Lukaschenko fuhr nach China, um sich über Russland und die Ukraine zu beklagen | Vitaly Portnikov. 30.06.2026.

Alexander Lukaschenko reiste unmittelbar nach dem zuvor nicht angekündigten Treffen mit dem russischen Präsidenten, über dessen Ergebnisse bis heute im Grunde nichts bekannt ist, nach Peking zu Gesprächen mit dem Vorsitzenden der Volksrepublik China, Xi Jinping. Er hält sich bereits seit mehreren Tagen in China auf und betont, dass er sich unter den chinesischen Kommunisten wie zu Hause fühle. Tatsächlich erhielt sogar Lukaschenkos jüngster Sohn in Anwesenheit seines Vaters ein chinesisches Diplom.

Doch offensichtlich hat der Besuch in China für Lukaschenko derzeit grundsätzliche Bedeutung. Wir wissen übrigens nicht einmal, ob diese Reise im Voraus geplant war, denn vor Lukaschenkos Abreise in die Volksrepublik China wurde über seine Absicht, Xi Jinping – bereits zum 17. Mal übrigens – zu besuchen, nichts bekannt gegeben.

Wir verstehen jedoch, warum Lukaschenko heute mit dem chinesischen Staatschef sprechen wollte. Üblicherweise verbinden wir seine Reisen mit dem Versuch, zumindest ein gewisses Gleichgewicht in seinen Beziehungen zum russischen Präsidenten herzustellen, von dem Lukaschenko sowohl finanziell als auch hinsichtlich möglicher Unterstützung abhängig ist, falls die Belarussen erneut versuchen sollten, dieses anachronistische Regime loszuwerden.

Doch in einer Situation, in der Putin versucht, Lukaschenko in den Krieg gegen die Ukraine hineinzuziehen, könnte der belarussische Machthaber doppelten Schutz benötigen – sowohl vor Putin als auch vor Zelensky. Denn die Drohungen des ukrainischen Präsidenten gegenüber dem offiziellen Minsk, seine Unterstützung der russischen Armee einzustellen, stellen für den belarussischen Staatschef inzwischen eine ebenso große Gefahr dar wie Moskaus offensichtlicher Wunsch, das Territorium Belarus erneut für einen Angriff auf unser Land zu nutzen.

Lukaschenko könnte daher hoffen, dass Xi Jinpings Unterstützung für die Unabhängigkeit und Souveränität von Belarus, die während des Aufenthalts des belarussischen Diktators in der chinesischen Hauptstadt erneut bekräftigt wurde, sowohl ein Signal an Putin sein könnte, Belarus nicht in den Krieg gegen die Ukraine hineinzuziehen, als auch ein Signal an Zelensky hinsichtlich möglicher Schritte zur Verringerung der belarussischen Beteiligung an der russischen Aggression gegen unser Land. Offensichtlich ist Lukaschenko genau aus diesem Grund nach China gereist. Und selbstverständlich hörte er dort genau das, was er hören wollte.

Doch hier stellt sich eine andere Frage: Was kann die Volksrepublik China tatsächlich tun, wenn Putin und Zelensky Lukaschenko weiterhin wie einen Fußball über die ukrainisch-belarussische Grenze hin- und herspielen?

Tatsächlich sind Chinas Möglichkeiten, Belarus sowohl vor russischen Absichten als auch vor einer ukrainischen Reaktion zu schützen, eher begrenzt.

Ja, Xi Jinping kann Erklärungen abgeben. Doch offensichtlich wird er seine Unterstützung für Russland nicht tatsächlich verringern, falls Putin entscheidet, dass er belarussisches Territorium für den Krieg benötigt. Von Moskau ist Lukaschenko weit stärker abhängig als von Peking, denn er versteht sehr gut, dass er im Falle eines Scheiterns seiner Sicherheitskräfte gegenüber dem belarussischen Volk Hilfe von Putin erwarten müsste – und keineswegs von Xi Jinping.

Und selbst diese Hilfe ist ihm keineswegs garantiert, nachdem Putin bereits mehrfach entweder seinen Unwillen oder seine Unfähigkeit gezeigt hat, seine treuen Verbündeten zu schützen, die sich schließlich vor dem Zorn ihres eigenen Volkes nach Russland flüchten mussten – von Viktor Janukowytsch bis Bashar al-Assad.

Und wenn die Ukraine tatsächlich beschließen sollte, beispielsweise russische Relaisstationen auf belarussischem Gebiet anzugreifen oder den Betrieb der Raffinerien von Nawapolazk oder Masyr infrage zu stellen – was könnte China für die Ukraine tun, wenn in der Ukraine jeder genau versteht, dass die Volksrepublik China ein unmittelbarer Verbündeter der Russischen Föderation bei der Zerstörung der ukrainischen Souveränität ist?

Keine der chinesischen Erklärungen über die Notwendigkeit von Verhandlungen hebt diese einfache Wahrheit auf. Denn selbst in diesen Erklärungen hören wir von chinesischen Diplomaten immer wieder das russische Narrativ von der Notwendigkeit, die „Ursachen des Konflikts“ zu beseitigen. Tatsächlich unterstützt Peking damit die russischen Handlungen gegen die Ukraine, indem es behauptet, es gebe bestimmte Ursachen. Welche Ursachen dies aus russischer Sicht sind, wissen wir ebenfalls sehr genau.

Deshalb kann man eindeutig sagen, dass Lukaschenkos Reise in die Volksrepublik China eher der Selbstberuhigung dient. Es ist die Hoffnung, dass Xi Jinping den russischen Präsidenten davon abhalten kann, belarussische Ressourcen für den Krieg gegen die Ukraine zu nutzen. Es ist die Hoffnung, dass Xi Jinping – wenn er Zelensky schon keine direkten Signale hinsichtlich möglicher Angriffe auf belarussisches Territorium senden wird – den ukrainischen Präsidenten zumindest durch seine Erklärungen zur Unterstützung der belarussischen Souveränität davon abhalten könnte, den Befehl zur Zerstörung eben jener Relaisstationen oder jener belarussischen Unternehmen zu erteilen, die von der russischen Armee für ihre Aggression gegen unseren Staat genutzt werden.

Doch wie bekannt, ist Selbstberuhigung ebenfalls eine große Sache. Sie kann Lukaschenko neue Trümpfe verschaffen – wenn schon nicht im Dialog mit dem ukrainischen Präsidenten, dann zumindest im Gespräch mit dem russischen.

Putin versteht sehr gut, dass Belarus für China heute eine der wenigen Routen für den Transport chinesischer Waren in den Westen darstellt. Jede Destabilisierung des belarussischen Territoriums würde China dieser für Xi Jinping wirtschaftlich wichtigen Möglichkeiten berauben.

Und vor dem Hintergrund der weiterhin unklaren Lage rund um die Straße von Hormus könnte China inzwischen der Sicherheit seiner Exporte und damit auch der Sicherheit in Belarus wesentlich größere Aufmerksamkeit widmen als zu einem Zeitpunkt, als der amerikanisch-iranische Krieg noch nicht begonnen hatte.

In einer solchen Situation wird Lukaschenko zumindest bessere Möglichkeiten haben, Putin davon zu überzeugen, dass das Territorium von Belarus nicht für den Krieg genutzt werden sollte. Nicht nur deshalb, weil dieses Gebiet für Putin selbst als eine Art Fenster für die Fortsetzung eines möglichen Dialogs mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, wichtig ist, sondern auch deshalb, weil die Verwandlung dieses Territoriums in einen Kriegsschauplatz bei der Führung der Volksrepublik China ganz sicher keinen positiven Eindruck hinterlassen würde.

So könnte Lukaschenko aus den Klagen, die er nach Peking mitgebracht hat, durchaus gewisse politische Dividenden ziehen – selbst wenn er von Xi Jinping keine konkreten Sicherheitsgarantien erhalten hat.

Und dass es solche konkreten Garantien nicht gegeben hat – weil dies nicht den Traditionen der chinesischen Politik entspricht –, das kann ich Ihnen mit absoluter Sicherheit sagen, selbst ohne Zeuge dieses Gesprächs zwischen dem belarussischen und dem chinesischen Staatschef gewesen zu sein.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Лукашенко поїхав жалітися на Росію і
Україну | Віталій Портников. 30.06.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 30.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Krieg und Trump: Das Ende des „Geistes von Anchorage“ | Vitaly Portnikov. 29.06.2026.

Zunächst möchte ich Sie zu Beginn dieser Sendung, die wie die meisten unserer Gespräche dem russisch-ukrainischen Krieg gewidmet sein wird, den Wegen aus diesem Krieg, den Wegen zum Verständnis der Situation und dessen, wie sie sich verändert, zum 30. Jahrestag der Annahme der Verfassung der Ukraine beglückwünschen.

Denn in Wirklichkeit war dieser Tag vor 30 Jahren auch ein wichtiger Teil des Verständnisses dafür, wie sich ukrainische Verfassungen verändern, ein weiterer Schritt des Abschieds von unserer sowjetischen Vergangenheit. Vergessen Sie schließlich nicht, dass wir noch vor 30 Jahren nach der sowjetischen Verfassung lebten, die ein wenig an die Bedingungen der neuen Zeit angepasst worden war.

Zugleich ist auch dies ein ziemlich wichtiger Moment, an den wir uns erinnern müssen: Die Annahme der Verfassung im Jahr 1996 zeigte so oder so die ganze Komplexität des ukrainischen politischen Systems, die Suche nach Kompromissen und Gleichgewicht, die einerseits die Fähigkeit des ukrainischen Volkes demonstrierten, eine reale Auseinandersetzung politischer Kräfte und Interessen zuzulassen, andererseits aber die Institutionen in gewisser Weise zu riskanten Strukturen machten, die nicht auf der Suche nach Wegen für eine bessere Entwicklung unseres Staates beruhten, sondern eben auf all diesen ewigen Kompromissen zwischen verschiedenen politischen Gruppen, Vorstellungen über die Zukunft des Staates, regionalen und, ich würde sagen, sogar persönlichen Interessen.

Schließlich lohnt es sich daran zu erinnern, dass die Verfassung 1996 nachts angenommen wurde. Und das hing mit der Konfrontation zwischen dem Präsidenten der Ukraine Leonid Kutschma und dem ukrainischen Parlament zusammen. Heute, als wir alle in der Werchowna Rada miterlebt haben, wie der zweite Präsident der Ukraine mit einer Auszeichnung geehrt wurde, die den Namen eines der herausragenden ukrainischen Staatsgründer, Wjatscheslaw Tschornowil, trägt – was für eine Ironie des Schicksals. Wir müssen uns daran erinnern, dass Leonid Kutschma eben jener Mensch war, der alles Mögliche tat, damit die Verfassung in ihrer heutigen Form überhaupt nicht entstehen würde, und der versuchte, die ukrainische Verfassung von 1996 in eine russische von 1993 zu verwandeln, also eine superpräsidiale Republik zu erreichen, in der praktisch die gesamte Macht einer Person gehören würde.

Dazu kam es nicht. Zugleich aber wagten die Abgeordneten damals auch nicht, den Weg zur Schaffung einer vollwertigen parlamentarisch-präsidentiellen Republik zu gehen, um keinen noch schärferen Konflikt zwischen Präsident und Parlament zu schaffen. So war schon diese Verfassung, man könnte sagen, ein gewisses Zieht-und-Schiebt, das in verschiedene Richtungen des Staatsaufbaus blickte.

Und möglicherweise begann sich die Situation erst in den Jahren 2003–2004 zu korrigieren, als die Idee der parlamentarischen Republik faktisch mit dem Versuch Leonid Kutschmas verbunden war, der das Präsidentenamt bereits verließ, weil er nicht zum dritten Mal kandidieren konnte, seinen Einfluss auf die ukrainische Staatlichkeit zu bewahren. Eben deshalb erhielten sowohl das Parlament als auch das Amt des Ministerpräsidenten jene Bedeutung, die sie während der Amtszeit der ersten beiden Präsidenten der Ukraine praktisch nie gehabt hatten.

Aber auch hier sahen wir, dass diese Kompromisse den ukrainischen Politikern ziemlich schwerfallen. Viktor Janukowytsch, der im Grunde aus Sicht seiner Nominierung durch die Partei der Macht bei den Präsidentschaftswahlen zum Nachfolger Kutschmas wurde, ließ die Abstimmung über die parlamentarisch-präsidentielle Republik in der ukrainischen Werchowna Rada scheitern. Ich bin der Meinung, dass er dies auf Anweisung aus Moskau durch seine damaligen Kuratoren Putin und Medwedew tat.

Und die parlamentarisch-präsidentielle Republik entstand faktisch als Ergebnis der Orangenen Revolution von 2004 und führte fast sofort zu einem scharfen Konflikt zwischen Präsident Viktor Juschtschenko und Ministerpräsidentin Julija Tymoschenko, schon zu einer Zeit, als die Befugnisse des Präsidenten real eingeschränkt waren.

Ich würde sagen, dass für die Ukrainer die Tatsache, dass ein realer Kampf zwischen dem Präsidenten und dem Regierungschef stattfindet, was eigentlich die Norm jedes politischen Prozesses in einem entwickelten Staat ist, immer bis zu einem gewissen Grad eine Herausforderung für ihre postsowjetischen Vorstellungen davon war, was Politik und was Macht ist. Die Ukrainer stimmten einerseits für verschiedene politische Formationen, die bereit waren, gegeneinander zu kämpfen, suchten andererseits aber die ganze Zeit eine starke Hand, die in ihrer Macht nicht durch irgendwelche Handlungen des Parlaments oder der Regierungsmitglieder beschränkt sein würde, die selbst über die Zukunft des Staates verfügen würde.

So setzten die Jahre 2010 und 2019, die Wahl zunächst Viktor Janukowytschs und später Volodymyr Zelenskys zu Präsidenten der Ukraine, einen Punkt unter all unsere Versuche, eine effektive parlamentarisch-präsidentielle Republik zu schaffen. Jedes Mal, wenn es zwischen Präsident und Ministerpräsidenten, wie in den Zeiten Viktor Juschtschenkos und Petro Poroschenkos, zu realen Konflikten kam, rief dies völliges Unverständnis bei der überwiegenden Mehrheit der postsowjetischen ukrainischen Gesellschaft hervor.

Und niemand wollte bemerken, dass eine präsidiale Alleinherrschaft das Land in eine programmierte Katastrophe führt, aus der es kaum einen mehr oder weniger schmerzlosen Ausweg geben wird. In der Zeit Janukowytschs führte dies zu einer offenen postsowjetischen Diktatur nach dem Muster Lukaschenkos und Putins.

In der Zeit Zelenskys erlaubte eine solche Alleinmacht dem Land nicht, sich würdig auf den großen Krieg vorzubereiten, zu dem es verurteilt war, nachdem Russland die Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen von 2019 auf seine Weise interpretiert hatte. Nicht als Neigung der ukrainischen Gesellschaft zu Alleinherrschaft, sondern als Neigung der ukrainischen Gesellschaft zur Kapitulation vor Russland.

So oder so befinden wir uns heute in einer Situation, in der die gesamte Macht im Land in den Händen einer Person konzentriert ist. Die Verfassung befindet sich keineswegs deshalb auf Pause, weil Krieg ist, sondern weil praktisch durch die Hände der Ukrainer ein Mechanismus der Alleinherrschaft und der Entscheidungsfindung durch eine Person in einem Büro aufgebaut wurde.

Zugleich zerbröckelt die parlamentarische Mehrheit, die von den Ukrainern gerade dafür geschaffen wurde, dass nichts der Alleinherrschaft Volodymyr Zelenskys im Wege steht, vor unseren Augen und schafft zusätzliche Herausforderungen für die Ineffizienz des ohnehin ineffektiven ukrainischen Staates und seiner Institutionen.

Hoffen wir, dass die weitere Erosion der buchstäblich innerhalb weniger Wochen geschaffenen Partei Diener des Volkes zur Bildung einer realen, funktionierenden Koalition führen wird, in der Abgeordnete der Werchowna Rada vereint sein werden, die tatsächlich staatsmännische Ansichten über die Zukunft der Ukraine vertreten und bereit sind, Wege sowohl für den Ausweg der Ukraine aus dem russisch-ukrainischen Krieg in den nächsten Jahren als auch für den Nachkriegsaufbau der Ukraine auf den Grundlagen eines effektiven europäischen demokratischen Staates zu suchen, in dem die Macht auf verschiedene Institutionen verteilt ist und der Präsident seine Aufgaben wahrnimmt, der Ministerpräsident die seinen und das Parlament die seinen. Dann wird es tatsächlich eine Symphonie sein und kein Solo auf einem einzigen Instrument, das wir nun schon das siebte Jahr erleben.

Das ist unsere Aufgabe für die Zukunft. Und dann werden wir einander dazu gratulieren können, dass unsere Verfassung wirklich existiert und funktioniert. Bis dahin aber muss man ausschließlich darüber sprechen, was im russisch-ukrainischen Krieg aus Sicht der Entwicklung der Ereignisse geschehen wird, die für uns alle ziemlich ernst und ziemlich wichtig ist.

Und diese Woche – weshalb ich überhaupt eigens bei ihr verweilen wollte – kann gerade wie das reale Ende dieser ganzen Geschichte mit dem sogenannten Geist von Anchorage aussehen, über den man in Moskau praktisch seit den ersten Tagen nach dem Treffen des Präsidenten der Vereinigten Staaten Donald Trump und des Präsidenten Russlands Putin in Alaska zu sprechen begann.

All diese Gespräche über den Geist von Anchorage schufen in Wirklichkeit eine reale Grundlage dafür, dass Moskau im russisch-ukrainisch-amerikanischen Dialog Zeit schinden konnte, damit Putin, der darauf eingestellt ist, schon mit dem nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten nach einem Ausweg aus der Situation im russisch-ukrainischen Krieg zu suchen, sein Ziel erreicht; damit unter dem Deckmantel des Verhandlungsprozesses, dessen bestimmte Orientierungspunkte und Indikatoren angeblich von den Präsidenten der Vereinigten Staaten und der Russischen Föderation festgelegt worden waren, die Kampfhandlungen an der russisch-ukrainischen Front und der Krieg zur Erschöpfung der Ukraine weitergingen, der, wie wir wissen, nach dem Zusammenbruch des Blitzkriegs im Jahr 2022 zum Hauptziel des russischen Präsidenten für die 20er- und 30er-Jahre des 21. Jahrhunderts wurde.

Erstens müssen wir das Wichtigste verstehen: Was ist in Anchorage wirklich geschehen, warum erhielten die Russen überhaupt die Möglichkeit, von irgendeinem Geist von Anchorage zu sprechen? In Anchorage wurden, wie wir sehr gut wissen, keinerlei reale Vereinbarungen zwischen Moskau und Washington erzielt. Wir wissen das nicht von irgendwelchen Kommentatoren, nicht aus Schlussfolgerungen aus periodischen Publikationen. Wir wissen das vom Präsidenten der Vereinigten Staaten Donald Trump und vom Präsidenten der Russischen Föderation Wladimir Putin während ihrer kurzen Pressekonferenz in Anchorage, bei der keiner der Journalisten, die sich an diesem Ort versammelt hatten, die Möglichkeit hatte, den Präsidenten Fragen zu stellen. Und das trotz Donald Trumps Leidenschaft für die Showisierung der großen Politik. Der Präsident der Vereinigten Staaten sagte klar, dass zwischen den Vereinigten Staaten und der Russischen Föderation keinerlei Vereinbarungen erzielt werden konnten. Der wütende und, man kann sagen, überraschte Trump flog eilig von Anchorage nach Washington zurück, ohne auch nur eine Abschiedszeremonie für seinen russischen Gast zu veranstalten, den er wenige Stunden vor diesem enttäuschenden Finale noch mit Applaus an der Gangway von Putins Flugzeug auf dem Flugplatz der Hauptstadt Alaskas empfangen hatte.

Was konnte also während dieser Verhandlungen tatsächlich geschehen sein? Das können wir bereits mit voller Sicherheit rekonstruieren. Am Vorabend des Treffens von Trump und Putin in Alaska stattete der Sondergesandte des Präsidenten der Vereinigten Staaten, Steve Witkoff, Putin einen Besuch ab und übergab ihm Bedingungen, unter denen aus Sicht Washingtons der russisch-ukrainische Krieg beendet werden könnte.

War unter diesen Vorschlägen auch die Idee eines Abzugs ukrainischer Truppen aus dem Gebiet Donezk und eines Einfrierens des Konflikts entlang der Kontaktlinie der Truppen in Cherson und Saporischschja? Ich meine: ja. Ich denke, dass dieser Vorschlag dort enthalten war.

Zugleich gab es dort Vorschläge, die Putin aus Sicht seiner realen Ziele im russisch-ukrainischen Krieg absolut nicht zufriedenstellen konnten, nämlich die Wahrung der Souveränität der Ukraine, Sicherheitsgarantien für die Ukraine, die sowohl die Vereinigten Staaten als auch die Russische Föderation geben würden, und die Zustimmung zur europäischen Integration der Ukraine. Das heißt, es wurde vorgeschlagen, Entscheidungen zu treffen, die eine Einverleibung des Territoriums der Ukraine durch die Russische Föderation sowohl jetzt als auch in Zukunft ausschließen würden, was den politischen Zielen des Präsidenten der Russischen Föderation und den Wünschen des russischen Volkes völlig widerspricht.

Während des Treffens in Anchorage las der Präsident der Russischen Föderation die Bedingungen vor, die Steve Witkoff ihm am Vortag nach Moskau gebracht hatte, und fragte den Sondergesandten des Präsidenten der Vereinigten Staaten, ob er tatsächlich solche Bedingungen vorgeschlagen habe, worauf Witkoff jeden einzelnen Punkt, den Putin während der gemeinsamen Verhandlungen mit Trump vorlas, bestätigte.

Zugleich gab Putin selbst keinerlei Zustimmung zu diesen Bedingungen, die ihm am Vortag während des Treffens mit dem Sondergesandten des Präsidenten der Vereinigten Staaten vorgetragen und in Anwesenheit des Präsidenten der Vereinigten Staaten verlesen worden waren. Deshalb sagt der Außenminister der Vereinigten Staaten, Marco Rubio, völlig klar, dass während des Treffens zwischen dem Präsidenten der Vereinigten Staaten und dem der Russischen Föderation keinerlei Vereinbarungen erzielt werden konnten, dass dies ausschließlich ein amerikanischer Vorschlag war, den Putin erhielt, las und nicht akzeptierte, weil es ein Paketvorschlag war. Und Trump war der Ansicht, dass er gilt, wenn es um alle Punkte dieses Vorschlags geht.

Die Präsidenten reisten auseinander, aber bereits an Bord seines Flugzeugs, das von Anchorage nach Washington flog, wurde Donald Trump klar, dass die überwiegende Mehrheit der Journalisten, die sich sogar an Bord dieses Flugzeugs befanden, ganz zu schweigen von allen Weltmedien, über das Geschehene als über ein Fiasko seiner Außenpolitik sprechen würden. Und es war ein Fiasko.

Trump, der solche Bewertungen seiner Gespräche mit Putin bereits während seiner ersten Amtszeit als Präsident der Vereinigten Staaten erhalten hatte, wollte solche Bewertungen absolut nicht und, man kann sagen, und vollzog noch während des Flugs eine Kehrtwende. Er begann zu erklären, die Reise sei ein voller Erfolg gewesen, keineswegs ein Fiasko, man habe mit Putin sehr produktiv gearbeitet, ohne auf irgendeine Konkretheit einzugehen, die mit dem zusammenhing, was im Konflikt zwischen dem amerikanischen und dem russischen Präsidenten während des Treffens in Alaska geschah, und ohne zu erklären, worin der reale Kern der erzielten Vereinbarungen bestand, weil es keine Vereinbarung gab.

Der Kreml nutzte diese Situation, Donald Trumps Unwillen, das Scheitern seines Treffens mit Putin einzugestehen, und erfand vor diesem Hintergrund die Geschichte vom Geist von Anchorage – also keine Vereinbarung, sondern irgendeinen an sich unverständlichen Geist, an den man sich halten müsse.

Was ist ein Geist? Ich kann Ihnen klar antworten. Es sind jene Vorschläge, die von Trump vorgeschlagen, aber von Putin nicht angenommen wurden. Und gemeint ist, dass man im weiteren Verlauf des Verhandlungsprozesses der Logik dieser Vorschläge folgen müsse, indem man jene daraus ausschließt, die den russischen Präsidenten nicht zufriedenstellen.

Nehmen wir zum Beispiel: Die Souveränität und Existenz der Ukraine auf der politischen Landkarte der Welt und ihre europäische Integration stellen Putin nicht zufrieden, der Abzug ukrainischer Truppen aus dem Gebiet Donezk stellt Putin hingegen zufrieden. Alles ist sehr einfach.

Also hinderten die Amerikaner nach dem Treffen in Anchorage russische Beamte – Putin selbst, seinen außenpolitischen Berater Uschakow, Außenminister Lawrow und andere – nicht daran, von diesem Geist von Anchorage zu sprechen, ohne die Tatsache zu dementieren, dass es einen solchen Geist überhaupt nicht gegeben hatte und dass eine teilweise Annahme der Bedingungen, die Donald Trump Putin vorgeschlagen hatte, nicht möglich sein konnte. Die Ergebnisse kennen Sie ebenfalls gut.

Jetzt, da Trump sieht, wie die Ukraine Raffinerien, den militärisch-industriellen Komplex der Russischen Föderation und andere für den Präsidenten Russlands und die Russen selbst wichtige Objekte beschießt, meint er, Putin durch weiteren Druck und die Zerstörung russischer Infrastruktur zu Verhandlungen und zur Annahme der amerikanischen Bedingungen zwingen zu können, möglicherweise bereits in veränderter Form. Und Marco Rubio, der Außenminister der Vereinigten Staaten, erklärt, dass in Anchorage keinerlei Vereinbarungen zustande gekommen seien. Es habe lediglich amerikanische Vorschläge gegeben, die nie gebilligt wurden.

Das ist das reale Ergebnis dessen, was wir in den letzten Tagen und Wochen sehen. Und es ist das reale Ergebnis der Handlungen der ukrainischen Streitkräfte zur Zerstörung der Erdölraffinerien der Russischen Föderation – Sie wissen, dass eines der Unternehmen gerade heute Nacht angegriffen wurde – und des militärisch-industriellen Komplexes der Russischen Föderation, ebenso wie jener Probleme, die die Russische Föderation beim Angriff auf ukrainische Stellungen entlang der gesamten Kontaktlinie der Truppen hat.

Natürlich können wir über eine ernste Situation um Kostjantyniwka sprechen. Und das wird vom Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine, Oleksandr Syrsky, selbst anerkannt und auch von anderen Militärs und Militärexperten anerkannt.Aber das sind dennoch nicht die Ergebnisse, auf die Moskau gehofft hatte. Denn in Wirklichkeit ist das Ziel dieses Krieges keineswegs die Besetzung des Gebiets Donezk, sondern die Besetzung der gesamten Ukraine.

Und selbst wenn wir der Logik zustimmen, dass Putin von seinen Militärs erwartet, dass sie in einigen Jahren das Gebiet Donezk besetzen können, stellt sich die Frage, ob das wirklich das ist, was er für seinen politischen Erfolg braucht, und ob das wirklich das ist, was er den Russen als Sieg verkaufen kann – in einer Situation, in der die einen Russen einfach das Ende des Krieges wollen, während andere glauben, dass die Wahl, und das hören wir ständig, zwischen der Vernichtung der Ukraine und dem Zerfall Russlands steht. Und deshalb hätten die Russen keinen anderen Ausweg, als diesen Krieg bis zum Zusammenbruch unseres Staates fortzusetzen, um ihren eigenen zu bewahren.

Jegliche territorialen Erfolge Russlands innerhalb der Grenzen dieser oder jener ukrainischen Region kompensieren nicht die Angst russischer Chauvinisten vor dem Verlust der Staatlichkeit, falls die Ukraine auf der politischen Landkarte der Welt erhalten bleibt. Deshalb wird dieser Konflikt als existenziell bezeichnet, weil es zumindest im kommenden Jahrzehnt keinerlei reale Voraussetzungen für eine Versöhnung zwischen dem russischen und dem ukrainischen Staat sowie zwischen dem russischen und dem ukrainischen Volk gibt. Es gibt nur die Möglichkeit, dass die Ukraine Russland abwehrt und Bedingungen schafft, unter denen die Russische Föderation zumindest davor zurückschreckt, die Ukraine in den kommenden Jahren und Jahrzehnten anzugreifen. Bis dahin werden sich die politischen Konstellationen verändern, wir werden Mitglied der NATO werden und unter einen nuklearen Schutzschirm gelangen. Oder der ukrainische Staat wird von Russland während des nächsten mehrjährigen Vernichtungskrieges durch eine militärische, demografische und soziale Katastrophe und die Zerstörung der gesamten Infrastruktur vernichtet werden, was weniger wahrscheinlich ist, weil wir, wie wir alle in den letzten Jahren sehen, in diesem Krieg dennoch als Teil des Westens kämpfen und nicht als eigenständiges Subjekt des Kampfes gegen die Russische Föderation. Und Russland versteht das ebenfalls sehr gut. Deshalb spricht es die ganze Zeit vom sogenannten kollektiven Westen, der gegen es kämpft.

Dass die Amerikaner heute aufhören, vom Geist von Anchorage zu sprechen, und dass inzwischen in amerikanischen Medien Berichte erscheinen, wonach Trump diesen Geist auch während seines Treffens mit den Staats- und Regierungschefs der G7 nicht mehr erwähnt hat und sich grundsätzlich ziemlich negativ über Präsident Putin und die Entwicklungen im russisch-ukrainischen Krieg äußerte, indem er gerade Putin vorwarf, Zeit zu schinden, während er über Volodymyr Zelensky deutlich positiver sprach als zuvor – das ist natürlich wichtig.

Und wichtig ist das nicht deshalb, weil Trump irgendwelche realen Schritte unternehmen könnte, um die weitere Entwicklung des Krieges zu verhindern oder neuen Druck auf Putin auszuüben. Große Möglichkeiten, Putin mit amerikanischen Sanktionen unter Druck zu setzen, hat Trump ohnehin nicht. Und dass jetzt die Sanktionen gegen Rosneft und Lukoil, die im Zuge des amerikanisch-iranischen Krieges im Wesentlichen ausgesetzt worden waren, wieder in Kraft sind, ist bereits ein Erfolg. Aber zumindest wird Trump Putin nicht länger die Illusion vermitteln, dass Putin ihn für seinen weiteren Kampf um die Fortsetzung des russisch-ukrainischen Krieges benutzen kann. Schon das ist wichtig.

Es ist wichtig, dass die Amerikaner davon ausgehen, dass gerade Trump derjenige sein wird, der die Ukraine unterstützt – wenn auch eher mit Worten als mit Geld und Waffen – und damit den Europäern den Rücken freimacht, die, wie Sie sehen, weiterhin auf die Haltung der Vereinigten Staaten schauen, bevor sie grundsätzliche Entscheidungen über die Unterstützung der Ukraine im russisch-ukrainischen Krieg treffen. Zum Glück jedoch immer weniger.

Und schließlich darf man nicht vergessen, dass es bereits gewisse Entwürfe für praktische Schritte gibt, falls Trump sie gehen möchte – sogar im amerikanischen Kongress. Man sollte nicht übersehen, dass das Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten bereits ein Gesetz zur Unterstützung der Ukraine verabschiedet hat und dabei sogar gegen den Willen des Sprechers des Repräsentantenhauses, Mike Johnson, vorgehen konnte, der dieses Gesetz gar nicht zur Abstimmung stellen wollte. Es gelang, den Sprecher zu umgehen und das Gesetz zu verabschieden. Und all das mit Unterstützung einer Gruppe republikanischer Abgeordneter, die bereit waren, gemeinsam mit den Demokraten dafür zu stimmen.

Das heißt: Je näher der Stimmenkampf in Amerika und die Kongresswahlen rücken, desto mehr Kongressabgeordnete und Senatoren werden der Auffassung sein, dass eine Unterstützung der Ukraine ihren eigenen Wahlchancen zugutekommt.

Und so wird dieses Gesetz möglicherweise nicht nur im Repräsentantenhaus, sondern auch im Senat behandelt werden können. Wenn Donald Trump das möchte, werden die Senatoren dafür stimmen, und er wird es unterzeichnen können. Auch das wäre ein zusätzlicher Druckfaktor auf Putin und auf seine gesamte Kamarilla.

Und schließlich kann man sagen, dass mit diesen klaren amerikanischen Feststellungen, dass es keinen Geist von Anchorage gibt, und mit Lawrows Worten, er wolle nicht einmal daran denken, dass das Treffen in Anchorage nur dazu gedient habe, der Ukraine Zeit zur Wiederaufrüstung zu verschaffen, diese Geschichte mit dem für niemanden außer Putin notwendigen Treffen des amerikanischen und des russischen Präsidenten in Alaska ihrem Ende entgegengeht. Es wird völlig offensichtlich, dass es damals keine Vereinbarungen gab und dass es auch in nächster Zeit keine geben wird – solange kein intensiver Druck auf Putin ausgeübt wird.

Das sind, würde ich sagen, die wichtigsten Punkte dazu, wie sich die diplomatische Geschichte des russisch-ukrainischen Krieges vor unseren Augen verändert.

Ich werde nun auf die Fragen eingehen, die während dieser Sendung gestellt wurden.

Frage: Erklären Sie bitte, warum Putin und alle in Russland den Krieg „Spezialoperation in der Ukraine“, „Krise in der Ukraine“ nennen, obwohl der Krieg aus Sicht ihrer eigenen Verfassung auf 90 Prozent jenes Territoriums stattfindet, das sie in ihre Gesetzgebung aufgenommen haben.

Portnikov: Ja, das stimmt. Aber dieser Krieg richtet sich gegen die Ukraine als Staat, der die Tatsache nicht anerkennt, dass diese Gebiete Teil der Russischen Föderation seien. Wie Sie sich erinnern, wurde die sogenannte militärische Spezialoperation offiziell begonnen, nachdem Putin die sogenannte Unabhängigkeit der Volksrepubliken im Donbas anerkannt hatte. Und die Streitkräfte der Russischen Föderation sollten diesen Pseudo-Volksrepubliken helfen, ihre sogenannte territoriale Integrität innerhalb der Gebiete Donezk und Luhansk wiederherzustellen. Da die ukrainische Führung dem nicht zustimmte, wurde die Aufgabe gestellt, die ukrainische Regierung durch eine loyale Regierung zu ersetzen, die alle Wünsche des Kremls erfüllen würde.

Im Grunde hat der Präsident der Russischen Föderation das auch nie verborgen. Er sagte dies in seiner Ansprache an die Russen in der Nacht vom 23. auf den 24. Februar 2022. Deshalb findet die sogenannte Spezialoperation „in der Ukraine“ statt – nicht auf dem Territorium der Russischen Föderation als solcher, sondern auf dem Territorium der Ukraine und auf dem Territorium jener Subjekte der Russischen Föderation, die bis dahin Teil der Ukraine gewesen waren und deren Bewohner in Referenden beschlossen hätten, sich Russland anzuschließen.

Das ist eine ganz gewöhnliche Mystifikation. Aber Sie sehen doch selbst, dass Putin ständig selbst Fehler macht, wenn er das tatsächliche Territorium Russlands mit dem verfassungsmäßigen Territorium Russlands verwechselt. Ich erinnere Sie nur daran, wie Putin über die Erprobung der Oreschnik-Rakete sprach. Er sagte, Oreschnik müsse in der Ukraine erprobt werden, weil sie zuvor keine Feldtests durchlaufen habe. Deshalb hätten die Russen Oreschnik auf Garagen in Bila Zerkwa getestet und außerdem auf jenem Gebiet, das Russland in der sogenannten Donezker Volksrepublik kontrolliert, um zu sehen, wie diese Waffe funktioniert. Und unmittelbar danach sagte Putin, auf dem Territorium Russlands sei Oreschnik niemals getestet worden.

Da stellt sich die Frage: Wie nimmt Putin dann das Gebiet der sogenannten Donezker Volksrepublik wahr? Dass dieses Gebiet in der russischen Verfassung verankert ist, ist ihm, wie Sie verstehen, ebenso wie jedem anderen Russen, in Wirklichkeit gar nicht ernst. Das ist lediglich ein Instrument des Drucks auf die Ukraine und auf die zivilisierte Welt. Die Russen selbst und Putin selbst betrachten die Gebiete Donezk, die Krim, Saporischschja, Cherson und Luhansk nicht als Russland. Das ist die ewige russische Kultur der Lüge. Und von Zeit zu Zeit bricht sie durch. Sie haben das bemerkt, als Sie nach der sogenannten Spezialoperation gefragt haben.

Frage: Halten Sie es für möglich, dass Putin Trump in Anchorage davor gewarnt hat, der Ukraine zu helfen, ihm seinen Platz jenseits des Ozeans gezeigt hat, weil sonst der Inhalt von Trumps Epstein-Akte öffentlich werden würde? Das sei der Geist.

Portnikov: Nein. Das ist eine ganz gewöhnliche Verschwörungstheorie, die darauf abzielt, reale Politik durch einfache Antworten auf komplizierte Fragen zu ersetzen. Ich denke, Trump versteht sehr gut, dass Putin nicht derjenige ist, der über die Epstein-Akte verfügt, und dass Putin Trump während eines Treffens ganz sicher nicht seinen Platz zuweisen kann. Auch das ist eine Illusion.

Ich habe Ihnen klar erklärt, was in Anchorage geschehen ist. Alles andere ist bloße Spekulation. Sie verkennt, dass Politiker über Politik sprechen und sich dabei von Interessen leiten lassen – nicht von Erpressung.

Erpressen kann man Marionetten. So, wie Putin den ukrainischen Präsidenten Janukowytsch und den armenischen Präsidenten Sargsjan erpresste, damit sie die Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union nicht unterzeichnen.

Zu jedem von ihnen hatte Putin einen Hebel. Wobei er Sargsjan offensichtlich damit erpresste, dass Russland Armenien beim Verlust der Kontrolle über Bergkarabach und die umliegenden aserbaidschanischen Bezirke nicht unterstützen würde. Das war politische Erpressung: „Wir sind eure Verbündeten. Wenn ihr Abkommen mit der Europäischen Union unterzeichnen wollt, dann werden wir keine Verbündeten mehr im Bereich der Sicherheit sein.“

Und bei Janukowytsch könnte es persönliche Erpressung gewesen sein – schlicht Drohungen gegen sein Leben oder das seiner Familienangehörigen. Und im Fall des Kriminellen Janukowytsch, der offensichtlich viele Jahre für die russischen Geheimdienste gearbeitet hatte, funktionierte das weitaus effektiver.

Frage: Zu welchen Schritten könnte Putin greifen, wenn eine vollständige Blockade der Krim aus logistischer Sicht gelingt – also bei Versorgung, Lebensmitteln und Ähnlichem?

Portnikov: Ich glaube nicht, dass eine Blockade der Krim aus logistischer Sicht zu solchen spürbaren Ergebnissen führen wird, die Putin zwingen würden, seine Vorstellungen vom russisch-ukrainischen Krieg zu ändern. Die Russen sind Meister darin, eine Blockade in ein politisches Instrument zu verwandeln. Wenn Sie in der Sowjetunion gelebt haben, erinnern Sie sich daran, dass die Sowjetunion jahrzehntelang mit der Blockade Leningrads prahlte, obwohl es Möglichkeiten gegeben hätte, diese Blockade zu verhindern und eine große Zahl von Menschen aus Leningrad in Gebiete zu evakuieren, wo sie nicht verhungert wären. Die Russen waren jedoch der Ansicht, dass eine solche Situation in Leningrad nur den Kampfgeist stärkte, die Notwendigkeit der Fortsetzung des Krieges erklärte und eine intensivere Mobilisierung in der Sowjetunion rechtfertigte und so weiter. Deshalb entspricht jede Blockade eines Gebiets, die zu ernsten Problemen für die Bevölkerung führt, im Grunde den politischen Zielen der russischen Führung.

In dieser Situation können wir eine andere Frage stellen, die mir wichtiger erscheint: Welchen Sinn haben Kriege überhaupt noch unter den neuen Bedingungen, in denen wir uns heute mit neuen technologischen Möglichkeiten befinden? Welchen Sinn hat es, irgendwelche Gebiete zu besetzen und unter Kontrolle zu bringen, wenn eine Armee aus Drohnen und Raketen diese Gebiete grundsätzlich in unbewohnbare Zonen verwandeln kann? Wenn du nicht in der Lage bist, den gesamten Organismus zu zerstören, der dich daran hindert, diese Gebiete zu kontrollieren – im Fall Russlands also den ukrainischen Staat –, dann musst du früher oder später über Frieden mit einem solchen Staat und über eine friedliche Lösung nachdenken.

Das hat übrigens überhaupt nichts mit Souveränität, territorialer Integrität oder Völkerrecht zu tun. Es geht schlicht um Pragmatismus. Wenn du nicht in der Lage bist, das, was dich angreift, vollständig zu vernichten, musst du entweder verhandeln oder akzeptieren, dass große Teile deines Territoriums deiner tatsächlichen Kontrolle entzogen sein werden – selbst wenn dort deine Panzer stehen und du formell die Macht ausübst.

Ich führe hier das Gegenargument zur russischen Position an. Nehmen wir die Situation im Norden Israels. Dieses Gebiet wird ständig von der Terrororganisation Hisbollah angegriffen und verwandelt sich faktisch in ein Gebiet, in dem ein normales Leben der Bürger nicht mehr möglich ist.

Was soll Israel tun? Wenn es nicht möglich ist, die Hisbollah vollständig zu vernichten, muss man Wege finden, damit die libanesische Regierung und die libanesische Armee das gesamte Territorium des Libanon unter ihre Kontrolle bringen und der Hisbollah die Möglichkeit nehmen, das Leben im Norden Israels weiter zu zerstören.

Noch vor wenigen Jahren sah die Situation jedoch anders aus, weil selbst Raketenangriffe auf israelisches Gebiet – angesichts der damaligen Technologien – nicht dazu zwangen, die Lage auf diese Weise zu betrachten.

Gerade dieser neue militärtechnische Faktor, den wir heute beobachten – Drohnen, große Mengen an Raketen und die Möglichkeit, billig riesige Mengen an Drohnen herzustellen, die das Leben lahmlegen können –, stellt grundsätzlich alle bisherigen Methoden der Kriegsführung und sogar den Krieg selbst als Fortsetzung der Politik, wenn wir zynisch sprechen wollen, infrage.

Wenn sich diese Entwicklung in dieser Richtung fortsetzt, wird der Krieg schon in wenigen Jahren aufhören, eine Fortsetzung der Politik zu sein. Der Sinn vieler Dinge, die bislang selbstverständlich erschienen, wird verschwinden. Es ergibt keinen Sinn mehr, ein Gebiet zu besetzen und zu kontrollieren, wenn derjenige, dem du es weggenommen hast, dieses Gebiet deiner Kontrolle entziehen kann – selbst wenn dort deine Behörden und deine Truppen stationiert sind. Die Krim ist dafür ein hervorragendes Beispiel.

Frage: Wird der Sicherheitsapparat mögliche Proteste unterdrücken können, falls eine Mobilmachung ausgerufen wird? Werden das nur kurzfristige Proteste sein oder könnte sich daraus eine Revolution entwickeln?

Portnikov: Das weiß niemand. In der Geschichte Russlands hat es bereits viele Ereignisse gegeben, die zunächst wie kurzfristige Proteste aussahen, von denen man glaubte, sie könnten vom Sicherheitsapparat problemlos niedergeschlagen werden, die sich später aber zu gewaltigen revolutionären Ereignissen entwickelten. Heute lässt sich weder das tatsächliche Protestpotenzial der russischen Gesellschaft noch die reale Leistungsfähigkeit der Sicherheitsorgane beurteilen. Das wird sich erst in der Praxis zeigen.

Ich glaube jedoch nicht, dass es zu einer echten allgemeinen Mobilmachung kommen wird. Vielmehr wird weiter auf Grundlage jenes Erlasses mobilisiert werden, den Putin bereits 2022 unterzeichnet hat und der bis heute gilt. Es wird also eine selektive Mobilisierung sein. Oder man wird nach Menschen suchen, die man aufgreifen und zum Abschluss eines Militärvertrags zwingen kann.

Ich denke, das, was in einer der russischen Städte – ich glaube in Pensa – in der vergangenen Woche geschehen ist, war eine Art Generalprobe. Ich bin überzeugt, dass kein russisches Wehrersatzamt eigenmächtig Menschen entführen und sie zum Abschluss eines Militärvertrags zwingen würde, ohne dass dies auf höchster Ebene des russischen Verteidigungsministeriums gebilligt worden wäre. Und der russische Verteidigungsminister wird eine solche Entscheidung selbstverständlich mit dem Präsidenten der Russischen Föderation, Putin, abstimmen.

Das ist also bereits die Suche nach verschiedenen Wegen, die russische Armee zu verstärken, ohne eine allgemeine Mobilmachung auszurufen.

Frage: Haben Sie Ihre Meinung inzwischen geändert, dass die Bevölkerung europäischer Länder im Falle eines russischen Angriffs eher weiter nach Westen fliehen und ihr Territorium aufgeben würde – und dass die Ukrainer in dieser Hinsicht ein einzigartiges Volk seien?

Portnikov: Nein. Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass es überhaupt keine einzigartigen Völker gibt. Die Ukrainer unterscheiden sich in keiner Weise von Polen, Ungarn oder irgendeinem anderen europäischen Volk – weder von Deutschen noch von Franzosen.

Entscheidend ist, dass sich die Fähigkeit eines Landes, sich tatsächlich zu verteidigen, und die Bereitschaft der Menschen, ihr Land zu verteidigen und dafür Leben und Gesundheit zu opfern, erst dann zeigen, wenn eine wirkliche Krise und eine reale Bedrohung eintreten. Bis zu diesem Moment wollen die meisten Menschen mit so etwas nichts zu tun haben. Wenn Sie vor einem Krieg in irgendeinem Land eine Umfrage durchführen und fragen: „Sind Sie bereit zu kämpfen?“, werden Sie überall sehr ähnliche Ergebnisse erhalten.

Vielleicht besteht eine gewisse Besonderheit der Ukrainer nicht darin, dass sie Ukrainer sind, sondern darin, dass sie – gemessen an der politischen Entwicklung unseres Landes – sowjetische Menschen waren. Und der Wert des menschlichen Lebens war in der Sowjetunion wesentlich geringer als in den Nachbarstaaten Europas. Allerdings ist dieser Wert des Lebens in der Ukraine in den 35 Jahren unserer Unabhängigkeit bereits deutlich gestiegen – jedenfalls im Vergleich zur Russischen Föderation.

Dennoch sehen Sie selbst: Wir kämpfen inzwischen das fünfte Jahr im großen Krieg, und insgesamt dauert dieser Konflikt bereits zwölf Jahre an. Vergessen Sie nicht, dass die Ukrainer bis 2022 auf diesen Konflikt im Grunde nur mit dem Wunsch reagierten, ihn um jeden Preis zu beenden. Genau damit hingen letztlich auch die Ergebnisse der Präsidentschaftswahl 2019 zusammen.

Deshalb gibt es keinerlei ukrainische Einzigartigkeit. Jede Behauptung, irgendein Volk sei einzigartig, ist, würde ich sagen, ein anachronistisches Denken des Mittelalters, das mit gesundem Menschenverstand nichts zu tun hat. Menschen sind grundsätzlich überall gleich.

Wenn Russland irgendein europäisches Land angreifen sollte, wird es dort sowohl Menschen geben, die bereit sind, ihr Land zu verteidigen, als auch Menschen – wie es sie auch in der Ukraine gibt –, die der Meinung sein werden, man müsse sich selbst und seine Familie retten und der Staat werde schon irgendwie auch ohne sie überleben.

Es wird genügend Menschen geben, die bereit sind zu kämpfen, und genügend Menschen, die einfach überleben wollen. Darauf beruht die gesamte Weltgeschichte. Diejenigen, die überleben, bauen später Staaten wieder auf. Diejenigen, die den Staat mit ihrem Leben und ihrer Gesundheit verteidigen, ermöglichen gerade denjenigen, die nicht kämpfen wollten, diesen Wiederaufbau. Glauben Sie, die Geschichte hat sich in den vergangenen 7.000 Jahren anders entwickelt? Genau so verlief sie. Was soll daran einzigartig sein? Wie könnte es überhaupt anders sein?

Frage: Wie kommt es, dass die sowjetischen und russischen Geheimdienste die Amerikaner so gut verstehen und sie oft erfolgreich manipulieren, während die Amerikaner die Russen überhaupt nicht verstehen?

Portnikov: Zunächst einmal verstehen die sowjetischen und russischen Geheimdienste die Amerikaner keineswegs so hervorragend. In der Regel nutzen sie Menschen aus, die sich vor allem für Geld interessieren. Das ist eine sehr einfache Methode der Zusammenarbeit – so alt wie die Welt.

Aus analytischer Sicht verstehen die Amerikaner die Russen tatsächlich nicht – so wie sie vieles in Europa oder Asien generell nicht verstehen. Sie begreifen die Motive nicht, von denen Menschen sich bei ihren Entscheidungen leiten lassen. Dass es neben dem Wunsch nach finanziellem Gewinn auch Vorstellungen von nationaler Größe geben kann, den Kampf gegen den eigenen nationalen oder persönlichen Minderwertigkeitskomplex oder schlicht Angst vor dem eigenen Staat – eine Angst, die bei Russen viel größer sein kann als bei Amerikanern.

Das ist eine ganz andere Geschichte, über die man lange sprechen könnte. Man muss sie, würde ich sagen, in ihrer Gesamtheit verstehen.

Ich habe immer gesagt, dass es bei der amerikanischen Analyse Europas – und das betrifft nicht nur die Geheimdienste – grundsätzlich ein Problem gibt: Die Werte, auf denen die Vereinigten Staaten gegründet wurden, unterscheiden sich von den Wertvorstellungen der Alten Welt. Deshalb heißt sie ja Alte Welt und Neue Welt. Wenn man in der Alten Welt lebt, versteht man die Neue leichter, als die Neue die Alte versteht. Das erscheint mir eigentlich selbstverständlich.

Frage: Falls die Ukraine Belarus weiterhin dazu drängt, Russland nicht zu unterstützen – wie wird die Ukraine handeln, wenn Belarus irgendwann diese Zugeständnisse verweigert?

Portnikov: Ich denke, wir verstehen sehr genau, bis zu welchem Punkt wir Druck auf Belarus ausüben können. Die Frage ist allein, inwieweit der selbsternannte Präsident von Belarus, Alexander Lukaschenko, sich der Gefahr einer ukrainischen Reaktion bewusst ist, falls unsere Forderungen hinsichtlich des Verhaltens Minsks im russisch-ukrainischen Krieg nicht erfüllt werden.

In dem Moment, in dem die Ukraine begonnen hat, Ziele auf russischem Territorium anzugreifen, befindet sich Belarus – sowohl geografisch als auch wegen seiner kompakten Wirtschaft und ihrer Verwundbarkeit – in einer strategisch weitaus schwierigeren Lage als Russland gegenüber der Ukraine.

Deshalb besteht Lukaschenkos wichtigstes Ziel darin, ukrainische Angriffe auf Belarus zu verhindern – insbesondere auf die Erdölraffinerien des Landes. Das muss man sich klar machen. Deshalb würde ich nicht sagen, dass Belarus der Ukraine ernsthaft irgendwelche Zugeständnisse verweigern kann.

Ich denke, die eigentliche Frage ist vielmehr, wie diese Zugeständnisse nicht von Lukaschenko, sondern von Putin aufgenommen werden. Denn Putin ist ebenso wie Lukaschenko daran interessiert, die belarussische Ölverarbeitung, die belarussische Wirtschaft und das belarussische Regime zu erhalten. Belarus wird heute von Putin gebraucht. Es dient als eine Art inoffizielles Fenster für die russische Wirtschaft und letztlich auch für informelle Kontakte zwischen den Präsidentenadministrationen der Vereinigten Staaten und Russlands, falls dafür irgendwann Voraussetzungen entstehen.

Sie verstehen doch, dass die amerikanische Regierung in Wirklichkeit kaum geglaubt hat, sie könne Lukaschenko Putin entreißen. Vielmehr wollte sie Lukaschenko als eine Art Vermittler zwischen Putin und Trump nutzen. Das liegt derzeit auf Eis, weil die Trump-Regierung gegenüber Lukaschenko keinerlei konkrete Schritte unternommen hat und Lukaschenko sieht, dass gegen ihn tatsächlich nichts Konkretes geschieht. Dennoch bleibt diese Möglichkeit grundsätzlich bestehen, und Putin könnte durchaus daran interessiert sein, sie zu bewahren.

Für die Ukraine wird es kaum eine andere Wahl geben, falls von belarussischem Territorium aus feindliche Handlungen gegen die Ukraine ausgehen. Wenn Belarus zur Destabilisierung unseres Staates beiträgt oder der russischen Armee Hilfe leistet – wie soll die Ukraine diese Möglichkeiten Belarusses dann einschränken? Umso mehr, wenn darüber bereits auf staatlicher Ebene gesprochen wird und dies inzwischen tatsächlich Teil der Strategie der Streitkräfte der Ukraine geworden ist. Einfach deshalb, weil wir uns das inzwischen leisten können – denn wir greifen bereits Ziele auf russischem Territorium an.

Warum ist das Thema Belarus überhaupt aufgekommen? Erinnern Sie sich: Noch 2022 erschienen selbst Angriffe auf Russland völlig unmöglich. Ebenso undenkbar schienen Angriffe auf die von Russland besetzten Gebiete der Ukraine, auf die Krim. Später stimmten unsere Verbündeten zu, dass Angriffe auf die besetzten Gebiete möglich seien, auch wenn wir unsere Beteiligung daran nicht eingestanden. Danach wurden Operationen auf dem eigentlichen russischen Staatsgebiet möglich – etwa in der Region Belgorod. Anschließend folgte die Geschichte mit der Region Kursk.

Wir sind also Schritt für Schritt, aber sehr realistisch zu einer Situation gelangt, in der sich der Krieg in den kommenden Jahren auf dem Territorium beider Staaten abspielen und zu einem gegenseitigen Abnutzungskrieg werden wird. Warum sollte dann Belarus ausgenommen werden, wenn Belarus Verbündeter der Russischen Föderation in diesem Krieg ist? Das ist eine rein rhetorische Frage.

Und Lukaschenko versteht sehr genau, dass es tatsächlich eine rhetorische Frage ist.


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Titel des Originals: Війна і Трамп: кінець «духу Анкориджа» | Віталій Портников. 29.06.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 29.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Putins und Lukaschenkos geheime Verhandlungen | Vitaly Portnikov. 28.06.2026.

Der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko traf in Putins Residenz ein – und verschwand. Zum letzten Mal wurde er in der Öffentlichkeit gesehen, als er sein eigenes Flugzeug verließ.

Solch geheimnisvolle Verhandlungen zwischen dem russischen und dem belarussischen Staatschef sind natürlich ein aufschlussreiches Kapitel des russisch-ukrainischen Krieges. Putin und Lukaschenko trafen sich zu Beginn dieser Gespräche nicht einmal mit Journalisten. Es gab keine der für die russischen und belarussischen Diktatoren üblichen Fotos. Es gibt keinerlei Mitteilungen darüber, was sie besprechen und wie der Verhandlungsprozess überhaupt verläuft.

Aus Quellen, die die Präsidialverwaltung der Republik Belarus üblicherweise nutzt, ist lediglich zu erfahren, dass die Verhandlungen andauern und sogar im Rahmen einer Delegation stattfinden könnten. Seltsam für einen Dialog zwischen Menschen, die sich mehrmals im Jahr treffen.

Wir verstehen jedoch, dass sowohl Putin als auch Lukaschenko derzeit ernsthaft beunruhigt sind und schwierige Entscheidungen treffen müssen, die sich auf die Zukunft des belarussischen Regimes und auf die Zukunft des russisch-ukrainischen Krieges auswirken können. Lukaschenko ist buchstäblich gezwungen, dem ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky nachzugeben, wenn dieser sagt, dass ein Hineinziehen von Belarus in den Krieg zur faktischen Zerstörung jener Objekte führen könne, die Moskau vom Territorium des Nachbarlandes aus für seine Aggression gegen die Ukraine nutzt.

Und die Tatsache, dass auf Volodymyr Zelenskys Worte – sollte Belarus die für die Angriffe genutzten Relaisstationen nicht abschalten, werde dies die Ukraine tun – gerade das Abschalten dieser Relaisstationen folgte, zeigt die ganze Tiefe der Probleme des belarussischen Machthabers. Denn offensichtlich wollte in Moskau niemand, dass man in Minsk auf Ultimaten aus Kyiv hört.

Doch das ist nicht die letzte Drohung Zelenskys. Der ukrainische Präsident erinnert daran, dass auch belarussische Unternehmen für die Bedürfnisse der russischen Armee genutzt werden. Insbesondere helfen die belarussischen Erdölraffinerien den russischen Streitkräften in einer Situation, in der Raffinerien in der Russischen Föderation selbst brennen. Und so stellt sich heraus, dass Russland gerade auf Belarus hoffen muss.

Hier stellt sich eine weitaus ernstere Frage. Ist Minsk tatsächlich bereit, den russischen Streitkräften die Lieferung von Erdölprodukten zu verweigern? Oder wird man ein Schema finden, nach dem aus Belarus zwar keine Erdölprodukte direkt geliefert werden, jene Produkte jedoch, die Minsk an verbündete Staaten der Russischen Föderation – etwa an die Volksrepublik China – liefert, anschließend zu den Russen gelangen?

Das ist dennoch deutlich komplizierter und langwieriger, als die für die russische Armee benötigten Erdölprodukte direkt vom Territorium des Nachbarstaates zu beziehen. Putin und Lukaschenko haben also genügend Gesprächsstoff, über den sie die Journalisten nicht informieren wollen. Und möglicherweise sind dies die geheimnisvollsten Verhandlungen zwischen dem russischen und dem belarussischen Staatschef seit Beginn des großen russisch-ukrainischen Krieges.

Bekanntlich traf sich Putin damals ebenfalls mehrmals mit Lukaschenko unmittelbar vor der Aggression. Und der belarussische Staatschef war überzeugt, dass alle Pläne seines russischen Kollegen verwirklicht würden und in Kyiv schon bald ein für Lukaschenko so vertrauter und angenehmer Verhandlungspartner erscheinen würde – der Diktator und russische Agent Wiktor Janukowytsch, der versuchen würde, die Ukraine in ein weiteres Belarus zu verwandeln.

Wie bekannt, wurden diese Pläne nicht verwirklicht. Nun könnte bereits dem Lukaschenko-Regime selbst der Zusammenbruch drohen, falls Belarus Teil des russisch-ukrainischen Krieges wird. Das ist es, was den belarussischen Machthaber tatsächlich beunruhigen könnte. Davon muss er seinen russischen Kollegen überzeugen.

Ein Hineinziehen von Belarus in den Krieg – in welcher Form auch immer – würde der Ukraine freie Hand geben, und die belarussische Gesellschaft nimmt den russisch-ukrainischen Krieg keineswegs so wahr wie die russische. Deshalb kann man nicht darauf hoffen, dass sich die Unterstützung in der belarussischen Gesellschaft irgendwie ändern wird, sobald eine Bedrohung für die Existenz des Regimes entsteht.

Lukaschenko könnte zudem befürchten, dass die Russen in einem solchen Fall schlicht nicht mehr physisch in der Lage sein werden, ihm zu Hilfe zu kommen – so, wie es bereits vielen Verbündeten der Russischen Föderation ergangen ist, die bis zuletzt auf Unterstützung aus Moskau hofften und später unter verschiedenen Umständen gezwungen waren, aus ihren eigenen Ländern nach Moskau oder Rostow zu fliehen – so wie etwa eben jener Wiktor Janukowytsch, dessen Herrschaft in der Ukraine 2014 mit einer schmählichen Flucht endete. Oder erst vor Kurzem der syrische Diktator Baschar al-Assad, der sich viele Jahre auf russische und iranische Bajonette stützte, dann aber, als Moskau und Teheran mit ihren eigenen Problemen beschäftigt waren, in die russische Hauptstadt fliehen musste.

Lukaschenko möchte seinen Ruhestand natürlich nicht in Moskau verbringen. Er würde lieber als Präsident der Republik Belarus sterben oder die Macht an seine Kinder oder engste Vertraute übergeben, die mit dem Föderalen Sicherheitsdienst der Russischen Föderation verbunden sind. Offensichtlich würde sich auch Putin genau das wünschen.

Doch stellt sich die Frage, was für Putin derzeit wichtiger ist: die Erhaltung des belarussischen Regimes aufs Spiel zu setzen oder doch zu versuchen, Belarus für neuen Druck auf die Ukraine zu nutzen und eine neue Front im russisch-ukrainischen Krieg zu eröffnen. Hier sind die Interessen der russischen und des belarussischen Diktators nicht deckungsgleich.

Und möglicherweise wird deshalb derzeit zwischen Lukaschenko und Putin mit erhobenen Stimmen gesprochen, während Putin von Lukaschenko verlangt, sich an alles zu erinnern, was das russische Regime für ihn getan hat, und an all die Gelder, die in die unreformierte belarussische Wirtschaft investiert wurden.

Lukaschenko hingegen versucht Putin zu erklären, dass all diese Investitionen einfach im Sand verlaufen könnten, wenn vom belarussischen Regime nur noch eine Erinnerung in einem Geschichtsbuch über Belarus übrig bleibt. Und selbst dann wäre diese Erinnerung, gelinde gesagt, keine gute. Niemand erinnert sich jemals mit Dankbarkeit an eine abscheuliche Diktatur, die für die Ermordung politischer Gegner und die Vernichtung von Aufständischen bekannt ist.

Wofür werden sich Lukaschenko und Putin letztlich entscheiden, und wird es ihnen gelingen, sich zu einigen? Das ist das eigentliche Thema dieser geheimnisvollen Verhandlungen in der Residenz des russischen Präsidenten.


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Titel des Originals: Таємні перемовини Путіна і Лукашенка |Віталій Портников. 28.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 28.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Lukaschenko bekam Angst vor Zelensky und schaltete die Relaisstationen ab | Vitaly Portnikov | 24.06.2026.

Der ukrainische Präsident Volodymyr Zelensky teilte mit, dass die auf dem Territorium von Belarus befindlichen Relaisstationen, mit deren Hilfe Russland seine Angriffe auf die westlichen Regionen unseres Landes koordinierte, abgeschaltet worden seien. Somit haben Lukaschenko und Putin auf das Ultimatum Volodymyr Zelenskys reagiert, der zuvor gewarnt hatte, dass die Ukraine dies selbst tun werde, falls Belarus diese Relaisstationen nicht abschalte.

Die Erklärungen des ukrainischen Präsidenten erfolgten nach den sogenannten Entschuldigungen des belarussischen Präsidenten gegenüber seinem ukrainischen Amtskollegen. In diesen Entschuldigungen erklärte Lukaschenko ebenfalls, dass sein Land nicht am Krieg Russlands gegen die Ukraine teilnehmen wolle und dass von belarussischem Territorium keine Gefahr für unseren Staat ausgehen werde.

Daraufhin bemerkte der ukrainische Präsident zu Recht, dass bloße Erklärungen nicht ausreichen, und schlug Lukaschenko als ersten Schritt vor, die Relaisstationen abzuschalten, die den russischen Streitkräften dabei halfen, Angriffe auf das Territorium der Ukraine durchzuführen.

Bereits nach dieser Erklärung betonte ich, dass Putin und Lukaschenko zwischen der Abschaltung der Relaisstationen und anderen möglichen Zugeständnissen an die Ukraine einerseits und möglichen ukrainischen Angriffen auf die Infrastruktur von Belarus andererseits würden wählen müssen, darunter auch auf die Ölraffinerie von Mosyr, die für die Bedürfnisse der russischen Streitkräfte genutzt wird, die ihre aggressiven Handlungen auf ukrainischem Boden fortsetzen. Übrigens sprach Zelensky auch über diese Zusammenarbeit belarussischer Unternehmen mit dem russischen Aggressor.

Das Einzige, was Putin von der Zustimmung zur Abschaltung der Relaisstationen auf belarussischem Territorium hätte abhalten können, wäre die Bereitschaft gewesen, einen Präzedenzfall für mögliche Angriffe auf militärische Objekte in den Staaten Mitteleuropas zu schaffen – nach dem Prinzip: Wenn die Ukraine bereit ist, Verbündete der Russischen Föderation anzugreifen, wird Russland seinerseits Verbündete der Ukraine angreifen. Doch wie wir verstehen, gibt es in diesem Szenario ein reales Problem.

Will Putin tatsächlich einen echten und nicht nur verbalen Konflikt mit NATO-Mitgliedstaaten riskieren? Möchte er testen, wie Artikel 5 des Nordatlantikvertrags funktioniert? Ist er zu einer realen Konfrontation mit den Streitkräften der Mitgliedstaaten des Bündnisses bereit, falls diese sich anschließend Angriffen auf russisches oder belarussisches Territorium anschließen sollten?

All dies sind natürlich rhetorische Fragen – zumindest so lange, bis in Moskau eine Entscheidung über die Ausweitung des russisch-ukrainischen Krieges getroffen wird. Doch die Tatsache, dass die Relaisstationen abgeschaltet wurden, zeigt, dass ein solcher Wunsch beim russischen Präsidenten nicht vorhanden ist. Und offensichtlich auch nicht beim belarussischen.

Lukaschenko konnte Putin davon überzeugen, dass ukrainische Angriffe auf belarussisches Territorium Belarus nicht in den Krieg hineinziehen würden, dafür aber Probleme für die russischen Bedürfnisse schaffen würden. Denn Unternehmen, die nach dem Verlust von bis zu einem Viertel der russischen Raffineriekapazitäten infolge ukrainischer Angriffe bereit wären, für die russische Armee zu arbeiten, gibt es praktisch nicht.

Heute erschienen übrigens Berichte, dass die Russische Föderation mit der Republik Kasachstan über Lieferungen von Erdölprodukten verhandle, obwohl diese Meldungen in Astana sofort dementiert wurden. Möglicherweise deshalb, weil man nicht möchte, dass kasachische Unternehmen unter sekundäre westliche Sanktionen geraten oder dass dies die Zusammenarbeit der Republik Kasachstan mit westlichen Staaten insgesamt beeinträchtigt.

Wie wir also sehen, ist die Ölraffinerie von Mosyr tatsächlich ein realer Gewinn für die russische Wirtschaft und vor allem für die russische Armee sowie den militärisch-industriellen Komplex Russlands. Diese Raffinerie für Relaisstationen zu opfern, wäre ein zu hoher Preis.

Gleichzeitig müssen wir uns bewusst machen, dass Zelensky keineswegs verpflichtet ist, sich ausschließlich auf Forderungen nach der Abschaltung der Relaisstationen zu beschränken. Wir sehen bereits, dass Belarus bereit ist, auf die Erklärungen des ukrainischen Staatschefs zu hören, dass der belarussische Präsident erkannt hat, wie verwundbar sein Land gegenüber möglichen ukrainischen Angriffen geworden ist. Und von Seiten der Russischen Föderation sollte man nach der Erkenntnis Lukaschenkos, dass Russland nicht einmal in der Lage ist, die von ihm besetzten ukrainischen Gebiete zu schützen, keinen wirklichen Schutz erwarten.

Wie sollte Lukaschenko sich ruhig fühlen, wenn sich die Krim einem echten Energiekollaps und einer Verkehrsisolation nähert und immer deutlicher wird, dass die Besetzung dieser ukrainischen Halbinsel ein schwerer geopolitischer Fehler Putins war? Und die Russen freuten sich vergeblich, als ihr Präsident das Völkerrecht brach und jene Ordnung zerstörte, die nach dem Zweiten Weltkrieg mit so großen Mühen geschaffen worden war und durch russische Anstrengungen faktisch verramscht wurde.

Wenn es keine Möglichkeit gibt, die Krim zu schützen, wird es auch keine Möglichkeit geben, Belarus zu schützen. Dabei leben auf der Krim viele Kolonisten, die die Annexion dieser ukrainischen Halbinsel leidenschaftlich unterstützten und dorthin umsiedelten, womit sie faktisch Putins Wunsch erfüllten, die Bevölkerung zu verwässern, die vor der russischen Invasion auf der Krim gelebt hatte.

Die Gesellschaft in Belarus unterstützt bekanntlich den Krieg Russlands gegen die Ukraine nicht. Die Möglichkeiten einer – wenn auch nur scheinbaren – Versöhnung der Belarussen mit dem Regime Lukaschenkos ergaben sich gerade deshalb, weil es dem belarussischen Staatschef gelang, seine Bürger davon zu überzeugen, dass er der Garant des Friedens sei und nicht zulassen werde, dass Belarus selbst an den aggressiven Handlungen Russlands gegen die Ukraine teilnimmt.

Nun könnte sich jedoch herausstellen, dass Lukaschenko mit seiner Unnachgiebigkeit den Krieg auf belarussischen Boden bringt. Und das, obwohl seine Landsleute diesen Krieg nicht unterstützen und die Mehrheit von ihnen bekanntlich auch den Diktator, der 2020 mit einem Aufstand konfrontiert war, nicht besonders unterstützte.

In dieser Situation können wir klar sagen, dass wir ein bestimmtes Fenster der Möglichkeiten für die Ukraine beobachten. Ein Fenster der Möglichkeiten, das Bedingungen schaffen soll, um jede Beteiligung der belarussischen Industrie und der Streitkräfte dieses Landes an der Unterstützung der weiteren russischen Aggression zu verringern.

Denn diese Aggression gleicht der Aggression einer lernäischen Hydra. Und man muss diesem russischen Ungeheuer einen Kopf nach dem anderen abschlagen, bis nur noch ein einziger Kopf übrig bleibt – Putins Kopf –, der mit den Herausforderungen, denen Russland in seiner Aggression begegnen wird, nicht mehr fertigwerden kann. Davon bin ich überzeugt.


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Titel des Originals: Лукашенко злякався Зеленського і відключив ретранслятори | Віталій Портников. 24.06.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 24.06.2026.
Originalsprache: uk
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Zelensky setzt Lukaschenko unter Druck | Vitaly Portnikov. 21.06.2026.

Volodymyr Zelensky hat Aljaksandr Lukaschenko erneut aufgefordert, die Relaisstationen an der belarussisch-ukrainischen Grenze zu entfernen. Bereits zuvor hatte der ukrainische Präsident betont, dass bloße Entschuldigungen und Versicherungen, von belarussischem Territorium werde kein neuer Angriff auf die Ukraine ausgehen, für Kyiv nicht ausreichen. Denn das Territorium Belarus’ wird auch jetzt noch von der russischen Armee zur Unterstützung von Putins Aggression gegen die Ukraine genutzt.

Natürlich hätte Lukaschenko noch vor einigen Monaten diesen Drohungen des ukrainischen Präsidenten keine besondere Beachtung schenken können. Doch inzwischen hat sich die Lage im Krieg tatsächlich verändert. Die Ukraine führt Schläge gegen das Territorium der Russischen Föderation aus, und zugleich demonstriert Moskau seine Unfähigkeit, wichtige strategische Objekte vor Angriffen ukrainischer Drohnen zu schützen. Die besetzte Krim befindet sich faktisch in Isolation von der Russischen Föderation. Auf der Halbinsel entwickelt sich rasch eine echte logistische und humanitäre Katastrophe. Und dies ist zugleich eine Katastrophe für die Streitkräfte der Russischen Föderation, die auf der annektierten Halbinsel stationiert sind.

Kann ein Schlag gegen das Territorium Belarus’ erfolgen? Lukaschenko weist zu Recht darauf hin, dass Russland kaum in der Lage wäre, das Land vor möglichen ukrainischen Angriffen zu schützen. Die belarussische Wirtschaft könnte buchstäblich innerhalb weniger Tage zusammenbrechen. Und das bedeutet, dass auch die für Lukaschenko wichtigste Anlage, die Raffinerie von Masyr, untergehen würde, die zugleich von kritischer Bedeutung für die russische Armee ist.

Aus rein logischer Sicht wäre es für Zelensky daher sogar vorteilhafter, wenn Lukaschenko die Erklärungen seines ukrainischen Amtskollegen ignorieren und die Relaisstationen an der belarussisch-ukrainischen Grenze belassen würde. In diesem Fall hätte die ukrainische Armee allen Grund, strategische Objekte der belarussischen Wirtschaft auszuschalten, die für die Bedürfnisse der russischen Streitkräfte genutzt werden.

Die Raffinerie ist eines dieser Objekte. Zudem handelt es sich faktisch um die einzige Raffinerie, die Putin noch zur Verfügung steht und die nicht systematischen Angriffen ukrainischer Drohnen ausgesetzt ist.

Es bleibt nur die Frage, ob Lukaschenko selbst seinen russischen Sponsor und Freund davon überzeugen kann, dass es tatsächlich viel wichtiger ist, die belarussische Wirtschaft und insbesondere die belarussische Ölverarbeitung zu erhalten – in einer Situation, in der Russland bald überhaupt keine funktionierende Ölverarbeitung mehr haben könnte. Vielleicht wäre es dann besser, die Relaisstationen zu opfern, aber Masyr zu retten. Das wäre ein logischer Ansatz.

Man kann sagen, dass Lukaschenko einen solchen Ansatz vertritt. Wenn der belarussische Machthaber die gesamte Bedrohung für sein Regime nicht erkennen würde, hätte er sich nicht bei Volodymyr Zelensky entschuldigt und versichert, dass Belarus nicht beabsichtige, an den nächsten Phasen des russischen Krieges gegen die Ukraine teilzunehmen.

Doch Putin handelt keineswegs immer logisch. Für den russischen Präsidenten könnte eine Ausweitung des Krieges auf das Territorium Belarus’ aus politischer Sicht sogar vorteilhaft sein. Putin könnte meinen, dass er in diesem Fall einen Freibrief hätte, bereits gegen die Verbündeten der Ukraine vorzugehen. Wenn die Ukraine Angriffe auf das Territorium eines russischen Verbündeten ausführt, hätte Russland die Möglichkeit, Schläge gegen das Territorium eines ukrainischen Verbündeten zu führen und damit den Krieg auf die Gebiete der an Russland und die Ukraine angrenzenden Mitgliedstaaten der Europäischen Union und der NATO auszuweiten – vor allem auf Polen und die baltischen Staaten.

Dies wäre wichtig, um militärische Objekte anzugreifen, die von diesen Ländern zur Unterstützung der ukrainischen Armee genutzt werden. Es ist kein großes Geheimnis, dass der Flughafen Rzeszów ein begehrtes Ziel für die russischen Streitkräfte ist. Allerdings könnte die Präsenz amerikanischer Kräfte an diesem Standort Putin von einem solchen Angriff abhalten.

Es gibt jedoch auch Objekte, an denen keine US-Militärangehörigen stationiert sind und die in einem solchen Fall tatsächlich von der russischen Luftwaffe bombardiert werden könnten. Dafür braucht es jedoch einen belarussischen Präzedenzfall. Und so werden Putin und Lukaschenko nun eine recht einfache Frage für sich beantworten müssen: Was ist wichtiger – die wirtschaftlichen Ressourcen der Republik Belarus für die Bedürfnisse der russischen Streitkräfte zu erhalten oder die Situation um einen Angriff auf die Relaisstationen an der belarussisch-ukrainischen Grenze sowie auf andere strategische Objekte der Republik Belarus zu nutzen, um den Krieg letztlich auf das Territorium der NATO-Mitgliedstaaten auszuweiten?

In Moskau könnte man der Ansicht sein, dass es ohne eine solche Ausweitung, ohne die Einschüchterung Europas und ohne die Überzeugung der europäischen Gesellschaften, dass die Unterstützung der Ukraine nur zu einem großen Krieg auf dem europäischen Kontinent führen könne, nicht möglich sein wird, die Ukraine zu besiegen und das Territorium des Nachbarstaates in die Russische Föderation einzugliedern – ein Ziel, von dem Putin noch immer träumt.

Somit setzt Zelensky Lukaschenko einerseits unter Druck, damit dieser die Relaisstationen entfernt, die für Angriffe auf ukrainisches Territorium genutzt werden. Andererseits versucht der verängstigte Lukaschenko, zumindest die Illusion des Friedens für sein eigenes Land zu bewahren und die eigene Wirtschaft zu retten, da ihm bewusst ist, dass sein Regime einen Zusammenbruch dieser Wirtschaft möglicherweise nicht überstehen würde und ihm dann auch kein Putin mehr helfen könnte.

Es gibt jedoch auch ein Putin-Motiv, das mit einer völlig anderen Logik verbunden sein könnte, die weder Volodymyr Zelensky noch Aljaksandr Lukaschenko berücksichtigen. Es ist die Logik eines großen Krieges mit dem Westen, von dem Putin und seine Gefolgsleute möglicherweise träumen – nicht einmal aus der Perspektive einer Eroberung Europas, sondern aus der Perspektive einer Lähmung der militärischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten Europas zur weiteren Unterstützung der Ukraine.

Putin könnte darauf hoffen, dass seine Anhänger in Europa einfach demonstrieren werden, dass die weitere Unterstützung der Ukraine ein ernstes Problem für die Europäer selbst darstellt.

Und genau entlang einer solchen Entwicklungslinie werden sich die Ereignisse in den kommenden Wochen und Monaten entfalten. Wenn wir davon ausgehen, dass weder die Fortsetzung des russisch-ukrainischen Krieges noch seine Ausweitung verhindert werden können, dann erscheint ein solches Szenario bereits in naher Zukunft durchaus wahrscheinlich.


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Titel des Originals: Зеленський кошмарить Лукашенка | Віталій Портников. 21.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 21.06.2026.
Originalsprache: uk
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Syrsky über einen Angriff aus Belarus | Vitaly Portnikov. 19.05.2026.

Praktisch alle ukrainischen und nicht nur ukrainischen, sondern auch internationalen Medien zitieren heute den Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine, General Oleksandr Syrsky, der über die Wahrscheinlichkeit von Angriffen auf die Ukraine von Seiten der Republik Belarus spricht und darüber, dass sich die ukrainischen Streitkräfte auf eine solche mögliche Attacke vorbereiten.

Wenn man sich jedoch das Interview von General Syrsky für einen der ukrainischen YouTube-Kanäle aufmerksam anhört, sieht man sofort, dass das Thema Belarus nicht zentral in seiner Antwort auf die Fragen der Journalisten war. Es ging um die Unzweckmäßigkeit der Einführung der dritten Etappe der Militärreform zum jetzigen Zeitpunkt, also um die Möglichkeit für die Korps, die Brigaden eigenständig zu organisieren, wenn man militärisch-professionelle Terminologie verwendet. Und General Syrskyj erklärte, warum dies derzeit nicht möglich sei.

Zu den Umständen, auf die sich der General bezog, gehörte gerade die Wahrscheinlichkeit einer möglichen Ausweitung der Frontlinie. Und als Belege dafür, dass die Frontlinie ausgeweitet werden könnte, verwies der Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte auf die Aussagen des ukrainischen Präsidenten über eine mögliche Invasion von Seiten Belarus sowie auf Informationen, über die die entsprechenden Geheimdienste der ukrainischen Streitkräfte selbst verfügen. Und natürlich verband General Syrsky gerade mit der Tatsache, dass die Frontlinie nicht statisch ist und sich vergrößern kann, die Unmöglichkeit der Durchführung einer weiteren Reform der ukrainischen Streitkräfte in dieser Phase.

Wir werden jetzt natürlich nicht darauf eingehen, wie zweckmäßig diese Reform ist, denn das ist eher eine Frage für das Oberkommando der Streitkräfte der Ukraine, zumindest für Militärexperten. Machen wir uns einfach klar, dass das Thema möglicher Angriffe von Seiten Belarus nicht das Thema war, das in diesem Interview des Oberbefehlshabers der Streitkräfte der Ukraine diskutiert wurde. Darüber sprach General Syrskyj nicht mit den Journalisten.

Die Hauptfrage bleibt hier: Ist eine Wiederholung von Angriffen auf die Ukraine von Seiten Belarus tatsächlich möglich? Und hier sollte man sich nicht so sehr von den Aussagen leiten lassen, die wir vom Präsidenten der Ukraine oder vom Oberbefehlshaber der Streitkräfte hören, sondern von demselben gesunden Menschenverstand, den wir brauchten, um die Unvermeidlichkeit der russischen Invasion in die Ukraine zu erkennen – zu einer Zeit, als offizielle Vertreter unseres Staates im Februar 2022 die Unvermeidlichkeit einer solchen Invasion buchstäblich bis zum 24. Februar 2022 bestritten.

Damit eine Invasion aus Belarus stattfinden kann, müsste auf dem Territorium dieses Landes eine bedeutende Gruppe russischer Truppen zusammengezogen werden – größer als jene Gruppierung, die der Präsident der Russischen Föderation, Wladimir Putin, bereits 2022 auf dem Territorium von Belarus zusammengezogen hatte.

Machen wir uns nichts vor. Diese Truppenstärke reichte nicht aus, um die ukrainische Hauptstadt einzunehmen und in Kyiv eine Marionettenregierung von Wiktor Janukowytsch und Wiktor Medwedtschuk zu errichten. Doch damals, im Februar 2022, setzte Putin nicht auf einen langen Krieg mit den ukrainischen Streitkräften, sondern eher auf eine Parade, auf eine schnelle Kapitulation der ukrainischen Armee und auf das geschickte Vorgehen der russischen Luftlandetruppen, die den ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky sowie andere Vertreter der politischen und militärischen Führung unseres Landes ausschalten sollten.

Jetzt weiß Putin sehr gut, dass eine kleine Gruppierung – erst recht eine Gruppierung, mit der die ukrainische Armee bereits rechnet – die Aufgabe, die ukrainische Hauptstadt einzunehmen und in Kyiv ein Marionettenregime zu errichten, nicht erfüllen kann. Um also überhaupt über die Wahrscheinlichkeit eines Auftauchens russischer Truppen von Seiten des belarussischen Territoriums zu sprechen, müsste auf diesem Territorium eine bedeutende Gruppierung russischer Truppen geschaffen werden – 300.000 bis 400.000 Soldaten, die zum Krieg bereit sind.

Derzeit sind praktisch alle Ressourcen der russischen Armee gerade auf die östliche Richtung konzentriert. Die Schaffung von Möglichkeiten zur Eroberung des gesamten Gebiets der Region Donezk – entweder auf militärischem oder auf diplomatischem Weg – bleibt eine der wichtigsten Aufgaben, die Putin seiner Armee und seiner Diplomatie stellt.

Wenn man sich vorstellt, dass die Hälfte dieser Armee auf das Territorium von Belarus verlegt würde, würde das zumindest bedeuten, dass die russische Armee die Initiative bei der Einnahme neuer Ortschaften im Donezker Gebiet verlieren würde. Und wir sehen, mit welchen Problemen sie in dieser Region in den letzten Jahren vorankommt. Sie könnte sogar die Kontrolle über jene Ortschaften verlieren, die nicht nur seit 2022, sondern bereits seit 2014 besetzt wurden.

Und das kann Putin, wie wir verstehen, nicht zulassen. Das bedeutet, dass für eine reale Invasion von Seiten Belarus eine gründlichere Arbeit zur Vergrößerung der russischen Gruppierung erforderlich wäre, die am Krieg gegen die Ukraine teilnehmen soll, oder eine allgemeine Mobilmachung in der Russischen Föderation, damit auf dem Territorium von Belarus nicht Vertragsöldner, sondern gewöhnliche Mobilisierte erscheinen – und zwar in einer Zahl, die die Aufgaben der Eroberung der nördlichen oder westlichen Gebiete der Ukraine lösen könnte. Denn von dort aus kann man nicht nur in Richtung der Regionen Kyiv oder Tschernihiw vorgehen, sondern auch in Richtung Wolhynien und der westlichen Regionen der Ukraine.

Wir verstehen also sehr gut, wie das in Wirklichkeit aussehen würde, falls es überhaupt geschieht. Somit gibt es keinerlei reale Anzeichen dafür, dass in den kommenden Monaten ein Angriff auf die Ukraine von Seiten Belarus vorbereitet wird – ganz gleich, welche offiziellen Erklärungen und deren Interpretationen es geben mag.

Und falls ein solcher Angriff tatsächlich vorbereitet werden sollte, werden wir davon durch Satellitenbilder amerikanischer oder europäischer Geheimdienste und durch Informationen der eigenen Nachrichtendienste erfahren. Das werden keine Aussagen von Politikern sein, keine Aussagen von Militärs, sondern reale Fakten, auf die man sich stützen sollte.

Kann das Territorium von Belarus für solche Angriffe genutzt werden? Natürlich ja. Der Präsident von Belarus, Aljaksandr Lukaschenka, ist faktisch eine Marionette des russischen Machthabers Putin und bereit, jeder Forderung des russischen Diktats zuzustimmen.

Aber das Territorium von Belarus kann nicht nur für Angriffe auf die Ukraine genutzt werden, sondern auch für einen hybriden Krieg gegen NATO-Mitgliedstaaten, auf den man sich in der Russischen Föderation vorbereitet. Und für solche hybriden Aktionen braucht es übrigens keine große Gruppierung russischer Truppen, sondern die Verlegung einzelner Einheiten auf das Territorium der Republik Belarus, die bestimmte Überfälle oder Provokationen durchführen können.

Ebenso sind Raketenangriffe und der Einsatz von Drohnen möglich – sowohl gegen die Ukraine als auch gegen benachbarte Mitgliedstaaten der Nordatlantischen Allianz. Doch der Luftraum von Belarus wurde bekanntlich bereits mehrfach für den Flug von Drohnen genutzt, die von den Streitkräften der Russischen Föderation gesteuert werden. Darin liegt also keine Sensation.

Die Gefahr, die mit der allgemeinen Bedrohung weiterer Raketen- und Drohnenangriffe auf das Territorium der Ukraine in den kommenden Jahren des russisch-ukrainischen Krieges verbunden ist, besteht jedoch tatsächlich.


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Titel des Originals: Сирський про удар з Білорусі | Віталій Портников. 19.05.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 19.05.2026.
Originalsprache: uk
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Dem Drachen ähnlich sein. Vitaly Portnikov. 19.04.2026.

https://zbruc.eu/node/124099?fbclid=IwZnRzaARR7X5leHRuA2FlbQIxMQBzcnRjBmFwcF9pZAo2NjI4NTY4Mzc5AAEekwxVtXXz-d1GChpSMFyBFbY463GWxaaXF7WxGPK8xL3GhuHvNgZ1oPAK3tw_aem_8D5wj_ei0bMOF7nZmg6gqg

Unter den Kommentaren, die das Fiasko von Viktor Orbán und seiner Partei bei den Parlamentswahlen in Ungarn begleiten, stechen die Meinungen jener hervor, die feststellen, dass Viktor Orbán kein Diktator sei, denn sonst hätte er bei Wahlen einfach nicht die Macht verloren.

Aber das beweist nichts. Viktor Janukowytsch, der ebenfalls in der Ukraine eine Diktatur russischen Typs aufbaute, hätte bei Wahlen noch einmal gewinnen können, wenn er nicht durch seine eigene (genauer gesagt: putinsche) Ungeschicklichkeit einen Aufstand gegen den Versuch einer Diktatur provoziert hätte. Diktatoren gewinnen Wahlen, sogar solche, die vom Standpunkt der Stimmenauszählung als ehrlich gelten, wenn sie die Justiz, die Medien kontrollieren und ein für sich bequemes Wahlsystem schaffen. Und solche Siege verwandeln Autoritarismus nicht in Demokratie.

Alle Anzeichen eines autoritären Regimes waren in Ungarn vorhanden – einschließlich des Wahlsystems. Um das zu begreifen, braucht man keine langen Vorträge. Es genügt zu sehen, dass nach Parteilisten die Parteien von Magyar und Orbán 15 Prozent der Stimmen trennen und… nur 3 von 93 Parteilistenmandaten im Parlament. Das heißt, wenn die Opposition nicht so viele Mehrheitswahlkreise gewonnen hätte, hätte sie erneut verloren. Und die Mehrheitswahlkreise wurden ebenfalls gezielt so zugeschnitten, dass das Orbán treu ergebene ungarische Dorf gegenüber den Großstädten im Vorteil war. Der fehlende Einfluss auf diese Städte änderte, wie wir sehen, nichts am Wesen dieses personalistischen Regimes. Oppositionsbürgermeister werden nicht nur in Ungarn gewählt, sondern sogar in der Türkei. Und nicht nur in der Türkei, in der auch in Zeiten Erdoğans ein erbitterter politischer Kampf andauert, sondern sogar in Russland. Nur landet ein russischer Oppositionsbürgermeister viel schneller hinter Gittern als ein türkischer.

Warum also hat Orbán verloren, wie konnte das überhaupt geschehen? Natürlich gibt es die Versuchung, über den „Zelensky-Effekt“ zu sprechen – zumal Péter Magyar viele an Volodymyr Zelensky im Jahr 2019 erinnern kann: ebenso jung, energisch und von „neuen Leuten“ umgeben.

Aber nein! Den „Zelensky-Effekt“ nutzte Viktor Orbán selbst, als er 2010 auf der Welle einer echten antinomenklaturalen Wahlrevolution an die Macht kam. Der überwiegenden Mehrheit der ungarischen Wähler waren die traditionellen Eliten mit ihrer Korruption, Arroganz und ihren Verbindungen zum Oligarchentum offen gesagt überdrüssig. Orbán, den man noch als jungen und energischen Premierminister der ersten postkommunistischen Jahre in Erinnerung hatte, schien wie ein frischer Luftzug. Die Begeisterung war tatsächlich enorm – wie in der Ukraine 2019. Doch mit der Zeit baute Orbán ein Modell nicht einmal einer konkurrenzfähigen Nomenklaturherrschaft auf, sondern einer hermetischen autoritären Dominanz. Solche Regime lassen sich mit einem „Zelensky-Effekt“ nicht brechen. Welcher Effekt ist dann nötig?

Teilweise wurde die Antwort auf diese Frage durch die Ereignisse des Jahres 2020 in Belarus gegeben. Nach 26 Jahren ungeteilter Herrschaft sah sich Lukaschenko einer Situation gegenüber, in der nicht mehr nationaldemokratische Kräfte mit ihren proeuropäischen Parolen und der belarussischen Sprache gegen ihn kämpften, sondern Menschen, die vom unveränderten System des lukaschenkoschen Belarus selbst geprägt worden waren und es gar nicht so sehr verändern wollten – sie meinten nur, dass ein solches System ohne Lukaschenko besser funktionieren würde. Das war genau jener Fall: Das System arbeitete gegen seinen Gründer.

Im Unterschied zu Orbán, der immerhin ein europäisches Land regiert, zögerte Lukaschenko nicht. Er fälschte die Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen und zerschlug den massenhaften Volksaufstand gegen diese Fälschung. Weder Lukaschenko selbst noch Putin, der bereit gewesen war, die Situation von 2020 zu nutzen, um seinen widerspenstigen Vasallen einzuschüchtern, experimentierten danach noch mit Wahlen in Belarus.

Péter Magyar, wie wir wissen, ist ein Vertreter des „Orbán-Systems“. Auch wenn er darin keine hohen Posten erreichte, gehörte er als Ehemann einer der wichtigsten Mitstreiterinnen des FIDESZ-Führers zur ersten Reihe. Genau ein solcher Politiker konnte zugleich in den Großstädten als Rammbock gegen Orbán wahrgenommen werden und zugleich die Provinz und das Dorf nicht abschrecken. Das System Orbáns besiegte Orbán – aber ist es verschwunden?

In Wirklichkeit kennen wir die Antwort auf diese Frage nicht. Die Geschichte der Reform des Kommunismus im Jahr 1968 endete mit dem „Prager Frühling“ und sowjetischen Panzern. Als Ende der 1980er Jahre mit Michail Gorbatschow ein Enthusiast für Veränderungen im Geiste des „Prager Frühlings“ im kommunistischen Lager an die Macht kam (er hatte im Studentenwohnheim sogar mit einem der Architekten der Veränderungen in der Tschechoslowakei, Zdeněk Mlynář, zusammengelebt), zeigte sich schnell, dass Reformen zum Zusammenbruch des Systems selbst führen können. Oder man musste sie zurückfahren und zum Autoritarismus zurückkehren – was faktisch 1991 begann. Nur war es für die Sowjetunion und ihre Satelliten zum Glück bereits zu spät.

Wenn Péter Magyar tatsächlich beschließt, das Orbán-System zu demontieren, wird er schnell den Weg für freien politischen Wettbewerb, liberale Demokratie öffnen und… die Macht verlieren oder sich selbst verändern. Wenn Magyar sich nicht verändern will und die Macht bewahren möchte, wird er gezwungen sein, den Orbánismus ohne Orbán zu bewahren. Es gibt auch eine andere, nicht weniger gefährliche Variante: Freier Wettbewerb führt zur Rückkehr Orbáns oder seiner Partei – bereits ohne Orbán, aber mit Orbánismus.

Das hat es ebenfalls schon gegeben. Orbán gewährte dem ehemaligen Premierminister Nordmazedoniens Nikola Gruevski Zuflucht, der in Skopje versuchte, ein Budapest aufzubauen. Die Partei Gruevskis verlor damals die Macht, gewann aber auf der Welle neuer Korruptionsskandale schnell ihre Positionen zurück und stellte ein Regime wieder her, das das Land in eine zivilisatorische Sackgasse führte – übrigens mit aktiver Unterstützung Orbáns und mit seinen Krediten: Orbán, der nicht einmal einen Forint der Ukraine geben konnte, fand für die Regierung Nordmazedoniens Geld. Nun, und daran, wie Fico oder Babiš an die Macht zurückkehrten, kann man ebenfalls erinnern.

Also kann heute niemand vorhersagen, wie sich die politische Situation in Ungarn tatsächlich verändern wird. Offensichtlich ist nur eines: Um einen Drachen zu besiegen, der den gesamten Raum um sich herum in eine Drachenhöhle verwandelt hat, reicht es nicht aus, ein Ritter in glänzender Rüstung zu sein.

Man muss selbst zumindest ein wenig dem Drachen ähneln.


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Titel des Originals: Бути схожим на дракона. Віталій Портников. 19.04.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 19.04.2026.
Originalsprache: uk
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Trumps ‚Rat‘: ein Szenario für die Ukraine | Vitaly Portnikov. 19.02.2026.

Donald Trump hat die erste Sitzung des Friedensrates abgehalten, die seine Bereitschaft demonstrierte, die Funktionen dieses Organs nicht nur auf den Nahostkonflikt, sondern auch auf andere weltweite Konflikte auszuweiten. Trump selbst sprach auf der ersten Sitzung des Friedensrates darüber, als er sagte, dass es mit Hilfe seiner Teilnehmer gelingen werde, Frieden im Nahen Osten herzustellen, die Frage des Gazastreifens zu lösen und sich danach auch anderen globalen Konflikten zuzuwenden.

Es sei daran erinnert, dass sich das Mandat des Friedensrates, das vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen genehmigt wurde, in erster Linie auf die Lösung des Nahostkonflikts erstreckt. Und hier kann man sagen, dass es bis zu wirklichen Fortschritten noch sehr weit ist. Insbesondere einer der Hauptpunkte von Trumps Friedensplan – die Entwaffnung der Terrororganisation Hamas – ist weiterhin nicht umgesetzt. Reale Perspektiven für die Entsendung von Friedenstruppen in den Gazastreifen sind nicht erkennbar.

Die israelische Armee behält somit ihre Positionen im Gazastreifen bei, und die zivile Verwaltung, die gemäß Trumps Plan zur Führung und zum Wiederaufbau Gazas eingesetzt wurde, bleibt in ihren Büros in Ägypten und eilt nicht in den Gazastreifen.

Man kann sagen, dass uns ein solcher Ansatz zur Friedensregelung die Möglichkeit gibt zu verstehen, wie der Präsident der Vereinigten Staaten das Ende des russisch-ukrainischen Krieges sieht. Wichtig ist, dass die Seiten sich zumindest auf irgendetwas einigen, während es von geringerer Bedeutung ist, wie sich die Situation weiterentwickelt. Entscheidend ist, dass der Friedensrat funktioniert, Trump selbst als Friedensstifter erscheint und betont, dass er des Friedensnobelpreises würdig sei.

Übrigens schlug auf dieser Sitzung des Friedensrates der Präsident Kasachstans, Kassym-Schomart Tokajew, vor, einen Donald-Trump-Friedenspreis zu schaffen, der jenen verliehen werden soll, die zur Beendigung von Kriegen und Konflikten in der Welt beitragen. Ich weiß nicht, inwieweit es den Präsidenten der Vereinigten Staaten zufriedenstellen würde, statt einer weiteren Auszeichnung – insbesondere des Nobelpreises – die Schaffung eines Trump-Preises zu erleben, mit dem andere Menschen ausgezeichnet werden. Wir werden sehen, inwieweit man in Washington diesem Vorschlag des kasachischen Präsidenten zustimmt und wie dies Trumps eigener Sicht auf seine Rolle in der Geschichte und sein Interesse an Auszeichnungen entspricht.

Wenn wir jedoch ernsthaft sprechen, zeigte die Sitzung des Friedensrates, dass sich die überwiegende Mehrheit der Verbündeten des amerikanischen Präsidenten der Teilnahme an diesem Treffen entzogen hat. Zu der Sitzung, die der Regelung im Gazastreifen gewidmet war, erschien nicht einmal der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu, der stattdessen den Leiter des israelischen Außenministeriums, Saar, entsandte. Die führenden europäischen Staats- und Regierungschefs reisten ebenfalls nicht an. Und der Papst betonte in einer besonderen Erklärung, dass die Schaffung eines solchen Organs mit unklaren Funktionen die Rechte und Pflichten der Vereinten Nationen untergrabe.

Offenbar beunruhigt viele in der Welt die Situation, wonach Trump nicht nur den Friedensrat angeführt hat, sondern auch beabsichtigt, nach dem Ende seiner präsidialen Amtszeit dessen Vorsitzender zu bleiben. Einige meinen sogar, der amtierende amerikanische Präsident wolle damit die Verfassung seines Landes umgehen, sodass sein Nachfolger im Amt – sofern es ein Vertreter der Republikanischen Partei ist – lediglich eines der Mitglieder des Friedensrates wäre, das den Vorschlägen seines Vorsitzenden Donald Trump zustimmt, der gemäß der Satzung des Friedensrates theoretisch dieses Amt lebenslang ausüben könnte.

Aber wenn im Friedensrat keine Führer der wichtigsten Länder der Welt vertreten sind, wenn dort keine Staats- und Regierungschefs der ständigen Mitglieder der Vereinten Nationen teilnehmen – und wir sehen, dass sich nicht nur europäische Staats- und Regierungschefs, sondern auch beispielsweise Russlands Präsident Wladimir Putin, dem Trump demonstrativ eine Einladung geschickt hatte, von der Teilnahme ferngehalten haben –, wie soll dieses Gremium dann die Funktionen der Vereinten Nationen und ihres Sicherheitsrates ersetzen?

Auch Trumps Einladungen wirken im Hinblick auf ihre tatsächliche Umsetzung recht merkwürdig. Trump kann eine Einladung zum Friedensrat aussprechen und sie später wieder zurückziehen, wie es beim kanadischen Premierminister Carney geschah.

Oder Trump kann eine Einladung verschicken, und die amerikanischen staatlichen Institutionen können seinen Vorschlag anschließend erheblich korrigieren. Unter den Staatschefs, denen Trump eine Einladung zur Teilnahme an der Sitzung des Friedensrates geschickt hatte, befand sich auch der belarussische Machthaber Lukaschenko, was übrigens auch einer der Gründe war, weshalb der Präsident der Ukraine, Volodymyr Zelensky, sich weigerte, an diesem Gremium teilzunehmen, falls sowohl Lukaschenko als auch Putin tatsächlich daran beteiligt wären.

Doch als Lukaschenko zustimmte, beschloss, seine Delegation in die Vereinigten Staaten zu entsenden, und sogar betonte, dass seine künftige Teilnahme an einer Sitzung des Friedensrates persönlich erfolgen werde, stellte sich heraus, dass das US-Außenministerium den Mitgliedern der belarussischen Delegation, die an der Sitzung teilnehmen wollten, die Visa verweigerte.

Somit kann man nie sicher sein, dass Trump politische Vorhaben tatsächlich umsetzt. Er kann eine deklarative Initiative ergreifen, die anschließend überhaupt nicht realisiert wird. Davon überzeugte sich Lukaschenko während der Sitzung des Friedensrates. Daher ist es verfrüht zu behaupten, der Friedensrat werde zu einem Organ echter Friedensregelung – ich spreche noch nicht einmal vom russisch-ukrainischen Krieg.

Was ist jedoch tatsächlich geschehen? Wir haben gesehen, dass nun ein spezielles Organ existiert, in dem Staats- und Regierungschefs darum wetteifern, wer den amerikanischen Präsidenten besser lobt. Gerade die Erklärungen zugunsten Donald Trumps, gerade seine eigenen Deklarationen über seine friedensstiftende Rolle bildeten den Hauptinhalt dieser Sitzung.

Und die nächste Frage: Sollte man sich der Teilnahme an solchen Sitzungen wirklich verweigern? Wenn man eigene politische Interessen verwirklichen will, kann man sogar die Instrumente des Friedensrates nutzen, um zumindest bestimmte Parameter der Beziehungen zu den Vereinigten Staaten voranzubringen. So erschienen auf der Sitzung des Friedensrates sowohl der armenische Premierminister Nikola Paschinjan als auch der Präsident Aserbaidschans Ilham Alijew, die Treffen mit führenden amerikanischen Beamten abhielten. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Regelung des armenisch-aserbaidschanischen Konflikts aus Trumps Sicht eine seiner wichtigsten Errungenschaften ist. Und eben dieses Bestreben des amerikanischen Präsidenten, als Friedensstifter zu erscheinen, kann man nutzen.

Deshalb weiß ich nicht, inwieweit es für die Ukraine künftig sinnvoll ist, sich der Teilnahme an Sitzungen des Friedensrates zu enthalten, falls wir weiterhin eingeladen werden. Reale politische Konsequenzen – außer der Notwendigkeit, über die friedensstiftende Rolle des amerikanischen Präsidenten zu sprechen, was der Präsident der Ukraine ohnehin tut – ergeben sich daraus bislang nicht. Aber es entstehen erneut Möglichkeiten, die Führung der US-Präsidialverwaltung an unsere Probleme zu erinnern.


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Titel des Originals: „Рада“ Трампа: сценарій для України |
Віталій Портников. 19.02.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 19.02.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Zelensky verhängte Sanktionen gegen Lukaschenko. Vitaly Portnikov. 18.02.2026.

Volodymyr Zelensky erklärte die Einführung persönlicher Sanktionen gegen Alexander Lukaschenko – selbstverständlich wegen dessen Unterstützung der russischen Aggression gegen die Ukraine.

Tatsächlich begann diese aktive Unterstützung durch Lukaschenko nicht erst im Jahr 2026 und auch nicht 2025, ja nicht einmal 2022, als er das Territorium von Belarus zur Verfügung stellte, um Putins Invasion zu erleichtern und bei der versuchten Besetzung von Kyiv zu helfen. Lukaschenko arbeitet seit Langem mit Moskau zusammen – gerade mit dem Ziel, den Zusammenbruch der Souveränität des ukrainischen Staates herbeizuführen. Offenbar versteht er nicht einmal, dass eine Annexion der Ukraine zwangsläufig auch zur Annexion von Belarus und zum Verschwinden seines eigenen Regimes führen würde. Doch Lukaschenko ist nicht der erste Diktator, der den Ast absägt, auf dem er sitzt.

Es stellt sich die Frage, warum man in Kyiv diese Sanktionen erst jetzt eingeführt hat. Warum hat sich die Haltung des Präsidialamts von Zelensky gegenüber der belarussischen Opposition geändert? Möglicherweise hängt dies mit den Versuchen zusammen, Lukaschenkos Präsenz auf der internationalen Bühne zu legitimieren – Versuche, die von der Administration des Präsidenten der Vereinigten Staaten aktiv unternommen werden. Wie bekannt ist, treffen sich Sondergesandte der Administration regelmäßig mit Lukaschenko. Trump hat sich wiederholt bewundernd über ihn geäußert und ihn sogar in einen geschaffenen „Friedensrat“ eingeladen. Lukaschenko selbst behauptet, er werde künftig auf höchster Ebene an diesem Rat teilnehmen – das heißt, er rechnet offenbar damit, in die Vereinigten Staaten eingeladen zu werden.

Für die Ukraine wäre eine solche Rehabilitierung des belarussischen Diktators ein direkter Weg zur Rehabilitierung des russischen. Genau deshalb sind die persönlichen Sanktionen gegen Lukaschenko eine weitere Erinnerung daran, welche Rolle der belarussische Staatschef in der russischen Aggression gegen die Ukraine spielt. Eine Erinnerung nicht nur an Trump, sondern auch an die europäischen Staats- und Regierungschefs. Wie bekannt ist, beginnen in Europa ebenfalls Stimmen laut zu werden, die zu Gesprächen mit zuvor isolierten Politikern bereit sind, sobald in den Vereinigten Staaten Versuche einer Annäherung an solche Figuren einsetzen – und das liegt eindeutig nicht im Interesse der Ukraine.

Darüber hinaus sind diese Maßnahmen offensichtlich auch eine Erinnerung an Lukaschenko selbst, dass seine Beteiligung am russisch-ukrainischen Krieg keineswegs erledigt ist, nur weil er Kontakte zur neuen Administration in Washington aufgenommen hat. Schließlich wechseln in Amerika – anders als in Belarus – die Regierungen. Seine Beteiligung an der militärischen Aggression gegen ein Nachbarland wird jedoch ein weiterer Makel in seiner ohnehin beschämenden politischen Biografie bleiben.

Die Frage ist allerdings, wie Trump selbst die Einführung ukrainischer Sanktionen gegen Lukaschenko und den Angriff auf den belarussischen Diktator bewerten wird. Schließlich handelt es sich um einen Mann, dem er persönlich eine Einladung zur Teilnahme am „Friedensrat“ geschickt hat – um jemanden, von dessen Unterstützung für ein gegenseitiges Verständnis zwischen Washington und Moskau er sich ebenfalls etwas versprechen könnte.

Meiner Meinung nach geht Zelensky in diesem Fall kein großes Risiko ein. Es ist nicht vergleichbar mit dem von Putin erfundenen Beschuss seiner Residenz in Waldai, bei dem Trump – wie bekannt – selbst bei einem unbewiesenen Vorwurf in Rage geriet. Im Fall Lukaschenko kann die Ukraine, denke ich, nach eigenem Ermessen handeln – aus einem einfachen Grund: In dem Weltbild, das sich seit Langem im Kopf des amerikanischen Präsidenten gefestigt hat, gibt es die Führer der großen Mächte – und alle anderen. Und eben diese Führer der großen Mächte genießen nach Trumps Verständnis Unantastbarkeit und persönlichen Respekt. Die Liste dieser Führer ist recht kurz: Trump selbst, der Vorsitzende der Volksrepublik China Xi Jinping und Putin.

Lukaschenko erscheint in diesem Zusammenhang eher als Instrument denn als jemand, den Trump als Führer eines für ihn wichtigen Staates betrachtet. Wenn also das Staatsoberhaupt eines Nachbarlandes beschließt, Sanktionen gegen einen solchen Akteur zu verhängen, ist das eine innere Angelegenheit der Ukraine. Es berührt die Vereinigten Staaten nicht und hebt zugleich nicht Trumps Bereitschaft auf, die Kontakte zu Lukaschenko fortzusetzen, falls er dies für notwendig hält.

Die ukrainischen Sanktionen werden selbstverständlich auch keinen Einfluss darauf haben, mit wem der amerikanische Präsident zu sprechen bereit ist oder nicht. Sie könnten jedoch die Haltung der Europäer beeinflussen, sie könnten die künftige Interaktion der Ukraine mit Belarus verändern und daran erinnern, dass Belarus de facto ein von Russland besetzter Staat ist, der von einem Gauleiter geführt wird, der alle Anweisungen Moskaus – zumindest in strategischen Fragen – ausführt.

Es ist zudem daran zu erinnern, dass Russland Lukaschenko bereits seit 1994 in diesen engen Entscheidungskorridor gedrängt hat – auch wenn es Momente gab, in denen dem belarussischen Machthaber schien, er halte Russland am Würgegriff und nicht umgekehrt. All das war von Anfang an eine Illusion. Und schließlich, nach 2020, nach der von Putin meisterhaft konstruierten Falle im Zusammenhang mit den belarussischen Präsidentschaftswahlen – wobei selbst Putin das Ausmaß der Proteste gegen Lukaschenkos Diktatur nicht vorhersehen konnte – verstand Alexander Grigorjewitsch endgültig, dass es für ihn nur noch einen komfortablen Platz im Leben gibt: auf russischen Bajonetten, mit russischer Unterstützung, mit russischem Geld und unter chinesischen Garantien, dass man ihm das Präsidentenamt nicht entzieht.

Es ist offensichtlich, dass unter solchen Umständen von einer souveränen Belarus nicht gesprochen werden kann. Aber dass die belarussische Souveränität früher oder später wiederhergestellt werden könnte, sollte man nicht vergessen – selbst dann nicht, wenn Lukaschenko im von Trump geschaffenen „Friedensrat“ Platz nimmt.


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Titel des Originals: Зеленский ввел санкции против Лукашенко | Виталий Портников. 18.02.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 18.02.2026.
Originalsprache: ru
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Trump verführt Lukaschenko | Vitaly Portnikov. 24.12.2025

Der Präsident der Vereinigten Staaten Donald Trump betrachtet seine Kontakte mit seinem belarussischen Amtskollegen Alexander Lukaschenko als Teil einer breiteren Strategie, die darauf abzielt, die Beziehungen zum Kreml zu verbessern und eine Überwindung der internationalen Isolation Russlands zu ermöglichen.

Einfach gesagt prüfen amerikanische Beamte, wie Lukaschenko auf die Möglichkeit einer Aufhebung der Sanktionen gegen Belarus reagiert und zu welchen Zugeständnissen der belarussische Diktator im Austausch für eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage in seinem eigenen Land bereit ist.

Das Wall Street Journal berichtet, dass Trump seinen langjährigen Vertrauten John Coyle mit der Aufgabe betraut hat, Alexander Lukaschenko zu umwerben. Coyle führte mit dem belarussischen Diktator stundenlange Gespräche, bei denen es keineswegs nur um die Lockerung der Sanktionen gegen führende belarussische Unternehmen und die Freilassung politischer Gefangener aus Lukaschenkos Gefängnissen ging, sondern auch um Themen, die Lukaschenko noch weit mehr interessierten.

So versuchte John Coyle beispielsweise, den belarussischen Präsidenten mit einem Schlankheitspräparat zu verführen, das er selbst verwendete und für das Lukaschenko Interesse zeigte. Mehr noch: Coyle versuchte, eine Lieferung dieses Präparats nach Belarus zu organisieren.

Wie bekannt ist, ist Lukaschenko in den letzten Jahren sehr besorgt sowohl um sein äußeres Erscheinungsbild als auch um seinen Gesundheitszustand. Und es stellt sich heraus, dass weder die Medizin des Kremls noch die belarussische Medizin dem alternden Diktator helfen können, seine Gesundheit und damit seine ungeteilte Macht über die Belarussen zu bewahren. Deshalb muss er sich an den „verfluchten Westen“ wenden – was allerdings schon immer eines der Hauptwünsche autoritärer Machthaber war und sie ideologisch nie davon abgehalten hat, wenn es um die Verlängerung ihres eigenen Lebens und den Erhalt ihrer Gesundheit ging.

So wurde das Schlankheitspräparat zu einem der wichtigsten Argumente im Dialog zwischen Coyle und Lukaschenko. Und keinerlei moralische Erwägungen über die Art und Weise, wie Lukaschenko seit Jahrzehnten sein Land regiert, hielten den Vertrauten Donald Trumps davon ab. Er antwortete, dass es völlig egal sei, mit wem man spreche, solange dieser Mensch einem das geben könne, was man anstrebt.

Dasselbe Rezept wendet die Regierung Donald Trumps offenbar an, wenn es um eine Person geht, die beim amerikanischen Präsidenten weit mehr Bewunderung hervorruft als Alexander Lukaschenko – um Wladimir Putin. Und man kann davon ausgehen, dass das Schema, das Trump im Umgang mit dem belarussischen Diktator verwendet – wirtschaftliche Versprechungen zur Erzielung politischer Ergebnisse –, von ihm durchaus als ideal für den Dialog mit dem Kreml angesehen wird.

Zumal Freunde und enge Verwandte Donald Trumps in der Zusammenarbeit mit der Regierung des russischen Präsidenten weitaus mehr Geld verdienen können als in der Zusammenarbeit mit der Regierung des Präsidenten von Belarus.

Nun ja, die Dimensionen sind andere. Viele glaubten, Trump habe ein besonderes Verhältnis zu Lukaschenko aufgebaut, um dessen Abhängigkeit von seinem russischen Kollegen zu verändern und so den Einfluss Russlands im postsowjetischen Raum zu verringern. Doch offenbar ist genau das nicht das, was den amerikanischen Präsidenten interessiert.

Wenn es um Belarus geht, kann Belarus von der Trump-Regierung nicht nur als Testgelände betrachtet werden, das zeigen soll, wie Beziehungen zu Wladimir Putin aufgebaut werden und welche Versuchungen Donald Trump dem russischen Präsidenten anbieten wird, sondern vielmehr als eine Art Fenster zum Aufbau besonderer Beziehungen zur Russischen Föderation, falls Putin auf keine der Versuchungen Trumps eingeht, der Wunsch nach für die Trump-Regierung, seine Familie und seine Verwandten vorteilhaften Beziehungen aber bestehen bleibt.

In diesem Fall könnte Belarus, dessen Führung eigene Beziehungen zu den Vereinigten Staaten aufbaut, nicht mehr als Testgelände, sondern als russisches Fenster nach Amerika genutzt werden. Und unter Vermittlung des belarussischen Präsidenten könnten zumindest Pilotprojekte wirtschaftlicher Art umgesetzt werden, die für das Umfeld Donald Trumps und das Umfeld Wladimir Putins von Bedeutung sind.

Dabei würde der Sanktionsdruck auf Russland formal bestehen bleiben, und niemand könnte Trump vorwerfen, dass sein Land internationale Verpflichtungen verletzt oder Russland bei seinem Eroberungskrieg gegen die Ukraine unterstützt.

Schließlich kann auch die Unterstützung des belarussischen Regimes, von dessen Territorium aus 2022 der Angriff auf die Ukraine erfolgte, als Teil einer solchen Unterstützung betrachtet werden. Doch wir können erneut auf das Zitat von John Coyle zurückkommen, der überzeugt ist, dass es keinerlei Rolle spielt, mit wem man spricht, solange diese Person einem das geben kann, was man will.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, warum Donald Trump dann so ernste persönliche Vorwürfe gegen den Präsidenten Venezuelas, Nicolás Maduro, erhebt, der seine Macht in Venezuela nach demselben Prinzip wie Alexander Lukaschenko erhält und ein Diktator nahezu desselben Typs ist. Vielleicht liegt der Grund überhaupt nicht darin, dass Trump über die venezolanische Demokratie nachdenkt oder sich auch nur eine Minute am Tag für das Schicksal des venezolanischen Volkes interessiert. Vielleicht liegt der Grund darin, dass Nicolás Maduro zumindest bislang Donald Trump und seinem Umfeld nicht geben kann, was diese Menschen tatsächlich wollen.

Für Nicolás Maduro setzt sich übrigens Alexander Lukaschenko selbst ein, der bereit ist zu garantieren, dass der venezolanische Präsident kein Drogenabhängiger ist. Doch wir sehen, dass in diesem Fall die Meinung Alexander Lukaschenkos Donald Trump überhaupt nicht interessiert. Und der venezolanische Präsident kann kaum auf Wohlwollen des amerikanischen Präsidenten hoffen, selbst dann nicht, wenn er nach irgendeiner Form der Annäherung an Trump und seine Regierung suchen sollte.

Wenn wir also diese so unterschiedlichen Haltungen Washingtons gegenüber Minsk und Caracas beobachten, können wir zumindest für uns selbst klar feststellen, dass es hier überhaupt nicht um Werte oder um den Schutz der Demokratie geht, sondern um Interessen, die Maduro offensichtlich nicht bedienen will – oder vielleicht auch nicht mehr bedienen kann, angesichts des Zustands, in den er die venezolanische Wirtschaft gebracht hat.

Und Lukaschenko – selbst wenn er es vielleicht nicht wirklich kann – will es offensichtlich, und vor allem ist er in der Lage, diesen Willen der Trump-Regierung zu demonstrieren und jene für die Fortsetzung der Zusammenarbeit notwendige Illusion zu schaffen, die in den Beziehungen mit der heutigen Regierung immer diejenigen steuert, die ihr Bilder einer angeblichen Zusammenarbeit vorlegen können.

Und natürlich wird in diesem Fall für Alexander Lukaschenko das beste Beispiel dafür, wie man Geschäfte macht, nicht Nicolás Maduro, sondern sein langjähriger Kumpel Wladimir Putin.


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Titel des Originals: Трамп искушает Лукашенко | Виталий Портников. 24.12.2025.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 24.12.2025.
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