Verbrüderung. Vitaly Portnikov. 11.07.2026.

Братання. Віталій Портников. 11.07.2026.

Der bekannte Schriftsteller Roman Gul, der während des Ersten Weltkriegs Offizier der russischen Armee war, später in den Truppen des Hetmans Pawlo Skoropadskyj diente und schließlich von der Direktion der Ukrainischen Volksrepublik nach Deutschland deportiert wurde, beschrieb in seinen Erinnerungen und Romanen ausführlich die sogenannte „Verbrüderung“ russischer Soldaten mit Angehörigen der deutschen Armee nach der Februarrevolution von 1917.

Sie begann mit dem Auftauchen von Stapeln von Zeitungen an den russischen Schützengräben, die in schlechtem Russisch gedruckt waren – aber verständlich genug, um zu vermitteln, dass am Krieg die „Gutsbesitzer und Kapitalisten“ interessiert seien, während die „einfachen Menschen“ ihm ein Ende setzen müssten. Nachdem die „einfachen Menschen“ diese einfachen Worte gelesen hatten, liefen sie zu den feindlichen Schützengräben, tranken mit den Deutschen, umarmten sich und tauschten allerlei Dinge aus. Als die Offiziere die Soldaten fragten, ob ihnen bewusst sei, dass ihre deutschen „Brüder“ nur auf Befehl ihres Kommandos aus den Schützengräben kämen, weil es in Deutschland keine Revolution gegeben habe und in der Armee eiserne Disziplin herrsche, stießen sie auf Aggression und die Weigerung, überhaupt über den Sinn dieser Worte nachzudenken. Die Menschen in den Schützengräben – wie das gesamte Russische Reich – waren des Krieges müde und wollten glauben, dass auch der Feind aufrichtig an seinem Ende interessiert sei.

Eine besondere Rolle bei dieser Zersetzung der Front und der Gesellschaft spielten die bolschewistischen Agitatoren, die nach dem Februar 1917 in großer Zahl an der Front auftauchten. Anders als die Vertreter der „traditionellen“ politischen Parteien, die die Soldaten aufforderten, Russlands Verpflichtungen gegenüber den Verbündeten einzuhalten, wiederholten sie Wort für Wort alles, was auch in den deutschen Propagandazeitungen zu lesen war: Dass die „bürgerliche“ Regierung am Krieg interessiert sei, dass die „einfachen Menschen“ ihn nicht bräuchten und die Gutsbesitzer und Kapitalisten eben selbst kämpfen sollten. Genau das war Lenins politisches Programm, das wir aus dem ukrainischen Präsidentschaftswahlkampf von 2019 nur allzu gut kennen. Und deshalb schlug Lenin unmittelbar nach dem Oktoberputsch dem Kongress der Sowjets vor, das Dekret über den Frieden zu verabschieden – den ersten Gesetzgebungsakt der Bolschewiki, der zum Beginn von Verhandlungen über einen gerechten demokratischen Frieden aufrief.

Lenins Problem (genauso wie das Problem von Volodymyr Zelensky hundert Jahre später) bestand darin, dass der Feind überhaupt nicht daran dachte, den Krieg zu beenden. Im Gegenteil: Er wollte das Machtantritt von Politikern, die Frieden anstrebten und die Idee propagierten, ihre Vorgänger seien am Fortbestand des Krieges interessiert gewesen, dazu nutzen, den Gegner endgültig zu vernichten. Die Bedingungen der deutschen Friedensvorschläge von 1918 ebenso wie die Bedingungen der russischen Friedensvorschläge nach dem Machtwechsel in der Ukraine und später, nach dem Scheitern von Putins „Blitzkrieg“, waren ausschließlich ein Programm eben dieser Vernichtung.

Das bolschewistische Regime wurde durch die Fortsetzung des Kampfes der Entente-Staaten gerettet – wenn auch ohne Beteiligung Russlands – sowie durch die Destabilisierung Deutschlands selbst, die paradoxerweise gerade durch Berlins Bemühungen ausgelöst wurde, Russland zu destabilisieren. Denn die Ideen, die für diese Destabilisierung genutzt worden waren, erwiesen sich auch für die deutsche Monarchie als gefährlich. Das war jener sprichwörtliche „schwarze Schwan“.

Auch wir nähern uns dem Flug eines solchen schwarzen Schwans. Denn der Zusammenbruch des wirtschaftlichen Potenzials Russlands könnte dessen Fähigkeit infrage stellen, den Krieg über lange Zeit fortzusetzen. Unsere Streitkräfte arbeiten so effektiv daran, dass selbst Donald Trump die Ergebnisse ihrer Arbeit bemerkt hat.

Was uns jedoch am Überleben und am Sieg hindern könnte, könnte genau dasselbe sein, was zur faktischen Niederlage Russlands – das eigentlich zu den Siegermächten gehören sollte – im Ersten Weltkrieg führte: die innere Zersetzung der Gesellschaft. Immer mehr Menschen kehren, wie wir sehen, zu den Ideen von 1917 oder 2019 zurück: Dass die eigene Regierung am Krieg interessiert sei und ihn einfach nicht beenden wolle, weil sie keine „gemeinsame Sprache“ oder Kompromisse mit Putin finden wolle.

Das ist klassischer Unsinn. Weder Lenin im Jahr 1917 noch Zelensky in unserer Zeit wirken daran interessiert, den Krieg fortzusetzen – auch wenn beide daran interessiert erscheinen mögen, ihre eigene Macht auszubauen. Doch das ist keineswegs dasselbe. Kaiser Wilhelm hingegen oder Putin wirken sehr wohl am Fortbestand des Krieges interessiert, weil sie darin die besten Voraussetzungen sehen, dem Gegner ihre Bedingungen aufzuzwingen. Und die Propaganda vom „Krieg der Bourgeoisie“ ist eines der wichtigsten Instrumente, das ihren Sieg sichern soll.

Russland war nach dem Februar 1917 kein „Land der Gutsbesitzer und Kapitalisten“. Es war ein Land, dessen Bewohner die historische Chance erhalten hatten, das Imperium abzubauen sowie politische und wirtschaftliche Veränderungen einzuleiten. Dafür aber musste man sich zusammenschließen und den Krieg zu Ende bringen – bis zum Zusammenbruch des kaiserlichen Deutschlands blieben nur noch wenige Monate. Wilhelm verlor zwar den Krieg, zerstörte jedoch die Chancen der Völker Russlands, die stattdessen die bolschewistische Variante des Imperiums erhielten – rechtlos, repressiv und verbrecherisch. Zehnmillionen Opfer, enteignetes Land, verstaatlichte Unternehmen, ein neuer Krieg und ein Leben in der Dunkelheit.

Die Ukraine des Jahres 2026 erinnert immer stärker an Russland im Jahr 1917 – im Hinblick auf die Versuche, uns zu spalten. Ja, wir mögen eine ineffektive Regierung haben – doch die einzige Alternative zu unserem Einfluss auf diese Regierung ist die russische Besatzung. Ja, wir haben keine wirksamen Mechanismen der Mobilisierung geschaffen – doch die Alternative zu einer starken ukrainischen Armee ist die Armee Russlands. Ja, vielen mag der Niedergang von Demokratie und Freiheit missfallen – doch zur Wiederherstellung demokratischer Standards können wir erst dann vollständig zurückkehren, wenn wir Staat und Nation bewahrt haben. Und das können wir nur gemeinsam erreichen.

Natürlich nur dann, wenn wir darin übereinstimmen, dass die Ukraine uns allen gehört und den Kampf um sie wert ist. Wenn wir verstehen, dass die Bewahrung eines Landes, das der Feind von der Landkarte tilgen will, unsere gemeinsame Aufgabe ist. Wenn wir bereit sind, auf den bolschewistischen Unsinn von den „einfachen“ und den „nicht einfachen“ Menschen zugunsten unserer gemeinsamen Verantwortung zu verzichten. Wenn wir uns daran erinnern, dass es in demokratischen Staaten keine „einfachen“ oder komplizierten Menschen gibt, sondern nur Bürger.

Verantwortungsbewusste Bürger.

Und wenn es keine Bürger gibt, wird es auch keine Ukraine geben.

Dann wird es Russland geben.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Братання. Віталій Портников. 11.07.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 11.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Kirgisen haben Lenin gefällt | Vitaly Portnikov. 09.06.2025.

Im kirgisischen Osch wurde eines der größten Lenin-Denkmäler Zentralasiens abgebaut.  Es wurde vorerst in einen nahegelegenen Park verlegt, doch die Stadtverwaltung von Osch behauptet, dass ein vollständiger Abbau des Denkmals in Zukunft durchaus möglich sei.

Bekanntlich hat das Lenin-Denkmal in Osch über viele Jahre hinweg heftige Diskussionen sowohl in der Stadt selbst, einer der größten Städte Kirgistans, als auch im ganzen Land ausgelöst. Dennoch erwartete das Lenin-Monument dasselbe Schicksal, das bereits die Denkmäler des bolschewistischen Führers in vielen anderen ehemaligen Sowjetrepubliken ereilte.

Und hier sehen wir eine absolut offensichtliche Diskrepanz der Tendenzen. Einerseits versucht Sadyr Dschaparow, in Kirgistan ein Regime aufzubauen, das an die Regime in den Nachbarländern Zentralasiens erinnert, und allein diese Tatsache kann im Kreml die Begeisterung auslösen. Und der Aufbau der russisch-kirgisischen Beziehungen wird in Bischkek, sagen wir mal, mit einem ganz anderen Maß an Engagement wahrgenommen als in den vorherigen Jahrzehnten. Doch das historische Gedächtnis des kirgisischen Volkes diktiert Entscheidungen, die mit der Beseitigung des bolschewistischen Erbes von den Plätzen der Städte und Dörfer Kirgistans verbunden sind.

Es sei daran erinnert, dass die Würde-Revolution in der ukrainischen Hauptstadt mit dem Abbau des Lenin-Denkmals im Zentrum der ukrainischen Hauptstadt durch die Teilnehmer der Proteste begann. Dabei handelte es sich um einen inoffiziellen Abbau, da die damalige Stadtführung, die von Viktor Janukowytsch kontrolliert wurde, verzweifelt jeden Versuch widerstand, Lenin vom Hauptdenkmal der ukrainischen Hauptstadt zu entfernen.

Warum? Weil Janukowytsch offensichtlich verstand, wie wichtig das Lenin-Denkmal für die russische Führung war, die den ukrainischen Präsidenten, der an der Leine einer gewöhnlichen Kreml-Marionette hing, engstens überwachte.

Und genau nach dem Abbau des Lenin-Denkmals in der ukrainischen Hauptstadt begann in der Ukraine ein regelrechter Lenin-Sturz.  Praktisch überall, wo Lenin-Denkmäler noch erhalten waren, wurden sie von den Sockeln entfernt, und innerhalb weniger Monate wurde die Ukraine praktisch von der Erinnerung an den Führer der Kommunistischen Partei befreit. Während im benachbarten Russland Denkmäler für einen noch größeren Unhold als Lenin, Josef Stalin, errichtet wurden.

Und übrigens, wenn die russischen Truppen ukrainische Gebiete besetzen, versuchen sie, dort die Lenin-Denkmäler wiederherzustellen, und in einigen Städten tauchen sogar Stalin-Denkmäler auf. Es ist ganz offensichtlich, dass das heutige Russland Lenin nicht nur als Führer eines menschenverachtenden kommunistischen Regimes betrachtet. Nicht nur als den Mann, der das russische Reich unter roter Fahne wiederherstellte und eine Politik der umfassenden Russifizierung der Völker des ehemaligen Reiches begann, die nach Februar 1917 versuchten, unabhängige Staaten zu gründen.

Für den Kreml, für Putin, ist Lenin auch ein Marker für die russische und sowjetische imperiale Präsenz in den eroberten Gebieten. Und wahrscheinlich ist Lenin nicht nur für Putin, sondern auch für die Völker der Länder, die im Gegensatz zu den unterdrückten Völkern der Russischen Föderation selbst das Glück hatten, sich vom russischen, vom russischen chauvinistischen Herrschaft zu befreien, genau ein solcher Marker für die russische und sowjetische imperiale Präsenz in den eroberten Gebieten.

Einerseits können wir also tatsächlich von einer Stärkung der autoritären Tendenzen in Kirgisistan und von Versuchen sprechen, eine besondere Atmosphäre des Dialogs zwischen Sadyr Zhaparov und Wladimir Putin zu schaffen, andererseits sehen wir, wie Kirgisistan das historische kommunistische Erbe Russlands und die Zeichen der russischen imperialen Präsenz auf kirgisischem Boden vor unseren Augen beseitigt. Und dagegen kann man praktisch nichts machen.  

Damit die Lenin-Denkmäler das Leben immer noch vergiften, damit das sowjetische Erbe nicht als fremd für die Interessen der einst unterworfenen Völker empfunden wird, müssen sich russische Truppen auf ihrem Boden befinden, die Gebiete müssen von russischen Gauleitern regiert werden.

So geschieht es zum Beispiel auf der besetzten Krim, wo vom ersten Tag nach der Annexion an brutale Repressionen der russischen Chauvinisten gegen all diejenigen begannen, die versuchen, das authentische nicht-russische Gesicht der besiegten Krim zu bewahren. So geschieht es in den besetzten Gebieten der Regionen Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja, diesen Reservaten des russischen Gestapos.

So geschieht es in Belarus, wo sich das Regime des abscheulichen Diktators Alexander Lukaschenko immer mehr in ein Regime von echten Söldnern verwandelt, die gegen das eigene belarussische Volk, sein historisches, politisches und kulturelles Erbe kämpfen. Ein schändliches antibelarussisches Regime, das das Territorium seines Landes als Sprungbrett für den Angriff auf ein Nachbarland zur Verfügung gestellt hat.

Aber überall dort, wo die Völker, selbst unter autoritären Tendenzen, die Kontrolle über ihr eigenes Land behalten, überall dort, wo wir nicht nur von Souveränität, sondern von Unabhängigkeit sprechen können, ist von Lenin, wie wir sehen, keine Rede mehr, denn diejenigen, die sich an die Geschichte des kirgisischen Volkes erinnern, verstehen, wie viele dunkle Seiten mit dem Russischen Reich und der Sowjetunion verbunden sind.

Wie viele Repressionen, Morde, Hunger, Vernachlässigung, all das, was jeder Kirgise heute mit den Worten Russland und Sowjetunion verbindet.

Ganz zu schweigen von der jahrzehntelangen Schikanierung, bei der Migranten aus den zentralasiatischen Ländern und natürlich auch aus Kirgistan von den heutigen Bewohnern der Russischen Föderation als Bürger zweiter Klasse wahrgenommen werden. Selbst wenn sie die russische Staatsbürgerschaft und das Recht auf ständigen Aufenthalt in einem der gegenüber Fremden unfreundlichsten und chauvinistischsten Länder der Welt erhalten.

Daher ist klar, dass Lenin auf kirgisischem Boden praktisch nichts zu suchen hat. Auch auf russischem Boden, um ehrlich zu sein, hat er nichts zu suchen, aber für die Mehrheit der russischen Bevölkerung bleibt er das, was er war – ein Symbol für imperiale Repressionen, die von der Mehrheit der Bevölkerung der Russischen Föderation immer noch begrüßt werden und von den Bewohnern der Länder, die sich im Laufe der Ereignisse der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts von Russland trennen konnten, geächtet werden.