Indiens Waffenstillstandsplan | Vitaly Portnikov. 07.10.2026.

Indien hat einen eigenen Plan für einen Waffenstillstand zwischen der Ukraine und der Russischen Föderation vorgeschlagen, den unter anderem der indische Außenminister Subrahmanyam Jaishankar bei seinem jüngsten Besuch in der ukrainischen Hauptstadt vorgestellt hat.

Der indische Plan sieht einen umfassenden Waffenstillstand vor. Er spricht von der Notwendigkeit, die Angriffe auf die Energieinfrastruktur einzustellen, Bedingungen für die Sicherung von Getreidekorridoren zu schaffen und außerdem die Fortsetzung der kommerziellen Schifffahrt im Schwarzmeerraum zu ermöglichen.

Wir wissen nicht, ob der indische Ministerpräsident Narendra Modi die Einzelheiten dieses Plans bei seinem jüngsten Treffen mit dem russischen Präsidenten Putin besprochen hat. Doch es ist offensichtlich, dass die Vorstellung eines solchen Plans durch den indischen Außenminister Teil der indischen Erklärungen über die Notwendigkeit einer politischen Lösung der Fragen ist, die mit der Fortsetzung des russisch-ukrainischen Krieges zusammenhängen. Nur ist nicht besonders klar, wozu Moskau einen solchen Waffenstillstand brauchen sollte.

Was die ukrainische Position betrifft, ist im Grunde alles verständlich. Ja, infolge eines solchen Waffenstillstands würden wir die Möglichkeit verlieren, weitere Angriffe auf die Erdölverarbeitungsinfrastruktur der Russischen Föderation durchzuführen, und Moskau bekäme die Möglichkeit, Geld für die Fortsetzung des russisch-ukrainischen Krieges in der Zukunft anzusammeln.

Gleichzeitig würde die Ukraine jedoch die Möglichkeit erhalten, ihre Energiekapazitäten vor dem schwierigen Winter 2026/2027 wiederherzustellen. Die Ukraine bekäme die Möglichkeit, ihr Getreide zu verkaufen und damit einen weiteren Niedergang ihrer Landwirtschaft zu verhindern. Und natürlich würde auch die Wirtschaft selbst einen Aufschwung durch die Fortsetzung der kommerziellen Schifffahrt über die ukrainischen Häfen am Schwarzen Meer erfahren.

Aber was würde die Russische Föderation bekommen? Ja, auf den ersten Blick müsste Russland daran interessiert sein, dass seine Erdölverarbeitungsindustrie weiter funktioniert und dass es in Ruhe all jene Anlagen reparieren kann, die durch die Anstrengungen der ukrainischen Armee bereits zerstört worden sind. Doch im Kreml könnte man darauf hoffen, dass die ukrainischen Drohnen die russische Erdölverarbeitungsindustrie ohnehin nicht vollständig zerstören können und dass sie sich letztlich auch ohne irgendeinen Waffenstillstand erholen wird.

Getreide ist ein wichtiger Bestandteil der russischen Interessen. Doch in Moskau könnte man der Ansicht sein, dass eine globale Krise im Globalen Süden, die zum Hungertod von Millionen Menschen führen könnte, die Destabilisierung fördern, eine Migrationskrise auslösen und ernsthafte Probleme in den Ländern Europas schaffen würde, das Russland feindlich gegenübersteht.

Die kommerzielle Schifffahrt. Ja, daran hat Moskau ein erhebliches Interesse. Aber vielleicht lohnt es sich, darauf zu verzichten, wenn es um die Vernichtung der Ukraine und den Kampf gegen europäische Interessen geht?

Wenn wir uns vorstellen, dass die Russische Föderation die Möglichkeit verliert, Angriffe auf die ukrainische Infrastruktur durchzuführen, ukrainisches Getreide zu blockieren und die kommerzielle Schifffahrt zu behindern, was bleibt Putin dann noch? Die Kämpfe an der Front. Doch an der Front ist der Krieg zwischen Russland und der Ukraine, wie wir bereits mehrfach gesagt haben, in eine Sackgasse geraten.

Und die russische Armee kann die Aufgaben nicht erfüllen, die Putin ihr bereits 2022 gestellt hat, wenn es um die vollständige Kontrolle zumindest über das gesamte ukrainische Gebiet Donezk geht. Von den Gebieten Saporischschja und Cherson ganz zu schweigen, ebenso von den anderen Regionen der Ukraine, die Putin in den kommenden Jahren besetzen möchte.

Somit können wir eindeutig sagen, dass der russische Präsident und seine Streitkräfte derzeit nicht in erster Linie auf die Kämpfe an der Front setzen, sondern auf die Demoralisierung des ukrainischen Hinterlandes, auf die Zerstörung der ukrainischen Infrastruktur, darauf, ukrainische Städte unbewohnbar zu machen, und auf die gezielte Auslösung einer großen Migrationskrise in Europa. 

Dies soll sowohl durch die Zerstörung ukrainischer Städte geschehen als auch dadurch, dass im Globalen Süden eine tatsächliche Hungersnot herbeigeführt wird, die alternative Migrationsströme aus jenen Ländern auslösen würde, die von dieser Katastrophe betroffen wären. Eine Katastrophe, die der Kreml bereits vorbereitet, indem Russland selbst kein Getreide verkauft und zugleich den Verkauf ukrainischen Getreides blockiert.

All diese Fragen könnten für den Präsidenten der Russischen Föderation wesentlich wichtiger sein als irgendein Waffenstillstand mit der Ukraine. Doch es stellt sich die Frage, inwieweit er bereit ist, dies dem indischen Ministerpräsidenten offen zu erklären. Schließlich gehört dieser zu den Staats- und Regierungschefs von Ländern, denen erhebliche Verluste drohen, wenn die Energie- und Getreidekrise anhält; zu den Staats- und Regierungschefs von Ländern, die russisches Öl gerne legal und nicht über Schmuggelwege kaufen würden, weil sie neue amerikanische Sanktionen fürchten; zu den Staats- und Regierungschefs von Ländern, die gerade durch den Kauf russischen Öls weiterhin als Energiesponsoren der Russischen Föderation auftreten und hoffen, dass Putin zumindest ein gewisses Verständnis für ihre eigenen Interessen aufbringt.

Ja, man kann sich vorstellen, dass Putin den Vorschlägen Narendra Modis keine große Aufmerksamkeit schenken wird. Aber nur dann, wenn der indische Ministerpräsident allein handelt und hinter ihm nicht auch Konsultationen zwischen Neu-Delhi und Washington oder zwischen Neu-Delhi und Peking stehen. Denn auch die Volksrepublik China könnte an dem, woran Putin interessiert ist, nämlich daran, bereits in den kommenden Jahren die Voraussetzungen für eine große Hungersnot in der Welt zu schaffen, kein Interesse haben.

Diese Hungersnot könnte Chinas wirtschaftliche Möglichkeiten in jenen Ländern erheblich untergraben, die Peking derzeit als Schwerpunkte seines eigenen Engagements betrachtet. Denn die Bevölkerung dieser Länder wird dann keine Zeit für chinesische Projekte haben. Sie wird mit dem eigenen Überleben beschäftigt sein, mit Aufständen, Revolutionen und dem Sturz jener Regierungen, mit denen Xi Jinping bereits bestimmte Vereinbarungen getroffen hat.

In seinem Wunsch, alles um sich herum zu zerstören, nur um ukrainisches Territorium zu erobern, könnte Putin also keineswegs nur beim indischen Ministerpräsidenten auf Unverständnis stoßen.

In jedem Fall muss man verstehen, warum Narendra Modi tatsächlich mit einer derart umfassenden Friedensinitiative auftritt. Weil er wirklich daran interessiert ist, dass der russisch-ukrainische Krieg schließlich endet? Oder weil er mit solchen Vorschlägen die Fortsetzung des Kaufs russischen Öls und eine mögliche Ausweitung dieser Käufe vor dem Hintergrund der anhaltenden Krise um die Straße von Hormus rechtfertigen möchte?

Die zweite Möglichkeit ist angesichts des Pragmatismus des indischen Ministerpräsidenten ebenfalls durchaus realistisch und verständlich, wenn man sich die gesamte Politik Neu-Delhis in den vergangenen Jahren vor Augen führt. Die Frage des Energiegleichgewichts und der Beziehungen zur Russischen Föderation gerade im Zusammenhang mit Öl könnte aus Sicht des eigenen politischen Projekts der indischen Regierung weiterhin eines ihrer wichtigsten und nachvollziehbarsten Interessen sein und mit der eigentlichen Logik des russisch-ukrainischen Krieges überhaupt nichts zu tun haben.

Doch die Tatsache, dass man selbst in Ländern wie Indien die Notwendigkeit eines Waffenstillstands als ersten Schritt zur Beendigung des Krieges zwischen Russland und der Ukraine erkennt, untergräbt Putins politische Logik. Denn Putin ist davon überzeugt, dass überhaupt kein Waffenstillstand nötig sei und dass ein solcher, um ihn selbst zu zitieren, sogar absurd sei, solange es nicht gelungen ist, sich zu russischen Bedingungen – natürlich zu den Bedingungen einer Kapitulation – auf die vollständige Einstellung der Kampfhandlungen und die Unterzeichnung eines Friedensabkommens zwischen den verfeindeten Staaten zu einigen.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Індійський план перемирʼя | Віталій Портников. 07.10.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 07.10.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Modi schickt Soldaten zu Putin | Vitaly Portnikov. 16.09.2025.

Premierminister Indiens, Narendra Modi, entsandte indische Soldaten zur Teilnahme an den russisch-belarussischen Militärübungen. 65 indische Soldaten wurden auf dem russischen Truppenübungsplatz Mulino, 65 Kilometer von Nischni Nowgorod entfernt, stationiert. Das indische Verteidigungsministerium erklärte, ihre Präsenz und die gemeinsamen Übungen mit russischen Soldaten würden zur Stärkung der Verteidigungskooperation zwischen der Russischen Föderation und Indien beitragen.

Die Tatsache, dass die indische Regierung beschlossen hat, ein Kontingent zu den russisch-belarussischen Manövern zu entsenden, wurde zu einer weiteren Demonstration des Bestrebens von Narendra Modi, die Beziehungen zu Russland und China zu festigen – vor dem Hintergrund des anhaltenden Drucks seitens des Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump. Ein weiterer solcher Schritt war die Teilnahme des indischen Premierministers am Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit im chinesischen Tianjin.

Bis dahin hatte Narendra Modi sieben Jahre lang die Volksrepublik China nicht besucht, selbst nicht zur Teilnahme an kollektiven Gipfeltreffen, bei denen Xi Jinping den Vorsitz führte. Und der Vorsitzende der Volksrepublik China seinerseits vermied Reisen nach Indien, um an kollektiven Gipfeltreffen teilzunehmen, bei denen Narendra Modi den Vorsitz führte.

Doch nun gehört das alles der Vergangenheit an – trotz des anhaltenden wirtschaftlichen Wettbewerbs zwischen China und Indien sowie der Grenzstreitigkeiten zwischen beiden Ländern. Und wenn man jemandem für dieses sich abzeichnende gegenseitige Verständnis zwischen Neu-Delhi und Peking danken kann, dann ist das Donald Trump.

Ja, natürlich handelte der amerikanische Präsident durchaus vernünftig, als er fünfzigprozentige Sanktionen gegen Indien wegen des Kaufs von russischem Öl verhängte. Doch inzwischen bestehen erhebliche Zweifel, ob diese Sanktionen die Ursache und nicht nur ein Vorwand für die Verschlechterung der Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Indien waren. Und ob Donald Trump Narendra Modi nicht so sehr für die Zusammenarbeit mit Wladimir Putin bestrafen wollte, sondern vielmehr versuchte, das wirtschaftliche Gleichgewicht in den Beziehungen zwischen Washington und Neu-Delhi zu verändern – oder, schlimmer noch, sich an Narendra Modi dafür zu rächen, dass der indische Premierminister die fehlenden Friedensbemühungen Trumps im letzten Konflikt zwischen Indien und Pakistan nicht zur Kenntnis nahm.

Doch vom Standpunkt der Vernunft aus hätten die Vereinigten Staaten und Indien zumindest Konsultationen führen können, bevor Donald Trump diese Zollentscheidungen traf – ausgehend von den Beziehungen einer strategischen Partnerschaft zwischen den beiden Ländern. Schließlich haben die Vereinigten Staaten in der Region im Umgang mit China keinen anderen Verbündeten – und werden diesen wohl auch in absehbarer Zeit nicht haben. Ein Bündnis Chinas, Indiens und Russlands ist ein äußerst ernstzunehmender Mechanismus zur Untergrabung der Positionen der Vereinigten Staaten in ganz Asien. Jeder, der eine Zollentscheidung trifft, könnte in diese Richtung denken – nur eben nicht Donald Trump.

Natürlich hätte auch Narendra Modi aus formaler Sicht über die Folgen einer Verschlechterung seiner Beziehungen zu den Vereinigten Staaten nachdenken müssen. Doch Modis politischer Stil und die Ideologie seiner eigenen Partei diktieren ihm einen härteren Umgang mit jeglichem Druck seitens des Westens, als dies bei früheren indischen Führern der Fall gewesen wäre. Um an der Macht zu bleiben, muss Narendra Modi den Bürgern Indiens ein entschlossenes und starkes Auftreten gegenüber allem demonstrieren, was in Indien als Missachtung des Landes oder als kolonialer Druck auf seine Politik angesehen werden könnte.

Genau deshalb zögerte Narendra Modi offenbar nicht lange. Seine Beziehungen zu China und Russland wurden für den indischen Premierminister zum Haupttrumpf, um sowohl den Amerikanern als auch seinen Landsleuten zu zeigen, wie seine Antwort an Donald Trump aussehen würde. Gleichzeitig zeigt der Premierminister Indiens jegliche Bereitschaft, mit dem amerikanischen Präsidenten eine gemeinsame Sprache zu finden. 

Doch wir verstehen sehr wohl, wie dieses gegenseitige Verständnis aussehen müsste: ungefähr so wie mit China. Donald Trump müsste auf seine Zölle gegen Indien verzichten und damit die Idee vergessen, Indien müsse aufhören, russisches Öl zu kaufen. In dieser Situation bleiben dem amerikanischen Präsidenten praktisch keine Hebel mehr, um Druck auf den russischen Präsidenten Wladimir Putin auszuüben. Und damit keine Möglichkeit mehr zu behaupten, er könne durch wirtschaftlichen Druck Putin zwingen, den Krieg zu beenden.

Doch selbstverständlich geht Narendra Modi mit der Entwicklung dieser Geschichte immer weiter. Offizielle Gespräche am Rande des Gipfels der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit und Umarmungen mit Wladimir Putin – den Narendra Modi schon lange vor dem Konflikt mit Donald Trump seinen engen Freund nannte – sind das eine. Während der gesamten Dauer des großen russisch-ukrainischen Krieges pflegte der indische Premierminister warme Beziehungen zu seinem russischen Vertrauten, besuchte Moskau und erklärte, dass die strategischen Beziehungen zwischen Russland und Indien weiterentwickelt werden müssten. Sogar Modis Reise nach Kyiv und seine Aufrufe, den Krieg zwischen Russland und der Ukraine zu beenden, störten dieses strategische Verständnis zwischen Putin und Modi nicht.

Doch die Präsenz von Soldaten – und noch dazu bei Übungen, die ganz real gegen den Westen gerichtet sind, bei denen russische und belarussische Soldaten mögliche Zusammenstöße mit Soldaten von NATO-Mitgliedstaaten sowie eine Aggression gegen Nachbarländer Mitteleuropas trainieren – ist eine ganz andere Dimension. Zumal angesichts des Auftauchens russischer Drohnen im Luftraum über Polen und Rumänien ein solches Szenario längst nicht mehr theoretisch wirkt, sondern vielmehr wie eine mögliche Entwicklung der historischen Ereignisse in Europa in den kommenden Jahren – wenn nicht gar Monaten. Das ist ein wesentlich ernsteres und machtvolleres Signal in Richtung Westen und eine Demonstration dessen, dass Donald Trump mit seiner ungeschickten Politik Indien abgestoßen und Amerika sowie den Westen insgesamt eines strategischen Partners beraubt hat.

Dabei ist klar, dass sich die Situation nicht verbessern wird. Denn derzeit ist das Hauptargument des amerikanischen Präsidenten in seinem Bestreben, Schuldige dafür zu finden, dass er sich mit Putin nicht einigen kann, der Ruf an die europäischen Länder, Zölle gegen China und Indien oder irgendwelche Sanktionen gegen chinesische oder indische Unternehmen zu verhängen, damit diese aufhören, russisches Öl zu kaufen. Somit können wir ein weiteres Zusammenrücken Chinas, Indiens und der Russischen Föderation prognostizieren, einen weiteren Verlust an Einfluss der Vereinigten Staaten in Südostasien und ein mögliches Missverständnis zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union in Bezug auf die Frage, wie man mit Neu-Delhi umgehen sollte – falls der Westen irgendwelche Beziehungen zu Indien aufrechterhalten will, vor dem Hintergrund der Abkühlung der Beziehungen zu Russland und China.

Kurz gesagt: Bei Donald Trump läuft wie immer alles „glatt“.