Dem Drachen ähnlich sein. Vitaly Portnikov. 19.04.2026.

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Unter den Kommentaren, die das Fiasko von Viktor Orbán und seiner Partei bei den Parlamentswahlen in Ungarn begleiten, stechen die Meinungen jener hervor, die feststellen, dass Viktor Orbán kein Diktator sei, denn sonst hätte er bei Wahlen einfach nicht die Macht verloren.

Aber das beweist nichts. Viktor Janukowytsch, der ebenfalls in der Ukraine eine Diktatur russischen Typs aufbaute, hätte bei Wahlen noch einmal gewinnen können, wenn er nicht durch seine eigene (genauer gesagt: putinsche) Ungeschicklichkeit einen Aufstand gegen den Versuch einer Diktatur provoziert hätte. Diktatoren gewinnen Wahlen, sogar solche, die vom Standpunkt der Stimmenauszählung als ehrlich gelten, wenn sie die Justiz, die Medien kontrollieren und ein für sich bequemes Wahlsystem schaffen. Und solche Siege verwandeln Autoritarismus nicht in Demokratie.

Alle Anzeichen eines autoritären Regimes waren in Ungarn vorhanden – einschließlich des Wahlsystems. Um das zu begreifen, braucht man keine langen Vorträge. Es genügt zu sehen, dass nach Parteilisten die Parteien von Magyar und Orbán 15 Prozent der Stimmen trennen und… nur 3 von 93 Parteilistenmandaten im Parlament. Das heißt, wenn die Opposition nicht so viele Mehrheitswahlkreise gewonnen hätte, hätte sie erneut verloren. Und die Mehrheitswahlkreise wurden ebenfalls gezielt so zugeschnitten, dass das Orbán treu ergebene ungarische Dorf gegenüber den Großstädten im Vorteil war. Der fehlende Einfluss auf diese Städte änderte, wie wir sehen, nichts am Wesen dieses personalistischen Regimes. Oppositionsbürgermeister werden nicht nur in Ungarn gewählt, sondern sogar in der Türkei. Und nicht nur in der Türkei, in der auch in Zeiten Erdoğans ein erbitterter politischer Kampf andauert, sondern sogar in Russland. Nur landet ein russischer Oppositionsbürgermeister viel schneller hinter Gittern als ein türkischer.

Warum also hat Orbán verloren, wie konnte das überhaupt geschehen? Natürlich gibt es die Versuchung, über den „Zelensky-Effekt“ zu sprechen – zumal Péter Magyar viele an Volodymyr Zelensky im Jahr 2019 erinnern kann: ebenso jung, energisch und von „neuen Leuten“ umgeben.

Aber nein! Den „Zelensky-Effekt“ nutzte Viktor Orbán selbst, als er 2010 auf der Welle einer echten antinomenklaturalen Wahlrevolution an die Macht kam. Der überwiegenden Mehrheit der ungarischen Wähler waren die traditionellen Eliten mit ihrer Korruption, Arroganz und ihren Verbindungen zum Oligarchentum offen gesagt überdrüssig. Orbán, den man noch als jungen und energischen Premierminister der ersten postkommunistischen Jahre in Erinnerung hatte, schien wie ein frischer Luftzug. Die Begeisterung war tatsächlich enorm – wie in der Ukraine 2019. Doch mit der Zeit baute Orbán ein Modell nicht einmal einer konkurrenzfähigen Nomenklaturherrschaft auf, sondern einer hermetischen autoritären Dominanz. Solche Regime lassen sich mit einem „Zelensky-Effekt“ nicht brechen. Welcher Effekt ist dann nötig?

Teilweise wurde die Antwort auf diese Frage durch die Ereignisse des Jahres 2020 in Belarus gegeben. Nach 26 Jahren ungeteilter Herrschaft sah sich Lukaschenko einer Situation gegenüber, in der nicht mehr nationaldemokratische Kräfte mit ihren proeuropäischen Parolen und der belarussischen Sprache gegen ihn kämpften, sondern Menschen, die vom unveränderten System des lukaschenkoschen Belarus selbst geprägt worden waren und es gar nicht so sehr verändern wollten – sie meinten nur, dass ein solches System ohne Lukaschenko besser funktionieren würde. Das war genau jener Fall: Das System arbeitete gegen seinen Gründer.

Im Unterschied zu Orbán, der immerhin ein europäisches Land regiert, zögerte Lukaschenko nicht. Er fälschte die Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen und zerschlug den massenhaften Volksaufstand gegen diese Fälschung. Weder Lukaschenko selbst noch Putin, der bereit gewesen war, die Situation von 2020 zu nutzen, um seinen widerspenstigen Vasallen einzuschüchtern, experimentierten danach noch mit Wahlen in Belarus.

Péter Magyar, wie wir wissen, ist ein Vertreter des „Orbán-Systems“. Auch wenn er darin keine hohen Posten erreichte, gehörte er als Ehemann einer der wichtigsten Mitstreiterinnen des FIDESZ-Führers zur ersten Reihe. Genau ein solcher Politiker konnte zugleich in den Großstädten als Rammbock gegen Orbán wahrgenommen werden und zugleich die Provinz und das Dorf nicht abschrecken. Das System Orbáns besiegte Orbán – aber ist es verschwunden?

In Wirklichkeit kennen wir die Antwort auf diese Frage nicht. Die Geschichte der Reform des Kommunismus im Jahr 1968 endete mit dem „Prager Frühling“ und sowjetischen Panzern. Als Ende der 1980er Jahre mit Michail Gorbatschow ein Enthusiast für Veränderungen im Geiste des „Prager Frühlings“ im kommunistischen Lager an die Macht kam (er hatte im Studentenwohnheim sogar mit einem der Architekten der Veränderungen in der Tschechoslowakei, Zdeněk Mlynář, zusammengelebt), zeigte sich schnell, dass Reformen zum Zusammenbruch des Systems selbst führen können. Oder man musste sie zurückfahren und zum Autoritarismus zurückkehren – was faktisch 1991 begann. Nur war es für die Sowjetunion und ihre Satelliten zum Glück bereits zu spät.

Wenn Péter Magyar tatsächlich beschließt, das Orbán-System zu demontieren, wird er schnell den Weg für freien politischen Wettbewerb, liberale Demokratie öffnen und… die Macht verlieren oder sich selbst verändern. Wenn Magyar sich nicht verändern will und die Macht bewahren möchte, wird er gezwungen sein, den Orbánismus ohne Orbán zu bewahren. Es gibt auch eine andere, nicht weniger gefährliche Variante: Freier Wettbewerb führt zur Rückkehr Orbáns oder seiner Partei – bereits ohne Orbán, aber mit Orbánismus.

Das hat es ebenfalls schon gegeben. Orbán gewährte dem ehemaligen Premierminister Nordmazedoniens Nikola Gruevski Zuflucht, der in Skopje versuchte, ein Budapest aufzubauen. Die Partei Gruevskis verlor damals die Macht, gewann aber auf der Welle neuer Korruptionsskandale schnell ihre Positionen zurück und stellte ein Regime wieder her, das das Land in eine zivilisatorische Sackgasse führte – übrigens mit aktiver Unterstützung Orbáns und mit seinen Krediten: Orbán, der nicht einmal einen Forint der Ukraine geben konnte, fand für die Regierung Nordmazedoniens Geld. Nun, und daran, wie Fico oder Babiš an die Macht zurückkehrten, kann man ebenfalls erinnern.

Also kann heute niemand vorhersagen, wie sich die politische Situation in Ungarn tatsächlich verändern wird. Offensichtlich ist nur eines: Um einen Drachen zu besiegen, der den gesamten Raum um sich herum in eine Drachenhöhle verwandelt hat, reicht es nicht aus, ein Ritter in glänzender Rüstung zu sein.

Man muss selbst zumindest ein wenig dem Drachen ähneln.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Бути схожим на дракона. Віталій Портников. 19.04.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 19.04.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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