Ukrainern das Recht auf einen eigenen Staat zuzugestehen. Und hier drängt sich eine Analogie auf, vor der die polnische Geschichtsschreibung lieber die Augen verschließt. Das genaueste Gegenstück zu Bandera und der UPA im heutigen polnischen Geschichtsbewusstsein sind die „Verfemten Soldaten“ (Żołnierze wyklęci). Szendzielarz „Łupaszko“, Kuraś „Ogień“. Polen heroisiert sie wegen ihres kompromisslosen Kampfes gegen die sowjetische und die nationalsozialistische Besatzung, wegen der Verteidigung der polnischen Staatlichkeit, und blendet dabei ihre Methoden und Verbrechen an der ukrainischen, litauischen, slowakischen und jüdischen Zivilbevölkerung leicht aus. Der doppelte Maßstab gegenüber der UPA ist eine unmittelbare Folge der Bewahrung eben jener sowjetischen Sichtweise – allerdings dort, wo es um den fremden Befreiungskampf gegen polnische Herrschaft geht.

Und nun zu den konkreten Fakten. Nicht, um eine Rechnung zu präsentieren. Sondern um zu zeigen, dass diese Rechnung, falls wir sie präsentieren wollten, keineswegs leer wäre. Wir haben unser eigenes umgekehrtes Pantheon. Nur haben wir es nicht auf ein Podest gestellt, sondern in eine Schublade gelegt. Hier sind vier Namen daraus.

Romuald Rajs, „Bury“

Kommandeur einer Einheit der Nationalen Militärischen Vereinigung (NZW). Januar–Februar 1946, Podlachien. Das Kriterium für die Auswahl der Opfer war primitiv und bedurfte keiner Untersuchung: orthodoxer Glaube und eine nichtpolnische Sprache.

Bei den Strafaktionen wurden 79 orthodoxe belarussische und ukrainische Zivilisten getötet. Die Dörfer Zanie, Szpaki und Zaleszany wurden vollständig niedergebrannt. Wehrlose Menschen, darunter Frauen und Kinder, wurden in ihre Häuser getrieben, eingeschlossen und bei lebendigem Leib verbrannt. Fuhrleute wurden erschossen, weil sie ein Gebet nicht auf Polnisch aufsagen konnten.

1995 rehabilitierte ein polnisches Gericht „Bury“ offiziell und subsumierte die Massenmorde an Zivilisten unter den Begriff des „rechtfertigenden Notstands“ und des „Kampfes für die Unabhängigkeit“. Später erkannte sogar das polnische Institut für Nationales Gedenken unter dem Druck der Beweise an, dass die Taten der Einheit Merkmale eines Verbrechens mit Elementen des Völkermords aufweisen. Das änderte jedoch nichts. Rechtsextreme veranstalten bis heute jedes Jahr Märsche zu seinen Ehren.

Zenon Jachymek, „Wiktor“

Kommandeur des Verbands der Heimatarmee (Armia Krajowa) im Kreis Hrubieszów. Gemeinsam mit Stanisław Basaj, „Ryś“, leitete er im Frühjahr 1944 unmittelbar die Strafaktionen im Cholmer Land. Die Befehle zur Vernichtung ukrainischer Zentren zusammen mit der Zivilbevölkerung wurden bewusst erteilt.

Die ukrainischen Dörfer Sahryń, Miątkie, Sachończyce und andere wurden zu Asche. Hunderte friedliche Einwohner – Frauen, Kinder und alte Menschen – kamen ums Leben.

Im offiziellen polnischen Geschichtsgedächtnis ist Jachymek keine problematische Figur, sondern ein unbestrittener Held des Untergrunds. Er wurde mit den höchsten militärischen Auszeichnungen geehrt, darunter dem Orden Virtuti Militari. Die Geschichtsschreibung neigt bis heute dazu, ihn zu romantisieren und die Morde mit „militärischer Notwendigkeit“ und der „Liquidierung von UPA-Stützpunkten“ zu rechtfertigen.

Stanisław Basaj, „Ryś“

Kommandeur eines Bataillons der Bauernbataillone (Bataliony Chłopskie, BCh) im Cholmer Land. Seine Einheit führte die sogenannten „Vergeltungsaktionen“ mit besonderer Gründlichkeit durch. Sahryń und die benachbarten ukrainischen Dörfer Szychowice und Lasków gehören zu den blutigsten Kapiteln der Geschichte des Cholmer Landes.

An nur einem Tag töteten polnische Partisanen zwischen 800 und 1200 ukrainische Zivilisten. Die Dörfer wurden gezielt niedergebrannt; die Opfer waren überwiegend Frauen, Kinder und ältere Menschen, die mit bewaffneten Formationen nichts zu tun hatten.

Im heutigen nationalistischen Narrativ gilt Basaj als Symbol eines furchtlosen Verteidigers polnischer Dörfer. Straßen tragen seinen Namen, ihm werden Denkmäler und Gedenktafeln gewidmet. Die tausend Ermordeten werden entweder verschwiegen oder als „Präventivschläge“ gerechtfertigt.

Józef Bis, „Wacław“

Kommandeur der OP-26-Gruppe der Heimatarmee. März 1945, das ukrainische Dorf Pawłokoma. Die Logik des Massakers war einfach und total: Die einheimischen Polen wurden ausgesondert und freigelassen, die Ukrainer zur Vernichtung bestimmt.

366 Ukrainer wurden erschossen und in Gruben geworfen. Unter den Ermordeten waren alte Menschen, Frauen, Kinder und Säuglinge.

Jahrzehntelang stilisierte die polnische Geschichtsschreibung „Wacław“ zum Helden des antikommunistischen Untergrunds und klammerte Pawłokoma aus seiner Biografie aus. Erst in den 2000er Jahren wurde unter dem Druck der Fakten und der Aussagen der Überlebenden die Wahrheit öffentlich. Für einen Teil der Radikalen ist Bis bis heute ein „Verteidiger“.

Und nun das Wichtigste. Die Leere auf der anderen Seite

Ich könnte diese Liste fortsetzen. Sie endet nicht bei vier Namen. Und genau darin liegt der Kern.

Schauen Sie sich an, womit die polnische Seite das Thema Wolhynien auflädt. Mit einer Resolution des Sejm zum Völkermord. Mit einem eigenen Gedenktag. Mit dem Institut für Nationales Gedenken und seinem Gewicht. Mit Exhumierungen als Voraussetzung für die bilateralen Beziehungen. Mit diplomatischen Noten. Das ist staatliche Leidenschaft, multipliziert mit politischen Ressourcen und verstärkt durch Wahlkämpfe.

Und schauen Sie nun, was auf unserer Seite denselben Namen derselben Dörfer gegenübersteht. Sahryń. Pawłokoma. Podlachien. Dieselben niedergebrannten Häuser, dieselben Gruben, dieselben Frauen und Kinder – nur unter einer anderen Überschrift. Wo ist der ukrainische Gedenktag für Sahryń? Wo ist die ukrainische Resolution zum Völkermord im Cholmer Land? Wo sind die diplomatischen Noten, die Vorbedingungen, die jährlichen staatlichen Gedenkfeiern, die Straßen, die nach unseren Toten benannt sind, und die Wahlkampagnen, die auf ihren Gebeinen errichtet wurden?

Es gibt sie nicht. Und das nicht, weil wir nichts davon wüssten. Das Material, das Sie gerade gelesen haben, liegt bereit. Die Zahlen sind dokumentiert, die Namen der Täter bekannt, die Dörfer auf der Karte verzeichnet. Wir könnten morgen eine spiegelbildliche Kampagne beginnen, und sie wäre nicht schwächer als die polnische, in mancher Hinsicht sogar überzeugender, weil ein Teil dieser Verbrechen sogar vom polnischen Institut für Nationales Gedenken anerkannt wurde.

Wir tun es nicht. Kein einziges Mal hat die Ukraine während ihrer gesamten Unabhängigkeit daraus Staatspolitik gemacht.

Warum wir es nicht tun. Und warum das keine Schwäche, sondern Reife ist

Hier kann man leicht ausrutschen und sagen: weil wir edler sind. Das wäre eine Lüge und eine Falle – nur eine weitere Abrechnung, diesmal moralischer Art. Darum geht es nicht.

Es geht um Erfahrung. Wir haben etwas durchlebt, was Polen trotz seiner gesamten Erinnerung in diesem Ausmaß nicht erlebt hat: die direkte, umfassende Konfrontation mit einem Imperium, das kommt, um dich allein deshalb zu töten, weil du getrennt von ihm existierst. Und diese Erfahrung hat etwas gelehrt. Vor allem das Wichtigste: den wirklichen Feind vom aufgezwungenen Feind zu unterscheiden. Die Hand zu erkennen, die gegeneinander aufhetzt, und nicht nur die Axt zu sehen, mit der die Aufgehetzten einander erschlagen.

Ein Volk, das täglich mit Blut für seine Unabhängigkeit bezahlt, hört sehr schnell auf, den Nachbarn mit dem Besatzer zu verwechseln. Politisch sind wir nicht in Amtsstuben erwachsen geworden, sondern unter Beschuss. Und aus dieser Reife heraus erkennt man, was man vom Wahltisch in Warschau aus nicht sieht: Der Brudermord der Jahre 1943 bis 1947 ist keine Geschichte darüber, dass die Polen Henker und die Ukrainer Engel waren oder umgekehrt. Es ist die Geschichte einer Peripherie, in der der Zusammenbruch von Imperien und das kalte Kalkül Berlins und Moskaus ein Vakuum schufen, in dem zwei unterdrückte Völker, beide ohne eigenen Staat, einander abschlachteten – zur Freude jener, die dieses Vakuum geschaffen hatten.

Deshalb bleibt die Schublade geschlossen. Nicht, weil sie leer wäre. Sondern weil wir verstanden haben, wem es nützt, wenn sie geöffnet wird.

Die Frage, die auf dem Tisch bleibt

Also, Polen – die Frage richtet sich nicht persönlich an euch und auch nicht danach, wessen Helden reiner sind. Es ist eine gemeinsame und einfache Frage.

Wollen wir wirklich Krieg mit der Geschichte führen? Denn wenn wir das wollen, dann wisst: Wir haben ebenfalls etwas vorzulegen. Die Liste ist fertig, die Dörfer sind markiert, die Täter benannt. Wir können unsere Toten als Antwort auf eure Toten auf den Tisch legen – und das Spiel wird nach euren Regeln beginnen und so lange dauern, bis zwischen uns nichts mehr bleibt als eine gemeinsame Grube.

Und über dieser Grube wird sich derselbe zufrieden die Hände reiben, der sich seit acht Jahrhunderten von unseren Streitigkeiten ernährt. Derselbe, der 1944 eure Dörfer durch fremde Hände niederbrennen ließ – und unsere ebenso durch fremde Hände. Derselbe, der die Regeln dieses Spiels geschrieben hat und geduldig darauf wartet, dass wir uns wieder an den Tisch setzen.

Wir setzen diese Runde aus. Nicht, weil wir keine Karten hätten. Sondern weil wir wissen, wer die Bank hält.

Anlagen:

📜 Wenn höchste staatliche Auszeichnungen Verbrechen gegen die Menschlichkeit in den Schatten stellen, wird das historische Gedächtnis zu einem gefährlichen Instrument der Manipulation und selektiven Blindheit.

👤 Zenon Jachymek (Deckname „Wiktor“) – Kommandeur des Verbands der Heimatarmee (Armia Krajowa, AK) im Kreis Hrubieszów.

◼️ Der blutige März 1944: Sahryń, Miątkie, Sachończyce

Gemeinsam mit Stanisław Basaj („Ryś“) war Jachymek unmittelbarer Leiter und Organisator groß angelegter Strafaktionen im Cholmer Land. Unter seinem Kommando wurden bewusst Befehle zur vollständigen Vernichtung ukrainischer Ortschaften samt ihrer Zivilbevölkerung erteilt.

Infolge dieser planmäßig durchgeführten Angriffe wurden die ukrainischen Dörfer Sahryń, Miątkie, Sachończyce und weitere in Schutt und Asche gelegt. Hunderte friedliche Einwohner – Frauen, Kinder und alte Menschen – fielen einer umfassenden Vernichtung zum Opfer.

🏛 Orden statt Verantwortung

In der offiziellen polnischen Geschichtsschreibung und im nationalen Gedächtnis wird Zenon Jachymek als unbestrittener Held des antikommunistischen Untergrunds geehrt. Er wurde mit den höchsten militärischen Auszeichnungen Polens geehrt, darunter mit dem Orden Virtuti Militari (dem höchsten polnischen Militärorden für Tapferkeit vor dem Feind).

Doch hinter dem Glanz dieser Auszeichnungen verbirgt sich die blutige Spur ethnischer Säuberungen. Die offizielle Geschichtsschreibung neigt bis heute dazu, seine Person zu romantisieren und die Massenmorde an Ukrainern mit „militärischer Notwendigkeit“ und der „Liquidierung von UPA-Stützpunkten“ zu rechtfertigen, wobei die gezielte Vernichtung der Zivilbevölkerung vollständig ausgeblendet wird.

⚠️ Keine militärischen Dienstgrade, Orden oder Verdienste um den eigenen Staat können die Verantwortung für Kriegsverbrechen und Gewalt gegen wehrlose Menschen aufheben.

🕯 Das Gedenken an die zerstörten ukrainischen Dörfer des Cholmer Landes verlangt eine ehrliche Auseinandersetzung ohne doppelte Maßstäbe. Historische Wahrheit ist mit der Heroisierung jener unvereinbar, die Befehle zur Tötung von Zivilisten erteilten.

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📜 Wenn das staatliche Pantheon seine Tore für jene öffnet, deren Hände bis zu den Ellbogen im Blut Unschuldiger stecken, ist das nicht nur eine Herausforderung für die historische Gerechtigkeit, sondern auch für die elementare Menschlichkeit.

👤 Romuald Rajs (Deckname „Bury“) – Kommandeur einer Einheit der Nationalen Militärischen Vereinigung (NZW).

◼️ Strafaktionen in Podlachien (Januar–Februar 1946)

Die Einheit „Bury“ führte eine Reihe brutaler Massaker an der Zivilbevölkerung Podlachiens durch. Das Auswahlkriterium für die Opfer war ebenso schlicht wie erbarmungslos: orthodoxes Glaubensbekenntnis und Sprache.

Im Zuge dieser Strafaktionen wurden 79 orthodoxe belarussische und ukrainische Zivilisten ermordet. Die Dörfer Zanie, Szpaki und Zaleszany wurden vollständig niedergebrannt. Besonders zynisch und grausam war, dass wehrlose Menschen, darunter Frauen und Kinder, in Häuser getrieben, eingeschlossen und bei lebendigem Leib verbrannt wurden. Fuhrleute wurden allein deshalb erschossen, weil sie ein Gebet nicht auf Polnisch aufsagen konnten.

🏛 Rehabilitierung des Verbrechens und Märsche zu Ehren des Henkers

Im heutigen Polen gehört Rajs zu den umstrittensten und tragischsten Figuren im Zusammenhang mit der Ehrung der „Verfemten Soldaten“ (Żołnierze Wyklęci).

1995 rehabilitierte ein polnisches Gericht „Bury“ offiziell und rechtfertigte die Massenmorde an Zivilisten mit der absurden Begründung eines „rechtfertigenden Notstands“ und des „Kampfes für die Unabhängigkeit“.

Obwohl später sogar das polnische Institut für Nationales Gedenken (IPN) unter dem Druck unwiderlegbarer Beweise anerkennen musste, dass die Taten der Einheit Rajs Merkmale eines Verbrechens mit Elementen des Völkermords aufweisen, hielt dies die Heroisierung nicht auf. Bis heute veranstalten rechtsextreme und radikale Gruppen in Polen jährlich Märsche zu seinen Ehren und erheben den Mörder friedlicher Dorfbewohner zum Nationalhelden.

⚠️ Keine Verdienste im antikommunistischen Untergrund können ethnische Säuberungen, das Verbrennen von Menschen bei lebendigem Leib und den gezielten Terror gegen die Zivilbevölkerung aufgrund ihrer Sprache oder Religion rechtfertigen.

🕯 Das Gedenken an die Opfer Podlachiens ist ein schmerzliches Zeugnis dafür, wohin selektive Blindheit einer Gesellschaft und politisch motivierte Versuche führen, Kriegsverbrechen im Namen eines nationalen Mythos reinzuwaschen.

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📜 Wenn Geschichte ausschließlich durch das Prisma eines nationalen Mythos geschrieben wird, versucht man Kriegsverbrechen und Massenmorde oft hinter dem bequemen Schleier einer „Verteidigungsnotwendigkeit“ zu verbergen.

👤 Stanisław Basaj (Deckname „Ryś“) – Kommandeur eines Bataillons der Bauernbataillone (Bataliony Chłopskie, BCh) im Cholmer Land.

◼️ Die Vernichtung von Sahryń und der umliegenden Dörfer (März 1944)

Die Einheit „Ryś“ zeichnete sich bei den sogenannten „Vergeltungsaktionen“ durch besondere Grausamkeit aus. Die Tragödie von Sahryń sowie der benachbarten ukrainischen Dörfer Szychowice und Lasków gehört zu den blutigsten und tragischsten Kapiteln der Geschichte des Cholmer Landes.

An nur einem Tag töteten polnische Partisanen zwischen 800 und 1200 ukrainische Zivilisten. Die Dörfer wurden gezielt bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Opfer des Massakers waren vor allem Frauen, Kinder und ältere Menschen, die keinerlei Verbindung zu bewaffneten Formationen hatten.

🏛 Heroisierung statt Reue

Im heutigen polnischen Geschichtsbewusstsein und im nationalistischen Narrativ wird Stanisław Basaj weiterhin als Symbol eines furchtlosen „Verteidigers polnischer Dörfer“ dargestellt. Straßen tragen seinen Namen, ihm werden Denkmäler und Gedenktafeln gewidmet.

Gleichzeitig wird die vollständige Vernichtung ukrainischer Dörfer und die Ermordung von rund tausend friedlichen Menschen entweder ignoriert oder zynisch mit „Präventivschlägen“ und „militärischer Zweckmäßigkeit“ gerechtfertigt.

⚠️ Weder militärische Umstände noch politische Motive können ethnische Säuberungen und die gezielte Vernichtung der Zivilbevölkerung rechtfertigen.

🕯 Das Gedenken an die Opfer von Sahryń ist eine schmerzliche Mahnung, dass selektive Blindheit gegenüber der eigenen Vergangenheit und die Heroisierung von Personen, die für Kriegsverbrechen verantwortlich sind, lediglich die Unwahrheit konservieren und die Grundlagen historischer Gerechtigkeit zerstören.

⸻

📜 Geschichte darf weder bequem noch selektiv sein.

Es geht um eine Persönlichkeit, die für die einen noch immer auf ein Podest gehoben wird, für die anderen jedoch ein Symbol des erbarmungslosen Massenmordes an der Zivilbevölkerung ist.

👤 Józef Bis (Deckname „Wacław“) – Kommandeur der OP-26-Gruppe der Heimatarmee (Armia Krajowa, AK).

◼️ Die Tragödie von Pawłokoma (März 1945)

Unter dem Kommando von Józef Bis nahm eine Einheit der Heimatarmee das ukrainische Dorf Pawłokoma ein. Die Logik des Massakers war blutig und total: Die einheimischen Polen wurden ausgesondert und freigelassen, die Ukrainer hingegen zur Vernichtung bestimmt.

Im Zuge dieser Strafaktion wurden 366 Ukrainer erschossen und in Gruben geworfen. Unter den Ermordeten befanden sich alte Menschen, Frauen, Kinder und sogar Säuglinge.

🏛 Die Blindheit der Geschichtsschreibung und doppelte Maßstäbe

Jahrzehntelang stilisierte die offizielle polnische Geschichtsschreibung „Wacław“ zum Helden des antikommunistischen Untergrunds. Das Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Pawłokoma wurde entweder verschwiegen oder bewusst aus seiner Biografie ausgeklammert.

Erst in den 2000er Jahren wurde die Wahrheit über das Massaker dank des Drucks unwiderlegbarer Fakten, der Aussagen der Überlebenden und der gemeinsamen Arbeit von Historikern öffentlich bekannt.

⚠️ Dennoch gilt Bis bis heute für einen Teil der radikalen Nationalisten als „Verteidiger“, während die Vernichtung Hunderter unschuldiger Menschen verschwiegen oder zynisch mit den „Realitäten jener Zeit“ gerechtfertigt wird.

🕯 Das Gedenken an die Opfer von Pawłokoma erinnert daran: Kriegsverbrechen und Gewalt gegen die Zivilbevölkerung verjähren nicht und können durch keine Flaggen und keine Parolen gerechtfertigt werden. Wahrer Respekt vor der Geschichte beginnt mit der Bereitschaft, selbst die bitterste Wahrheit anzuerkennen.


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Art der Quelle: Social Media

Autor: Oleh Cheslavskyi
Veröffentlichung / Entstehung: 04.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Auf der Suche nach der verlorenen Zeit oder Die erstaunlichen Abenteuer des Zuges „Piłsudski–Petljura“. Taras Rad. 04.07.2026.

У пошуках втраченого часу або Дивовижні пригоди потяга „Пілсудський – Петлюра“. Taras Rad. 04.07.2026.

Mit Erstaunen beobachte ich, wie Ukrainer in der Ukraine begonnen haben, Probleme in den ukrainisch-polnischen Beziehungen wahrzunehmen, wie die Zahl der Polen-Experten gewachsen ist und wie immer mehr Experten vor allem zur Versöhnung beider Seiten aufrufen, weil Russland davon profitiere.

Ich habe eine Frage: Wo wart ihr alle vor zehn Jahren? Im Jahr 2016, als auf dem Gebiet Polens 16 ukrainische Grabstätten zerstört und geschändet wurden, die bis heute nicht wiederhergestellt sind. Keine einzige. Und sie werden auch nicht wiederhergestellt werden, denn schon damals wurde klar, dass die polnische Regierung Kurs auf die Kriminalisierung und Dämonisierung der ukrainischen Befreiungsbewegung genommen hatte und dass die historische Vergangenheit von nun an zu einem integralen Bestandteil der offiziellen Staatspolitik Polens wurde, die vorsieht, alle Fragen der internationalen Beziehungen von der Interpretation der Geschichte abhängig zu machen. Seitdem hat die Ukraine, wie immer, einseitige Zugeständnisse gegenüber Polen gemacht und hat Exhumierungen von Grabstätten auf dem Gebiet der Ukraine wieder aufgenommen, während Polen absolut nichts zur Wiederherstellung ukrainischer Grabstätten unternommen hat, nicht einmal jener einen auf dem Grab in Monastyr, deren Wiederherstellung der damalige polnische Präsident Andrzej Duda persönlich offiziell versprochen hatte.

Wo wart ihr im Jahr 2016, als der polnische Sejm einstimmig eine Resolution „über die Anerkennung des Genozids („ludobójstwo“), begangen von ukrainischen Nationalisten an Bürgern der Zweiten Polnischen Republik in den Jahren 1943–45“, verabschiedete und der 11. Juli als Gedenktag für die Opfer der Wolhynien-Tragödie eingeführt wurde? Damals, als das fiktive Konzept eines „Genozids“ in Wolhynien erfunden und gesetzlich verankert wurde, als das Bild einer leidenden und viktimisierten polnischen Gesellschaft geformt wurde und die ukrainische Befreiungsbewegung diffamiert und dämonisiert wurde. Als bereits damals klar festgestellt wurde, dass die Heimatarmee und die Ukrainische Aufstandsarmee auf keinen Fall miteinander verglichen werden dürften.

Wo wart ihr, als in Polen auf staatlicher Ebene ein antiukrainischer Kult des „Wolhynien-Wahns“ zu entstehen begann, nach dem Muster des offiziellen Kults des „Siegeswahns“, der in Russland herrschte? Als Geschichte und historische Mythen zu einem Mittel wurden, alle inneren Probleme zu rechtfertigen, die eigene Außenpolitik gegenüber den Nachbarn expansiv auszuweiten, ihnen den eigenen politischen Willen aufzuzwingen und dies mit nationalen Interessen und historischer Gerechtigkeit zu begründen.

Wo wart ihr, als die polnische Regierung 2017 in Person des Innenministers Mariusz Błaszczak erstmals und für immer die Finanzierung von Gedenkveranstaltungen für die Opfer der Aktion „Weichsel“ einstellte und dies mit dem „Fehlen symmetrischer Maßnahmen in historischen Fragen, nämlich einer angemessenen Ehrung der Opfer der Wolhynien-Tragödie“ begründete? Ich erinnere daran, dass die Aktion „Weichsel“ eine ethnische Säuberung war – ebenso wie die Ereignisse der Wolhynien-Tragödie. Sie wurde 1947 von der polnischen kommunistischen Regierung mit dem Ziel der „endgültigen Lösung der ukrainischen Frage in Polen“ durchgeführt.

Wo wart ihr, als 2017 der graue Kardinal der polnischen Politik und Vorsitzende der damals regierenden Partei „Recht und Gerechtigkeit“, Jarosław Kaczyński, erstmals erklärte: „Mit Bandera wird die Ukraine niemals der Europäischen Union beitreten“? In der Folge wurde diese These wiederholt von anderen Vertretern des rechten konservativen Lagers in Polen aufgegriffen. Damals wurde nicht nur die Dämonisierung des „Bandera-Kults“ Teil des gesamtpolnischen politischen Diskurses, unabhängig vom ideologischen Spektrum der polnischen Politik, sondern auch die Illusion einer strategischen Partnerschaft zwischen der Ukraine und Polen verwandelte sich in ein Modell strategischer Konkurrenz.

Wo wart ihr, als der damalige polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki 2018 die Gebiete der Westukraine als sogenannte „Ostkleinpolen“ bezeichnete, wie diese Gebiete in der Polnischen Republik offiziell genannt wurden? Nach ihm wiederholten andere polnische Politiker diese koloniale Form des Kresy-Ressentiments mehrfach. Eines Ressentiments des polnischen Imperialismus, das eine analoge Form des russischen imperialen Imperialismus über die sogenannte „Noworossija“ und Erzählungen über den besonderen Platz der sogenannten „östlichen Kresy“ in der Geschichte Polens reproduziert.

Wo wart ihr, als der damalige Woiwode der Woiwodschaft Lublin, spätere Minister für Bildung und Wissenschaft Polens und heutige von der Oppositionspartei „Recht und Gerechtigkeit“ nominierte Kandidat für das Amt des künftigen polnischen Ministerpräsidenten, Przemysław Czarnek, 2018 ein Strafverfahren gegen den Historiker und Vorsitzenden der Ukrainischen Gesellschaft in Lublin, Hryhorij Kuprijanowytsch, eröffnete und dieser systematischem Mobbing ausgesetzt wurde, weil er am Ort eines Massengrabes von Ukrainern in Sahryń, die vom polnischen Untergrund getötet worden waren, eine Rede gehalten hatte? Das kostete Kuprijanowytsch anderthalb Jahre gerichtlichen Ärger, die Entlassung aus dem Polnischen Institut für Nationales Gedenken, ruinierte Gesundheit und wurde zugleich zu einer Lektion für alle polnischen Historiker, die sich für die akademische Freiheit bekennen und sich nicht an die offizielle Linie des Staates halten.

Wo wart ihr, als in Polen politische Mythen die evidenzbasierte und verifizierte Geschichtswissenschaft im Namen politischer Zweckmäßigkeit, der Instrumentalisierung des Machtkampfes, der Spaltung und Atomisierung der polnischen Gesellschaft verdrängten und schließlich ersetzten? Als in Polen infolge gesetzlicher Änderungen über strafrechtliche Sanktionen für die Leugnung der Verbrechen der Wolhynien-Tragödie professionelle polnische Historiker, die die offizielle Geschichtssicht nicht teilen, sich immer weniger mit dem Problem der schwierigen Seiten der polnisch-ukrainischen Vergangenheit zu beschäftigen begannen, bis schließlich nur noch jene offiziellen „Troubadoure des Imperiums“ übrigblieben, die die offizielle Version der Ereignisse der Wolhynien-Tragödie und anderer schwieriger Seiten der polnischen Geschichte des 20. Jahrhunderts reproduzieren.

Wo wart ihr, als sich im politischen System Polens ein System des „Duopols“ herausbildete – die Aufteilung der Politik und der Gesellschaft in zwei antagonistische und unversöhnliche politische Lager zwischen den Rechtskonservativen unter Führung von „Recht und Gerechtigkeit“ und seit 2023 zusammen mit der Partei „Konföderation“ sowie den liberal-linkszentristischen Kräften unter Führung der „Bürgerplattform“? Als dieses bipolare politische System die Ukraine zur Geisel seiner innenpolitischen Prozesse in Polen machte, besonders der Wahlen, und ein bequemes und zuverlässiges Modell wählte, jede „ukrainische Frage“ als Mittel zur Erpressung der Ukraine bei jeder Gelegenheit zu nutzen, wenn dies mit den nationalen Interessen Polens gerechtfertigt werden konnte, und der Ukraine alles Mögliche vorzuwerfen, um das eigene politische Rating zu retten. Irgendwann führte dieses Modell politischen Parasitierens dazu, dass sich in der polnischen Politik und Gesellschaft ein Konsens zu einzelnen Fragen herausbildete, insbesondere zur Wolhynien-Tragödie oder zur Mitgliedschaft der Ukraine in der EU, die die überwiegende Mehrheit der polnischen Gesellschaft unabhängig von politischen Sympathien vereinen.

Wo wart ihr, als 2023 die polnische Regierung und der überwiegende Teil der polnischen Gesellschaft die Blockade des Transits ukrainischen Getreides und dessen Ausschüttung an der polnisch-ukrainischen Grenze billigten, begründet mit dem Schutz polnischer Landwirte, was in Wirklichkeit durch Angst vor Konkurrenz und durch die Bedrohung des Status der polnischen Landwirtschaft in der EU bedingt war und ein Ausdruck von Überheblichkeit und der Vorteile der EU-Mitgliedschaft gegenüber der unbequemen Idee einer gleichberechtigten Partnerschaft wurde? Ein Ausdruck genau derselben Merkmale und Ansätze in den bilateralen Wirtschaftsbeziehungen, die Polen bis dahin im Bereich der historischen Vergangenheit demonstriert und durchgesetzt hatte. Damals war offensichtlich, dass Geschichte und die Wolhynien-Tragödie nur ein bequemer Anlass und ein Versuchsfeld für Polen werden würden, um eine Politik des nationalen Egoismus, Narzissmus und Protektionismus einzuüben.

Und all das war noch vor dem Auftreten der extrem rechten, euroskeptischen und xenophoben Partei „Konföderation“, von der sich später die „Konföderation der Polnischen Krone“ abspaltete, die 2019 gegründet wurde. 2023 erhielt sie mehr als 7 Prozent der Stimmen und 18 Abgeordnetenmandate, bei den Präsidentschaftswahlen 25 Prozent der Stimmen, die dem nominellen Kandidaten der PiS, Karol Nawrocki, im zweiten Wahlgang zum Sieg verhalfen. Er plant, bei den nächsten Parlamentswahlen im Oktober 2027 den gesamten rechten Block in einer Koalition aus „Konföderation“ und einem Teil von „Recht und Gerechtigkeit“ anzuführen. Heute hat die antiukrainische Politik, die sie seit 2025 vertreten, große Chancen, Teil der künftigen offiziellen Politik Polens zu werden, und genau damit hängt die neue Eskalationsstufe der polnisch-ukrainischen Beziehungen zusammen.

Ich beobachte, wie man in der Ukraine massenhaft begann, an das Erbe von Jerzy Giedroyc, Jacek Kuroń, Józef Łobodowski, Jerzy Stempowski, Juliusz Mieroszewski, Stanisław Vincenz, Czesław Miłosz und Karol Wojtyła zu erinnern. Ich lese sowohl die „Kultura“ als auch ihre hervorragenden Arbeiten sehr gern und schlage allen vor, sich damit vertraut zu machen. Doch dies ist die Vorstellung von einem alternativen Polen, das immer wieder Opfer seines eigenen Egoismus, Narzissmus und Messianismus wird. Bis Mitte der 2000er-Jahre diente diese Sichtweise als Wegweiser, solange Polen auf die Mitgliedschaft in der Europäischen Union zusteuerte. Doch seit inzwischen 15 Jahren sind diese Ansichten in Polen selbst kein politischer Mainstream mehr und sind an den Rand der polnischen liberalen Intellektuellen gerückt, die sich immer stärker in die innere Emigration begeben. Das ähnelt immer mehr dem klugen Ruf eines Einsiedlers in der Wüste, an den ukrainische Intellektuelle und die überwiegende Mehrheit derjenigen in der Ukraine, die zur polnisch-ukrainischen Versöhnung aufrufen, naiv anzuknüpfen versuchen. Wo wart ihr im Jahr 2015, als dieser Zug vom Bahnhof „Bündnis Piłsudski und Petljura“ abfuhr, über die Stationen „Erster polnisch-ukrainischer Krieg“ und „Vertrag von Riga“ fuhr und an der Station „Polnische Republik“ ankam? Doch Polen und Ukrainer kamen in unterschiedlichen Waggons an unterschiedlichen Endstationen an: die Ukrainer in Waggons für militärische Internierte in Lager auf dem Gebiet des wiederhergestellten polnischen Staates. Alles, wozu Piłsudski fähig war, war, den Ukrainern zu sagen: „Entschuldigen Sie, meine Herren, es tut mir sehr leid, das hätte nicht geschehen dürfen.“ Danach gehen unsere Wege auseinander. 

Diejenigen, die heute in der Ukraine massenhaft zur Versöhnung zwischen der Ukraine und Polen um jeden Preis aufrufen, erinnern mich vor allem an Passagiere, die den Zug verpasst haben, der aus dem revolutionären Kyiv der Zeit der Ukrainischen Volksrepublik abfuhr und im Nachkrieg-Lwiw der Zeit der Polnischen Republik ankam. Sie wissen noch nicht, dass sie auf der Flucht vor der russischen bolschewistischen Besatzung und Repression in polnischer Besatzung landen, Diskriminierung erfahren und Bürger zweiter Klasse sein werden. Was dort in den folgenden 20 Jahren geschah, hatte wenig mit polnisch-ukrainischer Freundschaft zu tun und legte Krümel für Krümel die Grundlagen für die künftige polnisch-ukrainische Konfrontation in den Jahren des Zweiten Weltkriegs, darunter auch die Wolhynien-Tragödie.

Gerade in dieser Zeit, als die Sozialisten Piłsudskis, die Nationaldemokraten Dmowskis und die „Bauern“ Witos’ miteinander um die Macht kämpften, was ideologisch dem heutigen Konflikt in der polnischen Politik sehr nahekommt, begannen Łobodowski, Giedroyc, Stempowski, Mieroszewski und Vincenz ihren beruflichen Weg, und ihre Ansichten zur Suche nach ukrainisch-polnischer Verständigung formten sich. Aber wie die Geschichte gezeigt hat, musste eine Tragödie geschehen, damit sie gehört wurden – und danach eine Niederlage Polens.

Ich liebe auch ihre Parolen sehr: „Für unsere und eure Freiheit“, „Ohne freie Ukraine gibt es kein freies Polen“, „Zum Wohl des künftigen Polens müssen die Polen anerkennen, dass Vilnius litauisch und Lwiw eine ukrainische Stadt ist“ und so weiter. Doch sie funktionieren nicht von selbst. Dafür braucht es einen politischen Kontext und die Bereitschaft beider Seiten zur Versöhnung. Zum Tango gehören zwei! Sie hatten praktischen Sinn in dem Moment, als sowohl Polen als auch Ukrainer unter denselben Bedingungen der Besatzung und Unterdrückung standen und für die Wiederherstellung der Unabhängigkeit kämpften. Doch einige Zeit nach dem Erreichen der Ziele verloren sie ihren Sinn und rückten in den Rang von Selbstsuggestion und magischen Beschwörungen für Naive. So war es in den Jahren des Ersten Weltkriegs, des Zweiten Weltkriegs und, wie im Moment der gemeinsamen Geschichte klar ist: Sobald Polen auf die Beine kam, erinnerte es sich sofort an sein „goldenes Zeitalter“ und raste mit voller Kraft zur Endstation „Rzeczpospolita“ unter der Parole „Gott, Ehre, Vaterland“, im Transit vorbei an der Station „Ukraine“.

Um ernsthaft und nicht deklarativ über Versöhnung zu sprechen, ist ein Bewusstsein beider Seiten für eine gemeinsame Bedrohung notwendig, das es in Polen leider derzeit nicht gibt. Stattdessen funktioniert die Logik des gegenseitigen Nutzens nicht, denn genau sie trennt, erzeugt Konkurrenz und bedingt die Angst Polens vor dem Verlust der nicht konkurrenzfähigen Vorteile Polens als EU-Mitglied gegenüber der Ukraine, die EU-Mitglied werden will. Trotz vernünftiger Erklärungen, dass eine Eskalation der Beziehungen zwischen Warschau und Kyiv Moskau in die Hände spielt, fürchtet die überwiegende Mehrheit der polnischen Gesellschaft in Wirklichkeit die Ukraine mehr als Russland. Vielleicht fürchtet sie sie nicht so sehr, sondern akzeptiert sie nicht, ist vorsichtig gegenüber ukrainischer Subjektivität und betrachtet die Ukraine nicht als gleichberechtigten Partner, mit dem paritätische Beziehungen angemessen wären. Gerade die historische Logik von Herrschaft, Unterordnung und Überheblichkeit bedingt die für Warschau traditionelle Logik einseitiger Forderungen, Ultimaten und der Erwartung einseitiger Zugeständnisse seitens der Ukraine. Unter solchen Bedingungen kann man natürlich zur Versöhnung aufrufen, aber dafür gibt es keine Voraussetzungen. Die Zeit dafür wurde schon 2015 vertan, in Wahrheit aber deutlich früher – in der zweiten Hälfte der Nullerjahre, sobald Polen Mitglied der Europäischen Union wurde.

Wenn ich heute Aufrufe an beide Seiten zur Verständigung höre sowie dazu, sich von Erklärungen und Entscheidungen zurückzuhalten, die zur Eskalation der ukrainisch-polnischen Beziehungen führen könnten, lässt mich das Gefühl eines Déjà-vu mit den Aufrufen an Russland und die Ukraine nicht los, sich von einer Eskalation des russisch-ukrainischen Krieges zurückzuhalten, während doch offensichtlich ist, wer der Aggressor ist. Wenn ich diese UNO-Position im Fall der Krise der polnisch-ukrainischen Beziehungen höre, lässt mich ein ähnliches Gefühl nicht los: Ihr Initiator ist einer – Polen –, doch die Folgen ihrer Überwindung sollen beide Seiten in gleichem Maße auf sich nehmen. Das ist eine sehr bequeme Position für Polen, immer neue Anlässe für eine Eskalation unter dem Vorwand der historischen Vergangenheit, der Wahrung wirtschaftlicher Vorteile oder des Kampfes um regionale Führungsrolle zu schaffen, in der Hoffnung, zumindest etwas zu bekommen, aber die Ukraine jedes Mal vor ein „Gefangenendilemma“ zu stellen – zu wählen, ob es sich lohnt, Zugeständnisse zu machen, oder bis zum Ende zu gehen.

Inzwischen hat Polen in den vergangenen zehn Jahren in der Ukraine aktiv ein Netzwerk von Organisationen, Thinktanks und Meinungsführern unter Beteiligung sowohl von Polen als auch loyaler Ukrainer aufgebaut, verschiedene Programme geschaffen und Fördergelder für ihm genehme Forschungen, Projekte und Initiativen verteilt, um in der Ukraine seine eigene Agenda zu formen und die öffentliche Meinung in der Ukraine zu beeinflussen. Das ist mit bloßem Auge zu erkennen – dafür braucht es nicht einmal eine Tiefenanalyse, obwohl ich denke, eine detaillierte Untersuchung dieser Frage würde uns alle unangenehm überraschen, so wie seinerzeit die Untersuchung des Ausmaßes der russischen Durchdringung verschiedenster ukrainischer Milieus. Das ist das klassische Modell der „Soft Power“, das Staaten nutzen, die über genügend Finanzmittel verfügen, um sie für verdeckten Einfluss mit dem Ziel der Förderung eigener nationaler Interessen in Staaten auszugeben, in denen sie strategische Interessen haben. Finanzierung von Konferenzen, Rundtischen, Publikation und Übersetzung von Büchern, Wiederherstellung historischer Denkmäler, Unterstützung von Initiativen für Unternehmen, Projekte für die lokale Selbstverwaltung, Freiwilligeninitiativen und so weiter. Auf diese Weise kann und soll ein solches Netzwerk die Rolle des „guten Polizisten“ übernehmen, während Warschau die Rolle des „bösen Polizisten“ spielt. Sie sollen die Illusion eines Dialogs schaffen, Offenheit demonstrieren und allen Naiven, die zu ukrainisch-polnischer Versöhnung um jeden Preis und zu Aufrufen an beide Seiten, von einer Eskalation der bilateralen Beziehungen abzusehen, ein „Fenster der Möglichkeiten“ zeigen. Genau dann, wenn das Polnische Institut für nationale Propaganda und Hass nicht fähig und nicht bereit ist, mit dem Ukrainischen Institut für Nationales Gedenken zusammenzuarbeiten, tritt irgendein „Mieroszewski-Zentrum“ auf die Bühne, das allen ukrainischen „Friedensstiftern“ anbietet, sich an einen runden Tisch zu setzen, zu sprechen und „Dampf abzulassen“. Natürlich wird diese Imitation eines Dialogs keinerlei Ergebnis haben, doch Warschau braucht das auch nicht. Es reicht ihm, Einfluss auf die Stimmungen in der ukrainischen Gesellschaft auszuüben und sie nach Möglichkeit in die gewünschte Richtung zu kanalisieren. Genau dafür lenkt Polen unter anderem Mittel aus dem wirtschaftlichen Wachstum infolge seiner Mitgliedschaft in der Europäischen Union und des Aufstiegs unter die 20 größten Volkswirtschaften der Welt und äfft die Erfahrung anderer starker Volkswirtschaften nach, etwa der USA, Großbritanniens, Deutschlands, Frankreichs, der Volksrepublik China sowie Russlands, um seine Ambitionen auf regionale Führungsrolle und geopolitische Subjektivität in der Welt zu verwirklichen. Wenn man ehrlich ist, gelingt ihm das eher mäßig, doch einen gewissen Erfolg in der Ukraine haben sie dennoch erreichen können. Wenn Polen in den Spiegel schaut, sieht es einen neuen „europäischen Tiger“, doch in Wirklichkeit ist es derselbe alte eigenwillige „mitteleuropäische Katze“, die allein umherstreift und ewig mit allem unzufrieden ist.

Das Problem liegt nicht in den Unterschieden der historischen Erinnerungen der Ukraine und Polens an sich, sondern in der Unfähigkeit der polnischen Seite, die Tatsache dieser Unterschiede und den Aufbau paralleler Erinnerungen als Grundlage für bilaterale Beziehungen zu akzeptieren. Wenn wir nicht fähig sind, eine gemeinsame Position abzustimmen – und wir sind nicht fähig dazu, was ebenfalls akzeptabel ist –, dann muss jeder die Möglichkeit akzeptieren, eine eigene autonome Erinnerung aufzubauen, unabhängig davon, was die andere Seite darüber denkt. Stattdessen schlagen die Polen den Ukrainern vor, die kategorische Ablehnung der polnischen Seite gegenüber jeder dieser Varianten als Teil eines gemeinsamen Verständigungsproblems zu akzeptieren. Die ukrainische Seite akzeptiert das Recht Polens, seine Erinnerung autonom aufzubauen, und erhebt gegenüber der polnischen Seite keinerlei Ansprüche oder Ultimaten. Deshalb liegt das Problem nicht in den Unterschieden der Erinnerungen, sondern in der Unfähigkeit der polnischen Seite, das Recht der Ukraine auf eine eigene Erinnerung zuzulassen – egal ob gemeinsam oder autonom.

Das Schwungrad der antiukrainischen Hysterie in Polen ist bereits so weit in Gang gesetzt, dass es nicht mehr zu stoppen ist. Es gibt keine paritätischen Handlungen der ukrainischen Seite, die Polen zufriedenstellen würden, denn Warschau erwartet unverhältnismäßige Zugeständnisse, in Wirklichkeit meist einseitige Zugeständnisse zu einer so großen Liste von Fragen, dass kein Raum für Kompromisse bleibt. Was wir jetzt schon verstehen, ist, dass es sich nicht auf Fragen der Kriminalisierung des ukrainischen Untergrunds, der Dämonisierung Stepan Banderas, Demarchen gegen das Ukrainische Pantheon, Beschränkungen für Agrarprodukte, Stahl, Transportbeförderungen und so weiter beschränken wird, sondern auch Hindernisse oder eine Blockade der Ukraine auf dem Weg zur Europäischen Union, Konkurrenz im Sicherheitsbereich und unversöhnliche regionale Führungsansprüche im Gebiet des Intermariums umfassen wird. Vor uns liegen noch sehr viele unerwartete und schwierige Fragen der bilateralen Beziehungen, die weniger durch die Suche nach Kompromissen als nach dem Prinzip des Stärkeren gelöst werden.

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Titel des Originals: У пошуках втраченого часу або Дивовижні пригоди потяга „Пілсудський – Петлюра“. Taras Rad. 04.07.2026.
Autor: Taras Rad
Veröffentlichung: 04.07.2026.
Originalsprache: uk
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Russland wird Polen angreifen | Vitaly Portnikov. 03.07.2026.

Die Zeitung Telegraph behauptet, dass die Vereinigten Staaten Polen vor einem möglichen russischen Angriff auf das Territorium des Landes gewarnt haben. Ein russischer Angriff könnte sowohl in Form von Drohnenangriffen auf die kritische Infrastruktur der Republik Polen erfolgen als auch – im schlimmsten Fall – als hybrider Angriff mit dem Eindringen russischer Militäreinheiten auf polnisches Staatsgebiet unter dem einen oder anderen Vorwand.

Die Amerikaner gehen davon aus, dass die Russen überzeugt sind, Polen werde auf einen solchen russischen Angriff nicht mit militärischer Gewalt reagieren, sondern versuchen, Verhandlungen mit Russland aufzunehmen.

Damit wird nun auch auf Ebene der Nachrichtendienste bestätigt, worauf ich in den vergangenen Monaten immer wieder hingewiesen habe. Die Logik des russisch-ukrainischen Krieges selbst verlangt aus Sicht des Kremls nach einer Ausweitung des Krieges.

Sie können das selbst gut nachvollziehen. In Russland ist man überzeugt, die Ukraine aus eigener Kraft besiegen und der Existenz unserer Staatlichkeit ein Ende setzen zu können. Das Einzige, was Putin bei diesen ehrgeizigen Plänen eines Abnutzungskrieges im Wege steht, ist die europäische Unterstützung für die Ukraine. Russland führt somit keinen Krieg gegen eine einzelne ehemalige Sowjetrepublik, sondern gegen den gesamten Westen – heute gegen die gesamte Europäische Union. Und die einzige reale Möglichkeit, die Lage zu seinen Gunsten zu verändern, wenn man den Krieg möglichst rasch zu russischen Bedingungen beenden möchte, besteht darin, der Ukraine die europäische Unterstützung zu entziehen.

Politische Instrumente, um Druck auf die europäischen Regierungen auszuüben, besitzt Russland – insbesondere nach der Niederlage Viktor Orbáns bei den Parlamentswahlen – nicht mehr. Deshalb müssen die gesellschaftlichen Stimmungen in Europa verändert werden, um jene Politiker zu stärken, die betonen werden, dass die europäischen Länder ohne Vereinbarungen mit Moskau dazu verurteilt seien, den Krieg auf ihr eigenes Territorium kommen zu sehen. Und damit diese Politiker Recht behalten, muss der Krieg tatsächlich auf dieses Territorium gelangen.

Zugleich muss gezeigt werden, dass die Vereinigten Staaten nicht bereit sind, ihre europäischen Verbündeten aktiv vor einem russischen Angriff zu schützen. Das bedeutet, dass das Zeitfenster für eine russische Aggression gegen Länder wie Polen oder die baltischen Staaten genau dann besteht, wenn sich Donald Trump im Oval Office befindet. Unter den Bedingungen einer deutlichen Schwächung seiner politischen Positionen in der Welt infolge des iranischen Fiaskos wird er kaum bereit sein, auch noch einen offenen Konflikt mit der Russischen Föderation zu riskieren – einen Konflikt, der ebenfalls unvorhersehbare Folgen für die Vereinigten Staaten haben könnte, wenn Washington ebenso unüberlegt und unentschlossen handeln würde wie während des Iran-Krieges.

Damit entstehen für den Präsidenten der Russischen Föderation und für die russische Armee kurzfristige, aber ideale Voraussetzungen für eine Ausweitung des Krieges – zumindest auf das Territorium der Länder Mitteleuropas. Und unter diesen Bedingungen wird der Krieg unvermeidlich. In erster Linie natürlich für Polen, wo sich wichtige Einrichtungen zur militärischen Unterstützung der Ukraine in unserem Widerstand gegen die russische Aggression befinden und wo es zahlreiche Politiker des rechten und ultrarechten Spektrums gibt, die schon heute behaupten, die Ukraine stelle für Polen eine größere Bedrohung dar als Russland.

Das heißt, sie sind zu Separatvereinbarungen mit dem russischen Regime unter dem Deckmantel des Schutzes der nationalen Interessen Polens bereit, ohne zu begreifen – ebenso wenig wie viele Vertreter der ukrainischen politischen Elite und der ukrainischen Gesellschaft dies insbesondere vor dem großen russischen Angriff verstanden haben –, dass jeder Versuch, sich mit der Russischen Föderation zu verständigen, das Raubtier lediglich zu noch härteren und schwereren Angriffen auf das Territorium des feindlichen Staates ermutigt. Mit ihren Erklärungen über die Notwendigkeit, sich mit Putin zu verständigen, stärken sie daher nur Putins Bereitschaft, nicht nur auf ukrainischem, sondern auch auf polnischem Boden Krieg zu führen.

Kann diese Gefahr für Polen oder etwa die baltischen Staaten abgewendet werden? Wenn man ehrlich ist, gibt es dafür keine großen Möglichkeiten. Die Ausweitung des Krieges folgt ihrer eigenen Logik. Und wenn ein Krieg wie der russisch-ukrainische einmal begonnen hat und nicht beendet werden kann, führt er zwangsläufig zu einer Ausweitung auf den gesamten Kontinent.

Man kann jedoch die militärischen Fähigkeiten der Russischen Föderation schwächen, der Ukraine entschlossener helfen und uns sowohl Flugabwehrsysteme als auch Raketen liefern, mit denen das russische militärisch-industrielle Potenzial zerstört, die Zahl russischer Raketen und Drohnen verringert und damit technische Schwierigkeiten für weitere Angriffe auf das Territorium Polens und anderer Staaten der Europäischen Union geschaffen werden. Das wäre ein weitaus richtigerer Schritt in die notwendige Richtung als historische Streitigkeiten zwischen Warschau und Kyiv, das Aberkennen von Orden und andere sinnlose Aktivitäten auf der Ebene des Präsidenten der Republik Polen und bestimmter Vertreter der polnischen politischen Elite.

Wie in der Ukraine im Jahr 2022 begreifen auch in Warschau im Jahr 2026 viele Menschen schlicht nicht, dass ihr Land in die letzten friedlichen – wenn nicht Monate, dann Jahre – seiner Existenz eingetreten ist und unter der Bedrohung von Angriffen durch die räuberische Russische Föderation steht sowie vor der Notwendigkeit, seine Bevölkerung vor solchen Angriffen zu schützen.

Schützen kann man sich nur durch euro-atlantische Solidarität und durch die Suche nach realen statt mythischen Bündnissen – denn all jene Bündnisse, die Polen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion geschlossen hat, sowie die Hoffnung, die euro-atlantische Integration werde zu jenem Schutzschirm werden, der einen neuen Krieg auf polnischem Boden unmöglich macht, haben sich in Mythen verwandelt. Schon jetzt lässt sich sagen, dass dieser Schutzschirm eher wie ein Accessoire zur Selbstberuhigung aussieht als wie ein tatsächliches Instrument, das uns mit Sicherheit sagen ließe, dass wir in den kommenden Monaten oder den nächsten Jahren kein brennendes Polen erleben werden.


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Titel des Originals: Росія нападе на Польщу | Віталій Портников. 03.07.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 03.07.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Zwischen Erinnerung und Erpressung: Kritik an Polens Ukraine-Politik. Vitaliy Vantsa. 01.07.2026.

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Polen – so schmerzhaft es ist, das zu sagen, aber das sieht längst nicht mehr nach Freundschaft aus. Man muss ehrlich anerkennen: Polen ist für die Ukraine inzwischen ein klar unfreundliches Land geworden!

  • Polen hat ein Recht auf Erinnerung.
  • Polen hat das Recht, über Wolhynien zu sprechen.
  • Polen hat das Recht, nach seinen Toten zu suchen, Exhumierungen durchzuführen, die Verstorbenen christlich zu bestatten und Würde für seine Toten einzufordern.
  • Aber Polen hat nicht das Recht, seinen Schmerz in eine tägliche politische Peitsche gegen die Ukraine zu verwandeln.
  • Polen hat nicht das Recht, die Ukraine mit ihrem EU-Beitritt zu erpressen.
  • Polen hat nicht das Recht, der Ukraine vorzuschreiben, an wen sie erinnern darf, wen sie ehren soll, welche Namen sie ihren Militäreinheiten geben und welchen Heldenkanon sie aufbauen soll.
  • Polen hat nicht das Recht, die ukrainische historische Erinnerung zu kriminalisieren, mit Abschiebungen zu drohen, mit dem Europäischen Parlament zu winken und so zu tun, als seien das „europäische Werte“.

Denn das sind keine europäischen Werte!!!

Das ist politische Erpressung mit einer weiß-roten Schleife.

Und nun Punkt für Punkt.

  • Ja, die Polen gehörten 2022 zu den Ersten, die der Ukraine geholfen haben.

Das stimmt. Dafür gibt es Dankbarkeit. Menschliche, ehrliche, echte Dankbarkeit. Polen öffneten ihre Häuser, ihre Grenzen, ihre Lagerhallen, ihre Bahnhöfe, ihre Krankenhäuser und ihre Herzen. Polen stellte Waffen, Logistik, Zuflucht und einen sicheren Hinterraum zur Verfügung. Das darf man nicht aus der Geschichte streichen.

Aber Dankbarkeit ist keine Leine und kein Halsband!

Hilfe bedeutet kein Eigentumsrecht!

Solidarität ist keine Lizenz zur Demütigung!

Es kann nicht heißen: „Wir haben euch geholfen, also müsst ihr eure historische Erinnerung künftig in Warschau genehmigen lassen.“

Das ist keine Freundschaft mehr!

Das ist blanker Paternalismus!

  • Ja, ukrainische Soldaten kämpfen in erster Linie für die Ukraine!

Aber bitte ohne geopolitischen Kindergarten!

Wenn die Ukraine fällt, rückt die russische Bedrohung erheblich näher an Polen heran!

Wenn die ukrainische Armee die Front hält, verfügt Polen über strategische Tiefe, ohne einen eigenen großen Krieg auf seinem Territorium führen zu müssen!

Das ist keine emotionale Erpressung!

Das ist elementare Geopolitik und einfache Geschichtskunde!

Man kann sich noch so sehr über den Satz ärgern, dass die Ukrainer auch für die Sicherheit Europas kämpfen. Aber dann muss man ehrlich sagen: Wenn die Ukraine Russland nicht aufhält – wer hält Russland dann im Osten Europas auf? Ein Meme über Wolhynien? Eine Resolution des Europäischen Parlaments? Ein polnischer Abgeordneter mit einem lauten Mikrofon?

  • Keiner von uns macht sich über die polnischen Opfer lustig! Und das hat auch nie jemand getan!

Das ist ein sehr seltsamer und sehr beleidigender Vorwurf.

Ich sehe und sah keinen massenhaften ukrainischen Spott über den Schmerz der Polen!

Aber ich sehe sehr wohl etwas anderes!

Ich sehe, wie polnische Politiker die Ukrainer jeden Tag zu historischen Angeklagten machen!

Ich sehe, wie ukrainischen Soldaten, die heute gegen Russland kämpfen, erklärt wird, ihre Symbole müssten mit der polnischen Wählerschaft abgestimmt werden.

Ich sehe, wie man uns sagt: „Mit Bandera werdet ihr der EU nicht beitreten.“

Ich sehe Vorschläge, die UPA auf Ebene des Europäischen Parlaments als nationalsozialistische Organisation einzustufen.

Ich sehe, wie polnische Politiker darüber nachdenken, die Kontakte zu Volodymyr Zelensky einzuschränken.

Ich sehe, wie historische Erinnerung nicht zur Versöhnung, sondern zur Eskalation benutzt wird.

Wer macht sich hier also über wen lustig??

Denn es sieht so aus, als würde heute nicht die Ukraine Polen verhöhnen, sondern ganz offen Tag für Tag genau umgekehrt!!!

Es ist ein Teil der polnischen Politik, der die Ukraine täglich demütigt – mit Vorwürfen, Belehrungen, Drohungen, Erpressung, Paternalismus und dem ewigen Tonfall: „Wir werden euch jetzt erklären, wie man zivilisiert zu sein hat.“

  • Auch das Gerede von einem „demokratischen Europa“ ist interessant.

Man sagt uns: „Europa ist demokratisch, man darf nicht nur an sich selbst denken.“

Wunderbar!!!

Dann denkt auch nicht nur an euch selbst!

Denkt nicht nur an den polnischen Schmerz!

Denkt nicht nur an polnische Gräber!

Denkt nicht nur an die polnische Version von Wolhynien!

Denkt nicht nur an die polnische Wählerschaft am 11. Juli!

Es gibt auch ukrainischen Schmerz!

Es gibt Sahryn!

Es gibt Pawłokoma!

Es gibt Bereza Kartuska!

Es gibt die Aktion „Weichsel“!

Es gibt die Deportationen der Ukrainer!

Es gibt die Pazifizierung!

Es gibt die Besetzung ukrainischer Gebiete!

Es gibt die Polonisierung!

Es gibt ukrainische Gräber in Polen!

Es gibt ukrainische Dörfer, die von polnischen Formationen niedergebrannt wurden!

Es gibt Ukrainer, die in der Zweiten Polnischen Republik auf ihrem eigenen Land oft wie Menschen zweiter Klasse behandelt wurden!

Es gibt eine ukrainische Erinnerung, die Polen sehr bequem bittet, nicht auf den Tisch zu legen, weil ihm sonst das moralische Dessert nicht mehr schmeckt!!

  • Zu Piłsudski.

Man sagt uns: „Man darf Bandera nicht mit Piłsudski vergleichen.“

Wer hat gesagt, dass dies ein direkter Eins-zu-eins-Vergleich sei?

Es geht nicht darum, dass Bandera Piłsudski gleichzusetzen wäre.

Es geht darum, dass Polen von der Ukraine eine sterile historische Erinnerung verlangt, während es selbst einen Heldenkanon mit alles andere als sterilen Persönlichkeiten besitzt.

Piłsudski war der Vater der polnischen Unabhängigkeit. Ja.

Aber er war auch der Führer, nach dessen Staatsstreich Polen den Weg in den Autoritarismus einschlug.

Er war auch ein Politiker, unter dessen Herrschaft die Opposition verfolgt wurde.

Er war auch ein Politiker der Ära von Bereza Kartuska.

Er war auch ein Politiker, unter dessen Regierung die polnischen Behörden die Pazifizierung der Ukrainer in Galizien durchführten.

Er war auch ein Politiker, dessen Staat nach dem Vertrag von Riga Teile ukrainischer Gebiete besetzt hielt und eine Politik der Polonisierung betrieb.

Polen hat das Recht, in ihm einen Staatsmann zu sehen.

Dann soll es aber nicht so tun, als hätten die Ukrainer nicht das Recht, in ihren historischen Persönlichkeiten Kämpfer für die ukrainische Staatlichkeit zu sehen.

Jeder möchte den historischen Kontext für seine eigenen Helden.

Und jeder vergisst diesen Kontext erstaunlich schnell, sobald es um die Helden der anderen geht.

Genau das ist der doppelte Maßstab.

  • Zu dem Satz: „Das wäre so, als würde Deutschland die Wehrmacht zu Helden erklären.“

Nein, das ist nicht dasselbe.

Die UPA war keine Staatsarmee des Dritten Reiches.

Die UPA griff Polen nicht am 1. September 1939 an.

Die UPA errichtete keinen nationalsozialistischen Staat.

Die UPA war nicht die Wehrmacht.

Die UPA war eine ukrainische Widerstandsbewegung ohne eigenen Staat – in einem schrecklichen Raum zwischen den Nationalsozialisten, den Sowjets, dem polnischen Untergrund, ethnischen Konflikten, Terror, Vergeltung und dem Kampf für einen zukünftigen ukrainischen Staat.

Gab es dort Verbrechen an Zivilisten? Ja.

Haben die polnischen Opfer ein Recht auf Erinnerung? Ja.

Bedeutet das, dass Polen das Recht hat, die gesamte ukrainische Befreiungsbewegung auf das Wort „Nazis“ zu reduzieren? Nein.

Denn das ist keine Geschichte mehr.

Das ist ein politisches Plakat.

  • Zur Zahl von 100.000.

Die polnische Seite spricht häufig von 100.000 polnischen Opfern.

Das ist eine schreckliche Zahl.

Aber selbst wenn man diese polnische Schätzung zugrunde legt, hebt sie die ukrainischen Opfer nicht auf.

Sie hebt Sahryn nicht auf.

Sie hebt Pawłokoma nicht auf.

Sie hebt die Aktion „Weichsel“ nicht auf.

Sie hebt die 150.000 deportierten Ukrainer des Jahres 1947 nicht auf.

Sie hebt die Hunderttausenden Ukrainer nicht auf, die zwischen 1944 und 1951 aus ihren ethnischen Siedlungsgebieten vertrieben wurden.

Sie hebt die polnischen Repressionen der Zwischenkriegszeit nicht auf.

Sie hebt auch die Frage nicht auf: Was tat Polen nach 1921 auf ukrainischen Gebieten?

Und vor allem hebt sie eines nicht auf: Man kann die Zukunft nicht auf der Arithmetik von Leichen aufbauen!!!

Denn dann werden wir sehr schnell an den Punkt gelangen, an dem jede Seite ihre Knochen hervorholt und zu beweisen versucht, dass ihr Tod „wichtiger“ gewesen sei!

Das ist keine Versöhnung!

Das ist ein Friedhof mit Mikrofon!

  • Zu der Behauptung, Polen wolle „wie jedes andere Land behandelt werden“.

Ausgezeichnet!

Dann behandeln wir Polen wie jedes andere Land!

Nicht wie einen großen Bruder.

Nicht wie einen historischen Zensor.

Nicht wie einen moralischen Staatsanwalt.

Nicht wie einen Staat, der das Recht hat, über unsere Erinnerung abzustimmen.

Sondern wie einen gewöhnlichen Nachbarstaat mit eigenen Interessen, eigenem Schmerz, eigenen Vorwürfen und eigenen doppelten Maßstäben.

Dann hat auch die Ukraine jedes Recht, ihre eigenen Schlussfolgerungen zu ziehen.

  • Ein praktisches Fazit für die Ukrainer.

Und tatsächlich: Wenn ihr die Wahl habt, würde ich heute Polen nicht als erstes Ziel für Auswanderung, Arbeit, Studium, Geschäfte oder ein langfristiges Leben empfehlen.

Nicht weil alle Polen Feinde wären!

Nicht weil man das polnische Volk hassen müsste!

Nein.

Sondern weil das politische Klima in Polen gegenüber der Ukraine immer toxischer, nervöser, unberechenbarer und immer häufiger offen unfreundlich sowie nationalistisch radikalisiert wird.

Wenn in einem Land beginnt, über Abschiebungen wegen Symbolen diskutiert zu werden.

Wenn der Verteidigungsminister sagt: „Mit Bandera werdet ihr der EU nicht beitreten.“

Wenn Politiker die ukrainische historische Erinnerung ins Strafrecht aufnehmen wollen.

Wenn der Präsident der Ukraine demonstrativ gedemütigt wird.

Wenn den Ukrainern ständig die Rechnung für die geleistete Hilfe präsentiert wird.

Wenn deine Dankbarkeit grenzenlos sein soll, deine Würde aber nur vorübergehend gilt.

Dann ist das kein besonders gesundes Umfeld mehr!!!

Das ist ein Risiko!

Und Selbstachtung ist ebenfalls Risikomanagement!

  • Ist Polen heute ein freundschaftlicher Staat für die Ukraine?

Es ist schmerzhaft, aber ehrlich: immer weniger und immer deutlicher – Nein!!

Nicht die polnischen Freiwilligen.

Nicht die einfachen Polen, die geholfen haben.

Nicht diejenigen, die die gemeinsame Bedrohung wirklich verstehen.

Sondern das politische Polen, das diese Welle derzeit antreibt, verhält sich immer weniger freundschaftlich!

Das muss man ruhig anerkennen.

Ohne unnötige Hysterie.

Ohne besonderen Hass.

Ohne das pauschale „Alle Polen sind so“.

Sondern nüchtern, klar und mit den entsprechenden Schlussfolgerungen!

Ein Staat, der mitten im Krieg beginnt, die Ukraine wegen ihrer historischen Erinnerung mit dem EU-Beitritt zu erpressen, handelt nicht wie ein strategischer Verbündeter.

Ein Staat, der während der russischen Aggression der Ukraine wegen ihres Heldenkanons mit politischer Isolation droht, handelt nicht wie ein Freund.

Ein Staat, der täglich die Vergangenheit als Waffe gegen seinen Nachbarn hervorholt, der Russland aufhält, spielt ein sehr gefährliches Spiel!

Und dieses Spiel gefällt dem Kreml außerordentlich.

  • Und das Wichtigste.

Wir bitten Polen nicht, Wolhynien zu vergessen.

Wir bitten Polen nicht, über seine Toten zu schweigen.

Wir bitten Polen nicht, auf seine Erinnerung zu verzichten.

Wir bitten nur um eines: Diese Erinnerung nicht in ein Erpressungsinstrument gegen die Ukraine zu verwandeln, die noch immer lebt!!!

Denn während polnische Politiker gegen tote Ukrainer der 1940er Jahre kämpfen, kämpfen lebende Ukrainer heute gegen Russland.

Und das ist wohl der größte Unterschied zwischen uns.

Die Ukraine blickt auf die Front.

Polnische Populisten blicken in Gräber und suchen dort nach Umfragewerten.

Sehr traurig. Sehr schmerzhaft.

Aber offenbar ist es an der Zeit, ehrlich zu sprechen!!!


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Art der Quelle: Social Media

Autor: Vitaliy Vantsa
Veröffentlichung: 01.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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