Mit seiner Rede auf dem Forum für Verteidigungstechnologien begann für den ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky der NATO-Gipfel, auf dem bekanntlich auch das Treffen zwischen dem amerikanischen und dem ukrainischen Präsidenten stattfinden wird – das erste abgestimmte Treffen dieser Art seit längerer Zeit.
Während seiner Rede auf dem Forum für Verteidigungstechnologien stellte Volodymyr Zelensky die Frage nach dem Schutz Europas vor ballistischen Raketen in den Mittelpunkt und betonte, dass die Europäer sowohl eigene Abwehrsysteme gegen ballistische Raketen als auch die entsprechenden Raketen selbst produzieren müssten.
Diese Schlussfolgerung liegt angesichts der Entwicklungen nach dem Krieg der Vereinigten Staaten und Israels gegen den Iran auf der Hand. Es wurde deutlich, dass die Vereinigten Staaten ihre Patriot-Systeme entsprechend ihrer eigenen Vorstellungen von nationaler Sicherheit einsetzen können. Gleichzeitig fehlt es den Ländern, die auf amerikanische Unterstützung bei der Abwehr ballistischer Raketen angewiesen sind, schlicht an Raketen – zumindest solange, bis die Vereinigten Staaten ihre eigenen Bestände wieder aufgefüllt haben. Und das, obwohl die Wahrscheinlichkeit neuer Kriege unter Beteiligung der Vereinigten Staaten, auch im Nahen Osten, durchaus real ist.
Die Gegner der Vereinigten Staaten verfügen zudem über eigene ballistische Raketen und Drohnen, zu deren Bekämpfung, wie wir gesehen haben, ebenfalls hochmoderne Systeme eingesetzt werden mussten. All dies veranlasst das amerikanische Militär derzeit dazu, Waffenlieferungen an andere Staaten, darunter auch an NATO-Verbündete, zurückzuhalten. Über Programme wie das PURR-Programm, das den Kauf amerikanischer Waffen mit Geldern europäischer Steuerzahler vorsah, kann inzwischen überhaupt nur noch in dem Umfang gesprochen werden, der den Europäern nach dem allmählichen Schwinden der amerikanischen Arsenale noch zur Verfügung steht.
Deshalb gibt es tatsächlich zwei dringende Richtungen, die die Länder nicht nur vor russischen, sondern beispielsweise auch vor iranischen ballistischen Raketen und Raketen oanderen Staaten schützen sollen, die in den kommenden Jahren der offensichtlichen militärischen Konfrontation bereit sein werden, mit der zivilisierten Welt zusammenzustoßen.
Erstens geht es um die Produktion eigener Systeme zur Abwehr ballistischer Raketen. Dafür sind jedoch erhebliche Investitionen der wirtschaftlich stärksten europäischen Länder erforderlich.
Zweitens geht es um Lizenzen für die Produktion von Patriot-Raketen – sowohl in europäischen Ländern als möglicherweise auch in der Ukraine. Darüber könnte der ukrainische Präsident ebenfalls mit dem amerikanischen Präsidenten sprechen, obwohl unklar ist, inwieweit Donald Trump derzeit bereit ist, das amerikanische Monopol aufzugeben.
Natürlich haben auch die Treffen Zelenskys mit den Staats- und Regierungschefs der NATO-Mitgliedstaaten bereits heute während des Forums für Verteidigungstechnologien begonnen. So wurde bekannt, dass Kanada ein neues Verteidigungshilfepaket für die Ukraine im Umfang von 900 Millionen Dollar vorbereitet. Dieses Paket wird auch Luftverteidigungssysteme enthalten, die die Ukraine für die militärische Auseinandersetzung mit Russland in den kommenden Monaten und Kriegsjahren dringend benötigt.
Derzeit hängt praktisch alles sowohl von diesen Systemen als auch von der Fähigkeit der Ukraine ab, russische Militärobjekte, russische Fabriken, Produktionsstätten für Drohnen und ballistische Raketen sowie die Abschussorte ballistischer Raketen der Russischen Föderation anzugreifen.
Hier könnte sich auch der Erfolg der Ukraine im Drohnenkrieg bemerkbar machen, der ebenfalls zu einem wichtigen Bestandteil moderner Kriegsführung im kommenden Jahrzehnt weltweiter Instabilität wird. Tatsächlich kann die Ukraine dabei nicht nur auf Foren wie dem Forum für Verteidigungstechnologien eine wichtige Rolle spielen, sondern auch im Rahmen ihrer Zusammenarbeit mit der NATO, die bislang aufgrund der offensichtlichen Weigerung des Präsidenten der Vereinigten Staaten, einer euro-atlantischen Integration der Ukraine zuzustimmen, weiterhin ein schwieriges Thema bleibt.
Als Trump und andere Vertreter seiner Regierung erklärten, sie hielten es für notwendig, die euro-atlantische Integration der Ukraine vorerst zurückzustellen, hofften sie auf gewisse Zugeständnisse der russischen Führung. Wie diese Hoffnungen heute aussehen, können wir nicht sagen. Meiner Ansicht nach sind Trumps Aussagen, sowohl Putin als auch Zelensky wollten den Krieg beenden und viele verstünden nicht, dass dieses Ende viel näher sei, als es scheine, eher der Versuch, Wunschdenken als Realität auszugeben – in einer Situation, in der sich jeder daran erinnert, dass der amerikanische Präsident bereits im Februar 2025 versprochen hatte, den russisch-ukrainischen Krieg schnell zu beenden.
Jetzt ist Juli 2026, und die Eskalation nimmt nur weiter zu. Viele glauben, diese Eskalation sei ein Vorzeichen einer späteren Deeskalation des Krieges. Es kann jedoch ebenso gut sein – und das ist mehr als wahrscheinlich –, dass diese neue Phase der Eskalation lediglich den Übergang zu einer noch schwereren Eskalation und zu einer Ausweitung des Krieges auf europäische Länder darstellt, die die Ukraine in ihrem Widerstand gegen die russische Aggression weiterhin unterstützen.
Offensichtlich wird auf dem NATO-Gipfel in Anwesenheit Donald Trumps auch darüber gesprochen werden, wie Europa vor möglichen russischen Provokationen und sogar vor hybrider Aggression durch die Russische Föderation geschützt werden kann. Deshalb betonte der finnische Präsident Alexander Stubb bei seinem Treffen mit dem ukrainischen Präsidenten, dass heute nicht nur die Ukraine die NATO brauche, sondern auch die NATO die Ukraine brauche.
Diese Auffassung teilen viele Mitgliedstaaten der Nordatlantischen Allianz, insbesondere jene, die Nachbarn der Russischen Föderation sind und das gesamte Ausmaß der Bedrohungen erkennen, die heute von Russland für seine Nachbarn ausgehen, ebenso wie den offensichtlichen Wunsch der russischen politischen Führung, ihren Krieg gegen die Ukraine bald auf jene Länder auszuweiten, die uns weiterhin unterstützen.
Dies sind jedoch erst die ersten Treffen. Der eigentliche Höhepunkt wird natürlich morgen sein, wenn Zelensky mit Donald Trump zusammentrifft – als abschließender Höhepunkt des Aufenthalts des amerikanischen Präsidenten in der türkischen Hauptstadt. Denn unmittelbar nach seinen Gesprächen mit den Präsidenten der Ukraine und Syriens wird Donald Trump seine abschließende Pressekonferenz in Ankara geben und anschließend den NATO-Gipfel verlassen.
Wir verstehen sehr gut, dass das einstündige Treffen zwischen dem amerikanischen und dem ukrainischen Präsidenten auch davon abhängen wird, was Trump von seinen europäischen Verbündeten sowie vom kanadischen Premierminister hören wird, wie er die Rolle der Vereinigten Staaten innerhalb der NATO beurteilt und wie schließlich sein Gespräch mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan verlaufen wird, der Gastgeber dieses Gipfels ist und ebenfalls weiterhin auf eine Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges hofft. Gerade die Atmosphäre des morgigen NATO-Gipfels mit Beteiligung des amerikanischen Präsidenten könnte auch die Atmosphäre seines Treffens mit dem Präsidenten der Ukraine am 8. Juli bestimmen.
Über all dies werden wir selbstverständlich morgen vor dem Hintergrund dieses für die Ukraine und für den weiteren Verlauf des endlosen russisch-ukrainischen Krieges so wichtigen NATO-Gipfels sprechen.
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Art der Quelle:Artikel Titel des Originals:Виступ Зеленського на форумі НАТО: головне | Віталій Портников. 07.07.2026.
Autor:Vitaly Portnikov Veröffentlichung / Entstehung:07.07.2026. Originalsprache:uk Plattform / Quelle:YouTube Link zum Originaltext:
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Nähert sich nach fünf Jahren Krieg wirklich ein Wendepunkt?
Fünf Jahre sind genug Zeit, um eine einfache Sache zu verstehen: Der Wendepunkt in diesem Krieg hängt nicht von der militärischen Lage an der Front ab, sondern vom wirtschaftlichen Zustand Russlands. Putin kann eskalieren, so viel er will – aber Eskalation kostet Geld. Und das Geld wird immer weniger.
Und hier ist wichtig zu verstehen, was jetzt geschieht. Die Angriffe der Ukraine auf die russische Ölinfrastruktur – Häfen, Raffinerien, Logistikknotenpunkte – und auf den militärisch-industriellen Komplex Russlands zeigen bereits eine reale Wirkung. Die Öleinnahmen des Kremls sinken. Die Waffenproduktion wird erschwert. Das ist keine Metapher und keine Propaganda – das sind Zahlen, die Reuters, Foreign Affairs und russische Beamte selbst in geschlossenen Sitzungen bestätigen.
Der Wendepunkt wird nicht dann eintreten, wenn Putin beschließt aufzuhören, sondern dann, wenn er nicht mehr weitermachen kann. Das sind verschiedene Dinge. Und dank der ukrainischen Angriffe auf das Herz der russischen Kriegswirtschaft ist Letzteres deutlich näher, als es scheint.
Was ist das eigentliche Ziel der russischen Provokationen in Rumänien und im Baltikum – Einschüchterung oder offener Konflikt?
Weder das eine noch das andere – und zugleich beides. Russland will keinen offenen Konflikt mit der NATO – das würde seine Vernichtung bedeuten. Aber es will die Grenzen kennen, wo das Bündnis stoppen wird, wo es Angst bekommen wird, wo es beginnen wird, sich zu rechtfertigen, statt zu handeln.
Und hier gibt es eine gefährliche Asymmetrie. Russland testet – die NATO reagiert zurückhaltend, erklärt, beruhigt. Der Kreml liest das nicht als Besonnenheit, sondern als Schwäche. Und beim nächsten Mal geht er ein Stück weiter. Genau eine solche vorsichtige Reaktion ermutigt Moskau zu neuen Provokationen, wie die jüngste Geschichte mit dem Auftauchen einer russischen Drohne im Luftraum Rumäniens anschaulich gezeigt hat. Das Bündnis reagierte zurückhaltend. Russland merkt sich das.
Das ist keine Vorbereitung auf einen großen Krieg, sondern eine Vorbereitung darauf, dass sich die NATO an Verletzungen gewöhnt und überhaupt nicht mehr darauf reagiert.
Das gefährlichste Szenario ist nicht jenes, in dem Russland ein NATO-Land offen angreift, sondern jenes, in dem es dies so schrittweise tut, dass der Moment, in dem man hätte reagieren müssen, bereits vorbei ist.
Sind Szenarien einer „schleichenden“ Eskalation im Baltikum oder rund um den Suwałki-Korridor realistisch?
Russland wird ein NATO-Land nicht im klassischen Sinne dieses Wortes angreifen – mit Kriegserklärung und großangelegter Invasion. Das wäre Selbstmord, und im Kreml versteht man das sogar jetzt, da Putins Zurechnungsfähigkeit immer mehr Fragen aufwirft.
Aber es gibt ein anderes Szenario, und es ist deutlich realistischer. Langsam, Schritt für Schritt, die Grenzen dessen verwischen, was als Angriff gilt. Ein Zwischenfall auf See. Eine Drohne über dem Territorium eines Bündnismitglieds. Eine Provokation am Suwałki-Korridor. Jedes Mal reagiert die NATO zurückhaltend, und Moskau zieht den Schluss, dass auch der nächste Schritt toleriert werden wird.
Der Suwałki-Korridor ist ein eigenes und sehr ernstes Thema. Er ist die einzige Landverbindung zwischen Polen und den baltischen Staaten. Wenn Russland ihn gemeinsam mit Belarus blockiert, ist das formal kein Angriff auf die NATO. Aber es ist die faktische Isolierung dreier Bündnisstaaten. Und was wird das Bündnis dann tun? Das ist die Frage, auf die Brüssel bis heute keine klare Antwort hat.
Welche Faktoren könnten Putin zwingen, seine absurden Bedingungen für einen Waffenstillstand aufzugeben?
Putin wird seine Bedingungen nicht freiwillig aufgeben. Das muss man klar und ohne Illusionen verstehen. Er kann sie verschweigen, verschieben, anders formulieren – aber nicht aufgeben, denn für ihn ist das keine Verhandlungsposition, sondern ein ideologisches Fundament.
Ihn zu einer Änderung seiner Position zwingen kann nur eines: der Mangel an Ressourcen zur Fortsetzung des Krieges. Und hier kehren wir wieder zur Wirtschaft zurück. Die Angriffe auf die Ölinfrastruktur, der Rückgang der Einnahmen, die Erschöpfung des militärisch-industriellen Komplexes – all das verengt Putins Handlungsspielraum schrittweise.
Bedingungen für ein Ende der intensiven Phase des Krieges existieren, aber nicht durch Verhandlungen, sondern durch den Moment, in dem Russland physisch nicht mehr in der Lage sein wird, das heutige Niveau der Kampfhandlungen aufrechtzuerhalten. Das ist keine Frage von Putins Wunsch. Es ist eine Frage seiner Möglichkeiten. Und gerade deshalb ist es so wichtig, den Druck nicht zu verringern – weder den sanktionspolitischen noch den militärischen –, in dem Moment, in dem er reale Ergebnisse zu zeigen beginnt.
Welcher Kompromiss wäre für die Ukraine beim Abschluss eines Waffenstillstands zulässig – besonders unter äußerem Druck, und welche Risiken bestehen für das Land?
Das ist keine Frage an mich – das ist eine Frage an die ukrainische Gesellschaft und an die ukrainische Führung. Ich habe kein Recht zu entscheiden, welcher Kompromiss für ein Land zulässig ist, das kämpft und Menschen verliert. Das wäre anmaßend von jedem Kommentator – unabhängig davon, wie nah er der Ukraine steht.
Aber ich kann sagen, was unzulässig ist. Unzulässig ist jeder Waffenstillstand, der Russland die Möglichkeit lässt, den Krieg nach einigen Jahren unter für Russland günstigeren Bedingungen wieder aufzunehmen. Unzulässig ist ein Waffenstillstand ohne reale Sicherheitsgarantien – keine Versprechen, sondern rechtlich bindende Garantien mit einem Mechanismus zu ihrer Umsetzung. Und unzulässig ist Druck auf Kyiv, Bedingungen zu akzeptieren, die Moskau später als Brückenkopf für den nächsten Schlag nutzen wird.
Die Risiken sind offensichtlich. Wenn die Ukraine unter Druck territoriale Zugeständnisse macht, ist das kein Frieden, sondern eine Pause. Russland wird sie zur Wiederaufrüstung nutzen und zurückkehren. Dieses Szenario haben wir bereits 2014–2022 gesehen. Es zu wiederholen wäre ein Verbrechen – sowohl gegenüber der Ukraine als auch gegenüber ganz Europa.
Was halten Sie von den Berichten über einen „Verlust des Glaubens“ an Putin und Umgruppierungen innerhalb der Kreml-Elite?
Ich würde diese Berichte weder zurückweisen noch überschätzen. Ja, in Putins Umfeld existiert Unzufriedenheit. Das ist keine Erfindung westlicher Analysten – das bestätigen sowohl Gespräche russischer Nomenklaturvertreter mit westlichen Journalisten als auch bestimmte Signale, die aus Russland selbst kommen.
Aber man muss die Natur dieser Unzufriedenheit verstehen. Diese Menschen sind nicht mit dem Krieg als solchem unzufrieden – sie sind damit unzufrieden, dass Putin ihn ineffektiv und inadäquat führt. Sie teilen dasselbe imperiale Programm und wollen dasselbe Ergebnis. Sie würden es nur gern mit geringeren Verlusten und größerer Vorhersehbarkeit erreichen.
Deshalb ist es verfrüht, von irgendeinem Putsch oder Kurswechsel zu sprechen. Diese Menschen haben Angst vor Putin und werden nicht handeln, solange sie nicht spüren, dass er wirklich schwach ist. Und wenn sie es spüren – falls sie es spüren –, kann alles sehr schnell gehen. Die russische Geschichte kennt solche Präzedenzfälle. Doch bisher beobachten wir Unzufriedenheit ohne Handlung. Und das ist keine politische Kraft. Das ist nur eine Stimmung.
Kann Putin davon überzeugt werden, dass er die Ukraine verloren hat? Oder könnten die Strukturen in Moskau seine neoimperiale Doktrin irgendwann aufgeben?
Putin kann nicht überzeugt werden – er kann nur gestoppt werden. Das ist ein grundsätzlicher Unterschied. Ein Mensch, der fest glaubt, dass es kein ukrainisches Volk gibt, dass die Ukraine ein künstliches Gebilde ist, dass er eine historische Mission erfüllt – ein solcher Mensch ändert seine Meinung nicht unter dem Einfluss von Argumenten. Er ändert sein Verhalten nur unter dem Einfluss der Umstände.
Aber es gibt eine tiefere Frage: Wird sich Russland nach Putin verändern? Und hier muss ich ehrlich sein: nicht automatisch und nicht schnell. Die neoimperiale Doktrin ist keine Erfindung Putins – sie ist ein Produkt der russischen politischen Kultur, die sich über Jahrhunderte herausgebildet hat. Putin hat sie nicht geschaffen – er hat sie genutzt und verstärkt.
Veränderung ist möglich, aber nur durch ein tiefes Trauma der Niederlage und durch Generationen, die in einem anderen Kontext aufwachsen werden. Deutschland veränderte sich nach 1945 – aber dafür waren die vollständige militärische und moralische Vernichtung des NS-Regimes und Jahrzehnte der Entnazifizierung unter äußerer Kontrolle notwendig. Russland hat bisher nichts Vergleichbares durchlaufen. Und solange es das nicht durchläuft, sollte man nicht auf einen organischen Verzicht auf imperiale Ambitionen setzen.
Russland will ein „Zivilisationsstaat“ und die Metropole des Eurasianismus sein. Sie haben erklärt, dass Russland dies durch die Konfrontation mit dem Westen erreichen will, ohne sich damit abzufinden, lediglich ein asiatischer Staat zu sein. Ist das möglich?
Das ist ein schönes Konzept – und völlig lebensunfähig. Russland kann aus einem einfachen Grund keine Metropole des Eurasianismus sein: Es verfügt dafür weder über das wirtschaftliche Potenzial noch über kulturelle Anziehungskraft oder realen Einfluss auf die Länder, die es anführen müsste.
Schauen Sie sich die sogenannte eurasische Peripherie an. Kasachstan distanziert sich immer stärker von Moskau und sucht seinen eigenen Weg. Aserbaidschan verfolgt eine völlig unabhängige Politik. Selbst Belarus, dessen Machthaber Alexander Lukaschenko buchstäblich auf russischen Bajonetten sitzt, versucht zumindest formale Souveränität zu bewahren und blickt nach Peking als Gegengewicht zu Moskau.
China ist hier das Schlüsselwort. Die wirkliche Metropole des Eurasianismus ist Peking und nicht Moskau. Und Russland versteht das, kann es aber nicht eingestehen, denn die Anerkennung dieser Tatsache würde das Ende des gesamten Konzepts des „Zivilisationsstaates“ bedeuten.
Die Konfrontation mit dem Westen macht Russland nicht zum eurasischen Zentrum – sie macht es zum Juniorpartner Chinas. Und das ist genau das Gegenteil dessen, wovon Putin träumt. Der eurasische Traum Moskaus endet dort, wo die chinesische Realität beginnt.
Mit welchen Realitäten wird Russland bei einem möglichen Ende der Kampfhandlungen oder sogar schon davor konfrontiert sein? Welche Prozesse erwarten Sie?
Russland ist bereits mit einem Teil dieser Realitäten konfrontiert und versucht, sie nicht wahrzunehmen. Eine demografische Katastrophe – Hunderttausende Tote, Verwundete und Emigranten. Wirtschaftliche Erschöpfung – Inflation, sinkende Realeinkommen, ein Haushaltsdefizit, das auf Kosten künftiger Generationen gedeckt wird. Technologischer Rückschritt – der Abzug westlicher Unternehmen und Technologien, für die es keinen Ersatz gibt.
Doch das schwerwiegendste Problem ist politischer Natur. Putin und der FSB haben ein System geschaffen, das auf einem einzigen Menschen und auf Angst beruht. Wenn dieser Mensch geht – und früher oder später wird er gehen –, könnte sich das System nicht geordnet transformieren. Es wird entweder zusammenbrechen oder sich im Machtkampf zwischen jenen drei Kräften, von denen ich bereits gesprochen habe – dem FSB, dem FSO und der Armee –, in etwas noch Brutaleres verwandeln.
Der gefährlichste Moment für Russland und für die Welt ist nicht der Krieg selbst. Es ist die Zeit nach Putin, wenn Menschen mit Atomwaffen und ohne klare Legitimität die Macht in einem Atomstaat unter sich aufteilen werden. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass der Westen schon jetzt nicht nur darüber nachdenkt, wie der Krieg beendet werden kann, sondern auch darüber, was danach mit Russland geschehen soll.
Wo wird Russland weiterhin versuchen, Einfluss auszuüben, und wie erfolgreich könnten diese Versuche nach dem Scheitern seiner großimperialen Ambitionen sein?
Russland wird seine Versuche, Einfluss auszuüben, nicht aufgeben – selbst geschwächt, selbst nach einer Niederlage. Das liegt in der Natur des Regimes. Die einzige Frage ist, welche Instrumente ihm dafür noch zur Verfügung stehen werden.
Das militärische Instrument wird erheblich eingeschränkt sein – die Armee ist erschöpft, die Technik zerstört, die personellen Ressourcen gehen zur Neige. Der Wiederaufbau echter militärischer Stärke erfordert Jahrzehnte und Geld, das nicht vorhanden sein wird.
Doch es gibt andere Instrumente. Die Energie – solange Russland Öl und Gas verkauft, verfügt es über einen Hebel. Desinformation und hybrider Krieg – das ist billig und effektiv, und hier hat Moskau erhebliche Erfahrungen gesammelt. Die Unterstützung prorussischer Bewegungen und Parteien in Europa – auch das wird nicht verschwinden.
Geografisch wird sich Russland auf das konzentrieren, was in seiner Reichweite bleibt – Zentralasien, den Südkaukasus und Afrika, wo es bereits aktiv über die Wagner-Gruppe und deren Nachfolger operiert. Doch auch dort wird es verdrängt – von China in Zentralasien, von der Türkei im Südkaukasus und von verschiedenen Akteuren in Afrika.
Gesondert sollte man über den Balkan sprechen. Russland wird erhebliche Anstrengungen unternehmen, dort über prorussische Kräfte in Serbien, Bulgarien und Nordmazedonien präsent zu bleiben. Der Balkan ist eine traditionelle russische Einflusszone, und Moskau betrachtet ihn als Brückenkopf innerhalb Europas. Gerade deshalb sind Wahlen in diesen Ländern und die Stärkung prorussischer Parteien keine rein inneren Angelegenheiten dieser Staaten. Sie sind Teil der russischen Strategie.
Nach dem Scheitern seiner großimperialen Ambitionen läuft Russland Gefahr, sich in einen Regionalstaat zu verwandeln, der vorgibt, weiterhin global zu sein. Das ist eine gefährliche Kombination, denn solche Staaten kompensieren den Verlust realen Einflusses gewöhnlich durch Aggressivität und Unberechenbarkeit.
Warum erwies sich Russlands hybrider Krieg gegen Europa als so erfolgreich?
Weil Europa lange Zeit nicht glauben wollte, dass dieser Krieg überhaupt geführt wird. Das ist der Hauptgrund. Russland griff ganz offen an – über soziale Netzwerke, durch die Finanzierung von Parteien, durch Energieerpressung, durch Desinformation –, während Europa sich jahrelang selbst einredete, es handle sich lediglich um „unterschiedliche Sichtweisen“ und „komplizierte Geopolitik“.
Der zweite Grund ist, dass Russland auf reale Probleme setzt. Es erfindet die Unzufriedenheit der Europäer nicht – es findet sie und verstärkt sie. Ungleichheit, Migration, Identitätsverlust, Misstrauen gegenüber den Eliten – all das existierte schon vor Russland. Moskau hat lediglich gelernt, diese Risse in Abgründe zu verwandeln.
Der dritte Grund ist die Asymmetrie. Russland gibt für die Destabilisierung Europas nur einen Bruchteil dessen aus, was Europa für seinen Schutz aufwendet. Ein paar Trollfabriken, einige bestochene Politiker, einige Medienprojekte – und das Ergebnis ist unverhältnismäßig groß.
Und schließlich handelt Russland geduldig. Es wartet nicht auf sofortige Ergebnisse. Es sät jahrelang Zwietracht und erntet dann, wenn eine Krise entsteht – eine Energiekrise, eine Migrationskrise oder eine Wirtschaftskrise. Dann stellt sich heraus, dass es in jedem europäischen Land bereits Stimmen gibt, die genau das sagen, was Moskau hören möchte.
Warum fanden russische hybride Narrative – über „traditionelle Werte“, ein „Europa der Vaterländer“ usw. – eine solche Übereinstimmung mit der Welle der extremen Rechten?
Das ist weder Zufall noch bloße Übereinstimmung. Es ist eine bewusste Strategie – und sie begann lange bevor die meisten Analysten sie bemerkten.
Russland erkannte eine einfache Wahrheit: Die liberale Demokratie ist nicht von außen verwundbar, sondern von innen. Sie kann nicht mit Panzern besiegt werden, aber sie kann durch ihre eigenen Werte untergraben werden. Meinungsfreiheit. Offenheit. Toleranz gegenüber unterschiedlichen Ansichten. Und Moskau begann, Narrative zu produzieren und zu verbreiten, die genau diese Offenheit gegen das System selbst richten.
„Traditionelle Werte“ sind die ideale Waffe. Sie sprechen das reale Gefühl des Verlustes an, das Millionen Menschen in Europa und Amerika empfinden. Die Globalisierung hat die vertraute Welt verändert – und Russland bietet eine einfache Antwort: Schuld sind die Liberalen, die Globalisten, die Eliten. Das ist dasselbe populistische Narrativ, das man auch bei Trump, Orbán und Le Pen findet. Moskau hat es nicht erfunden, verstärkt und finanziert es jedoch aktiv.
„Europa der Vaterländer“ ist überhaupt eine alte französische Idee, die Russland einfach übernommen und für seine eigenen Bedürfnisse umgefärbt hat. Ein gespaltenes Europa ohne gemeinsame Außenpolitik – genau das braucht Moskau. Und es hat Verbündete gefunden, die aufrichtig an diese Ideen glauben – oder zumindest so tun.
Wie sehen aus Kyiv die neue politische Rolle von Rumen Radew und die Veränderungen der politischen Landschaft Bulgariens aus?
Ich habe Radew bereits kommentiert, und meine Position hat sich nicht geändertp. Er ist nicht Orbán und wird auch keiner werden. Nicht, weil er proeuropäisch wäre – das ist er nicht –, sondern weil ihm die Instrumente dafür fehlen.
Orbán konnte es sich leisten, Orbán zu sein, weil er über eine verfassungsändernde Mehrheit und die vollständige Kontrolle über die staatlichen Institutionen verfügte. Radew hat das nicht. Um überhaupt irgendeine reale Politik umzusetzen – sei es eine innenpolitische Reform oder selbst der Austausch des Generalstaatsanwalts –, braucht er die Unterstützung der proeuropäischen Kräfte. Und diese erinnern sich an seine Präsidentschaft.
Aus Kyiv sieht das wie eine Situation aus, in der ein Mensch mit prorussischen Sympathien sich in Umständen wiederfindet, die es ihm nicht erlauben, diese Sympathien umzusetzen. Bulgarien braucht Geld aus den europäischen Fonds. Der bulgarische militärisch-industrielle Komplex verdient an Lieferungen für die Ukraine. Das ist die reale Wirtschaft – und sie ist stärker als jede Ideologie.
Das Wichtigste, was man verstehen muss, ist Folgendes: Was für Orbán ein Vorwand war – alles zu blockieren und eine Rechtfertigung zu finden –, muss für Radew ein tatsächliches Ziel sein. Wenn er wirklich Reformen in Bulgarien will, muss er mit jenen zusammenarbeiten, die die Ukraine unterstützen. Einen anderen Weg gibt es nicht. Und ich hoffe, dass er das versteht.
Was verfolgt Trump tatsächlich mit seiner Haltung gegenüber der Ukraine? Jetzt ist er durch den Iran abgelenkt, zuvor behauptete er jedoch, eine Annäherung an Moskau habe einen tiefen geostrategischen Sinn – nämlich die Konfrontation mit China?
Trump verfolgt gegenüber der Ukraine keine konsistente Strategie. Was er gelegentlich als Strategie formuliert – Russland und China auseinanderzubringen –, ist keine Strategie. Es ist ein Wunsch. Und noch dazu ein unrealistischer Wunsch.
Russland und China sind keine Verbündeten im klassischen Sinne, aber sie haben ein gemeinsames Interesse: den amerikanischen Einfluss in der Welt zu schwächen. Solange dieses Interesse besteht, wird keine amerikanische Annäherung an Putin ihn dazu bringen, sich von Peking abzuwenden. China ist für Russland heute die wirtschaftliche Lebensader. Es ermöglicht die Umgehung der Sanktionen. Es ist Absatzmarkt für russisches Öl. Auf solche Dinge verzichtet man nicht wegen netter Gespräche mit Trump.
Die eigentliche Triebkraft von Trumps Politik gegenüber der Ukraine ist die amerikanische Innenpolitik. Die Benzinpreise. Die Kriegsmüdigkeit seiner Wählerschaft. Der Wunsch, irgendeinen Sieg zu verkünden – ganz gleich welchen und zu welchem Preis – und anschließend weiterzugehen. Die Ukraine ist in diesem Weltbild weder ein Verbündeter noch ein Wert an sich. Sie ist ein Problem, das gelöst und anschließend vergessen werden soll.
Und genau das ist die gefährlichste aller möglichen Positionen gegenüber einem Land, das um seine Existenz kämpft.
Die neue amerikanische Strategie der nationalen Sicherheit verbirgt ihre Feindseligkeit gegenüber Europa nicht. Welche Politik wäre für den Kontinent die beste – unabhängig von den Entwicklungen in den USA?
Europa hat endlich das bekommen, wovor es sich so lange gedrückt hat – die Verantwortung für seine eigene Sicherheit. Und so seltsam es auch klingen mag: Das könnte sich nicht als Katastrophe, sondern als Chance erweisen.
Die beste Politik für Europa besteht jetzt darin, nicht länger zu warten. Nicht länger auf amerikanische Entscheidungen, amerikanische Genehmigungen oder amerikanische Garantien zu warten. Eine eigene Verteidigungsindustrie aufzubauen – und das geschieht bereits, wenn auch langsamer, als es nötig wäre. Die Ukraine zu unterstützen – nicht, weil Washington das wünscht, sondern weil es im unmittelbaren Interesse Europas selbst liegt.
Eine gemeinsame Außenpolitik zu entwickeln – und genau das ist am schwierigsten. Nicht nur, weil es innerhalb der EU trojanische Pferde gibt. Die Lage hat sich verändert – Orbán hat die Wahlen verloren, und Ungarn kehrt schrittweise zu einer konstruktiveren Position zurück. Aber die Interessen von 27 Staaten mit unterschiedlicher Geschichte, unterschiedlichen Erfahrungen und unterschiedlichem Bedrohungsempfinden miteinander in Einklang zu bringen, ist außerordentlich schwierig. Und genau diese Harmonisierung – nicht einzelne prorussische Stimmen – ist die größte Herausforderung für die europäische Einheit.
Die amerikanische Feindseligkeit gegenüber Europa ist nicht bloß eine Laune Trumps. Sie ist ein Symptom eines tiefergehenden Wandels in der politischen Kultur der Vereinigten Staaten. Und Europa muss seine Politik auf der Grundlage gestalten, dass sich dieser Wandel als dauerhaft erweisen könnte.
Doch eines kann Europa sich nicht leisten: vor russischem Druck aus der Illusion heraus zu kapitulieren, dadurch Stabilität zu gewinnen. Denn Russland versteht Zugeständnisse nicht als Geste des guten Willens, sondern als Einladung zum nächsten Schritt. Das haben wir bereits erlebt – und dürfen es nicht vergessen.
Wird die Ukraine nach allem, was geschehen ist, die Kraft haben, sich zu der von vielen erwarteten neuen Stütze des europäischen Raums zu entwickeln, die dem Druck nicht nur Russlands, sondern auch der USA und Chinas standhalten kann?
Das ist eine Frage, die ich mir ständig stelle. Und ihre Antwort hängt nicht von äußeren Faktoren ab, sondern von der Ukraine selbst.
Die Ukraine hat bereits bewiesen, dass sie kämpfen kann. Das war im Februar 2022 nicht selbstverständlich – selbst für diejenigen, die an sie glaubten. Fünf Jahre Widerstand gegen eine der größten Armeen der Welt – das ist eine Tatsache, die das Bild dieses Landes für immer verändert hat.
Aber eine Stütze Europas zu sein, ist etwas anderes. Das bedeutet nicht nur zu kämpfen, sondern auch aufzubauen. Institutionen. Rechtsstaatlichkeit. Eine Wirtschaft, die attraktiv ist und nicht abschreckt. Und hier hat die Ukraine ernsthafte Probleme, die der Krieg nicht gelöst, sondern teilweise sogar verschärft hat. Doch das ist eine Frage für die Zeit nach dem Krieg. Und ich hoffe, dass die ukrainische Gesellschaft, die diese Prüfung durchgestanden hat, sowohl die Kraft als auch den Willen haben wird, ein neues Land aufzubauen.
Der Druck seitens der USA unter Trump, der mögliche Druck Chinas – all das ist eine Realität, mit der die Ukraine umgehen müssen wird. Und diesem Druck kann sie nur auf eine Weise standhalten: indem sie so eng in die europäischen Strukturen integriert ist, dass Druck auf die Ukraine automatisch zu Druck auf ganz Europa wird.
Werden die Kräfte ausreichen? Ich hoffe es. Aber das ist keine Frage des Schicksals, sondern der Entscheidungen, die jetzt getroffen werden und nach dem Sieg getroffen werden.
Ich verfolge Ihre Kommentare und Prognosen seit einigen Jahren und würde gern wissen: Wann haben Sie sich in Ihrer Einschätzung geirrt?
Ich habe mich mehrere Male geirrt und schäme mich nicht, das zuzugeben. Ein Mensch, der sich niemals irrt, sagt entweder überhaupt nichts oder lügt.
1991 glaubte ich, dass der Zusammenbruch der Sowjetunion und die Ausrufung der Unabhängigkeit der Ukraine nicht so schnell erfolgen würden – und das nur wenige Wochen nachdem der Präsident der Vereinigten Staaten, George Bush, von der Tribüne der Werchowna Rada die ukrainischen Abgeordneten dazu aufgerufen hatte, die erneuerte Sowjetunion Gorbatschows zu unterstützen. Die Geschichte erwies sich als schneller als meine Prognosen.
2014 war ich der Ansicht, dass die Besetzung der Krim zur Ausrufung eines quasiunabhängigen Staates führen würde und nicht zu ihrer Annexion und Eingliederung in die Russische Föderation. Was tatsächlich geschah, erwies sich als eine wahre Katastrophe für die russisch-ukrainischen Beziehungen und für das Völkerrecht insgesamt – eine Katastrophe für Jahrzehnte.
Und schließlich hoffte ich, dass die Menschheit länger in der Lage sein würde, die Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg zu bewahren. Dass die Erinnerung an jene Katastrophe eine Wiederholung verhindern würde. Diese Hoffnungen erwiesen sich als vergeblich.
Sehen Sie in der Unberechenbarkeit der heutigen Welt auch etwas Optimistisches? Zum Beispiel scheint es, als funktionierten die Absprachen der „Großen“ und das Zeichnen neuer Grenzen auf Servietten nicht mehr nach Plan.
Das ist zugleich eine optimistische und eine pessimistische Beobachtung. Ja, die Welt ist unberechenbarer geworden. Und ja, die großen Absprachen auf Servietten funktionieren nicht mehr so wie früher. Aber ist das wirklich etwas Gutes?
Das System von Jalta, in dem die Großmächte die Welt über die Köpfe kleiner Völker hinweg aufteilten, war ungerecht und führte letztlich zu dem, was wir heute erleben. Die Ukraine wurde in gewissem Sinne gerade zum Opfer eines solchen Denkens – als man versuchte, über ihr Schicksal ohne sie selbst zu entscheiden.
Andererseits bedeutet Unberechenbarkeit nicht immer Freiheit. Manchmal bedeutet sie einfach Chaos. Und im Chaos überleben nicht unbedingt die Gerechtesten, sondern die Stärksten und Skrupellosesten.
Deshalb gründet sich mein vorsichtiger Optimismus auf etwas anderes – nicht auf die Unberechenbarkeit der Welt, sondern darauf, dass kleine Völker gelernt haben, für sich selbst zu kämpfen. Die Ukraine hat das bewiesen. Und genau das ist die wirkliche Veränderung, die von Bedeutung ist. Denn letztlich wird Geschichte nicht durch Absprachen auf Servietten gemacht, sondern durch Menschen und Völker, die sich weigern, fremde Entscheidungen über ihr eigenes Schicksal hinzunehmen.
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Art der Quelle:Interview Titel des Originals:Моментът след Путин. Виталий Портников. 30.06.2026. Autor:Vitaly Portnikov Veröffentlichung / Entstehung:30.06.2026. Originalsprache:bg Plattform / Quelle:Zeitung Link zum Originaltext:
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Ich habe keine besonderen Illusionen über die Tätigkeit der UPA.
Und das ist wohl das Erste, was man ehrlich sagen muss – ohne den Eigenen zuzuzwinkern und ohne demonstratives Bußtheater für die Fremden. Die UPA handelte in einer Zeit, als die Ukraine keine eigene Staatlichkeit besaß, keine Regierung hatte, keine Armee, keine internationale Stimme, nicht das Recht, sich an einen Verhandlungstisch zu setzen und zu sagen: Das sind unsere Grenzen, das sind unsere Menschen, das sind unsere Interessen – und nun, verehrte Imperien, rückt beiseite.
Die Ukrainer lebten damals nicht in einem romantischen Geschichtsbuch, sondern zwischen Hammer und Amboss: Der eine Besatzer kam mit dem roten Stern, der zweite mit dem schwarzen Hakenkreuz, der dritte mit seiner eigenen Erinnerung an den Vorkriegsstaat, der die Ukrainer ebenfalls nicht als politische Nation anerkennen wollte. Und in diesem Fleischwolf griffen die Menschen nach jeder Möglichkeit des Kampfes, nach jeder Waffe, nach jeder Chance, eine Ukraine zusammenzuführen, die auf der politischen Landkarte faktisch nicht existierte.
Ich bin überzeugt, dass die Polen an unserer Stelle dasselbe getan hätten. Mehr noch: Sie haben es getan.
Die Armia Krajowa war ebenfalls eine militärische Untergrundstruktur. Auch sie sammelte Aufklärungsinformationen, baute Kommunikationsnetze auf, führte Sabotageakte durch, liquidierte Kollaborateure, griff Verwaltungsstrukturen an, bestrafte diejenigen, die sie für Verräter hielt, kämpfte gegen die Deutschen und stritt und kämpfte mit anderen Kräften in Gebieten, in denen es keine funktionierende Staatsgewalt gab. Das war keine Organisation von Pazifisten mit Broschüren über Toleranz. Es war die Armee eines Volkes, das seinen Staat verloren hatte und ihn zurückgewinnen wollte.
Die UPA tat dasselbe – allerdings mit einem grundlegenden Unterschied, über den man in Polen oft nicht gern offen spricht: Polen verfügte über staatliche Kontinuität, eine Exilregierung, internationale Anerkennung, einen diplomatischen Rahmen, die Erinnerung an den eigenen Staat. Die Ukraine hingegen hatte nichts außer Menschen, Wäldern, Waffen, dem Hass auf die Besatzer und dem verzweifelten Wunsch, nicht länger Material für fremde Imperien zu sein.
Das rechtfertigt keine Verbrechen. Es wischt kein Blut weg. Es hebt den Schmerz polnischer Familien ebenso wenig auf wie den Schmerz ukrainischer Familien. Aber es erklärt, warum die Frage im Stil von „entweder die UPA oder die Europäische Union“ keine historische Ehrlichkeit ist, sondern politische Manipulation, eingehüllt in eine moralische Pose.
Dann seien wir doch konsequent ehrlich. Entweder die Armia Krajowa oder die Europäische Union? Entweder der polnische Untergrund oder Europa? Entweder die Erinnerung an die Eigenen oder das Recht, Teil der zivilisierten Welt zu sein?
Absurd? Ja. Und genauso absurd ist es im Fall der Ukraine.
Wir müssen mit den Polen über Wolhynien sprechen, über Galizien, über die Aktion „Weichsel“, über ukrainische und polnische Opfer, über Exhumierungen, über Archive, über Namen, über Gräber, über die Verbrechen konkreter Menschen und konkreter Strukturen. Wir dürfen schwierigen Themen nicht ausweichen, denn ein Volk, das sich vor seiner eigenen Geschichte fürchtet, beginnt sehr schnell, nach der Geschichtsversion anderer zu leben.
Aber wir dürfen auch keine Ultimaten akzeptieren, in denen von uns verlangt wird, die Erinnerung gegen eine politische Eintrittskarte nach Europa einzutauschen.
Schon gar nicht von einem Land, das selbst sehr genau weiß, was Untergrund bedeutet, was Besatzung bedeutet, was Wald bedeutet, was Waffen ohne eigenen Staat bedeuten, was Befehle bedeuten, die nicht in der schönen Sprache des Völkerrechts geschrieben werden, weil das Völkerrecht in einem solchen Moment irgendwo unter dem Stiefel des Stärkeren liegt.
Die Ukraine besaß damals keine eigene Staatlichkeit. Und genau das ist der Schlüssel zur gesamten Diskussion.
Wenn wir heute über den besetzten Donbas sprechen, verstehen wir doch sehr gut, dass die Menschen dort nicht in einem normalen politischen Raum leben. Dort gibt es keine Wahlfreiheit im europäischen Sinn. Es gibt keine unabhängigen Gerichte, keine freie Presse, keine offenen Parteien, keine sichere Möglichkeit, öffentlich Stellung zu beziehen. Dort gibt es eine Besatzungsverwaltung, Angst, Zwang, Überlebenskampf, Kollaboration, Schweigen, Widerstand, Denunziationen, Partisanen, Angepasste und Menschen, die einfach nur den Morgen erleben wollen.
Und wenn in 80 Jahren jemand beginnen sollte, jede Handlung der Menschen im besetzten Donbas so zu beurteilen, als hätten sie in Krakau, Berlin oder Paris gelebt, dann wäre das keine Geschichtsschreibung, sondern moralische Bequemlichkeit, verkleidet als Rechtschaffenheit.
Genauso wenig kann man die ukrainische Befreiungsbewegung der 1940er Jahre beurteilen, als wäre die Ukraine damals ein Staat mit Regierung, Armee, Gerichten, Parlament, Diplomatie und der Möglichkeit gewesen, ihre Interessen auf friedlichem Weg zu verteidigen.
Das war sie nicht.
Und genau deshalb begehen polnische Politiker einen gewaltigen Fehler, wenn sie die Frage so stellen, als müsse die Ukraine ihre Europatauglichkeit dadurch beweisen, dass sie auf einen Teil ihrer tragischen, schwierigen, blutigen, widersprüchlichen, aber eigenen Geschichte verzichtet.
Die Ukraine ist bereits Teil der europäischen Gemeinschaft. Nicht, weil man uns das in Brüssel oder Warschau großzügig erlaubt hätte, sondern weil die Ukrainer jeden Tag mit Blut, Leben, Städten, Kindern, ihrer Wirtschaft, ihrer Zukunft, ihren Nerven und mit Friedhöfen bezahlen, die schneller wachsen als europäische Erklärungen.
Kein Land der Europäischen Union hat einen solchen Preis für das Recht bezahlt, in Europa zu leben.
Und, sagen wir es ganz offen: Dank der Ukraine wird auch keines einen solchen Preis bezahlen müssen.
Denn das russische Imperium steht heute nicht vor Warschau, nicht vor Vilnius, nicht vor Bukarest und nicht vor Berlin. Es steht vor Pokrowsk, Kupjansk, Cherson, Charkiw, Sumy und Saporischschja. Und wenn sich heute noch jemand in Europa den Luxus leisten kann, die historische Erinnerung zu einem Instrument der Innenpolitik zu machen, dann nur deshalb, weil die Ukrainer die Front halten.
Aber es gibt noch etwas Wichtiges, das ich ebenfalls ohne populären Zuckerguss sagen möchte.
Ich bin kein Befürworter eines Beitritts einer schwachen Ukraine zur Europäischen Union. In vielen Fragen bin ich sogar Euroskeptiker, weil ich sehr gut sehe, wie das heutige Europa durch übermäßige Regulierung, Angst vor Risiken, bürokratische Selbstverliebtheit und den Verlust industriellen Gestaltungswillens gegenüber den globalen Führungsmächten zurückfällt. China baut Fabriken, die USA schaffen technologische Ökosysteme, Asien skaliert seine Produktion, während Europa oft Verordnungen, Verbote, Verfahren und schöne Dokumente über eine Zukunft produziert, die längst andere gestalten.
Die Ukraine darf nicht als armer Bittsteller mit ausgestreckter Hand in die EU gehen, dem erlaubt wird, im Flur eines großen Hauses Platz zu nehmen, wenn er sich zuvor richtig entschuldigt, richtig Buße getan und seine eigene Erinnerung korrekt umgeschrieben hat.
Die Ukraine muss als Große Ukraine nach Europa gehen. Als Land einer neuen Industrialisierung. Als Land der Verteidigungstechnologien, der Drohnen, der robotisierten Kriegsführung, der künstlichen Intelligenz, der Rechenzentren, der Kernenergie, der eigenen Produktion, starker Städte, einer produktiven Minderheit, von Ingenieuren, Unternehmern, Soldaten, Landwirten, Wissenschaftlern und Menschen, die niemanden um Erlaubnis bitten, existieren zu dürfen.
Wir brauchen keine schwache Integration, bei der die Ukraine als Gebiet billiger Arbeitskräfte, von Rohstoffen, Agrarexporten und dauerhafter Förderabhängigkeit in die EU aufgenommen wird. Wir brauchen eine starke Integration, bei der die Ukraine als Staat kommt, ohne den europäische Sicherheit, Energieversorgung, Rüstungsindustrie und technologische Zukunft schlicht nicht funktionieren.
Deshalb muss die Antwort auf polnische Ultimaten ruhig, nüchtern und entschieden sein.
Wir sind bereit, über Geschichte zu sprechen. Wir sind bereit, Archive zu öffnen. Wir sind bereit zu Exhumierungen. Wir sind bereit, Verbrechen als Verbrechen zu bezeichnen. Wir sind bereit, den Schmerz der Polen anzuerkennen, wenn die Polen bereit sind, den Schmerz der Ukrainer anzuerkennen. Wir sind bereit, eine gemeinsame Erinnerung aufzubauen, aber wir sind nicht bereit zu politischer Erpressung.
Denn eine Partnerschaft unter Gleichen wird nicht auf Ultimaten aufgebaut.
Polen hat uns sehr geholfen, und daran muss man sich erinnern. Die Ukrainer dürfen das nicht vergessen. Aber auch Polen muss sich an etwas anderes erinnern: Die Ukraine verteidigt heute nicht nur sich selbst – und ganz sicher nicht nur ihre historische Erinnerung. Die Ukraine verteidigt jenen Raum, in dem polnische Politiker über die UPA streiten können, ohne über ihren Köpfen russische Raketen zu hören.
Deshalb ist die Formel „entweder die UPA oder Europa“ nicht nur politisch falsch, sondern auch moralisch.
Die richtige Formel lautet anders: Entweder wir reifen gemeinsam zu einer schwierigen Wahrheit heran, oder Moskau wird uns allen erneut die Geschichte schreiben.
Und das ist ganz sicher keine Entscheidung, die weder Kyiv noch Warschau treffen sollten.
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Art der Quelle:Social Media
Autor:Lubomir Haidamaka Veröffentlichung:24.06.2026. Originalsprache:uk Plattform / Quelle:Facebook Link zum Originaltext:
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Der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Carsten Breuer, betont, dass die Russische Föderation bereits im Jahr 2029 zu einem umfassenden Konflikt mit den NATO-Mitgliedstaaten bereit sein wird.
Es muss betont werden, dass dies die professionelle Einschätzung eines Militärs ist, der ein Amt innehat, das mit den Positionen von Generalstabschefs in den Armeen anderer Länder vergleichbar ist. General Carsten Breuer spricht vor allem darüber, wozu die russische Armee im Hinblick auf die Modernisierung ihres militärisch-technischen Potenzials und die Ansammlung von Truppen in den für das Nordatlantische Bündnis problematischen Grenzregionen Russlands und seiner Verbündeten an der NATO-Grenze fähig sein wird. Und man geht davon aus, dass gerade das Jahr 2029 zu dem Zeitpunkt werden könnte, an dem Russland zu einem echten Krieg bereit sein wird und nicht nur zu Drohungen gegenüber westlichen Staaten.
Die Situation wird zudem dadurch verschärft, dass man heute in Europa nicht weiß, wie sich die amerikanische Armee im Falle eines solchen Angriffs verhalten würde. Wie groß wird die Zahl der amerikanischen Truppen sein, die auf dem europäischen Kontinent stationiert sein werden? Und werden die Amerikaner bereit sein, gemeinsam mit den Europäern eine mögliche russische Aggression abzuwehren?
Und hier gelangen wir natürlich zu politischen Bewertungen, denn vieles in der Welt wird davon abhängen, was in den kommenden Jahren geschieht – in den Jahren von Donald Trumps Präsidentschaft mit seinem offensichtlichen Unwillen, sich auf irgendwelche europäischen Konflikte einzulassen, und seinem Wunsch, die amerikanische Präsenz in Europa zu verringern; davon, wie der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf 2028 verlaufen wird, und davon, wer im Jahr 2029 Donald Trumps Nachfolger im Oval Office sein wird.
Die Frage ist nicht einmal, ob es ein Demokrat oder ein Republikaner sein wird. Die Frage ist, welche außenpolitische Strategie diese Person verfolgen wird. Wie bereit wird sie sein, die euro-atlantische Solidarität wiederherzustellen? Wie bereit wird sie – falls es ein republikanischer Präsident sein sollte – zu einer entschlossenen Revision des außenpolitischen Erbes Donald Trumps und überhaupt der isolationistischen Ansätze sein, die die amerikanische Politik dominieren, man könnte sagen, seit der neue Präsident der Vereinigten Staaten nicht der Republikaner, sondern der Demokrat Barack Obama wurde, der gerade wegen seiner Übereinstimmung mit diesem isolationistischen politischen Konzept bereits in den ersten Monaten seiner Präsidentschaft den Friedensnobelpreis erhielt?
Und danach begann die Welt rasch in die irreparablen Folgen einer solchen Strategie abzurutschen: in einen neuen großen Krieg in Europa, in die Krise im Nahen Osten und in die Sackgasse, in der wir uns heute befinden, wenn es sowohl um die Möglichkeit eines Auswegs aus dem russisch-ukrainischen Krieg als auch um die Möglichkeit einer Lösung des Nahostkonflikts geht, sodass neue Zusammenstöße in Osteuropa und im Nahen Osten nicht bereits wenige Monate nach einer Regelung der aktuellen Konfliktphase erneut beginnen – obwohl wir auch davon noch sehr, sehr weit entfernt sind.
Übrigens wurde der deutsche General auch gefragt, ob man auf ein Ende des russisch-ukrainischen Krieges hoffen könne. Er betonte recht vorsichtig, dass man auf einen entscheidenden Wendepunkt im Krieg zugunsten der Ukraine noch warten müsse, äußerte sich jedoch optimistisch über neue technologische Entwicklungen, die bereits heute an der Front erschienen seien und die Situation zugunsten der Ukraine veränderten.
Gleichzeitig unterstrich General Breuer völlig logisch, dass der eigentliche Wendepunkt des Krieges der Moment sein werde, in dem die Russische Föderation ihn nicht mehr fortsetzen wolle – wofür es derzeit keinerlei Anzeichen gibt. Derzeit sollte man die russischen Drohungen neuer Raketenangriffe auf die Ukraine und sogar mögliche Vorbereitungen Russlands für neue Offensiven, etwa aus Belarus, ernster nehmen. Über konkrete Absichten der russischen Streitkräfte sprach der Generalinspekteur der Bundeswehr allerdings nicht und verwies lediglich auf seine ständigen Kontakte mit seinem ukrainischen Kollegen, General Syrskyj.
Wie wir sehen, gibt es im Westen derzeit zahlreiche Einschätzungen dazu, ob die Russische Föderation tatsächlich einen echten Krieg gegen NATO-Mitgliedstaaten wagen wird. Doch wir müssen bedenken, dass sich die technologische Kriegsführung jeden Tag, jede Woche und jeden Monat verändert. Und alle Prognosen, die sich auf das Jahr 2029 beziehen, haben in Wirklichkeit keinen wirklichen Sinn, weil niemand weiß, wie die Welt schon in wenigen Monaten aussehen wird.
Wird es gelingen, den Nahostkonflikt zu regeln? Wird die Straße von Hormus wieder geöffnet? Wird die Welt nicht in eine gewaltige Energie- und Wirtschaftskrise geraten, die die Möglichkeiten der wichtigsten Akteure grundsätzlich verändern und zeigen wird, wer ihr Hauptprofiteur sein wird, wer daraus hervorgehen wird mit der Fähigkeit, der übrigen Menschheit seine Bedingungen zu diktieren? Werden vor dem Hintergrund dieser Energiekrise nicht technologische Veränderungen stattfinden, die die Möglichkeiten der Ölstaaten infrage stellen?
Mit anderen Worten: Es gibt so viele mögliche Entwicklungen in einer Welt, die faktisch in militärischen Konflikten ohne Ausweg feststeckt, dass ich jeder Prognose mit großer Vorsicht begegne, die von einer Veränderung der Situation nicht einmal bis 2029, sondern etwa bis August oder September 2026 spricht.
Die Menschheit lebt endgültig in einer Situation, in der keine ernsthaften Prognosen mehr funktionieren – aus dem einfachen Grund, dass es keinen professionellen Ansatz mehr für politische Realitäten gibt. Und die wichtigsten Staaten der Welt werden von Menschen geführt, die sich vor allem an ihren eigenen Emotionen und Wünschen orientieren und nicht daran, wie sich die Situation infolge ihrer Handlungen tatsächlich entwickeln wird.
Deshalb bleibt einem, ehrlich gesagt, nur, mit solchen Fachleuten wie General Breuer mitzufühlen, die gezwungen sind, ihre Schlussfolgerungen auf der Grundlage professioneller Kriterien und Methoden zu ziehen, die in der modernen Welt praktisch nicht mehr funktionieren und lediglich ein Rudiment analytischer Versuche aus einer jüngeren Vergangenheit sind, als sich Politik auf nachvollziehbaren Wegen entwickelte und man sich vorstellen konnte, dass der Aufbau eines bestimmten militärischen Potenzials der militärischen Führung des Gegners ermöglichen würde, bestimmte Entscheidungen zu treffen.
Vergessen wir nicht: Wir leben in einer Welt, in der Politiker unlogische Entscheidungen treffen, ohne über deren Folgen nachzudenken, und sie viel früher treffen können, als es irgendeinem Fachmann plausibel erscheinen würde.
Putin marschierte nicht ohne Grund mit einer Armee auf Kyiv, die unsere Stadt niemals hätte einnehmen können, und stützte sich ausschließlich auf eine emotionale Komponente, weil er glaubte, es mit einer schwachen ukrainischen Armee und einer Bevölkerung zu tun zu haben, die bereit sei, die russischen Eroberer zu begrüßen.
Trump begann den Krieg gegen den Iran ebenfalls nicht zufällig – einen Krieg, den er innerhalb weniger Wochen beenden wollte –, weil er glaubte, dass der Tod von Ajatollah Chamenei und seiner Gefolgsleute zu einem Aufstand des iranischen Volkes und zu einem raschen Regimewechsel im Iran führen würde.
Sowohl Putin als auch Trump haben sich lächerlich gemacht – nicht deshalb, weil sie keine Fachleute um sich hatten, sondern weil sie selbst zu keiner professionellen Einschätzung der Lage fähig sind. Und so wird es auch in Zukunft sein.
Deshalb lautet die Frage nicht, ob es 2029 einen russisch-nordatlantischen Krieg geben wird. Die Frage lautet, wie man das überhaupt realistisch vorhersagen soll.
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Art der Quelle:Artikel Titel des Originals:Росія готується до нової війни | Віталій Портников. 12.06.2026.
Autor:Vitaly Portnikov Veröffentlichung / Entstehung:12.06.2026. Originalsprache:uk Plattform / Quelle:YouTube Link zum Originaltext:
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Amerikanische M1-Abrams-Panzer bei einer Militärparade in Polen. Foto: Artur Widak/NurPhoto via Getty Images
In Warschau versucht man die Folgen der faktisch gescheiterten Rotation amerikanischer Truppen in Polen zu minimieren. Präsident Karol Nawrocki telefonierte mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten Donald Trump, nach Warschau reist der stellvertretende Vorsitzende des Vereinigten Generalstabs der US-Streitkräfte, General Christopher Mahoney, und die Führung des polnischen Verteidigungsministeriums fährt ins Pentagon.
Das Wichtigste ist: Sowohl in Warschau als auch in Washington versucht man so zu tun, als sei nichts Außergewöhnliches geschehen, als handle es sich um routinemäßige Maßnahmen und als sei der Brief, in dem über die Absage der Rotation informiert wurde, einfach in irgendeinem geheimen Postfach liegen geblieben. All das wirkt ziemlich unbeholfen.
Praktisch offensichtlich ist, dass US-Verteidigungsminister Pete Hegseth beschlossen hat, die amerikanische Präsenz in Polen zu reduzieren. Und nicht nur in Polen – die amerikanische Präsenz in Europa insgesamt.
In Polen wird dies besonders schmerzhaft wahrgenommen, weil das Land stets Anspruch auf die Rolle des wichtigsten Verbündeten der Vereinigten Staaten erhob, und der frühere Präsident Andrzej Duda sogar plante, während Donald Trumps erster Amtszeit im Oval Office einen amerikanischen Stützpunkt im Land nach Trump zu benennen.
Und natürlich fühlt sich Polen – im Unterschied zu seinen westlichen Nachbarn – buchstäblich an der Frontlinie des russisch-ukrainischen Krieges. Deshalb hätte man auf eine aufmerksamere Haltung des Pentagons hoffen können.
Aber genau darin liegt der entscheidende Punkt: Im Pentagon möchte man nicht, dass die Vereinigten Staaten an dieser Frontlinie präsent sind, und versucht, Donald Trumps bizarre Idee umzusetzen, wonach der Krieg durch eine Verringerung der westlichen Präsenz und der amerikanischen Beteiligung beendet werden könne.
Deshalb könnten die Kürzungen gerade in Polen begonnen haben.
Es lohnt sich daran zu erinnern, dass Ende 2021, als in Russland bereits mit Hochdruck die Vorbereitungen für den Krieg gegen die Ukraine liefen, das Außenministerium der Russischen Föderation an das US-Außenministerium sowie an die Außenministerien anderer NATO-Mitgliedstaaten ein Schreiben verschickte, in dem sogenannte Sicherheitsgarantien für Russland gefordert wurden.
Dabei ging es nicht nur um das Versprechen, dass ehemalige Sowjetrepubliken – vor allem die Ukraine und Georgien – niemals Mitglieder der NATO werden würden, sondern auch um den Abzug moderner Waffensysteme aus den Gebieten jener Länder, die dem Bündnis nach 1997 beigetreten waren.
Im Grunde verlangte Präsident Putin von Washington die Wiederherstellung der russischen Einflusssphäre in Form der Einflusssphäre der ehemaligen Sowjetunion vor 1991.
Damals stimmte die amerikanische Regierung diesen dreisten Forderungen natürlich nicht zu, schlug Moskau jedoch vor, Verhandlungen über Sicherheitsgarantien in Mittel- und Osteuropa aufzunehmen.
Doch manchmal entsteht der Eindruck, dass Trump, wenn er sagt, unter seiner Präsidentschaft hätte der russisch-ukrainische Krieg niemals begonnen, damit meint, dass er Putins Forderungen gerne erfüllt hätte.
Die jetzige Idee mit der abgesagten Rotation könnte schlicht ein Schritt in die vorgegebene Richtung sein – in Richtung jener „Sicherheitsgarantien“, die Moskau bereits 2021 von Washington verlangt hatte.
Im Pentagon könnte man der Ansicht sein, dass die amerikanische Position dadurch nicht geschwächt, sondern im Gegenteil gestärkt werde – weil die Trump-Administration Bereitschaft demonstriert, Putins Wünschen entgegenzukommen, und dieser deshalb den Krieg beenden könne, indem er seine geopolitischen Ambitionen ohne aktive Kampfhandlungen befriedigt.
Natürlich kann man fragen: Wo bleiben dabei die Interessen der Ukraine, die Interessen Polens und die Interessen Europas?
Aber genau darin besteht das Wesen der gegenwärtigen Situation: Donald Trump interessieren weder die Interessen der Ukraine noch die Interessen Europas insgesamt – weil er überzeugt ist, dass diese Interessen in keinerlei Zusammenhang mit den nationalen Sicherheitsinteressen der Vereinigten Staaten stehen.
Die Sicherheitsinteressen der USA bestehen seiner Ansicht nach vielmehr in einem besseren Einvernehmen mit Putin und dem chinesischen Staatschef Xi Jinping sowie natürlich darin, diese beiden strategischen Partner voneinander zu trennen – obwohl diese keinerlei Anstalten machen, sich den Träumen des amerikanischen Präsidenten zuliebe voneinander zu lösen.
Und die Administration ist bereit, die Interessen der Europäer ihren unrealistischen Erwartungen zu opfern – nicht nur rhetorisch, sondern auch ganz konkret bei der Zahl der Soldaten, die in Europa stationiert bleiben sollen, und bei den Summen, die sie für die Sicherheit nicht nur der Ukraine, sondern auch ihrer Verbündeten im Nordatlantischen Bündnis bereitzustellen bereit ist.
Wenn man die Situation um die Rotation aus dieser Perspektive betrachtet, wirkt das Geschehen keineswegs chaotisch – sondern vollkommen logisch.
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Art der Quelle:Artikel Titel des Originals:Логіка і хаос відступу. Віталій Портников. 19.05.2026. Autor:Vitaly Portnikov Veröffentlichung / Entstehung:19.05.2026. Originalsprache:uk Plattform / Quelle:Zeitung Link zum Originaltext:
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Unser heutiges Gespräch wird der ErklärungPutins gewidmet sein, die jetzt so aktiv in den Medien und in den sozialen Netzwerken diskutiert wird. Man spricht darüber, dass der russische Präsident angeblich davon gesprochen habe, dass das Ende des Krieges schon nahe sei. Und was bedeutet das? Putins Verständnis der Tatsache, dass die Sache sich dem Finale dieses aggressiven Krieges nähert, den er 2014 gegen unser Land begonnen hat und der 2022 in einen großen Krieg überging?
Absolut offensichtlich ist die Tatsache, dass Putins Erklärung in Wirklichkeit vor allem darauf gerichtet ist, eine entsprechende Reaktion in der russischen öffentlichen Meinung zu erzeugen, denn Putin muss die eigene Gesellschaft beruhigen. Und natürlich ist es auch ein weiterer Versuch, in den Beziehungen zum Westen Zeit zu gewinnen. Putin hat überhaupt eine solche Taktik. Er tritt gern als konstruktiver Anhänger des Friedens auf und setzt gleichzeitig den Krieg fort.
Und auch jetzt, wenn man sich aufmerksam in Putins Signale hineinliest, müssen wir uns erstens die Frage beantworten: „Was ist für Putin das Ende des Krieges?“ Der russische Präsident ist angeblich von seiner Idee abgerückt, dass er sich mit dem ukrainischen Staatsoberhaupt Volodymyr Zelensky nur in Moskau treffen könne, und betonte, dass ein solches Treffen auch in der Ukraine und in einem anderen Land möglich sei. Aber die Präsidenten können sich nur treffen, um ein vollwertiges Friedensabkommen zu unterzeichnen.
Was dieses Friedensabkommen für Putin bedeuten würde, können wir aus denselben Worten bei seinem Treffen mit Journalisten verstehen, als er über Sicherheitsgarantien für Russland sprach und darüber, dass diese Sicherheitsgarantien natürlich bis an die westlichen Grenzen der Ukraine reichen müssten. Im Prinzip war das ein solcher Pass von ihm an einen Journalisten, der, wie wir verstehen, ganz und gar nicht zufällig die Frage nach diesen westlichen Grenzen stellte.
Man muss auch daran erinnern, dass gerade vor diesem Auftritt Putins sein Berater Yuri Ushakov betonte, dass die Russische Föderation den Verhandlungstisch der dreiseitigen Konsultationen mit der Ukraine und den Vereinigten Staaten verlässt und erst dann an diesen Verhandlungstisch zurückkehren wird, wenn die ukrainischen Truppen jenen Teil des Gebiets der Region Donezk verlassen, der heute von der legitimen ukrainischen Regierung kontrolliert wird. Putin verriet bei diesem Treffen mit Journalisten in keiner Weise den Wunsch, diese Erklärung Ushakovs irgendwie zu widerlegen.
Und übrigens möchte ich Sie daran erinnern, dass in Ushakovs Erklärung und in den Erklärungen anderer russischer Beamter gerade von einer Aussetzung der Kriegshandlungen die Rede war und keineswegs von einer Beendigung des Krieges, falls ukrainische Truppen den Donbas verlassen. Das heißt, der Abzug ukrainischer Truppen aus dem Gebiet der Region Donezk ist nicht einmal eine Vorbedingung für das Ende des Krieges, sondern eine Vorbedingung für irgendeine vorübergehendeFeuerpause an der russisch-ukrainischen Front für weitere Friedensabkommen. Also, für die Schaffung, sagen wir, einer solchen Situation, wie wir sie heute in den Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Iran oder zwischen Israel und der terroristischen libanesischen Organisation Hisbollah beobachten, wenn ein Waffenstillstand zwar offiziell gilt, aber jederzeit in einen neuen großen Krieg umschlagen kann.
Nur wird unser Unterschied darin bestehen, dass wir in dem Moment, in dem dieser große Krieg wieder beginnt, keine Kontrolle über die Region Donezk mehr haben werden. Und auch das ist eine absolut offensichtliche Tatsache von Putins Interesse.
Dann versucht Putin in demselben Gespräch, irgendwelche neuen Plattformen für Verhandlungen zu schaffen, irgendwelche neuen Vermittler zu suchen. Dass er den ehemaligen deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder erwähnte, einen der wenigen westlichen Politiker, der weiterhin Kontakte zum Kreml unterhielt, selbst um den Preis des eigenen Rufes und des Rufes seiner eigenen Partei, der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, die er einst führte und für die er für das Amt des deutschen Regierungschefs kandidierte, erinnert uns noch einmal daran, dass Putin sich in seinen Vorstellungen von Außenpolitik weiterhin, ich würde sagen, vom KonzeptMedvedchuk leiten lässt.
In jedem solchen Land, mit dem Putin Verhandlungen führen will, muss es seinen eigenen Medvedchuk geben, der nicht so sehr für eine Vermittlungsmission bereit ist, sondern für die Erfüllung der Launen des Kremls. Und genau einen solchen Menschen nimmt Putin als Vermittler bei Verhandlungen mit jenen wahr, die ihm irgendeinen Verhandlungsprozess anbieten.
Also haben wir es in Wirklichkeit nicht so sehr mit einer Erklärung über das Ende des Krieges zu tun, sondern mit einer Erklärung darüber, wie Putin dessen weitere Fortsetzung sieht und wie er möchte, dass dieser Krieg ihm auf die eine oder andere Weise bei der Schaffung seines eigenen totalitären Regimes auf dem Territorium Russlands und der von ihm besetzten Gebiete hilft.
Und das ist eine absolut verständliche Tatsache, die man, wie mir scheint, berücksichtigen muss, wenn wir diese oder andere Erklärungen Putins kommentieren. Mir scheint, dass wir sehr oft in den Erklärungen des russischen Präsidenten nicht das sehen wollen, was Putin wirklich sagen möchte, sondern das, was wir von ihm hören wollen. Und Putin nutzt das übrigens als erfahrener Provokateur zweifellos aus und formuliert diese Erklärungen gerade so, dass diejenigen, die sich von seiner Friedfertigkeit überzeugen wollen, genau das tun werden, wenn sie die eine oder andere Pressekonferenz des russischen Präsidenten kommentieren.
Wenn Putin also im Prinzip von einem realen Ende des Krieges spricht, steht dahinter keinerlei reale Konkretheit. Die Konkretheit besteht darin, dass Russland den Verhandlungsprozess mit der Ukraine und den Vereinigten Staaten im Grunde ausgesetzt hat. Die Konkretheit besteht darin, dass Russland den Europäern vorschlägt, Schröder zu benutzen, wenn sie wirklich über etwas mit der Russischen Föderation sprechen wollen. All das ist die reale Konkretheit, über die gesprochen werden muss, wenn wir Putins Erklärungen diskutieren. Und genau das ist das reale Problem in unserem Verständnis dessen, was der Kreml will.
Ich habe das übrigens an jener Reaktion bemerkt, die es auf andere Worte Putins bei dieser Pressekonferenz gab, auf Reaktionen im Zusammenhang damit, dass Putin sagte, Russland habe bisher keine ukrainischen Vorschläge zum Austausch gesehen, dass Russland der Ukraine eine Liste mit 500 seiner Bürger übermittelt habe, die ausgetauscht werden sollten, die Ukraine aber von den Radaren verschwunden sei. Und wieder sah ich in sozialen Netzwerken und in den Medien Erklärungen, dass Putin nun den Austausch platzen lassen wolle. Und dass dies seine Reaktion auf diesen scherzhaften Erlass Zelenskys sei, mit dem der ukrainische Präsident die Durchführung der Parade auf dem Roten Platz in der russischen Hauptstadt erlaubte, also seinen Truppen befahl, die Parade nicht zu beschießen. Obwohl wir verstehen, dass dieser Erlass keinerlei konkreten Inhalt hatte, nachdem die Ukraine faktisch gezwungen war, um den amerikanischen Präsidenten Donald Trump nicht zu reizen, diesem dreitägigen Waffenstillstand zuzustimmen. Und damit war nicht nur das Quadrat des Roten Platzes, sondern das gesamte Territorium der Russischen Föderation für diese drei Tage für Handlungen der ukrainischen Streitkräfte nicht zugänglich. Nun, wenn wir real darüber sprechen, wozu wir uns verpflichtet haben.
Aber ich habe schon gesagt, dass ich selbst von der Reaktion der Russen auf diesen scherzhaften Erlass verblüfft war, der noch einmal jenen tiefen Minderwertigkeitskomplex und jene tiefe Verachtung gegenüber der Ukraine als einem Nicht-Staat zeigte, die sich bei Russen in einer solchen Situation immer äußert. Für mich wurde das zu einem weiteren Anzeichen dafür, dass die Ukraine als Staat für Russland nicht existiert, und nicht nur für Putin. Und dass sich jedes Mal, wenn der Präsident der Ukraine die Russen verspottet, diese gerade darüber beleidigt zeigen, dass „irgendein Führer einer aufständischen Provinz, der unserem großen Zaren nicht einmal ebenbürtig ist, sich erlaubt zu scherzen. Was für ein Schrecken! Man muss es ihnen heimzahlen.“
Aber man sollte nicht denken, dass Putin sich über solche Dinge beleidigt und in einem solchen beleidigten Zustand irgendeine Entscheidung trifft. Diese ewige ukrainische Idee, dass man Putin beleidigen kann und er als Antwort irgendetwas zu tun beginnt, ist faktisch, wenn Sie so wollen, eine Spiegelung ukrainischer Handlungen in Bezug auf die reaktive, reale Reaktion auf die Handlungen Moskaus.
Und ich spreche ständig darüber. Die Ukraine hat faktisch eine reaktiveStaatsgeschichte. Jede Entscheidung der Ukraine, die mit ihrer Souveränität, mit ihrer Zukunft verbunden ist, ist immer eine Reaktion auf die Handlungen Moskaus, beginnend mit 1917, entschuldigen Sie, und endend mit 2022.
Erinnern Sie sich einfach daran, wann die Ukrainer die Ukrainische Volksrepublik ausriefen, wann sie ihre Autonomie ausriefen, wann sie ihre Unabhängigkeit ausriefen, wann die Werchowna Rada der Ukrainischen SSR die Erklärung über die Souveränität verkündete, wann die Werchowna Rada der Ukraine den Akt über die Unabhängigkeit verkündete, wann die Ukrainer die Wichtigkeit der europäischen Integration begriffen, wann die Ukrainer mehrheitlich begannen, die euroatlantische Integration zu unterstützen. Wann russische Namen von ukrainischen Straßen zu verschwinden begannen, wann Ukrainer in dieser Situation begannen, auf die russische Sprache und Kultur zu verzichten, und so weiter, und so weiter, und so weiter. Und überall werden Sie sehen, dass dies Reaktionen auf entsprechende Handlungen Moskaus sind, auf die Februarrevolution, auf den Oktoberumsturz, auf Tuzla, auf die russische Reaktion auf den ersten Maidan, auf die Annexion der Krim, auf den Krieg im Donbas, auf den großen Krieg.
Und man hätte immer fragen können: „Und wenn die Russen anders gehandelt hätten, wie hätten dann die Ukrainer reagiert?“ Erinnern Sie sich, dass wir heute am 10. Mai miteinander sprechen; allein die Diskussion darüber, an welchem Mai man den Tag des Sieges im Zweiten Weltkrieg begehen soll, am achten, wie die ganze Welt, oder am neunten, wie die Sowjetunion und das heutige Russland, wurde in unserer Gesellschaft jahrzehntelang geführt. Und der 8. Mai siegte nur deshalb, weil Russland uns angegriffen hat. 2022 war die Krim bereits besetzt, im Donbas ging bereits der Krieg, russische Soldaten töteten bereits Ukrainer, aber der überwiegende Teil der Gesellschaft hielt an russischen, an sowjetischen Markern fest. Es musste so weit kommen, dass Raketen in die Wohnungen der Ukrainer flogen, damit sie sich schließlich entschieden, dass der 8. Mai ihnen mehr zusagt als der neunte. Und selbst das ist noch nicht die Meinung der gesamten Gesellschaft. Es gibt noch Teile, die noch solche Handlungen, solche Explosionen, solche Morde und solche Verbrechen brauchen, um sich davon zu überzeugen, dass es sich lohnen würde zu reagieren.
Warum erinnere ich Sie an all das als an ein Bild einer reaktiven Gesellschaft? Das ist das normale Erbe jeder kolonialen Nation. Die Ukrainer sind zu meinem großen Bedauern eine koloniale Nation, weil Russland nicht so ist und Putin nicht so ist. Ein Imperium ist ein initiativer Aggressor.
Haben Sie keine Angst, Putin zu beleidigen. Nehmen Sie seine Handlungen, die Handlungen der Russen, nicht als Ihre eigenen wahr. Wenn die Russen und Putin auf Geschichte, auf die Handlungen des Gegners so reagieren würden, wie die Ukrainer reagieren, wären auch sie eine koloniale Nation und keine imperiale aggressive Nation, bereit, alles um sich herum unter sich zu begraben und zu zerstören.
Nein, Zelenskys Erlass mag Ihnen gefallen oder nicht gefallen, aber Putin reagiert nicht darauf. Putin trifft einfach Entscheidungen, die mit einer konkreten Situation verbunden sind. Wenn er wirklich die Idee hat, den Gefangenenaustausch zu sprengen, dann wird er ihn ohne irgendwelche Erlasse Zelenskys sprengen.
Aber mir scheint, dass das aus einem einfachen Grund, den man ebenfalls verstehen muss, keine sehr reale Sache ist: Dieser Austausch ist kein russisch-ukrainischer Austausch. Es ist ein Austausch, der mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, abgestimmt wurde. Und wenn Putin diesen Austausch verweigert, wird er vor allem den Präsidenten der Vereinigten Staaten hereinlegen. Ich glaube nicht, dass er bereit ist, diesen Schritt zu gehen. Deshalb scheint es mir gerade, dass dieser Austausch höchstwahrscheinlich stattfinden wird. Ich hoffe darauf. Und dafür braucht es einfach noch eine gewisse Zeit.
Russland wird den Vereinigten Staaten seine ganze Konstruktivität gegenüber deren Vereinbarungen demonstrieren müssen, denn andernfalls wird Putin in den nächsten Kriegsperioden keine Möglichkeiten haben – und wir verstehen, dass wir noch an der Schwelle der nächsten Perioden eines erschöpfenden Krieges stehen –, sich an Trump um Unterstützung zu wenden, sagen wir, falls es nötig sein sollte, die nächste Siegesparade durchzuführen. Denn auch der 9. Mai 2027 wird kommen. Und der Krieg kann zu dieser Zeit mit nicht geringerer, sondern sogar größerer Intensität weitergehen. Und das Territorium Russlands kann angesichts der Entwicklung der Situation 2027 und 2028 für Beschuss durch ukrainische Truppen noch zugänglicher sein als 2026. Und wenn Putin diese Tendenz versteht, kann er sich wirklich Sorgen darüber machen, inwieweit dieser amerikanische Präsident bereit sein wird, ihm entgegenzukommen.
2029, und auch das ist eine absolut wahrscheinliche Zeit des russisch-ukrainischen Krieges, wird er bereits über den nächsten Präsidenten nachdenken müssen. Deshalb kann er Trump 2028 leicht hereinlegen, aber nicht 2026. Und auch das ist absolut verständlich.
Putin musste während dieser Pressekonferenz auch eine solche, ich würde sagen, Tatsache schaffen, dass der Krieg sich dem Ende nähert, weil der Westen eine Niederlage erleidet. Auch das war eine solche bewusste Spiegelung der Situation. „Sie haben Monate damit verbracht zu warten, bis Russland eine vernichtende Niederlage erleidet, bis seine Staatlichkeit fällt. Das hat nicht funktioniert. Und dann blieben sie in diesem Rhythmus stecken und können jetzt nicht mehr daraus herauskommen“, sagte Putin.
Und jetzt ersetzen Sie in diesem Zitat das Wort Russland durch das Wort Ukraine. „Russland hat Monate damit verbracht zu warten, bis die Ukraine eine vernichtende Niederlage erleidet, bis ihre Staatlichkeit fällt. Das hat nicht funktioniert, und dann blieben sie in diesem Rhythmus stecken und können jetzt nicht mehr daraus herauskommen.“ Das ist ein genaues Bild jener Situation, in der sich die russische politische und militärische Führung im fünften Jahr des großen Krieges gegen den Nachbarstaat befindet. Aber Putin, wie wir sehen, extrapoliert diese Situation nicht auf sich selbst, sondern auf den Westen.
Und wir könnten ebenfalls sagen, dass das eine riesige Katastrophe ist, dass er die Realität nicht so sieht. Ich aber denke, dass man dem positiv gegenüberstehen sollte, weil er begreift, dass Russland dem Westen gegenübersteht, dass die Konfliktpartei nicht die Ukraine ist, die man erledigen, der man das Geld entziehen kann und so weiter, sondern der Westen, der bereit ist, der Ukraine zu helfen, der bereits Geld bereitgestellt hat und das weiter tun kann.
Übrigens wissen Sie, dass der neue Ministerpräsident der Niederlande, darüber wollte ich gerade sprechen, betont hat, dass er die Verhandlungen über die Übergabe eingefrorener russischer Vermögenswerte an die Ukraine wieder aktivieren wird. Im vergangenen Jahr wurde diese Geschichte mit den eingefrorenen russischen Vermögenswerten, die der Ukraine übergeben werden sollten, damit unser Land seinen Haushalt für die weiteren Jahre des russisch-ukrainischen Krieges ausgleichen kann, faktisch blockiert. Die Vermögenswerte blieben dort, wo sie sich befinden, dank energischen Drucks nicht aus Moskau, sondern aus Washington. Und im Ergebnis stellte die Europäische Union der Ukraine Geld aus eigenen Reserven bereit. Das ist das, was tatsächlich geschah.
Aber in dieser Zeit sind Veränderungen eingetreten, an die auch Putin denken muss. Erstens ist das eine erhebliche geopolitische Schwächung von Präsident Trump und seiner Administration. Und ich denke, infolge des Krieges in Iran, der keineswegs beendet ist, infolge der Energie- und Wirtschaftskrise in der Welt, die weitergehen und mit ihren Schlägen neue und neue Länder erfassen und ernste Probleme für die Vereinigten Staaten selbst schaffen werden, sieht Trumps geopolitischer Druck jetzt ganz anders aus als in dem Moment, als die Frage der eingefrorenen russischen Vermögenswerte diskutiert wurde.
Und Trumps Gewicht wird ebenfalls mit jedem Tag abnehmen. Und wenn der amerikanische Präsident sich mit einer Niederlage seiner Partei bei den Kongresswahlen konfrontiert sehen und zumindest das Repräsentantenhaus verlieren sollte, obwohl ich denke, dass infolge der vernichtenden wirtschaftlichen und energetischen Krise in Amerika die Republikaner auch den Senat verlieren können, wird Präsident Trump vor unseren Augen von einem selbstbewussten Herrn des Landes zu einer lahmen Ente werden, die in ständiger Konfrontation mit dem Kongress feststecken und kein einziges ihrer Gesetze durch den Kongress bringen können wird.
Und die Europäer bereiten sich darauf vor. Und sie wünschen sich genau so einen Trump, hinkend, machtlos, unfähig, die euroatlantische Solidarität loszuwerden, in Erwartung eines neuen Präsidenten, der einen völlig anderen politischen Kurs einschlagen könnte.
Es gibt keinen Viktor Orbán mehr, einen der wichtigsten Spieler des Kremls auf der europäischen politischen Bühne, einen Menschen, der mit Freude jede russische Laune erfüllte, wie wir wissen, sogar indem er russische Oligarchen bediente. Gestern wurde Péter Magyar zum neuen Ministerpräsidenten Ungarns gewählt, und Viktor Orbán, beschämt und politisch geschwächt, erschien nicht einmal zur feierlichen Sitzung des ungarischen Parlaments, während der der Schlusspunkt unter seine schändliche politische Karriere gesetzt wurde, die Ungarn entkräftete.
Das alles sind neue Realitäten für die Europäische Union, wie wir verstehen, völlig neue. Und in diesen Realitäten kann man wieder zu den Verhandlungen über die Bereitstellung eingefrorener russischer Vermögenswerte für die Ukraine zurückkehren. Und das ist viel realistischer als das Auftreten Gerhard Schröders in der Rolle eines Vermittlers bei Verhandlungen mit den Europäern.
Aber es gibt noch eine wichtige Tatsache, die meiner Meinung nach gerade gezeigt hat, dass sich Vladimir Putins Position nicht geändert hat. Und diese Tatsache ist nicht mit der Ukraine verbunden, sie ist mit einem anderen Land verbunden, sie ist mit Armenien verbunden. Als Putin auf Fragen antwortete, sagte er, Armenien – es ging um die europäische Wahl dieses Landes – könne alles tun, was es wolle. Und wenn sie entscheiden, dass sie bereit sind, der Europäischen Union beizutreten, können sie der Europäischen Union beitreten, aber dafür müssten sie ein Referendum abhalten. Und zugleich sagte Putin eine ziemlich interessante Sache, wie mir scheint, nämlich dass man „sich daran erinnern muss, womit in der Ukraine alles begonnen hat“.
Nun, in der Ukraine hat damit eben nicht alles begonnen. Die Aggression Russlands gegen die Ukraine begann gerade im Zusammenhang mit der europäischenWahl unseres Staates. Wir müssen uns daran erinnern, wie all das geschah. Und übrigens geschah das synchron mit Armenien. Damals, im Jahr 2013, trifft Putin sich mit zwei Präsidenten: dem Präsidenten der Ukraine Viktor Janukowytsch und dem Präsidenten Armeniens Serzh Sargsyan. Die Treffen mit Sargsyan fand öffentlich statt. Mit Janukowytsch gab es mehrere geheime Treffen. Und nach diesem Treffen verzichtete Serzh Sargsyan, ohne sich auch nur mit den Mitgliedern seiner eigenen Delegation, mit seiner eigenen Regierung, mit seinem eigenen Parlament zu beraten, bei einem Treffen mit den Russen auf die Unterzeichnung des bereits fertigen Assoziierungsabkommens Armeniens mit der Europäischen Union, das im Prinzip sehr an jenes Abkommen erinnerte, das die Ukraine jetzt hat, das 2013 von Moldau und Georgien unterzeichnet wurde, und wählt den Weg der eurasischen Integration. Und viele meinen, dass Putin Sargsyan wie auch Janukowytsch einschüchterte, unter anderem mit dem Verlust armenischer Positionen rund um Bergkarabach. Und möglicherweise konnte er ihn wie auch Janukowytsch mit irgendeinem individuellen Druck einschüchtern. Nennen wir es so.
Janukowytsch handelte ungefähr so, aber nicht ganz so. Er verzichtete nicht persönlich auf das Assoziierungsabkommen, sondern beauftragte die Regierung unter Führung von Mykola Asarow, auf die sofortige Unterzeichnung dieses Abkommens bis zu seiner weiteren Prüfung zu verzichten. Auf dem Gipfel der Europäischen Union in Vilnius setzte Janukowytsch seine Unterschrift nicht unter das Abkommen und berief sich auf diese Regierungsentscheidung. Und gerade das löste Ende 2013 Massenproteste in der Ukraine aus, die in den zweiten Maidan, in die RevolutionderWürde, in den Zusammenbruch des Janukowytsch-Regimes übergingen.
Und vor dem Hintergrund dieses Zusammenbruchs wurde, wie bekannt, das Abkommen über die EuropäischeAssoziationderUkraine in zwei Etappen unterzeichnet. Ministerpräsident Arsenij Jazenjuk unterzeichnete einen Teil. Später unterzeichnete der neu gewählte Präsident Petro Poroschenko den zweiten Teil, und es begann bereits in vollem Umfang zu wirken. Aber in der Ukraine gab es, wie bekannt, keinen inneren Konflikt um das Abkommen über die Europäische Assoziation. Das Abkommen über die europäische Assoziation wurde von der Partei der Regionen der Ukraine unterstützt. Ihre jungen Aktivisten zerstreuten Kundgebungen der Kommunisten, der Gegner dieses Abkommens, die sehr klein waren. Sowohl die Partei der Regionen als auch die demokratische Opposition, die Parteien Batkiwschtschyna, UDAR und Swoboda, unterstützten die Idee der Europäischen Assoziation.
Was also begann in der Ukraine? Die russischeAggressiongegendieUkraine begann in dem Moment, als Putin begriff, dass der europäische Weg der Ukraine unvermeidlich ist. Und dass die einzige Möglichkeit, diesen Weg zu verhindern, darin besteht, das Territorium des Nachbarlandes zu besetzen oder ihm, wie 2022 entschieden wurde, ein Marionettenregime aufzuzwingen.
Im Grunde ist das also eine direkte Drohung an Armenien. „Ihr könnt natürlich ein Referendum abhalten, und ihr könnt euch bei diesem Referendum sogar wie die Ukrainer für den Weg der Europäischen Assoziation aussprechen. Aber vergesst nicht, dass wir euch danach angreifen können.“ Das ist natürlich schwieriger mit Armenien als mit der Ukraine, weil Armenien zu seinem großen Glück keine gemeinsamen Grenzen mit Russland hat. Aber auf dem Territorium Armeniens befinden sich derzeit russische Truppen. Man muss sie nicht einmal dorthin einführen. Russland kann andere Einflusshebel nutzen, versuchen, erneut einen Krieg im Südkaukasus zu schaffen. Das ist von ihm zu erwarten.
Aber gerade die Haltung zur Idee der europäischen Integration, nicht der euroatlantischen, ich möchte das betonen, sondern der europäischen, als etwas unglaublich Gefährlichem für das Land selbst, das nach Europa geht, sagt meiner Meinung nach bereits viel aus und sagt uns zumindest, dass Putin in Wirklichkeit von keiner seiner Vorstellungen darüber abgerückt ist, wie sich die Situation im postsowjetischen Raum entwickeln soll. Und genau auf die Fortsetzung dieser Vorstellung müssen wir vorbereitet sein.
Ich werde auf einige Fragen antworten, die in dieser Sendung gestellt wurden.
Zuschauer: Von diesem Öl gibt es auf der Welt doch im Überfluss, was ist da schon Russland, wenn man die Selbstkosten berücksichtigt. Ruhm der Ukraine! Ruhm den Helden!
Portnikov: Öl gibt es auf der Welt tatsächlich sehr viel, aber im Zusammenhang mit der Blockade der Straße von Hormus und mit der amerikanischen Blockade des iranischen Öls ist der Ölpreis in der Welt bereits um 30 Prozent gestiegen. Und es gibt ein 20-prozentiges Öldefizit. Das sind Zahlen. In dieser Situation wird die Rolle der Länder, die Öl außerhalb der Straße von Hormus liefern, natürlich wachsen. Deshalb nennen praktisch alle nüchtern denkenden Beobachter das Putin-Regime den Hauptbegünstigten des Nahostkrieges. Das ist objektive Realität. Die Einnahmen des russischen Haushalts wachsen. Und hier wird alles natürlich nicht nur davon abhängen, wie sich die Situation im Nahen Osten entwickelt – Spoiler: Sie wird sich schlecht entwickeln –, sondern davon, inwieweit es den Streitkräften der Ukraine gelingt, die Ölhäfen und die ölverarbeitende Industrie der Russischen Föderation zu zerstören. Wenn solche Anstrengungen nicht ausreichend effektiv sind, wird Russland seinen Haushalt für weitere Jahre des Krieges gegen die Ukraine füllen. Das ist eine objektive Realität, der wir in den 20er Jahren und vielleicht auch in den 30er Jahren des 21. Jahrhunderts begegnen werden. Alles hängt also von den Streitkräften der Ukraine und von Ihrer Unterstützung für die Streitkräfte der Ukraine ab.
Zuschauer: Souveränität und territoriale Integrität der Grenzen der Ukraine von 1991. Alles andere ist die Kapitulation der Ukraine.
Portnikov: Ich stimme Ihnen absolut zu, dass die Wiederherstellung jeglicher Gerechtigkeit mit der Rückkehr der Ukraine zu ihren Grenzen von 1991 verbunden sein muss. Aber damit das Wirklichkeit wird, muss man ausreichende militärische, technische, demografische Möglichkeiten haben. Man muss sagen, dass die Ukraine weder 2014 noch 2022 noch 2026 solche Möglichkeiten hatte. Und wiederum, wenn Sie diese Realität nicht berücksichtigen, wird sie Sie unweigerlich einholen und Sie werden sich ihr stellen müssen. Ich bin absolut überzeugt, dass nicht nur die Ukraine, sondern die gesamte zivilisierte Welt an der Wiederherstellung der Grenzen der Ukraine zum Zeitpunkt der Verkündung ihrer Unabhängigkeit interessiert sein muss, weil dies mit dem Triumph des Völkerrechts selbst verbunden ist. Zugleich bin ich überzeugt, dass das weltweite Völkerrecht bereits zerstört ist und wir in den nächsten kriegerischen Jahrzehnten nicht zu ihm zurückkehren werden. Und ich halte es für möglich, dass viele Länder, die heute in der Welt existieren, ihre Grenzen verlieren werden.
Und Sie müssen klar verstehen, dass die Welt des 20. Jahrhunderts für immer beendet ist. Wir hatten einfach Glück mit diesen friedlichen Jahrzehnten. Jetzt ist die Zeit kriegerischer Jahrzehnte, schwarzer, schrecklicher und entsetzlicher, nicht nur für die Ukraine. Glauben Sie mir, dass die Krise Realität unseres Lebens in den 20er bis mindestens 50er Jahren des 21. Jahrhunderts sein wird. Warten Sie nicht auf das, was es in Ihrem Leben nie wieder geben wird: Frieden als Norm.
Und wenn Sie mich fragen: „Und wie überlebt man?“ Nun, nicht alle werden überleben, wie Sie verstehen, aber diejenigen, die überleben können, und es werden nicht so viele sein, müssen eine einfache Sache begreifen. Es gibt zwei nahöstliche Formeln. Die erste sind lange Kriege mit kurzem Frieden. Das ist die Situation, in der wir jetzt leben. Und sie ist schrecklich. Denn lange Kriege mit kurzem Frieden erschöpfen die Wirtschaft, vernichten die Bevölkerung und bringen solche Völker wie das ukrainische, und übrigens auch solche Völker wie das russische, an den Rand einer echten demografischen Katastrophe ohne Chancen auf Wiederherstellung. Ich denke übrigens, dass die demografische Katastrophe des russischen Volkes, ich spreche sogar von ethnischen Russen, viel gravierender und gefährlicher für sie sein wird als die demografische Katastrophe des ukrainischen Volkes. Wir können schon beginnen, uns zu verabschieden.
Aber es gibt eine andere, positivere Variante, wenn auch keineswegs eine solche, mit der wir leben wollten, sondern jene Variante, mit der der Nahe Osten bis zum 7. Oktober 2023 lebte, bis zum Angriff der Hamas auf Israel: langer Frieden mit kurzen Kriegen. Wenn es uns irgendwann gelingt, ich weiß nicht, wann das sein wird, zur Variante langer Frieden mit kurzen Kriegen zu kommen, wird das unsere größte Errungenschaft für die nächsten Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts sein.
Aber Gott bewahre Sie davor, dauerhaften Frieden dadurch zu wünschen, dass man alles zurückerobert, was man vom Standpunkt der Gerechtigkeit aus zurückerobern könnte. Dann werden Sie in die nächste Periode langer Kriege und kurzen Friedens stürzen. Die Wahl ist nur diese: kurze Kriege, langer Frieden oder lange Kriege, kurzer Frieden. Zwei Varianten. Eine dritte Variante des Friedens liegt nicht auf dem Tisch. Auf dem Tisch Ihres Schicksals fehlt sie. Suchen Sie nicht ständig die schwarze Katze des dauerhaften Friedens im dunklen Raum des Krieges. Das ist, was ich Ihnen sagen möchte. Begreifen Sie das endlich. Leben Sie nicht in Märchen und Illusionen. Versuchen Sie gemeinsam mit nüchtern denkenden Menschen in der ganzen Welt, zu einer solchen Periode in Europa zu gelangen: kurze Kriege, langer Frieden.
Wie macht man das? Ich sage Ihnen, wie. Man muss ein starker Staat sein. Ein starker Staat ist wirklich das, was sich langen Frieden leisten kann, selbst wenn er neben einem Aggressor liegt. Ein starker Staat ist der Staat, den man vielleicht nicht fürchtet anzugreifen, mit dem man aber nicht lange Krieg führen will. Ein solcher Staat, wie Israel es im Nahen Osten seit der Verkündung seiner Unabhängigkeit und dem Sieg im Unabhängigkeitskrieg war. Das ist das Modell, das meiner Meinung nach für diese Situation maßgeblich sein sollte.
Frage: Herr Vitaly, hat es Sie nicht gereizt, wie man bei uns zu Beginn des Krieges von unbekannten Drohnen über Russland sprach, als schäme man sich der eigenen Fähigkeit, es anzugreifen? Wann werden wir diese Mentalität der Unterwürfigkeit endlich los?
Portnikov: Mich hat das unglaublich gereizt, aber ich glaube, dass es nicht mit unserer Mentalität der Unterwürfigkeit verbunden war, sondern mit unserem Unwillen, unsere Verbündeten zu erschrecken. Hier muss man noch eine weitere Frage stellen. Nicht die Frage, wann aus den Ukrainern ihr koloniales Erbe und dieses Gefühl der Unterwürfigkeit gegenüber Russland los wird, wie man Russland angreifen kann. Sondern wann Europa und die Vereinigten Staaten die Angst vor Russland los wird. Das ist die Hauptfrage. Wir wollten sie wirklich nicht mit unseren Schlägen reizen.
Und hier muss man eine wichtige Sache sagen: In diesem Verständnis haben wir bereits eine große Distanz gemeinsam mit ihnen zurückgelegt. Und jetzt, da nicht nur das geopolitische Gewicht Russlands, sondern auch das geopolitische Gewicht der Vereinigten Staaten abnimmt, verändert das im Prinzip die gesamte Weltpolitik.
Als klar wurde, dass man das Territorium nuklearer Staaten, die theoretisch in einigen Stunden die gesamte Menschheit vernichten können, angreifen kann und nichts Fatalistisches geschieht. Das Territorium Russlands, amerikanische Basen. Dann verändert das die gesamte Konfiguration der Konfrontation in der Welt vollständig. Auch diese Frage ist absolut verständlich.
Dann die Frage: Warum in der Ukraine bleiben?
Portnikov: Nun, mir schien, dass man in der Ukraine bleiben muss, um sie zu verteidigen und wiederaufzubauen. Dass die Ukraine der einzige Ort auf der Erde ist, an dem ein Ukrainer Ukrainer sein kann. Sie können Ihr Kind vor dem Krieg wegbringen, aber vergessen Sie nicht, dass dieses Kind, und höchstwahrscheinlich zumindest seine Kinder, niemals mehr Ukrainer sein werden. Sie setzen einen Schlusspunkt unter die Existenz des ukrainischen Volkes. Natürlich behält irgendjemand dort seine Identität, aber, wie Sie verstehen, bei weitem nicht alle.
Aber das Wichtigste ist etwas anderes. Wie können Sie genau wissen, dass Sie in ein Land kommen, in das eines schönen Tages keine feindliche Rakete fliegen wird? Wo haben Sie eine Garantie? Haben Sie irgendeinen Spiegel, in dem Sie die Zukunft sehen? Nein, diesen Spiegel haben Sie nicht. Fragen Sie die Menschen, die gezwungen waren, ihre Wohnungen in Dubai zu verlassen, weil sie sie am sichersten Ort gekauft hatten, neben der amerikanischen Basis. Oder in Bahrain. Wo befinden sie sich jetzt? Dem Schicksal entkommt man nicht. Der Krieg wird Sie einholen und vernichten. So sehr Sie auch vor ihm weglaufen, wenn dies ein solches Schicksal ist. So sieht das 21. Jahrhundert aus. Wenn Sie als Mensch überzeugt sind, dass man aus gefährlichem Gebiet so schnell wie möglich verschwinden muss, dann können Sie Ihren Tod dort finden, wo Sie glauben, dass Sie die größte Sicherheit erwartet.
Ich glaube, dass ein Mensch ein Land verlassen sollte, wenn die Gefahr über ihm persönlich schwebt. Und ich selbst habe, wie Sie wissen, eine solche Entscheidung während des Maidan 2013–2014 getroffen, als ich genau wusste, dass ich persönlich liquidiert werden könnte, weil dies Teil einer Operation russischer und ukrainischer Sonderdienste war. Und Sie erinnern sich, wie Menschen im Wald zusammengeschlagen wurden, wie man Jagd auf sie machte, wie Titushky zu meiner Wohnung kamen. Das war Realität. Ich wollte mich nicht wie eine Ratte verstecken. Und deshalb fuhr ich für einige Wochen nach Polen, um das laut zu sagen. Und ich hoffe, dass ich damals viele Pläne gegen meine Kollegen durchkreuzt habe, die bereits auf den Tischen all dieser Janukowytschs und Bortnikows lagen.
Aber wenn eine kollektive Gefahr über dir schwebt, eine Gefahr über deinem Land und deinem Volk, wirst du nirgendwohin fliehen. Selbst deine Flucht kann sich als völlig nutzlos erweisen. Das bedeutet nicht, dass Menschen, wenn sie die Möglichkeit haben, sich auf dem Territorium anderer Länder zu verwirklichen, in zwei Ländern zu leben, sich verschiedene Möglichkeiten zu schaffen, das nicht tun sollten. Davon spreche ich nicht einmal. Aber wenn Sie sich entscheiden irgendwohin zu fliehen, denken Sie nicht, dass es so leicht ist, einen Ort zu wählen, an dem es Ihnen ganz sicher behaglich sein wird.
Ganz zu schweigen davon, dass Sie sehr oft in Länder fahren, für deren Geschichte und geopolitische Lage Sie sich einfach nicht interessieren. Sie wissen einfach, dass es dort gut ist, dass einem dort ganz ordentlich geholfen wird und dass es gute Gehälter gibt. Sie fahren in irgendein Australien, und dann stellt sich heraus, dass es in fünf oder sechs Jahren zur Arena einer Konfrontation zwischen den Vereinigten Staaten und China werden kann. Das wird lustig. Und ich mache übrigens keinen Scherz. Also ist das alles absolut real.
Zuschauer: Das Ende unseres Krieges bei Erhalt der Staatlichkeit der Ukraine wird die westliche Welt zur stabilen Demokratie zurückführen.
Portnikov: Ich kann das nicht garantieren im Zusammenhang mit der Stärkung, ich würde sagen, rechtspopulistischer und linkspopulistischer Tendenzen, die in dieser Welt existieren. Für die Demokratie, wie die jüngsten Ereignisse in der Welt der letzten Jahrzehnte gezeigt haben, muss man kämpfen. Sie ist selbst für entwickelte Länder mit entwickelter Demokratie nicht automatisch.
Früher erklärten wir all diese Ereignisse, die wir etwa bei Wahlen in der Ukraine beobachteten, immer mit der Unreife der ukrainischen Demokratie, damit, dass die Ukrainer erst 1991 begonnen hatten, Demokratie zu lernen, und keine solche Erfahrung hatten. Und was ist mit Mitteleuropa? Nun, es hatte auch keine Demokratie. Nun, Orbán, nun, das ist ja klar. Wann begann in Ungarn überhaupt die demokratische Entwicklung? In Wirklichkeit 1991. Davor war Ungarn mal unter den Kommunisten, mal unter dem Szálasi-Regime, mal unter dem Horthy-Regime, und davor kommt bereits Österreich-Ungarn. Eine ganz alte Periode.
Nun, und die Vereinigten Staaten? Sie waren doch die ganze Zeit eine Demokratie, und die Briten stimmten für den Brexit. Jetzt raufen sie sich die Haare. Sie hatten doch immer eine so große Demokratie. Vielleicht verändert sich einfach etwas in der Welt? Und auch darüber muss man absolut konkret sprechen.
Also, wie Sie verstehen, werde ich Ihnen nicht garantieren, dass der ukrainische Sieg im Sinne der Bewahrung unseres Staates und unserer Souveränität ein zwingender Sieg der Demokratie ist. Ich werde Sie nicht täuschen. Die Demokratie wird im 21. Jahrhundert einen schwierigen Weg der Verteidigung durchlaufen müssen.
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Art der Quelle:Artikel Titel des Originals:Путін заговорив про „закінчення“ війни | Віталій Портников. 10.05.2026. Autor:Vitaly Portnikov Veröffentlichung / Entstehung:10.05.2026. Originalsprache:uk Plattform / Quelle:YouTube Link zum Originaltext:
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Das Pentagon hat den Abzug von 5.000 amerikanischen Soldaten aus Deutschland bestätigt, was einer Brigade entspricht – vor dem Hintergrund eines öffentlichen Streits zwischen dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, und dem deutschen Bundeskanzler, Friedrich Merz, der es gewagt hatte, Zweifel an der Wirksamkeit des amerikanischen Ansatzes im Krieg mit Iran zu äußern.
Zuvor hatte die US-Regierung die Entscheidung aufgehoben, eine weitere Brigade der amerikanischen Armee in Deutschland zu stationieren – zusätzlich zu den bereits dort befindlichen Truppen. Damit sinkt die Zahl der in Europa stationierten amerikanischen Soldaten auf das Niveau von 2022, also auf den Stand vor der russischen Invasion in die Ukraine.
Man muss verstehen, dass es sich hier keineswegs nur um einen Streit zwischen dem Präsidenten der Vereinigten Staaten und dem deutschen Bundeskanzler handelt. Zwar hat Donald Trump vermutlich die scharfen Äußerungen von Friedrich Merz als Vorwand genutzt, um die Truppenstärke in Europa zu reduzieren. Tatsächlich aber haben wir es höchstwahrscheinlich mit dem Bestreben der amerikanischen Regierung zu tun, dem russischen Präsidenten Vladimir Putin entgegenzukommen und zu demonstrieren, dass die Vereinigten Staaten Russland nicht als reale Bedrohung betrachten und bereit sind, ihre militärische Präsenz in Europa zu verringern, um so den Sicherheitsbedenken des Kremls Rechnung zu tragen.
Und das ist, wie wir wissen, ernst zu nehmen. Es entspricht jener Strategie der Beziehungen zu Putin, die Trump unmittelbar nach seiner Rückkehr ins Oval Office zu gestalten versucht hat. Vor dem Hintergrund der Ablehnung weiterer Hilfe für die Ukraine – selbst ein Programm über lediglich 400 Millionen US-Dollar wurde inzwischen aus dem Entwurf des neuen amerikanischen Militärhaushalts gestrichen – zeigt dies erneut den Wunsch des amerikanischen Präsidenten, dem Kreml die neue amerikanische Politik gegenüber Europa deutlich zu machen.
Man kann sagen, dass Donald Trump Europa Russland überlässt. Und das ist keineswegs übertrieben. Allein die Tatsache, dass die Vereinigten Staaten bereit sind, die Zahl ihrer Soldaten in Europa auf das Niveau von 2022 zu reduzieren – und übrigens hat niemand gesagt, dass diese Reduzierung nicht fortgesetzt wird, da Trump auch die Möglichkeit erwägt, amerikanische Truppen aus Italien und Spanien abzuziehen –, zeigt, dass die Verteidigung des europäischen Kontinents für die Vereinigten Staaten keine Priorität mehr ist. Mehr noch: Die Regierung unter Donald Trump scheint nicht zu begreifen, dass zur Aufrechterhaltung der geopolitischen Rolle Amerikas auch ein ausreichendes militärisches Kontingent in Europa und eigene Militärbasen notwendig sind. Ohne eine solche Präsenz werden die Vereinigten Staaten natürlich sowohl gegenüber der Russischen Föderation als auch gegenüber der Volksrepublik China an Einfluss verlieren.
Es bleibt daher die wichtigste Frage, warum Donald Trump all dies tut: Versteht er wirklich nicht, dass seine Maßnahmen zum Abzug amerikanischer Truppen aus Europa den nationalen Interessen der Vereinigten Staaten widersprechen? Oder ist er so sehr von der Möglichkeit neuer Beziehungen zum Kreml fasziniert, dass er diese nationalen Interessen einfach außer Acht lässt?
Wie dem auch sei, wir sehen, dass der amerikanische Präsident von bloßen Drohungen zu realen Maßnahmen übergeht. Und es wird für seinen Nachfolger sehr schwierig sein, nicht nur die amerikanische Präsenz in Europa wiederherzustellen, sondern auch das Vertrauen der europäischen Verbündeten in die Vereinigten Staaten.
Man könnte sagen, dass die Präsenz der Vereinigten Staaten in Europa angesichts der Aufrüstung der europäischen Staaten selbst nicht mehr so entscheidend ist. Doch das ist eine Illusion. Es geht nicht nur um die Anzahl der Truppen oder die Existenz von Militärbasen. Es geht um ein Land, das über ein Atomwaffenarsenal verfügt, das praktisch dem der Russischen Föderation entspricht. Genau darin liegt der Kern der europäischen Sicherheit: dass die Vereinigten Staaten auf dem europäischen Kontinent als nukleare Macht mit Russland konkurrieren können.
Ja, die europäischen Staaten können aufrüsten, sie können ihre Streitkräfte vergrößern. All dies mag schon bald geschehen. Doch die Russische Föderation wird weiterhin – gemeinsam mit den Vereinigten Staaten – die größte Atommacht der Welt bleiben. Und selbst Veränderungen in der modernen Kriegsführung werden diese unbestreitbare Tatsache nicht aufheben.
Die Befürchtung, dass es niemanden geben könnte, der Europa schützt, könnte sowohl die Außenpolitik der europäischen Staaten als auch die Stimmung der Wähler verändern, die nach jemandem suchen werden, der mit Putin verhandelt. Ebenso könnte dies die Absichten der russischen Führung beeinflussen, die erkennen und daran glauben wird, dass die Vereinigten Staaten nicht mehr bereit sind, Kräfte und Ressourcen für die Unterstützung Europas aufzuwenden – Europa also praktisch sich selbst überlassen.
So werden die verantwortungslosen Handlungen des amerikanischen Präsidenten – ganz gleich, ob sie durch den Wunsch motiviert sind, Putin zu gefallen, oder durch persönliche Kränkungen gegenüber Merz oder Meloni – zwangsläufig zu äußerst gefährlichen Konsequenzen führen, sowohl für die europäischen Staaten als auch, ohne jeden Zweifel, für die Vereinigten Staaten selbst. Und natürlich werden sie sich leider auch auf den weiteren Verlauf des russisch-ukrainischen Krieges auswirken. Denn der Abzug amerikanischer Truppen aus Deutschland ist ein Signal an den Kreml – ein Signal, das auch die russische Position in diesem Krieg beeinflusst.
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Art der Quelle:Artikel Titel des Originals:Трамп залишає Європу Путіну | Віталій
Портников. 02.05.2026. Autor:Vitaly Portnikov Veröffentlichung / Entstehung:02.05.2026. Originalsprache:uk Plattform / Quelle:YouTube Link zum Originaltext:
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Amerikanische Medien betonen, dass man im Verteidigungsministerium der Vereinigten Staaten von der Erklärung von Donald Trump über einen möglichen Abzug amerikanischer Truppen aus Deutschland schockiert war.
Diese Erklärung kam völlig überraschend, denn in den Vereinigten Staaten gibt es keinerlei konkrete Pläne zur Reduzierung der militärischen Präsenz in diesem Land. Ein Abzug der US-Truppen aus Deutschland wäre heute ein schwerer logistischer Schlag für die amerikanische Armee selbst – umso mehr vor dem Hintergrund einer möglichen Fortsetzung des Krieges mit Iran.
Da stellt sich die Frage, warum Donald Trump überhaupt solche Aussagen macht. Die Antwort ist recht einfach: Der Präsident der Vereinigten Staaten versucht, den Bundeskanzler Friedrich Merz zu bestrafen, nachdem dieser es gewagt hatte, die Handlungen Donald Trumps im Krieg mit der Islamischen Republik zu kritisieren.
Der Bundeskanzler hatte darauf hingewiesen, dass die Vereinigten Staaten in diesen Krieg ohne ernsthafte Konsultationen mit ihren Verbündeten eingetreten seien, dass es keinen klaren strategischen Plan für die Fortsetzung des Krieges gebe und dass Iran die Verhandlungen recht geschickt führe und damit die Vereinigten Staaten demütige.
All das konnte dem amerikanischen Präsidenten natürlich nicht gefallen, der weiterhin darauf beharrt, dass in dem, was einige als Krieg bezeichnen – ich zitiere hier den Präsidenten selbst aus Gesprächen mit Journalisten – alles nach Plan verlaufe, dass die Amerikaner bereits einen militärischen Sieg errungen hätten und dass Trump sich lediglich wünschen würde, dass dieser Sieg größer ausfalle.
So versucht der Präsident der Vereinigten Staaten schlicht, die Tatsache zu verschleiern, dass praktisch keines der Ziele, mit denen dieser Krieg begründet wurde – die Zerstörung des iranischen Atomprogramms sowie seiner Möglichkeiten zu Raketenangriffen auf Israel und andere Länder des Nahen Ostens – erreicht worden ist. Stattdessen ist eine neue, nicht minder ernste Bedrohung entstanden: die Fortsetzung der Blockade der Straße von Hormus, die zu schwerwiegenden energie- und wirtschaftspolitischen Folgen für die ganze Welt führen kann – und zu einem echten politischen Fiasko für Donald Trump vor dem Hintergrund steigender Öl- und Treibstoffpreise in den Vereinigten Staaten. Man kann sagen, dass sich dies bereits jetzt abzeichnet.
Und Trump – wie jeder Führer, der nicht möchte, dass andere über die Realität sprechen – konnte die Erklärung von Merz nicht gefallen. Der amerikanische Präsident wartete einige Tage und begann dann, dem Bundeskanzler vorzuwerfen, er erfülle seine Aufgaben schlecht und hätte sich stärker mit der Situation in der Ukraine befassen können. Dabei wissen wir, dass gerade der deutsche Bundeskanzler – im Gegensatz zum Präsidenten der Vereinigten Staaten – auf eine Fortsetzung der Hilfe für die Ukraine drängt und auf den letzten Gipfeln der Europäischen Union ein echter Motor entsprechender Entscheidungen war.
Trump versucht jedoch offensichtlich, die derzeitige Unpopularität des Bundeskanzlers in Meinungsumfragen in Deutschland auszunutzen. Und möglicherweise auch, der rechtsextremen politischen Kraft Alternative für Deutschland zu helfen – im Rahmen der Unterstützung, die Donald Trump und sein Vizepräsident JD Vance ultrarechten politischen Kräften auf nahezu dem gesamten europäischen Kontinent gewähren.
Merz hat seine scharfen Einschätzungen zur Situation rund um den Krieg mit Iran inzwischen etwas korrigiert und ruft Teheran dazu auf, weitere Angriffe auf Israel und die Länder des Persischen Golfs einzustellen sowie auf die Möglichkeit des Besitzes von Atomwaffen zu verzichten. Doch kaum ist anzunehmen, dass diese Korrektur der Position des deutschen Bundeskanzlers Donald Trump zufriedenstellen wird.
Die wichtigste Frage ist, ob die Vereinigten Staaten tatsächlich bereit sind, ihre Truppen aus Deutschland – und nicht nur aus Deutschland – abzuziehen. Denn bei einer der letzten Begegnungen mit Journalisten wurde der Präsident der Vereinigten Staaten gefragt, ob er ebenso bereit sei, amerikanische Truppen auch aus Italien und Spanien abzuziehen. Trump antwortete darauf, dass auch dies in Betracht gezogen werden könne, da diese Länder den Vereinigten Staaten in ihrem Krieg mit Iran nicht helfen wollten und Spanien sich schlicht „schrecklich“ verhalten habe.
Doch die entscheidende Frage ist, wie sehr die Vereinigten Staaten selbst darauf angewiesen sind, ihre Truppen auf dem europäischen Kontinent zu stationieren. Eine nüchterne Analyse der globalen Lage zeigt, dass sowohl die europäischen Länder ein Interesse an der Fortsetzung der euro-atlantischen Solidarität und der Präsenz amerikanischer Truppen haben sollten, als auch die Vereinigten Staaten selbst aus rein logistischen Gründen Militärbasen in Europa benötigen – vorausgesetzt, sie wollen eine einflussreiche Supermacht bleiben, und zwar nicht nur auf dem europäischen Kontinent.
Die zentrale Frage ist, inwieweit Donald Trump selbst sich dessen bewusst ist. Inwieweit seine Bereitschaft, diejenigen zu bestrafen, die sich seinen Vorstellungen von der Realität nicht unterordnen – diejenigen, die das Recht ihrer Staaten auf Souveränität verteidigen und eigene Bewertungen der politischen Lage abgeben –, mit seiner Vorstellung davon vereinbar ist, wie sich die Beziehungen zu solchen Ländern und ihren Führern entwickeln sollten.
Am wichtigsten ist zu verstehen, ob Donald Trump die Abhängigkeit der Sicherheit der Vereinigten Staaten vom Konzept der europäischen und euro-atlantischen Solidarität begreift. Wenn man die Aussagen des amerikanischen Präsidenten nüchtern analysiert, erkennt man, dass er nicht nur politisch, sondern selbst geografisch kaum Grundkenntnisse hat – und möglicherweise nicht versteht, wie sich die Schließung der einen oder anderen Militärbasis in Europa, insbesondere der bekannten Basis Ramstein Air Base, auf die Verteidigungsfähigkeit der Vereinigten Staaten auswirken könnte.
Und noch eine wichtige Frage: Gibt es im Umfeld von Donald Trump überhaupt kompetente Fachleute, die dem amerikanischen Präsidenten die Risiken seiner wenig sachkundigen Entscheidungen erklären könnten – und dabei auch gehört werden? Wir verstehen sehr gut, dass die Hoffnungen auf den US-Verteidigungsminister Pete Hegseth eher gering sind.
Und damit stellt sich die Frage: Wer kann ernsthaft, kompetent und vor allem mit Autorität mit einem Menschen sprechen, der niemandem zuhört – außer sich selbst?
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Art der Quelle:Artikel Titel des Originals:Трамп шокує Пентагон і нападає на Мерца| Віталій Портников. 01.05.2026. Autor:[Name oder Kanal] Veröffentlichung / Entstehung:Vitaly Portnikov Originalsprache:uk Plattform / Quelle:YouTube Link zum Originaltext:
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Portnikov. Russisches Taiwan. Und wie der Weg der russischen demokratischen Opposition in der Epoche des Krieges mit der Ukraine und des Vormarsches ultrarechter Kräfte gegen liberale Werte in der ganzen Welt aussehen könnte. Über all das werden wir mit unserem Gast des Kanals „Portnikov Argumente“, Garry Kasparov, sprechen. Guten Tag, Garry.
Kasparov. Ich begrüße Sie, Vitaly. Danke für die Einladung.
Portnikov. Danke, dass Sie zugestimmt haben, mit mir über, wie mir scheint, ziemlich wichtige Themen zu sprechen, die gerade in den letzten Tagen der Sichtweise, mit der Sie auftreten, noch mehr Aufmerksamkeit verschafft haben. Eben diese Idee des russischen Taiwan wird jetzt sehr lebhaft diskutiert, und zwar nicht nur in Kreisen der russischen Opposition, sie wird in der Ukraine diskutiert, sie wird im Westen diskutiert. Und immer entsteht die wichtigste Frage: Wie kann russisches Taiwan exterritorial sein? Nun, letzten Endes ist Taiwan selbst ein Territorium, das man, kann man sagen, den Kommunisten abgerungen hat, wohin die Volksbefreiungsarmee Chinas nicht gekommen ist, wo eine alternative Regierung gebildet wurde und letzten Endes ein echter Staat mit demokratischen Werten. Aber was ist russisches Taiwan ohne einen Tropfen russischer Erde, wenn Sie so wollen?
Kasparov. Nun, tatsächlich verstehe ich die Frage natürlich, sie ist absolut logisch, aber wir sprechen vorerst von einer Metapher. Tatsächlich habe ich die Wortverbindung „russisches Taiwan“ benutzt, um gerade diese Trennung festzuhalten, diese sehr wichtige Trennung, die in Wirklichkeit schon existiert; wieder habe ich Angst, Taiwan zu sagen, man kann auch freies Frankreich sagen, obwohl auch de Gaulle irgendein Territorium hatte,
Portnikov. Er hatte ein Territorium in den Kolonien, ja. Es gab eine territoriale Stütze.
Kasparov. Ja, es gab immer eine territoriale Stütze. Aber in diesem Fall haben wir es meines Erachtens mit einer Situation zu tun, die insgesamt eine unverzügliche Lösung verlangt, nämlich damit, dass bereits Hunderttausende Menschen, mindestens, faktisch aus dem russischen Rechtsraum herausgefallen sind. Ein Teil von ihnen befindet sich weiterhin gewissermaßen zwischen Himmel und Erde, ist nicht bereit, eine prinzipielle Position einzunehmen, aber ein ziemlich großer Teil, und dieser Teil wächst mit jedem Tag, ist der Ansicht, dass alle Verbindungen bereits abgebrochen sind und wir uns im Prinzip auf der Seite der Ukraine befinden. Wir nehmen, jeder so gut er kann, am Krieg teil, helfen. Nun, ich tue insgesamt, wie Sie wissen, ziemlich viel. Denn für uns ist dieser Krieg ein gemeinsamer Krieg. In Russland wird sich nichts ändern, solange die Ukraine nicht siegt. Deshalb müssen heute all unsere Ressourcen, all unsere Möglichkeiten auf die Unterstützung der Ukraine in diesem Krieg eingesetzt werden. Nun also, wie organisiert man diese Unterstützung maximal effektiv? Denn jene Bürger Russlands, die sich in diesem Zwischenraum rechtlicher Art befinden, können im Grunde nicht jenen Archimedischen Punkt finden. Bei mir ist mehr oder weniger alles in Ordnung, ich habe einen kroatischen Pass, ich bin Bürger der Europäischen Union. Aber in diesem Fall haben wir es mit Hunderttausenden Menschen zu tun, potenziell mit Millionen, die diesen Stützpunkt für sich nicht finden können. Und mir scheint, dass gerade die Anschaulichkeit der Idee von Taiwan die Aufmerksamkeit europäischer Politiker darauf lenken soll, dass wir hier eine doppelte Aufgabe lösen.
DieersteAufgabe ist, der Ukraine zu helfen, den Krieg zu gewinnen. Und hier ist dieses konzeptionelle Taiwan eine Möglichkeit, Probleme des travel document, Passprobleme, Probleme der Eröffnung von Bankkonten zu lösen. Das heißt, jenen Teil der russischen Gesellschaft heranzuziehen, der, meiner Meinung nach, und das ist offenkundig, natürlich die Beziehungen zu diesem Regime abbrechen möchte. Nun, wohin sollen diese Menschen im Prinzip gehen? Und jenen zu helfen, die schon hier sind, sich zu etablieren, und all das immer organisierter zu machen. Denn neben rein praktischen Fragen gibt es zum Beispiel noch so eine Frage. Wenn wir uns vorstellen, nun, fantasieren wir, dass die Idee des russischen Taiwan funktioniert hat und dort 100.000 russische Ingenieure, Computerfachleute und Finanziers, sehr wahrscheinlich werden gerade diese Leute in den Westen fliehen, beschlossen haben wegzugehen. Dann ist doch völlig offensichtlich, dass das den Kriegsverlauf beeinflussen wird, denn der Krieg wird im Prinzip auf drei Komponenten geführt.
DieersteKomponente ist die menschliche Kraft. Davon hat Putin vorerst genug, obwohl es auch da schon Unterbrechungen gibt. Diezweite sind Geldmittel. Mit dem Geld wird es schlechter, aber vorerst ist es insgesamt auch noch nicht zu Ende. Diedritte sind Köpfe. Der heutige Krieg ist in Wirklichkeit ein Krieg, in dem Köpfe eine immer größere Rolle spielen. Die Ukraine hat das auf glänzende Weise der ganzen Welt gezeigt. Und davon hat Putin viel weniger. Und wenn es gelingt, wenigstens einen Teil davon abzuziehen, dann ist dort jeder Ingenieur, jeder Computerfachmann, der weggegangen ist und Teil des russischen Taiwan geworden ist, minus eine bestimmte Menge von Raketen und Drohnen, die in die Ukraine fliegen, und vielleicht sogar die Herstellung von Drohnen und Raketen auf der anderen Seite. Das ist also, wie mir scheint, eine praktische Komponente.
Diezweite wichtige ist die ideologischeKomponente. Wiederum, Kriege werden ja auch ideologisch geführt. Putin hat für sich ein wichtiges Ergebnis erzielt. Er hat die russische Gesellschaft davon überzeugt, dass das ein Krieg gegen Russland ist, gegen ganz Russland. Ich werde hier keinen Streit darüber anfangen, wie viele Menschen ihn unterstützen oder nicht unterstützen. Ich, wie Sie wissen, distanziere mich überhaupt von jener russischen liberalen Opposition, die dort irgendwelche Proteste sucht. Aber es ist völlig offensichtlich, dass es eine gewisse Anzahl von Menschen gibt, denen das sehr missfällt. Doch heute können sie nirgendwohin gehen.
Diese westlichen Sanktionen treffen ja insgesamt auch jene, die diese Verbindungen abbrechen möchten. Das heißt, ich versuche, irgendein anschauliches Konzept zu finden, das den Westen zum Handeln zwingt, denn es gibt die gegenwärtige Frage, aber auch die Frage der Zukunft. In Wirklichkeit muss man auch damit rechnen: Wenn etwas geschieht, die Ukraine siegt – nun, wie werden dann die Veränderungen in Russland verlaufen? Nun, diese Fantasten vom schönen Russland der Zukunft erzählen, wie sie dort Prozesse führen werden. Das alles ist schön zu erzählen. Aber wer wird das machen? All diese heutigen Menschen – man könnte auch versuchen, einen Kern zu bilden, einen solchen Cluster von Menschen, die später vielleicht, sehr viel jüngere, nicht solche wie ich oder Chodorkowski vom Alter her, sondern die, die jetzt bereit sind, auf unsere Seite zu treten – vielleicht kann es gelingen, aus ihnen den Kern jener zu schaffen, die garantieren werden, dass sich Russland doch verändert.
Denn wir sprechen ja in Wirklichkeit von einer vollständigen Veränderung, einem vollständigen Verzicht auf diese traditionelle russische Matrix. Taiwan ist nicht einfach nur ein Konzept, es ist in Wirklichkeit der Verzicht auf Rechtsnachfolge. Russland wurde schließlich Rechtsnachfolger der UdSSR, mit allen daraus folgenden Konsequenzen. Die UdSSR wiederum, auch wenn man das abstritt, wurde Rechtsnachfolger des zaristischen Russland. Das heißt, diese imperiale Rechtsnachfolge reproduziert sich endlos in verschiedenen Variationen. Taiwan ist der Versuch, auch darauf zu verzichten. Ich verstehe, dass das idealistisch ist, selbstverständlich, und man wird darauf zeigen, dass es kein Territorium gibt. Aber letzten Endes, wenn es juristische Rechte gibt, nun ja, irgendeine Insel finden, ich weiß nicht, eine Insel mieten – ich denke, wir werden einen Ort finden. Die Frage ist doch nicht das Territorium, davon gibt es genug in der Welt. Die Frage stößt jetzt, wie man sagt, an die dokumentarische Anerkennung.
Portnikov. „Eine Insel mieten“ erinnert mich daran, dass Sie mit denen, die dieser Idee zustimmen, einfach eine zionistische Idee propagieren werden. Lassen Sie uns einen idealen Staat schaffen und ein Territorium dafür finden. Aber der Zionismus hatte zumindest ein historisches Territorium, man verstand, wohin man zurückkehren konnte.
Kasparov. Erinnern Sie sich, tatsächlich gab es Streit. Das Territorium gab es, aber dennoch wurde alles Mögliche diskutiert. Sogar Madagaskar.
Portnikov. Und Uganda.
Kasparov. In der Anfangsphase war Herzl bereit, verschiedenen Varianten zuzustimmen.
Portnikov. Aber wenn wir ernsthaft sprechen, gibt es noch eine solche Befürchtung. Mir scheint, dass unsere Generation so oder so unter verschiedenen Bedingungen aufgewachsen und geformt worden ist: unter den Bedingungen der Breschnew-Stagnation, unter den Bedingungen der Gorbatschow-Perestroika. Dann begannen die Jelzin-Jahre. Wenn man auf die heutigen jungen Menschen in Russland schaut – für sie ist Putin schon 26 Jahre Präsident, nun, mit einer Unterbrechung für Medwedew, was keine Bedeutung hat. Sechsundzwanzig Jahre Tschekisten-Regime, und davor einige Jahre späte Jelzin-Zeit, die man vor dem Hintergrund des Tschetschenien-Krieges, der Explosionen in der Metro, der Explosionen von Wohnhäusern und all dessen, was man will, auch schwerlich demokratisch nennen kann. Es ergibt sich, dass Menschen, die jetzt 30 bis 40 Jahre alt sind, kein anderes Russland als ein autoritäres überhaupt kennen. Das heißt, im Grunde ist das für sie ein Ticket in eine unbekannte Zukunft. Darin liegt die Sache.
Kasparov. Ich stimme zu. In Wirklichkeit ist das ein sehr wichtiger Punkt. Gerade eben haben Sie die Generationenfrage angesprochen. Auch ich denke darüber nach, bespreche das mit meinen Freunden, Kollegen. Erinnern Sie sich an die neunziger Jahre, an Gaidars Konzept, dass jetzt nichts gelingt, weil das die sowjetische Generation hätten Sowjetmentalität, und dass dann neue heranwachsen würden, die jetzt geboren werden.
Portnikov. Ja, so sage ich, wenn es um die Ukraine geht: Da werden schon neue Kinder geboren, die niemals die sowjetische Ukraine gesehen haben und sogar die prorussische Ukraine nicht gesehen haben. Ja.
Kasparov. Aber bei uns ist heute das Rückgrat dieser sogenannten speziellen Militäroperation, dieses aggressiven Krieges gegen die Ukraine, von Menschen gebildet, Bürgern Russlands, die schon entweder am Ende der Sowjetunion oder überhaupt nach ihrem Zerfall geboren wurden. Das heißt, das sind genau jene Generationen, sogar zwei kann man wohl schon sagen, die nach Meinung Gaidars und der Reformer dieses neue demokratische Russland hätten aufbauen sollen. Herausgekommen ist, was herausgekommen ist. Aber da erinnern wir uns an die neunziger Jahre, Sie haben das richtig gesagt. Sogar jene, die damals ins Leben eintraten, wurden doch sofort vergiftet von den „Liedern über das Wichtigste“. Bruder eins, Bruder zwei. In Wirklichkeit sind das nicht nur die späten Jelzin-Jahre; der Tschetschenien-Krieg begann 1994. Das Fenster der Möglichkeiten, um sich von der imperialen Vergangenheit in Russland zu befreien, war minimal. Ich denke, das waren tatsächlich die Jahre 1991 bis 1993. Genau da gab es ein ganz kleines Fenster nach dem Ende der Konfrontation zwischen Jelzin und dem Parlament, unter Begleitung von Panzern. Ich denke, wir können jetzt nach so vielen Jahren objektiv sagen, dass Russland wieder in die ausgetretene Spur zurückgegangen ist.
Und ich sage immer, dass der wertemäßigeBruch zwischen Russland und der Ukraine das Jahr 1994 ist. Das ist Jelzin, der den Krieg in Tschetschenien beginnt, um Jelzins Null-Rating vom Gefrierpunkt irgendwie anzuheben. Und die Ukraine, in der ein friedlicher Machtwechsel stattfindet, in der Krawtschuk die Wahlen verliert, und zwar gegen den prorussischen Kandidaten Kutschma, und geht. Mir scheint, psychologisch, wenn man auf die Menschen schaut, die, sagen wir, in Charkiw und in Kursk geboren wurden und aufgewachsen sind, nun, einige Hundert Kilometer voneinander. Und klar ist, sie wurden in der Sowjetunion geboren, sie sprachen dieselbe Sprache, lesen dieselben Bücher. Lange Zeit gab es dort in Wirklichkeit nicht einmal eine Grenze, aber psychologisch ist die Ukraine, wie mir scheint, in eine andere Qualität übergegangen, es kam zu einem Machtwechsel.
Diese Formel „Wir sind das Volk“ beginnt für die Bürger bereits verständlich zu werden. Und zehn Jahre später endet Putins Versuch, Janukowytsch aufzuzwingen, mit dem erstenMaidan, und weitere zehn Jahre später bereits mit dem zweitenMaidan und schon einer echten Revolution und einer vollständigen Hinwendung nach Europa. Und in Russland ist in Wirklichkeit dieser Bewegungsvektor in jene Richtung stecken geblieben, weil es keine friedliche Machtübertragung gab. Gerade das, was jetzt in Ungarn geschehen ist, Orbán hat verloren, ist gegangen. Das ist es doch. Man muss doch verstehen, er ist gegangen. Natürlich hat er sehr deutlich verloren, wahrscheinlich hätte er angefangen zu fälschen, wenn die Niederlage geringer gewesen wäre, aber dennoch – so funktioniert Demokratie.
Die Ukraine ist in dieser Frage vollständig demokratisch geworden, und dort sind bereits zwei Generationen. Und wenn man berücksichtigt, dass für diese Freiheit jetzt ein so kolossaler Preis gezahlt wird, dann ist das alles bereits ein Land mit einer anderen Mentalität. Unabhängig davon, in welcher Sprache der Mensch dort denkt. Ich werde nicht einmal sagen, in welcher. In Russland hat sich leider ein völlig anderes Konzept herausgebildet.
Und dennoch gibt es dort wahrscheinlich eine gewisse Zahl von Menschen. Nun, irgendwen vertreten wir ja doch, die anders denken. Es gibt doch Verbindungen mit der übrigen Welt, Verbindungen mit dem Westen, also es gibt doch schon irgendwelche anderen Lebensparameter, die Hoffnung lassen können – ich spreche jedenfalls sehr vorsichtig – Hoffnung darauf, dass der Sieg der Ukraine im Krieg und der Zusammenbruch dieses imperialen Fetischs eine Chance, ich wiederhole, eine Chance zur Veränderung geben können. Und diese Chance wird auch damit verbunden sein, dass jene, die noch bei Verstand sind, verstehen: Die Bedrohung geht für Russland nicht vom Westen aus, sondern vom Osten. Und dass im Prinzip der Verlust riesiger Territorien – nicht zweier Dörfer, sondern Hunderttausender Quadratkilometer – an China, das sie höchstwahrscheinlich ohnehin schon stillschweigend kontrolliert, Realität wird. Deshalb besteht meine Hoffnung auf der Bildung eines gewissen Clusters von Menschen, die verstehen, dass die Wahl einfach sein wird: chinesischeProvinz oder TeilEuropas. Und für die ZugehörigkeitzuEuropa wird man teuer bezahlen müssen.
Portnikov. Haben Sie nicht das Gefühl, dass eine riesige Menge von Menschen Russland bereits als chinesische Provinz wahrnimmt und sagt: Die Reise nach Europa ist zu Ende?
Kasparov. Diese Antiutopie Sorokins wird verwirklicht. Man hat das Gefühl, er hätte besser gar nichts geschrieben. Man hat das Gefühl, dass die russische Literatur es beschrieben hat und es sich nun so zusammenfügt. Wissen Sie, dieser „TagdesOpritschniks“. Genau das haben wir jetzt. Aber vielleicht ist eine Antwort möglich, welche anderen Varianten gibt es überhaupt? Eine solche Variante ist möglich, mehr noch, höchstwahrscheinlich ist sie sogar wahrscheinlicher, aber das bedeutet nicht, dass man nichts tun muss. Es braucht irgendeine, ich sage, grundlegende Idee; und wenn man berücksichtigt, dass auf jener Seite China steht, passt Taiwan auch hier hinein. In Wirklichkeit ist das ein Versuch, diese Situation aufzurütteln, die bisher recht unbeirrt ins Verderben steuert.
Mehr noch, in der Deklaration, die wir veröffentlicht haben, ist klar gesagt, dass es nicht um die Schaffung eines demokratischen Russland geht, eines schönen Russland der Zukunft. Vielleicht werden es Staaten sein, das wird ausdrücklich gesagt. Das heißt, in Wirklichkeit scheint mir das offensichtlich. Russland wird sich im Prozess der Veränderungen nicht in den heutigen Grenzen erhalten können. Das ist für mich, meiner Meinung nach, bereits ein Axiom.
Deshalb wird die territoriale Frage jetzt, wie mir scheint, oft einfach genutzt, um die Idee zu begraben. Gebt eine juristische Grundlage für die Formierung jenes neuen Russland, das heute bereit ist, gemeinsam mit der Ukraine zu kämpfen. Denn der Übergang von der BerlinerDeklaration, die einfach nur festhielt, dass ja, die Ukraine unterstützt werden muss, ja, wir stehen auf dieser Seite, aber radikale Dinge gab es dort noch nicht – die StraßburgerDeklaration sagt, dass wir auf dieser Seite kämpfen werden. Auch das ist ein wichtiger Übergang. Es ist klar, dass die Zahl der Menschen, die sie unterschreiben werden, höchstwahrscheinlich geringer sein wird als bei der Berliner Deklaration, aber auch das ist keineswegs sicher.
Wenn der Westen bereit ist, die offensichtliche Tatsache anzuerkennen, dass der Krieg mit Russland andauern wird, solange Putin an der Macht ist, dann beginnt er vielleicht zu handeln. Ich sehe hier Beamte der Europäischen Union, wissen Sie, und auf ihren Gesichtern steht dieses Zeichen kognitiverDissonanz. Das heißt, sie verstehen, dass der Krieg läuft. Mehr noch, Europa bereitet sich auf den Krieg vor. Die deutsche Industrie stellt auf Rüstungsindustrie um. Vom Baltischen Kristall spreche ich gar nicht. Sie bereiten sich real, bereits vielleicht sogar in diesem Jahr auf irgendwelche Provokationen vor. Aber das eine ist die Vorbereitung, und das andere ist, dies anzuerkennen. Wissen Sie, auf ihren Gesichtern steht, ich würde sagen, abergläubischer Schrecken geschrieben.
Portnikov. Nun stellen Sie sich eine andere Sache vor. Diese Beamten haben dieser Idee zugestimmt. Es ist ein juristischer Status entstanden, irgendwelche bedingten Nansen-Pässe, die jenen ausgestellt werden, für die, sagen wir, das Forum des freien Russland bürgt. Und Sie sagen den Menschen damit: „Aber Sie müssen anerkennen, dass Russland ein aggressives Land ist, ein imperialistisches, und Sie müssen anerkennen, dass das Hauptziel darin besteht, der Ukraine im Krieg gegen Russland zu helfen.“
Kasparov. Das ist die einzige Chance, etwas in Russland zu ändern. So wie der Weg, potenziell, dorthin nach Russland über Sewastopol führt.
Portnikov. Stellen Sie sich vor, ein Mensch, der auf diese Weise aus Russland emigrieren will, ohne Ihre Ansichten zu teilen, erkennt das völlig ruhig an. Das ist, wissen Sie, wie die Geschichte mit dem Erhalt bulgarischer Pässe durch Bürger Nordmazedoniens. Sie halten sich nicht für Bulgaren. Um einen Pass zu erhalten, musst du eine Prüfung in bulgarischer Geschichte ablegen, sagen: „Ja“, dann mit dem Pass hinausgehen und denken: „Mein Gott, was für Idioten, dass sie glauben, ich hätte tatsächlich ihrer Version der Geschichte zugestimmt.“ Oder wie viele Ukrainer, die Putin und Russland im Grunde unterstützt haben, sind nach 2022 mit dem ukrainischen Pass nach Europa ausgewandert? Für sie war das einfach ein Mittel, um wegzukommen.
Kasparov. Vollkommen richtig. Aber hier gibt es eine Nuance, eine wichtige Nuance. Mit der Unterzeichnung der Deklaration wird der Mensch in Russland ungefähr nach zehn Artikeln des Strafgesetzbuches zum Kriminellen. Man kann noch eine Spende von 10 Euro für die ukrainische Armee-Spende hinzufügen, um das endgültig zu fixieren. Das ist nicht wichtig. Er kappt die Verbindungen zu Russland, weil er bereits ein Krimineller ist. Dort ist jeder Punkt der Deklaration ein ArtikeldesStrafgesetzbuches. So einfach ist das nicht, verstehen Sie? Einen Weg zurück wird es nicht mehr geben. Das ist nicht, wie Sie über die bulgarische Geschichte sagten: man ist durchgegangen, hinausgegangen. Nein, das ist öffentlich. Deine Unterschrift steht dort mit Familiennamen, mit all diesen Dingen. Dir wird ein neues Dokument ausgestellt, dort bist du ein Krimineller.
Portnikov. Nun, vielleicht ist er bereit, ein Krimineller zu werden, wenn er nur nicht in Russland leben muss, wenn er sich nur, bedingt gesagt, als IT-Fachmann irgendwo im Westen verwirklichen kann.
Kasparov. Gut, er ist weggegangen. Ja, er ist weggegangen, hat alle getäuscht. Er baut für Putin keine Drohnen mehr. Das heißt, rechne mit hundert Drohnen weniger, die in die Ukraine fliegen. Gut. Ja. Er hat uns getäuscht, ist weggegangen, Gott sei Dank ist er weggegangen. Putin ist dadurch schwächer geworden. Wir knüpfen ihm wenigstens eine Ressource ab.
Portnikov. Das ist übrigens eine Veränderung des Ansatzes, denn Sie erinnern sich, dass in der Ukraine, als Menschen vor der Mobilisierung flohen, diese sogenannten Mobiki, man in der Ukraine in der ersten Phase des Krieges sehr unzufrieden damit war, dass der Westen sie aufnimmt. Und im Westen wollten viele sie nicht aufnehmen und sagten: „Warum sollen wir Menschen aufnehmen, die Bürger Russlands sind und vor dem Krieg fliehen?“ Und sie veränderten im Grunde die Mobilisierungspolitik.
Kasparov. Schauen Sie, wir kennen die genaue Zahl der Bürger Russlands nicht, die 2022 davonlaufen, besonders als im September die Mobilisierung ausgerufen wurde; die Zahl schwankt von einer Million bis drei Millionen. Warum sage ich so eine Spannbreite? Weil niemand Buch geführt hat. Natürlich flohen sie in jene Länder, in die man ohne Visum einreisen konnte. Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Armenien. Nach indirekten Daten zu urteilen, war diese Zahl gewaltig, denn welche indirekten Daten? Der starke Anstieg der Immobilienpreise in Taschkent, eine unglaubliche Zahl von Anfragen nach Kreditkarten in Tadschikistan oder das riesige BIP-Wachstum Armeniens. Also, ihrer waren viele. Etwa 75 Prozent – das kann man sagen, ich kenne es aus den Zahlen des Projekts „Kowtscheg“, das Chodorkowski geführt hat – etwa 75 Prozent waren gezwungen zurückzukehren, weil die Dokumente ablaufen. In Wirklichkeit ist genau das Problem, dass dir physisch das Dokument abläuft. Und Putin hat sofort erklärt, dass Dokumente nur dort in Moskau gemacht werden können. Aus, das war’s. Praktisch ist es jetzt schon für fast niemanden mehr möglich, Dokumente zu verlängern. Und er versteht im Prinzip, dass die Menschen in Russland festgehalten werden müssen. Und im Idealfall, ich sage noch einmal, fügen sich diese Menschen in das Konzept ein, aber selbst wenn sie nicht bereit sind, der Ukraine zu helfen, werden sie dort nicht sein. Das ist dennoch die Untergrabung irgendeiner Ressource, die Putin heute hat. Diese Ressource hat er in geringerem Maß als Kanonenfutter und Geld. Und deshalb gilt: Wenn es gelingt, auch nur auf der Ebene einiger Zehntausend Menschen diese herauszuziehen, dann ist das, wie ich meine, minus eine bestimmte Zahl von Raketen und Drohnen, die in die Ukraine fliegen werden.
Außerdem ist das auch psychologisch ein sehr wichtiger Moment. Denn heute liest man ja, nun ja, im russischen Internet hört man: Was sollen wir tun? Damit es diese Ausrede nicht mehr gibt. Was sollst du tun? Nimm ein Ticket und flieg nach Jerewan, geh dort zur französischen Botschaft, füll die Deklaration aus. Im Grunde musst du antworten – sobald ein solches Thema erscheint, wird das in Wirklichkeit für sehr viele Menschen moralisch ein Problem sein.
Portnikov. Verengt das nicht die Möglichkeit der Wahl? Wenn Sie dem Menschen sagen: Was sollt ihr tun? Ihr müsst euch dieses Regimes entledigen. Und Sie sagen dem Menschen, dass er fliehen muss.
Kasparov. Das Regime – das ist wie Deutschland im Jahr 1943. Natürlich gefällt es mir vielleicht nicht, aber solange die Alliierten nicht kommen, wird nichts geschehen. Nichts kann geschehen. Wir beide kennen die russische Geschichte. In der russischen Geschichte stürzten Zaren, Diktatoren, wie man sagt, nur im Fall eines verlorenen Krieges. Ein verlorener Krieg, sogar ein nicht gewonnener Krieg, ein entfesselter Krieg, ist immer ein Indikator einer tiefen Krise, angefangen beim Livländischen Krieg bis hin zum Krimkrieg des 19. Jahrhunderts, dem Russisch-Japanischen Krieg, dem Ersten Weltkrieg und so weiter.
Deshalb ist für Putin heute, wie wir sehen, ein ziemlich unangenehmer Moment gekommen, denn es raucht ja schon von überall. Gestern lese ich einfach, wissen Sie, so ein höhnisches Lächeln der Geschichte. Der Chef der KPRF sagt voller Angst, dass sich das Jahr 1917 wiederholen könnte. Das heißt, die Nachfolger Lenins sagen voller Entsetzen: Haltet ein, ihr Wahnsinnigen.
Portnikov. Das sind doch wohlhabende Lenins Nachfolger, sozusagen, nicht die aus der Schweiz, sondern die aus Moskauer Restaurants, ja? Warum sollten sie diese verlassen? Das ist gerade verständlich. Aber Sie haben noch vor ganz kurzer Zeit gesagt, dass der Westen im Grunde seine eigenen Werte verrät, wenn er das ukrainische Leid nicht beachtet und sich im Grunde nicht mobilisieren kann. Und nach dieser Ihrer Rede ist die Situation nur noch schlechter geworden, denn die Spaltung zwischen den Vereinigten Staaten und Europa verstärkt sich mit jedem Tag.
Kasparov. Sie beschuldigen mich doch nicht der Spaltung zwischen…
Portnikov. Nein, ich verstehe nur nicht ganz, welchen Sinn Erklärungen haben, wenn sie danach die Stimmung in die entgegengesetzte Richtung beeinflussen. Nicht die Erklärungen selbst, ich meine die Situation.
Kasparov. Diese Situation ist mir gut bekannt. Erstens muss man einfach reden. Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Wir haben keine Zeit für eine ernsthafte Analyse von all dem, aber ja, die Ukraine wurde im Stich gelassen. Und übrigens ist das in erster Linie ein amerikanisches Thema. Europa war ja insgesamt sehr passiv. Wir verstehen doch, dass in Europa ebenfalls eine Generation von Politikern, und die Gesellschaft erst recht, in der Überzeugung aufgewachsen ist, dass Amerika sie immer schützen werde. Europa lebte unter dem amerikanischen Schirm, sozusagen. Und sogar nach 1991 hat sich daran im Grunde nichts geändert. Zumal die UdSSR verschwunden war, entspannte sich der Kontinent.
Das Wachstum der putinschen Aggressivität hing damit zusammen, dass er einfach spürte: Europa ist schwach. Warum sollte man es nicht auf seine Belastbarkeit prüfen? Und das alles beginnt: zuerst Georgien, ich schrieb schon im August 2008, dass die Nächste die Ukraine sein werde. Und als man mich fragte: „Warum denken Sie das?“, sagte ich: „Man muss auf die Karte schauen.“ Das heißt, in Wirklichkeit war offensichtlich, dass Putin seine Handlungen fortsetzen würde. Und die syrische Geschichte, diese schändliche Weigerung Obamas, die Überschreitung der roten Linie, den Einsatz chemischer Waffen, festzuschreiben und Assad einfach eins auf den Hintern zu geben.
Danach kam die Krim; übrigens schrieb ich auch damals, dass es nach Syrien an anderen Orten Folgen geben werde. Die Krim kam ebenfalls. Und wie war die Reaktion auf die Krim? Keine Reaktion gab es auf die Krim. Das heißt, in Wirklichkeit nahm Putin einfach, was man nehmen konnte. Ich meine, ich habe dazu damals einen großen Text geschrieben, vor etwa drei Jahren, er hieß „Geschichte des Verrats“, darüber, wie Amerika unter Biden die Ukraine aufgab. Jetzt habe ich das Gefühl, dass Putins Ultimatum vom Dezember 2021, erinnern Sie sich, als die NATO…
Portnikov. Ja, ihre Basen entfernen sollte.
Kasparov. … im Grunde auf irgendwelchen Abmachungen mit Trump beruhte. Ich bin fast sicher, dass Trump – warum sagt Trump: „Es hätte keinen Krieg gegeben“? Ja weil sie planten, die Ukraine in Wirklichkeit ohne Krieg zu teilen.
Portnikov. Oder bei jenen Konsultationen, die Stoltenberg mit Lawrow nach eigenem Eingeständnis Stoltenbergs führte. Er hat selbst darüber gesprochen.
Kasparov. Genau das hat mir gefehlt, dieses kleine Detail. Das heißt, das bedeutet, dass der Plan höchstwahrscheinlich bereits unter Trump abgestimmt worden war. Deshalb. Und ich denke, das Treffen Bidens mit Putin, das erste in Genf, und dann noch zwei per Telefon, also faktisch drei Gipfel, standen damit in Zusammenhang, dass die Amerikaner eigentlich verstanden, dass Putin das ernsthaft tun würde. Und Putin sagte im Dezember 2021 einfach: „Also, diesen Plan haben wir doch besprochen.“
Und die Ukraine wurde preisgegeben; es ist völlig offensichtlich, dass die amerikanische Administration sich, ebenso wie Europa, darauf vorbereitete, dass Putin in drei Tagen in Kyiv sein würde und ja, dann eine Exilregierung oder vielleicht irgendein Stück erhalten bliebe. Jetzt werden wir wahrscheinlich erfahren – ich hoffe sehr, dass Magyar zu graben beginnt –, was Ungarn vorhatte zu tun, denn mit Sicherheit versuchte Orbán dort ein Stück der Ukraine mit ungarischer Bevölkerung abzubeißen.
Das heißt, die Ukraine wurde einfach ausgeliefert. Es geschah ein Wunder, wie es, wie man sagt, seit altgriechischen Zeiten oft geschah. Freie Menschen verteidigten sich selbst gegen, wie man sagt, alle Wahrscheinlichkeitsrechnung. Sie hielten einfach stand, und die Situation hat sich jetzt verändert.
Trump hat in Wirklichkeit übrigens ebenfalls eine wichtige Sache getan. Er hat Europa geweckt. Tatsächlich denke ich, dass die Situation jetzt viel, viel besser ist als damals, als es diese Unbestimmtheit gab, denn erstens wird Trump nicht lange durchhalten. Die Zwischenwahlen werden die Situation doch verändern. Sie verändert sich, wie mir scheint, insgesamt schon jetzt.
Und in Europa – nun, Europa bereitet sich auf den Krieg vor. Es wäre unmöglich gewesen, sich vorzustellen, dass Europa, das jahrzehntelang in diesem lethargischen Schlaf lebte, sich so zu verhalten beginnen würde. Natürlich ist das nicht ganz Europa. Estland ist das eine, Portugal etwas anderes. Und dennoch sehen wir in Europa diese Veränderungen. Die Ukraine hat in Wirklichkeit die gesamte geopolitische Konstellation verändert.
Deshalb wenden wir uns heute gerade an Europa. Amerika brauchen wir nicht, weil es dort sowieso andere Konstellationen in der Welt geben wird. Und in Europa braucht es heute einen mächtigen Verteidigungswall. Es gibt die Ukraine, die wie ein Felsen vor Putin steht. Aber fügen Sie noch die russische Komponente hinzu, im Prinzip jene Bürger Russlands, die bereits mit Putin brechen wollen, denen aber irgendeine juristische Legitimität fehlt. Und auch das ist dennoch ein Faktor.
Wie viele Russen kämpfen denn heute im Prinzip in Bataillonen? Nun, real einige Hunderte. Ich habe mit Pjotr Rusawin gesprochen. Er, „Chartija“, hat einen Aufruf gemacht, denn es gibt dort nicht nur Ultrarechte, sondern im Prinzip auch liberale Menschen, die ebenfalls irgendetwas tun wollen. Es gibt eine gewisse Nachfrage. Ich weiß nicht, wie viele Menschen bereit sein werden, direkt zu kämpfen. Obwohl Krieg heute ja nicht nur die Frontlinie ist, sondern auch die zweite Linie der Front, die Wand von Drohnen.
Das heißt, ich bin überzeugt, dass das, um noch einmal auf russisches Taiwan zurückzukommen, eine wichtige Komponente sowohl des ukrainischen Sieges als auch einer potenziellen Umgestaltung Europas in der Zukunft ist. Obwohl ich an den ukrainischen Sieg glaube, an die Fähigkeit Russlands aber, sich in neuer Qualität normal zu materialisieren, weniger glaube.
Portnikov. Wenn Sie sagen, dass man keine ernsthafte Analyse der Situation mit dem Westen durchführen kann, dann kann man es vielleicht doch versuchen, mir scheint, und zwar nicht politisch, sondern vielleicht wird es für Sie einfacher sein, mir das in einem Schachmodell zu erklären, denn ich habe immer das Gefühl, dass jetzt jeder neue Schritt im Westen, jeder neue Zug, zur Verschlechterung der Positionen führt. Die amerikanische Administration macht einen Zug und verschlechtert ihre Position im Nahen Osten. Die Europäer versuchen, sich mit den Amerikanern zu verständigen, machen einen Zug und verschlechtern ihre Position in Amerika. Das ist so eine schlechte Partie. Ich verstehe nicht ganz, welche Züge man jetzt machen kann, um die Position zu verbessern.
Kasparov. Interessant. Ich weiß nicht, inwieweit das hier passt, an irgendwelche höheren Materien zu erinnern. Der erste Satz Gödel. Also, erinnern wir uns.
Portnikov. Das wird schwieriger als eine Schachpartie.
Kasparov. Es wird schwieriger. Gut. Es gibt einen der wichtigsten mathematischen Sätze des 20. Jahrhunderts. In der Mathematik bin ich ein Laie, aber da ich 2006 in Wien zum hundertsten Geburtstag Gödels gesprochen habe, erinnere ich mich daran. Er sagt in vereinfachter Form, dass in jedem System eine Periode eintritt, in der es innerhalb dieses Systems keine Lösung für die Probleme gibt, die das System selbst erzeugt. Deshalb erfolgt automatisch der Übergang auf ein neues Niveau, die Schaffung jenes Systems, in dem die Probleme gelöst werden, die in diesem System unlösbar waren.
Portnikov. In der Politik, scheint mir, kann es auch zu Degeneration kommen. Es kann auch ein neues Niveau geben.
Kasparov. Ich spreche davon, dass insgesamt ein solcher Niveauanstieg stattfindet. Meiner Meinung nach befinden wir uns jetzt gerade in einer solchen Übergangsphase. Das ist so ein Phasenübergang. Im Großen und Ganzen funktionieren alle Komponenten der alten Welt nicht. Was ist die UNO heute? Nun, das ist eine Versammlung von Diktatoren, es ist einfach eine Schande, sich das anzusehen. Dort werden hauptsächlich die Resolutionen gegen Israel verabschiedet. Im Prinzip verstehen wir doch, wie das ist. Jeder verfolgt seine eigene Agenda.
Portnikov. Meiner Meinung nach geschieht das seit 80 Jahren, und niemand hat es bemerkt.
Kasparov. Bis 1991 löste die UNO immerhin die Aufgabe, das Risiko eines Atomkrieges zwischen der UdSSR und den USA zu minimieren. Nach 1991 wurde diese Funktion sinnlos. Deshalb ist die UNO heute ein bodenloses Loch, in dem eine Menge Geld verschwindet, und ihre Beschlüsse zu lesen – das ist zu viel.
Portnikov. Jetzt sprechen Sie wie Trump.
Kasparov. Was hat Trump damit zu tun, das verstehe ich nicht. Gott sei Dank habe ich viele dissidente Freunde. Schauen Sie sich an: Der Iran tritt dort in eine Kommission ein…
Portnikov. Für Menschenrechte, das ist einfach Wahnsinn.
Kasparov. Das ist in Wirklichkeit eine Parodie. Die meisten Institutionen, die heute existieren, funktionieren nicht. Das ist gerade diese klare historische Parallele: Wenn Institutionen aufhören zu funktionieren, entsteht eine Krise. Der Völkerbund funktionierte nicht – es kam zum Krieg. Tatsächlich gilt: Sobald ein System internationaler Beziehungen sich erschöpft, entsteht eine Krise, die leider immer tragisch durch Krieg gelöst wurde. Jetzt befinden wir uns im Grunde in einer Kriegsperiode. Und solche Kriege, wenn wir die Geschichte seit dem Dreißigjährigen Krieg nehmen, sind lang. Deshalb ist das fünfte Kriegsjahr – im Prinzip dauern diese Kriege, man nehme den Zweiten Weltkrieg, den sechs Jahre dauerte. Diese Kriege dauern lange, denn es muss sich ein neues Gleichgewicht bilden. Jetzt schaffen wir im Grunde ein neues Gleichgewicht.
In diesem Sinne hat Trump einen gewissen Nutzen, er ist ein Bulldozer. Ein Bulldozer räumt alles weg, aber im Prinzip räumt er das weg, was ohnehin nicht mehr funktioniert. Natürlich kann das auch tragisch sein, er kann auch ein Wohnhaus wegräumen, in dem Menschen wohnen. Aber im Prinzip war Trump in gewisser Weise unvermeidlich, weil das, was wir bei Obama und Biden gesehen haben, ein Versuch war, zu bewahren, was nicht funktionierte. Putin erhob sich doch real unter Obama, genau dann begann Putin außer Kontrolle zu geraten und roch Blut. Das war wieder der Versuch, zu bewahren, was nicht funktioniert.
Portnikov. Lassen Sie uns anschauen, was nicht funktioniert. Funktioniert die NATO oder funktioniert auch sie schon nicht mehr?
Kasparov. Was funktioniert nicht?
Portnikov. Die UNO funktioniert nicht. Funktioniert die NATO oder funktioniert sie nicht? Ich will verstehen, was nicht funktioniert.
Kasparov. Das habe ich schon in Halifax gesagt: Eine solche Organisation gibt es nicht. Es gibt sie einfach nicht. Nein. Deshalb sagte ich, als sie mit ihren 75 Jahren kamen: Das ist das Rentenalter, 75 Jahre, verstehen Sie? Einfach aus und vorbei.
Portnikov. Und die Europäische Union, funktioniert sie oder funktioniert sie nicht? Auch eine Frage.
Kasparov. Ja, sie funktioniert. Aber wiederum, wofür wurde sie geschaffen? Sie wurde unter Bedingungen geschaffen, in denen Europa vollständig auf irgendwelche militärischen Vorbereitungen verzichtet hatte. Die Europäische Union ist eine Organisation, die sich mit Finanzen, gesellschaftlich-sozialen Programmen befasst; selbst politisch ist es dort schon schwieriger, weil es Konsens gab. Militärisch, dieses Wort kannte man dort einfach nicht. Das Problem besteht darin, dass Europa jetzt innerhalb seiner eigenen Strukturen, die für Krieg nicht angepasst waren, umgebaut werden muss. Übrigens, es wird umgebaut. Es läuft ein Prozess der Formierung dessen, was Deutschland, Polen, die baltischen Staaten, die skandinavischen Länder zu tun versuchen. Und in Wirklichkeit reagiert Europa doch. Wiederum: Man hat der Ukraine einen Kredit gegeben, obwohl man natürlich alle russischen Gelder hätte nehmen müssen, aber nun, was soll man jetzt machen? Natürlich hat Belgien, mit Frankreich hinter seinem Rücken, riesige Interessen, alles klar. Und natürlich wurde laviert. Aber Merz hat den Kredit doch durchgedrückt, es wird Geld gegeben, die Ukraine kämpft, das heißt, Europa ist in diesem Fall aufgewacht. Das Potenzial ist doch da.
Portnikov. Das heißt, die europäischen Institutionen sind doch lebensfähiger als die euroatlantischen. Sie haben, ich versuche zu sagen, nicht das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.
Kasparov. Deshalb wenden wir uns an Europa, weil es nur hier handlungsfähige Institutionen gibt. Und…
Portnikov. Sagen Sie mir bitte: Wenn Ihrer Meinung nach die NATO nicht funktioniert, welche Sicherheitsgarantien kann es dann in der Welt überhaupt für mittlere Staaten geben, von denen der Premierminister Kanadas, Michael Carney, sprach? Zelensky bespricht mit Trump die ganze Zeit Sicherheitsgarantien.
Kasparov. Das sind keinerlei Garantien. Hören Sie, in Budapest wurden alle Garantien gegeben. Alles, alles ist klar. Jetzt trollt der Iran die Amerikaner ironischerweise und sagt: „Ihr habt der Ukraine doch Garantien gegeben.“ Garantie bedeutet eine VeränderungderallgemeinenSituationinderWelt, in Wirklichkeit.
Portnikov. Das ist eine gute Antwort.
Kasparov. Heute hat die Ukraine die Geopolitik verändert. In Wirklichkeit, ich sage es ja, es findet die Schaffung eines neuen Koordinatensystems statt. Wie es aussehen wird, weiß ich nicht. Natürlich wird dafür eine nukleare Komponente nötig sein, aber die gibt es auch in Europa. Es würde mich nicht wundern, wenn morgen im Prinzip auch in Deutschland und Polen der Prozess der Schaffung einer solchen nuklearenKomponente beginnt. Ich hoffe, dass es dazu nicht kommt. Aber mir scheint, dass das Ergebnis des ukrainischen Krieges, das sich bereits abzeichnet und für Putin negativ sein wird, doch eine neue Sicherheitsstruktur schaffen muss; denn wenn Putin sein Potenzial verliert und Russland zusammenbricht, bleibt China.
Nun, bei China ist doch nicht alles so einfach. Alle sagen: Taiwan wird jetzt erobert. Aber dort gibt es ja nicht nur Amerika, dort gibt es unter anderem Japan. Und wir sollten nicht vergessen, dass es ein Land ist, das eine große Erfahrung mit den Chinesen hat, eine besondere. Und wie viel Zeit Japan brauchen wird, um eine Atombombe zu bauen, wenn es das will.
Portnikov. Einige Monate, denke ich.
Kasparov. Eben. Deshalb – wieder braunsche Bewegung, wieder, entschuldigen Sie, benutze ich diese Begriffe, Chaos – aber daraus zeichnen sich gewisse Konturen ab. Und wieder ist der Gravitationspunkt der Sammlung die Ukraine, der ukrainische Krieg; ich sage doch, er ist zur Hauptfront des weltweiten Kampfes von Freiheit und Tyrannei geworden. Mir scheint nur, dass dieser Krieg in Wirklichkeit auch mit dem Krieg im Nahen Osten verbunden ist. Hier ist es komplizierter, weil viele Menschen deswegen, wie man sagt, hysterisch werden. Aber im Prinzip, wenn man hinschaut, kämpft Israel mit derselbenKoalition.
Portnikov. Die gegen die Ukraine kämpft.
Kasparov. Im Grunde sind die Feinde dieselben. Natürlich ist Russland heute dort weniger sichtbar, obwohl das von Anfang an, seit der Gründung dieser Organisation, der PLO, im Grunde alles Moskau war. Man hat sie 1964 in Moskau geschaffen.
Portnikov. Paradoxerweise wollen die Ukraine und Israel selbst nicht anerkennen, dass das hier bereits ein gemeinsames Problem ist; sie werfen es wie eine heiße Kartoffel hin und her.
Kasparov. Das erste Problem mit Israel ist das Problem Netanyahu. Und ich denke, dass er insgesamt ein gesondertes Thema ist; leider hat Israel einen Führer, der insgesamt auch andere Spiele spielt. Ich bin überzeugt, dass er in Trumps erster Amtszeit das Bindeglied zwischen Putin und Trump war. Und jetzt versucht er die ganze Zeit, irgendeine Zwischenvariante zu finden.
Portnikov. Löst es in Ihnen keinen inneren Schrecken aus, dass nun so große Hoffnungen auf die Vernunft der Länder gesetzt werden, die den Zweiten Weltkrieg verloren haben – Deutschland und Japan –, als Gegengewicht zum faktischen Fehlen von Vernunft bei den Siegerländern?
Kasparov. Vielleicht ist das eine neue Lehre der Geschichte, das ist paradox, aber ich sage ja, die Welt besteht überhaupt aus Paradoxien. Dass in der neuen Sicherheitskonfiguration in Asien und Europa Deutschland und Japan eine wichtige Rolle spielen können, das klingt natürlich für unsere Generation seltsam.
Portnikov. Seltsam, ja, aber das ist doch eine Tatsache.
Kasparov. Aber vielleicht liegt darin eine gewisse historischeLogik. Das sind Länder, die gelitten haben und durch all das hindurchgegangen sind. Denn heute findet in Deutschland in Wirklichkeit eine Revolution des Bewusstseins statt. Generationen von Deutschen wurden darin erzogen, dass „wir im Prinzip schuldig sind“, dass Krieg schlecht ist, dass selbst Waffenproduktion ebenfalls sehr schlecht ist. Schon der Gedanke, dass deutsche Panzer irgendwann mit Russen in den ukrainischen Steppen kämpfen könnten, wäre nicht einmal in einen Science-Fiction-Film vorgekommen. Jetzt sehen wir in Wirklichkeit, dass in Deutschland eine vollständige Neubewertung stattfindet; ein Prozess läuft. Schmerzliche Prozesse, aber hier erscheint immer eine Möglichkeit, ein Spalt, wenn das System und dieser Phasenübergang stattfindet, es entstehen Spielräume. Deshalb meine ich, dass auch die radikalsten Ideen sich verwirklichen können, sich aber auch nicht verwirklichen können, aber man muss, wissen Sie, das historische Glück beim Schopf packen.
Portnikov. Ich danke Ihnen für dieses Gespräch, Garry. Und ich hoffe, dass wir jedenfalls nach einiger Zeit sehen werden, inwieweit beliebige unerwartete Ideen rationale und realistische Formen annehmen können.
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Art der Quelle:Interview Titel des Originals:Россия после краха: план Каспарова |
Виталий Портников. 23.04.2026. Autor:Vitaly Portnikov,Garry Kasparov Veröffentlichung / Entstehung:23.04.2026. Originalsprache:ru Plattform / Quelle:YouTube Link zum Originaltext:
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Noch vor kurzem schien die italienische Ministerpräsidentin und Führerin der Ultrarechten, Giorgia Meloni, die treueste Verbündete des amerikanischen Präsidenten Donald Trump zu sein. Die Nähe der ideologischen Ansichten, die persönliche Sympathie – all das führte dazu, dass sogar die Führer anderer europäischer Länder gerade auf Frau Meloni setzten, wenn es darum ging, einen besonderen Zugang zum Herzen des amerikanischen Präsidenten zu finden. Und Trump schien sich ebenfalls nicht lumpen zu lassen und überschüttete die Chefin der italienischen Regierung mit Komplimenten.
Doch nun hat sich alles ins Gegenteil verkehrt. Kein Tag vergeht ohne Kritik des Präsidenten der Vereinigten Staaten am italienischen Regierungschef. Zunächst unterstützte Giorgia Meloni den Nahostkrieg Donald Trumps nicht, und der amerikanische Präsident erinnert ständig daran und tat dies auch heute, indem er den italienischen Ministerpräsidenten erwähnte und betonte, dass die Beziehungen zu jenen Ländern, die ihn im Iran nicht unterstützt haben, nicht mehr so sein werden wie zuvor. Hinzu kam eine besondere Situation im Zusammenhang mit der Kritik, die Donald Trump am Papst Leo XIV. äußerte, indem er erklärte, ein solcher Papst sei für ihn nicht akzeptabel und der Pontifex verdanke ihm, Trump, überhaupt erst seinen Thron.
Natürlich konnte Giorgia Meloni nicht anders handeln. Der Krieg im Nahen Osten genießt in der italienischen Gesellschaft keine Popularität. Und was die Autorität des Papstes betrifft, so wäre es für jeden, selbst für den populärsten italienischen Politiker, politischer Selbstmord, die grobe Kritik am Pontifex zu ignorieren. Der Rating von Giorgia Meloni war stetig gesunken. Er war gesunken – und könnte nun wieder in etwa im gleichen Verhältnis steigen.
Warum? Weil wir bereits gesehen haben, dass, wenn Donald Trump oder sein Vizepräsident J. D. Vance jemanden in Europa unterstützen, dieser Politiker mit Unverständnis bei einem großen Teil der Wähler rechnen kann. Ein hervorragendes Beispiel ist die Unterstützung Donald Trumps für den umstrittenen ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán sowie die Reise des Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten J. D. Vance nach Budapest als Wahlkämpfer für Orbán. Wie bekannt ist, kostete diese Reise Orbán mehrere Prozentpunkte an Wählerunterstützung. Zumindest zeigten dies die ungarischen Vorwahlumfragen.
Auch viele andere europäische Politiker meiden derzeit Trump, wie der Teufel das Weihwasser, und verstehen, dass, wenn er jemanden kritisiert, dies höchstwahrscheinlich Sympathie gerade in dem Land hervorrufen wird, dessen Führung er angreift.
Etwas Ähnliches kann auch mit Giorgia Meloni geschehen. Sie hat erst kürzlich ein für sie bedeutendes Referendum über die Reform des Justizsystems verloren. Viele begannen zu sagen, dass es ihr kaum gelingen werde, ihre frühere Popularität zu bewahren. Und nun tritt die italienische Ministerpräsidentin in der Rolle der Verteidigerin der nationalen Souveränität und der Ehre des Papstes auf, der vom Präsidenten der Vereinigten Staaten beleidigt wird – und übrigens auch von dessen Vizepräsidenten, der weiterhin auf die Nachfolge hofft und zudem ein neu bekehrter Katholik ist.
Es ist klar, dass für viele Italiener diese Aussagen Donald Trumps ein echtes Gütesiegel darstellen werden, das bestätigt, dass sie sich nicht geirrt haben, als sie bei den Wahlen zum italienischen Parlament für die Partei von Giorgia Meloni gestimmt haben.
Schlimm ist etwas anderes: dass wir in eine Situation geraten sind, in der Äußerungen des Präsidenten der Vereinigten Staaten über einen europäischen Politiker genau die entgegengesetzte Reaktion hervorrufen, als der amerikanische Präsident erwartet; dass die Unterstützung durch den Präsidenten eines Staates, der noch vor kurzem der wichtigste der demokratischen Welt war, bei den Wählern unweigerlich die Überzeugung erzeugt, dass dieser Politiker die nationalen Interessen nicht vertritt und überhaupt nicht das Land führen sollte. Und wenn der Präsident der Vereinigten Staaten sich mit beleidigenden Aussagen an einen europäischen Regierungschef richtet, dann bedeutet dies für den Wähler in Europa gerade, dass es sich um einen gefestigten politischen Akteur handelt.
Noch vor kurzem war alles anders. Wenn der Präsident der Vereinigten Staaten sich zu einem Politiker oder einer öffentlichen Person äußerte, wurde dies ganz anders wahrgenommen, weil der Präsident der Vereinigten Staaten über etwas verfügte, das Donald Trump katastrophal fehlt – Respekt und moralische Autorität.
Andererseits kann man sagen, dass Trump selbst nie nach dieser moralischen Autorität strebte. Sowohl er selbst als auch sein Vizepräsident J. D. Vance, Außenminister Marco Rubio und andere amerikanische Beamte haben wiederholt deutlich gemacht, dass von Moral in der Politik keine Rede sein könne. Mit genau solchen Aussagen wandte sich J. D. Vance, wie bekannt, in seiner beschämenden Rede auf der Münchner Konferenz an das Publikum. Mit ähnlichen Ausfällen trat Donald Trump vom Podium des Weltwirtschaftsforums in Davos auf.
Wenn also Unmoral als wichtigstes politisches Instrument vom Präsidenten der Vereinigten Staaten selbst formuliert wird und von jenen, die sich in seinem Umfeld bewegen, unterstützt wird, dann kann man sagen, dass auch die Europäer dem amerikanischen Präsidenten mit derselben Münze des mangelnden Respekts antworten können – in dem Verständnis, dass von Moral in der Politik, wenn es um Donald Trump geht, keine Rede sein kann.
Deshalb würde ich an Stelle von Giorgia Meloni die herablassende Kritik Donald Trumps, die sie offensichtlich nicht verdient hat, nicht allzu ernst nehmen. Denn in Wirklichkeit kann diese Kritik zu einem echten politischen Geschenk für die italienische Ministerpräsidentin werden, nicht nur ihre Amtszeit verlängern, sondern auch ihre Chancen auf politisches Überleben selbst dann sichern, wenn man Donald Trump und seine politische Karriere bereits zu vergessen beginnt.
Und ich habe den Verdacht, dass kein zukünftiger Präsident der Vereinigten Staaten sich erlauben wird, sich in derart grober Weise über Kollegen zu äußern, mit denen die Vereinigten Staaten strategische Beziehungen verbinden. Denn letztlich bleiben – ungeachtet aller Ausfälle, die wir seit Trumps Rückkehr ins Oval Office hören – die nationalen Interessen der Vereinigten Staaten unverändert, und die Sicherheit dieses Landes hängt von den Positionen ab, die die Vereinigten Staaten in ihren Beziehungen zu europäischen Partnern einnehmen, insbesondere wenn es um Sicherheit geht.
Und diese Wahrheit lässt sich durch keine Inkompetenz und Parteilichkeit Donald Trumps auslöschen, der hartnäckig versucht, so offensichtliche, durch die Zeit und vor allem durch zwei Weltkriege bestätigte Fakten zu ignorieren, die den Amerikanern eigentlich hätten zeigen müssen, wie wichtig Europa für das Überleben der Vereinigten Staaten selbst ist. Doch für Menschen wie Donald Trump, wie bekannt, existieren historische Beweise nicht.
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Art der Quelle:Artikel Titel des Originals:Трамп атакует Мелони | Виталий Портников. 15.04.2026. Autor:Vitaly Portnikov Veröffentlichung / Entstehung:15.04.2026. Originalsprache:ru Plattform / Quelle:YouTube Link zum Originaltext:
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