Putins Auftritt beim Waldai-Forum: das Wichtigste | Vitaly Portnikov. 01.10.2026.

Vor dem Hintergrund der anhaltenden terroristischen Angriffe der Russischen Föderation auf die ukrainische Hauptstadt und andere Städte und Ortschaften unseres Landes, vor dem Hintergrund des offensichtlichen Bestrebens, die Eskalation im Krieg gegen die Ukraine weiter zu verschärfen, und neuer Drohungen gegen den Westen tritt Präsident Putin bei einer Sitzung des Waldai-Diskussionsklubs auf – einer eigens veranstalteten Zusammenkunft von Experten sowohl aus der Russischen Föderation selbst als auch aus westlichen Ländern, die bereit sind, dem russischen Präsidenten und seinen Drohungen zuzuhören. Ein sorgfältig ausgewähltes Publikum, das eher als Expertenkulisse für den selbstverliebten russischen Diktator dient.

Schon vor Putins Auftritt sagte sein Pressesprecher Peskow, die ganze Welt warte auf diese Rede. Und es ist schwer zu sagen, inwieweit er hinsichtlich der Erwartungen der Welt damit recht hat. Aber ich bin bereit, Peskow darin zuzustimmen, dass diese Rede des Präsidenten der Russischen Föderation tatsächlich historisch ist, weil sie die Welt, selbst unabhängig vom Kontext der Ereignisse im russisch-ukrainischen Krieg, dem tatsächlichen Einsatz von Atomwaffen durch die Russische Föderation näher bringt. Und wir müssen feststellen, dass Moskau sich darauf vorbereitet. Das ist eine völlig neue außenpolitische Konzeption, die Putin in dieser Rede formuliert hat.

Früher sprachen sowohl sowjetische als auch russische Staatschefs davon, dass der Einsatz von Atomwaffen in jedem Krieg unmöglich sei, dass es in einem Atomkrieg keine Sieger geben werde und dass man alle Anstrengungen unternehmen müsse, damit es zu einem solchen Krieg nicht kommen könne. Eine solche Wende in der sowjetischen Außenpolitik, die die Russische Föderation später erbte, vollzog sich faktisch unmittelbar nach dem Tod des sowjetischen Diktators Josef Stalin, der bekanntlich für Putin und die Putinisten ein Vorbild ist.

Stalin zog grundsätzlich die Möglichkeit eines Atomkriegs mit dem Westen in Betracht, weil er von der Vernichtung der westlichen Zivilisation träumte. Nun, natürlich hatte er sich gerade deshalb in den 1930er-Jahren mit seinem Verbündeten Adolf Hitler über ein gemeinsames Vorgehen gegen die zivilisierte Welt verständigt und war sehr unzufrieden darüber, dass Hitler ihn hinterging. Doch nach Stalins Tod entstand die Konzeption der friedlichen Koexistenz von Staaten mit unterschiedlichen Gesellschaftssystemen.

Und man kann sagen, dass diese Konzeption bis zum 1. Oktober 2026 Bestand hatte, denn nun spricht der Präsident der Russischen Föderation, einer der größten Atommächte der heutigen Welt, die in der Lage ist, die gesamte Menschheit zu vernichten, ebenso wie dies etwa die Volksrepublik China könnte. Ein Land, das dafür größere Möglichkeiten besitzt als andere Atommächte. Denn selbst wenn man sich vorstellt, dass Frankreich oder Großbritannien an einem Atomkrieg teilnehmen und ihre gesamten Atomwaffen bereits eingesetzt haben, werden Russland und die Vereinigten Staaten noch eine beträchtliche Menge davon besitzen. China inzwischen ebenfalls. Und der Staatschef eines solchen Landes sagt bei einem Treffen mit Experten öffentlich, es könne dazu kommen, dass das Gewehr, das an der Wand hängt, auch abgefeuert werden müsse, womit er faktisch die Unvermeidlichkeit des Einsatzes von Atomwaffen in modernen Kriegen anerkennt. Das ist natürlich eine regelrechte zivilisatorische Katastrophe.

Und ich möchte, dass wir uns dieses Datum als den Tag merken, an dem diese Katastrophe aus dem Kreml angekündigt wurde. Wenn es uns in den nächsten Jahren nicht gelingt, die derzeitige Führung der Russischen Föderation dazu zu zwingen, auf sämtliche aggressiven Pläne zu verzichten, wird die Menschheit nicht an künstlicher Intelligenz zugrunde gehen, über deren Gefahren Putin heute bei der Sitzung des Waldai-Klubs ebenfalls gesprochen hat. Die Menschheit wird an Putin zugrunde gehen, und wir werden Zeugen dieser – wie der Präsident der Russischen Föderation selbst sagt – unvermeidlichen Katastrophe sein, sofern wir natürlich überleben.

Nun, ich werde diese Worte des russischen Präsidenten zitieren, damit wir verstehen, worauf sie sich beziehen. Es ist die Antwort auf eine Frage, die der Kreml-nahe Experte Fjodor Lukjanow zu einer Warnung des Außenministeriums der Russischen Föderation an die westlichen Länder stellte, die das russische Gebiet Kaliningrad betraf, eine Enklave, die zwischen zwei Mitgliedern der NATO und der Europäischen Union liegt, Polen und der Republik Litauen. Auch das ist inzwischen ein nicht mehr ganz neuer, ich würde sagen, propagandistischer Trick. Zuerst gibt Lawrows Außenministerium Warnungen heraus, anschließend wendet man sich an Putin, damit er seine Diplomaten gewissermaßen beruhigt. Doch dann geschieht etwas völlig anderes, vom Kreml Geplantes.

„Wir schüchtern niemanden ein“, sagt Putin. „Und das, was Sie gerade angesprochen haben, die Erklärungen des Außenministeriums und die Schreiben, die das Außenministerium an einige Länder geschickt hat, das ist keine Einschüchterung, sondern eine Antwort auf den Versuch, uns einzuschüchtern. Denn diese Äußerungen westlicher Politiker, europäischer Politiker über die Notwendigkeit, die Möglichkeit und die Vorbereitung eines Krieges mit Russland in den Jahren 2029 bis 2030 stammen doch nicht von uns. Wir hören das von der anderen Seite, und zwar ständig. Und jetzt kommen auch konkrete Handlungen hinzu. Eine Militärübung nach der anderen in der Ostsee und anschließend Versuche, unsere Schiffe festzuhalten. Aber all das ist die Eskalation, von der ich gerade in meiner Rede gesprochen habe. Und dann hörten wir Äußerungen zum Kaliningrader Gebiet. Und alles, was in der Erklärung des Außenministeriums und in den verschickten Schreiben steht, ist richtig. Sollte es zu einem direkten Angriff auf die Russische Föderation kommen – in diesem Fall ist sowohl Kaliningrad als möglicherweise auch anderes Territorium gemeint –, wird selbstverständlich unvermeidlich und unverzüglich die Frage des Einsatzes sämtlicher Waffen auf die Tagesordnung kommen, über die unser Land verfügt.“

Das heißt, Putin kann jede beliebige Provokation inszenieren, wie Hitler oder Stalin dies seinerzeit taten, und unter dem Vorwand dieser Provokation Waffen gegen jedes beliebige Land im Westen einsetzen, das er zum Ziel seiner Handlungen erklärt. Und das kann, wie Sie verstehen, keineswegs nur die Situation mit dem Kaliningrader Gebiet betreffen. Putin sagte heute ganz klar, dass er die Hilfe für die Ukraine weiterhin aufmerksam beobachtet und dass derzeit zwar nicht von Angriffen auf jene Rüstungsbetriebe die Rede sei, die der Ukraine helfen und Produkte für die ukrainische Armee herstellen, Russland diese Arbeit jedoch beobachte.

Das ist also ebenfalls eine Drohung. Es ist die Drohung mit dem Einsatz von Instrumenten hybrider Kriegsführung durch die Russische Föderation. Wie Sie verstehen, werden diese Bedrohungen in nächster Zeit auf dem gesamten europäischen Kontinent zunehmen. Und es sind möglicherweise Drohungen mit dem Beginn eines Krieges gegen europäische Länder. Denn vielleicht versuchte Putin am 1. Oktober 2026 seinen westlichen Partnern zu signalisieren, dass die Entscheidung über den Beginn eines Krieges auf dem europäischen Kontinent, eines Krieges, der zu einem wirklichen Dritten Weltkrieg werden könnte, im Kreml bereits getroffen wurde und nur noch der endgültige Befehl des Oberbefehlshabers der russischen Streitkräfte erforderlich ist, damit dieser Krieg beginnt.

Wir wissen nicht, auf welche Weise Russland angesichts des Mangels an Ressourcen, der aufgrund des fortdauernden endlosen russisch-ukrainischen Krieges derzeit zu beobachten ist, einen solchen Krieg führen würde. Aber dass Putin mit solchen möglichen Raketenangriffen, vielleicht mit dem Einsatz strahlgetriebener Drohnen droht, ist angesichts dieser Rede ebenfalls eine völlig offensichtliche Tatsache.

Was die Ukraine betrifft, denke ich, dass wir uns ebenfalls keinerlei Illusionen darüber gemacht haben, was Putin sagen würde. Es ist offensichtlich, dass er den russisch-ukrainischen Krieg nicht beenden will. Es ist offensichtlich, dass er keinerlei Möglichkeiten für Friedensverhandlungen zustimmen will, die zu einer tatsächlichen Unterbrechung, geschweige denn zu einer Beendigung der Kampfhandlungen führen würden. Wichtig ist aber auch, was er über die Ukraine sagte und wie er seine Aggression gegen unseren Staat erklärte. Putin trat mit friedensstiftenden Erklärungen auf, sprach davon, wie wichtig Frieden sei, und beantwortete selbst eine Frage, die sich sogar im Kreis der loyalen Experten von Waldai aufdrängte.

„Russland spricht also vom Frieden, hat aber selbst den Krieg begonnen. Nun, ich habe mich zu diesem Thema schon oft geäußert: Wo liegt die Wahrheit? Die Wahrheit ist, dass nicht wir kämpfen wollten und nicht wir den Krieg begonnen haben, sondern dass man begonnen hat, gegen uns Krieg zu führen“, sagt der russische Diktator. „Man hätte nicht jahrelang aggressiven Nationalismus und Russophobie in der Ukraine fördern dürfen, um sie zu einem Instrument des Kampfes gegen Russland zu machen. Die NATO hätte nicht mit der militärischen Erschließung beginnen dürfen.“ Und hier kommt der wichtigste Satz, der uns im Grunde die gesamte endlose Perspektive des russisch-ukrainischen Krieges für die kommenden Jahre und Jahrzehnte vor Augen führt: „Die NATO hätte nicht mit der militärischen Erschließung unserer historischen Gebiete im Interesse der Organisation selbst beginnen und dort ihre Stützpunkte planen dürfen.“

Das bedeutet, dass das Territorium der Ukraine als historisches Territorium der Russischen Föderation betrachtet wird und Russland diesen erbarmungslosen Krieg um Territorium, um das, was es als sein Eigentum betrachtet, führt und weiter führen wird. Natürlich interessiert die Russen in dieser Situation überhaupt nicht, welche Bevölkerung auf diesem Gebiet lebt, das historisch russisch sein und an Russland zurückgegeben werden soll. Putin hat das laut ausgesprochen. Man muss es einfach hören. Es ist ein Krieg um Territorium, um russisches Territorium.

„Man hätte die Radikalen in Kyiv nicht zu einem Staatsstreich drängen und das auf diese Weise geschaffene illegale Regime anschließend mit verschiedensten Offensivwaffen vollpumpen dürfen. Man hätte keine Pläne ausarbeiten dürfen“ – Achtung – „Konzentrationslager für die Bewohner des Donbas und der Krim einzurichten. Man hätte unbewaffnete Menschen nicht mit Panzern niederwalzen, mit Raketen beschießen, aus Flugzeugen unter Feuer nehmen und bei lebendigem Leib töten dürfen“ – er spricht hier nicht über russische Handlungen – „nur weil sie ihrer Nationalität und ihrem Geist nach Russen sind. Russland wurde bewusst in eine Situation gebracht, in der es schlicht gezwungen war, als Antwort auf diese aggressive Aggression zu den Waffen zu greifen. Man hat uns bewusst an diese Grenze gebracht. Man hätte Russophobie, die Unterdrückung und Ermordung von Russen und die Vernichtung Russlands nicht zur Staatsideologie machen und sich nicht die strategische Niederlage Russlands zum Ziel setzen dürfen. Ja, das wurde gesagt, nicht wahr? Niemand hat das vergessen. Wenn wir freundschaftlich miteinander leben wollen, dann lasst uns gemeinsam nach Wegen suchen, wie das möglich ist.“

Oder glauben Sie, Putin sagt nicht, welcher Weg das sein soll? Doch, sagt er. Er sagt ganz klar, dass es überhaupt keine Ukraine geben könne, dass „die Ukraine – ich weiß das, und alle wissen es sehr gut – nicht selbstständig existieren kann. Sie verliert zunehmend die Elemente ihrer Staatlichkeit. Meiner Ansicht nach ist das eine offensichtliche Tatsache. Sie wird von außen gesteuert. Und wenn jemand mit fremden Händen gegen uns Krieg führen will, in diesem Fall mit den Händen des ukrainischen Regimes, das seine Menschen, die es nicht einmal als die eigenen betrachtet, unter die Kugeln und faktisch in die Vernichtung schickt – wenn also jemand beginnt, mit fremden Händen gegen uns Krieg zu führen, dann ist das natürlich eine Bedrohung.“

Das heißt, alles ist sehr einfach: „Wenn ihr eine Normalisierung der Beziehungen zu Russland wollt“ – das ist ein klares Signal an den Westen –, „dann überlasst Russland die Ukraine, setzt gemeinsam mit Moskau, gemeinsam mit Putin, gemeinsam mit den von chauvinistischer Galle erfüllten Russen einen Schlusspunkt unter die ukrainische Staatlichkeit. Und das ist das Einzige, was euch vor einem Atomkrieg bewahren wird. Denn die Alternative zu einer solchen Kapitulation der Ukraine vor Russland und zu gemeinsamen Anstrengungen zur Vernichtung der ukrainischen Staatlichkeit ist ein Atomkrieg.“ Das ist der Kern dieser Rede, einer sehr wichtigen, sehr aggressiven Rede, erfüllt von dem unverhohlenen Wunsch, die Gewalt fortzusetzen und auszuweiten.

Wie ich schon mehrfach gesagt habe, ist die Ausweitung des russisch-ukrainischen Krieges auf andere Länder, auf andere Gebiete und die Steigerung seines Eskalationsniveaus unvermeidlich. Putin hatte darauf gesetzt, dass die Wahlen 2024 in den Vereinigten Staaten von Amerika und Donald Trumps Machtantritt mit seinem Programm zur Einstellung der direkten Hilfe für die Ukraine einen Schlusspunkt unter den russisch-ukrainischen Krieg setzen und es Russland ermöglichen würden, sämtliche ukrainischen Gebiete, die heute nicht von Russland kontrolliert werden, als Regionen der Russischen Föderation an Russland anzuschließen, wie es in jedem politischen Plan steht, der seit Anfang der 2000er-Jahre auf Putins Tisch liegt. All das wird seit damals ausgearbeitet. Da dies nicht geschehen ist, besteht die Hauptaufgabe nun darin, die Europäer dazu zu zwingen, die Hilfe für die Ukraine einzustellen, selbst wenn dafür Massenvernichtungswaffen eingesetzt werden müssen. Das ist alles. Was muss man da noch erklären? Mir scheint, dass man genau das in dieser Rede, in dieser Strategie mit bloßem Auge erkennen kann, wenn Sie so wollen.

Natürlich versucht Putin dabei – und auch das ist eine sehr wichtige Tatsache –, die warmen Beziehungen zu Trump aufrechtzuerhalten. Er versteht, dass er dem amerikanischen Präsidenten weiterhin seine Zuneigung vorspielen muss, und auch während dieser Rede tut er das weiter. „Ich habe mit Präsident Trump“, sagt Putin, „seit vielen Jahren recht gute Beziehungen. Ich bin ihm dankbar dafür, dass er sich um eine Lösung, sagen wir, der Ukraine-Krise bemüht. Ich bin davon überzeugt, dass er das aufrichtig tut. Wir sind der First Lady der USA für ihre Arbeit im humanitären Bereich dankbar. Das sage ich vollkommen aufrichtig, ohne jede Ironie. Aber wie dem auch sei: Alles, was unsere Beziehungen zu den Staaten überschattet, jene Faktoren, die unsere Beziehungen verdunkeln und zerstören, sind nicht gestern und nicht heute entstanden. Sie sind über Jahrzehnte entstanden. Wir würden uns sehr wünschen, dass diese Faktoren, die uns trennen, der Vergangenheit angehören und sich neue Perspektiven für eine für beide Seiten vorteilhafte Zusammenarbeit eröffnen.“

Da haben Sie es ganz einfach. Einerseits wird betont, dass keinerlei reale Möglichkeiten zur Verbesserung der amerikanisch-russischen Beziehungen bestehen. Andererseits wird alles gesagt, was Trump später in seinen eigenen Reden verwenden kann, wenn er erzählt, wie unglaublich stark Putin ihn liebt. Putin geht hier also mit Trump vollkommen geschickt um. Ohne irgendwelche politischen Zugeständnisse, ohne jeden Wunsch, einem Ende des russisch-ukrainischen Krieges zuzustimmen, möglicherweise über einen Angriff auf Europa und den Einsatz von Atomwaffen zum Sieg über den Westen nachdenkend, macht Putin nur eines: Er macht Trump Komplimente.

Und wiederum können wir hier von einer Revision der Weltordnung sprechen. Und sie ist, würde ich sagen, keineswegs nur für einen Tag gedacht. Putin sagt ganz klar, dass sich die Weltordnung verändert, dass der Westen seine Rolle verliert und dass die Bedeutung der westlichen Staaten überschätzt werde. Nun, er meint dabei vor allem die G7, obwohl man feststellen kann, dass diese Gruppe bei aller angeblichen Überschätzung praktisch über den größten Teil der Ressourcen der Weltwirtschaft verfügt, was auch immer mit China oder anderen Ländern des Globalen Südens sein mag. Und das müsse historisch neu bewertet werden.

Putin griff sogar auf Gorbatschows politisches Erbe zurück, um zu zeigen, wie falsch dessen Versuch gewesen sei, die Sowjetunion zu reformieren: „Ich möchte auf eine gewisse Naivität, einen gewissen Edelmut und vielleicht sogar eine gewisse Sorglosigkeit jener Menschen hinweisen, die den Staat in den letzten Jahren der Sowjetära führten. Blindes Vertrauen in die westlichen Partner, die Überzeugung, dass gewisse Gentlemen’s Agreements möglich seien.“ Damit meint er die erfundene Behauptung, der Westen habe Gorbatschow versprochen, die NATO nicht zu erweitern. „Eine gewisse Naivität, als reiche es aus, sich auf das Wort anderer zu verlassen und zu glauben, man könne sich über etwas einigen – genau das hat der Sowjetunion einen so bösen Streich gespielt. Rückblickend wird deutlich, welch zerstörerische Rolle dies nicht nur für das Schicksal der UdSSR, sondern auch für die Gewährleistung langfristiger globaler Stabilität gespielt hat. Die sowjetischen Führer wollten dem Westen gefallen, der Westen dagegen wollte die Welt nach seinen Vorstellungen umgestalten. Das ist der ganze Kern dessen, was geschieht.“

Und natürlich kommt Putin in dieser Situation nach seiner Rede erneut auf das Thema Atomwaffen zurück. „Die These, Russland drohe mit Atomwaffen, soll davon ablenken, dass sie selbst eine aggressive Politik gegen Russland betreiben und ihre Bürger in der Konfrontation mit uns an eine gefährliche Grenze heranführen und treiben – das ist, würde ich sagen, eine instrumentelle Vorgehensweise westlicher Politiker. Aber wenn wir mit einer Aggression konfrontiert werden – wir selbst haben nicht vor, irgendjemanden anzugreifen –, werden wir gezwungen sein zu antworten. Und die Bürger der europäischen Länder müssen unsere Position und die Position der amtierenden politischen Führung dieser Länder klar verstehen und voneinander unterscheiden.“

Und hier kommt das Wichtigste: womit sich die Russische Föderation in den nächsten Jahren beschäftigen wird. Mir scheint, dieses Verständnis ist vorhanden, und wir sehen das unter anderem an den Wahlergebnissen und den Stimmungen in den größten europäischen Ländern. Genau das möchte ich kommentieren. Die Russische Föderation arbeitet ganz bewusst darauf hin, dass in europäischen Ländern – und nicht nur in europäischen, sondern auch in nordamerikanischen Ländern – Politiker an die Macht kommen, die bereit sind, vor dem Kreml zu Kreuze zu kriechen, sich mit Putin zu verständigen, Russlands Recht auf vollständige Kontrolle über den postsowjetischen Raum durch die Eingliederung der Gebiete ehemaliger Sowjetrepubliken in die Russische Föderation anzuerkennen und ihm indirekte Kontrolle beziehungsweise eine Einflusssphäre in den Staaten Mitteleuropas zuzugestehen.

Und Putin sagt ganz klar, dass er die Wahlergebnisse als förderlich für die Interessen der Russischen Föderation betrachtet. Welche Wahlen? Gemeint ist vor allem der jüngste Erfolg der rechtspopulistischen Partei Alternative für Deutschland bei den Landtagswahlen in Deutschland, deren Führung ihre Sympathien für Putin nicht verbirgt. Denn wie könnten Menschen, die einer ultrarechten Ideologie anhängen, die faschistische Ideologie des heutigen Russlands nicht schätzen, das sich im Grunde in eine Neuauflage des Hitler-Reichs verwandelt hat, in ein Viertes Reich unter Putin? Und Sie verstehen doch, dass dieses Feuerwerk an Sabotageakten, das sich in der Bundesrepublik vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern ereignete, jetzt nicht mehr in dieser Form stattfindet, nicht wahr? Es war gerade darauf abgestimmt, dass die Stimmung in den europäischen Gesellschaften diesen Zielen des Präsidenten der Russischen Föderation, der russischen Führung und der russischen Gesellschaft entspricht.

Und natürlich erwartet man in Russland genau so, dass im kommenden Jahr bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich die Vorsitzende des rechtsextremen Rassemblement National, Marine Le Pen, gewinnt, die zwar die Politik der Russischen Föderation verbal verurteilen kann, in der Praxis jedoch die Hilfe für die Ukraine einstellen und bestimmte Initiativen zur Unterstützung der Ukraine in der Europäischen Union blockieren könnte, während sie demonstrativ und deklarativ eine Gegnerin der Russischen Föderation bleibt.

So wird die Politik der Russischen Föderation aussehen. Dazu dient diese Einschüchterung mit Atomwaffen: damit die Europäer richtig wählen, damit man Europa ohne Atomwaffen erobern kann. Genau das haben sie in unserem Land immer versucht, als sie 1994 prorussischen Politikern zur Macht verhalfen, es 2004 versuchten, 2010 versuchten und anschließend nach 2014 die Revanche vorbereiteten. Das alles ist Moskau. Alles Moskau. Und jetzt tun sie in Europa genau dasselbe und geben dafür Milliarden aus und werden weiter Milliarden dafür ausgeben, weil sie sicher sein können, dass das sogar effektiver ist, als Geld für die Armee auszugeben: Die anderen kommen selbst und bringen ihnen alles.

Nun, mir scheint, das alles ist verständlich, ebenso wie klar ist, dass Russlands Aggression gegen die Ukraine weitergehen wird und die Ukraine ständig beschuldigt werden wird, Russland zu provozieren. Unter anderem sagte Putin während dieser Rede: „Die Ukraine hat angefangen, russische Ölraffinerien anzugreifen, aber das macht nichts, das ist nicht schlimm. Russland hat durch diese Angriffe nur ein Prozent seines BIP verloren.“ Tatsächlich ist das eine sehr große Zahl. Ich hoffe, dass wir die Ölverarbeitungsindustrie der Russischen Föderation auch weiterhin zerstören werden, um dieses räuberische, aggressive Land auf die Knie zu zwingen, von denen es sich in den kommenden schwarzen Jahrzehnten der Armut, der inneren Konflikte, der Katastrophen und der internen Kämpfe nicht wieder erheben soll. In einen solchen Zustand muss dieses Land gebracht werden – natürlich vorsichtig, damit seine inneren Konflikte nicht über die Grenzen der Russischen Föderation hinausgreifen und sämtliche Nachbarländer überfluten und sie neben einem brennenden Russland in eine dann nicht mehr zu bewältigende Katastrophe stürzen.

Auch das kann geschehen. So war es in den Jahren 1917 bis 1920 des 20. Jahrhunderts. Wir müssen diese Erfahrung im 21. Jahrhundert nicht wiederholen, aber ein starkes Russland bedeutet den Tod für die Ukraine und den Tod für Mitteleuropa. Den physischen Tod von Millionen Menschen, die hier leben. „Faschist, hier kommt die Granate – vom Sowjetsoldaten.“ Das sagte Putin, als er darüber sprach, dass Russland die ukrainische Metallurgie faktisch zerstört habe. Er verbirgt nicht einmal seinen Wunsch, zivile Branchen der ukrainischen Wirtschaft zu zerstören. Man muss das also nicht einmal übertreiben. Diese seine Absichten sind alle offensichtlich.

Und natürlich Komplimente an China. Hier kann Putin selbstverständlich nichts anderes tun, als sich vor Xi Jinping in den Staub zu werfen. Und hier ist die Linie seines Verhaltens, würde ich sagen, noch viel ernster als gegenüber Trump, weil sie familiär ist. Putin sagt, seine Enkel lernten Chinesisch und könnten, wie Sie verstehen, bei Treffen zwischen Putin und Xi Jinping als Dolmetscher arbeiten. Das ist, wie Sie verstehen, etwas anderes als bei Trump, mit dem er gute Beziehungen hat. Es ist der Versuch, alles dafür zu tun, dass Xi Jinping erkennt, wie groß die Ergebenheit des russischen Präsidenten ist.

Das heißt, trotz all dieser Drohungen, trotz all dieser Gefahren versucht Putin weiterhin, dem chinesischen Staatschef zu gefallen, weil er offensichtlich versteht, dass gerade davon die Zukunft der russischen Wirtschaft abhängt. Wenn China aufhört, russisches Öl zu kaufen, dann sind all diese selbstverliebten Erklärungen vorbei. Dann wird man seine eigenen Zähne vom Boden aufsammeln müssen, die einem mangels Parodontosebehandlung ausfallen werden, statt über einen globalen Atomkrieg zu erzählen.

Und nun zum globalen Atomkrieg. „Wir entwickeln unsere Nuklearstreitkräfte weiter. Wir haben strategische Raketentruppen. Fast 98 Prozent davon sind modern. Einen solchen Modernisierungsgrad gibt es bei keiner anderen Atommacht. Neue moderne Mittel, das sind völlig neue Systeme zur Überwindung von Luftverteidigungssystemen, hochmoderne Mittelstreckenwaffen, die modernsten überhaupt. Alle Atommächte sind Hochtechnologieländer. Irgendwann werden alle so etwas ebenfalls besitzen, aber bislang haben nur wir es.“ Das ist also, wenn Sie so wollen, bereits eine direkte Drohung auch an die Vereinigten Staaten von Amerika. Das ist der Anspruch darauf, dass Russland die wichtigste, die führende Atommacht der heutigen Welt sei, weil alle anderen Staaten in dieser Hinsicht anachronistisch seien. Da haben Sie Putins historische Antwort hinsichtlich seiner Möglichkeiten.

Und wenn wir natürlich wieder an die Liebe zu Trump denken, gibt es noch eine andere Liebe, die Trump ebenfalls bemerken müsste. „Die ganze Welt ist beeindruckt vom Mut und Heldentum des iranischen Volkes und von seiner Standhaftigkeit“, sagt Putin. Da haben Sie seine Haltung gegenüber einem Land, das Krieg gegen die Vereinigten Staaten führt und amerikanische Soldaten tötet. Ich denke, damit ist alles klar. Und natürlich betont Putin ausdrücklich, er hoffe, dass die Sanktionen gegen den Iran aufgehoben würden und dann die Straße von Hormus geöffnet werde. Das ist alles.

Und noch einen Krieg bereitet Putin vor – auf dem Balkan. Auch das muss man klar verstehen. In dieser Rede gab es vieles, was uns bereits erlaubt zu sagen, dass Russland an vielen Fronten in die Offensive übergeht. „Die Serben“, sagt Putin, „sind eine geteilte Nation in Europa, mit Gewalt geteilt. Das ist ungerecht.“ Das heißt, Russland wird nun neue Anstrengungen zur territorialen Aufteilung Bosnien und Herzegowinas unternehmen. Und natürlich könnte das einen neuen Balkankrieg auslösen, den europäischen Perspektiven sowohl Serbiens als auch Bosnien und Herzegowinas ein Ende setzen und zum Hintergrund für den Beginn eines neuen Konflikts im Kosovo werden. Zu all dem könnte Putin nun den ehemaligen serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić anstacheln, der sich darauf vorbereitet, neuer Ministerpräsident dieses Landes zu werden.

Und wenn es den Serben natürlich nicht gelingt, proeuropäische, vernünftig denkende Politiker an die Macht zu bringen, die einen Schlusspunkt unter die Beziehungen ihres Landes zu dem widerwärtigen Putin-Staat setzen, werden sie erneut zu einem Instrument von Putins Krieg in Europa. Sie werden sehen, welche enormen Ausmaße dieser Krieg annehmen wird, wie der Balkan in den kommenden schweren Jahren brennen wird, wenn das nicht jetzt gestoppt wird. Denn, noch einmal, Putin sagt solche Dinge nicht einfach so. Das bedeutet, dass es bereits irgendwelche Dokumente gibt, die aus Sicht des Kremls vollkommen realistisch sind. Der Plan ist bereits von Putin gebilligt. Und genau das wird geschehen.

Und was wird nicht geschehen? Es wird kein trilaterales Treffen der Präsidenten Russlands, der Ukraine und der Vereinigten Staaten geben, ebenso wie es, denke ich, niemals zu einem Treffen zwischen Putin und Zelensky kommen wird. „Wir brauchen eine Tagesordnung für ein trilaterales Treffen“, sagt Putin auf die Frage nach einem solchen Treffen. „Wir müssen verstehen, wie diese aussehen könnte, worüber wir überhaupt sprechen werden.“ Das heißt, Putin hat nichts zu besprechen. Auch das muss man klar begreifen, wenn wir all diese Möglichkeiten irgendwelcher Verhandlungen, irgendwelcher Entscheidungen im Zusammenhang mit einem künftigen Verhandlungsprozess erörtern. In Putins Kopf gibt es keinen Verhandlungsprozess. In seinem Kopf gibt es nur die Ausweitung des Krieges. Wir glauben, er denke darüber nach, wie er den russisch-ukrainischen Krieg beenden kann. Er denkt nicht einmal 30 Sekunden darüber nach. Er denkt darüber nach, wie er diesen Krieg vergrößern, wie er ihn ausweiten und wo er Atomwaffen einsetzen kann. Darüber denkt er nach. Das sind die wirklichen Probleme.

Natürlich hat niemand vor, auf die besetzten Gebiete zu verzichten. „Russland“, sagt Putin, „wird bei der Wiederherstellung der historischen Regionen“ – Achtung, der historischen Regionen! – „davon ausgehen, dass dort russische Bürger leben und ihr Lebensstandard verbessert werden muss. Russland errichtet neue Betriebe des militärisch-industriellen Komplexes in möglichst sicheren Gebieten. Der Bau wird fortgesetzt.“ Das heißt, ja, inzwischen ist klar, dass ukrainische Shahed-Drohnen russische Rüstungsbetriebe erreichen können. Nun wird der militärisch-industrielle Komplex Russlands im Fernen Osten und in Sibirien jenseits des Urals im Eiltempo ausgebaut werden. Das ist ganz sicher kein Hinweis darauf, dass Putin den Krieg beenden will.

Übrigens noch ein Seitenhieb gegen Donald Trump, der ständig sagt, dass es weltweit an Dieselkraftstoff fehle, weil die Ukraine die Ölraffinerien der Russischen Föderation angreife und nicht etwa, weil die Straße von Hormus blockiert sei. „Nein“, sagt Putin zu Trump, „Russland hat genügend Dieselkraftstoff, aber aufgrund der Sanktionen gelangt er nicht auf die Weltmärkte.“ Das ist also ebenfalls ein sehr einfacher Appell sowohl an Trump als auch an die amerikanische Gesellschaft: „Wollt ihr die Preise an den Tankstellen senken?“ Sie werden nicht sinken – Spoiler –, weil das mit dem, was tatsächlich geschieht, überhaupt nichts zu tun hat. „Wollt ihr die Preise an den Tankstellen senken, dann hebt bitte die Sanktionen gegen Putins Regime auf und schafft ihm komfortable Bedingungen, damit es die Ukraine vernichten und ihre Bevölkerung auslöschen kann.“ Das ist der ganze Kern dieser Aussagen.

„Russland wird selbst entscheiden, welche Betriebe in den neuen Gebieten nach der militärischen Spezialoperation wiederaufgebaut und welche aus wirtschaftlicher Notwendigkeit verlagert werden.“ Was bedeutet das? Nun, erstens, dass Putin sich darüber im Klaren ist, dass er nicht das gesamte Territorium der Ukraine erobern kann, und deshalb hier so viel zerstören will. Er versteht, dass er früher oder später möglicherweise gezwungen sein wird, Halt zu machen. Aber das bedeutet hier etwas sehr Wichtiges. Er hat nicht vor, diesen Krieg zu beenden, selbst wenn irgendwann Bedingungen für seine Unterbrechung entstehen. Wenn er nicht vorhat, Betriebe in den besetzten Gebieten aufzubauen, die er als seine eigenen betrachtet und über die er die Kontrolle behalten will, bedeutet das, dass er diese besetzten Gebiete künftig als Brückenköpfe für einen neuen Angriff auf die Ukraine nutzen will. Genau deshalb braucht er sie. Warum sonst sollte er dieses Thema ansprechen?

Ein weiterer Mensch, dem er, sagen wir, nahestehen möchte, ist Narendra Modi, der indische Ministerpräsident, der zusammen mit Xi Jinping ein wichtiger energetischer Sponsor der Russischen Föderation bleibt. Es stellte sich heraus, dass Narendra Modi sehr gute Ideen für die Suche nach den notwendigen Lösungen für die Ukraine hat, aber absolut niemand weiß, was das für Ideen sein sollen und was Narendra Modi Putin vorgeschlagen haben könnte, das ihm so gut gefallen hat.

Und die wichtigste These dieser ganzen Geschichte, würde ich sagen, die zusätzlich verdeutlicht, was Putin will, lautet, dass die Welt nicht bipolar, sondern nur multipolar sein könne. Dieser Krieg um die Eroberung ukrainischer Gebiete, die Putin für historisch russisch hält, und die Einschüchterung Europas, das aus Putins Sicht jederzeit Angst vor einem russischen Angriff haben soll – all das ist Teil des Versuchs Russlands, ein Akteur der Weltpolitik zu bleiben. Und angesichts seines tatsächlichen wirtschaftlichen Potenzials kann Russland diese Rolle nur mithilfe von Gewalt bewahren. Andere Möglichkeiten, diese Stellung zu bewahren, hat die Russische Föderation, wie wir sehr gut verstehen, nicht.

Nun, das sind die ersten Randnotizen zu dieser historischen Rede des russischen Präsidenten, einer Rede, die das Gewehr der Atomwaffen und der Vernichtung der Menschheit von der Wand nimmt.

Ich werde einige Fragen beantworten, die bereits vorliegen.

Frage: Sie haben davon gesprochen, dass eine Normalisierung des Krieges nicht hingenommen werden darf. Russland erfindet inzwischen nicht einmal mehr Rechtfertigungen für seine Angriffe, und der Westen verurteilt sie nicht einmal mehr demonstrativ. Ist das nicht die Akzeptanz der Vorstellung einer Ukraine im ewigen Krieg durch den Westen?

Portnikov: Nun, mir scheint, dass der Westen sie durchaus verurteilt. Und als das Gebäude der Nationalen Akademie der Wissenschaften getroffen wurde, stand das auf den Titelseiten aller westlichen Medien. Westliche Politiker sprachen darüber. Ja, Präsident Trump hat sich nicht dazu geäußert. Aber wir verstehen doch sehr gut, welche Gefühle der Präsident der Vereinigten Staaten empfindet, wenn es um den Präsidenten der Russischen Föderation geht. Das verstehen wir sehr gut. Aber dass bis zu einem gewissen Grad eine Normalisierung des Krieges stattgefunden hat, ist ebenfalls eine Tatsache. Das ist nach vier Jahren Krieg ein völlig normaler Prozess. Und wir haben wiederholt gesagt: Ein Krieg, der nicht nach vier Monaten endet, kann dann auch acht oder zehn Jahre dauern.

Deshalb erkläre ich immer wieder, dass wir uns erst in der ersten Phase dieses grausamen und unerbittlichen Krieges befinden. Wir haben noch nicht einmal die Hälfte erreicht, von der aus wir sagen könnten, dass sich irgendwo ein Tunnel abzeichnet, an dessen Ende irgendwann – hoffentlich nicht erst in den 2030er-, sondern noch in den 2020er-Jahren des 21. Jahrhunderts – ein schwacher Lichtstrahl des Friedens erscheinen wird.

Ja, der Westen ist gezwungen, das hinzunehmen, aber stimmen Sie mir zu, dass er alles Mögliche tut, damit die Ukraine diesen langen Zermürbungskrieg gegen die Russische Föderation durchsteht und standhält. Ich möchte Sie daran erinnern, dass die Russische Föderation trotz dieser brutalen Angriffe auf Kyiv und andere ukrainische Städte diese Angriffe gerade deshalb durchführt, weil ihre militärischen Ziele nicht erreicht werden. Und solange die militärischen Ziele nicht erreicht sind, gibt es bislang keinen Grund anzunehmen, dass der Krieg endet oder dass Russland ihn gewinnen kann.

Frage: Gegen wen wäre es für Putin in seiner verdrehten Logik folgerichtig, Atomwaffen einzusetzen?

Portnikov: Nun, wissen Sie, ich weiß nicht gegen wen, aber wenn es um das Kaliningrader Gebiet geht, könnten natürlich Atomwaffen gegen Polen oder Litauen oder gegen irgendwelche militärischen Einrichtungen auf deren Territorium eingesetzt werden. Wir verstehen doch, dass, wenn man tatsächlich die Kaliningrad-Frage ins Zentrum stellt, man sich auf irgendetwas vorbereitet, sagen wir auf den Suwałki-Korridor, auf irgendeine provokative Entsendung von Truppen auf das Territorium Polens oder Litauens. Und als Antwort darauf, dass sie sich verteidigen, könnte man Atomwaffen einsetzen und schauen, wie die NATO darauf reagiert. Sollte sich herausstellen, dass die Amerikaner darauf überhaupt nicht reagieren, wird Russland zum König Mitteleuropas. Eine solche Idee könnte dahinterstehen: zu sehen, ob die NATO bereit ist zu reagieren, sie auf die Probe zu stellen.

Frage: Ich habe nur eine Frage: Was wäre gewesen, wenn Russland damals in die NATO aufgenommen worden wäre, als es darum gebeten hat?

Portnikov: Russland hat niemals darum gebeten, in die NATO aufgenommen zu werden. Das ist ein weiterer Unsinn, den Putin erzählt. Auch Stalin schlug vor, ihn in die NATO aufzunehmen, nachdem das Bündnis gegründet worden war. Es gab niemals einen ernsthaften Antrag Russlands auf eine NATO-Mitgliedschaft. Wiederholen Sie diese Propagandafloskeln nicht, denn wenn Russland der NATO hätte beitreten wollen, hätte es einen Antrag stellen müssen, wie alle Länder das getan haben, und mit Reformen beginnen müssen, damit seine Streitkräfte den NATO-Standards und der Staat selbst demokratischen Kriterien entsprechen. Was heißt „in die NATO aufgenommen“? In die NATO wird man nicht einfach aufgenommen. Der Staat muss demokratisch sein und die Kriterien erfüllen, und die Streitkräfte müssen die Kriterien erfüllen. Haben wir jemals etwas davon gehört? Gab es jemals auch nur einen einzigen offiziellen Antrag der Russischen Föderation auf NATO-Mitgliedschaft?

Frage: Wird der Westen die Ukraine nach dieser Erklärung Putins wirklich ihrem Schicksal überlassen, allein mit Russland?

Portnikov: Danke. Ich denke, diese Frage beschäftigt alle. Nein, der Westen wird die Ukraine nicht ihrem Schicksal überlassen und sie nicht allein mit Russland lassen, weil man im Westen sehr gut versteht, dass ein solches Vorgehen dazu führen würde, dass Russland den Westen anschließend von ukrainischem Territorium aus angreift. Deshalb teilen sich die westlichen Politiker in zwei Gruppen. Die eine Gruppe ist der Ansicht, dass die Ukraine ihre Souveränität verteidigen, das militärische Potenzial der Russischen Föderation verringern und für sich und ihre Nachbarn Sicherheit schaffen muss. Die andere Gruppe ist der Ansicht, dass die Ukraine ein Pufferstaat sein muss. Und darüber könne man sich dann ebenfalls mit dem Kreml verständigen. Aber Menschen, die sagen würden: „Lasst uns die Ukraine ihrem Schicksal überlassen, soll sie eben verschwinden, und die Russen sollen von Uschhorod aus mit Atomwaffen auf uns schießen“, solche Menschen gibt es nicht. Solche Idioten gibt es nicht, nicht einmal unter denen, die Geld vom Kreml bekommen. Das sind die beiden unterschiedlichen Positionen.

Frage: War die Welt während des Kalten Krieges an derselben Eskalationsgrenze wie heute? Wann war es Ihrer Meinung nach gefährlicher, heute oder damals?

Portnikov: Die Welt befand sich während des Kalten Krieges an derselben Eskalationsgrenze wie heute. Einen solchen Moment gab es beispielsweise während der Herrschaft Josef Stalins in der Sowjetunion. Einen solchen Moment gab es während der Kubakrise. Mit der Zeit, als das sowjetische Regime, würde ich sagen, zu degenerieren begann, verschwand diese unmittelbare Gefahr. Aber zweifeln Sie nicht daran, dass während des Kalten Krieges jederzeit die Möglichkeit bestand, dass ein Dritter Weltkrieg unter Einsatz von Atomwaffen beginnt.

Frage: Warum stimmen unsere Abgeordneten nicht für Gesetze, die es der Ukraine ermöglichen würden, europäische Unterstützung zu erhalten?

Portnikov: Ich selbst würde gern eine Antwort auf diese Frage bekommen. Aber ich denke, indirekt liegt die Antwort darin, dass ein großer Teil dieser Gesetze gerade deshalb verzögert wird, weil im Land eine Machtvertikale sowjetischen Typs aufgebaut wurde und der Mensch an der Spitze dieser Vertikale seine Befugnisse nicht verlieren will, wenn man es einfach ausdrückt. Und ich möchte Sie daran erinnern, dass die Ukrainer, die postsowjetisch geprägte Menschen sind, 2019 gerade für diese Machtvertikale gestimmt haben, weil der Glaube daran, dass wir einen guten Präsidenten haben werden, der alles für uns regelt, in den vernebelten Köpfen vieler unserer Landsleute erhalten geblieben war. Deshalb wollten sie nicht einmal besonders, dass die Macht geteilt wird, denn für uns ist es, wie Sie ebenfalls sehr gut wissen, immer ein negatives Element des politischen Lebens, wenn die Macht geteilt ist oder wenn es eine Position des Parlaments und eine Position der Regierung gibt, die sich von der Position des Präsidenten unterscheidet. In der ukrainischen politischen Sprache nennt man das Streit und Gezänk. Die Ukrainer verstehen nicht, was Kompromiss bedeutet, was Interessenausgleich bedeutet, was eine Koalition bedeutet, weil sie alle – nun, die meisten Menschen – aus dem Prokrustesbett der Sowjetunion hervorgegangen sind und ihre Kinder entsprechend erzogen haben. Und solange bei den Ukrainern kein europäisches politisches Denken entsteht, wird natürlich niemand solche europäischen Gesetze verabschieden wollen, die eine solche Gewaltenteilung garantieren.

Frage: Ich möchte Sie nach dem Zeitpunkt von Putins Erklärung fragen. Es ist doch kein Zufall, dass sie gerade jetzt, mitten in Trumps Präsidentschaft, erfolgt. Bedeutet das, dass es in den nächsten zwei Jahren Krieg geben wird?

Portnikov: Nun, ich glaube, ich habe auch in diesen Sendungen schon gesagt, dass Putin bis 2028 ein Zeitfenster zum Handeln hat. Denn wenn bis 2028 kein Krieg in Europa beginnt, könnte der neue Präsident der Vereinigten Staaten, der 2029 ins Amt kommt, ganz anders reagieren als Trump, selbst wenn es ein Republikaner sein sollte. Aber grundsätzlich steuern die Republikaner dank Donald Trumps Politik auf eine vernichtende, ich würde sagen endgültige Niederlage zu. Was ihnen eigentlich bereits zuvor, noch vor dem Auftauchen Trumps, hätte widerfahren sollen, nämlich der Zusammenbruch als politische Kraft infolge der demografischen Gesetzmäßigkeiten in den Vereinigten Staaten, könnte 2028 unausweichlich eintreten.

Vielleicht hat ihnen also die Umgestaltung von einer konservativen zu einer ultrarechten Partei nicht geholfen. Vielleicht hat das Entstehen der MAGA-Bewegung nicht geholfen. Vielleicht hat gerade das den Niedergang beschleunigt. Und deshalb könnte ein neuer Präsident der Vereinigten Staaten Putin große Angst machen. Andererseits müssen Sie verstehen, dass Putin erkennt, dass er den Krieg gegen die Ukraine nicht gewinnt, wirtschaftliches Potenzial verliert und darüber wütend ist. Und in seiner Wut versucht er, die Europäer einzuschüchtern, in denen er derzeit die wichtigsten Förderer seiner in einer solchen Situation unvermeidlichen Niederlage sieht. Insofern kann darin grundsätzlich eine gewisse Logik liegen. Und deshalb bereitet er, wie Sie verstehen, in dieser Lage, die sich in der Welt entwickelt hat, neue Kriege vor.

Und da haben Sie noch eine wunderbare Antwort auf eine Frage. Putin wurde in Waldai vorgeschlagen, die Europäische Union auseinanderbrechen zu lassen. Und er sagte: „Das ist gar nicht nötig, sie wird von selbst auseinanderbrechen.“ Da haben Sie einen weiteren Teil der russischen Politik gegenüber den Europäern. Russland stellt keinerlei Bedingungen für eine Wiederherstellung der Beziehungen zu Europa insgesamt oder zu irgendwelchen konkreten Ländern. Aber Russland hofft darauf, dass die Europäische Union von selbst auseinanderfällt.

Nun, während dieser Diskussion wird noch vieles gesagt werden. Wir sprechen ja miteinander, während Putin diese Diskussion in Waldai fortsetzt, deshalb wird er noch vieles sagen, was außerhalb unserer heutigen Sendung liegt. Mir scheint, auch das ist eine völlig offensichtliche Tatsache. Aber grundsätzlich verstehen wir sehr gut, wie gefährlich ein Mensch ist, der seine Ziele nicht erreicht, darüber wütend wird, alle einschüchtert und tobt. Und in den Händen dieses schrecklichen Menschen befinden sich Atomwaffen.

Da haben Sie die ganze Antwort auf die Frage, wozu diese Rede diente. Und hier stellt sich immer die Frage, ob Putin tatsächlich endgültig den Verstand verloren hat, was unter den Bedingungen, dass er sich bereits seit viereinhalb Jahren in einem großen Krieg befindet und nichts von dem eingetreten ist, worauf er gehofft hatte, ebenfalls durchaus möglich ist. Oder ob dieser Widerling nur den Wahnsinnigen spielt, um daraus Vorteile zu ziehen, damit alle glauben, er sei verrückt. Er folgt damit einem Rezept Trumps: „Sollen sie glauben, dass ich verrückt bin, dann werden sie mir zustimmen.“ Die Menschen sollen glauben, dass er verrückt ist, und ihm dann Zugeständnisse machen, insbesondere aufhören, uns zu unterstützen.

So sieht also dieser Auftritt des Präsidenten der Russischen Föderation in Waldai aus. Ich sage noch einmal, dass dies eine wichtige Rede ist, keine nebensächliche Rede, die von einer zunehmenden Aggressivität in Putins Handeln zeugt, von seinem Versuch, nicht nur die NATO, sondern inzwischen auch den Westen einzuschüchtern. Auch das ist meines Erachtens völlig offensichtlich.

Zum Abschluss unseres Gesprächs möchte ich Sie dazu aufrufen, die Streitkräfte der Ukraine zu unterstützen. Ich möchte daran erinnern, dass in den kommenden schwierigen Jahren der erbitterten russisch-ukrainischen Konfrontation und auch dann, wenn die heiße Phase des Krieges in eine Phase ausgesetzter Kampfhandlungen übergeht, und in den kommenden schwierigen Jahrzehnten lediglich der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine fortbesteht, die Streitkräfte der Ukraine die wichtigste Garantie für den Erhalt der ukrainischen Staatlichkeit und dafür bleiben werden, dass das ukrainische Volk auf dem Land leben kann, das der Feind für historisches Territorium Russlands hält. Vergessen Sie das niemals.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Виступ Путіна на Валдаї: головне | Віталій Портников. 01.10.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 01.10.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Der baltische Weg. Vitaly Portnikov. 06.09.2026.

Балтійський шлях. Віталій Портников. 06.09.2026.

Eine Sendung mit einer bekannten estnischen Politikerin und Diplomatin im Moskauer Studio von Radio Liberty ließ keinen Skandal erwarten – bis zu dem Moment, als einer der Zuhörer die Gästin nach den autoritären Tendenzen in der Entwicklung Estlands vor dem Krieg fragte. Die Reaktion fiel sehr scharf aus – die Gästin fasste diese Frage als Provokation auf, zu einem Zeitpunkt, als die offizielle russische Propaganda buchstäblich auf Schritt und Tritt über die Ereignisse in Estland log.

Doch diese Reaktion ändert nichts an der Wahrheit: Zum Zeitpunkt der sowjetischen Besetzung waren Estland und die benachbarten baltischen Länder Lettland und Litauen keine Demokratien, sondern klassische autoritäre Regime mit aufgelösten Parlamenten, verhafteten politischen Gegnern und einem verkommenen öffentlichen Leben. Alle Entscheidungen wurden in jedem dieser Länder von einer einzigen Person getroffen, die von der Richtigkeit ihrer Einschätzungen überzeugt, häufig nicht in der Lage war, das Ausmaß der Bedrohungen einzuschätzen, und vor allem daran interessiert war, die eigene Macht zu erhalten.

Natürlich begann die Zeit von Konstantin Päts in Estland, Antanas Smetona in Litauen und Kārlis Ulmanis in Lettland den Zeitgenossen im Vergleich zu all dem Grauen, das nach der bolschewistischen und der nationalsozialistischen Besetzung begann, als ein wahrhaft goldenes Zeitalter zu erscheinen – zumal Päts und Ulmanis als Geiseln des sowjetischen Regimes einen qualvollen Tod starben. Aber auch das ändert nichts an der Tatsache, dass die Gefahr unterschätzt und die Absichten des Kremls nicht verstanden wurden. Beispiele für Fehler lassen sich viele anführen, und der wichtigste davon war die Zustimmung zur Einrichtung sowjetischer Stützpunkte in den baltischen Ländern bereits 1939. Nach der sowjetischen Besetzung setzte sich die Auffassung durch, dass die baltischen Staatschefs schlicht keine Chance gehabt hätten, sich Stalins Diktat zu widersetzen. Aber offen gesagt leisteten sie auch nicht allzu viel Widerstand, weil sie glaubten, der sowjetische Diktator werde sie vor Hitler schützen – die Möglichkeit, zu einer deutschen Provinz zu werden, erschien 1939 als eine wesentlich ernstere Bedrohung als die Verwandlung in eine Sowjetrepublik. Infolgedessen befanden sich die Besatzungstruppen bereits vor der Besetzung in den Ländern, die später besetzt werden sollten. Das war eine echte Falle, und die Staatschefs wurden davor gewarnt, doch sie hatten sich daran gewöhnt, alternative Standpunkte nicht zu beachten.

Ein weiterer großer Fehler war die Legitimierung der Besetzung. Der lettische Präsident Kārlis Ulmanis etwa forderte seine Landsleute auf, „auf ihren Plätzen zu bleiben“, und betonte, dass auch er selbst auf seinem Platz als Staatsoberhaupt bleibe. Das entsprach nicht der Wahrheit – Ulmanis verlor seine Macht und war gezwungen, die Marionettenregierung Lettlands zu bestätigen. Dennoch galt er formal weiterhin als Staatsoberhaupt, bis zu den Pseudowahlen zum sogenannten Volkssaeima, das schließlich den Beschluss über den Beitritt zur UdSSR fasste.

Man kann natürlich der Ansicht sein, dass die baltischen Diktatoren keine Wahl hatten – doch das stimmt nicht. Die lettische Armee war beispielsweise größer und stärker als die finnische Armee – aber um sich zum Widerstand zu entschließen, brauchte es einen nationalen Konsens, der in einem demokratischen Land wesentlich leichter zu erreichen ist. Deshalb gelang es den Finnen auch, sich unter weitaus ungünstigeren Bedingungen zu verteidigen. Ulmanis und der estnische Präsident Päts waren jedoch der Ansicht, dass Widerstand keinen Sinn haben würde. Der litauische Präsident Smetona, der das Land 14 Jahre lang allein regiert hatte und als Führer der Nation galt, forderte dagegen tatsächlich, zu kämpfen – nicht vom Volk, sondern von seinen Mitstreitern. Doch er erhielt keine Unterstützung von seinem eigenen Regime und entschied sich zur Emigration. Der amtierende Präsident Litauens Antanas Merkys wiederum handelte wie Ulmanis und legitimierte die Besatzungsregierung.

Wir wissen nicht, ob die baltischen Staatschefs Stalin hätten aufhalten können – doch unter den Bedingungen demokratischer Gesellschaften und eines ehrlichen Dialogs mit der Nation, bei einer Bündelung der Kräfte der baltischen Länder – die ein Bündnisabkommen unterzeichnet hatten, das jedoch niemals umgesetzt wurde – hätten sie wesentlich bessere Chancen gehabt. Zumindest hätten sich die baltischen Länder möglicherweise einfach nicht in Sowjetrepubliken verwandelt, was die Möglichkeit einer demografischen Besetzung in den Nachkriegsjahren ausgeschlossen hätte. Doch all das sind Annahmen. Die Geschichte nahm einen anderen Verlauf.

Und für die Ukrainer ist das Wichtigste, nicht erneut auf diesen Weg zu geraten. In einer Gesellschaft, von deren Angehörigen ein großer Teil in der Zeit des sowjetischen Autoritarismus aufgewachsen ist, gibt es bis heute kein klares Verständnis dafür, dass ein Regime persönlicher Macht immer ein Weg zu Fehlern und Niederlagen ist. Ja, es kann auch erfolgreiche Entscheidungen geben, wie bei einer Lotterie. Doch wenn es kein System der gegenseitigen Kontrolle gibt, wenn es keine alternativen Meinungen gibt, wenn schon das Verständnis nationaler Einheit als Suche nach einem Kompromiss und der richtigen Entscheidung fehlt, ist der Zusammenbruch vorhersehbar. Und ja, in einem solchen Herrschaftssystem leben wir bereits seit vielen Jahren – und können bis zum Ende des Krieges darin leben, der in diesem Fall keineswegs unbedingt zu unseren Gunsten enden wird.

Und nein, kompetente Entscheidungen, ein funktionierendes Parlament und eine verantwortungsbewusste Regierung lassen sich nicht durch effektvolle Auftritte, Zeitschriftencover und den Glauben an die eigenen Fähigkeiten ersetzen. All das kann kurzfristig Wirkung zeigen – und führt anschließend zu wachsendem Misstrauen und neuen Fehlern. Kein Applaus kann ein System funktionierender Staatsführung ersetzen – selbst wenn einem sämtliche Parlamente Europas und der Kongress applaudieren. Natürlich kann man diesen Applaus in Friedenszeiten zum Bestandteil des eigenen Images machen – zusammen mit Straßen und Versprechungen. Aber im Krieg entscheiden nur der Soldat und das Eisen. Wenn es an Menschen und Waffen fehlt, wenn falsche Entscheidungen getroffen werden, wenn Professionalität durch Loyalität ersetzt wird und Loyalität zu Korruption führt, werden Applaus und Versprechungen nicht helfen.

Die baltischen Länder verloren ihre Freiheit für lange 50 Jahre, doch nach deren Wiederherstellung erinnerten sich ihre Bürger dankbar an ihre letzten „eigenen“ Präsidenten und beschlossen, sich nicht auf den autoritären Charakter ihrer Regime zu konzentrieren. Wenn die Ukraine standhält, werden wir über die Fehler und nicht über die Erfolge des sechsten Präsidenten der Ukraine sprechen – am Charakter des ukrainischen Volkes habe ich keinen Zweifel.

Aber das ist weitaus besser, als in einem Gefängnis der Tschekisten getötet und ein halbes Jahrhundert später mit der Aura des letzten Staatschefs eines freien Landes in Erinnerung gerufen zu werden.


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Titel des Originals: Балтійський шлях. Віталій Портников. 06.09.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung/ Entstehung: 06.09.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Das ukrainische Paradox. Vitaly Portnikov. 09.08.2026.

Український парадокс. Віталій Портников. 0908.2026.

Wenn Putin beginnt, über die Ukraine zu sprechen, die angeblich von Lenin erfunden worden sei, oder über die von Stalin „verschenkten“ Gebiete, nehmen wir das als propagandistischen Unsinn wahr – schließlich kennen wir die Geschichte der Ukraine und des ukrainischen Volkes weit besser als er und, was am wichtigsten ist, wir verstehen sie auch.

Doch in Putins Äußerungen steckt eine Botschaft, die nicht nur an uns gerichtet ist. Der russische Präsident versucht verzweifelt zu begreifen, warum ihm mit der Ukraine nichts gelungen ist. Denn scheinbar hätte es überhaupt keine besonderen Probleme geben dürfen. Eine riesige Zahl russischsprachiger Menschen lebte jahrhundertelang innerhalb des Russischen Reiches und der UdSSR und stimmte auch nach der Unabhängigkeit weiterhin für offen prorussische Politiker und deren Kurs. Die Wahl von Volodymyr Zelensky zum Präsidenten, der wenige Jahre zuvor Festkonzerte in Ostankino moderiert und in Filmen mitgewirkt hatte, die sowohl für das russische als auch für das ukrainische Publikum bestimmt waren – man ging definitionsgemäß davon aus, dass es sich um dieselben Zuschauer handelte, „ein Markt“. Aus Putins Sicht konnte sich Zelensky ebenso wie zuvor Kutschma von der Macht verführen lassen oder sich „vor den Nationalisten fürchten“. Aber die Menschen, die ihn gewählt hatten – die „Wählerschaft“ –, waren doch dieselben geblieben! Warum hat es weder 2004 noch 2022 funktioniert?

Auf der Suche nach einer Antwort versucht Putin, die Verantwortung auf die Bolschewiki, auf Lenin und auf die Konstruktion der Sowjetunion selbst abzuwälzen. Aber was hat Lenin für die Ukraine tatsächlich getan?

Erinnern wir uns daran, wie das Bewusstsein der Bewohner der künftigen Ukraine im Jahr 1917 aussah. Die nationale Bewegung auf dem Gebiet des Russischen Reiches war recht schwach; in den ukrainischen Gouvernements stützte sie sich traditionell auf den ländlichen Raum. Die meisten ukrainischen Politiker träumten nicht von einem eigenen Staat, sondern von einer territorialen Autonomie innerhalb eines neuen Russlands.

Das Jahr 1917 veränderte alles, vor allem die Positionen jener Politiker, die über territoriale Autonomie nachgedacht hatten. Der bolschewistische Umsturz schuf die Möglichkeit, einen neuen Staat auszurufen. Doch ein großer Teil der Bevölkerung, der auf dem Gebiet des ausgerufenen ukrainischen Staates lebte, behielt sein imperiales Bewusstsein bei. Dieses teilte sich sowohl in Anhänger als auch in Gegner der bolschewistischen Macht.

Nach ihrem bewaffneten Sieg über die politischen Gegner in Russland versuchten die Bolschewiki, die Gefahr nationaler Bewegungen zu verringern. So entstand die Idee territorialer Autonomien, die im Fall der besetzten neuen Staaten in Form von Sowjetrepubliken verwirklicht wurden, die sich mit dem roten Russland zu einer Union zusammenschließen sollten. Stalin schlug vor, die Republiken als autonome Gebilde in Russland einzugliedern – so wie heute Tatarstan oder Tschuwaschien Teil Russlands sind. Lenin jedoch stimmte unter dem Einfluss unter anderem des Vorsitzenden des Rates der Volkskommissare der Ukrainischen SSR, Christian Rakowski, der den Status als Regierungschef einer souveränen sowjetischen Ukraine nicht verlieren wollte, einem anderen Konzept zu: Die Republiken gründen gemeinsam einen neuen Staat – die Sowjetunion.

Tatsächlich war dies dasselbe Russland unter einem neuen Namen und unter der Herrschaft einer einzigen Partei. Formal konnten die Bewohner der sowjetischen Ukraine, die sich als Ukrainer empfanden, jedoch glauben, sie lebten in einem ukrainischen Staat – wenn auch unter den Bolschewiki. Für diejenigen aber, die keinerlei ukrainisches Nationalbewusstsein besaßen, änderte sich scheinbar ebenfalls nichts: Sie lebten weiterhin auf dem Gebiet des Imperiums. Und für die Bewohner Russlands selbst änderte sich erst recht nichts – sie nahmen den vereinten Staat weiterhin als Großrussland unter einem anderen Namen wahr.

Nach Lenins Tod und seinem Sieg über die politischen Gegner ging Stalin, der bekanntlich Volkskommissar für Nationalitätenfragen gewesen war, von der Nationalisierung des Lebens in den Unionsrepubliken zur Vereinheitlichung über. Dieses Paradigma wurde durch den Zweiten Weltkrieg etwas verändert, als die Führung die Unterstützung aller Völker des Imperiums brauchte und nicht nur die der Russen. Im Fall der Ukraine führte dies zur Einführung des Bogdan-Chmelnyzkyj-Ordens (der Hetman war nun kein Feudalherr mehr, der sein eigenes Volk verraten hatte, sondern ein Kämpfer für dessen Eigenständigkeit) sowie zur Duldung patriotischer Werke ukrainischer Schriftsteller. Nach dem Krieg wurde diese Linie zugunsten einer neuen Russifizierung wieder aufgegeben. Doch noch vor dem deutschen Angriff beging Stalin den historischen Fehler, an den auch Putin erinnert: die Angliederung der westukrainischen Gebiete, in denen die Ukrainer über eine ausgeprägte nationale und politische Identität verfügten. Diese Menschen fanden sich plötzlich in einem künstlichen Staat mit ukrainischen Attributen, aber ohne ukrainischen Inhalt wieder. Für die meisten von ihnen war die Ukraine ein Staat und keine bloße Verwaltungseinheit – und das verband die neuen Bürger der Sowjetunion mit jenen Ukrainern, die genau diese Vorstellung von ihrem Land vertraten.

Doch was geschah mit den anderen? Mit jenen, für die eine solche Ukraine keinen besonderen Wert besaß?

Diese Menschen lebten mehrere Generationen lang in der Ukrainischen SSR, die für sie ein Teil der Sowjetunion war – aber keineswegs Russland. Schon dadurch unterschieden sie sich von den Bewohnern der benachbarten Russischen SSR, für die alles in der UdSSR Russland war – von Estland bis Turkmenistan. Und die Ukraine erst recht, denn sie war schließlich die „Wiege der drei slawischen Völker“, die Rus, also Russland.

Deshalb sollte man sich nicht wundern, dass die Ukrainer mit einer ausgeprägt administrativ-territorialen Identität am 1. Dezember 1991 genauso abstimmten wie die Ukrainer mit einer national-politischen Identität, als die Sowjetunion verschwand. Und ebenso wenig sollte man sich darüber wundern, dass die Russen – buchstäblich alle, von Gorbatschow und Jelzin bis zum Schlosser in Nischni Tagil – darüber erstaunt waren. Das lag nicht daran, dass sie nichts von ukrainischen Nationalisten wussten. Im Gegenteil – sie wussten, dass es sie irgendwo gab, in Lwiw oder Kyiv. Aber es waren doch eindeutig weniger. Warum also stimmten alle anderen so? Warum haben sie „verraten“? Das verstanden die Russen nicht. Noch interessanter ist jedoch, dass auch die Ukrainer selbst das nicht verstanden. Die Ukrainer mit national-politischer Identität betrachteten das Abstimmungsergebnis als Triumph der nationalen Idee. Die Ukrainer mit administrativ-territorialer Identität hingegen meinten, sie hätten einfach deshalb richtig abgestimmt, weil die Ukraine eben nicht Russland sei. Und nun müsse man einfach weiterleben wie bisher und gute Beziehungen zu Russland aufbauen – wozu sonst habe man schließlich die GUS gegründet?

Die ukrainische Unabhängigkeit wurde also überhaupt erst dadurch möglich, dass Menschen mit ganz unterschiedlichen Motiven sie unterstützten. Für die einen war die Ukraine ein Nationalstaat. Für die anderen ein Land, das jahrzehntelang innerhalb der administrativen Grenzen der Ukrainischen SSR existiert hatte. Sie beantworteten die Frage, was die Ukraine sei, unterschiedlich. Sie gaben dieselbe Antwort auf die Frage, ob sie existieren solle. Und völlig unterschiedlich beantworteten sie die Frage, wie sie aussehen solle.

In den folgenden Jahrzehnten werden all diese Gruppen in ihren eigenen Paradigmen leben, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, einander zu verstehen. Die Russen werden versuchen, den 1. Dezember zu vergessen, den Zusammenbruch der Sowjetunion auf die Vereinbarungen Jelzins, Krawtschuks und Schuschkewitschs in Belarus zu reduzieren und zur Idee eines einheitlichen Staates zurückzukehren, in dem die Ukraine zunächst wieder Teil eines Unionsstaates und später einfach Teil Russlands werden soll. Denn im russischen politischen Denken setzt sich endgültig die chauvinistische Sichtweise durch, nach der selbst die faule Kompromisse der Sowjetunion ein Fehler waren und das Russische Reich der vorrevolutionären Zeit das Ideal darstellt. Die Ukrainer mit national-politischem Denken werden versuchen, einen wirklich ukrainisch geprägten Staat aufzubauen, der Teil Europas wird und zugleich ukrainischsprachig und von ukrainischer Kultur geprägt ist. Beide unserer Maidan-Bewegungen handelten in erster Linie davon. Die Ukrainer mit administrativ-territorialem Denken hingegen werden sich vor allem wünschen, dass man sie in Ruhe lässt. Dass sie in einem komfortablen Staat leben, bei Bedarf in Moskau Geld verdienen, in Italien oder Frankreich Urlaub machen, die Sprache sprechen können, die ihnen gefällt, und in eine Kirche gehen, ohne sich dafür zu interessieren, ob sie russisch oder ukrainisch ist. Und dass sie vor allem von jenen Ukrainern in Ruhe gelassen werden, die sie für Nationalisten halten.

Die Ukrainer mit administrativ-territorialer Identität weigern sich aber zu glauben, dass die Russen sie nicht in Ruhe lassen werden. 

Diese unterschiedlichen Vorstellungen von der Ukraine wurden bei nahezu allen Präsidentschafts- und Parlamentswahlen von Politikern und politischen Strategen ausgenutzt – vor allem von russischen. Bei den Wahlen von 2019 wurde die administrativ-territoriale Identität erneut zur politischen Entscheidung der überwältigenden Mehrheit der Bürger. Vor der Wahl versprach Präsidentschaftskandidat Volodymyr Zelensky, das gerade verabschiedete Sprachgesetz sorgfältig zu überprüfen. Auch der Konflikt mit Russland schien kurz vor seinem Ende zu stehen – schließlich würde man sich ohne „Nationalisten“ an der Macht mit Moskau leicht einigen können. Daran glaubten buchstäblich alle. An den praktisch unvermeidlichen Beginn eines großen Krieges glaubte buchstäblich niemand. Doch der Krieg begann. Und erneut zeigte sich, dass sich im entscheidenden Moment, als es um die Existenz der Ukraine ging, die Ukrainer mit national-politischer Identität mit den Ukrainern mit administrativ-territorialer Identität gegen die Russen zusammenschlossen – genau wie am 1. Dezember 1991. Putin verstand nicht, was schon Gorbatschow nicht hatte verstehen können, als dieser unmittelbar vor dem Referendum in seinem ersten Interview für das ukrainische Fernsehen gegen die Unabhängigkeit agitierte: Dieses Land ist für uns alle wertvoll, ganz gleich, wie wir es wahrnehmen und wer wir sind.

Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass wir sowohl während des Krieges als auch nach ihm in einem Land leben werden, in dem diese beiden Identitäten – die national-politische und die administrativ-territoriale – mit immer verschwommeneren Grenzen weiterhin miteinander konkurrieren werden.

Die Ukrainer mit national-politischer Identität werden sich weiterhin fragen, woher die jungen Menschen kommen, die weiterhin Russisch sprechen, zu Tausenden auf Konzerte von Max Korzh gehen und um Monetotschka weinen. Sie werden sich darüber wundern, dass diese Menschen im Grunde weiterhin russischkulturell geprägt bleiben, auch wenn sie weder von Bulgakow noch von Kirkorow jemals etwas gehört haben.

Die Ukrainer mit administrativ-territorialer Identität werden sich hingegen über etwas anderes wundern: Warum können sich die „Nationalisten“ einfach nicht beruhigen? Schließlich hindert sie niemand daran, Ukrainisch zu sprechen, Wakartschuk oder Boombox zu hören. Warum also, aus ihrer Sicht, allen anderen die ukrainische Sprache aufzwingen?

Man kann nur hoffen, dass die Generationen, die den Krieg gemeinsam erleben werden, diesen kulturellen Unterschieden gelassener begegnen als die Menschen der Vorkriegszeit – weil sie gemeinsame Prüfungen verbinden werden und nicht nur eine gemeinsame kulturelle Welt.

Ich wage jedoch nicht zu sagen, wie die Ukraine nach dem Krieg aussehen wird. Schon deshalb nicht, weil niemand von uns weiß, wann der Krieg enden wird, in welchen Grenzen der ukrainische Staat bestehen wird, wie groß seine Bevölkerung sein wird und aus welchen Regionen die Mehrheit seiner Einwohner stammen wird.

Doch dass wir in einem Staat so unterschiedlicher Identitäten leben, müssen wir als Tatsache akzeptieren. Wir können den Einfluss der national-politischen Identität durch staatliche Bildungs- und Kulturpolitik stärken. Wir müssen jedoch verstehen, dass dies in erster Linie ein Weg ist, die ukrainische nationale Identität aus jener Marginalität herauszuführen, in die sie von den Imperien gedrängt wurde. Zum schnellen Verschwinden der administrativ-territorialen Identität der Ukrainer wird dies nicht führen.

Eine Ukraine, in der die national-politische Identität nicht nur die vorherrschende, sondern die einzige sein wird, ist keine Angelegenheit der nächsten Jahre.

Wir können auch weiterhin darüber streiten, wie unser Staat aussehen soll. Solange jedoch die Mehrheit der Ukrainer dieselbe Antwort auf die Frage gibt, ob er überhaupt existieren soll, hat die Ukraine eine Zukunft.


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Titel des Originals: Український парадокс. Віталій Портников. 09.08.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 09.08.2026.
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Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Vitaly Portnikov: Wenn man im Kreml den Nachbarn vorwirft, was Stalin ihnen geschenkt habe, sollte man sich zuerst daran erinnern, was Stalin ihnen genommen hat. 30.07.2026.

Виталий Портников: Когда в Кремле попрекают соседей тем, что Сталин подарил, пусть вспомнят о том, что Сталин отобрал. 30.07.2026.

Stalin gliederte den lettischen Kreis Abrene Russland an – bereits nach der Besetzung Lettlands. Und Iwangorod – bereits nach der Besetzung Estlands. Niemand hielt es auch nur für nötig, den Bewohnern der „brüderlichen“ Lettischen SSR und der Estnischen SSR zu erklären, warum ein Teil des Territoriums dieser neuen Unionsrepubliken plötzlich zu Russland gehörte.

Während einer seiner jüngsten Reden erklärte Wladimir Putin, die westlichen Regionen der Ukraine seien angeblich ein Geschenk Stalins gewesen, der nicht einmal daran gedacht habe, dass die Sowjetunion eines Tages aufhören würde zu existieren.

Natürlich handelt es sich dabei um die übliche pseudohistorische Manipulation des russischen Präsidenten. Stalin dachte tatsächlich wohl kaum daran, dass die Sowjetunion zerfallen könnte. Für ihn existierte jedoch keine Ukraine als eigenständige Größe. Den Status der Unionsrepubliken betrachtete er seit seiner berühmten Auseinandersetzung mit Lenin mit Verachtung. Damals bestand Stalin, zu jener Zeit noch Volkskommissar für Nationalitätenfragen Sowjetrusslands, darauf, dass alle Sowjetrepubliken als autonome Republiken in die Russische SFSR eingegliedert werden sollten.

Die Angliederung der besetzten Gebiete Polens gerade an die Ukraine (und Belarus) diente Stalin ausschließlich dazu, sein Bündnis mit Adolf Hitler zu rechtfertigen. Die Ukrainer hatten damit überhaupt nichts zu tun. Doch bereits zwei Jahrzehnte vor den Ereignissen, an die Putin erinnerte, hatten sie die Westukrainische Volksrepublik ausgerufen und für ihre Staatlichkeit gekämpft. Stalin nutzte den Kampf des ukrainischen Volkes lediglich für die Interessen eines ganz anderen Staates – Russlands, das die Sowjetunion in Wirklichkeit war. Und gerade diesem Staat machte er die meisten Geschenke, über die Putin lieber schweigt.

Die Bolschewiki schenkten Sowjetrussland das ukrainische Taganrog und dessen Umgebung. Anton Tschechow bezeichnete sich nicht zufällig als Ukrainer – die Mehrheit der Bevölkerung seiner Heimat stammte tatsächlich von Ukrainern ab. Die Russifizierung erfolgte erst nach dem Anschluss an die Russische SSR.

Unter dem Vorwand der nationalen Interessen der Ukrainer oder Belarussen stärkte Stalin den Staat, den er beherrschte. Die Bewohner der annektierten Gebiete hingegen wurden zu Stiefkindern ihrer neuen Heimat, waren Repressionen und selbstverständlich der Russifizierung ausgesetzt.

Stalin gliederte einen riesigen Teil Finnlands Russland an – die einheimische Bevölkerung verließ die eroberten Städte und Dörfer einfach.

Stalin gliederte den lettischen Kreis Abrene Russland an – bereits nach der Besetzung Lettlands. Und Iwangorod – bereits nach der Besetzung Estlands. Niemand hielt es auch nur für nötig, den Bewohnern der „brüderlichen“ Lettischen SSR und der Estnischen SSR zu erklären, warum ein Teil des Territoriums dieser neuen Unionsrepubliken plötzlich zu Russland gehörte.

Stalin gliederte Tannu-Tuwa Russland an, heute bekannt als die Heimat Sergej Schoigus. Tannu-Tuwa war Teil des chinesischen Territoriums, geriet jedoch unter ein selbsternanntes russisches Protektorat, woraufhin die Bolschewiki dort eine Marionetten-Volksrepublik ausriefen. Doch selbst das genügte ihnen nicht: Tannu-Tuwa wurde schließlich zu einem autonomen Gebiet der Russischen SFSR.

Stalin gliederte einen Teil Ostpreußens Russland an, obwohl zwischen dem nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffenen Kaliningrader Gebiet und dem übrigen Territorium der Russischen SFSR nicht einmal eine gemeinsame Grenze bestand. Er „schenkte“ es weder Litauen noch Polen – sondern Russland. Und Putin behauptet noch, Stalin habe nicht an den Zusammenbruch der Sowjetunion gedacht. Im Gegenteil: Er dachte sehr wohl daran und traf zahlreiche Vorkehrungen. Überall, wo es möglich war, stellte er geopolitische Fallen auf – und in den 1990er-Jahren begannen die darin hinterlassenen Minen zu explodieren.

Zwischen den „Geschenken“ für die Ukrainer und andere Völker der Sowjetunion und den Geschenken für die Russen gibt es jedoch einen grundlegenden Unterschied. Indem Stalin die nationalen Interessen der Ukrainer oder Belarussen ausnutzte, stärkte er den Staat, den er regierte. Die Bewohner der annektierten Gebiete wurden zu Stiefkindern ihrer neuen Heimat, waren Repressionen und selbstverständlich der Russifizierung ausgesetzt.

Indem der Diktator und seine Nachfolger jedoch Gebiete anderer Länder und Völker der Russischen SSR zuschlugen, verwandelten sie diese in Russland. Und genau das tun sie bis heute, indem sie den Ukrainischunterricht in Regionen mit einem ukrainischen Bevölkerungsanteil von 90 Prozent abschaffen oder eine stärkere Vermittlung der russischen Sprache in einer Republik verlangen, deren Bevölkerung zu 90 Prozent aus Tuwinern besteht.

Wenn man also im Kreml den Nachbarn vorwirft, was Stalin ihnen geschenkt habe, sollte man sich zuerst daran erinnern, was Stalin ihnen genommen hat.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Виталий Портников: Когда в Кремле попрекают соседей тем, что Сталин подарил, пусть вспомнят о том, что Сталин отобрал. 30.07.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 30.07.2026.
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Buchartschyk. Vitaly Portnikov. 19.07.2026.

Бухарчик. Віталій Портников. 19.07.2026.

Während meiner Schulzeit fand ich zufällig in der Bibliothek eines Freundes eine noch vor dem Krieg erschienene Ausgabe der Kleinen Sowjetischen Enzyklopädie. Mich interessierte, dass man darin Biografien sowjetischer Führungspersönlichkeiten lesen konnte, über die in den offiziellen Quellen nicht berichtet wurde. Und aus irgendeinem Grund blieb mir die Biografie des Mitglieds des Politbüros des ZK der WKP(B), Nikolai Bucharin, im Gedächtnis – einfach deshalb, weil sie nicht im für die letzten Jahrzehnte der Sowjetunion typischen bürokratischen „Kanzleistil“, sondern in normaler menschlicher Sprache geschrieben war. Der Autor des Enzyklopädieartikels nannte Bucharin den „Liebling der Partei“, einen in jeder Hinsicht einfachen und zugänglichen Menschen – von philosophischen Diskussionen bis zum Spiel mit den „Gorodki“.

Die Enzyklopädie wurde in jener kurzen Zeit veröffentlicht, als Stalin mit Hilfe seines damaligen Verbündeten Bucharin bereits mit der sogenannten „linken Opposition“ der Lenin-Gefährten Trotzki, Sinowjew und Kamenew abgerechnet hatte, Bucharin selbst jedoch noch nicht beseitigt hatte. Bucharin erschien als Anhänger eines weitaus „menschlicheren“ Bolschewismus als seine Gegner – nicht umsonst hatte er die Losung „Bereichert euch!“ ausgegeben, die sich vor allem an die Bauern richtete. Doch die Ironie des Schicksals wollte es, dass Stalin Bucharin benutzte, um mit den Anhängern der orthodoxen Auffassung vom Sozialismus abzurechnen, nur um anschließend genau deren politisches Programm umzusetzen – mit Industrialisierung, Kollektivierung und als Folge Repressionen und Hungersnot.

Vor dem Hintergrund dieser Politik und ihrer schrecklichen Folgen konnte Bucharin, der am 15. März 1938 auf dem Schießplatz Kommunarka bei Moskau erschossen wurde, umso mehr als attraktive Persönlichkeit erscheinen. Stalin selbst erinnerte sich in all den Jahren nach seiner Liquidierung immer wieder an ihn und nannte ihn liebevoll „Buchartschyk“, wie in den Zeiten ihrer Freundschaft und Zusammenarbeit. Ich hatte jedoch außer dem Enzyklopädieartikel und den Texten aus der Zeit der Perestroika (einige davon habe ich, wie ich glaube, selbst geschrieben) noch eine kleine Broschüre mit dem stenografischen Protokoll des ersten und zugleich letzten Sitzungstages der Russischen Konstituierenden Versammlung vom 15. Januar 1918.

Dort war Bucharin der Führer der bolschewistischen Fraktion, die in diesem Parlament in der Minderheit war, die jedoch nicht die Absicht hatte, die eroberte Macht wieder abzugeben. „Mögen die herrschenden Klassen und ihre Handlanger vor der kommunistischen Revolution erzittern!“, rief Bucharin. Nach seiner Rede verließen die Bolschewiki den Sitzungssaal und jagten die Konstituierende Versammlung auseinander. Der Bürgerkrieg begann.

Gerade deshalb löste das Bild Bucharins – des großartigen Menschen und Reformers – bei mir keinerlei Bewunderung mehr aus, und seine Erschießung am 15. März 1938 erscheint mir als folgerichtiger Abschluss seines Lebenswegs. Wenn man beginnt, einen Drachen zu füttern, muss man darauf vorbereitet sein, dass dieser Drache einen irgendwann selbst frisst. Doch leider waren die Drachenfütterer in der gesamten Menschheitsgeschichte stets überzeugt, dass der Drache jemand anderen verschlingen werde – nur nicht sie selbst. Und fast immer haben sie sich verrechnet.

Die Gefahr der bolschewistischen Diktatur bestand nicht nur darin, dass sie eine groteske Ideologie aufzwang, die das Privateigentum abschaffte und dem Menschen selbst elementare Freiheiten verweigerte. Gefährlich war sie vor allem deshalb, weil sie keinerlei Meinungsvielfalt anerkannte und vom Bürger die vollständige Zustimmung zu den Ideen des Führers verlangte. Sogar die Partei der „Diener des Volkes“ – die bolschewistische Partei – war von Lenin nach dem Prinzip des „demokratischen Zentralismus“ aufgebaut worden, das heißt nach dem Prinzip der vollständigen Unterordnung der einfachen Mitglieder und der örtlichen Organisationen unter die Entscheidungen der zentralen Führung – ohne jede Diskussion und ohne jeden Zweifel. Deshalb war die Redewendung, man müsse „mit der Parteilinie mitschwanken“, keine spöttische Beschreibung des Opportunismus, sondern eine Überlebensstrategie.

Das Paradoxe an der Situation war, dass die Menschen, die die bolschewistische Partei geschaffen hatten, unter anderen politischen Bedingungen herangewachsen waren als jenen, die sie anderen aufzwingen wollten. Deshalb waren sie bereit, Schweigen und Gehorsam anderen aufzuzwingen – aber nicht sich selbst. Sinowjew, Kamenew, Bucharin und andere hofften, auch dann noch Gehör zu finden, als bereits ein neuer Führer aufgetreten war und ihre Aufgabe nur noch darin bestand, dessen Befehle auszuführen. Doch die Delegierten jenes Parteitags, auf dem all diese Menschen tatsächlich Reue zeigten und Stalin priesen (des XVII. Parteitags der WKP(B) im Jahr 1934, des sogenannten „Parteitags der Sieger“), wurden später vom Diktator fast vollständig erschossen. Bucharin fasste in seiner Rede mit publizistischer Offenheit dieses kollektive Schuldbekenntnis der gestrigen Gegner des Diktators zusammen: „Die Pflicht jedes Parteimitglieds besteht darin, sich um Genossen Stalin zu scharen als die personifizierte Verkörperung von Vernunft und Willen der Partei.“

Von seiner Rede in der Konstituierenden Versammlung bis zu seinem Auftritt auf dem Parteitag vergingen nur sechzehn Jahre, und aus dem brillanten Journalisten und Ökonomen, dem populären Politiker und „Liebling der Partei“ war ein rechtloser Sklave geworden, der schon bald erschossen werden sollte. Aber sollte ich Mitgefühl für diesen bankrotten Theoretiker des Totalitarismus und seine Mitstreiter unter den anderen „Dienern des Volkes“ jener Zeit empfinden?

Denn all diese Menschen, Opfer von Repression und Terror, bereiteten für alle anderen Sklaverei und Tod vor.

Sie wollten, dass ich für immer ein Sklave werde.


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Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Бухарчик. Віталій Портников. 19.07.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 19.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Kurzer Kurs der Geschichte Russlands. Vitaly Portnikov. 01.06.2026.

Короткий курс історії Росії. Віталій Портников. 01.06.2026.

In den Jahren 1917–1920 gingen das Russische Reich und die Hoffnungen auf eine russische Demokratie unter den Schlägen der Bolschewiki zugrunde. Die Macht ging an eine Diktatur über, die sich auf drei Säulen stützte: den Parteiapparat, der den neuen Staat lenkte, den Sicherheitsdienst, der den Roten Terror durchführte, und die Armee, die den Bürgerkrieg gewann.

Zwischen diesen drei Gruppen begannen praktisch von den ersten Tagen ihres Bestehens an ständige Konflikte. Stalin, der die Kontrolle über den Parteiapparat erlangt hatte, konnte nach Lenins Tod die von Trotzki geführte Armee und den Terrorapparat, der zunächst vom unerwartet verstorbenen Dserschinski und später vom hingerichteten Jagoda geleitet wurde, neutralisieren.

Doch Stalin fürchtete die Stärkung des Parteiapparats und setzte deshalb auf ein Bündnis mit den Tschekisten. Deren neue Vertreter vernichteten praktisch den größten Teil der damaligen Nomenklatura sowie einen erheblichen Teil der militärischen Befehlshaber der bereits marginalisierten Armee.

Der Zweite Weltkrieg rückte die Armee erneut in den Vordergrund. Nach dem Krieg versuchte Stalin mithilfe der Tschekisten, ihren Einfluss und die Popularität der berühmtesten „Marschälle des Sieges“ zu marginalisieren. Nach Stalins Tod jedoch zerschlug der Parteiapparat, über den Chruschtschow die Kontrolle erlangte, im Bündnis mit den Militärs unter Marschall Schukow die Organe der Staatssicherheit nahezu vollständig und stellte sie unter die Kontrolle der Partei. Fünf Jahre später entledigte sich Chruschtschow Marschall Schukow und marginalisierte die Armee erneut.

Es begann die Alleinherrschaft des Parteiapparats, die bis zum Ende der 1980er Jahre andauerte, als die Tschekisten ihre Revanche nahmen und die Voraussetzungen für das Verbot der KPdSU schufen.

Im neuen Russland konnten sie nicht sofort an die Macht gelangen und bereiteten sich darauf vor, während die Wirtschaft zerfiel und das Eigentum zugunsten der tschekistischen Netzwerke umverteilt wurde. 1993 rückte die Armee erneut in den Vordergrund, als sie Präsident Jelzin den Sieg über den Kongress der Volksdeputierten sicherte und als wichtigstes Instrument des Tschetschenienkrieges galt. Der Terror, der aus diesem Krieg hervorging, ermöglichte es den Tschekisten jedoch, ihre Positionen zu stärken. Die Macht gelangte für kurze Zeit in die Hände des Föderalen Schutzdienstes, und im Jahr 2000 kam schließlich der Föderale Sicherheitsdienst endgültig an die Macht.

Heute, da Russland selbst zu einer Zone von Angriffen wird, versucht der Föderale Schutzdienst, Revanche zu nehmen – und die Generäle der zunehmend marginalisierten Armee beobachten die Situation aufmerksam.

Künftig wird der Machtkampf in Russland zwischen diesen drei Kräften stattfinden. Und wer diesen Kampf gewinnt, wird auch die endlosen Kriege im postsowjetischen Raum anführen – denn zwischen allen Gruppierungen besteht Konsens darüber, dass die russische Staatlichkeit innerhalb der Grenzen der ehemaligen Sowjetunion wiederhergestellt werden müsse.


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Art der Quelle: Social Media
Titel des Originals: Короткий курс історії Росії. Віталій Портников. 01.06.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 01.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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09. Mai. Vitaly Portnikov. 09.05.2026.

9 мая. Віталій Портников. 09.05.2026.

Mit seinen Bemühungen, einen Waffenstillstand zur Durchführung der Parade auf dem Roten Platz zu erreichen, hat Putin unsere Aufmerksamkeit erneut auf einen Feiertag gelenkt, den wir allmählich zu vergessen begonnen hatten – obwohl gerade er vor Beginn des großen russischen Krieges gegen die Ukraine jener Tag zu sein schien, der Russen und Ukrainer über Staatsgrenzen hinweg vereinen sollte. Und darüber hinaus die Ukrainer der „großen Ukraine“ und Galiziens voneinander trennen sollte, denn „bei uns hier“ – das waren die Sowjetunion, die Rote Armee, der gemeinsame Feind und Stalin, während „bei ihnen dort“ – die UPA und Bandera waren.

All das war eine große Mystifikation – angefangen bei der Geschichte des Krieges bis hin zum Datum seines letzten Tages. Es ist kein Geheimnis, dass Stalin den 9. Mai einfach „erfunden“ hat, um den 8. Mai nicht gemeinsam mit den Alliierten zu feiern. Denn beide Kapitulationen des Reiches – die echte, die in Frankreich unterzeichnet wurde, und die von Stalin aufgezwungene zweite, die in Deutschland unterzeichnet wurde – traten am 8. Mai um 23:01 Uhr mitteleuropäischer Zeit – Ortszeit in Berlin – in Kraft. Dass die zweite Zeremonie beendet wurde, als in Moskau bereits der neunte Tag angebrochen war, konnte am Datum des Ereignisses selbst nichts ändern – aber Stalin, der große Fälscher, schenkte dem keine Aufmerksamkeit. Und der 9. Mai wurde außerdem gebraucht, damit die Sowjetunion ihre eigenen Kriegsdaten hatte, die sich von den weltweiten unterschieden, denn nur so konnte man das faktische Bündnis zwischen der UdSSR und dem Reich in den ersten beiden Kriegsjahren verschleiern – ein Bündnis, das es natürlich weder bei Großbritannien noch bei den Vereinigten Staaten gab.

Es ist auch kein Geheimnis, dass Stalin einfach Angst hatte, den Tag des Sieges zu feiern: 1945 führte er zwar eine Parade durch, machte den 9. Mai aber nicht einmal zu einem arbeitsfreien Tag. Diese Angst war verständlich: Am ersten Tag des Friedens bekamen die sowjetischen Bürger die Möglichkeit, sich umzusehen und zu begreifen, in welchem Schrecken sie sich befanden. Überall Ruinen, Dutzende Millionen Tote, Millionen im Gulag, Hunger, Hunderttausende Kriegsversehrte auf den Straßen, zerstörte Städte, Dörfer ohne Männer … Und dazu imperialer Hochmut, verstärkte Repressionen, Vorbereitungen auf einen neuen Krieg. In einem Staat, der sich später stolz als Hauptsieger des Krieges präsentieren würde, gab es schlicht nichts zu feiern. Die erste Parade nach 1945 wagte erst 20 Jahre später Leonid Breschnew durchzuführen, der den 9. Mai auch zum Feiertag machte. Das Interesse des Staates am Kult des Sieges verstärkte sich mit jedem Jahr, in dem die echten Kriegsveteranen verschwanden. Aber meine Generation hat sie noch erlebt – nein, nicht die pathetischen Politoffiziere und Offiziere des SMERSch, die weniger gegen die Hitleristen kämpften als gegen die eigenen Landsleute, sondern jene, die den ganzen Krieg durchgemacht hatten und sich nicht daran erinnern wollten, weil er für den Soldaten eine echte Hölle gewesen war, dazu noch die Hölle der Gleichgültigkeit gegenüber seinem eigenen Leben.

Seit meiner Kindheit erinnere ich mich daran, wie der Cousin meiner Großmutter, ein Mathematikprofessor, der direkt von der Studentenbank an die Front gekommen war und den ganzen Krieg durchgemacht hatte, buchstäblich in Wut geriet, wenn er das damals populäre Lied des russischen Barden Bulat Okudzhava hörte, dessen Hauptzeile lautete, dass wir nur einen Sieg brauchen, einen für alle, und „wir nicht auf den Preis schauen werden“. Er fragte die anderen: Wie kann man „nicht auf den Preis schauen“? Wie? Und natürlich konnte er vor seinem inneren Auge seine Klassenkameraden und Kommilitonen sehen, von denen fast niemand aus dem Krieg zurückkehrte. Okudzhavas Lied wurde von Schauspielern gesungen, die Kriegsveteranen im Film Belorussischer Bahnhof spielten. Und ich verstand ganz genau, dass echte Veteranen so etwas nicht singen würden.

Putins grotesker Mythos – das berüchtigte „Pobjedobesije“ ( Siegeswahn)– entstand 2005, zum 60. Jahrestag des Kriegsendes, als von den Kriegsteilnehmern fast niemand mehr übrig geblieben war, denn die Soldaten des letzten Einberufungsjahrgangs, 1927, waren damals bereits fast 80 Jahre alt. Putins Krieg hat nichts zu tun, nicht nur mit dem wirklichen Zweiten Weltkrieg, sondern nicht einmal mit dem Krieg Chruschtschows und Breschnews, die zwar Politfunktionäre waren, aber dennoch die echte Front und den Tod gesehen hatten. Putins Mythos ist ein Maskenball, die Vorbereitung auf neue Kriege und der Versuch, die Nachbarländer in einen Raum gemeinsamer Verlusterfahrungen hineinzuziehen.

Deshalb beunruhigte mich die Bereitschaft der Ukrainer so sehr, freiwillige Teilnehmer dieser Vorstellung zu werden, die sich vor unseren Augen von einer sowjetischen in eine offen chauvinistische verwandelte. Erinnern Sie sich daran, wie sich die ukrainische Gesellschaft dem 8. Mai widersetzte und den 9. Mai verteidigte, wie die Verwaltungen von Leonid Kutschma und Viktor Janukowytsch den sowjetischen Kanon pflegten, und wie die Versuche von Viktor Juschtschenko, wenigstens eine Versöhnung zwischen den Ukrainern selbst zu erreichen, die während des Krieges natürlicherweise in verschiedenen Armeen gelandet waren, auf Widerstand stießen – weil vielen Bewohnern der ehemaligen Ukrainischen SSR schien, der Präsident greife das Heilige an, Unabhängigkeit hin oder her, aber wie sollten wir ohne den 9. Mai leben.

Es tut weh zu denken, dass das ukrainische Volk für seine Genesung vom Dunkel russischer Fälschungen und Mythen einen so hohen Preis bezahlt. Es ist unerträglich zu begreifen, dass wir ohne die Annexion der Krim, ohne den Krieg im Donbas, ohne diesen großen Krieg noch jahrzehntelang in diesem sowjetischen Dreck herumgewatet wären – vielleicht sogar ohne besondere Chancen, jemals in saubere Gewässer hinauszugelangen.

Aber nun ist es eben so. Und jetzt werden wir am 8. Mai verstehen, dass unbestraftes Böse – und die Sowjetunion, dieses Pseudonym des chauvinistischen Russlands, war eben solches unbestraftes Böse – zwangsläufig in all seiner Aggressivität zurückkehrt, sobald die Erinnerung an die Opfer des Krieges abstumpft. Und wenn man aus dieser Lehre wenigstens jetzt keine Schlussfolgerung zieht, werden sich Kriege auf unseren „Bloodlands“ noch mehr als einmal wiederholen.


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Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: 9 мая. Віталій Портников. 09.05.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 09.05.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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