Volk und Wahrheit. Vitaly Portnikov. 17.08.2026.

Народ і правда. Віталій Портников. 17.08.2026.

Im März 2018 kam der bulgarische Ministerpräsident Bojko Borissow in die Hauptstadt Nordmazedoniens, Skopje, um an einer Zeremonie zum 75. Jahrestag der Deportation der jüdischen Bevölkerung dieses Landes in die nationalsozialistischen Vernichtungslager teilzunehmen. Bojko Borissow war der erste bulgarische Regierungschef, der an einer solchen Veranstaltung teilnahm, und sein Besuch war ein wahrer Triumph der Gerechtigkeit.

Die Bulgaren sind zu Recht stolz darauf, dass es ihnen in den Jahren des Holocaust gelang, 50.000 Juden ihres Landes vor dem Tod zu retten, was damals nationale Solidarität und politischen Mut erforderte. Die Rettung der bulgarischen Juden wurde Teil des nationalen Mythos, prägte das Selbstverständnis des bulgarischen Volkes und die Haltung der Welt ihm gegenüber. Während des Zweiten Weltkriegs kontrollierte Bulgarien jedoch nicht nur sein eigenes Territorium, sondern auch das Gebiet des gesamten historischen Makedoniens – die heutige Republik Nordmazedonien und die griechische Region Makedonien. 11.000 Juden aus diesen Gebieten wurden den Nationalsozialisten übergeben und in Treblinka ermordet. Die jüdische Gemeinde Nordmazedoniens hörte im Grunde auf zu existieren.

In Bulgarien zog man es vor, dies nicht zu erwähnen. Selbst wenn dieses „Ausblenden aus der Erinnerung“ den Zusammenhang von Ursache und Wirkung außer Acht ließ: Gerade der Tod der mazedonischen Juden veranlasste die bulgarische Führung und das Volk zum Handeln, um die Juden Bulgariens zu retten. Aber geben Sie zu: Es ist eine Sache, ein Volk von Rettern zu sein, und eine ganz andere, ein Volk zu sein, dessen Regierung für den Holocaust verantwortlich ist.

Erst in den letzten Jahren begann man in Bulgarien, an die Vernichtung der Juden Makedoniens zu erinnern. Und wenn der Regierungschef heute von der Rettung von 50.000 bulgarischen Juden spricht, kann er zugleich auch an die 11.000 Opfer des Holocaust erinnern, die aus dem historischen Makedonien deportiert wurden. Und dieses Eingeständnis der Verantwortung hat meinen Respekt vor einem Volk, das seine Juden gerettet hat, nur noch verstärkt. Denn nur die Verantwortung für die Wahrheit macht ein Volk zu einer zivilisierten Nation und bestimmt den Wert einer Heldentat. Nur die Verantwortung für die Wahrheit erlaubt es zu sagen, wer ein Held und wer ein Henker ist, wer ein Verbrecher und wer ein Opfer ist. Gerade deshalb rate ich allen, die verstehen wollen, was Verantwortung und Wahrheit bedeuten, das Buch meines Kollegen und Freundes Grzegorz Gauden aufmerksam zu lesen. Grzegorz war für mich immer ein Vorbild für Ehrlichkeit und Verantwortung im Journalismus, eine echte Mahnung daran, dass wir verpflichtet sind, unseren Landsleuten die Wahrheit zu sagen, wie bitter und unangenehm sie auch sein mag.

Ein Volk, das die Wahrheit über sich selbst nicht wissen will, wird niemals zu einem zivilisierten Volk werden – das ist die Botschaft, die das Buch von Grzegorz Gauden seinen Landsleuten vermittelt. Und genau das möchte ich den Lesern von Grzegorz’ Buch hier in der Ukraine wiederholen: Ein Volk, das die Wahrheit über sich selbst nicht wissen will, wird niemals zu einem zivilisierten Volk werden.

Vielen von uns scheint es, als könne man die Geschichte einfach vergessen. Als müsse man im Heute leben, oder noch besser im Morgen, also in der eigenen Vorstellung vom morgigen Tag. Natürlich darf es in diesem Morgen nur Gutes geben. Nur das, worauf man stolz sein kann. Und aus der Geschichte sollte man sich nur an das erinnern, worauf man stolz sein kann. An das, was man im Schulunterricht voller Stolz erzählen kann: Seht nur, was für ein Land wir haben! Was für ein Volk wir sind! Was für eine großartige Abstammung ihr habt!

Aber die Geschichte ist anders. In ihr gibt es sowohl Siege als auch Niederlagen. Sowohl Verbrechen als auch Zeugnisse erstaunlicher Selbstaufopferung. Und das nicht nur in der Geschichte eines Landes und nicht nur in der Geschichte einer Nation. In eurem eigenen Haus, unter euren Verwandten wird es sowohl Henker als auch Opfer geben. Sowohl diejenigen, die siegten, als auch diejenigen, die verloren. Und diejenigen, die siegten, weil sie folterten und töteten, und diejenigen, die verloren, weil sie die menschlichen Werte nicht verrieten. Gewöhnliche menschliche Werte, die in stürmischen Zeiten so oft vergessen werden. Und die so oft vergessen werden, wenn es ums Überleben geht. Und wenn man in den „Bloodlands“ des europäischen Ostens lebt.

Grzegorz Gauden erzählt uns von einer Episode eines solchen Vergessens. Doch die Stärke eines Menschen – vor allem eines verantwortungsbewussten Menschen – besteht darin, die Tragödie selbst nicht zu vergessen und auch andere sie nicht vergessen zu lassen. Sie nicht glauben zu lassen, ihre Vergangenheit bestehe ausschließlich aus Heldentaten und Paraden. Denn jede Heldentat verliert an Wert, wenn man sich nicht bewusst ist, vor welch düsterem Hintergrund sie vollbracht wurde. Ein Held, ein selbstlos handelnder Mensch, eine moralische Autorität haben nur dann einen Sinn, wenn sie sich dem Bösen entgegenstellen, das über die Menschen hereinbricht und sie zu Verbrechern, zu Mördern, zu Lügnern, zu Verrätern macht.

Gaudens Buch erzählt uns von einem solchen Bösen. Doch das Gute, das Streben nach Gerechtigkeit, die menschliche und nationale Ehre werden dadurch nicht „befleckt“. Die Wahrheit kann keinen Schaden zufügen, sie kann das Gewicht des Guten, der Gerechtigkeit und der Ehre nur vergrößern.

Wir müssen erst noch lernen, das zu verstehen.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Народ і правда. Віталій Портников. 17.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov.
Veröffentlichung: 17.08.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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