73.000 Migranten haben in den vergangenen Tagen die spanische Stadt Ceuta an der afrikanischen Küste wieder verlassen. Damit erwies sich die größte Migrationskrise der jüngsten Zeit, über die bereits führende Politiker Europas und zahlreiche angesehene Kommentatoren gesprochen hatten, als nichts weiter als eine Informationskrise, die die gesamte Spaltung der heutigen Welt deutlich machte.
Tatsächlich wurde schon in den ersten Stunden nach Beginn der Krise offensichtlich, dass viele ihrer Kommentatoren die politische Geografie Spaniens gar nicht kennen. Sie wissen nicht, dass sich zwei spanische Exklavenstädte nicht auf der Iberischen Halbinsel, sondern auf afrikanischem Boden befinden und unmittelbar an das Königreich Marokko grenzen, das die Zugehörigkeit Ceutas und der zweiten spanischen Exklave Melilla zum Königreich Spanien niemals anerkannt hat.
Zwischen den beiden Staaten verläuft daher – zumindest aus marokkanischer Sicht – keine Staatsgrenze, sondern lediglich eine Demarkationslinie. Und eben diese Demarkationslinie ist seit Jahrzehnten gewissermaßen die Grenze der Migrationskrise.
Marokko, das die Möglichkeiten des Grenzübertritts über diese Demarkationslinie geschickt steuert, nutzt die Migration immer wieder als wichtiges politisches Druckmittel in den Beziehungen zu Madrid. Derzeit sind alle Voraussetzungen für einen solchen politischen Hebel gegeben.
Man muss verstehen, dass die Migrationskrise unmittelbar nach einer Annäherung zwischen Spanien und Algerien ausbrach – einem Staat, der sich im Unterschied zu anderen Ländern mit diplomatischen Beziehungen zu Marokko weiterhin zur Souveränität der Demokratischen Arabischen Republik Sahara bekennt, auf deren gesamtes Territorium Rabat seit Jahrzehnten Anspruch erhebt.
Jede Verbesserung der Beziehungen eines europäischen Landes zu Algerien, das die Polisario-Front in der Westsahara unterstützt, ruft in Marokko unweigerlich Verärgerung hervor. Doch diesmal, wie man so sagt, kamen alle Umstände zusammen. Denn Rabat kann heute auf die Unterstützung Washingtons zählen.
US-Präsident Donald Trump hatte bereits während seiner ersten Amtszeit die marokkanische Souveränität über die Westsahara anerkannt und damit gewissermaßen dem marokkanischen König Mohammed VI. den Preis für die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zu Israel gezahlt.
Während der Krise um den Iran verschlechterten sich die amerikanisch-spanischen Beziehungen erheblich. Und in Rabat versteht man sehr genau, dass jegliche Signale gegenüber Madrid in Washington wohlwollend aufgenommen werden und für Marokko keinerlei ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen werden.
So konnten wir eine gut vorbereitete und medial inszenierte politische Provokation beobachten. Unter Menschen, die davon träumen, nach Europa zu gelangen, wurde das Gerücht verbreitet, Madrid habe angeblich beschlossen – unter Berufung auf eine jüngste Entscheidung des Obersten Gerichtshofs Spaniens –, die Legalisierung des Aufenthaltsstatus für jeden zu erleichtern, der Ceuta oder Melilla erreiche.
Aus Sicht des spanischen Rechts hatten diese Behauptungen keinerlei tatsächliche Grundlage. Und selbst wenn man die Demarkationslinie und die Grenzanlagen von Ceuta oder Melilla überwunden hat, ist es praktisch unmöglich, von Afrika aus weiter nach Europa zu gelangen.
Doch Menschen, die seit Jahren gewissermaßen auf gepackten Koffern sitzen und davon träumen, Marokko zu verlassen, versuchen selbstverständlich jede Gelegenheit zu nutzen, um tatsächlich in diese spanischen Städte zu gelangen, die ihnen als direkter Zugang zum europäischen Kontinent erscheinen.
Hinzu kommt, dass die Mehrheit der Menschen, die nach Ceuta oder Melilla streben, aus dem ehemaligen spanischen Protektoratsgebiet in Marokko stammt. Es handelt sich also um Menschen, zwischen denen und den Einwohnern Spaniens kaum eine Sprachbarriere besteht. In Tetouan und anderen Städten des ehemaligen Spanisch-Marokko wird Spanisch bis heute neben dem marokkanischen Arabisch und dem Französischen gesprochen und verdrängt dabei nicht selten sogar das Französische, das traditionell für den früheren französischen Teil des Königreichs Marokko typisch ist.
Das ist im Grunde die ganze, recht einfache Geschichte – keine Geschichte über Migration, sondern über ein offensichtliches politisches Signal des marokkanischen Staates. Marokko hofft darauf, die Westsahara-Frage dadurch zu lösen, dass den vor mehreren Jahrzehnten annektierten ehemaligen spanischen Kolonialgebieten ein bestimmter Autonomiestatus verliehen wird.
Es ist ein Signal an den spanischen Ministerpräsidenten, der sein eigenes Modell der Beziehungen zu Algerien entwickelt, ein Signal an Algerien selbst und zugleich eine Demonstration der Bereitschaft, sich an den außenpolitischen Leitlinien der Vereinigten Staaten zu orientieren, wo die Schritte Marokkos selbstverständlich mit unverhohlener Zustimmung aufgenommen werden.
Wir sehen, wie diese Geschichte nun in den sozialen Netzwerken von Vertretern des ultrarechten politischen Lagers verbreitet wird, welche Berichterstattung sie in Medien erhält, die sich an ultrarechten Positionen orientieren und mit der Realität nichts zu tun hat, und wie die italienische Regierung, die bekanntlich aus einer Koalition ultrarechter Parteien besteht, versucht hat, die Situation für ihre eigenen Zwecke zu nutzen.
Das bedeutet selbstverständlich keineswegs, dass es auf dem europäischen Kontinent kein Migrationsproblem gäbe. Es existiert, und die Alterung der europäischen Bevölkerung macht deren Ersatz in den kommenden Jahrzehnten unvermeidlich. Keine Regierung wird sich gewissermaßen den Gesetzen der Geschichte und der Demografie in den Weg legen können.
Die Krise in Ceuta hat jedoch mit Migration als solcher nichts zu tun. Sie ist vielmehr eine Demonstration des politischen Ringens auf der Achse Madrid–Algier–Rabat–Washington. Und die Zehntausenden Menschen, die die Demarkationslinie zwischen Marokko und Ceuta überschritten haben, waren nichts weiter als Instrumente in diesem ausgesprochen unlauteren politischen Spiel.
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Art der Quelle:Artikel Titel des Originals:Кризис в Сеуте: вся правда | Виталий
Портников. 02.08.2026. Autor:Vitaly Portnikov Veröffentlichung:02.08.2026. Originalsprache:ru Plattform / Quelle:YouTube Link zum Originaltext:
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„Wir stehen an der Schwelle zum Chaos, an der Schwelle zur Zerstörung der Weltordnung, an der Schwelle zu einer Welt, in der die einzige Hoffnung auf das Überleben souveräner Staaten die Bereitschaft sein wird, ihre Möglichkeiten mit Gewalt zu beweisen. Wenn es uns nicht gelingt, unsere Kräfte zu bündeln, wird die Frage der Existenz nicht nur der Ukraine, sondern beispielsweise auch der baltischen Staaten auf der politischen Landkarte der Welt für viele Jahrzehnte offenbleiben“, sagt der bekannte ukrainische Journalist, Publizist und Schriftsteller Vitaly Portnikov in einem Exklusivinterview mit LRT.
– Die jüngsten Proteste in der Ukraine endeten mit einem Wechsel des Oberbefehlshabers der Streitkräfte. Viele bringen diese Proteste mit der Entlassung des Verteidigungsministers in Verbindung. Doch wenn man etwas tiefer blickt: Warum hat die ukrainische Gesellschaft gerade so reagiert? Und gibt es in der Ukraine vielleicht Prozesse, die wir hier in Litauen noch gar nicht sehen?
– Ich denke, die Reaktion der ukrainischen Gesellschaft hängt in erster Linie damit zusammen, dass solche Demonstrationen derzeit das einzige Verbindungselement zwischen der Staatsmacht und den Bürgern sind – unter Bedingungen, in denen die Mechanismen der gegenseitigen Kontrolle und des Machtgleichgewichts im ukrainischen Staat in den vergangenen fast sieben Jahren praktisch außer Kraft gesetzt worden sind. Der Präsident stützt sich auf seine eigene Mehrheit im Parlament und verfügt dadurch über Mechanismen zur Ernennung der Regierung außerhalb des Rahmens der parlamentarisch-präsidentiellen Republik, die unsere Verfassung vorsieht. Deshalb sieht er sich bei seinen Entscheidungen unmittelbar mit gesellschaftlichem Unmut konfrontiert.
Ich denke, dieser Prozess ist völlig natürlich. Er wäre noch wesentlich lebhafter verlaufen, hätte nicht der Beginn der jetzigen Phase des russischen Krieges gegen die Ukraine im Februar 2022 stattgefunden.
– Sie haben mehrfach gesagt, dass Russland den Krieg erst dann beenden wird, wenn es ihn nicht mehr fortsetzen kann. Sehen Sie heute irgendwelche Signale dafür, dass Russlands Möglichkeiten an ihre Grenzen kommen?
– Nein, ich sehe keine Signale dafür, dass Russlands Möglichkeiten bereits an ihre Grenzen gelangen. Aber ich sehe Signale dafür, dass diese Möglichkeiten allmählich erschöpft werden. Und ich habe große Hoffnung, dass wir in den zwanziger und dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts nicht nur das Ende dieser Kriegsphase, sondern auch das Ende des gesamten Konflikts infolge der Erschöpfung der Ressourcen der Russischen Föderation erleben werden.
Dieser Prozess hat begonnen. Aber wiederum weiß niemand von uns, wie lange er dauern wird – Monate oder Jahre – und wie die Ukraine nach Abschluss dieses Prozesses des Zusammenbruchs der russischen Ressourcen aussehen wird. Natürlich wird dabei vieles nicht nur von uns abhängen: Russland wird alles daransetzen, die Ukraine zu zerstören, ihre Städte in Ruinen zu verwandeln und den Ukrainern die Möglichkeit zu nehmen, dort zu leben. Vieles wird aber auch von unseren Verbündeten abhängen, die unsere Wirtschaft und unsere militärische Stärke unterstützen werden. Uns stehen schwierige Zeiten bevor.
– Der umfassende Krieg in der Ukraine dauert nun schon das vierte Jahr. Erst jetzt sehen wir eine gewisse Reaktion der russischen Gesellschaft – nachdem einige soziale Netzwerke abgeschaltet wurden, Benzin knapp wird oder Lagerhäuser brennen. Was sagt das über die heutige russische Gesellschaft aus?
– Ich denke, das wäre in jeder Gesellschaft so. Sie selbst sagen ja: Der Krieg findet in der Ukraine statt. Wenn der Krieg in den vergangenen Jahren in der Ukraine stattfand, dann fand er eben nicht in Russland statt. Die Reaktion der russischen Gesellschaft hängt damit zusammen, dass der Krieg nun nach Russland gekommen ist und die Bürger der Russischen Föderation mit den realen und nicht nur den im Fernsehen gezeigten Folgen dieses Krieges konfrontiert werden. Deshalb beginnen sie darüber zu sprechen.
Übrigens war es während der Tschetschenienkriege genauso. Als die Kämpfe im Nordkaukasus Russland auch außerhalb Tschetscheniens, Inguschetiens und Dagestans erreichten, begannen die Menschen, darauf zu achten. Solange es keinen Terror oder andere Folgen dieses Krieges für den gewöhnlichen Russen gab – etwa den Tod von Wehrpflichtigen im Kampfgebiet –, interessierte dieser Krieg niemanden. Deshalb denke ich, dass dies ein völlig natürlicher und gesetzmäßiger Prozess ist.
Gerade deshalb ist es wichtig, dass der Krieg nach Russland gekommen ist. Das schafft ebenfalls Voraussetzungen dafür, dass er früher endet, als es der Fall wäre, wenn er ausschließlich auf ukrainischem Territorium geführt würde. Ich sage Ihnen noch mehr: Würde dieser Krieg ausschließlich auf dem Gebiet der Ukraine stattfinden, könnte er möglicherweise überhaupt niemals enden.
– Ihr Kommentar zum Ort des Krieges ist sehr treffend. Man kann sagen, dass der Krieg inzwischen auch Europa erreicht hat. Wie beurteilen Sie die Bereitschaft Europas für einen möglichen militärischen Konflikt mit Russland in den kommenden Jahren?
– Das werden wir erst erfahren, wenn der Krieg beginnt. Denn über die Bereitschaft einer Gesellschaft vor dem Ausbruch eines Krieges zu sprechen, damit wäre ich vorsichtig. Wenn es keinen Krieg gibt, ist niemand jemals bereit.
Ich versichere Ihnen: Auch die Ukrainer waren 2014 weder psychologisch noch praktisch auf einen Krieg mit der Russischen Föderation vorbereitet. Sie erinnern sich sicher daran, dass damals sogar unsere Soldaten auf der Krim vom Kommando verlangten, aus der Krim abgezogen zu werden, anstatt den Befehl zu erhalten, gegen die russischen Besatzer zu kämpfen.
Der Krieg selbst schafft völlig neue Bedingungen. Ich denke, es geht dabei nicht um Jahre. Die Europäer werden früher mit Prüfungen konfrontiert werden, denn die Logik des russischen Kampfes gegen die Ukraine setzt eine Ausweitung des Krieges auf jene Länder voraus, die am stärksten als Drehscheiben für Hilfe genutzt werden. Zur Logik Russlands gehört außerdem, in den Gesellschaften Angst vor dem Krieg zu säen – eine Angst, die dazu führen könnte, die Unterstützung für die Ukraine zu verringern und dadurch aus Sicht der russischen Führung ihren Zusammenbruch zu beschleunigen.
Deshalb denke ich, dass die der Ukraine nächstgelegenen Länder – etwa Polen und die baltischen Staaten – schon in naher Zukunft mit unterschiedlichsten militärischen Gefahren konfrontiert sein werden, falls Russland seine Ziele nicht erreicht. Dann werden wir sehen, wie bereit diese Gesellschaften tatsächlich zum Widerstand sind. Wir werden sehen, wie sich die Gesellschaft in jene aufspaltet, die zum Widerstand bereit sind, und jene, die Verhandlungen vorschlagen. All diese Prozesse stehen unmittelbar bevor, und wir werden ihre Zeugen sein und im Studio darüber sprechen können.
– Sie haben die Angst vor dem Krieg in den Gesellschaften erwähnt. Lässt sich mit dieser Angst auch die Spannung erklären, die wir heute zwischen Polen und der Ukraine beobachten?
– Ich denke, die Spannungen zwischen Polen und der Ukraine hängen weniger mit der Angst vor dem Krieg zusammen als vielmehr damit, dass sich bereits eine Gewöhnung an den Krieg eingestellt hat. Denn 2022 war dieser große russische Krieg gegen die Ukraine nicht nur für die ukrainische, sondern auch für die polnische Gesellschaft ein Schock. In diesem Sinne wurden viele problematische Fragen, die unsere Länder trennten, gewissermaßen in den Hintergrund gedrängt.
Sie wissen sehr gut, dass Polen Fragen der historischen Erinnerung besondere Aufmerksamkeit schenkt. Das zeigte sich sowohl im polnisch-litauischen als auch im polnisch-deutschen Dialog.
Der polnisch-ukrainische Dialog bildet da erst recht keine Ausnahme, denn in der Geschichte der Beziehungen zwischen unseren beiden Völkern gibt es schreckliche blutige Seiten. Ich bin dem vielfach begegnet – sowohl als Journalist als auch als Teilnehmer des polnisch-ukrainischen Dialogs. Und als ich den ukrainischen Teil des ukrainisch-polnischen Partnerschaftsforums leitete, das von den Außenministerien unserer beiden Länder geschaffen worden war, um Meinungsverschiedenheiten, auch historische, zu überwinden, verstand ich sehr gut, dass dieses Problem keineswegs verschwunden war. Und die Gewöhnung an den Krieg wird all diese Fragen selbstverständlich wieder in den Vordergrund rücken.
Für mich waren die wirtschaftlichen Aspekte weitaus gefährlicher, als Polen bereits während des Krieges wirtschaftliche Konkurrenz durch die Ukraine zu fürchten begann. Erinnern Sie sich an die Getreidekrise? Jetzt nähern wir uns erneut der Möglichkeit einer Blockade ukrainischer Häfen. Und alle Probleme des Transports ukrainischer Waren über das Gebiet der Nachbarstaaten können nun wieder zu den drängendsten und zerstörerischsten Problemen für die ukrainische Wirtschaft werden, wenn wir sie nicht lösen.
– Wie beurteilen Sie den Verhandlungsprozess? Blickt der Westen nicht immer noch zu naiv auf Russland und seine Ziele?
– Ich denke, dass in absehbarer Zukunft keine echten Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine über ein Ende des Krieges zu erwarten sind. Und ich sage Ihnen auch, unter welchen Bedingungen ich echte Verhandlungen für möglich halte – wann wir sagen könnten, dass ein realer Prozess beginnt.
Es handelt sich um jene Bedingung, die der Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, Wladimir Putin bereits während ihrer Kontakte im Jahr 2025 gestellt hatte: Einstellung des Feuers entlang der Frontlinie, Ende der gegenseitigen Bombardierungen und Beginn von Verhandlungen über einen dauerhaften Frieden. Wie Sie wissen, hat Putin dem nicht zugestimmt und diesen Prozess durch Verhandlungen während laufender Kampfhandlungen ersetzt, aus denen sich Russland inzwischen ebenfalls zurückgezogen hat.
Solange es also keine Waffenruhe gibt, kann keine Rede davon sein, dass im Kreml auch nur zehn Minuten lang jemand ernsthaft über Frieden nachgedacht hätte. Und wir werden diese Wahrheit akzeptieren müssen – die Wahrheit eines langen Krieges ohne Hoffnung auf ein baldiges Ende durch Verhandlungen.
Ich hoffe, dass der russisch-ukrainische Krieg allmählich abklingen wird. Aber mit einem dauerhaften Frieden oder irgendwelchen Vereinbarungen rechne ich in absehbarer Zukunft nicht. Und ich glaube auch nicht, dass sich irgendjemand, der die Entwicklung der Lage in Mittel- und Osteuropa in den zwanziger und dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts nüchtern beurteilt, darauf vorbereiten sollte.
– Wenn es der Ukraine gelingen würde, die Krim zurückzuerobern – würde das den Verlauf des Krieges oder die Haltung der russischen Gesellschaft gegenüber der Ukraine verändern?
– Ich würde die Bedeutung der Krim für die Fortsetzung dieses Krieges nicht überschätzen. Für den Großteil der russischen Gesellschaft würde ein Einmarsch der Ukraine auf die Krim als Besetzung russischen Territoriums gelten, denn genau das würde die russische Propaganda behaupten: Nun müsse man den Staat noch entschlossener vernichten, der uns erneut die heilige Krim genommen habe.
Ich glaube allerdings, dass es derzeit keinen Sinn hat, über die Kontrolle der Krim zu sprechen. Denn um die Kontrolle über die Krim zu erlangen, müsste zunächst der Teil der Region Cherson unter Kontrolle gebracht werden, der sich derzeit unter russischer Kontrolle befindet. Das würde einen Sturmangriff auf einen Brückenkopf über den Dnipro erfordern und zu gewaltigen Verlusten führen.
Genauso wie die Russen sich wegen des für sie ungünstigen Brückenkopfes letztlich in Cherson selbst nicht dauerhaft festsetzen konnten, wird es auch für die ukrainische Armee äußerst schwierig sein, den Dnipro zu überqueren und die Kontrolle über die Region Cherson zu erlangen.
Deshalb gehört all das derzeit noch in den Bereich militärischer Fantasie. Und in jedem Fall muss man verstehen: Dies ist kein Krieg um Territorien. Es ist ein Krieg, der auf die Beseitigung der ukrainischen Staatlichkeit und den Anschluss der Gebiete der ehemaligen Ukraine an die Russische Föderation abzielt. Deshalb wird keine territoriale Frage das eigentliche Grundproblem lösen. Russland betrachtet die Ukraine nicht als Staat und wird so lange für ihre Vernichtung kämpfen, wie der Präsident Russlands, die russische Armee und das russische Volk über die dafür notwendigen Kräfte und Ressourcen verfügen.
– Vor Kurzem veröffentlichte das Magazin The Economist ein Interview mit einem russischen Oligarchen. Sie haben gerade die russische Propaganda erwähnt. Manche Leser sahen dieses Interview als erneuten Versuch, nach einem „anderen Russland“ zu suchen. Glauben Sie, dass ein Teil des Westens noch immer nach einem bequemen Russland-Narrativ sucht und nicht akzeptieren kann, dass Russland weiterhin imperial denkt?
– Ich denke, der Westen würde sehr gern zu einer Art Normalisierung der Beziehungen mit Russland zurückkehren. Die Erkenntnis, dass dies in absehbarer Zukunft unmöglich ist, ist natürlich keine angenehme Nachricht – weder für westliche Politiker noch für die westlichen Gesellschaften.
Dennoch ist offensichtlich, dass man nach einem anderen Russland nicht unter jenen Menschen suchen sollte, die sich in Moskau befinden und ihre Aussagen sowie ihre Texte mit der Führung der Präsidialverwaltung Russlands abstimmen.
– Offensichtlich verändert sich die globale Sicherheitsarchitektur. Welche Rolle werden Ihrer Meinung nach Länder wie Litauen künftig spielen?
– Ich denke, das hängt davon ab, ob es den sogenannten mittleren Staaten, von denen der kanadische Premierminister Mark Carney auf dem Wirtschaftsforum in Davos gesprochen hat, gelingt, ihre Kräfte für das eigene Überleben zu bündeln.
Die Sicherheitsarchitektur verändert sich nicht nur – sie ist bereits zusammengebrochen. Denn die wichtigsten Staaten, die bereit sind, ihre militärischen Möglichkeiten zu demonstrieren – die Vereinigten Staaten und die Russische Föderation –, haben bereits gezeigt, wo die Grenzen dieser Möglichkeiten liegen. Und der dritte Kandidat, der das Fehlen solcher Möglichkeiten demonstrieren könnte, ist die Volksrepublik China.
Deshalb stehen wir an der Schwelle zum Chaos, an der Schwelle zum endgültigen Zusammenbruch der Weltordnung, an der Schwelle zu einer Welt, in der allein die Bereitschaft, die eigenen Möglichkeiten mit Gewalt zu demonstrieren, die einzige Überlebenschance souveräner Staaten sein wird.
Und wenn es uns nicht gelingt, unsere Kräfte zu bündeln, dann wird die Existenz nicht nur der Ukraine, sondern beispielsweise auch der baltischen Staaten auf der politischen Landkarte der Welt noch viele Jahrzehnte lang infrage stehen.
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Art der Quelle:Interview Titel des Originals:Украинский журналист Портников: «Мы стоим на пороге хаоса». 29.07.2026. Autor:Vitaly Portnikov Veröffentlichung:29.07.2026. Originalsprache:ru Plattform / Quelle:Zeitung Link zum Originaltext:
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In Russland brennt ein weiteres Logistikzentrum des Marktplatzes Wildberries. Diesmal im Ort Nowosemeikino in der Region Samara.
Es ist nur eines der Objekte, die in der vergangenen Nacht von den ukrainischen Verteidigungskräften getroffen wurden. Berichtet wurde außerdem über Probleme in einer Ölraffinerie in der Region Saratow der Russischen Föderation sowie über einen Brand auf dem Flugplatz Engels, den die russische Luftwaffe für Angriffe auf die Ukraine nutzt.
Obwohl der Marktplatz Wildberries formal kein militärisches Objekt ist und auch nicht mit dem russischen Ölraffineriesektor zusammenhängt, ist er dennoch möglicherweise eines der wichtigsten Objekte, die der russischen Wirtschaft helfen, unter den Bedingungen der Sanktionen zu funktionieren – und Putin dabei helfen, den Krieg fortzusetzen.
Man muss sich bewusst machen, dass Russland, wenn es Angriffe auf die Ukraine verübt, die es als Vergeltungsschläge bezeichnet – etwa gegen Lager von Nowa Poshta oder Rozetka, obwohl diese Angriffe lange vor den Schlägen gegen Wildberries-Marktplätze begannen –, diesen Unternehmen, den Menschen, die auf ihre Lieferungen warten, und letztlich der ukrainischen Wirtschaft als Ganzem zwar reale Probleme bereitet. Doch es sind keine Angriffe, die die ukrainische Wirtschaft so erschöpfen würden, dass wir der russischen Aggression nicht mehr widerstehen könnten.
Warum? Weil die ukrainische Wirtschaft eine Wirtschaft ist, die mithilfe westlicher Unterstützung künstlich am Leben erhalten wird. Wir verstehen sehr gut, dass die Ukraine ohne diese westliche Hilfe schon seit vielen Jahren nicht mehr in der Lage wäre, der russischen Aggression standzuhalten.
Erinnern wir uns daran, wie verheerend die russischen Angriffe auf unsere wirtschaftlichen Möglichkeiten bereits im Jahr 2022 waren. Inzwischen schreiben wir das Jahr 2026. Und niemand hat Zweifel daran, dass die Ukraine auch im kommenden Jahr 2027 wirtschaftlich in der Lage sein wird, den Folgen der russischen Aggression entgegenzutreten, weil die Unterstützung unseres Landes durch die Staaten der Europäischen Union bereits beschlossen wurde. Und ich habe keinerlei Zweifel daran, dass diese Hilfe – falls erforderlich – auch in den folgenden Kriegsjahren fortgesetzt werden wird.
Russland befindet sich hingegen in einer anderen wirtschaftlichen Lage, in der die Marktplätze von Wildberries gewissermaßen die Lungen der russischen Sanktionswirtschaft darstellen – einer wirtschaftlichen Entwicklung, die Putin erlaubt, in die Zukunft zu blicken und den Krieg für die kommenden Jahre zu planen.
Denn unter Bedingungen, in denen Zahlungen nicht mehr auf zivilisierte Weise abgewickelt werden können und die westlichen Sanktionen die Tätigkeit russischer Banken als klassische Finanzinstitute praktisch zum Erliegen gebracht haben, übernehmen gerade die Marktplätze die Rolle von Stabilisatoren der wirtschaftlichen Entwicklung der Russischen Föderation. Zugleich schaffen sie jenes notwendige Steuerpolster, das es der russischen Führung ermöglicht, enorme Militärhaushalte zu planen und sicher zu sein, dass die russische Armee auch weiterhin über die notwendigen Mittel aus dem Staatshaushalt verfügen wird, um ihre Aggression gegen die Ukraine fortzusetzen, und dass ihre Entwicklung auch in den kommenden Jahren oberste Priorität behalten wird.
Wenn es aber kein Geld gibt, wird es auch diese Möglichkeiten für die Armee nicht geben. Wer behauptet, Putin werde das Geld für den Krieg auf jeden Fall finden, weil er dafür die soziale Stabilität der einfachen Russen opfern werde, irrt sich schlicht deshalb, weil das Geld für den Krieg tatsächlich erst einmal vorhanden sein muss.
Das bedeutet: Die russische Wirtschaft muss auf ein Niveau gebracht werden, auf dem weder Geld für das Überleben des gewöhnlichen Russen vorhanden ist – der für die Staatsführung ohnehin uninteressant wird, weil er keine Steuern mehr zahlt, sondern sich in einen gewöhnlichen Bettler verwandelt – noch Geld für die russische Armee und ihre Aggressionen. Genau das könnte Russland tatsächlich daran hindern, seine Aggression gegen die Ukraine sowie seine aggressiven Pläne gegenüber anderen Nachbarstaaten fortzusetzen.
Wir wissen, dass diese Pläne – Putins Pläne für einen langen Krieg – auf seinem Schreibtisch liegen. Und genau in diesen Minuten, während Sie diese Analyse ansehen oder anhören, denkt er darüber nach, wie sich der russisch-ukrainische Krieg auf die Staaten Mittel- und Osteuropas sowie auf die baltischen Länder ausweiten lässt. Welches Land wird als Nächstes in die dunkle Finsternis eines russischen Angriffs stürzen?
Doch ohne Geld gibt es keinen Krieg. In die Sprache der heutigen russischen Politik übersetzt bedeutet das: Es gibt keinen Krieg ohne das Geld von Wildberries. Es gibt keinen Krieg ohne das Geld anderer russischer Marktplätze, die – so hoffe ich – in den kommenden Monaten der erbitterten und verzweifelten russisch-ukrainischen Auseinandersetzung ebenfalls zerstört werden.
Wie sich herausgestellt hat – und das ist eine unangenehme Überraschung für die Bürger der Russischen Föderation ebenso wie für ihre terroristische Führung –, kann ein Abnutzungskrieg von beiden Seiten geführt werden. Und Russland wird diesen Abnutzungskrieg nicht als starker Staat verlassen, der zuversichtlich in die Zukunft blickt.
Mehr noch: Man kann sagen, dass es für die Russische Föderation überhaupt keine Zukunft geben wird, wenn sie den Krieg gegen unser Land fortsetzt. Es werden lediglich Erinnerungen an die Vergangenheit bleiben, als die Russen unter Putin besser lebten als unter jedem anderen ihrer wahnsinnigen Herrscher.
Und es wird die Frage bleiben, an welchem Punkt Russland den falschen Weg eingeschlagen und sich in einen Staat der Ruinen, der Probleme und der offensichtlichen Ausweglosigkeit für den überwiegenden Teil seiner chauvinistisch gesinnten Bevölkerung verwandelt hat.
Und wir werden genau wissen, wann Russland den falschen Weg eingeschlagen hat: In dem Moment, als in den Köpfen seiner Machthaber die Idee entstand, die Staatlichkeit innerhalb der Grenzen der erbärmlichen Sowjetunion wiederherstellen zu können. In dem Moment, als die Entscheidung getroffen wurde, dass Russland ohne das ukrainische Territorium, ohne die Rückkehr zu den Grenzen von 1991 in Europa, seine Rolle als geopolitischer Akteur nicht zurückgewinnen und den Vereinigten Staaten von Amerika und der Volksrepublik China nicht auf Augenhöhe begegnen könne – jenen beiden Mächten, die sich auf den Kampf um das Monopol auf politischen Einfluss und wirtschaftliche Möglichkeiten in unserer komplizierten Welt des 21. Jahrhunderts vorbereiten.
Russland wollte an diesem erbitterten Kampf unbedingt teilnehmen, dass es damit letztlich seine eigene, für niemanden notwendige Existenz infrage gestellt hat. Und der Krieg gegen unser Land wird für die Russen zu jenem Ausgangspunkt werden, von dem an nur noch der Abstieg in einen historischen, politischen und sozialen Abgrund beginnt, aus dem sie sich noch viele, viele schwierige Jahrzehnte lang nicht befreien werden können.
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Art der Quelle:Artikel Titel des Originals:Україна добиває Wildberries | Віталій
Портников. 02.08.2026. Autor:Vitaly Portnikov Veröffentlichung:02.08.2026. Originalsprache:uk Plattform / Quelle:YouTube Link zum Originaltext:
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Stalin gliederte den lettischen Kreis Abrene Russland an – bereits nach der Besetzung Lettlands. Und Iwangorod – bereits nach der Besetzung Estlands. Niemand hielt es auch nur für nötig, den Bewohnern der „brüderlichen“ Lettischen SSR und der Estnischen SSR zu erklären, warum ein Teil des Territoriums dieser neuen Unionsrepubliken plötzlich zu Russland gehörte.
Während einer seiner jüngsten Reden erklärte Wladimir Putin, die westlichen Regionen der Ukraine seien angeblich ein Geschenk Stalins gewesen, der nicht einmal daran gedacht habe, dass die Sowjetunion eines Tages aufhören würde zu existieren.
Natürlich handelt es sich dabei um die übliche pseudohistorische Manipulation des russischen Präsidenten. Stalin dachte tatsächlich wohl kaum daran, dass die Sowjetunion zerfallen könnte. Für ihn existierte jedoch keine Ukraine als eigenständige Größe. Den Status der Unionsrepubliken betrachtete er seit seiner berühmten Auseinandersetzung mit Lenin mit Verachtung. Damals bestand Stalin, zu jener Zeit noch Volkskommissar für Nationalitätenfragen Sowjetrusslands, darauf, dass alle Sowjetrepubliken als autonome Republiken in die Russische SFSR eingegliedert werden sollten.
Die Angliederung der besetzten Gebiete Polens gerade an die Ukraine (und Belarus) diente Stalin ausschließlich dazu, sein Bündnis mit Adolf Hitler zu rechtfertigen. Die Ukrainer hatten damit überhaupt nichts zu tun. Doch bereits zwei Jahrzehnte vor den Ereignissen, an die Putin erinnerte, hatten sie die Westukrainische Volksrepublik ausgerufen und für ihre Staatlichkeit gekämpft. Stalin nutzte den Kampf des ukrainischen Volkes lediglich für die Interessen eines ganz anderen Staates – Russlands, das die Sowjetunion in Wirklichkeit war. Und gerade diesem Staat machte er die meisten Geschenke, über die Putin lieber schweigt.
Die Bolschewiki schenkten Sowjetrussland das ukrainische Taganrog und dessen Umgebung. Anton Tschechow bezeichnete sich nicht zufällig als Ukrainer – die Mehrheit der Bevölkerung seiner Heimat stammte tatsächlich von Ukrainern ab. Die Russifizierung erfolgte erst nach dem Anschluss an die Russische SSR.
Unter dem Vorwand der nationalen Interessen der Ukrainer oder Belarussen stärkte Stalin den Staat, den er beherrschte. Die Bewohner der annektierten Gebiete hingegen wurden zu Stiefkindern ihrer neuen Heimat, waren Repressionen und selbstverständlich der Russifizierung ausgesetzt.
Stalin gliederte einen riesigen Teil Finnlands Russland an – die einheimische Bevölkerung verließ die eroberten Städte und Dörfer einfach.
Stalin gliederte den lettischen Kreis Abrene Russland an – bereits nach der Besetzung Lettlands. Und Iwangorod – bereits nach der Besetzung Estlands. Niemand hielt es auch nur für nötig, den Bewohnern der „brüderlichen“ Lettischen SSR und der Estnischen SSR zu erklären, warum ein Teil des Territoriums dieser neuen Unionsrepubliken plötzlich zu Russland gehörte.
Stalin gliederte Tannu-Tuwa Russland an, heute bekannt als die Heimat Sergej Schoigus. Tannu-Tuwa war Teil des chinesischen Territoriums, geriet jedoch unter ein selbsternanntes russisches Protektorat, woraufhin die Bolschewiki dort eine Marionetten-Volksrepublik ausriefen. Doch selbst das genügte ihnen nicht: Tannu-Tuwa wurde schließlich zu einem autonomen Gebiet der Russischen SFSR.
Stalin gliederte einen Teil Ostpreußens Russland an, obwohl zwischen dem nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffenen Kaliningrader Gebiet und dem übrigen Territorium der Russischen SFSR nicht einmal eine gemeinsame Grenze bestand. Er „schenkte“ es weder Litauen noch Polen – sondern Russland. Und Putin behauptet noch, Stalin habe nicht an den Zusammenbruch der Sowjetunion gedacht. Im Gegenteil: Er dachte sehr wohl daran und traf zahlreiche Vorkehrungen. Überall, wo es möglich war, stellte er geopolitische Fallen auf – und in den 1990er-Jahren begannen die darin hinterlassenen Minen zu explodieren.
Zwischen den „Geschenken“ für die Ukrainer und andere Völker der Sowjetunion und den Geschenken für die Russen gibt es jedoch einen grundlegenden Unterschied. Indem Stalin die nationalen Interessen der Ukrainer oder Belarussen ausnutzte, stärkte er den Staat, den er regierte. Die Bewohner der annektierten Gebiete wurden zu Stiefkindern ihrer neuen Heimat, waren Repressionen und selbstverständlich der Russifizierung ausgesetzt.
Indem der Diktator und seine Nachfolger jedoch Gebiete anderer Länder und Völker der Russischen SSR zuschlugen, verwandelten sie diese in Russland. Und genau das tun sie bis heute, indem sie den Ukrainischunterricht in Regionen mit einem ukrainischen Bevölkerungsanteil von 90 Prozent abschaffen oder eine stärkere Vermittlung der russischen Sprache in einer Republik verlangen, deren Bevölkerung zu 90 Prozent aus Tuwinern besteht.
Wenn man also im Kreml den Nachbarn vorwirft, was Stalin ihnen geschenkt habe, sollte man sich zuerst daran erinnern, was Stalin ihnen genommen hat.
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Art der Quelle:Artikel Titel des Originals:Виталий Портников: Когда в Кремле попрекают соседей тем, что Сталин подарил, пусть вспомнят о том, что Сталин отобрал. 30.07.2026.
Autor:Vitaly Portnikov Veröffentlichung:30.07.2026. Originalsprache:ru Plattform / Quelle:Zeitung Link zum Originaltext:
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Der Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, betonte, dass er noch keine Entscheidung darüber getroffen habe, der Ukraine eine Lizenz für die Produktion von Raketen für Patriot-Luftverteidigungsbatterien zu erteilen, und eine solche Möglichkeit lediglich prüfe. Trump hob hervor, dass die Vereinigten Staaten derartige Lizenzen nur in Ausnahmefällen vergeben.
Doch es stellt sich die Frage, weshalb er selbst dem ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky während ihres vorletzten Treffens am Rande des NATO-Gipfels in Ankara eine solche Lizenz angeboten hatte. Ich sagte bereits damals, dass derartige Äußerungen Trumps, wenn man sie aus der diplomatischen Sprache in die Sprache der Realität übersetzt, ungefähr so klingen: „Ich kann dir keine Raketen für Patriot geben, aber nimm wenigstens die Lizenz.“
Dabei verstehen wir, dass der Aufbau einer Produktion solcher Raketen sowohl auf dem Gebiet der Ukraine als auch auf dem Gebiet jedes anderen Staates, der an unser Land grenzt, einen ziemlich langen Zeitraum von einem bis drei oder sogar fünf Jahren erfordert. Die Raketen zur Abwehr ballistischer Angriffe der Russischen Föderation braucht die Ukraine jedoch, wie Präsident Volodymyr Zelensky treffend sagte, bereits seit gestern.
Trumps Erklärung erfolgte vor dem Hintergrund von Informationen, wonach der amerikanische Präsident während seines Treffens mit Volodymyr Zelensky in Washington abgelehnt habe, der Ukraine 300 Abfangraketen für Patriot-Batterien zu liefern. Diese Absage war vollkommen vorhersehbar, denn infolge der Einsätze der amerikanischen Armee während des Krieges am Persischen Golf sind die Bestände an Patriot-Raketen für die von den amerikanischen Streitkräften selbst betriebenen Batterien erheblich zurückgegangen. Derzeit soll es noch ungefähr 800 Raketen geben, die für die Verteidigung benötigt werden.
Und das, obwohl in den Vereinigten Staaten pro Jahr nicht mehr als 800 Raketen hergestellt werden. Das bedeutet, dass die Streitkräfte der Vereinigten Staaten mit einem Jahresvorrat auskommen müssen. Und das wiederum vor dem Hintergrund, dass allein an einem Tag der Operation „Epischer Zorn“, ganz am Anfang der Kampfhandlungen der Vereinigten Staaten und Israels gegen den Iran, gerade 800 Luftabwehrraketen eingesetzt wurden.
Man kann sagen, dass die amerikanischen Militärs damals offenkundig nicht auf die iranischen Angriffe vorbereitet waren, weder auf Angriffe gegen militärische Einrichtungen der Vereinigten Staaten noch gegen strategische Objekte amerikanischer Verbündeter. Und jetzt, da die Frage, wie es mit dem Krieg am Persischen Golf weitergeht, keineswegs geklärt erscheint und Trump seine Haltung zu diesem Problem buchstäblich jeden Tag ändert, besteht die reale Gefahr, dass Amerika selbst gegenüber neuen Bedrohungen schutzlos dasteht.
Das ist das Ergebnis der Fehler des amerikanischen Präsidenten in der ersten Phase des Krieges mit dem Iran und der offensichtlichen Unfähigkeit der Streitkräfte der Vereinigten Staaten, einen modernen Krieg zu führen. Ich wundere mich immer wieder darüber, weshalb die Amerikaner nicht einmal darauf geachtet haben, wie sich der Krieg während der Kämpfe zwischen der russischen und der ukrainischen Armee verändert.
Volodymyr Zelensky hatte jedoch noch einen anderen Vorschlag, der die Forderung nach der Lieferung ballistischer Abfangraketen an unser Land ersetzen könnte. Es ging um die Erlaubnis für die Ukraine, Starlink-Technologien für Angriffe auf russische Abschussorte ballistischer Raketen zu nutzen. Das könnte weitere Angriffe auf das Gebiet unseres Landes unmöglich machen oder zumindest eine ernsthafte Warnung an Russland sein, solche Angriffe künftig einzustellen.
Damit diese Technologien tatsächlich genutzt werden könnten, wäre jedoch die Zustimmung des Starlink-Eigentümers erforderlich, des exzentrischen Milliardärs Elon Musk, der bekanntlich schwierige Beziehungen zu Donald Trump unterhält und seine Haltung zur Russischen Föderation und zu deren Staatschef Putin ständig verändert.
Elon Musk lehnte Berichten amerikanischer Medien zufolge ein Treffen mit dem ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky ab. Trump versprach dem Präsidenten der Ukraine lediglich, mit dem Gründer der entsprechenden Technologie zu sprechen.
Wir wissen nicht, ob Trump tatsächlich zu einem solchen Gespräch bereit ist. Man sollte in diesem Zusammenhang jedoch daran erinnern, dass man etwa die Möglichkeiten des inzwischen ehemaligen ukrainischen Verteidigungsministers Mychajlo Fedorov hätte nutzen können, der sich seinerzeit mit Elon Musk darauf verständigte, die Starlink-Technologie für die russischen Streitkräfte abzuschalten.
Wir hätten zumindest verstanden, wie groß Fedorovs persönliche Rolle dabei tatsächlich ist und in welchem Maß der Wunsch Musks selbst entscheidend ist, den einen oder anderen Schritt zu unternehmen, unabhängig davon, welcher ukrainische Beamte aus dem Umfeld Volodymyr Zelenskys mit dieser oder jener Initiative auftritt.
Vor dem Hintergrund der Notwendigkeit, Starlink-Technologien zu erhalten, wäre es meiner Ansicht nach sinnvoll gewesen, in der Regierungsmannschaft einen Menschen zu behalten, der in der Lage ist, mit Elon Musk und anderen Vertretern der Technologiebranche zu kommunizieren, unabhängig davon, welche Ansichten dieser Mensch über den weiteren Verlauf des russisch-ukrainischen Krieges vertritt.
Was Trumps Position betrifft, schließe ich nicht aus, dass auch der jüngste Angriff der Russischen Föderation seine Worte beeinflusst haben könnte, wonach er die Frage der Lizenzierung der Produktion von Patriot-Raketen in der Ukraine noch nicht entschieden habe. Bei diesem Angriff gelangte eine russische Rakete in den polnischen Luftraum und stürzte etwa 100 Kilometer von der polnisch-ukrainischen Grenze entfernt ab.
Für die Amerikaner ist das kein Scherz, sondern ein Hinweis darauf, dass Russland bereit ist, seine Raketen für Angriffe auf militärische Einrichtungen in NATO-Mitgliedstaaten einzusetzen. In Warschau wird bereits betont, dass die Rakete ungefähr 30 Kilometer von einem Rüstungsbetrieb entfernt niederging, der Waffen für die Bedürfnisse der ukrainischen Streitkräfte modernisiert.
Damit sandte Putin dem amerikanischen Präsidenten ein eindeutiges Signal: Sollte die Produktion von Patriot-Raketen tatsächlich auf dem Gebiet der Ukraine aufgebaut werden, würde sie sofort zum Ziel russischer Angriffe. Und selbst wenn sie auf dem Gebiet eines benachbarten NATO-Mitgliedstaates eingerichtet würde, wären Angriffe der Russischen Föderation auf ein solches Objekt durchaus möglich.
Das würde Washington, wie wir verstehen, dazu zwingen, eine Entscheidung über eine Reaktion auf solche Angriffe zu treffen, über den Schutz der Verbündeten oder aber über die Verweigerung dieses Schutzes – mit Folgen, die als Zusammenbruch der euroatlantischen Solidarität und der gesamten Idee der NATO bezeichnet würden.
Ein solches Signal könnte Trump tatsächlich dazu veranlasst haben, die von ihm offenbar bereits gegebenen Zusagen noch einmal zu überdenken.
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Art der Quelle:Artikel Titel des Originals:Трамп дає задню з Patriot | Віталій Портников. 31.07.2026. Autor:Vitaly Portnikov Veröffentlichung:31.07.2026. Originalsprache:uk Plattform / Quelle:YouTube Link zum Originaltext:
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Korrespondentin: Nach jedem großen internationalen Erfolg der Ukraine auf der internationalen Bühne sehen wir entweder Versuche Russlands, die Ukrainer mit ihren Verbündeten zu entzweien, oder massive Raketenangriffe. An diesem Tag, in dieser Nacht, haben wir beides erlebt. Ist das Russlands Strategie oder ein Zufall, an den man eigentlich nur schwer glauben kann? Heute versuchen wir in unserem Thema des Tages gemeinsam mit unserem Gast, das einzuordnen. Unser Gast ist der Journalist und Publizist Vitaly Portnikov.
Ihre Experteneinschätzung ist heute wichtiger denn je, um dieses Geflecht zu entwirren. Haben Sie nicht auch den Eindruck, dass diese Eskalation Russlands immer nach einem bedeutenden diplomatischen Erfolg der Ukraine auf der internationalen Bühne erfolgt? Was denken Sie darüber?
Portnikov: Ich denke, das ist aus der Sicht der russischen Wahrnehmung der internationalen Realität völlig logisch. Wenn Russland eine bestimmte Anzahl von Raketen – ballistische Raketen, Marschflugkörper – sowie ganze Schwärme von Drohnen für Angriffe auf die Ukraine vorbereitet hat, dann ist es nur folgerichtig, diesen Angriff nach einem Treffen der Präsidenten der Vereinigten Staaten und der Ukraine oder nach einem wichtigen internationalen Gipfel oder einem Treffen europäischer Staats- und Regierungschefs durchzuführen. Denn wenn ein solches Ereignis kurz zuvor stattgefunden hat, muss es von den Beteiligten zwangsläufig kommentiert werden. Das lässt sich nicht verhindern.
Selbst wenn das Treffen zwischen Volodymyr Zelensky und Donald Trump ohne Presse stattfand – erstens musste man ja überhaupt wissen, dass es ohne Presse stattfinden würde –, war doch klar, dass der amerikanische Präsident auf den russischen Angriff irgendwie hätte reagieren müssen. So aber war das Treffen bereits beendet, die internationale Tagesordnung abgearbeitet, und man konnte zuschlagen – und dabei zugleich daran erinnern, dass die Lage der ukrainischen Luftverteidigung tatsächlich äußerst schwierig ist.
Und das ist nicht nur ein Signal an die Ukraine, sondern auch an unsere Verbündeten. Ich möchte daran erinnern, dass die schwierige Lage bei der Luftverteidigung heute nicht nur die Ukraine betrifft. Auch die Vereinigten Staaten befinden sich in einer sehr schwierigen Situation. Das bedeutet, dass der Mangel an Luftverteidigung ein Problem des gesamten kollektiven Westens ist. Wenn Sie so wollen, ist das ein Problem von Vancouver bis Charkiw.
Korrespondentin: Verstehe. Aber dann ist doch wiederum unklar: Wenn Russland diesen Angriff vorbereitet hatte, dann war es offenbar sicher, dass Zelenskys Besuch in Washington erfolgreich verlaufen würde. Wir kennen schließlich ganz unterschiedliche Ergebnisse seiner Besuche in Washington. Wie erklären Sie sich das?
Portnikov: Ich glaube nicht, dass es hier um den Erfolg des Besuchs geht. Was bedeutet überhaupt ein erfolgreicher Besuch? Ein erfolgreicher Besuch sind konkrete Entscheidungen. Russland will verhindern, dass Trump während seines Treffens mit Zelensky irgendwelche besonderen Entscheidungen trifft, wenn Sie so wollen. Stellen Sie sich einfach ein Treffen des amerikanischen und des ukrainischen Präsidenten vor, während gleichzeitig große Zerstörungen stattfinden. Trump könnte dann entscheiden, der Ukraine trotz des Mangels an Luftverteidigungssystemen in den Vereinigten Staaten einige Raketen zu liefern und nicht nur über Lizenzen für die Ukraine zu sprechen. Verstehen Sie?
Der Erfolg solcher Besuche hängt von konkreten Absichten unserer Verbündeten ab.. Wenn wir sehen, dass das Treffen zwischen Zelensky und Trump stattgefunden hat, aber keinerlei konkrete Entscheidungen hervorgebracht hat und lediglich damit endete, dass der amerikanische Präsident erneut erklärte, Russland und die Ukraine müssten den Krieg beenden, dann glaube ich, dass Russland gerade auf die gewünschte Wirkung seiner Angriffe zum Zeitpunkt eines solchen Treffens setzt.
Korrespondentin: Was bedeutet dann in diplomatischer Sprache „ein gutes Gespräch“, wie beide Präsidenten anschließend in ihren sozialen Netzwerken geschrieben haben?
Portnikov: Nun, wir wissen doch inzwischen, was ein gutes Gespräch mit Donald Trump bedeutet – weil wir auch schon ein schlechtes gesehen haben. Wir haben das schlechte Gespräch zwischen Volodymyr Zelensky und Donald Trump im Oval Office erlebt. Das war ein historisch schlechtes Gespräch.
Wenn man künftig darüber spricht, was ein schlechtes Gespräch im Oval Office ist, wird Trump längst nicht mehr Präsident sein, man wird vielleicht sogar Zelensky vergessen haben – aber dieses Ereignis wird ein historischer Fakt bleiben.
Dann wird man sagen: „Wissen Sie, was hier passiert ist? Sehen Sie sich diesen Raum an. Hier hat sich ein amerikanischer Präsident mit seinem Gast, dem Präsidenten der Ukraine, gestritten.“ Die meisten Menschen werden sich dann – und ich hoffe, dass wir bis dahin Frieden haben werden – vermutlich nicht einmal mehr vorstellen können, wo die Ukraine liegt, weil eine friedliche Ukraine Millionen Amerikaner kaum interessieren dürfte. Aber diese Geschichte wird Teil der Geschichte bleiben.
Ein gutes Gespräch ist dagegen eines, bei dem man sich nicht mit Trump streitet. Denn Donald Trump verfügt heute über keinerlei echte, konkrete Mechanismen, um Druck auf Russland auszuüben. Also müssen wir zumindest erreichen, dass er keinen Druck auf die Ukraine ausübt. Wir müssen zumindest erreichen, dass er Russland nicht mit seinen Entscheidungen hilft. Das ist ein gutes Gespräch.
Korrespondentin: Also nach dem britischen Motto: „No news is good news.“ Wenn man sich nicht gestritten hat, ist das schon gut. Verstehe ich das richtig?
Portnikov: Man hat sich nicht gestritten. Russland hat keine Lizenz erhalten, sein Öl im globalen Süden zu verkaufen. Es wurde bestätigt, dass wir Lizenzen für Patriot erhalten können. Das bedeutet: Vielleicht schon in einem Jahr, vielleicht in drei bis fünf Jahren werden wir diese Raketen selbst produzieren.
Glauben Sie, wir würden sie dann nicht mehr brauchen? Doch, wir werden sie noch viele Jahre brauchen. Die Luftverteidigung der Ukraine ist heute eine Aufgabe für viele Jahre. Und das ist ebenfalls eine sehr schlechte Nachricht.
Jedenfalls sehen wir, dass Trump sich optimistisch über die Perspektive eines Endes des russisch-ukrainischen Krieges äußert und uns nicht vorwirft, wir wollten den Krieg nicht beenden. Das ist wichtig.
Korrespondentin: Trumps Optimismus ist allerdings ebenfalls eine ziemlich wechselhafte Größe. Erst waren es 24 Stunden, dann zwei Wochen. Was steckt heute hinter diesem Optimismus?
Portnikov: Ich glaube, genauso wie im Nahen Osten weiß der Präsident der Vereinigten Staaten einfach nicht, wie dieser russisch-ukrainische Krieg beendet werden kann. So seltsam es klingt: Aus dem russisch-ukrainischen Krieg gibt es sogar realistischere Auswege als aus dem Krieg im Nahen Osten.
Denn Iran verfügt über einen so bedeutenden Trumpf wie die Straße von Hormus, zu der nun auch die Meerenge Bab al-Mandab hinzukommt. Damit kann Iran die Weltwirtschaft destabilisieren und letztlich sogar die politische Zukunft seines Gegners in den kommenden Monaten infrage stellen. Russland besitzt solche wirtschaftlichen Trümpfe nicht. Der russisch-ukrainische Krieg findet an der Peripherie der Weltwirtschaft statt.
Das bedeutet allerdings nicht, dass sich die Lage nicht ändern könnte. Denn wenn Russland infolge ukrainischer Angriffe tatsächlich vom Ölmarkt verdrängt würde, hätte das ebenfalls erhebliche Auswirkungen auf das weltweite Gleichgewicht auf den Ölmärkten. Deshalb hätten im Grunde alle ein Interesse daran, dass Russland als Ölstaat bestehen bleibt.
Dafür müsste Russland allerdings bereit sein, den Krieg zu beenden. Und dafür wiederum müsste der Druck auf Russland erhöht werden. Hier bestehen mehr Möglichkeiten als im Fall Irans. Das wollte ich damit sagen. Trump muss sich allerdings erst zu einem solchen Ansatz entschließen.
Korrespondentin: Wenn wir darauf zurückkommen – Sie haben so viele interessante Punkte angesprochen. Zum Beispiel unseren Optimismus, den Optimismus der Ukraine, Polens und ganz Europas hinsichtlich der sogenannten Höllensanktionen. Welche Fallstricke sehen Sie dabei? Denn vieles ist noch gar nicht wirklich geklärt. Trump hat einige Befugnisse erhalten und könnte manche Entscheidungen eigenständig treffen. Gleichzeitig ist Trump ein ziemlich unberechenbarer Mensch. Welche Fallstricke sehen Sie?
Portnikov: Ich denke zunächst einmal, wir sollten abwarten, bis dieses Gesetz tatsächlich verabschiedet wird. Selbst wenn der Senat es noch rechtzeitig verabschiedet, wird sich das Repräsentantenhaus erst nach der Sommerpause, also praktisch im September, damit befassen. Und im September kann die Lage bereits völlig anders aussehen. Sie verstehen ja: Heute kann niemand seriös vorhersagen, was in den kommenden Wochen passieren wird.
Zweitens handelt es sich um ein Gesetz, das dem Präsidenten Befugnisse verleiht. Es gibt Trump die Möglichkeit, Sanktionen gegen Länder zu verhängen, die russisches Öl kaufen. Aber die Zollkriege des amerikanischen Präsidenten haben bereits gezeigt, dass die Vereinigten Staaten heute nicht mehr über die Instrumente verfügen, um Länder des globalen Südens wirksam unter Druck zu setzen.
Selbst wenn wir die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten außer Acht lassen, die die Einführung dieser hohen Trump-Zölle unmöglich machte, wurden die von Trump verhängten Zölle letztlich deshalb wieder aufgehoben, weil sich herausstellte, dass sie der amerikanischen Wirtschaft selbst schadeten.
Es ist also schwer vorstellbar, dass Donald Trump hundertprozentige Strafzölle gegen China verhängt, weil China russisches Öl kauft. China könnte daraufhin der amerikanischen Wirtschaft vor den Zwischenwahlen erheblichen Schaden zufügen. Selbst wenn Trump also zu einer echten wirtschaftlichen Konfrontation mit der Volksrepublik China bereit wäre, würde das frühestens im November oder Dezember dieses Jahres geschehen.
Mit Indien ist die Lage etwas anders. Indien kauft bereits jetzt weniger russisches Öl. Und ich denke, sofern es keine schweren Erschütterungen auf den Weltmärkten gibt – die allerdings durchaus möglich sind –, wird sich dieser Trend fortsetzen.
Ich sehe kein Instrument, auch kein gesetzliches, das Russland dazu zwingen könnte, seine Position grundlegend zu ändern – außer möglichen Schlägen gegen die russische Wirtschaft, wie sie die Streitkräfte der Ukraine führen. Keine Sanktionen werden die russische politische Führung in den kommenden Monaten oder Jahren dazu bewegen, ihre Haltung zum Krieg gegen die Ukraine grundlegend zu ändern.
So einfach funktioniert das heute nicht mehr. Wir leben heute in einer Welt mit zwei Wirtschaftssystemen. Es gibt die Wirtschaft des Westens und die Wirtschaft des globalen Südens, deren Zentrum China und Indien bilden. Der Westen kann dem globalen Süden seine wirtschaftlichen Bedingungen nicht mehr diktieren. Diese Zeit ist vorbei.
Die Vereinigten Staaten sind nicht mehr der uneingeschränkte wirtschaftliche Führer der Welt, wie sie es während der Existenz der Sowjetunion waren, als amerikanische Hochtechnologie-Sanktionen die Entwicklung der UdSSR praktisch unmöglich machten.
Heute existieren zwei wirtschaftliche Systeme. Und wir wissen noch nicht, welches sich in dieser Konkurrenz durchsetzen wird. Die Volksrepublik China verfügt jedenfalls über erhebliche Möglichkeiten, in diesem Wettbewerb erfolgreich zu sein.
Korrespondentin: Das heißt also, die Höllensanktionen sind gar nicht so höllisch. Warum wird dann so viel darüber gesprochen und warum setzt man gerade in der Ukraine so große Hoffnungen auf sie?
Portnikov: Weil ein Gewehr, das an der Wand hängt, manchmal auf das Publikum einen ebenso großen Eindruck macht wie ein Schuss daraus.
Sie waren doch schon einmal im Theater. Wenn dort ein Gewehr an der Wand hängt, fällt Ihr Blick automatisch darauf. Und nach der berühmten Regel Anton Tschechows denken Sie unweigerlich: Früher oder später wird dieses Gewehr abgefeuert werden.
Wenn diese Sanktionen verabschiedet werden, ist das deshalb ein ernstes Signal an die Länder des globalen Südens und an ihre Raffinerien, ihre Beziehungen zur Russischen Föderation abzubrechen. Denn: Was, wenn tatsächlich Zölle eingeführt werden? Was, wenn man Gewinne verliert? Was, wenn man gezwungen ist, andere Wege zu finden, hohe Gewinne zu erzielen?
Russisches Öl ist für viele Länder des globalen Südens nämlich ausgesprochen profitabel. Sie kaufen es billig ein, verarbeiten es zu Erdölprodukten und verkaufen diese gegen harte Währung. Das bringt tatsächlich hohe Gewinne.
Wenn jedoch dieses Gewehr der Sanktionen vor Ihren Augen hängt, verzichten Sie vielleicht lieber auf diesen Zusatzgewinn, um nicht selbst unter Sanktionen zu geraten und Ihr Unternehmen nicht zu gefährden.
Das spielt durchaus eine Rolle. Aber es ist ein Prozess. Wir sprechen ständig darüber, wie man den Krieg möglichst schnell beenden kann. Schnell funktioniert das nicht.
Wenn wir jedoch davon sprechen, dass wir das Ende des russisch-ukrainischen Krieges noch in den 2020er- oder 2030er-Jahren erleben möchten – nach inzwischen zwölf Jahren Konflikt –, dann hoffen wir alle, dass er zumindest innerhalb der nächsten zwölf Jahre endet. Das ist Teil eines Prozesses.
Korrespondentin: Es fällt schwer, Ihnen zu widersprechen. Tatsächlich weiß heute niemand, was in zwei Wochen sein wird. Die Lage verändert sich täglich. Gestern hatten wir mit Ihnen noch ein anderes Gesprächsthema vereinbart. Heute Nacht hat alles verändert.
Portnikov: Erinnern Sie sich, als wir darüber gesprochen haben, dass irgendwann eine russische Rakete polnisches Territorium erreichen würde? Ich möchte Sie ebenso wie damals bei den Drohnen davon überzeugen: Das war nicht die letzte russische Rakete, die in den polnischen Luftraum eingedrungen ist.
Wir werden weitere Einschläge erleben. Vielleicht sogar tragischere als diesen. Auf all das – darauf, dass der Krieg nach Europa kommt – muss man sich als Realität unserer Gegenwart einstellen.
Denn auch das ist logisch. Wenn die Russische Föderation weiterhin darauf hofft, die ukrainische Staatlichkeit rasch zu zerstören, wenn der Kreml glaubt, dass die Ukraine nur deshalb noch existiert, weil sie Unterstützung aus Europa erhält, dann ist eine Ausweitung des Krieges auf die Staaten Mitteleuropas in der einen oder anderen Form eine logische Entwicklung. Die Länder Mitteleuropas sind die nächsten Opfer dieser Eskalation.
Korrespondentin: Ja, aber Sie haben ganz klar gesagt, dass es sich um eine russische Rakete handelt. Darauf möchte ich eingehen. Im polnischen Informationsraum und auch von offiziellen Stellen wird nämlich niemand eindeutig sagen: Das war eine russische Rakete. Man hört Formulierungen wie „wahrscheinlich“, „möglicherweise“, „nicht ausgeschlossen“. Und mehr noch: Der estnische Außenminister, der auf solche massiven Angriffe meist als Erster reagiert, schrieb: „Der polnische Luftraum wurde verletzt. Das ist eine Erinnerung daran, dass Russlands Angriffskrieg über die Grenzen der Ukraine hinausreicht.“ Warum fällt es europäischen Politikern so schwer zu sagen: Es war eine russische Rakete in Polen?
Portnikov: Sie verstehen doch: Anders als bei Drohnen – eine Drohne kann russisch oder ukrainisch sein –, verfügt die Ukraine gar nicht über solche Raketen. Wir wissen doch genau, um welchen Raketentyp es sich handelt. Sie kann nur russisch sein.
Aber zu sagen, dass eine Rakete ein NATO-Mitglied getroffen hat, bedeutet, sich selbst schwierige Fragen zu stellen: Was tun wir jetzt? War das wirklich ein Zufall? Oder ist es die Vorbereitung auf etwas Größeres? Wird Artikel 5 unter dieser amerikanischen Administration tatsächlich greifen? Wozu ist die russische Führung bereit, wenn es um die Länder Mitteleuropas geht?
Für europäische Politiker ist es äußerst schwer, sich selbst und ihren Wählern zu sagen, dass sie nicht mehr neben einem Krieg leben, sondern bereits mitten im Krieg. Dass der Krieg für die Bewohner Mitteleuropas für Jahre oder gar Jahrzehnte Teil der Lebenswirklichkeit wird.
Krieg als Normalität zu akzeptieren, ist immer schwierig. Das wissen wir aus der Erfahrung der Ukrainer. Zu akzeptieren, dass Krieg die Norm ist und Frieden vielleicht nur noch der Vergangenheit angehört und in den kommenden Jahrzehnten womöglich nicht mehr zum normalen Leben gehört – dazu muss man eine enorme psychologische Anstrengung aufbringen, die einen in die Realität zurückholt.
Wir sehen doch, dass selbst ukrainische Politiker, selbst Staats- und Regierungschefs, sich das nicht eingestehen können. Stellen Sie sich nun die Europäer vor, die immer überzeugt waren, durch Artikel 5 zuverlässig geschützt zu sein. Dass niemals eine fremde Rakete oder eine fremde Drohne in ihrem Luftraum auftauchen würde – schließlich gibt es die Vereinigten Staaten.
Und stellen Sie sich übrigens auch die Russen vor. Kein Russe hätte jemals geglaubt, dass eine fremde Drohne, eine fremde Waffe oder eine fremde Rakete einmal einen Marktplatz oder eine Raffinerie treffen könnte, neben der er lebt. Das schien unmöglich. Russland galt als größte Atommacht der Gegenwart. Jeder Staat, der Russland angreifen würde, würde innerhalb von 24 Stunden ausgelöscht werden.
Mit dieser Vorstellung wurden ganze Generationen sowjetischer Menschen erzogen: Man wolle uns zwar angreifen, habe aber Angst davor und werde es niemals wagen. Wir dagegen könnten alles tun, was wir wollten. Mit derselben Vorstellung sind auch die Generationen der Russen unter Putin aufgewachsen.
Und nun hat sich herausgestellt, dass das nicht funktioniert. Dass heute jeder Opfer eines Krieges werden kann. Selbst jemand, der im Aggressorstaat lebt. Selbst wenn dieser Aggressorstaat über das größte Atomwaffenarsenal der Menschheitsgeschichte verfügt. Sehen Sie, wie grundlegend sich inzwischen alles verändert hat.
Korrespondentin: Ja, alles verändert sich. Ich erinnere mich an Joe Bidens Vorsicht. Auch sie waren schließlich mit genau diesem Paradigma aufgewachsen: Wer Russland angreift, verschwindet innerhalb von 24 Stunden. Aber inzwischen hat sich alles verändert, wie Sie gerade gesagt haben. Auch im Denken der Europäer hat sich etwas verändert, auch wenn sich das an ihrem Handeln bisher nur schwer erkennen lässt.
Portnikov: Ich denke, auch im Denken der Europäer verändert sich etwas. Denn ebenso wie die Amerikaner konnten sie sich Angriffe auf Russland, auf das souveräne Territorium Russlands, lange Zeit überhaupt nicht vorstellen.
Sie erinnern sich doch, wie schwer sich unsere Verbündeten damit taten, dem zuzustimmen. Heute greift die Ukraine nicht nur russisches Staatsgebiet an, sondern setzt auch Storm-Shadow-Raketen ein – und nichts passiert. Wie Sie sehen, bombardieren die Russen deshalb nicht London.
Aber Sie haben völlig recht: Die große Phase dieses Krieges begann mit der Vorstellung des Westens, dass dieser Krieg ausschließlich auf ukrainischem Boden stattfinden dürfe.
Nach dem Motto: „Ihr könnt mit den Russen auf eurem eigenen Territorium machen, was ihr wollt. Schließlich ist es euer souveränes Staatsgebiet. Gut, ihr könnt sie auf der Krim oder im Donbas angreifen. Aber das eigentliche Territorium der Russischen Föderation darf auf keinen Fall Teil dieses Krieges werden.“
Und ich habe von Anfang an, seit 2022, gesagt, dass das ein völlig falscher Ansatz ist. Denn ein Krieg, der ausschließlich auf dem Territorium eines einzigen Landes geführt wird, kann ewig dauern. Dieses Land wird dann einfach zum Übungsgelände des anderen Staates, der dort Krieg führt. Und mit jedem Jahr wird dieses Übungsgelände für diesen Staat und seine Verbündeten noch interessanter.
Zu sagen: „Seht ihr, Russland denkt bestimmt schon über Frieden nach“, ist völlig falsch. Keine einzige Minute lang. Wenn man Chinesen einladen kann, Nordkoreaner einladen kann, Ukrainer wie auf einem Schießstand töten kann, wenn dieser Krieg nur ein Computerspiel ist, das das Leben der russischen Bevölkerung überhaupt nicht berührt – warum sollte man ihn dann beenden? Aus welchem Grund?
Jetzt aber hat sich alles verändert. Russland selbst ist zum Kriegsschauplatz geworden. Und nun denkt Russland darüber nach, diese Kampfhandlungen auch auf andere Länder auszuweiten. Das ist ein neuer Prozess.
Korrespondentin: Wie sehen Sie die Ausbreitung dieses Dritten Weltkriegs, von dem inzwischen in den Medien gesprochen wird? Der Sekretär des Verteidigungsausschusses der Werchowna Rada, Roman Kostenko, sagt beispielsweise ganz offen, die Ukraine habe Möglichkeiten, auf iranische Angriffe zu reagieren.
Portnikov: Übrigens gab es in einigen Quellen Informationen, dass Iran tatsächlich bereit sei, Raketen zu starten.
Korrespondentin: Einen symbolischen Angriff.
Portnikov: Mehr noch: Es gab sogar Berichte, dass Iran bereits Raketen gestartet habe, diese ihr Ziel aber nicht erreicht hätten. Das können wir nicht überprüfen, aber solche Informationen existierten. Ich kann dafür keine Verantwortung übernehmen, aber ich schließe nicht aus, dass sich so etwas noch ereignen wird.
Ich kann Ihnen die Entwicklung der Ereignisse ziemlich klar beschreiben.
Erstens geschieht bereits etwas, worüber ich gerade einen Artikel für die Times of Israel geschrieben habe. Wenn man den Begriff aus dem Englischen übersetzt, den ich verwendet habe, dann lautet er: das VerschmelzenzweierKriege. Des Krieges im Persischen Golf und des russisch-ukrainischen Krieges.
Die Ukraine greift einen iranischen Tanker an. Iran greift die Ukraine mit Raketen an. China, das russisches Öl kauft und damit Russland finanziert, liefert Iran Flugabwehrsysteme zur Stärkung seiner Luftverteidigung.
Übrigens zerstört das sämtliche Hoffnungen Trumps und seiner Regierung, Iran werde seinen militärischen Handlungsspielraum irgendwann erschöpfen. China wird das nicht zulassen – oder es zumindest zu verhindern versuchen.
Damit sehen wir, dass der Kriegsschauplatz im Persischen Golf und der Kriegsschauplatz hier in Mitteleuropa faktisch zu einem einzigen Kriegsschauplatz verschmelzen. Das ist der erstePunkt.
Der zweitePunkt sind Russlands hybrideAktionen gegen jene Staaten, die der Ukraine helfen, sich in diesem Krieg zu behaupten. Ganz ähnlich wie Irans Angriffe gegen Staaten, die den Vereinigten Staaten im Konflikt mit Iran helfen.
Wenn Iran weiß, dass die Verbündeten der Vereinigten Staaten deren Schwachstelle sind, dann kann Russland dasselbe gegenüber Polen und insbesondere den baltischen Staaten versuchen.
Und wenn diese hybriden Angriffe keine ernsthafte Reaktion der NATO-Staaten hervorrufen, wenn alle wie Strauße den Kopf in den Sand stecken und sagen: „Wir wissen nicht, wer das war, was passiert ist und warum“, dann wird ein echter Krieg beginnen. Russland prüft im Moment lediglich die Wassertemperatur.
Das ist die Entwicklungslinie, die ich für die Ausbreitung dieses Krieges in den kommenden Monaten oder vielleicht im nächsten Jahr sehe: Verschmelzung der Kriege, hybride Angriffe und schließlich eine umfassendeEskalation. Das sind die drei wahrscheinlichsten Perspektiven unseres Lebens in der nächsten Zeit.
Korrespondentin: Das ist tatsächlich eine sehr düstere Perspektive. Vielleicht ist sie aber auch eine Chance für die Ukraine, das Verständnis der Europäer und ihrer Verbündeten – etwa auch Trumps – zu vertiefen. Wir sehen ja, wie stark er sich inzwischen gedreht hat, irgendwelche Blogger reisen plötzlich in die Ukraine. Glauben Sie, dass sich diese gesamte rechtsradikale Bewegung Trump anschließen wird? Und dass sich beispielsweise auch Nawrocki, der der Ukraine und Zelensky bislang eher kritisch gegenübersteht, in diese Richtung bewegen könnte? Oder die Franzosen?
Portnikov: Ohne Zweifel schauen all diese Menschen sehr genau auf die Stimmung in Washington. Alle.
Aber Trump muss nicht nur reden, sondern handeln. Es braucht eine Änderung der Politik. Eine Änderung der Politik bedeutet die reale Bereitschaft, der Ukraine zu helfen. Die reale Bereitschaft, Druck auf Russland auszuüben. Und die Bereitschaft, Europa nicht zu verlassen.
Das größte Problem für all jene, die heute in einem Boot sitzen – auch mit Präsident Nawrocki oder jedem anderen einflussreichen europäischen Politiker aus dem rechten Lager –, besteht darin, dass die Amerikaner Europa verlassen wollen.
Und zwar unabhängig davon, wer regiert. Sie sind bereit, sich ebenso von Bundeskanzler Merz wie von Nawrocki oder Marine Le Pen zurückzuziehen, sollte sie Präsidentin Frankreichs werden.
Deshalb haben wir alle – Liberale, Konservative, Rechtspopulisten, Linkspopulisten; wobei Letzteren das vielleicht weniger wichtig ist, aber alle vernünftig denkenden Menschen – ein gemeinsames Interesse daran, dass die Amerikaner bleiben.
Denn es gilt eine einfache Regel: Wenn die Amerikaner gehen, wer kommt dann? Die Russen. Das muss man verstehen.
Deshalb wünsche ich mir, dass wir begreifen: Selbst mit Menschen, mit denen wir in Fragen der Zukunft Europas oder der historischen Ereignisse der vergangenen schwierigen Jahrzehnte unterschiedlicher Meinung sein mögen, sollten wir gemeinsam verhindern wollen, dass die kommenden Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts schlimmer werden als die Mitte des 20. Jahrhunderts in Mitteleuropa.
Und alle Voraussetzungen dafür, dass diese Jahrzehnte schlimmer werden könnten als das 20. Jahrhundert, sind heute leider vorhanden.
Korrespondentin: Eine letzte Frage für diese Sendung: Wie sehen Sie nach diesem Raketeneinschlag die Entwicklung der ukrainisch-polnischen Beziehungen? Wird das etwas verändern – verschlechtern oder verbessern? Wird es mehr Zusammenarbeit geben? Skizzieren Sie doch bitte einmal die Situation, auch vor dem Hintergrund, dass Zelensky gestern in Lublin war und sich dort mit Donald Tusk getroffen hat.
Portnikov: Ich denke, die Ukraine und Polen müssen begreifen, dass sie in einem Boot sitzen. Wenn eine russische Rakete einschlägt, sollte das sowohl für die polnische Führung als auch für das polnische Volk eine sehr ernste Erinnerung daran sein, dass die Ukraine nicht einfach eine Festung für Polen ist, sondern die Kraft, die Russland und seine aggressiven Absichten aufhalten kann.
Wird Russland hier in der Ukraine gestoppt, wird es nicht weitergehen und die Sicherheit Polens nicht auf die Probe stellen. Wird Russland in der Ukraine nicht gestoppt, dann wird Polen unweigerlich das nächste Opfer dieser Eskalation sein. Genau dieses Bewusstsein sollte uns in der kommenden Phase dieser Konfrontation verbinden.
Korrespondentin: Das ist für die Ukrainer offensichtlich. Hoffen wir, dass auch die Polen auf politischer Ebene darüber künftig häufiger sprechen werden. Denn die Lager sind gespalten. Wir beobachten die Entwicklung aufmerksam.
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Art der Quelle:Artikel Titel des Originals:Європа все ще боїться Путіна | Віталій
Портников @polskieradiodlaukrainy. 01.08.2026. Autor:Vitaly Portnikov Veröffentlichung:01.08.2026. Originalsprache:uk Plattform / Quelle:YouTube Link zum Originaltext:
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Ein weiterer russischer Angriff mit ballistischen Raketen auf die Ukraine, vor allem auf Kyiv. Mein aufrichtiges Mitgefühl gilt den Angehörigen der Getöteten – derzeit ist von neun Menschen die Rede, die bei diesem Angriff ums Leben kamen – sowie allen, die durch das russische Bombardement verletzt wurden. Inzwischen spricht man bereits von Dutzenden Verletzten, derzeit von 28.
In der gesamten ukrainischen Hauptstadt gibt es Brände. Die Einschläge trafen Wohnviertel, Wohnhäuser und Einkaufszentren. Und ich werde nicht müde zu wiederholen, dass es sich dabei um Luftterror handelt. Ja, ich habe keinen Zweifel daran, dass die Russen für ihre Angriffe bestimmte Ziele auswählen, wenn sie dieses ballistische Zeitfenster nutzen. Aber Terror ist nicht nur Teil ihrer Taktik, sondern ihrer gesamten Strategie gegenüber unserem Land. Putin ist heute nicht so sehr daran interessiert, mit seinen Truppen in der Oblast Donezk vorzurücken, sondern vielmehr daran, die Ukrainer einzuschüchtern und Bedingungen für die Kapitulation unseres Staates zu schaffen, indem er die Stimmung in der Bevölkerung verändert.
Viele, die über die Unvermeidlichkeit einer russischen Mobilisierung sprechen und nach Erklärungen suchen, wie eine Situation geschaffen werden könnte, in der die Russen im Osten der Ukraine weiter vorrücken können, scheinen nicht zu begreifen, dass Putins eigentliches Ziel in diesem Krieg keineswegs die Oblast Donezk oder gar die Oblast Kyiv ist, sondern die Beseitigung der ukrainischen Staatlichkeit als solcher.
Angesichts der Möglichkeiten der russischen Streitkräfte an der Front ist die Hoffnung, dieses Ziel auf militärischem Wege zu erreichen, meiner Ansicht nach schlicht unrealistisch. Und Putin versteht das sehr gut. Er kann jedoch darauf hoffen, dass gerade die Bombardierungen die Voraussetzungen für eine politische Entscheidung schaffen, die schließlich zu einer solchen Kapitulation führt.
Übrigens muss man sich auch eines anderen Umstands bewusst sein: Putins Bedingung, Russland werde erst dann an den Verhandlungstisch zurückkehren, wenn die ukrainischen Truppen das gesamte Gebiet der Oblast Donezk verlassen haben, zielt gerade nicht darauf ab, die Kontrolle über die Oblast Donezk zu erlangen. Nein – sie zielt auf die innere Destabilisierung der Ukraine. Putin sucht seit Jahren nach Wegen, eine solche innere Destabilisierung herbeizuführen. Und der Luftterror ist Teil dieser Strategie.
Der russische Präsident versucht schlicht, alles auszunutzen, was sich ihm infolge bestimmter Umstände bietet – etwa den Krieg im Persischen Golf, der die Bestände an Flugabwehrraketen im Westen erheblich reduziert und damit ihre Lieferung an die Ukraine faktisch gestoppt hat. Vor diesem Hintergrund klingen die Worte des amerikanischen Präsidenten Donald Trump besonders beunruhigend, der erneut die Möglichkeit infrage gestellt hat, der Ukraine eine Lizenz zur Produktion von Patriot-Luftabwehrraketen zu erteilen.
Ja, eine solche Lizenz würde heute noch nichts lösen, denn der Aufbau einer entsprechenden Produktion erfordert Jahre und Jahre beharrlicher Arbeit. Sie wäre jedoch ein Signal an andere Staaten, die über solche Raketen verfügen, dass sie sie uns heute liefern könnten – in der Hoffnung, dass eine künftige Produktion ihren eigenen Bedarf später decken wird. Hoffnung macht, dass Trumps öffentliche Äußerungen nicht immer der Realität entsprechen und sich die Position des amerikanischen Präsidenten so schnell ändern kann, dass wir kaum bemerken, wie seine neuen Aussagen den vorherigen widersprechen.
Vor dem Hintergrund von Trumps Äußerungen führte Volodymyr Zelensky ein Gespräch mit dem amerikanischen Vizepräsidenten J. D. Vance und ließ erkennen, dass dabei ebenfalls Abfangraketen gegen ballistische Raketen Thema gewesen sein könnten. Doch die Amerikaner verfügen nur noch über wenige davon – kritisch wenige, würde ich sagen –, wenn man den weiteren Verlauf des Krieges im Persischen Golf berücksichtigt.
Sollte Trump erneut Angriffe auf den Iran billigen, bedeutet das, dass Patriot-Systeme wieder von den Streitkräften der Vereinigten Staaten benötigt werden, um ihre eigenen Einrichtungen sowie die strategischen Objekte der amerikanischen Verbündeten im Persischen Golf zu schützen. Denn die Alternative zu diesem Schutz wäre nichts Geringeres als eine verheerende Energiekrise in der ganzen Welt.
Deshalb ist es wesentlich sinnvoller, alles dafür zu tun, dass Russland keine Möglichkeit mehr hat, ballistische Raketen auf Kyiv und andere ukrainische Städte abzufeuern, damit der Luftterror einer der abscheulichsten Terrororganisationen der heutigen Welt, die sich lediglich als Staat ausgibt, endlich endet. Dafür muss die Ukraine die Möglichkeit erhalten, russische ballistische Waffen anzugreifen.
Der jüngste Vorschlag von Volodymyr Zelensky, den er mit Donald Trump erörterte – nämlich Starlink für Angriffe auf Russland zu nutzen –, ist aus militärischer Sicht wesentlich kostengünstiger und logischer als die Suche nach Tomahawk-Marschflugkörpern für die Ukraine, die Trump ohnehin nicht liefern wollte und deren Bestände infolge des Krieges mit dem Iran auch für die Vereinigten Staaten selbst erheblich geschrumpft sind und meiner Ansicht nach in den kommenden Monaten oder sogar Jahren der zermürbenden Konfrontation im Persischen Golf weiter schrumpfen werden.
Man sollte nicht glauben, dass dort alles schnell zu Ende gehen könnte. Denn Russland, der Iran und China haben bereits verstanden, dass sie Donald Trump und seine Regierung in eine gefährliche politische und energiepolitische Falle treiben können. Selbst wenn dies nicht ganz der Realität entspricht, werden sie genau das versuchen.
Natürlich ist es alles andere als einfach zu hoffen, Donald Trump und auch den exzentrischen Milliardär Elon Musk, der ebenso wie Trump für seine, wie ich sagen würde, verborgenen Sympathien für autoritäre Systeme bekannt ist, von einem solchen Konzept der Fortsetzung militärischer Auseinandersetzungen abzubringen. Doch an der Lösung dieses Problems muss nach jedem einzelnen Angriff auf die Ukraine gearbeitet werden.
Zumal jeder dieser Angriffe gewöhnliche Amerikaner von der Notwendigkeit überzeugt, der Ukraine zu helfen. Und gerade diese gewöhnlichen Amerikaner werden in den kommenden Monaten sowohl für Trump als auch für Musk wichtig sein, der ebenfalls die Folgen für sich selbst fürchtet, falls die Republikaner den Kampf um die Macht in den Vereinigten Staaten verlieren sollten. So kann man zumindest auf gewisse Fortschritte bei der Suche nach Wegen hoffen, die Russen in ihrer terroristischen Tätigkeit auf unserem Territorium zu stoppen. Den russischen ballistischen Terror zu stoppen, ist heute ein wesentlicher Bestandteil der Hilfe für die Ukraine. Und die Notwendigkeit, der Ukraine zu helfen, wird nach wie vor von sämtlichen Meinungsumfragen in den Vereinigten Staaten bestätigt.
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Art der Quelle:Artikel Titel des Originals:Росія знову бʼє по Києву | Віталій Портников. 01.08.2026. Autor:Vitaly Portnikov Veröffentlichung:01.08.2026. Originalsprache:uk Plattform / Quelle:YouTube Link zum Originaltext:
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Das kurze Gespräch zwischen dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu und dem ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky wurde zu einer echten Sensation für die Medien, denn die Staats- und Regierungschefs zweier Länder, die sich in existenziellen Konflikten befinden, waren sich seit drei Jahren nicht mehr begegnet. Allein das Ausbleiben dieser Kontakte wirkt ungewöhnlich, insbesondere vor dem Hintergrund von Berichten, wonach das Büro des israelischen Ministerpräsidenten den Vorschlag der ukrainischen Seite für ein bilaterales Treffen abgelehnt hatte. Spricht man jedoch ernsthaft darüber, dann gilt: Hätte es die Trauerfeier für den amerikanischen Senator Lindsey Graham, der bereit war, sowohl der Ukraine als auch Israel zu helfen, nicht gegeben, hätte es weder den Vorschlag für ein Treffen noch diesen kurzen Kontakt gegeben.
Das Fehlen eines Dialogs kann nur Verwunderung hervorrufen. Die Ukraine und Israel führen im Grunde Krieg gegen denselben Feind. Als ich in den ersten Monaten des Jahres 2022 darüber sprach, konnte dies im israelischen Publikum natürlich auf Skepsis stoßen. Und ich verstehe, dass selbst das Auftauchen iranischer „Shahed“-Drohnen am ukrainischen Himmel diese Skepsis kaum verändert haben dürfte. Doch inzwischen scheint mir offensichtlich zu sein, dass der Iran sich nicht nur mit der Unterstützung der Russischen Föderation beschäftigte, sondern auch damit, seine eigene Militärtechnik für einen späteren Angriff auf Israel zu erproben. Ebenso erscheint offensichtlich, dass die Russische Föderation sich selbst als Verbündeten des Iran versteht und dieses Land bei seiner Konfrontation mit den Vereinigten Staaten und Israel unterstützt. Sie unterstützt es nicht nur mit diplomatischen Erklärungen, sondern auch mit konkreten Geheimdienstinformationen, die einen iranischen Angriff auf den Gegner erleichtern sollen. Donald Trump kann sich den Luxus leisten, diese offensichtlichen Tatsachen zu ignorieren und selbst ukrainische Informationen zu diesem Thema beiseitezuwischen. Aber kann sich der israelische Ministerpräsident das ebenfalls leisten?
Selbst wenn wir früher von zwei unterschiedlichen Kriegen sprechen konnten, erleben wir heute bis zu einem gewissen Grad ihr Zusammenfließen. Russland liefert dem Iran Geheimdienstinformationen, und die Ukraine greift einen iranischen Tanker im Kaspischen Meer an. Das sind nicht mehr zwei getrennte Kriegsschauplätze, sondern im Grunde ein einziger, der in den anderen übergeht. Die Ukraine und Israel haben denselben wichtigsten Verbündeten – die Vereinigten Staaten – und dieselben gemeinsamen Feinde.
Warum gibt es dann dieses Verständnis in Israel nicht? Aus Angst vor Russland? Aus dem Wunsch heraus, nicht mit der Ukraine um amerikanische Militärhilfe konkurrieren zu müssen? Oder aus der mangelnden Bereitschaft, den neuen Krieg als Teil einer globalen Konfrontation und nicht als einen traditionellen Nahostkonflikt zu begreifen? Tatsächlich hängt von der Antwort auf diese Frage das Überleben Israels selbst ab. Und natürlich auch das der Ukraine. Denn wenn wir in der Lage sind, unsere Anstrengungen gegen unsere gemeinsamen Feinde zu bündeln, können wir in Zukunft wesentlich wirksamer sein.
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Art der Quelle:Artikel Titel des Originals:The Merging of Two Wars. Vitaly Portnikov. 29.07.2026. Autor:Vitaly Portnikov Veröffentlichung:29.07.2026. Originalsprache:en Plattform / Quelle:Zeitung Link zum Originaltext:
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Roksana Runo: Zelensky hatte ein gutes Treffen mit Trump. Zumindest hat Zelensky es so kommentiert. Und möglicherweise, möglicherweise werden uns in den nächsten Wochen – Sie werden es nicht glauben – Steve Witkoff und Jared Kushner besuchen. Darüber und über vieles andere werden wir mit unserem heutigen Gast sprechen.
Vitaly Portnikov, Journalist, Publizist und der größte Star von Threads. Das habe ich schon vor zwei Wochen gesagt: Er ist dort mit der Tür ins Haus gefallen. In diesen zwei Wochen hat er dort richtig Fahrt aufgenommen und ein großes Publikum gewonnen. Darüber möchte ich ebenfalls sprechen. Ich habe dort inzwischen persönlich zwei … nun, gute Menschen haben sich Mühe gegeben und Memes mit Bildern gemacht, die ich heruntergeladen habe. Manchmal kommuniziere ich ebenfalls mit ihnen. Also: „Es war schlecht. Es wird noch schlimmer.“ Und „guten Abend, Freunde. Wir sind am …“ Das kann ich im Fernsehen nicht zitieren. Es passt zu allen möglichen Gesprächsthemen und überhaupt zu allen denkbaren Äußerungen.
Bestimmte Informationen über das Treffen Zelenskys mit Trump tauchen bereits auf. Alle sagen, acht von zehn Punkten. Ich weiß nicht, auf welche Quellen sie sich stützen und wie man das überhaupt bewerten konnte. Ein sehr gutes Treffen. Zuvor hieß es, das Wichtigste, womit Zelensky hinfahren würde, sei natürlich dieser Vorschlag für eine Waffenruhe in der Luft. Ist das aus Ihrer Sicht wieder nur Kulisse? Denn er muss hinfahren, die diplomatischen Kanäle aufrechterhalten, das ist sehr gut. Aber Putin zu einer solchen Waffenruhe zu zwingen, ist sehr schwer, wenn man seine gestrige kannibalische Erklärung hört: „Wenn diese militärische Spezialoperation vorbei ist, womit sollen wir uns dann beschäftigen?“ „Freunde, wir haben uns doch schon so sehr daran gewöhnt, zu töten und zu erobern.“ Da entsteht eine kognitive Dissonanz, und mir fällt es schwer zu glauben, dass man ihn dazu zwingen kann.
Portnikov: Nun, Sie haben gesehen, dass das Treffen zwischen Trump und Zelensky ohne Presse stattfand, ebenso wie das andere Treffen, das Treffen Trumps mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu. Und hier kann natürlich ein ziemlich einfacher Gedanke aufkommen. Sie wissen, wie sehr Trump Journalisten liebt und dass all seine Treffen mit ausländischen Politikern im Rhythmus einer Show stattfinden. Zuerst diese berühmte Zeremonie, bei der man vor den Verhandlungen die Fragen der Journalisten beantwortet. Genau dabei gerieten Trump und Zelensky aneinander. Das war, würde ich sagen, die unglaublichste Szene im Oval Office.
Ich denke, Volodymyr Zelensky ist zumindest in eines ganz sicher eingegangen: in die Geschichte der Vereinigten Staaten. Das eine Gespräch mit ihm führte zu Trumps Amtsenthebungsverfahren, das andere Gespräch mit ihm zum größten Skandal im Oval Office. Ich weiß nicht, wer diesen Rekord noch wiederholen könnte. Ich denke, niemand. Das ist einfach eine, würde ich sagen, einzigartige Fähigkeit, Geschichte zu verändern. Die amerikanische Geschichte, nicht die ukrainische.
Nun aber war niemand weder am Anfang noch am Ende dabei, und auch bei den Verhandlungen mit Netanyahu war niemand anwesend. Wir könnten sagen: „Sehen Sie, Trump spricht heimlich mit Zelensky, weil sie dort etwas zu besprechen haben.“ Aber ist es auch bei Netanyahu so geheim, dass man sich nicht mit Journalisten treffen möchte? Ich kann Ihnen eine ziemlich einfache Sache sagen. Diese Verhandlungen waren nicht geheim, wie es hier bei uns geschrieben steht. Sie waren erzwungen. Erzwungen für Donald Trump.
Er wollte sich nicht mit Netanyahu treffen. Das wissen wir, er ließ ihn mehrere Wochen lang abblitzen. Denn Netanyahu hat viele unangenehme Fragen. Was soll mit dem Iran geschehen? Warum gibt es eine nukleare Vereinbarung mit Saudi-Arabien, und warum werden Waffen an die Türkei geliefert? Netanyahu wollte mehrere Wochen in Folge mit Trump darüber sprechen. Er wurde abgewiesen.
Wie Zelensky überhaupt seinen Wunsch, sich zu treffen, aufgebaut hat, ist eine andere Frage, denn er hatte Trump vor Kurzem am Rande des NATO-Gipfels in Ankara getroffen. Und auch das waren ernsthafte Gespräche mit Pressebegleitung. Aber Trump hat den Medien hierzu nichts zu sagen. Das heißt, er hat keine konkreten Aussagen zum russisch-ukrainischen Krieg. Er hat keine konkreten Aussagen zum Krieg im Nahen Osten.
Das Treffen mit Zelensky sollte laut Protokoll des Weißen Hauses anderthalb Stunden dauern, dauerte aber eine Stunde. Das Treffen mit Netanyahu sollte laut Protokoll des Weißen Hauses drei Stunden dauern, dauerte aber anderthalb.
Bei dem Treffen mit Zelensky war jener Steve Witkoff nicht anwesend, der angeblich zu uns kommen soll. Wenn jemand irgendwohin fährt und an einem diplomatischen Prozess beteiligt ist, dann nimmt er an dem Treffen teil. Dort waren nur Rubio, Hegseth und Bessent. Witkoff hingegen war gemeinsam mit dem Vizepräsidenten beim Treffen mit Netanyahu.
Roksana Runo: Informationen, die ersten Nachrichten nach dem Treffen, tauchen auf. Ich wollte noch einige Meldungen ergänzen. Volodymyr Zelensky verband tatsächlich das protokollarische oder nicht protokollarische Treffen mit Donald Trump mit seiner Teilnahme am Abschied von Senator Lindsey Graham, der ein großer Unterstützer der Ukraine war, der Druck machte und dabei half, dass dieser Gesetzentwurf über zusätzliche Sanktionen, auf den man lange gewartet hatte, vorankam. Er hatte Trump mehrfach davon überzeugt, ihn bezüglich der Sanktionen gegen Käufer russischer Energieressourcen und überhaupt gegen Russland endlich durchzusetzen. Und die Beisetzung, die Abschiedszeremonie, findet heute gerade in Washington statt. Zelensky erwies Lindsey Graham also die letzte Ehre.
Und natürlich möchte man erfahren, worüber tatsächlich gesprochen wurde. Wir werden es nicht erfahren, aber wir werden es spüren. Besonders diejenigen, die in Städten leben, die sehr intensiv beschossen werden, vor allem in den vergangenen Wochen und Monaten. Was die Abfangraketen für Patriot betrifft, so ist das, wissen Sie, ein sehr dringendes Problem und tatsächlich eine dringende Frage. Nun, Diplomatie ist Diplomatie. Mir scheint, schnelle Lösungen wird es dabei nicht geben. Darüber sprechen wir ständig, wie mir scheint, schon seit mehr als einem Jahr. Aber in den vergangenen Monaten hat sich das irgendwie besonders intensiv verdichtet. Man möchte etwas über offene und diplomatische Schritte erfahren, aber man möchte auch von militärischen Vereinbarungen hören.
Ich verstehe es also so, dass das protokollarische Treffen diplomatisch war, dass es gewissermaßen ausgewogen verlief, denn alle haben tatsächlich bemerkt, dass Vance bei dem Treffen nicht anwesend war. Dadurch bestand eine Chance, einen Konflikt wie damals im Weißen Haus zu vermeiden.
Portnikov: Nun, in dieser Hinsicht verstehen wir, glaube ich, sehr gut, was geschieht. Das heißt, heute können wir nicht sagen, dass wir das Wesen dieser Geschichte verstehen. Vielleicht wird es irgendwelche Kommentare von Trump geben. Aber wir verstehen doch, was wir konkret brauchen. Wir brauchen Raketen für Patriot. Haben die Amerikaner sie? Haben sie sie uns gegeben?
Die Amerikaner waren gezwungen, die Angriffe auf den Iran einzustellen, weil die amerikanischen Militärs Trump sagten, dass ihnen Luftverteidigungswaffen fehlen. Wenn sie den Iran weiter angreifen und der Iran antwortet, wird ein Augenblick kommen, in dem sie nichts mehr haben werden, womit sie die amerikanischen Stützpunkte im Nahen Osten schützen können.
Wenn sie für sich selbst nichts haben, dann haben sie für uns Lizenzen. Die Lizenzen zur Produktion von Patriot müssen erlangt werden. Ich halte das für ein gewichtiges Ergebnis. Ich hoffe, dass Zelensky daran arbeitet. Aber das ist keine Frage von einem oder zwei Tagen. Wie der Präsident bei seinem Treffen mit dem finnischen Präsidenten Alexander Stubb richtig sagte, brauchen wir jeden Tag Raketen für Patriot. Das ist der zweite Punkt.
Der dritte Punkt ist die Möglichkeit, Langstreckenraketen zu erhalten. Darüber wird überhaupt nicht mehr gesprochen, wie Sie bemerken. Aus zwei Gründen. Erstens ist klar, dass Trump sie uns nicht geben will. Er möchte überhaupt alles irgendwie den Europäern überlassen. Zweitens ist, selbst wenn er sie uns gibt, unklar, ob wir die Erlaubnis bekommen werden, Russland damit anzugreifen. Drittens ist die Zahl der Tomahawks deutlich zurückgegangen. Deshalb stellt sich hier immer die Frage: Selbst wenn Trump sie uns geben will, wird das Pentagon bereit sein, sie uns zur Verfügung zu stellen? Bei den Waffen gibt es also gewisse Probleme.
Nun zu den Verhandlungen. Wenn von diplomatischen Bemühungen gesprochen wird, möchte ich daran erinnern, dass die Russische Föderation die Verhandlungen ausgesetzt hat, bis die Ukraine das Gebiet der Oblast Donezk räumt. Die Bedingung für die Rückkehr der russischen Delegation an den Verhandlungstisch mit der Ukraine ist der Abzug der ukrainischen Truppen aus dem Gebiet der Region Donezk.
Können wir darauf eingehen?
Nein.
Dann stellt sich eine andere Frage: Können die Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine ohne den Abzug ukrainischer Truppen aus dem Gebiet der Region Donezk wiederaufgenommen werden?
Ich glaube, ja.
Wird das ein Fortschritt sein?
Nein.
Es gab bereits Verhandlungen, als sich ukrainische Truppen auf dem Gebiet der Region Donezk befanden. Wozu haben sie geführt?
Zu nichts.
Denn jegliche Verhandlungen während laufender Kampfhandlungen bedeuten, wenn wir über Putins Taktik sprechen, die Situation hinauszuzögern, um den Krieg fortzusetzen. Und wir klammern uns ständig an irgendwelche, wissen Sie, Zeichen am Himmel, als wären wir Veronika Feng Shui. Nur dass sie dort Sterne sieht und wir dort Tokajew sehen.
Der Präsident Kasachstans sagte Putin, dass der russisch-ukrainische Krieg beendet werden müsse, dass er nicht verstehe, warum er überhaupt begonnen habe und warum er weitergehe. Übrigens, wenn der Präsident Kasachstans sagt, im Fall Armeniens und Aserbaidschans sei wenigstens klar gewesen, worin der Konflikt bestehe, weil es verschiedene Völker seien, während im Fall Russlands und der Ukraine unklar sei, worin der Konflikt bestehe, weil es angeblich ein Volk sei, dann müssen wir darüber nachdenken, welche Narrative er dem russischen Präsidenten überhaupt anbietet.
Wenn der Präsident Kasachstans sagt, man müsse zu Istanbul zurückkehren, also aus Moskauer Sicht zur Kapitulation der Ukraine, weil wir keiner der Bedingungen von Istanbul jemals zugestimmt haben, dann ist ebenfalls unklar, wovon er spricht. Aber wir wünschen uns einfach, dass diese Erklärung, die Tokajew eher als Beweis seiner eigenen politischen Selbstständigkeit gegenüber seinen Bürgern braucht, von denen viele gegen diesen Krieg sind, als irgendein internationaler Druck auf Putin wahrgenommen wird, vor dem er sich unglaublich erschrecken werde.
Und wir klammern uns ständig an solche Dinge. Dabei muss man klar verstehen, was ich immer wieder sage: Echte Verhandlungen können, falls sie überhaupt jemals beginnen, erst beginnen, wenn Russland weder Ressourcen noch Menschen mehr hat. Aber wenn wir russische Ressourcen angreifen und Putin trotzdem keine Verhandlungen will, wird es ein Abflauen des Krieges geben, mit weniger Kampfhandlungen, mit weniger menschlichen Opfern, ballistische Raketen werden seltener einschlagen.
Die Armeen können einander gegenüberstehen und jahrelang in diesem Zustand verharren. Der Krieg wird leider nicht enden. Wir werden uns lediglich daran gewöhnen, in diesem Krieg wie in einer Normalität zu leben, wenn er nicht mehr so aussieht wie heute, was seine heiße Phase betrifft. Es wird also keine konkreten Dokumente geben.
Roksana Runo: Aber es stellt sich noch eine Frage: Wie lange müssen wir überhaupt bis zu diesem Punkt des Abflauens gehen, bis diese Ressourcen aufgebraucht sind? Eine Ihrer jüngsten Sendungen hieß: „Warum Russland beginnt, den Krieg zu verlieren.“ Ich verstehe, man darf das nicht lesen als: Warum beginnt Russland, diesen Krieg zu gewinnen? Hier findet irgendein Wortspiel der Bedeutungen statt. Sind Sie sicher, dass es beginnt zu verlieren?
Ich befinde mich in Kyiv. Im Juli ist etwas nicht weit von dort eingeschlagen, wo ich wohne. Auch in meiner Wohnung wurde vieles zerstört. Es ist erstaunlich, was bei einer Explosion alles herausgerissen werden kann. Nun, ich bin nicht objektiv, ja. Nicht alle Städte, nicht einmal alle Bezirke befinden sich in solch gefährlichen, noch gefährlicheren, ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll, Zeiten und überhaupt geografischen Lagen.
Portnikov: Ich denke, Menschen, die in Kramatorsk leben, könnten ihre persönliche Erfahrung ebenfalls mit Ihnen teilen. Und ich sage Ihnen: Ich habe viele Beschüsse von Kyiv erlebt, aber ich kann Ihnen auch meine persönliche Erfahrung aus Lwiw schildern. Wenn neben deinem Haus eine Kinschal-Rakete einschlägt und Menschen sterben, ist das ebenfalls eine unvergessliche Erfahrung.
Roksana Runo: Ich verstehe, ich will nichts vergleichen, ich messe hier nicht, wer stärker gefährdet ist.
Portnikov: Nein, ich meine, das kann kein Element der Analyse sein. Unsere persönliche Erfahrung mit Raketen kann kein Element der Analyse sein.
Roksana Runo: Aber die Intensivierung dieser Zerstörungen – ich spreche jetzt über Saporischschja – ist stärker geworden. Bekannte sagen das ganz objektiv. Über Sumy und Tschernihiw werde ich hier gar nicht sprechen, und Cherson werde ich ebenfalls nicht erwähnen. Und darüber, dass wir uns freuen, wenn es Wildberries zerlegt – ja, wir freuen uns, gern noch mehr davon, das sind Verluste. Aber wir haben ebenso Verluste. Heute schrieb man mir, dass in Saporischschja eine Drohne in ein Epizentr-Geschäft eingeschlagen sei. Ab dem 1. August schließt dort noch irgendeine Handelskette, sie arbeitet nicht mehr. Wir haben also ebenfalls Verluste.
Ich versuche, objektiv zu sein. Genau das sage ich doch, dass ich nicht objektiv bin, wenn ich hier sitze, weil ich nervös bin, weil es mir hier schwerfällt zu schlafen und ständig Luftalarm ist. Beginnt Russland, den Krieg zu verlieren? Wo sind die Anzeichen? Ganz ehrlich.
Portnikov: Russlands Niederlage besteht darin, dass es den ukrainischen Staat nicht vernichten kann. Wie viele ukrainische Ressourcen dabei zerstört werden und welches Gebiet angegriffen werden kann, ist eine völlig andere Frage. Wenn wir über Sieg und Niederlage sprechen, müssen wir immer über die Ziele des Aggressors sprechen.
Das Ziel des Aggressors besteht in der Vernichtung der ukrainischen Staatlichkeit und in der Beseitigung der Ukrainer als ethnischer Gemeinschaft auf dem Gebiet, auf dem sie seit Jahrhunderten leben. Das ist das Ziel. In einer Situation, in der ein Land, das aus russischer Sicht längst von der politischen Landkarte hätte verschwinden müssen, nicht nur nicht verschwindet, sondern die russische Wirtschaft, Ölraffinerien, Wildberries, Online-Marktplätze und den militärisch-industriellen Komplex angreift, kann man nicht mehr sagen, dass dieses Land mit einem Radiergummi von der Landkarte ausgelöscht werden könnte.
Wenn wir in russischen sozialen Netzwerken lesen: „Wir werden Moskau nicht verlassen, selbst wenn ihr uns mit Raketen angreift, ihr werdet erfahren, was der russische Geist ist“, und das Bürger der Hauptstadt einer Großmacht schreiben, die uns in drei Tagen vernichten und die Macht in Kyiv ergreifen wollte, dann sagt das einiges.
Dass dieser Staat versuchen kann, das ukrainische Gebiet unbewohnbar zu machen, dass er das tun wird und dabei gewisse Erfolge erzielen kann, ist ebenfalls klar. Das ist ebenfalls klar. Aber wie Sie sehen, sind auch diese Möglichkeiten begrenzt.
So ist es auch mit ballistischen Raketen. Es gab eine Zeit, in der man uns mit Raketen aus Lagern beschoss. Und das ist, Roksana, ein wichtiger Punkt für Sie, nicht als Bewohnerin von Kyiv, sondern als Journalistin. Erinnern Sie sich als Journalistin daran, wie die Angriffe auf Kyiv und auf alle anderen Städte der Ukraine im Jahr 2022 aussahen. Können Sie die Intensität jener Angriffe mit den heutigen vergleichen?
Wir sprechen mit Ihnen über die Beschüsse von Kyiv, aber wir verstehen doch, dass man sagen kann: Das ist der Eiscremeeffekt. So viel Eiscreme, wie in die Konditorei nebenan geliefert wurde, so viel können Sie essen. So viel wurde hergestellt. Neue Eiscreme wird es zunächst nicht geben. Sie können sie nicht sofort einfrieren, selbst wenn Sie Eiscreme möchten. Es gibt nur so viele Portionen, wie vorhanden sind. Danach fährt dieser Wagen irgendwohin, um neue Eiscreme zu holen.
Roksana Runo: Damals wurde doch nichts abgeschossen. Es flog einfach, schlug ein, und das war’s.
Portnikov: Es flog einfach in größerer Zahl. Für uns war das ein riesiger Schock. Wir verbrachten in allen Städten mehr Zeit in Schutzräumen als heute. Damals schoss man mit Raketen aus Lagerbeständen, man schoss mit Raketen aus Nordkorea, aus den nordkoreanischen Lagerbeständen. Und das ist übrigens Putins Geschick: Als seine eigenen Lager leer waren, schoss man mit Raketen aus fremden Lagern, danach mit Shahed-Drohnen aus dem Iran. Erinnern Sie sich?
Roksana Runo: Natürlich.
Portnikov: Jetzt schießen sie mit dem, was sie produzieren können. Es gibt genau so viele ballistische Raketen, wie sie in einem Monat herstellen können. Mehr wird es nicht geben. Es gibt nichts, was man noch zusätzlich anhäufen könnte. Das ist ein wichtiger Punkt in dieser ganzen Geschichte.
Was die Drohnen betrifft: Wenn sie die Satellitenverbindung nicht tatsächlich wiederherstellen können, werden sie keine Drohnenarmadas starten können.
Es ist klar, dass jetzt ein Zeitfenster ballistischer Möglichkeiten genutzt wird, weil wir schlicht keine ausreichende Raketenabwehr haben. Aber sobald wir mehr Raketenabwehr haben oder eigene Raketentechnik und eigene ballistische Systeme aufbauen, werden sie nicht mehr ausschließlich ballistische Raketen schicken, weil deren Wirkungsgrad für sie viel geringer sein wird. Es ist teuer, ballistische Raketen ins Leere zu schießen. Das ist einfach die Logik des Krieges.
Deshalb glaube ich, dass sie gerade im Hinblick auf die Beseitigung der ukrainischen Staatlichkeit und der Präsenz des ukrainischen Volkes zu verlieren beginnen. Das bedeutet nicht, dass sie in einem Monat, in zwei Monaten, in einem Jahr oder in zwei Jahren verlieren werden. Wir wissen nicht, wie lange dieser Krieg dauern wird. Wir müssen ihn als Prozess wahrnehmen. Wir müssen lernen, ihn als Prozess wahrzunehmen. Denn wenn wir ewig in den Narrativen von zwei oder drei Wochen leben, dann gute Nacht.
Wenn wir zu literaturwissenschaftlichen Betrachtungen übergehen: Meine Lieblingsautorin seit meiner Kindheit ist Lessja Ukrajinka, weil sie drei Maximen formuliert hat, an die ich mich halte. In verschiedenen Werken.
Zunächst, würde ich sagen, in ihrem Gedicht „Contra spem spero!“, weil ich glaube, dass man selbst ohne Hoffnung hoffen muss.
Dann in ihrem dramatischen Gedicht „Kassandra“.
Eine der Heldinnen sagt dort, dass sie von Kassandra die Wahrheit nicht hören will, weil sie während des Krieges um Troja lieber in einer süßen Lüge leben möchte. Und Kassandra sagt zu ihr: „Ich bin nicht sicher, ob ich um der Lüge willen das Leben unseres Heeres riskieren will.“ Das ist ein sehr aktueller Satz. Sie sagt: „Andromache, du willst um deiner Lüge willen dieses ganze Heer in den Tod schicken.“ Das müssen wir uns merken, denn wir sind hier nicht allein. Es gibt Menschen, die uns verteidigen.
Und es gibt eine dritte solche Maxime Lessja Ukrajinkas aus ihrem Gedicht „Jüdische Melodie“, von dem ich immer glaubte, es gehöre zum jüdischen Erbe, nun aber gehört es auch zum ukrainischen. Dort wenden sich Menschen an den Tempel von Jerusalem, und es heißt: „Der Tempel ist verloren, du bist nicht unser, doch in der Gefangenschaft werden die Menschen Israels dich niemals vergessen“, und: „Was der Herr selbst zu seinem Heiligtum erwählt hat, wird in Ewigkeit Heiligtum bleiben.“
Das hätte man Laura Loomer im Kyiv-Petschersker Höhlenkloster vorlesen können. Das wäre ein wunderbarer, würde ich sagen, Abschluss ihres Besuchs gewesen. Oder man könnte es jedem anderen Menschen vorlesen, der kommt und auf die erneut von den Russen zerstörte Mariä-Entschlafens-Kathedrale blickt.
Roksana Runo: Was ihren Besuch betrifft, weiß ich nicht, wie sehr Sie an ihre Aufrichtigkeit geglaubt haben. Mir fällt es sehr schwer, sie irgendwie zu analysieren. Sie wirkt auf mich kompliziert, kalt und distanziert.
Sie haben gerade die Soldaten erwähnt. Ich möchte das Thema Fedorov abschließen und noch einmal nach dem Fall Fedorov fragen, bei dem Sie für die Mehrheit, auch auf Threads, zu einer Art Nostradamus geworden sind, obwohl Sie erklärt haben, dass alles offensichtlich war für diejenigen, die wenigstens irgendeine Logik und zumindest das politische Leben der Ukraine studiert hatten. Sie wissen, wie in diesem Witz: Für diejenigen, die in der Schule keine Physik gelernt haben, gibt es später so viele unglaubliche, magische Dinge auf der Welt. So ist es auch hier. Sie haben es doch erklärt.
Gestern tauchte diese Durchstecherei auf, oder vielleicht war es keine Durchstecherei, aber ich denke, es stimmt, weil alles darauf hindeutet, dass die Frage Fedorovs und des Verteidigungsministers abgeschlossen ist und Zelensky ihn nicht zurückholen wird. Hat er die bessere von zwei schlechten Entscheidungen getroffen? Was glauben Sie?
Portnikov: Ich denke, Zelensky kann als Mensch, der seit sieben Jahren allein Entscheidungen auf der politischen Bühne der Ukraine trifft, die Straße dafür nutzen, jene Entscheidung zu treffen, die er für richtig hält, und zugleich die Forderungen der Straße ignorieren, die er für falsch hält.
Die Wahrheit ist jedoch, dass die Menschen, die jetzt an der Protestbewegung teilnehmen, leider nicht über unsere Erfahrung verfügen. Und leider erscheint ihnen jede fremde Erfahrung für die eigene Nutzung völlig unnötig. Das sind genau jene Generationen von Menschen, die die Politik übersprungen haben, verstehen Sie? Für die Chmara und Schyschkin irgendwelche Großväter aus längst vergangener Zeit sind. Einige von ihnen sind in die Politik gegangen und verstehen bis heute nichts davon, andere gingen zu den Protesten und verstehen ebenfalls nichts von Politik.
Ich erinnere mich an die langen Wochen der Jahre 2013 und 2014, als wir zu den Sitzungen des Maidan-Rates kamen und nicht verstanden, wie wir erstens die Menschen von irgendwelchen radikalen Handlungen abhalten und zweitens auf dem Maidan halten sollten, wenn nichts geschah. Verstehen Sie, wenn man steht und steht und steht und nichts geschieht – erinnern Sie sich daran vom Maidan?
Roksana Runo: Ja, da gibt es die Versuchung zu sagen: Lasst uns doch jetzt einfach …
Portnikov: Und es werden weniger Menschen. Janukowytsch hat uns radikalisiert. Ich würde sagen, Janukowytsch hat alles dafür getan, dass diese Menschen blieben, denn statt ihnen die Möglichkeit zu geben, enttäuscht zu werden und nach Hause zu gehen, versuchte er ständig, sie auseinanderzutreiben. Nicht einmal, sondern mehrere Male hintereinander. Und am Ende führte er alles zur gewaltsamen Konfrontation, zur Hruschewskyj-Straße.
Roksana Runo: Entschuldigen Sie bitte. Ich hatte damals als Journalistin Nachtdienst, und man sagte uns: „Heute wird geräumt, heute haben wir Dienst, wir bleiben im Büro.“ In der nächsten Nacht wieder: „Heute wird es passieren.“ Und es geschah nichts, bis es dann schließlich geschah, ja? Diese Geschichte gab es.
Portnikov: Genau, verstehen Sie, so war die Situation. Und hier protestieren Menschen während des Krieges, wenn die Regierung sie natürlich nicht radikalisieren wird und sie selbst Angst davor haben, sich zu radikalisieren.
Außerdem verstehen sie nicht ganz, was sie eigentlich wollen, denn Zelensky spielt bis zu einem gewissen Grad ebenfalls mit ihnen. Sie wollten Fedorovs Rückkehr ins Verteidigungsministerium. Der großzügige Präsident bot ihm den Posten des Vizepremierministers an, und er lehnte ab. Er lehnte logischerweise ab. Aber nicht alle Menschen verstehen das.
Einige Teilnehmer der Proteste könnten bereits glauben, dass er sich während des Krieges zu viel herausnimmt. Man bietet ihm an zu arbeiten, und er will nicht arbeiten. Andere wiederum glauben, man müsse ihn unterstützen. Aber im Großen und Ganzen können die Menschen nicht verstehen, was sie tun sollen, wenn Zelensky nicht auf sie hört, denn bei den vorherigen Protesten geschah alles, wie sie es wollten. Und sie verstehen nicht vollständig, dass es ohne den Druck des Westens auch damals vielleicht nicht bis zum Ende so gekommen wäre. Auch dort hätte es eine halbherzige Entscheidung geben können.
Aber der Westen war damals sehr hart und sagte: „Moment, ihr erfüllt eure Verpflichtungen nicht. Warum sollten wir unsere erfüllen?“ Hier ist die Situation anders. Hier wird niemand solchen Druck ausüben. Deshalb ist das ein Problem.
Roksana Runo: Hat er Fedorovs politisches Leben, seine politische Zukunft, nun bereits beendet? Wie wird das in unseren Verhältnissen aussehen?
Portnikov: Hören Sie, wir haben überhaupt kein politisches Leben.
Roksana Runo: Das stimmt ebenfalls. Wovon rede ich eigentlich?
Portnikov: Falls es irgendwann Wahlen geben wird – wir wissen nicht, wann sie stattfinden werden. Stellen Sie sich vor, dass diese Menschen, die heute 18, 20, 22 oder 24 Jahre alt sind, bei den nächsten Wahlen 30 sein werden. Sind Sie sicher, dass Fedorov für sie der wichtigste Held bleiben wird?
Und bis dahin wachsen bereits neue Menschen heran, die überhaupt nicht wissen werden, wer Fedorov ist. Genauso wie für diese jungen Menschen der Maidan von 2013 und 2014 Geschichte ist. Sie waren Kinder oder Jugendliche.
Deshalb denke ich ehrlich gesagt nicht besonders darüber nach. Ich glaube, dass die Arbeit an der Reform des Verteidigungsministeriums, an der Robotisierung der Armee und an der Mobilisierung im Land mit jedem Minister fortgesetzt werden muss. Die Frage ist, wie wirksam das sein kann, wenn die Entscheidung ohnehin, die endgültige Entscheidung ohnehin nicht bei Fedorov, nicht bei Chmara, nicht bei Drapatyj liegt, sondern bei Zelensky.
Roksana Runo: Das stimmt ebenfalls. Was soll man dazu sagen? Das haben wir in den vergangenen sieben Jahren gesehen.
Kehren wir zu dieser Bloggerin zurück. Haben Sie ihr geglaubt? Ich mag natürlich all diese Verschwörungsversionen darüber, warum sie gekommen ist. Sie war eine so aufrichtige, eifrige Unterstützerin Russlands. Hier erlangte sie plötzlich Einsicht, sie sah alles, vertiefte sich in das Thema, und ihre Meinung änderte sich. Daraus folgte dann eine ganze Reihe von Interviews, darunter eines mit Zelensky, und öffentliche Unterstützung für die Ukraine. Haben Sie ihr geglaubt? Sagen Sie es als Zuschauer oder als Journalist.
Portnikov: Ich gehe davon aus, dass Menschen, die solche Narrative im Geist von MAGA äußern, nicht besonders klug sind. Denn ich glaube, ein kluger Mensch mit irgendeinem Bildungsniveau und irgendeinem Verständnis der realen Welt würde niemals ernsthaft das sagen, was Tucker Carlson in seinen Sendungen sagt oder was Laura Loomer sagt. Das sind nicht besonders kluge Menschen.
Und das ist keine Frage ihrer gesellschaftlichen Rolle. Es ist keine Frage des Geldes. Elon Musk hat eine Billion, und er möchte Geld dafür ausgeben, dass Mel Gibson, glaube ich, die „Odyssee“ unter dem Gesichtspunkt ihrer historischen Übereinstimmung inszeniert. Ihrer historischen Übereinstimmung. Das heißt, er hat sein Leben gelebt, drei Milliarden verdient und trotzdem nicht erfahren, dass das eigentlich ein Märchen ist.
Und das ist noch ein Glück, denn er hätte verlangen können, dass jemand Pinocchio in historisch korrekten Kulissen verfilmt, weil die Nase angeblich nicht so aussieht, wie sie in Wirklichkeit war. Oder Schneewittchen und die Zwerge. Das sind doch alles Märchen, verstehen Sie? Aber Musk denkt so.
Er besitzt dort ein solches, würde ich sagen … Und ich versuche nicht einmal, ihm deswegen irgendeinen Vorwurf zu machen, denn in anderer Hinsicht ist er genial, als Manager, als Ingenieur, könnte man sagen. Aber wenn es um Politik geht, wenn es um Geschichte geht, ist sein Niveau kindlich. Und bei all diesen Bloggern erst recht.
Deshalb glaube ich durchaus, dass sich Laura Loomers Verständnis dessen, was hier geschieht, aus irgendeinem Grund geändert haben kann. Es kann sich genauso gut noch einmal in die andere Richtung ändern. Sie wird etwas anderes sehen, etwas anders entscheiden, irgendeine politische Konjunktur wird sich anders entwickeln. Aber ich bin nicht bereit, die Veränderung von Narrativen bei Menschen zu kommentieren, deren intellektuelle Fähigkeiten bei mir Fragen hervorrufen.
Ich halte es für sehr gut, dass sie uns unterstützt. Sehr gut, dass sie im Höhlenkloster war. Sehr gut, dass sie all das mit eigenen Augen gesehen hat. Sehr gut, dass sie Lukjaniwka gesehen hat. Gut, dass sie Trump etwas erzählen wird.
Trump ist im Unterschied zu ihr völlig frei von Empathie. Ihm ist absolut alles gleichgültig. Aber auch er kann darauf hören. Denn wenn wir sagen, Trump sei frei von Empathie, müssen wir uns sofort fragen: Wer hat unsere Kriegsgefangenen freibekommen? Wer hat die israelischen Geiseln befreit? Wären all diese Menschen ohne Trump freigelassen worden? Nein.
Vielleicht sollten wir also nicht über seine Empathie nachdenken, sondern darüber, was er tut. Vielleicht brauchen wir nicht seine Empathie, sondern wir brauchen, dass er es tut. In dieser Hinsicht ist das positiv. Ob ich ihr glaube, interessiert mich überhaupt nicht.
Roksana Runo: Hören Sie, ihre Aufrichtigkeit war schon interessant, auch wie sie für ihr Publikum arbeitet. Aber Sie gehören offensichtlich nicht zu ihrem Publikum. Das war vorhersehbar.
Trump tat das, um Geld zu verdienen, für die Wirtschaft und für die Ökonomie der Vereinigten Staaten. Und Sie haben mehrfach betont, dass es für uns gut ist, wenn die Interessen der Vereinigten Staaten und der Ukraine einfach übereinstimmen. Das betrifft die Sanktionen gegen russisches und iranisches Öl und Gas.
Aber auch hier gibt es jetzt ein Problem. Dieser Gesetzentwurf, über den die amerikanischen Senatoren sich verständigt haben, soll abgestimmt werden. Wann sie darüber abstimmen und wann er in Kraft treten wird, ist ebenfalls unklar, jedenfalls nicht vor September, denn ebenso wie in der Werchowna Rada haben auch sie ihre Ferien. Unsere sind sogar früher als die Amerikaner in die Ferien gegangen, wissen Sie. Krieg ist Krieg, aber Erholung ist Erholung.
Werden die Interessen der Vereinigten Staaten und der Ukraine nun übereinstimmen? Wobei kann Trump uns helfen? Ich spreche über die Wirtschaft.
Und hier gibt es noch eine Frage. Wir haben mehrfach über die Ausweitung des Krieges gesprochen, über den Dritten Weltkrieg und darüber, an welchen Fronten er beginnen könnte. Aber nun kam mir der Gedanke, dass die Ausweitung von einer unerwarteten Seite kam.
Jetzt hat sich der Iran angeschlossen, übrigens zum zweiten Mal. Er hatte die Ukraine schon zuvor bedroht. Und nun entstand so eine Front: Russland und der Iran, der die Ukraine heute direkt bedroht. Ich verstehe, dass es um drei Raketen geht und dass manche darüber lachen, aber ich spreche über die Tatsache an sich. China steht dort still im Hintergrund. Nordkorea, dessen Raketen erneut nach Kyiv fliegen könnten – davor wurde vor einigen Tagen wieder gewarnt, und sie flogen tatsächlich.
Das ist also eine unerwartet große Front, nicht durch eine geografische Ausweitung auf Europa, sondern durch die Stärkung dieser Achse des Bösen.
Portnikov: Nun, mir scheint, sie existierte ohnehin die ganze Zeit. Ich sage doch, Russland hat uns ohnehin mit nordkoreanischen Raketen und iranischen Shahed-Drohnen beschossen. Hier sehe ich keine Neuigkeit.
Neu ist nur, dass wir den Iran angegriffen haben. Ich denke, es ging um den iranischen Tanker. Das ist ein wichtiger Punkt, denn früher haben wir niemanden angegriffen, weder Russland noch den Iran. Jetzt können wir antworten.
Ich denke, als Nächstes könnte Nordkorea an der Reihe sein, dessen Soldaten unsere Bürger getötet haben und dessen Raketen bei uns am Himmel explodieren. Auch dieses Land könnte spüren müssen, dass es sich nicht in fremde Angelegenheiten einmischen sollte.
Ansonsten ist es dieselbe Front, die die ganze Zeit existiert hat. Wie die europäische Front aussehen wird, ist eine gute Frage.
Was die Übereinstimmung der Interessen betrifft: Wir haben mit den Vereinigten Staaten ein Problem. Früher beruhte die Politik der Vereinigten Staaten auf drei Säulen: Werte, Sicherheit und Wirtschaft.
Werte. Nun, Sie sehen, diese Regierung hat ein ziemlich eigenwilliges Verhältnis zu Werten und denkt offenkundig nicht über gemeinsame Werte mit uns und mit Europa nach. Sie denkt darüber nach, wer stärker ist.
Sicherheit. Nun, diese Regierung glaubt, dass Europa für die Sicherheit der Vereinigten Staaten überhaupt nicht wichtig ist. Deshalb unterstützt sie uns zwar und hilft uns, aber das ist eine fakultative Sache. Es ist sehr weit von den Vereinigten Staaten entfernt. Es ist nicht der Pazifikraum, es ist nicht einmal der Persische Golf.
Wirtschaft. Nun, hier können wir konkurrieren, aber wiederum gibt es Russland, das sagt: „Hören Sie, was sollen Ihnen deren Milliarden bringen? Wir geben Ihnen eine Billion. Lassen Sie uns gemeinsam die Arktis erschließen.“ Das ist also ein sehr gefährlicher Weg.
Ich glaube, wir müssen uns auf Fragen der Werte und der Sicherheit konzentrieren und darüber den Dialog mit der amerikanischen Gesellschaft führen. Denn in Wirtschaftsfragen verlieren wir gegen Moskau.
Wenn wir sagen, es gehe ausschließlich um die Wirtschaft und wenn man uns helfe, würden wir es später zurückzahlen, dann werden die Russen immer sagen: „Warum sollen sie euch etwas zurückzahlen, wenn wir euch mehr geben können?“
Wie mir einmal einer meiner chinesischen Kollegen sagte, als wir über die Rolle Chinas sprachen: „Wenn ihr verliert, können wir ruhig in jene Gebiete investieren, die Russland angegliedert werden. Wenn ihr gewinnt, werdet ihr nur dank des Westens gewinnen, und dann werden hier die Amerikaner investieren. Warum sollten wir euren Sieg wollen? Was könnt ihr uns anbieten? Nichts. Russland wird uns ohnehin alles geben. Und wenn Russland es uns nicht geben kann, werdet ihr es uns ebenfalls nicht geben, weil die Amerikaner es euch nicht erlauben werden.“
Und darin steckt eine Logik, nicht wahr?
Roksana Runo: Natürlich.
Portnikov: Genau dieselbe Logik können die Amerikaner haben: „Wenn Russland mehr geben kann, warum sollten wir der Ukraine helfen?“ Deshalb ist es unser wichtigster Trumpf für die Zukunft, nicht von den Werten und den Sicherheitsfragen abzuweichen. Wir müssen davon überzeugen, dass Werte noch immer existieren und dass die Sicherheit Europas für Amerika noch immer wichtig ist. Dann können sich darin auch unsere Rohstoffe einfügen. Für sich allein werden sie nichts entscheiden.
Roksana Runo: Arbeitet Europa derzeit ausreichend verstärkt an dieser Sicherheitsfront? Wie beurteilen Sie das im Vergleich zu den vergangenen Jahren?
Portnikov: Das ist eine gute Frage, denn es gibt den Faktor des Persischen Golfs, der ebenfalls gezeigt hat, wie kompliziert Sicherheitsfragen auch für die Vereinigten Staaten sein können, nicht wahr?
Und es gibt diesen Krieg am Persischen Golf, der gezeigt hat, wie sehr all diese Dinge für die Ukraine voneinander abhängen. Wir hängen sicherheitspolitisch davon ab, was am Persischen Golf geschieht.
Es gab das Treffen Trumps mit Zelensky. Aber ich sagte bereits vor diesem Treffen und möchte es jetzt noch einmal betonen: In Wirklichkeit wird die Frage, wie der russisch-ukrainische Krieg weitergeht, nicht beim Treffen Trumps mit Zelensky entschieden, sondern beim Treffen Trumps mit Netanyahu.
Alles hängt davon ab, wie sich die Ereignisse im Nahen Osten entwickeln, wie hoch der Ölpreis sein wird, ob es eine neue Konfrontation mit dem Iran geben wird und ob es gelingt, irgendeinen Verhandlungsweg einzuschlagen. Jetzt hängt alles miteinander zusammen.
Wir sehen also, dass die Amerikaner nicht an die europäische Sicherheit glauben. Aber wir müssen sie weiterhin überzeugen. Wir haben keine Wahl. Zumal wir sie nicht belügen. Es ist die Wahrheit. Wenn die Amerikaner aufhören, Europa Aufmerksamkeit zu schenken, werden auch ihre Positionen im Pazifikraum schwächer.
Roksana Runo: Zwei Kriege sind miteinander verschmolzen. Tatsächlich sind die Interessen hier sehr eng miteinander verbunden. Wir hängen also davon ab, wie der Krieg mit dem Iran endet. Und entsprechend hängen Geld, Aufmerksamkeit und dieselben Waffen, Patriot, ebenfalls damit zusammen. Ich weiß nicht, es ist eine starke Verdichtung, ich würde sagen, eine Verdichtung.
Portnikov: Und wer hat gesagt, dass er endet? Er kann auch nicht enden.
Roksana Runo: Das stimmt ebenfalls. Er kann dauerhaft werden.
Portnikov: Warum sollten die Iraner ihn beenden, wenn sie glauben können, dass seine Fortsetzung Amerika erschöpft?
Roksana Runo: Ja, aber es erschöpft auch den Iran selbst. Dort gibt es doch nicht unendlich viele Objekte, die man zerstören kann. Was will man tun, alles wieder in Wüste verwandeln?
Portnikov: Das Maß, wenn Sie so wollen, der Geduld der iranischen Gesellschaft entspricht nicht dem Maß der Geduld der amerikanischen Gesellschaft. Es ist dasselbe, wenn wir fragen: Wann werden die Russen verstehen, wann werden sie aufhören, es zu ertragen? Vielleicht ist ihr Maß an Geduld so groß, dass wir nichts dagegen tun können.
Roksana Runo: Nein, ich verstehe das. Aber dort schlägt es auf amerikanischen Stützpunkten ein, nicht in amerikanischen Häusern, verstehen Sie? Im Iran hingegen werden auch Infrastrukturziele zerstört. Bei den Russen schlägt es inzwischen ebenfalls ein.
Portnikov: Ich verstehe, dass es nicht in amerikanische Häuser fliegt. Aber in amerikanischen Häusern wird es bald Probleme mit dem Benzinpreis geben. Man wird vielleicht nicht mehr zu diesem Haus fahren können.
Stellen Sie sich vor, bei Ihnen schlägt nichts ein, das stimmt. Aber Sie leben in einem Vorort und geben jeden Tag Geld für Benzin aus, das Sie elementar brauchen, um zur Arbeit zu kommen, das Kind zur Schule zu bringen, in einen beliebigen Supermarkt oder in ein beliebiges Krankenhaus zu fahren. Das Auto ist besonders für Bewohner ländlicher Gebiete der wichtigste Faktor.
Wenn Sie in Manhattan leben, ist der Krieg mit dem Iran für Sie eine fakultative Angelegenheit, über die Sie in der „Newton York Times“ lesen. Ungefähr dasselbe gilt für die Bewohner des Gartenrings in Moskau.
Aber die Vereinigten Staaten bestehen nicht nur aus Manhattan, und Russland besteht nicht nur aus dem Gartenring.
Roksana Runo: Es gibt also ein gewisses Maß an Geduld. Ist das ein Überlebensspiel oder ein Geduldsspiel? Wer hält länger durch?
Ich erinnerte mich heute, als ich vor der Sendung unterwegs war, aus irgendeinem Grund daran. Sie erwähnten den Krieg von 2022. Ich erinnere mich einfach daran, wie alltäglich das irgendwann vor dem Fenster wurde. Besonders in der ersten Märzhälfte flog es einfach so, und du warst in diesem Moment ruhig.
Nun, es flog nach einem Zeitplan, stundenlang. Man konnte ohnehin nicht stundenlang in Schutzräumen sitzen, und damals gab es auch keine Schutzräume. Auch heute gibt es, wissen Sie, nicht besonders viele. In manchen Bezirken gibt es gar keine. Das stimmt ebenfalls.
Und wir dachten damals: Wenn es erst bei ihnen einschlägt, werden sie sehen. Endlich ist der Krieg auf ihr Gebiet gekommen. Nun, er kam zumindest in Form von Beschüssen und der Zerstörung dieser Objekte, Öldepots und Ähnlichem. Und inzwischen ist es schon etwas anderes.
Man versteht, dass sich irgendwann etwas umgeschaltet hat. Damals träumten wir davon. Ebenso vom geschlossenen Himmel, ich erinnere mich an diese Flashmobs und daran, wie wir an den Westen appellierten. Es war lächerlich, aber dennoch.
Und wir sind bereits in eine andere Realität gewechselt. Trotzdem dauert der groß angelegte, intensive Krieg an.
Mich interessiert noch ein anderer Moment dieses Panoptikums. Ich habe verstanden, dass ich damit zu Ihnen kommen muss. Sie tragen Reliquien an die Front, verlieren sie dort regelmäßig und so weiter. Heute fand eine Prozession statt, eine Kreuzprozession in diese sakrale Gottesauserwähltheit Russlands.
Ein Moment: Nach Beginn des umfassenden Krieges im Jahr 2022 schrieb Gundjajew ein Gebet um oder verfasste ein neues und befahl in einem befehlenden Ton, es in allen Eparchien zu lesen und für Russlands Sieg zu beten. Und sie laufen dort herum, vertiefen sich irgendwie darin, ziehen aufrichtig zu diesen Prozessionen hinaus und schlagen mit der Stirn auf den Boden.
Warum ist das dort ein so wichtiges Element beim Aufbau, ich weiß nicht, von Putins Propaganda, von Putins ideologischem Bindemittel? Warum funktioniert das dort so?
Portnikov: Mir gefällt die Bezeichnung „aufrichtig“ sehr. Sind Sie überhaupt sicher, dass genau dieses Wort auf russisches Verhalten zutrifft?
Roksana Runo: Ich kann Ihnen etwas erzählen. Ich kenne Menschen, die hier im Kyiv-Petschersker Höhlenkloster vor dem Krieg aufrichtig für das Moskauer Patriarchat gekämpft haben. Und ich weiß, wie dort die Gehirne funktionieren. Selbst der Krieg hat daran nichts geändert. Glauben Sie mir. Ich hatte vor Kurzem eine unvergessliche Erfahrung im Gespräch mit einem solchen Menschen. Völlig ungetrübtes Bewusstsein.
Portnikov: Wissen Sie, ich sehe eine riesige Zahl von Menschen. Nicht zehn, nicht zwanzig, nicht fünfzig, sondern Millionen, die aufrichtig die Politik der Kommunistischen Partei der Sowjetunion unterstützten, die die Sowjetunion aufrichtig für ihre Heimat hielten.
Als im Sommer 1991 das Referendum über eine erneuerte Sowjetunion stattfand, unterstützten sie sie aufrichtig. Drei Monate später stimmten sie mit nicht geringerer Aufrichtigkeit – war es aufrichtig oder nicht aufrichtig? – für die Unabhängigkeitserklärung der Ukraine.
Wie soll man das verstehen? Wenn wir ständig das Wort „aufrichtig“ auf ihre Handlungen anwenden, erklären wir sie zu Schizophrenen. Das kann nicht sein. Millionen Menschen können nicht schizophren sein.
Aber wissen Sie, was sie sein können? Menschen, die überzeugt sind, dass die Obrigkeit es besser weiß.
Sobald Metropolit Onufrij auf die Vorhalle des Klosters Feofanija tritt und sagt, dass die Ukrainische Orthodoxe Kirche – dies sei ein Beschluss ihrer Synode – mit der Moskauer Kirche bricht und den Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomäus, bittet, sie unter sein Omophorion zu nehmen und mit der Orthodoxen Kirche der Ukraine zu einer einheitlichen orthodoxen Kirche zu vereinen: „Lasset uns zum Herrn beten“, werden 90 Prozent Ihrer Bekannten sagen, dass es genauso sein musste. Und dass sie das immer gewollt hätten.
Sie hätten es nur nicht getan, bevor die gesamte Kirchengemeinschaft diese Entscheidung getroffen habe, weil sie keine Destabilisierung der Kirche und des Glaubens gewollt hätten. Das werden sie aufrichtig sagen.
Ich habe Menschen gesehen, die mich am 22. August 1991 einen Nationalisten nannten, weil ich dieses blau-gelbe Abzeichen am Revers trug. Am Abend des 24. August liefen sie selbst mit diesen Abzeichen herum und sagten, sie wollten nicht mit mir sprechen, weil ich aus Moskau gekommen sei. Sie hatten nicht einmal ihre Jacken gewechselt, verstehen Sie?
Deshalb glaube ich nicht an Aufrichtigkeit. Ich weiß, dass es bestimmte Menschen gibt, die aufrichtig sind. Auch solche habe ich in meinem Leben oft gesehen. Aber das sind in der Regel Menschen, die konsequent an ihren Ansichten und Positionen festhielten. Einige von ihnen gingen sogar ins Gefängnis.
Das können sehr unterschiedliche Menschen sein, sowohl Patrioten als auch Chauvinisten. Aber es sind tatsächlich aufrichtige Menschen, die ihre Ansichten nicht ändern, nur weil sich die Flagge auf dem Turm ändert. Doch 90 Prozent der Bevölkerung handeln zumindest in unserer Welt gewöhnlich anders. Deshalb machen Sie sich keine Sorgen.
Roksana Runo: Moment, aber die Russisch-Orthodoxe Kirche ist für Putin dennoch ein starkes Bindemittel, glauben Sie nicht? Als Instrument des Einflusses? Es gibt den Fernseher, wie mir scheint, den Kühlschrank. Im Kühlschrank ist weniger geworden. Dort siedeln sich Mäuse an. Und dann gibt es noch die Russisch-Orthodoxe Kirche.
Portnikov: Darf ich Ihnen die Russisch-Orthodoxe Kirche erklären?
Die Russen hatten eine Kirche, die sich im Grunde von der Metropolie Kyiv abspaltete und zur Metropolie Moskau wurde. Der Moskauer Metropolit, sie lebten nach ihren dortigen Kirchenbüchern und beteten mit zwei Fingern. Erinnern Sie sich, wie das war?
Als sie dann die Metropolie Kyiv an sich anschließen wollten, sagte Konstantinopel zu ihnen: „Übersetzt die Bücher ordnungsgemäß, so wie in Kyiv, sonst bekommt ihr nichts. Wir werden nicht zulassen, dass unsere Gläubigen mit zwei Fingern beten und irgendwelche seltsamen Dinge verkünden, die in euren Büchern stehen.“
Und sie schrieben alles um. Da sagte ein großer Teil von ihnen: „Hört zu, wir glauben an den Herrn. Der Herr hat gesagt: So ist es.“ Und man verbrannte diese Menschen, ließ sie verhungern, vertrieb sie nach Sibirien, Gott weiß wohin.
Das ist die altgläubige Kirche. Das sind konservative Menschen. Unter ihnen gibt es ebenfalls viele chauvinistisch gesinnte Menschen. Aber sie waren wirklich bereit, für ihren Glauben auf den Scheiterhaufen zu gehen, in Einsiedeleien zu leben, vor der Zivilisation zu fliehen und diesen ihren Glauben und ihre Moral zu bewahren, so wie sie sie verstanden.
Und das sind übrigens sehr initiativreiche Menschen. Als in Russland bereits zu Zeiten des Imperiums eine echte Marktwirtschaft entstand, waren die meisten Unternehmer Altgläubige. All diese berühmten Familien, die Rjabuschinskis, die Morosows, waren Altgläubige.
Kurz gesagt, die Kirche wurde schließlich zu einer sogenannten synodalen Kirche. Den Patriarchen schaffte man ab. An der Spitze der Kirche stand irgendein Oberprokurator des Synods, den der Kaiser ernannte. Das war keine Kirche.
Und das russische Volk tat so, als glaube es. Im Jahr 1917 stand das Volk auf, plünderte Kirchen, brannte sie nieder und beraubte Priester. Ein Teil der Menschen begann jedoch wirklich zu glauben, wählte einen Patriarchen und so weiter. Ebenfalls einen chauvinistisch gesinnten konservativen Menschen, aber dieser Mensch glaubte offenbar an Gott.
Diesen Patriarchen trieben sie in den Tod. Andere Metropoliten warfen sie aus den Kirchen, schickten sie in Lager, erschossen und töteten alle.
Im Jahr 1943 brauchten sie die Kirche wieder, um den Verbündeten zu zeigen, was für ein orthodoxes, christliches Russland man hier habe und so weiter. Sie stellten die Kirche wieder zusammen.
Und wissen Sie, wo sich wiederum die meisten Kirchengemeinden befanden? Achtzig Prozent der wiedereröffneten Kirchen der Russisch-Orthodoxen Kirche befanden sich hier, in der Ukraine. Denn hier gab es nie die Geschichte mit den Reformen Nikons. Hier war die Verbindung zwischen Volk, Religion, Glauben und Kirche nie vollständig verloren gegangen.
Deshalb wurden nach 1943 achtzig Prozent der orthodoxen Kirchen auf dem Gebiet der Ukraine und nicht Russlands eröffnet. Dort brauchte das niemand.
So existierte sie in dieser Form faktisch bis 1991, nun, bis 1989. Deshalb war Filaret Locum Tenens. Deshalb gab es die Konkurrenz ukrainischer Geistlicher im Synod der russischen Kirche. Deshalb bestand der Wunsch, unserer Kirche Autonomie zu geben, damit wir uns nicht länger in die Leitung der russischen Kirche einmischten.
Aber dadurch stieg die Zahl der Gläubigen in Russland nicht. Dort stehen Kirchen. Aber dieses Volk glaubt, verzeihen Sie, seit dem 15. oder 16., vielleicht 17. Jahrhundert nicht mehr an Gott. Seine Verbindung zum Glauben ist abgerissen.
Alles, was Sie sehen, ist reine Kulisse. Kulisse. Das kann ich Ihnen als Mensch sagen, der die meisten großen Klöster der Russisch-Orthodoxen Kirche besucht hat. Ich erzähle Ihnen das nicht einfach aus einem Buch. Ich war überall, habe mit allen gesprochen und war bei der Inthronisation aller Patriarchen anwesend, die ich als Erwachsener erlebt habe. Für mich ist das kein akademisches Interesse, sondern gelebte Erfahrung und persönliche Verbindungen.
Roksana Runo: Es gab diese Potemkinschen Dörfer. Das ist also eine Potemkinsche Kirche. Ja?
Portnikov: Ja. Kontinuität der Tradition. Deshalb ist Gundjajew tatsächlich … Hören Sie, als wir seinen engsten Mitstreiter, diesen Metropoliten Hilarion, sahen, wie er mit einem Elektroroller durch sein neues Haus fuhr, das er als Kirche ausgab – was sind das für Priester? Was ist das für ein Glaube? Worüber sprechen wir überhaupt? Das ist alles lächerlich.
Deshalb ist Gundjajew einfach ein gewöhnlicher Beamter in Putins Abteilung. Ein Oberprokurator des Synods. Mit Ambitionen. Wenn man Gundjajew betrachtet: Glauben Sie wirklich ernsthaft, dass Gundjajew an Gott glaubt? Nein. Er verwaltet.
Wie mir der verstorbene Patriarch Filaret einmal über den vorherigen Patriarchen Alexius II. sagte: „Nun, das war ein Mensch, der noch die alten Traditionen kannte.“ Ich kann mir vorstellen, dass Patriarch Alexius trotz all seiner Verbindungen zur russischen und zuvor sowjetischen Staatsmacht noch denken konnte, dass Gott existiert. Gundjajew ist dieser Gedanke wahrscheinlich nie gekommen. Deshalb wurde er so leicht zum Patriarchen des Krieges.
Roksana Runo: Genau darum geht es. Kontinuität der Tradition.
Wir können noch nach Threads fragen. Haben Sie dort die Kommunikation mit dieser aktiven Jugend noch nicht genug genossen, die sagt: „Kann ich einen kleinen Kommentar und ein Like von Portnikov bekommen? Und wer ist er? Sitzt er selbst hier? Sitzt er selbst?“
Portnikov: Hören Sie, ich glaube, ein Mensch muss mit jenem Publikum in Kontakt treten, für das er unverständlich ist.
Ich kommentiere wenig. Ich habe klare Prinzipien. Ich kommentiere wenig auf Facebook und überhaupt nicht auf YouTube, weil ich glaube, dass ich alles in meinen Videobeiträgen sage.
Ich sehe Menschen, die viele Dinge nicht verstehen, und das sind nicht mehr meine Altersgenossen.
Als ich meine journalistische Arbeit begann und Korrespondent der Zeitung „Molod Ukrajiny“ war, war ich glücklich darüber, dass ich Menschen meines Alters, die in kleinen Städten, vielleicht in Siedlungen, in Kyiv oder in Lwiw Ukrainisch lasen, neue Informationen auf Ukrainisch in einer Zeitung vermitteln konnte, die in einer Auflage von 800.000 bis 900.000 Exemplaren erschien.
Das war etwas anderes, als nur auf den Wellen von Radio Liberty zu senden. Man konnte buchstäblich am Kiosk über die ukrainische Unabhängigkeit, über Veränderungen und über die Marktwirtschaft lesen. All das war mir wichtig. Aber ich schrieb für Menschen meines Alters, verstehen Sie?
Heute sind es Menschen eines anderen Alters. Und ich glaube, damit die Arbeit am Aufbau eines moralischen Staates fortgesetzt werden kann, müssen sich auch diese Menschen an meinem Wertesystem orientieren.
Ich denke, das muss auch in zwanzig Jahren so sein. Wenn die Ukraine sich wirklich entwickeln und ein demokratischer, europäischer Staat sein will, müssen wir alle, die Werte dieser Art vertreten, für das Publikum so lange gefragt sein, wie wir leben.
Für die heutigen Zwanzigjährigen und für ihre Kinder müssen gerade ich und Menschen mit meinen Ansichten interessante Journalisten sein, nicht irgendwelche Idioten. Das ist alles.
Und wenn es ein neues soziales Netzwerk gibt, wenn ich achtzig bin, werde ich mich dort genauso verhalten.
Roksana Runo: Sie werden ebenfalls in die Kommentare kommen und schreiben: „Dummchen.“
Portnikov: Danach erstellen wir eine Portnikov-Matrix, eine Roksana-Runo-Matrix. Vielleicht werde ich dann bereits irgendwo an einem anderen Ort sein, und Sie werden irgendwo auf der Datscha mit Ihren Urenkeln sitzen und genau auf dieselbe Weise dieses Interview starten.
Roksana Runo: Hören Sie, aber Sie sind eine Quelle. Zu Beginn erwähnte ich meine bisher zwei Lieblingsmemes mit Portnikov. Sie sind wirklich gelungen. Ich benutze sie sogar in Arbeitschats für alle Lebenslagen. Empfehlung.
Sie sind tatsächlich Urheber und Quelle einer riesigen Zahl von Memes. Irgendjemand schneidet sie heraus und veröffentlicht sie. Haben Sie selbst irgendwelche Lieblingsmemes über sich? Einfach nur zum Lachen?
Portnikov: Ehrlich gesagt denke ich nicht darüber nach. Ich denke einfach auf diese Weise, verstehen Sie?
Ich freue mich sehr, dass man das Memes nennt. Aber ich denke, würde ich sagen, mit einer sarkastischen Haltung gegenüber der Wirklichkeit.
Niemand kann eine einfache Sache begreifen: Ich bin kein Mensch mit tragischer Denkweise. Ich bin ein optimistisch eingestellter Mensch.
Den Leuten gefällt es nicht, wenn ich lächle, während ich über schwierige Dinge spreche. Ich lächle erstens aus Höflichkeit.
Und zweitens glaube ich, dass wir uns in jedem Fall daran erinnern müssen – und ich spreche hier doch angeblich mit Christen –, dass das Leben überhaupt ein gewaltiges Geschenk und ein gewaltiger Wert ist.
Dass wir dieses Leben überhaupt haben und es verteidigen können, ist bereits ein Geschenk, denn eine riesige Zahl von Menschen besitzt diese Möglichkeit nicht. Ganz zu schweigen von den Menschen, die in dieser Zeit für die Heimat gestorben sind.
Wenn wir uns in Trauer versenken, ausschließlich in pathetischen Worten sprechen und keinen Versuch unternehmen, das Leben zu leben, dann wäre das ein Verrat an jenen, die das Land grundsätzlich dafür verteidigen, dass ihr Kind lacht. Verstehen Sie?
In Wirklichkeit wird ein Land dafür verteidigt, dass Kinder lachen. Nicht dafür, dass irgendwo eine Flagge weht. Auch das ist wichtig. Nicht einmal dafür, dass irgendwo eine bestimmte Sprache gesprochen wird. Auch das ist wichtig.
Aber im Zentrum der Verteidigung eines jeden Landes steht das Lachen der Kinder, das abbricht, wenn der Feind in dein Haus kommt.
Roksana Runo: Das stimmt. Für die Kommunikation nach Schablone haben wir Volksabgeordnete. Sie wissen, die kommen damit gut zurecht.
Übrigens weiß ich nicht, inwieweit …
Portnikov: Nun, wir haben jetzt Volksabgeordnete, die selbst zu Memes werden, wie die verehrte Mariana Besuhla, oder Memes hervorbringen, wie Oleksij Hontscharenko. Wir haben also solche Abgeordneten.
Roksana Runo: Das sind Ausnahmen. Solche gab es in allen Legislaturperioden.
Ich erinnere mich noch aus der achten Legislaturperiode an den Kosak Hawryljuk. Er saß bei mir im Interview, und ich erinnere mich bis heute an diesen Satz, obwohl zwölf Jahre vergangen sind.
Ich fragte ihn etwas dazu, wie dies oder jenes geschehen sei. Er antwortete mir: „Ich dachte, es würde sich von selbst auflösen, aber es löst sich einfach nicht auf und löst sich nicht auf.“ Und das war im Grunde seine gesamte Antwort.
Kurz gesagt, ich weiß nicht, inwieweit Humor Leben rettet, aber er erleichtert das Leben ganz sicher. Schreiben Sie den Menschen dort also weiter Kommentare. Das bringt ihnen ein kleines Stück Freude.
Portnikov: Ich denke einfach, dass diese Menschen in Zukunft, wenn sie wählen, ebenfalls daran denken werden, dass man nicht mit Memes wählen darf, sondern mit echter Verantwortung für die Zukunft.
Roksana Runo: Für dieses Bewusstsein tun Sie, wie mir scheint, viel, vielleicht sogar zu viel. Denn Ihre journalistische Arbeit ist sehr dicht: sehr viele Interviews, Ansprachen, Beiträge, Artikel und alles andere.
Portnikov: Sie wollen also ebenfalls in den Kreis jener Menschen eintreten, die nicht glauben, dass ich eigentlich ein fauler Mensch bin, der wenig arbeitet. Nun gut: Welcome to the club.
Roksana Runo: Sie versuchen mich davon zu überzeugen, aber ich habe immer noch gewisse Zweifel.
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Art der Quelle:Intervie Titel des Originals:Чого Зеленський добився від Трампа. Що далі із протестами? | Віталій Портников @ApostropheTV. 29.07.2026. Autor:Vitaly Portnikov Veröffentlichung:29.07.2026. Originalsprache:uk Plattform / Quelle: YouTube Link zum Originaltext:
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Mein Großvater hatte eine verdammt ramponierte Waschschüssel.
Und nein, ich rede gerade nicht von mir.
Diese Waschschüssel war vermutlich genauso alt wie mein Großvater. Gut möglich, dass beide gemeinsam durch die harte sowjetische Schule gegangen waren.
Beide bestanden aus Metall. Mein Großvater vermutlich aus Meteoriteneisen, die Waschschüssel dagegen aus der außerehelichen Affäre von Aluminium und Beton. Sowohl ihrer Farbe nach als auch wegen ihrer seltsamen Eigenschaften.
Denn die Jahre vergingen, und sie bekam immer mehr Löcher. Aber auf eine merkwürdige Art. Sie weigerte sich einfach, endgültig kaputtzugehen.
Vielleicht züchteten Oma und Opa heimlich in ihrem Schuppenlabor zwischen den Hühnern Kampfpterodaktylen – so wie es sich für anständige Bewohner eines Grenzgebiets zu Mordor gehört. Und diese schnabelbewehrten Mistviecher hackten die Waschschüssel durch, während sie daraus Körner fraßen.
Oder vielleicht entwickelten die Birnen, wenn sie vom Baum neben dem Haus herunterfielen, eine derartige Geschwindigkeit, dass Newton mit seinem Apfel und all seinen Gesetzen nur noch hätte staunen können. Und diese Birnen durchschlugen die Waschschüssel.
Doch die Löcher wurden immer mehr.
Mein Großvater aber, stur und sparsam, sagte nur: „Geht noch.“ Und immer wieder flickte er dieses sonderbare Ding.
Mit der Zeit wurden es so viele Flicken, dass man das philosophische Gedankenexperiment vom Schiff des Theseus hervorragend an genau dieser Waschschüssel hätte erklären können.
Irgendwann erbarmte sich schließlich die ganze Familie dieses metallenen Unglücks, und wir nahmen es mit nach Sumy. Bei uns stand es als Familienreliquie – einer jener Spiegel, die die komplizierte Geschichte der Generation meiner Großeltern widerspiegelten. Flicken über Flicken. Und wir schätzten sie, weil sie immer noch existierte. Weil man sich immer noch auf sie stützen konnte.
„Geht noch.“
Doch diese Geschichte handelt gar nicht von einer Waschschüssel.
Sie handelt davon, dass Widerstandskraft meistens hässlich ist.
Hört endlich auf, euch mit diesem Erfolgswahn zu vergiften, der sich zynisch bis in die schreckliche Realität des Krieges hineingefressen hat – in Gestalt einer gnadenlosen Bewertung des eigenen Wertes danach, wie makellos die eigene Widerstandskraft aussieht.
Warum strahle ich nicht vor Leichtigkeit und Inspiration?
Ich habe die vergangene Nacht doch überlebt, verdammt noch mal.
Wo ist mein Ehrgeiz, immer neue Höhen zu erreichen?
Ich bin doch voller Kraft und Energie. Auf einer Beerdigung war ich schließlich nur als Gast.
Warum bringe ich meine Karriere nicht voran? Warum nehme ich nicht ab? Warum sammle ich keine neuen Auszeichnungen in meinen Hobbys?
Diese Nachrichten, die steigenden Preise, die Unsicherheit – das belastet mich doch gar nicht so sehr …
Warum bin ich so faul?
Chronischer Stress macht mir doch überhaupt nichts aus. Das ist alles nur Psychologengerede für Schwächlinge.
Die Marke der Unbeugsamkeit, die vom Marketing vereinnahmt wurde, verlangt von uns, zu schweben und zu strahlen. Wie in einer Werbung für Damenbinden, in der Frauen während ihrer Menstruation in Weiß lächelnd einen Spagat machen.
Man verkauft uns die Vorstellung, der Maßstab für Widerstandskraft sei die Formel: „wie 2019“ + „trotz allem“.
Fitnessstudio. Einkaufen. Neue Positionen. Reisen. Erfolge.
Doch Widerstandskraft ist meistens hässlich.
Wir haben überlebt. Wir haben es geschafft. Wir gehen weiter. Aber unter den Flicken verbergen sich …
Übergewicht. Cortisol-Kilos. Dunkle Ringe unter den Augen. Chronische Erschöpfung. Schwere Gedanken. Eine Identitätskrise. Der Schmerz über Verluste. Angst um das eigene Leben. Das Gefühl, keine Zukunft mehr zu haben. Finanzieller Ruin. Der Schmerz über Verrat. Angestaute Fragen ohne Antworten. Die Erschöpfung durch den ständigen Druck. Völlige Auszehrung.
Narben, für die man sich schämen soll, wenn man dem Branding der Widerstandskraft glaubt. Zeigen darf man nur das, was nicht allzu erschreckend aussieht – und unbedingt heroisch ist. Alles andere muss versteckt werden. Sonst bekommt man keinen Job. Wird nicht mehr zu Veranstaltungen eingeladen. Niemand will noch mit einem auf ein Date gehen. Niemand …
Und wir alle spielen dieses Spiel.
„Geht noch.“ Aber wir tun so, als wären wir nagelneu und ohne den kleinsten Kratzer.
Denn wir wissen nicht, wie wir mit genau diesen Teilen unseres Selbst anderen begegnen sollen – anderen, die genauso sind. Oder ganz anders, aber ebenfalls übersät mit Flicken.
Daher zerfällt unsere Gesellschaft in Scherben – mit gewaltigen Abgründen aus Stigmatisierung, Unverständnis und gegenseitigen Vorwürfen.
Wir brauchen Dialoge – dann, wenn wir dazu bereit sind.
Und diese Bereitschaft beginnt mit der Erkenntnis, dass Widerstandskraft meist alles andere als schön ist. Unsere Menschlichkeit aber, so wie sie sich gerade darin zeigt, ist wunderschön.
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Art der Quelle:Social Media
Autor:Evgenia Minaeva Veröffentlichung:30.07.2026. Originalsprache:uk Plattform / Quelle:Facebook Link zum Originaltext:
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