Wenn Europa wieder zwischen Extremen wählen muss. Vitaly Portnikov. 21.01.2026.

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Die Ergebnisse des ersten Wahlgangs der Präsidentschaftswahlen in Portugal unterstreichen lediglich eine Tendenz, die sich in Europa und im Westen insgesamt weiter verstärkt. In die Stichwahl zogen der Vertreter der traditionellen Linken António José Seguro sowie der Vorsitzende der ultrarechten Partei Chega André Ventura ein.

Dabei ist keine besondere Konsolidierung rund um einen gemäßigten Kandidaten zu beobachten. Der Premierminister des Landes und Vorsitzende der Konservativen Luís Montenegro agiert vorsichtig, weil er die Beziehungen zum ultrarechten Elektorat nicht verschärfen möchte – mehr noch, er versucht, dieses für sich zu gewinnen. Eine solche Unentschlossenheit stärkt jedoch lediglich die Positionen der Ultrarechten.

In Europa gibt es bereits Länder – darunter auch führende –, in denen gerade die Ultrarechten die wichtigsten Parteien des rechten Spektrums darstellen, während die traditionellen Konservativen nur dank fragiler Bündnisse mit den traditionellen Linken und den Liberalen an der Macht bleiben. Das erleichtert ultrarechten Politikern von Washington bis Budapest die Aufgabe, die traditionellen Konservativen der Preisgabe ihrer Prinzipien zu bezichtigen.

Kommt es jedoch nicht zu einer solchen Konsolidierung, werden die Ultrarechten bei Präsidentschafts- und Parlamentswahlen in ganz Europa immer häufiger siegen.

Eine weitere Folge dieses Prozesses wird – falls sie nicht bereits eingetreten ist – darin bestehen, dass die Linken die einfache Tatsache erkennen: Sie können gegen die modernen Postfaschisten nicht mit Samthandschuhen kämpfen, und für ihren Erfolg brauchen sie eigene Radikale. Das geschieht bereits beispielsweise in Frankreich, wo der populärste Politiker des linken Lagers der umstrittene Jean-Luc Mélenchon ist.

In der Folge könnten den Europäern schon bald jene Wahlmöglichkeiten präsentiert werden, die sie vor hundert Jahren bereits einmal hatten – die Wahl zwischen Adolf Hitler und Ernst Thälmann.


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Autor / Verfasser / Kanal: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 21.01.2026.
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Der Grönland-Skandal traf die Ukraine | Vitaly Portnikov. 20.01.2026.

Der Präsident der Ukraine, Volodymyr Zelensky, hat auf einen Auftritt beim Internationalen Wirtschaftsforum in Davos verzichtet, da er sich nach einem weiteren barbarischen Angriff der Russen auf das ukrainische Energiesystem entschlossen hat, im Land zu bleiben.

Der Aufenthalt Zelenskys auf diesem prestigeträchtigen internationalen Forum hätte zu den wichtigsten Ereignissen seiner Reise zählen sollen – vor allem im Zusammenhang mit den erwarteten Kontakten des ukrainischen Präsidenten mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump. Der Präsident der Vereinigten Staaten und der Präsident der Ukraine sollten sich nicht nur treffen, sondern auch ein Abkommen über den Beitrag der Vereinigten Staaten zum sogenannten ukrainischen Wohlstand unterzeichnen. 

Meiner Ansicht nach wirken jedoch derzeit jegliche Abkommen über amerikanische Investitionen in den Wiederaufbau der ukrainischen Wirtschaft geradezu blasphemisch. Schon allein deshalb, weil die Vereinigten Staaten nicht nur nicht auf Putins Versuche reagieren, ukrainische Bürger in ihren Wohnungen erfrieren zu lassen, sondern gleichzeitig den russischen Präsidenten in den sogenannten Friedensrat einladen, den Donald Trump vor allem zur Regelung der Lage im Nahen Osten schaffen will, der aber offenbar auch zur Förderung der Beilegung aller Konflikte dienen soll, die sich heute weltweit abspielen.

Und natürlich wirkt die Anwesenheit unter den von ihm in den Friedensrat Eingeladenen des russischen Präsidenten Putin und seines belarussischen Kollegen Lukashenko – von dessen Territorium aus bekanntlich 2022 der Angriff auf unser Land erfolgte und der ein treuer Verbündeter des russischen Aggressors bleibt – wie ein offener Hohn des Präsidenten der Vereinigten Staaten gegenüber der Ukraine, gerade vor dem Hintergrund einer möglichen Begegnung der Präsidenten der Ukraine und der USA in Davos.

Darüber hinaus muss gesagt werden, dass sich nun auch die Grönland-Krise auf die Situation möglicher Vereinbarungen zwischen der Ukraine und den Vereinigten Staaten auswirkt. Wie bekannt ist, sollten der Präsident der Vereinigten Staaten, der Präsident der Ukraine und die europäischen Staats- und Regierungschefs gerade deshalb zusammentreffen, um Sicherheitsgarantien für die Ukraine und den Beitrag des Westens zum Wiederaufbau der ukrainischen Wirtschaft zu erörtern, falls es tatsächlich gelingen sollte, den russisch-ukrainischen Krieg in absehbarer Zeit zu beenden. Zwar gibt es bislang keinerlei objektive Gründe anzunehmen, dass dies tatsächlich geschehen wird. Die Grönland-Krise kann jedoch Putins Entschlossenheit, die Kampfhandlungen fortzusetzen, nur noch verstärken.

Nun versuchen die Europäer selbstverständlich, vor allem mit Trump über Grönland zu sprechen und nicht über die Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges. Dafür gibt es offensichtliche Gründe. Erstens: Inwieweit kann man überhaupt mit den Amerikanern über irgendwelche Sicherheitsgarantien für die Ukraine sprechen, wenn der Präsident der Vereinigten Staaten nichts Besonderes darin sieht, die territoriale Integrität Dänemarks zu verletzen – eines langjährigen Verbündeten im Nordatlantischen Bündnis, eines Landes, dessen territoriale Integrität und Souveränität die Vereinigten Staaten zu schützen versprochen haben und dessen Zugehörigkeit Grönlands wiederholt in zahlreichen internationalen Verträgen sowie in bilateralen Abkommen zwischen den Vereinigten Staaten und Dänemark anerkannt wurde.

Wenn der Präsident der Vereinigten Staaten all diese Verpflichtungen, die seine Vorgänger eingegangen sind, nicht ernst nimmt, worin unterscheidet sich dann Kyiv von Kopenhagen, und in welchem Maße kann man überhaupt irgendwelchen Vorschlägen vertrauen, die nun aus dem Weißen Haus vor dem Hintergrund der Grönland-Krise kommen?

Es liegt daher auf der Hand, dass die europäischen Staats- und Regierungschefs bei ihrem Treffen mit Donald Trump bereits am nächsten Tag in erster Linie versuchen werden, die Sichtweise des Präsidenten der Vereinigten Staaten auf einen Ausweg aus der Grönland-Krise zu verstehen, die Situation zu entschärfen und die euroatlantische Einheit zu bewahren, die sich buchstäblich vor unseren Augen in Nichts auflöst – und erst danach Fragen gemeinsamer Maßnahmen im Hinblick auf den russisch-ukrainischen Krieg zu klären.

Man kann völlig objektiv feststellen, dass die Situation rund um Grönland der Ukraine im Hinblick auf die Aufmerksamkeit des Westens schlicht schadet. Denn sich auf die Frage der Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges zu konzentrieren, ist in einer Lage, in der es keine Einigkeit unter den Verbündeten gibt und in der europäische Länder gerade im Zusammenhang mit der Ukraine dem Risiko einer Erpressung durch die Vereinigten Staaten ausgesetzt sind, äußerst schwierig. Etwa nach dem Muster: „Wenn ihr meine Rechte an Grönland nicht anerkennt, werde ich euch keine Waffen für die Ukraine verkaufen und auch nicht mehr mit Putin sprechen.“ In einer solchen Situation wirkt jeder Dialog, gelinde gesagt, wenig ernsthaft.

Die Amerikaner selbst setzen ihre Gespräche jedoch fort – allerdings ausschließlich mit der russischen Delegation. Nach Davos ist bekanntlich der Sondergesandte des russischen Präsidenten, Kirill Dmitrijew, gereist, der in den letzten Monaten von Putin für ständige Kontakte mit der Administration von Präsident Trump eingesetzt wird. Ich erinnere daran, dass gerade Dmitrijew – offenbar gemeinsam mit dem außenpolitischen Berater Präsident Putins, Juri Uschakow – der Autor jenes Friedensplans war, der später als Trump-Plan bezeichnet wurde. Möglicherweise deshalb, weil zu den vom Kreml vorgeschlagenen Punkten der Schwiegersohn von Präsident Trump, Jared Kushner, die Idee der Schaffung eines Friedensrates für die Ukraine hinzufügte, nach dem Vorbild jenes Friedensrates, der nach dem Waffenstillstand im Gazastreifen geschaffen wurde.

Obwohl es mir derzeit scheint, dass es gar keine verschiedenen Friedensräte geben wird, da Trump versucht, eine neue internationale Organisation unter seinem eigenen Vorsitz zu schaffen – mit derselben Beteiligung von Stephen Witkoff und Jared Kushner an der Führung dieser Organisation. Und selbstverständlich mit der Präsenz von Putin und Lukashenko.

Auf diese Weise setzen die Vereinigten Staaten das Gespräch mit Russland fort, so als wünsche Moskau tatsächlich ein Ende des russisch-ukrainischen Krieges. Was jedoch reale ukrainisch-amerikanische Kontakte betrifft, ist dies bereits eine gute Frage. Wenn Volodymyr Zelensky überhaupt nicht in die Schweiz reist, ist völlig unklar, wann nun sein nächstes Treffen mit Präsident Donald Trump stattfinden wird. Vor allem aber verstehen wir nicht, ob ein Treffen zwischen Trump und Zelensky in Davos überhaupt stattfinden wird – und worüber sie sprechen sollen.

Selbst wenn ein solches Treffen tatsächlich geplant sein sollte und Zelensky doch noch in den Schweizer Bergkurort reist, wird er Fragen Donald Trumps zu seiner eigenen Teilnahme am Friedensrat beantworten müssen. Dabei sollte man daran erinnern, dass Zelensky – wie er selbst sagt – kaum mit großer Freude an einer neuen Struktur teilnehmen wird, zu der Putin und Lukashenko eingeladen sind. Denn das wäre eine völlig offensichtliche und absurde Verhöhnung der Ukraine nach vier Jahren eines blutigen großen russisch-ukrainischen Krieges und fast zwölf Jahren des russisch-ukrainischen Konflikts, der mit der Annexion der Krim begann – jener Annexion, die heute offenbar Donald Trump zu einer Annexion Grönlands inspiriert und es dem Präsidenten der Vereinigten Staaten erlaubt, über das Schicksal einer Insel zu sprechen, die ein autonomer Staat und Teil des Königreichs Dänemark ist, als ob internationaler Souveränität überhaupt nicht existierte und alles durch das Recht der Stärke entschieden werden könne.

Und wer hat als Erster verstanden, dass man so handeln und keine angemessene Reaktion des Westens zu befürchten hat? Das war keineswegs Donald Trump. Das war in erster Linie Putin mit seinem Krim-Abenteuer, das sich nun vor dem Hintergrund der Absichten des amerikanischen Präsidenten rasch von einer regionalen zu einer weltweiten Abenteuergeschichte zu entwickeln droht.


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Titel des Originals: Гренландський скандал вдарив по Україні | Віталій Портников. 20.01.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 20.01.2026.
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Das erste Jahr von Trump: Bilanz | Vitaly Portnikov. 19.01.2026.

Gespräch mit dem ehemaligen Premierminister der Ukraine, Arseny Yatsenyuk.

Der erste Jahrestag der Amtszeit des Präsidenten der Vereinigten Staaten Donald Trump im Weißen Haus ist natürlich ein Ereignis, über das heute und morgen praktisch alle sprechen werden. Umso mehr, als dieser erste Jahrestag vor dem Hintergrund aktiver Ereignisse in der Weltpolitik stattfindet. Ich würde sogar sagen: vor dem Hintergrund eines echten Erdbebens in der Weltpolitik. Und wir haben beschlossen, diese Situation, die Bilanz, die Ergebnisse mit dem Gast unserer heutigen Sendung zu besprechen – dem ehemaligen Premierminister und übrigens Außenminister der Ukraine, Arseny Yatsenyuk. Als ich über eine Bilanzsendung nachdachte und über das Jahr Donald Trumps sprach, habe ich mich erneut davon überzeugt, dass der Journalismus heutzutage im Grunde, ich würde sagen, ein unglückliches Schicksal hat, weil es traditionell praktisch unmöglich ist, irgendeine Bilanz zu ziehen. Welche Bilanz kann es geben, wenn die Nachrichten allen noch so kühnen Prognosen und Schlussfolgerungen voraus sind? Wenn wir jetzt die Krise sehen, die sich sowohl um Donald Trumps Anspruch auf Grönland als auch um die Schaffung dieses Friedensrates abspielt – buchstäblich ein paar Minuten vor unserer Sendung wurde bekannt, dass der Präsident Frankreichs Emmanuel Macron die Einladung Donald Trumps zu diesem Rat ablehnen will, in den zusammen mit dem französischen Staatschef auch der russische Führer Putin und der belarussische Diktator Lukashenka eintreten sollen. Und übrigens, soweit ich das verstehe, beeilt sich auch Putin nicht, dort einzutreten, weil er verstehen will, was er dort überhaupt tun soll. Und das erlaubt es im Prinzip, das mit einem einzigen Wort zu charakterisieren, was wir dieses ganze Jahr sehen. Vielleicht ist es logisch verständlich, vielleicht ist es erklärbar – aber Chaos.

Yatsenyuk. Wissen Sie, ich hätte nie gedacht, dass wir in solchen geopolitischen Bedingungen eine Sendung machen würden. Ich hätte alles Mögliche prognostizieren können, aber eine Prognose dessen, was jetzt in der Welt passiert – und das ist eine Prognose völligen Chaos, eines vollständigen Fehlens jeglichen Völkerrechts – das hätte ich nie erwartet. Es war ohnehin schwach, und es wurde teilweise bereits ab dem Moment zerstört, als Russland in Georgien einmarschierte und als Russland die Krim annektierte. Und es gab sehr viele Präzedenzfälle, in denen das Völkerrecht faktisch keine Rolle spielte. Aber dass die Vereinigten Staaten von Amerika als Führer der freien Welt die Frage der Annexion des Territoriums eines NATO-Mitgliedslandes in Betracht ziehen würden – damit habe ich überhaupt nicht gerechnet. Putin wollte ursprünglich im Grunde ein großes Chaos in der Welt anrichten. Aber ich sehe, dass dieses Chaos in der Welt jetzt nicht nur dank Putin geschieht, sondern auch dank unseres strategischen Verbündeten. Ich wiederhole dieses Mantra weiter, weil ich mich davon ja nicht lösen kann. Das sind die Vereinigten Staaten von Amerika. Insofern haben Sie recht: Wir leben unter völlig neuen Bedingungen. Und das, was in den letzten 12 Monaten passiert ist, habe ich im Prinzip in Bezug auf die Tätigkeit der amerikanischen Administration gegenüber der Ukraine vorhergesagt, aber was die Welt insgesamt betrifft – nein, so etwas habe ich nicht erwartet.

Portnikov. Zumindest könnten Sie als Psychotherapeut tätig werden, denn man könnte sagen, dass das, was die Europäer durchgemacht haben, Sie als Premierminister der Ukraine im Jahr 2014 durchgemacht haben – weil es jetzt alles absolut verständlich erscheint: was Russland tat, was es erreichen wollte. Aber in dem Moment, als die Prozesse auf der Krim begannen, die schließlich zur Annexion führten, waren alle – sowohl in der Ukraine als auch in der Welt – im Zustand des Schocks und konnten nicht glauben, dass Putin so weit gehen würde. Ich erinnere mich sehr gut an eine Sitzung des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates, bei der die Situation diskutiert wurde. Und ich rief bestimmte Teilnehmer dieses Rates an, weil ich mit der anderen Hand versuchte, bei meinen Kollegen in Moskau, mit denen ich damals noch irgendwie kommunizieren konnte, herauszufinden, ob tatsächlich ein großer Krieg geplant ist – ich wollte, dass sie das über ihre Quellen verstehen können. Und während ich gleichzeitig Kontakt zu Menschen in Moskau hielt, die irgendeine Insiderinformation haben könnten, und Kontakt zu Menschen in Kyiv, die vor einer Herausforderung standen, vor der im Leben noch niemand gestanden hatte – weil klar war, dass ein paar Tage vergehen können und ein Teil des ukrainischen Territoriums zum Teil des Territoriums Russlands erklärt würde –, sah ich auf beiden Seiten einen vollständigen Schock. Selbst als ich mit Leuten sprach, die im Prinzip dem Putin-Regime loyal waren, waren sie trotzdem schockiert, weil sie nicht recht verstanden, wie sich die Situation nun entwickeln würde, welche Spielregeln es überhaupt geben würde. Aber jetzt, wo zu Putins Wunsch, alles zu zerstören, Trumps Wunsch, alles zu zerstören, hinzugekommen ist, können Sie der Premierministerin Dänemarks oder dem Premierminister Grönlands erzählen, wie man aus diesem Schock herauskommt. Was soll man überhaupt tun? Duschen, Wodka trinken? Welche Methoden gibt es überhaupt für Politiker, die in einer Welt ohne Regeln leben, um nicht verrückt zu werden?

Yatsenyuk. Sie haben gehört, was Kaja Kallas, faktisch die Außenministerin der Europäischen Union, gesagt hat, es sei Zeit, mit dem Trinken anzufangen. Ich denke, das ist keine Lösung, weil Vergessen zu nichts führt. Man muss vor allem aus der Lähmung herauskommen. Wissen Sie, Sie haben an 2014 erinnert. Ich erzähle Ihnen ein paar solcher Einblicke darüber, dass im Jahr 2014 die ganze Welt gelähmt war – angefangen beim Oval Office bis hin zu all unseren Verbündeten im Westen. Niemand wusste, was überhaupt zu tun ist. Mehr noch: Es gab eine gewisse Distanzierung oder eine Weigerung, die Realität anzunehmen. Diese Weigerung, die Realität anzunehmen, war vor allem in Europa. 

Als man beweisen musste, dass es auf der Krim keine „grünen Männchen“ sind, sondern die reguläre russische Armee; dass Putin nicht aufhören wird; dass es nicht funktionieren wird, sich mit ihm einfach durch Dialog darauf zu einigen, dass er von der Annexion der Krim ablässt; dass man nicht nur symbolische, sondern reale Sanktionen einführen muss; dass man der Ukraine Waffen geben sollte; dass es in Europa überhaupt Krieg geben kann. Und darauf war niemand vorbereitet – ganz zu schweigen davon, dass Nord Stream gebaut wurde. 

Und im Prinzip änderte Merkel die Politik Deutschlands gegenüber der Ukraine, weil die Politik Deutschlands gegenüber der Ukraine sehr spezifisch war, da dort immer prorussische Kräfte gabs. Ich nenne sie nicht einmal prorussisch. Das sind, wissen Sie, so sentimental-russische Kräfte, die enge Beziehungen zur Russischen Föderation hatten, die noch diese Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg hatten, einen Schuldkomplex. Nur musste man ihnen immer erklären, dass dieser Schuldkomplex sich nicht auf Russland bezieht, sondern auf die Völker der ehemaligen Sowjetunion. Und die Ukraine war mit Millionen Opfern im Zweiten Weltkrieg die erste. 

Aber die Schlüsselsache, bei der wir auf verschiedenen Seiten der Barrikaden standen, war der berüchtigte Nord Stream. Und daher musste man in jeder Phase einfach erzählen: Schaut, dieses Russland, das ihr euch ausgemalt habt, und dieser Putin, der Präsident Bush gefiel, existieren nicht. Das ist ein Mitarbeiter des KGB der UdSSR, der eure Mentalität sehr gut lesen kann. Und Sie sprachen von Psychotherapie – dort brauchte man Psychoanalyse und überhaupt eine richtige Geheimdienstarbeit all unserer westlichen Verbündeten. „Er lügt euch an. Und ihr müsst euch dessen bewusst werden.“ Stellen Sie sich vor: Weltführer wie Putin – sie sind Lügner. Und es ist für ihn sehr leicht, alle Westler zu manipulieren. Warum? Weil er weiß, wie es bei ihnen aufgebaut ist. Sie handeln nach sehr klaren Algorithmen. Und er handelt ebenso nach einem sehr klaren Algorithmus – nur ist das der Algorithmus der fünften Hauptverwaltung des KGB der UdSSR. Lügen und eine neue Realität durch eine Lüge zeigen, an die alle noch glauben sollen. 

Was kann ich also raten? Verstehen Sie: Die Lähmung, die heute da ist und die seit Jahrzehnten beobachtet wird, hat zu diesem Chaos geführt. Schauen Sie sich nur die Situation mit Grönland an, verstehen Sie? Das ist keine proaktive, sondern eine reaktive Politik. Es war sofort klar, dass, wenn Präsident Trump über Grönland gesprochen hat – und das ist nicht seine erste Aussage, ich erinnere Sie daran, das war schon in seiner ersten Amtszeit –, dann muss man etwas damit machen. Zumindest: Rufen Sie den NATO-Rat zusammen, schlagen Sie ein gemeinsames Format vor, damit der Generalsekretär der NATO zusammen mit den NATO-Mitgliedstaaten eine neue Militärdoktrin vorschlägt, die die Vereinigten Staaten einbindet und zeigt: Wenn euch die Sicherheitsfrage beunruhigt, dann sind wir als NATO-Mitglieder bereit, uns einzubringen. Es kann verschiedene Modelle geben. Erinnert wenigstens daran, dass Grönland übrigens kein Mitglied der Europäischen Union ist. Damit die Zuschauer wissen: Es ist kein Mitglied der Europäischen Union, obwohl es ein autonomer Teil Dänemarks ist. Sie haben 1985, glaube ich, ein Referendum durchgeführt und sind damals nicht aus der Europäischen Union, sondern noch aus der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft ausgetreten. Schlagen Sie schließlich in Grönland selbst ein Referendum über den Beitritt zur Europäischen Union vor oder vielleicht über andere Fragen – nun, über den Beitritt zu den Vereinigten Staaten –, obwohl klar ist, dass dann eine Antwort der Bevölkerung Grönlands kommen wird und höchstwahrscheinlich eine positive Antwort für die Europäische Union.

Warum sage ich das alles? Wenn man keine eigene Agenda hat, wird diese Agenda von anderen geformt. Und wenn man das Jahr von Präsident Donald Trump zusammenfasst, kann man klar sagen: Die ganze Welt dreht sich in den letzten 12 Monaten um seine Person. Es ist ihm gelungen, eine Politik zu formen – sowohl innen- als auch außenpolitisch –, in der im Grunde alle über Trump sprechen, alle Trump zuhören, alle von Trump seine unerwarteten Handlungen erwarten, alle diese unerwarteten Handlungen bekommen und danach nicht wissen, was sie damit tun sollen.

Portnikov. Dem stimme ich natürlich zu, aber wissen Sie, hier gibt es auch eine ziemlich wichtige Parallele, an die man erinnern muss: Sie sprachen von der Sentimentalität des Westens gegenüber der Ostpolitik, gegenüber Russland. Das war ja nicht einfach Sentimentalität aufgrund des Kriegs. Das war tatsächlich Sentimentalität gegenüber der Ostpolitik von Bundeskanzler Willy Brandt. Und man meinte: Wenn Willy Brandt und Helmut Schmidt sich mit Breschnew verständigen konnten, und Helmut Kohl sich mit Gorbatschow verständigen konnte – warum kann man sich nicht mit Putin verständigen? Schließlich fand jeder Bundeskanzler praktische Möglichkeiten zur Verständigung mit dem sowjetischen oder russischen Führer. Auch jeder französische Präsident: Valéry Giscard d’Estaing verständigte sich mit Breschnew, und François Mitterrand verständigte sich mit Gorbatschow. Nun, und alles war in Ordnung. Warum sollte es mit Putin nicht so sein?

Yatsenyuk. Weder der eine noch der andere waren Berufsoffiziere des Komitees für Staatssicherheit der UdSSR. Und die Sowjetunion war keine mafiöse Struktur wie das heutige KGB Russlands, das dort aufgebaut worden ist.

Portnikov. Aber es gibt noch einen Moment: Mit Trump ist die Situation genau so. Jetzt denkt jeder westliche Führer: „Wenn wir uns mit allen US-Präsidenten verständigt haben, und sie waren sehr unterschiedlich. Es ist schwer, Barack Obama und George W. Bush zu vergleichen. Es ist schwer, Bill Clinton und Ronald Reagan zu vergleichen. Aber wir haben immer Verständnis mit amerikanischen Präsidenten gefunden. Werden wir mit diesem etwa keins finden?“ Und sie suchen nach Möglichkeiten. Aber dieser Präsident ist – wie auch der Präsident Russlands – gerade daran interessiert, dass niemand irgendetwas mit ihm finden kann. Und deshalb geraten alle traditionellen Politiker in eine Sackgasse. Ich sehe einfach diese Sackgasse.

Yatsenyuk. Sie haben es ja versucht, und ich sage Ihnen: Selbst ich dachte am Anfang, dass ihre Politik funktionieren könnte. Das ist die Politik der Schmeichelei und eine Politik der Beschwichtigung. Sie erinnern sich an diese berüchtigte Geschichte im Oval Office, als Zelensky, Trump und der Vizepräsident der Vereinigten Staaten J. D. Vance faktisch so eine große geopolitische Show veranstalteten. Denn Zelensky kam damals, um die amerikanische Administration de facto anzugreifen. Und danach begannen unsere europäischen Verbündeten sofort, Trump anzurufen. Und im Prinzip wurde die Situation beigelegt. Man muss festhalten: Das, was im Oval Office geschah, hätte zu einem vollständigen Abbruch der Beziehungen führen können und hätte der amerikanischen Administration im Prinzip vollständig die Möglichkeit geben können, das umzusetzen, was sie wollten. Und sie wollten einfach die ukrainische Sache vergessen. Sie wollten sich von der Geschichte des russischen Krieges gegen die Ukraine abwenden. Aber das ist nicht gelungen. Und es ist auch deshalb nicht gelungen, weil alle den Weg der Schmeichelei gingen, zu einer sehr komplementären Haltung – sie flogen zu Trump. Und im Prinzip war diese Politik eine Standardpolitik aller Mitgliedstaaten der Europäischen Union. Natürlich konnte das der Generalsekretär Rutte am besten, weil er eine sehr lange und solide politische Erfahrung hat. Dann ist da Starmer, der Premierminister Großbritanniens. Dann Alexander Stubb, der Präsident Finnlands. Giorgia Meloni, die Premierministerin Italiens. Es gibt also eine Reihe europäischer Politiker, die meinten: „wenn wir sehr komplementär zu Trump sind, wenn wir ihm ständig applaudieren und ihm ständig entgegenkommen, dann bekommen wir nicht das, was wir zum Beispiel mit Grönland bekommen haben“. Und nicht nur mit Grönland, sondern auch noch, dass die Länder, die gegen die faktische Annexion Grönlands sind, zusätzliche 10 % Zoll bekommen können – also zusätzlich zu den 15 %, auf die man sich bereits geeinigt hat. Das sind 25 % Zölle auf Waren, die aus acht Ländern – EU-Mitgliedern und Nicht-EU-Mitgliedern, weil Großbritannien kein EU-Mitglied ist – in die Vereinigten Staaten geliefert werden können und geliefert werden, nur weil sie sagten: „Hört zu, das widerspricht doch eigentlich unseren Werten. Das widerspricht nicht nur Werten. Wir, Länder, NATO-Mitglieder, können nicht gegeneinander Krieg führen.“ Ich stelle mir einfach den Applaus in Moskau und in Peking vor, wenn sie beobachten, was da passiert.

Portnikov. Man kann hier übrigens noch eine Parallele ziehen: die Schaffung einer erfundenen Realität, die alles erklären kann. Sie erinnern sich: Als Putin die Krim annektierte, erzählte man von irgendeinem „Zug mit Bandera-Leuten, die auf die Krim fahren“, davon, dass „morgen, wenn es keine Russen auf der Krim gibt, dort NATO-Truppen sein werden“, davon, dass „Russland die Krim aus Sicherheitsgründen braucht, und diese Sicherheit verletzt wird, wenn NATO-Truppen auf der Krim erscheinen und wenn ukrainische Nationalisten, Bandera-Leute, anfangen, die armen russischen Menschen auf der Krim zu verfolgen“. Und so wurde die Annexion der Krim erklärt. 

Jetzt sehen wir übrigens ein sehr ähnliches Instrumentarium. Alle sprechen davon, dass Grönland den Vereinigten Staaten aus Sicht der nationalen Sicherheit nötig sei. Aber es ist völlig offensichtlich, dass, wenn es wirklich um nationale Sicherheit ginge, man dann Millionen Abkommen mit Dänemark und Grönland hätte schließen können, die selbst immer eine Stärkung der amerikanischen Präsenz wollten. Dänemark – und aus Sicht seiner eigenen nationalen Sicherheit auch die Grönländer – unter anderem deshalb, weil das Arbeitsplätze sind. Und als die Amerikaner übrigens anfingen, das Potenzial und die Zahl ihrer Militärbasen auf der Insel zu reduzieren, führte das zu einem deutlichen Rückgang der Arbeitsplätze in Grönland und wurde zu einer zusätzlichen Last für den dänischen Haushalt, weil Dänemark viel Geld für Grönland bereitstellt. „Die Chinesen haben aus Grönland bereits ihre Halbkolonie gemacht.“ Das entspricht absolut nicht der Wirklichkeit. So etwas gibt es einfach nicht, weil sowohl die dänische als auch die grönländische Regierung alles Mögliche getan haben, um den chinesischen wirtschaftlichen Einfluss auf der Insel aus vielen verschiedenen Gründen zu begrenzen. Und solche Beispiele kann man in großer Zahl anführen. „Die Grönländer wollen den Anschluss an die Vereinigten Staaten.“ In Grönland gab es nie irgendeine politische Kraft, die dafür eintrat, dass Grönland Teil der USA wird. Genau so wie, wie Sie sich erinnern, auf der Krim – zumindest nach dem Scheitern des Abenteuers des ersten und letzten Präsidenten der Autonomie, Yuriy Meshkov – nie eine politische Kraft existierte, die auf der Halbinsel populär war und für den Anschluss an Russland eintrat. Und diese Parallelen sind so offensichtlich, dass man sie gar nicht ziehen möchte. Und das ist auch in gewisser Weise eine Bilanz dieses ersten Jahres. Einfach ein Bruch sämtlicher Regeln nach russischen Schablonen. So, als hätte Putin für Trump ein Lehrbuch geschrieben.

Yatsenyuk. Das ist genau das, womit wir angefangen haben. Ich hätte nie erwartet, dass wir über solche Parallelen nicht nur sprechen, sondern überhaupt an solche Parallelen denken würden. Sie haben über Grönland richtig gesprochen, und hier ein paar historische Fakten, weil ich weiß, dass Sie Geschichte dutzendfach besser kennen als alle Historiker zusammengenommen. Aber zu Grönland: Erstens gibt es ein Abkommen zwischen den Vereinigten Staaten und Grönland. Es wurde nach dem Zweiten Weltkrieg unterzeichnet. Entsprechend diesem Abkommen gibt es dort kein Limit für die Anzahl der Streitkräfte, die die Vereinigten Staaten in Grönland stationieren können. Aber es gibt außerdem eine paradoxe Sache, die mich hier sogar erschreckt. Es stellt sich heraus: Als die Amerikaner von Dänemark die Amerikanischen Jungferninseln kauften – das ist gerade mal etwas über 100 Jahre her; das war, glaube ich, das Jahr 1915,  –unterzeichneten die Vereinigten Staaten einen Kaufvertrag, in dem sie die Souveränität Dänemarks über Grönland anerkannten. Es gab ein separates Dokument, einen Anhang zu diesem Vertrag, genauer: eine Note, eine diplomatische Note, in der die Vereinigten Staaten klar erklärten, dass Dänemark volle Souveränität hat. Und das wurde so verstanden – einschließlich der Souveränität, die die Vereinigten Staaten über Grönland bestätigten. Eben die Souveränität Dänemarks über Grönland. Warum sage ich das? Ich sage, dass das bedeutet, dass Normen des Rechts, internationale Verträge, Abkommen – sie hören überhaupt auf zu existieren.

Portnikov. Und das ist ja dasselbe wie der sogenannte große Vertrag zwischen Russland und der Ukraine, in dem von beiden Seiten die territoriale Integrität des jeweils anderen klar anerkannt wurde. Und übrigens gibt es noch ein Dokument: Der große Vertrag gilt nicht mehr, aber es gibt die Alma-Ata-Erklärung von 1991, in der klar festgelegt ist, dass jede Unionsrepublik die territoriale Integrität der anderen in den Grenzen anerkennt, die zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs der Sowjetunion bestanden. Sie wurde nicht aufgehoben, sie gilt.

Yatsenyuk. Und wir kommen wieder zu einer Situation, in der wir wieder diese schreckliche Parallelen ziehen. Denn wenn es um die Vereinigten Staaten geht – die Vereinigten Staaten als Vorbild und überhaupt als Gründer der modernen Weltordnung –, ich will nicht, dass die Vereinigten Staaten zum Gründer der modernen Welt-Unordnung werden. Sie müssen alle internationalen Verträge und Abkommen klar erfüllen. Klar ist: Was Russland betrifft – Russland hat einen internationalen Vertrag nie als verbindlich angesehen, besonders wenn dieser internationale Vertrag ihm in diesem Moment nicht passt. Und daher ist Denunziation oder Austritt aus so einem Vertrag schon eine Standardgeschichte Russlands, aber nicht von Seiten der Vereinigten Staaten von Amerika. Und wenn wir aktuell über Grönland sprechen, weil Zuschauer eine sehr einfache Frage stellen können: „Hört zu, Leute, warum erzählt ihr uns überhaupt von Grönland? Wie betrifft uns das?“ Dann denke ich, dass wir ihnen einfach nur etwas breiter erklären müssen. Zumindest ist das meine Sicht, dass das die Ukraine direkt betrifft.

Portnikov. Na klar, na klar.

Yatsenyuk. Das Einfachste: schon deshalb, dass heute Davos begonnen hat. Das ist das Internationale Wirtschaftsforum in Davos. Das ist so eine bekannte Plattform aller entwickelten Länder, die im Prinzip schon hätte schließen müssen wegen des Skandals, der Schwab betraf – den ehemaligen Direktor des Internationalen Wirtschaftsforums. Aber weil BlackRock – das größte Investmentunternehmen der Vereinigten Staaten mit einem Vermögen von 13 Billionen US-Dollar – sich bereit erklärt hat, Davos dieses Jahres zu organisieren und faktisch Trump eingeladen hat, wird Davos stattfinden und es wird ein herausragendes Ereignis sein. Wir werden sehen, wie herausragend dieses Ereignis sein wird. Aber in Davos sollte die Hauptfrage die Ukraine sein. Jetzt, nach dem, was mit Grönland passiert, ist die Ukraine auf den zweiten, dritten oder vielleicht fünften Punkt der Agenda gerutscht. Ebenso müssen wir das diskutieren, was in Venezuela passiert ist, und was im Iran passiert, und was in Kuba passieren könnte, und was das überhaupt mit der Ukraine zu tun haben kann, welche Pluspunkte und Minuspunkte das für die Ukraine haben kann. Denn wenn man linear schaut, kann man im Prinzip feststellen, dass Vladimir Putin, ein Kriegsverbrecher, Vladimir Putin und Russland im letzten Jahr ihren geopolitischen Einfluss erheblich verloren haben. Wir beginnen mit Syrien, Bashar Assad, dann gehen wir zu Venezuela über, dann zum Iran. Jetzt bewegen wir uns Richtung Kuba und sehen, dass im letzten Jahr Russland und Putin persönlich Abkommen sowohl mit dem Iran wie auch Venezuela unterzeichnet haben, wo strategische Zusammenarbeit festgelegt wurde. Das war übrigens Januar letzten Jahres, als er mit dem Iran unterschrieb und sagte, dass der Iran ein strategischer Partner ist, einschließlich militärischer Kooperation, gemeinsamer Trainingsmaßnahmen usw. Und dasselbe geschah mit Venezuela. Das war im Mai letzten Jahres, wo auch Venezuela als strategischer Partner anerkannt wurde. Und Sie erinnern sich, wie strategische Bomber Russlands nach Venezuela flogen? Das war für sie so ein bestimmter Demarsch, bei dem sie demonstrierten, wie sehr Russland…

Portnikov. …die geopolitische Bedeutung Russlands.

Yatsenyuk. Ja. Und heute kann man klar feststellen, dass alle sogenannten Verbündeten Russlands gesehen haben, dass Russland maximal das tun kann, was es durch den Mund seines lokalen Ribbentrops Lavrov, oder Putins selbst, oder Peskovs sagt: wie sie sagen, „das ist unzulässig“. Und auch „dass das nicht dem Völkerrecht entspricht“. Sie kennen sogar solche Worte, was dem Völkerrecht entspricht und was nicht. Aber reale Hilfe, auf die alle diese Länder gehofft haben und hoffen, haben sie nicht bekommen. Das heißt, die erste Formel: Man kann sagen, dass Russland, weil es geschwächt ist, ebenso eindeutig gegenüber der Ukraine verliert. Aber es gibt die Kehrseite der Geschichte. Für mich bedeutet das, dass für Putin die Ukraine in den heutigen geopolitischen Bedingungen um ein Vielfaches wichtiger geworden ist als zuvor – als das, was im letzten Jahr passiert ist.

Portnikov. Und für Trump um ein Vielfaches weniger wichtig geworden, weil er sich in eine große Zahl von Konflikten eingeklinkt hat.

Yatsenyuk. Sie haben recht. Wie sieht diese Geschichte aus Putins Sicht aus? Also: Ist das eine zusätzliche Schwächung der Positionen Russlands in der Ukraine oder wird Russland im Gegenteil alles tun, weil – wie Lavrov am 15. wiederholte – sie zu keinem Waffenstillstand bereit sind und die „Ursachen des Konflikts ausrotten“ wollen, das heißt faktisch die Ukraine ausrotten und zerstören.

Portnikov. Sie können glauben, dass sie in der Lage sind, mit Trump in der jetzigen Phase in ziemlich einfachen Kategorien zu handeln: „Wir, wie ihr seht, mischen uns nicht in eure westliche Hemisphäre ein. Ihr könnt in Lateinamerika machen, was ihr wollt. Wir können euch verurteilen, aber wir werden euch nicht stören – obwohl wir könnten. Wir werden auch im Nahen Osten niemandem stören – obwohl wir könnten (und tatsächlich können sie es nicht). Und ihr, bitte, mischt euch nicht in den postsowjetischen Raum ein. Und wir werden im postsowjetischen Raum beweisen, dass wir nicht schlechter als ihr sind. Aber nur hier. Das ist unsere Einflusszone. Ihr müsst sie anerkennen.“ Und da Trump selbst in solchen Einflusszonen, Einfluss-Sphären denkt, da er bereit war, damit einverstanden zu sein, dass der Krieg durch eine Anerkennung des russischen Status seitens der Vereinigten Staaten enden würde – denken Sie nach: Das ist ja auch ein Ereignis des Jahres, als die Vereinigten Staaten selbst bereit waren, das Völkerrecht noch vor jeder Grönland-Geschichte zu untergraben –, kann das Putin passen. Das ist der erste Punkt.

Zweitens: Wenn wir über die aktuelle Grönland-Situation sprechen, müssen wir begreifen, dass Putin erwarten kann, dass zwischen den Verbündeten ein ernsthafter Riss entsteht. Trump sagt nicht zufällig, dass Europa sich um die Ukraine kümmern und sich nicht in Grönland einmischen soll. Und wenn Europa sich nicht darauf beschränken will, sich nur um die Ukraine zu kümmern, und ihm dabei im Weg steht, Grönland zu übernehmen, können die Vereinigten Staaten morgen den Verkauf von Waffen an europäische Länder verweigern. Wir müssen uns bewusst sein, dass im Prinzip die Menge an Waffen, die die Vereinigten Staaten für europäisches Geld verkaufen, für die Ukraine nicht ausreicht – auch nicht für die Luftverteidigung. Sehr unzureichend. Aber auch das könnte ausfallen – ebenso wie der Austausch von Geheimdienstinformationen. Inwieweit sind europäische Länder heute in der Lage, die Bedürfnisse der Ukraine ausschließlich aus eigenen Ressourcen zu ersetzen? Inwieweit sind europäische Länder in der Lage, die Vereinigten Staaten hinsichtlich der Bereitstellung von Geheimdienstinformationen über russische Objekte zu ersetzen? Das ist keine rhetorische Frage. Das sind ziemlich ernste Fragen, die die Europäer jetzt auch betrachten.

Und übrigens muss man noch eine wichtige Sache klar verstehen: Wenn es die Ukraine nicht gäbe, würden die Europäer in der Frage Grönland aktuell viel entschlossener handeln, weil Trump sie faktisch mit uns erpresst. Die Amerikaner verbergen das kaum. „Wenn ihr nicht so macht, wie wir wollen, werden wir der Ukraine nicht helfen. Wir werden euch im Widerstand gegen Russland nicht helfen. Ihr habt einen so ernsten Konflikt, existenzielle Herausforderungen, bald wird einer der europäischen Staaten von der politischen Weltkarte verschwinden – den ihr als Kandidaten für die Mitgliedschaft in eurer eigenen Europäischen Union gemacht habt. Und statt uns zu danken, dass wir helfen, diesen Konflikt zu lösen und Russland einzudämmen, mischt ihr euch in unsere Grönland-Angelegenheiten ein, ihr Mistkerle.“ Das ist sehr gefährlich.

Und faktisch arbeiten Putin und Trump in dieser Situation gemeinsam am Zerfall der Europäischen Union, weil Trump die Europäer erpressen und ihnen faktisch realen Einfluss entziehen kann, da sie die Ukraine nicht einfach aufgeben können. Und Putin schafft dieses ukrainische Problem, damit er Trump die Möglichkeit gibt, im Grunde die Europäische Union mit Grönland- und anderen Fragen zu zerschlagen. Und das ist übrigens das, was die Anhänger Trumps aus Ultrarechten Kräften immer wollten: die Möglichkeit, eine Situation zu schaffen, in der die NATO von selbst verschwindet. Wir sehen diese Situation jetzt. 

Yatsenyuk. Sie haben absolut recht, weil in den europäischen Hauptstädten und in Brüssel – zumindest nach den Kontakten, die es gibt – das Wesentliche diskutiert wird. „Hört zu: Wenn wir so eine Spannung mit den Vereinigten Staaten wegen Grönland haben und so eine Spannung – auch in unseren Handelsbeziehungen –, wird das Europäische Parlament höchstwahrscheinlich das Abkommen nicht ratifizieren, das Ursula von der Leyen im letzten Jahr unterschrieben hat, wo die Europäer einem zollfreien Import amerikanischer Waren zugestimmt haben, während europäische Waren im Durchschnitt mit 15 % vom Zollwert besteuert werden“. Das heißt, sie sagen: „Ja, das kann ernsthaft die Unterstützung der Vereinigten Staaten im Teil der Beendigung des russischen Krieges gegen die Ukraine beeinflussen“. 

Sie fragten nach Waffen. Schauen Sie auf die Zahlen: Die Waffenlieferungen der Vereinigten Staaten an die Ukraine sind im letzten Jahr um das 77-Fache gefallen. Und wenn wir auf das Volumen der Budgetunterstützung von den Vereinigten Staaten an die Ukraine schauen, erinnere ich daran, dass das letzte Paket 60 Milliarden Dollar war. Das war ein Paket, das noch von der vorherigen amerikanischen Administration, der Biden-Administration, beschlossen wurde. Und damals zog sich die Abstimmung im Kongress der Vereinigten Staaten ungefähr ein halbes Jahr hin, aber es wurde schließlich beschlossen. Und wenn Sie jetzt schauen: Man gab uns 800 Millionen Dollar für zwei Jahre. Also 400 Millionen pro Jahr. 400 Millionen. Im besten Fall reicht das für zwei Kriegstage. Im besten Fall. Ganz zu schweigen davon, dass von diesen 400 Millionen ein wesentlicher Teil auch für die Bereitstellung von Geheimdienstinformationen an die Ukraine geht. Was die Geheimdienstinformationen betrifft, erklärte Macron, dass 2/3 der Geheimdienstinformationen von Frankreich und europäischen Verbündeten bereitgestellt werden. Das stimmt – aber wissen Sie, wie man diese 2/3 wiegt? Manchmal ist 1 % Geheimdienstinformation…

Portnikov. …wichtiger als 99.

Yatsenyuk. Natürlich, natürlich. Und deshalb muss man in konkreten Details schauen. Aber was das Gesamtvolumen der Unterstützung betrifft: Leider haben die Vereinigten Staaten von Amerika in den letzten 12 Monaten, über die wir sprechen, für die Ukraine kein Hilfspaket bewilligt. Die positive Nachricht ist: Wie sehr Putin auch drehte – Trump war trotzdem gezwungen, Sanktionen gegen Rosneft und russische Ölunternehmen einzuführen, und man begann Jagd auf Tanker zu machen – auch wenn es Tanker mit venezolanischem Öl sind, die faktisch von Russland betrieben werden. Aber finanzielle Unterstützung von den USA haben wir nicht bekommen. 

Und hier kann eine andere Geschichte kommen: Die Vereinigten Staaten können tatsächlich einfach verweigern, Waffen zu liefern – genauer, Waffen an NATO-Mitgliedstaaten zu verkaufen – im Rahmen des Programms PURL. Und als Antwort auf Ihre Frage, ob es heute eine Möglichkeit gibt, die Vereinigten Staaten bei der Hilfe für die Ukraine zu ersetzen, ist die Antwort meiner Überzeugung nach sehr klar: Sie gibt es nicht. Wenn wir von heute sprechen. Wenn wir von übermorgen sprechen, werden wir über übermorgen entsprechend prognostizieren. Stand heute gibt es diese Möglichkeit nicht. Das gilt auch für NATO-Mitgliedstaaten. Europa weiß das sehr gut. Und nach dem letzten Besuch in Brüssel habe ich nur eine zusätzliche Bestätigung erhalten, dass ohne die Vereinigten Staaten von Amerika die Sicherheit Europas heute unmöglich zu gewährleisten ist. Und das nicht nur weil die NATO-Truppen von Amerikanern geführt werden. Und nicht nur weil die Vereinigten Staaten faktisch der Schlüssel zur Gewährleistung der militärischen Stärke der EU-Mitgliedstaaten sind. Und nicht nur weil die Vereinigten Staaten das größte nukleare Potenzial haben, das im Prinzip als Abschreckungsmechanismus gegen Russland dient. Sondern auch aus dem Grund, dass sich die militärischen Schlüsseltechnologien in den Vereinigten Staaten befinden – und selbst F-35, die unsere europäischen Verbündeten kaufen, hängen direkt von Software und Programmierung der Vereinigten Staaten ab. Und jetzt – stellen Sie sich vor – ist es bei den NATO-Mitgliedstaaten schon soweit: Sie fürchten bereits, F-35 zu kaufen, weil das die operativen Möglichkeiten der F-35 beeinflussen könnte, da die „Gehirne“ der F-35 in den USA sind.

Zusammenfassend sage ich noch einmal: Ich hätte nicht erwartet, dass wir so eine Welt sehen. Und hier habe ich eine Frage – an mich selbst und, wenn Sie einen vernünftigen Rat geben könnten. Wir sehen den vollständigen Zusammenbruch der alten Welt und es gibt die Wahrscheinlichkeit, eine neue zu bauen. Oder sehen wir nur den Zusammenbruch der alten Welt und Fragmentierung, und auf diesen Stücken will jeder sein eigenes abgreifen? Wie kann die Ukraine in diesen Bedingungen mindestens überleben? Das ist für uns gerade die wichtigste Frage. Vor einem Jahr war alles klar: Es gibt die EU, es gibt die NATO, es gibt die Amerikaner, es gibt Hilfe, es gibt eine sehr klare, stringente Außenpolitik. Es gibt Russland als Feind. Es gibt China, das Russland hilft. Es gibt Nordkorea, Iran, Venezuela und andere Paria, die faktisch eine Achse des Bösen gegen die westliche Welt sind. Es gibt den vereinten Westen, der der Ukraine hilft. Alles klar. Und jetzt: Wo stehen wir?

Portnikov. Wir stehen in einer Welt, in der die Regeln sich schnell ändern, aber in der Realität werden sie sich erst ändern, wenn das Chaos endet. Ich schließe übrigens nicht aus, dass das Chaos, das jetzt in der Welt passiert, ganz problemlos zu einem Dritten Weltkrieg führen kann. Und dann werden wir mit Ihnen schon besprechen müssen, wie die Ukraine überlebt, nachdem dieser Dritte Weltkrieg endet. Eine andere Möglichkeit ist, dass der Dritte Weltkrieg im Rahmen verschiedener lokaler Konflikte stattfinden wird, dass alle Atommächte einen direkten Konflikt fürchten werden. Offensichtlich fürchtet Trump einen direkten Konflikt mit Putin, und Putin fürchtet einen Konflikt mit Trump. Und offensichtlich würde China nicht wollen, dass jemand Atomwaffen einsetzt. Daher kann man eine Serie lokaler Konflikte organisieren, die man dann regeln kann und Friedensnobelpreise bekommen. Aber der Hegemon in der Außenpolitik wird der sein, der tatsächlich der Dirigent dieser Konflikte sein wird und wer am Ende gestärkt und nicht geschwächt aus ihnen herauskommt. Das ist eine Komponente. 

Und die zweite Komponente wird darin bestehen, dass während solcher lokalen Konflikte die Möglichkeit eines Fehlers sehr groß ist. Und dann, sogar ohne den Wunsch der Weltführer, beginnt ein Dritter Weltkrieg mit dem Einsatz strategischer Atomwaffen. Denn wie wir sehen, ist Trump in seinem Handeln nicht steuerbar. Und ich werde jetzt nicht einmal medizinische Fragen besprechen, weil ich kein Arzt bin. Aber für mich ist absolut offensichtlich: Trump handelt unberechenbar, Putin hingegen kontrolliert und berechenbar. Aber beide leben in einer absolut eigenen Welt. Wie mir einmal ein ehemaliger Weggefährte über Putin sagte: „Er bewegt sich in metaphysischen Höhen “. Und als Lavrov übrigens sagte, dass Putin sich mit Peter dem Ersten und Katharina der Zweiten berät, hat er nicht gescherzt. Das ist wahr. Er berät sich so mit ihnen. Dort gibt es Leute, die als Hellseher auftreten, die dort diese Sitzungen durchführen. Putin spricht mit Monarchen – das passiert alles real.

Yatsenyuk. Also sind sie endgültig verrückt geworden.

Portnikov. Ja, sie sind reguläre Mitarbeiter der Präsidialadministration. Also das alles gibt es. Und zugleich ist Putin fähig, aus diesen Gesprächen mit den Romanows – vielleicht spricht er schon mit Stalin, ich weiß nicht, mit wem er gerade spricht – praktische vernünftige Schlussfolgerungen zu ziehen, aber das ist trotzdem, wie Sie verstehen, bis zu einem gewissen Grad eine Art Wahnsinn. Wenn solche Leute die größten nuklearen Mächte der Welt führen, können ihre Mitbürger kaum hoffen, dass sie bis 2030 leben werden. Das muss man ehrlich sagen – sowohl den Russen als auch den Amerikanern. Und was die Ukraine betrifft: Sie muss Teil des europäischen Konzerts werden. Ich habe eine große Angst, dass wir in dieser Situation einen Fehler machen, aus diesem europäischen Konzert herausfallen und im Nirgendwo bleiben. Denn wenn Viktor Orbán aus dem europäischen Konzert heraus will, kann er hoffen, dass ihm irgendwelche Krücken gegeben werden: eine Krücke gibt Trump, eine Krücke gibt Putin, und er wird auf diesen Krücken irgendwie in Europa bleiben, das ihn nicht akzeptieren wird. Aber wer gibt uns Krücken?

Yatsenyuk. Genau darüber haben wir vor ein paar Minuten gesprochen: wie die Ukraine in dieser Situation überleben soll. Ohne die Europäische Union ist das unrealistisch. Die Europäische Union muss sich zusammenreißen. Im Prinzip tun sie das – sehen Sie: Man kann die Europäische Union nicht kleinreden, deshalb mag ich überhaupt nicht, wenn verschiedene Politiker und Pseudo-Experten anfangen zu erzählen: Europa sei schwach, Europa sei dieses, Europa sei jenes. Europa ist, wie es ist.

Portnikov. Nach Bevölkerungszahl und wirtschaftlichem Potenzial ist es größer als die Vereinigten Staaten von Amerika.

Yatsenyuk. Exakt. Also nach wirtschaftlichem Potenzial – ich erinnere mich nicht, die Amerikaner, glaube ich, 22 % des weltweiten BIP oder die Europäer, die Amerikaner 25. So plus/minus. Aber wenn man Großbritannien dazu rechnet, ist das eine unglaubliche Macht. Zweitens: Europa konnte sich dennoch mobilisieren: erstens bei Sanktionen gegen Russland, auf russisches Gas verzichten. Das sind doch Fakten, oder nicht? Der Ukraine helfen, beispiellose Entscheidungen für Europa treffen, der Ukraine den Kandidatenstatus geben. Jetzt diskutieren sie die Möglichkeit einer Art Quasi-Mitgliedschaft der Ukraine in der Europäischen Union. Das gefällt mir nicht sehr, weil man statt der einzig richtigen politischen Entscheidung – die Ukraine zum Mitglied der Europäischen Union zu machen – wieder durch verschiedene bürokratische Korridore läuft. 

Das erinnert mich an 2014, als ich nach Brüssel kam, unmittelbar nach dem Maidan, um das Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union zu unterschreiben, und man sagte mir: „Nein, wir sind noch nicht bereit zu unterschreiben.“ „Wie, ihr seid nicht bereit zu unterschreiben? Wie soll ich in die Ukraine zurückkehren? Wie soll ich den Menschen auf dem Maidan erklären, die unter EU-Flaggen standen, dass die EU nicht bereit ist, mit uns ein Abkommen zu unterschreiben?“ Und dann wurde sofort die Sitzung der Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union gestoppt. Und sie erfanden sofort eine Formel, etwas ähnlich wie das, was jetzt in der Ukraine vorgeschlagen wird: die politische und die wirtschaftliche Teil zu trennen. Und dann unterschrieb ich den politischen Teil des Abkommens mit der Europäischen Union. Also zusammenfassend: Ohne die Europäische Union kann die Ukraine als souveräner Staat in den heutigen geopolitischen Bedingungen nicht funktionieren.

Was die Frage betrifft, ob irgendeine neue Welt, eine neue Weltordnung aufgebaut wird. Sie erwähnten zu Beginn der Sendung diesen Friedensrat. Damit die Zuschauer wissen, was der Friedensrat ist: Der Friedensrat, den Präsident der Vereinigten Staaten Donald Trump leitet, entstand als Ergebnis gemeinsamer Aktionen im Sicherheitsrat der Organisation der Vereinten Nationen. Er wurde ja vom Sicherheitsrat beschlossen. Wie man die Situation im Nahen Osten stabilisiert und faktisch Gaza wiederaufbaut und Gaza verwaltet.

Portnikov. Dieser Friedensrat sollte für Gaza sein, aber jetzt ist er nicht für Gaza.

Yatsenyuk. Er will ihn erweitern, aber denken Sie über das Theater des Absurden nach: In einen Friedensrat, der beschlossen wurde, damit es in Gaza Ordnung gibt, und womöglich sieht Präsident Trump vor, diesen Friedensrat auf andere – wie er sagte – acht Kriege auszudehnen, die er beendet hat. Aber der Schlüsselkrieg, den er beenden muss, ist der Krieg Russlands gegen die Ukraine. Und wenn er sich darüber beklagt, dass er keinen Nobelpreis hat, kann ich ihm sagen, wer ihm den Nobelpreis weggenommen hat. „Herr Präsident Trump, der Kriegsverbrecher Vladimir Putin hat Ihnen den Nobelpreis weggenommen. Er war’s.“ Denn wenn im letzten Jahr ein Abkommen zur Beendigung des russischen Krieges gegen die Ukraine unter für die Ukraine akzeptablen Bedingungen abgeschlossen worden wäre, denke ich, hätte Trump tatsächlich diesen Friedensnobelpreis bekommen können. Okay, er kann ihn dieses Jahr bekommen. Um diesen Preis zu erhalten, muss man sich jedoch entschlossen dafür einsetzen, dass dieser Krieg beendet wird.

Also, zurückkommend auf diese neue, sogenannte Weltordnung: Hören Sie, wenn man in diesen Friedensrat den Kriegsverbrecher Putin einlädt, seinen Komplizen bei Kriegsverbrechen Lukashenko, das trojanische Pferd Orbán – ich will Ihnen sagen: Das ist kein Friedensrat.

Portnikov. Es ist dort überhaupt sehr seltsam. Es gibt ein Exekutivkomitee aus Trumps engsten Mitarbeitern, und Trump selbst wurde zum Präsidenten dieses Friedensrates auf Lebenszeit erklärt.

Yatsenyuk. Man muss eine Milliarde zahlen. Haben Sie gehört?

Portnikov. Ja. Und man muss eine Milliarde zahlen, wenn man ständiges Mitglied sein will. Aber es gibt eine andere Frage. Alle fragten: „Was ist der Sinn dieser Friedensräte, wenn Trump 2029 aufhört, Präsident der Vereinigten Staaten zu sein, und dann alle Garantien, die er auf sein Ehrenwort geben wird, null werden, weil der neue amerikanische Präsident die Situation völlig anders sehen kann?“ Nun: Trump will Präsident dieses Friedensrates bis zum Ende seines Lebens sein. Und das ist praktisch ein Versuch, eine parallele Weltregierung mit sich an der Spitze zu schaffen – mit Witkoff, Kushner und einigen anderen Menschen als Politbüro – und mit Präsidenten anderer Länder, die dafür Geld zahlen werden, persönlich an Trump, wie ich verstehe, als Mitglieder des Zentralkomitees einer Partei, die nicht einmal über die Absetzung des Präsidenten des Friedensrates entscheiden können. Und das ist natürlich etwas absolut Erstaunliches. So etwas gab es noch nie. Und das ist auch bis zu einem gewissen Grad das Ergebnis des ersten Trump-Jahres: der Versuch, diese cartoonhafte Weltregierung nicht auf Netflix, sondern im realen Leben zu schaffen.

Yatsenyuk. Mir ist schwer vorstellbar, wie das gelingen könnte. Obwohl mir angesichts der letzten Ereignisse schon schwer vorstellbar ist, wie diese Welt nach den alten Regeln funktionieren kann, weil sie aufgehört hat, nach den alten Regeln zu funktionieren. Und im Grunde greift er die Organisation der Vereinten Nationen an, die einerseits ein Klub von alljährlichen Septemberreden der Staats- und Regierungschefs ist, die dort schon hundertmal aufgetreten sind – ich sage das nur sinnbildlich –, und andererseits einen völlig dysfunktionalen Sicherheitsrat der Vereinten Nationen besitzt. Andererseits war so die Weltordnung nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut. Braucht sie Veränderungen? Ja, natürlich braucht sie Veränderungen, aber sie kann nicht zerstört werden, denn was wir heute sehen, ist die Zerstörung dieser Weltordnung.

Zurück zur Frage der Ukraine: Ich kenne Ihre These, dass der amerikanische Präsident keine Instrumente hat, um Putin zu zwingen, den Krieg zu stoppen.

Portnikov. Schnell zu zwingen, Putin den Krieg zu stoppen.

Yatsenyuk. Ich habe diesen Zusatz nicht gehört. Denn mit diesem Zusatz ist es eine ganz andere Konnotation, weil ich glaube, dass der amerikanische Präsident Mittel und Methoden hat, um Druck auf Putin auszuüben. Und diese Mittel und Methoden lassen sich sehr klar benennen. Erstens: finanzielle Hilfe für die Ukraine. Das heißt, der Präsident der Vereinigten Staaten muss tun, wovon er vor einem Jahr Abstand genommen hat: zum Kongress gehen – zum jetzigen oder zum neuen. Ich weiß nicht, wer im neuen Kongress sitzen wird, aber in der amerikanischen politischen Geschichte verliert jeder amtierende Präsident die Zwischenwahlen zum Kongress. Dorthin gehen und sagen: Wie viel hat Biden der Ukraine gegeben? 60 Milliarden. Also: Ich bin besser als Biden. Ich gebe der Ukraine 100 Milliarden. Und Putin soll wissen, dass da 100 Milliarden aus dem amerikanischen Haushalt, amerikanische Waffen, amerikanische Hilfe sind. Zweitens: dasselbe bei Sanktionen. Das, was er im letzten Jahr gemacht hat, nur verdreifachen – einschließlich sekundärer Sanktionen gegenüber allen, die von Russland irgendwelche Kohlenwasserstoffe kaufen. Drittens: eine gemeinsame Position der Vereinigten Staaten und der Europäischen Union – sowohl gegenüber Russland als auch gegenüber China. Denn Sie sehen ja, dass China ein zentraler Verbündeter ist. Und ich glaube, Putin wird die Entscheidung, den russischen Krieg gegen die Ukraine zu stoppen, nicht alleine treffen. Ich glaube, das ist eine gemeinsame Entscheidung. Er begann diesen Krieg, wenn nicht mit direkter Erlaubnis, dann mit Zustimmung Chinas. Und das tat er 2014 und 2022. Und er wird diesen Krieg zusammen mit Xi beenden. Das sind drei grundlegende Instrumente, die auf der Hand liegen.

Ist das eine Erfolgsgarantie? Das ist keine Erfolgsgarantie. Aber die Nichtanwendung dieser Instrumente ist eine Garantie des Nicht-Erfolgs. Und dass jetzt alle erwarten, dass in Davos irgendwelche 800 Milliarden unterschrieben werden – verzeihen Sie mir, aber als jemand, der seit Jahren mit Wirtschaft und internationalen Angelegenheiten zu tun hat: Ich glaube nicht an 800 Milliarden Investitionen in die Ukraine, solange nicht klar ist, wann und unter welchen Bedingungen der Krieg in der Ukraine endet. Und zweitens: Sicherheitsgarantien. Es gibt eine Diskussion: Lasst uns die Amerikaner zu Sicherheitsgarantien für 50 Jahre überreden. Ich sage meinen Ansatz: Können wir die Amerikaner zu Sicherheitsgarantien für 15 Jahre überreden, wie sie es vorschlagen, mit Verlängerungsrecht – aber zu realen Sicherheitsgarantien? Und für mich sind reale Sicherheitsgarantien nicht einfach etwas, das in einem Dokument steht und vom Senat der Vereinigten Staaten ratifiziert ist. Reale Sicherheitsgarantien sind das, was sich in der Ukraine befindet: welche Truppen sich in der Ukraine befinden, welche Bewaffnung sich in der Ukraine befindet, wie viele Tomahawks sich in der Ukraine befinden, wie viele Geheimdienstinformationen in die Ukraine kommen – das heißt: welche Protokolle, welches gemeinsame Kommando. Das ist für mich klar. Alles andere kann man heute nur diskutieren, vor dem Hintergrund der Geschichte mit Dänemark.

Wenn wir über Papier sprechen – es ist überhaupt nichts mehr wert. Und Dänemark ist nur ein Beispiel. Denn wir müssen nicht nur über Dänemark sprechen. Es geht um die faktische Abkehr von den grundlegenden Prinzipien des Washingtoner Vertrags. Denn die Grundlage des Washingtoner Vertrags zur Gründung der NATO war das friedliche Zusammenleben der Mitgliedsländer des Bündnisses und der Kampf für ihre Souveränität und territoriale Integrität gegen einen äußeren Feind.

Portnikov. Daher können wir klar sagen, dass als Ergebnis dieses Jahres der Präsidentschaft Trumps die Welt, wenn Sie wollen, um 100 Jahre zurückgeworfen wurde – in die Zeit noch vor und nach dem Ersten Weltkrieg. Damals waren die Vereinigten Staaten auch ein isolationistischer Staat, wollten sich nicht in die Angelegenheiten Europas einmischen. Sie sagten, die Europäer müssten ihre Angelegenheiten selbst lösen, das ginge sie nichts an, das sei eine andere Region – und für sie sei der Pazifik wichtig. Und selbst als der Zweite Weltkrieg begann, versicherte Präsident Roosevelt den Amerikanern, dass sie daran nicht teilnehmen würden und dass das den Amerikanern in keiner Weise drohe. Und dann war Pearl Harbor und man musste alles neu bewerten.

Yatsenyuk. Die Vereinigten Staaten von Amerika nahmen am Ersten und am Zweiten Weltkrieg teil. Und sie waren gezwungen zu kämpfen – sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg, die Amerikaner.

Portnikov. Ja. Aber in den Pausen taten sie so, als hätten sie damit nichts zu tun.

Yatsenyuk. Und wir können uns noch an die historische Beispiele der Gespräche von Premierminister Churchill mit Präsident Roosevelt erinnern, als Großbritannien faktisch Hilfe verweigert wurde. Also ja, wir wurden um 100 Jahre zurückgeworfen, nur sind die Umstände in der modernen Welt etwas anders. Eine andere Welt, andere Waffen, andere Konfliktarten, andere Möglichkeiten, diesen Krieg zu führen, und die Existenz von Atomwaffen, was es vor 100 Jahren nicht gab. Und übrigens nicht nur Atomwaffen, sondern auch künstliche Intelligenz.

Portnikov. Und überhaupt viele neue Waffensysteme. Wir erinnern uns doch wunderbar, dass die Europäer sich vor russischen Panzern und Flugzeugen fürchteten. Und jetzt können einfach irgendwelche Drohnen vom Gebiet eines europäischen Landes auf ein amerikanisches Militärobjekt fliegen – und dann ist alles vorbei. Nach der Operation „Spinnennetz“ ist klar geworden, dass es so sein kann.

Yatsenyuk. Und die Ukraine hat wie niemand sonst in der Welt diese Erfahrung. Und deshalb ist es im amerikanischen und europäischen Interesse, alles zu tun, damit die Ukraine in diesem Krieg gewinnt und als souveräner Staat erhalten bleibt.

Portnikov. Darf ich einen mutigen Gedanken vorschlagen? Vielleicht, wenn Amerika sich mit Europa zerstreitet, entsteht ein neuer Verteidigungsbund europäischer Länder, in dem die Ukraine mit ihrer kampferprobten Armee eine Schlüsselrolle spielen wird?

Yatsenyuk. Und mehr noch: Das ist sogar in den letzten 48 Stunden zu einem der Diskussionsgegenstände in der Europäischen Union geworden. Nur habe ich hier dieselbe Warnung, wissen Sie: Man kann das zerstören, was es gibt, und nichts Neues bekommen. Daher: Kann man nicht die NATO erhalten, sodass diese NATO, die heute existiert, und die Amerikaner als NATO-Mitglied der Ukraine helfen, diesen Krieg zu gewinnen? Und danach können wir Diskussionen über neue Verteidigungsbündnisse, neue Verteidigungsmöglichkeiten führen. Nur müssen wir heute unser Land erhalten. Und übrigens müssen sie die Ukraine bewahren, denn – Gott bewahre – ein Zusammenbruch der Ukraine würde vor allem in Europa und in zweiter Linie auch in den Vereinigten Staaten von Amerika selbst atemberaubende Prozesse auslösen.

Portnikov. Das ist, was Amerikaner und Europäer verstehen. Nur ist die Frage: welche Ukraine sie brauchen, wissen Sie. Denn ich bin sicher, dass sowohl Trump als auch Orbán, als auch Macron, als auch Fico, als auch Meloni, als auch Merz die Ukraine brauchen – nur eine unterschiedliche. Sie brauchen, dass die Ukraine als Staat auf der politischen Weltkarte erhalten bleibt. Aber Orbán braucht nicht die Souveränität der Ukraine. Trump will, dass die Ukraine Teil eines amerikanischen Investitionspakets ist und normale Beziehungen zu Russland hat, was übrigens Vizepräsident J. D. Vance eindeutig sagte. Und Macron oder Merz oder Tusk können die Ukraine einfach als demokratischen Staat in der EU in der Zukunft sehen. Das sind unterschiedliche Blicke auf die Ukraine. Nur: Wie erhält man sie bei so unterschiedlicher Haltung?

Yatsenyuk. Ich habe den Eindruck, dass sie überhaupt keinen klaren Blick darauf haben, welche Ukraine es geben soll – aus dem einfachen Grund, dass sie keine klare Politik haben, wie man der Ukraine hilft, standzuhalten und diesen Krieg zu überleben. Und wenn es keine Strategie gibt, wie man Russland besiegt, dann tritt alles andere in den Hintergrund. Damit muss man anfangen. Wird die Ukraine standhalten? Wenn die Ukraine standhält – und sie wird standhalten –, wird das das gesamte geopolitische Gleichgewicht radikal verändern. Und wenn Entscheidungen getroffen worden wären – wissen Sie, all diese „wenn“-Übungen haben keinen Sinn. Aber wenn die Ukraine NATO-Mitglied geworden wäre, wenn der Krieg dann gestoppt worden wäre, als er hätte gestoppt werden sollen, wenn die Ukraine entsprechend Möglichkeiten hätte, sich zu verteidigen, und dieser Konflikt sich nicht entwickelt hätte. Denn Sie verstehen, dass ich auch nicht erwartet habe, dass je länger der russische Krieg gegen die Ukraine dauert, desto mehr Hotspots und Konflikte in der Welt entstehen werden. Das ist im Prinzip die Evolutionstheorie eines jeden Konflikts. Und bei uns sind wir von Theorie zur Praxis übergegangen. Und der Angriff der Hamas auf Israel – das war doch am 7. Oktober, wenn ich mich nicht irre?

Portnikov. Das war eine Skalierung des Konflikts. Ja. Aber auch der russisch-ukrainische Krieg war eine Skalierung des syrischen, als Putin verstand, dass der Westen nicht bereit ist, ihm zu antworten.

Yatsenyuk. Das war, als Obama faktisch von seiner These über rote Linien abwich. Also zusammenfassend: Es geht um die Sicherheit der westlichen Welt – und nicht nur der westlichen Welt. Es geht überhaupt um die Sicherheit der ganzen Welt. Wenn ich über Sicherheit spreche, dann ist das nicht nur militärische Sicherheit, das ist auch wirtschaftliche Sicherheit. Denn wir wissen nicht, was die Welt erwartet, wenn diese Welt wenn die Welt derzeit die aktiven militärischen Konflikte nicht stoppt.  Und der Schlüsselkonflikt ist der Krieg Russlands gegen die Ukraine. Das hat bereits dramatische Folgen für die Bevölkerung der ganzen Welt und wird sie weiterhin haben. Ich übertreibe nicht. Ganz zu schweigen davon, dass diese absolut unvorhersehbare Politik der neuen amerikanischen Administration mit Sicherheit zumindest in den nächsten zwei Jahren fortbestehen wird – mindestens. Denn nach der derzeitigen amerikanischen Verfassung kann er nicht für eine dritte Amtszeit kandidieren, auch wenn Gott weiß, was sie dort noch vorhaben. Obwohl es schwierig ist, die Verfassung in den Vereinigten Staaten zu ändern – das ist, höflich gesagt, praktisch unmöglich. Aber diese Politik wird mindestens noch zwei Jahre weitergehen. Und wir müssen als Staat in dieser Politik überleben. Überleben können wir nur zusammen mit den Europäern. Und wenn wir diese gemeinsame Politik formen – auch gegenüber den Amerikanern –, glaube ich, haben wir eine Chance zu überleben.

Portnikov. Und sagen Sie bitte zum Schluss unseres Gesprächs: Wenn wir in einem Jahr vielleicht über das zweite Jahr Trumps im Oval Office sprechen – wird das eine Rückkehr zum gesunden Menschenverstand sein oder wird das Chaos sich verstärken? Wie wird die Stimmungslage sein?

Yatsenyuk. Ich denke Folgendes. Ich denke, dass in den Vereinigten Staaten selbst Veränderungen stattfinden werden, auch politische Veränderungen, weil die Zwischenwahlen das Gleichgewicht sowohl im Kongress als auch im Senat verändern werden. Das ist erstens. Zweitens wird alles auch von der wirtschaftlichen Situation in den Vereinigten Staaten abhängen. Stand jetzt ist die US-Wirtschaft im принцип ok, aber das ist Stand jetzt. Stand übermorgen weiß ich nicht, was mit der amerikanischen Wirtschaft passieren wird – angefangen mit der Frage, ob die Unabhängigkeit des Federal Reserve Systems erhalten bleibt, also der Nationalbank der Vereinigten Staaten. Und bis hin zu der Frage, wie sich der Schlüsselindikator des amerikanischen politischen Systems überhaupt entwickeln wird – der Wertpapiermarkt. Und schauen Sie sich überhaupt die inneren Probleme der Vereinigten Staaten an, über die Russen und Chinesen sicher Beifall klatschen. Das ist Migration, Deportation von Migration, das letzte schreckliche Ereignis, als ein ICE-Offizier eine Bürgerin der Vereinigten Staaten von Amerika tötete, erschoss. All das provoziert Instabilität innerhalb der USA. Instabilität innerhalb der USA hat ebenso mit uns zu tun. Wir brauchen starke und vorhersehbare Vereinigte Staaten. Wir brauchen einen starken Westen. Russland, China und allen anderen brauchen Chaos. Im Chaos haben sie immer ihren Platz. Unseren Platz haben wir nur in Ordnung.

Portnikov. Danke für dieses Gespräch an Arseniy Yatsenyuk, den ehemaligen Premierminister der Ukraine, der mit uns verbunden war, und wir sprachen über das erste Jahr der Präsidentschaft Donald Trumps. Euch, Freunde, danke ich auch, dass ihr diese Sendung gesehen und gehört habt. Ich bitte euch, diesen Kanal zu abonnieren. Ich bitte euch, zu kommentieren, was ihr über das erste Jahr des amerikanischen Präsidenten denkt und was ihr über das zweite Jahr denkt. Und gebt bitte Likes. So gebt ihr Menschen die Möglichkeit, die das im Moment aufgrund der fortdauernden Stromabschaltungen nicht verfolgen können. Das ist übrigens auch ein Thema dessen, worüber wir gesprochen haben, denn wenn es mehr Luftverteidigung gäbe, gäbe es weniger russische Treffer. Das muss man auch verstehen.

Yatsenyuk. Ich habe übrigens – wissen Sie – darüber nachgedacht: Ich konnte nicht entschlüsseln, warum es schon vier oder fünf Tage keine massive kombinierte Attacke gibt. Zuerst dachte ich naiv, dass Putin beschlossen hat, vor Davos keine massive kombinierte Attacke zu machen, damit die ukrainische Frage nicht wieder an die erste Stelle der Agenda kommt. Aber Leute, die wissen, was Militär ist, sagten mir, dass es technische Probleme bei den Russen gibt, unter anderem wegen des Frosts, dass sie nicht die notwendige Anzahl Shaheds ausrüsten konnten. Daher denke ich, dass Davos ihm egal ist. Und jetzt haben wir die Möglichkeit, uns an alle unsere Bürger zu wenden. Schaut: Der Frühling wird sicher kommen, aber vor uns liegen – ebenso wie hinter uns – sehr schwierige Zeiten.

Portnikov. Man muss im Kampf mit einem Land wie Russland immer den Winter überstehen. Wir wissen das aus unserer eigenen Geschichte, und sogar aus Game of Thrones wissen wir, dass der Winter die gefährlichste Zeit für die bösen Kräfte ist. Also hoffen wir, dass der Winter endet und neue Möglichkeiten entstehen.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Interview
Titel des Originals: Перший рік Трампа: підсумки | Віталій Портников. 19.01.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 19.01.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

Original ansehen

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Verhandlungen in den USA: Ergebnisse | Vitaly Portnikov. 19.01.2026.

Der Sekretär des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates der Ukraine, Rustem Umjerow, betonte nach Abschluss der in den Vereinigten Staaten stattgefundenen Gespräche, dass die Teilnehmer der Konsultationen den Plan für den Wiederaufbau und die Entwicklung der Ukraine sowie amerikanische Sicherheitsgarantien für unser Land erörtert hätten.

Aus meiner Sicht ist jedoch der wichtigste Punkt dieser Konsultationen die Einigung darüber, sie im Rahmen des Weltwirtschaftsforums in Davos fortzusetzen. Wie bekannt ist, werden Gäste dieses Forums auch der Präsident der Vereinigten Staaten Donald Trump und der Präsident der Ukraine Volodymyr Zelensky sein.

Zuvor war von einem Treffen der Präsidenten die Rede und generell davon, dass die Konsultationen in den Vereinigten Staaten gerade die Beschlussfassung bei diesem Treffen sicherstellen sollten. Die Präsidenten der Vereinigten Staaten und der Ukraine sollen sich entweder auf die Unterzeichnung eines Abkommens über die Beteiligung der Vereinigten Staaten an der Entwicklung und dem Wiederaufbau der Ukraine nach dem Krieg einigen oder auf die Unterzeichnung eines Abkommens über amerikanische Sicherheitsgarantien für die Ukraine nach dem Krieg. Entscheidend bleiben dabei natürlich diese zwei Worte: nach dem Krieg.

Damit der Krieg endet, muss man sich nicht nur mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, sondern auch mit dem Präsidenten der Russischen Föderation verständigen. Übrigens könnten Steve Witkoff und Jared Kushner bereits in dieser Woche die russische Hauptstadt besuchen, um sich mit Präsident Putin zu treffen. Und hier ist der Zeitpunkt ihres möglichen Besuchs von entscheidender Bedeutung: vor dem Treffen von Präsident Zelensky mit Präsident Trump oder danach.

In Wirklichkeit wird dies ein sehr aufschlussreicher Moment sein. Sollten Witkoff und Kushner Putin vor dem Treffen zwischen Trump und Zelensky treffen, könnte sich eine Situation wiederholen, die wir bereits mehrfach beobachtet haben: Vor ukrainisch-amerikanischen Gesprächen beginnt der russische Präsident, seinen amerikanischen Gesprächspartnern von seiner angeblichen Friedfertigkeit und Konstruktivität zu erzählen – und das wirkt sich anschließend auf die Ergebnisse der Vereinbarungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Ukraine aus.

Den Mechanismus, wie dies ablaufen kann, kennen wir bestens aus den sogenannten Witkoff-Mitschnitten, aus dem Gespräch zwischen dem außenpolitischen Berater des Präsidenten der Russischen Föderation, Juri Uschakow, und dem Sonderbeauftragten des Präsidenten der Vereinigten Staaten. Das ist, so würde ich sagen, ein klassischer Dialog zwischen dem KGB und einem Immobilienbüro.

Sollte dieser Besuch von Witkoff und Kushner jedoch erst nach Davos stattfinden, würde das bedeuten, dass die Vertreter der Vereinigten Staaten den Präsidenten der Russischen Föderation über gemeinsame Vereinbarungen und über die gemeinsame Position der Vereinigten Staaten und der Ukraine informieren. Der russische Präsident müsste sich dann etwas Neues einfallen lassen, um weiterhin Zeit zu schinden, die er für die Fortsetzung des russisch-ukrainischen Krieges benötigt, sowie zur Vorbeugung möglicher neuer amerikanischer Sanktionen gegen die Russische Föderation.

Und wir sehen, dass Putin es mit solchen ausgedachten Geschichten nur schlecht gelingt, seine Gesprächspartner zu überzeugen. Denn bei seinem letzten Gespräch mit Donald Trump, das unmittelbar nach den Verhandlungen der amerikanischen und ukrainischen Präsidenten in Mar-a-Lago stattfand, erzählte Putin Trump, um die gemeinsamen Vereinbarungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Ukraine nicht ernst nehmen zu müssen, eine Geschichte über einen angeblichen Beschuss seiner Residenz in Waldaij. Und obwohl Trump dieser putinschen Version zunächst zustimmte, musste selbst der amerikanische Präsident später einräumen, dass es einen solchen Beschuss nicht gegeben hatte.

Doch es gibt auch keinerlei russische Zustimmung zur amerikanisch-ukrainischen Position. Somit steht den Sonderbeauftragten des Präsidenten der Vereinigten Staaten in jedem möglichen Szenario eine äußerst schwierige Aufgabe bevor.

Natürlich können wir auch nicht die Augen davor verschließen, dass das Weltwirtschaftsforum, im Rahmen dessen das Treffen der Präsidenten der Vereinigten Staaten und der Ukraine stattfinden soll, vor dem Hintergrund einer Konfrontation zwischen unseren Verbündeten – zwischen Amerikanern und Europäern – abgehalten wird. Trump scheint die Situation rund um Grönland bewusst zuzuspitzen, um während seines Aufenthalts in Davos mit neuen Forderungen an die europäischen Länder aufzutreten und diese Forderungen möglicherweise während seiner Rede auf dem Weltwirtschaftsforum öffentlich zu machen.

Offensichtlich wird es in der Schweiz nicht mehr jene Atmosphäre geben, in der man bemüht war, praktisch jeder Aussage des amerikanischen Präsidenten zuzustimmen, nur um ihn nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen – eine Atmosphäre, die im ersten Jahr von Trumps Amtszeit im Oval Office vorherrschte. Denn in den europäischen Ländern versteht man sehr wohl, dass die Vereinigten Staaten unter Führung Trumps sehr nahe daran sind, eine rote Linie zu überschreiten, nach der faktisch ein Schlussstrich unter die Geschichte der euroatlantischen Solidarität gezogen werden könnte – und möglicherweise sogar unter die Geschichte des NATO-Bündnisses selbst.

Selbst erfahrene Diplomaten werden mit den Herausforderungen nicht zurechtkommen, falls die Vereinigten Staaten die Souveränität des Königreichs Dänemark mit Gewalt verletzen sollten – in einer Situation, in der gerade Amerika gemäß allen Punkten der euroatlantischen Charta Garant für die Sicherheit Dänemarks sein müsste, ebenso wie die anderen NATO-Mitgliedstaaten. Auch dies wird die Atmosphäre des Treffens zwischen dem Präsidenten der Vereinigten Staaten und dem Präsidenten der Ukraine beeinflussen.

Es könnte generell zu einer Situation kommen, in der Trump die Frage scharf stellt, warum er sich überhaupt mit europäischen Sicherheitsproblemen befassen solle, wenn die Europäer nicht bereit seien, seine Sorgen bezüglich Grönlands ernst zu nehmen.

Natürlich ist all dies ein Bluff. Wir verstehen sehr gut, dass die Vereinigten Staaten und die europäischen Länder gemeinsam eine Verstärkung der amerikanischen Militärpräsenz auf der Insel Grönland sicherstellen könnten, eine Präsenz, die in den letzten Jahren und sogar Jahrzehnten eher abgenommen hat. Wir verstehen ebenso gut, dass dafür keinerlei amerikanische Kontrolle über die Insel notwendig ist und dass es hier eher um die Interessen Donald Trumps als Geschäftsmann geht als um reale Überlegungen des Präsidenten der Vereinigten Staaten als Staatsmann.

Doch all dies stellt auch eine äußerst schwierige Bewährungsprobe dar – sowohl für die kommenden Verhandlungen zwischen der Russischen Föderation und den Vereinigten Staaten, bei denen Putin den amerikanisch-europäischen Konflikt ausnutzen wird, als auch für die Gespräche zwischen den Vereinigten Staaten und der Ukraine. Dort wird sich die Ukraine früher oder später entscheiden müssen, wen sie in der Grönland-Frage unterstützen will – zu einem Zeitpunkt, da Trump offenbar ernsthaft daran interessiert ist, die Kontrolle über diese Insel zu erlangen.

So setzen sich die Verhandlungen zwar fort, doch die Atmosphäre um sie herum verändert sich – man kann sagen: mit jedem Tag und mit jeder Stunde.


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Titel des Originals: Перемовини у США: підсумки | Віталій Портников. 19.01.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 19.01.2026.
Originalsprache: uk
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Trump zerstört die Einheit des Westens | Vitaly Portnikov. 17.01.2026.

Donald Trump hat im Zusammenhang mit der Situation um Grönland zu beispiellosem Druck auf Länder gegriffen, die Verbündete der Vereinigten Staaten sind. Wie der US-Präsident selbst mitteilte, werden ab dem 1. Februar dieses Jahres Dänemark, Norwegen, Schweden, Frankreich, Deutschland, Großbritannien, die Niederlande und Finnland mit einem Zehn-Prozent-Zoll auf alle Waren belegt, die in die Vereinigten Staaten geliefert werden; ab dem 1. Juni dieses Jahres soll dieser Zoll auf 25 Prozent erhöht werden.

Trump verhängte Zoll­sanktionen gegen Dänemark, das bekanntermaßen der Souverän Grönlands ist, da die Insel Teil der dänischen Krone ist, sowie gegen jene Länder, die ihre militärischen Formationen an die Küsten Grönlands entsandt haben, um die Vereinigten Staaten davon zu überzeugen, dass die Europäer zu einer gemeinsamen Sicherheitslinie rund um Grönland bereit sind.

Wie sich herausstellte, erwies sich genau dieser Versuch, Trump von der Bereitschaft zur Allianz in Sicherheitsfragen zu überzeugen, für all jene, die ihre Truppen entsandt hatten, als verhängnisvoll. Entweder entscheidet Trump – oder tut zumindest so –, dass diese Truppen nicht zum Schutz Grönlands vor Russland oder China entsandt wurden, sondern zum Schutz Grönlands vor den Vereinigten Staaten.

In einem Beitrag in sozialen Netzwerken, der diese Entscheidung des amerikanischen Präsidenten begleitete, spricht Trump klar von der Notwendigkeit, Grönland im Interesse der nationalen Sicherheit der Vereinigten Staaten zu erwerben, und verbindet dies mit dem sogenannten „goldenen Schutzschild“, der nicht nur die Vereinigten Staaten, sondern auch Kanada umfassen soll.

Natürlich ist dies aus Sicht des modernen Völkerrechts eine absolut beispiellose Situation. Der Präsident der Vereinigten Staaten – also das Staatsoberhaupt eines Landes, das gemäß den Bündnisverpflichtungen der NATO verpflichtet ist, Dänemark vor möglichen aggressiven Angriffen auf dessen Souveränität und territoriale Integrität zu schützen – versucht selbst, die territoriale Integrität Dänemarks zu verletzen und ist bereit, wirtschaftlichen Druck auf dieses Land und auf dessen Unterstützer auszuüben, um europäische Staaten dazu zu zwingen, einer Verletzung der territorialen Integrität Grönlands und damit einer Verletzung des internationalen Rechts zuzustimmen.

Hier drängt sich selbstverständlich eine direkte Parallele zu den Handlungen des russischen Präsidenten Putin auf, der 2014 zu ähnlichen Maßnahmen griff, um die ukrainische Krim zu besetzen und zu annektieren. Und ich möchte daran erinnern, liebe Freunde, dass der russische Staatschef, dem Trump bekannte Sympathien entgegenbringt, damals nicht nur von der angeblichen Sakralität der ukrainischen Halbinsel sprach, sondern auch von ihrer strategischen Bedeutung für Russland. In beiden Fällen – sowohl bei Putin als auch bei Trump – wurde also mit Sicherheitsfragen argumentiert, um expansive Absichten zu rechtfertigen.

Ich habe keinerlei Zweifel daran, dass die Frage der zukünftigen Zugehörigkeit Grönlands nichts mit der nationalen Sicherheit der Vereinigten Staaten zu tun hat. Denn sowohl die USA als auch Dänemark und die anderen europäischen Länder, auf die der amerikanische Präsident Druck ausübt, sind NATO-Verbündete. Es gibt somit keinerlei Hindernisse, Vereinbarungen zu treffen, die es den Vereinigten Staaten ermöglichen würden, ihre Präsenz in Grönland zu verstärken und dort Elemente beliebiger Sicherheitsprogramme zu stationieren. Daran sind nicht nur die USA interessiert, sondern zweifellos auch die europäischen Staaten, Dänemark und Grönland selbst.

Doch wie wir sehen, wählt Trump einen völlig anderen Weg, da er versucht, unter dem Vorwand der nationalen Sicherheit der Vereinigten Staaten in erster Linie Geschäftsinteressen zu rechtfertigen – das Interesse Washingtons an den natürlichen Ressourcen Grönlands, die bekanntlich enorm sind und zu denen Trump möglicherweise direkten Zugang haben möchte, ohne durch internationale Abkommen mit anderen Regierungen wie etwa der dänischen oder der grönländischen eingeschränkt zu sein.

Dies ist genau der Fall, in dem Gier – möglicherweise sogar unbegründete Gier, da wir nicht wissen, wie profitabel der Abbau der natürlichen Ressourcen Grönlands tatsächlich ist und inwieweit er die Vereinigten Staaten von ihrer bekannten Abhängigkeit von der Volksrepublik China befreien könnte – die Bereitschaft des Präsidenten der Vereinigten Staaten infrage stellt, elementare Normen des Völkerrechts und grundlegende Bündnisverpflichtungen gegenüber demselben Dänemark einzuhalten.

Und sagen Sie mir: Was ist unter diesen Umständen Artikel 5 der NATO noch wert, der Beitritt irgendeines Landes zur NATO in der Hoffnung, dass die Vereinigten Staaten als einzige große nukleare Supermacht der Gegenwart – als Alternative zu Russland – diese Länder vor möglicher Eskalation schützen werden, wenn die Vereinigten Staaten selbst unter Führung Donald Trumps bereit sind, exakt den uns allen bekannten putinschen Weg zu gehen?

Denn auch Putin – daran möchte ich erneut erinnern – begann nach dem ersten Maidan 2004 mit wirtschaftlichem Druck auf die Ukraine. Er versuchte, die Ukrainer nicht mit Raketen und Drohnen einzufrieren, wie er es heute tut, sondern durch das Abstellen von Gas mitten im kalten Winter. Auch dies sollte ein Instrument des Drucks auf die ukrainische Führung sein, um sie zu außenpolitischen Zugeständnissen an den Kreml zu zwingen – nicht nur zur Erfüllung wirtschaftlicher Forderungen des russischen Präsidenten und seines chauvinistisch gesinnten Umfelds.

Doch sich vorzustellen, dass die Vereinigten Staaten Jahrzehnte später so offen die Politik des russischen Präsidenten nachahmen würden, war schwer vorstellbar. Und doch geschieht dies buchstäblich vor unseren Augen. Leider kann dies, falls es nicht gelingt, die Situation mit diplomatischen Mitteln zu entschärfen, zu tragischen Konsequenzen führen – für die Vereinigten Staaten, für Europa und für die ganze Welt. Es könnte das Ende der euroatlantischen Solidarität bedeuten, das Ende der Geschichte der NATO und der Zusammenarbeit zwischen den USA und Europa zumindest während dieser Präsidentschaft. 

Und natürlich würde dies die Positionen des russischen Präsidenten Putin und des Vorsitzenden der Volksrepublik China, Xi Jinping, stärken – jener Politiker also, vor denen Trump Grönland angeblich schützen will und die derzeit offenbar mit unverhohlener Begeisterung und Genugtuung ihrem amerikanischen Kollegen applaudieren.


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Titel des Originals: Трамп знищує єдність Заходу | Віталій Портников. 17.01.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 17.01.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Trump bereitet die Einnahme Grönlands vor | Vitaly Portnikov. 11.01.2025.

Der Präsident der Vereinigten Staaten Donald Trump hat laut der Zeitung Daily Mail den Spezialeinsatzkräften den Auftrag erteilt, ein Szenario für eine mögliche gewaltsame Übernahme der Kontrolle über Grönland auszuarbeiten.

Vorerst ist dies nur einer von mehreren Plänen, und laut der Zeitung wurde er von der militärischen Führung der USA blockiert. Doch allein die Tatsache, dass ein solches Szenario nun nicht nur politisch, sondern auch institutionell geprüft wird, zeigt, dass sich der Einfluss jenes Flügels in der US-Regierung verstärkt, der davon überzeugt ist, dass Probleme in den Beziehungen zu Amerikas Verbündeten mit Gewalt gelöst werden können.

Offensichtlich wurde dieser Flügel noch stärker, nachdem es amerikanischen Spezialeinheiten gelungen war, in der venezolanischen Hauptstadt Nicolás Maduro festzunehmen und den venezolanischen Präsidenten in die Vereinigten Staaten zu bringen. Es ist klar, dass ein militärischer Schritt der USA zur Einnahme Grönlands die Beziehungen zu den europäischen Verbündeten ernsthaft verändern und die Existenz der NATO selbst infrage stellen würde.

Denn wenn die Vereinigten Staaten im Rahmen der NATO zugesagt haben, ihre europäischen Verbündeten – darunter auch Dänemark – zu schützen, sich dann aber entschließen, die Kontrolle über einen Teil des Territoriums des dänischen Königreichs, selbst wenn es sich um ein autonomes Gebiet handelt, zu übernehmen, dann entsteht ein fundamentales Problem für das Konzept der euroatlantischen Solidarität.

Doch hier stellt sich eine andere Frage: Wie sehr schreckt das eigentlich die Anhänger des ultrakonservativen Flügels im Umfeld des amerikanischen Präsidenten ab? Vielleicht brauchen diese Leute nicht Grönland, sondern gerade die Besetzung Grönlands. Aus ihrer Sicht ließe sich kaum ein wirkungsvollerer Schritt vorstellen, um die NATO zu zerstören und die euroatlantische Solidarität zum Einsturz zu bringen. Auf diese Weise würden sie Donald Trump keine Wahl lassen und ihn vor die Tatsache des NATO-Zusammenbruchs stellen, sobald energisch gegen Grönland vorgegangen wird.

Und schuld wären nicht sie, sondern der Präsident der Vereinigten Staaten selbst, der ständig erklärt, man müsse Grönland besitzen, um seine Sicherheit zu gewährleisten. Deshalb könnten Trump alle derzeit von den europäischen Verbündeten angebotenen Optionen nicht genügen. Unter diesen Vorschlägen wird sogar die Stationierung britischer Truppen auf der Insel genannt, um dem US-Präsidenten zu zeigen, dass das Sicherheitsproblem ohne gewaltsame Kontrolle über Grönland gelöst werden kann.

Doch wenn das Ziel der Ultrakonservativen in Trumps Umfeld der Zerfall der NATO ist und Trumps eigenes Ziel die Kontrolle über Grönland, dann stellt sich eine einfache Frage: Warum sollten die Stationierung britischer oder französischer Truppen auf der Insel oder sogar zusätzliche amerikanische Militärbasen Donald Trump und sein Umfeld zufriedenstellen, wenn diese Maßnahmen in Wahrheit den europäischen Einfluss auf Grönland stärken – und damit auch auf die Sicherheit im Atlantikraum, der nach Trumps Auffassung ohnehin nichts mit Europa zu tun hat?

Diese Fragen sind heute keineswegs theoretisch. Denn es stellt sich ganz konkret: Welchen alternativen Weg gibt es, der Trump eine Kontrolle über Grönland ohne militärische Gewalt verschaffen könnte?

Grönland hat formal das Recht, seine Unabhängigkeit zu erklären. Dafür sind jedoch bestimmte Verfahren erforderlich, unter anderem ein Referendum, das die Befürworter der Unabhängigkeit gewinnen müssten. Es ist durchaus möglich, dass die Amerikaner dies erreichen könnten, denn die Idee der grönländischen Unabhängigkeit war immer eine der zentralen und bedeutendsten Ideen des politischen Lebens auf der Insel. Die Grönländer haben viel dafür getan, das Recht auf eine einseitige Unabhängigkeitserklärung zu erlangen.

Doch Unabhängigkeit und ein Anschluss an die Vereinigten Staaten sind, wie wir verstehen, zwei völlig verschiedene Dinge. Und hier stellt sich eine einfache Frage: Welcher Status Grönlands würde Donald Trump akzeptieren, wenn Grönland tatsächlich ein unabhängiger Staat wird? Und wären die Grönländer selbst bereit, einem Beitritt zu den Vereinigten Staaten zuzustimmen, nachdem sie ihre Unabhängigkeit erlangt haben?

Schließlich ist dies nicht die Annexion der Krim, bei der die „Unabhängigkeit“ nach einem Scheinreferendum direkt mit der Eingliederung in die Russische Föderation verbunden wurde. Hier ginge es um den wirklichen Willen der Bevölkerung Grönlands, in einem unabhängigen Staat zu leben. Dieses unabhängige Land nur deshalb zu beseitigen, weil Donald Trump es nach einigen Wochen oder Monaten will, ist kaum eine politische Idee mit Aussicht auf Erfolg – selbst wenn man große amerikanische Finanzhilfen unterstellt.

Ein alternativer Ansatz wäre, Grönland in einen Staat in freier Assoziation mit den Vereinigten Staaten zu verwandeln – solche Formen existieren bekanntlich. Doch auch hier stellt sich die Frage, ob Donald Trump mit einer solchen Form grönländischer Souveränität einverstanden wäre und ob die USA in diesem Fall Zugang nicht nur zur Sicherheit Grönlands, sondern vor allem zu seinen Ressourcen hätten, die den amerikanischen Präsidenten und sein Umfeld offenbar weit mehr interessieren als das angebliche Auftauchen chinesischer oder russischer Schiffe in der Nähe der Insel – zumal man deren besondere Präsenz dort gar nicht beobachtet.

So bleibt die zentrale Frage: Gibt es überhaupt irgendeine Existenzform Grönlands außer einer militärischen amerikanischen Kontrolle, die Trump zufriedenstellen würde? Und selbst wenn es sie gibt – wie viele Jahre wären nötig, um zu einer akzeptablen rechtlichen Lösung zu gelangen? Und wird Donald Trump dann überhaupt noch im Oval Office sitzen, wenn die Grönländer vielleicht nicht nur der Unabhängigkeit, sondern auch einem Status als mit den USA assoziierter Staat oder sogar als US-Bundesstaat zustimmen würden? Wie viel Zeit wäre dafür nötig – und wie viele Präsidenten?

Für Trump, der alles schnell entscheiden und seine Effizienz demonstrieren will – und der natürlich auch an den Ressourcen interessiert ist –, kann deshalb die Idee, dass Spezialeinsatzkräfte einfach die Kontrolle über die Insel übernehmen, als die einzig praktikable erscheinen. Für die Ultrakonservativen ist das ebenfalls ein guter Weg, denn damit wäre die Frage nach der Existenz der NATO praktisch entschieden.

Ein schrecklicher Ausgang für Europa, ein schrecklicher für die zivilisierte Welt – und nicht zu vergessen ein tragischer für das Volk Grönlands, dessen Wille in diesem Fall im Weißen Haus niemanden interessieren würde.


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Titel des Originals: Трамп готовит захват Гренландии | Виталий Портников. 11.01.2025.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 11.01.2025.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Putin hat mit „Oreschnik“ zugeschlagen | Vitaly Portnikov. 09.01.2026.

Ein weiterer barbarischer Angriff der Russen auf die Ukraine. Zunächst möchte ich den Angehörigen der bei diesem Angriff Getöteten und allen Verletzten mein aufrichtiges Beileid aussprechen. Und natürlich wird sein barbarischer Charakter vor allem dadurch bestätigt, dass der Kreml bewusst beschlossen hat, die Energieinfrastruktur der Ukraine in der Zeit der stärksten Fröste in unserem Teil Europas anzugreifen.

Was auch immer Putin darüber erzählt, dass seine Armee militärische Objekte oder jene Energieanlagen angreift, die für die Energieversorgung des militärisch-industriellen Komplexes der Ukraine notwendig sind – die Tatsache, dass die Hauptschläge gerade während der strengsten Fröste erfolgen, zeigt, dass die russischen Barbaren keineswegs der militärisch-industrielle Komplex interessiert. Nicht einmal die Energieversorgung an sich. Es gibt ein enormes Verlangen, Menschen einzufrieren, um die Bevölkerung der Ukraine zu verringern und jene, die sich auf dem freien Territorium unseres Staates befinden, zu zwingen, vor Russland zu dessen Bedingungen zu kapitulieren.

Ich habe schon mehrfach erklärt, dass der russische Präsident am Ende des Krieges nicht weniger interessiert ist als die Ukrainer oder der Präsident der Vereinigten Staaten Donald Trump – vielleicht sogar mehr, weil er den schwierigen Zustand seiner Wirtschaft und den Druck erkennt, der auf Russland ausgeübt wird, um die Kampfhandlungen zu beenden. Doch das Ende des Krieges sieht Putin weiterhin in der Kapitulation der Ukraine vor Russland, in der Schaffung von Bedingungen, unter denen der ukrainische Staat sich zunächst in ein Grenzland verwandelt und schließlich ganz von der politischen Landkarte der Welt verschwindet und Teil der Russischen Föderation wird.

Und da die russischen Truppen diese Aufgabe, die Putin ihnen bereits im Februar 2022 gestellt hat, seit vier Jahren nicht erfüllen können, hofft er mit seinen grausamen Schlägen gegen die Ukraine, die ukrainische Bevölkerung davon zu überzeugen, dass es keine Alternative zur Kapitulation vor Russland gibt. Genau damit hängt die Serie von Angriffen auf die ukrainische Energieinfrastruktur in den letzten Monaten des Jahres 2025 und jetzt im Januar 2026 zusammen.

Ich habe keinen Zweifel daran, dass diese Angriffe so lange andauern werden, wie Putin darauf hofft, dass die unerträglichen Lebensbedingungen in der Ukraine die Bevölkerung dazu bringen, für eine vollständige Kapitulation vor Moskau einzutreten. Und dass dies nicht geschieht, dass die Ukraine unter den unerträglichen Bedingungen, die ihr die putinschen Bombardierungen auferlegen, überlebt, ärgert den russischen Präsidenten und sein kriminalisiertes Umfeld nur noch mehr.

Ein besonderer Aspekt dieses Angriffs ist der mögliche Einsatz des „Oreschnik“ gegen die Region Lwiw. Wir kennen die Details dieses Angriffs bislang nicht. Es gibt Berichte, dass der Schlag vom Testgelände Kapustin Jar aus erfolgte, wo sich dieses russische System befindet. Es gibt auch Meldungen, dass selbst wenn es der sogenannte Oreschnik war, er ohne Gefechtskopf eingesetzt wurde – also genau so, wie es beim ersten Abschuss des Oreschnik auf Dnipro der Fall war.

Doch hier muss man eine sehr wichtige Sache verstehen: Für die russischen Streitkräfte gibt es keinerlei Notwendigkeit, einen Oreschnik ohne Gefechtskopf auf die Region Lwiw abzufeuern. Es geht hier nicht darum, irgendein Objekt im Westen unseres Landes zu zerstören. Das ist kein Signal an uns. Es ist in erster Linie der Versuch, die Europäer einzuschüchtern.

Während der russische Machthaber die Ukrainer durch unerträgliche Lebensbedingungen zur Kapitulation zwingen will, aber zugleich versteht, dass es in diesem Konflikt nach vier Jahren eines großen russisch-ukrainischen Krieges und fast zwölf Jahren des Konflikts zwischen Ukraine und Russland nicht um Angst geht, will Russland im Umgang mit den europäischen Staaten gerade Angst als entscheidende Waffe einsetzen. Diese soll den Europäern zeigen, dass sie der Russischen Föderation nicht die Stirn bieten dürfen, weil es sonst Folgen geben kann, vor denen sie sich nicht schützen können – zumal wir heute nicht wissen, ob die Vereinigten Staaten von Amerika, die einzige große nukleare Macht der Welt auf Seiten der autoritären Atomstaaten, bereit sind, Europa vor möglichen aggressiven Absichten Putins zu schützen.

So könnte der mutmaßliche Einsatz des Oreschnik gegen die Region Lwiw ein Signal des russischen Präsidenten gewesen sein, nachdem die europäischen Länder beschlossen haben, russische Vermögenswerte, die in europäischen Verwahrstellen liegen, auf unbestimmte Zeit einzufrieren, der Ukraine Gelder zur Verfügung zu stellen, die es uns ermöglichen, den Staatshaushalt in den nächsten zwei Kriegsjahren auszugleichen, sowie natürlich nachdem europäische Länder ihre Absicht erklärt haben, der Ukraine Sicherheitsgarantien zu geben, falls sich Möglichkeiten zur Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges ergeben – und nicht nur Sicherheitsgarantien, sondern solche durch die Entsendung eigener Militärkontingente auf ukrainisches Territorium.

Darüber wurde, wie ihr wisst, auf dem jüngsten Treffen der Führer der „Koalition der Entschlossenen“ gesprochen. Und natürlich ist allein die Idee, dass Truppen von NATO-Mitgliedstaaten auf ukrainischem Boden stationiert werden und so eine künftige Besetzung dieses Territoriums unmöglich machen würden, für Putin absolut inakzeptabel und unerträglich.

Wie ich schon oft gesagt habe, wird Moskau mit der Fortdauer des russisch-ukrainischen Krieges gezwungen sein, diesen zu eskalieren, denn die Einschüchterung Europas und die Notwendigkeit, die Europäer von der Unterstützung der Ukraine abzuhalten, sind aus Sicht des Kremls eine zentrale Voraussetzung für den Sieg über den Nachbarstaat und dessen Kapitulation zu russischen Bedingungen mit der späteren Eingliederung ehemaliger ukrainischer Regionen in die Russische Föderation als Subjekte.

Wie dies geschieht, wissen wir bereits aus der russischen Annexion der Krim, Sewastopols sowie der Regionen Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja. Und ich möchte daran erinnern, dass Putin dieses politische Rezept auf das gesamte Territorium der Ukraine anwenden will. Seine Ambitionen erschöpfen sich keineswegs in einigen wenigen ukrainischen Regionen. Und gerade jetzt, wo Putin erstaunliche Gespräche mit dem Umfeld von Donald Trump führt, wird ihm genau durch die europäische Hilfe für unser Land ein Riegel vorgeschoben.

Deshalb ist dies keine Einschüchterung von uns. Es ist vor allem der Versuch, Europa zu zeigen, dass Putin über Waffen verfügt, vor denen sich europäische Länder offenbar ohne amerikanische Hilfe nicht schützen können – obwohl unklar ist, ob die Amerikaner überhaupt bereit sind, ihre Waffen zum Schutz Europas vor eben diesem Oreschnik einzusetzen.

Der Schlag gegen die Region Lwiw und die Berichte über die Verlegung des Oreschnik nach Belarus, dessen Marionettenherrscher Lukaschenko diese Bedürfnisse Putins bedient, sind erste Schritte zur Eskalation des russisch-ukrainischen Krieges – zumindest in Form eines hybriden Krieges auf dem europäischen Kontinent, der sich 2026 entfalten könnte.

Das ist also kein bloß barbarischer Angriff. Es ist der Versuch, den Winter und die Angst für Putins Ambitionen und Ziele zu benutzen.


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Titel des Originals: Путін вдарив «Орєшніком» | Віталій Портников. 09.01.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 09.01.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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An der Schwelle eines großen Krieges. Kolumne von Vitaly Portnikov. 29.12.2025.

https://vot-tak.tv/90746185/itogi-goda-riski-bolshoj-vojny-rossiya-ukraina-portnikov?fbclid=IwZnRzaAO_oC1leHRuA2FlbQIxMQBzcnRjBmFwcF9pZAo2NjI4NTY4Mzc5AAEeoHW2aJyeZxaKT85x2Nka-_PsAcuux-_Dqn5J8QT8l63K5I6GefHvmnmAreI_aem_oXs0rhh18txDSlymaMiHaQ

Das Jahr 2025 endet vor dem Hintergrund anhaltender Konsultationen über die Möglichkeit, den russisch-ukrainischen Krieg zu beenden, und unaufhörlicher russischer Angriffe auf die ukrainische Infrastruktur. Und obwohl es keine besonderen Hoffnungen auf konkrete Ergebnisse dieser Verhandlungen gibt, erscheint eines offensichtlich: Alle beteiligten Seiten wollen ein Ende des Krieges.

Das will Donald Trump, dem es wichtig ist, seine friedensstiftenden Fähigkeiten zu demonstrieren und die Türen für eine wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Moskau zu öffnen. Das wollen die vom Krieg erschöpften Ukrainer. Das wollen die Europäer, die immer mehr Mittel für die Unterstützung der Ukraine ausgeben und den Krieg als Zeichen einer großen europäischen Instabilität wahrnehmen — selbst Viktor Orbán sagt, dass der Fall der Ukraine eine Katastrophe wäre.

Und das will auch Putin, der die Sanktionen so schnell wie möglich loswerden und die sich verschlechternde wirtschaftliche und soziale Lage in Russland stabilisieren möchte.

Doch die Vorstellungen darüber, wie der Krieg enden soll, unterscheiden sich grundlegend. In Kyiv und in den europäischen Hauptstädten – und sogar in Washington – will man, dass der ukrainische Staat erhalten bleibt, wieder zu Kräften kommt und sich weiterentwickeln kann, ohne neue Kriege fürchten zu müssen. Die Meinungsverschiedenheiten betreffen hier nur das Ausmaß der Zugeständnisse an Russland. In Moskau dagegen will man, dass der ukrainische Staat verschwindet: Dort wird lediglich darüber diskutiert, auf welchem Weg das leichter zu erreichen ist – militärisch oder politisch. Und genau deshalb ist kein echter Frieden in Sicht.

Wenn Sie also Putin wären, welchen Weg würden Sie wählen, um möglichst schnell das Ende des Krieges und den Zusammenbruch der Ukraine zu erreichen? In dieser Logik muss man dem Gegner die Ressourcen entziehen. Doch den Löwenanteil ihrer Ressourcen erhält die Ukraine aus Europa. Was müsste man also tun, damit die Europäer aufhören, der Ukraine zu helfen, und beginnen, über ihre eigenen Probleme nachzudenken? Oder begreifen, dass die Unterstützung der Ukraine selbst ihr größtes Problem ist?

Den Konflikt ausweiten.

Im Jahr 2025 sind russische Drohnen bereits in den Luftraum Polens und Rumäniens eingedrungen, und „unbekannte“ Drohnen sind über den wichtigsten Militäranlagen und Flughäfen einer ganzen Reihe europäischer Länder aufgetaucht. Doch das ist natürlich erst der Anfang. Für Putin ist es wichtig, die Europäer einzuschüchtern, und er hat bereits damit begonnen, indem er ständig daran erinnert, dass Russland zu einem Krieg mit ihnen bereit ist. In einer Situation, in der in Europa niemand genau weiß, wie Donald Trump auf ein Eindringen in NATO-Staaten oder auf deren Beschuss reagieren würde, sind das keine leeren Worte.

Ja, bislang kann Putin nur Aufklärungsdrohnen entsenden. Aber wenn er sieht, dass seine Drohungen nicht wirken – und die jüngsten Erklärungen des russischen Präsidenten erfolgten gerade nach der Entscheidung des EU-Gipfels, der Ukraine 90 Milliarden Euro bereitzustellen –, wird er gezwungen sein, zu konkreten Handlungen überzugehen.

Und uns bleibt nur zu verstehen, welche das sein werden: Sabotageakte? Kampfdrohnen, die ein wichtiges militärisches Objekt angreifen, das mit der Hilfe für die Ukraine verbunden ist – etwa den Flughafen in Rzeszów? Ein Raketenangriff? Ein Einmarsch in die baltischen Staaten? Wird er wirklich bereit sein, ein solches Risiko einzugehen?

Doch erinnern wir uns daran, dass vor Putins Einmarsch in die Ukraine viele ebenfalls glaubten, der russische Präsident werde das Risiko eines großen, jahrelangen Krieges nicht eingehen, in den sich eine solche Invasion zwangsläufig verwandeln würde. Dann stellte sich jedoch heraus, dass er überhaupt nicht glaubte, ein großes Risiko einzugehen. Er war überzeugt, es handle sich um eine kurzfristige „Spezialoperation“ von ein paar Wochen – mit der Besetzung des gesamten Donbas und einem Regierungswechsel in Kyiv. In einen großen Krieg geriet er nicht, weil er ihn geplant hatte, sondern weil er zum Gefangenen seiner eigenen Fehlkalkulation wurde.

Mit Europa kann es ganz genauso kommen. Putin gehört zu den Menschen, die nichts vergessen und nichts lernen. Und seine europäische „Kurzzeitoperation“, mit der er Europa einschüchtern, es zwingen will, sich aus den Konflikten im postsowjetischen Raum herauszuhalten und das Ende des Krieges zu beschleunigen, kann sich in Wirklichkeit als ein weiterer großer Krieg erweisen – nur diesmal ein sehr großer. Ein sehr, sehr großer.

Das ist die Frage des Ausmaßes.


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Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: На пороге большой войны. Колонка Виталия Портникова. 29.12.2025.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 29.12.2025.
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: Zeitung
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Poro­shenko darüber, was 2026 sein wird, wann es Frieden geben wird, was die Streitkräfte der Ukraine brauchen, die Korruptionsskandale der Regierung, die Wahlen. 21.12.2025.

Portnikov. Fangen wir mit der Frage an, die sich im Moment eine enorme Zahl von Menschen in jeder möglichen Situation stellt – ich würde sagen in politischen wie unpolitischen. Was ist mit dem Friedensprozess? Gibt es überhaupt tatsächlich Friedensverhandlungen? Kann man von der Möglichkeit einer Unterbrechung des Krieges oder sogar seiner Beendigung in naher Zukunft sprechen?

Poroshenko. Erstens: Man kann und man muss darüber sprechen. Zweitens: Der Friedensprozess ist alternativlos. Drittens: Man sollte darüber reden, dass der Friedensprozess realistisch ist. Und wenn der Friedensprozess von professionellen Diplomaten geführt wird, von bevollmächtigten und hoch angesehenen Persönlichkeiten, und wenn es letztlich eine klare Festlegung seitens des Präsidenten, des Oberbefehlshabers, gibt, dann wird der Friedensprozess auf jeden Fall ein Ergebnis bringen, trotz des gewissen Skeptizismus, der sowohl in Ihren Einschätzungen, Vitaly, als auch in meinen Einschätzungen vorhanden ist. Denn wenn man Sie außerhalb des Interviews fragen würde, ob Sie glauben, dass Putin auf Frieden eingehen wird, kann ich Ihre Antwort vorhersagen.

Portnikov. Ich kann sie auch während des Interviews sagen. Das ist übrigens ebenfalls eine Frage. Wird Putin auf Frieden eingehen? Das ist doch eine gute Frage. Warum sie außerhalb des Interviews stellen?

Poroshenko. Ich möchte Ihnen betonen, dass man im Jahr 2014, als vor Beginn der Minsker Verhandlungen alle fragten, ob Putin zur Unterzeichnung bereit sei – fragen Sie Arsenij Jazenjuk, fragen Sie die amerikanischen Diplomaten, fragen Sie alle, alle, mit denen ich mich traf, Turtschinow, Hrojsman, alle –, „also das ist unmöglich, er hat keinen einzigen Anreiz. Wir sind ein Land ohne Armee. Wir sind ein Land ohne Geld. Wir sind ein Land, das heute eine leichte Beute in Putins Händen ist“. Vergleicht man das, ist unsere Lage jetzt viel besser als 2014. Ich werde das nicht im Detail beschreiben, falls nötig, werde ich mich dazu noch äußern.

Aber wenn sich das Land freut, dass wir Trump „zeigen, wo der Hammer hängt“, und das war sowohl im Februar im Oval Office so als auch jetzt, dann motiviert das eine Regierung, die sich nicht von den Interessen des Landes, sondern von Umfragewerten leiten lässt, dazu, einmal mehr alle zum Teufel zu schicken. Wir brauchen einen anderen Plan. Es gibt einen Präsidialerlass – das ist seine Zuständigkeit, ich kritisiere das nicht. Mehr noch: Wenn jede Hilfe gebraucht wird, bin ich bereit, ihm den Rücken zu stärken. 

Aber in diesem Erlass des Präsidenten stand: „Eine Verhandlungsgruppe unter Leitung von Jermak bilden.“ So stand es. Punkt. Mit Jermak wollte sich niemand an einen Tisch setzen – weder in Genf noch in den Vereinigten Staaten. Und warum? Weil er toxisch ist. Weil alle die Geschichte Jermaks sehr gut kannten. Danach wurden Änderungen vorgenommen, und nun steht da: „Eine Gruppe unter Leitung von Umerow bilden.“ Umerow ist schon deutlich weniger toxisch, aber er ist toxisch. Doch der zweite Punkt fehlt dort. Welcher Punkt? Die Verhandlungsdirektiven zu beschließen (in Klammern – streng geheim). Ich habe das geschrieben, alle haben es geschrieben. Womit fahren die Leute los, wo ist die Position des Präsidenten, zu welchen Ergebnissen sollen sie kommen?

Portnikov. Vielleicht wird das sozusagen unterwegs entschieden…

Poroshenko. So macht man das nicht, denn das sind Dokumente – und sie stehen nicht im Erlass. Wissen Sie, was das bedeutet? Dass es keine Direktiven gibt. Wie soll die Position der diplomatischen Delegation der Ukraine während des Friedensprozesses aussehen? Es gibt eine Aufgabe Nummer eins, jenseits jeden Zweifels, genauso wie wir das in Minsk gemacht haben: eine bedingungslose, umfassende, sofortige Feuerpause. Dieses Thema steht über allen anderen. Und wir kämpfen um die Positionen der Ukraine in der Welt. Denn wenn Putin auftritt und sagt: „Die Ukraine will keinen Frieden“, dann ist unsere Position eine andere, Freunde. Die ganze Welt hat Putin einen Waffenstillstand angeboten. Putin hat abgelehnt. Das ist Putins Verantwortung. Lehnt Putin ab, was passiert dann weiter? 

Und dann gibt es den sogenannten Plan B. Wenn Putin ablehnt, wird eine Arbeitsgruppe gebildet, wir führen Verhandlungen über alle Fragen, mir ist völlig egal, ob es 28 oder 19 Punkte sind. Das spielt im Moment gar keine Rolle. In der Diplomatie und im Militärwesen nennt man das eine Nebelwand. Das hat nichts mit dem eigentlichen Inhalt der Verhandlungen zu tun.

Unsere Position aber wäre Plan B. Was ist Plan B? Erstens: Wenn Putin nicht bereit ist, das Feuer einzustellen, werden uns weitreichende Waffen übergeben, werden uns Raketen für unsere Luftstreitkräfte übergeben, werden uns Systeme für die elektronische Kriegsführung übergeben. Und ich bin bereit, das alles auszubuchstabieren, denn die Lage bei den Drohnen und bei der Munition ist inzwischen etwas besser.

Portnikov. Aber sind die Amerikaner bereit, uns – sagen Sie…

Poroshenko. Das muss Gegenstand der Verhandlungen mit den Amerikanern sein, und nicht, dass wir mit ihnen über Bedingungen feilschen, die sie, die Amerikaner, von Putin erhalten haben. Das ist einfach Zeitverschwendung. Wir sprechen mit den Amerikanern über das Falsche. Und warum sprechen wir mit den Amerikanern, Vitaly, über das Falsche? Weil unsere Kommunikation mit unserem wichtigsten strategischen Partner zerstört wurde.

Die Amerikaner wollten nicht mit Markarowa sprechen – einer großartigen Frau, Ministerin in meiner Regierung. Sie werden von mir kein schlechtes Wort über sie hören. Nur müssen wir nicht diejenigen ernennen, die uns gefallen, sondern diejenigen, die mit ihnen reden können. Es gibt Kommunikationsprobleme, trotz ihres glänzenden Englisch, obwohl ich aufgehört habe, sie zu kritisieren, sobald sie, obwohl sie an der Unterzeichnung von Sanktionen gegen mich beteiligt war, den Staat in Washington vertritt – kommentiere ich sie nicht. Für sie sind trotzdem alle Türen verschlossen. Ihr wurden bis heute, und das ist sehr schlecht, was ich bedaure, die Beglaubigungsschreiben nicht überreicht. Das ist auch ein Faktor. Und ohne Beglaubigungsschreiben sind viele Amtsträger der Vereinigten Staaten rechtlich gar nicht befugt, sich mit ihr zu treffen. Wovon reden wir hier?

Unter diesen Umständen ist unsere Position: Wir müssen die beste Delegation aufstellen, die es versteht, mit dem Kongress, mit dem Repräsentantenhaus, mit dem Senat zu sprechen, die es versteht, mit der Administration, mit dem State Department, mit dem Verteidigungsministerium, mit dem Finanzministerium zu sprechen – denn dort werden die Sanktionen beschlossen. Und keine einzige dieser Personen sitzt in dieser Delegation, vielleicht mit Ausnahme von Kyrylo Budanow. Vielleicht Kyslyzja, aber der ist gerade in China. 

Und welche Forderung müsste diese Delegation stellen? Die erste: Waffen. Sobald wir „Tomahawks“ und „Taurus“-Raketen haben – ich habe vorgestern im Parlament ein sehr langes Gespräch mit Syrskyj geführt, er hat das voll unterstützt. Übrigens gab es ein offenes Gespräch mit dem gesamten Ältestenrat, und es wurde viel mehr über das Verständnis der Lage gesprochen. Einen Teil davon kann ich nicht wiedergeben, aber das hat mich etwas ermutigt. 

Also: Wenn wir „Tomahawks“, „Taurus“, Luft-Boden-Raketen, verstärkte Drohnenkapazitäten und Komponenten hätten, würde Putin dreimal überlegen: „Vielleicht lohnt es sich doch, das Feuer einzustellen.“ Und damit meine ich nicht nur das Feuer auf Raffinerien und Energieanlagen. Wir haben damit begonnen, das effektiv zu nutzen. Zweiter Punkt – die Sanktionen. Wissen Sie, wie hoch der Preis für Urals-Öl im Moment ist?

Portnikov. Nicht besonders hoch, um es milde zu sagen…

Poroshenko. Unter, deutlich unter den Produktionskosten. Er liegt bei bis zu 40 Dollar pro Barrel. Das bedeutet, dass es für die Russen wirtschaftlich keinen Sinn hat, Öl zu verkaufen. Nun, 80 Prozent des russischen Öls… Bravo. Und China kauft noch billiger, und Indien lehnt ab. Und die Reedereien haben nach unseren erfolgreichen Angriffen auf Tanker der Schattenflotte sowohl im Schwarzen Meer als auch im Mittelmeer ihre Versicherungsprämien um das Siebenfache erhöht. Was heißt das? Dass das zweite Ziel der Sanktionen darin besteht, den russischen Export auf unter 200 Milliarden Dollar zu drücken, also unter das Niveau, ab dem Putin den Krieg finanzieren kann. Das ist das zweite Motiv dafür, dass Putin dreimal nachdenken muss.

Der dritte Punkt, den man umsetzen muss, ist die Hilfe für die Ukraine. Zunächst einmal, wenn von „Hilfe“ die Rede ist. Was die Finanzen betrifft: Die Amerikaner geben uns kein Geld, damit das Land seine Budgetausgaben finanziert. Und sie werden es nicht tun, weil die Ausgaben der Ukraine – dank der Verbrecher aus dem „Mindychgate“ und jetzt auch dank anderer Mitschnitte, die die NABU veröffentlicht hat – jede finanzielle amerikanische Hilfe faktisch blockieren.

Worüber müssen wir mit den Amerikanern jetzt sprechen? Über Hilfe für die Rüstungsindustrie. Und überhaupt ist unsere Position derzeit, dass die Forderung nicht nur in der Stärkung der Streitkräfte besteht, was der aktuelle Haushalt nicht leistet, sondern dass ein Schlüsselbestandteil dieser Stärkung der Aufbau einer Kriegswirtschaft ist, beziehungsweise die Umstellung der Wirtschaft auf Kriegsbetrieb. Das ist unvereinbar. Eine Wirtschaft auf Kriegsbetrieb und ein einheitlicher TV-Marathon sind unvereinbar. Die Finanzierung der Telegram-Kanäle des Präsidialamts ist unvereinbar. Die Finanzierung einer Kommunikationsstrategie im Umfang von 4 Milliarden ist unvereinbar. Die Finanzierung von Gehaltserhöhungen für Staatsanwälte und das Staatliche Ermittlungsbüro bei gleichzeitigen Kürzungen für die Armee ist unvereinbar. Die Finanzierung von auf korruptem Wege an die Macht angedockten Unternehmen à la „Flamingo“ und das Nichtstun gegenüber echten Produzenten – unvereinbar.

Und der dritte Punkt – da sind unsere europäischen Partner. Ich danke ihnen übrigens sehr für die 90 Milliarden Euro, die mit dieser Entscheidung bewilligt wurden und die das russische…

Portnikov. Ich möchte nachfragen. Die „Flamingo“-Raketen existieren Ihrer Meinung nach nicht?

Poroshenko. Doch, sie existieren. Ich weiß alles über sie.

Portnikov. Treffen sie ihr Ziel?

Poroshenko. Nein. Nein, sie starten effektvoll. Es gibt dort sehr alte Triebwerke, die in sehr begrenzter Stückzahl beschafft wurden. Ich kann nicht sagen, wie viele, aber sehr wenige. Und sie haben diese Triebwerke nicht gekauft, sie haben den Vorrat genutzt, den ich damals angelegt habe. Und es gibt eine gewisse Sprengstoffmenge, aber wohin fliegt sie? „Flamingo“ ist ein ganz, ganz großes Militärgeheimnis. Sie ist nur bei einem kombinierten Einsatz mit „Neptun“ wirksam. Wenn sie gemeinsam fliegen, erreicht „Neptun“ das Ziel. Fliegt sie allein, trifft sie nirgendwo. Aber sie hat einen psychologischen Effekt.

Portnikov. Sagen Sie, Sie haben von der Unvereinbarkeit verschiedener Ausgaben gesprochen. Ist diese Unvereinbarkeit Ihrer Ansicht nach nicht mit dem Prozess der Wahlvorbereitung verbunden? Sind Wahlen überhaupt möglich? Warum bereiten sich alle weiterhin auf sie vor, als wäre der Krieg bereits zu Ende?

Poroshenko. Wahlen sind unvermeidlich – selbst wenn die Kampfhandlungen andauern, sind Wahlen unvermeidlich. Wahlen können nur verschoben oder nicht durchgeführt werden, wenn wir die Amerikaner im Stil des Oval Office abfertigen und die Europäer ebenfalls, nach dem Motto: Wir schaffen das schon allein, wir wissen auch ohne euch Bescheid. Die Taktik der ukrainischen Regierung war leider so, und sie wird von anderen nicht akzeptiert: „Gebt uns das russische Geld, 300 Milliarden, und wir klären ohne euch, wie es weitergeht.“ Das nennt man die „Mindychgate“-Strategie. Obwohl dieser unglückselige Mindych, der in Israel sitzt…

Portnikov. Er sitzt nicht in Israel, er spaziert dort herum. Übertreiben wir sein Unglück mal nicht.

Poroshenko. Er spaziert dort zusammen mit bestimmten bekannten Personen. Nun, ich denke, das wird bald bekannt werden. Aber er ist unglücklich. Ich glaube nicht, dass er glücklich ist, selbst wenn er spazieren geht. Er ist unglücklich, weil er ein „Strohmann-Vorsitzender Funt“ ist. Anspielung auf den fiktiven ‚Sitzpräsidenten Funt‘ aus Ilf und Petrows Roman, der als juristische Tarnfigur für andere haftet). Er ist Funt. Er ist kein Organisator. Und selbst Jermak ist sein Vorgesetzter, der Organisator dieses Schemas, aber nicht der einzige, der verantwortlich gemacht werden muss.

Und genau dann, wenn wir um westliche Hilfe bitten, ist diese Wirtschaft – der Haushalt, den die Werchowna Rada verabschiedet hat und gegen den ich scharf aufgetreten bin – nicht nur deswegen problematisch, weil die Streitkräfte unterfinanziert sind, nicht nur deswegen, weil die zentrale Position fehlt, nämlich die Motivation zur Mobilisierung.

Wissen Sie, wie viel ein russischer Soldat bekommt, der heute auf Vertragsbasis in die Armee eintritt? Sie sagen, sie hätten nur Zeitsoldaten, keine Mobilmachung. Diese Information – ich denke, der Oberbefehlshaber verzeiht mir –, sie basiert auf Daten des Geheimdienstes: von 20 bis 45 000 Dollar plus regionale Zuschläge. Plus regionale Zuschläge, die von 500 000 bis 3 Millionen Rubel reichen, der Vollständigkeit halber. Die Regionen senken diese Zuschläge aktuell zwar, aber es ist eine Söldnerarmee. Wir könnten uns eine solche Armee kaum leisten.

Portnikov. Wovon denn?

Poroshenko. Wir sind eine Armee, deren Motivation ist, das eigene Land zu verteidigen. Sie sind eine Armee, die ihren Mobilmachungs­ressourcen noch gar nicht ausgeschöpft hat. Darum geht es nicht. 40 000 Dollar, das sind etwa anderthalb bis zwei Millionen Hrywnja, wenn ich mich nicht irre. Und unter diesen Umständen erklären Sie mir bitte, warum wir jetzt nicht – und das ist das, was ich vorgeschlagen habe – ernsthaft eine gewisse administrative Verantwortung für Wehrdienstentzug diskutieren können, nicht strafrechtliche Verantwortung.

Portnikov. Wir müssen natürlich in einer solchen Situation auch die Gehälter der Soldaten erhöhen.

Poroshenko. Zweitens: Wir müssen eine erste Zahlung bei Vertragsabschluss leisten, in dem Moment, in dem jemand mobilisiert wird. Sie soll über vier, fünf, sechs Monate ausgezahlt werden, denn für eine mobilisierte Person ist es am schwersten in den ersten ein, zwei, drei Monaten.

Portnikov. Aber man muss auch an diejenigen denken, die momentan dienen. Es wäre seltsam, wenn diejenigen, die mobilisiert werden, Geld erhalten, und diejenigen, die kämpfen, nicht das gleiche Geld bekommen. Wie soll das aussehen?

Poroshenko. Erstens: Sie bekommen es. Zweitens: Das ist eine erste motivierende Einmalzahlung. Und drittens geht es um die Indexierung der Bezüge der Soldaten. Es ist durch nichts zu rechtfertigen, dass wir 100 Milliarden… Und jetzt haben wir einen Gesetzentwurf eingebracht: Wir haben vorgeschlagen, die Ausgaben um 100 Milliarden zu kürzen. Und diese 100 Milliarden reichen ganz sicher sowohl für die Motivation als auch für die Indexierung.

Portnikov. Aber Sie sind meiner Frage nach den Wahlen ausgewichen, denn ich verstehe immer noch nicht, wie man während der Kampfhandlungen Wahlen technisch durchführen kann. Sie glauben doch nicht, dass wir sie nach Putins Rezept abhalten, der für einen Tag das Feuer einstellt?

Poroshenko. Nein, das ist ausgeschlossen. Aber ich bin der Einzige, der das sagen kann, weil während des Krieges drei Wahlkampagnen mustergültig…

Portnikov. Aber was für eines Krieges?

Poroschenko. …mit der Garantie des freien Willens der Bürger von Poroschenko durchgeführt wurden. Und in diesem Fall, wenn man es nicht schafft… Ja, Wahlen während des Kriegsrechts sind ohne Aufhebung des Gesetzes über den Kriegszustand unmöglich. Sie sind illegitim und werden von niemandem anerkannt, egal welche Aufträge jemand dem Parlament erteilt. Aber wir können heute eine Position finden, die nicht das dauerhafte, sondern zumindest das zeitweilige Einstellen des Feuers vorsieht, zum Beispiel für ein halbes Jahr. Und in diesen sechs Monaten…

Portnikov. Das heißt, Sie glauben, dass Putin dem zustimmen wird?

Poroshenko. Ich glaube, dass unsere Partner, wenn sie klar ein Sanktionspaket formulieren, klar die Beschlagnahme eingefrorener Vermögenswerte formulieren und klar die Koordinierung von Maßnahmen mit Indien, China und den wichtigsten Handelspartnern Russlands – dass dies der einzige mögliche Weg ist. Zum Beispiel verstehe ich neben dem, was ich betont habe, das jahrelange Ignorieren Chinas nicht. Ich verstehe nicht, warum ich, als ich 2022–23 – und ich kenne Präsident Xi Jinping persönlich – ihm zu seiner Wiederwahl gratulierte, von ihm einen persönlichen Brief erhielt, eine Einladung nach China erhielt und sofort zum Ziel eines völlig unsinnigen, inkompetenten Angriffs wurde: „Er gratuliert China, obwohl China den Friedensplan von Präsident Zelensky nicht unterstützt“. Freunde, wir haben die Chance der Jahre 2022–23 verpasst, denn der Schlüsselpunkt des chinesischen Friedensplans wissen Sie, welcher war? Einstellung des Feuers.

Portnikov. Gab es überhaupt die Möglichkeit, dass China real Druck auf Russland ausübt, oder ist das wieder eine Illusion?

Poroshenko. Offensichtlich gab es diese Möglichkeit. Sie haben Hunderte Milliarden Handelsvolumen. Sobald China den Hahn zudreht, bleibt Russland ohne Geld. Noch ein Argument zu China: Ich bin kein Anwalt Chinas. Ich sage nur, dass wir keine einzige Möglichkeit ignorieren dürfen, um den Druck Chinas auf Russland zu erreichen. Verzeihen Sie. Das ist richtig, oder? Wissen Sie, wie hoch der Anteil der Lokalisierung bei der überwältigen Mehrheit der FPV-Drohnen, der Detektoren, Radare, EW-Mittel ist? Lokalisierung heißt: Wie viel Wertschöpfung wird in der Ukraine hinzugefügt und wie viel davon besteht aus importierten Komponenten – aus China?

Portnikov. 75–80 Prozent.

Poroshenko. Sehen Sie, Sie liegen nah dran. Es sind 80 Prozent – China. Stellen Sie sich vor, China stellt morgen die Lieferung von Komponenten an die Ukraine ein. Kann das theoretisch passieren?

Portnikov. Kann es. Aber vielleicht ist es für China einfach vorteilhaft, dass wir ewig mit den Russen kämpfen, sodass wir schwächer werden und sie schwächer werden.

Poroshenko. Ja, offensichtlich ist das vorteilhaft. Und wir müssen dafür sorgen, dass der Nutzen daraus… Nun, Sie erinnern sich, da war von „Leichen der Feinde“ die Rede – China soll am Ufer sitzen, wenn die Leichen der Feinde den orangefarbenen Fluss hinabtreiben. Aber ich will etwas anderes sagen. Wenn China schlagartig aufhört, uns Komponenten zu liefern, wird unser Land nicht schnell auf koreanische, taiwanische, europäische, amerikanische Lieferungen umstellen können.

Portnikov. Vielleicht hätte man sich rechtzeitig darum kümmern müssen. Ich habe schon während Ihrer Präsidentschaft gesagt, man müsse wenigstens ein Vertretungsbüro der Taipei-Kommission in Kyiv eröffnen, um politisch mit China verhandeln zu können. Das haben beide Präsidenten blockiert – Sie und Zelensky.

Poroshenko. Machen wir nicht alles auf einmal, wie man in Odesa sagt. Ich bestreite das nicht. Erstens können wir jetzt nicht von der Ein-China-Politik abrücken. Zweitens…

Portnikov. Die Ein-China-Politik schließt die Einrichtung eines Vertretungsbüros nicht aus, das es in Moskau, in Warschau, in Washington gibt.

Poroshenko. Ich kann Ihnen sagen, dass einzelne Politiker mit Taipei kommunizieren und es für uns dort keinerlei Probleme gibt, selbst ohne Eröffnung einer Vertretung. Ich möchte nicht mehr sagen. Sie und ich wissen beide, worum es geht. Aber die Beziehungen zu China wurden in eine Sackgasse getrieben. Und ich wiederhole: Es genügt, wenn China die Lieferung von Komponenten an die Ukraine einstellt, um die ukrainischen Streitkräfte ihres derzeit effektivsten Mittels zu berauben.

Portnikov. Sie sagen selbst, dass Kyslyzja jetzt in China ist, also kommt das irgendwie aus…

Poroshenko. Leider ist das nur die Wiederaufnahme zumindest eines Dialogformats. Aber China kann auch betonen, dass es Russland die Lieferungen einstellt, und das wäre das stärkste Motivationsmittel für Putin, das Feuer einzustellen. Deshalb, wenn ich sage, dass China, Indien und eine harte Position der Vereinigten Staaten, eine koordinierte Position – zum Glück haben wir diese jetzt –, eine koordinierte Position der Europäischen Union trotz der Positionen der Führungen Ungarns, der Slowakei und jetzt leider auch Tschechiens, uns die Möglichkeit geben, zu hoffen, dass es möglich ist, das Feuer einzustellen, und zwar schon jetzt, unverzüglich. Und wenn wir…

Portnikov. Wird es im Zusammenhang mit den Wahlen keine Destabilisierung geben? Das ist ebenfalls eine gute Frage, die alle stellen. Wird Russland diese Situation nicht ausnutzen? Und nicht nur Russland. Fürchten Sie keine Destabilisierung der Lage?

Poroshenko. Erstens: Ich fürchte sie nicht. Zweitens: Chaos ist nur in einem Fall möglich – wenn die derzeitige Regierung so tut, als geschehe nichts. Wenn sie glaubt, dass sie mit einem internationalen Skandal die Aufmerksamkeit der Gesellschaft von „Mindychgate“ ablenken kann, dass es reicht, E-Voting-Technologien, Manipulation von Wahlen, Briefwahl, Nichtzulassung von Gegnern – Ihres ergebenen Dieners – anzuwenden. Wenn mir aufgrund der Sanktionen verboten ist, an den Wahlen teilzunehmen, wird niemand diese Wahlen anerkennen.

Wenn die Regierung also auf diese Weise versucht, sich für die nächste Amtszeit an der Macht zu halten, ist das ein direkter Schritt ins Chaos, denn 90 Prozent der Gesellschaft sind über „Mindychgate“ informiert. 50 Prozent sind sehr gut informiert. 77 Prozent nennen konkrete Nachnamen. Sie wissen selbst, wen. Ich möchte in Ihrer Sendung nicht einmal nennen, wer unmittelbar und persönlich für die Organisation systemischer Korruption in der Ukraine verantwortlich ist.

Portnikov. Verstehe ich richtig, dass diese Sanktionen, die gegen Sie verhängt wurden, Ihre Teilnahme am politischen Prozess de facto blockieren?

Poroshenko. Ich bin der Einzige unter den sanktionierten Personen, bei dem sie das wirklich tun. Es ist mir verboten, etwas zu unterschreiben, Rechtsgeschäfte vorzunehmen, alles. Und diese Sanktionen sind absolut verfassungswidrig, außergerichtlich, rechtswidrig. Und das weiß inzwischen die ganze Welt, weil es entsprechende Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, des Europäischen Parlaments, des Europarats, der Europäischen Kommission, des Menschenrechtskommissars des Europarats und so weiter gibt. Er hat sich damit selbst ins Bein geschossen. Und man muss jetzt einen Weg finden, mit Wahrung des Gesichts aus diesem für die Regierung und für das Land sehr gefährlichen Prozess herauszukommen.

Portnikov. Das Gerichtsverfahren selbst, soweit ich verstehe, läuft weiter, oder?

Poroshenko. Ja. Und heute kann ich Ihnen sagen, dass selbst als jetzt 90 Milliarden Euro bewilligt wurden, es dort zwei Bedingungen gab. Der erste Bedingung ist ein systemischer und effektiver Kampf gegen die Korruption und die Unantastbarkeit und Unabhängigkeit der Antikorruptionsbehörden. Und die zweite Bedingung, die sehr klar formuliert ist, ist die Rechtsstaatlichkeit. Was bedeutet das? •

  • Erstens die Unabhängigkeit der Justiz. 
  • Zweitens die Menschenrechte. 
  • Drittens die Rechte der Medien. 
  • Viertens die Rechte der Opposition. 
  • Fünftens die Rechte der Leiter gesellschaftlicher Organisationen. 

Das ist alles. Und es steht geschrieben: „Wenn ihr das verletzt, geben wir kein Geld.“ Und wer die Augen davor verschließen will – das ist unmöglich.

Aber ich komme zum Chaos zurück. Das Chaos… Wodurch begann das Chaos 2004? Sie erinnern sich sehr gut daran. Ich war einer der Führer der Orangen Revolution. Für mich ist das eine große Ehre – im Gegensatz zur derzeitigen Regierung. Durch Wahlfälschung. Danach gab es die dritte Runde. Die Menschen gingen auf den Maidan, weil ihnen die Ergebnisse gestohlen wurden.

Portnikov. Das war genau das Hauptmotiv.

Poroshenko. Was war die Motivation der Revolution der Würde?

Portnikov. Die Ablehnung des Assoziierungsabkommens mit EU.

Poroshenko. Die Aberkennung des Rechts auf eine künftige EU-Mitgliedschaft. Warum? Weil das Janukowytsch bei den Wahlen im Weg stand.

Meine Position ist folgende: Spielt nicht damit, denn das führt zum Chaos. Und dieses Chaos wird Putin ausnutzen. Das wäre sehr verantwortungslos. Das Einzige ist, dass die Ukrainer sehr verantwortungsvoll sind. Ich glaube an sie und bin mir dessen sicher, besonders jetzt. Verstehen Sie, ohne „Mindychgate“.

Die große Mehrheit versteht sehr klar: Zelensky wird die Wahlen nicht gewinnen. Und er – ich war Präsident, ich kann das sagen – muss jetzt konkret daran arbeiten, eine Spur in der Geschichte zu hinterlassen. Und er hat diese Möglichkeit, und ich rate ihm dringend, das zu tun. Wenn aber seine Umgebung ihn, wie jetzt, dazu drängt, um den eigenen Hintern zu decken, dann kann das schwerwiegende Folgen haben, nicht nur für das Land, nicht nur Chaos, nicht nur für jeden von uns, sondern auch für ihn persönlich.

Portnikov. Sagen Sie: Wenn wir über die Zukunft sprechen – welche der Dinge, die erreicht wurden oder nicht erreicht wurden, werden Ihrer Meinung nach aus dem Jahr 2025 in das Jahr 2026 hinüberwachsen? Wovon müssen wir uns befreien, was müssen wir fortsetzen?

Poroshenko. Die Ukraine hat eine grundlegende Errungenschaft. Die Ukraine existiert. Es ist gelungen, das Land zu erhalten. Ich möchte übrigens daran erinnern, dass wir in weniger als drei Wochen ein sehr wichtiges Datum haben – den 11. Januar. Wissen Sie welches? Am 11. Januar sind es vom 24. Februar an 1418 Tage und Nächte. 1418 Tage – genau so lange dauerte der sowjetisch-faschistische Krieg vom 22. Juni bis zum 9. Mai 1945. Aber während der 1418 Tage der 40er Jahre gelangte Hitler von Brest bis an die Wolga nach Stalingrad, eroberte Kyiv, Charkiw, rückte bis an Moskau heran. Und das schaffte er in fünf Monaten. Und in 1418 Tagen ist Putin im Donbass stecken geblieben. Im Donbass, wo seit 2014–15 wirksame und nicht korrupte Befestigungsanlagen gebaut worden waren.

Portnikov. Die man uns übrigens jetzt wegnehmen will.

Poroshenko. Sie haben recht. Das ist das Hauptziel, warum Putin Slowjansk, Kramatorsk, Druschkiwka, Kostjantyniwka einnehmen will – weil wir dort 2014 gebaut haben. 3 Milliarden Hrywnja – wecken Sie mich nachts, ich weiß noch, was jeder Abschnitt kostet und welche Region für welchen Abschnitt verantwortlich war. Und wir haben kein weiteres Geld gegeben, es bestand keine Hoffnung, dass sie dort irgendwo zu überhöhten Preisen einkaufen würden, wie Pronin oder andere in diesen Dingen.

Und 1418 Tage – die wichtigste Errungenschaft des Jahres 2025 ist: Die Ukraine ist erhalten. Die Hauptpläne für 2026 – der Frieden, ein wirklicher. Und wir müssen jetzt einen Aktionsplan, Aufgaben, eine Strategie zur Erreichung des Friedens ausarbeiten. Zur Erreichung des Friedens und zur Erhaltung der Ukraine ohne Kapitulation, ohne kapitulative Zugeständnisse, auf dem Weg zu einer vollständigen Feuerpause. 

Wir müssen aufhören, darüber zu reden, dass wir intensive Verhandlungen über Sicherheitsgarantien führen. Freunde, ihr verhandelt seit sieben Jahren darüber und besonders aktiv in den letzten vier Jahren. Ihr habt 40 Sicherheitsabkommen unterzeichnet. Warum nutzt ihr sie jetzt nicht? Wo sind eure Sicherheitsgarantien, mit denen ihr euch gebrüstet habt, mit denen ihr herumgewedelt und gesagt habt: „Jetzt haben wir alle Sicherheitsgarantien“? Weil das keine Sicherheitsgarantien sind.

Portnikov. Gibt es überhaupt Sicherheitsgarantien? Welche, Entschuldigung?

Poroshenko. Sehr gute Frage. Jetzt formuliere ich sie für Sie. Es gibt drei Arten von Sicherheitsgarantien. Und das ist nicht nur für Sie, das ist auch für die derzeitige Regierung, die über sehr begrenzte diplomatische Ansätze verfügt. Garantie eins – das, woran ich gearbeitet habe – ist die vollwertige NATO-Mitgliedschaft.

Portnikov. Das, wogegen Donald Trump ist.

Poroshenko. Nein, er ist nicht dagegen. Erstens sagt er, dass er es jetzt nicht zulassen werde, weil er im Gegensatz zu Putin nicht über das Schicksal der Ukraine und der Vereinigten Staaten auf Jahrzehnte hinaus entscheiden kann. Und ich bin stolz darauf, dass ich die Verpflichtung zur NATO-Mitgliedschaft in die Verfassung aufgenommen habe. Stellen Sie sich vor, wir hätten diese Verfassungsnormen jetzt nicht – wie leicht würde sich das heutige Verhandlungsteam davon lossagen und wäre bereit, Änderungen an der Gesetzgebung vorzunehmen. Es gibt keine andere verlässliche Alternative für die Sicherheit. Und deshalb bin ich endlich froh, dass ich das von Zelensky gehört habe, denn es hat eine seltsame Transformation seit 2019 gegeben, als es hieß: „Wozu brauchen wir die NATO, und ich weigere mich, zum NATO-Gipfel in London zu fahren, denn ich habe dort nichts zu tun“, bis heute, wo es heißt: „Wir werden die Verfassung über die künftige NATO-Mitgliedschaft der Ukraine nicht ändern.“ Warum? Weil das die einzige Form ist.

Der zweite Punkt ist das sogenannte Abkommen über eine strategische Verteidigungspartnerschaft. Zwei Länder haben diese Sicherheitsformate – Japan und Südkorea. Wissen Sie, was sein Hauptmerkmal ist? Boots on the ground. Das bedeutet…

Portnikov. Dass Amerikaner dort präsent sind.

Poroshenko. Verbände der US-Streitkräfte befinden sich auf dem Gebiet Japans und Südkoreas. Und das ist eine wirksame Form außerhalb der NATO.

Portnikov. Das will Trump in Bezug auf uns auch nicht.

Poroshenko. Trump ist nicht ewig. Die Vereinigten Staaten sind ein demokratischer Staat.

Portnikov. Wir müssen irgendwie bis 2029 durchhalten.

Poroshenko. Ich werde Trump in dieser Sendung nicht kritisieren.

Portnikov. Wir kritisieren ihn nicht, wir suchen nach realen Sicherheitsgarantien.

Poroshenko. Schauen wir, wie ich sie gesucht habe. 2016 wird Trump Präsident. 2016 bin ich einer der Ersten, die Trump gratulieren, mit dem er Telefongespräche führt. 2017 bin ich einer der Ersten im Weißen Haus. Das Ergebnis meiner Gespräche im Jahr 2017 – das, was ich drei Jahre lang zuvor nicht erreichen konnte: lethal weapons, tödliche Waffen. Und jetzt kann ich Ihnen sagen, dass es weit mehr war als nur „Javelins“ – die Umrüstung der Gegenbatteriestellungen und vieles andere. Das ist nicht nur das Verdienst von Mattis als Verteidigungsminister, nicht nur des Außenministers. Das ist das Verdienst Trumps. Und wir haben das in zwei Stunden entschieden. Trump ist ein Mensch, der keine Dossiers liest. Trump ist jemand, mit dem man am Verhandlungstisch alles Mögliche erreichen kann. Stellen Sie nur eine Verhandlungsdelegation zusammen. Sie haben derzeit niemanden, der mit dem Weißen Haus kommunizieren kann.

Portnikov. Sagen Sie die dritte Sicherheitsgarantie.

Poroshenko. Die dritte Sicherheitsgarantie ist die sogenannte „Finnlandisierung“.

Portnikov. Das ist eine Sicherheitsgarantie?

Poroshenko. Ja. Finnlandisierung bedeutet, dass auf einem NATO-Gipfel die Entscheidung getroffen wurde, dass dieses Land ein künftiges Mitglied ist.

Portnikov. Warum ist das Finnlandisierung?

Poroshenko. Lassen Sie mich ausreden, dann verstehen Sie es. Bis zur Entscheidung – Sie erinnern sich, mal blockierte die Türkei, mal Ungarn, mal gab es andere Vorbehalte. So war es bei Schweden, und in geringerem Maße bei Finnland. Und dann beschloss die NATO, dass bis zum offiziellen Beitritt…

Portnikov. Sicherheitsgarantien. Das ist keine Finnlandisierung, das ist ein gefährlicher Begriff. Finnlandisierung ist etwas völlig anderes. Verzichten Sie lieber darauf.

Poroshenko. Ich glaube, ich verzichte, weil Sie eine Parallele zum Krieg von 1939 ziehen wollen.

Portnikov. Natürlich, zum Status Finnlands von 1945 bis 1991. Das ist Finnlandisierung.

Poroshenko. Man muss einfach die Begriffe definieren, mit denen wir in der Diskussion operieren. Und es ist schön, dass wir uns sofort verstehen. Also, vergessen wir den Begriff „Finnlandisierung“. Das bedeutet eine Situation, in der wir eine hundertprozentige Garantie für den Zeitraum bis zum Beitritt erhalten. Die Arbeit am Beitritt geht weiter.

Portnikov. Zu diesen Sicherheitsgarantien, die Finnland und Schweden erhalten haben, gehörte die Bereitschaft zur unmittelbaren Verteidigung im Falle eines Angriffs.

Poroshenko. Wir müssen eine Komponente davon haben, die worin besteht, Vitaly? Boots on the ground. Die Amerikaner verweigern das im Moment. Dann müssen wir militärische Einheiten und Kontingente Großbritanniens, Frankreichs und weiterer elf Staaten haben, die bereit sind, ihre Truppen zu entsenden, um die Sicherheit des erreichten Prozesses zu gewährleisten.

Portnikov. Wie der Assistent des russischen Präsidenten, Uschakow, sagt, würden diese Kontingente zu legitimen Zielen für die russischen Streitkräfte. Wie sollen sie hierher kommen?

Poroshenko. Ich habe eine Bitte. Erinnern Sie sich: Lesen Sie keine sowjetischen Zeitungen.

Portnikov. Das sind aber keine Zeitungen, das ist eine offizielle Erklärung eines Beamten.

Poroshenko. Bei uns gibt niemand, einschließlich Putin, offizielle Erklärungen ab. Sie machen PR. Und Uschakow – Sie und ich kennen ihn sehr gut, genauso wie Lawrow, leider – sagt niemals das, was Putin denkt. Uschakow sagt immer das, was eine „smoke screen“, eine Nebelwand oder ein Informationsbegleitgeräusch für den Moment erzeugen soll. Darum die Bitte: Berufen Sie sich nicht auf Uschakow, schenken Sie ihm keine Beachtung.

Portnikov. Gut, ohne auf Uschakow zu achten: Glauben Sie, dass Russland jemals einem Abkommen mit Präsenz westlicher Streitkräfte auf dem Gebiet der Ukraine zustimmen wird?

Poroshenko. Ich glaube. Ich glaube an Gott, aber ich weiß…

Portnikov. Das war jetzt ein rhetorischer Trick, aber ich lasse ihn durchgehen.

Poroshenko. Danke. Aber ich weiß genau, dass wir mit Putin immer ein Ergebnis erzielen können, wenn wir in einer Sprache sprechen, die er versteht. Und welche Sprache versteht er?

Portnikov. Sanktionen und Druck.

Poroshenko. Die Sprache der Stärke. Language of strength. Dann können wir mit Putin immer ein Ergebnis erreichen. Ich will betonen – ich verrate Ihnen jetzt ein Geheimnis. Als Putin am 11. Februar 2015 nach Minsk kam, betonte er gegenüber Hollande ganz offen – Merkel und ich standen beiseite –, er sagte: „Von einem Waffenstillstand kann es überhaupt keine Rede sein. Vergesst es. Ich diskutiere dieses Thema nicht einmal.“ Wissen Sie, warum er das sagte? Weil Surkow neben ihm stand. Und das war der Satz Surkows. Ich habe gemerkt, dass Putin auf ihn hörte und es sofort aussprach. Nach 19 Stunden ununterbrochener Verhandlungen. Einige schreiben, dort habe jemand Tee getrunken, jemand Wodka, jemand Mittag gegessen. Das ist alles Lüge. Diese Leute waren nie dort. 19 Stunden ununterbrochene Verhandlungen. Einer aus der Delegation hat etwa 20 Minuten geschlafen, während wir verhandelten. Dann ist er aufgewacht, und das war’s. Ich kann betonen, dass ich nach 15 Stunden Verhandlungen zu Kanzlerin Angela Merkel gegangen bin und gesagt habe: „Wenn wir Surkow nicht rausnehmen, wird nichts daraus.“ Sie sagt: „Was sollen wir tun?“ Ich sage: „Schicken Sie Surkow mit Thesen zu Sachartschenko und Plotnizki, die sich ein paar Dutzend Kilometer entfernt aufhalten, und lassen Sie ihn dort abstimmen. Und nutzen Sie aus, dass er nicht hier ist.“ Sie sagt: „Aber ohne wird Putin nicht verhandeln.“ „Dann stellen Sie Putin eben Lawrow zur Seite.“ Und wenn Lawrow neben ihm ist – Lawrow hört im Gegensatz zu Surkow zu, zumindest hat er damals zugehört. Heute bin ich mir da nicht sicher. Und ich kann betonen, dass wir nach einer Stunde und 15 Minuten einen Waffenstillstand erreicht hatten. Das, wovon Putin gesagt hatte, dass es niemals geschehen werde. Sie verstehen, ich betreibe keine Angeberei und phantasiere nicht. Ich möchte betonen: Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es möglich ist. Wichtig ist, die…

Portnikov. Es gibt unterschiedliche Momente.

Poroshenko. Natürlich, das ist offensichtlich.

Portnikov. Und jetzt ist es einfach ein anderer Moment.

Poroshenko. Hören Sie, Vitaly, es ist offensichtlich, dass das eine schwierige Aufgabe ist. Aber davon hängt das Überleben und die Existenz unseres Staates ab. In welcher Form er erhalten bleibt. Und die vierte Form von Garantien – wenn wir schon mit den Garantien begonnen haben.

  • Die erste: Vollmitgliedschaft.
  • Die zweite: Soldaten am Boden.
  • Die dritte: NATO-Garantien plus Artikel 5 plus boots on the ground.
  • Und die vierte – das, was jetzt unterzeichnet wird – das sind keine Garantien der Sicherheit. Das sind keine Verteidigungsgarantien. 

Wissen Sie, was für Garantien das sind? Garantien für Waffenlieferungen und finanzielle Hilfe. Mehr ist da nicht drin. Das ist die vierte Form.

Damit hat sich die Regierung vier Jahre beschäftigt. Sie sind nicht legally binding, also rechtlich nicht bindend, sie werden nicht vom Parlament ratifiziert und sie sind sogar schlechter als das Budapester Memorandum. Und um das zu begreifen, braucht es einen professionellen, kompetenten, ruhigen Ansatz. Und leider fehlt dieser Ansatz der Regierung. Noch einmal: Mein Ziel ist nicht, die Regierung zu kritisieren.

Übrigens, wenn wir jetzt über eine Regierung der nationalen Einheit sprechen, hat Zelensky ebenfalls unterschiedliche Optionen. Option eins: Er tritt vor, entlässt die Regierung, bildet eine Regierung der Einheit auf Kompetenzbasis. Heute ist eine erneuerte Regierung, die die Unterstützung deutlich größerer Bevölkerungsschichten genießt als die enge Wählerbasis der „Diener des Volkes“, der richtige Ansatz. 

Die zweite Option, die Zelensky hat – und das ist sein Recht, ich erhebe keinen Anspruch darauf –, ist, keine Regierung der Einheit zu bilden, aber alle Beteiligten am „Mindychgate“ zu entlassen, diejenigen dort zu lassen, die nicht durch alle Korruptionsgeschäfte toxisch sind, und jemanden, den er will, zum Justizminister und Energieminister zu ernennen, Pronin zu entlassen, den Finanzmonitoringdienstchef, den Leiter des Antimonopolkomitees zu entlassen, jemanden an die Spitze des Fonds für Staatseigentum zu setzen – kurz, all diesen Fäulnisherd zu beseitigen und weiter allein die Verantwortung zu tragen. 

Ich halte das für sehr gefährlich, weil niemand glaubt, dass es nur bei denen bleibt, die auf den Mindych-Aufnahmen vorkommen, weil es auch Aufnahmen eines amtierenden Abgeordneten gibt, der in seinem Büro den Abgeordneten der „Diener des Volkes“ monatlich Geld für „richtiges“ Abstimmen verteilt hat.

Haben wir vergessen, dass Journalisten 2019–20 Mykola Tyschtschenko entdeckt haben, der Listen erstellte, mit dem „Joker“ unterschrieb und Geld verteilte? Haben wir Turchin vergessen, der mit Geldtaschen in den Wald gehen wollte, mit Dollar-Säcken, die er für die Verteilung von je 20 000 Dollar an Abgeordnete mitführte? Und wissen wir nicht, was während Covid geschah, wissen wir nicht, was jetzt in der „Krypto“-Phase geschah? Wie kann man einem Parlament trauen, dessen Mehrheit, die Regierungsmehrheit, Geld in Umschlägen bekommt?

Portnikov. Aber ein anderes Parlament gibt es trotzdem nicht.

Poroshenko. Doch.

Portnikov. Und wo ist es?

Poroshenko. Eine Regierung der nationalen Einheit. Und im Parlament gibt es eine Opposition. Und ich kann betonen, dass diese Opposition… Es freut mich, dass die „Europäische Solidarität“… Können Sie sich vorstellen, dass die „Europäische Solidarität“ noch vor einem halben Jahr wahrscheinlich mehr als 100 Unterschriften für die Abberufung der Regierung gesammelt hätte? Der Löwenanteil dieser Unterschriften stammt von den „Dienern des Volkes“.

Portnikov. Aber wird nicht jede Regierung der nationalen Einheit von der Mehrheit abhängen? Und die Mehrheit sind die „Diener des Volkes“, nicht Sie.

Poroshenko. Nein. Die Mehrheit – das sind auch wir. Und wären wir Teil der Koalition – ich betone noch einmal: Wir drängen uns nicht auf Posten –, wir sind bereit, offiziell auf Positionen in der Exekutive zu verzichten und uns auf reine Kontrollfunktionen, parlamentarische Kontrollfunktionen, zu beschränken. Aber das würde ermöglichen, dreimal nachzudenken, bevor man korrupte Gesetzentwürfe einbringt, was leider weiter geschieht. Doch wiederum – unsere Kompetenz wird es erlauben, die Wirtschaft auf Kriegsbetrieb umzustellen. Ohne das wird es nichts geben.

Portnikov. Sie appellieren erneut an Zelensky. Aber es ist im Grunde eine Frage der politischen Verantwortung des Parlaments. Wenn die Parlamentsmehrheit es wollte, könnte sie eine Regierung bilden und einen Vorschlag machen.

Poroshenko. Bei allem Respekt, ich bitte im Voraus um Entschuldigung, aber die Mehrheit der Monokoalition besteht aus No-Names. Und ich bin überzeugt, dass 90 Prozent der Ukrainer bei der zweiten Zehnergruppe der Parlamentarier stehenbleiben, die sie überhaupt noch nennen können. Und daher sind sie in über fünf Jahren keine wirklichen Abgeordneten geworden. Warum? Weil es das Parlament des Präsidialamts ist. Es muss eine „Dejermakisierung“ des Parlaments stattfinden, so wie jetzt glücklicherweise eine Dejermakisierung und Deportnowisierung des Justizsystems stattfindet. Schauen Sie: Es sind nur drei Wochen vergangen, seit Jermak weg ist, und schon hat man die NABU-Ermittler freigelassen – sowohl den Ermittler als auch seinen Vater, Usakow und viele andere. Drei Wochen ohne Jermak.

Portnikov. Dämonisieren Sie nicht den früheren Chef des Präsidialbüros?

Poroshenko. Ich sage nichts über ihn. Ich sage, dass es Fakten gibt. Die Ermittler saßen – sie kamen frei. Roman Tscherwinskyj stand unter Hausarrest rund um die Uhr. Der Arrest wurde aufgehoben – von wem? Vom Gericht. Der Richter hat sich schlau gemacht, auf welcher Seite das Gesetz steht. Drei Geiseln, denen man Geständnisse gegen Poroschenko abgepressen wollte, saßen 10 Monate lang mit einer eingesetzten Kaution von 1,5 Milliarden Hrywnja für drei Personen. Andere ließ man mit für 10 Millionen frei. Und diese saßen – 1,5 Milliarden – 10 Monate lang mit der Forderung: „Gebt ein Geständnis gegen Poroschenko ab. Egal welches.“ Und ein Wunder: In der vergangenen Woche kamen sie aus dem Gefängnis frei. Der Richter traf die Entscheidung und senkte die Kaution. Bei einem von ihnen blieb die Kaution bei 200 Tausend. Ein Mensch saß 10 Monate mit einer Kaution von 500 Millionen und kam gegen eine Kaution von 200 Tausend frei. Und Sie wollen das nicht bemerken? Jermak ist nicht allein. Ich dämonisiere ihn nicht. Angefangen hat das alles Portnow in Koordination mit Derkatsch. Jermak war nur ein Bestandteil dieses Systems. 

Und jetzt steht Zelensky vor einer gewaltigen Herausforderung: Mit wem ist er? Entweder mit der Ukraine – und dann muss er nach dem ersten Szenario handeln: Regierung der Einheit, Entlassung, Heranziehung zur Verantwortung, denn ohne das ist es unmöglich, wiederherzustellen… 

Wir haben heute bereits die Zahl drei. Drei Arten von Vertrauen.

  • Vertrauen Nummer eins – das Vertrauen der Gesellschaft in die gesamte Staatsmacht. Ohne das lässt es sich jetzt nicht wiederherstellen.
  • Vertrauen Nummer zwei – das Vertrauen der Front in die Heimat. Das ist ebenfalls sehr wichtig. Und dieses Vertrauen ist erschüttert. Und die Front hat Fragen, auf die niemand in der Regierung eine Antwort zu geben vermag.
  • Und Vertrauen Nummer drei – das Vertrauen der Partner in den Staat Ukraine, denn sie haben jetzt enorme Schwierigkeiten in ihrem innenpolitischen Umfeld, wenn ihre Gegner, die antiukrainisch eingestellt sind, die Frage stellen: „Wie könnt ihr Geld an Korruptionäre geben?“ Unser einziger Weg hier heraus ist eine transparente, effektive, unparteiische und unabhängige Ermittlung mit der Heranziehung aller, einschließlich Mindych, zur Verantwortung. Dafür muss Mindych in die Ukraine zurückgebracht werden.

Portnikov. Wie, wenn er nicht ausgeliefert wird?

Poroshenko. Ich habe einige Ideen. Besser gesagt, nicht Ideen, sondern Informationen. Sensationelle, aber wichtige. Und ich habe sie aus zuverlässigen Quellen. Ich kann betonen, dass Mindychs Firma sich nicht nur mit einer Schranke in der Energiewirtschaft und nicht nur mit Korruption in der Rüstungsindustrie befasst hat. Mindychs Firma hat sich auch über eine Schranke im Hafen von Odesa mit einem Teil des ukrainischen Agrarexports beschäftigt. Nun passen Sie auf: Ein Teil dieses Exports… Mindychs Leute organisierten Verträge, die über die Türkei in den Iran gingen – unter Verletzung der Sanktionen.

Portnikov. Sie scherzen.

Poroshenko. Ich habe bestimmte Informationen, die der Bestätigung bedürfen. Sehr geehrte Kollegen in Israel, ich hoffe sehr, dass das für Sie interessant sein wird. Mindych, Grüß an Sie.

Portnikov. Mich irritiert ehrlich gesagt noch etwas anderes, wenn Sie über das ukrainische Justizsystem sprechen. Da wird irgendeine Person entfernt – und plötzlich beginnt es „gerecht“ zu sein. Das ist doch eine Art Anti-Gerechtigkeit, wenn Richter ihre Entscheidungen abhängig davon fällen, wer der Kurator des Justizsystems ist. Und das passiert nicht erst seit einem Jahr und nicht erst seit sechs Jahren.

Poroshenko. Ich kann sagen, dass es in jedem Justizsystem Korruption gibt, leider.

Portnikov. Aber das ist doch nicht Korruption, das ist Unterordnung.

Poroshenko. Ich kann betonen: Als ich das Hohe Antikorruptionsgericht geschaffen habe – auf dem Präsidialerlass jedes einzelnen Richters dieses Gerichts steht die Unterschrift von Präsident Poroschenko, nicht von Zelensky –, und heute: Gibt es Korruption im Hohen Antikorruptionsgericht? Ich weiß es nicht, mag sein. Aber ist das Hohe Antikorruptionsgericht heute Jermak untergeordnet? Nun, ich habe darüber keine Informationen. Sicher nicht. Gibt es Korruption im Obersten Gerichtshof? Ja, die gibt es. Und die NABU hat Knyasjew und alle anderen verhaftet. Und sagen Sie mir bitte: Gibt es einen Unterschied in der Reaktion des Obersten Gerichtshofs auf die Bitten des Präsidialamts und des Petschersker Gerichts?

Portnikov. Offensichtlich.

Poroshenko. Und worin unterscheiden sie sich?

Portnikov. In der Unterordnung?

Poroshenko. Nein.

Portnikov. Worin dann?

Poroschenko. Der Oberste Gerichtshof wurde neu aufgestellt. Das Petschersker Gericht nicht.

Portnikov. Aber das ist ja genau diese Unterordnung. Nicht erneuerte Gerichte sind untergeordneter.

Poroshenko. Ein gewisser Herr Vovk hat die Neuaufstellung des Petschersker Gerichts verboten. Dieser Beschluss hielt anderthalb Jahre. Und ein gewisser Vovk, ich glaube, er heißt Pawlo, blockierte vollständig die Hohe Qualifikationskommission der Richter, der die Möglichkeit genommen wurde, die Neuaufstellung vorzunehmen – nur weil Vovk selbst vor diese Kommission musste, um Prüfungen zu bestehen, die er nicht bestand. Und dann trat er einer Gruppe bei, einer kriminellen, die sich gegen das Staatsrecht richtete. Und in diesem Fall ist ohne eine Fortsetzung der Neuaufstellung der richterlichen Gewalt, auch unter Berücksichtigung der Anforderungen an Integrität, auch unter Berücksichtigung der Positionen der Partner, nichts möglich. Niemand schreit jetzt auf, dass die Bildung der Richterschaft des Hohen Antikorruptionsgerichts unter Berücksichtigung der Integrität erfolgte, die von unseren Partnern unterstützt wurde. 

Macht es genauso – ihr müsst das Rad nicht neu erfinden. Macht es so, wie wir es bei der Neuaufstellung der gesamten Staatshierarchie gemacht haben, als wir transparente Kommissionen hatten, die jetzt angeblich wegen Covid, dann angeblich wegen des Krieges abgeschafft wurden. Und heute hat das nur zum Aufbau einer Vertikal geführt. Insgesamt muss das Jahr 2026, wenn wir wollen, dass es ein Jahr des Friedens wird, ein Jahr kompetenter, professioneller, erfahrener Menschen werden. Wir können nicht weiter mit Populismus, Umfragewerten und Täuschung spielen. Das Land wird das nicht mehr aushalten.

Portnikov. Uns bleiben praktisch nur noch zwei Minuten. An welche der von Ihnen aufgezählten Veränderungen glauben Sie wirklich – nicht nur an jene, die Sie deklarieren, sondern die Ihrer Meinung nach tatsächlich eintreten können?

Poroshenko. Erstens – Einstellung des Feuers und Frieden. Zweitens – Neuaufstellung der Regierung. Drittens… Glauben Sie nicht, dass nach den Wahlen alle Schwierigkeiten zu Ende sind.

Portnikov. Nein, ich glaube, sie fangen erst richtig an.

Poroshenko. Zu 100 Prozent wird es umgekehrt sein. Aber wir müssen kompetent und professionell darauf vorbereitet sein. Und dann glauben Sie nicht, dass unsere Militärausgaben verschwinden werden. Im Gegenteil: Der einzige verlässliche Garant für Souveränität, territoriale Integrität und Unabhängigkeit des Staates werden die Streitkräfte und die Verteidigungsindustrie der Ukraine sein, die wovon finanziert wird? Von einer starken, transparenten, effizienten postindustriellen Wirtschaft. Jemand muss das tun, nicht mit Gerede und leeren Versprechen, sondern jemand, der fähig ist, die Ukraine zu verändern. Die Ukraine steht vor einer gewaltigen Herausforderung. Und ich verrate jetzt kein Geheimnis, wenn ich sage, dass die Prüfungen, die vor uns liegen, außergewöhnlich sind. Aber ich kann Ihnen genau sagen: Wenn du nicht an das glückliche Schicksal deines eigenen Landes glaubst, wirst du ganz sicher verlieren. Und ich habe keinen einzigen Tag in meinem Leben den geringsten Zweifel gehabt: Die Ukraine wird siegen, denn sie ist das beste Land der Welt.


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Art der Quelle: Interview
Titel des Originals: Порошенко про те, що буде в 2026,
коли буде мир, що потрібно ЗСУ, корупційні скандали влади, вибори. 21.12.2025.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 21.12.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Ergebnisse der Verhandlungen in Miami | Vitaly Portnikov. 21.12.2025.

Der Sonderbeauftragte des Präsidenten der Vereinigten Staaten, Steve Witkoff, berichtete über die ersten Ergebnisse der Gespräche, die er und der Schwiegersohn von Präsident Trump, Jared Kushner, mit einer ukrainischen Delegation in Miami geführt haben. Über die Ergebnisse jener Gespräche, die Witkoff und Kushner mit dem Sonderbeauftragten des Präsidenten Russlands, Kirill Dmitrijew, geführt haben – der sich dieser Tage ebenfalls in den Vereinigten Staaten aufhielt –, äußert sich Witkoff bislang nicht. Es geht ausschließlich um einzelne Gesprächsrunden mit der ukrainischen Delegation sowie um ein gemeinsames Treffen von Amerikanern, Ukrainern und Sicherheitsberatern europäischer Staats- und Regierungschefs.

Wie Witkoff betont, wurden vier zentrale Dokumente erörtert.

  • Das erste ist ein 20-Punkte-Plan, der entstand, nachdem der ursprüngliche Plan – angeblich im Weißen Haus erstellt, von vielen Beobachtern jedoch eher als Werk von Kirill Dmitrijew und dem außenpolitischen Berater des Präsidenten der Russischen Föderation, Juri Uschakow, wahrgenommen – in Gesprächen mit der ukrainischen und europäischen Delegation korrigiert wurde.
  • Das zweite Dokument betrifft multilaterale Sicherheitsgarantien für die Ukraine seitens westlicher Staaten.
  • Das dritte Dokument betrifft separate Sicherheitsgarantien für die Ukraine seitens der Vereinigten Staaten von Amerika.
  • Und das vierte Dokument ist ein Plan für die wirtschaftliche Entwicklung der Ukraine, also für den Wiederaufbau unseres Staates, falls sich die Möglichkeit ergeben sollte, den russisch-ukrainischen Krieg zu beenden.

Witkoff unterstreicht, dass es sich um eine konstruktive Diskussion gehandelt habe, die darauf abziele, nicht nur einen Waffenstillstand an der russisch-ukrainischen Front zu erreichen, sondern auch einen dauerhaften Frieden.

Die Ziele sind natürlich ehrenwert. Doch es stellt sich die Frage: Inwieweit bringen uns die Gespräche der amerikanischen Vertreter mit der ukrainischen Delegation und den Europäern einem wirklichen Frieden näher? Der Assistent des Präsidenten der Russischen Föderation, Juri Uschakow, seinerseits erklärte, er verfüge bereits über gewisse Informationen von Kirill Dmitrijew. Am Montag werde Dmitrijew jedoch in der russischen Hauptstadt eintreffen und der Führung der Russischen Föderation ausführlich über die Ergebnisse seiner Beratungen mit Witkoff und Kushner berichten. Erst auf Grundlage dieser Informationen werde man eigene Bedingungen für die Fortsetzung des Verhandlungsprozesses formulieren.

In Moskau ist selbstverständlich nicht beabsichtigt, sich vom Verhandlungsprozess zurückzuziehen, denn er ermöglicht dem russischen Präsidenten Putin, Zeit für die Fortsetzung des russisch-ukrainischen Krieges zu gewinnen. Doch Uschakow ließ bereits erkennen, dass jene Änderungen im sogenannten Trump-Plan, die nach Gesprächen mit der ukrainischen und der europäischen Delegation vorgenommen wurden, die Seiten kaum wirklichen Vereinbarungen näherbringen dürften.

Und wie sehen aus der Sicht des Präsidenten der Russischen Föderation, Putin, „wirkliche Vereinbarungen“ aus? Das wissen wir sehr genau aus der sogenannten „Direktleitung“ des russischen Präsidenten, während der Putin wieder zu seinen Bedingungen für eine ukrainische Kapitulation zurückkehrte – Bedingungen, die er bereits 2024 in seiner Rede vor dem Kollegium des Außenministeriums der Russischen Föderation detailliert formuliert hatte.

Und zu diesen harten Bedingungen, die logischerweise das Verschwinden des ukrainischen Staates von der politischen Weltkarte als Endergebnis vorsehen, fügt Putin nun Drohungen gegenüber Europa hinzu – als Auftakt zu jenem hybriden Krieg, auf den er sich offensichtlich als Hauptereignis des kommenden Jahres 2026 vorbereitet, als eine Art politischen Benefizabend des Kreml.

Wenn wir also Witkoffs Erklärungen lesen, müssen wir verstehen, worauf sich der Sonderbeauftragte des amerikanischen Präsidenten stützt, wenn er über Frieden spricht, so als hinge dieser Frieden von einer Einigung zwischen Amerikanern und Ukrainern ab – und nicht von einer Einigung zwischen Ukrainern und Russen.

Und welche Friedensverhandlungen können überhaupt gemeint sein, wenn die russische Seite kategorisch keinerlei realistische Ansätze akzeptiert, die zumindest in absehbarer Zukunft zu einem Waffenstillstand im russisch-ukrainischen Krieg führen könnten? Von einem wirklichen Kriegsende kann gegenwärtig, so scheint es mir, überhaupt niemand denken – so wenig gibt es dafür Anhaltspunkte.

Man sollte daran erinnern, dass viele behaupteten, Präsident Donald Trump wünsche, dass irgendein Abkommen bis Weihnachten unterzeichnet werde. Bis Weihnachten bleiben buchstäblich nur wenige Tage, und es ist bereits offensichtlich, dass zwischen den Positionen der Seiten eine so tiefe Kluft besteht, dass man vielleicht besser an andere christliche Feiertage oder an Weihnachten 2026 denken sollte, um zu einem realistischen Ergebnis zu gelangen.

Das entspricht im Grunde genau dem Interesse Putins – seit er verstanden hat, dass Trump nicht auf ein Ende der Kampfhandlungen, sondern auf Verhandlungen drängt, deren Ziel ein dauerhafter Frieden sein soll. Dies öffnet Putin den Weg, Zeit bei diesen Verhandlungen genau so lange hinauszuzögern, wie er sie seiner Meinung nach braucht, um die Ukraine zu vernichten. Gibt es keine Ukraine mehr – gibt es auch kein Problem. Und bis dahin kann man endlose Gespräche mit Steve Witkoff oder Jared Kushner führen.

Ein weiteres durchaus wichtiges Merkmal dieses Verhandlungsprozesses ist die Abwesenheit des amerikanischen Außenministers Marco Rubio. Rubio – ein erfahrener Bürokrat und jemand, der hoffen kann, dass Trump in den kommenden Jahren nicht nur sich selbst, sondern auch den charismatischen Führer der amerikanischen Ultrarechten, Vizepräsident J.D. Vance, verbrennt – könnte schlicht keine Lust haben, an Prozessen teilzunehmen, die nicht in institutionelle Entscheidungen münden, sondern lediglich die Inkompetenz und Hilflosigkeit der engsten Freunde und Verwandten des amerikanischen Präsidenten unterstreichen. Er wartet daher vermutlich auf den Moment, in dem entweder Witkoff zu konkreten Ergebnissen vordringt, die dann gemeinsam mit dem Außenminister erörtert werden müssen, oder die völlige Hilflosigkeit und Aussichtslosigkeit seiner Bemühungen demonstriert, eine Vereinbarung über die Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges zu erzielen.

Und dann könnte die Angelegenheit – einfach zur Rettung der Reputation Trumps – von den Amateuren, die an Geschäften mit dem Kreml interessiert sind, in die Hände professioneller Politiker und Diplomaten übergehen, die die Sprache verstehen, in der man mit Putin sprechen muss: die Sprache der Stärke. Übrigens hat einer dieser professionellen Politiker, Senator Lindsey Graham, der die Lage offenbar bereits erfasst, den Präsidenten Trump heute zu härteren Maßnahmen gegenüber der Russischen Föderation aufgerufen, insbesondere zur Kontrolle der Versorgung mit russischem Öl, die selbstverständlich unter Umgehung amerikanischer Sanktionen erfolgen kann. Denn, wie wir wissen, braucht Russland nur wenige Monate, um geeignete Mechanismen zu finden, mit denen es auch diese amerikanischen Energiesanktionen umgehen kann – so wie frühere auch umgangen wurden.

Und dann wird dies erneut ein Beweis für die völlige Machtlosigkeit der amerikanischen Sanktionspolitik und für jene Möglichkeiten sein, über die die Russische Föderation und die Volksrepublik China bei der Beherrschung der modernen Welt verfügen.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Результати перемовин у Майамі | Віталій Портников. 21.12.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 21.12.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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