Puschkin. Vitaly Portnikov. 04.10.2026.

Пушкін. Виталий Портников. 04.10.2026.

Georges Nivat, einer der bedeutendsten Slawisten des 20. Jahrhunderts, ein Mann, den mit der russischen Literatur nicht nur sein Schicksal und seine Arbeit, sondern auch die Liebe verbindet (Nivat war mit der Tochter von Olga Iwinskaja, der Muse Boris Pasternaks, verlobt, und diese Ehe wurde von Chruschtschow persönlich verhindert), eine Figur in den Gedichten Bulat Okudschawas, Gesprächspartner und Übersetzer Alexander Solschenizyns, hat einen Artikel über Puschkin geschrieben.

Was sollte daran ungewöhnlich sein, wenn ein Spezialist für russische Literatur über Puschkin schreibt? Doch dies ist ein anderer, ein sehr bitterer Artikel. Nivat hat im Werk des großen Dichters, in der russischen Kultur selbst etwas erkannt, das die Kenner dieser Kultur im Westen hartnäckig nicht wahrhaben wollten: Imperialismus, Grausamkeit, Solidarität mit der Staatsmacht, wenn diese andere Menschen tötet. Bemerkenswert ist, dass der berühmte Wissenschaftler Puschkins Werk nun durch das Werk von Artur Dron analysiert – und der imperialistische Pathos von Puschkins Werk dadurch eine unglaubliche Aktualität gewinnt.

Man sollte meinen, dass es dabei nichts Neues zu entdecken gibt. Puschkins Werk war auch ohne Arturs Bücher zugänglich, und Adam Mickiewicz, ein Zeitgenosse Puschkins, erhob gegenüber seinen russischen Kollegen dieselben Vorwürfe, die Dron gegenüber den russischen Klassikern erheben könnte. Warum vollzieht sich dieser Wandel im Verständnis Puschkins also erst jetzt?

Weil es in Wirklichkeit nicht um Puschkin geht, sondern um Russland. Puschkin lebte in einer Zeit, in der er keineswegs der einzige Dichter war, der den Imperialismus verherrlichte – es genügt, Kipling noch einmal zu lesen, um das zu verstehen. Nur hat die Welt, zumindest im Westen, in den vergangenen Jahrhunderten ihre Schlüsse gezogen und sich vom Imperialismus und von der Aggression verabschiedet – Russland jedoch nicht. Deshalb erscheint Kipling als ein historischer Dichter, und es ist interessant, ihn zu lesen, um zu verstehen, wie man in einer noch gar nicht so weit zurückliegenden Vergangenheit auf die Welt blickte. Puschkin hingegen bleibt ein aktueller Dichter, denn seine Zeilen über den „Streit der Slawen untereinander“ könnte man heute in russischen Nachrichtensendungen oder in Putins Reden zitieren. Die Russen haben nichts vergessen und nichts gelernt – und deshalb bleibt Puschkin für sie „unser Ein und Alles“, denn er schrieb zugleich über die Liebe, über den Traum von einer unerreichbaren Freiheit (für die eigenen Leute) und besang das Imperium in all seinen Formen und Erscheinungsweisen. Und ja, Puschkin – das ist Russland selbst, ein Russland, das nicht in der Lage ist, sich zu verändern.

Übrigens sagt die Aktualität Schewtschenkos und anderer ukrainischer Klassiker ebenfalls weniger über uns als über sie aus. In den Jahren seit Schewtschenkos Tod hat sich die Ukraine bis zur Unkenntlichkeit verändert, und wenn wir die Zeilen des Kobsars über seine Zeitgenossen lesen, die  „stumm zur Fron ziehen und ihre Kinder mit sich führen“, wissen wir genau, dass dies nicht von uns handelt, sondern von den Erfahrungen der Vergangenheit. Und unsere Katerynas lieben heute keine Moskali mehr, und wenn doch, gelten sie bei den Eigenen nicht mehr als ihresgleichen. All das ist gerade deshalb Geschichte, weil die Ukrainer auf Schewtschenko gehört haben.

Die Russen hingegen nicht. Deshalb bleibt Schewtschenko ein lebendiger Prophet, dessen Worte über ein Imperium, in dem vom Moldauer bis zum Finnen (nun gut, vom Karelier bis zum Tuwiner) „in allen Sprachen alles schweigt“, ebenfalls in russischen Nachrichtensendungen ausgestrahlt und in Putins Reden als seine größte Errungenschaft zitiert werden könnten. (Puschkin hatte für all diese Finnen und Kalmücken seine eigenen Empfehlungen – er wollte sie an seinem Denkmal russifiziert sehen, und auch darin stimmte und stimmt er mit dem Volk überein.) Schewtschenkos „Kaukasus“ ist ein eindringliches und hartes Bild nicht des vergangenen, sondern des heutigen Russischen Imperiums, seine Gedichte beschreiben weiterhin den ukrainischen Kampf gegen dieses Imperium. Hätte Russland sich verändert, wäre all das Geschichte. Aber es hat sich nicht verändert. Und es wird sich wohl kaum verändern. Die kommenden Generationen von Russen werden ebenso wie heute Reigentänze um Puschkins Sockel aufführen, denn der Dichter wird ihr Zeitgenosse bleiben.

Übrigens war das nicht immer so. Für das Imperium war Puschkin zu ungezwungen – und erst einige Jahrzehnte nach dem Tod des Dichters verstand es, wie es sich sein Erbe zunutze machen konnte. Auch die Bolschewiki wandten sich zunächst von ihm ab. Die Liebe erschien ihnen zu bürgerlich, die Freiheit war angeblich vom „werktätigen Volk“ erkämpft worden, und der imperiale Mythos entsprach nicht der Idee der Weltrevolution und der Selbstbestimmung der Völker.

Auf den Sockel zurückgebracht wurde Puschkin 1937 von Stalin. Er brachte ihn gerade deshalb zurück, weil er sich endgültig von der Idee der Weltrevolution ab- und der Idee einer imperialen Restauration unter roter Fahne zugewandt hatte – und ihm gefiel der Vorschlag, den hundertsten Jahrestag des Todes des Dichters feierlich zu begehen (was für eine Blasphemie). „Puschkin gehört ganz uns, er ist sowjetisch, denn die Sowjetmacht hat alles geerbt, was das Beste in unserem Volk ist“, schrieb die „Prawda“. Und das war wahr, denn Stalin brauchte genau ein solches Volk – bereit, für das Imperium zu sterben und von der Freiheit lediglich zu träumen. Damals entstanden auch die Stadt Puschkin, neue Straßen, Kulturparks und Sanatorien. Stalin war die Hauptfigur der feierlichen Sitzung zum Gedenken an Puschkin, und Zeilen aus den Gedichten des Dichters empfingen die Häftlinge der Konzentrationslager, sorgfältig über den Eingängen zum Gulag angebracht … Seitdem ist Puschkin also nicht mehr von seinem Sockel heruntergestiegen.

Und wie Sie sehen, trifft ihn selbst daran keine große Schuld. Wir hatten Pech mit unseren Nachbarn, er hatte Pech mit seinem Volk. Wäre dieses Volk zu etwas anderem fähig als zu Expansion und Zerstörung, hätte es seinem Dichter geglaubt, dass der Stern des verlockenden Glücks die Freiheit und nicht die Unterwerfung ist, würde Georges Nivat weiterhin Puschkins Liebeslyrik analysieren, und wir würden ohne Emotionen an seinen Denkmälern vorbeigehen.

Nicht Puschkin hat Puschkin aktuell gemacht. Putin hat Puschkin aktuell gemacht.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Пушкін. Виталий Портников. 04.10.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 04.10.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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