Russland als Missbrauchstäter. Teil zwei. Kateryna Khoptynska. 11.09.2026.

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In Teil eins habe ich darüber geschrieben, dass ein Missbrauchstäter seine Rechtfertigung für die Gewalt im Voraus vorbereitet, während das Opfer erst im Nachhinein reagiert.

Doch Gewalt besteht nur selten aus einer einzigen Handlung. Sie ist ein System, in dem verschiedene Instrumente einander stützen und dem Opfer nach und nach den Halt in der eigenen Realität nehmen.

Genauso funktioniert auch der russische Informationsmissbrauch. Man kann ihn in einer Matrix aus fünf miteinander verbundenen Instrumenten darstellen.

1. Zunächst bestreitet Russland überhaupt die Existenz der Ukraine als eigenständiges Subjekt.

Die Ukraine habe es angeblich nie gegeben, die Ukrainer seien erfunden worden, die ukrainische Sprache sei nicht echt, und jede unserer Entscheidungen sei in Wirklichkeit von jemand anderem getroffen worden.

Ich würde das als ontologisches Gaslighting bezeichnen. Gewöhnliches Gaslighting bringt einen Menschen dazu, an seiner eigenen Wahrnehmung der Realität zu zweifeln. Hier aber wird die Grundlage dieser Realität selbst bestritten: deine Existenz als eigenständiges Subjekt.

„Dich gibt es nicht. Es gibt nur einen Teil von mir, der aus irgendeinem Grund beschlossen hat, eigenständig zu sein. Es gibt ein Territorium, das zufällig nicht unter meiner Kontrolle steht. Es gibt Menschen, die vergessen haben, wer sie in Wirklichkeit sind“.

Unsere natürliche Reaktion in dieser Situation besteht darin, Russland und der Welt zu beweisen, dass wir real sind, dass unsere Kultur existiert, dass wir eine eigene Geschichte haben, dass unsere Sprache eigenständig ist und so weiter. Aber Russland braucht keine Beweise für unsere Existenz. Es braucht die Diskussion darüber, ob wir überhaupt wirklich existieren.

Während wir unser Recht darauf beweisen, eigenständig zu sein, verhält Russland sich bereits so, als hätten wir dieses Recht nicht.

2. Das nächste Instrument ist die Abwertung von allem, was die Ukraine selbst hervorbringt.

Die ukrainische Kultur sei „provinziell“. Der ukrainische Staat sei ein „Halbstaat“. Die ukrainische Sprache eigne sich nicht für Wissenschaft, Stadtleben oder modernes Leben. Jegliche Errungenschaften werden entweder zum Zufall erklärt, von Russland vereinnahmt oder mit Hilfe von außen erklärt.

Man versucht nicht nur, dich davon zu überzeugen, dass du kein eigenständiger Mensch bist, sondern nimmt dir auch noch die Beweise für deine eigene Leistungsfähigkeit.

3. Anschließend versucht man, das Opfer von Unterstützung zu isolieren.

In gewöhnlichen missbräuchlichen Beziehungen werden Freunde und Verwandte, die einem Menschen helfen könnten, die Situation von außen zu betrachten, zum „schlechten Einfluss“. Angeblich bringen sie ihn gegen den Partner auf und zerstören etwas, das ohne sie wunderbar wäre.

In der russischen Variante manipuliert uns angeblich ebenfalls jeder, der die Ukraine unterstützt.

Europa benutzt uns. Die USA führen ihren Krieg mit unseren Händen. Die NATO treibt die Ukraine in einen Konflikt. Die Ukrainer können nicht von sich aus ein Bündnis mit anderen Ländern wollen – irgendjemand muss sie zwangsläufig dazu gebracht haben.

Auf diese Weise bestreitet Russland zugleich unsere Fähigkeit, eigene Entscheidungen zu treffen, und versucht, uns von jenen abzuschneiden, die uns dabei helfen, diese Entscheidungen zu verteidigen.

4. Die Verantwortung für die Gewalt wird auf das Opfer selbst abgewälzt.

„Wir waren gezwungen anzugreifen.“ Gezwungen, weil die Ukraine in die NATO wollte. Weil sie sich weigerte, in die russische Einflusssphäre zurückzukehren. Weil sie ihre eigene Sprache verteidigte. Weil sie sich weigerte, bequem zu sein. Weil sie Widerstand leistete.

In dieser Logik reagiert Russland immer nur. Es beginnt nichts, entscheidet sich für nichts und trägt für nichts Verantwortung. Die Entscheidung trifft angeblich die Ukraine. Und Russland ist wegen unserer falschen Entscheidungen lediglich „gezwungen“, zu bombardieren, zu besetzen und zu töten.

5. Und schließlich – das Markieren des Territoriums.

Dem Missbrauchstäter genügt es nicht, das Verhalten des Opfers zu kontrollieren. Ihm ist es wichtig, den Raum als seinen eigenen zu markieren.

Auf der Ebene eines Landes geht es dabei nicht nur um militärische Präsenz oder erobertes Territorium. Es geht um Straßennamen, Denkmäler, den kulturellen Kanon, die Sprache des öffentlichen Raums, Lehrpläne, Symbole und Rituale.

Sie sollen ständig daran erinnern, wessen Geschichte hier die maßgebliche ist, wessen Kultur die „große“ ist, wer das Recht hat, die Dinge zu benennen und festzulegen, was als Norm gilt.

Jedes dieser Instrumente funktioniert für sich genommen, doch hier wird all das als ein System der Einflussnahme und Kontrolle eingesetzt.

Die Leugnung der Identität nimmt dem Opfer das Recht, eigenständig zu sein. Die Abwertung überzeugt es davon, dass es ohne den Missbrauchstäter zu nichts fähig ist. Die Isolation schneidet es von Unterstützung ab. Das Abwälzen der Verantwortung macht es selbst für die Gewalt verantwortlich, die ihm angetan wird.

Das Markieren des Territoriums macht die Anwesenheit des Missbrauchstäters zu einem gewohnten Bestandteil seines eigenen Lebens.

Im Ergebnis muss Russland nicht einmal erreichen, dass die Menschen jede einzelne Behauptung glauben. Es genügt, wenn sie innerhalb des von Russland geschaffenen Koordinatensystems bleiben. Wenn sie die Ukraine immer wieder anhand der Fragen diskutieren, die Russland formuliert hat.

Und wenn das Opfer die Gewalt schließlich als Gewalt bezeichnet und beginnt, Widerstand zu leisten, setzt ein weiterer Mechanismus ein.

Aggressor und Opfer tauschen die Rollen.

Und nun wird von der Ukraine verlangt zu erklären, warum sie so wütend, undankbar und aggressiv ist.

Darum geht es im nächsten Teil

Russland als Missbrauchstäter. Teil drei.

Link zum ersten Teil


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Art der Quelle: Social Media
Titel des Originals: Росія як абʼюзер. Частина друга.
Autor: Kateryna Khoptynska
Veröffentlichung: 11.09.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Russland als Missbrauchstäter. Teil eins. Kateryna Khoptynska. 10.09.2026.

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Gewöhnlich bereitet ein Missbrauchstäter seine Rechtfertigung für die Gewalt im Voraus vor. Er tut das systematisch, über Jahre hinweg und für mehrere Zielgruppen gleichzeitig. Das Opfer hingegen reagiert erst danach.

In dem Moment, in dem die Gewalt offensichtlich wird, hat der Täter bereits eine fertige Version der Ereignisse parat: Er habe nicht angegriffen, sondern sei provoziert worden; er habe nicht kontrolliert, sondern sich gekümmert; er habe nicht gedemütigt, das Opfer sei einfach zu emotional oder hysterisch. Er habe nicht zuschlagen wollen, man habe ihn dazu gezwungen.

Und während das Opfer noch zu verstehen versucht, was überhaupt geschehen ist, erklärt der Täter bereits allen anderen, warum es selbst schuld ist.

Genau das hat Russland jahrzehntelang mit der Ukraine gemacht.

Die Geschichte von der „künstlichen Ukraine“, vom „einen Volk“, von einer „Sprache, die es nicht gibt“, von Ukrainern, die angeblich ständig von irgendjemandem getäuscht und ausgenutzt werden, entstand weder nach der großangelegten Invasion noch nach 2014. Sie wurde schon vorher vorbereitet.

Über staatliche Medien, die Schule, die Kirche, den Kulturraum und Netzwerke von Einflussagenten in anderen Ländern. Für Russen, für den Westen und für die Ukrainer selbst.

Die Ukraine hatte keine vergleichbare Maschinerie – nicht etwa, weil sie schwächer war oder weil niemand daran gedacht hätte. Wir hatten schlicht keinen Grund, der Welt jahrelang zu erklären, warum Russland nicht existiert, warum die Russen in Wirklichkeit Ukrainer sind, die von irgendjemandem getäuscht wurden, und warum wir gezwungen seien, sie „befreien“ zu gehen. Denn die Ukraine bereitete keine Aggression vor, die im Voraus hätte gerechtfertigt werden müssen.

Die meisten von uns nahmen die russischen Narrative lange Zeit überhaupt nicht ernst. Wir hörten vom „einen Volk“, und wunderten uns: Wie kann man so etwas glauben?

Wir waren nicht die Zielgruppe irgendeiner systematischen ukrainischen antirussischen Propaganda. Dafür waren wir viele Jahre lang die Zielgruppe russischer Propaganda über uns selbst, in der uns erzählt wurde, wir würden ein Anti-Russland aufbauen, wir seien irgendwie nicht richtig, mit uns stimme etwas nicht.

All das gelangte über Medien, Bücher, Filme, Lehrpläne und die Alltagssprache zu uns. Und allmählich gewöhnte es uns daran, uns selbst mit russischen Augen zu betrachten.

Als die offene Gewalt begann, gab es deshalb bereits eine fertige Erklärung für alle anderen. Russland habe nicht angegriffen, sondern sich „verteidigt“, nicht besetzt, sondern „befreit“, nicht den ukrainischen Staat zerstört, sondern einen „historischen Fehler korrigiert“, nicht Ukrainer getötet, sondern „die eigenen Leute gerettet“.

Die Ukraine war gezwungen, erst nach dem Angriff zu beweisen, dass sie überhaupt existiert. Dass sie eine eigene Geschichte hat. Eine eigene Sprache. Eigene Interessen. Ein eigenes Recht, darüber zu entscheiden, mit wem sie zusammen sein und welchen Weg sie einschlagen will.

Und hier setzt ein geschlossenes System ein, aus dem man nur sehr schwer ausbrechen kann. Wenn das Opfer schreit, ist das der Beweis dafür, dass es hysterisch und aggressiv ist. Wenn es schweigt, bedeutet das, dass nichts Schlimmes geschehen ist.

  • Wenn sich die Ukraine empört, ist das „Russophobie“.
  • Wenn sie sich von der russischen Sprache und Kultur abwendet, ist das „aggressiver Nationalismus“.
  • Wenn sie Schutz sucht, ist das eine „Bedrohung für Russland“.
  • Wenn sie Widerstand leistet, bedeutet das, dass gerade sie keinen Frieden will.

Jede Reaktion des Opfers wird als neuer Beleg für die Version des Täters benutzt.

Genau deshalb wird von außen so häufig nicht über die russische Gewalt selbst diskutiert, sondern darüber, wie die Ukraine darauf reagiert. Ob wir ruhig genug sind. Ob wir dankbar genug sind. Ob wir nicht zu wütend sind. Ob wir uns richtig ausdrücken. Ob wir nicht zu viel verlangen. Ob wir nicht allzu kategorisch alles Russische ablehnen. Ob wir nicht zurückhaltender, nachgiebiger und bequemer sein sollten.

Diese Verschiebung der Aufmerksamkeit ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis dessen, dass Russland über Jahre hinweg den Boden bereitet und im Voraus den Rahmen festgelegt hat, in dem die Welt seine Gewalt später wahrnehmen würde.

In diesem Rahmen erscheint die russische Aggression als erzwungene Reaktion auf die Handlungen anderer. Und die ukrainische Reaktion auf die Aggression erscheint als eigenständiges Problem, das bewertet, begrenzt und korrigiert werden müsse.

Die russische Propaganda muss keineswegs alle davon überzeugen, dass Russland im Recht ist. Es genügt ihr, dafür zu sorgen, dass die Welt statt über die Frage „Was tut Russland der Ukraine an?“ über die Frage „Reagiert die Ukraine richtig darauf?“ diskutiert.

Genau so funktioniert Missbrauch auch in gewöhnlichen Beziehungen. Der Täter muss keineswegs allen beweisen, dass das Opfer schuld ist. Es reicht, dafür zu sorgen, dass seine Worte Zweifel hervorrufen, seine Reaktionen übertrieben erscheinen und sein Verhalten stärker diskutiert wird als die Gewalt, die ihm angetan wird.

Ein Land ist natürlich kein Mensch. Aber Systeme von Macht, Kontrolle und Gewalt reproduzieren dieselben Mechanismen. Zunächst zwingt der Täter allen seine Version des Opfers auf. Dann übt er Gewalt aus. Und wenn das Opfer beginnt, sich zu verteidigen, benutzt er dessen Widerstand als Beweis dafür, dass gerade das Opfer von Anfang an das Problem gewesen sei.

Und all das beginnt nicht erst mit der Gewalt selbst. Es beginnt damit, das Opfer und alle anderen davon zu überzeugen, dass es kein Recht hat, eigenständig zu sein. Dass es in Wirklichkeit gar nicht existiert.

Aber darum geht es im nächsten Teil.

Russland als Missbrauchstäter. Teil zwei.

Russland als Missbrauchstäter. Teil drei.


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Art der Quelle: Social Media
Titel des Originals: Росія як абʼюзер. Частина перша. 10.09.2026.
Autor: Kateryna Khoptynska.
Veröffentlichung: 10.09.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: Facebook
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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Die Ukraine bereitet sich auf Verhandlungen vor | Vitaly Portnikov. 12.09.2026.

Der Leiter des Büros des Präsidenten der Ukraine, Kyrylo Budanow, sagt, dass Kyiv sich bereits für Oktober dieses Jahres auf Verhandlungen mit den Russen vorbereitet.

Budanow sagte nicht, wo genau diese Verhandlungen stattfinden könnten, bestätigte jedoch, dass wir es mit einem trilateralen Format zu tun haben werden, bei dem eine amerikanische Delegation die Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine über ein mögliches Ende des russisch-ukrainischen Krieges begleiten wird.

Sollten die Verhandlungen tatsächlich stattfinden, wäre dies das wichtigste Ergebnis der Reise der Sondergesandten des Präsidenten der Vereinigten Staaten, Steve Witkoff und Jared Kushner, in die russische und die ukrainische Hauptstadt. Dabei sollte man jedoch nicht vergessen, dass Verhandlungen während laufender Kampfhandlungen keineswegs zwangsläufig zu einer konkreten Entscheidung führen müssen, die diese Kampfhandlungen zum Stillstand bringen würde. Im Gegenteil: Sie können von Russlands Präsident Putin dazu genutzt werden, den russisch-ukrainischen Krieg fortzusetzen.

Man sollte auch bedenken, dass die Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine in Anwesenheit amerikanischer Vermittler vor den Zwischenwahlen in den Vereinigten Staaten stattfinden werden – Wahlen, die über das Schicksal von Präsident Donald Trump entscheiden können, was seine Möglichkeiten betrifft, in den kommenden Jahren seiner Amtszeit als Präsident der Vereinigten Staaten Entscheidungen durchzusetzen, die für ihn und sein Team von grundlegender Bedeutung sind.

Und so kann Putin bereits die bloße Tatsache, dass Verhandlungen über ein Ende des Krieges stattfinden, als ein echtes politisches Geschenk an Donald Trump betrachten. Das tatsächliche Ende des Krieges dagegen muss keineswegs zu den Plänen des russischen Staatschefs gehören.

Das lässt sich im Grunde auch an der Reaktion russischer Funktionäre auf einen weiteren Vorschlag des ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky für ein Treffen mit Putin erkennen. Der ukrainische Präsident, der bereits mehrfach vorgeschlagen hatte, sich mit seinem russischen Amtskollegen zu treffen, und jedes Mal nicht einfach nur eine Absage, sondern den Vorschlag erhielt, nach Moskau zu kommen, ist nun erneut auf genau diese Reaktion gestoßen.

Zelensky schlug vor, ein Treffen zwischen ihm und Putin während des G20-Gipfels in Miami abzuhalten, obwohl bislang nicht bekannt ist, ob der russische Präsident überhaupt in die Vereinigten Staaten fliegen wird, um an einem solchen Format teilzunehmen. Doch im Kreml betonte man sofort – ohne auch nur zu erklären, ob Putin überhaupt bereit ist, am G20-Format teilzunehmen –, dass bereits der Vorschlag an Zelensky, nach Moskau zu kommen, ein gewaltiges Zeichen der Kompromissbereitschaft seitens der russischen politischen Führung sei.

Das sagte unter anderem der Leiter des russischen Außenministeriums, Sergej Lawrow, der für seine propagandistischen Antworten auf jegliche politischen Vorschläge aus Kyiv bekannt ist. Die gleiche Antwort gab auch der Pressesprecher des russischen Präsidenten, Dmitri Peskow, dem ukrainischen Präsidenten.

Nun, und wir verstehen sehr gut, dass niemand im Kreml die Möglichkeit eines Treffens zwischen den Präsidenten der Ukraine und der Russischen Föderation in Moskau als etwas Reales betrachtet. Wenn man in der russischen Hauptstadt davon spricht, dass Zelensky nach Moskau kommen müsse, dann meint man damit in erster Linie eine Kapitulation der Ukraine zu russischen Bedingungen und wünscht, dass diese Kapitulation gerade in der russischen Hauptstadt stattfindet.

Man sollte aber nicht glauben, dass Putin, Lawrow und Peskow nicht begreifen, dass Zelensky nicht nach Moskau fahren wird. Und man sollte nicht glauben, dass sie diese Bedingung in der Hoffnung stellen, dass ein Treffen zwischen den Präsidenten der Ukraine und der Russischen Föderation in Moskau tatsächlich stattfinden wird. Nein, sie sind gerade an einem solchen Treffen überhaupt nicht interessiert. Das ist der wichtigste Punkt, den man erwähnen muss, wenn wir über ihre Haltung zu einem solchen Dialog sprechen.

Wir wissen natürlich nicht, was Zelensky meint, wenn er von einem Treffen mit Putin spricht: ob er sich tatsächlich immer noch mit dem russischen Präsidenten treffen möchte und darauf hofft, dass ein solches Treffen den Krieg beenden könnte, oder ob er eine solche Initiative vorbringt, damit der Präsident der Vereinigten Staaten Donald Trump und unsere europäischen Partner die Friedfertigkeit der ukrainischen Führung und des ukrainischen Staates sowie unsere Bereitschaft zu Verhandlungen mit Russland sehen.

Doch das Wichtigste sind nicht Zelenskys Motive, sondern Putins Motive. Und Putin hat, wie wir sehen, nicht vor, sich mit seinem ukrainischen Amtskollegen zu treffen, und hatte dies, wie mir scheint, auch seit dem ersten und letzten Treffen dieser beiden Präsidenten in Paris während des gescheiterten Versuchs, das sogenannte Normandie-Format wiederzubeleben, nie vor. Und gerade die Tatsache, dass der Präsident der Russischen Föderation nicht vorhat, sich mit dem Präsidenten der Ukraine zu treffen, sondern weiterhin auf Gewalt, auf Raketen und Shaheds, auf die Jagd nach der ukrainischen Zivilbevölkerung setzt, stellt irgendwelche realen Ergebnisse jeglicher Verhandlungen zwischen Moskau und Kyiv infrage, selbst wenn diese im Oktober tatsächlich wieder aufgenommen werden.

Ja, ich bin der Ansicht, dass allein die Wiederaufnahme der Verhandlungen bis zu einem gewissen Grad ebenfalls ein diplomatischer Sieg Washingtons und Kyivs ist, weil Moskau erklärt hatte, es werde die Verhandlungen erst dann wieder aufnehmen, wenn die ukrainischen Truppen die von uns kontrollierten Gebiete der Oblaste Donezk und Luhansk verlassen hätten. Und nun sehen Sie: Sie haben doch zugestimmt, die Verhandlungen wurden wieder aufgenommen, obwohl die ukrainischen Truppen ihre Stellungen weiterhin halten. In jeder anderen Hinsicht wirkt der Verhandlungsprozess bislang jedoch wie eine Totgeburt.

Eine wirkliche Veränderung dieses Verhandlungsprozesses könnte ich nur unter einer einzigen realen Bedingung erkennen: wenn die Führung der Russischen Föderation einer Waffenruhe zustimmt – genau jener Waffenruhe, die bereits im Februar 2025 keineswegs Zelensky, sondern der Präsident der Vereinigten Staaten Donald Trump mit dem Präsidenten der Russischen Föderation zu vereinbaren versuchte. Zu Beginn seiner Zeit im Oval Office wollte Trump, dass gerade diese Waffenruhe zum Ausgangspunkt für echte russisch-ukrainische Verhandlungen wird.

Und wie wir sehen, hat Putin Trump sowohl diese Waffenruhe als auch eine Waffenruhe, die durch bestimmte Entscheidungen der Verhandlungsführer hätte vereinbart werden können, völlig kaltblütig verweigert und weiterhin darauf bestanden, dass die Verhandlungen während laufender Kampfhandlungen geführt werden – bis diese Verhandlungen schließlich tatsächlich unter diesen Bedingungen begannen. Verhandlungen, die während laufender Kampfhandlungen stattfinden, können aber nicht nur Gespräche über Frieden sein, sondern vor allem auch ein Instrument, mit dem das Land, das die Aggression begonnen hat, Druck auf das Opfer der Aggression ausübt. Und genau das geschieht im russisch-ukrainischen Verhandlungsprozess.

Und für uns ist es einfach wichtig, dass die Vereinigten Staaten, wenn wir solche Verhandlungen schon nicht verhindern können, sich nicht dem Druck auf unser Land anschließen. Und natürlich ist es ebenso wichtig, für die Russische Föderation selbst, für ihre Wirtschaft, ihre Energiewirtschaft und ihren militärisch-industriellen Komplex solche Bedingungen zu schaffen, dass bei Putin tatsächlich der Wunsch entsteht, echte Verhandlungen zwischen Moskau und Kyiv zu führen.

Aber in einer solchen Situation, denke ich, würde der russische Präsident zunächst über einen Waffenstillstand nachdenken und erst danach über Gespräche über einen umfassenden Frieden.


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Titel des Originals: Україна готується до перемовин | Віталій Портников. 12.09.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 12.09.2026.
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Hunger unter russischer Besatzung: Die Katastrophe von Oleschky. Marila Semenchenko. 11.09.2026.

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Er erzählt: „Es gibt keine Lebensmittel: kein Mehl, kein Öl, kein Getreide, keine Konserven, keinen Zucker, keinen Tee, keinen Kaffee. Keine Milch, keine Eier. Nichts. Manchmal gelingt es, ein paar Gläser Getreide einzutauschen. Oder jetzt ist es gelungen, Margarine aus dem Jahr 2021 zu kaufen, die ist also schon fünf Jahre alt. „Wir hatten hier einen Betrieb, der wurde bombardiert, später wurde er überflutet, aber der Keller blieb unversehrt. Jemand hat dort alte Margarine gefunden und sie auf den Markt gebracht … Ich habe sie aufgeschnitten – innen ist sie mehr oder weniger in Ordnung, man kann sie essen. Ich habe vorerst noch ein paar Kartoffeln und Tomaten, aber nur wenige. Zwiebeln und Karotten sind nichts geworden“.

Ich löchere ihn mit dummen Fragen über die Vorbereitungen auf den Winter. Was für Vorbereitungen auf den Winter denn, sagt er. Ich habe Kräuter getrocknet. Und was sollen wir sonst machen, wenn es nichts gibt? Die Frage ist nicht, wie wir den Winter überleben sollen, sondern wie wir den Herbst überleben sollen …

Ich frage nach Portulak: Ich habe gelesen, dass die Leute ihn kochen. Ja, sagt er, sie kochen ihn. Im Gebiet Cherson nennt man Portulak „Hladun“, weil er glatt und „fleischig“ ist. Für sich selbst kocht er noch keinen Portulak, aber für seinen Hund und sein Kätzchen. Er sagt, früher seien Rudel verwilderter, hungriger Hunde durch die Straßen von Oleschky gelaufen, die alle Katzen aufgefressen hätten, aber inzwischen gebe es fast keine mehr – sie seien verhungert. Die Hunde, die noch übrig sind, schleppen die Leichen toter Russen auseinander. Er habe gesehen, wie ein wilder Hund etwas wegschleppte, das wie ein Bein aussah.

Er erzählt, manche Menschen würden ihre Hunde vergiften, weil sie nichts hätten, womit sie sie füttern könnten, und nicht wollten, dass die Tiere leiden und verhungern.

Er sagt, dass Drohnen ständig Jagd auf Menschen machen. Viele Nachbarn und Bekannte seien auf diese Weise ums Leben gekommen – sie arbeiteten im Garten oder gingen die Straße entlang – und das war’s. Jedes Verlassen des Hauses kann das letzte sein. Selbst wenn man nur in den Garten geht. Selbst wenn man nur Wasser holen will.

Und dann sagt er plötzlich zu mir: „Weißt du, ich habe die ganze Zeit so große Lust auf Sahneeis. Ich träume sogar davon …“

Bei den Worten über das Eis haut es mich einfach völlig um.

Freunde, in Oleschky herrscht eine Katastrophe. Ich habe bereits im Frühjahr über den Hunger und die Probleme bei der Evakuierung geschrieben, inzwischen hat sich die Lage nur noch verschlimmert, und der Winter steht bevor. Die Menschen haben buchstäblich keine Lebensmittel, keine Hygieneartikel, kein Gas und keine Medikamente mehr. Die Stadt ist abgeriegelt – alles ist vermint, die Menschen werden von Drohnen angegriffen. Zuletzt wurde am 28. Mai etwas nach Oleschky gebracht (!!!). Vor einigen Tagen verbreitete sich im Internet ein Video aus russischen Kanälen, auf dem zu sehen war, wie sie mehrere Fahrzeuge angriffen, die Lebensmittel nach Oleschky brachten.

Die Menschen sind völlig ohne Ausweg und verzweifelt.

Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was man tun und wie man helfen kann. Lasst uns die Freiwilligen unterstützen, lasst uns auf internationalen Plattformen über den Hunger unter der Besatzung sprechen, lasst uns alles dafür tun, dass die Menschen in den besetzten Gebieten wissen, dass sie zu uns gehören und dass wir für sie kämpfen …

Und das hier ist das Video, das diejenigen, von denen ihr wisst, wer gemeint ist, selbst auf ihren Kanälen verbreitet haben – diese Fahrzeuge brachten Lebensmittel nach Oleschky. Sie kamen nicht an.

Und das Foto stammt von unserer letzten Fahrt nach Oleschky im Jahr 2021. Weder dieses Sofa noch dieses Haus gibt es noch.


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Autor: Marila Semenchenko
Veröffentlichung: 11.09.2026.
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Putin droht Europa mit Krieg | Vitaly Portnikov. 12.09.2026.

Der russische Präsident Putin droht vom BRICS-Gipfel in Neu-Delhi aus den europäischen Ländern mit Krieg. Er betont, dass es einer Kriegserklärung an Russland gleichkäme, wenn die europäischen Länder beschließen sollten, ihr Militärkontingent auf ukrainischem Territorium zu stationieren.

Auf den ersten Blick klingen solche Drohungen nicht besonders logisch. Derzeit gibt es in den europäischen Hauptstädten keinerlei Diskussion über die Möglichkeit, ein europäisches Friedenskontingent auf dem Territorium unseres Landes zu stationieren. Mehr noch: Selbst als solche Diskussionen tatsächlich geführt wurden, ging es vor allem darum, dass ein europäisches Friedenskontingent nach dem Ende der Kampfhandlungen zwischen Russland und der Ukraine und als Ergebnis von Friedensvereinbarungen zwischen diesen Ländern auf ukrainischem Territorium erscheinen könnte.

Derzeit gibt es weder einen wirklichen Verhandlungsprozess noch auch nur Entwürfe für ein Friedensabkommen, das Russland und die Ukraine als Ergebnis dieser Verhandlungen unterzeichnen müssten. Warum also macht sich Putin Sorgen? 

Tatsächlich aber liegt gerade in dieser Unlogik von Putins Prognosen und Drohungen eine gewisse Vorhersehbarkeit. Der russische Präsident ist offenbar zu dem Schluss gekommen, dass es gerade die europäische Hilfe für die Ukraine ist, die ihn daran hindert, unser Land zu erobern. Und darüber habe ich wiederholt gesprochen. 2025 konnte man im Kreml noch darauf hoffen, dass Donald Trumps Sieg bei den Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten Kyiv dazu zwingen würde, über die Unvermeidlichkeit einer Kapitulation vor Russland nachzudenken.

Das noch während der Präsidentschaft Joseph Bidens für die Ukraine beschlossene Hilfspaket sollte auslaufen. Der neue Präsident hatte nicht vor, ein solches Hilfspaket bereitzustellen, und mehr noch: Er kritisierte den Ansatz seines Vorgängers hinsichtlich der weiteren Unterstützung der Ukraine bei ihrem Widerstand gegen die russische Aggression. Damit sollten die Möglichkeiten der Ukraine schwinden und die Russlands wachsen.

Doch mit der Zeit überzeugte man sich im Kreml davon, dass die europäische Hilfe es der Ukraine ermöglicht, der fortgesetzten russischen Aggression wirksam zu widerstehen und sogar die wirtschaftlichen Ressourcen der Russischen Föderation selbst zu zerstören. Schließlich äußert Putin seine Drohungen vor dem Hintergrund neuer Brände in russischen Ölraffinerien und der Zerstörung russischer Online-Marktplätze. Und mit jedem weiteren Kriegstag werden die wirtschaftlichen Verluste Russlands wachsen.

Damit muss gerade die europäische Hilfe dem russischen Präsidenten als das Haupthindernis für die Zerstörung der ukrainischen Staatlichkeit und die Angliederung fremder Territorien an Russland erscheinen. Putin versucht, Europa einzuschüchtern, und wie wir sehen, tut er das systematisch. 

Und er ist nicht der Einzige. Bereits vor Putins Drohungen hatten sowohl der stellvertretende Vorsitzende des Sicherheitsrates der Russischen Föderation und ehemalige russische Präsident Medwedew als auch der Pressesprecher des russischen Präsidenten Peskow praktisch zeitgleich Drohungen gegen Litauen ausgesprochen, das lediglich beabsichtigt, jene Bestimmungen seiner Verfassung zu ändern, die die Stationierung von Atomwaffen auf seinem Territorium verbieten.

Eigentlich ist auch das eine völlig logische Reaktion Litauens auf Russlands Entscheidung, seine Atomwaffen im an Litauen grenzenden Belarus zu stationieren. Doch auch hier greift der Kreml zu Drohungen und betont, Litauen könne zu einem legitimen Ziel für die Russische Föderation werden, falls es seine Haltung zu Atomwaffen ändere. Dabei betrachtet im Westen, wie wir sehen, niemand Belarus als legitimes Ziel für irgendwelche Angriffe, weil auf dem Territorium dieses Landes russische Atomwaffen stationiert worden sind.

Es geht also um eine Strategie direkter Einschüchterung. Diese Einschüchterung soll nicht dazu dienen, dass die europäischen Staats- und Regierungschefs heute ihre Haltung zur Unterstützung der Ukraine ändern. In Moskau versteht man sehr gut, dass dies nicht geschehen wird. Vielmehr sollen die europäischen Gesellschaften ihre Haltung ändern, damit sie beginnen, für Politiker zu stimmen, die bereit sind, sich mit dem Kreml zu verständigen.

Die Sabotageakte in Deutschland im Vorfeld der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt sowie der bevorstehenden Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern waren keineswegs zufällig. Der Kreml versucht bewusst, der rechtspopulistischen Partei Alternative für Deutschland zu Siegen nicht nur auf Landes-, sondern auch auf Bundesebene zu verhelfen. Er setzt auf Politiker, die die Möglichkeit einer Unterstützung der Ukraine aus den nationalen Haushalten ihrer Länder streichen und die Möglichkeit entsprechender Entscheidungen der gesamten Europäischen Union infrage stellen werden.

Damit diese Politiker tatsächlich die Unterstützung der Europäer gewinnen, müssen die europäischen Gesellschaften aus Sicht des Kremls verängstigt werden. Und verängstigen kann man sie gerade mit Drohungen, einen Krieg zu beginnen.

Genau das tut Putin in Neu-Delhi. Er erfindet einen Anlass, den es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Er beschuldigt europäische Politiker, bereit zu sein, ihre Truppen näher an die russischen Grenzen zu verlegen, und warnt davor, dass dies eine Reaktion der Russischen Föderation hervorrufen werde.

Die Europäer sollen sich fragen, ob sie von verantwortungslosen Menschen regiert werden wollen, die bereit sind, ihre Armeen in ein gefährliches Gebiet zu entsenden und damit die Voraussetzungen für einen Krieg mit einer Atommacht zu schaffen. Oder ob es vielleicht besser wäre, jene Politiker zu wählen, die nach Wegen zu Vereinbarungen mit dem russischen Präsidenten suchen werden: die Alternative für Deutschland oder Marine Le Pens Rassemblement National in Frankreich oder die Rechtspopulisten um Matteo Salvini in Italien. Die Liste der Parteien, deren Führer der Macht nahestehen oder bereits an Regierungskoalitionen beteiligt sind, auch wenn sie dort nicht über die entscheidende Stimme verfügen, ist lang genug.

Und man kann sagen, dass sich aus solchen Parteien mehrere europäische Regierungen bilden und die Unterstützung der Ukraine durch die Europäische Union zuverlässig blockieren ließe. Genau darauf hofft Putin. Er ist sich bewusst, dass eine Fortsetzung dieser Hilfe es ihm nicht erlauben wird, der Ukraine Kapitulationsbedingungen zu diktieren, und ihn zu einem langen Krieg zwingen wird, der früher oder später zum Zusammenbruch der Wirtschaft der Russischen Föderation führen könnte.

Deshalb werden die Einschüchterung der Europäer mit Krieg und der hybride Krieg gegen die europäischen Länder in den kommenden Monaten zu den wichtigsten Stoßrichtungen sowohl der russischen Propaganda als auch der Aktivitäten der Geheimdienste der Russischen Föderation in den Nachbarländern der Ukraine und sogar in jenen Ländern gehören, die keine gemeinsame Grenze mit unserem Staat haben, aber wichtige Zentren der Unterstützung für unser Land sind, wie etwa die Bundesrepublik Deutschland.

Jeder Fehler in diesem hybriden Krieg kann jederzeit zu einem echten Krieg führen. Das ist vielleicht etwas, dessen sich Putin nicht bewusst ist. Aber genau das geschieht in der Geschichte immer wieder, wenn die Führer autoritärer Staaten auf Gewalt als Hauptargument in ihrem Kampf um Größe und bei der gewaltsamen Unterwerfung ihrer Nachbarn setzen.


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Titel des Originals: Путін погрожує війною Європі | Віталій Портников. 12.09.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 12.09.2026.
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Schmerzhafter Schlag gegen Saratow | Vitaly Portnikov. 12.09.2026.

Das russische Saratow ist in dieser Nacht Ziel eines Angriffs ukrainischer Drohnen geworden. Ein Logistiklager von Ozon und die Ölraffinerie in diesem russischen Gebietszentrum standen in Flammen.

Die Tatsache des Angriffs wurde sogar vom Gouverneur des Gebiets Saratow, Roman Busargin, bestätigt. Bilder von dem, was sich in Saratow ereignete, erschienen in lokalen sozialen Netzwerken.

Damit kann man sagen, dass eine weitere russische Ölraffinerie und ein weiteres Logistikzentrum schwere Schäden erlitten haben. Und das ist einer der wichtigsten Aspekte der gegenwärtigen Phase des russisch-ukrainischen Krieges.

Jetzt, da wir gezwungen sind, über die Angriffe zu sprechen, die die Russische Föderation gegen die Ukraine, gegen Kyiv und gegen andere ukrainische Städte führt, über die ständigen russischen Angriffe auf die ukrainische Infrastruktur, erscheinen die ukrainischen Angriffe auf Russland aus der Sicht eines außenstehenden Beobachters nicht mehr so wichtig, wie sie noch vor einigen Monaten erschienen.

Doch in Wirklichkeit ist das eine ungerechte Bewertung dessen, was die ukrainischen Streitkräfte heute tun, wenn sie versuchen, das russische Wirtschaftspotenzial zu zerstören. Denn der Schlüssel zur Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges liegt gerade in der Zerstörung dieses Potenzials.

Wir verfolgen aufmerksam den imitierten Verhandlungsprozess, in dem es keinerlei wirkliche Fortschritte gibt. Wir versuchen zu verstehen, ob hinter den Worten des Präsidenten der Vereinigten Staaten Donald Trump etwas Konkretes steckt und was die amerikanischen Vermittler Steve Witkoff und Jared Kushner während ihrer Reise in die russische Hauptstadt tatsächlich erreicht haben könnten. Wir versuchen es zu verstehen, weil wir uns selbst nicht eingestehen wollen, dass sowohl hinter diesen Reisen als auch hinter Trumps Erklärungen praktisch nichts anderes steckt als ein Wahlkampfeffekt und die Befürchtung des amerikanischen Präsidenten, dass er die Kongresswahlen in den Vereinigten Staaten vernichtend verlieren wird und sich das Repräsentantenhaus anschließend in einen regelrechten Untersuchungsausschuss verwandeln wird, der herausfinden soll, was Trump während seiner Amtszeit als Präsident tatsächlich zu seiner eigenen Bereicherung und zur Bereicherung seiner Familienmitglieder getan hat.

Und genau das versucht Trump zu verhindern. Und genau das ist derzeit der zentrale Punkt seiner gesamten politischen Tätigkeit und damit auch der Grund für die Intensivierung des Verhandlungsprozesses im russisch-ukrainischen Krieg. Denn bekanntlich unterstützt die überwältigende Mehrheit der amerikanischen Wähler – sowohl die Wähler der Demokraten als auch die Wähler der Republikaner und jene Wähler, die in ihren Sympathien zwischen verschiedenen politischen Kräften schwanken – gerade die Ukraine in diesem ungerechten Krieg, den die Russische Föderation gegen unseren Staat begonnen hat. Und in dieser Situation kann man natürlich sagen, dass der russische Präsident Putin Trumps Schwierigkeiten im Wahlkampf einfach ausnutzt, um sich an einem imitierten diplomatischen Prozess zu beteiligen.

Was Putin jedoch tatsächlich beeinflussen kann, sind weder die Telefonanrufe des amerikanischen Präsidenten noch der Wunsch des russischen Präsidenten, sich während des APEC-Gipfels in Shenzhen mit seinem amerikanischen Amtskollegen zu treffen, und nicht einmal Putins Bereitschaft, einen Dreiergipfel unter Beteiligung der Präsidenten der Russischen Föderation und der Vereinigten Staaten sowie des Staatschefs der Volksrepublik China abzuhalten.

Nein, ein tatsächliches Ende des Krieges kann nur mit einem Mangel an russischen Ressourcen verbunden sein, nur damit, dass der Präsident der Russischen Föderation nicht mehr genügend Geld für den Krieg hat, nur damit, dass die russische Ölverarbeitung als Zweig der russischen Industrie und der russischen Wirtschaft nicht mehr funktioniert.

Und das kann übrigens nicht nur dazu führen, dass Putin zu echten Verhandlungen mit uns bereit ist. Es kann auch dazu führen, dass ihm solche Verhandlungen von der Führung der Volksrepublik China nachdrücklich empfohlen werden. Denn Sie konnten beobachten, dass der russische Präsident in Bischkek unmittelbar nach seinem Treffen mit dem Staatschef der Volksrepublik China, Xi Jinping, von der Notwendigkeit eines Dialogs zu sprechen begann.

Die Chinesen brauchen einen Satelliten, der über Ölraffinerien und eine Wirtschaft verfügt, die zur Zusammenarbeit mit chinesischen Unternehmen fähig ist, und kein Land mit zerstörten Ölraffinerien und stillgelegten Ölquellen. Und die ukrainischen Angriffe führen für die wirtschaftliche Entwicklung Russlands genau zu solchen Folgen.

Deshalb ist der Angriff auf Saratow ebenso wie die Angriffe auf andere russische Städte, die bereits stattgefunden haben und die, wie ich hoffe, in den kommenden Monaten noch stattfinden werden, der Schlüssel zur Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges. Genau jenes Instrument, das wir vergeblich in der Tasche des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika zu finden versuchen, obwohl wir kaum reale Chancen darauf haben.

Doch in der Tasche des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gab es einen solchen Schlüssel nicht, gibt es ihn nicht und wird es ihn unter den, wie ich sagen würde, wirtschaftlichen Bedingungen, die sich in der heutigen Welt herausgebildet haben, auch nicht geben. Aber einen solchen Schlüssel haben wir selbst. 

Wir haben ihn, wenn die Ölraffinerie in Saratow brennt. Wir haben ihn, wenn Logistikzentren von Online-Marktplätzen brennen und dadurch die Arbeit russischer Unternehmen selbst zum Erliegen kommt, ebenso wie die Möglichkeit, neue Drohnen zusammenzubauen, darunter auch jene Strahldrohnen, die derzeit auf ukrainische Städte und Ortschaften zufliegen.

Wir haben ihn, wenn wir die Versprechen tatsächlich einlösen, die wir von unserer Führung hören. Zum Beispiel hinsichtlich einer Lahmlegung des Luftraums in der Russischen Föderation, die, wie Sie verstehen, ebenfalls zu zahlreichen wirtschaftlichen Problemen führen wird.

Und wenn allein die Worte des ukrainischen Präsidenten, ohne durch tatsächliche Handlungen untermauert zu sein, bereits dazu führen, dass eine ganze Reihe von Flügen auf Moskauer Flughäfen sowie auf Flughäfen anderer Länder gestrichen wird, wenn es um Flüge nach Russland geht, dann stellen Sie sich vor, welche tatsächlichen Folgen eine wirkliche Einstellung des Betriebs der Moskauer Luftfahrtunternehmen, des Moskauer Luftverkehrsknotens und anderer Flughäfen der Russischen Föderation haben wird.

Von den politischen Folgen ganz zu schweigen. Denn wenn die Flugverbindungen mit dem Fernen Osten und dem Ural unterbrochen werden, wird dies langfristig separatistische Stimmungen in diesen Regionen beleben. Und Putin, der schließlich in den 1990er-Jahren gelebt und die Ural-Republik von Eduard Rossel, dem damaligen Gouverneur des Gebiets Swerdlowsk, miterlebt hat, ist sich der Folgen all dieser Prozesse sehr wohl bewusst.

Deshalb bedeutet Saratow anzugreifen, Moskau anzugreifen, Sankt Petersburg anzugreifen, einen Weg zu einem schnellen Ende des russisch-ukrainischen Krieges zu suchen. Und noch dazu einen Weg, der die Russen daran erinnern würde, was es bedeutet, andere Länder anzugreifen.

Je mehr Ölraffinerien von den ukrainischen Streitkräften außer Betrieb gesetzt werden, je mehr Ölquellen stillgelegt werden, weil es keine Möglichkeit mehr gibt, das Öl zu verarbeiten, desto schneller wird Putin zumindest über eine Waffenruhe an der russisch-ukrainischen Front nachdenken müssen. Deshalb ist jeder solche Brand – ohne Übertreibung – ein wahrer Brand des Friedens.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Болючий удар по Саратову | Віталій
Портников. 12.09.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 12.09.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

Original ansehen

Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
.


Zelensky muss die Macht teilen | Vitaly Portnikov @EspresoTv. 07.09.2026.

Kateryna Nekretscha: Auf Sendung ist „Schwarze Box“ – das ist unser neues Projekt, in dem wir den Dingen buchstäblich auf den Grund gehen, die Mechanismen von Ereignissen untersuchen, politische Entscheidungen, historische Prozesse und gesellschaftliche Phänomene analysieren und zu verstehen versuchen, warum es dazu gekommen ist und wozu es führen kann. Und natürlich ist eine solche Analyse ohne Vitaly Portnikov unmöglich, deshalb ist er hier bei uns zugeschaltet.

Heute haben wir für unser Gespräch das Thema gewählt, wie man den Staat effektiv macht. Aber lassen Sie uns zunächst einfach darüber sprechen, was für jeden von uns ein effektiver Staat ist, damit wir verstehen, worüber wir tatsächlich sprechen und ob wir über ein und dasselbe reden.

Ich beginne bei mir selbst. Für mich sind das funktionierende Institutionen, gleiche Regeln, Recht und Ordnung, grob gesagt, und meine Sicherheit: dass ich mich in jedem Fall dorthin wenden kann, wohin ich muss, etwa an den Rettungsdienst, und dass das Gesetz mich schützt, wenn es nötig ist. Und dasselbe erwarte ich auch von anderen Menschen und von anderen staatlichen Organen. Und wenn diese Organe oder Amtsträger plötzlich das Gesetz nicht einhalten, dann muss ich ebenfalls eine Stelle haben, an die ich mich wenden kann, um mich über sie zu beschweren und eine gewisse Gerechtigkeit zu erreichen. Und was bedeutet für Sie ein effektiver Staat?

Portnikov: Nun, ich stimme völlig damit überein, dass ein effektiver Staat vor allem funktionierende Institutionen haben muss. Und diese funktionierenden Institutionen müssen gerade beim Schutz des Bürgers effektiv sein. Das ist ein wichtiger Punkt, denn ein effektiver Staat kann auch autoritär und totalitär sein.

Die Volksrepublik China ist doch ein effektiver Staat. Dort gibt es funktionierende Institutionen, dort bestehen Traditionen staatlicher Verwaltung seit der Zeit, als die Kommunisten die Macht im Land ergriffen haben. Alle Institutionen funktionieren seit Jahrzehnten, das Personal wechselt. Aber dieser Staat existiert nicht für die Bedürfnisse der Bürger der Volksrepublik China, sondern zur Sicherung der Macht der Kommunistischen Partei.

Das heißt, für Effektivität unter unseren Bedingungen ist zusätzlich erforderlich, dass der Staat für den Menschen arbeitet. Und vor allem, dass der Mensch an einem solchen Staat interessiert ist. Denn in einer großen Zahl von Staaten sind die Menschen entweder nicht an einem effektiven Staat interessiert oder nicht daran interessiert, dass der Staat für sie arbeitet.

Und die Ukraine befindet sich in einer solchen, ich würde sagen, Grauzone. Die Ukrainer erinnern sich an die Effektivität des Staates nur dann, wenn sie ihn brauchen. In allen anderen Situationen brauchen sie eher einen ineffektiven Staat. Daher kommt das bekannte, ich würde sagen, ukrainische Verb „porischaty“ – „etwas regeln“. Denn „etwas regeln“, und das ist, würde ich sagen, ein Merkmal horizontaler Korruption, wollen sehr viele Menschen, die gleichzeitig über die Effektivität des Staates sprechen. Das heißt, der Staat ist so lange effektiv, wie er uns nicht stört, und wenn er anfängt, uns zu stören, denken wir, dass man ihm ein Bestechungsgeld geben kann.

Das ist offensichtlich bereits ein Schritt zum Verständnis von Effektivität, wenn wir sagen: „Oh, wir brauchen funktionierende Institutionen.“ Andererseits ist es ein Schritt zurück, wenn wir sagen, dass wir mit einem solchen Staat schon fertigwerden können, wenn uns seine Effektivität nicht gefällt. Und auch das ist ein sehr wichtiger Punkt, an den wir denken müssen.

Effektiv, aber demokratisch. Effektiv, aber rechtsstaatlich – das muss miteinander verbunden sein, denn effektiv und nicht rechtsstaatlich bedeutet Diktatur. Effektiv, aber bereit, sich gegen Bestechungsgeld mit dem Bürger zu einigen – das bedeutet korrupt. Wie schafft man es, dass der Staat effektiv, nicht korrupt und demokratisch ist? Das ist eine Aufgabe mit fünf Sternen, über die man spricht, wenn man an die Erfahrungen der nordeuropäischen Länder erinnert.

Kateryna Nekretscha: Und wir werden heute tatsächlich gemeinsam der Sache auf den Grund gehen und verstehen, was von uns als Gesellschaft, als Vertretern der Gesellschaft abhängt und was von der Staatsführung abhängt. Aus dem, was Sie sagen, folgt: Es muss Verantwortung geben, die Regeln müssen eingehalten werden, ja, und sowohl der Staat als auch die Gesellschaft müssen sich an die Spielregeln halten?

Denn Sie haben sehr richtig angemerkt, ich höre so etwas häufig: „Die Straßen sind schlecht, dies oder jenes ist schlecht, das wird für uns nicht gemacht, und im Krankenhaus musste ich irgendwo etwas bezahlen.“ Und wenn man dann beispielsweise fragt: Zahlen Sie denn alle Steuern auf Ihre Einkünfte? Das heißt, es stellt sich heraus, dass ein effektiver Staat sowohl mit der Gesellschaft als auch mit den Menschen zu tun hat, die für diesen Staat arbeiten.

Portnikov: Natürlich auch mit der Verantwortung dieser Menschen, denn unter demokratischen Bedingungen kann es ohne einen verantwortungsbewussten Bürger, ohne einen verantwortungsbewussten Wähler keinen effektiven Staat geben. Es kann keinen effektiven Staat geben, solange das alles nur so lange gilt, bis es mich persönlich betrifft. Es kann keinen effektiven Staat geben, solange ich alle anderen verurteile, aber wenn es um mich selbst geht, völlig andere Anforderungen an mein eigenes Handeln stelle. Das heißt, ich muss alles, was sich nicht auf legalem Wege lösen lässt, mit Geld oder dank meiner Beziehungen regeln, erwarte aber von allen anderen, dass sie die Gesetze einhalten. Und weil ich davon ausgehe, dass auch alle anderen sie nicht einhalten, handle ich weiterhin so, wie es für mich vorteilhaft ist, und hoffe lediglich darauf, dass der Staat irgendwie von selbst effektiv wird.

Und ich spreche noch gar nicht von der Geringschätzung des Professionalismus. Das ist bis zu einem gewissen Grad nicht nur ein ukrainisches Phänomen, aber in der Ukraine hängt es zusätzlich damit zusammen, was in den 1990er-Jahren geschah, als eine riesige Zahl von Menschen faktisch nicht mehr in der Lage war, ihren Beruf auszuüben, weil die sowjetische Wirtschaft und die sowjetische politische Ordnung zusammengebrochen waren. Und die Menschen begannen entweder umzulernen oder Kompetenz zu imitieren. Meistens imitierten sie Kompetenz. Wir sind überhaupt eine Gesellschaft imitierter Kompetenz. Und daraus entstand die Illusion, dass man alles imitieren könne: dass ein Mensch, der, sagen wir, die Rolle eines Präsidenten spielen kann, auch Präsident sein kann, weil für den durchschnittlichen Ukrainer Spielen und Sein ungefähr Synonyme sind.

Sie erinnern sich doch an die Zeiten, als Menschen ihr letztes Geld für große Autos ausgaben – heute würde man sagen: leistungsstarke –, während sie selbst in Wohnheimzimmern mit acht Nachbarn lebten. Und wenn man fragte: Warum kaufst du keine Wohnung, sondern so ein Auto? „Damit man das Auto sieht. Denn ich imitiere die Rolle eines erfolgreichen Geschäftsmanns.“ Wenn du einen erfolgreichen Geschäftsmann imitieren kannst, kannst du auch einen erfolgreichen Politiker imitieren. Du kannst alles imitieren. Und auch das muss man sich bewusst machen. Ein effektiver Staat ist auf keinen Fall eine Imitation.

Kateryna Nekretscha: Ja. Aber Sie sagen: Früher war das so. Tatsächlich gibt es heute, im Zeitalter der sozialen Netzwerke, denselben Effekt, wenn man demonstrativ etwas besitzen, bestimmte Kleidung tragen oder ein bestimmtes Auto fahren muss, um von seinem Erfolg zu erzählen, den es in Wirklichkeit vielleicht gar nicht gibt.

Portnikov: Es gibt Menschen, die den Staat für Art Überbau halten. Es gibt Menschen, die den Staat mit der Staatsführung gleichsetzen. Aber die Staatsführung ist nicht der Staat. Die Staatsführung, das sind Institutionen im Staat. Und es gibt Menschen, die glauben, der Staat sei das Volk. Aber auch das stimmt nicht. Der Staat ist nicht das Volk. Der Staat ist das Volk, das effektive Institutionen schafft.

Das heißt, es funktioniert gemeinsam. Wenn es Verantwortung der Gesellschaft und eine effektive Staatsführung gibt, dann ist das ein effektiver Staat. Fehlt irgendeine Komponente, kann man in dieser Situation natürlich nicht von Effektivität sprechen. Und wir müssen gerade daran interessiert sein, dass der Staat effektiv ist. Mir scheint, das ist völlig offensichtlich.

Kateryna Nekretscha: Zweifellos, und alle sind daran interessiert. Aber sehen Sie, jeder versteht seine eigene Rolle, wie Sie angemerkt haben und wie wir gerade in den Antworten gehört haben, und auch die Rolle des Staates auf seine Weise. Und jetzt stelle ich Ihnen eine Frage. Ich weiß nicht, vielleicht beantworten Sie sie später, und unsere Zuschauer, die uns auf YouTube sehen und Espreso abonniert haben, können sie in den Kommentaren beantworten: Ist die Ukraine ein effektiver Staat?

Portnikov: Nein. Aber nicht nur deshalb, weil die Staatsführung mit der Situation nicht zurechtkommt, sondern auch deshalb, weil wir als Gesellschaft ständig das Handeln der Staatsführung korrigieren müssen. Und ich bin nicht sicher, dass das ein Zeichen von Effektivität ist. Verstehen Sie, wenn die Gesellschaft staatliche Institutionen ersetzt, ist gerade das ein Beleg für die Ineffektivität des Staates.

So war es beispielsweise im vergangenen Jahr bei den Protesten mit den Pappschildern. Ein effektiver Staat, der an der Bekämpfung von Korruption interessiert ist, würde keine Bedingungen dafür schaffen, den Antikorruptionsstrukturen ihre Unabhängigkeit zu nehmen – und das im Wissen darum, dass dies in einer für die Ukraine unter Kriegsbedingungen kritisch wichtigen Zeit zu einer Verringerung der westlichen Unterstützung führen könnte. Ein effektiver Staat muss proeuropäische Gesetze verabschieden. Sonst müssen die Menschen früher oder später wieder auf die Straße gehen und deren Verabschiedung fordern. Ein effektiver Staat weiß selbst, wie er die Steuern verteilen muss.

Sie sprechen von Steuern, darüber haben wir bereits gesprochen. Zahlen die Menschen Steuern? Aber ich verstehe nicht so recht, was mit den Steuern jener Menschen geschieht, die sie zahlen. Deshalb würde mich sehr interessieren zu verstehen: Wenn ich Steuern zahle, aber im Militärhaushalt ständig irgendetwas fehlt und die Militärangehörigen ständig um Hilfe bitten müssen und es Freiwilligenbewegungen und Spendensammlungen gibt, dann bedeutet das, dass der Staat seine Arbeit nicht vollständig erledigt, denn in einem effektiven Staat braucht man keine Freiwilligen. Er deckt alle Bedürfnisse seines Militärhaushalts selbst aus den Mitteln der Steuerzahler.

Wenn manche Menschen keine Steuern zahlen, aber für die Armee spenden und glauben, damit das Problem zu lösen, weil sie viel weniger spenden können, als sie an Steuern hätten zahlen müssen, dann bedeutet das einen ineffektiven Staat und eine ineffektive Gesellschaft, die glauben kann, dass eine Spende wichtiger ist als eine Steuerzahlung.

Aber andererseits: Wenn ich vom Präsidenten meines eigenen Staates höre, dass man die Armee hätte verdoppeln können, dann aber keine Straßen hätte bauen können – Sie erinnern sich, dass Volodymyr Zelensky 2022 eine solche Erklärung gab –, dann frage ich mich: „Wozu zahle ich Steuern? Ich brauche diese Straßen doch nicht in einem Moment, in dem ich weiß, dass ein anderes Land einen Angriff auf meinen Staat vorbereitet. Ich brauche eine Stärkung der Armee. Wozu zahle ich diese Steuern, wenn sie am Ende inkompetent eingesetzt werden? Vielleicht sollte ich sie für meine eigenen Bedürfnisse behalten, wenn ich genau weiß, dass meine Steuern dazu verwendet werden, die Popularität eines einzelnen Menschen zu steigern, der zum Präsidenten der Ukraine gewählt wurde. Oder weil dieser Mensch als politischer Führer inkompetent ist und das Ausmaß der Gefahr für seinen eigenen Staat nicht versteht.“

Und dann befinde ich mich ständig in diesem Dilemma. Ich möchte ein gesetzestreuer Bürger sein. Ich spreche, wie Sie verstehen, nicht persönlich von mir, sondern von jedem beliebigen Menschen. Aber ich verstehe, dass der Staat nicht in der Lage ist, mit meinen Steuern vernünftig umzugehen.

Und nun stellen Sie sich vor, dass dieser Staat jetzt das Geld ausländischer Steuerzahler erhält. Und er geht mit dem Geld europäischer Steuerzahler genauso ineffektiv um. Dann müssen europäische Politiker ihren Bürgern erklären: Warum unterstützen wir die Ukraine, warum geben wir ihr unser eigenes Geld, das für die Entwicklung unseres Staates hätte verwendet werden können, wenn sie nicht wissen, wie sie mit diesem Geld umgehen sollen? Auch das ist doch ein gewaltiges Problem.

Die wichtigste Funktion des Staates ist der richtige Umgang mit den Steuern der Bürger, denn wir finanzieren diesen Staat. Wenn der Staat ineffektiv mit den Steuern umgeht, ist er ineffektiv. Die Ukraine ist ein ineffektiver Staat. Aber hier gibt es noch ein weiteres Problem, über das ich zu Beginn unseres Dialogs gesprochen habe: Professionalismus.

Kateryna Nekretscha: Aber die Wahlen von 2019, leider bislang die letzten Wahlen, die wir hatten, waren eine demokratische Willensbekundung. Und hier gibt es, entschuldigen Sie, ebenfalls eine Verantwortung aller verschiedenen Vorgänger und auch der allgemeinen politischen Situation, die dazu geführt hat, dass insgesamt die Mehrheit der Bürger der Ukraine so abgestimmt hat – für Nichtprofis auf diesem Gebiet, nicht für professionelle Staatsmänner und Politiker. Aber es gab doch auch eine Reihe von Ereignissen, die dazu geführt haben.

Portnikov: Natürlich gab es eine Reihe von Ereignissen. Es gab eine Reihe von Ereignissen, die mit der informationellen Bearbeitung der Bevölkerung, mit Russlands Informationskrieg, mit dem Wunsch des russischen Regimes und jener, die ihm hier im Land dienten, verbunden waren, die Regierung mit allen Mitteln auszuwechseln, weil es eine Regierung nach dem Maidan war. Und Russland handelt immer durch Revanche und Absprachen mit ukrainischen Oligarchen.

Und das, was wir 2010 gesehen haben, zeigte sich 2019 in aller Deutlichkeit, nur mit einer Einschränkung. Volodymyr Zelensky war nicht bereit, vor Russland zu kapitulieren, so wie Viktor Yanukovych stets zu dieser Kapitulation bereit gewesen war. Die Russen hatten sich bei ihrer Revanche verkalkuliert.

Die Oligarchen, die mit ihnen zusammenarbeiteten, verkalkulierten sich in der Annahme, sie könnten das ukrainische Volk dazu bringen, denselben Weg zu gehen, den wir 2010 gegangen waren, und den ukrainischen Präsidenten dazu bringen, denselben Weg einzuschlagen. Und infolgedessen fanden wir uns in einem endlosen Krieg wieder.

Aber das ist, wie Sie verstehen, eine völlig andere Geschichte. Das ist eine Geschichte über die Ineffektivität des russischen Staates. Wir sprechen hier über die Ukraine, aber alles, was von 2019 bis 2026 in der Ukraine geschah, ist zugleich eine Geschichte über die Ineffektivität des russischen Staates, wo man die politische Situation nicht einzuschätzen vermag, wo man nicht versteht, was in der Welt geschieht, wo man auf eine Revanche setzt, obwohl man bereits auf ukrainisches Territorium auf der Krim und im Donbas vorgedrungen ist, wo man auf Blitzkriege setzt. Das ist eine andere Geschichte.

Zu unserem Glück ist Russland kein effektiver Staat. Deshalb existieren wir noch im Jahr 2026. Wäre es effektiv, wäre es vielleicht wesentlich schwieriger. Aber auch unser Staat muss effektiv sein, wenn wir Russland in den kommenden Kriegsjahren widerstehen wollen. Darüber müssen wir nachdenken.

Kateryna Nekretscha: Wir werden auf jeden Fall noch über die Gegenwart, über die Verantwortung der verschiedenen Zweige der ukrainischen Staatsgewalt und über die Rolle der Gesellschaft in den vergangenen Jahren der groß angelegten Invasion sprechen. Aber dann möchte ich Sie fragen: War der ukrainische Staat in den 35 Jahren seiner Unabhängigkeit jemals effektiv?

Portnikov: Es gab Phasen eines gewissen Grades an Effektivität. Wiederum konnte der ukrainische Staat effektiv sein, aber war er in dieser Zeit auch auf das Wohlergehen der Bevölkerung ausgerichtet? Leonid Kutschma versuchte, eine mehr oder weniger effektive Machtvertikale aufzubauen, aber es war ein oligarchischer Staat. Ein oligarchischer, korrupter Staat, der bis zu einem gewissen Grad effektiv war, aber gerade wegen dieses oligarchischen Charakters geriet er bereits Anfang der 2000er-Jahre endgültig in eine Krise.

Es gab in den Jahren 2004 bis 2010, in der Zeit Viktor Yushchenkos, eine Phase, in der der Staat auf effektivere Strukturen umgestellt wurde. Und das war übrigens die Phase des stärksten Wirtschaftswachstums der Ukraine. Die weltweite Krise, die ungefähr gegen Ende von Yushchenkos Amtszeit eintrat, überschattete diesen Prozess etwas. Aber dass der ukrainische Staat zu Yushchenkos Zeiten institutionell als effektiver Staat aufgebaut wurde, ist eine Tatsache.

Es gab eine Phase der Effektivität von 2014 bis 2019. Auch das war eine Phase des Aufbaus eines effektiven Staates. Ich möchte Sie daran erinnern, dass die Regierung, die 2014 in der Ukraine an die Macht kam, die Regierung Arseniy Yatsenyuks, die Ukraine von der Regierung Yanukovych-Azarov mit null Hrywnja im Haushalt übernahm. Mit null. Und 2019 waren wir bereits ein Staat, in dem sich die Wirtschaft frei entwickelte, in dem unabhängige Antikorruptionsinstitutionen arbeiteten, in dem zahlreiche Gesetze geschaffen worden waren, die das Wachstum ukrainischer Unternehmen förderten, in dem das Assoziierungsabkommen mit Europa vollständig unterzeichnet worden war und in dem die Visafreiheit für ukrainische Bürger eingeführt worden war. Das alles sind Zeichen staatlicher Effektivität.

Und ich werde keineswegs behaupten, dass dieser Prozess 2019 endgültig abgebrochen wurde. Ich sage lediglich, dass andere Ziele gesetzt wurden. Ich sage doch nicht, dass der Bau von Straßen ineffektiv ist. Ich sage, dass der Bau von Straßen unter Bedingungen, in denen dir tödliche Gefahr droht, ineffektiv ist. Darum geht es. Eine falsche Einschätzung der Risiken ist ineffektiv.

Aber grundsätzlich sind das zwei wichtige staatsbildende Phasen in der Geschichte der ukrainischen Staatlichkeit, die in alle künftigen Geschichtsbücher der Ukraine eingehen werden: 2004–2010 und 2014–2019. Wenn in künftigen Geschichtsbüchern von den ukrainischen Präsidenten die Rede sein wird, die den Staat gerade aus institutioneller Sicht aufgebaut haben, wird man vor allem Leonid Krawtschuk als ersten Präsidenten der Ukraine erwähnen, Viktor Yushchenko, der die Ukraine im Hinblick auf den Aufbau ihrer Institutionen und das Verständnis des Inhalts ihrer eigenen Staatlichkeit verändert hat, und Petro Poroshenko. Das werden die drei wichtigsten Persönlichkeiten in der ukrainischen politischen Präsidentengeschichte sein. Und an diejenigen, die ihre Nachfolger sein werden, wird man historisch mit einer völlig anderen Bewertung ihres Handelns erinnern, selbst wenn diese Menschen in der Geschichte des ukrainischen Volkes schwere Prüfungen durchgemacht haben. So werden die Geschichtsbücher der Zukunft aussehen.

Kateryna Nekretscha: Die Geschichtsbücher der Zukunft werden nicht ohne Volodymyr Zelensky auskommen, denn wir haben bereits über diesen Weg und über die Entscheidung gesprochen, die die Mehrheit der Ukrainer 2019 getroffen hat. Wegen der groß angelegten Invasion fanden die Wahlen 2024, die eigentlich hätten stattfinden sollen, nicht statt. Und jetzt kann man auch nicht mehr sagen, Zelensky habe keine Erfahrung, denn diese Erfahrung hat er inzwischen faktisch erworben. Er befindet sich, könnte man sagen, in seiner zweiten Amtszeit. Er hat diese Erfahrung erworben, er ist heute definitiv ein anderer Politiker als 2019. Und diese Erfahrung ist, kann man sagen, angesichts der Herausforderungen, die es gab und mit denen er konfrontiert war, ziemlich gewaltig.

Ich erinnere nur daran – ich bin sicher, unsere Zuschauer wissen das sehr gut –, dass die Ukraine eine parlamentarisch-präsidentielle Republik ist. Dennoch sehen wir in den vergangenen Jahren, und das verschweigt auch Volodymyr Zelensky nicht, dass alle wichtigen Fragen im Staat gerade in der Bankowa, im Büro des Präsidenten der Ukraine, entschieden werden. Es geht um die Ernennung von Ministerpräsidenten, um Regierungsumbildungen, also nicht nur um Minister, die der Präsident tatsächlich nach dem Gesetz zur Ernennung vorschlagen muss, sondern sogar um den Regierungschef selbst. Und darüber wird inzwischen tatsächlich ziemlich offen gesprochen.

Gibt es Ihrer Meinung nach ein Problem darin, dass heute eine Abweichung, eine Diskrepanz zwischen dem besteht, wie wir uns gemäß der Verfassung nennen und was wir gemäß der Verfassung sind, und dem, wie es de facto funktioniert? Oder kann man in Zeiten eines umfassenden Krieges, in denen man unkonventionelle Entscheidungen treffen, irgendwo experimentieren und sich irgendwo nicht an die Regeln halten muss, darüber hinwegsehen? Stärkt oder schwächt eine solche De-facto-Ordnung die Ukraine?

Portnikov: Wissen Sie, erstens glaube ich nicht, dass Erfahrung einen Menschen verändert, denn sonst müssten wir annehmen, dass jeder Mensch, der zehn oder zwanzig Jahre lang ein bestimmtes Amt bekleidet, allein dadurch unglaubliche Fähigkeiten erwirbt, dass er sich in diesem Amt befindet. Nicht die Erfahrung ist entscheidend, sondern die Befähigung zu einer bestimmten Tätigkeit. Wenn diese Befähigung fehlt, können Sie auch zwanzig Jahre Chirurg sein, aber Sie werden nicht so gut operieren wie jemand, der diesen Beruf tatsächlich ergreifen wollte. Und erst recht kann man einen Menschen nicht einfach zum Chirurgen wählen. Wie Sie verstehen, wird ein Mensch, wenn Sie ihn zum Chirurgen wählen, wohl auch nach zehn Jahren, in denen er operiert hat, nicht so arbeiten wie jemand mit entsprechender Ausbildung und Berufung. Deshalb stehe ich der Erfahrung völlig gelassen gegenüber.

Ich glaube, dass ein Mensch, der kein Politiker ist, dadurch nicht zum Politiker wird. Ich glaube, dass Volodymyr Zelensky kein politischer Akteur war, und heute ist er tatsächlich ein Staatsoberhaupt, das sich seit 2019 in diesem Amt befindet. Aber ist er dadurch zum Politiker geworden?

Kateryna Nekretscha: Nein?

Portnikov: Zum Politiker muss man, würde ich sagen, heranwachsen. Man kann nicht einfach dadurch, dass man zum Präsidenten gewählt wird, innerhalb von zwei oder drei Jahren zum Politiker werden.

Kateryna Nekretscha: Warum kann ein Geschäftsmann Politiker werden? Oder wie ist das? Wie kann man denn nicht Politiker werden? Jeder Mensch kann das doch.

Portnikov: Ein Geschäftsmann, der sich nicht für Politik interessiert, kann ebenfalls kein Politiker werden. Er wird keiner. Politik erfordert ein bestimmtes Maß, würde ich sagen, an fachlicher und politischer Kompetenz. Es ist der Kampf um Macht, es ist die Arbeit mit den Wählern von der untersten bis zur höchsten Ebene. Ich habe keinen einzigen Geschäftsmann gesehen, der ohne politische Erfahrung Politiker geworden wäre. Keinen.

Ich sehe den Präsidenten der USA, der Präsident wurde, nachdem er zuvor Geschäftsmann gewesen war. Aber ich sehe bei ihm keinerlei politische Fähigkeiten. Er ist kein Politiker, er ist einfach ein Mensch, der zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde. Deshalb gibt es so viele Fehler in der Politik, während es im Geschäftsleben, wohlgemerkt, null Fehler gibt. Donald Trump bereichert sich wie verrückt im Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten, weil er Geschäftsmann ist.

Volodymyr Zelensky macht sich hervorragend – nun, heute nicht mehr so sehr, aber früher – als PR-Mann. Er hält ausgezeichnete Reden. Besonders seit Beginn des Krieges. Er ist auf den Titelseiten von Zeitschriften. Aber das ist keine Politik, das ist nicht die Kunst des Regierens, das ist die Kunst der Präsentation. Man darf das nicht verwechseln. Aber das ist ein persönliches Thema. Ich wiederhole noch einmal: Das ist jetzt nicht unsere Hauptfrage, denn die Frage nach Zelenskys Erfahrung oder seinen politischen Fähigkeiten ist keine Frage der Effektivität des Staates. Die Frage der Effektivität des Staates ist eine Frage seiner Institutionen.

Schwächt oder stärkt uns die Art der Staatsführung, die wir seit 2019 haben? Natürlich schwächt sie uns. Und übrigens möchte ich Sie daran erinnern, dass ich seit vielen Jahren über die Eigenständigkeit des Parlaments spreche. Und ich erinnere ständig daran, dass die Ukraine ohne die Eigenständigkeit des Parlaments in den Abgrund stürzen wird. Jahrelang wurde dieser Standpunkt von mir praktisch von allen ignoriert. Nach 2022 hieß es, er sei marginal, weil in Kriegszeiten die gesamte Macht in einer Hand konzentriert werden müsse.

Jetzt ist es aus irgendeinem Grund interessant: Warum spricht plötzlich jeder über die Eigenständigkeit des Parlaments? Ich beanspruche nicht die Urheberschaft dieses Gedankens, denn er ist so einfach und elementar, dass er keinen Urheber braucht. Ich fordere lediglich die Anerkennung derzeit einfachen Tatsache, dass ein Land, das eine parlamentarisch-präsidentielle Republik ist und in dem durch die Usurpation der Macht die Funktionen des Präsidenten, des Parlaments und der Regierung ausgehöhlt wurden, kein effektiver Staat ist und auch keiner sein kann; dass die Ukraine nicht aus dem Präsidentenbüro regiert werden kann. Ihre Verfassung führt schlicht dazu, dass eine solche Regierungsweise zur Degradation führt. Und ein kleines sowjetisches autoritäres Land wird zwangsläufig gegen ein großes sowjetisches autoritäres Land verlieren und von der politischen Weltkarte verschwinden, als hätte es nie existiert.

Ich bin aber daran interessiert, dass die Ukraine erhalten bleibt. Mehr noch: Ich glaube, dass Volodymyr Zelensky nicht weniger als ich daran interessiert ist, dass die Ukraine erhalten bleibt, denn der Zusammenbruch der Ukraine könnte nicht nur sein politisches Urteil bedeuten, sondern auch das Ende seines physischen Lebens. Deshalb habe ich den Präsidenten stets dazu aufgerufen, um seines eigenen Lebens, des Lebens seiner Familienangehörigen und seines engsten Umfelds willen darüber nachzudenken, der Ukraine jene staatliche Effektivität zurückzugeben, die sie nach den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen von 2019 verloren hat.

Das ukrainische Volk hat seinen Fehler gemacht. Aber verdient es deshalb, aufgrund dieses Fehlers ethnisch vernichtet, von seinem Territorium vertrieben zu werden und seinen Staat zu verlieren? Wäre das ein angemessener Preis, den das ukrainische Volk für den 2019 begangenen Fehler zahlen müsste? Ich glaube nicht. Ich glaube, dass sowohl diejenigen, die verstanden haben, dass es ein Fehler war, als auch diejenigen, die diesen Fehler begangen haben, ihre Kräfte bündeln können: Zelensky und ich, Zaluzhny und Fedorov, Poroshenko und Tymoshenko, denn wir sitzen alle in einem Boot. Und wenn die Ukraine aufhört zu existieren und dieses Schiff sinkt, dann gehen wir alle unter. Und dass Zelenskys Leiche dann im Ozean treibt, würde mir keinerlei Freude bereiten. Ich hoffe, dass auch Zelensky keine Freude empfinden würde, wenn er sähe, wie neben ihm Poroshenkos Leiche treibt. Genau darum geht es: dass diese Menschen dann nebeneinander treiben werden – längst tot. Und das betrifft auch die gewöhnlichen Menschen, die heute auf den Straßen ukrainischer Städte wie auf einem Schießstand erschossen werden – und auch künftig erschossen werden.

Kateryna Nekretscha: Ich möchte klarstellen, ob ich den Hauptgedanken hier richtig verstehe: Wenn wir wiederum von Politikern sprechen, und nicht einfach von Politikern, sondern von Staatsmännern, die vor allem das Interesse des Staates an die erste Stelle setzen müssen, insbesondere wenn es um das Überleben dieses Staates geht, wie Sie richtig angemerkt haben.

Portnikov: Des Staates, nicht der eigenen Macht.

Kateryna Nekretscha: Nicht der eigenen Macht. Ja. Denn inzwischen scheint ein Punkt erreicht zu sein, besonders angesichts dessen, was in der ukrainischen Hauptstadt geschieht, wie Russland seine Angriffe mit den strahlgetriebenen Shaheds verstärkt. Nun müsste uns doch endgültig allen klar sein, dass es kein einfaches Ende geben wird. Nicht einfach so, weil irgendjemand irgendeinen Vertrag unterzeichnet, wenn Russland tatsächlich nicht aufhört, das zu tun, was es tut, und seine Aggression nicht beendet.

Was müssen wir also alle tun, damit unser Staat effektiv wird und standhalten kann, damit er als Staat, als Land bestehen kann, damit wir so viele Leben wie möglich und unseren Staat bewahren können? Das heißt, das eigene Ich, das eigene Ego, einschließlich der Machtambitionen, muss man dann irgendwo zurückstellen und den Staatsmann nach vorn stellen. Wie muss ein Staatsmann diese Fragen heute lösen, angesichts der groß angelegten Invasion, der wirtschaftlichen und finanziellen Fragen, trotz der Unterstützung westlicher Partner, angesichts des Mangels an bestimmten Waffen und so weiter? Wie kann man dennoch dazu beitragen, dass die Ukraine trotz allem standhält, sich entwickelt und sich verteidigt? Welche Schritte können als Nächstes unternommen werden, wenn es keine Wahlen gibt, die wichtigsten Akteure dieselben sind, das Parlament dasselbe ist, im Grunde der Präsident derselbe ist, die Regierung kann man auswechseln. Was müsste der Präsident unter den Bedingungen, die wir haben, tun?

Portnikov: Wenn Sie von einem Staatsmann sprechen, meinen Sie damit einen konkreten Menschen? Oder einen Staatsmann im Allgemeinen?

Kateryna Nekretscha: In welcher Situation befinden wir uns denn de facto? Wir haben einen ehrgeizigen Präsidenten, der tatsächlich viele Prozesse, wenn nicht alle, steuert, der eine Alleinmehrheit hatte – heute wird darüber gestritten, ob sie in der Werchowna Rada noch besteht. Wir sehen, wie schwierig es manchmal ist, diese Stimmen zusammenzubekommen, ja? Aber dennoch gibt es seine Mehrheit oder seine Fähigkeit, sich mit jemand anderem im Parlament zu einigen. Das heißt, die Macht liegt in den Händen des Präsidenten und des Parlaments. Sie rufen, das wissen wir sehr gut, zu einer Regierung der nationalen Einheit auf. Aber wenn ich von einem Menschen, einem Staatsmann spreche, der das lösen kann, meine ich natürlich den Präsidenten, den Parlamentspräsidenten, die Abgeordneten, die trotz allem die richtigen Entscheidungen treffen können, wenn sie sich einigen und nicht ihre eigenen Interessen voranstellen. Die Regierung – ich meine sie alle.

Portnikov: Parlament, Regierung und andere Strukturen sind ihrer Funktionsfähigkeit beraubt. Es gibt einen Menschen, der seit 2019 in unserem Land alles entscheidet. Das ist der Präsident. Wir haben ein typisches postsowjetisches Regime. Ich werde nicht sagen wie in Russland oder Belarus, um niemanden zu beleidigen. Wie in Kasachstan oder Usbekistan. Nun, wir haben ein zentralasiatisches Regierungssystem. Ein kasachisches. Dort gibt es ebenfalls ein Parlament, es gibt nominelle Oppositionsparteien. Vor Kurzem gab es sogar Wahlen, bei denen diese Parteien nirgendwo hineinkamen. Es gibt nominell unabhängige Medien, es gibt Journalisten, die ihre Meinung äußern, so wie ich meine äußere, aber das hat auf nichts Einfluss. Die gesamte Macht liegt in den Händen des Präsidenten Kassym-Schomart Tokajew. Das heißt, wir haben genau ein solches Regime. Nur ist dieses Regime für die Führung eines Landes im Krieg ineffektiv.

Es gibt nur ein Aber. Kann man Zelensky hinsichtlich seiner Psychologie verändern? Nein, das kann man nicht. Genauso wenig, wie man Tokajew verändern kann. Diese Menschen sind überzeugt, dass die Macht sie selbst sind und dass sie selbst der Staat sind. Man kann Zelensky 150 Vorträge halten, man kann mit ihm über irgendetwas sprechen, wenn er das möchte. Er wird seine Vorstellung von Macht niemals ändern. Sie ist bei ihm einfach. Von Zelensky Veränderungen zu erwarten bedeutet faktisch, von ihm zu verlangen, dass er zu einem anderen Menschen wird. Er lebt in seiner eigenen Welt und wird niemals, ich wiederhole, niemals auf seine Vorstellung von Macht verzichten. Und übrigens wurde er gewählt, weil er diese Vorstellung von Macht hat. Die Bürger, die für ihn stimmten, stimmten für eine postsowjetische Art der Staatsführung. Sonst hätten sie kein anonymes Parlament gewählt.

Was ist also der Ausweg aus der Situation? Ich habe bereits gesagt, welcher: die Wiederherstellung der Eigenständigkeit des Parlaments. Wenn die Abgeordneten dazu fähig sind, werden sie diese Eigenständigkeit wiederherstellen. Wenn sie dazu nicht fähig sind, wird die Ukraine in ihrer Staatsführung weiter auf einen Abgrund zusteuern. Und retten wird uns nur, dass wir faktisch nicht über unser eigenes Geld verfügen und ein wirtschaftliches Protektorat des Westens sind. Und der Westen wird das Handeln unserer Staatsführung so weit korrigieren, wie er dazu in der Lage ist. Das ist alles.

Wenn das Parlament seine Eigenständigkeit wiederherstellt, ist das eine völlig andere Geschichte. Dann können Sie anerkennen, dass die Regierung, die bei uns arbeitet, politisch absolut illegitim ist, weil sie vom Präsidenten vorgeschlagen wurde, von einem Menschen, der damit verfassungsrechtlich überhaupt nichts zu tun hat, und nicht von den Parlamentariern, die eine Koalition bilden müssen.

Wir müssen nicht einmal über eine Regierung der nationalen Rettung oder eine Regierung der nationalen Einheit sprechen. Schon die Mehrheit von „Diener des Volkes“ funktioniert nicht. Sie müssten dem Präsidenten einen Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten vorschlagen und die Verantwortung für diesen Kandidaten übernehmen. Sie müssten dem Präsidenten Kandidaten für die Ministerämter vorschlagen und die Verantwortung für diese Kandidaten übernehmen. Wenn sie aber nichts vorschlagen und der Präsident ihnen alles vorschlägt, dann sind all diese Minister, egal wie oft man sie auswechselt, lediglich Sachbearbeiter im Büro desselben Präsidenten.

Das System der Gegengewichte funktioniert nicht, es funktioniert einfach nicht. Wen du dort auch ernennst, es bleibt die Macht des großen Zelensky und der kleinen Zelenskys. Der große Zelensky sitzt im Präsidentenbüro und trifft irgendwelche Entscheidungen, von denen unbekannt ist, wodurch sie bestimmt werden, weil wir das Niveau der Expertise nicht kennen. Die kleinen Zelenskys im Büro erzählen ihm, wie die Welt aussieht. Und er hört auf diejenigen, die ihm das sagen, was seiner eigenen Vorstellung von seiner Macht entspricht. Andere kleine Zelenskys sitzen in der Regierung und berichten den kleinen Zelenskys aus dem Präsidentenbüro. Und dann gibt es noch kleine Zelenskys, die die Hände heben.

Wie kann ein Staat effektiv sein, in dem es niemanden außer Zelensky in verschiedenen Ausführungen gibt? Das ist wie eine Matrjoschka. Du öffnest Zelensky, darin ist ein neuer Zelensky, noch ein neuer Zelensky, ein neuer Zelensky, ein neuer Zelensky, ein neuer Zelensky, noch einer. Sobald du kein Zelensky mehr sein willst und sagst: „Wissen Sie, ich bin jetzt nicht Zelensky, ich bin jetzt Mykhailo Fedorov. Ich bin nicht Zelensky, ich möchte einfach in Zelenskys Team sein, ich mag Zelensky, ich möchte mit Zelensky zusammen sein, aber ich bin nicht Zelensky.“ – „Nicht Zelensky? Raus hier, du Schurke. Neben mir dürfen nur meine verschiedenen Reinkarnationen sein.“ Das ist ein Wettbewerb „Doppeltes Kyiv“: Doppelgänger, Dreifachgänger, Vierfachgänger, Fünffachgänger.

Was braucht also der Staat? Der Staat braucht, dass Volodymyr Zelensky allein bleibt. Allein. Nicht klein, nicht groß, sondern einer, wie dieser Finger, und sich mit seinen unmittelbaren verfassungsmäßigen Pflichten beschäftigt: mit der Verteidigung und der Außenpolitik des Landes. Dass der Ministerpräsident eigenständig ist, dass der Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine eigenständig ist, dass das Parlament eigenständig ist, dass die Regierung eigenständig ist. Die Alternative ist das Verschwinden der Ukraine von der politischen Weltkarte und ein Prozess gegen Zelensky in Moskau als Kriegsverbrecher, falls er natürlich nicht rechtzeitig in irgendein anderes Land emigrieren kann, und anschließend lebenslange Haft in irgendeiner Strafkolonie „Weißer Schwan“. Will auch nur ein Ukrainer, dass sein Präsident in der Strafkolonie „Weißer Schwan“ sitzt?

Kateryna Nekretscha: Nun, wir kennen bereits einen solchen Präsidenten, an den wir uns erinnern können, dem dieser Status entzogen wurde. Ihn würden die Ukrainer vermutlich nicht ungern in einer Strafkolonie sehen.

Portnikov: Aber das ist nicht der Präsident, der das Land verteidigt, wie Zelensky. Das ist der Präsident, der das Land preisgegeben hat.

Kateryna Nekretscha: Zweifellos, zweifellos. Sehen Sie, ich glaube, wenn wir vor zwei Jahren so miteinander gesprochen hätten, hätte ich Argumente gefunden, um mit Ihnen zu streiten. Tatsächlich streite ich gern und bringe die Argumente der anderen Seite vor, damit die Diskussion interessanter wird. Für die Verteidigung dieses Systems gibt es keine. Obwohl ich mich erinnere, dass man früher in manchen Gesprächen, selbst mit Journalistenkollegen, die Meinung hören konnte: Nun, wenn im Staat irgendwelche schnellen Entscheidungen getroffen werden müssen, und das Parlament – im Grunde kamen ja die „Diener des Volkes“, sie kamen aufgrund des Namens Zelensky. Wie sollen sie eigenständig werden, wenn sie selbst – nun, nicht alle, vielleicht hat in diesen Jahren jemand verstanden, wo er sich befindet, vielleicht aber auch nicht alle. Wie sollen sie jetzt also eigenständig werden und anfangen, so zu handeln, wie es das Gesetz verlangt? Vielleicht können sie das einfach nicht.

Portnikov: Sollen sie noch einmal nach Truskawez fahren. Dort wird ihnen dann jemand anderes etwas beibringen und nicht Milowanow. Aber im Ernst: Bei dieser Geschichte mit den Korruptionsvergehen hat mich die Reaktion des Präsidenten irritiert. Er sagt, dass NABU und SAP keinerlei Fragen an ihn hätten. Das kann ich glauben. Warum sollte ich einen Menschen der Korruption beschuldigen, wenn ihn sonst niemand dessen beschuldigt? Aber die Frage ist doch nicht, ob das Staatsoberhaupt selbst an den Korruptionsvergehen seines engsten Umfelds beteiligt ist. Die Frage ist, dass er sich fragen muss: Was stimmt mit seiner Personalpolitik nicht?

Nun, ich würde darüber nachdenken, wenn sich in meinem Umfeld eine riesige Zahl von Menschen befindet – nicht alle natürlich, ich werde keineswegs alle beschuldigen. Dort gibt es sehr viele Menschen, darauf bestehe ich ebenfalls, mit staatsmännischem Denken, auch im Präsidentenbüro, ich kann sie aufzählen. Menschen, die sich mit Außenpolitik beschäftigen, Herr Kyslyzja etwa oder Herr Schowkwa, professionelle Diplomaten. Warum sollte ich mit Steinen nach ihnen werfen? Dort gibt es viele solche Menschen, die zweifellos Profis auf ihrem Gebiet sind. Aber wenn sich herausstellt, dass Menschen, die sich auf den wichtigsten Posten befinden, korrupt sind, ist das nicht nur eine Frage an sie, sondern auch an diejenigen, die sie ausgewählt haben.

Wenn deine Minister korrupt sind, ernennst du die Minister doch selbst – und nicht das Parlament. Wenn deine Manager im Büro korrupt sind, dann ist das eine Frage der Personalauswahl. Dann stimmt etwas mit deiner Personalpolitik nicht. Du musst deine Instrumente überdenken. Und was bedeutet es, die Instrumente zu überdenken? Die Verantwortung zu teilen. Es ist eine Sache, wenn dir die Parlamentskoalition korrupte Minister vorschlägt und du anschließend zu den Abgeordneten sagst: „Schämt ihr euch nicht? Ich habe diese Kandidaturen doch eingebracht. Wen habt ihr mir da vorgeschlagen?“ Etwas anderes ist es, wenn du den Abgeordneten künftige Korrupte vorschlägst und dann fragst, warum sie für sie gestimmt haben. Sie haben für sie gestimmt, weil du ihnen gesagt hast, sie sollten für all diese Menschen stimmen. Weil du es gesagt hast. Diese Menschen kamen ins Präsidentenbüro, weil du sie eingeladen hast. Also denk darüber nach, was du mit deiner Personalpolitik tun musst.

Übrigens hat Arseniy Yatsenyuk gesagt, man müsse Vertreter anderer politischer Kräfte in den Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrat einladen. Vielleicht ist das ein Ausweg? Nicht Sanktionen gegen Petro Poroshenko verhängen, sondern diese Sanktionen als rechtswidrig aufheben und eingestehen, dass du einen Fehler gemacht hast. Und natürlich geht es nicht nur darum, ihn in den Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrat einzuladen. Vielleicht sagt er dir dann, dass dieser Mensch, den du irgendwo ernennen möchtest, dich bestehlen wird? Nun, wenn du selbst den Dieb in deinem eigenen Umfeld nicht siehst, wenn du bereit bist, jemanden neben dich zu setzen, der dir in die Tasche greift – ich weiß nicht, vielleicht beruhigt er dich dabei und du bemerkst diese Hand nicht –, dann setz jemanden neben dich oder dir gegenüber, der sieht, wie du bestohlen wirst, wie man dir das Portemonnaie wegnimmt. Behalte dieses Portemonnaie, die Ukraine braucht es. Das ist alles.

Kateryna Nekretscha: Aber lassen Sie mich hier dennoch versuchen, ein wenig den Advokaten des Teufels zu spielen, in dem Sinne, dass wir zunächst einmal ehrlich sein sollten.

Portnikov: Der Präsident ist nicht der Teufel. Er ist ein Mensch, der auf viele Fragen, die nicht nur ihn beschäftigen, keine Antworten finden kann.

Kateryna Nekretscha: Ich wollte unseren Präsidenten keineswegs beleidigen. Nein, nein. Lassen Sie mich einfach etwas distanzierter ein Argument in diese Diskussion einbringen. Zunächst möchte ich betonen, dass es sich um Verdachtsmomente von NABU und SAP handelt; wir haben noch keine Gerichtsverfahren, in denen jemand gerichtlich für schuldig befunden wurde. Das ist ein wichtiger Punkt. Wichtig deshalb, weil solche Gerichtsverfahren Jahre dauern.

Und ebenso jetzt: Als Kyrylo Budanov in einem Kommentar gegenüber Espreso zu Mudra gefragt wurde, ob er mit ihr kommuniziere – dort fiel ein ähnlicher Name, Vor- und Vatersname klangen ähnlich wie Kyrylo Oleksijowytsch –, sagte er, dass viele Namen genannt würden und dass er mit Menschen kommuniziere, weil es, solange kein Gerichtsurteil vorliege, wonach jemand korrupt sei, einen gewissen Prozess gebe, auch im Zusammenhang mit Entlassungen, in dem sie miteinander kommunizierten. Er sagte, dass er sich nicht von Menschen abwende, solange es keine solche Entscheidung gebe. Das ist ein wichtiger Punkt. 

Und dann NABU und SAP: Ist diese Institution politisiert oder nicht? Ich suche gerade nach einem Kommentar, er war, glaube ich, im britischen Magazin The Economist. Dort schrieben sie und warnten vor dem Risiko, dass sich Antikorruptionsinstitutionen von unabhängigen Strafverfolgungsorganen in eigenständige politische Akteure verwandeln könnten und dass ihr Einfluss immer stärker über die rein antikorruptive Tätigkeit hinausgehe. Könnte das also dennoch eine bestimmte Kampagne gegen den Präsidenten sein, wenn zuerst journalistische Recherchen erscheinen, dann NABU und SAP ebenfalls ihre aufsehenerregenden Ermittlungen präsentieren, aber es keine Urteile gibt? Ist die Beweisgrundlage ausreichend, ist wirklich alles so, wie es uns gezeigt wird und wie es aussieht? Und dazu diese Warnung von The Economist.

Portnikov: Die Sache ist die: Wenn Sie unabhängige Antikorruptionsstrukturen schaffen, dann beschäftigen sich diese Antikorruptionsstrukturen mit Missbrauch innerhalb der Staatsführung. Wenn Sie unabhängige Journalisten haben, dann beschäftigen sich diese Journalisten mit Recherchen über die Staatsführung. Als Petro Poroshenko Präsident war, beschäftigten sie sich, wie Sie sich erinnern, mit Recherchen über Poroshenkos Umfeld. Sie erinnern sich gut an den Fall Hladkowskyj, nicht wahr?

Kateryna Nekretscha: Natürlich.

Portnikov: Und dem künftigen Präsidenten der Ukraine gefiel das außerordentlich. Und er sagte, wenn es bei ihm so etwas gäbe, würde er einfach nicht Präsident bleiben. Aber auch damals gab es kein Gerichtsurteil. Gab es ebenfalls nicht. Die Frage ist hier eine völlig andere. Wenn Sie diese Strukturen und solche Medien haben, beeinflussen sie die Haltung gegenüber der Staatsführung, und gerade deshalb werden sie zu politischen Akteuren, weil sie die Haltung der Gesellschaft gegenüber der Staatsführung beeinflussen.

Wenn Sie aber wollen, dass es keinerlei solche Probleme gibt, dann brauchen Sie Russland oder Belarus. Dort ist alles wunderbar, die Autorität der Staatsführung wird von niemandem untergraben. Der Einzige, der sie untergraben kann, ist Nawalny. Erinnern Sie sich an die Recherche über Putins Palast in Gelendschik? Was war Nawalnys Schicksal? Der Tod. Aber damals gefiel es den westlichen Medien doch, dass Nawalny und sein FBK politische Akteure waren. Faktisch erfüllte Nawalnys FBK, der Fonds zur Korruptionsbekämpfung, in Russland die Funktion des NABU – nur die Funktion eines solchen NABU, das man vernichten, vertreiben und töten konnte.

Unser Vorteil gegenüber Russland besteht dagegen, würde ich sagen, darin, dass unsere Antikorruptionsstrukturen staatliche Organe sind, die man nicht unterdrücken kann. Aber natürlich beeinflusst ihre Tätigkeit den politischen Prozess. Wie sollte es auch anders sein? Selbst vor Gerichtsurteilen. Die Alternative ist Autoritarismus. Demokratie ist nicht die beste Staatsform, aber eine bessere hat noch niemand erfunden.

Kateryna Nekretscha: Noch niemand. Wie Sie vorhin angemerkt haben: Ein kleines postsowjetisches autoritäres Land wird niemals ein so großes sowjetisches autoritäres Land besiegen? Deshalb gibt es hier einiges, worüber man nachdenken kann. Wir haben unterschiedliche Argumente gehört und analysiert, was ein effektiver Staat ist, und grundsätzlich gibt es leider keine Argumente dafür, zu sagen: Ja, wir sind effektiv. Aber zugleich haben wir auch bestimmte Rezepte und sogar gewisse Wege gehört, wie die Ukraine zu einem effektiven Staat werden kann. Denn eine andere Möglichkeit scheint es nicht zu geben. Oder kann ein solcher ineffektiver Staat trotz allem im russisch-ukrainischen Krieg standhalten? Abschließend noch ganz kurz, wenn Sie dazu einen Gedanken haben.

Portnikov: Je effektiver ein solcher Staat wird, desto größer sind seine Chancen, standzuhalten und zu siegen.


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Art der Quelle: Interview
Titel des Originals: Зеленському треба ділитися | Віталій
Портников @EspresoTv. 07.09.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 07.09.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Die Russen ziehen sich von Lyman zurück | Vitaly Portnikov. 10.09.2026.

Die russischen Truppen ziehen sich von Lyman zurück – ungeachtet jener schönen Berichte, die der Generalstab der Streitkräfte der Russischen Föderation für Putin vorbereitet. Davon zeugen zahlreiche Äußerungen der sogenannten russischen Z-Blogger, die gerade ihre eigene Militärführung beschuldigen, dem russischen Präsidenten die Wahrheit zu verschweigen und ihm stattdessen Informationen zu liefern, die er hören möchte.

Die ukrainischen Truppen führen bereits seit mehreren Monaten Gegenangriffe in Richtung Lyman durch und haben, wie Kriegsforscher meinen, alles Mögliche getan, um den Vormarsch der russischen Truppen in dieser für die Besatzer wichtigen Richtung zu stoppen und sogar selbst zum Angriff überzugehen, wodurch sie die Russen zum Rückzug von Lyman zwingen.

Und die Tatsache, dass die russische Militärführung weder die Öffentlichkeit noch Putin über solche Entwicklungen informiert, könnte auch die Haltung des russischen Präsidenten zur Frage von Verhandlungen mit der Ukraine über ein Ende des Krieges bestimmen.

Wenn wir über diese Haltung sprechen, machen wir uns ziemlich häufig nicht bewusst, dass Putin sich möglicherweise nicht auf die tatsächliche Lage an der Front stützt, sondern gerade auf jene Berichte, die er von Gerassimow und anderen russischen Generälen hört.

Es gibt konkrete Tatsachen, die damit zusammenhängen, dass es den Russen nicht gelingt, die Kontrolle über Swjatohirsk zu erlangen. Aber die Frage ist: Weiß der russische Präsident davon?

Die Antwort scheint mir offensichtlich zu sein. Nachdem wir von Putin erfahren hatten, dass russische Truppen Swjatohirsk kontrollierten, erhielten wir anschließend eindeutige Belege dafür, dass dort keine Russen sind.

Wozu verbreitete Putin diese Information? Ausschließlich, um die russische Öffentlichkeit und die westlichen Verbündeten der Ukraine zu desinformieren? Oder glaubt er tatsächlich seinen Generälen, die ihm ständig optimistische Prognosen über das Tempo des Vormarsches russischer Truppen auf ukrainischem Gebiet vorlegen?

Und noch eine wichtige Frage: Haben diese Generäle überhaupt eine echte Wahl? Denn in solchen totalitären Systemen riskiert ein Militär, der seinem eigenen Oberbefehlshaber die Wahrheit darüber berichtet, was an der Front geschieht, seine Karriere und seine Schulterstücke – wie es übrigens bereits einigen Vertretern der russischen Generalität ergangen ist, gegen die später entweder Ermittlungen eingeleitet wurden oder die auf diplomatischen Posten landeten.

Und so hat sich bei denjenigen, die heute die Berichte über die sogenannte „Spezialoperation“ erstellen, ein fester Instinkt herausgebildet: Putin darf nur gute Nachrichten hören. Und gerade weil Putin gute Nachrichten hört, kann er zu der Auffassung gelangen, dass er einen Verhandlungsprozess, der, wenn schon nicht zur Beendigung, so doch zumindest zu einer Unterbrechung des russisch-ukrainischen Krieges führen sollte, überhaupt nicht braucht. Denn seine Truppen rücken vor und erobern immer neue ukrainische Städte, denn die Angriffe seiner Raketen und Drohnen zermürben die ukrainische Wirtschaft, denn hybride Angriffe auf europäische Länder können zu einem triumphalen Sieg rechtsextremer politischer Kräfte führen, die die Unterstützung für die Ukraine einstellen und sich mit Russland zu dessen Bedingungen einigen werden.

Und dann stellt sich die Frage: Wozu braucht man überhaupt einen Verhandlungsprozess, wenn die Kapitulation des feindlichen Staates ohnehin eintreten wird? Das ist Putins einfache Position, die er bei den Verhandlungen mit amerikanischen Vermittlern demonstriert und die er bei seinen öffentlichen Auftritten in Bischkek oder Wladiwostok vermittelt.

Die Realität ist unterdessen keineswegs so, wie Putin sie aus den Berichten des Generalstabs der Streitkräfte der Russischen Föderation erfährt. Die Realität besteht darin, dass es den Russen tatsächlich nicht gelingt, sich in Richtung Lyman festzusetzen. Und deshalb hält auch die Vorstellung, sie könnten im Osten der Ukraine bedeutende Erfolge erzielen, keiner objektiven Kritik stand.

Die Realität ist, dass Moskau die vollständige Kontrolle über das gesamte Gebiet der Oblast Donezk – wenn die russischen Truppen weiterhin in dem Tempo vorrücken, in dem dies gegenwärtig geschieht, und sofern sie nicht gestoppt werden – tatsächlich erst in den 2030er-Jahren erreichen könnte.

Und natürlich kann man sagen, Putin habe Zeit, die Ukraine noch so viele Jahre zu zermürben, aber Zeit ist das eine und Alter das andere. Wir haben es mit einem älteren Mann zu tun, der schon lange all seine geopolitischen Hirngespinste in die Tat und seine Schulterstücke  möchte.

Die Realität besteht darin, dass nicht nur die ukrainische Wirtschaft schwächelt, die immerhin auf die Hilfe europäischer Länder hoffen kann, sondern auch die Wirtschaft der Russischen Föderation selbst. Deren Ölverarbeitung erleidet tatsächlich bereits faktisch irreversible Verluste, denn die Ausfälle in der Erdölverarbeitungsindustrie zwingen dazu, Ölquellen stillzulegen. Und das höchstwahrscheinlich für immer.

Die Realität besteht darin, dass die soziale Stabilität in der Russischen Föderation infolge dieser Probleme im Energiesektor unweigerlich zusammenbrechen wird. Und dabei sind dies erst die ersten Monate ukrainischer Angriffe auf Russland. Wenn die Ukraine die Möglichkeit erhält, das Territorium des feindlichen Landes mit westlichen Raketen anzugreifen oder über eigene ballistische Raketen verfügen wird, kann man sich vorstellen, wie viele für die russische Wirtschaft strategisch wichtige Objekte verschwinden werden, ohne dass sie wiederhergestellt werden können.

Denn Raketenangriffe werden mit den Schäden, die ukrainische unbemannte Fluggeräte der russischen Erdölverarbeitungsindustrie und dem militärisch-industriellen Komplex der terroristischen Föderation zufügen, nicht einmal vergleichbar sein.

Und deshalb kann man eindeutig sagen, dass die fehlenden russischen Möglichkeiten in Richtung Lyman nicht einfach irgendeine Episode im russisch-ukrainischen Krieg sind. Dieser Faktor erlaubt realistische Schlussfolgerungen darüber, wie gut der Präsident Russlands informiert ist und inwieweit er in der Lage ist, die Lage an der russisch-ukrainischen Front nüchtern einzuschätzen. Und er erklärt, warum selbst in einer Situation, in der Moskau, wie es uns scheinen könnte, an einem Verhandlungsprozess mit Kyiv interessiert sein müsste, weder Putin noch das unmittelbare Umfeld des russischen Präsidenten irgendeinen wirklichen Wunsch haben, über ein Ende des Krieges zu sprechen.

So ist es immer bei Menschen, die in ihrer eigenen bürokratischen Blase leben und sich in dieser Blase gerade deshalb sehr wohl fühlen, weil sie keinerlei schlechte Nachrichten erhalten und stattdessen darauf zählen können, dass die Berichte, die ihnen die Militärs vorlegen, genau ihre eigene Wunschvorstellung davon widerspiegeln werden, wie sich der russisch-ukrainische Krieg in nächster Zukunft entwickeln soll.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Росіяни відступають від Лиману | Віталій Портников. 10.09.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 10.09.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Witkoff wird aus den Verhandlungen gedrängt | Vitaly Portnikov. 10.09.2026.

Der Direktor der Central Intelligence Agency der Vereinigten Staaten, John Ratcliffe, könnte künftig eine führende Rolle im Verhandlungsprozess zwischen Russland und der Ukraine spielen, der auf die Möglichkeit eines Endes des Krieges abzielt, den der russische Diktator Putin gegen unser Land begonnen hat. Damit könnte Ratcliffe zumindest einen Teil der Aufgaben von Steve Witkoff und Jared Kushner übernehmen, die vor Kurzem Moskau und Kyiv besucht haben, um diesen Verhandlungsprozess wieder in Gang zu bringen.

John Ratcliffe war bekanntlich bereits vor der Ankunft der Vermittler in der russischen Hauptstadt. Über die tatsächlichen Einzelheiten seines Aufenthalts in Moskau wissen wir so gut wie nichts, doch etwas anderes ist bekannt. Der Präsident der Russischen Föderation Putin reagierte auf den Besuch des CIA-Direktors ohne große Begeisterung und versuchte ebenso wie sein amerikanischer Amtskollege Donald Trump, die Bedeutung dieses ersten Besuchs eines CIA-Direktors in Moskau seit vielen Jahren herunterzuspielen. Dabei betonte er, dies sei Teil der üblichen Kontakte zwischen den Geheimdiensten der Vereinigten Staaten und der Russischen Föderation.

Allerdings sagten auch während dieses Besuchs viele Beobachter, dass Ratcliffe, der für seine deutlich härtere Haltung gegenüber Russland bekannt ist als Witkoff, mit seinen Gesprächspartnern in Moskau gerade über die Notwendigkeit eines Endes des russisch-ukrainischen Krieges gesprochen haben könnte.

Gerade als Putin in Bischkek Ratcliffes Aufenthalt in der russischen Hauptstadt kommentierte, lud er demonstrativ Witkoff und Kushner nach Moskau ein und betonte, dass nicht nur er ihnen vertraue, sondern auch der amerikanische Präsident Donald Trump.

Was ist das anderes als die Suche nach angenehmen Verhandlungspartnern, denen man mithilfe von Putins Sonderbeauftragtem Dmitrijew einen Bären aufbinden kann? Dmitrijew wurde schließlich gerade deshalb auf seinen Posten berufen, um Vertretern der amerikanischen Administration von den unglaublichen wirtschaftlichen Perspektiven einer Zusammenarbeit zwischen der Russischen Föderation und den Vereinigten Staaten zu erzählen. Und natürlich können diese Perspektiven nur dann entstehen, wenn die Vereinigten Staaten ihre Unterstützung für die Ukraine aufgeben und sich eindeutig auf die Seite der Position der Russischen Föderation in diesem Krieg stellen.

Mit dem Direktor der Central Intelligence Agency könnte das nun nicht funktionieren. Ratcliffe könnte sowohl Putins Versprechen als auch – und das ist das Wichtigste – die Möglichkeiten des russischen Präsidenten in den weiteren Phasen des Krieges wesentlich realistischer einschätzen. Und genau das versucht Putin zu verhindern.

Daraus ergibt sich also eine recht einfache Schlussfolgerung. Wenn die Verhandlungen real werden können, wenn selbst Witkoff und Kushner in der russischen Hauptstadt erkennen konnten, dass Putin bereit ist, nicht nur über Verhandlungen zu reden, sondern bei diesen Verhandlungen auch Vereinbarungen zu treffen, dann können an diesen Prozessen nun tatsächlich zuständige Personen beteiligt werden. 

Und das ist ebenfalls ein sehr wichtiger Punkt, denn tatsächlich zuständige Personen sind Menschen, die Ämter in der Administration Donald Trumps bekleiden und nicht bloß Vermittler ohne irgendwelche dienstlichen Verpflichtungen sind. Und es sind Menschen, die die Logik der russischen Politik besser verstehen als die Immobilienmakler Witkoff und Kushner, die versuchen, die Interessen des russischen Präsidenten vor allem an ihren eigenen Geschäftsinteressen zu messen.

Wie Quellen in Washington betonen, hat der Präsident der Vereinigten Staaten Donald Trump allerdings bislang noch keine Entscheidung darüber getroffen, wie der Verhandlungsprozess der Amerikaner mit den Russen und Ukrainern in nächster Zeit aussehen soll und ob Witkoff tatsächlich nicht an diesem Prozess teilnehmen wird.

Zwischen Witkoff, der gemeinsam mit Kushner in jedem Fall der wichtigste Vermittler bei der Regelung im Nahen Osten bleiben wird, und Ratcliffe gibt es, wie angenommen wird, einen ernsthaften Konkurrenzkampf darum, wer sich um den Verhandlungsprozess zwischen der Russischen Föderation und der Ukraine kümmern wird. Und es ist offensichtlich, dass Witkoff bei seinem Versuch, seine eigene Rolle zu bewahren, sowohl an seine Bedeutung für Donald Trump denken kann, mit dem ihn bekanntlich nicht nur berufliche, sondern auch persönliche Beziehungen verbinden, als auch an seine eigenen Geschäftsinteressen. Denn wir können uns vorstellen, was Dmitrijew Witkoff und Kushner während der stundenlangen Essen alles erzählt hat und was Putin selbst Witkoff und Kushner während der stundenlangen Verhandlungen alles über Geschäfte erzählt haben könnte.

Aus dem Prozess auszusteigen bedeutet, die Kontrolle über die erträumten, aber bislang noch gar nicht existierenden Finanzströme zu verlieren. Deshalb könnten Ratcliffe auf der einen Seite und Witkoff auf der anderen Seite ein völlig unterschiedliches Interesse am eigentlichen Wesen des Verhandlungsprozesses haben. Und auch das muss man verstehen, wenn wir über die Lage im Zusammenhang mit der Fortsetzung des Dialogs zwischen Moskau und Kyiv und über die Perspektiven dieses Dialogs sprechen.

Denn wenn die russische Führung von der Notwendigkeit spricht, die Verhandlungen fortzusetzen, und ihre Bereitschaft erklärt, an diesen Verhandlungen teilzunehmen, bedeutet das noch lange nicht, dass tatsächlich die Möglichkeit besteht, dass solche Verhandlungen schon bald stattfinden werden. Und man sollte nicht glauben, dass ein Austausch der Vermittler – sagen wir Witkoff und Kushner, die Putin in die russische Hauptstadt eingeladen hatte, gegen Ratcliffe, über dessen Besuch Putin offensichtlich nicht erfreut war – die Begeisterung der Führung der Russischen Föderation für den eigentlichen Konsultationsprozess zwischen Russland und der Ukraine steigern würde.

In dieser Hinsicht können wir also sagen, dass die Amerikaner den Verhandlungsprozess einerseits ernster nehmen könnten. Und das wird zu einem wichtigen Anzeichen dafür, dass dieser Prozess aus Sicht des Weißen Hauses reale Konturen annehmen und Donald Trump vor den Zwischenwahlen zumindest irgendeinen Verdienst als Friedensstifter einbringen soll. Andererseits verstehen wir, dass die Russische Föderation einen echten Prozess lediglich imitieren und darauf hoffen könnte, die Vermittler für ihre Zwecke zu nutzen. Und aus dieser Sicht müssen wir ungeachtet aller Erklärungen der Führung der Russischen Föderation verstehen, dass das Auftreten eines ernst zu nehmenden Vermittlers – und noch dazu des Direktors der Central Intelligence Agency der Vereinigten Staaten – gerade durch die Bemühungen des Kremls blockiert werden könnte.

Das Wichtigste ist also, was Trump selbst über den russisch-ukrainischen Verhandlungsprozess und dessen Realisierbarkeit denkt. Und was der amerikanische Präsident heute tatsächlich braucht: eine Imitation des Verhandlungsprozesses vor den Zwischenwahlen, um zu zeigen, dass Trump die Ukraine nicht vergessen hat? Oder doch echte Verhandlungen, die zu einem wirklichen Frieden führen sollen?

Doch in dieser Situation ist natürlich nicht nur der Verhandlungsprozess entscheidend, sondern auch echter wirtschaftlicher und politischer Druck auf die Russische Föderation, um sie zur Beendigung des Krieges zu zwingen. Und natürlich eine Ausweitung der militärischen Hilfe für die Ukraine. Ohne das geht es nicht. Ohne das wird kein Putin der Welt irgendwelche Verhandlungen ernst nehmen.


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Titel des Originals: Віткоффа відтісняють від перемовин | Віталій Портников. 10.09.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 10.09.2026.
Originalsprache: uk
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Wozu braucht Putin Witkoff und Kushner? Vitaly Portnikov. 07.09.2026.

Навіщо Путіну Віткофф і Кушнер. Віталій Портников. 07.09.2026.

Noch vor einigen Monaten erschien allein die Möglichkeit einer Wiederaufnahme des Verhandlungsprozesses zwischen Russland und der Ukraine unter Beteiligung amerikanischer Vermittler eher als politische Fantasie, obwohl sowohl in Moskau als auch in Kyiv neue Besuche von Steve Witkoff und Jared Kushner nicht ausgeschlossen wurden. Doch die Vermittler waren mit einer Sisyphusarbeit beschäftigt – der Suche nach Wegen zur Regelung der Lage nach dem Krieg mit Iran –, und auch im Kreml hatte man es mit Verhandlungen nicht eilig. Es sei daran erinnert, dass nicht die Amerikaner und nicht die Ukrainer den Konsultationsprozess verließen, sondern ausgerechnet die Russen. In Moskau wurde bis vor Kurzem betont, dass die Verhandlungen erst wieder aufgenommen werden könnten, nachdem Kyiv seine Truppen aus jenem Teil der Gebiete Donezk und Luhansk abgezogen habe, der weiterhin unter der Kontrolle der legitimen ukrainischen Regierung steht. Bis dahin verweigert Putin jegliche Gespräche.

Doch dann kam der September – und die Vermittler reisten nach Moskau und Kyiv. Obwohl auf eine Regelung der Lage um Iran kaum zu hoffen ist. Obwohl die ukrainischen Truppen im Donbas bleiben. Und obwohl die russischen Angriffe auf Kyiv und andere ukrainische Städte weitergehen, gegen die man sich bislang nur schwer schützen kann.

Wir verstehen, wozu Zelensky die Wiederaufnahme der Verhandlungen braucht: Als Staatsoberhaupt eines Landes, das Opfer einer Aggression und von Zerstörungen geworden ist, ist er schlicht verpflichtet, nach Wegen zu einem gerechten Frieden zu suchen. Sowohl mit Blick auf die Erwartungen der eigenen Gesellschaft, die des endlosen Krieges müde ist, als auch mit Blick auf die Interessen der Partner, die möchten, dass Kyiv Chancen auf Frieden nicht zurückweist.

Wir verstehen, wozu Trump die Wiederaufnahme der Verhandlungen braucht, der sich einen Erfolg seiner Friedensbemühungen und Möglichkeiten zur Wiederaufnahme der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit Russland wünscht.

Und wir verstehen nicht so recht, wozu Putin die Wiederaufnahme der Verhandlungen braucht. Es sei denn, der russische Präsident ist tatsächlich über den Zustand seiner Wirtschaft besorgt und möchte die ukrainischen Angriffe beenden. Aber wie soll das ohne Vereinbarungen über Frieden geschehen?

Doch die Verhandlungen Witkoffs und Kushners in Moskau haben keine wirklichen Veränderungen der russischen Position erkennen lassen. Deshalb lässt sich Putins Bereitschaft zu Verhandlungen vorerst mit seiner üblichen Taktik der Zeitverzögerung erklären. Nur zieht Putin diesmal höchstwahrscheinlich nicht allein gegenüber Trump die Zeit in die Länge, sondern auch gegenüber den Staats- und Regierungschefs des Globalen Südens, den wirtschaftlichen Sponsoren Russlands – dem chinesischen Staatschef Xi Jinping und dem indischen Ministerpräsidenten Narendra Modi. Putin traf sich mit beiden während des Gipfels der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit in Bischkek. Und übrigens änderte sich gerade danach der Ton seiner Äußerungen merklich.

Ein weiterer Grund, der Putins Haltung beeinflusst haben könnte, ist der Wunsch des russischen Präsidenten, seinen amerikanischen Amtskollegen beim APEC-Gipfel im November im chinesischen Shenzhen zu treffen. Es ist klar, dass Putins Weigerung, sich mit den amerikanischen Vermittlern zu treffen und Bereitschaft zur Suche nach Wegen zum Frieden zu demonstrieren, einem solchen Treffen im Wege stehen könnte. Zumal Putin noch eine ehrgeizigere Idee hat, die der Berater des russischen Präsidenten Juri Uschakow nach Putins Verhandlungen mit Witkoff und Kushner „ausplauderte“.

Es geht um die Abhaltung eines Dreiergipfels von Trump, Putin und Xi Jinping am Rande des Treffens in Shenzhen. Für Putin wäre ein solches Treffen ein gewaltiger Erfolg, weil es festhalten würde, dass er zu den führenden Politikern der heutigen Welt gehört und auf einer Stufe mit dem Präsidenten der USA und dem Staatschef der Volksrepublik China steht. Und auch Trump neigt bekanntlich zu einem solchen Format.

Und es ist durchaus möglich, dass die Wiederaufnahme der Verhandlungen über ein Ende des russisch-ukrainischen Krieges Teil der Pläne des Kremls zur Organisation dieses Dreiertreffens geworden ist – und nicht mehr. Mit einem wirklichen Ende des Krieges und einem Übergang Russlands zu konstruktiveren und realistischeren Positionen dagegen könnte der Besuch der amerikanischen Vermittler überhaupt nichts zu tun haben.


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Titel des Originals: Навіщо Путіну Віткофф і Кушнер.
Віталій Портников. 07.09.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung: 07.09.2026.
Originalsprache: uk
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