Was Polen und Ukrainer über ihre gemeinsame Tragödie vergessen. Vitaly Portnikov . 11.06.2026.

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Wenn ich die neue Aufblähung des polnisch-ukrainischen historischen Konflikts verfolge, der erneut droht, die Beziehungen nicht nur zwischen unseren Staaten, sondern auch zwischen unseren Völkern zu verschlechtern, verspüre ich eine große Versuchung, diese Situation nicht aus der Perspektive eines ukrainischen Journalisten zu betrachten, der an sein Land und dessen Zukunft glaubt, und auch nicht aus der Perspektive eines aufrichtigen Freundes Polens.

Ich verspüre die Versuchung, diese Situation aus der Perspektive eines Opfers zu betrachten. Ja, eines Opfers. Denn in der Realität, vor der alle so gern die Augen verschließen, gehöre ich zu einem Volk, dessen Millionen Angehörige jahrhundertelang auf dem Gebiet des heutigen Polen und der heutigen Ukraine lebten. Sie lebten dort übrigens schon, bevor die Polen begriffen, dass sie Polen sind, und die Ukrainer, dass sie Ukrainer sind.

Sie lebten – und jetzt leben sie dort nicht mehr. Wohin sind sie wohl verschwunden? Sie wissen selbst, wohin. Die überwältigende Mehrheit wurde einfach ermordet – darunter auch meine nächsten Verwandten. Viele wurden einfach vertrieben. Und dabei geht es nicht nur um das Mittelalter mit seinen blutigen Exzessen. Es geht auch um das 20. Jahrhundert. Um den Holocaust, ja. Aber auch um alles, was vor und nach dem Holocaust geschah. Um die Pogrome in der Ukraine. Um Jedwabne, um Kielce. Um die Vertreibungen aus dem kommunistischen Polen. Um den wilden sowjetischen Antisemitismus. Sowohl die Ukrainer als auch die Polen sollten einfach verstehen: Das hat niemand vergessen. Und niemand wird es vergessen – genauso wenig, wie Ukrainer und Polen sich an die Opfer von Wolhynien erinnern werden.

Dabei funktionieren keine der üblichen Erklärungen über religiöse oder wirtschaftliche Motive der Verfolgungen in der realen Welt. Es funktionieren keine Erklärungen, wonach diese ganze Atmosphäre von hinterhältigen feindlichen Imperien oder von den Russen geschaffen worden sei. Es funktionieren keine Erklärungen, wonach die „Volksrächer“ auf die kommunistischen Verbrechen reagiert hätten, weil es unter den Mitgliedern dieser verbrecherischen Partei viele Juden gegeben habe. Man muss immer daran denken: Die Antwort auf all diese „Motive“ war die Ermordung von Frauen und Kindern. Dass vielleicht Ihr Großvater – ein ukrainischer oder ein polnischer – ein jüdisches Kind getötet hat und Ihre Großmutter – eine ukrainische oder eine polnische – ein jüdisches Kind verraten hat, woraufhin es in den Tod geschickt wurde.

Was empfinde ich also, wenn mich von meinen ermordeten Verwandten – und von jenen, die sie hätten töten können – genau ein Handschlag trennt? Ich verspüre keinen Wunsch nach Rache. Ich verspüre keinen Wunsch, Vorwürfe zu machen oder zu erklären, welche Denkmäler niedergerissen und wie Straßen benannt werden sollen.

Ich möchte die polnischen und die ukrainischen Völker als Bürger starker Staaten sehen, die ihrer eigenen Zukunft sicher sind. Ich weiß, dass jede Gewalt gegen Schwächere aus einem nationalen Minderwertigkeitskomplex hervorgeht – aus Unsicherheit, aus der Unfähigkeit, sich selbst zu schützen, und aus dem Wunsch, die eigene Wut auszulassen und Stärke gegenüber demjenigen zu demonstrieren, der sich nicht verteidigen kann.

Und ich bin absolut überzeugt, dass der Weg zu einem Gefühl eigener Würde über den Respekt vor jenen führt, die für ihre eigene Souveränität und ihre eigene Staatlichkeit gekämpft haben. Aber ein solcher Kampf unterdrückter Nationen kam in der Geschichte niemals ohne Verbrechen aus, ohne die Trennung zwischen gemäßigten Politikern und Radikalen, ohne Mörder und ohne Gerechte. Menschen sind keine Roboter. Ich würde gern „leider“ schreiben, aber ich werde es nicht tun. Denn sonst würden wir jene Wunder der Selbstaufopferung nicht sehen, bei denen neben denen, die töteten und verrieten, immer auch jene standen, die retteten – um den Preis ihres eigenen Lebens.

Daran denke ich immer, wenn ich die Allee der Gerechten in Yad Vashem in Jerusalem sehe: Wie viele Ukrainer und Polen dort vertreten sind! Und ich bedaure, dass wir bis heute jene Polen, die Ukrainer vor ihren eigenen Landsleuten retteten, und jene Ukrainer, die Polen retteten, nicht würdig ehren. Diese Menschen sind die wahren Helden.

Viele Personen, die im ukrainischen und im polnischen Pantheon geehrt werden, lösen bei mir nicht nur Abscheu, sondern auch ganz gewöhnliche Angst aus. Ja, Angst. Die Angst eines Opfers – denn ich erinnere mich sehr gut an alles, was diese Menschen taten, schrieben und sagten. Aber ich bin überzeugt: Man muss den Völkern die Möglichkeit geben, ihre Helden auf dem Weg des Staatsaufbaus zu ehren. Zumal kein Denkmal ewig ist. Das haben wir in vielen Ländern immer wieder gesehen – von den Vereinigten Staaten bis nach Frankreich oder Deutschland.

Und ich bin überzeugt, dass viele Menschen, die heute in Polen oder in der Ukraine geehrt werden, im Laufe der Geschichte von ihren Sockeln verschwinden werden. Nur müssen dies die Ukrainer selbst und die Polen selbst entscheiden – nicht die Ukrainer für die Polen und nicht die Polen für die Ukrainer.

Heute führt jedoch jeder Konflikt auf historischem Boden nur zum Sieg eines einzigen Staates. Eines Staates, der stets danach gestrebt hat, allen seine eigene Vorstellung von historischer Erinnerung aufzuzwingen. Der niemals irgendein eigenes Verbrechen anerkannt hat und immer alle anderen zu Verbrechern erklärte.

Jeder Zwist zwischen dem polnischen und dem ukrainischen Volk wird unweigerlich zum Triumph Russlands führen. Besiegt Russland die Ukraine, wird es auch Polen zerstören – ganz gleich, mit welchen Illusionen über die eigene Sicherheit in europäischen Strukturen oder in der NATO sich der gewöhnliche Pole vor der Realität zu schützen versucht. Man sollte endlich bemerken, dass sich die Welt erneut verändert hat – und dass niemand mehr irgendwelche Sicherheitsgarantien besitzt.

Wir können nur gemeinsam gerettet werden. Oder gemeinsam zugrunde gehen.


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Art der Quelle: Sozialmedia

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 11.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Der Skandal zwischen Polen und der Ukraine wegen der UPA. Die Erklärungen von Wałęsa und Nawrocki, Zelenskys Orden. Vitaly Portnikov. 30.05.2026.

Andrij Smolij: Unverhofft und unerwartet sind wir wieder in irgendeinen diplomatischen Skandal mit Polen geraten, wieder rund um die ungelösten Fragen aus unserer gemeinsamen jüngeren Vergangenheit. Ich meine natürlich das 20. Jahrhundert. Und diesmal begann alles damit, dass Präsident Zelensky beschloss, einem Zentrum der Spezialoperationskräfte den Namen der Helden der UPA zu verleihen.

Für die Ukraine schien das eine eher unauffällige Angelegenheit zu sein. Wahrscheinlich hätte niemand darauf geachtet. Aber in Polen hat man darauf geachtet. Zunächst erklärte der ehemalige Präsident und Held der Samtenen Revolution der späten 1980er Jahre in Polen, Lech Wałęsa, er sei zutiefst empört und werde aus Protest irgendein Abzeichen mit der ukrainischen Flagge nicht mehr tragen. Danach griff der amtierende Präsident Polens, Karol Nawrocki, die Geschichte auf und sagte, er werde alles tun, um Zelensky den Orden des Weißen Adlers abzuerkennen. Das ist die höchste staatliche Auszeichnung der Republik Polen.

Dazu kamen noch irgendwelche Protestnoten von israelischer Seite, die sich gegen die Umbettung von Andrij Melnyk richten.

Kurz gesagt, das ist nun diese Geschichte. Und man sollte wohl vorsichtig auf all das reagieren. So scheint es mir jedenfalls. Aber was sehen wir in dieser Geschichte? Hat Präsident Zelensky vielleicht etwas überstürzt getan, ohne es ausreichend zu durchdenken? Obwohl das schwer zu glauben ist. Oder wird es nie einen besseren Zeitpunkt geben, um diese unsere, ich weiß nicht, bereits eiternden Wunden der ungelösten Geschichte freizulegen, und man muss das einfach Schritt für Schritt tun? Ich weiß nicht, wie ich das bis zum Ende beurteilen soll.

Portnikov: Glauben Sie wirklich, dass Präsident Zelensky, als er dieses Dekret unterschrieb, auch nur eine Minute lang daran dachte, dass dies zu irgendeinem Konflikt mit Polen führen könnte? Für ihn war das irgendeine Standardhandlung, irgendeine Umbenennung, die Verleihung eines Namens an eine militärische Einheit zu Ehren der Ukrainischen Aufstandsarmee, die Teil dessen ist, was ich die militärische Ikonostase der Ukraine nennen würde. Wenn es in Lwiw oder anderen Städten Straßen der Helden der UPA gibt …

Andrij Smolij: Hundert Dokumente zur Unterschrift. Er hat einfach unterschrieben, unterschrieben und gar nicht darauf geachtet?

Portnikov: Vielleicht hat wirklich niemand darauf geachtet, denn die Idee der Ukrainischen Aufstandsarmee als Beispiel für Heldentum und als Objekt ukrainischer Glorifizierung existiert ja nicht erst seit gestern. Deshalb war die polnische Reaktion nicht vorhersehbar. Denn wenn man in Polen einfach nicht auf diese Geschichte aufmerksam geworden wäre? Wenn man sie einfach nicht bemerkt hätte? Hätte das passieren können? Ja, das hätte passieren können. Dann hätte es keinen Skandal gegeben.

Es gibt offensichtliche Dinge in den ukrainisch-polnischen Beziehungen, die man verstehen muss. Beide Länder haben völlig unterschiedliche Vorstellungen von historischer Erinnerung. Das ist eine offensichtliche Tatsache. Genau deshalb arbeiten in solchen Ländern Historikerkommissionen. Sie klären schwierige Fragen, versuchen gemeinsame Nenner zu finden, gemeinsame Initiativen vorzuschlagen, nicht das zu suchen, was trennt, sondern das, was verbindet.

Es gibt einen einfachen Unterschied: Wir sagen Polen niemals, wie es etwas zu nennen hat. Polen versucht uns dagegen sehr oft zu sagen, wie wir etwas nennen sollen. Das ist der Unterschied im Ansatz. Ich halte das für falsch. Das ist der Kernpunkt.

Nein, es geht nicht um die Ukrainische Aufstandsarmee, ihre historische Rolle oder ihre Bewertung in Polen. Polen hat jedes Recht, jeden beliebig zu bewerten. Es ist ein souveräner Staat. Polen ist gerade deshalb ein souveräner Staat, weil es diese Möglichkeiten hat. Es ist ein großes Glück, dass Polen Anfang des 20. Jahrhunderts auf die politische Landkarte der Welt zurückkehrte.

Das polnische Volk erhielt endlich diese Möglichkeit. Ich habe mich immer darüber gefreut – sowohl über das Wunder an der Weichsel als auch über die Wiederherstellung der polnischen Staatlichkeit und schließlich über den Übergang dieses Staates aus der Kategorie sowjetischer Satelliten zu einem unabhängigen europäischen Staat. Dafür muss man Lech Wałęsa und seiner historischen Rolle danken. Und das ist eine viel wichtigere historische Rolle als das, was er jetzt über die historischen ukrainisch-polnischen Beziehungen sagt.

Aber man muss verstehen, dass auch die Ukraine seit den 1990er Jahren in einen solchen Status überging. Zwischen dem ukrainischen und dem polnischen Volk sowie den Staaten gab es immer unterschiedliche Bewertungen bestimmter historischer Persönlichkeiten. Und zwar nicht nur der Helden der UPA.

Bohdan Chmelnyzkyj ist für die Ukrainer ein Mensch, der den Grundstein für ihre nationale Unabhängigkeit gelegt hat. Für die Polen ist er jemand, der faktisch begann, die Adelsrepublik zugunsten des Moskauer Zarenreiches zu zerstören. Das sind, wie Sie verstehen, völlig unterschiedliche Bewertungen derselben Persönlichkeit.

In der Ukraine gibt es den Orden Bohdan Chmelnyzkyj. Es ist schwer vorstellbar, dass ein solcher Orden in Polen existieren könnte, oder? Kaum ein Pole würde sich wünschen, mit dem Orden Bohdan Chmelnyzkyj ausgezeichnet zu werden. Ich sage Ihnen noch mehr: Auch ich selbst würde nicht besonders gerne mit dem Orden Bohdan Chmelnyzkyj ausgezeichnet werden, wie Sie wahrscheinlich verstehen.

Aber ich verstehe sehr gut ethnische Ukrainer, die gerne einen solchen Orden auf ihrer Brust tragen würden. Die Geschichte ist einfach komplizierter, als sie uns erscheint.

Andrij Smolij: Ich denke, sogar Taras Hryhorowytsch Schewtschenko hätte einen solchen Orden nicht besonders gewollt.

Portnikov: Taras Hryhorowytsch Schewtschenko hätte den Orden Bohdan Chmelnyzkyj ganz sicher nicht gewollt. Er hätte ihn niemals angenommen. Niemals.

Aber auch hier gilt: Es gibt unterschiedliche Ukrainer. Das ist eine Besonderheit jeder Nation. Sie haben Schewtschenko völlig zu Recht erwähnt, denn Schewtschenko, im Unterschied zu mir ein ethnischer Ukrainer, hasste Chmelnyzkyj als historische Figur, ich würde sagen, vielleicht sogar mehr als ich. Und er hatte das Recht dazu.

Gleichzeitig haben Menschen das volle Recht, Bohdan Chmelnyzkyj anders zu betrachten und seine historische Rolle im Kontext aller späteren Ereignisse zu bewerten.

Andrij Smolij: Wissen Sie, Herr Vitaly, vor etwa zwanzig Jahren hörte ich oft von Historikerkollegen, die irgendwie an diesem Dialog beteiligt waren: „Lasst uns in Ruhe. Wir werden das mit den polnischen Kollegen schon irgendwie klären und euch dann sagen, wie es steht.“

Aber heute funktioniert das einfach nicht mehr. Ganz gleich, wie hervorragend ein Historiker ist und wie erfolgreich eine akademische Konferenz verläuft. Jetzt wurden diese Treffen wieder aufgenommen, und das ist großartig. Aber wir verstehen auch, dass irgendein Influencer auf TikTok zehn Millionen Aufrufe sammeln kann, völligen Unsinn und Unwissenheit vermischt mit Xenophobie verbreitet – und zehn Millionen Menschen sehen das. Damit wird alles zunichtegemacht, woran Historiker zwei Jahre lang gearbeitet haben. Das ist eine neue Situation. Wir können nicht einfach sagen: „Die Historiker werden sich schon einigen.“

Portnikov: Nein, sehen Sie, zweifellos kann ein TikTok-Influencer alles Mögliche tun. Er kann Ihnen sogar zeigen, wie man in der eigenen Wohnung ein Raumschiff baut und zum Mars fliegt.

Aber wir sprechen hier über Staatspolitik. Das ist nicht einfach ein gesellschaftlicher Konflikt. Gesellschaften können sich auf TikTok, Facebook oder sonst irgendwo beliebig über historisches Erbe austauschen.

Jetzt handelt es sich um einen Konflikt auf staatlicher Ebene, weil Präsident Karol Nawrocki sich eingeschaltet hat. Er sagt, sein ukrainischer Kollege habe eine falsche Entscheidung getroffen. Am 6. Juni will er dem Kapitel des Ordens des Weißen Adlers die Frage vorlegen, Zelensky diesen Orden abzuerkennen.

Dabei müssen wir verstehen: Zelensky erhielt diesen Orden nicht als Privatperson und nicht aufgrund persönlicher Verdienste gegenüber Polen, sondern als Präsident eines Landes, das weiterhin faktisch Europas Schild gegen die russische Invasion ist – vor allem Polens Schild. Denn wenn die Ukraine zusammenbricht, wird Polen an seinen Grenzen genau das bekommen, was es nie bekommen wollte.

Dann wird es weder um den Weißen Adler noch um Zelensky gehen. Dann beginnt für das polnische Volk ein ganz anderes Leben – ein Leben, das ich dem polnischen Volk keinesfalls wünsche. Als Journalist würde ich natürlich gerne sehen, wie die Menschen darauf reagieren würden. Ich möchte nur nicht, dass all das auf Kosten der Ukraine geschieht.

Deshalb sage ich: Wenn wir anfangen zu erklären: „Lasst uns dem Präsidenten der Ukraine, den wir für den mutigen Widerstand des ukrainischen Volkes gegen die russische Aggression ausgezeichnet haben, diesen Orden wieder wegnehmen – praktisch für die Fortsetzung dessen, was einst die polnischen Aufstände unter dem Motto ‚Für unsere und eure Freiheit‘ begonnen haben –, lasst uns ihm den Orden wegnehmen, weil er eine falsche Entscheidung über die Benennung einer ukrainischen Militäreinheit getroffen hat.“

Wunderbar. Ich freue mich sehr. Das ist politische Schizophrenie auf staatlicher Ebene. Schizophrenie auf staatlicher Ebene.

Dabei bin ich der Meinung, dass der Präsident Polens und auch der Ministerpräsident Polens – der sich übrigens ebenfalls nicht gerade begeistert dazu geäußert hat – ruhig mit einer Erklärung auftreten können, in der sie eine solche Entscheidung verurteilen. Und damit sollte alles enden. Er hat eine Entscheidung getroffen, sie hätten eine völlig andere Entscheidung sehen wollen. Sie haben diese Entscheidung verurteilt, und dann arbeitet man weiter. So sollte das funktionieren, wenn man sich überhaupt einmischen will.

Obwohl ich noch einmal sage: Ich halte es keineswegs für notwendig, dass man in irgendeinem anderen Land erklärt, wen und wie man auszeichnen soll. Das ist ein imperialer Ansatz, der Russland eigen ist. Erinnern Sie sich übrigens: Es ist nicht das erste Mal, dass es eine solche Geschichte gibt. Seinerzeit verurteilte man in Warschau Viktor Juschtschenko, der Stepan Bandera den Titel Held der Ukraine verliehen hatte. Erinnern Sie sich?

Andrij Smolij: Ja.

Portnikov: Ja. Auch damals gab es einen riesigen Skandal. Aber wiederum: Juschtschenko war Präsident der Ukraine. Er entscheidet selbst, wen er auszeichnet. Übrigens erinnere ich mich nicht, dass damals die Frage gestellt wurde, Juschtschenko irgendwelche polnischen Orden abzuerkennen. Ich weiß nicht, ob er sie hatte oder nicht, aber so war diese Geschichte.

Wir sprechen ja nicht über Persönlichkeiten, sondern über das staatliche Verhältnis zur Geschichte. Dieses staatliche Verhältnis zur Geschichte findet nicht auf TikTok statt. Und gerade der Staat müsste sich um einen Dialog auf staatlicher Ebene kümmern. Das sollte keine gesellschaftliche Historikerkommission sein. Dann können Präsidenten bei sich irgendein historisches Forum schaffen oder die Außenminister.

Wie Sie wissen, leitete ich einst den ukrainischen Teil des ukrainisch-polnischen Forums für Zusammenarbeit, schon, wenn ich mich nicht irre, während der Präsidentschaft von Andrzej Duda. Auf polnischer Seite wurde dieses Forum von dem bekannten polnischen Historiker und Fachmann für polnisch-ukrainische Beziehungen, Jan Malicki, geleitet. Und wenn wir uns trafen – Vertreter der Ukraine, Polens, gesellschaftliche Akteure, Historiker, Diplomaten, Leiter von Hochschulen –, diskutierten wir viele solcher schmerzhaften Probleme, darunter auch historische Fragen. Wir traten mit Initiativen auf, suchten Wege, die verbinden.

Übrigens lud uns Doktor Malicki auf einen Friedhof in Warschau ein, auf dem Veteranen der Ukrainischen Volksrepublik begraben sind, die nach 1920 gezwungen waren, die Ukraine zu verlassen. Sie hatten zusammen mit polnischen Truppen in der Armee von Symon Petljura und Józef Piłsudski gekämpft. Wir fuhren übrigens gemeinsam nach Wolhynien, nach Luzk, und sprachen ebenfalls darüber, wie wichtig es ist, diese gesellschaftlichen Verbindungen wiederherzustellen, wie wichtig es ist, Verständigung wiederherzustellen.

Das ist also alles mühsame Arbeit, verstehen Sie, für Menschen, die sehr genau verstehen, wie groß das Niveau dieser historischen Probleme ist, die zwischen Ukrainern und Polen keineswegs mit dem Zweiten Weltkrieg erschöpft sind. Und sie verstanden, dass das keine Arbeit für ein Jahr und nicht für ein Jahrzehnt ist. Wichtig ist nur, daraus keinen politischen Konflikt zwischen Staaten zu machen. Das ist wichtig. Das ist der Fehler.

Genauso halte ich es für einen Fehler der ungarischen Seite, bereits der neuen ungarischen Regierung, die Frage der europäischen Integration der Ukraine lösen zu wollen, indem man irgendwelche ultimative Forderungen stellt, die die ukrainische Regierung erfüllen müsse. Aber diese Fragen hängen nicht mit der europäischen Integration der Ukraine zusammen, sondern ausschließlich mit den ungarisch-ukrainischen Beziehungen aus Sicht der ungarischen Regierung darauf, wie die Rechte nationaler Gemeinschaften gewährleistet werden sollen, insbesondere der Ungarn in Transkarpatien. Das ist ebenfalls kein konstruktiver Ansatz, wie wir verstehen. Ein konstruktiver Ansatz wäre, für die europäische Integration der Ukraine zu kämpfen und dann gemeinsam in der Europäischen Union faktisch alles Mögliche zu tun, damit Menschen gleiche Rechte haben. Nicht wahr?

Ich sage das die ganze Zeit. Ich verstehe auch das nicht. Ich erinnere immer daran: Wenn es der Ukraine irgendwann gelingt, der Europäischen Union beizutreten, bedeutet das, dass alle ethnischen Ungarn in einer geopolitischen Vereinigung leben. In der Slowakei, in Rumänien, in Ungarn, in der Ukraine – alle ethnischen Ungarn leben ohne Grenzen in einer Vereinigung, haben freie Möglichkeiten, sich zu bewegen, Arbeit zu finden, Ungarisch zu sprechen, an ungarischen Einrichtungen in Ungarn zu lernen, wenn sie das möchten, oder an ukrainischen in der Ukraine. Es gibt kein Trianon mehr. Trianon ist vorbei. Aber Sie sehen ja, dass die Regierung in Budapest die ganze Zeit einen anderen Weg geht.

Andrij Smolij: Mir scheint, dass selbst die ungarische Minderheit, die heute in der Ukraine, in Transkarpatien, in diesen kompakten Siedlungsgebieten lebt, wo sie die Mehrheit bildet, keine großen Probleme hat, nach Ungarn hin und zurück zu fahren. Sie hat keine Probleme damit, in Ungarn zu studieren.

Portnikov: Natürlich, aber es gibt eine Grenze. Zwischen der Europäischen Union und der Ukraine gibt es eine Staatsgrenze. Wenn die Ukraine Mitglied der Europäischen Union wird, wird es keine Grenze geben.

Andrij Smolij: Das stimmt.

Portnikov: Das hat große Bedeutung, verstehen Sie? Wenn Sie von Ungarn in die Ukraine so fahren werden, wie Sie von Ungarn in die Slowakei fahren, ohne überhaupt zu bemerken, dass dort einmal eine Grenze war. Das hat psychologisch und emotional enorme Bedeutung, glauben Sie mir. Ich schaue einfach auf Tirol, sagen wir, das nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen Italien und Österreich geteilt wurde.

Dort lebt im italienischen Tirol ein großer Teil der deutschsprachigen Bevölkerung, Menschen, die sich als Tiroler verstehen. Wie Sie verstehen, hielten sich diese Menschen vor dem europäischen Projekt für von den Tirolern in Österreich abgeschnitten. Dieses Gefühl gibt es heute nicht mehr. Mehr noch, sogar die Integration mit Italien selbst hat sich in diesem Teil verstärkt, weil die Menschen sich nicht bedroht fühlen: Sie steigen ins Auto und fahren in den anderen Teil Tirols. Sie sind italienische Staatsbürger. Das passt ihnen völlig. Sie haben dort ihr eigenes Leben in Italien, aber sie können jederzeit Tiroler sein. EU Region Tirol. Fertig.

Genau so wird das in Europa gelöst. Warum sollten wir also nicht in Europa sein? Warum braucht Budapest künstliche Hindernisse zu errichten, um das zu bremsen? Ich verstehe das nicht, wenn sie wirklich an die Ungarn in Transkarpatien denken.

Andrij Smolij: Nun, die Ungarn in Transkarpatien, wiederum, wer in diesen Regionen war, weiß, dass es dort manchmal schwierig ist, irgendwelche Aufschriften etwa auf Ukrainisch zu finden, was für einen ukrainischen Bürger einfach unbequem ist, wenn er sich im Staat Ukraine befindet.

Portnikov: Ich verstehe das. Aber in Tirol, in Italien, können Sie ebenfalls möglicherweise keine Aufschrift auf Italienisch finden, Menschen, die Italienisch sprechen, kann man dort ebenfalls möglicherweise nicht finden. Zumindest in ländlichen Gegenden. Davon sprechen wir doch nicht. So ist es an Orten mit einer großen Konzentration nationaler Gemeinschaften. Wobei wiederum Tirol als Teil Italiens, dieses Südtirol, schon mehr als 100 Jahre existiert. Und das hat, sozusagen, die Sprachdisziplin nicht beeinflusst. Nein, wahrscheinlich kennen die Menschen Italienisch, aber sie benutzen es irgendwie nicht besonders.

Andrij Smolij: Aber sehen Sie, im Großen und Ganzen haben wir keine historischen Probleme mit Ungarn. Obwohl es in Wirklichkeit im 20. Jahrhundert sehr, sehr vieles gab, wofür man den Ungarn, der ungarischen Regierung, Rechnungen stellen könnte. Sie stand Versuchen der Ukrainer, auf diesen Gebieten Unabhängigkeit auszurufen und sich in Richtung Unabhängigkeit zu bewegen, sehr, sehr, sehr feindlich gegenüber, im Vergleich etwa zu denselben Slowaken oder Tschechen.

Aber andererseits, wenn man diese Situation überträgt und wieder zu den Polen zurückkehrt: Vielleicht hindert uns tatsächlich, dass wir im Dialog mit den Polen ständig in die Rolle eines gewissermaßen jüngeren Bruders geraten, historisch gesehen.

Portnikov: Ich denke, das Problem liegt nicht nur darin, sondern darin, dass die Symbiose zwischen Ukrainern und Polen dennoch viel länger und dichter ist als die zwischen Ukrainern und Ungarn. Der ukrainisch-ungarische ethnische Kontakt fand auf einem vergleichsweise kleinen Territorium statt. Wenn man sich dagegen die Präsenz der Ukrainer im Königreich Ungarn, sogar in Österreich-Ungarn, und die Präsenz der Ukrainer in der Adelsrepublik ansieht, ist das eine völlig besondere Geschichte. Eine Geschichte, die sich über Jahrhunderte erstreckt.

Die Geschichte der Beziehungen zwischen dem Großfürstentum Litauen und der Krone. Die Geschichte der Übergabe ukrainischer Länder an die Krone. Die Geschichte des Chmelnyzkyj-Aufstandes. Das alles ist gemeinsame Geschichte der Ukraine und Polens. Staatliche Geschichte. Geschichte der Nachbarschaft von Völkern, ihrer zivilisatorischen Konkurrenz. Das ist immer so. Das ist einfach eine viel größere Nähe in allen Fragen.

Und man kann auch nicht sagen, dass dies auf dem gesamten Gebiet der heutigen Ukraine so war. Und man kann auch nicht sagen, dass es sich nur auf Galizien beschränkte. Galizien und Wolhynien – das ist im Grunde die Geschichte der letzten Jahrhunderte. Aber eine solche Symbiose gab es auch in der Großen Ukraine, wo sowohl Ukrainer als auch Polen lebten. Und lange Zeit war dieses Gebiet ebenfalls Teil der Adelsrepublik und davor des Großfürstentums.

Diese Symbiose reicht einfach tief. Und das ist, würde ich sagen, sowohl Freundschaft als auch Feindschaft und die Suche nach irgendeiner Zusammenarbeit. Das ist einfach eine so lange und komplizierte Geschichte, dass es in einer solchen langen und komplizierten Geschichte nicht nur eine Farbe geben kann, weiß oder schwarz.

Andrij Smolij: Wenn man, wissen Sie, dennoch über diese Diskussion nicht zwischen Historikern und Intellektuellen spricht, sondern über das, was als normale Reaktion gewöhnlicher Menschen auf das geschieht, was gerade rundherum passiert, insbesondere diese Verleihung des Namens der Helden der UPA und die Reaktion der Polen, dann sagen sehr viele meiner Bekannten, vernünftige Menschen, dass – und wieder höre ich diesen Satz – die Polen Imperialisten seien, sie seien um nichts besser als die Russen. Ich denke, in Moskau ist man sehr zufrieden.

Portnikov: Ich denke, Menschen können gekränkt sein, aber man muss sich immer erinnern: Die Ukraine hat nur eine Wahl. Entweder Teil Europas werden oder Teil Russlands werden. Das heißt, wir werden entweder irgendwie den Dialog mit unseren europäischen Nachbarn – mit Polen, der Slowakei und Ungarn – aufrechterhalten müssen, oder uns damit abfinden müssen, dass es das ukrainische Volk nicht geben wird, dass es Teil Russlands sein wird.

Übrigens werden die Polen dann ganz sicher nichts diktieren. Dann werden hier Atomwaffen stehen. Dann werden wir auf jede Frage sagen: „Hören Sie, Drohnen und Atomwaffen werden Sie gehorsam machen. Wir werfen einfach eine Atombombe auf Warschau, und Sie werden verstehen, was normales Leben bedeutet.“ Das, was es in der Sowjetunion gab, nicht wahr?

Das heißt, wenn Sie wollen, dass Ihnen niemand aus Polen oder Budapest etwas diktiert: Koffer, Bahnhof, Russland. Nicht einmal Koffer und Bahnhof sind nötig. Ihr Territorium kann Teil Russlands werden, und mit diesem großen Staat werden Sie allen anderen alles diktieren. Wenn es natürlich gelingt.

Wenn wir aber wollen, dass hier die Ukraine bleibt, dann haben Sie wiederum eine einfache Wahl. Entweder suchen Sie den Dialog mit Warschau oder Budapest, einen unangenehmen, schwierigen Dialog. Es kann tatsächlich sehr unangenehm sein, solche imperialen Ambitionen zu sehen. Sie können auch in Ungarn als imperial gelten. Ungarn war ebenfalls Teil eines Imperiums, wie wir wissen. Oder wir kämpfen allein gegen Russland. Oder wir einigen uns ebenfalls mit ihm darauf, dass wir Russland sind. Denn wie Sie sehen, will Russland uns im Unterschied zu Polen nicht als Ukraine anerkennen. Das ist ein großer Unterschied.

Wenn Ihre Bekannten sagen, die Polen seien genauso wie die Russen, erinnern Sie sie an eine einfache Sache. Die Polen glauben, zumindest in der jetzigen Phase dieser Geschichte, dass die Ukrainer ein Recht auf Existenz haben. Die Russen glauben in der jetzigen Phase dieser Geschichte, dass die Ukrainer kein Recht auf Existenz haben. Wenn sich dieser Nenner ändert, kann man darüber sprechen.

Aber ich garantiere Ihnen, dass sich dieser Nenner nie wieder ändern wird. Die Russen haben alle Schlüsse gezogen, die sie ziehen mussten, ob das ukrainische Volk auf den Ländereien existieren darf, die sie für die Ländereien des historischen Russlands halten. Damit ist im Dialog des ukrainischen und des russischen Volkes, kann man sagen, für unser Jahrhundert endgültig ein Punkt gesetzt. Alles, finita la commedia. Das heißt, entweder wehren wir uns, und dann einigen wir uns mit Polen und Ungarn, oder wir wehren uns nicht, und dann spucken wir schon als Russen auf Polen und Ungarn vom Glockenturm unserer lieben Basilius-Kathedrale. Aber ich denke, die überwältigende Mehrheit der Ukrainer will ein solches Schicksal nicht, oder?

Andrij Smolij: Umso mehr löst das im Prinzip den Streit überhaupt auf eine andere Weise. Der Streit zwischen Ukrainern und Polen ist beendet, weil es keine Ukrainer mehr gibt. Sie sind zu Russen geworden.

Portnikov: Sie sind zu Russen geworden und haben ebenfalls zugestimmt, dass die UPA Feinde sind. Aber diese Polen, diese Feinde Russlands, sind noch größere Feinde als die Kämpfer der UPA.

Andrij Smolij: Eine solche Alternative.

Portnikov: Es gibt ein wunderbares Ende des Films. Das Ende des Films „Sintflut“ von Jerzy Hoffman. Erinnern Sie sich? Er endet damit, dass Polen, Ukrainer und Krimtataren sich nicht miteinander einigen konnten und infolgedessen überall das Russische Imperium herrschte. Erinnern Sie sich an dieses Ende? Genau ein solches Ende kann es auch jetzt geben.

Andrij Smolij: Diesen Film von Hoffman habe ich irgendwie nicht gesehen, deshalb kann ich dazu nichts sagen. Aber mir scheint, dass dieser Gedanke bei den Polen, bei polnischen Intellektuellen, schon mindestens seit Jahrzehnten existiert: dass die Ukraine außerordentlich wichtig ist, beginnend mit Giedroyc.

Portnikov: Natürlich. Nicht einfach, dass die Ukraine wichtig ist, sondern dass es wichtig ist, sich mit der Ukraine zu einigen. Und wir müssen immer daran erinnern, dass die Frage nicht darin besteht, was uns trennt, sondern was uns verbindet.

Andrij Smolij: Sehen Sie, Herr Vitaly, bedeutet das nicht auch, dass es für die Ukrainer wünschenswert wäre, sozusagen, ihren eigenen ukrainischen Giedroyc zu haben, der von Zeit zu Zeit daran erinnert – vielleicht gibt es solche Menschen in Wirklichkeit auch –, der auch uns daran erinnert, dass Polen für die Ukraine ebenfalls kein unwichtiges Land ist?

Portnikov: Hören Sie, wir brauchen keinen ukrainischen Giedroyc, und zwar aus einem einfachen Grund. Giedroyc sagte den Polen im Grunde, dass Ukrainer, Belarussen und Litauer existieren und dass man mit ihnen als souveränen Nationen neben Russland zu tun haben werde. Bei uns in der Ukraine gibt es niemanden, der glauben würde, dass Polen nicht existieren. Nicht wahr?

Andrij Smolij: Das stimmt.

Portnikov: Das ist der Hauptunterschied. Giedroyc hat tatsächlich die Sicht der Polen auf die europäische Zukunft verändert. Obwohl man sagen muss, dass seine politische Linie heute bis zu einem gewissen Grad ein Fiasko erlitten hat. Ich glaube nicht, dass die Außenpolitik Polens die Politik Giedroycs ist. Dennoch veränderte dies wirklich den Blick eines großen Teils der polnischen Emigration, als Giedroyc Ukrainer, Belarussen und Litauer als souveräne Völker behandelte, die in souveränen Staaten leben werden, weil sie bis dahin faktisch als eine Art Anhängsel Russlands wahrgenommen wurden. Und einige meinten, es werde ein demokratisches Russland geben, das diesen Völkern irgendwelche Rechte geben werde. So sah das in der öffentlichen Meinung aus. Und Sie wissen, dass nicht wenige polnische Intellektuelle noch lange in dieser Illusion lebten. Sie waren, würde ich sagen, kulturelle Russophile. Und Giedroyc ging, kann man sagen, gegen diese Tendenz vor und siegte. Und die Geschichte bewies, dass er recht hatte.

Bei uns aber gab es niemals irgendeinen Gedanken, dass Polen kein Recht auf Unabhängigkeit, Souveränität, auf echte Unabhängigkeit habe. Ich möchte Sie daran erinnern, dass selbst in den 1980er Jahren, als es Solidarność gab, hier in Kyiv unter Intellektuellen diese Sympathie und Solidarität mit den Polen viel stärker zu spüren war als irgendwo in Russland. Ich habe das einfach mit eigenen Augen gesehen. Diese Unterstützung für Polen, dieses Interesse an Polen, sie existierten immer in unserer Gesellschaft.

Was soll uns ein Giedroyc bringen? Vielleicht brauchen wir Menschen, die über die Notwendigkeit gegenseitigen Respekts zwischen dem polnischen und dem ukrainischen Volk sprechen. Nun, das sagen viele. Auch ich gehöre zu den Menschen, die ständig daran erinnern.


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Art der Quelle: Interview
Titel des Originals: Скандал між Польщею та Україною через УПА. Заява Валенси та Навроцького, орден Зеленського. Віталій Портников. 30.05.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 30.05.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Polen, Ukraine und die Last der Geschichte. Tamara Zlobina. 05.06.2026. 

Zehntausende von der UPA getötete polnische Zivilisten sind ein Verbrechen und eine Tragödie, unabhängig davon, welche Zahlen genannt werden – 40–60 Tausend nach ukrainischen Schätzungen oder 100 Tausend nach polnischen.

Und wir sollten den Mut haben, dies als Verbrechen anzuerkennen und es durch nichts zu erklären, es nicht zu relativieren, uns nicht herauszureden und nicht zu versuchen, uns selbst zu rechtfertigen.

Gründe hatten immer alle für alles. Das hebt die Verantwortung nicht auf.

Es ist schrecklich, und es tut mir sehr leid, dass es dazu gekommen ist. Wir werden uns daran erinnern, die Opfer ehren und darauf achten, dass sich so etwas nicht wiederholt.

Das ist die einzige normale erwachsene Reaktion. Und wir haben damit bereits zu Zeiten von Juschtschenko begonnen.

Aber zugleich sollte man auch hier einen Punkt setzen und die Polen daran erinnern, dass unsere gemeinsame Erinnerungspolitik lautet: „Wir vergeben und bitten um Vergebung.“

Und nicht: „Wir bitten um Vergebung und streuen Asche auf unser Haupt, während ihr so tut, als hättet ihr selbst keine Verbrechen gegen Ukrainer begangen.“

Die Polen sagen, sie seien durch Symmetrie besonders beleidigt (durch die Erinnerung daran, dass auch Polen Ukrainer verfolgt haben). Für sie sind die 20 000 von der Heimatarmee getöteten Ukrainer lediglich eine Antwort und Selbstverteidigung, denn schließlich kann es nur ein einziges unschuldiges und makelloses Opfer geben.

Deshalb beleidigt es mich sehr, dass sie glauben, die Probleme in den polnisch-ukrainischen Beziehungen hätten erst in den 1940er Jahren begonnen – und seien von den Ukrainern ausgegangen.

Wenn man an die Pazifizierung Galiziens erinnert, heißt es: „Das kann man nicht mit ethnischen Säuberungen vergleichen.“ Nun ja, sie haben nicht getötet (na gut, nur 20 Menschen, „nicht so wie ihr“), sie haben lediglich geschlagen, beraubt, vergewaltigt, eingesperrt, ukrainische Aktivisten und Aktivistinnen verfolgt sowie gesellschaftliche Organisationen und Bildungseinrichtungen verboten.

Von der Tragödie der galizischen Aktivistin Iwanna Blaschkewytsch, deren zwei kleine Töchter vergiftet wurden, als sie gerade für den Sejm kandidierte, werden die Polen euch nichts erzählen.

Und wenn man dennoch darauf besteht und Fakten vorlegt, landet man schnell bei: „Nun, diese Pazifizierung wurde ja nicht ohne Grund durchgeführt.“

Natürlich nicht ohne Grund. Es waren die 1930er Jahre, die Blütezeit des integralistischen Nationalismus – sowohl bei uns als auch bei euch. Wir lebten auf demselben Territorium, um das wir gerade Krieg geführt und verloren hatten, und nun waren die Ukrainer eine diskriminierte ethnische Minderheit im Polen der Zwischenkriegszeit, das eine aggressive Politik der Polonisierung betrieb.

Heute warnen gemäßigtere polnische Liberale: Mit eurem Nationalisten Bandera werdet ihr nicht in die EU aufgenommen. Was macht ihr dann mit eurem Nationalisten Dmowski, eurem „Vater der Nation“, einem ethnischen Chauvinisten, Antisemiten und Sympathisanten des Faschismus? Sind seine Denkmäler, Straßen, Schulen und sogar ein Bahnhof nach ihm für euch in Ordnung?

Wenn die UPA nur Verbrecher waren und wir ihre Denkmäler entfernen und sie nie anders als im Kontext der Reue erwähnen sollten – möchten unsere kultivierten Nachbarn dann nicht bei sich selbst anfangen und die Denkmäler für die Heimatarmee, Dmowski und Piłsudski abbauen?

Sie befinden sich übrigens derzeit nicht in einem Überlebenskrieg und verfügen über deutlich mehr Ressourcen für eine kritische Neubewertung ihrer eigenen Geschichte.

Stattdessen begannen sie, die „Verfluchten Soldaten“, ihre Partisanen nach 1945, die für Verbrechen an Belarussen, Ukrainern, Juden und Litauern bekannt sind, als Kämpfer für die Unabhängigkeit Polens zu verherrlichen (siehe den pathetischen Beitrag von Nawrocki). Dagegen bestand lange Zeit sogar in Polen selbst ein gesellschaftlicher Konsens.

Und wenn man berücksichtigt, dass ein erheblicher Teil der Żołnierze Wyklęci aus der Heimatarmee hervorging, dann ist die Trennung zwischen ihnen ohnehin eher fragwürdig.

Aber der Spiegel gefällt unseren Nachbarn nicht besonders.

Denn wenn Polen ihre ethnischen Chauvinisten und die Henker ihrer Nachbarn verherrlichen, dann ist das natürlich „etwas anderes“.

Was die Polen nicht verstehen, wenn sie die antukrainische Karte in der Politik spielen und dabei längst jede Grenze des Vernünftigen überschritten haben, ist, dass sie damit unsere historische Erinnerung aktivieren.

Was jahrzehntelang nur auf den Seiten von Geschichtsbüchern existierte, kehrt in die heutige emotionale Erfahrung zurück, wie die inzwischen fast einwöchige Diskussion in unseren Facebook-Netzwerken zeigt.

Ich spreche Polnisch und habe ein halbes Jahr in Polen gelebt. Nach Beginn der großangelegten Invasion freute ich mich, als ich durch Polen in die Ukraine fuhr – denn das waren schon Nachbarn, das war schon fast Zuhause.

Insgesamt löste Polen bei mir freundschaftliche Gefühle aus. Die Herablassung, die gelegentlich durchschimmerte, ignorierte ich – dumme Menschen gibt es überall. Selbst die Begegnung mit einem polnischen Neonazi, der mir in einer Regionalbahn erklärte, die Ukraine existiere nicht und wir seien Vieh, während ein halber Waggon zuhörte und niemand ihn stoppte – selbst diese Episode beeinflusste meine Haltung zu Polen nicht.

Nach dem Sieg Nawrockis und ihrem gesamten Wahlkampf, in dem die Politiker nicht mit Visionen für die Zukunft Polens konkurrierten, sondern mit Vorwürfen gegenüber den Ukrainern, änderte sich meine emotionale Einstellung.

So sehr, dass ich heute auf die polnische Sprache ähnlich reagiere wie auf die russische.

Mit Abneigung – und dem Wunsch, Abstand zu nehmen.

Und als Ihor vorschlug, nach Polen umzuziehen, weil es für ihn als Belarussen dort einfacher mit den Dokumenten wäre, löste das bei mir blinde Panik aus.

So starke Panik, dass ich meine Mutter fragte, warum mein Urgroßvater 1939 aus der Gegend von Przemyśl nach Wolhynien gezogen war. Seine Frau, meine Urgroßmutter Olja, war doch Polin.

So erfuhr ich, dass sie wegen ihrer Mischehe verfolgt wurden.

Mir ist bewusst, dass das vielleicht eine etwas übertriebene Reaktion ist, und ich hoffe, dass ich irgendwann wieder lächeln werde, wenn ich Polnisch höre. Aber im Moment ist es eben so.

Warum erkennen nicht beide Völker die Realität ehrlich an?

Sie ist doch einfach.

Jahrhundertelang waren wir Feinde und Verbündete zugleich – wie alle in Europa seit dem Mittelalter. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kämpften wir um Galizien. Die Ukrainer verloren und gerieten unter die harte diskriminierende Politik des Polen der Zwischenkriegszeit. Während des Zweiten Weltkriegs kämpften wir erneut gegeneinander. Mit schrecklichen „Entgleisungen“.

Letztlich verlor Polen diese Gebiete, allerdings nicht an uns, sondern an die Sowjetunion. Und hätten die Sowjets die Polen nicht teilweise nach Polen und teilweise nach Sibirien umgesiedelt, dann hätten wir in den 1990er Jahren womöglich erneut gegeneinander Krieg geführt.

Ich glaube nicht, dass wir einen Ressentiment gegenüber den Polen haben (sie haben einen gegenüber uns), und die Politik des „Wir vergeben und bitten um Vergebung“ ist für uns akzeptabel (für sie nicht) – nicht wegen der unterschiedlichen Zahl getöteter Zivilisten.

Sondern weil die umstrittenen Gebiete letztlich bei uns geblieben sind und wir Polen nie als Leibeigene besessen haben.

Wir haben keine „Kresy Wschodnie“ und kein „bäuerliches Vieh“ im gesellschaftlichen Unterbewusstsein.

Seit den Zeiten Chmelnyzkyjs haben wir uns gegenseitig massakriert, weil wir Feinde waren. Wir schlossen Bündnisse, wenn es vorteilhaft war. Wir verrieten einander, wenn es vorteilhaft war. Ethnische Säuberungen sind schlecht, Diskriminierung ist schlecht. Aber man kann sehr wohl den Teil der Tätigkeit der Heimatarmee gegenüber Ukrainern und den Teil der Tätigkeit der UPA gegenüber Polen verurteilen und gleichzeitig ihren Beitrag zum Aufbau unabhängiger Staaten anerkennen.

Trotz Sahryń stört mich das Denkmal der Heimatarmee gegenüber dem polnischen Parlament nicht. Trotz Piłsudskis Verrat an Petljura war er ein brillanter Politiker. Und trotz seines Chauvinismus war Dmowski ein typischer integralistischer Nationalist der Zeit der Entstehung der Nationalstaaten zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Selbst die „Verfluchten Soldaten“ aus der 1945 aufgelösten Heimatarmee warfen sich letztlich aus Verzweiflung und Ausweglosigkeit auf diejenigen, die sie noch erreichen konnten.

Wir können die Vergangenheit und die Umstände, unter denen unsere Nationalhelden lebten und handelten, nicht ändern. Wenn man mit dem Maßstab der Gegenwart misst, bleibt in keinem Land jemand im nationalen Pantheon übrig. Nicht einmal Künstler, Philosophen oder Schriftsteller – denn auch sie waren in der Regel Sexisten.

Also: „Liebe Brüder, Nachbarn Polen, unsere freundschaftlichen Gefühle kommen aus tiefstem Herzen“, wie die Brüder Hadjukin sangen.

Vielleicht etwas mehr Pragmatismus?

Was wäre euch auf den „östlichen Grenzgebieten“ lieber: eine Ukraine mit UPA-Denkmälern und null Ansprüchen an euch in der Gegenwart – oder Russland, das erst vor Kurzem euren Präsidenten und die Hälfte eurer politischen Elite getötet hat?

Kommentare: 

1. 

Über historische Erinnerung und meine polnische Urgroßmutter

Das große ukrainische Dorf Stuschyzja im Kreis Krasnystaw der Woiwodschaft Lublin.

Dies sind die Erinnerungen eines konkreten Zeitzeugen – Feofan Kostjuk, Jahrgang 1927.

„Die ukrainische Bevölkerung von Stuschyzja war zahlenmäßig zwar den Polen überlegen, befand sich jedoch in einem Ring polnischer Dörfer, von denen eine ständige Bedrohung für ihre Existenz ausging. Die Ereignisse der Jahre 1940–1945 bestätigten die Drohungen vieler örtlicher Polen, dass ukrainisches Blut in Strömen in die Weichselzuflüsse fließen werde. Bereits 1940 wurden die Dorfbewohner Buk und Waschtschuk von Polen ermordet. Die sogenannten Schutzpolizisten verhafteten die Ehepaare Haran und Masur, brachten sie zu Verhören nach Lublin, von wo sie ins Konzentrationslager Majdanek kamen und nie zurückkehrten.

Im Jahr 1941 begann in der Umgebung von Stuschyzja eine polnische Untergrundgruppe zu operieren, angeführt von Wujcik sowie den Brüdern Bolesław und Stefan Schuran, die in der Kolonie Kuty lebten. Ich denke, sie gehörten der Untergrundorganisation Bauernbataillone (Bataliony Chłopskie) an, die sich durch besondere Grausamkeit gegenüber der ukrainischen Landbevölkerung auszeichnete.

Am Fest der Heiligen Gottesmutter (das Datum führe ich gesondert an) umzingelte eine Gruppe von Männern in Uniformen der polnischen Polizei und Gendarmerie die Höfe der verschwägerten Familien Tschubjak und Sawa. Sie nahmen die alten Tschubjaks mit, brachten sie in deren Scheune und erschossen sie dort nach Folterungen gemeinsam mit dem Ehepaar Sawa. Danach steckten sie Haus und Scheune in Brand. Die Mörder erlaubten den Menschen nicht, das Feuer zu löschen, wodurch das gesamte Gehöft der Tschubjaks niederbrannte. Erst zwei Tage später wurden die vier verkohlten Leichen in einem Gemeinschaftsgrab bei der Kirche beigesetzt.“

Beim Begräbnis half lediglich die Mutter ihrer Mörder, der Brüder Schuran.

Trochym und Olena Tschubjak (beide erst 50 Jahre alt) waren der Ururgroßvater und die Ururgroßmutter meiner Frau.

Und nun achten wir auf das Datum: Sie wurden am 21. September 1942 von einer polnischen Einheit ermordet und verbrannt (eine andere Zeugin behauptete, sie seien lebendig verbrannt worden). Lange vor der Tragödie von Wolhynien.

Doch die Morde an Ukrainern nahmen erst Fahrt auf:

„In der Weihnachtsnacht 1943 ermordete die von Wujcik und den Brüdern Schuran angeführte Bande Pawlo Majstruk und Wolodymyr Tschubjak.“

Vermutlich ebenfalls einen Verwandten.

1946 verlangten die Polen von allen Ukrainern in Stuschyzja die Deportation in die UdSSR. Mein Urgroßvater weigerte sich, weil er ein wohlhabender Mann war, eine Schmiede besaß und landwirtschaftliche Geräte vermietete. Alle Ukrainer weigerten sich, bis eine polnische Einheit in einem Nachbardorf innerhalb einer Nacht sämtliche Ukrainer bis zum letzten Kind abschlachtete – darunter auch die letzten Verwandten.

Danach stimmten die Ukrainer der Deportation in die UdSSR zu. Vor der Deportation nahm man ihnen sämtliche Dokumente und ihr Eigentum weg und verlud sie unter Bewachung sowjetischer NKWD-Angehöriger in Güterwagen.

Von der großen Familie, deren Erwähnungen ich zufällig noch in polnischen Archiven aus dem Jahr 1830 fand, blieben nur drei Menschen am Leben: der Urgroßvater, die polnische Urgroßmutter, die das Unglück hatte, einen Ukrainer zu heiraten, und ein kleiner Junge – der Großvater meiner Frau. Alle anderen wurden von Polen getötet.

Weder der Großvater noch der Urgroßvater erzählten jemals von dieser Tragödie. Der Urgroßvater sagte meinem Schwiegervater einmal nur einen einzigen Satz:

„Von den Tschubjaks ist niemand mehr übrig geblieben.“

Alles ist einfach: Recht darf nicht selektiv sein. Es muss für alle gleich gelten, unabhängig davon, wer vor ihm steht.

Wenn die polnische Regierung und Gesellschaft der Ansicht sind, dass die UPA 1943 in Wolhynien einen Völkermord an der polnischen Zivilbevölkerung verübte, dann haben auch die polnischen bewaffneten Formationen der Bauernbataillone und der Heimatarmee einen Völkermord an der ukrainischen Zivilbevölkerung begangen.

Und vor allem: Sie begannen damit bereits 1941–1942 im Cholmer Land.

Dennoch sind in Polen der Heimatarmee und den Bauernbataillonen Museen, Straßen und Denkmäler gewidmet – sogar konkreten Mördern. Durch ganz Hrubieszów zieht sich die Stanisław-„Ryś“-Basaj-Straße, benannt nach dem Organisator der Bauernbataillone, einem Mann, der Hunderte ukrainische Frauen und Kinder – Bürger Polens – ermorden ließ.

P.S.

Meine schwerste und wichtigste Schlussfolgerung habe ich schon vor etwa zehn Jahren formuliert:

„In diesem polnisch-ukrainischen Krieg gab es weder vollkommen Schuldlose noch vollkommen Schuldige. Weder die schrecklichen Verbrechen der Ukrainer an Polen noch die schrecklichen Verbrechen der Polen an Ukrainern lassen sich durch irgendetwas rechtfertigen. Für die Ermordung friedlicher Menschen gibt es keine Rechtfertigung.

‚Wir vergeben und bitten um Vergebung.‘

Das ist der einzige Weg in die Zukunft. Alles andere führt ins Nichts, in eine schreckliche Vergangenheit.“

Doch in diesen zehn Jahren ist alles nur noch viel schlimmer geworden. Und zu dieser Formel kann man nur dann zurückkehren, wenn die polnische Seite dazu bereit ist.

2.

Die Polen betonen in allen Diskussionen, dass die Ukrainer „nicht human“ getötet hätten.

Fragt sie sofort: Wie haben die Polen dann human getötet?

Und wenn es um Täter geht, dann sind es Ukrainer. Wenn es aber um Bürgerrechte geht, dann gibt es plötzlich keine Ukrainer.

P.S. In der Zwischenkriegszeit existierten die Ukrainer in Polen juristisch als Bevölkerungsgruppe, doch der Staat vermied systematisch, sie als eigenständige politische Nation anzuerkennen. Stattdessen betrachtete man sie vor allem als „Bürger Polens nichtpolnischer Herkunft“, die assimiliert werden sollten. Das bedeutet nicht, dass es „keine Ukrainer“ gab – sie waren die größte Minderheit. Die polnische Politik versuchte jedoch, ihren Status auf eine ethnographische Gruppe ohne politische Rechte zu reduzieren.

3.

Diese Reaktion auf alles Polnische, die der Reaktion auf alles Russische gleichkommt, ist etwas sehr Irrationales.

Es ist ähnlich wie bei den polnischen Apologeten von Wolhynien: Sie sind von dieser Tragödie so geblendet, dass sie vergessen, was die Russen ihnen angetan haben.

Ohne jene Polen zu rechtfertigen, die sich auf Wolhynien fixiert haben, denke ich dennoch, dass Russland eine große Rolle dabei spielt, antieu­krainische Stimmungen in Polen und antipolnische Stimmungen in der Ukraine anzustacheln. Und man muss nicht lange erklären, warum das für Russland äußerst vorteilhaft ist.

3a. 

– Ich verstehe das rational. Es ist eine emotionale Reaktion, und ich habe ein Recht darauf. Ich bin ein Mensch – ich darf Angst haben, ich darf beleidigt sein.

Was den russischen Einfluss betrifft, stimme ich ebenfalls zu. Aber das ist wie bei uns mit den Migranten – es fiel auf sehr fruchtbaren Boden.

Der Sieg Nawrockis ist dennoch die Entscheidung der Mehrheit der Polen und nicht einer marginalen Minderheit. Genau das hat meine Einstellung verändert – so sehr, dass ich meine übliche Reiseroute in die Ukraine geändert habe und nun über Ungarn fahre.

Ich hoffe sehr und warte darauf, dass sich das wieder ändert.

3b.

– Das Ergebnis der Präsidentschaftswahlen lag fast bei 50 zu 50. Und zum Glück ist der Präsident in Polen keine so bedeutende Figur. Interessant wird sein, wie die nächsten Parlamentswahlen ausgehen.

Was die antipolnischen Stimmungen betrifft, die bei manchen Ukrainern manchmal sogar stärker sind als antirussische – das ist meine Beobachtung nach Gesprächen mit vielen Freunden aus dem journalistischen Umfeld. Interessanterweise sind diese antipolnischen Gefühle oft bei Menschen aus der Zentral- oder Ostukraine stärker ausgeprägt. Sie haben keine gemeinsame historische Traumatisierung mit Polen, aber die Abneigung ist dennoch vorhanden. Das ist bemerkenswert. Wahrscheinlich stammt vieles davon noch aus der sowjetischen Geschichtsschreibung.

3c.

– Als ich mit polnischen Kollegen sprach, sagten sie mir, dass die Hysterie um die Wolhynien-Tragödie in Polen eigentlich erst seit etwa 15 Jahren existiert. Früher war das nicht so.

Wenn man nachrechnet, begann das ungefähr vor der EURO 2012.

Ich vermute, dass sowohl Janukowytsch als auch Russland damals ihren Anteil daran hatten.


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Autor: Tamara Zlobina
Veröffentlichung / Entstehung: 05.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Zwischen Erinnerung und Zukunft: Die Krise der polnisch-ukrainischen Beziehungen. Lubomir Haidamaka. 02.06.2026.

Lubomir Haidamaka. 02.06.2026.

Manchmal sagt ein einziger Satz mehr über einen Menschen aus als all seine Bücher, Titel, Ämter und patriotischen Reden zusammen.

Professor Jan Żaryn, einer der langjährigen Ideologen der polnischen Rechten in Fragen der Geschichtspolitik, sagte etwas sehr Einfaches und sehr Ehrliches: Wenn die Ukraine den Krieg gegen Russland gewinnt, könnte sie seiner Ansicht nach für Polen sogar gefährlicher werden als Russland.

Und an diesem Punkt könnte man die Diskussion eigentlich schon beenden, denn der Mann hat sich schlicht verplappert.

Denn das hat nichts mehr mit Wolhynien, nichts mit der UPA, nichts mit historischer Erinnerung, nichts mit Gräbern, nichts mit Traumata und nicht einmal mit polnischem Patriotismus zu tun, hinter dem sich in solchen Fällen alte imperiale Komplexe sehr bequem verbergen lassen. Es geht um die Angst vor einer starken Ukraine, die aufhört, ein bequemes Opfer zu sein, die aufhört, ein Gebiet zwischen Russland und Polen zu sein, die aufhört, der arme Verwandte am europäischen Tisch zu sein und plötzlich beginnt, zu einem eigenständigen Akteur zu werden, mit dem man rechnen muss.

Für einen Teil der polnischen Rechten war die Ukraine akzeptabel, solange man sie bedauern, belehren, aus der Position des großen Bruders unterstützen und sie gelegentlich daran erinnern konnte, dass sie irgendwem etwas schulde. Eine Ukraine, die um Waffen bittet, Binnenvertriebene versorgt, unter Raketenbeschuss steht und sich für jede einzelne Granate bedankt, passte für sie noch irgendwie ins Weltbild. Eine Ukraine jedoch, die überlebt hat, die gelernt hat zu kämpfen, die eine der stärksten Armeen Europas geschaffen hat, eine eigene Stimme gewonnen hat und morgen zum Zentrum einer neuen Sicherheitsordnung im Osten des Kontinents werden könnte, macht ihnen bereits Angst.

Und das ist sehr bezeichnend.

Denn eine normale polnische Elite müsste sagen: Eine starke Ukraine ist eine historische Chance für Polen. Es ist die Chance, endlich aus der ewigen Rolle eines Grenzstaates zwischen Berlin und Moskau herauszutreten. Es ist die Chance, eine Achse Kyiv–Warschau zu schaffen, mit der man in Brüssel, Washington und sogar in Moskau rechnen muss – sofern dort irgendwann noch jemand rechnen lernt. Stattdessen hören wir wieder das alte Lied jener Menschen, die nicht nach vorne blicken, sondern in den Sarg der Vergangenheit, und die darüber hinaus verlangen, dass alle anderen neben ihnen in dieser Pose historischen Leidens verharren.

Polen hat tatsächlich schreckliche Traumata, und darüber sollte man sich nicht lustig machen. Doch wenn ein Trauma zu einem politischen Beruf wird, wenn darauf Karrieren, Umfragewerte, Lehrstühle, Parteien und Fernsehreden aufgebaut werden, dann hört es auf, Erinnerung zu sein, und wird zu einem Instrument, die Gesellschaft in einem kindlichen Zustand zu halten. Denn erwachsene Nationen erinnern sich an ihre Toten, erlauben den Toten aber nicht, die Zukunft der Lebenden zu bestimmen.

Auch die Ukraine ist weder heilig noch ohne Schuld. Auch bei uns gibt es viele Menschen, die Geschichte nicht als Verantwortung verstehen, sondern als Knüppel, mit dem man anderen auf den Kopf schlagen kann. Auch bei uns gibt es genügend Politiker, die nicht in der Lage sind, mit Polen in der Sprache von Stärke, Würde und langfristiger Strategie zu sprechen. Denn dafür braucht man nicht nur ein Amt, sondern auch Rückgrat, Bildung, Erinnerung und ein Gefühl für Staatlichkeit. Und damit haben wir – wie immer – größere Schwierigkeiten als mit der nächsten pathetischen Erklärung vor laufender Kamera.

Und deshalb stehen wir vor einer sehr unangenehmen Wahrheit.

Auf polnischer Seite ist ein erheblicher Teil der rechten Politiker nicht bereit für eine starke Ukraine, weil eine starke Ukraine ihre alte Weltkarte zerstört, auf der die Polen immer ein wenig älter, ein wenig klüger, ein wenig europäischer sind und die Ukrainer höflich danken und nicht allzu laut daran erinnern sollen, dass Polen ohne ukrainisches Blut heute womöglich nicht über historische Kränkungen nachdenken würde, sondern über russische Panzer irgendwo deutlich näher an der Weichsel.

Auf ukrainischer Seite ist ein erheblicher Teil der Politiker nicht bereit für ein Gespräch mit Polen, weil man für ein solches Gespräch nicht jammern, nicht pöbeln und keinen billigen Patriotismus spielen darf, sondern ruhig und bestimmt sagen muss: Wir respektieren eure Erinnerung, aber wir werden euch nicht erlauben, unsere zu privatisieren; wir sind bereit, über alle Opfer zu sprechen, aber wir sind nicht bereit, vor euren Mythen auf die Knie zu gehen; wir wollen ein Bündnis, aber wir akzeptieren nicht die Rolle des kleinen Bruders, den man gelegentlich zurechtweisen kann.

Denn eine Versöhnung zwischen der Ukraine und Polen kann nicht auf gegenseitiger Erniedrigung aufgebaut werden. Sie kann nur auf einer erwachsenen Formel beruhen: Wir vergeben und bitten um Vergebung, wir erinnern uns an alle Getöteten, wir nennen jedes Opfer beim Namen, wir erkennen an, dass unsere Helden nicht immer eure Helden sein werden und eure Helden nicht immer unsere Helden sein werden, und gleichzeitig verstehen wir das Wichtigste: Wenn die Ukraine und Polen nicht zusammenstehen, gewinnt Moskau.

Doch dafür braucht es würdige Menschen.

Nicht Kommentatoren historischer Kränkungen, nicht professionelle Patrioten, nicht kleine politische Händler, nicht jene, die nur darin geübt sind, Traumata vor Wahlen aufzubauschen und sich danach bei Empfängen mit einem Glas in der Hand als Staatsmänner zu inszenieren. Es braucht Menschen, die in der Lage sind, ihren Gesellschaften unangenehme Wahrheiten zu sagen und nicht beim ersten Aufschrei zusammenzuzucken.

Und solche Menschen sind weder dort noch hier besonders sichtbar.

Stattdessen haben wir politische Impotente, die unfähig sind, Zukunft hervorzubringen, dafür aber hervorragend darin sind, die Vergangenheit zu bewirtschaften. Die polnische Rechte fürchtet eine starke Ukraine, weil diese von ihr verlangt, erwachsen zu werden. Die ukrainische Führung versteht es nicht, mit Polen auf Augenhöhe zu sprechen, weil man dafür selbst Staatsmänner sein müsste und nicht bloß zeitweilige Manager auf gemieteten Sesseln.

Und genau darin liegt die ganze Tragödie.

Zwei Länder, die das Rückgrat eines neuen Europas bilden könnten, riskieren erneut, im Sumpf alter Ängste, kleiner Ambitionen und großer politischer Hilflosigkeit zu versinken. Russland verliert historisch, doch das bedeutet noch lange nicht, dass wir automatisch die Zukunft gewinnen.

Denn die Zukunft wird nicht von denen gewonnen, die einen starken Nachbarn fürchten.

Und ganz sicher nicht von denen, die selbst nicht in der Lage sind, stark zu werden.


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Autor / Verfasser / Kanal: Lubomir Haidamaka
Veröffentlichung / Entstehung: 02.06.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Trump bringt Truppen nach Polen zurück | Vitaly Portnikov. 22.05.2026.

Der Präsident der Vereinigten Staaten Donald Trump kündigte die Entsendung zusätzlicher 5.000 amerikanischer Soldaten nach Polen an, kurz nachdem Vertreter des Pentagons mitgeteilt hatten, dass 4.000 amerikanische Soldaten aus diesem Land abgezogen würden, obwohl ihre geplante Rotation letztlich nicht erfolgt war.

Die Entscheidung des amerikanischen Militärkommandos, die bereits geplante Rotation eines Teils der Soldaten und der Militärausrüstung, die bereits in Europa eingetroffen war, abzusagen, wurde für die polnische politische und militärische Führung zu einer echten Überraschung, ich würde sogar sagen: zu einer kalten Dusche. Dabei gab es keinerlei Erklärungen dafür, warum die Rotation abgesagt wurde.

Als der amerikanische Vizepräsident J. D. Vance nach den Gründen für die neue Entscheidung der amerikanischen Führung gefragt wurde, bemerkte er, dass die endgültige Entscheidung darüber, wo sich amerikanische Soldaten befinden würden, noch nicht getroffen sei, äußerte zugleich jedoch die bereits gewohnten Vorwürfe gegenüber den europäischen Ländern, die nach Ansicht des amerikanischen Vizepräsidenten entschlossener über eigenständige Verteidigung und Sicherheit nachdenken müssten.

Und danach, als man sich scheinbar bereits mit der Entscheidung abgefunden hatte, dass neue amerikanische Soldaten in Polen nicht erscheinen würden, griff der Präsident der Vereinigten Staaten selbst ein, der die Veränderungen der amerikanischen Politik mit der Wahl von Karol Nawrocki zum Präsidenten Polens erklärte.

Nawrocki, den Trump während des Wahlkampfs unterstützt hatte, wurde nicht heute und nicht gestern zum Staatsoberhaupt Polens gewählt. Er befindet sich bereits seit geraumer Zeit im Präsidentenamt.

Und so kann man annehmen, dass der Präsident der Vereinigten Staaten einfach nach irgendeiner akzeptablen Erklärung für die erneute abrupte Änderung der Position der Vereinigten Staaten hinsichtlich der Präsenz ihrer Soldaten in Europa suchte und nichts Besseres fand, als diese Entscheidung mit dem Sieg Karol Nawrockis bei den Präsidentschaftswahlen zu erklären.

Hinter diesem scheinbaren Chaos könnte jedoch auch eine eigene Berechnung stehen. Wie bekannt ist, befindet sich Trump in den letzten Wochen in recht schwierigen Beziehungen zum deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz, den er wiederholt kritisierte, insbesondere wegen der Haltung, die die Bundesrepublik gegenüber den Handlungen der Vereinigten Staaten im Nahen Osten eingenommen hat.

Und es ist durchaus möglich, dass jene Truppen, die nun in Polen stationiert werden, wiederum Soldaten sind, die man in Deutschland nicht mehr sehen wird. Das könnte bedeuten, dass die Rotation jener Soldaten, die sich auf polnischem Territorium befanden, wirklich nicht stattgefunden hat. Und Polen wird auf seinen eigenen Militärstützpunkten jene Soldaten erhalten, die zuvor auf deutschem Territorium dienten.

Und die Erwähnung Nawrockis soll hier wie ein gewisser Loyalitätsindikator wirken. Wenn ihr einen Politiker wählt, den Donald Trump sympathisch findet, dann können neue amerikanische Soldaten bei euch erscheinen oder zumindest bleibt jenes Kontingent amerikanischer Soldaten erhalten, das sich bereits auf eurem Territorium befand. Wenn Politiker in euren Ländern es jedoch wagen, mit dem amerikanischen Präsidenten zu polemisieren, wird er als Antwort, nun ja, ich würde sagen: aus Vergeltung, die Zahl amerikanischer Soldaten auf den Stützpunkten in eurem Land reduzieren.

Und wenn wir diesen Ansatz tatsächlich richtig entschlüsselt haben, dann wird das Chaos in der amerikanischen Sicherheitspolitik und in der europäischen Sicherheitspolitik dadurch nicht geringer. Selbst wenn man in Warschau nun erleichtert aufatmen wird – bei jeder neuen politischen Wendung, als Reaktion auf jede neue außenpolitische Äußerung irgendeines polnischen oder deutschen Politikers oder Staatsführers, kann der Präsident der Vereinigten Staaten sofort reagieren, ohne darüber nachzudenken, zu welchen realen Konsequenzen seine Entscheidungen aus Sicht der nationalen Interessen derselben Vereinigten Staaten, Deutschlands und Polens führen werden.

Und eine solche chaotische Entscheidungsfindung, die ausschließlich auf dem Prinzip persönlicher Loyalität basiert – Entscheidungen, die vielleicht gut für das Monopol innerhalb der Republikanischen Partei der Vereinigten Staaten sind, aber nicht besonders angenehm, wenn es um den Kampf um Sicherheit und die Konfrontation mit autoritären Regimen geht –, wird sowohl in Moskau als auch in Peking mit besonderem Interesse wahrgenommen werden, wenn Sie so wollen, als Möglichkeit zusätzlichen Drucks auf europäische Länder, deren Führungen verstehen müssen, dass sie nun nicht mehr auf irgendeine langfristige und strategische Unterstützung der Vereinigten Staaten zählen können, dass sie nun von den Launen des Präsidenten und der guten Beziehung Donald Trumps zu den jeweiligen Führern europäischer Länder abhängen.

Gefällt dem Trump Karol Nawrocki? Dann nehmt 5.000 amerikanische Soldaten. Gefällt dem Trump Friedrich Merz nicht? Dann ziehen wir aus diesem Land 5.000 amerikanische Soldaten ab. Eine einfache Arithmetik von Loyalität und Liebe.

Aber in Wirklichkeit ist das nicht besonders lustig, weil es in jedem Fall die euro-atlantische Solidarität untergräbt und, was am wichtigsten ist, das professionelle Krisenmanagement, das immer die Grundlage amerikanischen Einflusses und jener Politik war, an der der kollektive Westen viele Jahrzehnte festhielt und dank derer er den Kalten Krieg gegen autoritäre Regime gewann.

Heute kann man davon sprechen, dass sich der Westen mit der Geschwindigkeit eines Schnellzugs einer Niederlage in einer solchen Konfrontation nähert. Und möglicherweise haben Wladimir Putin und Xi Jinping während ihres Treffens in Peking gerade darüber gesprochen, wie sie diese Niederlage beschleunigen können.

Aber die Niederlage muss nicht eintreten, wenn man in Europa tatsächlich aufhört, auf die Launen Donald Trumps zu setzen, und statt bei jeder neuen Entscheidung des amerikanischen Präsidenten erleichtert aufzuatmen, darüber nachdenkt, wie Europa seine Sicherheit ohne Rücksicht auf amerikanische Launen gewährleisten kann.

Es ist bereits klar, dass es weniger amerikanische Soldaten in Europa geben wird und dass Donald Trumps Wunsch, eine gemeinsame Sprache mit dem Präsidenten der Russischen Föderation Wladimir Putin zu finden, immer größer werden wird. Genau das ist die Herausforderung, mit der Europa im fünften Jahr des endlosen russisch-ukrainischen Krieges und angesichts der Bereitschaft Moskaus, die Bedrohungen bereits auf die Nachbarstaaten der Ukraine und Russlands auszuweiten, konfrontiert ist.

Und wenn es immer weniger amerikanische Soldaten geben wird und der europäische Wille, eine eigene Stimme im europäischen Sicherheitssystem zu finden, nicht immer stärker und stärker wird, dann werden Drohnen und Raketen Wladimir Putins bald zu ungebetenen Gästen.


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Art der Quelle: Artikel /
Titel des Originals: Трамп возвращает войска в Польшу |Виталий Портников. 22.05.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 22.05.2026.
Originalsprache: ru
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Die Logik und das Chaos des Rückzugs. Vitaly Portnikov. 19.05.2026.


Amerikanische M1-Abrams-Panzer bei einer Militärparade in Polen. Foto: Artur Widak/NurPhoto via Getty Images

In Warschau versucht man die Folgen der faktisch gescheiterten Rotation amerikanischer Truppen in Polen zu minimieren. Präsident Karol Nawrocki telefonierte mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten Donald Trump, nach Warschau reist der stellvertretende Vorsitzende des Vereinigten Generalstabs der US-Streitkräfte, General Christopher Mahoney, und die Führung des polnischen Verteidigungsministeriums fährt ins Pentagon.

Das Wichtigste ist: Sowohl in Warschau als auch in Washington versucht man so zu tun, als sei nichts Außergewöhnliches geschehen, als handle es sich um routinemäßige Maßnahmen und als sei der Brief, in dem über die Absage der Rotation informiert wurde, einfach in irgendeinem geheimen Postfach liegen geblieben. All das wirkt ziemlich unbeholfen.

Praktisch offensichtlich ist, dass US-Verteidigungsminister Pete Hegseth beschlossen hat, die amerikanische Präsenz in Polen zu reduzieren. Und nicht nur in Polen – die amerikanische Präsenz in Europa insgesamt.

In Polen wird dies besonders schmerzhaft wahrgenommen, weil das Land stets Anspruch auf die Rolle des wichtigsten Verbündeten der Vereinigten Staaten erhob, und der frühere Präsident Andrzej Duda sogar plante, während Donald Trumps erster Amtszeit im Oval Office einen amerikanischen Stützpunkt im Land nach Trump zu benennen.

Und natürlich fühlt sich Polen – im Unterschied zu seinen westlichen Nachbarn – buchstäblich an der Frontlinie des russisch-ukrainischen Krieges. Deshalb hätte man auf eine aufmerksamere Haltung des Pentagons hoffen können.

Aber genau darin liegt der entscheidende Punkt: Im Pentagon möchte man nicht, dass die Vereinigten Staaten an dieser Frontlinie präsent sind, und versucht, Donald Trumps bizarre Idee umzusetzen, wonach der Krieg durch eine Verringerung der westlichen Präsenz und der amerikanischen Beteiligung beendet werden könne.

Deshalb könnten die Kürzungen gerade in Polen begonnen haben.

Es lohnt sich daran zu erinnern, dass Ende 2021, als in Russland bereits mit Hochdruck die Vorbereitungen für den Krieg gegen die Ukraine liefen, das Außenministerium der Russischen Föderation an das US-Außenministerium sowie an die Außenministerien anderer NATO-Mitgliedstaaten ein Schreiben verschickte, in dem sogenannte Sicherheitsgarantien für Russland gefordert wurden.

Dabei ging es nicht nur um das Versprechen, dass ehemalige Sowjetrepubliken – vor allem die Ukraine und Georgien – niemals Mitglieder der NATO werden würden, sondern auch um den Abzug moderner Waffensysteme aus den Gebieten jener Länder, die dem Bündnis nach 1997 beigetreten waren.

Im Grunde verlangte Präsident Putin von Washington die Wiederherstellung der russischen Einflusssphäre in Form der Einflusssphäre der ehemaligen Sowjetunion vor 1991.

Damals stimmte die amerikanische Regierung diesen dreisten Forderungen natürlich nicht zu, schlug Moskau jedoch vor, Verhandlungen über Sicherheitsgarantien in Mittel- und Osteuropa aufzunehmen.

Doch manchmal entsteht der Eindruck, dass Trump, wenn er sagt, unter seiner Präsidentschaft hätte der russisch-ukrainische Krieg niemals begonnen, damit meint, dass er Putins Forderungen gerne erfüllt hätte.

Die jetzige Idee mit der abgesagten Rotation könnte schlicht ein Schritt in die vorgegebene Richtung sein – in Richtung jener „Sicherheitsgarantien“, die Moskau bereits 2021 von Washington verlangt hatte.

Im Pentagon könnte man der Ansicht sein, dass die amerikanische Position dadurch nicht geschwächt, sondern im Gegenteil gestärkt werde – weil die Trump-Administration Bereitschaft demonstriert, Putins Wünschen entgegenzukommen, und dieser deshalb den Krieg beenden könne, indem er seine geopolitischen Ambitionen ohne aktive Kampfhandlungen befriedigt.

Natürlich kann man fragen: Wo bleiben dabei die Interessen der Ukraine, die Interessen Polens und die Interessen Europas?

Aber genau darin besteht das Wesen der gegenwärtigen Situation: Donald Trump interessieren weder die Interessen der Ukraine noch die Interessen Europas insgesamt – weil er überzeugt ist, dass diese Interessen in keinerlei Zusammenhang mit den nationalen Sicherheitsinteressen der Vereinigten Staaten stehen.

Die Sicherheitsinteressen der USA bestehen seiner Ansicht nach vielmehr in einem besseren Einvernehmen mit Putin und dem chinesischen Staatschef Xi Jinping sowie natürlich darin, diese beiden strategischen Partner voneinander zu trennen – obwohl diese keinerlei Anstalten machen, sich den Träumen des amerikanischen Präsidenten zuliebe voneinander zu lösen.

Und die Administration ist bereit, die Interessen der Europäer ihren unrealistischen Erwartungen zu opfern – nicht nur rhetorisch, sondern auch ganz konkret bei der Zahl der Soldaten, die in Europa stationiert bleiben sollen, und bei den Summen, die sie für die Sicherheit nicht nur der Ukraine, sondern auch ihrer Verbündeten im Nordatlantischen Bündnis bereitzustellen bereit ist.

Wenn man die Situation um die Rotation aus dieser Perspektive betrachtet, wirkt das Geschehen keineswegs chaotisch – sondern vollkommen logisch.


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Titel des Originals: Логіка і хаос відступу. Віталій Портников. 19.05.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 19.05.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Die Chance von Karol Nawrocki. Vitaly Portnikov. 22.12.2025.

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Das erste Treffen von Volodymyr Zelensky mit dem neuen polnischen Präsidenten Karol Nawrocki hätte Anlass zu einem Aufatmen geben können. Der völlig künstliche protokollarische Konflikt ist beigelegt, Warschau spricht in der Frage der Unterstützung der Ukraine wieder mit einer Stimme, und wir kehren zu Zeiten zurück, in denen sowohl Präsident als auch Premierminister Polens eine gemeinsame Position vertraten. Schließlich befand sich Andrzej Duda, der formell dasselbe politische Lager repräsentierte wie Karol Nawrocki, sowohl im Einvernehmen mit seinem Parteifreund Mateusz Morawiecki als auch mit seinem politischen Gegner Donald Tusk.

In Wirklichkeit würde ich jedoch die Bedeutung dieses Treffens nicht überschätzen. Erstens sollte man den Einfluss Karol Nawrockis auf die reale polnische Politik vorerst nicht überschätzen. Die Möglichkeiten des polnischen Präsidenten sind schon deshalb nicht mit denen des ukrainischen Präsidenten vergleichbar, weil der Präsident der Ukraine der informelle Führer der noch bestehenden Parlamentsmehrheit ist, während der Präsident Polens mit einem oppositionellen Parlament arbeitet, das überhaupt kein Interesse an der Umsetzung seiner Initiativen hat. Deshalb sollte Zelensky über reale Politik nach wie vor mit dem polnischen Premierminister sprechen.

Zweitens unterscheiden sich – unabhängig davon, wie Nawrocki mit Zelensky spricht – die politischen Aufgaben des amtierenden polnischen Präsidenten von denen seines Vorgängers. Andrzej Duda versuchte, einer der europäischen Führer im Widerstand gegen die russische Aggression zu sein, und genau diese Haltung stärkte seinen Einfluss sowohl in Polen selbst als auch im Westen. Karol Nawrocki hingegen muss vor allem Politiker Nummer eins für jene Polen werden, die unterschiedliche rechte Ansichten vertreten – von konservativ bis ultrarechts. Denn genau diese Autorität kann ihn zum wichtigsten Vermittler machen, falls Recht und Gerechtigkeit nach den nächsten Parlamentswahlen die Unterstützung rechter Radikaler suchen sollte, um an die Macht zurückzukehren. Das ist Nawrockis historische Chance, denn gerade in dieser Situation würde er sich von einer rein zeremoniellen Figur in einen aktiven Politiker verwandeln, den alle brauchen.

In dieser Lage darf Nawrocki jedoch die Wählerschaft von Grzegorz Braun nicht abschrecken, und es ist für ihn besser, nur ein wenig „proukrainisch“ oder sogar ein wenig „antiu-ukrainisch“ zu sein. Das wird die Wählerschaft von „Recht und Gerechtigkeit“ nicht abstoßen, die Wählerschaft Brauns jedoch anziehen. Nawrocki ist sich dessen sehr wohl bewusst, und die Erfahrung seines eigenen Wahlkampfes bestätigt ihn darin. Deshalb könnte Zelensky sogar im Belvedere residieren – an Nawrockis Absichten und Handlungen würde das nichts ändern.

Das Beste, was man also schon heute tun kann, ist, sich von Illusionen über die ukrainisch-polnische Zukunft zu verabschieden. Ja, objektiv brauchen beide Länder und beide Völker einander; ja, objektiv ist der Widerstand der Ukraine eine Garantie für die Sicherheit Polens. Aber das gilt objektiv auch für Ungarn, die Slowakei und Tschechien – und was folgt daraus? Ja, objektiv wird Polen gerade im Bündnis mit der Ukraine zu einem echten regionalen Führer – doch für den polnischen Wähler kann das völlig unwichtig sein.

In Wirklichkeit wird also alles von den nächsten Parlamentswahlen abhängen. Wenn die Bürgerplattform in Koalition mit Verbündeten an der Macht bleibt oder wenn es „Recht und Gerechtigkeit“ gelingt, in einem Bündnis mit gemäßigten Parteien an die Macht zurückzukehren, wird Polen der engste Partner der Ukraine bleiben und Nawrocki eine protokollarische Figur im Belvedere sein. Wenn „Recht und Gerechtigkeit“ jedoch eine Koalition mit Ultrarechten eingeht oder versucht, deren Parolen für einen Wahlsieg zu übernehmen, werden die Beziehungen Polens zur Ukraine denen der Ukraine mit dem Ungarn Orbáns ähneln, und Nawrocki wird zum Anführer einer endgültigen Revision der östlichen Außenpolitik Warschaus. Und genau das ist objektiv möglich.

Auf einen solchen Wendepunkt sollte man sich daher schon heute vorbereiten, um zu verstehen, wer im Falle eines „Verschwindens“ Polens zum wichtigsten Partner der Ukraine in Europa wird und welche Folgen außenpolitische Veränderungen haben könnten – bis hin zu einer grundlegenden Überprüfung der Migrationspolitik. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass dieses Zukunftsszenario sofort konkrete Maßnahmen erfordert, wohl aber zumindest einen Plan für solche Maßnahmen.

Auch wenn dies natürlich nicht typisch für die Ukraine ist. Lassen wir uns also einfach bewusst machen, dass es so kommen kann, und arbeiten wir weiter mit der polnischen Gesellschaft für unsere gemeinsame Zukunft – und nicht für ein gemeinsames Fiasko, wie es in der ukrainisch-polnischen Geschichte neben Russland schon mehrfach vorgekommen ist und wieder vorkommen kann. Auch das ist vollkommen objektiv.


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Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Шанс Кароля Навроцького. Віталій Портников. 22.12.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 22.12.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Brandts Kniefall. Vitaly Portnikov. 21.12.2025.

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55 Jahre zuvor, im Dezember 1970, kniete der deutsche Bundeskanzler Willy Brandt während eines Besuchs in Polen vor dem Denkmal für die Opfer des Aufstands im Warschauer Ghetto nieder.

Das war eine schockierende Geste, auf die buchstäblich niemand vorbereitet war – weder die Gäste noch die Gastgeber. Bis dahin hatte sich kein Politiker der Welt eine derart offene Reue erlaubt – zumindest nicht in der neueren Geschichte. Die deutsche Gesellschaft spaltete sich hinsichtlich der Geste Brandts fast in zwei Hälften, und dennoch unterstützte die Mehrheit diesen Schritt des Bundeskanzlers nicht. Zwei Jahre später aber gewannen die von Brandt geführten Sozialdemokraten die Parlamentswahlen souverän. Das deutsche Volk erkannte schließlich an, dass der Kanzler – ein entschiedener Antifaschist, der nach dem Zusammenbruch Hitlers in der Uniform der norwegischen Armee nach Deutschland zurückgekehrt war – durch seine unerwartete Entscheidung die deutsche Ehre rettete.

Weniger bekannt an diesem Besuch war die Unterzeichnung eines Vertrags durch Brandt und den polnischen Ministerpräsidenten Józef Cyrankiewicz, der die nach dem Zweiten Weltkrieg festgelegten neuen Grenzen Polens anerkannte. Somit wurde Brandt der erste Nachkriegskanzler des neuen Deutschlands, der auf Revanchismus und Nostalgie verlorener Gebiete verzichtete – obwohl auf jenen Gebieten, anders als auf den ukrainischen Territorien, die Russland heute beansprucht, tatsächlich Deutsche bis zum Zweiten Weltkrieg gelebt hatten. 

Doch Brandt war überzeugt, dass eine zukünftige gutnachbarschaftliche Beziehung wichtiger sei als historische Nostalgie. Und das wohlgemerkt zu einem Zeitpunkt, als es zwischen der BRD und Polen gar keine gemeinsame Grenze gab: Sie entstand erst nach dem Verschwinden der Deutschen Demokratischen Republik von der politischen Weltkarte. Man kann daher sagen, dass Brandts Vertrag ein Dokument war, das nicht nur für die Polen, sondern auch für die zukünftige deutsche Einheit wichtig war – selbst wenn damals niemand davon zu träumen wagte.

Für mich persönlich wurde dieser Schritt Brandts zu einer Art „Tor nach Deutschland“ – sowohl als Land wie auch als Zivilisation. Ich gehöre zu einem vernichteten Volk. Und noch meine Großmütter erschraken, wenn sie die Laute der deutschen Sprache hörten – was für Menschen, die während des Holocaust ihre Eltern und Verwandten in den Schluchten der Ukraine verloren hatten, nicht verwunderlich ist. 

Doch Brandts mutige Entscheidung überzeugte mich – als ich natürlich davon erfuhr –, dass Deutsche, die sich schämten und bereit waren, gegen das Böse zu kämpfen, immer existiert hatten. Mehr noch: dass Reue für das Böse in Deutschland auf staatlicher Ebene möglich ist – und nicht nur im Gespräch mit einem zufälligen Bekannten.

Heute jedoch denke ich vor allem darüber nach, ob die Tat Brandts sich im russisch-ukrainischen Krieg wiederholen kann. Werden wir eines Tages einen russischen Präsidenten sehen, der in Butscha niederknien kann?

Ich habe erhebliche Zweifel. Die russische gesellschaftliche und politische Kultur erkennt weder Niederlagen noch Entschuldigungen an. Brandt verstand sehr wohl, dass seine Geste die Folge nicht nur einer politischen, sondern auch einer moralischen Niederlage Deutschlands war, sowie der Verbrechen, die Teil dieser Niederlage gewesen waren. Die Russen bemerken ihre Niederlagen nicht. Nicht etwa, weil es keine gäbe – aber Staat, Gesellschaft, Bildungswesen und Geschichtswissenschaft ignorieren sie konsequent. Und ohne ein Gefühl der Niederlage gibt es auch keine Reue: Wofür soll sich ein ewiger Sieger entschuldigen?

Außerdem ist der Kult des „heilsamen Bösen“ Teil dieser Kultur. Iwan der Schreckliche verwandelte den Moskauer Staat in ein degeneriertes Nest der Repression, gilt aber bis heute als einer der größten Monarchen. Dasselbe gilt für den paranoiden Peter I., der Hunderttausende in den Sümpfen von Sankt Petersburg verscharrte, und natürlich für Stalin. 

Die Einstellung zu Stalin ist überhaupt ein erstaunliches Stockholm-Syndrom. Der Mann, der Dutzende Millionen Russen ins Jenseits geschickt hat (und natürlich auch Nicht-Russen, aber sprechen wir jetzt über die Russen), ruft bis heute Bewunderung hervor. Und man soll nicht behaupten, das sei alles Putins Propaganda. Schon zu Sowjetzeiten, als die Macht diese Bewunderung einschränkte, konnten „einfache Leute“ Ihnen privat erzählen, wie wunderbar es unter dem Führer gewesen sei.

Menschen, die das gegen sie selbst gerichtete Böse tolerieren, können die Notwendigkeit, sich für anderen angetanes Böse zu entschuldigen, nicht verstehen. Daher der Holodomor – überall habe es doch Hunger gegeben! Daher die Aneignung der Krim – sie sei doch russisch, und die Krimtataren Verräter. Daher der große Krieg – man hätte eben die Minsker Vereinbarungen erfüllen sollen. Daher Butscha – eine Inszenierung und eine Aufführung. Man sollte daran erinnern, dass in Russland jahrzehntelang genau so über Katyn gesprochen wurde, wobei man die Verantwortung für Stalins Entscheidung, polnische Offiziere zu ermorden, den Deutschen zuschob – und nun kehrt man langsam zu dieser Version zurück.

Die Russen bitten nicht um Entschuldigung. Denn entschuldigen tun sich nur Schwächlinge und Verlierer. Sie haben sich für keines der von ihnen abgeschossenen Zivilflugzeuge entschuldigt – nicht einmal dann, als es notwendig gewesen wäre, um aus der Blockade der Beziehungen mit Aserbaidschan herauszukommen. Sich zu entschuldigen hätte eher im Interesse Putins gelegen, aber selbst da gab er nicht nach.

Also nein: Einen Präsidenten Russlands, der in Butscha niederknien könnte, werden wir nicht erleben. In einem autoritären Russland wird ein solcher Präsident es einfach nicht für möglich halten, sich zu „beugen“, und in einem demokratischen Russland würde man einen solchen Präsidenten schlicht nie wählen. Es geht nicht um Putin, sondern um die Gesellschaft, die ihn hervorgebracht hat.

Dann liegt die Entscheidung bei den Ukrainern. Nach dem Krieg – wann immer das Ende eintreten mag – können wir entweder neben einem Land koexistieren, das hartnäckig die schrecklichen Verbrechen, die am ukrainischen Volk verübt wurden, nicht sehen will und sich dieser Verbrechen sogar rühmen und sie romantisieren wird – „wie Afghanistan“. Oder wir grenzen uns endgültig von diesem Land ab und begreifen, dass irgendeine Versöhnung nur nach Reparationen und Reue möglich ist – und selbst dann nicht sofort.

Ich habe kaum Zweifel, dass die Mehrheit der Ukrainer sich für die erste Variante entscheiden wird. Doch ich würde dennoch die zweite empfehlen.


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Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Брандт на колінах. Віталій Портников. 21.12.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 21.12.2025.
Originalsprache: uk
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Dante aus Wilamowice. Vitaly Portnikov. 26.10.2025.

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Ich kann dem polnischen Präsidenten Karol Nawrocki danken. Dieser für viele unerwartete Sieger der jüngsten Präsidentschaftswahlen im Nachbarland bemüht sich, als der wichtigste Verteidiger des Polentums zu erscheinen – und hat genau deshalb das Gesetz blockiert, das auf den Schutz der mikroskopischen Wilamowitzer Sprache abzielte, eines erstaunlichen Phänomens, das sich in der schlesischen Kleinstadt Wilamowice herausgebildet hat. Diese Sprache entstand aus einem wunderlichen Cocktail der Sprachen von Zuwanderern nach Wilamowice aus verschiedenen Ländern des mittelalterlichen Europas – sie ähnelt dem Deutschen, enthält aber auch Lexik aus einem Dutzend anderer Sprachen. Heute wird sie natürlich nur noch von einigen Dutzend Einwohnern Wilamowices gesprochen, und für die jungen Leute ist sie eher eine Kuriosität ihrer längst polnischen Identität – schließlich, welche andere kleine Stadt Europas kann sich schon einer eigenen Sprache rühmen?

Nawrocki hat das Gesetz zum Schutz dieser Sprache selbstverständlich mit dem Argument abgelehnt, sie könne die Entwicklung der polnischen Sprache behindern. Und dank dieses merkwürdigen Vetos habe ich überhaupt erst von der Wilamowitzer Sprache erfahren – und es ist wirklich erstaunlich, dass in dieser Sprache einer kleinen Stadt sogar Literatur entstanden ist, dass über dieses kulturelle Phänomen Dissertationen geschrieben und Filme gedreht werden und dass der erste Wilamowitzer Schriftsteller, Florian Biesik, der ein Epos nach dem Vorbild der „Göttlichen Komödie“ schrieb und die Bewohner seiner Heimatstadt in verschiedene Kreise des Himmels und der Hölle einordnete, von Forschern sogar als „Dante aus Wilamowice“ bezeichnet wird. Und natürlich war ich nicht sehr überrascht, als ich erfuhr, dass schon vor Nawrocki die polnischen Kommunisten versucht hatten, die Wilamowitzer Sprache auszulöschen – wie es eben immer mit der Kultur geschieht, wenn sich Kommunisten ihrer annehmen: Sie erzielten „beispiellose“ Ergebnisse und reduzierten die Zahl diejenigen, die diese kleine Sprache sprechen, drastisch. Nun, natürlich muss man den Ukrainern nicht erzählen, was mit einer Sprache passiert, wenn sich wahre Internationalisten für sie interessieren – nur dass die Ukrainer glücklicherweise Millionen in der Ukraine waren, während die Bewohner des kleinen Wilamowice schlicht Pech hatten.

Ich dachte, ich wüsste alles über die kulturellen Errungenschaften der polnischen Kommunisten – wie sie gegen Ukrainer und Belarussen kämpften, wie sie die letzten Juden aus Polen vertrieben, wie sie die masurische Sprache zum Verschwinden brachten und die kaschubische marginalisierten. Aber offenbar ließen ihnen selbst Wilamowice keine Ruhe – danke, Herr Präsident, für die Information! Und hier stellt sich die Frage: Warum?

Weil der Autoritarismus immer zur Einheitlichkeit neigt – selbst wenn er sich hinter der Demagogie von der „Freundschaft der Völker“ verbirgt. Und selbst heute, da wir längst weder in einem kommunistischen Staat noch in einem Imperium leben, halten wir instinktiv an der „Norm“ fest. Wir vernachlässigen die Dialekte der ukrainischen Sprache selbst – obwohl es doch ganz natürlich scheint, dass man in Chust, Lwiw, Czernowitz, Lubny und Charkiw unterschiedlich Ukrainisch spricht, da sich die Sprache dort jeweils auf eigene Weise entwickelte – zudem innerhalb verschiedener Staaten und Imperien. Niemand in München käme auf die Idee, Deutsch so zu sprechen wie in Berlin – aber wir, wir alle sollen gleich sein.

Ebenso wünschen sich viele, dass die Vertreter verschiedener Völker, die auf ukrainischem Boden leben, „einfach“ von einer „Sprache der zwischenethnischen Kommunikation“ zu einer anderen übergehen. Natürlich ist das Beherrschen der ukrainischen Sprache durch jeden Bürger die Grundlage für das Überleben des Staates. Aber ich persönlich wünsche mir, dass unsere Mitbürger die Möglichkeit hätten, nicht von Russisch auf Ukrainisch, sondern von Russisch auf ihre eigenen Sprachen überzugehen – und gleichzeitig Ukrainisch zu erlernen. Zumal auf dem Boden der Ukraine Völker leben, die hier ihre eigene, ursprüngliche Zivilisation geschaffen haben. Und vielen raubt der Krieg gerade diese Zivilisation. Das betrifft die Krimtataren, deren Welt seit elf Jahren unter russischer Besatzung steht, und die Griechen des Asowschen Meeres, deren Zivilisation sich seit vier Jahren unter Okkupation befindet. Wenn Russland auf den besetzten Gebieten bleibt, werden wir das verlieren, was immer ein Teil des ukrainischen Kulturerbes war – auch des sprachlichen.

Das bittere Bewusstsein dessen sollte uns zwingen, das zu bewahren, was wir haben – Rumänisch, Bulgarisch, Slowakisch, Gagausisch – zumal es sich um Menschen handelt, die nicht „zu uns gekommen“ sind, sondern immer schon hier lebten.

Ich könnte natürlich auch „Jiddisch“ hinzufügen, aber in einem Film über die Wilamowitzer Sprache hörte ich junge Menschen erzählen, wie ihre Großmütter in diese Sprache wechselten, wenn sie etwas Familiäres „vor den Enkeln verbergen“ wollten. In einer solchen Atmosphäre verlief auch meine Kindheit. Und selbst die Existenz eines ganzen jüdischen Staates, der Hebräisch spricht, ersetzt mir nicht den Verlust jener Sprache, in der mehrere Generationen meiner Familie miteinander kommunizierten – also meiner wahren Muttersprache.

Vielleicht wünsche ich mir gerade deshalb, dass niemand in der Ukraine jemals einen solchen bedrückenden Verlust erleiden muss.

Polen bereitet sich darauf vor, Drohnen über der Ukraine abzuschießen | Vitaly Portnikov. 25.09.2025.

In Polen wird derzeit über Gesetzesänderungen beraten, die es dem Land ermöglichen sollen, russische Drohnen und Raketen im ukrainischen Luftraum abzuschießen – ohne die Zustimmung des NATO-Kommandos.

Das polnische Verteidigungsministerium hatte diese Änderungen bereits im Juni dieses Jahres vorgeschlagen. Doch nach dem jüngsten Drohnenangriff auf polnisches Territorium wird die Prüfung dieser für Polen und die Ukraine äußerst wichtigen Reformen nun beschleunigt.

Interessanterweise hatte Polen bis Februar 2022 bereits gesetzliche Möglichkeiten, russische Raketen und Drohnen im ukrainischen Luftraum abzuschießen, ohne sich mit der NATO abstimmen zu müssen. Damals jedoch führte die polnische Regierung Änderungen ein, die eine bessere Koordination der polnischen Maßnahmen mit der NATO zum Ziel hatten. Und so wurde buchstäblich einen Tag vor dem großangelegten russischen Angriff auf die Ukraine ein Paragraph ins nationale Recht aufgenommen, der jede eigenständige Aktion der polnischen Streitkräfte praktisch unmöglich machte.

Möglicherweise hoffte die damalige Regierung unter der Partei „Recht und Gerechtigkeit“ auf eine entschlossenere Reaktion des Westens auf mögliche aggressive Schritte Moskaus – und darauf, dass die Vereinigten Staaten und andere NATO-Staaten Polen umgehend verteidigen würden, falls sein Luftraum oder sein Territorium von Russland bedroht werden sollte. Doch inzwischen ist klar geworden, dass der Westen sich mit ernsthaften Entscheidungen schwer tut, wenn es darum geht, russische Flugobjekte nicht nur im ukrainischen, sondern selbst im polnischen oder rumänischen Luftraum zu zerstören. Mehr noch: Man versucht, jegliche Maßnahmen zu vermeiden, die theoretisch zu einem Konflikt mit Russland führen könnten.

So entsteht eine paradoxe Situation: Russische Drohnen und Raketen können aus dem ukrainischen Luftraum in den polnischen eindringen, doch Polen hat keine rechtlichen Mittel, um präventiv Maßnahmen zum Schutz seines eigenen Luftraums zu ergreifen.

Nun aber könnte sich die Situation – man könnte sagen – wieder normalisieren. Besonders im Kontext der jüngsten Aussage von US-Präsident Donald Trump, wonach europäische Länder russische Raketen oder Drohnen in ihrem eigenen Luftraum abschießen sollten. Über den ukrainischen Luftraum äußerte sich Trump jedoch nicht – und sagte auch nicht, ob die USA ihren europäischen Verbündeten helfen würden, wenn diese gezwungen wären, russische Flugobjekte zu zerstören.

Die Einrichtung einer gemeinsamen Flugverbotszone über den westlichen Regionen der Ukraine und den östlichen Woiwodschaften Polens ist offensichtlich die effektivste und logischste Antwort auf den jüngsten Angriff russischer Drohnen auf polnisches Territorium. Zumal sich die Lage in Europa weiter zuspitzt: Dänemark ist bereits seit mehreren Tagen Ziel hybrider Angriffe durch unbekannte Drohnen. Viele in diesem europäischen Land sind überzeugt, dass Moskau hinter der Blockade des dänischen Luftraums steckt. Die letzte Drohnenattacke, die zur Schließung mehrerer Flughäfen führte, war gezielt gegen militärische Einrichtungen gerichtet. Auch Dänemarks umfangreiche Unterstützung für die Ukraine im Kampf gegen die russische Aggression ist wohlbekannt.

Es ist also durchaus nicht auszuschließen, dass ein neuer Drohnenangriff russischer Herkunft auf polnisches Territorium bevorsteht. Mehr noch: Diesmal könnten es nicht nur Aufklärungsdrohnen, sondern tatsächlich Kampfdrohnen sein. Man müsste schon sehr naiv sein zu glauben, dass Aufklärungsdrohnen nur zu „touristischen Zwecken“ in den Luftraum eines Landes eindringen, das Russland feindlich gesinnt ist – und es gibt keinen Zweifel, dass jedes NATO-Land als feindlich betrachtet wird. Vielmehr dienen diese Drohnen entweder dazu, Ziele für spätere Angriffe mit Kampfdrohnen zu identifizieren, oder sie testen die Reaktion der Luftverteidigungssysteme einzelner europäischer Länder auf Überflüge über jene Objekte, die Moskau auf seine Zielliste zur Zerstörung gesetzt hat.

Noch vor Kurzem hätten solche Handlungen Russlands als unvorstellbar gegolten. Heute jedoch müssen wir verstehen, dass Drohnen nicht nur aus dem ukrainischen Luftraum kommen, sondern direkt von europäischem Boden aus gestartet werden können – wie es offenbar im Fall Dänemarks geschieht. Die ukrainische „Operation Spinnennetz“, die zu erheblichen Schäden an russischen Flugplätzen und Kampfflugzeugen geführt hat, wurde zu einem echten „Know-how“, das nun auch russische Geheimdienste auf europäischem Territorium erfolgreich einsetzen könnten.

Die Gefahr für europäische Länder – für ihre militärischen Einrichtungen, für NATO selbst – wird mit jedem Tag, jedem Monat und jedem Jahr des russisch-ukrainischen Krieges weiter wachsen. Und wie wir wissen, hat im Kreml niemand die Absicht, diesen Krieg zu beenden.

Deshalb müssen europäische Länder bereit sein, dass neben dem russisch-ukrainischen Krieg auch der hybride Krieg Russlands gegen NATO-Mitglieder eskalieren wird – besonders gegen Nachbarstaaten der Ukraine sowie gegen Länder, die aktiv Hilfe leisten.

In dieser Situation wird die Zögerlichkeit des NATO-Oberkommandos und die Furcht vor einer direkten Konfrontation mit Russland selbst zu einer Bedrohung für die nationalen Interessen jener Länder, die künftig von russischen Drohnen – und in naher Zukunft möglicherweise auch Raketen – angegriffen werden könnten.

Deshalb ist die Entscheidung, gesetzliche Möglichkeiten zu schaffen, um russische Drohnen oder Raketen über polnischem Territorium abzuschießen, die logischste Lösung in dieser Lage.

Und wenn es Kxiv und Warschau gelingen sollte, auch ohne Zustimmung der NATO eine gemeinsame Luftverteidigungszone über dem Westen der Ukraine und dem Osten Polens zu schaffen, wäre das ein entscheidender Beitrag zur Sicherheit – sowohl für Polen selbst als auch für jene Regionen der Ukraine, die von diesem gemeinsamen Schutzschirm erfasst würden.

Zudem hätte die Ukraine dadurch mehr Möglichkeiten, ihre Luftabwehr auf die zentralen und östlichen Regionen zu konzentrieren, die ständig von brutalen russischen Angriffen heimgesucht werden.