Indien hat einen eigenen Plan für einen Waffenstillstand zwischen der Ukraine und der Russischen Föderation vorgeschlagen, den unter anderem der indische Außenminister Subrahmanyam Jaishankar bei seinem jüngsten Besuch in der ukrainischen Hauptstadt vorgestellt hat.
Der indische Plan sieht einen umfassenden Waffenstillstand vor. Er spricht von der Notwendigkeit, die Angriffe auf die Energieinfrastruktur einzustellen, Bedingungen für die Sicherung von Getreidekorridoren zu schaffen und außerdem die Fortsetzung der kommerziellen Schifffahrt im Schwarzmeerraum zu ermöglichen.
Wir wissen nicht, ob der indische Ministerpräsident Narendra Modi die Einzelheiten dieses Plans bei seinem jüngsten Treffen mit dem russischen Präsidenten Putin besprochen hat. Doch es ist offensichtlich, dass die Vorstellung eines solchen Plans durch den indischen Außenminister Teil der indischen Erklärungen über die Notwendigkeit einer politischen Lösung der Fragen ist, die mit der Fortsetzung des russisch-ukrainischen Krieges zusammenhängen. Nur ist nicht besonders klar, wozu Moskau einen solchen Waffenstillstand brauchen sollte.
Was die ukrainische Position betrifft, ist im Grunde alles verständlich. Ja, infolge eines solchen Waffenstillstands würden wir die Möglichkeit verlieren, weitere Angriffe auf die Erdölverarbeitungsinfrastruktur der Russischen Föderation durchzuführen, und Moskau bekäme die Möglichkeit, Geld für die Fortsetzung des russisch-ukrainischen Krieges in der Zukunft anzusammeln.
Gleichzeitig würde die Ukraine jedoch die Möglichkeit erhalten, ihre Energiekapazitäten vor dem schwierigen Winter 2026/2027 wiederherzustellen. Die Ukraine bekäme die Möglichkeit, ihr Getreide zu verkaufen und damit einen weiteren Niedergang ihrer Landwirtschaft zu verhindern. Und natürlich würde auch die Wirtschaft selbst einen Aufschwung durch die Fortsetzung der kommerziellen Schifffahrt über die ukrainischen Häfen am Schwarzen Meer erfahren.
Aber was würde die Russische Föderation bekommen? Ja, auf den ersten Blick müsste Russland daran interessiert sein, dass seine Erdölverarbeitungsindustrie weiter funktioniert und dass es in Ruhe all jene Anlagen reparieren kann, die durch die Anstrengungen der ukrainischen Armee bereits zerstört worden sind. Doch im Kreml könnte man darauf hoffen, dass die ukrainischen Drohnen die russische Erdölverarbeitungsindustrie ohnehin nicht vollständig zerstören können und dass sie sich letztlich auch ohne irgendeinen Waffenstillstand erholen wird.
Getreide ist ein wichtiger Bestandteil der russischen Interessen. Doch in Moskau könnte man der Ansicht sein, dass eine globale Krise im Globalen Süden, die zum Hungertod von Millionen Menschen führen könnte, die Destabilisierung fördern, eine Migrationskrise auslösen und ernsthafte Probleme in den Ländern Europas schaffen würde, das Russland feindlich gegenübersteht.
Die kommerzielle Schifffahrt. Ja, daran hat Moskau ein erhebliches Interesse. Aber vielleicht lohnt es sich, darauf zu verzichten, wenn es um die Vernichtung der Ukraine und den Kampf gegen europäische Interessen geht?
Wenn wir uns vorstellen, dass die Russische Föderation die Möglichkeit verliert, Angriffe auf die ukrainische Infrastruktur durchzuführen, ukrainisches Getreide zu blockieren und die kommerzielle Schifffahrt zu behindern, was bleibt Putin dann noch? Die Kämpfe an der Front. Doch an der Front ist der Krieg zwischen Russland und der Ukraine, wie wir bereits mehrfach gesagt haben, in eine Sackgasse geraten.
Und die russische Armee kann die Aufgaben nicht erfüllen, die Putin ihr bereits 2022 gestellt hat, wenn es um die vollständige Kontrolle zumindest über das gesamte ukrainische Gebiet Donezk geht. Von den Gebieten Saporischschja und Cherson ganz zu schweigen, ebenso von den anderen Regionen der Ukraine, die Putin in den kommenden Jahren besetzen möchte.
Somit können wir eindeutig sagen, dass der russische Präsident und seine Streitkräfte derzeit nicht in erster Linie auf die Kämpfe an der Front setzen, sondern auf die Demoralisierung des ukrainischen Hinterlandes, auf die Zerstörung der ukrainischen Infrastruktur, darauf, ukrainische Städte unbewohnbar zu machen, und auf die gezielte Auslösung einer großen Migrationskrise in Europa.
Dies soll sowohl durch die Zerstörung ukrainischer Städte geschehen als auch dadurch, dass im Globalen Süden eine tatsächliche Hungersnot herbeigeführt wird, die alternative Migrationsströme aus jenen Ländern auslösen würde, die von dieser Katastrophe betroffen wären. Eine Katastrophe, die der Kreml bereits vorbereitet, indem Russland selbst kein Getreide verkauft und zugleich den Verkauf ukrainischen Getreides blockiert.
All diese Fragen könnten für den Präsidenten der Russischen Föderation wesentlich wichtiger sein als irgendein Waffenstillstand mit der Ukraine. Doch es stellt sich die Frage, inwieweit er bereit ist, dies dem indischen Ministerpräsidenten offen zu erklären. Schließlich gehört dieser zu den Staats- und Regierungschefs von Ländern, denen erhebliche Verluste drohen, wenn die Energie- und Getreidekrise anhält; zu den Staats- und Regierungschefs von Ländern, die russisches Öl gerne legal und nicht über Schmuggelwege kaufen würden, weil sie neue amerikanische Sanktionen fürchten; zu den Staats- und Regierungschefs von Ländern, die gerade durch den Kauf russischen Öls weiterhin als Energiesponsoren der Russischen Föderation auftreten und hoffen, dass Putin zumindest ein gewisses Verständnis für ihre eigenen Interessen aufbringt.
Ja, man kann sich vorstellen, dass Putin den Vorschlägen Narendra Modis keine große Aufmerksamkeit schenken wird. Aber nur dann, wenn der indische Ministerpräsident allein handelt und hinter ihm nicht auch Konsultationen zwischen Neu-Delhi und Washington oder zwischen Neu-Delhi und Peking stehen. Denn auch die Volksrepublik China könnte an dem, woran Putin interessiert ist, nämlich daran, bereits in den kommenden Jahren die Voraussetzungen für eine große Hungersnot in der Welt zu schaffen, kein Interesse haben.
Diese Hungersnot könnte Chinas wirtschaftliche Möglichkeiten in jenen Ländern erheblich untergraben, die Peking derzeit als Schwerpunkte seines eigenen Engagements betrachtet. Denn die Bevölkerung dieser Länder wird dann keine Zeit für chinesische Projekte haben. Sie wird mit dem eigenen Überleben beschäftigt sein, mit Aufständen, Revolutionen und dem Sturz jener Regierungen, mit denen Xi Jinping bereits bestimmte Vereinbarungen getroffen hat.
In seinem Wunsch, alles um sich herum zu zerstören, nur um ukrainisches Territorium zu erobern, könnte Putin also keineswegs nur beim indischen Ministerpräsidenten auf Unverständnis stoßen.
In jedem Fall muss man verstehen, warum Narendra Modi tatsächlich mit einer derart umfassenden Friedensinitiative auftritt. Weil er wirklich daran interessiert ist, dass der russisch-ukrainische Krieg schließlich endet? Oder weil er mit solchen Vorschlägen die Fortsetzung des Kaufs russischen Öls und eine mögliche Ausweitung dieser Käufe vor dem Hintergrund der anhaltenden Krise um die Straße von Hormus rechtfertigen möchte?
Die zweite Möglichkeit ist angesichts des Pragmatismus des indischen Ministerpräsidenten ebenfalls durchaus realistisch und verständlich, wenn man sich die gesamte Politik Neu-Delhis in den vergangenen Jahren vor Augen führt. Die Frage des Energiegleichgewichts und der Beziehungen zur Russischen Föderation gerade im Zusammenhang mit Öl könnte aus Sicht des eigenen politischen Projekts der indischen Regierung weiterhin eines ihrer wichtigsten und nachvollziehbarsten Interessen sein und mit der eigentlichen Logik des russisch-ukrainischen Krieges überhaupt nichts zu tun haben.
Doch die Tatsache, dass man selbst in Ländern wie Indien die Notwendigkeit eines Waffenstillstands als ersten Schritt zur Beendigung des Krieges zwischen Russland und der Ukraine erkennt, untergräbt Putins politische Logik. Denn Putin ist davon überzeugt, dass überhaupt kein Waffenstillstand nötig sei und dass ein solcher, um ihn selbst zu zitieren, sogar absurd sei, solange es nicht gelungen ist, sich zu russischen Bedingungen – natürlich zu den Bedingungen einer Kapitulation – auf die vollständige Einstellung der Kampfhandlungen und die Unterzeichnung eines Friedensabkommens zwischen den verfeindeten Staaten zu einigen.
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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Індійський план перемирʼя | Віталій Портников. 07.10.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 07.10.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.