
Украинский журналист Портников: «Мы стоим на пороге хаоса». 29.07.2026.
„Wir stehen an der Schwelle zum Chaos, an der Schwelle zur Zerstörung der Weltordnung, an der Schwelle zu einer Welt, in der die einzige Hoffnung auf das Überleben souveräner Staaten die Bereitschaft sein wird, ihre Möglichkeiten mit Gewalt zu beweisen. Wenn es uns nicht gelingt, unsere Kräfte zu bündeln, wird die Frage der Existenz nicht nur der Ukraine, sondern beispielsweise auch der baltischen Staaten auf der politischen Landkarte der Welt für viele Jahrzehnte offenbleiben“, sagt der bekannte ukrainische Journalist, Publizist und Schriftsteller Vitaly Portnikov in einem Exklusivinterview mit LRT.
– Die jüngsten Proteste in der Ukraine endeten mit einem Wechsel des Oberbefehlshabers der Streitkräfte. Viele bringen diese Proteste mit der Entlassung des Verteidigungsministers in Verbindung. Doch wenn man etwas tiefer blickt: Warum hat die ukrainische Gesellschaft gerade so reagiert? Und gibt es in der Ukraine vielleicht Prozesse, die wir hier in Litauen noch gar nicht sehen?
– Ich denke, die Reaktion der ukrainischen Gesellschaft hängt in erster Linie damit zusammen, dass solche Demonstrationen derzeit das einzige Verbindungselement zwischen der Staatsmacht und den Bürgern sind – unter Bedingungen, in denen die Mechanismen der gegenseitigen Kontrolle und des Machtgleichgewichts im ukrainischen Staat in den vergangenen fast sieben Jahren praktisch außer Kraft gesetzt worden sind. Der Präsident stützt sich auf seine eigene Mehrheit im Parlament und verfügt dadurch über Mechanismen zur Ernennung der Regierung außerhalb des Rahmens der parlamentarisch-präsidentiellen Republik, die unsere Verfassung vorsieht. Deshalb sieht er sich bei seinen Entscheidungen unmittelbar mit gesellschaftlichem Unmut konfrontiert.
Ich denke, dieser Prozess ist völlig natürlich. Er wäre noch wesentlich lebhafter verlaufen, hätte nicht der Beginn der jetzigen Phase des russischen Krieges gegen die Ukraine im Februar 2022 stattgefunden.
– Sie haben mehrfach gesagt, dass Russland den Krieg erst dann beenden wird, wenn es ihn nicht mehr fortsetzen kann. Sehen Sie heute irgendwelche Signale dafür, dass Russlands Möglichkeiten an ihre Grenzen kommen?
– Nein, ich sehe keine Signale dafür, dass Russlands Möglichkeiten bereits an ihre Grenzen gelangen. Aber ich sehe Signale dafür, dass diese Möglichkeiten allmählich erschöpft werden. Und ich habe große Hoffnung, dass wir in den zwanziger und dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts nicht nur das Ende dieser Kriegsphase, sondern auch das Ende des gesamten Konflikts infolge der Erschöpfung der Ressourcen der Russischen Föderation erleben werden.
Dieser Prozess hat begonnen. Aber wiederum weiß niemand von uns, wie lange er dauern wird – Monate oder Jahre – und wie die Ukraine nach Abschluss dieses Prozesses des Zusammenbruchs der russischen Ressourcen aussehen wird. Natürlich wird dabei vieles nicht nur von uns abhängen: Russland wird alles daransetzen, die Ukraine zu zerstören, ihre Städte in Ruinen zu verwandeln und den Ukrainern die Möglichkeit zu nehmen, dort zu leben. Vieles wird aber auch von unseren Verbündeten abhängen, die unsere Wirtschaft und unsere militärische Stärke unterstützen werden. Uns stehen schwierige Zeiten bevor.
– Der umfassende Krieg in der Ukraine dauert nun schon das vierte Jahr. Erst jetzt sehen wir eine gewisse Reaktion der russischen Gesellschaft – nachdem einige soziale Netzwerke abgeschaltet wurden, Benzin knapp wird oder Lagerhäuser brennen. Was sagt das über die heutige russische Gesellschaft aus?
– Ich denke, das wäre in jeder Gesellschaft so. Sie selbst sagen ja: Der Krieg findet in der Ukraine statt. Wenn der Krieg in den vergangenen Jahren in der Ukraine stattfand, dann fand er eben nicht in Russland statt. Die Reaktion der russischen Gesellschaft hängt damit zusammen, dass der Krieg nun nach Russland gekommen ist und die Bürger der Russischen Föderation mit den realen und nicht nur den im Fernsehen gezeigten Folgen dieses Krieges konfrontiert werden. Deshalb beginnen sie darüber zu sprechen.
Übrigens war es während der Tschetschenienkriege genauso. Als die Kämpfe im Nordkaukasus Russland auch außerhalb Tschetscheniens, Inguschetiens und Dagestans erreichten, begannen die Menschen, darauf zu achten. Solange es keinen Terror oder andere Folgen dieses Krieges für den gewöhnlichen Russen gab – etwa den Tod von Wehrpflichtigen im Kampfgebiet –, interessierte dieser Krieg niemanden. Deshalb denke ich, dass dies ein völlig natürlicher und gesetzmäßiger Prozess ist.
Gerade deshalb ist es wichtig, dass der Krieg nach Russland gekommen ist. Das schafft ebenfalls Voraussetzungen dafür, dass er früher endet, als es der Fall wäre, wenn er ausschließlich auf ukrainischem Territorium geführt würde. Ich sage Ihnen noch mehr: Würde dieser Krieg ausschließlich auf dem Gebiet der Ukraine stattfinden, könnte er möglicherweise überhaupt niemals enden.
– Ihr Kommentar zum Ort des Krieges ist sehr treffend. Man kann sagen, dass der Krieg inzwischen auch Europa erreicht hat. Wie beurteilen Sie die Bereitschaft Europas für einen möglichen militärischen Konflikt mit Russland in den kommenden Jahren?
– Das werden wir erst erfahren, wenn der Krieg beginnt. Denn über die Bereitschaft einer Gesellschaft vor dem Ausbruch eines Krieges zu sprechen, damit wäre ich vorsichtig. Wenn es keinen Krieg gibt, ist niemand jemals bereit.
Ich versichere Ihnen: Auch die Ukrainer waren 2014 weder psychologisch noch praktisch auf einen Krieg mit der Russischen Föderation vorbereitet. Sie erinnern sich sicher daran, dass damals sogar unsere Soldaten auf der Krim vom Kommando verlangten, aus der Krim abgezogen zu werden, anstatt den Befehl zu erhalten, gegen die russischen Besatzer zu kämpfen.
Der Krieg selbst schafft völlig neue Bedingungen. Ich denke, es geht dabei nicht um Jahre. Die Europäer werden früher mit Prüfungen konfrontiert werden, denn die Logik des russischen Kampfes gegen die Ukraine setzt eine Ausweitung des Krieges auf jene Länder voraus, die am stärksten als Drehscheiben für Hilfe genutzt werden. Zur Logik Russlands gehört außerdem, in den Gesellschaften Angst vor dem Krieg zu säen – eine Angst, die dazu führen könnte, die Unterstützung für die Ukraine zu verringern und dadurch aus Sicht der russischen Führung ihren Zusammenbruch zu beschleunigen.
Deshalb denke ich, dass die der Ukraine nächstgelegenen Länder – etwa Polen und die baltischen Staaten – schon in naher Zukunft mit unterschiedlichsten militärischen Gefahren konfrontiert sein werden, falls Russland seine Ziele nicht erreicht. Dann werden wir sehen, wie bereit diese Gesellschaften tatsächlich zum Widerstand sind. Wir werden sehen, wie sich die Gesellschaft in jene aufspaltet, die zum Widerstand bereit sind, und jene, die Verhandlungen vorschlagen. All diese Prozesse stehen unmittelbar bevor, und wir werden ihre Zeugen sein und im Studio darüber sprechen können.
– Sie haben die Angst vor dem Krieg in den Gesellschaften erwähnt. Lässt sich mit dieser Angst auch die Spannung erklären, die wir heute zwischen Polen und der Ukraine beobachten?
– Ich denke, die Spannungen zwischen Polen und der Ukraine hängen weniger mit der Angst vor dem Krieg zusammen als vielmehr damit, dass sich bereits eine Gewöhnung an den Krieg eingestellt hat. Denn 2022 war dieser große russische Krieg gegen die Ukraine nicht nur für die ukrainische, sondern auch für die polnische Gesellschaft ein Schock. In diesem Sinne wurden viele problematische Fragen, die unsere Länder trennten, gewissermaßen in den Hintergrund gedrängt.
Sie wissen sehr gut, dass Polen Fragen der historischen Erinnerung besondere Aufmerksamkeit schenkt. Das zeigte sich sowohl im polnisch-litauischen als auch im polnisch-deutschen Dialog.
Der polnisch-ukrainische Dialog bildet da erst recht keine Ausnahme, denn in der Geschichte der Beziehungen zwischen unseren beiden Völkern gibt es schreckliche blutige Seiten. Ich bin dem vielfach begegnet – sowohl als Journalist als auch als Teilnehmer des polnisch-ukrainischen Dialogs. Und als ich den ukrainischen Teil des ukrainisch-polnischen Partnerschaftsforums leitete, das von den Außenministerien unserer beiden Länder geschaffen worden war, um Meinungsverschiedenheiten, auch historische, zu überwinden, verstand ich sehr gut, dass dieses Problem keineswegs verschwunden war. Und die Gewöhnung an den Krieg wird all diese Fragen selbstverständlich wieder in den Vordergrund rücken.
Für mich waren die wirtschaftlichen Aspekte weitaus gefährlicher, als Polen bereits während des Krieges wirtschaftliche Konkurrenz durch die Ukraine zu fürchten begann. Erinnern Sie sich an die Getreidekrise? Jetzt nähern wir uns erneut der Möglichkeit einer Blockade ukrainischer Häfen. Und alle Probleme des Transports ukrainischer Waren über das Gebiet der Nachbarstaaten können nun wieder zu den drängendsten und zerstörerischsten Problemen für die ukrainische Wirtschaft werden, wenn wir sie nicht lösen.
– Wie beurteilen Sie den Verhandlungsprozess? Blickt der Westen nicht immer noch zu naiv auf Russland und seine Ziele?
– Ich denke, dass in absehbarer Zukunft keine echten Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine über ein Ende des Krieges zu erwarten sind. Und ich sage Ihnen auch, unter welchen Bedingungen ich echte Verhandlungen für möglich halte – wann wir sagen könnten, dass ein realer Prozess beginnt.
Es handelt sich um jene Bedingung, die der Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, Wladimir Putin bereits während ihrer Kontakte im Jahr 2025 gestellt hatte: Einstellung des Feuers entlang der Frontlinie, Ende der gegenseitigen Bombardierungen und Beginn von Verhandlungen über einen dauerhaften Frieden. Wie Sie wissen, hat Putin dem nicht zugestimmt und diesen Prozess durch Verhandlungen während laufender Kampfhandlungen ersetzt, aus denen sich Russland inzwischen ebenfalls zurückgezogen hat.
Solange es also keine Waffenruhe gibt, kann keine Rede davon sein, dass im Kreml auch nur zehn Minuten lang jemand ernsthaft über Frieden nachgedacht hätte. Und wir werden diese Wahrheit akzeptieren müssen – die Wahrheit eines langen Krieges ohne Hoffnung auf ein baldiges Ende durch Verhandlungen.
Ich hoffe, dass der russisch-ukrainische Krieg allmählich abklingen wird. Aber mit einem dauerhaften Frieden oder irgendwelchen Vereinbarungen rechne ich in absehbarer Zukunft nicht. Und ich glaube auch nicht, dass sich irgendjemand, der die Entwicklung der Lage in Mittel- und Osteuropa in den zwanziger und dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts nüchtern beurteilt, darauf vorbereiten sollte.
– Wenn es der Ukraine gelingen würde, die Krim zurückzuerobern – würde das den Verlauf des Krieges oder die Haltung der russischen Gesellschaft gegenüber der Ukraine verändern?
– Ich würde die Bedeutung der Krim für die Fortsetzung dieses Krieges nicht überschätzen. Für den Großteil der russischen Gesellschaft würde ein Einmarsch der Ukraine auf die Krim als Besetzung russischen Territoriums gelten, denn genau das würde die russische Propaganda behaupten: Nun müsse man den Staat noch entschlossener vernichten, der uns erneut die heilige Krim genommen habe.
Ich glaube allerdings, dass es derzeit keinen Sinn hat, über die Kontrolle der Krim zu sprechen. Denn um die Kontrolle über die Krim zu erlangen, müsste zunächst der Teil der Region Cherson unter Kontrolle gebracht werden, der sich derzeit unter russischer Kontrolle befindet. Das würde einen Sturmangriff auf einen Brückenkopf über den Dnipro erfordern und zu gewaltigen Verlusten führen.
Genauso wie die Russen sich wegen des für sie ungünstigen Brückenkopfes letztlich in Cherson selbst nicht dauerhaft festsetzen konnten, wird es auch für die ukrainische Armee äußerst schwierig sein, den Dnipro zu überqueren und die Kontrolle über die Region Cherson zu erlangen.
Deshalb gehört all das derzeit noch in den Bereich militärischer Fantasie. Und in jedem Fall muss man verstehen: Dies ist kein Krieg um Territorien. Es ist ein Krieg, der auf die Beseitigung der ukrainischen Staatlichkeit und den Anschluss der Gebiete der ehemaligen Ukraine an die Russische Föderation abzielt. Deshalb wird keine territoriale Frage das eigentliche Grundproblem lösen. Russland betrachtet die Ukraine nicht als Staat und wird so lange für ihre Vernichtung kämpfen, wie der Präsident Russlands, die russische Armee und das russische Volk über die dafür notwendigen Kräfte und Ressourcen verfügen.
– Vor Kurzem veröffentlichte das Magazin The Economist ein Interview mit einem russischen Oligarchen. Sie haben gerade die russische Propaganda erwähnt. Manche Leser sahen dieses Interview als erneuten Versuch, nach einem „anderen Russland“ zu suchen. Glauben Sie, dass ein Teil des Westens noch immer nach einem bequemen Russland-Narrativ sucht und nicht akzeptieren kann, dass Russland weiterhin imperial denkt?
– Ich denke, der Westen würde sehr gern zu einer Art Normalisierung der Beziehungen mit Russland zurückkehren. Die Erkenntnis, dass dies in absehbarer Zukunft unmöglich ist, ist natürlich keine angenehme Nachricht – weder für westliche Politiker noch für die westlichen Gesellschaften.
Dennoch ist offensichtlich, dass man nach einem anderen Russland nicht unter jenen Menschen suchen sollte, die sich in Moskau befinden und ihre Aussagen sowie ihre Texte mit der Führung der Präsidialverwaltung Russlands abstimmen.
– Offensichtlich verändert sich die globale Sicherheitsarchitektur. Welche Rolle werden Ihrer Meinung nach Länder wie Litauen künftig spielen?
– Ich denke, das hängt davon ab, ob es den sogenannten mittleren Staaten, von denen der kanadische Premierminister Mark Carney auf dem Wirtschaftsforum in Davos gesprochen hat, gelingt, ihre Kräfte für das eigene Überleben zu bündeln.
Die Sicherheitsarchitektur verändert sich nicht nur – sie ist bereits zusammengebrochen. Denn die wichtigsten Staaten, die bereit sind, ihre militärischen Möglichkeiten zu demonstrieren – die Vereinigten Staaten und die Russische Föderation –, haben bereits gezeigt, wo die Grenzen dieser Möglichkeiten liegen. Und der dritte Kandidat, der das Fehlen solcher Möglichkeiten demonstrieren könnte, ist die Volksrepublik China.
Deshalb stehen wir an der Schwelle zum Chaos, an der Schwelle zum endgültigen Zusammenbruch der Weltordnung, an der Schwelle zu einer Welt, in der allein die Bereitschaft, die eigenen Möglichkeiten mit Gewalt zu demonstrieren, die einzige Überlebenschance souveräner Staaten sein wird.
Und wenn es uns nicht gelingt, unsere Kräfte zu bündeln, dann wird die Existenz nicht nur der Ukraine, sondern beispielsweise auch der baltischen Staaten auf der politischen Landkarte der Welt noch viele Jahrzehnte lang infrage stehen.
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Art der Quelle: Interview
Titel des Originals: Украинский журналист Портников: «Мы стоим на пороге хаоса». 29.07.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 29.07.2026.
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.