
Stalin gliederte den lettischen Kreis Abrene Russland an – bereits nach der Besetzung Lettlands. Und Iwangorod – bereits nach der Besetzung Estlands. Niemand hielt es auch nur für nötig, den Bewohnern der „brüderlichen“ Lettischen SSR und der Estnischen SSR zu erklären, warum ein Teil des Territoriums dieser neuen Unionsrepubliken plötzlich zu Russland gehörte.
Während einer seiner jüngsten Reden erklärte Wladimir Putin, die westlichen Regionen der Ukraine seien angeblich ein Geschenk Stalins gewesen, der nicht einmal daran gedacht habe, dass die Sowjetunion eines Tages aufhören würde zu existieren.
Natürlich handelt es sich dabei um die übliche pseudohistorische Manipulation des russischen Präsidenten. Stalin dachte tatsächlich wohl kaum daran, dass die Sowjetunion zerfallen könnte. Für ihn existierte jedoch keine Ukraine als eigenständige Größe. Den Status der Unionsrepubliken betrachtete er seit seiner berühmten Auseinandersetzung mit Lenin mit Verachtung. Damals bestand Stalin, zu jener Zeit noch Volkskommissar für Nationalitätenfragen Sowjetrusslands, darauf, dass alle Sowjetrepubliken als autonome Republiken in die Russische SFSR eingegliedert werden sollten.
Die Angliederung der besetzten Gebiete Polens gerade an die Ukraine (und Belarus) diente Stalin ausschließlich dazu, sein Bündnis mit Adolf Hitler zu rechtfertigen. Die Ukrainer hatten damit überhaupt nichts zu tun. Doch bereits zwei Jahrzehnte vor den Ereignissen, an die Putin erinnerte, hatten sie die Westukrainische Volksrepublik ausgerufen und für ihre Staatlichkeit gekämpft. Stalin nutzte den Kampf des ukrainischen Volkes lediglich für die Interessen eines ganz anderen Staates – Russlands, das die Sowjetunion in Wirklichkeit war. Und gerade diesem Staat machte er die meisten Geschenke, über die Putin lieber schweigt.
Die Bolschewiki schenkten Sowjetrussland das ukrainische Taganrog und dessen Umgebung. Anton Tschechow bezeichnete sich nicht zufällig als Ukrainer – die Mehrheit der Bevölkerung seiner Heimat stammte tatsächlich von Ukrainern ab. Die Russifizierung erfolgte erst nach dem Anschluss an die Russische SSR.
Unter dem Vorwand der nationalen Interessen der Ukrainer oder Belarussen stärkte Stalin den Staat, den er beherrschte. Die Bewohner der annektierten Gebiete hingegen wurden zu Stiefkindern ihrer neuen Heimat, waren Repressionen und selbstverständlich der Russifizierung ausgesetzt.
Stalin gliederte einen riesigen Teil Finnlands Russland an – die einheimische Bevölkerung verließ die eroberten Städte und Dörfer einfach.
Stalin gliederte den lettischen Kreis Abrene Russland an – bereits nach der Besetzung Lettlands. Und Iwangorod – bereits nach der Besetzung Estlands. Niemand hielt es auch nur für nötig, den Bewohnern der „brüderlichen“ Lettischen SSR und der Estnischen SSR zu erklären, warum ein Teil des Territoriums dieser neuen Unionsrepubliken plötzlich zu Russland gehörte.
Stalin gliederte Tannu-Tuwa Russland an, heute bekannt als die Heimat Sergej Schoigus. Tannu-Tuwa war Teil des chinesischen Territoriums, geriet jedoch unter ein selbsternanntes russisches Protektorat, woraufhin die Bolschewiki dort eine Marionetten-Volksrepublik ausriefen. Doch selbst das genügte ihnen nicht: Tannu-Tuwa wurde schließlich zu einem autonomen Gebiet der Russischen SFSR.
Stalin gliederte einen Teil Ostpreußens Russland an, obwohl zwischen dem nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffenen Kaliningrader Gebiet und dem übrigen Territorium der Russischen SFSR nicht einmal eine gemeinsame Grenze bestand. Er „schenkte“ es weder Litauen noch Polen – sondern Russland. Und Putin behauptet noch, Stalin habe nicht an den Zusammenbruch der Sowjetunion gedacht. Im Gegenteil: Er dachte sehr wohl daran und traf zahlreiche Vorkehrungen. Überall, wo es möglich war, stellte er geopolitische Fallen auf – und in den 1990er-Jahren begannen die darin hinterlassenen Minen zu explodieren.
Zwischen den „Geschenken“ für die Ukrainer und andere Völker der Sowjetunion und den Geschenken für die Russen gibt es jedoch einen grundlegenden Unterschied. Indem Stalin die nationalen Interessen der Ukrainer oder Belarussen ausnutzte, stärkte er den Staat, den er regierte. Die Bewohner der annektierten Gebiete wurden zu Stiefkindern ihrer neuen Heimat, waren Repressionen und selbstverständlich der Russifizierung ausgesetzt.
Indem der Diktator und seine Nachfolger jedoch Gebiete anderer Länder und Völker der Russischen SSR zuschlugen, verwandelten sie diese in Russland. Und genau das tun sie bis heute, indem sie den Ukrainischunterricht in Regionen mit einem ukrainischen Bevölkerungsanteil von 90 Prozent abschaffen oder eine stärkere Vermittlung der russischen Sprache in einer Republik verlangen, deren Bevölkerung zu 90 Prozent aus Tuwinern besteht.
Wenn man also im Kreml den Nachbarn vorwirft, was Stalin ihnen geschenkt habe, sollte man sich zuerst daran erinnern, was Stalin ihnen genommen hat.
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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Виталий Портников: Когда в Кремле попрекают соседей тем, что Сталин подарил, пусть вспомнят о том, что Сталин отобрал. 30.07.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 30.07.2026.
Originalsprache: ru
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf
uebersetzungenzuukraine.data.blog.