
Історія однієї хати (присвята усім гнаним та депортованим). Yaroslav Deneka. 23.06.2026.
Angesichts der jüngsten Ereignisse kann ich zu den polnisch-ukrainischen Beziehungen nicht schweigen und möchte einen meiner älteren, für dieses Thema wichtigen Texte erneut veröffentlichen.
Uns und die Polen verbindet eine schwierige gemeinsame Vergangenheit und – so hoffe ich sehr – eine vielversprechende gemeinsame Zukunft. Wie diese Zukunft aussehen wird, hängt allein von uns ab – von Ukrainern und Polen.
Die Geschichte unten ist die Geschichte zweier Familien, einer ukrainischen und einer polnischen, die durch die Tragödien des 20. Jahrhunderts miteinander verbunden wurden und die die Liebe zum Leben miteinander befreundete.
Alles, was derzeit durch den Informationsraum gejagt wird, dieser ganze polnisch-ukrainische Streit, wird von Menschen angeheizt, die in glücklichen, friedlichen Gesellschaften aufgewachsen sind und niemals irgendwelche Entbehrungen erlebt haben. Von Menschen, für die die Worte „Krieg“, „Terror“ oder „Deportation“ nur Worte sind und die diesen Schrecken nie selbst durchlebt haben.
Und ich behaupte, dass diejenigen, die den Moloch von Repressionen und Kriegen durchstanden haben, niemals Streitereien und Abrechnungen darüber veranstalten würden, wer wem wie viel und wofür schuldet. Diese Menschen würden ihr Haupt vor den Opfern neigen. Sie würden einander vergeben. Und sie würden weitergehen. In die Zukunft.
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Auf dem Foto unten sieht man ein altes Haus auf einem verlassenen Weiler nahe dem Dorf Oryschkiwzi in der Oblast Ternopil. Dazu einen uralten Obstgarten, umgeben von Feldern und Wäldern. Im Umkreis von einem Kilometer gibt es keine einzige Menschenseele. In unserer Kindheit nannten wir diesen Weiler einfach „Der Garten“. Früher trug er allerdings einen anderen Namen – Tschorni Losy („Schwarze Weiden“). Dies ist mein tiefster Kraftort und die Quelle meines inneren Feuers. Ein Ort, an dem ich einen bedeutenden Teil meiner Kindheit verbrachte und eine beträchtliche Anzahl von Rutenschlägen auf ein bestimmtes Körperteil erhielt. 🙂
Dieses Haus gehörte meinem Urgroßvater, Jurij Ilkowytsch Deneka. Er war ein beeindruckender Mann. Ein Bauer und Hausherr durch und durch. Einer von denen, über die Lieder geschrieben und Legenden erzählt werden. Mit unbeugsamem Charakter, starkem Willen und knotigen, von harter Arbeit gezeichneten Händen. In jener stürmischen Zeit konnte man gar nicht anders sein – es gab keine Zeit, mit dem Leben zu hadern, in Depressionen zu verfallen oder mit Psychologen die Ursachen familiärer Probleme zu analysieren. Man wusste, dass das Leben schwer war und dass man sich nur durch ehrliche Arbeit seinen Platz darin erkämpfen konnte.
Nachdem er früh seine Eltern verloren hatte und als Soldat der österreichisch-ungarischen Armee die Hölle des Ersten Weltkriegs erlebt hatte, einschließlich einer Gefangenschaft an der italienischen Front, hegte mein Urgroßvater Jurko ständig einen Traum: eine große Familie und einen Hof zu haben, auf dem er Herr auf seinem eigenen Stück Land sein würde.
Nach seiner Rückkehr aus dem Krieg machte er sich begeistert daran, diesen Traum zu verwirklichen. Er heiratete, ließ sich auf einem Weiler außerhalb des Dorfes nieder – fern von Menschen und Behörden –, gründete einen Hof. Kinder wurden geboren: Hanna, Stepan (mein Großvater) und Kateryna. Und er baute sein eigenes Haus.
Nein, nicht dieses auf dem Foto – ein anderes. Denn jener Weiler hieß Hurajskyj, das Dorf Korenyzja im Kreis Jarosław im Nadsiannja-Gebiet. Und das Land, in dem mein Urgroßvater seinen Traum verwirklichte, hieß Republik Polen. Das damalige Polen vor dem Krieg.
Dann einigten sich zwei schnauzbärtige Schurken heimlich auf etwas, und der Krieg begann.
In diesem blutigen Chaos, in dem Gerüchte die wichtigste Informationsquelle waren, konnte ein einfacher Mensch kaum erkennen, wer recht hatte und wer nicht. Heute schaut man eine Serie, liest ein paar Blogger und ist Experte für Politik, Recht und Geschichte und weiß genau, wer das absolute Böse ist. Damals aber gab es Deutsche, Sowjets, Polen, Banderowzy – und um in diesem wahnsinnigen Mahlwerk des Todes zu überleben, musste man mit allen irgendwie auskommen.
Endgültig änderte sich alles, als die Sowjets zum zweiten Mal kamen und Hitler schmählich nach Westen gejagt wurde. Damals wurde auch sein Sohn Stepan, mein Großvater, für einige Jahre in die Rote Armee gesteckt.
Auf Grundlage geheimer Absprachen zwischen Stalin und dem neuen kommunistischen Polen wurden diese Gebiete großzügig Polen zugeschlagen. Unter der ukrainischen Bevölkerung begann plötzlich eine Kampagne zur Umsiedlung in die glückliche Sowjetukraine. Man versprach allerlei Vergünstigungen, Subventionen und Land – viel Land. Hauptsache, die Leute stimmten zu.
Die vom Krieg erschöpften Menschen hörten zu, zuckten mit den Schultern, tippten sich an die Stirn und gingen nach Hause zurück zur Arbeit. Die angestammte Heimat und die Gräber der Vorfahren verlassen? Nicht mit ihnen.
Nach einiger Zeit stürmten polnische Soldaten den Weiler. Bewaffnet und unerbittlich. Sie erklärten, man habe nur wenige Stunden Zeit zum Packen. Wer nicht freiwillig gehe, dessen Eigentum werde beschlagnahmt und er werde zwangsweise ausgesiedelt.
Mein Urgroßvater verstand alles.
Am schwersten war die Erkenntnis, dass man sein Gehöft nie wieder sehen würde, nie wieder Wasser aus dem eigenen Brunnen trinken, nie wieder die Felder pflügen würde, die reichlich mit dem eigenen Schweiß getränkt waren.
Doch Jurko wäre kein echter Hausherr gewesen, wenn er außer seiner Familie nicht auch Geräte, Saatgut und sogar ein Pferd und eine Kuh mitgenommen hätte. Wie ihm das gelang, weiß wohl nur Gott. Ich sagte ja: Das war ein außergewöhnlicher Mann.
Die Menschen wurden per Eisenbahn wie Vieh transportiert. In eine unbekannte Zukunft, irgendwohin nach Osten. Weinen, Schreie und kurze Befehle der Soldaten vermischten sich mit dem Zischen der Lokomotiven und dem Rattern der Räder.
Aber mein Urgroßvater zerbrach nicht daran.
Auch wenn er sein Zuhause verlassen musste, gab er seinen Traum nicht auf, sondern trug ihn in seinem Herzen mit sich. Als die Umsiedler in die vom Krieg und der Sowjetmacht verwüstete Region Ternopil kamen, erklärte er, er wolle nicht im Dorf leben, sondern sich auf einem Weiler niederlassen. Um noch einmal von vorne anzufangen. Um wieder Herr seines eigenen Lebens zu sein.
Bald fand sich ein Weiler mit verlassenen Häusern. In eines davon zog mein Urgroßvater Jurko ein – genau jenes auf dem Foto. Im Jahr 1945 wurden die Schwarzen Weiden sein neues und letztes Zuhause.
Und obwohl es am neuen Ort genug Arbeit gab, trug seine Familie die unaussprechliche Sehnsucht nach der Heimat, dem Land der Vorfahren und dem fernen verlorenen Paradies voller Licht, Frieden und ehrlicher Arbeit ihr ganzes Leben lang in sich.
…Und im Jahr 2015 schrieb er mir eine E-Mail – Darek Dariusz Kluszczynski. Ein polnischer Staatsbürger, der dieses Foto auf Google Earth gefunden hatte (geheiligt seien die Namen Larry Page und Sergey Brin in Ewigkeit!!!).
Wir begannen miteinander zu korrespondieren, und seitdem ist der Kontakt zwischen uns nie abgerissen.
Darek erzählte die geradezu unglaubliche Geschichte seiner Familie.
Sein Großvater, Stanisław Rozkuszka, hatte im Ersten Weltkrieg gekämpft und erhielt nach der Wiedererlangung der polnischen Unabhängigkeit vom Staat ein Stück Land. Er und mehrere andere polnische Familien ließen sich außerhalb des Dorfes Oryschkiwzi auf einem Weiler nieder – in den Schwarzen Weiden.
Dort, auf diesem Weiler, wurde 1930 Dareks Mutter Janka geboren. Sie ging im Dorf zur Schule und besuchte die Kirche.
Alles änderte sich nach dem 1. September 1939, als die Rote Armee kam.
Alle polnischen Militärangehörigen – aktive wie ehemalige – wurden zusammen mit ihren Familien nach Sibirien deportiert. Man erlaubte ihnen nicht, irgendetwas mitzunehmen.
Nach Jahren der Erniedrigung und des Elends amnestierte Stalin die Polen schließlich, und Dareks Großvater trat sofort der neu gegründeten Anders-Armee bei, die im sowjetischen Hinterland aufgestellt wurde.
Polnische Offiziere wurden zusammen mit ihren Familien zunächst nach Zentralasien gebracht, dann in den Iran, nach Indien und schließlich nach England. Nach dem Krieg kehrten sie von dort nach Polen zurück.
Dareks Mutter erinnerte sich ihr Leben lang an die gesegneten Orte ihrer unvergesslichen und glücklichen Kindheit. Doch sie konnte sie nie wieder besuchen.
Bis vor Kurzem.
Und so trafen wir uns schließlich 2016 zum Fest der Heiligen Dreifaltigkeit: diejenigen, die 1939 von hier vertrieben worden waren, und diejenigen, die das Schicksal 1945 hierhergeführt hatte.
Haben Sie jemals dieses Gefühl erlebt, wenn Sie Menschen zum ersten Mal kennenlernen und dennoch das Gefühl haben, sie schon Ihr ganzes Leben zu kennen?
Glauben Sie daran, dass gemeinsame heilige Orte Menschen mit einem Geist der Einheit erfüllen?
Können Sie sich eine 86-jährige Frau vorstellen, die wie ein Kind mit einem glücklichen Lächeln und fröhlich funkelnden Augen über ein Feld zu dem Ort ihrer Kindheit läuft?
Und was empfindet ein Mensch, der nach 76 Jahren nach Hause zurückkehrt?
Was empfanden die Krimtataren, als man ihnen endlich erlaubte, auf die Krim zurückzukehren?
Was werden die Vertriebenen aus dem Donbas empfinden, wenn sie am Horizont wieder die Abraumhalden und die Silhouetten der Bergwerke sehen?
Und vor allem: Was empfinden jene Schurken, die so leichtfertig über andere Menschen entscheiden und geheime politische Absprachen hinter verschlossenen Türen in die Tat umsetzen?
Ohne zu begreifen, wie viel Schmerz und Leid sie Tausenden und Abertausenden von Menschen zufügen können.
Ohne zu verstehen, dass jede geheime Verschwörung und jeder schmutzige Hinterzimmerdeal – besonders wenn man sich mit politischen Betrügern oder mit dem Feind einlässt – zu einem Meer aus Blut, zerstörten Schicksalen und verlorenen Chancen führen kann.
Und es spielt keine Rolle, ob es die Märzartikel der Perejaslawer Rada, der Molotow-Ribbentrop-Pakt oder der „Big Deal“ des abscheulichen Donald Trump ist.
Deshalb: Bevor du wichtige Schritte unternimmst oder jemanden für etwas beschuldigst, erinnere dich an deine Schwarzen Weiden, zu denen du vielleicht erst nach vielen Jahrzehnten zurückkehren kannst!
🔗 Originalquelle
Art der Quelle: Sozialmedia
Titel des Originals: Історія однієї хати (присвята усім гнаним та депортованим). Yaroslav Deneka. 23.06.2026.
Autor: Yaroslav Deneka
Veröffentlichung: 23.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
Link zum Originaltext:
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.