Widerstandskraft ist meist alles andere als schön. Evgenia Minaeva. 30.07.2026.

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Mein Großvater hatte eine verdammt ramponierte Waschschüssel.

Und nein, ich rede gerade nicht von mir.

Diese Waschschüssel war vermutlich genauso alt wie mein Großvater. Gut möglich, dass beide gemeinsam durch die harte sowjetische Schule gegangen waren.

Beide bestanden aus Metall. Mein Großvater vermutlich aus Meteoriteneisen, die Waschschüssel dagegen aus der außerehelichen Affäre von Aluminium und Beton. Sowohl ihrer Farbe nach als auch wegen ihrer seltsamen Eigenschaften.

Denn die Jahre vergingen, und sie bekam immer mehr Löcher. Aber auf eine merkwürdige Art. Sie weigerte sich einfach, endgültig kaputtzugehen.

Vielleicht züchteten Oma und Opa heimlich in ihrem Schuppenlabor zwischen den Hühnern Kampfpterodaktylen – so wie es sich für anständige Bewohner eines Grenzgebiets zu Mordor gehört. Und diese schnabelbewehrten Mistviecher hackten die Waschschüssel durch, während sie daraus Körner fraßen.

Oder vielleicht entwickelten die Birnen, wenn sie vom Baum neben dem Haus herunterfielen, eine derartige Geschwindigkeit, dass Newton mit seinem Apfel und all seinen Gesetzen nur noch hätte staunen können. Und diese Birnen durchschlugen die Waschschüssel.

Doch die Löcher wurden immer mehr.

Mein Großvater aber, stur und sparsam, sagte nur: „Geht noch.“ Und immer wieder flickte er dieses sonderbare Ding.

Mit der Zeit wurden es so viele Flicken, dass man das philosophische Gedankenexperiment vom Schiff des Theseus hervorragend an genau dieser Waschschüssel hätte erklären können.

Irgendwann erbarmte sich schließlich die ganze Familie dieses metallenen Unglücks, und wir nahmen es mit nach Sumy. Bei uns stand es als Familienreliquie – einer jener Spiegel, die die komplizierte Geschichte der Generation meiner Großeltern widerspiegelten. Flicken über Flicken. Und wir schätzten sie, weil sie immer noch existierte. Weil man sich immer noch auf sie stützen konnte.

„Geht noch.“

Doch diese Geschichte handelt gar nicht von einer Waschschüssel.

Sie handelt davon, dass Widerstandskraft meistens hässlich ist.

Hört endlich auf, euch mit diesem Erfolgswahn zu vergiften, der sich zynisch bis in die schreckliche Realität des Krieges hineingefressen hat – in Gestalt einer gnadenlosen Bewertung des eigenen Wertes danach, wie makellos die eigene Widerstandskraft aussieht.

Warum strahle ich nicht vor Leichtigkeit und Inspiration?

Ich habe die vergangene Nacht doch überlebt, verdammt noch mal.

Wo ist mein Ehrgeiz, immer neue Höhen zu erreichen?

Ich bin doch voller Kraft und Energie. Auf einer Beerdigung war ich schließlich nur als Gast.

Warum bringe ich meine Karriere nicht voran? Warum nehme ich nicht ab? Warum sammle ich keine neuen Auszeichnungen in meinen Hobbys?

Diese Nachrichten, die steigenden Preise, die Unsicherheit – das belastet mich doch gar nicht so sehr …

Warum bin ich so faul?

Chronischer Stress macht mir doch überhaupt nichts aus. Das ist alles nur Psychologengerede für Schwächlinge.

Die Marke der Unbeugsamkeit, die vom Marketing vereinnahmt wurde, verlangt von uns, zu schweben und zu strahlen. Wie in einer Werbung für Damenbinden, in der Frauen während ihrer Menstruation in Weiß lächelnd einen Spagat machen.

Man verkauft uns die Vorstellung, der Maßstab für Widerstandskraft sei die Formel: „wie 2019“ + „trotz allem“.

Fitnessstudio. Einkaufen. Neue Positionen. Reisen. Erfolge.

Doch Widerstandskraft ist meistens hässlich.

Wir haben überlebt. Wir haben es geschafft. Wir gehen weiter. Aber unter den Flicken verbergen sich …

Übergewicht. Cortisol-Kilos. Dunkle Ringe unter den Augen. Chronische Erschöpfung. Schwere Gedanken. Eine Identitätskrise. Der Schmerz über Verluste. Angst um das eigene Leben. Das Gefühl, keine Zukunft mehr zu haben. Finanzieller Ruin. Der Schmerz über Verrat. Angestaute Fragen ohne Antworten. Die Erschöpfung durch den ständigen Druck. Völlige Auszehrung.

Narben, für die man sich schämen soll, wenn man dem Branding der Widerstandskraft glaubt. Zeigen darf man nur das, was nicht allzu erschreckend aussieht – und unbedingt heroisch ist. Alles andere muss versteckt werden. Sonst bekommt man keinen Job. Wird nicht mehr zu Veranstaltungen eingeladen. Niemand will noch mit einem auf ein Date gehen. Niemand …

Und wir alle spielen dieses Spiel.

„Geht noch.“ Aber wir tun so, als wären wir nagelneu und ohne den kleinsten Kratzer.

Denn wir wissen nicht, wie wir mit genau diesen Teilen unseres Selbst anderen begegnen sollen – anderen, die genauso sind. Oder ganz anders, aber ebenfalls übersät mit Flicken.

Daher zerfällt unsere Gesellschaft in Scherben – mit gewaltigen Abgründen aus Stigmatisierung, Unverständnis und gegenseitigen Vorwürfen.

Wir brauchen Dialoge – dann, wenn wir dazu bereit sind.

Und diese Bereitschaft beginnt mit der Erkenntnis, dass Widerstandskraft meist alles andere als schön ist. Unsere Menschlichkeit aber, so wie sie sich gerade darin zeigt, ist wunderschön.


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Autor: Evgenia Minaeva
Veröffentlichung: 30.07.2026.
Originalsprache: uk
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Der Welt Ukrainer erklären – ein unmöglicher Versuch. Iryna Guk. 03.02.2026.

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Ein Tag nach einem massiven russischen Beschuss. Hunderttausende Familien sind erneut ohne Wärme geblieben. Währenddessen:

Luftstreitkräfte: Insgesamt flogen 521 Mittel des Luftangriffs auf uns zu.

Friseursalon: Sie sind bei Meisterin Tetjana eingetragen, wir erwarten Sie!

Kinderkurs: Freunde, die Anmeldung für den Unterricht bei der Künstlerin Polina läuft! Die jüngere Gruppe malt ein märchenhaftes Tier, die ältere – ein Stillleben mit einem Kürbis.

Kindergarten: schickt ein Video, wie die Kinder im Schutzraum tanzen und singen, und lädt die Eltern ein, sich bei Bedarf aufzuwärmen.

Büro, Leute: Wir haben keine Heizung, keinen Strom, kein Internet, die Aufzüge sind kaputt, aber wir haben trotzdem – ich zitiere wörtlich – „einen Aufzug erwischt“, wir machen den Versand, packen 40 Rucksäcke.

Arbeitschat: Mädchen, die die ganze Nacht nicht geschlafen haben, schicken einen Screenshot vom geteilten Bildschirm: „Wir planen für die Veranstaltung am 20. Februar in der Buchhandlung!“

Mama: „Na ja, während das hier die ganze Nacht beschossen wurde, habe ich ‚Schafa‘ geöffnet und den gesamten Bestand meiner Lieblingsverkäuferin durchwühlt, jetzt muss ich mir anschauen, was ich dort alles zu den Favoriten gelegt habe.“

Nova Poshta: Ihre 50 Mini-Glöckchen-Raschel-Dinger sind in ihre Postfiliale angekommen [mein Gott, wozu brauche ich die überhaupt?].

Ich: [nachdem ich ein großes und großartiges Interview mit einer unglaublichen Militärangehörigen zu Ende redigiert habe]: Oh, ich muss ja Erde für die Anzucht von Zimmer-Tomaten bestellen.

Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie man der Welt Ukrainer erklären soll.


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Art der Quelle: Social Media
Autor: Iryna Guk
Veröffentlichung / Entstehung: 03.02.2026.
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Kyiv. U-Bahn-Station. Oleg Kiy.

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Die Nacht zum 25. November 2025. Kyiv. Eine U-Bahn-Station – tief und rettend.

Zuerst ist der Granit so kalt, dass es scheint, als hätte er schon all die Wärme aufgesogen, die diejenigen abgegeben haben, die hier vor uns lagen. Aber wir wärmen ihn wieder mit unseren Körpern.

Licht gibt es kaum – nur schwache Notlampen und ein mattes Flackern der Handybildschirme. Manche haben noch „1 %“, manche schon einen schwarzen Bildschirm.

Die Menschen liegen da: manche als Familie, manche eng aneinandergedrückt, weil es so wärmer ist, manche allein – ganz wie im normalen Leben. Sie atmen. Manche röcheln, manche stöhnen im Schlaf, andere schweigen einfach und starren an die Decke oder auf das rettende Telefon.

Das kleine Kind, verängstigt von den Explosionen, schreit nicht mehr – es heult. Die Eltern können es nicht beruhigen, schämen sich für ihre Ohnmacht und warten nur darauf, dass es vor Erschöpfung nachgibt.

Die Mutter hält ihm die Hände über die Ohren, als könne sie damit das Echo der Explosionen dämpfen, das tief im Inneren geblieben ist.„Woher nimmst du nur so viel Kraft zum Leiden… Wir sind hier, wir sterben nicht, mein Sonnenschein… wir schlafen nur… schlaf auch du…“ – flüstert sie und küsst ihr Kind an die Schläfe, und ihr Körper zittert – vor ihrer eigenen Angst, aber vor allem wegen ihres untröstlichen Kindes.

Nicht weit weg – eine Großmutter. In ihren Händen eine kleine Ikone. Nach jedem Gebetskreis küsst sie sie, bekreuzigt sich und flüstert: „Vergib uns, Herr… vergib…“ Dann legt sie sich mit dem Gesicht zur Wand und weint leise – ohne Tränen, ohne Stimme, nur ihre Schultern zittern.

Oben ist es schon vier Uhr morgens, Explosionen und Autoalarmanlagen sind zu hören. Auf die Stadt prasseln „Kinschal“-Raketen, Erde und Himmel erzittern wie ein einziger Körper.

Ein Wohnhochhaus steht in Flammen.Ein Mann steht auf einem zerstörten Balkon und versucht verzweifelt, das Feuer mit einem Eimer Wasser zu löschen – es wirkt hoffnungslos. Das Innere des Hauses brennt wie ein gewaltiger Fackelstoß.

In der toten nächtlichen Stille zwischen den Explosionen hört man Schreie aus den Fenstern, jemand ruft nach der Rettung eines Kindes irgendwo auf einem höheren Stockwerk.

Endlich sind die Rettungskräfte da, es gibt Hoffnung, aber nicht für alle – manche können nicht mehr rechtzeitig erreicht werden.

Um sechs Uhr morgens beginnt wieder eine Angriffswelle. Die schlimmste. Die Stadt dröhnt, als würde jemand mit einem Hammer darauf einschlagen.

Das kleine Kind in der U-Bahn hat sich inzwischen beruhigt, liegt nicht im Kinderwagen, sondern in den Armen der Mutter. Die Mutter ist todesmüde, freut sich aber darüber, dass ihr Kind den Menschen um sie herum, die schlafen, keine Umstände macht.

Als um 8:37 Uhr endlich „Entwarnung“ gegeben wird, sammeln sich alle und kriechen nach oben. Draußen – der Geruch des Krieges. Über der Stadt schwarzer Smog. Vom U-Bahn-Eingang aus sieht man nicht, wie das fremde Leben weiterbrennt.

Diese Nacht hat mindestens sechs Bewohner Kyjivs das Leben gekostet.

Kyiv erwacht: Manche gehen in die U-Bahn, um zur Arbeit zu fahren, andere kommen aus ihr heraus wie aus einem Schutzraum.

Die Mutter trägt das Kind auf dem Arm – dasselbe Kind – der Vater den Kinderwagen und die Sachen. Sie wollen die Rollen nicht tauschen, kein Risiko eingehen: Es soll noch schlafen, und die Erwachsenen halten irgendwie durch.

Die Mutter küsst ihren schweren Schatz sanft auf die Stirn. Kyiv steht – wie immer – es hat standgehalten. Die Stadt beginnt wieder zu arbeiten, für das Leben und zur Unterstützung der Front.

Denn ein anderes Zuhause haben wir nicht…


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Art der Quelle: Social Media

Autor: Oleg Kiy
Veröffentlichung / Entstehung: 25.11.2025.<Oleg Kiy Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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