Widerstandskraft ist meist alles andere als schön. Evgenia Minaeva. 30.08.2026.

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Mein Großvater hatte eine verdammt ramponierte Waschschüssel.

Und nein, ich rede gerade nicht von mir.

Diese Waschschüssel war vermutlich genauso alt wie mein Großvater. Gut möglich, dass beide gemeinsam durch die harte sowjetische Schule gegangen waren.

Beide bestanden aus Metall. Mein Großvater vermutlich aus Meteoriteneisen, die Waschschüssel dagegen aus der außerehelichen Affäre von Aluminium und Beton. Sowohl ihrer Farbe nach als auch wegen ihrer seltsamen Eigenschaften.

Denn die Jahre vergingen, und sie bekam immer mehr Löcher. Aber auf eine merkwürdige Art. Sie weigerte sich einfach, endgültig kaputtzugehen.

Vielleicht züchteten Oma und Opa heimlich in ihrem Schuppenlabor zwischen den Hühnern Kampfpterodaktylen – so wie es sich für anständige Bewohner eines Grenzgebiets zu Mordor gehört. Und diese schnabelbewehrten Mistviecher hackten die Waschschüssel durch, während sie daraus Körner fraßen.

Oder vielleicht entwickelten die Birnen, wenn sie vom Baum neben dem Haus herunterfielen, eine derartige Geschwindigkeit, dass Newton mit seinem Apfel und all seinen Gesetzen nur noch hätte staunen können. Und diese Birnen durchschlugen die Waschschüssel.

Doch die Löcher wurden immer mehr.

Mein Großvater aber, stur und sparsam, sagte nur: „Geht noch.“ Und immer wieder flickte er dieses sonderbare Ding.

Mit der Zeit wurden es so viele Flicken, dass man das philosophische Gedankenexperiment vom Schiff des Theseus hervorragend an genau dieser Waschschüssel hätte erklären können.

Irgendwann erbarmte sich schließlich die ganze Familie dieses metallenen Unglücks, und wir nahmen es mit nach Sumy. Bei uns stand es als Familienreliquie – einer jener Spiegel, die die komplizierte Geschichte der Generation meiner Großeltern widerspiegelten. Flicken über Flicken. Und wir schätzten sie, weil sie immer noch existierte. Weil man sich immer noch auf sie stützen konnte.

„Geht noch.“

Doch diese Geschichte handelt gar nicht von einer Waschschüssel.

Sie handelt davon, dass Widerstandskraft meistens hässlich ist.

Hört endlich auf, euch mit diesem Erfolgswahn zu vergiften, der sich zynisch bis in die schreckliche Realität des Krieges hineingefressen hat – in Gestalt einer gnadenlosen Bewertung des eigenen Wertes danach, wie makellos die eigene Widerstandskraft aussieht.

Warum strahle ich nicht vor Leichtigkeit und Inspiration?

Ich habe die vergangene Nacht doch überlebt, verdammt noch mal.

Wo ist mein Ehrgeiz, immer neue Höhen zu erreichen?

Ich bin doch voller Kraft und Energie. Auf einer Beerdigung war ich schließlich nur als Gast.

Warum bringe ich meine Karriere nicht voran? Warum nehme ich nicht ab? Warum sammle ich keine neuen Auszeichnungen in meinen Hobbys?

Diese Nachrichten, die steigenden Preise, die Unsicherheit – das belastet mich doch gar nicht so sehr …

Warum bin ich so faul?

Chronischer Stress macht mir doch überhaupt nichts aus. Das ist alles nur Psychologengerede für Schwächlinge.

Die Marke der Unbeugsamkeit, die vom Marketing vereinnahmt wurde, verlangt von uns, zu schweben und zu strahlen. Wie in einer Werbung für Damenbinden, in der Frauen während ihrer Menstruation in Weiß lächelnd einen Spagat machen.

Man verkauft uns die Vorstellung, der Maßstab für Widerstandskraft sei die Formel: „wie 2019“ + „trotz allem“.

Fitnessstudio. Einkaufen. Neue Positionen. Reisen. Erfolge.

Doch Widerstandskraft ist meistens hässlich.

Wir haben überlebt. Wir haben es geschafft. Wir gehen weiter. Aber unter den Flicken verbergen sich …

Übergewicht. Cortisol-Kilos. Dunkle Ringe unter den Augen. Chronische Erschöpfung. Schwere Gedanken. Eine Identitätskrise. Der Schmerz über Verluste. Angst um das eigene Leben. Das Gefühl, keine Zukunft mehr zu haben. Finanzieller Ruin. Der Schmerz über Verrat. Angestaute Fragen ohne Antworten. Die Erschöpfung durch den ständigen Druck. Völlige Auszehrung.

Narben, für die man sich schämen soll, wenn man dem Branding der Widerstandskraft glaubt. Zeigen darf man nur das, was nicht allzu erschreckend aussieht – und unbedingt heroisch ist. Alles andere muss versteckt werden. Sonst bekommt man keinen Job. Wird nicht mehr zu Veranstaltungen eingeladen. Niemand will noch mit einem auf ein Date gehen. Niemand …

Und wir alle spielen dieses Spiel.

„Geht noch.“ Aber wir tun so, als wären wir nagelneu und ohne den kleinsten Kratzer.

Denn wir wissen nicht, wie wir mit genau diesen Teilen unseres Selbst anderen begegnen sollen – anderen, die genauso sind. Oder ganz anders, aber ebenfalls übersät mit Flicken.

Daher zerfällt unsere Gesellschaft in Scherben – mit gewaltigen Abgründen aus Stigmatisierung, Unverständnis und gegenseitigen Vorwürfen.

Wir brauchen Dialoge – dann, wenn wir dazu bereit sind.

Und diese Bereitschaft beginnt mit der Erkenntnis, dass Widerstandskraft meist alles andere als schön ist. Unsere Menschlichkeit aber, so wie sie sich gerade darin zeigt, ist wunderschön.


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Art der Quelle: Social Media

Autor: Evgenia Minaeva
Veröffentlichung: 30.08.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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