Der baltische Weg. Vitaly Portnikov. 06.09.2026.

Балтійський шлях. Віталій Портников. 06.09.2026.

Eine Sendung mit einer bekannten estnischen Politikerin und Diplomatin im Moskauer Studio von Radio Liberty ließ keinen Skandal erwarten – bis zu dem Moment, als einer der Zuhörer die Gästin nach den autoritären Tendenzen in der Entwicklung Estlands vor dem Krieg fragte. Die Reaktion fiel sehr scharf aus – die Gästin fasste diese Frage als Provokation auf, zu einem Zeitpunkt, als die offizielle russische Propaganda buchstäblich auf Schritt und Tritt über die Ereignisse in Estland log.

Doch diese Reaktion ändert nichts an der Wahrheit: Zum Zeitpunkt der sowjetischen Besetzung waren Estland und die benachbarten baltischen Länder Lettland und Litauen keine Demokratien, sondern klassische autoritäre Regime mit aufgelösten Parlamenten, verhafteten politischen Gegnern und einem verkommenen öffentlichen Leben. Alle Entscheidungen wurden in jedem dieser Länder von einer einzigen Person getroffen, die von der Richtigkeit ihrer Einschätzungen überzeugt, häufig nicht in der Lage war, das Ausmaß der Bedrohungen einzuschätzen, und vor allem daran interessiert war, die eigene Macht zu erhalten.

Natürlich begann die Zeit von Konstantin Päts in Estland, Antanas Smetona in Litauen und Kārlis Ulmanis in Lettland den Zeitgenossen im Vergleich zu all dem Grauen, das nach der bolschewistischen und der nationalsozialistischen Besetzung begann, als ein wahrhaft goldenes Zeitalter zu erscheinen – zumal Päts und Ulmanis als Geiseln des sowjetischen Regimes einen qualvollen Tod starben. Aber auch das ändert nichts an der Tatsache, dass die Gefahr unterschätzt und die Absichten des Kremls nicht verstanden wurden. Beispiele für Fehler lassen sich viele anführen, und der wichtigste davon war die Zustimmung zur Einrichtung sowjetischer Stützpunkte in den baltischen Ländern bereits 1939. Nach der sowjetischen Besetzung setzte sich die Auffassung durch, dass die baltischen Staatschefs schlicht keine Chance gehabt hätten, sich Stalins Diktat zu widersetzen. Aber offen gesagt leisteten sie auch nicht allzu viel Widerstand, weil sie glaubten, der sowjetische Diktator werde sie vor Hitler schützen – die Möglichkeit, zu einer deutschen Provinz zu werden, erschien 1939 als eine wesentlich ernstere Bedrohung als die Verwandlung in eine Sowjetrepublik. Infolgedessen befanden sich die Besatzungstruppen bereits vor der Besetzung in den Ländern, die später besetzt werden sollten. Das war eine echte Falle, und die Staatschefs wurden davor gewarnt, doch sie hatten sich daran gewöhnt, alternative Standpunkte nicht zu beachten.

Ein weiterer großer Fehler war die Legitimierung der Besetzung. Der lettische Präsident Kārlis Ulmanis etwa forderte seine Landsleute auf, „auf ihren Plätzen zu bleiben“, und betonte, dass auch er selbst auf seinem Platz als Staatsoberhaupt bleibe. Das entsprach nicht der Wahrheit – Ulmanis verlor seine Macht und war gezwungen, die Marionettenregierung Lettlands zu bestätigen. Dennoch galt er formal weiterhin als Staatsoberhaupt, bis zu den Pseudowahlen zum sogenannten Volkssaeima, das schließlich den Beschluss über den Beitritt zur UdSSR fasste.

Man kann natürlich der Ansicht sein, dass die baltischen Diktatoren keine Wahl hatten – doch das stimmt nicht. Die lettische Armee war beispielsweise größer und stärker als die finnische Armee – aber um sich zum Widerstand zu entschließen, brauchte es einen nationalen Konsens, der in einem demokratischen Land wesentlich leichter zu erreichen ist. Deshalb gelang es den Finnen auch, sich unter weitaus ungünstigeren Bedingungen zu verteidigen. Ulmanis und der estnische Präsident Päts waren jedoch der Ansicht, dass Widerstand keinen Sinn haben würde. Der litauische Präsident Smetona, der das Land 14 Jahre lang allein regiert hatte und als Führer der Nation galt, forderte dagegen tatsächlich, zu kämpfen – nicht vom Volk, sondern von seinen Mitstreitern. Doch er erhielt keine Unterstützung von seinem eigenen Regime und entschied sich zur Emigration. Der amtierende Präsident Litauens Antanas Merkys wiederum handelte wie Ulmanis und legitimierte die Besatzungsregierung.

Wir wissen nicht, ob die baltischen Staatschefs Stalin hätten aufhalten können – doch unter den Bedingungen demokratischer Gesellschaften und eines ehrlichen Dialogs mit der Nation, bei einer Bündelung der Kräfte der baltischen Länder – die ein Bündnisabkommen unterzeichnet hatten, das jedoch niemals umgesetzt wurde – hätten sie wesentlich bessere Chancen gehabt. Zumindest hätten sich die baltischen Länder möglicherweise einfach nicht in Sowjetrepubliken verwandelt, was die Möglichkeit einer demografischen Besetzung in den Nachkriegsjahren ausgeschlossen hätte. Doch all das sind Annahmen. Die Geschichte nahm einen anderen Verlauf.

Und für die Ukrainer ist das Wichtigste, nicht erneut auf diesen Weg zu geraten. In einer Gesellschaft, von deren Angehörigen ein großer Teil in der Zeit des sowjetischen Autoritarismus aufgewachsen ist, gibt es bis heute kein klares Verständnis dafür, dass ein Regime persönlicher Macht immer ein Weg zu Fehlern und Niederlagen ist. Ja, es kann auch erfolgreiche Entscheidungen geben, wie bei einer Lotterie. Doch wenn es kein System der gegenseitigen Kontrolle gibt, wenn es keine alternativen Meinungen gibt, wenn schon das Verständnis nationaler Einheit als Suche nach einem Kompromiss und der richtigen Entscheidung fehlt, ist der Zusammenbruch vorhersehbar. Und ja, in einem solchen Herrschaftssystem leben wir bereits seit vielen Jahren – und können bis zum Ende des Krieges darin leben, der in diesem Fall keineswegs unbedingt zu unseren Gunsten enden wird.

Und nein, kompetente Entscheidungen, ein funktionierendes Parlament und eine verantwortungsbewusste Regierung lassen sich nicht durch effektvolle Auftritte, Zeitschriftencover und den Glauben an die eigenen Fähigkeiten ersetzen. All das kann kurzfristig Wirkung zeigen – und führt anschließend zu wachsendem Misstrauen und neuen Fehlern. Kein Applaus kann ein System funktionierender Staatsführung ersetzen – selbst wenn einem sämtliche Parlamente Europas und der Kongress applaudieren. Natürlich kann man diesen Applaus in Friedenszeiten zum Bestandteil des eigenen Images machen – zusammen mit Straßen und Versprechungen. Aber im Krieg entscheiden nur der Soldat und das Eisen. Wenn es an Menschen und Waffen fehlt, wenn falsche Entscheidungen getroffen werden, wenn Professionalität durch Loyalität ersetzt wird und Loyalität zu Korruption führt, werden Applaus und Versprechungen nicht helfen.

Die baltischen Länder verloren ihre Freiheit für lange 50 Jahre, doch nach deren Wiederherstellung erinnerten sich ihre Bürger dankbar an ihre letzten „eigenen“ Präsidenten und beschlossen, sich nicht auf den autoritären Charakter ihrer Regime zu konzentrieren. Wenn die Ukraine standhält, werden wir über die Fehler und nicht über die Erfolge des sechsten Präsidenten der Ukraine sprechen – am Charakter des ukrainischen Volkes habe ich keinen Zweifel.

Aber das ist weitaus besser, als in einem Gefängnis der Tschekisten getötet und ein halbes Jahrhundert später mit der Aura des letzten Staatschefs eines freien Landes in Erinnerung gerufen zu werden.


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Art der Quelle: Essa
Titel des Originals: Балтійський шлях. Віталій Портников. 06.09.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung/ Entstehung: 06.09.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Putin bereitet einen Angriff auf das Baltikum vor | Vitaly Portnikov. 27.08.2026.

Russland bereitet sich auf einen Angriff auf die baltischen Staaten vor, um zu demonstrieren, dass es zu schnellen Siegen fähig ist und zugleich die Solidarität der NATO-Verbündeten auf die Probe zu stellen. Zu diesem Schluss kann man aufgrund von Informationen des Magazins Politico kommen, das berichtet, dass das Hauptziel des Aufenthalts des Direktors der Central Intelligence Agency der Vereinigten Staaten, John Ratcliffe, in der russischen Hauptstadt darin bestand, Moskau vor den Folgen eines solchen Angriffs zu warnen.

Damit entspricht Ratcliffes Mission nahezu spiegelbildlich der Reise seines Vorgängers im Amt des CIA-Direktors, William Burns, der 2021 Moskau besuchte, um Präsident Putin vor den Folgen einer möglichen russischen Invasion in die Ukraine zu warnen.

Bekanntlich schenkte der russische Diktator, der sich damals nicht einmal mit dem CIA-Direktor traf und lediglich telefonisch mit ihm sprach, diesen Warnungen der Vereinigten Staaten keinerlei Beachtung. Meiner Ansicht nach wird es mit den neuen Warnungen der Central Intelligence Agency genauso sein.

Putin könnte nicht daran glauben, dass der Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, bereit ist, sein Land in einen europäischen Krieg eingreifen zu lassen und dabei einen nuklearen Konflikt mit der Russischen Föderation zu riskieren. Zumindest wissen wir nicht, welche Argumente Ratcliffe vorbrachte, aber sie dürften sich kaum wesentlich von den Argumenten Burns’ unterschieden haben.

Die baltischen Staaten unterscheiden sich von der Ukraine vor allem dadurch, dass sie Mitglieder der NATO sind. Wenn sie sich also mit der Frage nach der Anwendung von Artikel 5 an ihre Verbündeten wenden, müssen die Vereinigten Staaten und die anderen Mitgliedstaaten des Nordatlantischen Bündnisses ihnen zu Hilfe kommen. Doch inwieweit dies Donald Trumps Vorstellungen von Außenpolitik und vor allem den Möglichkeiten der Vereinigten Staaten nach dem Krieg im Nahen Osten entspricht, ist eine große Frage. Und Putin könnte versucht sein zu überprüfen, inwieweit er nicht nur auf ukrainischem Territorium, sondern auch auf dem Territorium Europas handeln kann.

Es könnte sich die Frage stellen: Warum ausgerechnet die baltischen Staaten und nicht beispielsweise Polen?

  • Erstens hat Russland mit Polen keine so lange Grenze wie mit Lettland und Estland. Hinzu kommt Litauen, das sowohl eine lange gemeinsame Grenze mit der russischen Oblast Kaliningrad als auch mit der Republik Belarus hat.
  • Zweitens geht es um die Größenordnung. Putin könnte eine Konfrontation mit der polnischen Armee fürchten, zumal sich auf polnischem Territorium amerikanische Soldaten befinden.
  • Drittens – und das könnte für Putin sogar noch wichtiger sein als die Frage der Grenzen und einer militärischen Konfrontation – handelt es sich um das Territorium der ehemaligen Sowjetunion.

Ja, bis zu einem gewissen Zeitpunkt konnte man davon ausgehen, dass Putin bei seinem Wunsch, die Grenzen der UdSSR von 1991 wiederherzustellen, die baltischen Staaten von diesen Grenzen ausnimmt, deren Unabhängigkeit noch zu Zeiten der bestehenden Sowjetunion vom Staatsrat der UdSSR anerkannt worden war. Doch wir sehen, dass sich Putins Vorstellung von den russischen Grenzen mit jedem Tag verändert und dass seine territorialen Ansprüche paradoxerweise proportional zu den Problemen wachsen könnten, die Russland im Krieg gegen die Ukraine hat.

Und schließlich haben wir wiederholt darüber gesprochen, dass der Krieg gegen die Ukraine selbst eine Ausweitung des Konflikts erforderlich macht. In Moskau versteht man sehr gut: Wenn die Ukraine weiterhin westliche Hilfe erhält – und das ist heute vor allem europäische Hilfe –, kann der Kreml nicht darauf hoffen, den Krieg zu russischen Bedingungen zu beenden. 

Eine notwendige Voraussetzung für einen Sieg über die Ukraine mit der anschließenden Auslöschung unseres Landes von der politischen Weltkarte und der Vertreibung von Millionen Ukrainern aus ihren Wohnorten, ist also die Einstellung der europäischen Hilfe für unser Land. Damit diese Hilfe eingestellt wird, müssen die europäischen Gesellschaften verängstigt werden, sie müssen zu der Überzeugung gelangen, dass eine weitere Unterstützung der Ukraine zu einem Krieg mit Russland führen wird.

Doch solange dies nur Theorie ist, wird natürlich niemand den russischen Drohungen Beachtung schenken. Für die europäischen Länder werden sie erst dann Realität, wenn es zu einer tatsächlichen Invasion auf dem Territorium von NATO-Mitgliedstaaten kommt und sich die Vereinigten Staaten als unfähig erweisen oder nicht bereit sind, diese Länder gegen die russische Invasion zu verteidigen. Und dann werden wir die bereits bekannte russische Arie über die Notwendigkeit hören, die Rechte der Russischsprachigen zu schützen, ebenso wie amerikanische Empfehlungen, sich mit Russland über die für Russland sensiblen Fragen zu verständigen.

Sie verstehen, wie stark in den europäischen Ländern der Zuspruch für rechtspopulistische und linkspopulistische Politiker steigen wird, die vom Kreml finanziert werden und ihre Landsleute davon überzeugen werden, dass man sich mit dem Kreml verständigen und nach Politikern suchen müsse, die zu einem fruchtbaren Dialog mit Präsident Putin fähig sind, damit es in Europa nicht so wird wie in der Ukraine oder sogar im Baltikum – nach Politikern, die den europäischen Krieg in ihren Köpfen bereits beendet haben.

Und um all dessen willen kann Putin gar nicht anders, als über eine Invasion in die baltischen Staaten nachzudenken. Die Vereinigten Staaten werden natürlich versuchen, diese Invasion zu verhindern, denn für Donald Trump wäre dies eine weitere, aber nicht die letzte politische Katastrophe seiner Präsidentschaft.

Trump muss sich nicht in diese Situation einmischen, wenn Putin das Baltikum angreift. Zugleich kann er sehr wohl verstehen, dass eine Verweigerung der Unterstützung für die baltischen Staaten nicht nur den Zusammenbruch der NATO bedeuten würde, sondern auch den Zusammenbruch des Ansehens der Vereinigten Staaten in Europa – und nicht nur in Europa.

Der amerikanische Präsident würde all dies gerne verhindern. Doch sein Verhältnis zu Putin lässt uns nicht darauf hoffen, dass er den russischen Diktator tatsächlich mit jenen harten Warnungen einschüchtern kann, die man im Kreml vom Direktor der Central Intelligence Agency gehört haben könnte.

Und zum Schluss möchte ich sagen, dass der russisch-ukrainische Krieg in dieser Situation, wie man bereits verstehen konnte, keineswegs das Hauptthema des Besuchs des Direktors der Central Intelligence Agency in der russischen Hauptstadt war. Denn allein wegen eines Dialogs über den russisch-ukrainischen Krieg wäre der CIA-Direktor in der entstandenen Situation wohl kaum nach Moskau gereist und hätte Kontakte zum russischen Präsidenten und zu den Leitern der Geheimdienste der Russischen Föderation gesucht.

Es ging um eine strategische Veränderung der Situation, die bereits in den kommenden Wochen oder Monaten eintreten könnte. Um eine strategische Veränderung, die für die Vereinigten Staaten so ungünstig wäre, dass man, um zu versuchen, diese Entwicklung zu verhindern, sogar den Direktor der Central Intelligence Agency in die russische Hauptstadt schicken musste.


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Titel des Originals: Путін готує удар по Балтії | Віталій Портников. 27.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 27.08.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Ukrainischer Journalist Portnikov: „Wir stehen an der Schwelle zum Chaos“. 29.07.2026.

Украинский журналист Портников: «Мы стоим на пороге хаоса». 29.07.2026.

„Wir stehen an der Schwelle zum Chaos, an der Schwelle zur Zerstörung der Weltordnung, an der Schwelle zu einer Welt, in der die einzige Hoffnung auf das Überleben souveräner Staaten die Bereitschaft sein wird, ihre Möglichkeiten mit Gewalt zu beweisen. Wenn es uns nicht gelingt, unsere Kräfte zu bündeln, wird die Frage der Existenz nicht nur der Ukraine, sondern beispielsweise auch der baltischen Staaten auf der politischen Landkarte der Welt für viele Jahrzehnte offenbleiben“, sagt der bekannte ukrainische Journalist, Publizist und Schriftsteller Vitaly Portnikov in einem Exklusivinterview mit LRT.

– Die jüngsten Proteste in der Ukraine endeten mit einem Wechsel des Oberbefehlshabers der Streitkräfte. Viele bringen diese Proteste mit der Entlassung des Verteidigungsministers in Verbindung. Doch wenn man etwas tiefer blickt: Warum hat die ukrainische Gesellschaft gerade so reagiert? Und gibt es in der Ukraine vielleicht Prozesse, die wir hier in Litauen noch gar nicht sehen?

– Ich denke, die Reaktion der ukrainischen Gesellschaft hängt in erster Linie damit zusammen, dass solche Demonstrationen derzeit das einzige Verbindungselement zwischen der Staatsmacht und den Bürgern sind – unter Bedingungen, in denen die Mechanismen der gegenseitigen Kontrolle und des Machtgleichgewichts im ukrainischen Staat in den vergangenen fast sieben Jahren praktisch außer Kraft gesetzt worden sind. Der Präsident stützt sich auf seine eigene Mehrheit im Parlament und verfügt dadurch über Mechanismen zur Ernennung der Regierung außerhalb des Rahmens der parlamentarisch-präsidentiellen Republik, die unsere Verfassung vorsieht. Deshalb sieht er sich bei seinen Entscheidungen unmittelbar mit gesellschaftlichem Unmut konfrontiert.

Ich denke, dieser Prozess ist völlig natürlich. Er wäre noch wesentlich lebhafter verlaufen, hätte nicht der Beginn der jetzigen Phase des russischen Krieges gegen die Ukraine im Februar 2022 stattgefunden.

– Sie haben mehrfach gesagt, dass Russland den Krieg erst dann beenden wird, wenn es ihn nicht mehr fortsetzen kann. Sehen Sie heute irgendwelche Signale dafür, dass Russlands Möglichkeiten an ihre Grenzen kommen?

– Nein, ich sehe keine Signale dafür, dass Russlands Möglichkeiten bereits an ihre Grenzen gelangen. Aber ich sehe Signale dafür, dass diese Möglichkeiten allmählich erschöpft werden. Und ich habe große Hoffnung, dass wir in den zwanziger und dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts nicht nur das Ende dieser Kriegsphase, sondern auch das Ende des gesamten Konflikts infolge der Erschöpfung der Ressourcen der Russischen Föderation erleben werden.

Dieser Prozess hat begonnen. Aber wiederum weiß niemand von uns, wie lange er dauern wird – Monate oder Jahre – und wie die Ukraine nach Abschluss dieses Prozesses des Zusammenbruchs der russischen Ressourcen aussehen wird. Natürlich wird dabei vieles nicht nur von uns abhängen: Russland wird alles daransetzen, die Ukraine zu zerstören, ihre Städte in Ruinen zu verwandeln und den Ukrainern die Möglichkeit zu nehmen, dort zu leben. Vieles wird aber auch von unseren Verbündeten abhängen, die unsere Wirtschaft und unsere militärische Stärke unterstützen werden. Uns stehen schwierige Zeiten bevor.

– Der umfassende Krieg in der Ukraine dauert nun schon das vierte Jahr. Erst jetzt sehen wir eine gewisse Reaktion der russischen Gesellschaft – nachdem einige soziale Netzwerke abgeschaltet wurden, Benzin knapp wird oder Lagerhäuser brennen. Was sagt das über die heutige russische Gesellschaft aus?

– Ich denke, das wäre in jeder Gesellschaft so. Sie selbst sagen ja: Der Krieg findet in der Ukraine statt. Wenn der Krieg in den vergangenen Jahren in der Ukraine stattfand, dann fand er eben nicht in Russland statt. Die Reaktion der russischen Gesellschaft hängt damit zusammen, dass der Krieg nun nach Russland gekommen ist und die Bürger der Russischen Föderation mit den realen und nicht nur den im Fernsehen gezeigten Folgen dieses Krieges konfrontiert werden. Deshalb beginnen sie darüber zu sprechen.

Übrigens war es während der Tschetschenienkriege genauso. Als die Kämpfe im Nordkaukasus Russland auch außerhalb Tschetscheniens, Inguschetiens und Dagestans erreichten, begannen die Menschen, darauf zu achten. Solange es keinen Terror oder andere Folgen dieses Krieges für den gewöhnlichen Russen gab – etwa den Tod von Wehrpflichtigen im Kampfgebiet –, interessierte dieser Krieg niemanden. Deshalb denke ich, dass dies ein völlig natürlicher und gesetzmäßiger Prozess ist.

Gerade deshalb ist es wichtig, dass der Krieg nach Russland gekommen ist. Das schafft ebenfalls Voraussetzungen dafür, dass er früher endet, als es der Fall wäre, wenn er ausschließlich auf ukrainischem Territorium geführt würde. Ich sage Ihnen noch mehr: Würde dieser Krieg ausschließlich auf dem Gebiet der Ukraine stattfinden, könnte er möglicherweise überhaupt niemals enden.

– Ihr Kommentar zum Ort des Krieges ist sehr treffend. Man kann sagen, dass der Krieg inzwischen auch Europa erreicht hat. Wie beurteilen Sie die Bereitschaft Europas für einen möglichen militärischen Konflikt mit Russland in den kommenden Jahren?

– Das werden wir erst erfahren, wenn der Krieg beginnt. Denn über die Bereitschaft einer Gesellschaft vor dem Ausbruch eines Krieges zu sprechen, damit wäre ich vorsichtig. Wenn es keinen Krieg gibt, ist niemand jemals bereit.

Ich versichere Ihnen: Auch die Ukrainer waren 2014 weder psychologisch noch praktisch auf einen Krieg mit der Russischen Föderation vorbereitet. Sie erinnern sich sicher daran, dass damals sogar unsere Soldaten auf der Krim vom Kommando verlangten, aus der Krim abgezogen zu werden, anstatt den Befehl zu erhalten, gegen die russischen Besatzer zu kämpfen.

Der Krieg selbst schafft völlig neue Bedingungen. Ich denke, es geht dabei nicht um Jahre. Die Europäer werden früher mit Prüfungen konfrontiert werden, denn die Logik des russischen Kampfes gegen die Ukraine setzt eine Ausweitung des Krieges auf jene Länder voraus, die am stärksten als Drehscheiben für Hilfe genutzt werden. Zur Logik Russlands gehört außerdem, in den Gesellschaften Angst vor dem Krieg zu säen – eine Angst, die dazu führen könnte, die Unterstützung für die Ukraine zu verringern und dadurch aus Sicht der russischen Führung ihren Zusammenbruch zu beschleunigen.

Deshalb denke ich, dass die der Ukraine nächstgelegenen Länder – etwa Polen und die baltischen Staaten – schon in naher Zukunft mit unterschiedlichsten militärischen Gefahren konfrontiert sein werden, falls Russland seine Ziele nicht erreicht. Dann werden wir sehen, wie bereit diese Gesellschaften tatsächlich zum Widerstand sind. Wir werden sehen, wie sich die Gesellschaft in jene aufspaltet, die zum Widerstand bereit sind, und jene, die Verhandlungen vorschlagen. All diese Prozesse stehen unmittelbar bevor, und wir werden ihre Zeugen sein und im Studio darüber sprechen können.

– Sie haben die Angst vor dem Krieg in den Gesellschaften erwähnt. Lässt sich mit dieser Angst auch die Spannung erklären, die wir heute zwischen Polen und der Ukraine beobachten?

– Ich denke, die Spannungen zwischen Polen und der Ukraine hängen weniger mit der Angst vor dem Krieg zusammen als vielmehr damit, dass sich bereits eine Gewöhnung an den Krieg eingestellt hat. Denn 2022 war dieser große russische Krieg gegen die Ukraine nicht nur für die ukrainische, sondern auch für die polnische Gesellschaft ein Schock. In diesem Sinne wurden viele problematische Fragen, die unsere Länder trennten, gewissermaßen in den Hintergrund gedrängt.

Sie wissen sehr gut, dass Polen Fragen der historischen Erinnerung besondere Aufmerksamkeit schenkt. Das zeigte sich sowohl im polnisch-litauischen als auch im polnisch-deutschen Dialog.

Der polnisch-ukrainische Dialog bildet da erst recht keine Ausnahme, denn in der Geschichte der Beziehungen zwischen unseren beiden Völkern gibt es schreckliche blutige Seiten. Ich bin dem vielfach begegnet – sowohl als Journalist als auch als Teilnehmer des polnisch-ukrainischen Dialogs. Und als ich den ukrainischen Teil des ukrainisch-polnischen Partnerschaftsforums leitete, das von den Außenministerien unserer beiden Länder geschaffen worden war, um Meinungsverschiedenheiten, auch historische, zu überwinden, verstand ich sehr gut, dass dieses Problem keineswegs verschwunden war. Und die Gewöhnung an den Krieg wird all diese Fragen selbstverständlich wieder in den Vordergrund rücken.

Für mich waren die wirtschaftlichen Aspekte weitaus gefährlicher, als Polen bereits während des Krieges wirtschaftliche Konkurrenz durch die Ukraine zu fürchten begann. Erinnern Sie sich an die Getreidekrise? Jetzt nähern wir uns erneut der Möglichkeit einer Blockade ukrainischer Häfen. Und alle Probleme des Transports ukrainischer Waren über das Gebiet der Nachbarstaaten können nun wieder zu den drängendsten und zerstörerischsten Problemen für die ukrainische Wirtschaft werden, wenn wir sie nicht lösen.

– Wie beurteilen Sie den Verhandlungsprozess? Blickt der Westen nicht immer noch zu naiv auf Russland und seine Ziele?

– Ich denke, dass in absehbarer Zukunft keine echten Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine über ein Ende des Krieges zu erwarten sind. Und ich sage Ihnen auch, unter welchen Bedingungen ich echte Verhandlungen für möglich halte – wann wir sagen könnten, dass ein realer Prozess beginnt.

Es handelt sich um jene Bedingung, die der Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, Wladimir Putin bereits während ihrer Kontakte im Jahr 2025 gestellt hatte: Einstellung des Feuers entlang der Frontlinie, Ende der gegenseitigen Bombardierungen und Beginn von Verhandlungen über einen dauerhaften Frieden. Wie Sie wissen, hat Putin dem nicht zugestimmt und diesen Prozess durch Verhandlungen während laufender Kampfhandlungen ersetzt, aus denen sich Russland inzwischen ebenfalls zurückgezogen hat.

Solange es also keine Waffenruhe gibt, kann keine Rede davon sein, dass im Kreml auch nur zehn Minuten lang jemand ernsthaft über Frieden nachgedacht hätte. Und wir werden diese Wahrheit akzeptieren müssen – die Wahrheit eines langen Krieges ohne Hoffnung auf ein baldiges Ende durch Verhandlungen.

Ich hoffe, dass der russisch-ukrainische Krieg allmählich abklingen wird. Aber mit einem dauerhaften Frieden oder irgendwelchen Vereinbarungen rechne ich in absehbarer Zukunft nicht. Und ich glaube auch nicht, dass sich irgendjemand, der die Entwicklung der Lage in Mittel- und Osteuropa in den zwanziger und dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts nüchtern beurteilt, darauf vorbereiten sollte.

– Wenn es der Ukraine gelingen würde, die Krim zurückzuerobern – würde das den Verlauf des Krieges oder die Haltung der russischen Gesellschaft gegenüber der Ukraine verändern?

– Ich würde die Bedeutung der Krim für die Fortsetzung dieses Krieges nicht überschätzen. Für den Großteil der russischen Gesellschaft würde ein Einmarsch der Ukraine auf die Krim als Besetzung russischen Territoriums gelten, denn genau das würde die russische Propaganda behaupten: Nun müsse man den Staat noch entschlossener vernichten, der uns erneut die heilige Krim genommen habe.

Ich glaube allerdings, dass es derzeit keinen Sinn hat, über die Kontrolle der Krim zu sprechen. Denn um die Kontrolle über die Krim zu erlangen, müsste zunächst der Teil der Region Cherson unter Kontrolle gebracht werden, der sich derzeit unter russischer Kontrolle befindet. Das würde einen Sturmangriff auf einen Brückenkopf über den Dnipro erfordern und zu gewaltigen Verlusten führen.

Genauso wie die Russen sich wegen des für sie ungünstigen Brückenkopfes letztlich in Cherson selbst nicht dauerhaft festsetzen konnten, wird es auch für die ukrainische Armee äußerst schwierig sein, den Dnipro zu überqueren und die Kontrolle über die Region Cherson zu erlangen.

Deshalb gehört all das derzeit noch in den Bereich militärischer Fantasie. Und in jedem Fall muss man verstehen: Dies ist kein Krieg um Territorien. Es ist ein Krieg, der auf die Beseitigung der ukrainischen Staatlichkeit und den Anschluss der Gebiete der ehemaligen Ukraine an die Russische Föderation abzielt. Deshalb wird keine territoriale Frage das eigentliche Grundproblem lösen. Russland betrachtet die Ukraine nicht als Staat und wird so lange für ihre Vernichtung kämpfen, wie der Präsident Russlands, die russische Armee und das russische Volk über die dafür notwendigen Kräfte und Ressourcen verfügen.

– Vor Kurzem veröffentlichte das Magazin The Economist ein Interview mit einem russischen Oligarchen. Sie haben gerade die russische Propaganda erwähnt. Manche Leser sahen dieses Interview als erneuten Versuch, nach einem „anderen Russland“ zu suchen. Glauben Sie, dass ein Teil des Westens noch immer nach einem bequemen Russland-Narrativ sucht und nicht akzeptieren kann, dass Russland weiterhin imperial denkt?

– Ich denke, der Westen würde sehr gern zu einer Art Normalisierung der Beziehungen mit Russland zurückkehren. Die Erkenntnis, dass dies in absehbarer Zukunft unmöglich ist, ist natürlich keine angenehme Nachricht – weder für westliche Politiker noch für die westlichen Gesellschaften.

Dennoch ist offensichtlich, dass man nach einem anderen Russland nicht unter jenen Menschen suchen sollte, die sich in Moskau befinden und ihre Aussagen sowie ihre Texte mit der Führung der Präsidialverwaltung Russlands abstimmen.

– Offensichtlich verändert sich die globale Sicherheitsarchitektur. Welche Rolle werden Ihrer Meinung nach Länder wie Litauen künftig spielen?

– Ich denke, das hängt davon ab, ob es den sogenannten mittleren Staaten, von denen der kanadische Premierminister Mark Carney auf dem Wirtschaftsforum in Davos gesprochen hat, gelingt, ihre Kräfte für das eigene Überleben zu bündeln.

Die Sicherheitsarchitektur verändert sich nicht nur – sie ist bereits zusammengebrochen. Denn die wichtigsten Staaten, die bereit sind, ihre militärischen Möglichkeiten zu demonstrieren – die Vereinigten Staaten und die Russische Föderation –, haben bereits gezeigt, wo die Grenzen dieser Möglichkeiten liegen. Und der dritte Kandidat, der das Fehlen solcher Möglichkeiten demonstrieren könnte, ist die Volksrepublik China.

Deshalb stehen wir an der Schwelle zum Chaos, an der Schwelle zum endgültigen Zusammenbruch der Weltordnung, an der Schwelle zu einer Welt, in der allein die Bereitschaft, die eigenen Möglichkeiten mit Gewalt zu demonstrieren, die einzige Überlebenschance souveräner Staaten sein wird.

Und wenn es uns nicht gelingt, unsere Kräfte zu bündeln, dann wird die Existenz nicht nur der Ukraine, sondern beispielsweise auch der baltischen Staaten auf der politischen Landkarte der Welt noch viele Jahrzehnte lang infrage stehen.


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Art der Quelle: Interview
Titel des Originals: Украинский журналист Портников: «Мы стоим на пороге хаоса». 29.07.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 29.07.2026.
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Syrsky über einen Angriff aus Belarus | Vitaly Portnikov. 19.05.2026.

Praktisch alle ukrainischen und nicht nur ukrainischen, sondern auch internationalen Medien zitieren heute den Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine, General Oleksandr Syrsky, der über die Wahrscheinlichkeit von Angriffen auf die Ukraine von Seiten der Republik Belarus spricht und darüber, dass sich die ukrainischen Streitkräfte auf eine solche mögliche Attacke vorbereiten.

Wenn man sich jedoch das Interview von General Syrsky für einen der ukrainischen YouTube-Kanäle aufmerksam anhört, sieht man sofort, dass das Thema Belarus nicht zentral in seiner Antwort auf die Fragen der Journalisten war. Es ging um die Unzweckmäßigkeit der Einführung der dritten Etappe der Militärreform zum jetzigen Zeitpunkt, also um die Möglichkeit für die Korps, die Brigaden eigenständig zu organisieren, wenn man militärisch-professionelle Terminologie verwendet. Und General Syrskyj erklärte, warum dies derzeit nicht möglich sei.

Zu den Umständen, auf die sich der General bezog, gehörte gerade die Wahrscheinlichkeit einer möglichen Ausweitung der Frontlinie. Und als Belege dafür, dass die Frontlinie ausgeweitet werden könnte, verwies der Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte auf die Aussagen des ukrainischen Präsidenten über eine mögliche Invasion von Seiten Belarus sowie auf Informationen, über die die entsprechenden Geheimdienste der ukrainischen Streitkräfte selbst verfügen. Und natürlich verband General Syrsky gerade mit der Tatsache, dass die Frontlinie nicht statisch ist und sich vergrößern kann, die Unmöglichkeit der Durchführung einer weiteren Reform der ukrainischen Streitkräfte in dieser Phase.

Wir werden jetzt natürlich nicht darauf eingehen, wie zweckmäßig diese Reform ist, denn das ist eher eine Frage für das Oberkommando der Streitkräfte der Ukraine, zumindest für Militärexperten. Machen wir uns einfach klar, dass das Thema möglicher Angriffe von Seiten Belarus nicht das Thema war, das in diesem Interview des Oberbefehlshabers der Streitkräfte der Ukraine diskutiert wurde. Darüber sprach General Syrskyj nicht mit den Journalisten.

Die Hauptfrage bleibt hier: Ist eine Wiederholung von Angriffen auf die Ukraine von Seiten Belarus tatsächlich möglich? Und hier sollte man sich nicht so sehr von den Aussagen leiten lassen, die wir vom Präsidenten der Ukraine oder vom Oberbefehlshaber der Streitkräfte hören, sondern von demselben gesunden Menschenverstand, den wir brauchten, um die Unvermeidlichkeit der russischen Invasion in die Ukraine zu erkennen – zu einer Zeit, als offizielle Vertreter unseres Staates im Februar 2022 die Unvermeidlichkeit einer solchen Invasion buchstäblich bis zum 24. Februar 2022 bestritten.

Damit eine Invasion aus Belarus stattfinden kann, müsste auf dem Territorium dieses Landes eine bedeutende Gruppe russischer Truppen zusammengezogen werden – größer als jene Gruppierung, die der Präsident der Russischen Föderation, Wladimir Putin, bereits 2022 auf dem Territorium von Belarus zusammengezogen hatte.

Machen wir uns nichts vor. Diese Truppenstärke reichte nicht aus, um die ukrainische Hauptstadt einzunehmen und in Kyiv eine Marionettenregierung von Wiktor Janukowytsch und Wiktor Medwedtschuk zu errichten. Doch damals, im Februar 2022, setzte Putin nicht auf einen langen Krieg mit den ukrainischen Streitkräften, sondern eher auf eine Parade, auf eine schnelle Kapitulation der ukrainischen Armee und auf das geschickte Vorgehen der russischen Luftlandetruppen, die den ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky sowie andere Vertreter der politischen und militärischen Führung unseres Landes ausschalten sollten.

Jetzt weiß Putin sehr gut, dass eine kleine Gruppierung – erst recht eine Gruppierung, mit der die ukrainische Armee bereits rechnet – die Aufgabe, die ukrainische Hauptstadt einzunehmen und in Kyiv ein Marionettenregime zu errichten, nicht erfüllen kann. Um also überhaupt über die Wahrscheinlichkeit eines Auftauchens russischer Truppen von Seiten des belarussischen Territoriums zu sprechen, müsste auf diesem Territorium eine bedeutende Gruppierung russischer Truppen geschaffen werden – 300.000 bis 400.000 Soldaten, die zum Krieg bereit sind.

Derzeit sind praktisch alle Ressourcen der russischen Armee gerade auf die östliche Richtung konzentriert. Die Schaffung von Möglichkeiten zur Eroberung des gesamten Gebiets der Region Donezk – entweder auf militärischem oder auf diplomatischem Weg – bleibt eine der wichtigsten Aufgaben, die Putin seiner Armee und seiner Diplomatie stellt.

Wenn man sich vorstellt, dass die Hälfte dieser Armee auf das Territorium von Belarus verlegt würde, würde das zumindest bedeuten, dass die russische Armee die Initiative bei der Einnahme neuer Ortschaften im Donezker Gebiet verlieren würde. Und wir sehen, mit welchen Problemen sie in dieser Region in den letzten Jahren vorankommt. Sie könnte sogar die Kontrolle über jene Ortschaften verlieren, die nicht nur seit 2022, sondern bereits seit 2014 besetzt wurden.

Und das kann Putin, wie wir verstehen, nicht zulassen. Das bedeutet, dass für eine reale Invasion von Seiten Belarus eine gründlichere Arbeit zur Vergrößerung der russischen Gruppierung erforderlich wäre, die am Krieg gegen die Ukraine teilnehmen soll, oder eine allgemeine Mobilmachung in der Russischen Föderation, damit auf dem Territorium von Belarus nicht Vertragsöldner, sondern gewöhnliche Mobilisierte erscheinen – und zwar in einer Zahl, die die Aufgaben der Eroberung der nördlichen oder westlichen Gebiete der Ukraine lösen könnte. Denn von dort aus kann man nicht nur in Richtung der Regionen Kyiv oder Tschernihiw vorgehen, sondern auch in Richtung Wolhynien und der westlichen Regionen der Ukraine.

Wir verstehen also sehr gut, wie das in Wirklichkeit aussehen würde, falls es überhaupt geschieht. Somit gibt es keinerlei reale Anzeichen dafür, dass in den kommenden Monaten ein Angriff auf die Ukraine von Seiten Belarus vorbereitet wird – ganz gleich, welche offiziellen Erklärungen und deren Interpretationen es geben mag.

Und falls ein solcher Angriff tatsächlich vorbereitet werden sollte, werden wir davon durch Satellitenbilder amerikanischer oder europäischer Geheimdienste und durch Informationen der eigenen Nachrichtendienste erfahren. Das werden keine Aussagen von Politikern sein, keine Aussagen von Militärs, sondern reale Fakten, auf die man sich stützen sollte.

Kann das Territorium von Belarus für solche Angriffe genutzt werden? Natürlich ja. Der Präsident von Belarus, Aljaksandr Lukaschenka, ist faktisch eine Marionette des russischen Machthabers Putin und bereit, jeder Forderung des russischen Diktats zuzustimmen.

Aber das Territorium von Belarus kann nicht nur für Angriffe auf die Ukraine genutzt werden, sondern auch für einen hybriden Krieg gegen NATO-Mitgliedstaaten, auf den man sich in der Russischen Föderation vorbereitet. Und für solche hybriden Aktionen braucht es übrigens keine große Gruppierung russischer Truppen, sondern die Verlegung einzelner Einheiten auf das Territorium der Republik Belarus, die bestimmte Überfälle oder Provokationen durchführen können.

Ebenso sind Raketenangriffe und der Einsatz von Drohnen möglich – sowohl gegen die Ukraine als auch gegen benachbarte Mitgliedstaaten der Nordatlantischen Allianz. Doch der Luftraum von Belarus wurde bekanntlich bereits mehrfach für den Flug von Drohnen genutzt, die von den Streitkräften der Russischen Föderation gesteuert werden. Darin liegt also keine Sensation.

Die Gefahr, die mit der allgemeinen Bedrohung weiterer Raketen- und Drohnenangriffe auf das Territorium der Ukraine in den kommenden Jahren des russisch-ukrainischen Krieges verbunden ist, besteht jedoch tatsächlich.


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Putin hat die baltischen Staaten im Visier | Vitaly Portnikov. 30.03.2025.

Der estnische Verteidigungsminister Hanno Pevkur betonte die Gefahr russischer Truppen für die baltischen Länder, nachdem in dem Krieg Russlands gegen die Ukraine eine Waffenruhe vereinbart würde.

Der estnische Verteidigungsminister betonte, dass es unwahrscheinlich ist, dass von den 600.000 russischen Soldaten, die derzeit im Krieg gegen die Ukraine konzentriert sind, die Mehrheit in die reguläre Arbeit zurückkehren wird, angesichts des Unterschieds im Verdienstniveau zwischen russischen Söldnern und Zivilisten, die nicht in den Reihen der Streitkräfte der Russischen Föderation stehen.

Und wahrscheinlich könnte die Hälfte dieser Soldaten an die Grenzen Russlands zu den baltischen Ländern verlegt werden. Die Durchführung großer militärischer Übungen durch die Russische Föderation und das Lukaschenko-Regime an den Grenzen der baltischen Länder noch in diesem Jahr könnte auf die Konzentration Russlands auf die Frage eines möglichen Einmarsches in die baltischen Staaten hindeuten, selbst wenn diese Staaten weiterhin Mitglieder der NATO sind.

Viele in der Ukraine folgern aus solchen Äußerungen immer wieder, dass die westlichen Länder nicht an einem Waffenstillstand in unserem Land interessiert sind, schon allein deshalb, weil Russland in einiger Zeit bereit für einen Krieg auf dem europäischen Kontinent sein könnte.

Und darüber spricht bekanntlich nicht nur der estnische Verteidigungsminister, sondern beispielsweise auch der Chef des deutschen Geheimdienstes, der zuvor betont hatte, dass Russland etwa zwei Jahre brauchen würde, um seine Armee für einen Krieg mit der Armee europäischer Länder umzurüsten.

Aber ich denke, das ist keine ganz logische Wahrnehmung der Situation.Denn in Wirklichkeit fürchten die Europäer nicht nur einen Waffenstillstand als solchen. In Europa fürchtet man einen demütigenden Waffenstillstand zwischen Russland und der Ukraine, der die absolute Gleichgültigkeit Washingtons gegenüber den Bedingungen, unter denen der russisch-ukrainische Krieg beendet wird, demonstrieren würde.

Ein Waffenstillstand, der die Bedingungen dafür schaffen würde, dass die Russische Föderation nicht nur die Kontrolle über ukrainische Gebiete behält, sondern auch ohne Kampf, wie es der Kreml verlangt, ihre Kontrolle über die Gebiete der Regionen Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja ausüben könnte, die derzeit von der legitimen ukrainischen Regierung kontrolliert werden.

Natürlich bringt es auch die Ukraine selbst näher an eine mögliche Umwandlung in ein russisches Protektorat. Zumal die Vereinigten Staaten derzeit keinerlei Bereitschaft zeigen, mit der Ukraine über Sicherheitsbedingungen für unser Land zu sprechen. Selbst in dem demütigenden Entwurf des sogenannten Kopenhagen-Abkommens, der derzeit dem ukrainischen Kabinett zur Prüfung vorgelegt wurde, findet sich kein einziges konkretes Wort darüber, wie die Sicherheitsbedingungen für ein Land aussehen sollen, in dem amerikanische Unternehmen tätig sein wollen.

Und das zeigt einmal mehr, dass die Hauptaufgabe der Trump-Administration nicht darin besteht, dem Krieg in der Ukraine ein Ende zu setzen, sondern sich nicht mit der Regierung des russischen Präsidenten Wladimir Putin zu zerstreiten. Und das entspricht der Aufgabe der amerikanischen Regierung, nach Wegen zu suchen, Russland von der Zusammenarbeit mit der Volksrepublik China abzubringen.

Auf den Altar dieser illusorischen Idee, an der der amtierende Präsident der Vereinigten Staaten und die Mitglieder seines engsten Umfelds festhalten, kann man natürlich auch die Idee der europäischen Sicherheit und die Bereitschaft der Vereinigten Staaten, europäische Länder im Falle eines deklarierten oder erst recht eines hybriden Angriffs der Russischen Föderation zu schützen, opfern.

Und in dieser Situation ziehen die Europäer, insbesondere die Vertreter von Ländern, die eine gemeinsame Grenze mit Putins Staat haben, einen einfachen Schluss. Wenn die Amerikaner nach drei Jahren des russisch-ukrainischen Krieges und ihrer eigenen Investitionen in die ukrainische Verteidigung nichts unternehmen wollen, um die Russische Föderation zu zwingen, den Krieg unter Wahrung der ukrainischen Souveränität zu beenden, warum sollten sie dann bereit sein, den baltischen Staaten, oder sagen wir Polen, oder anderen europäischen Ländern zu helfen, gegen die Putins Armee versuchen wird, eine Aggression durchzuführen? Gerade ein demütigender Waffenstillstand und ein demütigender Waffenstillstand könnten es dem russischen Präsidenten ermöglichen, zu sehen, was mit Artikel 5 des NATO-Vertrages passiert. Umso mehr in einer Situation, in der Donald Trump weiterhin im Oval Office des Weißen Hauses sitzt.

Dann ist ein Einmarsch der russischen Armee auf das Gebiet der baltischen Länder tatsächlich unvermeidlich. Vor allem in einer Situation, in der ein Großteil des ukrainischen Territoriums nicht von der ukrainischen Regierung kontrolliert wird und sich unter der Kontrolle der Besatzungsmacht befindet. 

Das bedeutet, dass auf diesem Gebiet effektive Mobilisierungsmaßnahmen durchgeführt werden können.Denn das russische Mobilisierungssystem ist in Bezug auf seine Repressivität und Effektivität heute nicht mit dem ukrainischen System zu vergleichen.

Daher sollte man bedenken, dass ein Waffenstillstand im russisch-ukrainischen Krieg, wenn er nicht mit realen Sicherheitsgarantien für unser Land einhergeht und beispielsweise eine vorübergehende Maßnahme zur Beruhigung der Ambitionen von Donald Trump ist, selbst wenn wir uns vorstellen, dass ein solcher Waffenstillstand in absehbarer Zeit tatsächlich erreicht wird, sowohl das Tor zu einem großen Krieg in Europa als auch das Tor zu einem neuen großen Krieg auf ukrainischem Gebiet sein könnte.

Oder es könnte auch eine hybride Variante geben, bei der ein Teil der von Russen kontrollierten ukrainischen Gebiete als Brückenkopf für einen erneuten Angriff auf die Ukraine genutzt wird, und ein Teil der russischen Truppen, der beispielsweise näher an die Grenzen der baltischen Länder verlegt wird, für einen Angriff auf das Gebiet dieser Länder eingesetzt wird. Niemand hat gesagt, dass Russland nicht ehrgeizigere Pläne zur Ausübung von Druck auf Europa hegt, als die Situation, die mit dem Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 verbunden war.

Denn seitdem hat sich die internationale Lage verändert, und folglich könnten sich auch die russischen Ambitionen, ihr Inhalt und die Vorstellung des Kremls über die Rolle der Russischen Föderation in Europa in der nahen Zukunft verändert haben.