09. Mai. Vitaly Portnikov. 09.05.2026.

9 мая. Віталій Портников. 09.05.2026.

Mit seinen Bemühungen, einen Waffenstillstand zur Durchführung der Parade auf dem Roten Platz zu erreichen, hat Putin unsere Aufmerksamkeit erneut auf einen Feiertag gelenkt, den wir allmählich zu vergessen begonnen hatten – obwohl gerade er vor Beginn des großen russischen Krieges gegen die Ukraine jener Tag zu sein schien, der Russen und Ukrainer über Staatsgrenzen hinweg vereinen sollte. Und darüber hinaus die Ukrainer der „großen Ukraine“ und Galiziens voneinander trennen sollte, denn „bei uns hier“ – das waren die Sowjetunion, die Rote Armee, der gemeinsame Feind und Stalin, während „bei ihnen dort“ – die UPA und Bandera waren.

All das war eine große Mystifikation – angefangen bei der Geschichte des Krieges bis hin zum Datum seines letzten Tages. Es ist kein Geheimnis, dass Stalin den 9. Mai einfach „erfunden“ hat, um den 8. Mai nicht gemeinsam mit den Alliierten zu feiern. Denn beide Kapitulationen des Reiches – die echte, die in Frankreich unterzeichnet wurde, und die von Stalin aufgezwungene zweite, die in Deutschland unterzeichnet wurde – traten am 8. Mai um 23:01 Uhr mitteleuropäischer Zeit – Ortszeit in Berlin – in Kraft. Dass die zweite Zeremonie beendet wurde, als in Moskau bereits der neunte Tag angebrochen war, konnte am Datum des Ereignisses selbst nichts ändern – aber Stalin, der große Fälscher, schenkte dem keine Aufmerksamkeit. Und der 9. Mai wurde außerdem gebraucht, damit die Sowjetunion ihre eigenen Kriegsdaten hatte, die sich von den weltweiten unterschieden, denn nur so konnte man das faktische Bündnis zwischen der UdSSR und dem Reich in den ersten beiden Kriegsjahren verschleiern – ein Bündnis, das es natürlich weder bei Großbritannien noch bei den Vereinigten Staaten gab.

Es ist auch kein Geheimnis, dass Stalin einfach Angst hatte, den Tag des Sieges zu feiern: 1945 führte er zwar eine Parade durch, machte den 9. Mai aber nicht einmal zu einem arbeitsfreien Tag. Diese Angst war verständlich: Am ersten Tag des Friedens bekamen die sowjetischen Bürger die Möglichkeit, sich umzusehen und zu begreifen, in welchem Schrecken sie sich befanden. Überall Ruinen, Dutzende Millionen Tote, Millionen im Gulag, Hunger, Hunderttausende Kriegsversehrte auf den Straßen, zerstörte Städte, Dörfer ohne Männer … Und dazu imperialer Hochmut, verstärkte Repressionen, Vorbereitungen auf einen neuen Krieg. In einem Staat, der sich später stolz als Hauptsieger des Krieges präsentieren würde, gab es schlicht nichts zu feiern. Die erste Parade nach 1945 wagte erst 20 Jahre später Leonid Breschnew durchzuführen, der den 9. Mai auch zum Feiertag machte. Das Interesse des Staates am Kult des Sieges verstärkte sich mit jedem Jahr, in dem die echten Kriegsveteranen verschwanden. Aber meine Generation hat sie noch erlebt – nein, nicht die pathetischen Politoffiziere und Offiziere des SMERSch, die weniger gegen die Hitleristen kämpften als gegen die eigenen Landsleute, sondern jene, die den ganzen Krieg durchgemacht hatten und sich nicht daran erinnern wollten, weil er für den Soldaten eine echte Hölle gewesen war, dazu noch die Hölle der Gleichgültigkeit gegenüber seinem eigenen Leben.

Seit meiner Kindheit erinnere ich mich daran, wie der Cousin meiner Großmutter, ein Mathematikprofessor, der direkt von der Studentenbank an die Front gekommen war und den ganzen Krieg durchgemacht hatte, buchstäblich in Wut geriet, wenn er das damals populäre Lied des russischen Barden Bulat Okudzhava hörte, dessen Hauptzeile lautete, dass wir nur einen Sieg brauchen, einen für alle, und „wir nicht auf den Preis schauen werden“. Er fragte die anderen: Wie kann man „nicht auf den Preis schauen“? Wie? Und natürlich konnte er vor seinem inneren Auge seine Klassenkameraden und Kommilitonen sehen, von denen fast niemand aus dem Krieg zurückkehrte. Okudzhavas Lied wurde von Schauspielern gesungen, die Kriegsveteranen im Film Belorussischer Bahnhof spielten. Und ich verstand ganz genau, dass echte Veteranen so etwas nicht singen würden.

Putins grotesker Mythos – das berüchtigte „Pobjedobesije“ ( Siegeswahn)– entstand 2005, zum 60. Jahrestag des Kriegsendes, als von den Kriegsteilnehmern fast niemand mehr übrig geblieben war, denn die Soldaten des letzten Einberufungsjahrgangs, 1927, waren damals bereits fast 80 Jahre alt. Putins Krieg hat nichts zu tun, nicht nur mit dem wirklichen Zweiten Weltkrieg, sondern nicht einmal mit dem Krieg Chruschtschows und Breschnews, die zwar Politfunktionäre waren, aber dennoch die echte Front und den Tod gesehen hatten. Putins Mythos ist ein Maskenball, die Vorbereitung auf neue Kriege und der Versuch, die Nachbarländer in einen Raum gemeinsamer Verlusterfahrungen hineinzuziehen.

Deshalb beunruhigte mich die Bereitschaft der Ukrainer so sehr, freiwillige Teilnehmer dieser Vorstellung zu werden, die sich vor unseren Augen von einer sowjetischen in eine offen chauvinistische verwandelte. Erinnern Sie sich daran, wie sich die ukrainische Gesellschaft dem 8. Mai widersetzte und den 9. Mai verteidigte, wie die Verwaltungen von Leonid Kutschma und Viktor Janukowytsch den sowjetischen Kanon pflegten, und wie die Versuche von Viktor Juschtschenko, wenigstens eine Versöhnung zwischen den Ukrainern selbst zu erreichen, die während des Krieges natürlicherweise in verschiedenen Armeen gelandet waren, auf Widerstand stießen – weil vielen Bewohnern der ehemaligen Ukrainischen SSR schien, der Präsident greife das Heilige an, Unabhängigkeit hin oder her, aber wie sollten wir ohne den 9. Mai leben.

Es tut weh zu denken, dass das ukrainische Volk für seine Genesung vom Dunkel russischer Fälschungen und Mythen einen so hohen Preis bezahlt. Es ist unerträglich zu begreifen, dass wir ohne die Annexion der Krim, ohne den Krieg im Donbas, ohne diesen großen Krieg noch jahrzehntelang in diesem sowjetischen Dreck herumgewatet wären – vielleicht sogar ohne besondere Chancen, jemals in saubere Gewässer hinauszugelangen.

Aber nun ist es eben so. Und jetzt werden wir am 8. Mai verstehen, dass unbestraftes Böse – und die Sowjetunion, dieses Pseudonym des chauvinistischen Russlands, war eben solches unbestraftes Böse – zwangsläufig in all seiner Aggressivität zurückkehrt, sobald die Erinnerung an die Opfer des Krieges abstumpft. Und wenn man aus dieser Lehre wenigstens jetzt keine Schlussfolgerung zieht, werden sich Kriege auf unseren „Bloodlands“ noch mehr als einmal wiederholen.


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Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: 9 мая. Віталій Портников. 09.05.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 09.05.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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