Brutaler Angriff auf Kyiv. Der Terror geht weiter | Vitaly Portnikov. 06.07.2026.

Erneut ein massiver Angriff auf die ukrainische Hauptstadt. Vielleicht nicht ganz so groß angelegt wie jener, den wir erst vor wenigen Tagen erlebt haben, aber deshalb nicht weniger brutal als die vorherigen Angriffe auf Kyiv.

Erneut kamen sowohl Marschflugkörper als auch ballistische Raketen zum Einsatz, wobei diesmal im Vergleich zur vorangegangenen Zeit ungewöhnlich wenige Drohnen eingesetzt wurden. Und erneut richteten sich die gezielten Angriffe gegen Wohnviertel der ukrainischen Hauptstadt. Brände wüten, Rauch steigt über der Stadt auf.

Und wir sehen, dass die Raketen direkt in Wohnviertel und in die Häuser der Kyiver eingeschlagen sind. Natürlich möchte ich auch jetzt allen mein aufrichtiges Mitgefühl aussprechen, die Opfer dieses neuen Angriffs geworden sind, die ihr Zuhause verloren haben oder bei diesem Angriff verletzt wurden, während ich diesen Beitrag über eine weitere russische Grausamkeit aufzeichne.

Genaue Opferzahlen dieses russischen Verbrechens liegen noch nicht vor. Doch angesichts des Ausmaßes der Zerstörungen, die wir in Kyiv sehen, können wir uns bereits vorstellen, weshalb die Russen diese Angriffe durchführen: um zu töten, zu zerstören und Angst zu verbreiten.

Putin verfolgt dabei ein recht einfaches und pragmatisches Ziel. Er weiß, dass es derzeit nicht genügend Luftverteidigungsmittel gibt, um Kyjiw und andere ukrainische Regionen vor den Angriffen der russischen Invasoren zu schützen. Dieses Zeitfenster nutzt er gezielt, um die Ukrainer einzuschüchtern und Kyjiw sowie andere ukrainische Städte in Orte zu verwandeln, die nicht mehr bewohnbar sind.

Dabei verfolgt er mehrere Ziele zugleich: Er versucht, die Ukrainer davon zu überzeugen, dass der einzige Ausweg aus dem russisch-ukrainischen Krieg die Kapitulation vor dem Feind sei. Mag Putin auch auf dem Schlachtfeld keine wirklichen Erfolge erzielen. Mag seine Armee seit viereinhalb Jahren praktisch an derselben Frontlinie im Donezker Gebiet feststecken. Die Angriffe auf die Zivilbevölkerung der ukrainischen Hauptstadt und anderer Regionen sollen seine Unfähigkeit kompensieren, der Existenz des ukrainischen Staates und des ukrainischen Volkes ein Ende zu setzen.

Natürlich muss in diesem Zusammenhang auch ein weiteres Ziel des russischen Präsidenten genannt werden: sein Wunsch, im demografischen Krieg Vorteile zu erzielen. Selbst der sogenannte Putin-Blitzkrieg begann mit der Absicht, in Europa eine massive Migrationskrise auszulösen. Die russische Führung verstand sehr wohl, dass selbst dann, wenn es ihr gelingen sollte, in Kyjiw ein Marionettenregime aus den bedauernswerten Janukowytsch und Medwedtschuk einzusetzen, dies dennoch dazu führen würde, dass Millionen Ukrainer vor dem Krieg fliehen würden. Im Kreml hoffte man, dadurch eine ähnliche Migrationskrise auszulösen wie jene, die Putin infolge des Bürgerkriegs in Syrien hervorrufen konnte, und auf diese Weise den Einfluss ultrarechter und ultralinker politischer Kräfte in Europa zu stärken, die auf eine Zusammenarbeit mit Moskau ausgerichtet und von Moskau finanziert werden.

Wie Sie wissen, ist das nicht gelungen. Die demografische Migrationskrise, auf die Putin in Europa gesetzt hatte, trat nicht ein. Dafür kam es jedoch zu einer demografischen Krise in der Ukraine. Und mit seinen Angriffen auf ukrainische Städte versucht Putin, diese Krise weiter zu verschärfen. Selbst wenn es ihm nicht gelingt, die gesamte Ukraine zu erobern, träumt er davon, dass sie zu einem entvölkerten Gebiet wird, das er künftig – falls er es eines Tages doch noch besetzen kann – mit den eigenen Landsleuten besiedeln kann, gehorsamen Menschen, die bereit sind, jedes Verbrechen ihres Herrschers hinzunehmen. Auch das gehört zu seinen Zielen.

Und natürlich will Putin die ukrainischen Bürger davon überzeugen, dass er sich für die Angriffe der ukrainischen Armee auf die russische Hauptstadt, auf seine Heimatstadt Sankt Petersburg und auf andere Regionen der Russischen Föderation rächt. Und wir sehen bereits, dass bei einigen Kommentatoren und Nutzern sozialer Netzwerke entsprechende Stimmen aufkommen: „Lasst uns sie nicht mehr angreifen, dann werden auch sie aufhören, uns anzugreifen.“

Dabei verstehen wir sehr gut, dass die tatsächlichen Vergeltungsschläge gerade von der Ukraine ausgehen, denn der Aggressor und Verbrecher ist hier allein die Russische Föderation unter Führung Putins. Wenn wir das Potenzial des Feindes nicht zerstören, wenn wir seine Raffinerien und seine rüstungsindustriellen Betriebe nicht in Brand setzen, wenn wir die Abschussorte ballistischer Raketen, der Schahed-Drohnen und der Marschflugkörper nicht aufspüren und ebenfalls zerstören, dann werden die Angriffe der Russischen Föderation noch massiver und noch brutaler werden.

Sie werden immer einen Vorwand finden, um zu erklären, wofür sie sich rächen. Und wenn es keinen solchen Vorwand gibt, werden sie ganz in ihrem besten Stil eine weitere Provokation organisieren. Man kann sagen, dass der Föderale Sicherheitsdienst der Russischen Föderation darin unübertroffen ist. Und das wissen wir ebenfalls sehr genau.

Deshalb kann man in dieser Situation nur eines sagen: Wenn wir uns künftig vor russischen Angriffen schützen wollen, müssen wir unser Luftverteidigungssystem weiter ausbauen und gemeinsam mit unseren Verbündeten nach den notwendigen Möglichkeiten dafür suchen.

Ich hoffe, dass genau darüber auf dem bevorstehenden Gipfel der Nordatlantischen Allianz in Ankara gesprochen wird. Darüber wird auch der Präsident der Ukraine mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten bei ihrem Treffen auf diesem Gipfel sprechen. Denn für die Ukraine ist dies derzeit die wichtigste Aufgabe: Putins Tötung friedlicher Bürger durch den Ausbau der Luftverteidigung zu stoppen.

Und natürlich ist auch ein weiterer Punkt wichtig: Wir müssen über die Wirksamkeit neuer Angriffe gegen die Russische Föderation nachdenken. Man muss verstehen, dass sich dieser Staat wie eine echte Terrororganisation verhält und sich faktisch nicht mit Krieg, sondern mit der Ermordung friedlicher Menschen beschäftigt – genau mit dem, womit sich Terroristen immer beschäftigen. Deshalb ist die Zerstörung der Wirtschaft dieser Terrororganisation eine gemeinsame Aufgabe der gesamten zivilisierten Welt.

Die russische Wirtschaft muss in die Knie gezwungen werden. Denn es zeigt sich, dass die Russen, wenn sie sich von den Knien erheben, nur töten, zerstören und plündern können. Sollen sie also auf den Knien bleiben und niemandem mehr etwas Böses antun können.

Das ist ebenfalls unsere gemeinsame Aufgabe – die der Ukraine, der Vereinigten Staaten und der europäischen Länder – für die kommenden Jahre: der wirtschaftlichen Funktionsfähigkeit dieser Terrororganisation ein Ende zu setzen. Sollte es Russland eines Tages gelingen, ein zivilisierter Staat zu werden, dann wird es vielleicht auch wieder eine Wirtschaft haben.

Und wir müssen uns bewusst machen, dass all dies einzig und allein dazu dient, die Ukrainer einzuschüchtern und sie dazu zu bringen, auf ihre eigene Staatlichkeit zu verzichten. Deshalb ist die Fähigkeit, die Ziele Russlands zu verstehen und ihnen würdig entgegenzutreten, ebenfalls ein Schlüssel zur endgültigen beschämenden Niederlage des Präsidenten der Russischen Föderation, der russischen Armee und des russischen Volkes, die man durchaus als einen klassischen kriminellen Symbioseverbund im Kampf gegen die Ukraine und die Ukrainer bezeichnen kann.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Жорстока атака по Києву. Терор продовжується | Віталій Портников. 06.07.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 06.07.2026.
Originalsprache: uk
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Mariupol und andere unsere Städte. Keine Vergebung. Nadia Sukhorukova. 06.07.2026.

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Man kann nicht vergeben, wenn auf dich geschossen wurde. Oder wenn dein Haus bombardiert wurde. Oder wenn du tote Menschen siehst, die noch vor einer Stunde mit dir über etwas gestritten und versucht haben zu lächeln, um dir Mut zu machen.

Jetzt liegen sie auf dem Asphalt, und du stehst schweigend über ihnen. Das lässt sich nicht aus dem Gedächtnis löschen.

Den Schmerz auslöschen und weiterleben. Wie alten Plunder aus dem Schrank. Wie einen Gegenstand, den niemand mehr braucht.

Wir hatten Glück. Wir konnten wegfahren. Ein Bekannter fragte mich: Wie hättest du gelebt, wenn du in Mariupol geblieben wärst? Ich hätte nicht gelebt.

Ich hätte nicht mit denen sprechen können, die getötet haben, und ihnen dabei zulächeln. Von ihnen Geld annehmen und mich bei ihnen einschmeicheln. Angst vor ihnen haben und auf dem Balkon eine fremde Flagge aufhängen, um ihnen zu gefallen.

Wir verließen Mariupol in zwei beschädigten Autos. Wir waren 16 Menschen und ein Hund. Wir alle wollten leben. Dieser Wunsch kam ganz plötzlich. Erst im Auto. Davor starben wir langsam im Keller. Wir erloschen wie die Dochte unserer Kerzen.

Der Sterbeprozess begann ganz plötzlich. Gestern noch glaubten wir, der Krieg werde bald enden, und ich überlegte angestrengt, wie lange es dauern würde, bis die Stadt wiederhergestellt wäre. Mariupol war zerstört und voller Trümmer. Wir sahen genauso aus wie die Stadt – schmutzig und verwahrlost.

Eine Zeit lang träumte ich davon, dass sofort wieder Wasser fließen würde. Dass es eine heiße Dusche und ein sauberes Bett geben würde. Ich wartete darauf, dass die Apotheken und Tierhandlungen wieder öffnen würden, damit ich Futter für die Tiere und Herztabletten kaufen könnte.

Doch dann kam das Sterben. Als Erstes starb die schwache Hoffnung. Wir glaubten nicht mehr daran, dass der Krieg enden oder die Stadt befreit werden würde. Wir spürten, dass wir niemals entkommen würden.

Und jedes Mal, wenn wir nach draußen gingen, bestätigte sich dieses Gefühl. Man geht zehn Meter, fünfzehn, zwanzig Meter von dem Ort weg, an dem man sich versteckt hat, und begreift, dass jeder Schritt ein Weg ins Nichts ist. Je weiter man geht, desto geringer sind die Chancen, zurückzukehren.

Manchmal musste man gar nirgendwo hingehen. Eine Granate schlug direkt ins Haus ein. Der Tod wurde frei Haus geliefert.

Im Krieg verändert sich alles augenblicklich. Zuerst glich die Stadt einem Zigeunerlager. Die Menschen bewegten sich in kleinen Gruppen. Gemeinsam wachten sie am Feuer, aßen in den Höfen, versteckten sich vor dem Beschuss in den Hauseingängen. Und dann – verschwanden sie.

Zwischen einem belebten Hof und seinem Tod lagen manchmal nur wenige Minuten. Eben noch waren Menschen in diesem Haus gewesen. Sie liefen zum Hauseingang, eilten hin und her, machten Feuer, versuchten nach einem nahen Einschlag die Fenster mit Sperrholz zu vernageln – und plötzlich war da Leere. Schrecklich und hoffnungslos. Manchmal schaffte man es nicht einmal mehr, ein Gespräch zu Ende zu führen.

Du gehst durch die Höfe und verstehst, dass hier niemand mehr ist. Und dass hier wahrscheinlich niemals wieder jemand sein wird. Wir verließen Mariupol über leere, zerstörte Straßen. Es war Morgen. Mittwoch, der 16. März.

Vor dem Krieg herrschte um diese Zeit Stau auf den Straßen. Menschen überquerten die Fahrbahn, Autos hupten, der Oberleitungsbus hielt weit hinter der Haltestelle an, weil er völlig überfüllt war. Wir liefen ihm nach und quetschten uns noch hinein. Mütter brachten ihre Kinder in den Kindergarten, Kinder liefen zur Schule, jemand ging mit seinem Hund spazieren.

Das war erst drei Wochen vor der Invasion gewesen. Meine Stadt lebte. Drei Wochen später fuhren wir halb lebendig aus einer toten Stadt fort. Wir verabschiedeten uns nicht von ihr. Dafür hatten wir keine Kraft mehr.

Es ist sehr merkwürdig, dass heute jemand von Vergebung spricht. Vergeben kann man vielleicht Menschen – und auch das nur, wenn sie Reue gezeigt haben. Bösartigen, stumpfen, bestialischen Wesen brauchen Vergebung überhaupt nicht. Sie denken in ganz anderen Kategorien.

Als wir naiv hofften, wenn wir den Russen erklärten, wie sehr wir litten und wie große Angst wir hatten, würden sie Gewissensbisse bekommen und aufhören zu töten, verschwendeten wir unsere Zeit.

Es wird keine Vergebung geben. Weder von mir noch von denen, die nach mir kommen. Die Ungeheuer, die das Leben anderer Menschen zerstören und vernichten, verdienen nur dieselbe Zerstörung und Vernichtung.

Dies sind Erinnerungen an Mariupol im Jahr 2022. Tatsächlich aber sind es Erinnerungen an all unsere Städte, die von den Wesen aus der Russischen Föderation ungestraft zerstört wurden.

Die russischen Ungeheuer töten und zerstören weiter. Sie greifen friedliche Menschen und Kinder an. Um uns verteidigen zu können, brauchen wir Raketen – doch davon haben wir derzeit viel zu wenige. Und die russischen Ungeheuer wissen das. Sie töten unbewaffnete Menschen, ohne innezuhalten. Jeden Tag gibt es neue Opfer.


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Art der Quelle: Social Media

Autor: Nadia Sukhorukova
Veröffentlichung: 06.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
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Die Ukraine fordert Raketenabwehr gegen ballistische Raketen | Vitaly Portnikov. 06.07.2026.

Die Veranstaltungen des NATO-Gipfels in Ankara begannen mit der Eröffnungspressekonferenz des Generalsekretärs des Bündnisses, Mark Rutte, der die unveränderte Unterstützung für die Ukraine bekräftigte und jungen Russen riet, nicht an dem Krieg teilzunehmen, den Wladimir Putin entfesselt hat.

Die wichtigste Bewährungsprobe des Gipfels wird jedoch im Zusammenhang mit dem russisch-ukrainischen Krieg die Antwort auf die Appelle der Ukraine sein, ihr bei der Abwehr russischer ballistischer Raketen zu helfen, mit denen Moskau seit Wochen die friedliche ukrainische Bevölkerung terrorisiert.

Jetzt ist der Moment der Wahrheit gekommen, in dem praktisch alle Weltmedien feststellen, dass die Ukraine nicht mehr in der Lage ist, russische ballistische Raketen abzuschießen, weil die Raketen für die Patriot-Systeme, die zur Bekämpfung russischer ballistischer Raketen eingesetzt werden, aufgebraucht sind. Und offensichtlich ist das Bewusstsein darüber, dass die Ukraine über diese Raketen nicht mehr verfügt, nicht nur in Kyiv vorhanden, sondern auch in Moskau, wo bereits noch verheerendere Angriffe mit ballistischen Waffen geplant werden.

Damit steht das Nordatlantische Bündnis vor einer schwierigen Entscheidung: Entweder denkt es an die Erhaltung der eigenen Reserven und an die Wiederauffüllung der Raketenbestände, die nach dem Krieg der Vereinigten Staaten gegen den Iran erheblich geschrumpft sind, oder es hilft der Ukraine bereits heute und löst die eigenen Probleme erst dann, wenn Kyiv wieder in der Lage ist, der russischen ballistischen Bedrohung entgegenzutreten.

Es gibt auch eine andere Lösung: die Ukraine so zu bewaffnen, dass Kyiv russische Fabriken zur Herstellung ballistischer Raketen sowie deren Abschussstellungen zerstören kann und Russland zumindest die Möglichkeit erschwert wird, die friedliche Bevölkerung des Nachbarlandes zu terrorisieren.

Welche Entscheidungen jedoch tatsächlich getroffen werden, bleibt weiterhin unklar. Präsident der Vereinigten Staaten Donald Trump wird auf diesem Gipfel mit dem Präsidenten der Ukraine, Volodymyr Zelensky, zusammentreffen. Der amerikanische Staatschef ist jedoch nach wie vor überzeugt, dass auch sein russischer Amtskollege Wladimir Putin, mit dem Trump vor wenigen Tagen ein längeres Gespräch geführt hat, den russisch-ukrainischen Krieg beenden wolle und dass sich der Konflikt überhaupt seinem Ende nähere.

Trump spricht darüber praktisch seit dem ersten Tag nach seiner Rückkehr ins Oval Office. Praktische Belege dafür, dass diese Einschätzungen des amerikanischen Präsidenten irgendeinen Bezug zur Realität hätten, gibt es bislang jedoch nicht. Ebenso wenig gibt es Anzeichen dafür, dass der russische Präsident Wladimir Putin bereit wäre, den Krieg zu beenden.

Es scheint, dass jeder einzelne Tag, jede russische Bombardierung, jede Erklärung des russischen Präsidenten oder eines anderen russischen Funktionärs den Präsidenten der Vereinigten Staaten davon überzeugen müsste, dass man in Moskau entschlossen ist, die Kampfhandlungen fortzusetzen.

Natürlich gibt es auch die anderen Staats- und Regierungschefs der NATO-Mitgliedstaaten. Doch in Ankara wird die wichtigste Aufgabe jedes Einzelnen und aller gemeinsam darin bestehen, Donald Trump nicht zu verärgern und den amerikanischen Präsidenten davon zu überzeugen, dass jedes NATO-Mitglied tatsächlich bereit ist, seine Militärausgaben zu erhöhen und die Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten fortsetzen möchte. Die Angst davor, dass die Vereinigten Staaten Europa im Falle einer möglichen russischen Invasion seinem Schicksal überlassen könnten, ist nach wie vor groß.

Und da stellt sich eine durchaus logische Frage: Wenn die europäischen Staats- und Regierungschefs tatsächlich eine solche Invasion fürchten und befürchten, dass die Vereinigten Staaten nicht bereit sein könnten, ihre Verpflichtungen aus Artikel 5 des Nordatlantikvertrags zu erfüllen – wie wollen sie dann Reserven finden, um die Ukraine mit Raketen zur Abwehr ballistischer Angriffe zu versorgen?

All diese Fragen bleiben selbstverständlich eher rhetorischer Natur. Schon jetzt ist klar, dass der Krieg im Nahen Osten die westlichen Arsenale erheblich erschöpft hat, dass selbst die Vereinigten Staaten ihre Bestände an Raketen dringend wieder auffüllen müssen und dass derzeit nicht genügend Raketen produziert werden, um diese Bestände rasch zu ergänzen.

Und das, obwohl heute niemand garantieren kann, dass der Konflikt im Nahen Osten nicht erneut aufflammt, falls Washington und Teheran bei den Friedensvereinbarungen, die auf sporadischen Treffen amerikanischer und iranischer Vertreter erörtert werden, keine Einigung erzielen.

Auch die Europäer müssen sich um ihre Arsenale sorgen, denn sie stehen keineswegs an erster Stelle in der Warteschlange für Waffenlieferungen. So wurde kürzlich in Tallinn erklärt, man wisse nicht, wann die bereits mit den Vereinigten Staaten vereinbarten amerikanischen Waffen tatsächlich eintreffen würden.

Man kann daher sagen, dass auf diesem Gipfel des Bündnisses zwar die richtigen Reden gehalten und die richtigen Zusicherungen gegeben werden dürften, dass jedoch keine praktischen Schritte unternommen werden, die die Lage im russisch-ukrainischen Krieg tatsächlich verändern könnten.

Der Präsident der Ukraine, Volodymyr Zelensky, und andere Vertreter Kyjiws werden die westlichen Staats- und Regierungschefs daran erinnern, dass ihre Landsleute faktisch zu Zielscheiben brutaler russischer Angriffe geworden sind und dass Wladimir Putin alles daransetzt, Kyiv und andere ukrainische Städte in unbewohnbare Orte zu verwandeln, weil der russische Präsident, der seit Jahren an der Ostfront feststeckt, schlicht keinen anderen Beweis für den Erfolg Russlands in diesem Krieg vorweisen kann. Dafür hat Putin jedoch die Möglichkeit, den Mangel an Raketen zur Abwehr ballistischer Angriffe auszunutzen und darauf zu hoffen, dass die Erpressung der ukrainischen Bevölkerung zur Kapitulation des von ihm verhassten Staates führen wird.

Die westlichen Staats- und Regierungschefs werden Zelensky daraufhin ihre Unterstützung zusichern, betonen, dass sich die Lage an der Front durchaus ermutigend entwickle, und versichern, nach Möglichkeiten zu suchen, damit der Ukraine ein Arsenal zur Abwehr ballistischer Raketen zur Verfügung steht. Doch zwischen solchen Erklärungen und tatsächlichen Maßnahmen liegt eine beträchtliche Distanz.

Dabei hängt gerade davon, wie der Westen jetzt auf die katastrophale humanitäre Lage in der Ukraine reagieren kann und was er unternehmen wird, um den russischen Terror gegen die Wohnviertel friedlicher ukrainischer Städte zu beenden, die Glaubwürdigkeit des kollektiven Westens in der heutigen Welt ab.

Und es scheint, dass genau dieser Moment von den Teilnehmern des Gipfels in Ankara schlicht nicht erkannt wird. 


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Titel des Originals: Украина требует антибаллистику | Виталий Портников. 06.07.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 06.07.2026.
Originalsprache: ru
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Die Ukraine des Balkans. Vitaly Portnikov. 05.07.2026.

Україна Балкан. Vitaly Portnikov. 05.07.2026.

8. September 1991. Das ukrainische Parlament hatte nur wenige Wochen zuvor den Akt über die Ausrufung der Unabhängigkeit der Ukraine verabschiedet, und in der ehemaligen „zweiten Republik“ der Sowjetunion liefen bereits die Vorbereitungen für das Referendum am 1. Dezember. In einer anderen ehemaligen Republik – allerdings einer jugoslawischen –, in Mazedonien, fand das Referendum hingegen genau am 8. September statt, wenn auch mit einer etwas anderen Fragestellung als in der Ukraine: „Bestätigen Sie die unabhängige Republik Mazedonien mit dem Recht, einem künftigen Bund souveräner Staaten Jugoslawiens beizutreten?“

Das Paradoxe an dieser Abstimmung bestand darin, dass die Führung Mazedoniens vor dem Hintergrund des Krieges zwischen Serbien und Kroatien genau wusste, dass es einen Bund souveräner Staaten niemals geben würde – dennoch beruhigte sie die Gesellschaft. Die Ukraine hingegen, deren Bürger für die Unabhängigkeit ohne jegliche Bündnisse stimmten, trat nur wenige Wochen nach dem 1. Dezember der hastig geschaffenen Gemeinschaft Unabhängiger Staaten bei – als stamme ihre Entscheidung direkt aus dem mazedonischen Stimmzettel. Doch die Paradoxien beschränken sich nicht darauf.

Nur wenige Tage nach dem mazedonischen Referendum kommentierte ich dieses gerade im Vergleich zur ukrainischen Souveränität. „Die Unabhängigkeit Mazedoniens lässt sich allenfalls mit der künftigen Unabhängigkeit der Ukraine vergleichen, die das Kräfteverhältnis ebenfalls grundlegend verändern wird – allerdings in einem anderen Teil des Kontinents. Die Abspaltung Sloweniens und die Freiheit Kroatiens, die sogar zu einem echten Krieg geführt hat, sind eine innerjugoslawische Angelegenheit … Doch die Entstehung eines mazedonischen Staates, der zudem nur einen Teil des Siedlungsgebietes dieses Volkes umfasst, ist geeignet, viele zu schockieren …“

Einige Tage später traf ich den stellvertretenden Ministerpräsidenten der neuen mazedonischen Regierung, den bekannten Wissenschaftler Blaže Ristovski. Der Akademiker nahm zum ersten Mal an einer hochrangigen internationalen Konferenz teil; kurz zuvor war er in Sofia gewesen und hatte dort den bulgarischen Präsidenten Schelju Schelew getroffen. Ristovski räumte ein: Die Bulgaren weigerten sich, die Mazedonier als Nation anzuerkennen, seien jedoch bereit, mit dem Staat zusammenzuarbeiten, und er hoffe, mit Griechenland ein ähnliches Ergebnis zu erzielen. „Es ist schließlich ein mazedonischer Staat“, sagte Ristovski zu mir.

Für den Leser, der sich 1991 mit meinen Veröffentlichungen über Mazedonien vertraut machte, war schon dessen Existenz etwas Exotisches. Heute mag das überraschen, denn es war doch „einfach“ eine der Republiken des sozialistischen Jugoslawiens. Nein, eben nicht einfach. Die bulgarischen Kommunisten, die die engsten Partner und Freunde ihrer sowjetischen Schutzmacht waren, bestritten schon die Existenz des mazedonischen Volkes, der mazedonischen Sprache und Identität. Die wichtigste Ideologin des Kampfes gegen den „Mazedonismus“ war das Mitglied des Politbüros des Zentralkomitees der Bulgarischen Kommunistischen Partei, die altgediente Kommunistin Zola Dragojtschewa, die zugleich der Gesellschaft für sowjetisch-bulgarische Freundschaft vorstand. Deshalb versuchte man in der Sowjetunion, über Mazedonien und die Mazedonier möglichst überhaupt nicht zu sprechen. Ich war möglicherweise einer der ersten ukrainischen Journalisten, der die Republik noch vor ihrer Unabhängigkeit besucht, dort Journalisten und Politiker kennengelernt hatte und deshalb wenigstens etwas dazu sagen konnte. Doch sich damals vorzustellen, welchem Druck Mazedonien in den folgenden 35 Jahren seiner Unabhängigkeit durch seine Nachbarn ausgesetzt sein würde, war kaum möglich.

Griechenland würde den Austausch der nationalen Symbolik und später sogar des Staatsnamens verlangen – so wurde aus dem Land schließlich die Republik Nordmazedonien. Albanien und der Kosovo würden albanische politische Parteien unterstützen und Krisen zwischen ethnischen Mazedoniern und Albanern schüren, bis hin zu einem kurzen ethnischen Krieg; auch in der Nachkriegszeit tun sie dies weiter, wobei die albanischen politischen Eliten die einen albanischen Politiker in Nordmazedonien unterstützen und die kosovarischen Eliten deren erbitterte Konkurrenten.

Serbien würde die Kirchenfrage instrumentalisieren. Die Serbisch-Orthodoxe Kirche, von der sich die Mazedonisch-Orthodoxe Kirche bereits in kommunistischer Zeit getrennt hatte – mit der Begründung, dass das Erzbistum Ohrid älter sei als seine serbische „Mutter“ (erinnert das an nichts?) –, würde nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Jugoslawien eine Parallelstruktur schaffen. Später würde der serbische Patriarch den Mazedoniern schließlich doch einen eigenen Tomos verleihen – was wiederum einen neuen Konflikt beider Kirchen mit dem Ökumenischen Patriarchen auslösen würde. (Vergessen wir nicht, dass unser großer Freund Bartholomäus I. dennoch Grieche ist – und ihm deshalb das Wort „mazedonisch“ im Namen der Kirche ebenfalls missfällt.)

Und als es schien, alle großen Konflikte seien beigelegt, nahmen sich die bulgarischen Brüder der Zukunft Nordmazedoniens an. Sie beschlossen, die europäische Integration des Nachbarlandes zu nutzen, um dessen historisches Gedächtnis und seine Identität zu verändern – von der Verfassung bis zu den Schulbüchern. In mancher Hinsicht erinnert dies an die ukrainisch-polnischen Auseinandersetzungen – allerdings genau umgekehrt.

In Warschau etwa wirft man den Führern der OUN die Zusammenarbeit mit dem Reich vor und verspricht, dass die Ukraine „mit Bandera“ niemals nach Europa gelangen werde. In Sofia hingegen verlangt man von Nordmazedonien, die bulgarische Besetzung des heutigen Staatsgebiets nicht als Besatzung zu bezeichnen – obwohl Bulgarien diesen Teil des Königreichs Jugoslawien gerade deshalb besetzte, weil es ein Verbündeter des Deutschen Reiches war. Die Mazedonier lehnen dies ab, weil der antifaschistische Kampf zu den Grundpfeilern ihrer modernen Identität gehört und unmittelbar mit der Ausrufung ihrer Staatlichkeit innerhalb von Titos Jugoslawien verbunden ist. Andererseits ist das Bündnis zwischen Deutschland und Bulgarien eine historische Tatsache. Und wenn man eine Besatzung nicht mehr Besatzung nennen darf, wird es schwer zu erklären sein, wie es auf dem Gebiet des heutigen Nordmazedoniens zum Holocaust kommen konnte und praktisch alle dortigen Juden ermordet wurden – obwohl die Juden Bulgariens selbst von der Regierung unter dem Druck der Öffentlichkeit nicht an die Nationalsozialisten ausgeliefert wurden.

Doch die Frage ist nicht, wer im Zweiten Weltkrieg wen unterstützte, sondern die tatsächliche Krise der Europäischen Union. Die Idee eines geeinten Europas besteht gerade darin, dass alle historischen Gegensätze innerhalb der EU behandelt werden, denn nur sie ist das Instrument, das Kriege auf einem einst verwüsteten Kontinent verhindern kann. Tatsächlich aber geschieht das Gegenteil: Die Staaten, die bereits der Europäischen Union angehören, beginnen den Beitrittskandidaten vorzuschreiben, was in ihrer Verfassung stehen oder sogar was in ihren Geschichtsbüchern geschrieben werden soll. Und die Europäische Union stellt sich auf die Seite ihrer Mitglieder, obwohl deren Forderungen nichts mit den Beitrittskriterien der EU zu tun haben.

Nordmazedonien steckt seit Jahrzehnten vor den Türen der Europäischen Union fest – nicht weil das Land keine Reformen durchführt, sondern weil es sich der von Europa unterstützten bulgarischen Erpressung widersetzt. Dabei unterstützt die Mehrheit der Bürger mazedonischer Herkunft die Haltung ihrer Regierung, weil sie diese für würdevoll hält. Doch neben der Würde gibt es auch die Praxis. Junge Mazedonier wollen nicht jahrelang warten, beantragen bulgarische Pässe (Sie haben doch nicht vergessen: Bulgarien betrachtet sie als Bulgaren) und verlassen das Land. Nicht etwa in Richtung Bulgarien – was sollten sie dort? –, sondern nach Deutschland.

Die jungen Bürger Nordmazedoniens albanischer Herkunft haben hingegen keinen Anspruch auf einen bulgarischen Pass und bleiben vorerst im Land. So sieht also das Bild einer demografischen Katastrophe eines kleinen Volkes aus.

Als Sofia begann, seine Forderungen zu diktieren, hoffte ich noch, dass man in Brüssel erkennen würde, wie gefährlich historische Erpressung ist. Doch das geschah nicht. Und nun bereite ich mich darauf vor zu beobachten, wie sich die europäische Integration der Ukraine genau nach dem mazedonischen Szenario vollziehen wird. Denn ich sehe bereits, wie ein Teil der polnischen Politiker der Versuchung nicht widerstehen kann – und ich weiß nicht, wie man unseren Nachbarn erklären soll, dass dieses Szenario vor allem für sie selbst gefährlich ist.

Doch natürlich geht es nicht nur um die Polen. Mit Forderungen werden später praktisch alle an uns herantreten: Die einen, weil sie im Bündnis mit den Russen handeln; die anderen, weil sie sehen, wie gut sich Minderheitenschutz und historische Forderungen beim eigenen Elektorat verkaufen; wieder andere einfach deshalb, weil sie Narren sind.

Die Schlussfolgerung daraus ist einfach und bitter: Wir werden niemals Mitglied der Europäischen Union werden, wenn wir Europa nicht schon jetzt verändern. Wenn wir nicht nachweisen können, dass gerade jene Staaten bestraft werden müssen, die gegen die Kriterien verstoßen – selbst wenn sie bereits Mitglieder der EU sind. Dass man Geschichte nicht als Erpressungsinstrument benutzen darf. Dass solchen Erpressern die europäischen Fördermittel gestrichen werden müssen und nach Möglichkeiten gesucht werden sollte, ihnen zumindest in Fragen unserer Integration das Stimmrecht zu entziehen.

Wir sind schlicht verpflichtet, das zu tun. Um unseretwillen. Und um der Mazedonier willen.


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Titel des Originals: Україна Балкан. Vitaly Portnikov. 05.07.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 05.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Zwei Polen – und die Zukunft der polnisch-ukrainischen Verständigung. Vitaly Portnikov. 04.07.2026.

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Unsere wichtigste Aufgabe heute besteht nicht darin, uns an all die Kränkungen und Konflikte zu erinnern, die Polen und Ukrainer trennen, sondern jene Polen zu unterstützen, die aufrichtige Befürworter einer polnisch-ukrainischen Verständigung sind. Und wir sollten uns daran erinnern, dass es viele solcher Menschen gibt – sehr viele. Doch auch jene, die die Ukrainer hassen und vom polnisch-ukrainischen Zerwürfnis profitieren wollen, gibt es in großer Zahl. Und im Ringen zwischen diesen beiden Polen wird vieles gerade von uns abhängen.

Ich möchte daran erinnern, dass es auch unter unseren Landsleuten stets Menschen gab, die nicht nur für eine Unterordnung der Ukraine unter Russland eintraten, sondern auch bereit waren, für Politiker zu stimmen, die den ukrainischen Staat demontierten. Menschen, die die ukrainische Sprache, Kultur und Geschichte verachteten und alles daransetzten, dass ihre Position in unserem Land die Oberhand gewann. Und diese Menschen sind auch heute nicht verschwunden – lediglich der Rauch des Krieges hindert uns daran zu erkennen, wie viele es von ihnen gibt. Ja, diese Menschen wählten Präsidenten und Abgeordnete, sie gewannen Wahlen. Und sie können auch in der Nachkriegsukraine wieder Wahlen gewinnen. Doch wir wollten immer, dass man uns nicht mit ihnen gleichsetzt, dass die Menschen um uns herum eine andere Ukraine sehen – eine demokratische, europäische und vor allem ukrainische. Warum also wollen wir in Polen nur jene sehen, die uns verachten, und nicht jene, die gemeinsam mit uns sein wollen?

Die Zukunft der Ukraine und die Zukunft Polens hängen davon ab, ob die Ukrainer, die die Zukunft ihres Landes in Europa sehen – als toleranten, demokratischen und am Staatswohl orientierten Staat –, gemeinsam mit jenen Polen erfolgreich sein werden, die an ein demokratisches und europäisches Polen glauben, das seinen Nachbarn mit Toleranz begegnet.

Die Zukunft hängt davon ab, ob wir uns zusammenschließen und jenen entgegentreten können, die seit Jahrhunderten versuchen, das polnische und das ukrainische Volk auseinanderzubringen.

Jenen in Moskau.


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Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 04.07.2026.
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Wird die Ukraine zum „Feind Nr. 1“? „Wisti z Ukrajiny“. Vitaly Portnikov. 12/1991.

Am Vorabend des Referendums überraschte die Reaktion des offiziellen Moskaus auf die Entscheidung der Vereinigten Staaten, die Unabhängigkeit der Ukraine anzuerkennen, falls die Abstimmung erfolgreich verlaufen sollte. 

Es schien doch, als habe erst vor wenigen Monaten der Unionskongress der Volksdeputierten alle Staaten der Welt und die internationale Gemeinschaft dazu aufgerufen, sämtliche Unionsrepubliken anzuerkennen und sie als unabhängige Staaten in die UNO aufzunehmen … Und nun ruft der Wunsch eines einzelnen Staates, gewissermaßen mit Taten auf den Appell des Abgeordnetenkongresses zu antworten, sofort jene schon aus den Zeiten Kossygins vertrauten Redewendungen über eine „Einmischung in die inneren Angelegenheiten der UdSSR“ hervor. 

TASS verbreitet den Protest irgendeines „Kongresses der amerikanischen Russen“, der aus irgendeinem Grund nicht nur sie, sondern auch die Ukrainer und Belarussen der USA vertreten soll – als hätten diese keine eigenen Organisationen. Selbst vor dem Hintergrund der „Anti-Referendums-Kampagne“ des Zentralfernsehens und des Rundfunks in den vergangenen Monaten wirkt eine derart absurde Reaktion auf einen völlig vorhersehbaren Verlauf der Ereignisse zumindest befremdlich.

Die eigentliche Propagandakampagne (und vielleicht nicht nur eine Propagandakampagne – man kann auch einen Wirtschaftskrieg und politische Demarchen erwarten) beginnt gerade jetzt, nachdem die Ukraine ein unabhängiger Staat geworden ist, nachdem ihre internationale Anerkennung begonnen hat, nachdem die Grenze zur ehemaligen Union in Kraft treten und eigene Währung sowie Pässe eingeführt werden. Dabei liegt das Problem heute nicht einmal in den historischen Wurzeln der Frage und auch nicht in den Besonderheiten der russischen Mentalität, die sich längst daran gewöhnt hat, die „kleinrussischen“ Gebiete als ihre eigenen zu betrachten und die Ukrainer sogar im fernen Amerika zu vertreten.

Die russische Führung beginnt heute den schwierigsten Abschnitt ihrer Tätigkeit – Wirtschaftsreformen, schmerzhafte Reformen mit unvorhersehbarem Ergebnis und einer ebenso unvorhersehbaren Reaktion einer Bevölkerung, die stets unzufrieden ist. Wie kann man sich „im Sattel halten“, wenn diese Reformen ins Stocken geraten?

Während der gesamten Zeit von Jelzins Herrschaft über Russland hatte er einen mächtigen Gegner – den Parteiapparat, der tatsächlich jede Reforminitiative des Reformers behinderte. Jelzin entwickelte sich zu einem echten „Tyrannenbekämpfer“ – von seiner berühmten Rede auf dem Plenum des Zentralkomitees der KPdSU bis hin zum Augustputsch.

Doch nach der Niederlage der konservativen Kräfte verschwand dieser Gegner plötzlich. Die Machtübernahme gefiel Boris Nikolajewitschs Team so sehr, dass es nicht einmal daran ging, die hemmenden Strukturen zu beseitigen. Man beschränkte sich darauf, die Partei zu verbieten und in Armee, Rüstungsindustrie und Staatssicherheit Personen in Führungspositionen zu berufen, die beiden Präsidenten loyal waren.

Wieder also: „Die Kader entscheiden alles“?

Doch nun ist es schwer, sich noch auf einen Feind zu berufen – und das ist für Menschen, die jahrelang unter dem unsterblichen Ruf „Schande über die KPdSU!“ das Volk auf Demonstrationen geführt haben, beinahe unerträglich. Deshalb begann unmittelbar nach dem Sieg die Suche nach Kandidaten für den hohen Posten des neuen Feindes der russischen Administration.

Die negative Reaktion auf den Akt der Unabhängigkeit der Ukraine seitens breiter Kreise der russischen Öffentlichkeit, zu denen sich faktisch auch der Kongress der Volksdeputierten der RSFSR mit seinem panslawistischen (genauer gesagt: prorussischen) Appell an die Völker Russlands, der Ukraine und Belarus gesellte, ebenso wie das Treffen des russischen Präsidenten mit den Präsidenten der zentralasiatischen Republiken, die sich ebenfalls mit Aufrufen zur Einheit an uns wandten, hätten eigentlich deutlich machen müssen, dass der Feind bereits gefunden war.

Doch wir begriffen das damals noch nicht und führten alles auf jene Besonderheiten der russischen Mentalität zurück. Je weiter jedoch die Entwicklung voranschreitet, desto stärker verlagert sich die Angelegenheit auf die wirtschaftliche Ebene. Es geht längst nicht mehr um Mentalität. Die Ukraine wird vielmehr zu jenem Fallschirm, den man im Falle eines Scheiterns der Reformen dringend benötigt.

Dann muss man schließlich sagen können: Es hat nicht geklappt (oder: Es ist nicht so gelungen, wie wir wollten), weil uns die Haltung von … nun, von wem eigentlich?

Die KPdSU gibt es nicht mehr.

Der militärisch-industrielle Komplex wird unter unserer weisen Führung konvertiert.

Die Staatssicherheit steht unter unserer Kontrolle.

Das Baltikum – es ist zu klein.

Kasachstan – ist für die Union …

Uns hat, so werde ich euch sagen, die Haltung der Ukraine behindert …

Auf der letzten Sitzung des Staatsrates, auf der hinter verschlossenen Türen ein Paket wirtschaftlicher Maßnahmen beraten wurde, soll der Präsident der RSFSR bereits etwas Ähnliches gesagt und sogar Sanktionen gegen die Abtrünnigen gefordert haben – zumindest berichten dies gut informierte Quellen.

Es bleibt nur zu hoffen, dass der gesunde Menschenverstand noch eine Chance hat zu siegen.

Schlechte Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine würden eine „Jugoslawisierung“ der Ereignisse im gesamten postsowjetischen Raum bedeuten. Gerade diese beiden Staaten sind schlicht dazu bestimmt, in Frieden und Eintracht miteinander zu leben. Jede andere Entwicklung wäre tödlich – für ihre Wirtschaft ebenso wie für das Klima der zwischenethnischen Beziehungen in den Republiken, in denen Millionen Russen und Ukrainer als Minderheiten leben.

Natürlich eignet sich die Ukraine aus rein pragmatischer Sicht wie kein anderes Land für die Rolle des „Feindes Nr. 1“ der russischen Administration, auf den sich sämtliche eigenen Fehler und Schwierigkeiten abwälzen lassen.

Doch das ist eine kurzsichtige Politik. Ihr kurzfristiger Erfolg würde zerstören, was über Jahrhunderte hinweg aufgebaut wurde.

Für Russland wäre dies umso gefährlicher, weil die einzigartige Brücke zwischen Russland und Europa blockiert würde. Verbunden mit seinen asiatischen Nachbarn in einem nur scheinbaren Bund souveräner Staaten würde die Russische Föderation endgültig auf einen anderen Kontinent abgedrängt.

Für die Ukraine wäre eine solche Trennung nicht weniger schmerzhaft, denn Jahrhunderte ihrer Entwicklung sind mit dem Kosmos der russischen Kultur verbunden – ganz zu schweigen von den wirtschaftlichen und politischen Kontakten.

Und schließlich: In den Herzen unserer Menschen hat es niemals Winter gegeben. Deshalb wäre eine Verschlechterung der Beziehungen zwischen ihnen etwas Künstliches.

P. S. Dieser Beitrag erreichte uns aus Moskau am Vorabend des Treffens in Brest.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Чи стане Україна «Ворогом Nº 1»? «Вісті з України». Віталій Портников. 12.1991.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 12.1991.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Zelensky und Putin sprachen mit Trump | Vitaly Portnikov. 05.07.2026.

Die Präsidenten der Ukraine und der Russischen Föderation führten Gespräche mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten im Rahmen der Feierlichkeiten, die derzeit in Amerika anlässlich des 250. Jahrestages der Gründung des amerikanischen Staates stattfinden.

Deshalb handelte es sich in erster Linie um protokollarische Gespräche. Donald Trump spricht in diesen Tagen mit zahlreichen Staats- und Regierungschefs. Zu erwarten, dass unter solchen Umständen der Dialog entweder mit dem ukrainischen oder mit dem russischen Präsidenten zu konkreten politischen Entscheidungen führen könnte, wäre daher nicht angebracht.

Dennoch wird allein die Tatsache eines Gesprächs mit dem amerikanischen Präsidenten in der Regel genutzt, um die eigenen politischen Möglichkeiten zu demonstrieren. So war es auch dieses Mal.

Das Wichtigste am Gespräch zwischen Donald Trump und Volodymyr Zelensky ist nicht die Überzeugung des ukrainischen Präsidenten, dass sich nun reale Möglichkeiten für ein Ende des Krieges eröffnet hätten. Mit solchen Thesen tritt Zelensky regelmäßig auf – man kann sagen, seit den ersten Jahren der groß angelegten Phase des russisch-ukrainischen Krieges. Und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass sich die heutige Situation durch neue Umstände von der vorherigen unterscheidet, die tatsächlich Anlass zur Hoffnung gäben, dass sich der russisch-ukrainische Krieg seinem Ende nähert.

Was aus konkreter Sicht jedoch wirklich wichtig ist, ist die Vereinbarung zwischen den Präsidenten der Ukraine und der Vereinigten Staaten, bereits am 7. und 8. Juli während des NATO-Gipfels in Ankara miteinander zu sprechen – sofern Trump und Zelensky einander richtig verstanden haben. Denn während des jüngsten G7-Gipfels in Evviami, zu dem auch der ukrainische Präsident eingeladen worden war, war ein offizielles Treffen zwischen den Präsidenten der Vereinigten Staaten und der Ukraine gar nicht vorgesehen. Zelensky gelang es lediglich, Trump am Rande des Gipfels zu sprechen.

Und obwohl dieses Gespräch durchaus positiv verlief und Trump anschließend gegenüber Journalisten erklärte, Zelensky halte sich gut, muss man verstehen, dass bei solchen Begegnungen am Rande einer Veranstaltung in der Regel keine konkreten Entscheidungen getroffen werden. Die Staats- und Regierungschefs tauschen lediglich ihre Eindrücke zu politischen Fragen aus.

Deshalb ist nicht ein weiteres Treffen am Rande einer Veranstaltung wichtig, sondern ein tatsächlich von den Beratern vorbereiteter Termin zwischen den Präsidenten der Vereinigten Staaten und der Ukraine, bei dem konkrete Entscheidungen getroffen werden können – etwa über die Lieferung eben jener Raketenabwehrsysteme an die Ukraine.

Denn selbst wenn man Trump am Rande einer Veranstaltung auf Raketenabwehrsysteme anspricht und er verspricht, die Angelegenheit zu prüfen, bedeutet das keineswegs, dass jemals eine Entscheidung getroffen wird. Geht es jedoch um ein vorbereitetes Treffen mit einer festgelegten Tagesordnung, dann muss bereits der Apparat des Weißen Hauses und die Berater des amerikanischen Präsidenten daran arbeiten.

Genau darin unterscheidet sich konkrete Politik mit geplanten Treffen von improvisierten Begegnungen, die gerade deshalb organisiert werden müssen, weil Trump solche protokollarischen Treffen mit dem Präsidenten der Ukraine meidet, um ihm nichts Konkretes versprechen zu müssen.

Gehen wir also davon aus, dass das Gespräch zwischen Trump und Zelensky tatsächlich zu einem vorbereiteten Treffen der Präsidenten der Vereinigten Staaten und der Ukraine führen wird und dass die Ukraine von den Vereinigten Staaten nicht nur Worte, sondern reale Unterstützung erhält, die uns helfen wird, die kommenden Monate und Jahre des russisch-ukrainischen Krieges durchzustehen.

Das Gespräch Trumps mit Putin wiederum hat ebenfalls gezeigt, dass es derzeit keinerlei konkrete Perspektiven für ein Ende dieses Krieges gibt. Aus der Haltung des russischen Diktators, der von der Notwendigkeit überzeugt ist, die Kampfhandlungen an der russisch-ukrainischen Front fortzusetzen, lässt sich schließen, dass Putin sich auf dieses protokollarische Telefonat vorbereitet hatte – schon deshalb, weil einer der wichtigsten Schwerpunkte des Gesprächs zwischen dem amerikanischen und dem russischen Präsidenten die Mitteilung war, russische Truppen hätten Kostjantyniwka eingenommen.

Damit machte Putin Trump deutlich, dass Gespräche über eine Einstellung der Kampfhandlungen oder auch nur über Verhandlungen zu einer solchen Einstellung und den Abschluss eines Friedensabkommens ohne die Kontrolle der russischen Armee zumindest über das gesamte Gebiet der Oblast Donezk aus seiner Sicht keinen Sinn hätten.

Der außenpolitische Berater des russischen Präsidenten, Juri Uschakow, betonte ausdrücklich, dass die russischen Truppen – wie er sich selbstverständlich ausdrückte – versuchten, das gesamte Gebiet des Donezker Gebiets zu „befreien“. Ich habe keinerlei Zweifel daran, dass genau darüber Putin mit Trump sprach, als er ihm die tatsächliche Lage in der sogenannten Zone der militärischen Spezialoperation schilderte.

Mit anderen Worten: Das protokollarische Gespräch wurde vom Präsidenten der Russischen Föderation genutzt, um den Präsidenten der Vereinigten Staaten erneut daran zu erinnern, dass Russland nicht beabsichtigt, seine Haltung hinsichtlich der Möglichkeiten zur Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges zu ändern.

Dabei kann Putin derzeit davon ausgehen, dass er sich in einer starken Position befindet, weil Trump in den kommenden Monaten zumindest irgendeinen Erfolg bei der Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges vorweisen muss.

Wie wir wissen, richtet sich der amerikanische Präsident unmittelbar nach dem Jubiläum der Vereinigten Staaten bereits auf die Kongresswahlen aus, die zu einer Niederlage der Republikaner führen könnten – zumindest im Repräsentantenhaus. Unter solchen Umständen könnte es für ihn Teil der Suche nach einem realistischen Weg sein, zumindest eine Einstellung der Kampfhandlungen an der Frontlinie oder einen Stopp der gegenseitigen Angriffe Russlands und der Ukraine auf die Infrastruktur beider Länder zu erreichen, wenn er den Wünschen Putins größere Aufmerksamkeit schenkt – selbst wenn dies nicht das Ende des russisch-ukrainischen Krieges selbst bedeutet.

Und genau diese Überzeugung Putins, dass Trump die Zeit davonläuft, während er selbst warten kann, bis Washington und Kyiv seinen Ultimaten zustimmen, erlaubt es ihm, mit dem amerikanischen Präsidenten selbstbewusst aufzutreten und seine Position hinsichtlich der Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges nicht zu ändern.

Und hier rückt selbstverständlich erneut das Treffen der Präsidenten der Vereinigten Staaten und der Ukraine in den Mittelpunkt. Denn nur eine gemeinsame Position des Westens und der Ukraine kann zumindest die Voraussetzungen für stärkeren Druck auf den Präsidenten der Russischen Föderation in der nächsten Phase der zermürbenden russisch-ukrainischen Konfrontation schaffen. Und sie kann Wege aufzeigen, Putin zumindest dazu zu zwingen, seine Pläne zur Zerstörung ukrainischer Städte und Siedlungen in der kommenden Kriegsphase einzustellen – Pläne, die, wie wir sehen, bereits in der jüngsten Vergangenheit einen wesentlichen Bestandteil der Angriffe der russischen Armee auf die Ukraine bildeten.

Und offensichtlich plant Putin gerade solche Maßnahmen für die Zukunft – als Folge der Unfähigkeit der russischen Armee, an der Front irgendwelche wirklichen Ergebnisse zu erzielen.

Die Gespräche selbst sprechen daher eher für die Beständigkeit und Unverändertheit der Positionen. Wie man jedoch Putins Haltung beeinflussen kann, das ist bereits eine Frage der weiteren Verhandlungen.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Зеленський і Путін поговорили з Трампом | Віталій Портников. 05.07.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 05.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Kaczyńskis Brief an die PiS: Sechs logische Fehler in seiner Argumentation. Oleksandr Kulyk. 04.07.2026.


Jarosław Kaczyński, der Vorsitzende der Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS)

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Haben Sie den Brief Kaczyńskis an die Mitglieder seiner Partei gelesen? Ich habe ihn gelesen. Das ist schlicht erschreckend. Darüber, was Bandera getan oder nicht getan hat, sollen Historiker sprechen. Ich möchte diesen Text Kaczyńskis unter dem Gesichtspunkt der Logik analysieren. Ich habe darin sechs schwerwiegende logische Fehler festgestellt.

Der erste Fehler ist die fallacia fictae universalitatis, also eine vorschnelle Verallgemeinerung. Aus einzelnen symbolischen Gesten, Bezeichnungen, Erklärungen oder Handlungen der ukrainischen Führung wird auf die gesamte ukrainische politische Elite, die gesamte ukrainische Identität oder sogar auf das „Bewusstsein der ukrainischen Nation“ geschlossen. Das ist eine viel zu weitgehende Schlussfolgerung. Aus der Tatsache, dass der Präsident auf Bitten von Vertretern einer bestimmten Militäreinheit dieser Einheit einen bestimmten Namen verliehen hat, folgt lediglich, dass er dieser Einheit diesen Namen verliehen hat. Das mag einem gefallen oder nicht gefallen, sagt aber nichts über das „Bewusstsein der ukrainischen Nation“ aus.

Der zweite Fehler ist die ignoratio elenchi. Die ursprüngliche These könnte konkret lauten: „Ist es angemessen, eine ukrainische Militäreinheit nach Persönlichkeiten oder Formationen zu benennen, die mit der Wolhynien-Tragödie in Verbindung stehen?“ Doch anschließend wird diese These durch eine wesentlich umfassendere ersetzt: „Die Ukraine baut ihr nationales Bewusstsein auf dem Banderismus auf.“ Das ist bereits eine andere Behauptung.

Der dritte Fehler ist ein non sequitur, also eine Schlussfolgerung, die sich nicht aus den Prämissen ergibt. Kaczyński geht von der Prämisse aus, dass „eine ukrainische Einheit einen problematischen Namen erhalten hat“, und gelangt zu der Schlussfolgerung: „Folglich formen die ukrainischen Eliten einen rassistischen, antipolnischen und antisemitischen Nationalismus.“ Welcher unmittelbare Zusammenhang besteht zwischen diesen Aussagen? Worin zeigt sich der Antisemitismus von Volodymyr Zelensky, der jüdischer Herkunft ist, das Gesetz „Über die Verhütung und Bekämpfung des Antisemitismus in der Ukraine“ unterzeichnet hat und erst kürzlich Änderungen des Strafgesetzbuches unterzeichnete, die die Strafen für antisemitische Handlungen verschärfen? Was den Rassismus betrifft, so klingt dieser Vorwurf geradezu absurd. Wen unterdrücken die Ukrainer aufgrund seiner Rasse? Einen solchen Vorwurf habe ich nicht einmal von den Russen gehört.

Der vierte Fehler ist die fallacia falsae dilemmatis, also ein falsches Dilemma. Kaczyński stellt die Wahl so dar, als gebe es nur zwei Möglichkeiten: Entweder verteidigt Polen seine Würde und die christliche Zivilisation, oder es duldet den „Banderismus“. Es gibt jedoch weitere mögliche Positionen: die Ukraine im Krieg gegen Russland unterstützen und zugleich problematische historische Symbole kritisieren; einen Dialog der Historiker fordern; zwischen der heutigen Ukraine und der OUN/UPA unterscheiden usw. Das tatsächliche Spektrum möglicher Positionen ist also wesentlich breiter, als Kaczyńskis Text suggeriert.

Der fünfte Fehler ist ein argumentum ad hominem abusivum, also die Dämonisierung des Gegners. Begriffe wie „rassistisch“, „antipolnisch“, „antisemitisch“, „verbrecherisch“, „unmenschlich“ oder „grausame Mörder“ erfüllen nicht nur eine beschreibende Funktion, sondern dienen zugleich der starken emotionalen Diskreditierung. Sie setzen von vornherein den Rahmen: Der Gegner irrt sich nicht einfach, sondern wird einem moralisch verwerflichen Phänomen zugeordnet.

Der sechste Fehler ist ein weiteres non sequitur im Zusammenhang mit dem Orden des Weißen Adlers. Aus der Tatsache, dass Nawrocki Zelensky aufgefordert hat, den Orden des Weißen Adlers zurückzugeben, und Zelensky ihn zurückgegeben hat, folgt keineswegs, dass „die Ukrainer mit noch größerer Aggression geantwortet haben“. Die Rückgabe eines Ordens ist keine Aggression.

Natürlich ist auch Kaczyńskis Behauptung interessant, die moderne ukrainische Nation habe sich seit 1991 vor seinen Augen herausgebildet, während die polnische Nation „tausend Jahre alt“ sei. Das gehört allerdings nicht mehr in den Bereich der Logik, sondern eher in den der Psychologie.

Auf dem beigefügten Scan der Auszüge aus diesem Brief können Sie sehen, an welchen Stellen sich diese Fehler befinden. Den vollständigen Brief auf Polnisch finden Sie über den Link in den Kommentaren.

Zur Erinnerung: Jarosław Kaczyński ist der Vorsitzende der Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS), die zu den populärsten Parteien Polens gehört.


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Art der Quelle: Social Media

Autor: Oleksandr Kulyk
Veröffentlichung / Entstehung: 04.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Der Krieg der Erinnerungen: Wem nützt der polnisch-ukrainische Geschichtsstreit? Oleh Cheslavskyi. 04.07.2026.

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Es gibt ein Spiel, das zwei Völker unendlich lange spielen können – und gewinnen wird dabei immer ein Dritter. Es ist das Spiel der Abrechnung. Wer wen zuerst, wer wen mehr, wessen Dörfer häufiger brannten und wessen Kinder tiefer begraben liegen. Die Regeln sind einfach: Du legst deine Toten auf den Tisch, ich lege meine darauf, und so geht es weiter, bis zwischen uns nichts mehr errichtet werden kann außer einer gemeinsamen Grube. Moskau kennt diese Regeln besser als wir beide, denn es hat sie selbst geschrieben.

Wie man uns beibrachte, richtig zu hassen

Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb Polen formal ein Staat, tatsächlich aber war es ein Gebiet unter totalitärer Kontrolle Moskaus – durch das Marionettenregime der Volksrepublik Polen und die Geheimdienste UB und SB, die bis in die letzte Dienststelle hinein vom NKWD und später vom KGB gelenkt wurden. Und diesem Apparat war eine ganz konkrete Aufgabe gestellt. Nicht nur, die Polen in Unterwerfung zu halten. Sondern auf Dauer jede mögliche Allianz der beiden unterdrückten Völker – der Ukrainer und der Polen – gegen ihren gemeinsamen Feind unmöglich zu machen, dessen Name russischer Imperialismus lautet.

Die Methode war in ihrer Einfachheit elegant. Die sowjetische Propaganda konstruierte eine schwarz-weiße Assoziationskette, in der jede kompromisslose nationale Befreiungsbewegung automatisch das Etikett erhielt: Faschismus, Banditentum, Massaker. Die tragischsten Seiten des polnisch-ukrainischen Krieges, vor allem Wolhynien, wurden aus dem Gesamtkontext des Kampfes um Staatlichkeit herausgerissen, übersteigert und zu einem grundlegenden emotionalen Trigger gemacht. Nicht zu einem Gegenstand der Forschung. Sondern zu einem Knopf.

Und dieser Knopf funktioniert bis heute. Die heutige scharfe Reaktion eines Teils der polnischen Gesellschaft schon auf das Wort „Banderowez“ ist zu einem großen Teil das Auslösen eines Reflexes, der von eben jenem Apparat eingeprägt wurde. Hier muss man bis zum Ende ehrlich sein, denn genau daran zeigt sich wahre Ehrlichkeit: Die Wolhynien-Tragödie ist keine Erfindung des KGB. Sie hat stattgefunden, sie ist dokumentiert, sie wurde vom polnischen Sejm anerkannt, und für das familiäre Gedächtnis der Polen ist sie eine offene Wunde und keine propagandistische Konstruktion. Das sowjetische System hat sie im Übrigen jahrzehntelang verschwiegen, weil ein Massaker zwischen „Brudervölkern“ das Bild der Völkerfreundschaft störte. Doch den Deutungsrahmen des Ukrainertums als solchem, die Optik, durch die ein Pole jede ukrainische Befreiungsbewegung betrachtet, schuf gerade die sowjetische Maschinerie. Und heute schafft Russland diese Wunde nicht. Es vertieft sie. Es genügt, ein Streichholz hinzuhalten.

Die Symmetrie, die man in Moskau nur ungern schwarz auf weiß sähe

Um die ukrainische Seite dieses Krieges ohne sowjetische Brille zu verstehen, muss man nicht mit dem Jahr 1943 beginnen, sondern mit 1918. In der Zwischenkriegszeit verübte die Zweite Polnische Republik eine bewaffnete Aggression gegen die Westukrainische Volksrepublik, besetzte die westukrainischen Gebiete und führte ein Regime der Zwangsassimilation ein. Die Osadnik-Politik, also die Kolonisierung ukrainischer Gebiete durch polnische Militärangehörige. Die Schließung ukrainischer Schulen. Die Zerstörung von Kirchen. Die „Pazifizierung“ – massenhafte Strafaktionen gegen die ukrainische Zivilbevölkerung. Den Ukrainern wurden systematisch alle legalen Instrumente genommen, ihre Rechte zu verteidigen –     und anschließend wunderte man sich, dass diese Verteidigung in die Illegalität abglitt.

Die Radikalisierung der OUN war eine direkte, symmetrische Antwort auf den staatlichen Terror und auf die hartnäckige Weigerung, den Ukrainern das Recht auf einen eigenen Staat zuzugestehen. Und hier drängt sich eine Analogie auf, vor der die polnische Geschichtsschreibung lieber die Augen verschließt. Das genaueste Gegenstück zu Bandera und der UPA im heutigen polnischen Geschichtsbewusstsein sind die „Verfemten Soldaten“ (Żołnierze wyklęci). Szendzielarz „Łupaszko“, Kuraś „Ogień“. Polen heroisiert sie wegen ihres kompromisslosen Kampfes gegen die sowjetische und die nationalsozialistische Besatzung, wegen der Verteidigung der polnischen Staatlichkeit, und blendet dabei ihre Methoden und Verbrechen an der ukrainischen, litauischen, slowakischen und jüdischen Zivilbevölkerung leicht aus. Der doppelte Maßstab gegenüber der UPA ist eine unmittelbare Folge der Bewahrung eben jener sowjetischen Sichtweise – allerdings dort, wo es um den fremden Befreiungskampf gegen polnische Herrschaft geht.

Und nun zu den konkreten Fakten. Nicht, um eine Rechnung zu präsentieren. Sondern um zu zeigen, dass diese Rechnung, falls wir sie präsentieren wollten, keineswegs leer wäre. Wir haben unser eigenes umgekehrtes Pantheon. Nur haben wir es nicht auf ein Podest gestellt, sondern in eine Schublade gelegt. Hier sind vier Namen daraus.

Romuald Rajs, „Bury“

Kommandeur einer Einheit der Nationalen Militärischen Vereinigung (NZW). Januar–Februar 1946, Podlachien. Das Kriterium für die Auswahl der Opfer war primitiv und bedurfte keiner Untersuchung: orthodoxer Glaube und eine nichtpolnische Sprache.

Bei den Strafaktionen wurden 79 orthodoxe belarussische und ukrainische Zivilisten getötet. Die Dörfer Zanie, Szpaki und Zaleszany wurden vollständig niedergebrannt. Wehrlose Menschen, darunter Frauen und Kinder, wurden in ihre Häuser getrieben, eingeschlossen und bei lebendigem Leib verbrannt. Fuhrleute wurden erschossen, weil sie ein Gebet nicht auf Polnisch aufsagen konnten.

1995 rehabilitierte ein polnisches Gericht „Bury“ offiziell und subsumierte die Massenmorde an Zivilisten unter den Begriff des „rechtfertigenden Notstands“ und des „Kampfes für die Unabhängigkeit“. Später erkannte sogar das polnische Institut für Nationales Gedenken unter dem Druck der Beweise an, dass die Taten der Einheit Merkmale eines Verbrechens mit Elementen des Völkermords aufweisen. Das änderte jedoch nichts. Rechtsextreme veranstalten bis heute jedes Jahr Märsche zu seinen Ehren.

Zenon Jachymek, „Wiktor“

Kommandeur des Verbands der Heimatarmee (Armia Krajowa) im Kreis Hrubieszów. Gemeinsam mit Stanisław Basaj, „Ryś“, leitete er im Frühjahr 1944 unmittelbar die Strafaktionen im Cholmer Land. Die Befehle zur Vernichtung ukrainischer Zentren zusammen mit der Zivilbevölkerung wurden bewusst erteilt.

Die ukrainischen Dörfer Sahryń, Miątkie, Sachończyce und andere wurden zu Asche. Hunderte friedliche Einwohner – Frauen, Kinder und alte Menschen – kamen ums Leben.

Im offiziellen polnischen Geschichtsgedächtnis ist Jachymek keine problematische Figur, sondern ein unbestrittener Held des Untergrunds. Er wurde mit den höchsten militärischen Auszeichnungen geehrt, darunter dem Orden Virtuti Militari. Die Geschichtsschreibung neigt bis heute dazu, ihn zu romantisieren und die Morde mit „militärischer Notwendigkeit“ und der „Liquidierung von UPA-Stützpunkten“ zu rechtfertigen.

Stanisław Basaj, „Ryś“

Kommandeur eines Bataillons der Bauernbataillone (Bataliony Chłopskie, BCh) im Cholmer Land. Seine Einheit führte die sogenannten „Vergeltungsaktionen“ mit besonderer Gründlichkeit durch. Sahryń und die benachbarten ukrainischen Dörfer Szychowice und Lasków gehören zu den blutigsten Kapiteln der Geschichte des Cholmer Landes.

An nur einem Tag töteten polnische Partisanen zwischen 800 und 1200 ukrainische Zivilisten. Die Dörfer wurden gezielt niedergebrannt; die Opfer waren überwiegend Frauen, Kinder und ältere Menschen, die mit bewaffneten Formationen nichts zu tun hatten.

Im heutigen nationalistischen Narrativ gilt Basaj als Symbol eines furchtlosen Verteidigers polnischer Dörfer. Straßen tragen seinen Namen, ihm werden Denkmäler und Gedenktafeln gewidmet. Die tausend Ermordeten werden entweder verschwiegen oder als „Präventivschläge“ gerechtfertigt.

Józef Bis, „Wacław“

Kommandeur der OP-26-Gruppe der Heimatarmee. März 1945, das ukrainische Dorf Pawłokoma. Die Logik des Massakers war einfach und total: Die einheimischen Polen wurden ausgesondert und freigelassen, die Ukrainer zur Vernichtung bestimmt.

366 Ukrainer wurden erschossen und in Gruben geworfen. Unter den Ermordeten waren alte Menschen, Frauen, Kinder und Säuglinge.

Jahrzehntelang stilisierte die polnische Geschichtsschreibung „Wacław“ zum Helden des antikommunistischen Untergrunds und klammerte Pawłokoma aus seiner Biografie aus. Erst in den 2000er Jahren wurde unter dem Druck der Fakten und der Aussagen der Überlebenden die Wahrheit öffentlich. Für einen Teil der Radikalen ist Bis bis heute ein „Verteidiger“.

Und nun das Wichtigste. Die Leere auf der anderen Seite

Ich könnte diese Liste fortsetzen. Sie endet nicht bei vier Namen. Und genau darin liegt der Kern.

Schauen Sie sich an, womit die polnische Seite das Thema Wolhynien auflädt. Mit einer Resolution des Sejm zum Völkermord. Mit einem eigenen Gedenktag. Mit dem Institut für Nationales Gedenken und seinem Gewicht. Mit Exhumierungen als Voraussetzung für die bilateralen Beziehungen. Mit diplomatischen Noten. Das ist staatliche Leidenschaft, multipliziert mit politischen Ressourcen und verstärkt durch Wahlkämpfe.

Und schauen Sie nun, was auf unserer Seite denselben Namen derselben Dörfer gegenübersteht. Sahryń. Pawłokoma. Podlachien. Dieselben niedergebrannten Häuser, dieselben Gruben, dieselben Frauen und Kinder – nur unter einer anderen Überschrift. Wo ist der ukrainische Gedenktag für Sahryń? Wo ist die ukrainische Resolution zum Völkermord im Cholmer Land? Wo sind die diplomatischen Noten, die Vorbedingungen, die jährlichen staatlichen Gedenkfeiern, die Straßen, die nach unseren Toten benannt sind, und die Wahlkampagnen, die auf ihren Gebeinen errichtet wurden?

Es gibt sie nicht. Und das nicht, weil wir nichts davon wüssten. Das Material, das Sie gerade gelesen haben, liegt bereit. Die Zahlen sind dokumentiert, die Namen der Täter bekannt, die Dörfer auf der Karte verzeichnet. Wir könnten morgen eine spiegelbildliche Kampagne beginnen, und sie wäre nicht schwächer als die polnische, in mancher Hinsicht sogar überzeugender, weil ein Teil dieser Verbrechen sogar vom polnischen Institut für Nationales Gedenken anerkannt wurde.

Wir tun es nicht. Kein einziges Mal hat die Ukraine während ihrer gesamten Unabhängigkeit daraus Staatspolitik gemacht.

Warum wir es nicht tun. Und warum das keine Schwäche, sondern Reife ist

Hier kann man leicht ausrutschen und sagen: weil wir edler sind. Das wäre eine Lüge und eine Falle – nur eine weitere Abrechnung, diesmal moralischer Art. Darum geht es nicht.

Es geht um Erfahrung. Wir haben etwas durchlebt, was Polen trotz seiner gesamten Erinnerung in diesem Ausmaß nicht erlebt hat: die direkte, umfassende Konfrontation mit einem Imperium, das kommt, um dich allein deshalb zu töten, weil du getrennt von ihm existierst. Und diese Erfahrung hat etwas gelehrt. Vor allem das Wichtigste: den wirklichen Feind vom aufgezwungenen Feind zu unterscheiden. Die Hand zu erkennen, die gegeneinander aufhetzt, und nicht nur die Axt zu sehen, mit der die Aufgehetzten einander erschlagen.

Ein Volk, das täglich mit Blut für seine Unabhängigkeit bezahlt, hört sehr schnell auf, den Nachbarn mit dem Besatzer zu verwechseln. Politisch sind wir nicht in Amtsstuben erwachsen geworden, sondern unter Beschuss. Und aus dieser Reife heraus erkennt man, was man vom Wahltisch in Warschau aus nicht sieht: Der Brudermord der Jahre 1943 bis 1947 ist keine Geschichte darüber, dass die Polen Henker und die Ukrainer Engel waren oder umgekehrt. Es ist die Geschichte einer Peripherie, in der der Zusammenbruch von Imperien und das kalte Kalkül Berlins und Moskaus ein Vakuum schufen, in dem zwei unterdrückte Völker, beide ohne eigenen Staat, einander abschlachteten – zur Freude jener, die dieses Vakuum geschaffen hatten.

Deshalb bleibt die Schublade geschlossen. Nicht, weil sie leer wäre. Sondern weil wir verstanden haben, wem es nützt, wenn sie geöffnet wird.

Die Frage, die auf dem Tisch bleibt

Also, Polen – die Frage richtet sich nicht persönlich an euch und auch nicht danach, wessen Helden reiner sind. Es ist eine gemeinsame und einfache Frage.

Wollen wir wirklich Krieg mit der Geschichte führen? Denn wenn wir das wollen, dann wisst: Wir haben ebenfalls etwas vorzulegen. Die Liste ist fertig, die Dörfer sind markiert, die Täter benannt. Wir können unsere Toten als Antwort auf eure Toten auf den Tisch legen – und das Spiel wird nach euren Regeln beginnen und so lange dauern, bis zwischen uns nichts mehr bleibt als eine gemeinsame Grube.

Und über dieser Grube wird sich derselbe zufrieden die Hände reiben, der sich seit acht Jahrhunderten von unseren Streitigkeiten ernährt. Derselbe, der 1944 eure Dörfer durch fremde Hände niederbrennen ließ – und unsere ebenso durch fremde Hände. Derselbe, der die Regeln dieses Spiels geschrieben hat und geduldig darauf wartet, dass wir uns wieder an den Tisch setzen.

Wir setzen diese Runde aus. Nicht, weil wir keine Karten hätten. Sondern weil wir wissen, wer die Bank hält.

Anlagen:

📜 Wenn höchste staatliche Auszeichnungen Verbrechen gegen die Menschlichkeit in den Schatten stellen, wird das historische Gedächtnis zu einem gefährlichen Instrument der Manipulation und selektiven Blindheit.

👤 Zenon Jachymek (Deckname „Wiktor“) – Kommandeur des Verbands der Heimatarmee (Armia Krajowa, AK) im Kreis Hrubieszów.

◼️ Der blutige März 1944: Sahryń, Miątkie, Sachończyce

Gemeinsam mit Stanisław Basaj („Ryś“) war Jachymek unmittelbarer Leiter und Organisator groß angelegter Strafaktionen im Cholmer Land. Unter seinem Kommando wurden bewusst Befehle zur vollständigen Vernichtung ukrainischer Ortschaften samt ihrer Zivilbevölkerung erteilt.

Infolge dieser planmäßig durchgeführten Angriffe wurden die ukrainischen Dörfer Sahryń, Miątkie, Sachończyce und weitere in Schutt und Asche gelegt. Hunderte friedliche Einwohner – Frauen, Kinder und alte Menschen – fielen einer umfassenden Vernichtung zum Opfer.

🏛 Orden statt Verantwortung

In der offiziellen polnischen Geschichtsschreibung und im nationalen Gedächtnis wird Zenon Jachymek als unbestrittener Held des antikommunistischen Untergrunds geehrt. Er wurde mit den höchsten militärischen Auszeichnungen Polens geehrt, darunter mit dem Orden Virtuti Militari (dem höchsten polnischen Militärorden für Tapferkeit vor dem Feind).

Doch hinter dem Glanz dieser Auszeichnungen verbirgt sich die blutige Spur ethnischer Säuberungen. Die offizielle Geschichtsschreibung neigt bis heute dazu, seine Person zu romantisieren und die Massenmorde an Ukrainern mit „militärischer Notwendigkeit“ und der „Liquidierung von UPA-Stützpunkten“ zu rechtfertigen, wobei die gezielte Vernichtung der Zivilbevölkerung vollständig ausgeblendet wird.

⚠️ Keine militärischen Dienstgrade, Orden oder Verdienste um den eigenen Staat können die Verantwortung für Kriegsverbrechen und Gewalt gegen wehrlose Menschen aufheben.

🕯 Das Gedenken an die zerstörten ukrainischen Dörfer des Cholmer Landes verlangt eine ehrliche Auseinandersetzung ohne doppelte Maßstäbe. Historische Wahrheit ist mit der Heroisierung jener unvereinbar, die Befehle zur Tötung von Zivilisten erteilten.

📜 Wenn das staatliche Pantheon seine Tore für jene öffnet, deren Hände bis zu den Ellbogen im Blut Unschuldiger stecken, ist das nicht nur eine Herausforderung für die historische Gerechtigkeit, sondern auch für die elementare Menschlichkeit.

👤 Romuald Rajs (Deckname „Bury“) – Kommandeur einer Einheit der Nationalen Militärischen Vereinigung (NZW).

◼️ Strafaktionen in Podlachien (Januar–Februar 1946)

Die Einheit „Bury“ führte eine Reihe brutaler Massaker an der Zivilbevölkerung Podlachiens durch. Das Auswahlkriterium für die Opfer war ebenso schlicht wie erbarmungslos: orthodoxes Glaubensbekenntnis und Sprache.

Im Zuge dieser Strafaktionen wurden 79 orthodoxe belarussische und ukrainische Zivilisten ermordet. Die Dörfer Zanie, Szpaki und Zaleszany wurden vollständig niedergebrannt. Besonders zynisch und grausam war, dass wehrlose Menschen, darunter Frauen und Kinder, in Häuser getrieben, eingeschlossen und bei lebendigem Leib verbrannt wurden. Fuhrleute wurden allein deshalb erschossen, weil sie ein Gebet nicht auf Polnisch aufsagen konnten.

🏛 Rehabilitierung des Verbrechens und Märsche zu Ehren des Henkers

Im heutigen Polen gehört Rajs zu den umstrittensten und tragischsten Figuren im Zusammenhang mit der Ehrung der „Verfemten Soldaten“ (Żołnierze Wyklęci).

1995 rehabilitierte ein polnisches Gericht „Bury“ offiziell und rechtfertigte die Massenmorde an Zivilisten mit der absurden Begründung eines „rechtfertigenden Notstands“ und des „Kampfes für die Unabhängigkeit“.

Obwohl später sogar das polnische Institut für Nationales Gedenken (IPN) unter dem Druck unwiderlegbarer Beweise anerkennen musste, dass die Taten der Einheit Rajs Merkmale eines Verbrechens mit Elementen des Völkermords aufweisen, hielt dies die Heroisierung nicht auf. Bis heute veranstalten rechtsextreme und radikale Gruppen in Polen jährlich Märsche zu seinen Ehren und erheben den Mörder friedlicher Dorfbewohner zum Nationalhelden.

⚠️ Keine Verdienste im antikommunistischen Untergrund können ethnische Säuberungen, das Verbrennen von Menschen bei lebendigem Leib und den gezielten Terror gegen die Zivilbevölkerung aufgrund ihrer Sprache oder Religion rechtfertigen.

🕯 Das Gedenken an die Opfer Podlachiens ist ein schmerzliches Zeugnis dafür, wohin selektive Blindheit einer Gesellschaft und politisch motivierte Versuche führen, Kriegsverbrechen im Namen eines nationalen Mythos reinzuwaschen.

📜 Wenn Geschichte ausschließlich durch das Prisma eines nationalen Mythos geschrieben wird, versucht man Kriegsverbrechen und Massenmorde oft hinter dem bequemen Schleier einer „Verteidigungsnotwendigkeit“ zu verbergen.

👤 Stanisław Basaj (Deckname „Ryś“) – Kommandeur eines Bataillons der Bauernbataillone (Bataliony Chłopskie, BCh) im Cholmer Land.

◼️ Die Vernichtung von Sahryń und der umliegenden Dörfer (März 1944)

Die Einheit „Ryś“ zeichnete sich bei den sogenannten „Vergeltungsaktionen“ durch besondere Grausamkeit aus. Die Tragödie von Sahryń sowie der benachbarten ukrainischen Dörfer Szychowice und Lasków gehört zu den blutigsten und tragischsten Kapiteln der Geschichte des Cholmer Landes.

An nur einem Tag töteten polnische Partisanen zwischen 800 und 1200 ukrainische Zivilisten. Die Dörfer wurden gezielt bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Opfer des Massakers waren vor allem Frauen, Kinder und ältere Menschen, die keinerlei Verbindung zu bewaffneten Formationen hatten.

🏛 Heroisierung statt Reue

Im heutigen polnischen Geschichtsbewusstsein und im nationalistischen Narrativ wird Stanisław Basaj weiterhin als Symbol eines furchtlosen „Verteidigers polnischer Dörfer“ dargestellt. Straßen tragen seinen Namen, ihm werden Denkmäler und Gedenktafeln gewidmet.

Gleichzeitig wird die vollständige Vernichtung ukrainischer Dörfer und die Ermordung von rund tausend friedlichen Menschen entweder ignoriert oder zynisch mit „Präventivschlägen“ und „militärischer Zweckmäßigkeit“ gerechtfertigt.

⚠️ Weder militärische Umstände noch politische Motive können ethnische Säuberungen und die gezielte Vernichtung der Zivilbevölkerung rechtfertigen.

🕯 Das Gedenken an die Opfer von Sahryń ist eine schmerzliche Mahnung, dass selektive Blindheit gegenüber der eigenen Vergangenheit und die Heroisierung von Personen, die für Kriegsverbrechen verantwortlich sind, lediglich die Unwahrheit konservieren und die Grundlagen historischer Gerechtigkeit zerstören.

📜 Geschichte darf weder bequem noch selektiv sein.

Es geht um eine Persönlichkeit, die für die einen noch immer auf ein Podest gehoben wird, für die anderen jedoch ein Symbol des erbarmungslosen Massenmordes an der Zivilbevölkerung ist.

👤 Józef Bis (Deckname „Wacław“) – Kommandeur der OP-26-Gruppe der Heimatarmee (Armia Krajowa, AK).

◼️ Die Tragödie von Pawłokoma (März 1945)

Unter dem Kommando von Józef Bis nahm eine Einheit der Heimatarmee das ukrainische Dorf Pawłokoma ein. Die Logik des Massakers war blutig und total: Die einheimischen Polen wurden ausgesondert und freigelassen, die Ukrainer hingegen zur Vernichtung bestimmt.

Im Zuge dieser Strafaktion wurden 366 Ukrainer erschossen und in Gruben geworfen. Unter den Ermordeten befanden sich alte Menschen, Frauen, Kinder und sogar Säuglinge.

🏛 Die Blindheit der Geschichtsschreibung und doppelte Maßstäbe

Jahrzehntelang stilisierte die offizielle polnische Geschichtsschreibung „Wacław“ zum Helden des antikommunistischen Untergrunds. Das Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Pawłokoma wurde entweder verschwiegen oder bewusst aus seiner Biografie ausgeklammert.

Erst in den 2000er Jahren wurde die Wahrheit über das Massaker dank des Drucks unwiderlegbarer Fakten, der Aussagen der Überlebenden und der gemeinsamen Arbeit von Historikern öffentlich bekannt.

⚠️ Dennoch gilt Bis bis heute für einen Teil der radikalen Nationalisten als „Verteidiger“, während die Vernichtung Hunderter unschuldiger Menschen verschwiegen oder zynisch mit den „Realitäten jener Zeit“ gerechtfertigt wird.

🕯 Das Gedenken an die Opfer von Pawłokoma erinnert daran: Kriegsverbrechen und Gewalt gegen die Zivilbevölkerung verjähren nicht und können durch keine Flaggen und keine Parolen gerechtfertigt werden. Wahrer Respekt vor der Geschichte beginnt mit der Bereitschaft, selbst die bitterste Wahrheit anzuerkennen.


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Art der Quelle: Social Media

Autor: Oleh Cheslavskyi
Veröffentlichung / Entstehung: 04.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Nord-Stream-Prozess: Ukrainischer Veteran in Deutschland angeklagt. Ilya Novikov. 03.07.2026.

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Die deutsche Staatsanwaltschaft hat die Anklageschrift gegen den ukrainischen Veteranen Serhij Kusnezow bestätigt. Ihm wird vorgeworfen, im September 2022 die russische Unterwasser-Gaspipeline Nord Stream gesprengt zu haben. Das Verfahren wurde an das Landgericht Hamburg übergeben; es wird erwartet, dass der Prozess im Herbst dieses Jahres beginnt und mehrere Wochen dauern wird.

In der endgültigen Fassung lautet die Anklage wie folgt: § 11 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 VStGB in der Fassung vom 26.06.2002; § 305 Abs. 1 StGB; § 308 Abs. 1 StGB in der Fassung vom 13.11.1998; § 316b Abs. 1 Nr. 2, Abs. 3 StGB; § 25 Abs. 2 StGB; § 52 StGB – „Verbrechen gegen die Regeln der Kriegsführung, Zerstörung von Bauwerken, Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion, Störung des Betriebs wichtiger Infrastruktureinrichtungen, begangen durch eine Gruppe von Personen“.

Auf uns und unsere deutschen Kollegen wartet eine schwierige Aufgabe, und wir haben keinesfalls vor, die Verteidigungsstrategie oder unsere Pläne zur Vorlage von Beweismitteln vorzeitig offenzulegen.

Vorerst zwei Beobachtungen.

Erstens: Im Vergleich zu dem Tatverdacht, auf dessen Grundlage Serhij Kusnezow aus Italien ausgeliefert wurde, ist aus der Anklageformel § 88 des Strafgesetzbuches der Bundesrepublik Deutschland („Verfassungsfeindliche Sabotage“) verschwunden. Das war vorhersehbar, weil das Bundesgericht, das im Dezember über die Beschwerde gegen Serhijs Festnahme entschied, Zweifel daran geäußert hatte, dass diese rechtliche Einordnung angesichts der von der Staatsanwaltschaft dargestellten tatsächlichen Umstände zutreffend sein könne. Für uns ist das wichtig, weil damit ein wesentlicher Teil der Argumentation jener deutschen rechten Politiker entfällt, die von Anfang an behaupteten, dies sei beinahe ein Kriegsakt der Ukraine gegen Deutschland gewesen und deshalb müsse die Bundesrepublik ihre Unterstützung für uns einstellen und zur Freundschaft mit Putin zurückkehren. Natürlich werden sie andere Parolen finden, aber zumindest steht nun fest, dass selbst die deutsche Staatsanwaltschaft dies – auch formal – nicht mehr so bewertet.

Zweitens: Die Anklage wird nicht nur anhand der Vorschriften des Strafgesetzbuches der Bundesrepublik Deutschland formuliert, sondern unter Bezugnahme auf das Völkerstrafgesetzbuch. Dabei handelt es sich um ein eigenständiges Gesetz, das bestimmte Normen und Regeln des humanitären Völkerrechts in das deutsche Recht umsetzt. Für den Fall Serhij Kusnezow bedeutet dies, dass unter anderem die grundlegenden Prinzipien von Krieg und Frieden in einem wesentlich umfassenderen Kontext erörtert werden als in einem gewöhnlichen Strafverfahren vor einem deutschen Gericht. Für die Verteidigung eröffnet dies bestimmte Möglichkeiten und verschafft Spielraum in der Argumentation. Nach unserer Auffassung und der unserer Kollegen könnte eine der zentralen Fragen des Prozesses der Status der russischen Gaspipeline sein, die Putin im Jahr 2022 offen zur Erpressung und Druckausübung gegenüber Europa eingesetzt hat. Die deutsche Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass dies sie nach den Regeln des Seekriegsrechts nicht zu einem rechtmäßigen militärischen Ziel gemacht habe. Viele vertreten jedoch die gegenteilige Auffassung. War sie ein legitimes militärisches Ziel, dann konnte ihre Beschädigung keinen Straftatbestand erfüllen – unabhängig davon, wer an dieser Aktion beteiligt war.

Serhij befindet sich weiterhin in Untersuchungshaft im Hamburger Gefängnis, in der Abteilung für Terrorismusverdächtige. Seine Ehefrau hat ihn am Montag besucht. Die Zelle ist derzeit sehr heiß und stickig. Die Bedingungen seiner Unterbringung sind deutlich schlechter als jene, zu deren Gewährleistung die Bundesrepublik Deutschland rechtlich verpflichtet wäre – selbst dann, wenn sich Deutschland und die Ukraine im Krieg befänden und Serhij ein kriegsgefangener Offizier wäre. Das Recht, beim Gericht eine Überprüfung der Untersuchungshaft zu beantragen, steht der Verteidigung zu, sobald das Hamburger Gericht das Verfahren formell zur Verhandlung zugelassen hat.


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Art der Quelle: Social Media

Autor: Ilya Novikov
Veröffentlichung: 03.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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