Buchartschyk. Vitaly Portnikov. 19.07.2026.

Бухарчик. Віталій Портников. 19.07.2026.

Während meiner Schulzeit fand ich zufällig in der Bibliothek eines Freundes eine noch vor dem Krieg erschienene Ausgabe der Kleinen Sowjetischen Enzyklopädie. Mich interessierte, dass man darin Biografien sowjetischer Führungspersönlichkeiten lesen konnte, über die in den offiziellen Quellen nicht berichtet wurde. Und aus irgendeinem Grund blieb mir die Biografie des Mitglieds des Politbüros des ZK der WKP(B), Nikolai Bucharin, im Gedächtnis – einfach deshalb, weil sie nicht im für die letzten Jahrzehnte der Sowjetunion typischen bürokratischen „Kanzleistil“, sondern in normaler menschlicher Sprache geschrieben war. Der Autor des Enzyklopädieartikels nannte Bucharin den „Liebling der Partei“, einen in jeder Hinsicht einfachen und zugänglichen Menschen – von philosophischen Diskussionen bis zum Spiel mit den „Gorodki“.

Die Enzyklopädie wurde in jener kurzen Zeit veröffentlicht, als Stalin mit Hilfe seines damaligen Verbündeten Bucharin bereits mit der sogenannten „linken Opposition“ der Lenin-Gefährten Trotzki, Sinowjew und Kamenew abgerechnet hatte, Bucharin selbst jedoch noch nicht beseitigt hatte. Bucharin erschien als Anhänger eines weitaus „menschlicheren“ Bolschewismus als seine Gegner – nicht umsonst hatte er die Losung „Bereichert euch!“ ausgegeben, die sich vor allem an die Bauern richtete. Doch die Ironie des Schicksals wollte es, dass Stalin Bucharin benutzte, um mit den Anhängern der orthodoxen Auffassung vom Sozialismus abzurechnen, nur um anschließend genau deren politisches Programm umzusetzen – mit Industrialisierung, Kollektivierung und als Folge Repressionen und Hungersnot.

Vor dem Hintergrund dieser Politik und ihrer schrecklichen Folgen konnte Bucharin, der am 15. März 1938 auf dem Schießplatz Kommunarka bei Moskau erschossen wurde, umso mehr als attraktive Persönlichkeit erscheinen. Stalin selbst erinnerte sich in all den Jahren nach seiner Liquidierung immer wieder an ihn und nannte ihn liebevoll „Buchartschyk“, wie in den Zeiten ihrer Freundschaft und Zusammenarbeit. Ich hatte jedoch außer dem Enzyklopädieartikel und den Texten aus der Zeit der Perestroika (einige davon habe ich, wie ich glaube, selbst geschrieben) noch eine kleine Broschüre mit dem stenografischen Protokoll des ersten und zugleich letzten Sitzungstages der Russischen Konstituierenden Versammlung vom 15. Januar 1918.

Dort war Bucharin der Führer der bolschewistischen Fraktion, die in diesem Parlament in der Minderheit war, die jedoch nicht die Absicht hatte, die eroberte Macht wieder abzugeben. „Mögen die herrschenden Klassen und ihre Handlanger vor der kommunistischen Revolution erzittern!“, rief Bucharin. Nach seiner Rede verließen die Bolschewiki den Sitzungssaal und jagten die Konstituierende Versammlung auseinander. Der Bürgerkrieg begann.

Gerade deshalb löste das Bild Bucharins – des großartigen Menschen und Reformers – bei mir keinerlei Bewunderung mehr aus, und seine Erschießung am 15. März 1938 erscheint mir als folgerichtiger Abschluss seines Lebenswegs. Wenn man beginnt, einen Drachen zu füttern, muss man darauf vorbereitet sein, dass dieser Drache einen irgendwann selbst frisst. Doch leider waren die Drachenfütterer in der gesamten Menschheitsgeschichte stets überzeugt, dass der Drache jemand anderen verschlingen werde – nur nicht sie selbst. Und fast immer haben sie sich verrechnet.

Die Gefahr der bolschewistischen Diktatur bestand nicht nur darin, dass sie eine groteske Ideologie aufzwang, die das Privateigentum abschaffte und dem Menschen selbst elementare Freiheiten verweigerte. Gefährlich war sie vor allem deshalb, weil sie keinerlei Meinungsvielfalt anerkannte und vom Bürger die vollständige Zustimmung zu den Ideen des Führers verlangte. Sogar die Partei der „Diener des Volkes“ – die bolschewistische Partei – war von Lenin nach dem Prinzip des „demokratischen Zentralismus“ aufgebaut worden, das heißt nach dem Prinzip der vollständigen Unterordnung der einfachen Mitglieder und der örtlichen Organisationen unter die Entscheidungen der zentralen Führung – ohne jede Diskussion und ohne jeden Zweifel. Deshalb war die Redewendung, man müsse „mit der Parteilinie mitschwanken“, keine spöttische Beschreibung des Opportunismus, sondern eine Überlebensstrategie.

Das Paradoxe an der Situation war, dass die Menschen, die die bolschewistische Partei geschaffen hatten, unter anderen politischen Bedingungen herangewachsen waren als jenen, die sie anderen aufzwingen wollten. Deshalb waren sie bereit, Schweigen und Gehorsam anderen aufzuzwingen – aber nicht sich selbst. Sinowjew, Kamenew, Bucharin und andere hofften, auch dann noch Gehör zu finden, als bereits ein neuer Führer aufgetreten war und ihre Aufgabe nur noch darin bestand, dessen Befehle auszuführen. Doch die Delegierten jenes Parteitags, auf dem all diese Menschen tatsächlich Reue zeigten und Stalin priesen (des XVII. Parteitags der WKP(B) im Jahr 1934, des sogenannten „Parteitags der Sieger“), wurden später vom Diktator fast vollständig erschossen. Bucharin fasste in seiner Rede mit publizistischer Offenheit dieses kollektive Schuldbekenntnis der gestrigen Gegner des Diktators zusammen: „Die Pflicht jedes Parteimitglieds besteht darin, sich um Genossen Stalin zu scharen als die personifizierte Verkörperung von Vernunft und Willen der Partei.“

Von seiner Rede in der Konstituierenden Versammlung bis zu seinem Auftritt auf dem Parteitag vergingen nur sechzehn Jahre, und aus dem brillanten Journalisten und Ökonomen, dem populären Politiker und „Liebling der Partei“ war ein rechtloser Sklave geworden, der schon bald erschossen werden sollte. Aber sollte ich Mitgefühl für diesen bankrotten Theoretiker des Totalitarismus und seine Mitstreiter unter den anderen „Dienern des Volkes“ jener Zeit empfinden?

Denn all diese Menschen, Opfer von Repression und Terror, bereiteten für alle anderen Sklaverei und Tod vor.

Sie wollten, dass ich für immer ein Sklave werde.


🔗 Originalquelle

Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Бухарчик. Віталій Портников. 19.07.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 19.07.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Zeitung
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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