Magyar erpresst Zelensky | Vitaly Portnikov. 27.05.2026.

In der ungarischen Regierung erklärte man, dass ein persönliches Treffen des neuen Ministerpräsidenten des Landes, Péter Magyar, mit dem Präsidenten der Ukraine Volodymyr Zelensky nur dann möglich sei, wenn es den Seiten gelinge, eine Einigung hinsichtlich der Rechte ukrainischer Bürger ungarischer Herkunft zu erzielen, die in der Transkarpatischen Region der Ukraine leben.

Zuvor hatte der neue ungarische Ministerpräsident erklärt, zu einem Treffen mit dem Präsidenten der Ukraine bereit zu sein, wobei er paradoxerweise selbst den Ort festlegte und dafür die ukrainische Stadt Berehowe in Transkarpatien auswählte – eine der wenigen ukrainischen Städte mit einer großen ungarischen Bevölkerungsgruppe. Nun stellt sich jedoch heraus, dass selbst ein Treffen in Berehowe, an dem Péter Magyar weiterhin festhält, nur dann möglich ist, wenn es den Seiten gelingt, ein gegenseitiges Verständnis hinsichtlich der Rechte ukrainischer Bürger ungarischer Herkunft zu erreichen.

Die Verhandlungen zwischen den ukrainischen und ungarischen Delegationen, die zuvor von den Leitern der Außenministerien der Ukraine und Ungarns, Andrij Sybiha und Anita Orbán, vereinbart wurden, beginnen bereits in den nächsten Tagen. Allerdings ist keineswegs garantiert, dass Kyiv und Budapest diesmal zu einer Einigung gelangen werden.

Der neue Vorsitzende des parlamentarischen Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten, Márton Hajdu, betonte, dass die ungarischen Forderungen auf den sogenannten elf Punkten des Memorandums des früheren Ministerpräsidenten des Landes Viktor Orbán basieren würden.

Wenn man sich vorstellt, dass die Ukraine tatsächlich allen diesen elf Punkten zustimmen würde, würde sich herausstellen, dass ukrainische Bürger ungarischer Herkunft sich in bestimmten Vorzugsrechten gegenüber Vertretern anderer nationaler Gemeinschaften des Landes befinden würden. Und dies müsste außerdem zu erheblichen Änderungen in der ukrainischen Gesetzgebung führen. Es ist schwer vorstellbar, dass derartige Neuerungen derzeit die Unterstützung der Mehrheit der Abgeordneten finden würden.

Somit kann man feststellen, dass das gegenseitige Verständnis zwischen der Ukraine und Ungarn hinsichtlich der Rechte der ungarischen ethnischen Minderheit in der Ukraine zumindest bis zum Beginn der ukrainisch-ungarischen Verhandlungen weiterhin in derselben Sackgasse bleibt, in der es sich in den letzten Jahren der Regierungszeit Viktor Orbáns befand.

Dabei war für den früheren Ministerpräsidenten Ungarns die Nutzung der Probleme mit ethnischen Minderheiten, eher künstlich aufgebauscht, vor allem ein Anlass zur Verschlechterung der ungarisch-ukrainischen Beziehungen. Für den neuen Ministerpräsidenten hingegen ist der Schutz der Rechte ethnischer Ungarn in anderen Ländern eher Teil der Ideologie und der Parteipolitik.

Denn wie bekannt ist, ist Péter Magyar bereits in Konflikt mit dem langjährigen Verbündeten Viktor Orbáns, dem Ministerpräsidenten der Slowakei Robert Fico, geraten, dessen Regierung er bereits beschuldigt hat, die Rechte slowakischer Bürger ungarischer Herkunft zu missachten.

Und ich habe keinerlei Zweifel daran, dass das Mandat Péter Magyars vor allem mit einer ziemlich harten Reaktion auf die Politik der Nachbarländer gegenüber ihren Bürgern ungarischer Herkunft verbunden sein wird – so, wie diese Rechte in der neuen ungarischen Regierung verstanden werden. 

Das ist übrigens nicht nur eine Frage der Ideologie, sondern auch eine Frage der Wählerschaft, denn auf diese Weise kann Magyar hoffen, sich künftig die Unterstützung ungarischer Bürger zu sichern, die außerhalb der Landesgrenzen leben, und deren Abstimmungen in eine Wählerbasis zu verwandeln, auf die sich seinerzeit unter anderem auch Viktor Orbán in der Transkarpatischen Region der Ukraine stützte – ganz zu schweigen von der Veränderung der Position politischer und gesellschaftlicher Organisationen, die bis vor Kurzem überall, von der Ukraine bis Rumänien, eng mit Orbáns Partei Fidesz verbunden waren.

Sollte es nicht gelingen, eine reale Einigung zu erzielen, wird dies bedeuten, dass die Ukraine den Verhandlungsprozess mit der Europäischen Union weiterhin nicht eröffnen kann.

Wir diskutieren sehr oft über die Fristen des EU-Beitritts der Ukraine und über Varianten einer assoziierten Mitgliedschaft, bevor dieser Beitritt erfolgt. Aber die Realität sieht weit weniger beeindruckend aus als die Reden der Politiker.

Bis heute trägt der Verhandlungsprozess der Ukraine mit der Europäischen Union hybriden Charakter. Experten können bestimmte technische Fragen diskutieren. Die Europäische Union kann der Ukraine vorschlagen, über Gesetzentwürfe abzustimmen, die künftig Teil der gesamteuropäischen Gesetzgebung für Kyiv werden sollen.

Aber in Wirklichkeit hat der Verhandlungsprozess der Ukraine mit der Europäischen Union noch nicht einmal begonnen. Er hat sich keinen Millimeter vom toten Punkt bewegt. Das Veto Ungarns, das von der vorherigen Regierung Viktor Orbáns verhängt wurde, besteht weiterhin.

Und bislang gibt es keinerlei Anzeichen dafür, dass die neue ungarische Regierung bereit wäre, dieses Veto aufzuheben, bevor kein gegenseitiges Verständnis mit Kyiv hinsichtlich der ungarischen Vorstellungen über die Rechte ukrainischer Bürger ungarischer Herkunft erreicht wird, was kaum als konstruktiver Ansatz in den Beziehungen zu einem Nachbarland gelten kann.

Denn im Großen und Ganzen können wir sagen, dass der ungarische Ministerpräsident Péter Magyar gegenüber Kyiv dieselbe Politik politischer Erpressung fortsetzt, die bereits sein Vorgänger Viktor Orbán betrieben hat. Denn der Prozess der europäischen Integration der Ukraine bleibt nun genauso Geisel der Vorstellungen Budapests darüber, wie die Rechte ukrainischer Bürger ungarischer Herkunft aussehen sollen, und der Versuche der ungarischen Regierung, die Rechte ukrainischer Bürger ungarischer Herkunft in eine besondere Kategorie gegenüber Bürgern der Ukraine anderer ethnischer, nationaler und religiöser Gruppen hervorzuheben – was eindeutig nicht in die Kompetenz Budapests fällt.

Deshalb kann man trotz aller optimistischen Erwartungen an die ukrainisch-ungarischen Verhandlungen, die bereits in den nächsten Tagen beginnen werden, mit einem gewissen Maß an Zweifel davon sprechen, dass sie zu irgendwelchen ernsthaften positiven Ergebnissen und zu einem wirklichen Auftauen der abgekühlten Atmosphäre in den ukrainisch-ungarischen Beziehungen führen werden. Einfach deshalb, weil das, was für Viktor Orbán ein Vorwand war, für Péter Magyar zu einem ideologischen Dogma werden könnte – und gegen ein Dogma kommt man bekanntlich nicht an.

Und hier wird vieles bereits von der Europäischen Union und von der Bereitschaft Brüssels abhängen, die Frage aufzuwerfen, unter welchen Bedingungen Budapest Gelder aus den europäischen Fonds zurückerhalten wird. Gut möglich, dass die Verbesserung des Lebensstandards im Land für den neuen Ministerpräsidenten Ungarns eine wesentlich wichtigere Frage sein könnte als ideologische Postulate.


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Titel des Originals: Мадьяр шантажирует Зеленского | Виталий Портников. 27.05.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 27.05.2026.
Originalsprache: ru
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Fico versöhnt sich mit Zelensky | Vitaly Portnikov. 02.05.2026.

Der Präsident der Ukraine, Volodymyr Zelensky, hat sich überraschend mit dem Ministerpräsidenten der Slowakei, Robert Fico, versöhnt, der noch vor kurzem gegen Verhandlungen der Ukraine über eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union auftrat und ein Paket neuer Sanktionen gegen die Russische Föderation blockierte.

Nun erklärt der slowakische Regierungschef, dass er den Beitritt der Ukraine zur Europäischen Union unterstützt, da er daran interessiert ist, dass an den Grenzen der Slowakei ein stabiler demokratischer Staat existiert. Bereits an diesem Montag werden sich der Präsident der Ukraine und der Ministerpräsident der Slowakei am Rande des Gipfels der Europäischen Politischen Gemeinschaft in Jerewan treffen. Darüber hinaus haben Präsident Zelensky und Ministerpräsident Fico vereinbart, gegenseitige Besuche auszutauschen. Volodymyr Zelensky wird Bratislava besuchen, und Fico – Kyiv.

Dabei ist zu bedenken, dass Robert Fico seit seiner Rückkehr an die Macht in der Slowakei die ukrainische Hauptstadt kein einziges Mal besucht hat. Er traf sowohl den Präsidenten der Ukraine als auch die Leiter ukrainischer Regierungen in Uschhorod, an der Grenze zwischen der Slowakei und der Ukraine, doch nach Kyiv ist er nie gelangt.

Somit kann man von einer deutlichen Erwärmung der Beziehungen zwischen Kyiv und Bratislava sprechen, trotz der Bereitschaft des slowakischen Ministerpräsidenten, bereits in wenigen Tagen die russische Hauptstadt während der Feierlichkeiten zum Tag des Sieges im Zweiten Weltkrieg zu besuchen.

Und selbst dieser Umstand hat, wie wir sehen, den Dialog zwischen dem Präsidenten der Ukraine und dem Ministerpräsidenten der Slowakei nicht verhindert, ebenso wenig wie die friedlichen Formulierungen, in denen die offiziellen Mitteilungen über das Gespräch zwischen Volodymyr Zelensky und Robert Fico sowohl in Kyiv als auch in Bratislava verfasst wurden.

Womit hängt also diese unerwartete Erwärmung zusammen? Man könnte sagen, dass der Ministerpräsident der Slowakei schlicht damit zufrieden ist, dass Kyiv diesmal auf seine Bedingungen eingegangen ist und die Ölpipeline „Druzhba“ repariert hat, durch die russisches Öl wieder in Richtung Slowakei und Ungarn fließt. Doch derselbe Robert Fico hatte noch vor kurzem erklärt, dass die Pipeline überhaupt nicht beschädigt gewesen sei und dass die Gespräche über ihre Beschädigung lediglich ein Vorwand der ukrainischen Regierung gewesen seien, um der Slowakei und Ungarn russisches Öl zu verweigern.

Tatsächlich ist die Erklärung viel einfacher. Nach den Parlamentswahlen in Ungarn verlor Robert Fico seinen wichtigsten Verbündeten auf der europäischen Bühne, den Ministerpräsidenten dieses Landes, Viktor Orbán. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Orbán über einen deutlich größeren Einfluss in der Europäischen Union verfügte als sein slowakischer Kollege. Orbán wurde, trotz aller Irritationen, die er bei europäischen Führern hervorrief, traditionell auch deshalb gehört, weil er enge Beziehungen zum Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, pflegte.

Fico verfügt über solche Kontakte nicht. Zudem ist das politische und wirtschaftliche Gewicht der Slowakei in der Europäischen Union und selbst in der Visegrád-Gruppe nicht mit dem Gewicht Ungarns und dem persönlichen Einfluss von Viktor Orbán vergleichbar. Und allein gegen die europäischen Strukturen zu kämpfen, ist der slowakische Ministerpräsident nicht gewohnt.

Zudem ist ein weiterer wichtiger Umstand zu berücksichtigen, der mit dem Faktor der ungarischen Parlamentswahlen zusammenhängt. Der künftige Ministerpräsident des Landes, Péter Magyar, nennt als einen der zentralen Punkte seines politischen Programms für die kommenden Jahre den Schutz der ethnischen Ungarn sowohl in der Slowakei als auch in der Ukraine. Und wenn Viktor Orbán gegenüber der Ukraine wiederholt ernsthafte Forderungen erhoben hatte und die Probleme der Ungarn in Transkarpatien einer der Gründe für die Verschlechterung der ungarisch-ukrainischen Beziehungen und für die Blockierung der europäischen Integration der Ukraine durch Budapest waren – was, gelinde gesagt, unlogisch ist –, so gab es im Fall der Slowakei seitens der Regierung Orbán nie ernsthafte Vorwürfe.

Péter Magyar hingegen hat genau diese Vorwürfe. Er versucht zu zeigen, dass sein Vorgänger im Amt des ungarischen Regierungschefs mit doppelten Standards gearbeitet hat, indem er Forderungen an Kyiv stellte und die Probleme der ungarischen Bevölkerung in der Slowakei ignorierte. Und einer der wichtigsten Konkurrenten für Magyar im Hinblick auf seine Rolle in der Visegrád-Gruppe und in Mitteleuropa insgesamt ist gerade Robert Fico. Gegen ihn werden sich die Hauptvorwürfe in Bezug auf slowakische Bürger ungarischer Herkunft richten.

Somit könnten – so paradox es auch klingt – der Ministerpräsident Ungarns und der Präsident der Ukraine durch die Notwendigkeit verbunden sein, eine gemeinsame Position gegenüber den Forderungen des neuen ungarischen Regierungschefs zu entwickeln. Wie man sagt: Kein Unglück ist ohne Nutzen.

Natürlich bedeutet dies noch nicht, dass man in Bratislava so einfach auf die konfrontative Politik gegenüber der Ukraine verzichten wird, die Teil des politischen Programms ist – wenn nicht des Ministerpräsidenten selbst, so doch der ultrarechten politischen Kräfte, die mit ihm in der Koalition stehen. So oder so wird der slowakische Regierungschef seinen Koalitionspartnern zeigen müssen, dass es sich nicht um eine echte politische Kehrtwende handelt, sondern lediglich um den Versuch, die Interessen der Slowakei in der Europäischen Union mit der Bereitschaft zu verbinden, vernünftigere Beziehungen zu den Nachbarn aufzubauen.

Doch schon die Tatsache, dass nach mehreren Monaten harter Kritik der Ministerpräsident der Slowakei und der Präsident der Ukraine freundlich miteinander gesprochen, sich auf ein Treffen in den kommenden Tagen sowie auf gegenseitige Besuche in Bratislava und Kyiv lgeeinigt haben, kann auf eine deutlich nüchternere Einschätzung der Situation hinweisen, die sich in Europa nach den Parlamentswahlen in Ungarn und vor dem Hintergrund der Bereitschaft Donald Trumps, Truppen aus dem Gebiet europäischer NATO-Mitgliedstaaten abzuziehen, entwickelt hat.

Es ist klar, dass Robert Fico in dieser Situation gezwungen ist, Konstruktivität zu demonstrieren, um nicht als einziger Störenfried unter den Führern der Mitgliedstaaten der Europäischen Union dazustehen. Natürlich könnte man sagen, dass sich dem slowakischen Ministerpräsidenten bald sein neuer bulgarischer Kollege Rumen Radev anschließen wird. Doch Radev könnte sich in Wirklichkeit als deutlich vorsichtiger erweisen als sowohl Orbán als auch Fico, wenn es um den russisch-ukrainischen Krieg und Fragen im Zusammenhang mit der europäischen Integration der Ukraine geht.


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Titel des Originals: Фицо помирился с Зеленским | Виталий
Портников. 02.05.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 02.05.2026.
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Dem Drachen ähnlich sein. Vitaly Portnikov. 19.04.2026.

https://zbruc.eu/node/124099?fbclid=IwZnRzaARR7X5leHRuA2FlbQIxMQBzcnRjBmFwcF9pZAo2NjI4NTY4Mzc5AAEekwxVtXXz-d1GChpSMFyBFbY463GWxaaXF7WxGPK8xL3GhuHvNgZ1oPAK3tw_aem_8D5wj_ei0bMOF7nZmg6gqg

Unter den Kommentaren, die das Fiasko von Viktor Orbán und seiner Partei bei den Parlamentswahlen in Ungarn begleiten, stechen die Meinungen jener hervor, die feststellen, dass Viktor Orbán kein Diktator sei, denn sonst hätte er bei Wahlen einfach nicht die Macht verloren.

Aber das beweist nichts. Viktor Janukowytsch, der ebenfalls in der Ukraine eine Diktatur russischen Typs aufbaute, hätte bei Wahlen noch einmal gewinnen können, wenn er nicht durch seine eigene (genauer gesagt: putinsche) Ungeschicklichkeit einen Aufstand gegen den Versuch einer Diktatur provoziert hätte. Diktatoren gewinnen Wahlen, sogar solche, die vom Standpunkt der Stimmenauszählung als ehrlich gelten, wenn sie die Justiz, die Medien kontrollieren und ein für sich bequemes Wahlsystem schaffen. Und solche Siege verwandeln Autoritarismus nicht in Demokratie.

Alle Anzeichen eines autoritären Regimes waren in Ungarn vorhanden – einschließlich des Wahlsystems. Um das zu begreifen, braucht man keine langen Vorträge. Es genügt zu sehen, dass nach Parteilisten die Parteien von Magyar und Orbán 15 Prozent der Stimmen trennen und… nur 3 von 93 Parteilistenmandaten im Parlament. Das heißt, wenn die Opposition nicht so viele Mehrheitswahlkreise gewonnen hätte, hätte sie erneut verloren. Und die Mehrheitswahlkreise wurden ebenfalls gezielt so zugeschnitten, dass das Orbán treu ergebene ungarische Dorf gegenüber den Großstädten im Vorteil war. Der fehlende Einfluss auf diese Städte änderte, wie wir sehen, nichts am Wesen dieses personalistischen Regimes. Oppositionsbürgermeister werden nicht nur in Ungarn gewählt, sondern sogar in der Türkei. Und nicht nur in der Türkei, in der auch in Zeiten Erdoğans ein erbitterter politischer Kampf andauert, sondern sogar in Russland. Nur landet ein russischer Oppositionsbürgermeister viel schneller hinter Gittern als ein türkischer.

Warum also hat Orbán verloren, wie konnte das überhaupt geschehen? Natürlich gibt es die Versuchung, über den „Zelensky-Effekt“ zu sprechen – zumal Péter Magyar viele an Volodymyr Zelensky im Jahr 2019 erinnern kann: ebenso jung, energisch und von „neuen Leuten“ umgeben.

Aber nein! Den „Zelensky-Effekt“ nutzte Viktor Orbán selbst, als er 2010 auf der Welle einer echten antinomenklaturalen Wahlrevolution an die Macht kam. Der überwiegenden Mehrheit der ungarischen Wähler waren die traditionellen Eliten mit ihrer Korruption, Arroganz und ihren Verbindungen zum Oligarchentum offen gesagt überdrüssig. Orbán, den man noch als jungen und energischen Premierminister der ersten postkommunistischen Jahre in Erinnerung hatte, schien wie ein frischer Luftzug. Die Begeisterung war tatsächlich enorm – wie in der Ukraine 2019. Doch mit der Zeit baute Orbán ein Modell nicht einmal einer konkurrenzfähigen Nomenklaturherrschaft auf, sondern einer hermetischen autoritären Dominanz. Solche Regime lassen sich mit einem „Zelensky-Effekt“ nicht brechen. Welcher Effekt ist dann nötig?

Teilweise wurde die Antwort auf diese Frage durch die Ereignisse des Jahres 2020 in Belarus gegeben. Nach 26 Jahren ungeteilter Herrschaft sah sich Lukaschenko einer Situation gegenüber, in der nicht mehr nationaldemokratische Kräfte mit ihren proeuropäischen Parolen und der belarussischen Sprache gegen ihn kämpften, sondern Menschen, die vom unveränderten System des lukaschenkoschen Belarus selbst geprägt worden waren und es gar nicht so sehr verändern wollten – sie meinten nur, dass ein solches System ohne Lukaschenko besser funktionieren würde. Das war genau jener Fall: Das System arbeitete gegen seinen Gründer.

Im Unterschied zu Orbán, der immerhin ein europäisches Land regiert, zögerte Lukaschenko nicht. Er fälschte die Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen und zerschlug den massenhaften Volksaufstand gegen diese Fälschung. Weder Lukaschenko selbst noch Putin, der bereit gewesen war, die Situation von 2020 zu nutzen, um seinen widerspenstigen Vasallen einzuschüchtern, experimentierten danach noch mit Wahlen in Belarus.

Péter Magyar, wie wir wissen, ist ein Vertreter des „Orbán-Systems“. Auch wenn er darin keine hohen Posten erreichte, gehörte er als Ehemann einer der wichtigsten Mitstreiterinnen des FIDESZ-Führers zur ersten Reihe. Genau ein solcher Politiker konnte zugleich in den Großstädten als Rammbock gegen Orbán wahrgenommen werden und zugleich die Provinz und das Dorf nicht abschrecken. Das System Orbáns besiegte Orbán – aber ist es verschwunden?

In Wirklichkeit kennen wir die Antwort auf diese Frage nicht. Die Geschichte der Reform des Kommunismus im Jahr 1968 endete mit dem „Prager Frühling“ und sowjetischen Panzern. Als Ende der 1980er Jahre mit Michail Gorbatschow ein Enthusiast für Veränderungen im Geiste des „Prager Frühlings“ im kommunistischen Lager an die Macht kam (er hatte im Studentenwohnheim sogar mit einem der Architekten der Veränderungen in der Tschechoslowakei, Zdeněk Mlynář, zusammengelebt), zeigte sich schnell, dass Reformen zum Zusammenbruch des Systems selbst führen können. Oder man musste sie zurückfahren und zum Autoritarismus zurückkehren – was faktisch 1991 begann. Nur war es für die Sowjetunion und ihre Satelliten zum Glück bereits zu spät.

Wenn Péter Magyar tatsächlich beschließt, das Orbán-System zu demontieren, wird er schnell den Weg für freien politischen Wettbewerb, liberale Demokratie öffnen und… die Macht verlieren oder sich selbst verändern. Wenn Magyar sich nicht verändern will und die Macht bewahren möchte, wird er gezwungen sein, den Orbánismus ohne Orbán zu bewahren. Es gibt auch eine andere, nicht weniger gefährliche Variante: Freier Wettbewerb führt zur Rückkehr Orbáns oder seiner Partei – bereits ohne Orbán, aber mit Orbánismus.

Das hat es ebenfalls schon gegeben. Orbán gewährte dem ehemaligen Premierminister Nordmazedoniens Nikola Gruevski Zuflucht, der in Skopje versuchte, ein Budapest aufzubauen. Die Partei Gruevskis verlor damals die Macht, gewann aber auf der Welle neuer Korruptionsskandale schnell ihre Positionen zurück und stellte ein Regime wieder her, das das Land in eine zivilisatorische Sackgasse führte – übrigens mit aktiver Unterstützung Orbáns und mit seinen Krediten: Orbán, der nicht einmal einen Forint der Ukraine geben konnte, fand für die Regierung Nordmazedoniens Geld. Nun, und daran, wie Fico oder Babiš an die Macht zurückkehrten, kann man ebenfalls erinnern.

Also kann heute niemand vorhersagen, wie sich die politische Situation in Ungarn tatsächlich verändern wird. Offensichtlich ist nur eines: Um einen Drachen zu besiegen, der den gesamten Raum um sich herum in eine Drachenhöhle verwandelt hat, reicht es nicht aus, ein Ritter in glänzender Rüstung zu sein.

Man muss selbst zumindest ein wenig dem Drachen ähneln.


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Titel des Originals: Бути схожим на дракона. Віталій Портников. 19.04.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 19.04.2026.
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