Die Geschichte eines Hauses (gewidmet allen Verfolgten und Deportierten). Yaroslav Deneka. 23.06.2026.

Історія однієї хати (присвята усім гнаним та депортованим). Yaroslav Deneka. 23.06.2026.

Angesichts der jüngsten Ereignisse kann ich zu den polnisch-ukrainischen Beziehungen nicht schweigen und möchte einen meiner älteren, für dieses Thema wichtigen Texte erneut veröffentlichen.

Uns und die Polen verbindet eine schwierige gemeinsame Vergangenheit und – so hoffe ich sehr – eine vielversprechende gemeinsame Zukunft. Wie diese Zukunft aussehen wird, hängt allein von uns ab – von Ukrainern und Polen.

Die Geschichte unten ist die Geschichte zweier Familien, einer ukrainischen und einer polnischen, die durch die Tragödien des 20. Jahrhunderts miteinander verbunden wurden und die die Liebe zum Leben miteinander befreundete.

Alles, was derzeit durch den Informationsraum gejagt wird, dieser ganze polnisch-ukrainische Streit, wird von Menschen angeheizt, die in glücklichen, friedlichen Gesellschaften aufgewachsen sind und niemals irgendwelche Entbehrungen erlebt haben. Von Menschen, für die die Worte „Krieg“, „Terror“ oder „Deportation“ nur Worte sind und die diesen Schrecken nie selbst durchlebt haben.

Und ich behaupte, dass diejenigen, die den Moloch von Repressionen und Kriegen durchstanden haben, niemals Streitereien und Abrechnungen darüber veranstalten würden, wer wem wie viel und wofür schuldet. Diese Menschen würden ihr Haupt vor den Opfern neigen. Sie würden einander vergeben. Und sie würden weitergehen. In die Zukunft.

Auf dem Foto unten sieht man ein altes Haus auf einem verlassenen Weiler nahe dem Dorf Oryschkiwzi in der Oblast Ternopil. Dazu einen uralten Obstgarten, umgeben von Feldern und Wäldern. Im Umkreis von einem Kilometer gibt es keine einzige Menschenseele. In unserer Kindheit nannten wir diesen Weiler einfach „Der Garten“. Früher trug er allerdings einen anderen Namen – Tschorni Losy („Schwarze Weiden“). Dies ist mein tiefster Kraftort und die Quelle meines inneren Feuers. Ein Ort, an dem ich einen bedeutenden Teil meiner Kindheit verbrachte und eine beträchtliche Anzahl von Rutenschlägen auf ein bestimmtes Körperteil erhielt. 🙂

Dieses Haus gehörte meinem Urgroßvater, Jurij Ilkowytsch Deneka. Er war ein beeindruckender Mann. Ein Bauer und Hausherr durch und durch. Einer von denen, über die Lieder geschrieben und Legenden erzählt werden. Mit unbeugsamem Charakter, starkem Willen und knotigen, von harter Arbeit gezeichneten Händen. In jener stürmischen Zeit konnte man gar nicht anders sein – es gab keine Zeit, mit dem Leben zu hadern, in Depressionen zu verfallen oder mit Psychologen die Ursachen familiärer Probleme zu analysieren. Man wusste, dass das Leben schwer war und dass man sich nur durch ehrliche Arbeit seinen Platz darin erkämpfen konnte.

Nachdem er früh seine Eltern verloren hatte und als Soldat der österreichisch-ungarischen Armee die Hölle des Ersten Weltkriegs erlebt hatte, einschließlich einer Gefangenschaft an der italienischen Front, hegte mein Urgroßvater Jurko ständig einen Traum: eine große Familie und einen Hof zu haben, auf dem er Herr auf seinem eigenen Stück Land sein würde.

Nach seiner Rückkehr aus dem Krieg machte er sich begeistert daran, diesen Traum zu verwirklichen. Er heiratete, ließ sich auf einem Weiler außerhalb des Dorfes nieder – fern von Menschen und Behörden –, gründete einen Hof. Kinder wurden geboren: Hanna, Stepan (mein Großvater) und Kateryna. Und er baute sein eigenes Haus.

Nein, nicht dieses auf dem Foto – ein anderes. Denn jener Weiler hieß Hurajskyj, das Dorf Korenyzja im Kreis Jarosław im Nadsiannja-Gebiet. Und das Land, in dem mein Urgroßvater seinen Traum verwirklichte, hieß Republik Polen. Das damalige Polen vor dem Krieg.

Dann einigten sich zwei schnauzbärtige Schurken heimlich auf etwas, und der Krieg begann.

In diesem blutigen Chaos, in dem Gerüchte die wichtigste Informationsquelle waren, konnte ein einfacher Mensch kaum erkennen, wer recht hatte und wer nicht. Heute schaut man eine Serie, liest ein paar Blogger und ist Experte für Politik, Recht und Geschichte und weiß genau, wer das absolute Böse ist. Damals aber gab es Deutsche, Sowjets, Polen, Banderowzy – und um in diesem wahnsinnigen Mahlwerk des Todes zu überleben, musste man mit allen irgendwie auskommen.

Endgültig änderte sich alles, als die Sowjets zum zweiten Mal kamen und Hitler schmählich nach Westen gejagt wurde. Damals wurde auch sein Sohn Stepan, mein Großvater, für einige Jahre in die Rote Armee gesteckt.

Auf Grundlage geheimer Absprachen zwischen Stalin und dem neuen kommunistischen Polen wurden diese Gebiete großzügig Polen zugeschlagen. Unter der ukrainischen Bevölkerung begann plötzlich eine Kampagne zur Umsiedlung in die glückliche Sowjetukraine. Man versprach allerlei Vergünstigungen, Subventionen und Land – viel Land. Hauptsache, die Leute stimmten zu.

Die vom Krieg erschöpften Menschen hörten zu, zuckten mit den Schultern, tippten sich an die Stirn und gingen nach Hause zurück zur Arbeit. Die angestammte Heimat und die Gräber der Vorfahren verlassen? Nicht mit ihnen.

Nach einiger Zeit stürmten polnische Soldaten den Weiler. Bewaffnet und unerbittlich. Sie erklärten, man habe nur wenige Stunden Zeit zum Packen. Wer nicht freiwillig gehe, dessen Eigentum werde beschlagnahmt und er werde zwangsweise ausgesiedelt.

Mein Urgroßvater verstand alles.

Am schwersten war die Erkenntnis, dass man sein Gehöft nie wieder sehen würde, nie wieder Wasser aus dem eigenen Brunnen trinken, nie wieder die Felder pflügen würde, die reichlich mit dem eigenen Schweiß getränkt waren.

Doch Jurko wäre kein echter Hausherr gewesen, wenn er außer seiner Familie nicht auch Geräte, Saatgut und sogar ein Pferd und eine Kuh mitgenommen hätte. Wie ihm das gelang, weiß wohl nur Gott. Ich sagte ja: Das war ein außergewöhnlicher Mann.

Die Menschen wurden per Eisenbahn wie Vieh transportiert. In eine unbekannte Zukunft, irgendwohin nach Osten. Weinen, Schreie und kurze Befehle der Soldaten vermischten sich mit dem Zischen der Lokomotiven und dem Rattern der Räder.

Aber mein Urgroßvater zerbrach nicht daran.

Auch wenn er sein Zuhause verlassen musste, gab er seinen Traum nicht auf, sondern trug ihn in seinem Herzen mit sich. Als die Umsiedler in die vom Krieg und der Sowjetmacht verwüstete Region Ternopil kamen, erklärte er, er wolle nicht im Dorf leben, sondern sich auf einem Weiler niederlassen. Um noch einmal von vorne anzufangen. Um wieder Herr seines eigenen Lebens zu sein.

Bald fand sich ein Weiler mit verlassenen Häusern. In eines davon zog mein Urgroßvater Jurko ein – genau jenes auf dem Foto. Im Jahr 1945 wurden die Schwarzen Weiden sein neues und letztes Zuhause.

Und obwohl es am neuen Ort genug Arbeit gab, trug seine Familie die unaussprechliche Sehnsucht nach der Heimat, dem Land der Vorfahren und dem fernen verlorenen Paradies voller Licht, Frieden und ehrlicher Arbeit ihr ganzes Leben lang in sich.

…Und im Jahr 2015 schrieb er mir eine E-Mail – Darek Dariusz Kluszczynski. Ein polnischer Staatsbürger, der dieses Foto auf Google Earth gefunden hatte (geheiligt seien die Namen Larry Page und Sergey Brin in Ewigkeit!!!).

Wir begannen miteinander zu korrespondieren, und seitdem ist der Kontakt zwischen uns nie abgerissen.

Darek erzählte die geradezu unglaubliche Geschichte seiner Familie.

Sein Großvater, Stanisław Rozkuszka, hatte im Ersten Weltkrieg gekämpft und erhielt nach der Wiedererlangung der polnischen Unabhängigkeit vom Staat ein Stück Land. Er und mehrere andere polnische Familien ließen sich außerhalb des Dorfes Oryschkiwzi auf einem Weiler nieder – in den Schwarzen Weiden.

Dort, auf diesem Weiler, wurde 1930 Dareks Mutter Janka geboren. Sie ging im Dorf zur Schule und besuchte die Kirche.

Alles änderte sich nach dem 1. September 1939, als die Rote Armee kam.

Alle polnischen Militärangehörigen – aktive wie ehemalige – wurden zusammen mit ihren Familien nach Sibirien deportiert. Man erlaubte ihnen nicht, irgendetwas mitzunehmen.

Nach Jahren der Erniedrigung und des Elends amnestierte Stalin die Polen schließlich, und Dareks Großvater trat sofort der neu gegründeten Anders-Armee bei, die im sowjetischen Hinterland aufgestellt wurde.

Polnische Offiziere wurden zusammen mit ihren Familien zunächst nach Zentralasien gebracht, dann in den Iran, nach Indien und schließlich nach England. Nach dem Krieg kehrten sie von dort nach Polen zurück.

Dareks Mutter erinnerte sich ihr Leben lang an die gesegneten Orte ihrer unvergesslichen und glücklichen Kindheit. Doch sie konnte sie nie wieder besuchen.

Bis vor Kurzem.

Und so trafen wir uns schließlich 2016 zum Fest der Heiligen Dreifaltigkeit: diejenigen, die 1939 von hier vertrieben worden waren, und diejenigen, die das Schicksal 1945 hierhergeführt hatte.

Haben Sie jemals dieses Gefühl erlebt, wenn Sie Menschen zum ersten Mal kennenlernen und dennoch das Gefühl haben, sie schon Ihr ganzes Leben zu kennen?

Glauben Sie daran, dass gemeinsame heilige Orte Menschen mit einem Geist der Einheit erfüllen?

Können Sie sich eine 86-jährige Frau vorstellen, die wie ein Kind mit einem glücklichen Lächeln und fröhlich funkelnden Augen über ein Feld zu dem Ort ihrer Kindheit läuft?

Und was empfindet ein Mensch, der nach 76 Jahren nach Hause zurückkehrt?

Was empfanden die Krimtataren, als man ihnen endlich erlaubte, auf die Krim zurückzukehren?

Was werden die Vertriebenen aus dem Donbas empfinden, wenn sie am Horizont wieder die Abraumhalden und die Silhouetten der Bergwerke sehen?

Und vor allem: Was empfinden jene Schurken, die so leichtfertig über andere Menschen entscheiden und geheime politische Absprachen hinter verschlossenen Türen in die Tat umsetzen?

Ohne zu begreifen, wie viel Schmerz und Leid sie Tausenden und Abertausenden von Menschen zufügen können.

Ohne zu verstehen, dass jede geheime Verschwörung und jeder schmutzige Hinterzimmerdeal – besonders wenn man sich mit politischen Betrügern oder mit dem Feind einlässt – zu einem Meer aus Blut, zerstörten Schicksalen und verlorenen Chancen führen kann.

Und es spielt keine Rolle, ob es die Märzartikel der Perejaslawer Rada, der Molotow-Ribbentrop-Pakt oder der „Big Deal“ des abscheulichen Donald Trump ist.

Deshalb: Bevor du wichtige Schritte unternimmst oder jemanden für etwas beschuldigst, erinnere dich an deine Schwarzen Weiden, zu denen du vielleicht erst nach vielen Jahrzehnten zurückkehren kannst!


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Sozialmedia
Titel des Originals: Історія однієї хати (присвята усім гнаним та депортованим). Yaroslav Deneka. 23.06.2026.
Autor: Yaroslav Deneka
Veröffentlichung: 23.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
Link zum Originaltext:

Original ansehen

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


1418: die Zahl von Putins Niederlage | Vitaly Portnikov. 12.01.2025.

„Ich habe im Krieg keine Tagebücher geführt. Doch 1418 feurige Tage und Nächte werde ich nicht vergessen.“

Diese Worte, mit denen die sogenannten Memoiren des Generalsekretärs des Zentralkomitees der KPdSU Leonid Breschnew, „Kleines Land“, begannen, kennt jeder, der die sowjetische Epoche durchlebt hat. Denn Breschnews Memoiren wurden im Fernsehen und im Radio vorgelesen und sogar in der Schule behandelt.

Damit verlieh der damalige Führer des sowjetischen Staates den 1418 Tagen, während derer der Zweite Weltkrieg auf dem Territorium der Sowjetunion tobte, eine zusätzliche sakrale Bedeutung. Und dieses Datum ist für viele bis heute sakral. Darüber spricht man heute in der Ukraine, darüber sprechen russische Propagandisten, darüber spricht man auch im Westen.

Nach 1418 Tagen war der Zweite Weltkrieg in Europa beendet. Das nationalsozialistische Deutschland hatte vor den Alliierten kapituliert. Die Truppen der Sowjetunion, Großbritanniens und der Vereinigten Staaten standen auf deutschem Territorium, und die Regierung Deutschlands war gezwungen, den Widerstand einzustellen.

Nach 1418 Tagen des russischen Krieges gegen die Ukraine können wir hingegen von keinerlei realem Ergebnis sprechen. Wie wir sehen, greifen russische Truppen weiterhin in der Region Donezk an – dort, wo ihre Offensive nicht erst 2022, sondern bereits 2014 begann, als die ersten Saboteure auf Befehl Putins in die Ukraine kamen, um unseren Staat zu destabilisieren und schließlich zu zerstören. Die Ukraine hält den Schlägen der Raketenarmeen der Russischen Föderation stand, zerstört jedoch zugleich selbst den Ölraffineriekomplex und strategische Objekte Russlands.

Doch all das führt nicht zu einem wirklichen Wendepunkt im Krieg. Genau davon spricht der amerikanische Präsident Donald Trump, wenn er seinen russischen Amtskollegen fragt: „Was machst du seit vier Jahren in der Ukraine? Warum tötest du so viele Menschen? Solltest du nicht darüber nachdenken, dieses blutige Gemetzel zu beenden?“

Doch diese Gedanken erreichen ihren Adressaten kaum, denn Putin folgt einer völlig anderen Logik, wie kürzlich einer der führenden russischen Politologen, Fjodor Lukjanow, sagte: „Für die russische Führung ist der Krieg zu einem Zustand geworden, nicht nur zu einem Ziel.“

Im Zweiten Weltkrieg ging es darum, das Regime Hitlers zu vernichten und eine neue Weltordnung zu schaffen. Stalin glaubte, dass diese neue Ordnung zu seinem Vorteil sein würde.

Putin weiß, dass er ein Land führt, das den Wettbewerb mit der zivilisierten Welt verloren hat, das faktisch zu einem Satelliten des benachbarten China wird und das den Vereinigten Staaten und Europa in Friedenszeiten nichts Reales entgegensetzen kann. Doch im Krieg verwandelt sich Russland in einen echten geopolitischen Faktor.

Gerade deshalb ist für Russland heute ein langjähriger Abnutzungskrieg wichtig. Und wenn es ein Kriegsende geben soll, dann nur eines, das die ukrainische Staatlichkeit zerstört und es ermöglicht, anderen Ländern zu drohen – also den Krieg auf andere Fronten auszudehnen.

Wenn wir also sagen, Putin sei an einem schnellen Ende des Krieges durch die Kapitulation der Ukraine interessiert, dann nicht, um Frieden in Europa zu schaffen, sondern um ukrainische Bürger in neue und neue Kriege zu treiben, an denen die Russische Föderation interessiert ist.

Lukjanow erinnert an die jahrzehntelangen Kriege zwischen Russland und Schweden. Man kann auch die Kriege zwischen Russland und dem Osmanischen Reich erwähnen. Oder den Dreißigjährigen Krieg in Europa. Das ist genau jener sogenannte Kriegszustand, der im 21. Jahrhundert völlig anachronistisch und fehl am Platz erscheint. Doch auch die russische Staatlichkeit selbst ist heute anachronistisch.

Deshalb berufen sich ihre Führer so oft auf eine ferne Vergangenheit und blicken nicht in die Zukunft. Deshalb kann der Abnutzungskrieg gegen die Ukraine aus Putins Sicht so viele Jahre dauern, wie nötig sind, um diesen Kriegszustand aufrechtzuerhalten und das Ziel zu erreichen, Russland wieder an die Grenzen der Sowjetunion von 1991 zu führen.

Aus dieser Perspektive sind 1418 Tage Krieg, in denen Moskau seine imperialistischen Ziele nicht erreichen konnte, für den russischen Präsidenten keine sakrale Zahl, kein Zeichen einer Niederlage Russlands und nicht einmal ein neuer Abschnitt, sondern nur der Anfang jener Ereignisse, die beweisen sollen, dass Russland nur im Zustand des Krieges seine Feinde besiegen und ihnen einen Dialog aufzwingen kann.

Und tatsächlich: Noch vor wenigen Jahren, in den ersten Jahren dieses grausamen Krieges, hätte niemand gedacht, dass der Präsident der Russischen Föderation in die Vereinigten Staaten fliegen würde und der Präsident der Vereinigten Staaten dem russischen Führer – einem Kriegsverbrecher und Mörder – applaudieren würde. Doch 2025 haben wir alle diesen Applaus gesehen. 

Auch Putin sah ihn und überzeugte sich davon, dass der Kriegszustand das ist, was ihn zu einem realen Partner Donald Trumps macht. Und jeder neue Monat von Verhandlungen über ein Ende des russisch-ukrainischen Krieges, die zu nichts Reellem führen, wird den russischen Präsidenten nur noch mehr in der Überzeugung bestärken, dass er die Kampfhandlungen fortsetzen muss, um unser Land zu zerstören und die Ukrainer aus den Grenzen ihres Staates und ihrer ethnischen Gebiete zu verdrängen.

Gibt es einen wirklichen Ausweg aus dieser Situation, die vielen längst völlig ausweglos erscheint und die am 24. Februar 2022 in eine echte Sackgasse geraten ist? Natürlich gibt es ihn. Und ich erinnere immer wieder daran.

Dann, wenn die Russische Föderation ihre realen materiellen und demographischen Ressourcen für die Fortsetzung des Krieges gegen die Ukraine verliert, kann man davon sprechen, dass wir uns in einem Tunnel befinden, in dem Licht erscheint – das Licht eines Friedensprozesses.

Damit dies geschieht, muss – wie ihr versteht – alles getan werden, um wirtschaftlichen und politischen Druck auf Russland auszuüben: die Zerstörung seiner Ölraffinerien, Sanktionen gegen den Ölverkauf, die Festsetzung russischer Tanker. All das arbeitet gegen Präsident Putin und seinen Wunsch, den Kriegszustand über lange, bittere Jahrzehnte aufrechtzuerhalten.

Deshalb sollte man, wenn man über diese 1418 Tage spricht, nicht über Zahlen nachdenken, sondern über die Möglichkeiten weiteren Drucks auf Russland und Putin: über die Zerstörung politischer Autoritäten in der russischen Führung, die an einen Dialog mit den Vereinigten Staaten glauben, über die Zerstörung des wirtschaftlichen – also des energetischen – Potenzials Russlands und natürlich über die Verringerung der Zahl derjenigen, die bereit sind, für Geld Ukrainer zu töten.

Und dann werden wir sagen können, dass wir uns dem Ende des russisch-ukrainischen Krieges nähern.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: 1418: число поразки Путіна | Віталій Портников. 12.01.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 12.01.2025.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

Original ansehen

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Die blutigen Strände der Normandie. Vitaly Portnikov. 09.06.24.

https://zbruc.eu/node/118636

Vor 80 Jahren starteten die Alliierten eine der größten Operationen des Zweiten Weltkriegs, Overlord, um Frankreich und schließlich ganz Europa vom Nationalsozialismus zu befreien. In diesen Tagen wimmelte es in der Normandie von Staatsmännern, die gekommen waren, um des Jahrestages zu gedenken: die Präsidenten der Vereinigten Staaten, Frankreichs und Italiens, der König des Vereinigten Königreichs, die Premierminister Kanadas und des Vereinigten Königreichs und der Bundeskanzler Deutschlands… Die Abwesenheit des russischen Präsidenten sowie die Anwesenheit des Präsidenten der Ukraine erinnerten jedoch deutlich daran, dass die Welt der Landung der Alliierten nicht in der Vorkriegszeit, sondern in der Kriegszeit gedenkt.

Am Tag dieses großen Datums schrieb einer der Veteranen der amerikanischen Politik, der Führer der Republikaner im Senat, Mitch McConnell, in seiner Kolumne für die New York Times: „Amerikanische Soldaten schlossen sich den Alliierten an und bekämpften die Achsenmächte nicht aus einem ersten Instinkt heraus, sondern als letzten Ausweg. Sie zogen in den Krieg, weil die Untätigkeit der freien Welt ihnen keine andere Wahl ließ, als zu kämpfen.“

Dies ist eine überraschend moderne Sicht auf die Geschichte des Zweiten Weltkriegs. In seinem Text spricht McConnell nicht nur von Heldentum, sondern auch von der Gleichgültigkeit der freien Welt gegenüber dem Aufstieg des militanten Autoritarismus. Die vorherrschende Ideologie der Vereinigten Staaten in den 1930er Jahren war der kriegerische Isolationismus, von dem jeder Politiker, der für die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten oder einen Sitz im Kongress kandidierte, die Öffentlichkeit überzeugen musste. Die Bereitschaft, dem politischen Willen des Präsidenten des Ersten Weltkriegs, Woodrow Wilson, zu folgen – der auf den Verpflichtungen der Vereinigten Staaten gegenüber Europa und der Welt beharrte – machte jeden ernsthaften Politiker automatisch zu einer Randfigur. Die Vereinigten Staaten zogen sich sogar aus dem Völkerbund zurück, der von ihrem eigenen Präsidenten initiiert worden war. Aber die europäischen Führer haben mit ihren Versuchen, mit Hitler zu verhandeln, nicht viel besser ausgesehen. Das ewige Argument zur Rechtfertigung dieser offensichtlichen politischen Ignoranz ist immer noch die Ungerechtigkeit der europäischen Grenzen nach dem Ersten Weltkrieg. Warum diese „Ungerechtigkeit“ das Vorgehen Italiens rechtfertigte, das nach dem Ersten Weltkrieg gerade einen territorialen Sieg errungen und dann Äthiopien und Albanien annektiert hatte, oder was Hitlers brutaler Antisemitismus und seine Rassentheorie mit Ungerechtigkeit zu tun hatten, wird uns nicht erklärt. Aber das Argument der Ungerechtigkeit der Grenzen wurde von allen Diktatoren unserer Zeit – von Milosevic über Saddam Hussein bis hin zu Putin – sehr wohl verstanden.

Für Amerika änderte sich alles erst nach Pearl Harbor. Vor dem Angriff hatte Präsident Franklin Roosevelt unglaubliche Anstrengungen unternommen, um seine Landsleute von der Notwendigkeit zu überzeugen, den gegen das Reich kämpfenden Ländern zu helfen, aber er versprach den Amerikanern, dass sie nicht in einen europäischen Krieg verwickelt werden würden. Selbst nachdem Japan die Vereinigten Staaten angegriffen und ihnen den Krieg erklärt hatte, versuchte das Weiße Haus, einen Krieg mit Deutschland zu vermeiden. Hitler ließ Roosevelt aber keine andere Wahl. Seither erinnern sich die Amerikaner lieber an ihr Heldentum als an ihren Isolationismus.

Mitch McConnell hat mit seinen Parallelen recht. Joseph Biden ist ein direkter Nachfolger der politischen Linie seines Parteifreundes Franklin Roosevelt – den Alliierten zu helfen, aber nicht direkt in den Krieg einzugreifen. Noch gefährlicher ist die Position von McConnells Parteifreund Donald Trump, der immer noch an die Möglichkeit glaubt, mit Diktatoren zu verhandeln, so wie die westlichen Führer in den 1930er Jahren an die Möglichkeit glaubten, mit Hitler und Mussolini zu verhandeln. Es war diese Überzeugung, diese Unfähigkeit rechtzeitig auf die Gefahr zu reagieren, die die Alliierten an die blutigen Strände der Normandie führte.

An einem dieser Strände könnten die Führer der westlichen Welt Volodymyr Zelensky die Hand schütteln, dem Führer eines Landes, das unter der Aggression eines totalitären Nachbarn leidet, wie Äthiopien, die Tschechoslowakei oder Polen in den 1930er Jahren. Sicherlich sind diese Führer heute entschlossener als 85 Jahre zuvor. Dennoch versuchen sie sich herauszuhalten und glauben an etwas, was echte Diktatoren nie tun – an den gesunden Menschenverstand und den Selbsterhaltungstrieb. Aber wenn eine Person diese für einen Politiker in einer demokratischen Welt notwendigen Eigenschaften besitzt, ist sie nicht in der Lage eine effektive Diktatur zu errichten. Hitler, Mussolini, Stalin, Putin und sogar Xi Jinping sind weit vom gesunden Menschenverstand entfernt. Biden versucht immer noch die Politik von Roosevelt vor Pearl Harbor fortzusetzen. Er und seine Mitstreiter haben die gleichen Illusionen wie ihre Vorgänger in den 1930er Jahren – dass ein großer Krieg verhindert werden kann, wenn er eingedämmt wird. Aber in Wirklichkeit kann ein großer Krieg nur durch rechtzeitige gemeinsame Anstrengungen verhindert werden. Um einen großen Krieg zu verhindern, muss man einen lokalen Krieg beenden, ohne dass der Aggressor davon profitiert.

Im Dezember 1941 erlitt der amerikanische Isolationismus ein komplettes und beschämendes Scheitern – ein Scheitern, das mit dem Scheitern derjenigen vergleichbar ist, die auch nach 2014 noch glaubten, dass es möglich sei, den Konflikt mit Russland durch nachhaltige Vereinbarungen mit dem Kreml zu beenden, und vom Februar 2022 überrascht wurden. Drei Jahre nach Pearl Harbor landeten die amerikanischen Helden an den Stränden der Normandie, und für viele von ihnen war es die letzte Schlacht.

Wären da nicht die Hunderte von arroganten Idioten, die ihren Landsleuten seit Jahren einreden, dass Amerika nicht in Gefahr ist und dass es darauf ankommt, sich herauszuhalten, hätten die meisten dieser jungen Menschen ein langes und glückliches Leben geführt. Ein Leben ohne Krieg. Ein Leben ohne die blutigen Strände der Normandie. „Wir sollten nicht auf einen weiteren katastrophalen Angriff wie Pearl Harbor warten, um die Isolationisten von heute von der Illusion zu befreien, dass regionale Konflikte keine Folgen für die mächtigste und wohlhabendste Nation der Welt haben werden“, sagte Mitch McConnell. Die Frage ist, ob die amerikanischen und westlichen Eliten in der Lage sind, diese einfache Wahrheit vor und nicht erst nach einem weiteren katastrophalen Angriff zu erkennen.