73.000 Migranten haben in den vergangenen Tagen die spanische Stadt Ceuta an der afrikanischen Küste wieder verlassen. Damit erwies sich die größte Migrationskrise der jüngsten Zeit, über die bereits führende Politiker Europas und zahlreiche angesehene Kommentatoren gesprochen hatten, als nichts weiter als eine Informationskrise, die die gesamte Spaltung der heutigen Welt deutlich machte.
Tatsächlich wurde schon in den ersten Stunden nach Beginn der Krise offensichtlich, dass viele ihrer Kommentatoren die politische Geografie Spaniens gar nicht kennen. Sie wissen nicht, dass sich zwei spanische Exklavenstädte nicht auf der Iberischen Halbinsel, sondern auf afrikanischem Boden befinden und unmittelbar an das Königreich Marokko grenzen, das die Zugehörigkeit Ceutas und der zweiten spanischen Exklave Melilla zum Königreich Spanien niemals anerkannt hat.
Zwischen den beiden Staaten verläuft daher – zumindest aus marokkanischer Sicht – keine Staatsgrenze, sondern lediglich eine Demarkationslinie. Und eben diese Demarkationslinie ist seit Jahrzehnten gewissermaßen die Grenze der Migrationskrise.
Marokko, das die Möglichkeiten des Grenzübertritts über diese Demarkationslinie geschickt steuert, nutzt die Migration immer wieder als wichtiges politisches Druckmittel in den Beziehungen zu Madrid. Derzeit sind alle Voraussetzungen für einen solchen politischen Hebel gegeben.
Man muss verstehen, dass die Migrationskrise unmittelbar nach einer Annäherung zwischen Spanien und Algerien ausbrach – einem Staat, der sich im Unterschied zu anderen Ländern mit diplomatischen Beziehungen zu Marokko weiterhin zur Souveränität der Demokratischen Arabischen Republik Sahara bekennt, auf deren gesamtes Territorium Rabat seit Jahrzehnten Anspruch erhebt.
Jede Verbesserung der Beziehungen eines europäischen Landes zu Algerien, das die Polisario-Front in der Westsahara unterstützt, ruft in Marokko unweigerlich Verärgerung hervor. Doch diesmal, wie man so sagt, kamen alle Umstände zusammen. Denn Rabat kann heute auf die Unterstützung Washingtons zählen.
US-Präsident Donald Trump hatte bereits während seiner ersten Amtszeit die marokkanische Souveränität über die Westsahara anerkannt und damit gewissermaßen dem marokkanischen König Mohammed VI. den Preis für die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zu Israel gezahlt.
Während der Krise um den Iran verschlechterten sich die amerikanisch-spanischen Beziehungen erheblich. Und in Rabat versteht man sehr genau, dass jegliche Signale gegenüber Madrid in Washington wohlwollend aufgenommen werden und für Marokko keinerlei ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen werden.
So konnten wir eine gut vorbereitete und medial inszenierte politische Provokation beobachten. Unter Menschen, die davon träumen, nach Europa zu gelangen, wurde das Gerücht verbreitet, Madrid habe angeblich beschlossen – unter Berufung auf eine jüngste Entscheidung des Obersten Gerichtshofs Spaniens –, die Legalisierung des Aufenthaltsstatus für jeden zu erleichtern, der Ceuta oder Melilla erreiche.
Aus Sicht des spanischen Rechts hatten diese Behauptungen keinerlei tatsächliche Grundlage. Und selbst wenn man die Demarkationslinie und die Grenzanlagen von Ceuta oder Melilla überwunden hat, ist es praktisch unmöglich, von Afrika aus weiter nach Europa zu gelangen.
Doch Menschen, die seit Jahren gewissermaßen auf gepackten Koffern sitzen und davon träumen, Marokko zu verlassen, versuchen selbstverständlich jede Gelegenheit zu nutzen, um tatsächlich in diese spanischen Städte zu gelangen, die ihnen als direkter Zugang zum europäischen Kontinent erscheinen.
Hinzu kommt, dass die Mehrheit der Menschen, die nach Ceuta oder Melilla streben, aus dem ehemaligen spanischen Protektoratsgebiet in Marokko stammt. Es handelt sich also um Menschen, zwischen denen und den Einwohnern Spaniens kaum eine Sprachbarriere besteht. In Tetouan und anderen Städten des ehemaligen Spanisch-Marokko wird Spanisch bis heute neben dem marokkanischen Arabisch und dem Französischen gesprochen und verdrängt dabei nicht selten sogar das Französische, das traditionell für den früheren französischen Teil des Königreichs Marokko typisch ist.
Das ist im Grunde die ganze, recht einfache Geschichte – keine Geschichte über Migration, sondern über ein offensichtliches politisches Signal des marokkanischen Staates. Marokko hofft darauf, die Westsahara-Frage dadurch zu lösen, dass den vor mehreren Jahrzehnten annektierten ehemaligen spanischen Kolonialgebieten ein bestimmter Autonomiestatus verliehen wird.
Es ist ein Signal an den spanischen Ministerpräsidenten, der sein eigenes Modell der Beziehungen zu Algerien entwickelt, ein Signal an Algerien selbst und zugleich eine Demonstration der Bereitschaft, sich an den außenpolitischen Leitlinien der Vereinigten Staaten zu orientieren, wo die Schritte Marokkos selbstverständlich mit unverhohlener Zustimmung aufgenommen werden.
Wir sehen, wie diese Geschichte nun in den sozialen Netzwerken von Vertretern des ultrarechten politischen Lagers verbreitet wird, welche Berichterstattung sie in Medien erhält, die sich an ultrarechten Positionen orientieren und mit der Realität nichts zu tun hat, und wie die italienische Regierung, die bekanntlich aus einer Koalition ultrarechter Parteien besteht, versucht hat, die Situation für ihre eigenen Zwecke zu nutzen.
Das bedeutet selbstverständlich keineswegs, dass es auf dem europäischen Kontinent kein Migrationsproblem gäbe. Es existiert, und die Alterung der europäischen Bevölkerung macht deren Ersatz in den kommenden Jahrzehnten unvermeidlich. Keine Regierung wird sich gewissermaßen den Gesetzen der Geschichte und der Demografie in den Weg legen können.
Die Krise in Ceuta hat jedoch mit Migration als solcher nichts zu tun. Sie ist vielmehr eine Demonstration des politischen Ringens auf der Achse Madrid–Algier–Rabat–Washington. Und die Zehntausenden Menschen, die die Demarkationslinie zwischen Marokko und Ceuta überschritten haben, waren nichts weiter als Instrumente in diesem ausgesprochen unlauteren politischen Spiel.
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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Кризис в Сеуте: вся правда | Виталий
Портников. 02.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 02.08.2026.
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.