Der Mord in Kalyniwka | Vitaly Portnikov. 14.07.2026.

Der Besuch meiner Kollegen im Dorf Kalyniwka im Gebiet Kyiv, wo zuvor Soldaten der 155. Brigade zwei Zivilisten aus diesem Ort verschleppt und getötet hatten, ermöglicht es, die Ursachen dessen zu verstehen, was dort geschehen ist.

Und es stellt sich heraus, dass es sich um einen banalen Alltagskonflikt handelte. Offenbar missfiel den Verwandten des Brigadekommandeurs, die in diesem Dorf lebten, das Verhalten junger Dorfbewohner. Daraufhin wurde beschlossen, mit Hilfe der eigenen Untergebenen die Fähigkeit zu demonstrieren, Ordnung zu schaffen. Es wurde sogar eine Liste von Personen erstellt, die offensichtlich ebenfalls eingeschüchtert, verschleppt oder sogar getötet werden sollten.

Dass ein derart schreckliches Verbrechen infolge eines Alltagskonflikts geschah, ist natürlich eine weitere Warnung im Hinblick auf unsere gemeinsame Zukunft. Es handelt sich nicht einmal um einen Konflikt zwischen Militärangehörigen und Zivilisten, denn der Vater der Getöteten war ebenfalls beim Schutz unseres Landes gefallen. Und einer der Getöteten hatte nach Angaben von Dorfbewohnern ebenfalls in den Streitkräften der Ukraine gedient.

Es handelt sich auch nicht um einen Konflikt, der mit Geschäftsinteressen oder der Beteiligung von Menschen an einer kriminellen Gruppierung zusammenhing. Nein, zu dem Verbrechen führte, würde ich sagen, ein in vielen Werken der ukrainischen Literatur beschriebener Alltagskonflikt, genauer gesagt der Versuch zu demonstrieren, wer im Dorf die Regeln bestimmt. Und wir verstehen sehr gut, dass sich ein solcher Konflikt schon bald in jeder Ortschaft der Ukraine ereignen kann – von Kalyniwka bis Kyiv.

Es geht darum, bereits heute darüber nachzudenken, wie das Gewaltmonopol des Staates unter Bedingungen geschützt werden kann, in denen sich eine enorme Zahl von Menschen im Besitz von Waffen befindet. Diese Waffen können sowohl im Kampf gegen den Feind als auch bei dem Versuch eingesetzt werden, den eigenen Mitbürgern das eigene Recht auf Entscheidungsgewalt sowie darauf zu beweisen, zu bestrafen oder zu begnadigen. So ist es immer während Revolutionen, Aufständen und großen Kriegen.

Auch im Jahr 2014 war es nach dem Maidan für die neue Regierung nicht einfach, das staatliche Gewaltmonopol wiederherzustellen. Denn einige Teilnehmer dieser Ereignisse wollten sich selbst dann, als das repressive Regime von Viktor Janukowytsch faktisch demontiert worden war und die neue Regierung sich mit der Wiederherstellung der verfassungsmäßigen Ordnung befasste, nicht von den Möglichkeiten trennen, die sich ihnen während der revolutionären Ereignisse plötzlich eröffnet hatten.

Dasselbe geschieht, wenn große Kriege über Jahre andauern. Daran ist nichts Unvorhersehbares. Die Frage ist allein, wie effektiv sich der Staat erweisen wird und ob seine Bürger verstehen, dass der unkontrollierte Einsatz von Gewalt zu Chaos, Anarchie, Schießereien auf den Straßen und zur Verwandlung des Staates in ein Gebiet führen kann, in dem verschiedene bewaffnete Gruppen um Einfluss kämpfen und jeder, dem seine eigene Sicherheit am Herzen liegt, vor allem darüber nachdenken wird, ein solches Land zu verlassen, um weder sein eigenes Leben noch das seiner Angehörigen zu gefährden.

Ja, genau das könnte das Schicksal der Ukraine nach dem Krieg sein, wenn wir nicht schon heute darüber nachdenken, welche Funktion der Staat Ukraine haben soll und welche Rolle einem Menschen mit einer Waffe zukommt. Und hier tragen nicht nur der Staat als solcher, sondern auch die Streitkräfte der Ukraine und ihre Führung eine enorme Verantwortung. Denn wir verstehen sehr gut, dass es in jeder Gesellschaft und in jeder Armee unterschiedliche Menschen gibt – mit ihren eigenen Vorstellungen vom Leben, ihren Ambitionen, ihrem Verständnis von Gesetz und Recht sowie ihrer eigenen Vorstellung davon, wie sie ihre Bedeutung unter Beweis stellen können, auch in jener Ortschaft, in der die Familie eines bewaffneten Menschen lebt oder in der er selbst nach dem Ende der Kampfhandlungen leben wird.

Wir müssen uns auch darüber im Klaren sein, dass die Ukraine auch nach dem Krieg Ziel von Destabilisierungsversuchen seitens der Russischen Föderation bleiben wird. Ungeachtet aller Erwartungen, Russland werde nun bald zerfallen, wird es in den kommenden Jahren und Jahrzehnten nicht verschwinden und ein mächtiger Feind der Ukraine bleiben, der auf die Zerschlagung der Staatlichkeit des Nachbarlandes ausgerichtet ist – unabhängig davon, wie der russisch-ukrainische Krieg endet.

Und auch der Kreml wird solche Konflikte bereitwillig nutzen und schaffen, um zumindest durch die Destabilisierung der Ukraine das zu erreichen, was die Russen in diesem endlosen Krieg nicht erreichen können.

Deshalb müssen wir nicht nur im Krieg standhalten, sondern dabei auch den ukrainischen Staat nicht verlieren. Das ist ebenfalls eine äußerst wichtige und verantwortungsvolle Herausforderung für die Zukunft. Und die Ereignisse in Kalyniwka sind eine völlig eindeutige Demonstration dafür, wie ernst diese Herausforderung ist und wie wichtig es ist, staatliche Verantwortung und militärische Disziplin aufrechtzuerhalten.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Вбивство у Калинівці | Віталій Портников. 14.07.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 14.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Über die ukrainische Identität, die „Mindich-Tonbänder“ und die Zukunft. Vitaly Portnikov beim DOU Day 2026. 09.06.2026.

Jurij Fedorenko: DOU ist vor allem eine Community, deshalb werde ich versuchen, unser Gespräch anhand von Fragen aufzubauen, die Menschen in den sozialen Netzwerken gestellt haben, und Sie werden darauf antworten.

Ich möchte mit einer Frage beginnen, die etwas verschwörungstheoretisch ist und lautet ungefähr so: Derzeit gibt es wieder eine neue Runde von Gesprächen über Frieden, irgendeinen Waffenstillstand und so weiter. Gleichzeitig gibt es so viele Angriffe auf Volodymyr Zelensky wie noch nie. Natürlich kommen sie nicht aus dem Nichts. Da sind Mindich, Yermak, jetzt Mendel. Das sind natürlich Menschen ganz unterschiedlichen Kalibers. Dennoch: Wie stehen Sie zu der Theorie, dass dies möglicherweise die koordinierte Arbeit von jemandem ist, beispielsweise der Vereinigten Staaten von Amerika, die den ukrainischen Präsidenten sehr gern austauschen würden?

Portnikov: Ehrlich gesagt kommentiere ich keinen Unsinn.

Jurij Fedorenko: Nächste Frage.

Portnikov: Ich denke, man muss eigentlich ausführlich über den Prozess selbst sprechen, weil es verschiedene Prozesse gibt, die von Menschen ohne kritisches Denkvermögen zu einer einzigen Sache zusammengefügt werden, die ihnen verständlicher erscheint.

Während des letzten massiven Angriffs auf Kyiv – weil man in einer solchen Nacht viel freie Zeit hat – hörte ich die Erinnerungen des bekannten russischen Schriftstellers Roman Gul über das Jahr 1917. Es gibt ein Projekt, das meine Kollegen von Radio Liberty und Radio Free Europe bereits 1967 gemacht haben, als sie die letzten Zeugen des Oktoberputsches und der Februarrevolution im Russischen Reich befragten. Ich höre mir das aufmerksam an, wie die Wiederkehr von Prozessen überhaupt aussieht.

Warum interessiert mich Gul? Weil er ein typischer russischer Offizier war, der alle Karrierestufen eines russischen Offiziers durchlaufen hatte – bis hin zum Dienst in der Garde von Hetman Skoropadsky hier in Kyiv, ganz wie in Bulgakows Roman. Genau dieser Typ russischen Offiziers.

Er war später ein Schriftsteller der Emigration und verstand die Abläufe deshalb sehr gut. Besonders interessierte mich, wie er den Prozess der Verbrüderung zwischen russischen und deutschen Soldaten zwischen Februar und Oktober 1917 beschrieb.

In Russland hatte eine Revolution stattgefunden. Die Führer dieser Revolution – Alexander Kerensky, Miliukow und andere – sagten, man müsse einen demokratischen Staat aufbauen, gleichzeitig aber das Land gegen die deutsche Armee verteidigen. Wie Sie wissen, erklärten die Bolschewiki dagegen, der Krieg müsse sofort beendet werden.

Der deutsche Generalstab verbreitete unter den russischen Soldaten Literatur und Zeitungen, die täglich in Berlin auf Russisch gedruckt wurden. Darin hieß es: „Die russischen Soldaten sind Geiseln eurer Führer – Kerensky und der anderen. Die Deutschen wollen Frieden. Kommt, verbrüdert euch mit den Deutschen.“

Russische Soldaten sprangen aus den Schützengräben, liefen zu den deutschen Stellungen und umarmten dort die Deutschen.

Die Offiziere, unter ihnen auch Gul, sagten: „Hört mal, in Deutschland hat es doch gar keine Revolution gegeben. Dort gibt es den Kaiser, den Generalstab, strenge Disziplin. Wenn ein deutscher Soldat den Schützengraben verlässt, dann weil ihm ein deutscher Offizier das befohlen hat.“

Die russischen Soldaten antworteten: „Was macht das schon für einen Unterschied? Wir wollen, dass der Krieg endet. Wir haben es satt, hier in den Schützengräben zu sitzen. Jetzt wird Land verteilt werden, und wir werden leer ausgehen.“

Nun, es lief übrigens alles genau so, wie es der deutsche Generalstab geplant hatte. Das Russische Reich verschwand von der politischen Landkarte der Welt.

Wir sehen heute einen sehr ähnlichen Prozess. Wenn wir aus dem Kreml hören, dass der Krieg sofort pausiert würde, sobald die ukrainischen Truppen das Gebiet der Oblast Donezk verlassen, dann ist das ungefähr dasselbe Szenario. Menschen sollen glauben, dass es einen Weg zur Beendigung des Krieges gibt und dass die ukrainische Führung diesen Weg nicht gehen will. Und die Russen gewinnen dabei in jedem Fall.

„Wir verlassen die Oblast Donezk nicht. Also gibt es einen klaren Weg, den Krieg zu beenden, aber Zelensky will das nicht.“ Das ist ungefähr dasselbe Szenario, das Russland während des Wahlkampfs 2019 spielte.

Das war tatsächlich ebenfalls ein russisches Szenario: „Die ukrainische Führung will den Krieg nicht beenden. Wählt einen guten Präsidenten, und der Krieg endet.“

„Und wenn die ukrainische Führung plötzlich doch dem Rückzug aus der Oblast Donezk zustimmt – auch gut. Dann bekommen wir befestigte ukrainische Städte. Und von diesen neuen Positionen aus erobern wir nach 30 oder 90 Tagen – was macht das für einen Unterschied – weitere Gebiete, etwa in den Regionen Kharkiv oder Poltava oder anderswo“. Ein völlig durchschaubares Szenario.

Ich möchte Sie daran erinnern: Das sind dieselben Menschen. Die Urenkel oder Ururenkel jener Soldaten, die damals aus den russischen Schützengräben sprangen. Heute sitzen sie sowohl in ukrainischen als auch in russischen Schützengräben. Es sind keine anderen Menschen. Es sind Menschen aus genau derselben Geschichte.

Jurij Fedorenko: Mit Verlaub, natürlich spricht niemand ernsthaft davon, dass Russland den Krieg beenden möchte. Deshalb habe ich die Frage ja als verschwörungstheoretisch bezeichnet. Es geht darum, ob Sie irgendwelche Anzeichen dafür sehen, dass eine Reihe politisch bedeutsamer Ereignisse gezielt zu einer Kette zusammengefügt wird.

Portnikov: Ich habe Ihre Frage verstanden. Genau deshalb versuche ich zu erklären, dass das zwei Dinge sind, die nichts miteinander zu tun haben. Da gibt es diesen Prozess. Und da gibt es den Prozess der Degeneration des staatlichen Verwaltungssystems, der 2019 begonnen hat und sich mit jedem weiteren Jahr dieser Regierung an den Hebeln der Macht verstärkt.

Und man muss eine einfache Sache verstehen. Dieser Prozess ist nicht natürlich. Erinnern Sie sich, wie hoch Zelenskys Zustimmungswerte im Januar 2022 ungefähr waren?

Jurij Fedorenko: Nicht besonders hoch.

Portnikov: Wenn es keinen großen Krieg gegeben hätte – wann wären dann Wahlen gewesen?

Jurij Fedorenko: Im vergangenen Jahr.

Portnikov: Es gäbe heute einen völlig anderen Präsidenten. Es wäre zu einer Bereinigung der Machtstrukturen von Dilettantismus gekommen. Die Menschen, die Sie heute unter Ermittlungen sehen, wären ohnehin unter Ermittlungen geraten. Nur nicht unter ihrer eigenen Regierung. Korruptionsgeschäfte wären definitiv untersucht worden.

Dafür gibt es Demokratie: um den Fäulnisprozess zu stoppen, der selbst im besten politischen System einsetzt, wenn es zu lange an der Macht bleibt. Menschen, die lange an der Macht bleiben, werden entweder zu Monstern oder verlieren einfach den Kontakt zur Realität.

Das betrifft nicht nur Zelensky. Im Vergleich etwa zu den Regierungschefs selbst der demokratischsten Länder – Angela Merkel, Benjamin Netanyahu oder anderen – ist Zelensky noch gar nicht so lange an der Macht.

Jurij Fedorenko: Oder Orbán.

Portnikov: Oder Orbán. Ganz genau. Darum geht es. Es ist offensichtlich: Wenn es in einem Land eine Regierung gibt, die an der Macht bleibt, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, sich selbst zu verbessern, und zugleich unabhängige Antikorruptionsorgane existieren, dann passieren solche Dinge. Dafür braucht es keine Verschwörung. 

Es genügt, dass eines von zwei Modellen existiert. 

  • Entweder gibt es eine effektive Regierung und unabhängige Antikorruptionsorgane.
  • Oder es gibt eine ineffektive Regierung mit autoritären Tendenzen.

Verstehen Sie? Das ist die Formel. Und dann darf es keine unabhängigen Antikorruptionsorgane geben. Dann gibt es ein autoritäres Regime, eine Diktatur. Dann sitzt niemand irgendwo im Gefängnis. Keine Verschwörungen, keine dumme Konspirologie. Alles ist wunderbar.

Hier haben wir aber ein Hybridsystem. Einerseits eine Regierung, die seit 2019 keinerlei Versuch unternimmt, effektiv zu werden, weil sie nicht weiß, wie das geht, und nicht einmal weiß, was das bedeutet. Andererseits gibt es unabhängige Antikorruptionsstrukturen.

Jurij Fedorenko: Versuche gibt es schon.

Portnikov: Keinen einzigen. Und andererseits gibt es unabhängige Antikorruptionsstrukturen. Übrigens hat die Regierung sehr wohl verstanden, was zu tun wäre. Sie wusste von Anfang an, was passieren würde. Deshalb versuchte sie, die unabhängigen Antikorruptionsstrukturen von der korrupten Machtvertikale abhängig zu machen. Das ist ihr nur dank der Bemühungen des ukrainischen Volkes nicht gelungen. Später bot man genau diesem Volk dann die freie Ausreise aus dem Land an, nachdem man das Alter der Menschen analysiert hatte, die sich den Machenschaften dieser Regierung tatsächlich widersetzten.

Man sagte gewissermaßen: „Auf Wiedersehen, ukrainisches Fernsehen. Auf Wiedersehen. Ihr könnt ruhig wegfahren, wenn ihr unter 25 seid. Ihr müsst hier nicht sitzen und mit Pappschildern protestieren. Geht lieber in Warschau demonstrieren.“

Die Regierung ist also klug, aber ineffektiv.

Jurij Fedorenko: Schwer, dagegen zu argumentieren.

Portnikov: Versuchen Sie es doch.

Jurij Fedorenko: In dem, was Sie sagen, taucht oft die These auf, dass seit 2019 alles unausweichlich auf den Krieg zugelaufen sei.

Portnikov: Nein. Auf den Krieg lief alles seit 1991 unausweichlich zu.

Jurij Fedorenko: Dass er aber genau dann ausbrach, als er ausbrach, sei das Ergebnis von Inkompetenz und davon, dass das Land von Unprofessionellen regiert werde.

Portnikov: Nein, das sage ich nie. Ich sage immer, dass 2019 das Tor zum großen Krieg wurde, weil Russland die Wahlergebnisse in der Ukraine falsch einschätzt hat. Nicht allein wegen einer inkompetenten Regierung. Das ist ein Teil des Problems, aber nicht der wichtigste Teil.

Jurij Fedorenko: Sie sagen jedoch oft im Vergleich zwischen Zelensky und Poroshenko, dass Zelensky kindische Fehler macht. Zum Beispiel, dass Poroshenko Medvedchuk gewissermaßen an der Leine hielt und damit für Putin simulierte, seine Interessen würden berücksichtigt usw.

Aber worauf ich hinauswill: Es schien doch einen Trend zu geben, dass die Ukraine kulturell und wirtschaftlich in die Tasche Russlands zurückfiel. Wenn man sich die Musikcharts ansieht, wenn man sieht, was 2021 wirtschaftlich geschah – Monobank wäre beinahe von Alfa Group gekauft worden.

Portnikov: Hören Sie, ich möchte mir diese dumme Propaganda nicht einmal eine Minute lang anhören. Gerade nach der Revolution der Würde 2014 wurden Entscheidungen über Quoten für ukrainische Inhalte im Rundfunk getroffen. Und das zu einer Zeit, als der Mann, der später Präsident der Ukraine wurde, in einer russischsprachigen Fernsehserie mitspielte. Wie hieß sie noch? Achtung!

Jurij Fedorenko: Diener des Volkes.

Portnikov: Bravo! Nicht einmal Hilfe aus dem Publikum nötig. Gerade nach 2014 wurden die tatsächlichen Voraussetzungen für die Entwicklung des ukrainischen Kinos geschaffen.

Jurij Fedorenko: Sie meinen also, der Trend verlief in die richtige Richtung?

Portnikov: Genau damals wurde das Gesetz über die ukrainische Sprache verabschiedet. Zelensky wollte dieses Gesetz revidieren. Das sagte er während seines Wahlkampfs. Dieser Wahlkampf wurde zur Hälfte auf Russisch geführt. Warum erzählen Sie sich selbst Märchen und möchten, dass andere daran glauben – zumal hier junge Leute sitzen, die 2019 vielleicht noch gar nicht bewusst wahrgenommen haben, was geschah?

Jurij Fedorenko: Aber sehen Sie, der eine ließ Medvedchuk nicht verhaften, der andere versprach, das Gesetz abzuschaffen.

Portnikov: Hören Sie, Sie sind Journalist, und dennoch führen Sie mit mir eine völlig stammtischhafte Diskussion. Wissen Sie, warum mich das aufregt? Ich arbeite gerade wie Julia Lambert. Kennen Sie Julia Lambert aus Somerset Maughams „Theater“? Sie lief mit einem roten Schal über die Bühne, um eine Konkurrentin auszustechen. Und alle starrten auf den Schal.

Dieser Schal ist nicht rot, sondern blau-gelb. Aber wir sind in der Ukraine. Warum sollten wir mit einem roten Schal herumlaufen? Hier funktioniert auch ein blau-gelber Schal.

Ich gehe von einer einfachen Formel aus. Die Führung eines Landes kann schlecht sein. Sie kann bei Entscheidungen Fehler machen. Aber sie muss professionell und politisch sein.

Darauf muss eine parlamentarisch-präsidentielle Republik beruhen, deren Rettung übrigens ebenfalls das Ergebnis der Revolution der Würde von 2013–2014 war.

Erstens: die Subjektivität des Parlaments. Gesetze müssen im Parlament entstehen und nicht im Büro des Präsidenten. Parlamentarier müssen eigenständige Träger des Gesetzesinitiativrechts sein. Sie müssen die Interessen ihrer Wähler vertreten und nicht die von Oligarchen oder sich an einer einzigen Person orientieren, die kommt und ihnen erklärt, wie sie zu leben und was sie zu tun haben.

Von 2010 bis 2014 war diese Person Viktor Yanukovych. Seit 2019 ist diese Person Volodymyr Zelensky. Genau das bedeutet den Zusammenbruch der parlamentarisch-präsidentiellen Republik.

Zweitens: In einer parlamentarisch-präsidentiellen Republik ist der Regierungschef der Premierminister, der von einer Koalition vorgestellt wird, die von den Abgeordneten des Parlaments gebildet wird. Dieser Premierminister trägt unmittelbare Verantwortung gegenüber den Bürgern und den Parlamentariern für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Er tritt mit einem Entwicklungsprogramm für das Land auf, verteidigt dieses Programm. Und wenn dieses Programm nicht umgesetzt wird, setzen die Abgeordneten ihn ab.

Unter ukrainischen Bedingungen wissen seit 2019 die Menschen, die für Minister stimmen, nicht einmal, wer diese Leute sind. Sie bekommen Listen aus dem Präsidentenbüro und stimmen einfach für irgendwelche Unbekannten. Für Menschen, die man schlicht per Lotterie gefunden hat. So wie man Mendel per Lotterie gefunden hat. Und so suchte man auch viele Minister.

Drittens: Der Präsident muss als Oberbefehlshaber der Streitkräfte, als jemand, der unter unseren Bedingungen tatsächlich für den Erhalt des Landes verantwortlich ist, freie Hände und Zeit haben, um sich mit Außenpolitik und Verteidigung zu befassen. Und seine Beamten im Büro sollten nicht Konflikte zwischen Ministern und Abgeordneten lösen, sondern ihm dabei helfen. Und übrigens: Je mehr Zelensky sich jetzt damit beschäftigt, desto mehr Ergebnisse gibt es.

Worin bestand die Logik der politischen Prozesse, die nach 2014 begannen?

Es gab politische Parteien, deren Anhänger und Mitglieder eigene Ansichten hatten. Diese Parteien hatten die Prüfung des Maidan bestanden. Die Menschen, die ins Parlament gewählt wurden, hatten die Prüfung des Maidan bestanden. Unter ihnen gab es sehr effektive Menschen, sehr ineffektive Menschen, Menschen, die buchstäblich von der Straße ins Parlament kamen. Menschen mit gewisser politischer Erfahrung.

Aber worin bestand die Idee? Diese Menschen standen für ihre Überzeugungen ein. Ministerposten wurden von Politikern besetzt. Nicht von Beamten, denn ein Beamter kann kein Minister sein. Ein Berufsdiplomat kann kein Außenminister sein. Nur unter unseren Bedingungen kommt so etwas vor. Ein General kann kein Verteidigungsminister sein. Ein Beamter kann kein Verteidigungsminister sein. Das muss ein Politiker sein. So funktioniert die demokratische Welt.

Sie sehen doch, dass Außenminister aus allen Ländern der Welt zu uns kommen. Wer von ihnen ist Berufsdiplomat? Zu uns kommen Verteidigungsminister. Wer von ihnen ist Berufssoldat? Also sind alle Idioten, und nur wir allein wissen, wie man ein System aufbaut?

Deshalb kritisierte ich übrigens 2015 oder 2014 den Block Petro Poroshenko dafür, dass sie statt Politiker in die Regierung zu schicken, Experten dorthin schickten. Erinnern Sie sich, die Älteren erinnern sich daran: die ganze Geschichte mit Minister-Experten, mit Ausländern. Ich sagte, das sei falsch, denn wenn ihr einen Minister entsendet, dann muss das euer politischer Akteur sein. Warum? Weil der Wähler bei der nächsten Wahl verstehen muss, warum zum Teufel er für euch stimmen soll.

Und was geschah? Die Volksfront, die faktisch die Reformen sicherstellte, entsandte Politiker. Den Menschen gefielen die Ergebnisse dieser Reformen nicht. Und deshalb verlor die Volksfront praktisch gerade wegen dieser schmerzhaften Reformen ihre Zustimmung zugunsten populistischer Kräfte. Der Block Petro Poroshenko stand etwas abseits dieses Prozesses wirtschaftlicher Reformen, weil er sich am Präsidenten orientierte, und blieb dadurch im Parlament in Form der Europäischen Solidarität erhalten.

Aber das ist ein falscher Ansatz. Der Ansatz muss sein, dass ihr politische Verantwortung tragt und dass die Menschen, die für euch stimmen, ähnliche Ansichten haben wie ihr.

Jetzt Frage Nummer eins: Welche politischen Ansichten hatte das Projekt ‚Diener des Volkes‘ überhaupt, wenn sich dort gleichzeitig ukrainische Patrioten, prorussische Akteure und schlicht Leute ohne jede politische Vorgeschichte fanden? Und welche verdammten politischen Ansichten hatten diejenigen, die für diesen ganzen Unsinn gestimmt haben?

Jurij Fedorenko: Auf dem Parteitag? Ich schließe nicht aus, dass sie direkt in diesem Raum beschlossen haben: Libertarismus. Solche Werte.

Portnikov: Und wissen Sie, was das ist?

Jurij Fedorenko: Natürlich ironisiere ich, weil es offensichtlich ist, dass es dort keine ideologische Plattform gibt. So wie es sie übrigens bei einem Haufen politischer Projekte in der Ukraine nicht gibt. Wenn man Populismus nicht als ideologische Plattform zählt.

Portnikov: Ich denke, es gibt völlig klare ideologische Plattformen. Wir kennen die ideologische Plattform der Europäischen Solidarität. Wir kennen die ideologische Plattform von Batkivshchyna. Wir kennen die ideologische Plattform der OPZZh. Das sind alles ideologische Plattformen. Man kann sie erklären.

Aber wenn du einem Menschen aus irgendeiner kleinen Stadt, der die Serie Diener des Volkes gesehen hat und möchte, dass alles so wird wie in der Serie, sagst, deine ideologische Plattform sei Libertarismus, dann erklär ihm zuerst, was Libertarismus ist.

Wenn du Abgeordnete der Werchowna Rada wählst, die man danach nach Truskavets bringt, um ihnen zu erklären, wie man auf Knöpfe drückt – welche Effektivität willst du dann von der Regierung? Welche Effektivität willst du vom Parlament?

Verstehen wir denn wirklich nicht, dass wir uns selbst betrügen können, dass wir versuchen können, uns den Menschen anzupassen, die dort jetzt irgendwelche Entscheidungen treffen, aber trotzdem nichts daraus wird? Man kann keinen Staat aus Scheiße und Stöcken zusammenbasteln. Das erkläre ich seit vielen Jahren.

Jurij Fedorenko: Es fällt schwer, Ihren Thesen nicht zuzustimmen.

Portnikov: Ich möchte trotzdem Argumente hören und keine verschwörungstheoretischen Fragen.

Jurij Fedorenko: Dann das letzte, für Sie wohl irritierende Argument. Ein Freund von mir, der bei der Weltbank arbeitet, sagt: Wenn man in der aktuellen Regierung die Zahl der Menschen zählt, die auf Groysmans Listen standen, welche Regierung der nationalen Einheit brauchen Sie dann noch?

Portnikov: Ich habe die Situation bereits erklärt. Sie müssen nicht auf Menschen schauen, die auf irgendwelchen Listen standen, sondern auf Menschen, die diese politischen Kräfte vertreten, für die Bürger gestimmt haben. Also spucken Sie Ihrem Bekannten von der Weltbank ins Gesicht und erklären Sie ihm einfach, dass er nicht versteht, was Politik ist. Fragen Sie ihn, wie er mit einem solchen Politikverständnis überhaupt bei der Weltbank arbeiten kann. Er ist doch wahrscheinlich ein Ukrainer, der bei der Weltbank arbeitet?

Jurij Fedorenko: Ja.

Portnikov: Na also. Ich denke, wenn er Deutscher oder Franzose wäre, würde er Ihnen diesen Unsinn nicht erzählen, denn eine Regierung der nationalen Einheit sieht nicht so aus, dass man einen Beamten sucht, der auf irgendeiner Liste stand. Sondern es bedeutet, dass es politische Kräfte gibt, die in der Werchowna Rada vertreten sind, und diese politischen Kräfte gemeinsam, gemeinsam eine Regierung politisch verantwortlicher Akteure bilden.

Jurij Fedorenko: Denken Sie nicht einfach, als Idee, dass man das philosophischer betrachten sollte? In dem Sinn: Klar, Sie erzählen, wie es idealerweise sein sollte, fast so, wie man es uns im Rechtskundeunterricht beigebracht hat.

Portnikov: Haben Sie den Rechtskundeunterricht geschwänzt?

Jurij Fedorenko: Gott bewahre. Aber es ergibt sich so, dass das Modell einer entwickelten westlichen Demokratie beschrieben wird. Und wir sehen doch, wie leicht es auch in der westlichen Welt zerstört wird, etwa durch einen Trump.

Portnikov: Sehen Sie, mich interessiert im Moment das Modell westlicher Demokratie überhaupt nicht. Ich sage eine sehr einfache Sache: Wir brauchen ein Modell zum Überleben des Staates. Denn die Frage, ob der ukrainische Staat in einigen Jahren auf diesem Territorium existieren wird, ob das ukrainische Volk überhaupt als Nation existieren wird, ist nicht entschieden. Sie ist nicht entschieden. Also müssen wir darüber nachdenken, welche effektiven Mechanismen es zur Rettung gibt.

Nur denkt die überwiegende Mehrheit der Menschen, die übrigens ebenfalls an der Macht sind, aus irgendeinem Grund, das sei eine Art Vorstellung, die irgendwann endet, Putin beruhigt sich, und dann renovieren sie ihre Kooperative „Dynasty“, werden dort leben, das Leben genießen und Reichtum anhäufen. Nein, das wird nicht passieren.

  • Erstens wird er sich nicht beruhigen.
  • Zweitens kann man ihn mit diesem Führungsstil des Staates nicht beruhigen.
  • Drittens: Wenn du siehst, dass du schon seit vielen Jahren versuchst, irgendeine Lösung für das Problem zu finden, und keine findest, dann braucht es vielleicht doch wieder irgendeine Hilfe aus dem Saal?

Das ist nicht einmal nur die Frage einer Regierung der nationalen Einheit. Sie übertreiben ebenfalls meine Beschäftigung mit einer Regierung der nationalen Einheit. Ich spreche vor allem von einer effektiven Regierung. Minister in einer Regierung, die zur Berichterstattung ins Präsidentenbüro gehen, sind an sich schon eine ineffektive Regierung.

Dort können effektive Beamte geben, aber sie tragen keine Verantwortung. Keiner dieser Minister hat vor, ins Parlament gewählt zu werden. Er denkt nicht über seine politische Karriere nach. Sie können es einfach nicht verstehen.

Jurij Fedorenko: Einer hat es vor.

Portnikov: Wer denn?

Jurij Fedorenko: Fedorov.

Portnikov: Ach, heute hat er es vor, morgen nicht. Und man müsste auch noch herausfinden, welche politischen Ansichten dieser Fedorov eigentlich hat. Er wird noch ein paar Monate im Verteidigungsministerium arbeiten und dann dorthin gehen, wohin alle vorherigen Minister gegangen sind.

Jurij Fedorenko: Er arbeitet sehr lange als Minister an einem Ort.

Portnikov: Für Digitalisierung?

Jurij Fedorenko: Ja, das ist doch so etwas wie ein ukrainischer Rekord in der Amtszeit.

Portnikov: Hören Sie, das ist doch ein virtuelles Ministerium, worüber reden wir? Hier geht es um echte militärische Hardware. Es ist leicht, Minister eines Ministeriums zu sein, das irgendeine App fürs Smartphone erstellt, die existieren kann oder auch nicht. Aber schaffen Sie bitte Möglichkeiten in einer Situation, die mit Drohnen verbunden ist.

Wenn Sie keine Diia-App haben, können Sie ganz ruhig irgendwelche anderen Apps benutzen. Aber wenn Sie keine Drohnen haben, die russische Drohnen abschießen, dann werden Ihre Häuser bald alle zerstört sein, und Sie werden keinen Ort mehr haben, an dem Sie Diia benutzen können.

Mensch, Sie reden ja wie Kinder. Glauben Sie ernsthaft, dass das Überleben dieses Landes von virtuellen Apps abhängt? Das Überleben dieses Landes hängt von Militärtechnologien ab, von Wettbewerb im Bereich der Militärtechnologien, von Wettbewerb – und nicht davon, dass irgendeine Firma, die von weiß Gott wem, einem ehemaligen russischen Staatsbürger, geführt wird, die Produktion von Raketen und Drohnen monopolisiert. Bitte seien Sie realistisch.

Jurij Fedorenko: Sehen Sie, Ihre Passage über Drohnen ist rhetorisch sehr stark. Aber wenn man präzise ist: Hier im Untergeschoss minus eins gibt es eine ganze Expo von Military-Unternehmen. Und wenn man sie fragt, wird jedes sagen – nicht nur FirePoint, und vor allem nicht FirePoint, sondern viele kleine private Unternehmen, die tatsächlich Dinge herstellen, die das Schlachtfeld beeinflussen –, dass dieser Markt ohne irgendeine Verordnung 235 oder 275, mit der sich derselbe Fedorov befasst hat, unmöglich gewesen wäre.

Portnikov: Sind Sie Lobbyist für Fedorovs politische Interessen oder was? Was machen Sie gerade? Ich erkläre Ihnen eine einfache Sache. Offenbar hören Sie nicht, worüber ich spreche.

Fedorov ist kein politischer Akteur. Er vertritt keine politische Partei. Verstehen Sie nicht, worüber ich spreche? Wenn Fedorov Politik machen will, ist das wunderbar. Er wird ein politisches Projekt gründen und Politik betreiben. Aber das hat nichts mit seinem derzeitigen Zustand in der Regierung zu tun, verstanden?

Jurij Fedorenko: Er hat noch nicht angefangen.

Portnikov: Wenn Sie meinen, dass unser Gespräch für politische Agitation zugunsten eines Ministers in der Regierung genutzt werden sollte, welche Ambitionen er auch immer haben mag, welche persönlichen Beziehungen er auch immer haben mag – nein. Sie haben mir ein falsches Beispiel genannt, weil ich Ihnen politische Verantwortung erklärt habe, und Sie hören mich nicht, weil Sie irgendwelche eigenen Aufgaben haben.

Jurij Fedorenko: Wer war denn ein solcher eigenständiger Politiker in der letzten Regierung Groysman, zum Beispiel? Nur damit wir den Unterschied verstehen.

Portnikov: Avakov. Er vertrat die Volksfront. Aber wieder: Aber warum verbeißen Sie sich ständig in die Jahre 2014 bis 2019? Das ist auch eine erstaunliche Manier. Reden wir doch darüber, was damals war. Oder vielleicht sollten wir darüber sprechen, was jetzt ist?

Jurij Fedorenko: Sie sagen doch, es gebe nichts zu besprechen.

Portnikov: Ich sage Ihnen eine einfache Sache. Entweder sprechen wir darüber, wie man heute die Führung des Landes richtig aufbaut, weil Sie verstehen müssen, dass diese zerstörerischen Prozesse weitergehen werden, sie werden noch viel stärker an Fahrt aufnehmen. Diesen Prozess bekommt man nicht mehr in die Flasche zurück. Er wird das System staatlicher Verwaltung weiter zerstören, aber er wird auch die Gesellschaft zerstören.

Sie können stundenlang all diesen Unsinn über das Jahr 2014 erzählen, darüber, was mit Poroshenko war. Das hat jetzt keinerlei Bedeutung. Zumal Sie, entschuldigen Sie, mit einem Menschen sprechen, der von 2014 bis 2019 genau darüber gesprochen hat: über Poroshenkos Fehler, über Konflikte zwischen dem BPP und der Volksfront, über das, was bei Yatsenyuks Rücktritt geschah. Ich habe mich ausschließlich damit beschäftigt und darüber gesprochen, was geschah, als Samopomich, Batkivshchyna und die Radikale Partei die Regierungskoalition verließen. Das war ich.

Jurij Fedorenko: Ehrlich gesagt weiß ich das alles nur von Ihnen.

Portnikov: Weil Sie sich nicht für Politik interessieren. Weil Ihr Problem dasselbe ist wie das von Zelenskys ganzer Gesellschaft: Sie interessieren sich für nichts, kommen im Jahr 2026, um irgendein Interview zu führen, auf das Sie überhaupt nicht vorbereitet sind. Sie interessieren sich nicht einmal dafür, was in diesem Land in den letzten zehn Jahren passiert ist. Und Sie glauben aus irgendeinem Grund, dass ich Sie mit verliebten Augen ansehen werde. Mir gefällt dieser Gesprächsstil nicht, sagen wir es so, und ich werde nicht allen Ihren Thesen zustimmen.

Das ist inkompetent, lieber Kollege. Journalismus verlangt Vorbereitung, Kompetenz, Kenntnis der Fakten, zumindest ein Verständnis dafür, warum Sie mit einem Menschen sprechen und was er getan hat. Und zwar nicht aus sozialen Netzwerken, nicht aus Propaganda und Agitation, die von verschiedenen Idioten über mich verbreitet wird, die dafür ihre Silberlinge im Telegram-Raum bekommen. Sondern wenn es real ist: Es ist doch einfach, zu lesen oder anzusehen, was ich 2014 gesagt habe, um mir nicht etwas vorzuwerfen, was ich nicht getan habe. Wenn ich eine andere Orientierung habe, was wollen Sie dagegen tun?

Jurij Fedorenko: Ich weiß nicht einmal, was ich Ihnen antworten soll.

Portnikov: Sie können Fragen erfundener Nutzer vorlesen.

Jurij Fedorenko: Nur eine kleine Bemerkung, Sie müssen darauf gar nicht reagieren. Dass dort steht, ich sei Programmdirektor bei UT2, ist überhaupt ein postironischer Witz.

Portnikov: Hier haben viele Menschen Posten, die postironische Witze sind.

Jurij Fedorenko: Ja, also ehrlich gesagt bin ich kein Journalist.

Portnikov: Das sehe ich. Und sie sind keine Politiker, und sie sind keine Staatslenker. So leben Sie. Aber ich habe einen Vorschlag. Nehmen wir Fragen aus dem Saal. Vielleicht können wir diese Situation irgendwie entspannen.

Jurij Fedorenko: Nein, lassen Sie mich sie ebenfalls entspannen. Wir geben noch jemandem aus dem Saal das Wort. Sehen Sie, wir leben heute in einer neuen Renaissance. Viele Menschen wechseln im Laufe ihres Lebens ihre Karriere. Ich verstehe, dass Sie viel länger im Journalismus tätig sind, als ich überhaupt existiere.

Portnikov: Und wie lange existieren Sie?

Jurij Fedorenko: Seit 1990.

Portnikov: Na, dann sind Sie ja schon ein großer Junge.

Jurij Fedorenko: Ja. Und Menschen sind im Laufe ihres Lebens oft gezwungen, ihre berufliche Laufbahn zu ändern.

Portnikov: Warum? Weil sie ihre vorherigen Aufgaben nicht bewältigen?

Jurij Fedorenko: Zum Beispiel, weil jemand zehn Jahre als Programmierer gearbeitet hat und dann Soldat wird. Und vielleicht wird er später ausgemustert und will nicht wieder Programmierer werden. Die Arbeit ändert sich. Oder jemanden hat man einfach zum Präsidenten gewählt.

Portnikov: Soldat zu sein ist kein Beruf, sondern eine Pflicht. Ein Mensch, der Soldat wird, wechselt nicht den Beruf. Er entscheidet sich, das Land zu verteidigen, oder wird mobilisiert, um das Land zu verteidigen. Das ist etwas anderes. Das ist ein schlechtes Beispiel.

Jurij Fedorenko: Ja, aber ich bin seit 2022 mobilisiert. Im Dienst mache ich nicht das, was ich im zivilen Leben gemacht habe. Deshalb wäre Ihr Angriff auf mich beleidigend gewesen, aber …

Portnikov: Ich hatte gar nicht vor, Sie zu beleidigen.

Jurij Fedorenko: … wenn ich Journalist wäre.

Portnikov: Nein. Ich bin der Meinung, dass jeder Mensch sich auf ein Gespräch mit seinem Gegenüber vorbereiten sollte. Ich mache das sogar im Privatleben. Stellen Sie sich vor: Ich versuche immer, etwas über Menschen herauszufinden. Erstens, damit ich nicht später erfahre, dass dieses Mädchen eigentlich ein Junge ist. Das ist eine wichtige Sache. Oder umgekehrt. Das kann ja auch passieren.

Zweitens, damit ich Menschen keine Vorschläge mache, die sie beleidigen könnten.

Drittens, damit ich weiß, ob da drei Kinder sind. Für manche ist das heutzutage sogar ein Trumpf. Und so weiter.

Deshalb verlange ich immer Respekt – nicht vor dem Beruf, sondern vor der Person. Es geht nicht um den Beruf. Betrachten Sie es so: Meine eigene Schuld war, dass ich mich nicht auf das Gespräch mit Ihnen vorbereitet habe.

Jurij Fedorenko: Ich würde diese Zeit einfach nur ungern auf Reflexionen über …

Portnikov: Über sich selbst?

Jurij Fedorenko: … die Vorbereitung verwenden, ja. Obwohl das natürlich angenehm ist. Aber offen gesagt würde ich lieber aus einer anderen Perspektive sprechen. Ich habe eine Frage, um das Thema zu wechseln.

Sie sagen oft, dass es in der Ukraine eine Spaltung der Identität gibt. Es gibt eine ukrainische Identität, eine bedingt prorussische oder postsowjetische und die größte Gruppe, der im Grunde alles egal ist.

Wenn wir über die Zivilgesellschaft sprechen: Was muss getan werden, damit der proukrainische Teil größer wird? Mit dem prorussischen Teil ist wahrscheinlich schwer etwas zu machen. Das ist sehr energieaufwendig.

Portnikov: Warum schwer? Wir haben Putin, der mit dem prorussischen Teil alles macht und den Menschen zeigt, wie sehr sie sich geirrt haben.

Aber ernsthaft: Ich denke, dass die Unterschiede in den regionalen Identitäten überhaupt keine Neuigkeit sind. Ich sehe darin überhaupt kein Problem. Ich habe immer geglaubt, dass das ein Reichtum der Ukraine ist. Dass die Bessarabien anders aussieht als Galizien, die Bukowina anders als die Sloboschanschtschyna. Das ist doch dasselbe wie in jedem europäischen Land.

Nehmen wir Italien. Norditalien und Süditalien sind verschiedene Welten. Aber überall leben Italiener.

Oder Bayern und Nordrhein-Westfalen. Das sind verschiedene Welten, aber überall leben Deutsche.

Unser Problem besteht nicht darin, dass Ukrainer unterschiedlich sind. Unser Problem besteht darin, dass wir die Unabhängigkeit im Zuge der Degeneration eines Imperiums erhalten haben. Deshalb gibt es viele Menschen, die sich einerseits als Ukrainer betrachten, andererseits aber im imperialen Raum geblieben sind.

Und zwar nicht nur in dem Sinne, dass sie sich für Russen hielten, sondern im Raum jenes künstlich erzeugten Minderwertigkeitskomplexes, den das Imperium hier immer gefördert hat, damit die Ukrainer glauben, dass alles wirklich Große, Bedeutende und Nicht-Provinzielle nur auf Russisch möglich sei, während auf Ukrainisch nur Borschtsch und Hopak existieren.

Und genau das ist das Problem. Denn die Prorussischkeit, die es bei uns gab, bedeutete nicht, dass diese Menschen sich als ethnische Russen betrachteten. Sie hielten sich lediglich für minderwertig gegenüber den Russen.

Und so war es praktisch bei allen Völkern des Imperiums, vielleicht mit Ausnahme der baltischen Völker. Und genauso geschieht es heute weiterhin mit den Völkern Russlands.

Übrigens: Wenn wir über die Völker Russlands sprechen, benutzen wir noch immer das Vokabular der Russen. Wir wollen Russen beleidigen und sagen: „Das sind Mordwinen.“

Entschuldigen Sie, aber der Staat der Mordwinen war viel besser auf den Widerstand gegen die Goldene Horde vorbereitet als die Fürstentümer von Rus. Sie kämpften noch jahrzehntelang weiter. Sie hatten legendäre Anführer, die gegen die Horde kämpften. Wie jeder Staat, der kämpft, litten sie stärker als die Slawen. Deshalb gibt es heute weniger von ihnen, und deshalb besitzen sie keine staatliche Einheit mehr.

Oder wenn wir Burjaten als irgendwelche Wilden darstellen. Dabei umfasst eine buddhistische Enzyklopädie auf Burjatisch siebzig oder achtzig Bände. Aber die Russen haben immer die Vorstellung verbreitet, die Burjaten seien Wilde, obwohl ihre Zivilisation zur selben Welt der Goldenen Horde gehörte – einer Zivilisation mit Staatsverwaltung, die später von Moskau kopiert wurde.

Und dann kommen sie hierher und töten uns. Natürlich ist es für uns einfacher zu denken – und den Russen angenehmer –, dass Burjaten hier töten, während die Russen doch ein zivilisiertes Volk seien.

Beachten Sie: Das ist ein imperiales Erbe, das bis heute in den Köpfen vieler Ukrainer existiert.

Deshalb denke ich nicht, dass wir ein Problem eines Identitätskonflikts haben. Das Problem besteht darin, dass wir viele Menschen haben, die glaubten, Ukrainer als Nation und politische Nation unterschieden sich nicht von Russen, Polen, Deutschen oder Franzosen. Und eine große Zahl von Menschen, die sich gegenüber dem „großen Bruder“ minderwertig fühlten. Und ich wiederhole: Das betraf nie nur die Ukrainer.

Seit meiner Kindheit glaubte ich, dass meine Aufgabe darin besteht, die Ukrainer davon zu überzeugen, dass sie denselben Platz in der Zivilisation einnehmen wie jedes andere Volk Europas oder Asiens.

Umso mehr, als ich Menschen meiner eigenen jüdischen Herkunft sah, die sich ebenfalls den Russen gegenüber minderwertig fühlten, nach Israel auswanderten und dort Porträts von Puschkin verehrten.

Das erschien mir seltsam. Wenn du in einem jüdischen Staat leben willst und gleichzeitig ein Mensch bist, dessen Landsleute Einstein, Spinoza oder – entschuldigen Sie – Jesus Christus sind, warum solltest du dann einen Minderwertigkeitskomplex gegenüber einem Volk haben, das Deutsche einladen musste, um ihm Universitäten und Akademien zu gründen?

Dasselbe hat mich bei den Ukrainern erstaunt. Warum solltet ihr euch diesem Volk gegenüber minderwertig fühlen, wenn es hier eigene Universitäten gab, eigene Wissenschaftler, eigene Bildhauer, eine eigene Sophienkathedrale zu einer Zeit, als es dort überhaupt noch nichts gab?

Und nochmals: Das bedeutet nicht, dass ich Russen schlecht behandle. Jedes Volk durchläuft zu seiner Zeit seine eigenen Entwicklungsphasen. Aber warum Minderwertigkeit?

Und das Wichtigste ist nicht, regionale Unterschiede zu überwinden. Das Wichtigste ist, die Minderwertigkeit und die Orientierung an dieser Minderwertigkeit zu überwinden. Und ich denke, dass der große Krieg dafür Möglichkeiten schafft.

Ich bin sogar der Ansicht, dass wir 2019 bereits eine einheitliche politische Nation hatten. Ich denke, die Wahl Zelenskys mag aus Sicht politischer Führung fragwürdig erscheinen. Aber für Zelensky stimmten Menschen in Uzhhorod, in Ivano-Frankivsk, in großer Zahl ebenso wie in Kharkiv und Odesa. So etwas hatte es vorher nicht gegeben.

Bei Poroshenko war es ähnlich, aber er gewann bereits im ersten Wahlgang, und im Osten stimmten deutlich weniger Menschen für ihn.

Deshalb sahen wir in den Jahren 2014–2019 bereits eine Nation, die die regionalen Unterschiede mehr oder weniger überwunden hatte. Jetzt müssen wir an der Qualität dieser Nation arbeiten.

Und selbstverständlich hat der Krieg nicht nur die russlandorientierte Bevölkerung deutlich reduziert. Er hat auch die Zahl jener Menschen verringert, die sich für ethnische Russen hielten, ohne es zu sein.

Und übrigens: Auch das ist keine Neuigkeit. In den Volkszählungen des Russischen Reiches werden Sie sehen, dass in den ukrainischen Städten angeblich überhaupt keine Ukrainer lebten. Das war eine Manipulation. Denn man fragte die Menschen nicht nach ihrer Herkunft, sondern nach ihrer „Muttersprache“. Und wenn jemand sagte, seine Sprache sei großrussisch, wurde er als Russe eingetragen.

Erst jetzt beginnen wir, dieses Erbe tatsächlich zu überwinden. Und ich denke, wir tun das erfolgreich.

Wenn es uns gelingt, den Staat zu bewahren, werden wir eine Nation bewahren, die in ihren regionalen Erscheinungsformen unterschiedlich sein wird, aber in ihrem Verständnis der eigenen Gleichwertigkeit einheitlich.

Im Grunde hängt alles, was ich mein ganzes berufliches und außerberufliches Leben getan habe, damit zusammen: mit dem Versuch, die Ukrainer davon zu überzeugen, dass sie nicht schlechter sind als andere.

Und ich möchte Sie davon überzeugen, dass dies Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre keine einfache Aufgabe war. Heute ist sie einfacher geworden, weil die Menschen sich nicht mehr schämen. Noch vor zehn Jahren sahen wir Menschen, die sich schämten, in der Öffentlichkeit ihre eigene Sprache zu sprechen.

Es geht nicht darum, wer auf den Straßen von Kyiv, Odesa oder Kharkiv Russisch spricht. Gott sei Dank. Es geht darum, dass es peinlich war, Ukrainisch zu sprechen. Es ging darum, dass die Vorstellung, ukrainische Kultur sei russischer Kultur unterlegen, ukrainische Musik russischer Musik, ukrainischer Film russischem Film, überhaupt nicht infrage gestellt wurde.

Und das war immer so: Dort Mosfilm, hier irgendein Dovzhenko-Studio. Dort Bella Achmadulina und Andrei Wosnessenski, hier irgendein Drach oder Pavlychko, Lina Kostenko. Wie bitte?

Während all meiner Jahrzehnte in Moskau bin ich auf dieser russischen Ebene damit konfrontiert worden. Mit dem völligen Verständnis: Hier haben wir das echte Land, den echten Staat, die echte Zivilisation – und das dort ist Provinz.

Die Russen verweigerten den Ukrainern immer die Zugehörigkeit zu einer urbanen Kultur. Die meisten Ukrainer stimmten dem zu, vielleicht mit Ausnahme der Westukraine.

Ich möchte, dass ein Ukrainer in eine große Stadt kommt und sich dort zu Hause fühlt und nicht als Gast. Und ich muss Ihnen sagen: Dass Kyiv in den Jahren der Sowjetmacht ukrainisiert wurde, war eine der Voraussetzungen dafür, dass wir die Unabhängigkeit ausrufen und verteidigen konnten.

Ich versichere Ihnen: Ohne Kyiv wäre dasselbe passiert wie 1917 bis 1920, als Kyiv nicht nur kaum Ukrainer hatte, sondern politisch russlandorientiert war. Auch das ist kein großes Geheimnis.

Jurij Fedorenko: Es gibt die These, dass die ukrainische Gesellschaft heute sehr angespannt und erschöpft ist. Und ich spreche jetzt nicht von unserem Gespräch, sondern allgemein.

Portnikov: Wir haben doch ein gutes Gespräch. Die Leute konnten sich wenigstens ein wenig von den Belastungen der letzten Tage erholen.

Jurij Fedorenko: Eben. Weil die Gesellschaft angespannt und erschöpft ist, gibt es sehr viele sogenannte Schlammschlachten, Cancel Culture und ähnliche Dinge. Vielleicht auch deshalb, weil es keinen normalen politischen Prozess gibt. Wenn so etwas geschieht, hört man oft Aufrufe, die scharfen Kanten zu glätten, weil jetzt nicht die Zeit dafür sei, weil Krieg herrsche und so weiter.

Aber vielleicht ist gerade dieser Zustand unserer gewissen Zersplitterung förderlich dafür, dass die Situation als Beschleuniger wirkt, um viele Dinge schnell zu lösen, die nie wirklich ausgesprochen wurden. Was denken Sie darüber?

Portnikov: Erinnern Sie sich daran, dass ich darüber schon seit 2022 spreche. Als Sie wieder von einer Regierung der nationalen Einheit sprachen, wollte ich gerade solchen Prozessen vorbeugen. Denn die Aufteilung von Verantwortung zwischen verschiedenen politischen Kräften hätte es ermöglicht, Verantwortung zu teilen und viele Probleme zu vermeiden.

Und übrigens: Als der Präsident im Februar 2022 mit den Vorsitzenden der Parlamentsfraktionen zusammentraf, sagte er ihnen im Grunde genau das. Er sagte es Petro Poroshenko ins Gesicht, er sagte es Yulia Tymoshenko ins Gesicht: „Lasst uns alles vergessen, was war. Lasst uns gemeinsam das Land retten.“

Kaum hatten sich die Russen aus der Umgebung von Kyiv zurückgezogen, war das alles vergessen. Man beschloss, dass jetzt alles gewonnen sei. Ein Weltführer, ein Führer der Moderne, ein Führer des Widerstands. Und das war ein Fehler.

Wie man diesen Fehler jetzt korrigieren kann, ist eine gute Frage. Aber darüber werden wir jetzt nicht sprechen, denn der Fehler ist bereits gemacht worden. Vielleicht wurde dieser Fehler aufgrund des naiven Glaubens gemacht, man könne den Krieg bald beenden. Aber er endet nicht.

Jetzt sage ich Ihnen, wer die Aufgabe hat, solche Prozesse abzufedern, solange es keine Wahlen gibt.

  • Erstens: freie Medien. Der Telemarathon muss beendet werden.
  • Zweitens: die Zivilgesellschaft. Die Gesellschaft muss auf Dinge reagieren, die Reizpunkte schaffen.
  • Drittens: Konsens. Wir müssen verstehen, dass wir einen legitimen Präsidenten und ein legitimes Parlament haben. Wir sollten nicht darüber nachdenken, wie wir sie ersetzen können, sondern wie sie effektiv arbeiten können.

Wiederum: Jemand mag einem gefallen oder nicht gefallen. Das spielt keine Rolle. Sie besitzen ein legitimes Mandat. Das ist Demokratie.

Wir müssen zur Idee eines Regierungswechsels zurückkehren – zumal es im Parlament ohnehin keine echte Mehrheit gibt –, zu einer effektiven Koalition, zu einer Koalition patriotischer Kräfte, wenn Sie so wollen. All das kann geschehen.

Wenn unsere Legitimität darauf beruht, dass wir die Legitimität des Präsidenten, des Parlaments, der vom Parlament gebildeten Regierung und der unabhängigen Antikorruptionsinstitutionen respektieren, dann ermöglicht uns genau das, unter Kriegsbedingungen voranzukommen. Ein anderes Rezept gibt es nicht.

Jurij Fedorenko: Manche Menschen, die Ihnen in sozialen Netzwerken geschrieben haben, erwähnten, dass Sie Kanäle auf Russisch betreiben. Ich kenne Ihre Position dazu und weiß, dass Sie sich dort nicht an ein ukrainisches Publikum wenden, sondern an ein ausländisches.

Aber es gibt die Meinung, dass wir in dieser kognitiven Auseinandersetzung mit Russland das Potenzial nicht vollständig nutzen, dass die Mehrheit der Ukrainer Russisch spricht. Glauben Sie, die Ukrainer könnten im Bereich der Kommunikation mehr tun oder etwas anders machen?

Portnikov: Sie meinen also, ob wir effektiver auf Russisch arbeiten könnten?

Jurij Fedorenko: Ich weiß nicht. Russen überzeugen, einschüchtern, dekonstruierten. Viele erinnern sich etwa an Ihr mediales Duell mit Yulia Latynina, in dem Sie einen brillanten intellektuellen Sieg errungen haben. Vielleicht müsste es mehr davon geben.

Portnikov: Weil Julia sich – genau wie Sie – nicht vorbereitet hatte. Und sie ist angeblich Journalistin. Sie sind ja keiner. Aber sie ist angeblich Journalistin. Auch sie hatte sich nicht vorbereitet. Heute bereitet sich niemand mehr auf irgendetwas vor. Wie soll man da leben? Keine Ahnung.

Aber ernsthaft: Es geht nicht um die Sprache. Ich denke, dass sprachliche Barrieren in elektronischen Medien bald ganz verschwinden werden. Es geht darum, mit Russen nicht auf Russisch zu sprechen, sondern in einer Begriffswelt, die sie verstehen.

Ich habe früher immer erklärt – als ich ungefähr gleich viel in polnischen, ukrainischen und russischen Medien veröffentlichte –, dass für manche moralischen Fragen zwei Worte für einen polnischen Leser reichen, für einen ukrainischen Leser ein Satz genügt, während man für einen russischen Leser einen ganzen Absatz schreiben muss.

Denn in Russland wurde nie ausreichend durchgearbeitet, was moralisch gut und was schlecht ist. Die Russen sind historisch in stärkerem Maße von der Fähigkeit abgeschnitten worden, eigene Entscheidungen zu treffen. Sie wurden auch von der Kirche entfremdet – so seltsam das klingt –, als Folge der Reformen Nikons, der Altgläubigenbewegung und vieler anderer Dinge. Dafür gibt es viele Gründe.

Wenn ich heute etwas auf Russisch mache, weiß ich genau, an welches Publikum ich mich richte.

Wenn ich etwas über Kasachstan oder Usbekistan produziere, sehe ich die Menschen vor mir, die das in Kasachstan oder Usbekistan sehen werden – nicht in Russland und nicht in der Ukraine.

Natürlich schauen sich das auch einige Ukrainer oder Russen an. Aber sie sehen es dann wie ein ausländisches Produkt. Das erkenne ich sogar an den Statistiken solcher Beiträge.

Außerdem hatte ich nie Illusionen über die Größe meines russischen Publikums. Selbst damals nicht, als mir Menschen auf den Straßen Moskaus aus Respekt vor meiner Arbeit Bier spendierten. Selbst als ich Kolumnist führender russischer Medien war. Denn alles, was ich sage, widerspricht dem russischen Mainstream. Und das ist bis heute so.

Was glauben Sie: Wie groß ist der Anteil des Publikums meines russischsprachigen Kanals, der tatsächlich aus Russland kommt?

Jurij Fedorenko: In Prozent?

Portnikov: Ja.

Jurij Fedorenko: Wahrscheinlich 30 Prozent. Sie stellen die Frage so, als wäre es wenig. Sonst hätte ich 70 gesagt.

Portnikov: Wenig. Etwa 15 Prozent. Und von diesen 15 Prozent konzentrieren sich 90 Prozent auf Moskau und Sankt Petersburg. Die restlichen zehn Prozent kommen aus den nationalen Republiken.

In einer Stadt wie Wologda oder Nowosibirsk braucht mich niemand. Und das war nie anders. Dabei bin ich jemand, der sein ganzes Leben auf dem russischen Markt gearbeitet hat.

Stellen Sie sich nun einen gewöhnlichen Menschen vor – Sie sind 36, richtig? –, der nie in Russland gelebt hat, der überhaupt nicht weiß, wie Russen denken, der mit Russen nur die Sprache gemeinsam hat. Und selbst da sprechen wir von unterschiedlichen Aussprachen, wie amerikanisches und britisches Englisch.

Und dieser Mensch spricht mit seinem ukrainischen Akzent und seinem ukrainischen Begriffssystem zu Russen.

Ihn werden nur jene Russen hören, die ohnehin Anhänger der Ukraine sind. Die Russen, die keine Anhänger der Ukraine sind, werden schon beim ersten falschen Akzent weitergehen.

Deshalb bin ich nicht sicher, ob wir mit Russen überhaupt viel erreichen können. Wir sollten mit den ehemaligen Sowjetrepubliken arbeiten. Vielleicht mit bestimmten nationalen Gemeinschaften in Russland.

Mit Russen kann man nur arbeiten, wenn man ihre Psychologie versteht. Und nur dann, wenn es in Russland eine Krise gibt, die eine Reaktion von außen notwendig macht, wenn Russen tatsächlich etwas außerhalb ihres Informationsraums hören wollen.

Sie können sich sogar anschauen, was die sogenannten „guten Russen“ selbst tun. Die meisten von ihnen verwenden Begriffe, die uns fremd sind. Die populärsten von ihnen unterstützen die Ukraine im Grunde nicht besonders stark. Stimmt doch, oder?

Je weniger Unterstützung für die Ukraine, desto größer die Popularität. Auch das sagt etwas aus.

Als ich meinen russischsprachigen Kanal gründete, richtete ich ihn an das Publikum, das ich immer hatte. Das ist das Vermächtnis von Taras 

„Von der Moldau bis zum Finnen
Auf allen Zungen schweigt es still,
Weil jeder nur im Glücksgefühl
Des Segens Gottes will beginnen!“

Mit diesen Menschen kann ich vorerst noch Russisch sprechen. Vorerst. Denn die junge Generation hört mich auch in Usbekistan, Lettland oder Georgien nicht mehr. Die jungen Leute dort kennen die russische Sprache oft gar nicht mehr.

Das ist einfach meine letzte Chance, mit jener Generation zu sprechen, die mir seit den 1990er Jahren folgt. Ich habe bei diesem Publikum wenigstens einen Namen, der seit vierzig Jahren bekannt ist. Wie man heute von null an mit diesem Publikum sprechen soll, weiß ich nicht. Das ist für mich selbst eine gute Frage.

Jurij Fedorenko: Kurz gesagt: Mit allen, mit denen man noch reden kann, reden ohnehin schon Sie. Also müssen sich andere keine Sorgen machen.

Portnikov: Nein. Das eigentliche Problem ist ein anderes. Ich habe diese Arbeit viele Jahre lang in Russland selbst gemacht. Das ist kein Scherz.

Und Russland hat ein Problem: Die Russen akzeptieren Menschen, die außerhalb des russischen Raums stehen, nicht als Autoritäten, an denen man sich orientieren könnte. Das ist imperiale Logik.

Ich verstehe deshalb Wolodja Solowjow sehr gut, wenn er durch sein Studio rennt, eines meiner Zitate zeigt und schreit: „Ihr habt doch immer gesagt, er sei der Klügste! Ihr habt gesagt, er sei der Klügste! Aber er ist ein Schwein, ein Schurke, ein Dreckskerl, ein Perverser!“ Kann man solche Wörter hier verwenden? Nun, das ist eben seine Definition.

Aber das bedeutet doch, dass ich dort einmal den Ruf hatte, der Klügste zu sein. Und nun muss man ständig erklären, dass ich ein Dreckskerl sei. Nun gut. Dann arbeiten wir eben weiter.

Wenn Medvedchuk im russischen Fernsehen auftritt, liest er meine Texte absatzweise vor. Wenigstens wissen sie dort, von wem die Rede ist.

Dmytro Gordon besitzt vielleicht eine ähnliche Bekanntheit, weil er mit russischen Unterhaltungskünstlern gearbeitet hat. Aber selbst das ist eine äußere Bekanntheit.

Ansonsten weiß ich es nicht. Es wäre so, als wollten wir jetzt irgendeinen Moderator aus dem russischen Fernsehen in unseren Informationsraum integrieren, den niemand kennt, und erwarten, dass wir ihm vertrauen. Verstehen Sie?

Die russischen Moderatoren, die später bei uns Sendungen führten – Savik Shuster, Yevgeny Kiselyov und davor Dmitry Kiselyov –, waren uns bereits aus dem russischen Fernsehen bekannt, weil wir diese Sender gesehen hatten. Wären uns heute russische Moderatoren interessant?

Jurij Fedorenko: Nein.

Portnikov: Nun. Das ist die Antwort auf die Frage.

Jurij Fedorenko: Eine Minute europäischer Nachrichten. Einer Ihrer regelmäßigen Zuschauer sagt, dass Sie in den letzten Monaten aufgehört haben, in jeder zweiten Sendung zu sagen, Europa stehe unmittelbar vor einem Rechtsruck. Dann kamen Orbáns Niederlage in Ungarn und die Niederlage von Chega in Portugal. Ist das nur eine kleine Schwankung oder besteht Hoffnung, dass sich der Trend ändert?

Portnikov: Ich glaube nicht, dass sich der Trend geändert hat. Derzeit sind die ultrarechten Politiker in Frankreich die beliebtesten – sowohl Jordan Bardella als auch Marine Le Pen, wenn man auf die Präsidentschaftswahlen schaut. Nigel Farages Partei hat die Kommunalwahlen im Vereinigten Königreich gewonnen. Ich sehe bislang keine Trendwende.

Wenn ich über Orbáns Niederlage spreche, muss ich nicht aufspringen und schreien: „Aber insgesamt gibt es doch einen Rechtsruck!“ Ich bewerte die jeweiligen aktuellen Ereignisse.

Die Alternative für Deutschland ist weiterhin die populärste politische Partei des Landes. Es gibt unterschiedliche Trends.

Ich kann erklären, warum ich das derzeit weniger betone. Die Ultrarechten wissen nicht, was sie mit Donald Trump anfangen sollen. Sie haben sich an ihm orientiert, und nun überschüttet er sie mit einem „goldenen Regen“. Nun ja, goldenen im übertragenen Sinn.

Jurij Fedorenko: Ich verstehe.

Portnikov: Für Leute wie Marine Le Pen, Giorgia Meloni oder Nigel Farage ist das schwierig. Sie präsentierten sich als Botschafter Trumps und der Freundschaft mit Amerika. Nun stellt sich heraus, dass Trumps Amerika nicht besonders daran interessiert ist, mit ihnen befreundet zu sein. Es will überhaupt nicht mit Europa befreundet sein, egal wie dieses Europa aussieht.

Die Frage ist, ob sie sich neu gruppieren können, um ihre Wähler davon zu überzeugen, dass sie Lösungen für die schwierigen Probleme ihrer Länder finden können, auch ohne dieses Einvernehmen mit Trumps Amerika.

Zweitens: Die Wirtschaftskrise, die auf uns zukommt und die die Europäer möglicherweise mit Trumps Handlungen im Iran verbinden werden, könnte die Position der Ultrarechten ebenfalls schwächen. Aber das wissen wir noch nicht, denn diese Krise steht erst vor der Tür. Wir werden sehen, wie sich das entwickelt.

Jurij Fedorenko: Nächste Frage. Bevor ich sie vorlese, möchte ich etwas sagen. Dieses Bedürfnis, Ihnen in bestimmten Thesen zu widersprechen, die Sie äußern – ich denke die ganze Zeit darüber nach, woher das bei mir kommt. Es kommt daher, dass klar ist: Die Ukrainer haben 2019 nachlässig gewählt. Ich habe übrigens genauso gewählt wie Sie.

Portnikov: Woher wissen Sie, wie ich 2019 gewählt habe?

Jurij Fedorenko: Übrigens habe ich 2014 anders gewählt als Sie.

Portnikov: Und wie haben Sie 2010 gewählt?

Jurij Fedorenko: Im Sinn von Yanukovych oder Tymoshenko? Natürlich für Tymoshenko.

Portnikov: Sehen Sie, jetzt werden Sie dafür von neunzig Prozent der Leute gehasst werden.

Jurij Fedorenko: Nun, 2010 war eben nicht 2014. Ich hatte einmal eine Dozentin für Politikwissenschaft, die sagte, der politische Kompass der Ukrainer bestehe darin, zwischen Chaos und Willkür zu wählen. Ich war immer konsequent. So wie Sie ein konsequenter Mensch sind, bin ich ein konsequenter Wähler des Chaos gegen die Willkür.

Worauf ich hinauswill: Vieles gefällt uns nicht, aber vieles lässt sich unter den heutigen Bedingungen auch nicht machen. Wir können beliebig oft sagen: Warum haben die Ukrainer 2019 so gewählt?

Portnikov: Das sagen doch Sie. Ich spreche darüber, wie man die Situation heute korrigieren kann, nicht darüber, wie man sie 2019 hätte korrigieren sollen.

Jurij Fedorenko: Gut. Aber wie korrigiert man sie heute? Bedeutet das, dass diejenigen, die jetzt Entscheidungen treffen, etwas ändern müssen?

Portnikov: Hören Sie mir überhaupt zu? Ich habe Ihnen das doch alles erklärt.

Jurij Fedorenko: Und was können wir tun? Weiter Druck ausüben? Einen neuen „Papp-Maidan“ organisieren?

Portnikov: Gibt es derzeit Gründe für einen Papp-Maidan? Nein. Wenn es Gründe geben wird, müssen wir nichts organisieren. Die Ukrainer sind ein Volk, das selbst entscheidet, wenn es um Einschränkungen seiner Rechte oder seines Einflusses auf die Macht geht.

Der Papp-Maidan war ein spontanes Ereignis. Viele Menschen, darunter auch solche, für die man 2019 gestimmt hat, glauben, so etwas könne organisiert werden. Das glauben sie nur deshalb, weil sie die Ukrainer und ihre Psychologie nicht verstehen. Ich verstehe sie.

Deshalb war ich 2013 einer der wenigen, die sagten: Wenn Yanukovych das Assoziierungsabkommen mit Europa ablehnt, wird es eine schwere Krise geben. Alle demokratischen Politiker sagten damals zu mir: „Nein. Die Leute sind durch den Maidan von 2004 geimpft. Sie werden nicht mehr auf die Straße gehen.“

Ich war überzeugt, dass sie auf die Straße gehen würden. Sie kannten das ukrainische Volk nicht.

Genauso sagte ich den Menschen, die auf Zelensky setzten und glaubten, er werde später nur irgendeine Fraktion im Parlament schaffen, um Tymoshenko daran zu hindern, die Macht zu monopolisieren, dass er die Wahl gewinnen werde.

Sie erklärten mir damals, ich sei ein Idiot. „Wie stellst du dir vor, dass die Ukrainer einen Fernsehkomiker zum Präsidenten wählen? Bist du verrückt?“

Unsere Gesellschaft ist so stark fragmentiert, dass diejenigen, die Entscheidungen treffen, oft überhaupt nicht verstehen, wie die Massen denken.

Im Jahr 2004 wussten die Organisatoren des Maidan nicht einmal, wie viele Menschen kommen würden.

Ich erinnere mich an den 1. Dezember 2013. Wir standen auf irgendeinem Lastwagen. Ich sah Turtschynow, Klitschko, Jazenjuk und Tjahnybok. Natürlich freuten sie sich über die große Beteiligung. Aber sie waren schockiert. Niemand hatte mit einer Million Menschen gerechnet.

Und auch der Papp-Maidan entstand, weil die Menschen einen instinktiven Widerwillen gegen Ungerechtigkeit besitzen. Verstehen Sie? Millionen Menschen kann man nicht bezahlen. Das versteht Putin nicht.

Man kann solche Menschenmengen nicht kaufen. Sie kommen entweder von selbst oder gar nicht. Und sie kommen nur deshalb, weil die Ukrainer etwas in sich tragen, das genau so funktioniert.

Vielleicht ist das das Erbe der alten Veche-Kultur von Kyiv, die später in die politische Kultur des Großfürstentums Litauen überging. Dieses Prinzip des „Nie pozwolimy“. Das müsste man erforschen. Das ist keine Genetik, sondern ein historischer Prozess.

Übrigens ist das ähnlich wie ein großes Problem des jüdischen Volkes. Wir sitzen hier und sprechen. Ich habe sogar versucht, dem Publikum das Mikrofon zu geben. Aber alle sitzen still da.

Wissen Sie, wie ein Vortrag vor einem israelischen Publikum aussieht? Du sagst die ersten drei Sätze, dann stehen zwei Leute auf und sagen: „Meinen Sie das ernst? Halten Sie sich für den Klügsten? Warum erzählen Sie uns diesen Unsinn?“

Als ich anfing, in Israel aufzutreten, wusste ich nicht einmal, was ich tun sollte. Ich dachte: „Vielleicht sollte ich hier gar nicht auftreten. Vielleicht sollte ich einfach weglaufen. Aber andererseits bin ich Jude. Wie kann es sein, dass ich nicht vor Juden sprechen kann?“ Ich musste umlernen.

Das ist einfach eine andere Einstellung zur Realität. Und sie unterscheidet sich grundlegend von Russland. Wenn Sie also fragen: „Was sollen wir tun?“, dann versichere ich Ihnen: Das Volk wird selbst tun, was notwendig ist.

Unsere Aufgabe besteht darin, die Menschen vor falschen Einschätzungen der Situation zu bewahren, ihnen korrekte Informationen zu geben, den Zerfall des Staates zu verhindern und zu verhindern, dass man die Menschen gegen ihren Staat aufhetzt.

Wir müssen verstehen, dass Zelensky nicht nur eine Person, sondern auch eine Institution ist. Wenn Zelensky selbst entscheidet, zurückzutreten, dann ist das sein Recht. Aber wir dürfen nicht zulassen, dass uns von außen ein Präsident aufgezwungen wird. Verstehen Sie? Das sind die Dinge, die uns beschäftigen sollten.

Jurij Fedorenko: Ich habe eine Frage aus der Kategorie „Was kann man noch tun?“. Bitte hören Sie sie bis zum Ende, denn ich fürchte, sie könnte Sie triggern.

„Welcher politischen Partei werden Sie sich bei den nächsten Wahlen anschließen?“ Natürlich sind Sie Journalist. Sie wollten nie in die Politik gehen und so weiter. Aber Sie haben einmal gesagt, dass Sie davon träumen, Europaabgeordneter der Ukraine zu sein.

Portnikov: Damit man mich endlich in Ruhe lässt. Denn wenn wir Europaabgeordnete wählen, werde ich fünfundsiebzig Jahre alt sein.

Jurij Fedorenko: Gibt es dort denn eine Altersgrenze?

Portnikov: Nein. Ich hoffe einfach, dass man mich dann in Ruhe lässt.

Jurij Fedorenko: Ich wollte fragen, ob Sie heute – obwohl es weder einen Wahlprozess noch einen politischen Prozess gibt – irgendwelche potenziellen Machtzentren sehen, die sich vielleicht zu einer Kraft entwickeln könnten, die die Ukraine schneller in die Europäische Union bringt oder Ihnen zumindest theoretisch die Möglichkeit gäbe, einmal ins Europäische Parlament gewählt zu werden.

Portnikov: Wozu sollte ich das wollen? Glauben Sie wirklich, dass mein Ziel darin besteht, Europaabgeordneter zu werden? Das ist lediglich ein schönes Bild.

Jurij Fedorenko: Eigentlich habe ich die Frage nur über Sie formuliert. Gemeint war: Wer bringt uns am schnellsten in die Europäische Union?

Portnikov: In die Europäische Union bringen uns die Erfüllung der Kopenhagener Kriterien und das Ende des Krieges. Sonst nichts. Solange wir den Krieg nicht beendet, die Kontrolllinie oder Grenze nicht rechtlich geregelt und die Kopenhagener Kriterien nicht erfüllt haben, wird es keinen EU-Beitritt geben.

Das ist eine Geschichte von mindestens zehn bis fünfzehn Jahren. Auch wenn ich mir wünschen würde, dass es schneller geht.

Jurij Fedorenko: Die Aber wer soll das tun?ChatGPT kann keinen Staat regieren. Sie sagen, die derzeitige Mannschaft sei dazu nicht fähig.

Portnikov. Unklar. Warten wir das Ende des Krieges ab. Der Krieg kann noch zehn Jahre dauern. Wir wissen nicht, wie lange er weitergeht. Wir wissen nicht, wann es wieder einen Wahlprozess geben wird.

Derzeit gibt es keine objektiven Voraussetzungen für ein Ende des Krieges. Warum diskutieren wir also irgendeinen Unsinn?

Ich kann Ihnen sofort aufzählen, wie viele politische Kräfte mir seit Anfang der 2000er Jahre sichere Listenplätze angeboten haben. Eins. Zwei. Drei. Vier.

Jurij Fedorenko: Wie hießen sie? War es in 90er?

Portnikov: Seit der Orangenen Revolution 2004 ungefähr. In den 1990ern hat mir niemand damit auf die Nerven gegangen, weil ich nicht ständig hier war. Damals bot man mir diplomatische Posten an, Beraterstellen, Botschaften und solchen Kram.

Die Parteien hießen: Batkivshchyna. UDAR. Volksfront. Europäische Solidarität. Und?

Ich hätte seit zwanzig Jahren Abgeordneter sein können. Wozu brauche ich das? Ich habe nicht einmal eine juristische Ausbildung.

Jurij Fedorenko: Er hat eine.

Portnikov: Wer, Sie?

Jurij Fedorenko: Ich auch nicht. Ich meinte ihn.

Portnikov: Zelensky hat eine juristische Ausbildung.

Jurij Fedorenko: Na ja, das ist offensichtlich auch ein Witz.

Portnikov: Er hat eine juristische Ausbildung. Das ist kein Witz, sondern eine biografische Tatsache.

Ich wollte mein ganzes Leben lang kreative Arbeit machen. Und das Wichtigste ist etwas anderes: Ich wollte immer die öffentliche Meinung beeinflussen.

Beeinflusst ein Abgeordnetenmandat die öffentliche Meinung? Sie kennen 95 Prozent der Abgeordneten nicht, die Sie wählen. Und viele dieser Abgeordneten kennen nicht einmal sich selbst.

Stellen Sie sich vor, mit wie vielen Legislaturperioden ich in meinem Leben gearbeitet habe. Angefangen bei den Volksdeputierten der Sowjetunion, mit der letzten Einberufung des Kongresses der Volksdeputierten der Sowjetunion. Danach kamen die Volksdeputierten der Russischen Föderation, danach die Abgeordneten der Werchowna Rada der Ukraine.

Und wenn heute irgendein Abgeordneter sagt, er komme nicht in meine Sendung – obwohl ich das inzwischen gar nicht mehr brauche –, dann sage ich ihm: „Gut. Wir werden sehen, was du in vier Jahren singst, wenn dich niemand mehr einlädt und ich der Einzige bin, der noch hören will, was du über dein Leben denkst.“

Einfluss bedeutet nicht ein Abgeordnetenmandat. Einfluss bedeutet beharrliche Arbeit am Aufbau eigener Möglichkeiten: einer Marke, eines Netzwerks, gesellschaftlichen Vertrauens. Vielleicht möchte ich ein nationaler Führer sein und nicht Abgeordneter der Werchowna Rada oder des Europäischen Parlaments?

Jurij Fedorenko: Bei Ihnen ist das klar. Ich fragte eigentlich nach den Menschen, die heute da sind.

Portnikov: Heute gibt es keine politischen Prozesse.

Jurij Fedorenko: Aber Sie sagen doch selbst, an der Spitze eines Ministeriums müsse ein professioneller Politiker stehen. Dann benennen wir doch, wer in unserer politischen Landschaft potenziell so jemand sein könnte.

Portnikov: Sehen Sie, real wird das folgendermaßen funktionieren. Der Krieg wird enden. Die Menschen werden von der Front zurückkehren. Das sind etwa eine Million Menschen. Dann wird klar werden, wen die Gesellschaft als Träger von Gerechtigkeit betrachtet.

Diese Menschen – ganz andere Menschen als jene, die heute in Umfragen auftauchen – werden politische Projekte bilden, abhängig davon, welche Aufgaben der Staat dann haben wird.

Hören Sie auf, Politik zu betreiben, während über dem Staat eine tödliche Gefahr schwebt. Wir müssen mit der Regierung, dem Parlament und dem Präsidenten, die wir heute haben, bis zum Ende der Kampfhandlungen kommen. Erst danach sollte man über die politische Landschaft nachdenken. In genau dieser Reihenfolge.

Hören Sie auf mit diesem Unsinn. Ich meine das ernst. Schauen Sie sich doch die Umfragen an. Ich versichere Ihnen: Schon eine Woche nach dem Ende des Krieges werden die Umfragen völlig anders aussehen.

Menschen, denen heute vertraut wird, werden plötzlich nur noch fünf Prozent Vertrauen besitzen. Bei anderen wird es umgekehrt sein. Alles wird anders sein. Überstürzen Sie nichts.

Ein Teil der Menschen, die Sie heute für zukünftige politische Führer halten, wird auswandern. OSogar einige der Minister, von denen Sie vielleicht glauben, dass sie politische Akteure der Zukunft werden, werden das Land verlassen. Sie werden zu dem Schluss kommen, dass Politik hier aussichtslos ist und man lieber in Deutschland oder Polen Geschäfte macht.

Wir wissen nicht einmal, was passieren wird. Überstürzen Sie nichts. Konzentrieren Sie sich auf das Wesentliche.

Die reale, existenzielle Situation sieht heute sehr einfach aus: Die Russen haben verstanden, dass sie mit den Ukrainern nicht auf demselben Kontinent leben wollen. Das ist das, was man die endgültige Lösung der ukrainischen Frage nennen könnte.

Übrigens denke ich dabei immer an ein Beispiel, das ich einmal in einem Buch über David Ben-Gurion gelesen habe. Der spätere erste Ministerpräsident Israels kam zu einem Weltkongress der Zionisten in den Vereinigten Staaten.

Als er den Saal betrat – ungefähr so einen wie diesen hier –, saßen die Delegierten in verschiedenen Bereichen: Juden aus dem Nahen Osten, Juden aus den Vereinigten Staaten und Juden aus Europa. Ben-Gurion selbst war in Polen geboren, lebte damals aber bereits im Mandatsgebiet Palästina.

Als er den Saal betrat, sah er die europäischen Juden nicht. Weil sie nicht mehr da waren. Sie waren bereits verbrannt worden. Die Geschichte des europäischen Judentums war zu Ende.

An den Plätzen, an denen sonst die europäischen Juden saßen, saßen nun amerikanische Juden. Nicht weil sie zahlreicher geworden wären, sondern weil ihr Anteil größer geworden war.

Genau in einer solchen Situation befinden wir uns heute. Gott bewahre, dass eines Tages der Präsident des Weltkongresses der Ukrainer einen Saal betritt und an den Plätzen, auf denen gewöhnlich Vertreter aus der Ukraine sitzen, nur noch Ukrainer aus Kanada und den Vereinigten Staaten sitzen.

Wir können diesem Zustand gefährlich nahe kommen. Wenn wir das überwinden, können wir über alles Weitere sprechen. Wenn nicht, werden wir über völlig andere Herausforderungen und Probleme sprechen müssen. Wir müssen das überwinden.

Das ist nicht einfach nur eine Idee. Das ist ein historisches Bild, das bereits existiert hat. Und ich versichere Ihnen: Putin und sein gesamtes Umfeld verstehen sehr wohl, dass die Erhaltung der Ukrainer als Nation für das russische Imperiumsprojekt eine weitere tödliche Gefahr in der Zukunft darstellen würde. Wenn sie den Krieg gewinnen, werden sie das nicht zulassen. Deshalb müssen wir alles tun, damit sie verlieren oder zumindest ihre Ziele nicht erreichen.

Viele Menschen glauben das nicht. Mich wundert, warum sie es nicht glauben. In der Sowjetzeit lebten hier etwa fünfzig Millionen Menschen. Im ersten postsowjetischen Jahrzehnt etwa vierzig Millionen.

Heute leben so viele Menschen in Usbekistan, wo es früher zehn Millionen waren. Das sind völlig andere Größenordnungen.

Die Ukrainer aber zählen heute vielleicht fünfundzwanzig bis dreißig Millionen. Und stellen Sie sich vor, die Offensive geht weiter. Wie viele Menschen werden noch nach Europa gehen? Wie viele werden sterben? Und vor allem: Wie viele Menschen werden sich in den besetzten Gebieten zu Russen erklären?

Vielleicht ist das für manche unwichtig. Für mich ist es wichtig. Ich möchte einfach, dass die Ukrainer erhalten bleiben.

Und für mich ist das eine viel wichtigere Aufgabe als die europäische Integration.

Denn wenn es keinen Staat gibt, keine Nation, kein ukrainisches Volk – und dabei geht es nicht um Blut, ich habe keinen Tropfen ukrainischen Blutes –, dann spielt es keine Rolle mehr, welcher Organisation dieser Staat beitritt oder nicht beitritt.

Und wir sprechen die ganze Zeit über politische Projekte. Ich kann mir vorstellen, dass Menschen in der Regierung oder in der Opposition in solchen Kategorien denken. Natürlich tun sie das. Ich kenne sie alle. Sie denken ständig darüber nach, wie in einem alten Witz. Sie können an nichts anderes denken.

Aber wir sollten über etwas Ernsteres nachdenken als über den nächsten Wahlzyklus.

Jurij Fedorenko: Apropos etwas Ernsteres. Zum Abschluss möchte ich Sie nicht nach politischen, sondern nach wirtschaftlichen Projekten fragen.

Sie haben Israel erwähnt, das ebenfalls lange Zeit in einem existenziellen Krieg oder Konflikt mit seinen Nachbarn lebte, aber immer auch viel Aufmerksamkeit auf die wirtschaftliche Komponente legte. Ich versuche im Leben Optimist zu sein und würde sehr gern noch zu meinen Lebzeiten echten wirtschaftlichen Wohlstand in der Ukraine erleben.

Portnikov: Vorsicht, nicht die Möbel zerlegen!

Jurij Fedorenko: Aber sehen Sie: Wie bekannt ist, war ich kein besonders guter Schüler. Das haben Sie vorhin bereits festgestellt. Aber ich erinnere mich aus dem Wirtschaftsunterricht, dass nicht so sehr die absoluten Zahlen wichtig sind, sondern die Wachstumsraten.

Und da die Lage in der Welt heute ziemlich turbulent ist, entstehen daraus auch Chancen. Vielleicht können Sie historische Beispiele nennen, in denen selbst unter so schwierigen Bedingungen wirtschaftliche Fortschritte erzielt wurden, die später einen strategischen Vorteil brachten?

Portnikov: Zunächst muss ich Sie in Bezug auf Israel enttäuschen. Israel war in den ersten Jahrzehnten seiner Unabhängigkeit nicht einfach nur ein armes Land. Es war im Wesentlichen ein sozialistisches Land.

Die Landwirtschaft war fast sozialistisch organisiert. In den Kibbuzim besaßen die Menschen überhaupt kein Eigentum. Nicht wie in den sowjetischen Kolchosen, sondern wirklich gar keines.

Daneben gab es landwirtschaftliche Gemeinschaften, in denen die Menschen ebenfalls kein Land besaßen, sondern sich zusammenschlossen, um gemeinsam etwas zu tun. Höchstens das kleine Haus gehörte ihnen.

Die Gewerkschaften waren der wichtigste Kontrolleur und faktisch sogar Eigentümer eines großen Teils der Industrie. Es war ein armes Land. Niemand dachte an Reichtum. Die Menschen kamen dorthin, um Juden zu sein, um sich – wenn Sie so wollen – vor dem Schock dessen zu retten, was während des Zweiten Weltkriegs geschehen war.

Das Israel, das wir heute wirtschaftlich kennen, begann sich nicht einmal nach dem Sieg im Sechstagekrieg zu entwickeln, sondern erst nach dem Friedensvertrag mit Ägypten, der eine Illusion von Stabilität schuf.

Und gerade jetzt, angesichts dessen, was mit dem Iran geschieht, angesichts des Gazastreifens und vieler ungelöster Probleme, kann diese Illusion von Stabilität wieder zerstört werden. Ich weiß nicht, wie sich das weiterentwickeln wird.

Israel steht erneut vor äußerst schwierigen Prüfungen, die sich ebenfalls auf seine Wirtschaft auswirken können. Es gibt bereits enorme wirtschaftliche Probleme.

Bei uns ist es ähnlich. Damit unsere Wirtschaft sich entwickeln kann, müssen wir zuerst das Sicherheitsdefizit überwinden. Denn wenn wir klar verstehen, dass der Krieg vorbei ist, Russland aber vor der Tür steht und niemand weiß, was in einem Jahr sein wird – wer wird dann hier investieren? Wer wird sein Geld hier aufbewahren? Wie sollen langfristige Investitionsprojekte entstehen?

Deshalb muss man – so seltsam es klingt – nicht mit der Wirtschaft beginnen. Es ist wie im Nahen Osten. Heute ist klar, dass die Vereinigten Arabischen Emirate ein Sicherheitsdefizit bekommen werden. Sie werden sehen, wie ihr wirtschaftlicher Aufstieg dadurch ernsthafte Probleme bekommen kann. So etwas kann passieren.

Unsere Nachbarn haben kein Sicherheitsdefizit. Warum wurde Polen zu einer der zwanzig größten Volkswirtschaften der Welt? Weil dort Sicherheit herrscht. Es gibt zusätzliche Arbeitskräfte. Die Regierungen waren talentierter.

Aber das Entscheidende ist: In Polen kann man sicher investieren. Das ist die Frage Nummer eins. Damit muss man anfangen.

Jurij Fedorenko: Oder man wartet darauf, dass sich die Sicherheitslage überall um uns herum ebenfalls verschlechtert. Stellen Sie sich vor: Überall herrscht bereits der Dritte Weltkrieg, während die Ukraine ihn schon seit zwölf Jahren führt. Und  hier ist es stabiler.

Portnikov: Das heißt, Sie möchten in einem Zustand wie die Tschechoslowakei im Zweiten Weltkrieg leben? Dort gab es auf ihrem Territorium größtenteils keine aktiven Kampfhandlungen. Überall tobte der Weltkrieg, aber sie war bereits von Deutschland besetzt. Wollen Sie das?

Jurij Fedorenko: Eigentlich wollte ich eher nach den Perspektiven der ukrainischen Rüstungsindustrie fragen. Sie ist teilweise chaotisch, teilweise versteht sie aber die Anforderungen moderner Kriegsführung besser als jeder andere auf der Welt. Das ist doch eine Expertise, für die man weltweit eigentlich bezahlen müsste.

Portnikov: Aber man bezahlt nicht dafür.

Jurij Fedorenko: Noch nicht.

Portnikov: Die Frage ist, dass sich militärtechnologische Entwicklungen jedes Jahr verändern können. Wenn die Amerikaner in einen Krieg mit dem Iran eintreten, der sich als nicht besonders modern herausstellt, werden sie sich anpassen. Und dann werden sie mit unserem militärisch-industriellen Komplex konkurrieren.

Wie jedes arme Land haben wir nur einige Monate Vorsprung. Wenn wir nicht beweisen, dass wir dazu fähig sind, werden reichere und stärkere militärisch-industrielle Komplexe diesen Platz einnehmen.

Deshalb glaube ich nicht besonders daran. Ich glaube an Kooperationen. Ich glaube an die Synchronisierung von Maßnahmen, an Synergien. Aber dass wir mit den Vereinigten Staaten oder China im militärisch-industriellen Bereich konkurrieren können, daran glaube ich nicht.

Nehmen wir einen kritischen Moment. Der Iran schickt seine Drohnen gegen arabische Staaten. Diese könnten sich kurzfristig für ukrainische Technologien interessieren. Und selbst dann nur, wenn wir beweisen, dass unsere Technologien tatsächlich iranische Drohnen zerstören. Wenn die Iraner ihre Drohnen weiterentwickeln, sind wir möglicherweise sofort wieder aus dem Spiel.

Jurij Fedorenko: Unsere Hersteller können ihre Drohnen allerdings deutlich schneller weiterentwickeln als amerikanische Produzenten.

Portnikov: Zum jetzigen Zeitpunkt.

Jurij Fedorenko: Genau. Zum jetzigen Zeitpunkt. Dann folgt daraus doch, dass der Staat viel schneller Exportmöglichkeiten öffnen müsste.

Portnikov: Natürlich. Hier kommen wir zu spät. Aber wenn wir über die globale wirtschaftliche Entwicklung sprechen, werden wir ohne die Überwindung des Sicherheitsdefizits nichts erreichen. Das ist die ehrliche Antwort. Oder anders gesagt: Das Risiko bleibt bestehen. Verstehen Sie? 

In Deutschland oder Frankreich können Sie einen Rentenvertrag für zwanzig Jahre abschließen. Dadurch werden Sie zum wichtigsten Investor Ihrer eigenen Volkswirtschaft. Sie können mit vierzig Jahren eine Million Dollar in einen Rentenvertrag einzahlen, und dieses Geld arbeitet dann zwanzig Jahre lang für die deutsche Wirtschaft.. Wer ist der wichtigste Investor Deutschlands?Dieser zukünftige deutsche Rentner. 

Und bei uns? Können Sie sich vorstellen, Geld für zwanzig Jahre in Hrywnja anzulegen? Und was bekommen Sie nach 20 Jahren? Einen Kettenbrief? Das ist die Antwort.

All das muss überwunden werden. Der wichtigste Investor der ukrainischen Wirtschaft sollte der Ukrainer selbst werden – ebenso wie der wichtigste Garant der Stabilität seines Landes und seiner wirtschaftlichen Entwicklung. Solange das nicht geschieht, wird nichts geschehen.


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Art der Quelle: Interview
Titel des Originals: Про українську ідентичність, «плівки
Міндіча» і майбутнє. Віталій Портников на
DOU Day 2026. 09.06.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 09.06.2026.
Originalsprache: [uk/ ru/ en]
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Kurzer Kurs der Geschichte Russlands. Vitaly Portnikov. 01.06.2026.

Короткий курс історії Росії. Віталій Портников. 01.06.2026.

In den Jahren 1917–1920 gingen das Russische Reich und die Hoffnungen auf eine russische Demokratie unter den Schlägen der Bolschewiki zugrunde. Die Macht ging an eine Diktatur über, die sich auf drei Säulen stützte: den Parteiapparat, der den neuen Staat lenkte, den Sicherheitsdienst, der den Roten Terror durchführte, und die Armee, die den Bürgerkrieg gewann.

Zwischen diesen drei Gruppen begannen praktisch von den ersten Tagen ihres Bestehens an ständige Konflikte. Stalin, der die Kontrolle über den Parteiapparat erlangt hatte, konnte nach Lenins Tod die von Trotzki geführte Armee und den Terrorapparat, der zunächst vom unerwartet verstorbenen Dserschinski und später vom hingerichteten Jagoda geleitet wurde, neutralisieren.

Doch Stalin fürchtete die Stärkung des Parteiapparats und setzte deshalb auf ein Bündnis mit den Tschekisten. Deren neue Vertreter vernichteten praktisch den größten Teil der damaligen Nomenklatura sowie einen erheblichen Teil der militärischen Befehlshaber der bereits marginalisierten Armee.

Der Zweite Weltkrieg rückte die Armee erneut in den Vordergrund. Nach dem Krieg versuchte Stalin mithilfe der Tschekisten, ihren Einfluss und die Popularität der berühmtesten „Marschälle des Sieges“ zu marginalisieren. Nach Stalins Tod jedoch zerschlug der Parteiapparat, über den Chruschtschow die Kontrolle erlangte, im Bündnis mit den Militärs unter Marschall Schukow die Organe der Staatssicherheit nahezu vollständig und stellte sie unter die Kontrolle der Partei. Fünf Jahre später entledigte sich Chruschtschow Marschall Schukow und marginalisierte die Armee erneut.

Es begann die Alleinherrschaft des Parteiapparats, die bis zum Ende der 1980er Jahre andauerte, als die Tschekisten ihre Revanche nahmen und die Voraussetzungen für das Verbot der KPdSU schufen.

Im neuen Russland konnten sie nicht sofort an die Macht gelangen und bereiteten sich darauf vor, während die Wirtschaft zerfiel und das Eigentum zugunsten der tschekistischen Netzwerke umverteilt wurde. 1993 rückte die Armee erneut in den Vordergrund, als sie Präsident Jelzin den Sieg über den Kongress der Volksdeputierten sicherte und als wichtigstes Instrument des Tschetschenienkrieges galt. Der Terror, der aus diesem Krieg hervorging, ermöglichte es den Tschekisten jedoch, ihre Positionen zu stärken. Die Macht gelangte für kurze Zeit in die Hände des Föderalen Schutzdienstes, und im Jahr 2000 kam schließlich der Föderale Sicherheitsdienst endgültig an die Macht.

Heute, da Russland selbst zu einer Zone von Angriffen wird, versucht der Föderale Schutzdienst, Revanche zu nehmen – und die Generäle der zunehmend marginalisierten Armee beobachten die Situation aufmerksam.

Künftig wird der Machtkampf in Russland zwischen diesen drei Kräften stattfinden. Und wer diesen Kampf gewinnt, wird auch die endlosen Kriege im postsowjetischen Raum anführen – denn zwischen allen Gruppierungen besteht Konsens darüber, dass die russische Staatlichkeit innerhalb der Grenzen der ehemaligen Sowjetunion wiederhergestellt werden müsse.


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Titel des Originals: Короткий курс історії Росії. Віталій Портников. 01.06.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
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Poroschenkos Vermächtnis: 11 Entscheidungen, die die Ukraine 2022 retteten. Andriy Dvornichenko. 02.04.2026.

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Oft sagen Ukrainer, die 2019 für den Kandidaten Zelensky gestimmt haben, etwas über irgendwelche Fehler Poroschenkos, wegen derer sie beschlossen hätten, „gegen ihn“ zu stimmen, also für Zelensky.

Dass wir sogar bis heute von der Lipetsk-Fabrik hören, von Ilowajsk, „er hat die Krim aufgegeben“, Minsk als schlechtem Friedensabkommen, „ich drücke die Hand, umarme“ und anderem.

Ich möchte anmerken, dass ich mir bewusst bin, dass der fünfte Präsident wahrscheinlich nicht an zukünftigen Wahlen teilnehmen wird, die wir alle natürlich erst noch erleben müssen, sondern sich auf die Parlamentswahlen konzentrieren wird. Aber ich habe ein ausgeprägtes Gefühl für Gerechtigkeit, deshalb möchte ich die Wiederherstellung des guten Namens von Petro Oleksijowytsch und ein Verständnis dafür, wer Poroschenko ist und wer Zelensky ist und welche Beiträge beide für die Ukrainer geleistet haben.

Und als Präsidenten würde ich mir wünschen, dass die Ukrainer einen General wählen, mit dem wir, davon bin ich überzeugt, das „Gefängnis der Völker“ in ein Dutzend unabhängiger Staaten zerlegen und die vorübergehend besetzten Gebiete Donezk, Luhansk, Saporischschja, Cherson und die Krim zurückholen können. Und vor allem die Menschen, die dort geblieben sind.

Frau Anna hat einige Entscheidungen des fünften Präsidenten und seines Teams zusammengestellt, die der Ukraine geholfen haben, 2022 während des russischen Blitzkriegs standzuhalten.

Annaі Oskomina

11 Entscheidungen Poroschenkos, die die Widerstandsfähigkeit der Ukraine im Jahr 2022 bestimmten

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Die Ukraine ist 2022 nicht gefallen – und das ist kein Zufall.

Sie hat standgehalten, weil zwischen 2014 und 2019 ein Mensch Entscheidungen getroffen hat, die die meisten Politiker vermeiden – unpopuläre, teure, mit verzögertem Ergebnis.

Dieser Mensch ist Petro Poroschenko.

Und es ist ein Mensch, dem ich als Kyiverin wahrscheinlich mein Leben verdanke.

1. Mobilisierung der Armee

Poroschenko unterzeichnete persönlich Erlasse über sechs Mobilisierungswellen zwischen 2014 und 2015. Das war eine politisch schmerzhafte Entscheidung – Mobilisierung ist immer unpopulär.

Durch diese Mobilisierung gingen 200–220 Tausend Menschen. Bis 2022 hatte die Ukraine 400–500 Tausend Veteranen und Reservisten mit Kampferfahrung.

Genau sie wurden in den ersten Tagen zum Rückgrat des Widerstands – und sie kamen selbst, ohne Einberufungen und Zwang.

2. Übergang zu NATO-Standards

2015 bestätigte Poroschenko die neue Militärdoktrin der Ukraine, die erstmals offiziell den Kurs auf Integration mit NATO-Standards festschrieb. Es änderte sich nicht die Form – es änderte sich die Logik der Führung: Kommandeure erhielten das Recht, ohne Genehmigung von oben zu handeln.

Im Jahr 2022 zeigte sich das konkret: Als russische Kolonnen stecken blieben, wurden sie nicht durch zentralisierte Befehle des Generalstabs gestoppt, sondern durch Entscheidungen lokaler Kommandeure, die wussten, dass sie das Recht und die Pflicht haben, nach eigenem Ermessen zu handeln.

3. Wiederherstellung der Luftverteidigung um Kyiv

Das Luftverteidigungssystem rund um Kyiv wurde nach 2014 mit Mitteln der Roshen-Korporation umgerüstet. Damals verstanden viele nicht, wozu. 2022 sah Kyiv die Antwort.

Die Logik ist einfach: Eine gelähmte Hauptstadt bedeutet einen gelähmten Staat. Mehrere präzise Luftschläge auf Kommunikationsknoten, Regierungsviertel, Energieinfrastruktur, Brücken und Dämme – und die Stadt hört auf zu funktionieren.

2018 hatte ich die Gelegenheit, Poroschenko persönlich zur Luftverteidigung von Kyiv zu befragen, und er bestätigte mir diesen Umstand. Für mich war die Frage der Luftverteidigung kein Zufall: Die Bilder des zerstörten Grosny standen mir vor Augen, und ich hatte keinerlei Illusionen über die Methoden des „Ork“-Krieges.

Mein Vertrauen in Poroschenkos Worte bestimmte den Handlungsplan meiner Familie während der Invasion. 90 % der Bewohner verließen mein Haus – wir blieben.

Ich wusste, dass Raketen einschlagen würden, aber ich hatte nicht vor Raketen Angst, sondern vor Fliegerbomben. Und genau die Luftverteidigung zwang feindliche Flugzeuge, Abstand von der Hauptstadt zu halten.

Ich bin zutiefst überzeugt, dass genau diese Luftverteidigung Kyiv vor dem Schicksal Mariupols bewahrt hat.

Die Ironie besteht darin, dass Zelensky in der Stadt blieb und zum „Heldchen“ wurde gerade deshalb, weil sein Konkurrent und politischer Gegner ihm diese Möglichkeit verschafft hatte.

4. Dezentralisierung

Die Reform von 2015 übertrug den Gemeinden reale Befugnisse und Geld – trotz des Widerstands der zentralen Bürokratie.

2022 bedeutete das, dass der Staat nicht in Lähmung erstarrte, als das Zentrum am Rand des Kollapses stand. Gemeinden organisierten Evakuierungen selbstständig, koordinierten die Verteidigung ohne Befehl von oben, blockierten Straßen, bauten Freiwilligennetzwerke auf und verteilten Ressourcen – weil sie Fähigkeiten, Recht und Mittel hatten, eigenständig zu handeln. Das ist ein direktes institutionelles Erbe der Reform Poroschenkos.

5. Verbot russischer Plattformen

2017 unterzeichnete Poroschenko ein Dekret zum Verbot von VKontakte, Yandex, Odnoklassniki und Mail.ru.

VKontakte hatte in der Ukraine etwa 25 Millionen registrierte Accounts. Yandex sammelte Daten über Bewegungen, Suchanfragen und Verhalten von Millionen ukrainischer Nutzer in Echtzeit. Diese Plattformen waren gleichzeitig ein Propagandainstrument, ein Rekrutierungskanal und ein System zur Sammlung von Geheimdienstinformationen – direkt aus dem ukrainischen digitalen Raum.

Poroschenko schloss diese Infrastruktur, obwohl es ihn an Popularität kostete.

Der Gedanke erschreckt mich, was mit uns gewesen wäre, wenn der Einfluss dieser Plattformen 2022 noch bestanden hätte.

6. Visafreiheit mit der EU

Die Verhandlungen über ein visafreies Regime mit der EU dauerten Jahre und gerieten wiederholt in eine Sackgasse. Poroschenko machte den Erhalt der Visafreiheit zu einer der Prioritäten seiner Politik und setzte das gesamte Paket an Anforderungen durch – Justizreform, Antikorruptionsgesetzgebung, biometrische Pässe, Anpassung an EU-Standards usw. Insgesamt wurden 136 gesetzgeberische Akte von der Werchowna Rada verabschiedet, um die Visafreiheit umzusetzen, und sie trat im Juni 2017 in Kraft.

Im Jahr 2022 konnten über 11 Millionen Menschen ohne Warteschlangen, Ablehnungen und Vorurteile seitens der aufnehmenden Länder ausreisen.

Ohne Visafreiheit wäre das eine humanitäre Katastrophe gewesen. Stattdessen reisten die Menschen aus, verteilten sich über Europa, konnten sich einrichten – und das nahm in den ersten Monaten und Jahren des Krieges einen enormen Druck von dem Land.

7. Verteidigungsindustrie

Poroschenko startete ein systematisches staatliches Verteidigungsbeschaffungsprogramm.

Fabriken, die jahrelang unterausgelastet waren oder überhaupt keine staatlichen Aufträge erhielten, bekamen plötzlich Finanzierung, klare Aufgaben und Produktionsauslastung. Gepanzerte Technik, Artillerie, Raketenprogramme – all das entsteht nicht am Tag des Krieges. Die Unternehmen des militärisch-industriellen Komplexes stellten ihre Produktionskompetenzen wieder her, Fachkräfte liefen nicht auseinander, technologische Ketten blieben funktionsfähig.

Im Jahr 2022 bedeutete das, dass es eine Reparaturbasis im Inland gab und beschädigte Technik innerhalb von Tagen und nicht Wochen oder Monaten wieder einsatzbereit war.

Mit dem Amtsantritt Zelenskys im Jahr 2019 begann dieses Tempo sich zu verlangsamen und wurde erst mit der Ernennung von Zaluzhny – sieben Monate vor der Invasion – wiederhergestellt.

8. Internationaler Konsens

Fünf Jahre lang formte Poroschenko die Anerkennung Russlands als Aggressor auf internationalen Plattformen. Das Normandie-Format, die ständige Präsenz auf Plattformen der G7, der UNO und der PACE sowie bilaterale Verhandlungen mit Führern der EU und der USA – das war die systematische Arbeit eines starken und kompetenten diplomatischen Teams.

Die Sanktionen von 2014–2015 waren unzureichend – aber sie schufen einen Mechanismus, der 2022 nicht von Grund auf neu aufgebaut werden musste. Er wurde einfach ausgeweitet.

Die Isolation Russlands in den ersten Wochen 2022 war gerade wegen dieses zuvor geschaffenen Fundaments so schnell und so eindrucksvoll.

9. Armee als Teil der Gesellschaft

Vor 2014 war die Armee in der Ukraine kaum sichtbar – unterfinanziert, unattraktiv, von der Gesellschaft getrennt. Poroschenko unterstützte bewusst die Freiwilligenbewegung als paralleles Unterstützungssystem für die Armee, als der Staat nicht rechtzeitig nachkam. Freiwillige sammelten Geld für Schutzwesten und Wärmebildgeräte – und das wurde nicht verurteilt, sondern als gesellschaftliche Praxis gefördert und vom Staat gebilligt und unterstützt.

Parallel begann der Staat systematisch, die Armee als Institution der Würde und nicht als Belastung zu kommunizieren. Veteranen der ATO und Freiwillige wurden in ihren Gemeinden zu bekannten und respektierten Persönlichkeiten.

Im Jahr 2022 zeigte sich das in einem Phänomen, das im Westen niemand erwartet hatte: Schlangen vor den Wehrämtern in den ersten Tagen. Menschen, die selbst kamen, sogar ohne Aufruf der Behörden – das ist das Ergebnis der kulturellen Transformation, die während der Amtszeit Poroschenkos eingeführt und in der Gesellschaft verankert wurde.

10. Ukrainische Identität

Die ukrainische Sprache, Kultur und ein eigener Informationsraum wurden unter Poroschenko zu bewusster Staatspolitik. Das lässt sich am schwersten quantifizieren – ist aber vielleicht die wichtigste aller Entscheidungen des Präsidenten.

Russland baute seine Strategie auf konkreten Annahmen auf: dass die Ukrainer sich nicht als eigene Nation fühlen, dass ein wesentlicher Teil der Bevölkerung die „Befreiung“ positiv aufnehmen würde, dass die Armee ohne echten Widerstand zusammenbrechen würde.

Im Jahr 2022 geschah das nicht, weil die Ukrainer wussten, wer sie sind – und was genau sie verteidigen.

11. Tomos: Poroschenko kappte den kirchlichen Einflusskanal Moskaus

Der Tomos über die Autokephalie der Orthodoxen Kirche der Ukraine, unterzeichnet im Januar 2019, ist eine persönliche diplomatische und politische Leistung Poroschenkos.

Die Ukrainische Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats ist nicht nur ein Netzwerk von Gemeinden, Diözesanverbindungen und Priestern mit Bezug zu Moskau. Unter Bedingungen eines Informations- und hybriden Krieges ist dieses Netzwerk ein Kanal – für Narrative, für Loyalität, für die Organisation von Einfluss. Poroschenko konnte und versuchte nicht, das Moskauer Patriarchat zu zerstören, aber er gab Millionen Gläubigen eine Alternative, die nicht mit Moskau verbunden ist, und untergrub das Monopol des Moskauer Patriarchats auf die orthodoxe Identität in der Ukraine.

Bis 2022 hatte der Tomos seine Wirkung bereits entfaltet: Er kappte einen der wichtigsten Kanäle russischen „weichen“ Einflusses.

Statt eines Fazits

Viele der Dinge und Vorhaben Poroschenkos blieben unvollendet, wurden verlangsamt oder sogar teilweise zurückgedreht.

Aber ein System muss nicht perfekt sein, um ausreichend zu sein.

Poroschenko baute keine Utopie. Er baute Fähigkeit – eine Armee, die kämpfen kann, eine Industrie, die Technik einsatzbereit halten kann, eine Gesellschaft, die weiß, wofür sie steht, und einen Staat, der nicht in Panik erstarrt und sich nicht gehorsam unter den Schlag des Feindes legt.

Im Jahr 2022 erwies sich das als ausreichend.

Und das ist das Ergebnis konkreter Entscheidungen eines konkreten Menschen zu einer konkreten Zeit.


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Autor: Andriy Dvornichenko, Anna Oskomina
Veröffentlichung / Entstehung: 02.04.2026.
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DER AMERIKANISCHE BOOMERANG. Teil 1: Wie Europa kastriert wurde – und wir dafür bezahlen. Eduard Rubin. 04.12.2025.

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Ich bin ein Anhänger der Republikaner, die endlich angefangen haben zu handeln. Ihre Entschlossenheit imponiert mir. Aber wenn ich die Beiträge vieler einfacher Amerikaner lese, sehe ich, dass sie die eigentliche Ursache dessen, was aus unserer Welt geworden ist, nicht sehen – oder nicht sehen wollen. Deshalb werde ich meine Meinung sagen.

Ich höre oft Klagen über Europa. Angeblich sei die Alte Welt faul geworden, fahre als Trittbrettfahrer im amerikanischen Sicherheitszug mit und wolle ihre Rechnungen nicht bezahlen. Donald Trump hat darauf eine ganze Kampagne aufgebaut, indem er zu Recht auf Berlin und Paris zeigt: Warum geben sie keine 2 % des BIP für Verteidigung aus? Warum sollen das alles die USA erledigen?

Ich blicke darauf aus Charkiw, unter dem Heulen der Sirenen, und mir ist danach zu sagen: LASST UNS MIT DER HEUCHELEI AUFHÖREN.

Diese europäische Ohnmacht ist keine Faulheit. Sie ist das Ergebnis einer 70-jährigen amerikanischen Ingenieursarbeit. Washington hat seinen Verbündeten jahrzehntelang systematisch die Fähigkeit genommen, sich selbst zu verteidigen. Die amerikanische Politik hat ihr militärisches Potenzial KASTRIERT, damit niemand die Hegemonie der USA infrage stellen kann. Und jetzt, wo ein Wahnsinniger in unser Haus eingedrungen ist, wundert sich die Welt, warum die Partner uns mit nichts anderem helfen können als mit tiefer Besorgnis und ein paar Helmen.

Lasst mich euch Fakten zeigen. Keine Emotionen, sondern Zahlen und Dokumente.

DAS IMPERIUM AUF EINLADUNG UND DIE ABHÄNGIGKEIT

Alles begann schön. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen die USA mit dem Marshallplan. In den Schulbüchern steht, es sei ein Akt heiligen Altruismus gewesen. Als Geschäftsmann sehe ich darin eine brillante, aber ZYNISCHE INVESTITION. Amerika pumpte 13 Milliarden Dollar hinein (heute wären das rund 137 Milliarden), um nicht so sehr Europa zu retten, sondern sich selbst vor Überproduktion. Washington kaufte sich Absatzmärkte. Die Amerikaner sagten den Europäern: Ihr müsst nicht stark sein. Ihr müsst reich sein und unsere Waren kaufen.

Es entstand das, was der Historiker Geir Lundestad ein „Imperium auf Einladung“ nannte. Die USA wurden zum Erwachsenen, der über Leben und Tod entscheidet, und den Europäern ließ man den Sandkasten der sozialen Absicherung. Es entstand ein MORALISCHES RISIKO: Warum sollte Berlin zwischen Kanonen und Butter wählen, wenn es den amerikanischen atomaren Schutzschirm gibt?

OPERATION NOTBREMSE: WIE DIE EUROPÄISCHE RÜSTUNGSINDUSTRIE GETÖTET WURDE

Glaubt ihr, Europa habe nicht versucht, selbstständig zu werden? Doch, das hat es. Aber jedes Mal, wenn es nach der Waffe griff, schlug Washington ihm auf die Hände.

Hier ein konkretes Beispiel, über das die Nachrichten schweigen. MAI 2019. Die EU erkennt bereits, dass es aus dem Osten nach Brand riecht, und versucht, eigene Verteidigungsprogramme zu starten – PESCO und EDF. Das Ziel ist simpel: eigene Waffen produzieren, um nicht von den Launen des Weißen Hauses abhängig zu sein.

Was taten die USA? Lobten sie das? Nein.

Die stellvertretende US-Verteidigungsministerin Ellen Lord schreibt einen Brief nach Brüssel – mit direkten Drohungen. Sie nennt die Versuche Europas, den Zugang amerikanischer Konzerne zu europäischen Geldern zu begrenzen, „vergiftete Pillen“ (poison pills). Die Botschaft war einfach wie ein Schuss: Wenn ihr dieses Geld nicht Lockheed Martin und Raytheon gebt, verhängen wir Sanktionen.

Man sagte ihnen: Zahlt 2 % des BIP – aber wagt es nicht, eigene Fabriken zu bauen. Kauft unsere F-35. Man brachte sie in eine strukturelle technologische Abhängigkeit. Und jetzt, wo WIR an der Front Granaten brauchen, stellt sich heraus, dass es in Europa keine Fabriken gibt, um sie schnell herzustellen. Weil man ihnen FAKTISCH VERBOTEN HAT, sie zu haben.

EINE ARMEE VON PAPIERTIGERN

Wozu führte diese Strategie des „einzigen Erwachsenen im Raum“?

Schaut euch Deutschland an. In den 80er-Jahren, als ich gerade mein Erwachsenenleben begann, hatte die BRD 7.000 PANZER. Das war eine Stahlmauer. Wisst ihr, wie viele sie heute hat? ETWA 200 EINSATZFÄHIGE PANZER. Zweihundert kampftaugliche Fahrzeuge für ganz Deutschland! Das ist keine Armee, das ist eine erweiterte Ehrenwache.

Artillerie? Die Munitionsvorräte der Bundeswehr reichen Berichten zufolge für ZWEI TAGE intensiven Krieges. Zwei Tage! Und was am dritten Tag? Ein Anruf in Washington?

Im Zentrum Europas wurde ein SICHERHEITSVAKUUM geschaffen. Den Verbündeten wurde eingeredet, die Geschichte sei zu Ende, die Friedensdividenden reichten für immer, und die NATO sei kein Bündnis auf Augenhöhe, sondern ein Abo-Service, bei dem die USA der einzige Anbieter sind.

DIE RECHNUNG

Ich schreibe das nicht, um Amerikaner zu beleidigen. Ich mag Amerika, ich bin oft in den USA. Aber jetzt, während Russland mein Land zerstört, sehe ich, wie dieser amerikanische Boomerang wirkt.

Amerika wollte Hegemon sein. Wollte, dass Europa in jeder Schraube von ihm abhängig ist. Glückwunsch – das Ziel ist erreicht. Europa ist vollständig abhängig. Aber als die echte Schlägerei begann, stellte sich heraus, dass dieser abhängige Verbündete MACHTLOS ist. Er kann uns keine Waffen geben, weil er sie nicht hat. Er kann keine harten Entscheidungen treffen, weil er verlernt hat, strategisch zu denken.

Trump hat recht, wenn er sagt, dass das System kaputt ist. Aber er HEUCHELT, wenn er dafür allein die Europäer oder die Ukrainer verantwortlich macht. Man hat ihnen jahrzehntelang die Arme verdreht. Man hat sie bewusst schwach gemacht.

Und das Schlimmste: Während man die eigenen Freunde entwaffnete, pumpte man die eigenen Feinde mit Geld und Technologie voll. Aber darüber – darüber, wie die westlichen Eliten den chinesischen Drachen und den russischen Bären großgezogen haben – werde ich im nächsten Artikel schreiben.

Und bis dahin merkt euch eines: Wenn ihr in den Nachrichten eine brennende ukrainische Stadt seht, dann wisst – das ist der Preis, den wir für das 70-jährige AMERIKANISCHE Experiment der Zähmung des Westens bezahlen.


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Titel des Originals: АМЕРИКАНСЬКИЙ БУМЕРАНГ. Частина 1: Як Європу кастрували, а розплачуємося ми.
Autor: Eduard Rubin.
Veröffentlichung / Entstehung: 04.12.2025.
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Größere Kooperation mit der Ukraine im Bereich der Verteidigungsindustrie als Strategie zur Vermeidung von Krieg. Valery Zaluzhny.  20.10.2025.

Die Sicherheit Europas durch Einigkeit und Entschlossenheit.

https://www.pravda.com.ua/columns/2025/10/21/8003440/

Der Krieg in der Ukraine ist das Ergebnis einer ganzen Reihe von Fehlern in der Außenpolitik, die seit dem Zeitpunkt der Unabhängigkeit begangen wurden. Seit Anfang der 1990er Jahre erklärte unsere Führung die sogenannte Politik der Multivektorialität, also die Absicht, sowohl mit dem Westen als auch mit Russland gute Beziehungen zu unterhalten und aus beiden Richtungen Nutzen zu ziehen.

Diese Politik jedoch führte das Land in großes Unglück und hinderte es lange Zeit daran, äußeren Einflüssen wirksam zu widerstehen. Sie ermöglichte es uns zwar, wirtschaftliche Vorteile sowohl von Europa und den USA (durch Kredite und Investitionen) als auch von Russland (durch vergünstigte Gaspreise und Zugang zu russischen Märkten) zu erhalten.

Russland wiederum baute in dieser Zeit systematisch seinen Einfluss im Inneren des Landes aus – durch die Unterstützung loyaler politischer Parteien und einzelner Akteure, durch wirtschaftlichen Druck über Energieträger und Investitionen in strategische Unternehmen, durch Propaganda in den Medien und durch die Förderung des russischsprachigen Milieus.

Aber vielleicht war der größte Fehler gerade die Unterschätzung Russlands und das übermäßige Vertrauen in die Sicherheitsgarantien, die im Budapester Memorandum verankert waren.

Als im Jahr 2014 der Krieg ausbrach, kam keine der Großmächte zu Hilfe – man beschränkte sich lediglich auf Sanktionen gegen Russland. Dies beweist, dass internationale Vereinbarungen, die nicht durch konkrete Sicherheitsinstrumente untermauert sind, nichts anderes als leere Worte darstellen – ein Vakuum, das, sobald es entsteht, unweigerlich vom Krieg gefüllt wird.

Wir erinnern heute an die Ukraine gerade wegen der Situation, in der sich unser Staat im vierten Jahr eines umfassenden Krieges befindet – eines Krieges, wie ihn die Menschheit im 21. Jahrhundert noch nicht gesehen hat.

Ob all das, was oben beschrieben wurde, noch jemand anderen außer der Ukraine betrifft, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Eines jedoch ist klar: Russland militarisiert sich, seine Wirtschaft läuft auf Kriegsbetrieb, und die Gesellschaft wird mit Propaganda aufgeladen. Was Russland gestern bei euch, den Nachbarn, getan hat, sollte man besser überprüfen – und wofür es das heute tut, muss man unbedingt herausfinden.

Heute sehen die Russen keinen einzigen Grund, warum sie aufhören sollten.

Der Krieg im Zentrum Europas hat nicht nur jeden Ukrainer betroffen, sondern ist – unter dem Donnern der untergehenden alten Welt – global geworden und wird bald bereit sein, an die Tür des Nachbarn zu klopfen. 

Des Nachbarn, der mit uns auf demselben kleinen Stockwerk wohnt – und der sich Europa nennt. Von diesem Nachbarn soll nun die Rede sein: Von Europa – als Nachbarn in einem globalen Krieg.

Im vierten Jahr des Krieges kann man mit Gewissheit feststellen, dass der Prozess, der im Februar 2022 begann – wie jeder große Krieg – zum Zusammenbruch der Ideen und Theorien geführt hat, auf denen das Verständnis der Weltordnung beruhte.

All jene, die glaubten, alles zu wissen, und jene, die Sorge und Besorgnis für eine Allheillösung hielten, sind zutiefst enttäuscht. Alle, die in irgendeiner Weise mit diesem Krieg zu tun haben, selbst jene, die ihn nur beobachten, haben Dinge gesehen, die sie weder geplant noch erwartet hatten.

Manche behaupten selbst jetzt, in der Agonie der Enttäuschung über ihre eigenen Illusionen, dass alles, was geschieht, nur ihre Illusionen betreffe.

Doch die Wahrheit ist: Für die einen ist das Leid und Schmerz, für die anderen bisher nur eine trockene Chronik. Aber in Wirklichkeit ist es ein Strudel der Ereignisse, der die Welt für immer verändern wird.

Was geschieht also heute, inmitten dieses Strudels, der – mit stillschweigender Zustimmung der längst vergangenen alten Welt – an Fahrt aufnimmt?

In der Nacht vom 27. auf den 28. September 2025 wurden über dem Territorium der Ukraine 552 Drohnen, mindestens zwei ballistische Raketen und mindestens 31 Marschflugkörper eingesetzt.

In der Nacht vom 6. auf den 7. September wurde der größte Angriff aus der Luft registriert – gleichzeitig 776 Flugkörper.

Erst vor Kurzem drangen etwa zwei Dutzend russische Drohnen in den polnischen Luftraum ein; drei oder vier davon konnten mithilfe extrem teurer Raketen abgeschossen werden.

Wenige Tage später drangen russische Flugzeuge problemlos in den Luftraum Estlands ein. Sie wurden von zwei modernen italienischen F-35-Jagdflugzeugen der NATO verfolgt, die von einem Luftwaffenstützpunkt nur 50 Kilometer von Tallinn entfernt gestartet waren.

Kurz darauf beschrieb The Telegraph die Reaktion der NATO mit deutlichen Worten:

„Die Italiener begannen das Standardverfahren der Abfangaktion, indem sie ihre Flügel hin und her bewegten. Die Russen antworteten, indem sie ebenfalls ihre Flügel bewegten. Dann hob einer der Piloten die Hand und winkte freundlich. In den folgenden zwölf Minuten begleiteten die italienischen Piloten die Russen bis in die russische Exklave Kaliningrad – eine beispiellos lange Zeit für eine Verletzung des NATO-Luftraums“, heißt es in dem Artikel.

Wenn man also nur diese Ereignisse aus dem Strudel des totalen Krieges miteinander verknüpft, ergibt sich eine einfache Schlussfolgerung:Während Europa noch darüber nachdenkt, ob seine Reaktion entschlossen genug war, feuern die Russen bereits die nächsten tausend Drohnen ab,und die Ukrainer, die allein ums Überleben kämpfen, gewinnen weiterhin Zeit – Zeit für ihre Nachbarn. Zeit, um sich vor allem von Illusionen zu befreien.

Ich wiederhole es noch einmal: Vier Jahre Kampfhandlungen zeichnen bereits revolutionäre Veränderungen in der Kriegführung ab. Schon jetzt kann man mit Sicherheit sagen, dass eine neue Art des Krieges entstanden ist und dass sich die Kriegsführungskunst des gesamten 21. Jahrhunderts grundlegend verändert hat.

Eines der wichtigsten Merkmale eines solchen Krieges ist, dass kein einziges Land der Welt in der Lage ist, allein das heutige Maß an Intensität der Kampfhandlungen auszuhalten und den gesamten Komplex der Verteidigungsbedürfnisse vollständig zu decken.

Daher müssen wir, um zu überleben, eine Reihe von Fragen im Kontext des andauernden Krieges beantworten.

Doch das Wichtigste ist, unsere eigenen Sicherheitsgarantien für die Zukunft sicherzustellen.

Erstens: Gibt es heute einen realen Weg für die Ukraine, den notwendigen Grad an Zusammenarbeit mit Europa zu erreichen, um die Bedürfnisse des heutigen Krieges möglichst umfassend zu erfüllen?

Dabei interessiert uns im Rahmen eines solchen Überlebensprogramms Folgendes:

• Wie realistisch ist die Hoffnung, militärische Hilfe in Form von Luftabwehrsystemen und Munition aus Europa zu erhalten?

• Wie realistisch ist es, in naher Zukunft Zugang zu finanziellen Mitteln zur Finanzierung des eigenen Verteidigungsindustriekonze­rns (ОПК – оборонно-промисловий комплекс) zu bekommen?

• Wie realistisch ist es, Zugang zu exklusiven europäischen wissenschaftlichen und industriellen Technologien, insbesondere zu Satellitentechnologien, zu erhalten?

• Wie schnell kann die eigene Produktion organisiert und in Europa skaliert werden?

Zweitens: Strebt Europa, indem es seine Bemühungen zur Transformation seiner Verteidigungspolitik intensiviert, tatsächlich den Aufbau einer neuen Sicherheitsarchitektur an? Und hat die Ukraine darin einen Platz?

Unter Berücksichtigung unserer eigenen Erfahrungen ist es angebracht, Folgendes zu verstehen:

• Gibt es politischen Willen, um grundlegende Veränderungen in der Sicherheitslandschaft Europas durchzuführen?

• Gibt es Anzeichen für die Bildung europäischer Streitkräfte als Grundlage der militärischen Fähigkeiten und künftiger Allianzen?

• Wie realistisch ist die Reform und Konsolidierung der europäischen Verteidigungsindustrie?

• Wie realistisch ist es heute, die dringenden Bedürfnisse der Ukraine im Rahmen der Reform der europäischen Verteidigungsindustrie zu decken?

Trotz der Vielzahl von Gesprächen, die auf verschiedenen Plattformen sowohl in der Ukraine als auch in Europa geführt werden, und trotz der immer wieder verschobenen Sanktionspakete, gibt es heute nur ein einziges programmatisches Dokument, das auf europäischem Boden entstanden ist.

Dabei handelt es sich um das gemeinsame Werk „Weißbuch über die europäische Verteidigungsbereitschaft bis 2030“, das vom Hohen Vertreter der Europäischen Union für Außen- und Sicherheitspolitik am 19. März 2025 vorbereitet wurde.

Offensichtlich ist dieses Dokument auch eine Reaktion auf die Arbeit einer Gruppe europäischer Experten unter der Leitung von Mario Draghi (ehemaliger Präsident der Europäischen Zentralbank), die im September 2024 ein umfassendes Dokument mit dem Titel „Die Zukunft der europäischen Wettbewerbsfähigkeit“ erarbeiteten.

Darin wird zum ersten Mal konzentriert die Notwendigkeit einer strategischen Autonomie Europas in einer zunehmend wettbewerbsorientierten Welt betont – insbesondere im Verhältnis zu den USA.

Neben der Beschreibung der Probleme, die speziell die Europäische Union betreffen, enthält der Bericht von Draghi einen Aktionsplan und schlägt vor, sofort mit der Umsetzung der genannten Schritte zu beginnen, wobei besonderer Wert auf die Koordination im Bereich der europäischen Verteidigungsindustrie gelegt wird.

In diesem Zusammenhang ist die Vorstellung des konzeptionellen Dokuments „Joint White Paper for European Defence Readiness 2030“ durch den EU-Kommissar für Verteidigung und Weltraum, Andrius Kubilius, zweifellos eine Antwort auf diese Herausforderungen.

Tatsächlich definiert das „Weißbuch“ sowohl die Bedrohungen und Herausforderungen, denen sich Europa derzeit gegenübersieht und die in Zukunft zunehmen werden, als auch die Wege zu ihrer Neutralisierung – durch die Entwicklung des europäischen Sicherheits- und Verteidigungssektors.

Dieses Dokument, das bereits unter dem Druck des Krieges geschrieben wurde, sollte vermutlich Europa global davon überzeugen, dass es fähig ist, sich selbst zu verteidigen.

Gleichzeitig bleibt dieses offizielle Material für uns vielleicht der einzige schriftlich festgehaltene Weg, um zumindest ein gewisses Verständnis für die Bildung der künftigen europäischen Sicherheitsordnung zu gewinnen – einer Sicherheit, die sich offenbar vorerst auf die Stärkung der europäischen Verteidigungsindustrie stützt.

Die äußerst schwierige Situation, die derzeit in der Ukraine herrscht, sowie unsere eigene Erfahrung geben mir das Recht, auf die Sicherheit Europas gerade aus praktischer, insbesondere militärischer Sicht zu blicken.

Das Hauptziel ist selbstverständlich, herauszufinden, ob die Ukraine in einem Abnutzungskrieg vollwertig auf Europa zählen kann – wenn schon nicht als auf einen Verbündeten, so doch zumindest als auf einen verlässlichen Partner.

Das zweite, nicht minder wichtige Ziel für uns ist es, herauszufinden, ob Europa die Notwendigkeit versteht, eine neue Sicherheitsarchitektur gerade auf dem europäischen Kontinent zu errichten.

Dazu möchte ich die Worte eines Klassikers der Militärstrategie in Erinnerung rufen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schrieb er:

„In den modernen Realitäten ist der Frieden selbst in erster Linie das Ergebnis von Gewalt und wird durch Gewalt aufrechterhalten. Jede Staatsgrenze ist das Ergebnis eines Krieges; und die Umrisse aller Staaten auf der Karte lehren uns das strategische und politische Denken der Sieger, während die politische Geographie und die Friedensverträge zugleich strategische Lektionen sind…“

Gerade unter Berücksichtigung der strategischen Lehren, die wir in der Ukraine heute im Krieg mit dem größten Imperium des Kontinents ziehen, möchte ich betonen: Das Wesen der Sicherheit und ihr unbedingtes Erreichen beruhen auf einfachen Grundsätzen, die sich mit der Zeit nicht ändern – und vor allem: Sie wurden durch unseren Krieg bestätigt.

Erstens – der politische Wille, die Bereitschaft zu praktischen, auch unpopulären Schritten, um eben diese Sicherheit zu gewährleisten.

Ein Beispiel für einen solchen politischen Willen war Winston Churchill (1874–1965), der britische Politiker und Premierminister Großbritanniens in den Jahren 1940–1945 und 1951–1955, der eine Schlüsselfigur der Zeit des Zweiten Weltkriegs war.

Die naheliegende Frage heute lautet: Wie bereit sind die Bürger der EU-Mitgliedstaaten und ihre politischen Eliten, das Thema Verteidigung zur Priorität zu machen, wenn dies zum Beispiel eine Verschlechterung des wirtschaftlichen Wohlstands bedeuten würde?

Zweitens – gut ausgebildete und mit modernen Waffensystemen ausgerüstete Streitkräfte, die nach modernen Doktrinen handeln. Diese Streitkräfte müssen außerdem in ein klares hierarchisches System eingebettet sein, das auf einer einheitlichen Führungsstruktur und Anwendung der Doktrin beruht.

Selbst unter unseren Bedingungen, in denen die zentralisierte Unterstellung der Verteidigungskräfte gesetzlich festgeschrieben ist, war nicht immer genügend Zeit vorhanden, um die Standardisierung von Bewaffnung, Ausbildung und Einsatz zu harmonisieren.

Drittens – der Verteidigungsindustriekomplex.Er ist einer der wichtigsten Bestandteile, die die Einsatzbereitschaft der Streitkräfte zur Gewährleistung der Sicherheit vollständig bestimmen.

Dabei muss man – ausgehend von unserer Erfahrung – verstehen, dass sich dieser globale Verteidigungsindustriekontext nach folgenden Kriterien bemisst:

1. Verfügbarkeit von Rohstoffen, vor allem für die Produktion von Munition. 

  • Besonders wichtig ist dabei die Frage, ob es heute zum Beispiel genügend Komponenten für die Herstellung von Schießpulver gibt, das die Grundlage aller Sprengstoffe bildet. Bekanntlich basiert seine Formel auf Nitrozellulose, die aus der Verarbeitung von Zellulose aus Industriehanf, Baumwolle oder Holz gewonnen werden kann.
  • Ist im Rahmen dieses Programms eine Ausweitung des Anbaus dieser Pflanzenarten vorgesehen, oder soll dies vielleicht in Kooperation erfolgen?
  • Und wie wird das Problem der Chips und Mikroschaltungen gelöst, die in völlig anderen Weltregionen hergestellt werden?

2. Verfügbarkeit von Technologien und Infrastruktur (Unternehmen und Transportwesen), die erweitert und umorganisiert werden kann, um eine maximale Produktion im Interesse der Verteidigung zu ermöglichen.

  • Eine solche Infrastruktur muss politisch und wirtschaftlich vereinheitlicht sein und auf einheitlichen Standards und Lieferketten beruhen.
  • Wird dies möglicherweise den nationalen Regierungen schaden, die ihre Einnahmen und Haushalte gerade auf dieser nationalen Infrastruktur aufbauen?

3. Arbeitskräfte – in ausreichender Zahl und mit ausreichender Qualifikation, um die Bedürfnisse aller Produktionszweige zu decken. Gerade Quantität und Qualifikation, insbesondere in hochtechnologischen Bereichen, werden entscheidend sein für die Umsetzung jeglicher Produktionsprogramme und Anforderungen.

4. Und wieder – der politische Wille, wenn die Zivilbevölkerung durch Zwang, Propaganda und Appelle an die Bürgerpflicht nicht nur zu bestimmten Einschränkungen, sondern in Zukunft auch zu Opfern bewegt wird – selbst dann, wenn diese unerträglich sein sollten.

Daher muss man dieses erste systematische Dokument ausschließlich aus strategischer Perspektive betrachten, insbesondere im Hinblick auf seine Zukunftsorientierung, nicht nur auf seine Gegenwart.

Der Krieg in der Ukraine, die Neubewertung der Rolle der USA bei der Gewährleistung der europäischen Sicherheit und die wachsende Kampffähigkeit der russischen Streitkräfte, die über den heutigen Krieg hinausgeht, sollten eine realistische Vision der künftigen Sicherheitsarchitektur formen.

Doch bei der Analyse dieses Dokuments – sowohl aus unserer als auch aus der europäischen Perspektive – können wir feststellen, dass die bloße Aufteilung der Mittel zur Erreichung der Hauptziele des Dokuments völlig unzureichend ist.

Leider braucht Europa dafür nicht nur Geld, sondern auch politischen Willen – und Zeit.

Wenn man gerade vom politischen Willen als dem Hauptmotor eines solchen Fortschritts spricht, muss man verstehen: Heute bedeutet das, dass der Erfolg dieser Initiativen vom politischen Willen aller 27 verschiedenen Länder abhängen wird. Diese Länder haben einen äußerst schwierigen Weg bis zur Mitgliedschaft hinter sich, besitzen jedoch unterschiedliche Prioritäten, Ressourcen und Bedrohungswahrnehmungen.

Deshalb wird im „Weißbuch“ wohl auch ständig betont, dass die Verteidigung weiterhin in der Zuständigkeit der einzelnen Staaten liegt und Einmütigkeit erforderlich ist – so, wie es der Vertrag über die Europäische Union vorsieht.

Ob dies zu einem Faktor der Verlangsamung oder gar Blockierung zentraler Verteidigungsprojekte werden wird, wird sich erst zeigen. Doch eines ist klar: Die Umsetzung des zentralen Prinzips eines gemeinsamen, einheitlichen Sicherheitsansatzes ist unter solchen Bedingungen praktisch unmöglich.

Auch in Bezug auf die Produktionsbasis eröffnet sich ein weites Arbeitsfeld. Man muss feststellen, dass laut dem Draghi-Bericht derzeit über 60 % der Verteidigungsbeschaffungen in Europa in den USA getätigt werden – so ist die Lage heute.

Dieser Zustand muss allerdings verändert und erweitert werden, und folglich wird die über Länder verteilte, fragmentierte militärisch-industrielle Basis Europas eindeutig politischen Willen und Zeit für eine Skalierung benötigen.

Was das Personal betrifft, so darf man nicht vergessen, dass in Europa ein gut entwickeltes Arbeitsrecht besteht, das es nicht erlaubt, Arbeitsbedingungen und -standards zu missachten. Ob es heute genug Fachkräfte gibt und wo deren Ausbildung organisiert werden soll, lässt sich nur schwer sagen.

Wir wissen sehr genau, wer heute in den europäischen Fabriken arbeitet. Welche Auswirkungen das auf den Ausbau der Produktionskapazitäten haben wird, lässt sich schon jetzt einigermaßen voraussehen.

Natürlich – wenn man faktisch von einer Vorbereitung auf einen „Nicht-Zweiten-Weltkrieg“ spricht – erklärt das „Weißbuch“ auch das Streben nach Führungspositionen in den Bereichen Künstliche Intelligenz, Quantentechnologien, Hyperschall und Robotik.

Doch in Bezug auf den Investitionsstand, die menschlichen Ressourcen und die technologische Reife liegen all diese Bereiche in Europa viele Jahre hinter den USA und China zurück. Es ist offensichtlich, dass die Erreichung solcher ehrgeizigen Ziele bis 2030 kaum realistisch ist.

Zur Erinnerung: Die Hauptgründe für die Gründung der Europäischen Union waren der Wunsch nach Frieden und Stabilität, die Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung durch einen gemeinsamen Markt sowie die Unterstützung von Demokratie und gemeinsamen Werten. All dies wurde von einer absoluten Sicherheitsgarantie durch die USA und die NATO begleitet.

Daher ist es logisch, dass die Europäische Union selbst derzeit keine klaren Mechanismen des sogenannten Zwangs besitzt. Folglich fehlt auch die Grundlage für die Umsetzung politischen Willens.

Deshalb wird die Umsetzung der in diesem Dokument erklärten Absichten auf „Motivation“ und „Anreizen“ beruhen – ohne die Schaffung verpflichtender Mechanismen.

Dies wiederum führt dazu, dass große Länder wie Frankreich, Deutschland und Italien weiterhin nationale Projekte entwickeln. Andere Länder werden von solchen Möglichkeiten ausgeschlossen bleiben. Wie sich das auf die bekundeten Fähigkeiten der übrigen nationalen Streitkräfte der EU-Länder auswirken wird, ist derzeit unbekannt.

Wenn man die Umsetzung eines solchen Projekts betrachtet, sollte man auch beachten, dass die EU – trotz der weiterhin bestehenden Priorität der NATO für die Sicherheit – bereits die Zusammenarbeit innerhalb Europas ausbaut.

Zum Beispiel durch den Kensington-Vertrag zwischen Großbritannien und Deutschland, den Aachener Vertrag zwischen Deutschland und Frankreich sowie die erneuerten Abkommen des Lancaster House zwischen Großbritannien und Frankreich.

Sind diese Verträge in der künftigen Vision berücksichtigt – und welche Rolle spielt etwa Großbritannien, das kein EU-Mitglied ist, sich jedoch auf dem europäischen Kontinent befindet und sein sicherheitspolitisches Potenzial weiterhin behält?

Dieses programmatische Dokument wurde bereits eingehend untersucht und analysiert. Seine Fülle an deklarativen Aussagen und Formulierungen ermöglichte es einem breiten Kreis in der Ukraine, in diesem Dokument sowohl Vorteile als auch Schwächen zu erkennen.

Für uns bleibt jedoch das Wichtigste, dass – trotz der ambitionierten Ziele, die Unterstützung der Ukraine betreffend – wahrscheinlich alles ohne feste Fristen oder verpflichtende Mechanismen umgesetzt wird, und somit ohne entsprechende Garantien.

Daher wird, trotz hoher Erwartungen, die Sicherheit Europas in ihrem praktischen Verständnis weiterhin von den USA abhängig bleiben.

Gleichzeitig bietet das „Weißbuch“ durch seinen Fokus auf Kooperation, Interaktion und Wettbewerbsfähigkeit der Verteidigungsindustrie der Ukraine große Chancen, ihre eigenen Interessen zu fördern und Zugang zu einem möglicherweise sich öffnenden europäischen Rüstungsmarkt zu erhalten – selbst als Land außerhalb der EU.

Mangels verbindlicher Mechanismen wird unsere Hauptaufgabe sein, unsere Interessen im ukrainischen Verteidigungsindustriesektor auf Regierungs-, Unternehmens- und Expertenebene aktiv zu vertreten, um ihn als Teil des europäischen Marktes zu etablieren.

Wir müssen um Finanzmittel, Technologien und Produktion mit jedem Land ringen, das für uns von Interesse ist – und dabei nie vergessen, dass die Grundlage unserer Stärke in unseren Technologien und unseren praktischen Erfahrungen liegt.

Gerade ein solcher Ansatz wird nicht nur die Ukraine schützen, sondern könnte unseren Verteidigungsindustriesektor in einen wirtschaftlichen Wachstumsmotor verwandeln – ähnlich wie es in Israel und Südkorea der Fall war.

Daher werden sich – trotz der Entschlossenheit der europäischen Länder, mehr Verantwortung für ihre eigene Sicherheit zu übernehmen – die konkreten Konzepte einer neuen Verteidigungsarchitektur wahrscheinlich erst irgendwann in der Zukunft zu formen beginnen.

So ist es: Vor dem Hintergrund der Vorschläge zur Konsolidierung der Verteidigungsindustrie und der Deklaration gemeinsamer militärischer Fähigkeiten sieht das „Weißbuch“ für den Zeitraum bis 2030 nicht die Bildung gemeinsamer militärischer Strukturen innerhalb der EU sowie keinerlei Organe oder Institutionen vor, die diese Strukturen führen oder koordinieren könnten.

All dies zeigt, dass – obwohl das „Weißbuch“ erklärt, die EU werde sich auf die Abschreckung äußerer militärischer Aggression vorbereiten, und dass die Mitgliedstaaten zu diesem Zweck über das gesamte Spektrum militärischer Fähigkeiten verfügen sollten – nicht klar ist, wer innerhalb der EU tatsächlich für die Umsetzung gemeinsamer Projekte, den Aufbau gemeinsamer Fähigkeiten sowie deren Steuerung und Einsatz im Rahmen gemeinsamer Operationen oder etwa der Kontrolle des Luftraums außerhalb der NATO verantwortlich sein wird.

Wenn man konkret über militärische Fähigkeiten spricht, ist ebenfalls festzuhalten, dass diese unter den heutigen Bedingungen nur durch die Einführung eines einheitlichen, umfassenden Systems von Veränderungen in mehreren Bereichen erreicht werden können:

• Entwicklung und Einführung neuer Technologien,

• grundlegende Reform der Verteidigungsindustrie, die im Rahmen eines strikten staatlichen Programms umgesetzt wird,

• Logistik und Beschaffung, unter Berücksichtigung der raschen und grundlegenden Veränderungen der Bedürfnisse,

• Führung und Steuerung der Prozesse nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch innerhalb staatlicher Strukturen zur Erreichung der festgelegten politischen Ziele,

• Struktur der Verteidigungs- und Streitkräfte als Hauptträger der Fähigkeiten,

• Doktrinen für Ausbildung und Einsatz aller Komponenten der Verteidigungskräfte.

Daraus ergibt sich eindeutig: Die EU wird sich bei der Gewährleistung ihrer eigenen Sicherheit bis 2030 weiterhin auf die NATO – und folglich auf die USA – stützen. Somit ist es definitiv verfrüht, von einer strategischen Autonomie Europas gegenüber den USA zu sprechen.

Die EU wird wahrscheinlich parallel den Anteil eigener Waffen erhöhen und versuchen, vor allem das Produktionsvolumen auszubauen – darunter auch jene Waffen, die gemeinsam mit der Ukraine hergestellt werden.

Der Aufbau einer neuen europäischen Sicherheitsarchitektur wird bis 2030 vermutlich nicht als vorrangige Aufgabe betrachtet. Und falls doch, dann nur deklarativ, mit Schwerpunkt auf die Umrüstung der nationalen Streitkräfte der Mitgliedstaaten.

Daher wird die Außenpolitik der EU auf die Bewahrung des bestehenden Sicherheitsformats ausgerichtet bleiben – mit dem Ziel, die USA im Fokus ihrer Aufmerksamkeit zu halten.

Folglich wird die Einbeziehung der Ukraine als gleichberechtigter Akteur in die künftige Architektur der europäischen Sicherheit weder formell noch prinzipiell in Betracht gezogen – mit Ausnahme einer teilweisen Nutzung ihrer Kampferfahrung und der Gewährung von Unterstützung im Krieg gegen Russland, im Einklang mit der Strategie der Kriegsvermeidung durch Unterstützung des Nachbarn, der bereits kämpft.

Offensichtlich ist: Solange die europäischen Verteidigungsstrukturen noch nicht vorhanden sind, bleibt der einzige Weg zu einer notwendigen Integration der Ukraine in das europäische Verteidigungssystem – vor allem im Bereich der Luft- und Raketenabwehr – die weitere Zusammenarbeit mit der NATO und jenen Mitgliedsstaaten, die gemeinsame Grenzen mit Russland haben oder historische Vorbehalte mitbringen.

Das ist wohl der einzige Weg, um sowohl politische als auch sonstige Blockaden innerhalb der EU zu umgehen – auch wenn selbst dieser Weg erhebliche geopolitische Risiken für die Mitgliedsstaaten birgt.

Und doch – wenn man über die Kriegsbereitschaft als den Hauptfaktor militärischer Stärke spricht, sollte man sich erinnern, dass unsere eigene Kriegserfahrung bereits zeigt:

• Krieg kann lang andauern. Das verändert grundlegend den Ansatz zur Organisation der Streitkräfte.

• Neue Technologien sind auf das Schlachtfeld gekommen, deren Beherrschung nicht nur einen Waffenwechsel, sondern auch einen grundlegenden Wandel in Strategie, Doktrin und Ausbildung erfordert.

• Der Krieg ist hybrid geworden. Er wird mit äußerster Grausamkeit geführt – sowohl an der Front als auch im Landesinneren – unter Einsatz sämtlicher, auch informationeller Ressourcen des Staates.

• In modernen Konflikten ist die Rolle des privaten Sektors erheblich gewachsen und wächst weiter. Das verlangt einen völlig neuen Ansatz in den Beziehungen zwischen Staat und Privatwirtschaft.

Es entsteht eine Form des öffentlich-privaten Partnerschaftsmodells, das den Zugang privater Unternehmen und ausländischen Kapitals nicht nur zur Produktion, sondern auch zur Entwicklung von Waffen und militärischer Technik vorsieht.

• In einem Abnutzungskrieg spielen Menschen und Fachkräfte eine entscheidende Rolle. Ihre Ausbildung und Bildung werden kritisch wichtig – nicht nur im militärischen Bereich, sondern auch in der Verteidigungsindustrie, wo angesichts der Integration von Forschungszentren und Produktion auch eine Einbindung von Universitäten und Konstruktionsbüros notwendig wird.

• Erfolgreiche Kampfhandlungen hängen von einer effizienten Logistik und materiell-technischen Versorgung ab. Gerade sie werden im Abnutzungskrieg zu vorrangigen Zielen. Solche Probleme lassen sich durch eine bloße Überprüfung von Transportkorridoren leider nicht mehr lösen. Und man darf nicht vergessen, dass die Grundlage der Logistik auch in der unterbrechungsfreien Energieversorgung liegt – insbesondere mit elektrischer Energie, die man, wie nun klar ist, nicht nur sparen, sondern auch verteidigen muss. Fehlt sie, trifft das schmerzhaft sowohl die zivile Infrastruktur als auch die Bevölkerung.

Es handelt sich um einen komplexen Maßnahmenkatalog, bei dem militärische Beteiligung unvermeidlich ist.

Schlussfolgerung:

Die europäische Sicherheit wird – trotz der im Dokument erklärten Ziele – auch weiterhin allein von der Standhaftigkeit der Ukraine und ihrer Streitkräfte sowie von einer zukünftigen wirksamen Partnerschaft abhängen.

Wie bereits vorhergesagt, wird der Aufbau einer neuen europäischen Sicherheitsarchitektur auf dem Kontinent mindestens fünf Jahre dauern. Diese Zeit wird von einer Trägheit begleitet sein, die auf der Hoffnung auf die Bewahrung des bisherigen Lebensstandards beruht, sowie vom Überwinden demokratischer Hemmnisse.

Ich möchte außerdem hinzufügen, dass Russland in den fast vier Jahren Krieg in der Ukraine systematisch lernt, besser Krieg zu führen. Es hat bereits eine neue Armee aufgebaut, die Erfahrungen sammelt, analysiert und sofort umsetzt.

All dies mündet in der Entwicklung neuer Doktrinen und Ausbildungsprogramme.

Die nationale Zusammensetzung der Kriegsgefangenen, die in die Hände der ukrainischen Streitkräfte geraten, zeigt zudem, dass dieser einzigartige Kriegserfahrungs-Transfer auch in Länder wie China, Iran und Nordkorea gelangt.

Das wiederum deutet auf eine unvermeidliche großangelegte Reform der Streitkräfte der Russischen Föderation hin – sowohl während des Krieges als auch möglicherweise in der Nachkriegszeit.

Unter Berücksichtigung der Trends der wissenschaftlich-technischen Entwicklung in modernen Kampfhandlungen und der Vervollständigung einer grundlegend neuen Kriegsdoktrin wird eine solche Reform voraussichtlich bis spätestens 2030 abgeschlossen sein. Dann werden die russischen Streitkräfte Roboter, autonome Systeme und künstliche Intelligenz umfassen, vereint durch Erfahrung und bereits ausgearbeitete Doktrinen.

Vor allem aber werden sie in der Lage sein, ihre neuen Fähigkeiten auf das erforderliche Niveau zu skalieren. Das wird ein neues Wettrüsten um die Kontrolle über das globale Sicherheitssystem sein.

Schon heute lässt sich leicht vorhersagen, wer an diesem neuen Wettrüsten teilnehmen wird – und es werden nicht jene sein, die sich nur vorteilhaft neu bewaffnen wollen.

All das sehe ich nicht in den Strukturen der NATO-Armeen, die – so scheint es – auf Kriege mit Armeen vorbereitet werden, die es bereits nicht mehr gibt.

Wenn man an unsere Geschichte denkt, war eine der großen Schwächen unserer früheren Führer vielleicht die Verschiebung unpopulärer Entscheidungen zugunsten kurzfristiger Popularität und das Festhalten an populistischen Versprechen.

Offensichtlich muss man, um die institutionelle Verteidigungsbereitschaft in einer Demokratie zu beschleunigen, den Dialog mit der Gesellschaft führen.

Wer diesen Dialog zuerst beginnt – die europäischen Regierungen oder die russische Armee – hängt allein von uns und unseren Partnern ab.

Nur durch gemeinsame Arbeit wird die Ukraine in der Lage sein, nicht nur ihr Leid, sondern auch ihre einzigartige Kriegserfahrung zu teilen – eine Erfahrung, die den EU-Staaten helfen wird, ihre Verteidigungsstrategien rascher zu verbessern, und zwar nicht nur im Bereich der Verteidigungsindustrie-Kooperation.

Der Fall der Generäle | Vitaly Portnikov. 23.01.25.

Am 22. Juli 1941 wurde auf dem Moskauer Exekutionsgelände Kommunarka der ehemalige Befehlshaber der Westfront der Roten Armee, General Dmitri Pawlow, Held der Sowjetunion und einer der bekanntesten russischen sowjetischen Militärs der frühen Jahre des Zweiten Weltkriegs, erschossen.

Zusammen mit ihm wurden noch einige weitere Generäle erschossen, die des Hochverrats und unzureichender Truppenvorbereitung beschuldigt wurden.

General Dmitri Pawlow war nicht der erste sowjetische Militär, der von Stalin erschossen wurde. Vorher, einige Jahre vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, wurden mehrere Marschälle der Sowjetunion gleichzeitig erschossen.

Zum Zeitpunkt der Erschießung Pawlows befand sich der Chef der sowjetischen Luftwaffe, der zweifache Held der Sowjetunion, General Jakow Smuschkewitsch, der später zusammen mit einigen weiteren Führern der Luftstreitkräfte der Roten Armee erschossen werden sollte, in einer sowjetischer Gefängnis.

Die Erschießung von General Dmitri Pawlow wurde jedoch gerade deshalb zum Lehrbuchbeispiel, weil er der unzureichenden Vorbereitung der Truppen zum Zeitpunkt des Einmarsches der deutschen Armee in das Gebiet der Sowjetunion beschuldigt wurde. Pawlow wurde erst im Juli 1957 rehabilitiert, als das Militärkollegium des Obersten Gerichts der Sowjetunion das entsprechende Urteil fällte.

Sein Fall bleibt jedoch bis heute ein wichtiger Punkt, der aus Sicht der damaligen sowjetischen politischen Führung die Verantwortung für die Ereignisse der ersten Tage des Zweiten Weltkriegs auf dem Gebiet der Sowjetunion von dem Generalsekretär der KPdSU, Josef Stalin, und anderen Mitgliedern des bolschewistischen Politbüros verdecken sollte.

Denn es sei daran erinnert, dass Stalin bis zum letzten Tag vor dem Angriff des nationalsozialistischen Deutschlands, trotz der Meldungen der entsprechenden Geheimdienste der Sowjetunion, der Befürchtungen des Militärs und der Situationsanalyse durch Diplomaten und Geheimdienstler, die im Dritten Reich arbeiteten, nicht an die Möglichkeit eines Angriffs durch Adolf Hitler glaubte und der Meinung war, dass der sogenannte Nichtangriffspakt, der von den sowjetischen und deutschen Außenministern Wjatscheslaw Molotow und Joachim von Ribbentrop unterzeichnet worden war, der Sowjetunion ein friedliches Leben in einer Situation garantierte, in der sich das nationalsozialistische Deutschland in einer Konfrontation mit den demokratischen Ländern befand.

Stalins Entscheidung war offensichtlich falsch, und seine Vorkriegspolitk scheiterte, obwohl es bis heute solche gibt, die der Meinung sind, dass die Entscheidung des zukünftigen Generalissimus der Sowjetunion, sich mit Hitler zu einigen, den Interessen der UdSSR entsprach.

In einem totalitären Land trug Stalin natürlich keine Verantwortung für seine absurde und falsche Politik vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. In demokratischen Ländern ist das anders. Dort werden entsprechende Kommissionen gebildet, dort wird die Verantwortung der politischen und militärischen Führung hinterfragt, und das kann vielen, selbst erfahrenen und angesehenen Politikern, die Karriere und die politische Zukunft kosten. So geschah es beispielsweise mit der legendären israelischen Ministerpräsidentin Golda Meir und anderen Vertretern der israelischen politischen und militärischen Führung ihrer Zeit. Wir sehen jetzt, wie im selben Israel hochrangige Militärführer zurücktreten, die die Verantwortung für die Ereignisse vom 7. Oktober 2023 übernehmen.

Wenn jedoch während des Krieges Militärs verhaftet werden, wie wir es jetzt in der Ukraine beobachten, wenn es um den ehemaligen Kommandeur der Territorialverteidigungstruppen, General Jurij Galuschkin, den ehemaligen Kommandeur der 125. separaten Brigade, General Artur Gorbenko, und den Kommandeur des 4. Bataillons der 415. Schützenbrigade der 23. separaten mechanisierten Brigade, Oberst Ilja Lapin, geht. Und wenn dann das staatliche Ermittlungsbüro den Militärs die unzureichende Organisation ihrer eigenen Arbeit vorwirft, so als ob der Ermittler besser wüsste, wie ein Militär in einer kritischen Situation handeln sollte, als ein General oder Oberst, dann können auch darin Anzeichen des Wunsches gefunden werden, die Verantwortung von der politischen und möglicherweise höchsten militärischen Führung des Landes vor Beginn des Krieges abzuwenden.

Dies ist absolut nicht charakteristisch für einen demokratischen Staat und ist ein klares und offensichtliches Zeichen autoritärer Tendenzen in unserem Leben. Ich habe jetzt ein historisches Beispiel genannt, das niemand je widerlegen kann.

Es ist ganz offensichtlich, dass die Politik vor 2022, die auf die Suche nach Vereinbarungen mit Putin ausgerichtet war, die einfach nicht erreicht werden konnten, und darauf wies die Erfahrung der vorherigen ukrainischen Führung hin, am 24. Februar 2022 scheiterte. Ich möchte noch einmal betonen, dass nicht die Armee, sondern die politische Führung des Landes und diejenigen, die für diese Führung gestimmt haben, in der Hoffnung auf die Möglichkeit von Vereinbarungen mit dem Kreml, scheiterten. Man kann daher nicht von einem persönlichen Scheitern des ukrainischen Präsidenten oder seines Umfelds sprechen.

In demokratischen Ländern scheitert die Gesellschaft selbst. So war es auch beim Scheitern der ukrainischen Gesellschaft am 24. Februar 2022. Die Verantwortung für das Scheitern der politischen Führung des Landes und der Gesellschaft selbst auf die Militärs zu übertragen, ist eine undankbare Aufgabe.

Am offensichtlichsten wäre es, das Ende des großen russisch-ukrainischen Krieges, zumindest seiner heißen Phase, abzuwarten. Und wenn dies geschieht, wann immer es auch geschieht, denn wir wissen nicht, wie viele Monate oder sogar Jahre diese heiße Phase noch dauern wird, dann soll im neuen ukrainischen Parlament eine Kommission gebildet werden, die sich ernsthaft mit der Suche nach den Ursachen für das Geschehen am 24. Februar befasst. Sie würde eine klare politische Bewertung der Handlungen der obersten Führung des Landes und auch der obersten Führung der Streitkräfte abgeben. Zu dieser Kommission sollten dann angesehene, unparteiische Spezialisten gehören, die keiner politischen Partei angehören und unabhängig von der politischen Führung des Landes sind, die nach den nächsten Präsidenten- und Parlamentswahlen gebildet wird.

Wenn man jedoch versucht, während des Krieges Schuldige zu finden, wird dies natürlich neue Möglichkeiten der Spaltung zwischen Staat und Bürgern, zwischen Staat und Militär schaffen und so dem Präsidenten der Russischen Föderation, Wladimir Putin, dem russischen Volk und der auf die Vernichtung der ukrainischen Staatlichkeit ausgerichteten russischen Gesellschaft ihre Aufgabe des Erfolgs in einem langjährigen Abnutzungskrieg erleichtern, der im russischen politischen Kalender für die 20er Jahre dieses Jahrhunderts und möglicherweise darüber hinaus geplant ist.

Man darf dem Feind, der bereit ist, euch zu vernichten, nicht die Aufgabe erleichtern. Man muss sich vereinen und sich daran erinnern, dass die demokratischen Grundlagen des Überlebens der ukrainischen Gesellschaft die Hoffnung auf ein Überleben dieses historischen kalten Winters und eine Rückkehr in die Zeit schaffen, in der wir den ukrainischen Staat aufbauen und nicht um sein Überleben im Kampf gegen das räuberische Russland kämpfen müssen.

Dort in Bachmut (ein Weihnachtslied für die Streitkräfte der Ukraine)./ Там во Бахмуті (колядка для ЗСУ).

Dort in Bachmut,

wo Kugeln sangen, 

wo viele Kämpfern

zu Boden sanken… 

Ganz still wird’s plötzlich, |  

Ein Lied erschallt jetzt:   |  

Christus ist geboren!       |  

Lasset uns ihn loben!       | (2)  

Die Nacht in Donezk,

eine Grabenkerze flackert,

zum Trotz den Feinden,

die Wut entfachen.

Soldaten stehen,            |  

Koljadka singen:            |  

Christus ist geboren!       |  

Lasset uns ihn loben!       | (2)  

Am Feld von Huljaj Pole  

der Tisch gedeckt,

ein Stern am Himmel

die Nacht erweckt.

Der Wind durch die Steppe |

führt Krippenspiele: |

Christus ist geboren! |

Lasset uns ihn loben!       | (2)  

In der Stadt Mariens

ein Strahl der Hoffnung

ragt über Asow

zum Himmel auf.

Dort wird man warten,       |  

leise sie singen:            |  

Christus ist geboren!       |  

Lasset uns ihn loben!       | (2)  

Am Schloss von Lwiw,

auf Lytschakiv’s Ruhm,

fand tapfres Heer

den letzten Frieden.

Doch zu den Helden          |  

tragen wir Lieder:          |  

Christus ist geboren!       |  

Lasset uns ihn loben!       | (2)  

Im alten Rom,

kommt Petryk aus Krim,

feiert mit allen

das Weihnachtsbeginn.

Julja aus Luhansk,          |  

Nastja aus Berdjansk:       |  

Christus ist geboren!       |  

Lasset uns ihn loben!       | (2)  

In Ternopil,

klein Olesja wartet

auf ihren Vater,

der Schutz uns bietet.

Händchen gefaltet,          |  

Tränen verwischt sie:       |  

Christus ist geboren!       |  

Lasset uns ihn loben!       | (2)  

Ganz Ukraine,

vereinte Familie,

mit den Soldaten,

dem TDF.

Unter dem Zeichen           |  

streben wir zum Sieg:       |  

Christus ist geboren!       |  

Lasset uns ihn loben!       | (2)  


Там во Бахмуті,

Де стріли чути,

Де стільки цвіту

Вже полягло…

Враз тихо стало     |

І залунало:         |

Христос Родився!    |

Славімо Його!       | (2)

Донецька нічка,

Окопна свічка,

І ворогам всім

Лютим на зло, –

Стали солдати       |

Колядувати:         |

Христос Родився!    |

Славімо Його!       | (2)

Під Гуляй Полем

Кутя на столі,

Звіздою небо

Там зацвіло,

Вітер у степу       |

Водить вертепи:     |

Христос Родився!    |

Славімо Його!       | (2)

В місті Марії

Промінь надії

Десь над Азовом

В небо звело,

Там нас чекають,    |

Тихо співають:      |

Христос Родився!    |

Славімо Його!       | (2)

Під замком львівським,

На Личаківськім,

Лицарів військо

Спокій знайшло…

Ми ж до Героїв      |

Із колядою:         |

Христос Родився!    |

Славімо Його!       | (2)

В древньому Римі

Петрик із Криму

Разом зі світом

Славить Різдво!

Юля з Луганська,    |

Настя з Бердянська: |

Христос Родився!    |

Славімо Його!       | (2)

А в Тернополі

Маленька Оля

З фронту чекає

Татка свого.

Ручки складає,      |

Слізки втирає:      |

Христос Родився!    |

Славімо Його!       | (2)

Наша родина –

Вся Україна,

І Збройні сили,

І ТРО,

Під Божим стягом    |

Йдем до звитяги!    |

Христос Родився!    |

Славімо Його!       | (2)