Das ukrainische Paradox. Vitaly Portnikov. 09.08.2026.

Український парадокс. Віталій Портников. 0908.2026.

Wenn Putin beginnt, über die Ukraine zu sprechen, die angeblich von Lenin erfunden worden sei, oder über die von Stalin „verschenkten“ Gebiete, nehmen wir das als propagandistischen Unsinn wahr – schließlich kennen wir die Geschichte der Ukraine und des ukrainischen Volkes weit besser als er und, was am wichtigsten ist, wir verstehen sie auch.

Doch in Putins Äußerungen steckt eine Botschaft, die nicht nur an uns gerichtet ist. Der russische Präsident versucht verzweifelt zu begreifen, warum ihm mit der Ukraine nichts gelungen ist. Denn scheinbar hätte es überhaupt keine besonderen Probleme geben dürfen. Eine riesige Zahl russischsprachiger Menschen lebte jahrhundertelang innerhalb des Russischen Reiches und der UdSSR und stimmte auch nach der Unabhängigkeit weiterhin für offen prorussische Politiker und deren Kurs. Die Wahl von Volodymyr Zelensky zum Präsidenten, der wenige Jahre zuvor Festkonzerte in Ostankino moderiert und in Filmen mitgewirkt hatte, die sowohl für das russische als auch für das ukrainische Publikum bestimmt waren – man ging definitionsgemäß davon aus, dass es sich um dieselben Zuschauer handelte, „ein Markt“. Aus Putins Sicht konnte sich Zelensky ebenso wie zuvor Kutschma von der Macht verführen lassen oder sich „vor den Nationalisten fürchten“. Aber die Menschen, die ihn gewählt hatten – die „Wählerschaft“ –, waren doch dieselben geblieben! Warum hat es weder 2004 noch 2022 funktioniert?

Auf der Suche nach einer Antwort versucht Putin, die Verantwortung auf die Bolschewiki, auf Lenin und auf die Konstruktion der Sowjetunion selbst abzuwälzen. Aber was hat Lenin für die Ukraine tatsächlich getan?

Erinnern wir uns daran, wie das Bewusstsein der Bewohner der künftigen Ukraine im Jahr 1917 aussah. Die nationale Bewegung auf dem Gebiet des Russischen Reiches war recht schwach; in den ukrainischen Gouvernements stützte sie sich traditionell auf den ländlichen Raum. Die meisten ukrainischen Politiker träumten nicht von einem eigenen Staat, sondern von einer territorialen Autonomie innerhalb eines neuen Russlands.

Das Jahr 1917 veränderte alles, vor allem die Positionen jener Politiker, die über territoriale Autonomie nachgedacht hatten. Der bolschewistische Umsturz schuf die Möglichkeit, einen neuen Staat auszurufen. Doch ein großer Teil der Bevölkerung, der auf dem Gebiet des ausgerufenen ukrainischen Staates lebte, behielt sein imperiales Bewusstsein bei. Dieses teilte sich sowohl in Anhänger als auch in Gegner der bolschewistischen Macht.

Nach ihrem bewaffneten Sieg über die politischen Gegner in Russland versuchten die Bolschewiki, die Gefahr nationaler Bewegungen zu verringern. So entstand die Idee territorialer Autonomien, die im Fall der besetzten neuen Staaten in Form von Sowjetrepubliken verwirklicht wurden, die sich mit dem roten Russland zu einer Union zusammenschließen sollten. Stalin schlug vor, die Republiken als autonome Gebilde in Russland einzugliedern – so wie heute Tatarstan oder Tschuwaschien Teil Russlands sind. Lenin jedoch stimmte unter dem Einfluss unter anderem des Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare der Ukrainischen SSR, Christian Rakowski, der den Status als Regierungschef einer souveränen sowjetischen Ukraine nicht verlieren wollte, einem anderen Konzept zu: Die Republiken gründen gemeinsam einen neuen Staat – die Sowjetunion.

Tatsächlich war dies dasselbe Russland unter einem neuen Namen und unter der Herrschaft einer einzigen Partei. Formal konnten die Bewohner der sowjetischen Ukraine, die sich als Ukrainer empfanden, jedoch glauben, sie lebten in einem ukrainischen Staat – wenn auch unter den Bolschewiki. Für diejenigen aber, die keinerlei ukrainisches Nationalbewusstsein besaßen, änderte sich scheinbar ebenfalls nichts: Sie lebten weiterhin auf dem Gebiet des Imperiums. Und für die Bewohner Russlands selbst änderte sich erst recht nichts – sie nahmen den vereinten Staat weiterhin als Großrussland unter einem anderen Namen wahr.

Nach Lenins Tod und seinem Sieg über die politischen Gegner ging Stalin, der bekanntlich Volkskommissar für Nationalitätenfragen gewesen war, von der Nationalisierung des Lebens in den Unionsrepubliken zur Vereinheitlichung über. Dieses Paradigma wurde durch den Zweiten Weltkrieg etwas verändert, als die Führung die Unterstützung aller Völker des Imperiums brauchte und nicht nur die der Russen. Im Fall der Ukraine führte dies zur Einführung des Bogdan-Chmelnyzkyj-Ordens (der Hetman war nun kein Feudalherr mehr, der sein eigenes Volk verraten hatte, sondern ein Kämpfer für dessen Eigenständigkeit) sowie zur Duldung patriotischer Werke ukrainischer Schriftsteller. Nach dem Krieg wurde diese Linie zugunsten einer neuen Russifizierung wieder aufgegeben. Doch noch vor dem deutschen Angriff beging Stalin den historischen Fehler, an den auch Putin erinnert: die Angliederung der westukrainischen Gebiete, in denen die Ukrainer über eine ausgeprägte nationale und politische Identität verfügten. Diese Menschen fanden sich plötzlich in einem künstlichen Staat mit ukrainischen Attributen, aber ohne ukrainischen Inhalt wieder. Für die meisten von ihnen war die Ukraine ein Staat und keine bloße Verwaltungseinheit – und das verband die neuen Bürger der Sowjetunion mit jenen Ukrainern, die genau diese Vorstellung von ihrem Land vertraten.

Doch was geschah mit den anderen? Mit jenen, für die eine solche Ukraine keinen besonderen Wert besaß?

Diese Menschen lebten mehrere Generationen lang in der Ukrainischen SSR, die für sie ein Teil der Sowjetunion war – aber keineswegs Russland. Schon dadurch unterschieden sie sich von den Bewohnern der benachbarten Russischen SSR, für die alles in der UdSSR Russland war – von Estland bis Turkmenistan. Und die Ukraine erst recht, denn sie war schließlich die „Wiege der drei slawischen Völker“, die Rus, also Russland.

Deshalb sollte man sich nicht wundern, dass die Ukrainer mit einer ausgeprägt administrativ-territorialen Identität am 1. Dezember 1991 genauso abstimmten wie die Ukrainer mit einer national-politischen Identität, als die Sowjetunion verschwand. Und ebenso wenig sollte man sich darüber wundern, dass die Russen – buchstäblich alle, von Gorbatschow und Jelzin bis zum Schlosser in Nischni Tagil – darüber erstaunt waren. Das lag nicht daran, dass sie nichts von ukrainischen Nationalisten wussten. Im Gegenteil – sie wussten, dass es sie irgendwo gab, in Lwiw oder Kyiv. Aber es waren doch eindeutig weniger. Warum also stimmten alle anderen so? Warum haben sie „verraten“? Das verstanden die Russen nicht. Noch interessanter ist jedoch, dass auch die Ukrainer selbst das nicht verstanden. Die Ukrainer mit national-politischer Identität betrachteten das Abstimmungsergebnis als Triumph der nationalen Idee. Die Ukrainer mit administrativ-territorialer Identität hingegen meinten, sie hätten einfach deshalb richtig abgestimmt, weil die Ukraine eben nicht Russland sei. Und nun müsse man einfach weiterleben wie bisher und gute Beziehungen zu Russland aufbauen – wozu sonst habe man schließlich die GUS gegründet?

Die ukrainische Unabhängigkeit wurde also überhaupt erst dadurch möglich, dass Menschen mit ganz unterschiedlichen Motiven sie unterstützten. Für die einen war die Ukraine ein Nationalstaat. Für die anderen ein Land, das jahrzehntelang innerhalb der administrativen Grenzen der Ukrainischen SSR existiert hatte. Sie beantworteten die Frage, was die Ukraine sei, unterschiedlich. Sie gaben dieselbe Antwort auf die Frage, ob sie existieren solle. Und völlig unterschiedlich beantworteten sie die Frage, wie sie aussehen solle.

In den folgenden Jahrzehnten werden all diese Gruppen in ihren eigenen Paradigmen leben, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, einander zu verstehen. Die Russen werden versuchen, den 1. Dezember zu vergessen, den Zusammenbruch der Sowjetunion auf die Vereinbarungen Jelzins, Krawtschuks und Schuschkewitschs in Belarus zu reduzieren und zur Idee eines einheitlichen Staates zurückzukehren, in dem die Ukraine zunächst wieder Teil eines Unionsstaates und später einfach Teil Russlands werden soll. Denn im russischen politischen Denken setzt sich endgültig die chauvinistische Sichtweise durch, nach der selbst die faule Kompromisse der Sowjetunion ein Fehler waren und das Russische Reich der vorrevolutionären Zeit das Ideal darstellt. Die Ukrainer mit national-politischem Denken werden versuchen, einen wirklich ukrainisch geprägten Staat aufzubauen, der Teil Europas wird und zugleich ukrainischsprachig und von ukrainischer Kultur geprägt ist. Beide unserer Maidan-Bewegungen handelten in erster Linie davon. Die Ukrainer mit administrativ-territorialem Denken hingegen werden sich vor allem wünschen, dass man sie in Ruhe lässt. Dass sie in einem komfortablen Staat leben, bei Bedarf in Moskau Geld verdienen, in Italien oder Frankreich Urlaub machen, die Sprache sprechen können, die ihnen gefällt, und in eine Kirche gehen, ohne sich dafür zu interessieren, ob sie russisch oder ukrainisch ist. Und dass sie vor allem von jenen Ukrainern in Ruhe gelassen werden, die sie für Nationalisten halten.

Die Ukrainer mit administrativ-territorialer Identität weigern sich aber zu glauben, dass die Russen sie nicht in Ruhe lassen werden. 

Diese unterschiedlichen Vorstellungen von der Ukraine wurden bei nahezu allen Präsidentschafts- und Parlamentswahlen von Politikern und politischen Strategen ausgenutzt – vor allem von russischen. Bei den Wahlen von 2019 wurde die administrativ-territoriale Identität erneut zur politischen Entscheidung der überwältigenden Mehrheit der Bürger. Vor der Wahl versprach Präsidentschaftskandidat Volodymyr Zelensky, das gerade verabschiedete Sprachgesetz sorgfältig zu überprüfen. Auch der Konflikt mit Russland schien kurz vor seinem Ende zu stehen – schließlich würde man sich ohne „Nationalisten“ an der Macht mit Moskau leicht einigen können. Daran glaubten buchstäblich alle. An den praktisch unvermeidlichen Beginn eines großen Krieges glaubte buchstäblich niemand. Doch der Krieg begann. Und erneut zeigte sich, dass sich im entscheidenden Moment, als es um die Existenz der Ukraine ging, die Ukrainer mit national-politischer Identität mit den Ukrainern mit administrativ-territorialer Identität gegen die Russen zusammenschlossen – genau wie am 1. Dezember 1991. Putin verstand nicht, was schon Gorbatschow nicht hatte verstehen können, als dieser unmittelbar vor dem Referendum in seinem ersten Interview für das ukrainische Fernsehen gegen die Unabhängigkeit agitierte: Dieses Land ist für uns alle wertvoll, ganz gleich, wie wir es wahrnehmen und wer wir sind.

Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass wir sowohl während des Krieges als auch nach ihm in einem Land leben werden, in dem diese beiden Identitäten – die national-politische und die administrativ-territoriale – mit immer verschwommeneren Grenzen weiterhin miteinander konkurrieren werden.

Die Ukrainer mit national-politischer Identität werden sich weiterhin fragen, woher die jungen Menschen kommen, die weiterhin Russisch sprechen, zu Tausenden auf Konzerte von Max Korzh gehen und um Monetotschka weinen. Sie werden sich darüber wundern, dass diese Menschen im Grunde weiterhin russischkulturell geprägt bleiben, auch wenn sie weder von Bulgakow noch von Kirkorow jemals etwas gehört haben.

Die Ukrainer mit administrativ-territorialer Identität werden sich hingegen über etwas anderes wundern: Warum können sich die „Nationalisten“ einfach nicht beruhigen? Schließlich hindert sie niemand daran, Ukrainisch zu sprechen, Wakartschuk oder Boombox zu hören. Warum also, aus ihrer Sicht, allen anderen die ukrainische Sprache aufzwingen?

Man kann nur hoffen, dass die Generationen, die den Krieg gemeinsam erleben werden, diesen kulturellen Unterschieden gelassener begegnen als die Menschen der Vorkriegszeit – weil sie gemeinsame Prüfungen verbinden werden und nicht nur eine gemeinsame kulturelle Welt.

Ich wage jedoch nicht zu sagen, wie die Ukraine nach dem Krieg aussehen wird. Schon deshalb nicht, weil niemand von uns weiß, wann der Krieg enden wird, in welchen Grenzen der ukrainische Staat bestehen wird, wie groß seine Bevölkerung sein wird und aus welchen Regionen die Mehrheit seiner Einwohner stammen wird.

Doch dass wir in einem Staat so unterschiedlicher Identitäten leben, müssen wir als Tatsache akzeptieren. Wir können den Einfluss der national-politischen Identität durch staatliche Bildungs- und Kulturpolitik stärken. Wir müssen jedoch verstehen, dass dies in erster Linie ein Weg ist, die ukrainische nationale Identität aus jener Marginalität herauszuführen, in die sie von den Imperien gedrängt wurde. Zum schnellen Verschwinden der administrativ-territorialen Identität der Ukrainer wird dies nicht führen.

Eine Ukraine, in der die national-politische Identität nicht nur die vorherrschende, sondern die einzige sein wird, ist keine Angelegenheit der nächsten Jahre.

Wir können auch weiterhin darüber streiten, wie unser Staat aussehen soll. Solange jedoch die Mehrheit der Ukrainer dieselbe Antwort auf die Frage gibt, ob er überhaupt existieren soll, hat die Ukraine eine Zukunft.


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Titel des Originals: Український парадокс. Віталій Портников. 09.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 09.08.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Vitaly Portnikov: Wenn man im Kreml den Nachbarn vorwirft, was Stalin ihnen geschenkt habe, sollte man sich zuerst daran erinnern, was Stalin ihnen genommen hat. 30.07.2026.

Виталий Портников: Когда в Кремле попрекают соседей тем, что Сталин подарил, пусть вспомнят о том, что Сталин отобрал. 30.07.2026.

Stalin gliederte den lettischen Kreis Abrene Russland an – bereits nach der Besetzung Lettlands. Und Iwangorod – bereits nach der Besetzung Estlands. Niemand hielt es auch nur für nötig, den Bewohnern der „brüderlichen“ Lettischen SSR und der Estnischen SSR zu erklären, warum ein Teil des Territoriums dieser neuen Unionsrepubliken plötzlich zu Russland gehörte.

Während einer seiner jüngsten Reden erklärte Wladimir Putin, die westlichen Regionen der Ukraine seien angeblich ein Geschenk Stalins gewesen, der nicht einmal daran gedacht habe, dass die Sowjetunion eines Tages aufhören würde zu existieren.

Natürlich handelt es sich dabei um die übliche pseudohistorische Manipulation des russischen Präsidenten. Stalin dachte tatsächlich wohl kaum daran, dass die Sowjetunion zerfallen könnte. Für ihn existierte jedoch keine Ukraine als eigenständige Größe. Den Status der Unionsrepubliken betrachtete er seit seiner berühmten Auseinandersetzung mit Lenin mit Verachtung. Damals bestand Stalin, zu jener Zeit noch Volkskommissar für Nationalitätenfragen Sowjetrusslands, darauf, dass alle Sowjetrepubliken als autonome Republiken in die Russische SFSR eingegliedert werden sollten.

Die Angliederung der besetzten Gebiete Polens gerade an die Ukraine (und Belarus) diente Stalin ausschließlich dazu, sein Bündnis mit Adolf Hitler zu rechtfertigen. Die Ukrainer hatten damit überhaupt nichts zu tun. Doch bereits zwei Jahrzehnte vor den Ereignissen, an die Putin erinnerte, hatten sie die Westukrainische Volksrepublik ausgerufen und für ihre Staatlichkeit gekämpft. Stalin nutzte den Kampf des ukrainischen Volkes lediglich für die Interessen eines ganz anderen Staates – Russlands, das die Sowjetunion in Wirklichkeit war. Und gerade diesem Staat machte er die meisten Geschenke, über die Putin lieber schweigt.

Die Bolschewiki schenkten Sowjetrussland das ukrainische Taganrog und dessen Umgebung. Anton Tschechow bezeichnete sich nicht zufällig als Ukrainer – die Mehrheit der Bevölkerung seiner Heimat stammte tatsächlich von Ukrainern ab. Die Russifizierung erfolgte erst nach dem Anschluss an die Russische SSR.

Unter dem Vorwand der nationalen Interessen der Ukrainer oder Belarussen stärkte Stalin den Staat, den er beherrschte. Die Bewohner der annektierten Gebiete hingegen wurden zu Stiefkindern ihrer neuen Heimat, waren Repressionen und selbstverständlich der Russifizierung ausgesetzt.

Stalin gliederte einen riesigen Teil Finnlands Russland an – die einheimische Bevölkerung verließ die eroberten Städte und Dörfer einfach.

Stalin gliederte den lettischen Kreis Abrene Russland an – bereits nach der Besetzung Lettlands. Und Iwangorod – bereits nach der Besetzung Estlands. Niemand hielt es auch nur für nötig, den Bewohnern der „brüderlichen“ Lettischen SSR und der Estnischen SSR zu erklären, warum ein Teil des Territoriums dieser neuen Unionsrepubliken plötzlich zu Russland gehörte.

Stalin gliederte Tannu-Tuwa Russland an, heute bekannt als die Heimat Sergej Schoigus. Tannu-Tuwa war Teil des chinesischen Territoriums, geriet jedoch unter ein selbsternanntes russisches Protektorat, woraufhin die Bolschewiki dort eine Marionetten-Volksrepublik ausriefen. Doch selbst das genügte ihnen nicht: Tannu-Tuwa wurde schließlich zu einem autonomen Gebiet der Russischen SFSR.

Stalin gliederte einen Teil Ostpreußens Russland an, obwohl zwischen dem nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffenen Kaliningrader Gebiet und dem übrigen Territorium der Russischen SFSR nicht einmal eine gemeinsame Grenze bestand. Er „schenkte“ es weder Litauen noch Polen – sondern Russland. Und Putin behauptet noch, Stalin habe nicht an den Zusammenbruch der Sowjetunion gedacht. Im Gegenteil: Er dachte sehr wohl daran und traf zahlreiche Vorkehrungen. Überall, wo es möglich war, stellte er geopolitische Fallen auf – und in den 1990er-Jahren begannen die darin hinterlassenen Minen zu explodieren.

Zwischen den „Geschenken“ für die Ukrainer und andere Völker der Sowjetunion und den Geschenken für die Russen gibt es jedoch einen grundlegenden Unterschied. Indem Stalin die nationalen Interessen der Ukrainer oder Belarussen ausnutzte, stärkte er den Staat, den er regierte. Die Bewohner der annektierten Gebiete wurden zu Stiefkindern ihrer neuen Heimat, waren Repressionen und selbstverständlich der Russifizierung ausgesetzt.

Indem der Diktator und seine Nachfolger jedoch Gebiete anderer Länder und Völker der Russischen SSR zuschlugen, verwandelten sie diese in Russland. Und genau das tun sie bis heute, indem sie den Ukrainischunterricht in Regionen mit einem ukrainischen Bevölkerungsanteil von 90 Prozent abschaffen oder eine stärkere Vermittlung der russischen Sprache in einer Republik verlangen, deren Bevölkerung zu 90 Prozent aus Tuwinern besteht.

Wenn man also im Kreml den Nachbarn vorwirft, was Stalin ihnen geschenkt habe, sollte man sich zuerst daran erinnern, was Stalin ihnen genommen hat.


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Titel des Originals: Виталий Портников: Когда в Кремле попрекают соседей тем, что Сталин подарил, пусть вспомнят о том, что Сталин отобрал. 30.07.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 30.07.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Buchartschyk. Vitaly Portnikov. 19.07.2026.

Бухарчик. Віталій Портников. 19.07.2026.

Während meiner Schulzeit fand ich zufällig in der Bibliothek eines Freundes eine noch vor dem Krieg erschienene Ausgabe der Kleinen Sowjetischen Enzyklopädie. Mich interessierte, dass man darin Biografien sowjetischer Führungspersönlichkeiten lesen konnte, über die in den offiziellen Quellen nicht berichtet wurde. Und aus irgendeinem Grund blieb mir die Biografie des Mitglieds des Politbüros des ZK der WKP(B), Nikolai Bucharin, im Gedächtnis – einfach deshalb, weil sie nicht im für die letzten Jahrzehnte der Sowjetunion typischen bürokratischen „Kanzleistil“, sondern in normaler menschlicher Sprache geschrieben war. Der Autor des Enzyklopädieartikels nannte Bucharin den „Liebling der Partei“, einen in jeder Hinsicht einfachen und zugänglichen Menschen – von philosophischen Diskussionen bis zum Spiel mit den „Gorodki“.

Die Enzyklopädie wurde in jener kurzen Zeit veröffentlicht, als Stalin mit Hilfe seines damaligen Verbündeten Bucharin bereits mit der sogenannten „linken Opposition“ der Lenin-Gefährten Trotzki, Sinowjew und Kamenew abgerechnet hatte, Bucharin selbst jedoch noch nicht beseitigt hatte. Bucharin erschien als Anhänger eines weitaus „menschlicheren“ Bolschewismus als seine Gegner – nicht umsonst hatte er die Losung „Bereichert euch!“ ausgegeben, die sich vor allem an die Bauern richtete. Doch die Ironie des Schicksals wollte es, dass Stalin Bucharin benutzte, um mit den Anhängern der orthodoxen Auffassung vom Sozialismus abzurechnen, nur um anschließend genau deren politisches Programm umzusetzen – mit Industrialisierung, Kollektivierung und als Folge Repressionen und Hungersnot.

Vor dem Hintergrund dieser Politik und ihrer schrecklichen Folgen konnte Bucharin, der am 15. März 1938 auf dem Schießplatz Kommunarka bei Moskau erschossen wurde, umso mehr als attraktive Persönlichkeit erscheinen. Stalin selbst erinnerte sich in all den Jahren nach seiner Liquidierung immer wieder an ihn und nannte ihn liebevoll „Buchartschyk“, wie in den Zeiten ihrer Freundschaft und Zusammenarbeit. Ich hatte jedoch außer dem Enzyklopädieartikel und den Texten aus der Zeit der Perestroika (einige davon habe ich, wie ich glaube, selbst geschrieben) noch eine kleine Broschüre mit dem stenografischen Protokoll des ersten und zugleich letzten Sitzungstages der Russischen Konstituierenden Versammlung vom 15. Januar 1918.

Dort war Bucharin der Führer der bolschewistischen Fraktion, die in diesem Parlament in der Minderheit war, die jedoch nicht die Absicht hatte, die eroberte Macht wieder abzugeben. „Mögen die herrschenden Klassen und ihre Handlanger vor der kommunistischen Revolution erzittern!“, rief Bucharin. Nach seiner Rede verließen die Bolschewiki den Sitzungssaal und jagten die Konstituierende Versammlung auseinander. Der Bürgerkrieg begann.

Gerade deshalb löste das Bild Bucharins – des großartigen Menschen und Reformers – bei mir keinerlei Bewunderung mehr aus, und seine Erschießung am 15. März 1938 erscheint mir als folgerichtiger Abschluss seines Lebenswegs. Wenn man beginnt, einen Drachen zu füttern, muss man darauf vorbereitet sein, dass dieser Drache einen irgendwann selbst frisst. Doch leider waren die Drachenfütterer in der gesamten Menschheitsgeschichte stets überzeugt, dass der Drache jemand anderen verschlingen werde – nur nicht sie selbst. Und fast immer haben sie sich verrechnet.

Die Gefahr der bolschewistischen Diktatur bestand nicht nur darin, dass sie eine groteske Ideologie aufzwang, die das Privateigentum abschaffte und dem Menschen selbst elementare Freiheiten verweigerte. Gefährlich war sie vor allem deshalb, weil sie keinerlei Meinungsvielfalt anerkannte und vom Bürger die vollständige Zustimmung zu den Ideen des Führers verlangte. Sogar die Partei der „Diener des Volkes“ – die bolschewistische Partei – war von Lenin nach dem Prinzip des „demokratischen Zentralismus“ aufgebaut worden, das heißt nach dem Prinzip der vollständigen Unterordnung der einfachen Mitglieder und der örtlichen Organisationen unter die Entscheidungen der zentralen Führung – ohne jede Diskussion und ohne jeden Zweifel. Deshalb war die Redewendung, man müsse „mit der Parteilinie mitschwanken“, keine spöttische Beschreibung des Opportunismus, sondern eine Überlebensstrategie.

Das Paradoxe an der Situation war, dass die Menschen, die die bolschewistische Partei geschaffen hatten, unter anderen politischen Bedingungen herangewachsen waren als jenen, die sie anderen aufzwingen wollten. Deshalb waren sie bereit, Schweigen und Gehorsam anderen aufzuzwingen – aber nicht sich selbst. Sinowjew, Kamenew, Bucharin und andere hofften, auch dann noch Gehör zu finden, als bereits ein neuer Führer aufgetreten war und ihre Aufgabe nur noch darin bestand, dessen Befehle auszuführen. Doch die Delegierten jenes Parteitags, auf dem all diese Menschen tatsächlich Reue zeigten und Stalin priesen (des XVII. Parteitags der WKP(B) im Jahr 1934, des sogenannten „Parteitags der Sieger“), wurden später vom Diktator fast vollständig erschossen. Bucharin fasste in seiner Rede mit publizistischer Offenheit dieses kollektive Schuldbekenntnis der gestrigen Gegner des Diktators zusammen: „Die Pflicht jedes Parteimitglieds besteht darin, sich um Genossen Stalin zu scharen als die personifizierte Verkörperung von Vernunft und Willen der Partei.“

Von seiner Rede in der Konstituierenden Versammlung bis zu seinem Auftritt auf dem Parteitag vergingen nur sechzehn Jahre, und aus dem brillanten Journalisten und Ökonomen, dem populären Politiker und „Liebling der Partei“ war ein rechtloser Sklave geworden, der schon bald erschossen werden sollte. Aber sollte ich Mitgefühl für diesen bankrotten Theoretiker des Totalitarismus und seine Mitstreiter unter den anderen „Dienern des Volkes“ jener Zeit empfinden?

Denn all diese Menschen, Opfer von Repression und Terror, bereiteten für alle anderen Sklaverei und Tod vor.

Sie wollten, dass ich für immer ein Sklave werde.


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Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Бухарчик. Віталій Портников. 19.07.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 19.07.2026.
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Plattform / Quelle: Zeitung
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Kurzer Kurs der Geschichte Russlands. Vitaly Portnikov. 01.06.2026.

Короткий курс історії Росії. Віталій Портников. 01.06.2026.

In den Jahren 1917–1920 gingen das Russische Reich und die Hoffnungen auf eine russische Demokratie unter den Schlägen der Bolschewiki zugrunde. Die Macht ging an eine Diktatur über, die sich auf drei Säulen stützte: den Parteiapparat, der den neuen Staat lenkte, den Sicherheitsdienst, der den Roten Terror durchführte, und die Armee, die den Bürgerkrieg gewann.

Zwischen diesen drei Gruppen begannen praktisch von den ersten Tagen ihres Bestehens an ständige Konflikte. Stalin, der die Kontrolle über den Parteiapparat erlangt hatte, konnte nach Lenins Tod die von Trotzki geführte Armee und den Terrorapparat, der zunächst vom unerwartet verstorbenen Dserschinski und später vom hingerichteten Jagoda geleitet wurde, neutralisieren.

Doch Stalin fürchtete die Stärkung des Parteiapparats und setzte deshalb auf ein Bündnis mit den Tschekisten. Deren neue Vertreter vernichteten praktisch den größten Teil der damaligen Nomenklatura sowie einen erheblichen Teil der militärischen Befehlshaber der bereits marginalisierten Armee.

Der Zweite Weltkrieg rückte die Armee erneut in den Vordergrund. Nach dem Krieg versuchte Stalin mithilfe der Tschekisten, ihren Einfluss und die Popularität der berühmtesten „Marschälle des Sieges“ zu marginalisieren. Nach Stalins Tod jedoch zerschlug der Parteiapparat, über den Chruschtschow die Kontrolle erlangte, im Bündnis mit den Militärs unter Marschall Schukow die Organe der Staatssicherheit nahezu vollständig und stellte sie unter die Kontrolle der Partei. Fünf Jahre später entledigte sich Chruschtschow Marschall Schukow und marginalisierte die Armee erneut.

Es begann die Alleinherrschaft des Parteiapparats, die bis zum Ende der 1980er Jahre andauerte, als die Tschekisten ihre Revanche nahmen und die Voraussetzungen für das Verbot der KPdSU schufen.

Im neuen Russland konnten sie nicht sofort an die Macht gelangen und bereiteten sich darauf vor, während die Wirtschaft zerfiel und das Eigentum zugunsten der tschekistischen Netzwerke umverteilt wurde. 1993 rückte die Armee erneut in den Vordergrund, als sie Präsident Jelzin den Sieg über den Kongress der Volksdeputierten sicherte und als wichtigstes Instrument des Tschetschenienkrieges galt. Der Terror, der aus diesem Krieg hervorging, ermöglichte es den Tschekisten jedoch, ihre Positionen zu stärken. Die Macht gelangte für kurze Zeit in die Hände des Föderalen Schutzdienstes, und im Jahr 2000 kam schließlich der Föderale Sicherheitsdienst endgültig an die Macht.

Heute, da Russland selbst zu einer Zone von Angriffen wird, versucht der Föderale Schutzdienst, Revanche zu nehmen – und die Generäle der zunehmend marginalisierten Armee beobachten die Situation aufmerksam.

Künftig wird der Machtkampf in Russland zwischen diesen drei Kräften stattfinden. Und wer diesen Kampf gewinnt, wird auch die endlosen Kriege im postsowjetischen Raum anführen – denn zwischen allen Gruppierungen besteht Konsens darüber, dass die russische Staatlichkeit innerhalb der Grenzen der ehemaligen Sowjetunion wiederhergestellt werden müsse.


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Titel des Originals: Короткий курс історії Росії. Віталій Портников. 01.06.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 01.06.2026.
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09. Mai. Vitaly Portnikov. 09.05.2026.

9 мая. Віталій Портников. 09.05.2026.

Mit seinen Bemühungen, einen Waffenstillstand zur Durchführung der Parade auf dem Roten Platz zu erreichen, hat Putin unsere Aufmerksamkeit erneut auf einen Feiertag gelenkt, den wir allmählich zu vergessen begonnen hatten – obwohl gerade er vor Beginn des großen russischen Krieges gegen die Ukraine jener Tag zu sein schien, der Russen und Ukrainer über Staatsgrenzen hinweg vereinen sollte. Und darüber hinaus die Ukrainer der „großen Ukraine“ und Galiziens voneinander trennen sollte, denn „bei uns hier“ – das waren die Sowjetunion, die Rote Armee, der gemeinsame Feind und Stalin, während „bei ihnen dort“ – die UPA und Bandera waren.

All das war eine große Mystifikation – angefangen bei der Geschichte des Krieges bis hin zum Datum seines letzten Tages. Es ist kein Geheimnis, dass Stalin den 9. Mai einfach „erfunden“ hat, um den 8. Mai nicht gemeinsam mit den Alliierten zu feiern. Denn beide Kapitulationen des Reiches – die echte, die in Frankreich unterzeichnet wurde, und die von Stalin aufgezwungene zweite, die in Deutschland unterzeichnet wurde – traten am 8. Mai um 23:01 Uhr mitteleuropäischer Zeit – Ortszeit in Berlin – in Kraft. Dass die zweite Zeremonie beendet wurde, als in Moskau bereits der neunte Tag angebrochen war, konnte am Datum des Ereignisses selbst nichts ändern – aber Stalin, der große Fälscher, schenkte dem keine Aufmerksamkeit. Und der 9. Mai wurde außerdem gebraucht, damit die Sowjetunion ihre eigenen Kriegsdaten hatte, die sich von den weltweiten unterschieden, denn nur so konnte man das faktische Bündnis zwischen der UdSSR und dem Reich in den ersten beiden Kriegsjahren verschleiern – ein Bündnis, das es natürlich weder bei Großbritannien noch bei den Vereinigten Staaten gab.

Es ist auch kein Geheimnis, dass Stalin einfach Angst hatte, den Tag des Sieges zu feiern: 1945 führte er zwar eine Parade durch, machte den 9. Mai aber nicht einmal zu einem arbeitsfreien Tag. Diese Angst war verständlich: Am ersten Tag des Friedens bekamen die sowjetischen Bürger die Möglichkeit, sich umzusehen und zu begreifen, in welchem Schrecken sie sich befanden. Überall Ruinen, Dutzende Millionen Tote, Millionen im Gulag, Hunger, Hunderttausende Kriegsversehrte auf den Straßen, zerstörte Städte, Dörfer ohne Männer … Und dazu imperialer Hochmut, verstärkte Repressionen, Vorbereitungen auf einen neuen Krieg. In einem Staat, der sich später stolz als Hauptsieger des Krieges präsentieren würde, gab es schlicht nichts zu feiern. Die erste Parade nach 1945 wagte erst 20 Jahre später Leonid Breschnew durchzuführen, der den 9. Mai auch zum Feiertag machte. Das Interesse des Staates am Kult des Sieges verstärkte sich mit jedem Jahr, in dem die echten Kriegsveteranen verschwanden. Aber meine Generation hat sie noch erlebt – nein, nicht die pathetischen Politoffiziere und Offiziere des SMERSch, die weniger gegen die Hitleristen kämpften als gegen die eigenen Landsleute, sondern jene, die den ganzen Krieg durchgemacht hatten und sich nicht daran erinnern wollten, weil er für den Soldaten eine echte Hölle gewesen war, dazu noch die Hölle der Gleichgültigkeit gegenüber seinem eigenen Leben.

Seit meiner Kindheit erinnere ich mich daran, wie der Cousin meiner Großmutter, ein Mathematikprofessor, der direkt von der Studentenbank an die Front gekommen war und den ganzen Krieg durchgemacht hatte, buchstäblich in Wut geriet, wenn er das damals populäre Lied des russischen Barden Bulat Okudzhava hörte, dessen Hauptzeile lautete, dass wir nur einen Sieg brauchen, einen für alle, und „wir nicht auf den Preis schauen werden“. Er fragte die anderen: Wie kann man „nicht auf den Preis schauen“? Wie? Und natürlich konnte er vor seinem inneren Auge seine Klassenkameraden und Kommilitonen sehen, von denen fast niemand aus dem Krieg zurückkehrte. Okudzhavas Lied wurde von Schauspielern gesungen, die Kriegsveteranen im Film Belorussischer Bahnhof spielten. Und ich verstand ganz genau, dass echte Veteranen so etwas nicht singen würden.

Putins grotesker Mythos – das berüchtigte „Pobjedobesije“ ( Siegeswahn)– entstand 2005, zum 60. Jahrestag des Kriegsendes, als von den Kriegsteilnehmern fast niemand mehr übrig geblieben war, denn die Soldaten des letzten Einberufungsjahrgangs, 1927, waren damals bereits fast 80 Jahre alt. Putins Krieg hat nichts zu tun, nicht nur mit dem wirklichen Zweiten Weltkrieg, sondern nicht einmal mit dem Krieg Chruschtschows und Breschnews, die zwar Politfunktionäre waren, aber dennoch die echte Front und den Tod gesehen hatten. Putins Mythos ist ein Maskenball, die Vorbereitung auf neue Kriege und der Versuch, die Nachbarländer in einen Raum gemeinsamer Verlusterfahrungen hineinzuziehen.

Deshalb beunruhigte mich die Bereitschaft der Ukrainer so sehr, freiwillige Teilnehmer dieser Vorstellung zu werden, die sich vor unseren Augen von einer sowjetischen in eine offen chauvinistische verwandelte. Erinnern Sie sich daran, wie sich die ukrainische Gesellschaft dem 8. Mai widersetzte und den 9. Mai verteidigte, wie die Verwaltungen von Leonid Kutschma und Viktor Janukowytsch den sowjetischen Kanon pflegten, und wie die Versuche von Viktor Juschtschenko, wenigstens eine Versöhnung zwischen den Ukrainern selbst zu erreichen, die während des Krieges natürlicherweise in verschiedenen Armeen gelandet waren, auf Widerstand stießen – weil vielen Bewohnern der ehemaligen Ukrainischen SSR schien, der Präsident greife das Heilige an, Unabhängigkeit hin oder her, aber wie sollten wir ohne den 9. Mai leben.

Es tut weh zu denken, dass das ukrainische Volk für seine Genesung vom Dunkel russischer Fälschungen und Mythen einen so hohen Preis bezahlt. Es ist unerträglich zu begreifen, dass wir ohne die Annexion der Krim, ohne den Krieg im Donbas, ohne diesen großen Krieg noch jahrzehntelang in diesem sowjetischen Dreck herumgewatet wären – vielleicht sogar ohne besondere Chancen, jemals in saubere Gewässer hinauszugelangen.

Aber nun ist es eben so. Und jetzt werden wir am 8. Mai verstehen, dass unbestraftes Böse – und die Sowjetunion, dieses Pseudonym des chauvinistischen Russlands, war eben solches unbestraftes Böse – zwangsläufig in all seiner Aggressivität zurückkehrt, sobald die Erinnerung an die Opfer des Krieges abstumpft. Und wenn man aus dieser Lehre wenigstens jetzt keine Schlussfolgerung zieht, werden sich Kriege auf unseren „Bloodlands“ noch mehr als einmal wiederholen.


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Titel des Originals: 9 мая. Віталій Портников. 09.05.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 09.05.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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