„Die Ukraine ist in ein ‚ideales Labyrinth‘ von Fallen geraten“ – Vitaly Portnikov. 08.06.2026.

„Україна потрапила в „ідеальний лабіринт“ пасток“, – Віталій Портников. 08.06.2026.

Vergangene Woche wurde bekannt, dass zwischen der Ukraine und Russland nichtöffentliche Kontakte bestanden, die mit Verhandlungen über die Beendigung des Krieges zusammenhingen. Außerdem veröffentlichte Präsident Volodymyr Zelensky am 4. Juni einen offenen Brief an den russischen Staatschef Wladimir Putin, in dem er ebenfalls zur Beendigung des Krieges aufrief. Über die Perspektiven des Verhandlungsprozesses, das Risiko einer russischen Invasion in die baltischen Staaten sowie über die Möglichkeit eines Umsturzes innerhalb Russlands spricht der bekannte ukrainische Journalist und Publizist Vitaly Portnikov.

Moderatorin: Herr Vitaly, ich begrüße Sie. Heute werden die Perspektiven einer Beendigung des Krieges, zumindest seiner „heißen“ Phase, intensiv diskutiert. Kürzlich erklärte Kyrylo Budanow, Präsident Zelensky habe dazu aufgerufen, alle Anstrengungen zu unternehmen, um die aktiven Kampfhandlungen bis zum Winter zu beenden. Wir haben gemeinsame Fotos der Staatsführung gesehen, Besuche amerikanischer Amtsträger wurden angekündigt. Kann man annehmen, dass sich der Verhandlungsprozess tatsächlich intensiviert hat? Und wie begründet sind die Erwartungen an eine Kompromisslösung?

Vitaly Portnikov: Mir scheint, dass ich seit Jahren immer wieder erkläre: Jegliche Schritte zur Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges sind keine Frage Kyivs, sondern eine Frage Moskaus. Wir wollen den Krieg seit Februar 2022 beenden. Präsident Zelensky und andere ukrainische Amtsträger sprechen alle paar Wochen über die Möglichkeit einer Beendigung des Krieges unter Beteiligung amerikanischer Vermittler. Zelensky sagte, sie würden kommen, sobald die Frage des Nahen Ostens gelöst sei, doch diese gerät jetzt in eine Sackgasse.

Damit Verhandlungen unter Beteiligung der USA tatsächlich funktionieren, muss Washington über reale Druckmittel sowohl gegenüber Moskau als auch gegenüber Kyiv verfügen. Solche Möglichkeiten gibt es derzeit nicht. Donald Trump hoffte, Druck auf die Russische Föderation über die Ölpreise und Energiesanktionen auszuüben, doch die Lizenzen für den Verkauf russischen Öls, das sich bereits auf See befindet, werden verlängert. Wenn der Krieg andauert und die Straße von Hormus blockiert bleibt, werden die Vereinigten Staaten diese Lizenzen nicht nur verlängern, sondern Russland auch erlauben, neues Öl zu verkaufen, um die Illusion eines Gleichgewichts aufrechtzuerhalten.

Was die Ukraine betrifft, so verfügen die USA ebenfalls über keine Möglichkeiten, Druck auf uns auszuüben. Wir waren von amerikanischen Waffen abhängig, doch inzwischen haben die USA im Konflikt im Nahen Osten eine beträchtliche Anzahl von Patriot-Raketen verbraucht, wo sie für die Verbündeten in den Staaten des Persischen Golfs äußerst notwendig sind.

Dann stellt sich die Frage: Von welchen Kompromissen sprechen wir überhaupt? Moskau hat seine Bedingung klar formuliert: „Wir nehmen die Verhandlungen wieder auf, wenn die Truppen aus dem Donbas abgezogen werden.“ Das ist keine Bedingung für einen Dialog, sondern eine Methode, ihn zu vergessen. Kyiv ist nicht verpflichtet, unpopuläre Zugeständnisse zu machen, weil Trump im Gegenzug nichts anzubieten hat.

Wenn wir solche Erklärungen kommentieren, sollten wir uns fragen: Warum glauben wir, dass diese Prognosen angemessen sind? Alle Beteiligten des Konflikts haben sich bei ihren Einschätzungen wiederholt geirrt. Gibt es heute objektive Voraussetzungen für ein Kriegsende? Nein. Sie können nur entstehen, wenn das russische militärisch-industrielle und das Ölraffineriepotenzial intensiv zerstört werden.

Wenn dies anhält, könnten mit der Zeit Voraussetzungen für eine Waffenruhe entstehen, ähnlich wie im Krieg der USA mit dem Iran – eine Situation eines langanhaltenden „Einfrierens“ oder intensiver Raketenangriffe ohne Veränderung der Frontlinie.

Moderatorin: Wenn wir über das Potenzial Russlands sprechen – besteht das Risiko, dass es eine „zweite Front“ gegen die baltischen Staaten eröffnet? Militäranalysten sagen, die Ressourcen der Russischen Föderation seien in der Ukraine gebunden, daher könne es keine Offensive geben. Stimmen Sie dem zu?

Vitaly Portnikov: Ich stimme zu, einen groß angelegten Angriff auf die baltischen Staaten oder Polen wird es nicht geben. Aber Beschüsse militärischer Objekte oder Provokationen mit Drohnen kann man nicht ausschließen. Das beunruhigt die Europäer sogar mehr als die Gefahr einer Bodeninvasion.

Das verändert die Psychologie: Wenn ein Einwohner von Riga oder Tallinn versteht, dass etwas direkt bei ihm einschlagen kann, dann ist das eine völlig andere Geschichte. Viele demokratische Politiker fürchten solche Aktionen, weil Russland eine Atommacht ist, und sie tun alles, damit der Krieg nicht auf ihr Territorium kommt. Das sind die Regeln der Wahlpolitik in jedem Land.

Wenn die Ukraine nicht Konfliktpartei wäre und der Krieg beispielsweise in Belarus stattfinden würde, würden die Ukrainer genauso reagieren wie heute die Polen oder Rumänen: „Wir verurteilen die Aggression, aber wir wollen keine Teilnehmer sein.“

Moderatorin: Sie haben Armenien erwähnt. Putin hat ihm mit einem „ukrainischen Szenario“ gedroht, falls es sich für den europäischen Weg entscheidet. Kann die Russische Föderation irgendwelche realen Schritte unternehmen, wenn man die dortige russische Militärbasis berücksichtigt?

Vitaly Portnikov: Die russische Militärbasis in Armenien ist keine Kraft, die den politischen Prozess beeinflussen könnte. Nachdem Aserbaidschan seine territoriale Integrität wiederhergestellt hat, bleiben Russland nur wirtschaftliche Instrumente und     Versuche, prorussische Aktivisten einzuschleusen.

Doch die Soziologie zeigt eine tiefe Enttäuschung der armenischen Gesellschaft über Moskau. Menschen, die sogar mit prorussischen Parolen auftreten, haben in Wirklichkeit Angst, ohne den „Schutz“ Russlands den regionalen Akteuren allein gegenüberzustehen, glauben aber nicht mehr an Russland als freundliches Land.

Der Krieg in der Ukraine hat Moskaus Pläne durchkreuzt, ethnische Konflikte in der Region auszunutzen, und heute versuchen Armenien und Aserbaidschan, ihren eigenen Weg zu finden.

Moderatorin: Ist ein Umsturz innerhalb Russlands aufgrund der wirtschaftlichen Enttäuschung der Eliten möglich?

Vitaly Portnikov: Ich sehe dafür keine Grundlage. Russland ist ein Staat, in dem ein Monopol der Geheimdienste errichtet wurde. Der Kampf zwischen FSB, FSO und Armee dauert historisch an, aber sie haben in der Hauptsache keine Meinungsverschiedenheiten: Russland soll innerhalb der Grenzen der ehemaligen UdSSR bestehen.

Der Tod Putins wird die Situation nicht verändern, weil es keine Alternative zu einer Herrschaft der Sicherheitsapparate gibt. Damit eine solche Alternative entsteht, wäre eine Revolution nötig, und für eine solche sind derzeit keine Voraussetzungen zu erkennen.

Moderatorin: Stimmt es, dass die Frage der Ukraine bis zur Lösung der Krise mit dem Iran auf Eis liegen wird?

Vitaly Portnikov: Wenn die Straße von Hormus blockiert bleibt, wird dies zu einer Energiekrise führen, vor deren Hintergrund man alle anderen Kriege einfach vergessen wird. Wir können uns nicht einmal das Ausmaß des wirtschaftlichen Zusammenbruchs vorstellen, der die Welt Ende 2026 erwarten könnte.

Die Ukraine ist in ein „ideales Labyrinth“ von Fallen geraten. Der einzige Ausweg besteht in einer systematischen Schwächung des Potenzials der Aggressoren. Autoritäre Regime können aber auf eine höhere Leidensbereitschaft ihrer Bevölkerung bauen als demokratische Staaten.

Letztlich müssen wir uns daran gewöhnen: Zwischen Russland und der Ukraine wird es in den kommenden Jahrzehnten keinen „Friedensvertrag“ geben. Es wird einen Waffenstillstand mit episodischen Eskalationen geben. Und das wird bereits ein Glück sein, wenn es uns gelingt, ein solches Format anstelle eines endlosen Krieges zu erreichen.

Moderatorin: In welcher Welt wird Europa leben?

Vitaly Portnikov: In einer schwierigen. Wenn es nicht gelingt, den Krieg „einzufrieren“, wird er sich auf Europa ausweiten. Russland kann beginnen, europäische Militäranlagen anzugreifen, um die EU dazu zu zwingen, die Unterstützung der Ukraine aufzugeben.

Die gefährlichste Periode werden die Jahre 2027–2028 sein, wenn Putin überzeugt sein könnte, dass der Westen auf Angriffe nicht mit militärischen Mitteln reagieren wird.


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Art der Quelle: Interview
Titel des Originals: Україна потрапила в
„ідеальний лабіринт“ пасток“, – Віталій
Портников. 08.06.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 08.06.2026.
Originalsprache: uk
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Fünf Bedingungen für Putin | Vitaly Portnikov. 08.06.2026.

Das Londoner Treffen des ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky mit dem Premierminister Großbritanniens Keir Starmer, dem Präsidenten Frankreichs Emmanuel Macron und dem deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz endete mit der Formulierung von fünf Bedingungen an die Russische Föderation im Zusammenhang mit einem möglichen Verhandlungsprozess.

Die Teilnehmer des Treffens fordern von Russland die Zustimmung zu einer vollständigen Einstellung der Kampfhandlungen auf allen Frontabschnitten und dazu, dass Verhandlungen in dem Moment beginnen können, in dem die Bedingung einer Waffenruhe entlang der aktuellen Kontaktlinie erreicht wird, ebenso unter strikter Beachtung der These, dass international anerkannte Grenzen nicht mit Gewalt verändert werden dürfen.

Außerdem soll die Ukraine Sicherheitsgarantien erhalten, die die verpflichtende Stationierung multinationaler Friedenstruppen einschließen.

Russische Vermögenswerte bleiben so lange eingefroren, bis die Russische Föderation der Ukraine Entschädigungen für alle Schäden zahlt, die mit der russischen Aggression verbunden sind.

Und Europa soll in einer neuen Sicherheitsarchitektur eine verlässliche Sicherung und den Schutz seiner strategischen Interessen erhalten.

Das sind, würde ich sagen, ziemlich ernsthafte und aussagekräftige Bedingungen. Unklar ist nur, auf welche Weise man beabsichtigt, sie umzusetzen und die Zustimmung des Präsidenten der Russischen Föderation, Putin, zu solchen Bedingungen zu erreichen.

Der Außenminister der Russischen Föderation, Sergej Lawrow, hat bereits betont, dass die Aufstellung solcher Bedingungen die Widersprüchlichkeit des Westens widerspiegele und dass allein der Wunsch, die Ukraine weiter zu bewaffnen, die Möglichkeit irgendwelcher realen Verhandlungen ausschließe. Lawrow unterstrich, dass derzeit keinerlei Verhandlungen mit der Ukraine auf der Tagesordnung stünden. Alles werde von den russischen Streitkräften abhängen, die ihre Versuche fortsetzen, neue ukrainische Gebiete zu besetzen. Die möglichen Friedenstruppen auf ukrainischem Boden bezeichnete der Leiter des russischen Außenministeriums dreist als Besatzungstruppen.

Die Möglichkeit irgendwelcher russisch-ukrainischer Verhandlungen wurde auch vom Pressesprecher des Präsidenten der Russischen Föderation, Dmitrij Peskow, zurückgewiesen. Und damit können wir erneut eine offensichtliche Sackgasse im Verhandlungsprozess feststellen.

Doch stellen wir uns vor, dass Verhandlungen tatsächlich beginnen. Wie soll man den Präsidenten der Russischen Föderation dazu bringen, zuzustimmen, dass solche Verhandlungen nur im Falle einer Einstellung der Kampfhandlungen stattfinden können? Schließlich hat Putin vom amerikanischen Präsidenten Donald Trump die Zustimmung zu einem Modell erhalten, nach dem Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine unter amerikanischer Vermittlung gerade dann stattfinden können, wenn die Kampfhandlungen weitergehen.

Wie soll man sich damit einverstanden erklären, dass Russland die Idee eines Waffenstillstands entlang der Kontaktlinie akzeptiert, wenn die Forderung nach dem Abzug ukrainischer Truppen aus den von der Russischen Föderation annektierten Gebieten faktisch die wichtigste politische Forderung des russischen Präsidenten bleibt? Und Putin beabsichtigt offensichtlich nicht, die Kampfhandlungen zu beenden, ohne dass die ukrainischen Streitkräfte die Gebiete der Regionen Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja verlassen.

Wie soll man sich damit einverstanden erklären, dass Russland die These von den international anerkannten Grenzen akzeptiert, wenn aus seiner Sicht die Regionen Donezk, Luhansk, Cherson, Saporischschja sowie die Krim Subjekte der Russischen Föderation sind, die in die von Putin zu einem Lumpen degradierte russische Verfassung eingetragen wurden?

Wie können die europäischen Länder von Russland Reparationszahlungen an die Ukraine verlangen, wenn in Moskau selbst betont wurde, dass man von Kyiv Zahlungen für die zerstörte Infrastruktur der von Russland besetzten ukrainischen Gebiete erwarte? Und ich kann mir sogar vorstellen, dass ein gegenseitiger Verzicht auf Reparationen im Kreml als ein durchaus brauchbarer Kompromiss für zukünftige Verhandlungen mit der Ukraine angesehen werden könnte, falls solche Verhandlungen überhaupt in absehbarer Zukunft stattfinden.

Und was die Einbindung der Interessen Europas in eine neue strategische Sicherheitsarchitektur betrifft, stellt sich die Frage, wie wahrscheinlich überhaupt das Entstehen einer solchen neuen Sicherheitsarchitektur in naher Zukunft ist und warum die europäischen Führer glauben, dass der Präsident der Russischen Föderation überhaupt die Absicht hat, mit ihnen über irgendwelche Themen zu sprechen, solange er in der Lage ist, seinen Dialog mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten zu führen.

Denn wir sehen bereits, dass Putin gegenüber den europäischen Führern weiterhin eine verächtliche Haltung einnimmt, überzeugt davon, dass gerade der Dialog mit den Vereinigten Staaten ihm Möglichkeiten politischen Einflusses auf Europa verschaffen wird.

Und ich sage nicht einmal, dass Putins Berechnungen zwangsläufig durch den tatsächlichen Verlauf der Ereignisse bestätigt werden müssen. Keineswegs. Ich betone lediglich, dass genau dies die politische Position ist, die der russische Präsident einnimmt. Und weder die europäischen Führer noch der ukrainische Präsident verfügen heute über reale Instrumente, um eine Änderung dieser Position herbeizuführen.

Somit lassen sich die Ergebnisse des Treffens des Präsidenten der Ukraine, des Präsidenten Frankreichs, des Premierministers Großbritanniens und des deutschen Bundeskanzlers als eine Absichtserklärung charakterisieren, die heute unrealistisch umzusetzen ist.

Doch auch eine solche Absichtserklärung hat ihren Sinn für die Zukunft, denn sie setzt eine aktivere Beteiligung Europas an der weiteren Bewaffnung der Ukraine voraus, einschließlich weitreichender Waffen zur weiteren Zerstörung der russischen Infrastruktur, des militärisch-industriellen Komplexes, der Ölraffinerien und der Ölhäfen, worauf der Außenminister der Russischen Föderation, Sergej Lawrow, auf seiner heutigen Pressekonferenz mit deutlicher Ablehnung reagierte.

Und in dieser Situation können wir klar sagen, dass genau hierin der Schlüssel zu einer Veränderung der Position des Präsidenten der Russischen Föderation in absehbarer Zukunft liegt. Putin könnten Verhandlungen mit der Ukraine und den europäischen Staaten nur dann interessieren, wenn die militärisch-industrielle Infrastruktur der Russischen Föderation sowie ihre energetischen Möglichkeiten infolge der langandauernden Konfrontation mit der Ukraine zerstört werden und Kyiv in der Lage ist, russische Militärbetriebe, die Ölverarbeitung und die Möglichkeiten des Ölexports zu vernichten.

Vergessen wir jedoch nicht, dass dieser Prozess heute erst beginnt. Das Jahr 2026 ist gewissermaßen das erste Jahr, in dem der Krieg tatsächlich auf das Territorium der Russischen Föderation selbst übergegangen ist und Probleme für das Funktionieren der russischen Wirtschaft schafft.

Und immer wird die Frage entstehen, wie viel Zeit die Ukraine benötigen wird, um die Wirtschaft des aggressiven Nachbarstaates tatsächlich zu zerstören. Und auf welche Weise die Verbündeten der Ukraine helfen können, sich gegen die russischen Angriffe zu verteidigen, die, wie wir sehen, weiterhin das wichtigste Argument des Kremls in der fortgesetzten langen Konfrontation bleiben.


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Titel des Originals: Пʼять умов для Путіна | Віталій Портников. 08.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 08.06.2026.
Originalsprache: uk
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Trump tauscht Witkoff gegen Theophilos aus | Vitaly Portnikov. 08.06.2026.

Israelische Medien berichten, dass der amerikanische Präsident Donald Trump den orthodoxen Patriarchen von Jerusalem, Theophilos II., gern in der Rolle eines neuen Vermittlers bei der Regelung der Frage der Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges sehen würde. Über eine solche Möglichkeit habe Trump angeblich bei ihrem jüngsten Treffen im Weißen Haus mit dem Patriarchen gesprochen. Und im Patriarchat von Jerusalem bestätigt man tatsächlich, dass der Patriarch sich gern mit Aufgaben humanitärer Natur befassen würde.

Diese Nachricht illustriert erstens, dass sich der Präsident der Vereinigten Staaten hinsichtlich der Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges in einer Sackgasse befindet. Seine wichtigsten Vermittler, Steve Witkoff und Jared Kushner, sind mit der Suche nach Auswegen aus einer anderen Krise beschäftigt – der Krise des Krieges mit dem Iran. Und ungeachtet der ständigen optimistischen Erklärungen Donald Trumps ist heute keinerlei reale Perspektive erkennbar, nicht einmal für die Beendigung des Konflikts als solchen, sondern vor allem für die Öffnung der Straße von Hormus. Bleiben wir jedoch gemeinsam mit Donald Trump optimistisch, denn die Folgen eines Scheiterns des amerikanischen Präsidenten bei dieser Aufgabe wären schlicht überwältigend.

Witkoff kann derzeit weder Moskau noch Kyiv besuchen, doch in der russischen Hauptstadt wartet man auch nicht besonders auf den Vertreter Trumps, denn man würde den Verhandlungsprozess gern in die gewöhnliche Routine von Treffen von Kommissionen und Berufsdiplomaten überführen – also in Verhandlungen um der Verhandlungen willen, die es dem russischen Präsidenten Putin erlauben würden, die Zerstörung der Ukraine fortzusetzen. Witkoff hingegen erwartet vom russischen Präsidenten ständig irgendwelche schnellen Ergebnisse, die Putin nicht interessieren.

Und nun hat Trump entschieden, dass möglicherweise der Patriarch von Jerusalem Putin überzeugen könne, seinen Standpunkt zu ändern. Zumal ein Treffen Theophilos’ II. mit dem russischen Präsidenten bereits für diesen Monat geplant ist.

Schon die Idee einer Vermittlung durch den Patriarchen von Jerusalem demonstriert eine weitere wichtige Eigenschaft der gegenwärtigen amerikanischen Administration: mangelndes Verständnis der Situation, man könnte sagen Dilettantismus. Muss es dort denn nicht irgendwelche Spezialisten für die orthodoxe Welt geben? 

Denn Theophilos II., der zu Beginn seines Patriarchats ein Mann war, der sich scharfe Kritik an der Russisch-Orthodoxen Kirche erlaubte, wurde mit der Zeit zu einem der prorussischsten Patriarchen der orthodoxen Welt überhaupt – bis hin zu dem Versuch, ein schismatisches Treffen der Patriarchen im jordanischen Amman abzuhalten, was vom Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios verurteilt wurde.

Allerdings muss man der Wahrheit ins Auge sehen: Viele Oberhäupter orthodoxer Kirchen konnte der Patriarch von Jerusalem damals nicht versammeln. Doch der Kriegspatriarch Kirill kam. Ebenfalls kamen die der Russisch-Orthodoxen Kirche nahestehenden Oberhäupter der georgischen und der serbischen Kirche.

Patriarch Theophilos ist ein überzeugter Gegner der autokephalen Orthodoxen Kirche der Ukraine und ein Anhänger der Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats. Er gehört nicht einfach zu jenen, die die Rückkehr der Orthodoxen Kirche der Ukraine auf die religiöse Landkarte der modernen Welt nicht anerkennen. Er gehört zu jenen, die aktiv gegen diese Entscheidung des Ökumenischen Patriarchen kämpfen, und seine Position stimmt mit der Position Präsident Putins und des russischen Patriarchen Kirill überein.

Im vergangenen Jahr erhielt der Patriarch von Jerusalem Theophilos II. vom Präsidenten der Russischen Föderation den Orden der Freundschaft. Ganz so wie der inzwischen ehemalige ungarische Außenminister Péter Szijjártó. Und er erhielt ihn nicht ohne Grund, denn die faktische Bedienung der Interessen der Russischen Föderation und der Kirche Patriarch Kirills durch den orthodoxen Patriarchen von Jerusalem ist für jeden, der sich in den Ereignissen der orthodoxen Welt auskennt, keineswegs eine große Neuigkeit.

Übrigens besitzt Patriarch Theophilos II. auch einen ukrainischen Orden. Er könnte ihn Donald Trump als weitere Zeile in seinem Lebenslauf präsentieren, die den amerikanischen Präsidenten von der Fähigkeit des Patriarchen von Jerusalem überzeugen sollte, zwischen Moskau und Kyiv zu vermitteln. Nur wurde dieser Orden, der Orden Jaroslaws des Weisen, dem Patriarchen von Jerusalem von niemand anderem als Viktor Janukowytsch verliehen. Und mir scheint, dass dies eine recht passende Ergänzung zu der hohen Auszeichnung ist, die der Patriarch von Jerusalem von Präsident Putin erhalten hat.

Zu behaupten, dass der orthodoxe Patriarch von Jerusalem ein wirklicher Vermittler zwischen Moskau und Kyiv sein könne, kann daher nur jemand, der nicht versteht, wen er vor sich hat.

Mit anderen Worten: Theophilos II. ist ein entschiedener Anhänger der Russischen Föderation. Er könnte weniger vermitteln als vielmehr Präsident Zelensky oder anderen ukrainischen Führungspersönlichkeiten Ultimaten des Präsidenten der Russischen Föderation überbringen. Eine Art Abramowitsch in einer Soutane. Und politisch betrachtet enthält der Lebenslauf des orthodoxen Patriarchen von Jerusalem nichts anderes.

Doch offensichtlich muss Donald Trump die Aktivität imitieren, um zu demonstrieren, dass er den russisch-ukrainischen Krieg nicht vergessen hat, und zugleich nichts Realistisches tun, damit dieser Krieg tatsächlich endet. Denn wenn der amerikanische Präsident dies wirklich wollte, würde er nicht mit dem orthodoxen Patriarchen von Jerusalem über irgendetwas sprechen, sondern das Gesetz unterzeichnen, das kürzlich vom amerikanischen Kongress verabschiedet wurde.

Denn um den Krieg zu beenden, muss man das militärische und ölverarbeitende Potenzial der Russischen Föderation zerstören, die russische Wirtschaft in die Knie zwingen und Bedingungen für den Zusammenbruch des Putin-Regimes schaffen. Und das kann nur mit amerikanischer Hilfe und nur mit amerikanischem Geld geschehen, wenn man es schnell machen will.

Und das ist weit wirksamer als irgendwelche Gebete des orthodoxen Patriarchen von Jerusalem, Theophilos II. Zumal offensichtlich ist, dass dieser Kirchenfunktionär ausschließlich für die Gesundheit und das Wohlergehen des Präsidenten der Russischen Föderation Putin und seines kriegerischen Pseudopatriarchen Kirill beten wird.


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Titel des Originals: Трамп міняє Віткоффа на Феофіла | Віталій Портников. 08.06.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 08.06.2026.
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
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Die Schlacht um Armenien. Vitaly Portnikov. 07.06.2026.

Битва за Вірменію. Віталій Портников. 07.06.2026.

Der 7. Juni ist möglicherweise einer der wichtigsten Tage für die Zukunft dessen, was vom postsowjetischen Raum übrig geblieben ist. Die scheinbar banalen Parlamentswahlen in Armenien hat der Kreml in eine echte Schlacht verwandelt – mit Drohungen, Produktverboten und einer Landung russischer Einwohner mit armenischen Pässen zur Unterstützung der Partei eines russischen Geschäftsmanns ohne armenischen Pass. Vollkommener Wahnsinn – aber bei Putin ist das immer so!

Wenn man jedoch den historischen Kontext genauer betrachtet, wird deutlich, wie wichtig für den Herrn des Kremls die Kontrolle über den Südkaukasus ist. Aus unserem Gedächtnis ist irgendwie verschwunden, dass die Ereignisse in der Sowjetunion, wenn man von den gesellschaftlichen Bewegungen in den Unionsrepubliken spricht, tatsächlich nicht in Litauen, sondern in Armenien begannen. Mit dem „Karabach-Komitee“. Und hier ist wichtig: Der KGB nutzte bereitwillig die damaligen Stimmungen in der Gesellschaft, das Gefühl der Ungerechtigkeit darüber, dass ein Gebiet mit armenischer Mehrheit zu Aserbaidschan gehörte, und dass jemand von außen die Grenzen Aserbaidschans verändern wollte, um die Völker buchstäblich gegeneinander aufzuhetzen und so eine ideale Falle sowohl für die Aserbaidschaner als auch für die Armenier zu errichten – und zugleich zur Destabilisierung der Lage in der Sowjetunion beizutragen und die Ineffektivität und Hilflosigkeit der Parteiführung zu demonstrieren.

Als das kommunistische Imperium endgültig zusammenbrach und die Leute vom KGB (nunmehr FSB) begannen, sich der Macht in Russland zu bemächtigen, blieben die Türen der kaukasischen Mausefalle fest verschlossen. Mehr noch: Als der neue Präsident Aserbaidschans, Heydar Aliyev, selbst ehemaliger Vorsitzender des KGB der Aserbaidschanischen SSR, versuchte auszubrechen und sich mit seinem armenischen Kollegen Levon Ter-Petrosyan, dem ehemaligen Vorsitzenden des „Karabach-Komitees“, zu verständigen, organisierte der Kreml einen Militärputsch in Armenien und übergab die Macht seinem Schützling und ehemaligen Präsidenten der selbsternannten Republik Bergkarabach, Robert Kocharyan. Im Grunde geschah in Armenien damals das, was 1994 in der Ukraine geschah – nur dass Kocharyan nicht Kutschma, sondern eher sofort Medwedtschuk war.

Aber nicht Janukowytsch. Wenn man diese Parallelen fortsetzt, dann war Janukowytsch der Nachfolger Kocharyans, Serzh Sargsyan, der versuchte, mit Moskau befreundet zu sein und gleichzeitig Geld aus dem Westen zu erhalten. Putin erreichte praktisch gleichzeitig sowohl bei Sargsyan als auch bei Janukowytsch die Ablehnung des Assoziierungsabkommens mit der Europäischen Union. Janukowytsch verlor innerhalb der folgenden Monate die Macht. Auf die armenische Gesellschaft machte die Ablehnung der europäischen Assoziation keinen vergleichbaren Eindruck. Doch Sargsyan, dem jede Möglichkeit zum Manövrieren genommen worden war, verwandelte sich zunehmend in einen kleinlichen Provinzdiktator – und verlor vier Jahre nach Janukowytsch infolge einer echten Revolution die Macht. Man kann sagen, dass in Armenien der „Zelensky-Effekt“ bereits ein Jahr vor Zelensky wirkte – denn von allen postsowjetischen Führungspersönlichkeiten ähnelt Zelensky hinsichtlich Typus und Stil am meisten dem ehemaligen Journalisten Nikol Pashinyan.

Allerdings blieb Putin in dieser Situation unverändert Putin. Der russische Diktator begann, sich an den Armeniern zu rächen, so wie er sich zuvor an den Ukrainern gerächt hatte, und nahm im zweiten Karabachkrieg eine angeblich betont neutrale Position ein, was das von zwei prorussischen Regimen ausgeplünderte Armenien zur Niederlage verurteilte. Doch wie im Fall der Ukraine führte Putins Rache zum gegenteiligen Ergebnis – sie hat vielen Armeniern die Augen über die tatsächliche Rolle Russlands geöffnet, so wie sie sie den Ukrainern geöffnet hatte. Selbst jene Armenier, die meinen, dass die Beziehungen zu Moskau aufrechterhalten werden müssen, vertreten diese Idee nicht aus Liebe, sondern aus Ausweglosigkeit und Angst vor den Nachbarn. Und Pashinyan, der sich mit Putin noch nicht endgültig zerstritten hat, aber bereits nach anderen Freunden sucht und Voraussetzungen für einen Frieden (wenn auch einen kühlen) mit den jüngsten Feinden schafft, erscheint vielen schlicht als Musterbeispiel gesunden Menschenverstands.

Deshalb führt der Kreml heute in Armenien eine zum Scheitern verurteilte Schlacht. Das wichtigste Element seiner Erpressung waren keineswegs das Wasser „Jermuk“ oder der armenische Cognac, sondern die Kontrolle über Karabach, die von Aserbaidschan endgültig wiederhergestellt wurde. Ja, um den Preis der Tragödie Tausender Menschen, die ihre Heimatorte verlassen mussten – aber die Russen haben jahrzehntelang alles getan, um die Entwicklung genau zu einer solchen Katastrophe zu treiben.

Wenn Moskau die Kontrolle über Armenien verliert (und es wird sie verlieren), wird es auch die Kontrolle über den Kaukasus verlieren. Die Bolschewiki kehrten nicht ohne Grund vor hundert Jahren in diese Region zurück: Sie wollten nicht nur Armenier, Aserbaidschaner und Georgier in der Hand halten, sondern nach Möglichkeit auch die Türkei und den Iran erpressen, der später sogar teilweise von der Sowjetunion besetzt wurde.

Moskau begann nicht zufällig in den 1990er Jahren, den Kaukasus zu destabilisieren und die Völker gegeneinander aufzuwiegeln. Es brauchte eine Situation, in der gerade Russland – der wichtigste Destabilisator dieser Region – hier als wichtigster „Stabilisator“ auftritt. Ganz zu schweigen von jener unverhohlenen Verachtung, mit der die selbsternannten Kolonisatoren auf die alten großen Zivilisationen blickten – für mich bleibt ein Rätsel, wie Armenier oder Georgier all das über Jahrhunderte ertragen konnten: entweder aus Ausweglosigkeit oder unter irgendeiner Art von Hypnose.

Doch jetzt ist die Falle beinahe zerstört. Russland wird den Südkaukasus zwangsläufig verlassen – diesmal für immer. Und ich hoffe sehr, dass man uns dafür eines Tages danken wird.

Denn ohne den ukrainischen Widerstand ist völlig ungewiss, wie viele Jahre Russland den Kaukasus noch an der Kehle gehalten hätte.


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Art der Quelle: Essay
Titel des Originals: Битва за Вірменію. Віталій Портников. 07.06.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 07.06.2026.
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Russland greift ein Nuklearobjekt an | Vitaly Portnikov. 07.06.2026.

Die Russische Föderation hat einen Angriff auf das Gebäude des zentralisierten Lagers für abgebrannten Kernbrennstoff in der Region Kyiv durchgeführt. Tatsächlich handelt es sich um einen weiteren technologischen Angriff, der die nukleare Sicherheit nicht nur der Ukraine, sondern auch der Nachbarstaaten und ganz Europas infrage stellt.

Glücklicherweise kam es nicht zu einer Erhöhung des nuklearen Gefahrenniveaus, aber wir verstehen sehr gut, dass all diese russischen Angriffe in Wirklichkeit in Wirklichkeit reines Glücksspiel ist. Denn wenn die Russen das Gelände des Kernkraftwerks Tschernobyl beschießen oder ein Umspannwerk auf dem von den ukrainischen Streitkräften kontrollierten Gebiet sprengen, das faktisch ein wichtiges Objekt für den Betrieb des Kernkraftwerks Saporischschja ist, stellen sie die Möglichkeit der Sicherheit an den Nuklearanlagen der Ukraine infrage.

Und gleichzeitig beschuldigen sie ausgerechnet die Ukraine der zahlreichen Blackouts auf dem Gelände des Kernkraftwerks Saporischschja. Das ist offener Zynismus. Und das Wichtigste ist eine für einen Staat des 21. Jahrhunderts erstaunliche Unfähigkeit, die Folgen seiner eigenen Handlungen für sich selbst zu begreifen.

Vor allem haben die Russen im Verlauf dieses Krieges bereits bewiesen, dass sie zu technologischen Katastrophen bereit sind. Die besten Beispiele sind der Vormarsch russischer Truppen im Februar 2022 durch die Sperrzone von Tschernobyl, wobei sie die Gefahren dieses Objekts faktisch ignorierten. Oder die Schäden am Sarkophag, der nach der Katastrophe über dem Reaktor des Kernkraftwerks Tschernobyl errichtet wurde und die infolge russischer Angriffe entstanden.

Und natürlich gibt es ein weiteres, zwar nicht nukleares, aber ebenso aufschlussreiches Beispiel: die Sprengung des Kachowka-Wasserkraftwerks durch russische Truppen. Viele vergleichen die Folgen dieses Schlages mit einer nuklearen Explosion. Offensichtlich kümmerten sich die russischen Militärs bei der Entscheidung zur Sprengung des Damms des Kachowka-Wasserkraftwerks in erster Linie um taktische Aufgaben – darum, den Vormarsch ukrainischer Truppen auf die Stellungen der russischen Besatzer aufzuhalten. Doch welche Folgen die Sprengung selbst haben würde? Es scheint, als gäbe es in der russischen politischen und militärischen Führung einfach keine Spezialisten, die die ganze Gefahr dessen begreifen könnten, was geschehen kann.

Genau deshalb beobachten wir in unserem Krieg gegen die Russen ständig, wie sie Russisches Roulette spielen. Alle Klischees über die russische Wirklichkeit, die wir bislang nur aus Witzen kannten und von denen wir nicht glaubten, dass Menschen in der zivilisierten Welt sich tatsächlich so verhalten könnten, werden durch die Handlungen von Präsident Putin, seines engsten Umfelds und der russischen Generäle bestätigt.

Wir sehen vor uns einen Affen – nur nicht mit einer Handgranate, sondern mit einer Atombombe. Und die Frage ist nicht einmal die Grausamkeit dieses Tieres. Die Frage ist, dass es offensichtlich die Folgen seiner möglichen Handlungen nicht begreift. Deshalb sollten wir uns, wenn wir sagen, die Russische Föderation könne keine Atomwaffen einsetzen, weil sie die Konsequenzen fürchte, fragen: Wer dort könnte überhaupt irgendetwas fürchten, wenn wir von Menschen sprechen, deren nicht einmal intellektuelles Niveau, sondern deren Bildungsniveau offensichtlich bei null liegt?

Menschen, die am Montag nicht begreifen können, dass morgen Dienstag ist. Menschen, die mit den einfachsten wissenschaftlichen Fragen nicht zurechtkommen. Menschen, die statt in der Schule zu lernen, in Hauseingängen Prügeleien austrugen und später, wie der Präsident der Russischen Föderation selbst über seine Jugend erzählte, auf dem Bauch durch Moskauer Unterführungen krochen, um sich die Leutnantssterne im unheilvollen Komitee für Staatssicherheit der Sowjetunion zu verdienen.

Ja, alles hat sich als wahr erwiesen. Diese Menschen haben nie Bücher gelesen, sich nie für die Entwicklung der Zivilisation interessiert. Sie haben nur gelernt zu töten und zu rauben. Und genau dafür wurden sie im Komitee für Staatssicherheit der Sowjetunion und später im Föderalen Sicherheitsdienst der Russischen Föderation geschätzt, denn dort verachtete man intelligente und gebildete Menschen schon immer. Es war ein Reich des Lumpenproletariats.

Und die Analysten, die dort eingestellt wurden, wurden lediglich als eine unverständliche Erscheinung betrachtet, die man nur dann um Rat fragte, wenn es um Diversionen in anderen Ländern ging, keineswegs aber um das Verständnis der Folgen des Handelns der sowjetischen Tschekisten selbst. Und mir scheint, dass dies schon zu Sowjetzeiten niemals ein Geheimnis war.

Erstaunlich ist vielmehr, dass wir in unserer Zeit einfach vergessen haben, welche strategische Gefahr all diese Menschen und diese Behörde darstellen, die heute nicht nur die Russische Föderation als Staat, sondern auch die russische Armee kontrolliert. Eine Armee, die faktisch ebenfalls von ungebildeten Generälen geführt wird, deren wichtigste Aufgabe in den vergangenen Jahrzehnten darin bestand, sich bei ungebildeten Tschekisten und bei dem ungebildeten Präsidenten der Russischen Föderation einzuschmeicheln, nachdem sie bestimmte Aufträge erhalten hatten. Einem Präsidenten, dem es in vielen Jahrzehnten seines Dienstes weder im Komitee für Staatssicherheit der Sowjetunion noch im Föderalen Sicherheitsdienst der Russischen Föderation gelang, auch nur den Rang eines Obersts zu erreichen.

Stellen Sie sich dieses Niveau militärischer Kompetenz vor: Nicht einmal als General, nicht einmal als Oberst des Komitees für Staatssicherheit oder des Föderalen Sicherheitsdienstes der Russischen Föderation wurde er von irgendeinem seiner Vorgesetzten gesehen – nicht einmal von demselben Patruschew, der später nach der Machtübernahme der Tschekisten in Russland zu einem seiner engsten Verbündeten werden sollte.

Die sowjetische Führung führte bekanntlich durch ihre Unbildung und ihre Verachtung der Wissenschaft zur Katastrophe von Tschernobyl. Dies ist eines der wichtigsten Ergebnisse der Präsenz der Kommunistischen Partei an der Spitze Russlands und der von ihr besetzten Gebiete seit 1917.

Und nun haben wir es mit den Verbrechen jener zu tun, die der Kommunistischen Partei dienten – der sowjetischen und später russischen Tschekisten. Warum also wundern wir uns darüber, dass sie weiterhin Tschernobyl angreifen? Schließlich zieht es einen Verbrecher immer wieder an den Tatort zurück.


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Titel des Originals: Росія бʼє по ядерному обʼєкту | Віталій Портников. 07.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 07.06.2026.
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Abramowitsch traf sich mit Zelensky | Vitaly Portnikov. 07.06.2026.

Der russische Geschäftsmann, der nach Kyiv gekommen war, sich mit dem Präsidenten der Ukraine, Volodymyr Zelensky, und anderen ukrainischen Führungspersönlichkeiten getroffen und Informationen an den russischen Präsidenten Putin übermittelt hatte, stellte sich als Roman Abramowitsch heraus. Darüber berichtete die Zeitung Financial Times. Später bestätigte auch Volodymyr Zelensky selbst diese Information.

Allerdings liegt in dem Namen des Geschäftsmanns keine besondere Sensation. Die Zuschauer meiner Live-Sendung auf diesem Kanal, jener Sendung, die unmittelbar nach der Veröffentlichung der Information über den Besuch eines russischen Geschäftsmanns in der ukrainischen Hauptstadt durch Präsident Putin stattfand, erinnern sich daran, dass ich die Vermutung geäußert hatte, eben Abramowitsch könne dieser Geschäftsmann gewesen sein. Später nannte auch der ukrainische Parlamentsabgeordnete Oleksij Hontscharenko den Namen Abramowitsch.

Machen wir uns nichts vor, selbst ohne besondere Informationen ist es nicht besonders schwer zu verstehen, dass niemand außer Abramowitsch als Vermittler zwischen der russischen und der ukrainischen Führung auftreten kann, ohne die Folgen eines solchen Besuchs fürchten zu müssen. Schließlich war es gerade Abramowitsch, der an den Verhandlungen des Jahres 2022 teilnahm. Man konnte ihn sogar in Istanbul während der Kontakte zwischen der russischen und der ukrainischen Delegation sehen. Er sprach mit dem Präsidenten der Türkei, Recep Tayyip Erdoğan.

Später tauchte die Information auf, dass gerade die ukrainische Führung vorgeschlagen habe, die Verhängung von Sanktionen gegen Roman Abramowitsch aufzuschieben. Das war vor dem Hintergrund der Informationen, dass dieser Oligarch möglicherweise derjenige sei, der in seinen Fonds Gelder russischer Führungspersonen, darunter Putins selbst, verwalte, durchaus bedeutsam.

Wie bekannt, stimmte Großbritannien den Vorschlägen aus Kyiv damals nicht zu. Die Vereinigten Staaten kamen den ukrainischen Vorschlägen hingegen entgegen. Möglicherweise deshalb, weil auch sie selbst daran interessiert waren, ihre Beziehungen zum Kreml in jener Phase der russisch-ukrainischen Konfrontation nicht zu verschärfen, oder weil sie glaubten, dass die Demonstration eines gewissen Verständnisses für russische Interessen Putins Bereitschaft fördern würde, den Krieg zu beenden. Nun, wir erinnern uns gut daran, dass sich dies als weiterer Fehler sowohl Kyivs als auch Washingtons erwies.

Die Sensation ist also nicht Abramowitsch. Die Sensation ist die Tatsache selbst, dass ein russischer Geschäftsmann – und Abramowitsch ist nicht einfach nur ein Geschäftsmann, sondern einer der aktiven Akteure im Umfeld Putins – in die ukrainische Hauptstadt kommen, mit Präsident Volodymyr Zelensky und dem Fraktionsvorsitzenden der Regierungspartei Diener des Volkes, Davyd Arachamija, sprechen kann, der ebenfalls für seine Kontakte zu Abramowitsch bekannt ist; dass Arachamija die Möglichkeit hatte, kurz mit dem Präsidenten der Russischen Föderation, Putin, selbst zu sprechen, was ebenfalls auf das Interesse des russischen Staatschefs am Verhandlungsprozess hindeuten könnte. Welche Auslegung er dem Besuch eines seiner wichtigen Vertreter später auf dem Petersburger Internationalen Wirtschaftsforum auch gegeben haben mag.

Aus diesem Kontakt kann man also den Schluss ziehen, dass Moskau und Kyiv – selbst wenn sie die Ergebnisse dieser Mission jetzt öffentlich machen – tatsächlich zu Verhandlungen und zur Suche nach Wegen für ein Treffen zwischen den Präsidenten der Ukraine und der Russischen Föderation neigen.

Natürlich kann man dem zustimmen, aber man darf das Wichtigste nicht vergessen. Die Vorstellungen Zelenskys und Putins über die Gründe und den Inhalt eines solchen Treffens können diametral entgegengesetzt sein. Denn der ukrainische und der russische Präsident leben in völlig unterschiedlichen Welten, deren Realität sich voneinander unterscheidet wie die Realität auf dem Mars und die Realität auf der Venus.

Und ehrlich gesagt gibt es kaum Anlass zu glauben, dass ihr Verständnis der Realität – selbst wenn wir darin übereinstimmen, dass Zelensky sie im Hinblick auf das tatsächlich Geschehende angemessener wahrnimmt – in den kommenden Monaten oder sogar Jahren irgendwie harmonisiert werden könnte. Zumindest sehe ich eine solche Perspektive nicht.

Abramowitsch selbst betonte, als er der Financial Times seine Eindrücke vom Treffen mit Zelensky schilderte, dass der ukrainische Präsident seiner Meinung nach gerade auf seine eigene Ausstrahlung setze, darauf, dass ein persönliches Treffen der Staatsführer all die schwierigen Fragen lösen könne, die sich zwischen Russland und der Ukraine angesammelt haben.

Falls diese Einschätzung der Wirklichkeit entspricht – wobei wir nicht vergessen dürfen, dass es für Abramowitsch wichtig ist, den Inhalt seiner Gespräche herunterzuspielen –, wäre auch das keine Sensation. Denn wir wissen, welche Vorstellungen Zelensky zu Beginn seiner Präsidentschaft von seinen eigenen Möglichkeiten hatte. Letztlich führten diese Vorstellungen dazu, dass sein erstes und bislang letztes Treffen mit dem russischen Präsidenten im Wesentlichen mit einem persönlichen Konflikt endete und beim russischen Präsidenten den ernsthaften Wunsch weckte, Zelensky durch jemanden zu ersetzen, der seine Anweisungen und Wünsche erfüllen würde – also durch Medwedtschuk oder Janukowytsch.

Aber der Kern liegt nicht einmal darin, wie sehr Zelensky auf seine persönlichen Möglichkeiten im Umgang mit dem russischen Präsidenten setzt. Abramowitsch selbst sagt, dass ein solcher Ansatz weder bei Putin noch bei Trump funktioniert. Die Frage ist vielmehr, dass Zelensky auch ohne jedes Vertrauen auf seine persönliche Ausstrahlung oder seine eigenen Fähigkeiten glauben kann, dass Putin nun, da die Russische Föderation die Ergebnisse ukrainischer Angriffe auf ihre Infrastruktur sieht, zumindest den festen Wunsch entwickeln könnte, den Krieg entlang der Frontlinie einzufrieren, um dadurch alles zu tun, um jene Ölraffinerie-Infrastruktur oder jene militärischen Betriebe zu bewahren, die noch nicht unter die Schläge ukrainischer Drohnen geraten sind. 

Und so könnte er durch seine Treffen mit Abramowitsch oder anderen russischen Vermittlern, die noch auftreten mögen, Putin zu einem rationaleren Blick auf die Zukunft bewegen.

Putin hingegen kann eine völlig andere Vorstellung vom Sinn eines Treffens haben. Er kann glauben, dass Zelensky schließlich erkannt habe, dass Russland den Krieg nicht beenden werde, bevor die Ukraine endgültig zerstört ist; dass die Intensivierung der Angriffe auf die ukrainische Hauptstadt und andere große ukrainische Städte Zelensky davon überzeugen müsse, dass selbst dann, wenn die russische Armee auf ukrainischem Boden nicht wesentlich vorankommt, zumindest Raketen- und Drohnenangriffe sowohl die ukrainische Infrastruktur – soweit davon überhaupt noch etwas übrig ist – als auch die Wohnviertel ukrainischer Städte zerstören und damit die Voraussetzungen für eine demografische Katastrophe schaffen werden.

Und so kann Putin einen Vermittler zu Zelensky schicken, um zu verstehen, inwieweit der ukrainische Präsident letztlich zu dem bereit ist, was Putin seit seinem ersten und bislang einzigen Treffen mit seinem ukrainischen Kollegen in Paris erwartet: zur Kapitulation der Ukraine zu Putins Bedingungen.

Natürlich bleiben beide enttäuscht. Zelensky versteht nicht einmal, warum er vor Putin kapitulieren sollte, wenn er sieht, wie Ölraffinerien, Ölhäfen und militärische Betriebe der Russischen Föderation beschossen werden und wie russische Soldaten bei Offensiven auf ukrainischem Boden sterben. Und Putin versteht überhaupt nicht, warum er seine Angriffe einstellen sollte, wenn er sieht, dass Zelensky reden möchte und damit seiner Ansicht nach Schwäche zeigt.

Nun stellt sich die Frage: Was wird als Nächstes geschehen?

Nach diesem Besuch Roman Abramowitschs in der ukrainischen Hauptstadt und nach den entsprechenden Erklärungen Putins auf dem Petersburger Internationalen Wirtschaftsforum – unabhängig davon, ob es den Brief Zelenskys gegeben hätte oder nicht – wurde die offensichtliche Weigerung des russischen Präsidenten deutlich, irgendwelche Kompromisse mit der Ukraine einzugehen.

Zelensky, der glaubt, dass Angriffe auf die Ölraffinerie- und Militärinfrastruktur Russlands Putin zwingen müssten, den Krieg zu beenden, wird selbstverständlich Anweisungen geben, die Angriffe zu intensivieren. Und Putin, der überzeugt ist, dass Raketen- und Drohnenangriffe auf ukrainische Städte Zelensky zur endgültigen Kapitulation seines Landes zwingen werden, wird Anweisungen zur Ausweitung solcher Angriffe erteilen.

Das ist alles.

Das ist die klassische Sackgasse des russisch-ukrainischen Krieges. Für uns übrigens keine schlechte, denn eine schlechte Sackgasse wäre es, wenn Russland unsere Städte und unsere Infrastruktur zerstören würde, wir aber keine Möglichkeit hätten, darauf zu antworten und lediglich auf Luftverteidigungsmittel warten würden, um uns zu schützen.

Dies hingegen ist eine Sackgasse, die beide kriegführenden Länder in Trümmer verwandelt und uns dadurch eine Chance zum Überleben gibt, bis die russische politische Führung die Aussichtslosigkeit der Zerstörung der Ukraine als Instrument ihrer Kapitulation erkennt.

Etwas anderes als eine Verstärkung der Angriffe auf beiden Seiten sollte jedoch niemand von diesem Verhandlungsprozess erwarten.

Nun zur nächsten Frage. Kann unter solchen Umständen künftig eine Chance auf echte Verhandlungen zwischen Moskau und Kyiv entstehen? Natürlich. Und hier können Roman Abramowitsch oder jeder andere russische Vermittler tatsächlich eine Rolle spielen.

Diese Chance wird jedoch erst dann entstehen, wenn Russland real keine Möglichkeiten mehr haben wird, nicht nur seine Armee weiter auf ukrainisches Territorium vorrücken zu lassen, sondern auch weitere Raketen- und Drohnenangriffe auf ukrainischen Boden durchzuführen; oder wenn die ukrainischen Angriffe auf Russland so schwerwiegend werden, dass Putin vor die Alternative gestellt wird, entweder die Angriffe auf die Ukraine einzustellen oder Atomwaffen als weiteres Argument einzusetzen, um die Ukraine zur Kapitulation zu zwingen.

Wenn offensichtlich wird, dass der Einsatz von Atomwaffen ein gefährlicherer Ausweg aus der Situation wäre als die Suche nach Möglichkeiten, den Krieg zumindest vorübergehend auszusetzen – schon allein, um Reserven für einen späteren Angriff aufzubauen –, dann könnte eine reale Möglichkeit für Verhandlungen und für die Aussetzung der Kampfhandlungen entstehen, für die Zeit, in der sie tatsächlich eingefroren wären, bis Russland wieder militärisch-technische sowie finanzielle und demografische Möglichkeiten zur Wiederaufnahme des Krieges erhält.

Dabei sage ich sofort: Das Entstehen solcher Möglichkeiten wird keineswegs automatisch bedeuten, dass der Krieg wieder beginnt. Denn das wird dann bereits davon abhängen, wie stark und wie bereit zu neuem Widerstand die Ukraine und Europa zu dem Zeitpunkt sein werden, an dem man in Moskau zur Wiederaufnahme der Kampfhandlungen bereit ist.

All dies liegt allerdings in ferner Zukunft. Denn bevor man darüber nachdenken kann, wann und unter welchen Bedingungen der russisch-ukrainische Krieg wieder aufflammen könnte, muss zunächst der Krieg gestoppt werden, der heute stattfindet.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Абрамович зустрівся з Зеленським | Віталій Портников. 07.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 07.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
Link zum Originaltext:

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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Der Skandal zwischen Polen und der Ukraine wegen der UPA. Die Erklärungen von Wałęsa und Nawrocki, Zelenskys Orden. Vitaly Portnikov. 30.05.2026.

Andrij Smolij: Unverhofft und unerwartet sind wir wieder in irgendeinen diplomatischen Skandal mit Polen geraten, wieder rund um die ungelösten Fragen aus unserer gemeinsamen jüngeren Vergangenheit. Ich meine natürlich das 20. Jahrhundert. Und diesmal begann alles damit, dass Präsident Zelensky beschloss, einem Zentrum der Spezialoperationskräfte den Namen der Helden der UPA zu verleihen.

Für die Ukraine schien das eine eher unauffällige Angelegenheit zu sein. Wahrscheinlich hätte niemand darauf geachtet. Aber in Polen hat man darauf geachtet. Zunächst erklärte der ehemalige Präsident und Held der Samtenen Revolution der späten 1980er Jahre in Polen, Lech Wałęsa, er sei zutiefst empört und werde aus Protest irgendein Abzeichen mit der ukrainischen Flagge nicht mehr tragen. Danach griff der amtierende Präsident Polens, Karol Nawrocki, die Geschichte auf und sagte, er werde alles tun, um Zelensky den Orden des Weißen Adlers abzuerkennen. Das ist die höchste staatliche Auszeichnung der Republik Polen.

Dazu kamen noch irgendwelche Protestnoten von israelischer Seite, die sich gegen die Umbettung von Andrij Melnyk richten.

Kurz gesagt, das ist nun diese Geschichte. Und man sollte wohl vorsichtig auf all das reagieren. So scheint es mir jedenfalls. Aber was sehen wir in dieser Geschichte? Hat Präsident Zelensky vielleicht etwas überstürzt getan, ohne es ausreichend zu durchdenken? Obwohl das schwer zu glauben ist. Oder wird es nie einen besseren Zeitpunkt geben, um diese unsere, ich weiß nicht, bereits eiternden Wunden der ungelösten Geschichte freizulegen, und man muss das einfach Schritt für Schritt tun? Ich weiß nicht, wie ich das bis zum Ende beurteilen soll.

Portnikov: Glauben Sie wirklich, dass Präsident Zelensky, als er dieses Dekret unterschrieb, auch nur eine Minute lang daran dachte, dass dies zu irgendeinem Konflikt mit Polen führen könnte? Für ihn war das irgendeine Standardhandlung, irgendeine Umbenennung, die Verleihung eines Namens an eine militärische Einheit zu Ehren der Ukrainischen Aufstandsarmee, die Teil dessen ist, was ich die militärische Ikonostase der Ukraine nennen würde. Wenn es in Lwiw oder anderen Städten Straßen der Helden der UPA gibt …

Andrij Smolij: Hundert Dokumente zur Unterschrift. Er hat einfach unterschrieben, unterschrieben und gar nicht darauf geachtet?

Portnikov: Vielleicht hat wirklich niemand darauf geachtet, denn die Idee der Ukrainischen Aufstandsarmee als Beispiel für Heldentum und als Objekt ukrainischer Glorifizierung existiert ja nicht erst seit gestern. Deshalb war die polnische Reaktion nicht vorhersehbar. Denn wenn man in Polen einfach nicht auf diese Geschichte aufmerksam geworden wäre? Wenn man sie einfach nicht bemerkt hätte? Hätte das passieren können? Ja, das hätte passieren können. Dann hätte es keinen Skandal gegeben.

Es gibt offensichtliche Dinge in den ukrainisch-polnischen Beziehungen, die man verstehen muss. Beide Länder haben völlig unterschiedliche Vorstellungen von historischer Erinnerung. Das ist eine offensichtliche Tatsache. Genau deshalb arbeiten in solchen Ländern Historikerkommissionen. Sie klären schwierige Fragen, versuchen gemeinsame Nenner zu finden, gemeinsame Initiativen vorzuschlagen, nicht das zu suchen, was trennt, sondern das, was verbindet.

Es gibt einen einfachen Unterschied: Wir sagen Polen niemals, wie es etwas zu nennen hat. Polen versucht uns dagegen sehr oft zu sagen, wie wir etwas nennen sollen. Das ist der Unterschied im Ansatz. Ich halte das für falsch. Das ist der Kernpunkt.

Nein, es geht nicht um die Ukrainische Aufstandsarmee, ihre historische Rolle oder ihre Bewertung in Polen. Polen hat jedes Recht, jeden beliebig zu bewerten. Es ist ein souveräner Staat. Polen ist gerade deshalb ein souveräner Staat, weil es diese Möglichkeiten hat. Es ist ein großes Glück, dass Polen Anfang des 20. Jahrhunderts auf die politische Landkarte der Welt zurückkehrte.

Das polnische Volk erhielt endlich diese Möglichkeit. Ich habe mich immer darüber gefreut – sowohl über das Wunder an der Weichsel als auch über die Wiederherstellung der polnischen Staatlichkeit und schließlich über den Übergang dieses Staates aus der Kategorie sowjetischer Satelliten zu einem unabhängigen europäischen Staat. Dafür muss man Lech Wałęsa und seiner historischen Rolle danken. Und das ist eine viel wichtigere historische Rolle als das, was er jetzt über die historischen ukrainisch-polnischen Beziehungen sagt.

Aber man muss verstehen, dass auch die Ukraine seit den 1990er Jahren in einen solchen Status überging. Zwischen dem ukrainischen und dem polnischen Volk sowie den Staaten gab es immer unterschiedliche Bewertungen bestimmter historischer Persönlichkeiten. Und zwar nicht nur der Helden der UPA.

Bohdan Chmelnyzkyj ist für die Ukrainer ein Mensch, der den Grundstein für ihre nationale Unabhängigkeit gelegt hat. Für die Polen ist er jemand, der faktisch begann, die Adelsrepublik zugunsten des Moskauer Zarenreiches zu zerstören. Das sind, wie Sie verstehen, völlig unterschiedliche Bewertungen derselben Persönlichkeit.

In der Ukraine gibt es den Orden Bohdan Chmelnyzkyj. Es ist schwer vorstellbar, dass ein solcher Orden in Polen existieren könnte, oder? Kaum ein Pole würde sich wünschen, mit dem Orden Bohdan Chmelnyzkyj ausgezeichnet zu werden. Ich sage Ihnen noch mehr: Auch ich selbst würde nicht besonders gerne mit dem Orden Bohdan Chmelnyzkyj ausgezeichnet werden, wie Sie wahrscheinlich verstehen.

Aber ich verstehe sehr gut ethnische Ukrainer, die gerne einen solchen Orden auf ihrer Brust tragen würden. Die Geschichte ist einfach komplizierter, als sie uns erscheint.

Andrij Smolij: Ich denke, sogar Taras Hryhorowytsch Schewtschenko hätte einen solchen Orden nicht besonders gewollt.

Portnikov: Taras Hryhorowytsch Schewtschenko hätte den Orden Bohdan Chmelnyzkyj ganz sicher nicht gewollt. Er hätte ihn niemals angenommen. Niemals.

Aber auch hier gilt: Es gibt unterschiedliche Ukrainer. Das ist eine Besonderheit jeder Nation. Sie haben Schewtschenko völlig zu Recht erwähnt, denn Schewtschenko, im Unterschied zu mir ein ethnischer Ukrainer, hasste Chmelnyzkyj als historische Figur, ich würde sagen, vielleicht sogar mehr als ich. Und er hatte das Recht dazu.

Gleichzeitig haben Menschen das volle Recht, Bohdan Chmelnyzkyj anders zu betrachten und seine historische Rolle im Kontext aller späteren Ereignisse zu bewerten.

Andrij Smolij: Wissen Sie, Herr Vitaly, vor etwa zwanzig Jahren hörte ich oft von Historikerkollegen, die irgendwie an diesem Dialog beteiligt waren: „Lasst uns in Ruhe. Wir werden das mit den polnischen Kollegen schon irgendwie klären und euch dann sagen, wie es steht.“

Aber heute funktioniert das einfach nicht mehr. Ganz gleich, wie hervorragend ein Historiker ist und wie erfolgreich eine akademische Konferenz verläuft. Jetzt wurden diese Treffen wieder aufgenommen, und das ist großartig. Aber wir verstehen auch, dass irgendein Influencer auf TikTok zehn Millionen Aufrufe sammeln kann, völligen Unsinn und Unwissenheit vermischt mit Xenophobie verbreitet – und zehn Millionen Menschen sehen das. Damit wird alles zunichtegemacht, woran Historiker zwei Jahre lang gearbeitet haben. Das ist eine neue Situation. Wir können nicht einfach sagen: „Die Historiker werden sich schon einigen.“

Portnikov: Nein, sehen Sie, zweifellos kann ein TikTok-Influencer alles Mögliche tun. Er kann Ihnen sogar zeigen, wie man in der eigenen Wohnung ein Raumschiff baut und zum Mars fliegt.

Aber wir sprechen hier über Staatspolitik. Das ist nicht einfach ein gesellschaftlicher Konflikt. Gesellschaften können sich auf TikTok, Facebook oder sonst irgendwo beliebig über historisches Erbe austauschen.

Jetzt handelt es sich um einen Konflikt auf staatlicher Ebene, weil Präsident Karol Nawrocki sich eingeschaltet hat. Er sagt, sein ukrainischer Kollege habe eine falsche Entscheidung getroffen. Am 6. Juni will er dem Kapitel des Ordens des Weißen Adlers die Frage vorlegen, Zelensky diesen Orden abzuerkennen.

Dabei müssen wir verstehen: Zelensky erhielt diesen Orden nicht als Privatperson und nicht aufgrund persönlicher Verdienste gegenüber Polen, sondern als Präsident eines Landes, das weiterhin faktisch Europas Schild gegen die russische Invasion ist – vor allem Polens Schild. Denn wenn die Ukraine zusammenbricht, wird Polen an seinen Grenzen genau das bekommen, was es nie bekommen wollte.

Dann wird es weder um den Weißen Adler noch um Zelensky gehen. Dann beginnt für das polnische Volk ein ganz anderes Leben – ein Leben, das ich dem polnischen Volk keinesfalls wünsche. Als Journalist würde ich natürlich gerne sehen, wie die Menschen darauf reagieren würden. Ich möchte nur nicht, dass all das auf Kosten der Ukraine geschieht.

Deshalb sage ich: Wenn wir anfangen zu erklären: „Lasst uns dem Präsidenten der Ukraine, den wir für den mutigen Widerstand des ukrainischen Volkes gegen die russische Aggression ausgezeichnet haben, diesen Orden wieder wegnehmen – praktisch für die Fortsetzung dessen, was einst die polnischen Aufstände unter dem Motto ‚Für unsere und eure Freiheit‘ begonnen haben –, lasst uns ihm den Orden wegnehmen, weil er eine falsche Entscheidung über die Benennung einer ukrainischen Militäreinheit getroffen hat.“

Wunderbar. Ich freue mich sehr. Das ist politische Schizophrenie auf staatlicher Ebene. Schizophrenie auf staatlicher Ebene.

Dabei bin ich der Meinung, dass der Präsident Polens und auch der Ministerpräsident Polens – der sich übrigens ebenfalls nicht gerade begeistert dazu geäußert hat – ruhig mit einer Erklärung auftreten können, in der sie eine solche Entscheidung verurteilen. Und damit sollte alles enden. Er hat eine Entscheidung getroffen, sie hätten eine völlig andere Entscheidung sehen wollen. Sie haben diese Entscheidung verurteilt, und dann arbeitet man weiter. So sollte das funktionieren, wenn man sich überhaupt einmischen will.

Obwohl ich noch einmal sage: Ich halte es keineswegs für notwendig, dass man in irgendeinem anderen Land erklärt, wen und wie man auszeichnen soll. Das ist ein imperialer Ansatz, der Russland eigen ist. Erinnern Sie sich übrigens: Es ist nicht das erste Mal, dass es eine solche Geschichte gibt. Seinerzeit verurteilte man in Warschau Viktor Juschtschenko, der Stepan Bandera den Titel Held der Ukraine verliehen hatte. Erinnern Sie sich?

Andrij Smolij: Ja.

Portnikov: Ja. Auch damals gab es einen riesigen Skandal. Aber wiederum: Juschtschenko war Präsident der Ukraine. Er entscheidet selbst, wen er auszeichnet. Übrigens erinnere ich mich nicht, dass damals die Frage gestellt wurde, Juschtschenko irgendwelche polnischen Orden abzuerkennen. Ich weiß nicht, ob er sie hatte oder nicht, aber so war diese Geschichte.

Wir sprechen ja nicht über Persönlichkeiten, sondern über das staatliche Verhältnis zur Geschichte. Dieses staatliche Verhältnis zur Geschichte findet nicht auf TikTok statt. Und gerade der Staat müsste sich um einen Dialog auf staatlicher Ebene kümmern. Das sollte keine gesellschaftliche Historikerkommission sein. Dann können Präsidenten bei sich irgendein historisches Forum schaffen oder die Außenminister.

Wie Sie wissen, leitete ich einst den ukrainischen Teil des ukrainisch-polnischen Forums für Zusammenarbeit, schon, wenn ich mich nicht irre, während der Präsidentschaft von Andrzej Duda. Auf polnischer Seite wurde dieses Forum von dem bekannten polnischen Historiker und Fachmann für polnisch-ukrainische Beziehungen, Jan Malicki, geleitet. Und wenn wir uns trafen – Vertreter der Ukraine, Polens, gesellschaftliche Akteure, Historiker, Diplomaten, Leiter von Hochschulen –, diskutierten wir viele solcher schmerzhaften Probleme, darunter auch historische Fragen. Wir traten mit Initiativen auf, suchten Wege, die verbinden.

Übrigens lud uns Doktor Malicki auf einen Friedhof in Warschau ein, auf dem Veteranen der Ukrainischen Volksrepublik begraben sind, die nach 1920 gezwungen waren, die Ukraine zu verlassen. Sie hatten zusammen mit polnischen Truppen in der Armee von Symon Petljura und Józef Piłsudski gekämpft. Wir fuhren übrigens gemeinsam nach Wolhynien, nach Luzk, und sprachen ebenfalls darüber, wie wichtig es ist, diese gesellschaftlichen Verbindungen wiederherzustellen, wie wichtig es ist, Verständigung wiederherzustellen.

Das ist also alles mühsame Arbeit, verstehen Sie, für Menschen, die sehr genau verstehen, wie groß das Niveau dieser historischen Probleme ist, die zwischen Ukrainern und Polen keineswegs mit dem Zweiten Weltkrieg erschöpft sind. Und sie verstanden, dass das keine Arbeit für ein Jahr und nicht für ein Jahrzehnt ist. Wichtig ist nur, daraus keinen politischen Konflikt zwischen Staaten zu machen. Das ist wichtig. Das ist der Fehler.

Genauso halte ich es für einen Fehler der ungarischen Seite, bereits der neuen ungarischen Regierung, die Frage der europäischen Integration der Ukraine lösen zu wollen, indem man irgendwelche ultimative Forderungen stellt, die die ukrainische Regierung erfüllen müsse. Aber diese Fragen hängen nicht mit der europäischen Integration der Ukraine zusammen, sondern ausschließlich mit den ungarisch-ukrainischen Beziehungen aus Sicht der ungarischen Regierung darauf, wie die Rechte nationaler Gemeinschaften gewährleistet werden sollen, insbesondere der Ungarn in Transkarpatien. Das ist ebenfalls kein konstruktiver Ansatz, wie wir verstehen. Ein konstruktiver Ansatz wäre, für die europäische Integration der Ukraine zu kämpfen und dann gemeinsam in der Europäischen Union faktisch alles Mögliche zu tun, damit Menschen gleiche Rechte haben. Nicht wahr?

Ich sage das die ganze Zeit. Ich verstehe auch das nicht. Ich erinnere immer daran: Wenn es der Ukraine irgendwann gelingt, der Europäischen Union beizutreten, bedeutet das, dass alle ethnischen Ungarn in einer geopolitischen Vereinigung leben. In der Slowakei, in Rumänien, in Ungarn, in der Ukraine – alle ethnischen Ungarn leben ohne Grenzen in einer Vereinigung, haben freie Möglichkeiten, sich zu bewegen, Arbeit zu finden, Ungarisch zu sprechen, an ungarischen Einrichtungen in Ungarn zu lernen, wenn sie das möchten, oder an ukrainischen in der Ukraine. Es gibt kein Trianon mehr. Trianon ist vorbei. Aber Sie sehen ja, dass die Regierung in Budapest die ganze Zeit einen anderen Weg geht.

Andrij Smolij: Mir scheint, dass selbst die ungarische Minderheit, die heute in der Ukraine, in Transkarpatien, in diesen kompakten Siedlungsgebieten lebt, wo sie die Mehrheit bildet, keine großen Probleme hat, nach Ungarn hin und zurück zu fahren. Sie hat keine Probleme damit, in Ungarn zu studieren.

Portnikov: Natürlich, aber es gibt eine Grenze. Zwischen der Europäischen Union und der Ukraine gibt es eine Staatsgrenze. Wenn die Ukraine Mitglied der Europäischen Union wird, wird es keine Grenze geben.

Andrij Smolij: Das stimmt.

Portnikov: Das hat große Bedeutung, verstehen Sie? Wenn Sie von Ungarn in die Ukraine so fahren werden, wie Sie von Ungarn in die Slowakei fahren, ohne überhaupt zu bemerken, dass dort einmal eine Grenze war. Das hat psychologisch und emotional enorme Bedeutung, glauben Sie mir. Ich schaue einfach auf Tirol, sagen wir, das nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen Italien und Österreich geteilt wurde.

Dort lebt im italienischen Tirol ein großer Teil der deutschsprachigen Bevölkerung, Menschen, die sich als Tiroler verstehen. Wie Sie verstehen, hielten sich diese Menschen vor dem europäischen Projekt für von den Tirolern in Österreich abgeschnitten. Dieses Gefühl gibt es heute nicht mehr. Mehr noch, sogar die Integration mit Italien selbst hat sich in diesem Teil verstärkt, weil die Menschen sich nicht bedroht fühlen: Sie steigen ins Auto und fahren in den anderen Teil Tirols. Sie sind italienische Staatsbürger. Das passt ihnen völlig. Sie haben dort ihr eigenes Leben in Italien, aber sie können jederzeit Tiroler sein. EU Region Tirol. Fertig.

Genau so wird das in Europa gelöst. Warum sollten wir also nicht in Europa sein? Warum braucht Budapest künstliche Hindernisse zu errichten, um das zu bremsen? Ich verstehe das nicht, wenn sie wirklich an die Ungarn in Transkarpatien denken.

Andrij Smolij: Nun, die Ungarn in Transkarpatien, wiederum, wer in diesen Regionen war, weiß, dass es dort manchmal schwierig ist, irgendwelche Aufschriften etwa auf Ukrainisch zu finden, was für einen ukrainischen Bürger einfach unbequem ist, wenn er sich im Staat Ukraine befindet.

Portnikov: Ich verstehe das. Aber in Tirol, in Italien, können Sie ebenfalls möglicherweise keine Aufschrift auf Italienisch finden, Menschen, die Italienisch sprechen, kann man dort ebenfalls möglicherweise nicht finden. Zumindest in ländlichen Gegenden. Davon sprechen wir doch nicht. So ist es an Orten mit einer großen Konzentration nationaler Gemeinschaften. Wobei wiederum Tirol als Teil Italiens, dieses Südtirol, schon mehr als 100 Jahre existiert. Und das hat, sozusagen, die Sprachdisziplin nicht beeinflusst. Nein, wahrscheinlich kennen die Menschen Italienisch, aber sie benutzen es irgendwie nicht besonders.

Andrij Smolij: Aber sehen Sie, im Großen und Ganzen haben wir keine historischen Probleme mit Ungarn. Obwohl es in Wirklichkeit im 20. Jahrhundert sehr, sehr vieles gab, wofür man den Ungarn, der ungarischen Regierung, Rechnungen stellen könnte. Sie stand Versuchen der Ukrainer, auf diesen Gebieten Unabhängigkeit auszurufen und sich in Richtung Unabhängigkeit zu bewegen, sehr, sehr, sehr feindlich gegenüber, im Vergleich etwa zu denselben Slowaken oder Tschechen.

Aber andererseits, wenn man diese Situation überträgt und wieder zu den Polen zurückkehrt: Vielleicht hindert uns tatsächlich, dass wir im Dialog mit den Polen ständig in die Rolle eines gewissermaßen jüngeren Bruders geraten, historisch gesehen.

Portnikov: Ich denke, das Problem liegt nicht nur darin, sondern darin, dass die Symbiose zwischen Ukrainern und Polen dennoch viel länger und dichter ist als die zwischen Ukrainern und Ungarn. Der ukrainisch-ungarische ethnische Kontakt fand auf einem vergleichsweise kleinen Territorium statt. Wenn man sich dagegen die Präsenz der Ukrainer im Königreich Ungarn, sogar in Österreich-Ungarn, und die Präsenz der Ukrainer in der Adelsrepublik ansieht, ist das eine völlig besondere Geschichte. Eine Geschichte, die sich über Jahrhunderte erstreckt.

Die Geschichte der Beziehungen zwischen dem Großfürstentum Litauen und der Krone. Die Geschichte der Übergabe ukrainischer Länder an die Krone. Die Geschichte des Chmelnyzkyj-Aufstandes. Das alles ist gemeinsame Geschichte der Ukraine und Polens. Staatliche Geschichte. Geschichte der Nachbarschaft von Völkern, ihrer zivilisatorischen Konkurrenz. Das ist immer so. Das ist einfach eine viel größere Nähe in allen Fragen.

Und man kann auch nicht sagen, dass dies auf dem gesamten Gebiet der heutigen Ukraine so war. Und man kann auch nicht sagen, dass es sich nur auf Galizien beschränkte. Galizien und Wolhynien – das ist im Grunde die Geschichte der letzten Jahrhunderte. Aber eine solche Symbiose gab es auch in der Großen Ukraine, wo sowohl Ukrainer als auch Polen lebten. Und lange Zeit war dieses Gebiet ebenfalls Teil der Adelsrepublik und davor des Großfürstentums.

Diese Symbiose reicht einfach tief. Und das ist, würde ich sagen, sowohl Freundschaft als auch Feindschaft und die Suche nach irgendeiner Zusammenarbeit. Das ist einfach eine so lange und komplizierte Geschichte, dass es in einer solchen langen und komplizierten Geschichte nicht nur eine Farbe geben kann, weiß oder schwarz.

Andrij Smolij: Wenn man, wissen Sie, dennoch über diese Diskussion nicht zwischen Historikern und Intellektuellen spricht, sondern über das, was als normale Reaktion gewöhnlicher Menschen auf das geschieht, was gerade rundherum passiert, insbesondere diese Verleihung des Namens der Helden der UPA und die Reaktion der Polen, dann sagen sehr viele meiner Bekannten, vernünftige Menschen, dass – und wieder höre ich diesen Satz – die Polen Imperialisten seien, sie seien um nichts besser als die Russen. Ich denke, in Moskau ist man sehr zufrieden.

Portnikov: Ich denke, Menschen können gekränkt sein, aber man muss sich immer erinnern: Die Ukraine hat nur eine Wahl. Entweder Teil Europas werden oder Teil Russlands werden. Das heißt, wir werden entweder irgendwie den Dialog mit unseren europäischen Nachbarn – mit Polen, der Slowakei und Ungarn – aufrechterhalten müssen, oder uns damit abfinden müssen, dass es das ukrainische Volk nicht geben wird, dass es Teil Russlands sein wird.

Übrigens werden die Polen dann ganz sicher nichts diktieren. Dann werden hier Atomwaffen stehen. Dann werden wir auf jede Frage sagen: „Hören Sie, Drohnen und Atomwaffen werden Sie gehorsam machen. Wir werfen einfach eine Atombombe auf Warschau, und Sie werden verstehen, was normales Leben bedeutet.“ Das, was es in der Sowjetunion gab, nicht wahr?

Das heißt, wenn Sie wollen, dass Ihnen niemand aus Polen oder Budapest etwas diktiert: Koffer, Bahnhof, Russland. Nicht einmal Koffer und Bahnhof sind nötig. Ihr Territorium kann Teil Russlands werden, und mit diesem großen Staat werden Sie allen anderen alles diktieren. Wenn es natürlich gelingt.

Wenn wir aber wollen, dass hier die Ukraine bleibt, dann haben Sie wiederum eine einfache Wahl. Entweder suchen Sie den Dialog mit Warschau oder Budapest, einen unangenehmen, schwierigen Dialog. Es kann tatsächlich sehr unangenehm sein, solche imperialen Ambitionen zu sehen. Sie können auch in Ungarn als imperial gelten. Ungarn war ebenfalls Teil eines Imperiums, wie wir wissen. Oder wir kämpfen allein gegen Russland. Oder wir einigen uns ebenfalls mit ihm darauf, dass wir Russland sind. Denn wie Sie sehen, will Russland uns im Unterschied zu Polen nicht als Ukraine anerkennen. Das ist ein großer Unterschied.

Wenn Ihre Bekannten sagen, die Polen seien genauso wie die Russen, erinnern Sie sie an eine einfache Sache. Die Polen glauben, zumindest in der jetzigen Phase dieser Geschichte, dass die Ukrainer ein Recht auf Existenz haben. Die Russen glauben in der jetzigen Phase dieser Geschichte, dass die Ukrainer kein Recht auf Existenz haben. Wenn sich dieser Nenner ändert, kann man darüber sprechen.

Aber ich garantiere Ihnen, dass sich dieser Nenner nie wieder ändern wird. Die Russen haben alle Schlüsse gezogen, die sie ziehen mussten, ob das ukrainische Volk auf den Ländereien existieren darf, die sie für die Ländereien des historischen Russlands halten. Damit ist im Dialog des ukrainischen und des russischen Volkes, kann man sagen, für unser Jahrhundert endgültig ein Punkt gesetzt. Alles, finita la commedia. Das heißt, entweder wehren wir uns, und dann einigen wir uns mit Polen und Ungarn, oder wir wehren uns nicht, und dann spucken wir schon als Russen auf Polen und Ungarn vom Glockenturm unserer lieben Basilius-Kathedrale. Aber ich denke, die überwältigende Mehrheit der Ukrainer will ein solches Schicksal nicht, oder?

Andrij Smolij: Umso mehr löst das im Prinzip den Streit überhaupt auf eine andere Weise. Der Streit zwischen Ukrainern und Polen ist beendet, weil es keine Ukrainer mehr gibt. Sie sind zu Russen geworden.

Portnikov: Sie sind zu Russen geworden und haben ebenfalls zugestimmt, dass die UPA Feinde sind. Aber diese Polen, diese Feinde Russlands, sind noch größere Feinde als die Kämpfer der UPA.

Andrij Smolij: Eine solche Alternative.

Portnikov: Es gibt ein wunderbares Ende des Films. Das Ende des Films „Sintflut“ von Jerzy Hoffman. Erinnern Sie sich? Er endet damit, dass Polen, Ukrainer und Krimtataren sich nicht miteinander einigen konnten und infolgedessen überall das Russische Imperium herrschte. Erinnern Sie sich an dieses Ende? Genau ein solches Ende kann es auch jetzt geben.

Andrij Smolij: Diesen Film von Hoffman habe ich irgendwie nicht gesehen, deshalb kann ich dazu nichts sagen. Aber mir scheint, dass dieser Gedanke bei den Polen, bei polnischen Intellektuellen, schon mindestens seit Jahrzehnten existiert: dass die Ukraine außerordentlich wichtig ist, beginnend mit Giedroyc.

Portnikov: Natürlich. Nicht einfach, dass die Ukraine wichtig ist, sondern dass es wichtig ist, sich mit der Ukraine zu einigen. Und wir müssen immer daran erinnern, dass die Frage nicht darin besteht, was uns trennt, sondern was uns verbindet.

Andrij Smolij: Sehen Sie, Herr Vitaly, bedeutet das nicht auch, dass es für die Ukrainer wünschenswert wäre, sozusagen, ihren eigenen ukrainischen Giedroyc zu haben, der von Zeit zu Zeit daran erinnert – vielleicht gibt es solche Menschen in Wirklichkeit auch –, der auch uns daran erinnert, dass Polen für die Ukraine ebenfalls kein unwichtiges Land ist?

Portnikov: Hören Sie, wir brauchen keinen ukrainischen Giedroyc, und zwar aus einem einfachen Grund. Giedroyc sagte den Polen im Grunde, dass Ukrainer, Belarussen und Litauer existieren und dass man mit ihnen als souveränen Nationen neben Russland zu tun haben werde. Bei uns in der Ukraine gibt es niemanden, der glauben würde, dass Polen nicht existieren. Nicht wahr?

Andrij Smolij: Das stimmt.

Portnikov: Das ist der Hauptunterschied. Giedroyc hat tatsächlich die Sicht der Polen auf die europäische Zukunft verändert. Obwohl man sagen muss, dass seine politische Linie heute bis zu einem gewissen Grad ein Fiasko erlitten hat. Ich glaube nicht, dass die Außenpolitik Polens die Politik Giedroycs ist. Dennoch veränderte dies wirklich den Blick eines großen Teils der polnischen Emigration, als Giedroyc Ukrainer, Belarussen und Litauer als souveräne Völker behandelte, die in souveränen Staaten leben werden, weil sie bis dahin faktisch als eine Art Anhängsel Russlands wahrgenommen wurden. Und einige meinten, es werde ein demokratisches Russland geben, das diesen Völkern irgendwelche Rechte geben werde. So sah das in der öffentlichen Meinung aus. Und Sie wissen, dass nicht wenige polnische Intellektuelle noch lange in dieser Illusion lebten. Sie waren, würde ich sagen, kulturelle Russophile. Und Giedroyc ging, kann man sagen, gegen diese Tendenz vor und siegte. Und die Geschichte bewies, dass er recht hatte.

Bei uns aber gab es niemals irgendeinen Gedanken, dass Polen kein Recht auf Unabhängigkeit, Souveränität, auf echte Unabhängigkeit habe. Ich möchte Sie daran erinnern, dass selbst in den 1980er Jahren, als es Solidarność gab, hier in Kyiv unter Intellektuellen diese Sympathie und Solidarität mit den Polen viel stärker zu spüren war als irgendwo in Russland. Ich habe das einfach mit eigenen Augen gesehen. Diese Unterstützung für Polen, dieses Interesse an Polen, sie existierten immer in unserer Gesellschaft.

Was soll uns ein Giedroyc bringen? Vielleicht brauchen wir Menschen, die über die Notwendigkeit gegenseitigen Respekts zwischen dem polnischen und dem ukrainischen Volk sprechen. Nun, das sagen viele. Auch ich gehöre zu den Menschen, die ständig daran erinnern.


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Art der Quelle: Interview
Titel des Originals: Скандал між Польщею та Україною через УПА. Заява Валенси та Навроцького, орден Зеленського. Віталій Портников. 30.05.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 30.05.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle: YouTube
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

uebersetzungenzuukraine.data.blog
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Petersburg erneut unter Drohnenangriffen | Vitaly Portnikov. 06.06.2026.

Nur wenige Stunden nachdem der russische Präsident Putin auf dem Petersburger Wirtschaftsforum versucht hatte, das Publikum davon zu überzeugen, dass ukrainische Angriffe auf russisches Territorium keinerlei Probleme für die russische Wirtschaft und Armee schaffen würden und die einzige Antwort darauf die Verstärkung der Luftverteidigung sein müsse, griffen ukrainische Drohnen die Leningrader Oblast der Russischen Föderation und die Umgebung von Sankt Petersburg an.

Der Angriff dauert auch jetzt noch an, während wir diese neuesten Nachrichten besprechen. Bereits bekannt wurde, dass Kronstadt, einer der wichtigsten russischen Häfen an der Ostsee und eine Stadt von symbolischer Bedeutung für die Russische Föderation, für den ein- und ausfahrenden Verkehr gesperrt wurde. Unter Beschuss stehen militärische und ölverarbeitende Anlagen in der Leningrader Oblast. Insbesondere wurde ein Forschungsinstitut in der Stadt Lomonosow getroffen, das ein Schlüsselunternehmen für die Entwicklung unbemannter Unterwasserwaffen in der Russischen Föderation ist.

Der Gouverneur der Leningrader Oblast, Alexander Beglow, riet den Einwohnern dieses Föderationssubjekts der Russischen Föderation erstmals in dessen Geschichte, ihre Häuser nicht zu verlassen, und erkannte damit die gesamte Gefahr an, die ukrainische Drohnen am Himmel eines der aggressivsten Staaten der Gegenwart schaffen. Und das in einer Situation, in der die Russen gehofft hatten, mit ihren Angriffen auf die Ukraine unser Leben unerträglich zu machen.

Der Angriff ukrainischer Drohnen beschränkte sich in dieser Nacht nicht nur auf die Leningrader Oblast, Kronstadt, Lomonosow und andere Ortschaften der Region, in der gerade das pompöse Petersburger Wirtschaftsforum zu Ende gegangen ist, das erneut die Unfähigkeit des Präsidenten der Russischen Föderation, Putin, bewiesen hat, die Realität zu begreifen, die sich derzeit in seinem Land infolge des aggressiven Krieges gegen die Ukraine und der Konfrontation mit der zivilisierten Welt als solcher entwickelt.

Angriffe wurden praktisch auf dem gesamten Territorium der Russischen Föderation sowie in den besetzten Gebieten des Donezker Gebiets durchgeführt. So wurde der Seehafen von Mariupol getroffen. Die Ukraine unternimmt derzeit Anstrengungen, um die russische Schifffahrt im Asowschen Meer zu lähmen.

Das ist praktisch dieselbe Situation wie mit der Landverbindung vom russischen Taganrog zu den besetzten Gebieten der Krim. Die Besetzung ukrainischen Territoriums, um diesen Weg zur Krim zu schaffen, war eine der wichtigsten Aufgaben der sogenannten Spezialoperation, die Putin bereits im fernen Februar 2022 gegen die Ukraine begann. Inzwischen wird offensichtlich, dass dieser Weg sowohl für Lastwagen, die Treibstoff auf die besetzte Krim transportieren sollen, als auch für jeden anderen Verkehr gefährlich ist.

Die Straße hört auf zu existieren, weil sie unter Feuerkontrolle ukrainischer Drohnen steht. Und so werden wir eine groß angelegte Infrastrukturkatastrophe auf jenen Gebieten beobachten können, die Russland sich anzueignen beschlossen hat. 

Wenn ich früher sagte, dass die Krim ohne Verbindung zum Festland nicht existieren kann, so sollte man nun daran erinnern, dass die Verbindung der Krim zum Festland nur dann bestehen kann, wenn sie sicher ist. Andernfalls erwartet die Halbinsel eine echte Infrastrukturkatastrophe.

Und Putin müsste das verstehen, denn genau dies war das Schicksal der Krimstaatlichkeit, nachdem alle Wege und Zufahrten zur Krim bereits in den Zeiten von Sophia und Peter, noch vor Katharina II., unter die Kontrolle der Truppen des Moskauer Zarentums geraten waren. Doch Putin lernt Geschichte, wie wir wissen, schlecht und versteht ihre Folgen weder für sein eigenes Land noch für jene Gebiete, die er sich anzueignen versucht.

Und zum Asowschen Meer hat dies ebenfalls einen direkten Bezug. Wie bekannt, versuchte die Russische Föderation, dieses Gewässer in ein russisches Binnenmeer zu verwandeln. Gerade deshalb wurden im Asowschen Meer keine Grenzen zwischen Russland und der Ukraine gezogen. Dafür wurden prorussische Stimmungen eines Teils der ukrainischen Führung und die Unfähigkeit der damaligen ukrainischen Führung genutzt, auf die Ansprüche der russischen Administration zu reagieren.

Nach 2022 wurde das gesamte Gebiet rund um das Asowsche Meer von den aggressiven und hinterhältigen russischen Besatzern besetzt, die sich, kann man sagen, seit Ende der 1990er Jahre auf diese Besetzung vorbereitet hatten, als sie sich weigerten, Grenzen im Asowschen Meer festzulegen. Und nun stellt sich heraus, dass Russland seine Kontrolle über das Asowsche Meer nicht genießen kann, weil seine Häfen sowohl auf dem administrativ zur Russischen Föderation gehörenden Gebiet als auch auf dem besetzten Teil des Territoriums der Ukraine unter Beschuss der Streitkräfte der Ukraine geraten können. Und Schiffe im Asowschen Meer können, wie wir aus den gestrigen Berichten wissen, ebenfalls nicht als sicherer Ort für die Besatzer gelten.

Das ist die Antwort auf die Frage, wie sich die Situation in Russland entwickeln wird, wenn der Präsident der Russischen Föderation, Putin, bereit ist, den Abnutzungskrieg gegen die Ukraine fortzusetzen. Man kann nicht sagen, dass ein solcher Krieg für die Ukraine gut ist. Aber auch die Wirtschaft der Russischen Föderation wird zerstört werden.

Und genau das muss unser Ziel für die kommenden Monate und Jahre der Konfrontation mit Russland sein. Bereits in Russland selbst sprechen Beobachter davon, dass die Zerstörung Russlands infolge des Krieges gegen die Ukraine unvermeidlich sei. Der Unterschied besteht nur darin, dass die ukrainische Wirtschaft von ganz Europa wiederaufgebaut werden wird, während Russland auch nach dem Ende des russisch-ukrainischen Krieges in Trümmern bleiben wird.

So war es übrigens auch mit der Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg, als Europa dank des Marshallplans wieder auf die Beine kam, während die Sowjetunion noch lange in Trümmern lag, weil niemand da war, der ihr geholfen hätte. Und die stalinistische bolschewistische Führung wollte diese Hilfe auch nicht. Glauben Sie mir, genau dies wird auch das Schicksal Russlands sein. Und dass die Russen jahrzehntelang in ihren Trümmern herumwühlen werden, ist die Antwort auf die Frage, was Frieden in der ganzen Welt bedeutet.

 Frieden in der ganzen Welt setzt die Zerstörung der russischen Wirtschaft voraus. Wenn die Russen mit deren Wiederaufbau beschäftigt sein werden, werden sie zumindest eine Zeit lang weder für einen Krieg gegen die Ukraine noch gegen andere Länder Zeit haben, und wir werden uns besser auf einen neuen aggressiven Schlag vorbereiten können.


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Titel des Originals: Петербург знову під атакою дронів | Віталій Портников. 06.06.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 06.06.2026.
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Solowjow und Kornilow logen über den „Portnikov-Plan“ | Vitaly Portnikov. 06.06.2026.

Während einer seiner jüngsten Propagandasendungen rief Wladimir Solowjow dazu auf, Kyiv, Odesa, Tschernihiw und andere ukrainische Städte dem Erdboden gleichzumachen.

Ich würde diesem erneuten menschenverachtenden Aufruf eines der odiosesten und widerwärtigsten russischen Propagandisten keine Aufmerksamkeit schenken, wenn er nicht angeblich eine Antwort auf meine Thesen gewesen wäre, die zuvor von einem anderen russischen Propagandisten, Wladimir Kornilow, verbreitet worden waren. Kornilow arbeitete viele Jahre in der Ukraine unter dem Deckmantel des sogenannten Instituts der GUS-Staaten, das von dem nicht minder odiosen Konstantin Satulin gegründet wurde, und zog nach Beginn der russischen Aggression gegen unser Land in die russische Hauptstadt, um an Propagandashows teilzunehmen und andere schmutzige Aufträge derjenigen auszuführen, die von der Auslöschung der Ukraine träumen.

Kornilows These lief darauf hinaus, dass ich für einen langen Frieden und kurze Kriege eintrete, also die Ukraine auf ständige, permanente Angriffe gegen die Russische Föderation vorbereite. Und genau deshalb schlägt Solowjow vor, unser Land zu zerstören, um Russland vor einer solchen Aggression zu schützen.

Also möchte ich sowohl Kornilow als auch Solowjow sagen: „Wolodja, du lügst. Ich habe von einer völlig anderen möglichen Entwicklung der Ereignisse gesprochen. Ich habe meine Landsleute dazu aufgerufen, davon überzeugt zu sein, dass die aggressiven Absichten der Russischen Föderation gegenüber unserem Land sich nicht ändern werden, selbst dann nicht, wenn es uns durch die Zerstörung des Potenzials des russischen militärisch-industriellen Komplexes und der russischen Ölverarbeitungsindustrie gelingt, Putin zum Frieden mit der Ukraine zu zwingen. Ich habe betont, dass sich die russische öffentliche Meinung, die schon die bloße Existenz des ukrainischen Staates und des ukrainischen Volkes ignoriert und die ihr mit euren menschenverachtenden Aufrufen nur weiter anheizt, nicht schnell verändern wird. Und ich habe betont, dass Russland selbst im Falle einer Einstellung der Kampfhandlungen noch mehrfach versuchen könnte, die Ukraine zu zerstören, die Ukrainer zu vernichten.“

Und deshalb muss die wichtigste Richtung unserer Sicherheit in der Zukunft darin bestehen, ein solches Land aufzubauen, das Russland gar nicht angreifen möchte. Und falls bei dem russischen Aggressor dennoch ein solcher Wunsch entsteht, müssen wir so stark, so selbstbewusst sein, dass wir in der Lage sind, diesem Aggressor schnell und wirksam Widerstand zu leisten, ihn auf sein eigenes Territorium zurückzudrängen und ihn zu zwingen, seine Aggression, seine Morde, Vergewaltigungen, Plünderungen – all das, womit ihr euch beschäftigt habt, womit ihr euch beschäftigt und womit ihr euch auf unserem Boden weiter beschäftigen werdet, wenn man euch von hier vertreibt, Solowjows und Kornilows, Tschekisten und Propagandisten – zu beenden.

Genau das bedeutet das Konzept eines langen Friedens und kurzer Kriege. Denn wenn wir stark sind, wird der Frieden lang sein. Wenn wir stark sind, wird der Krieg kurz sein, und eure nächste Niederlage wird beschämend sein. Und schließlich werdet ihr diese aggressiven Handlungen einstellen, so wie ihr sie immer gegen jene Staaten eingestellt habt, vor denen ihr Angst zu bekommen begonnen habt und deren bloße Existenz zu einem Faktor eures eigenen nationalen Bewusstseins geworden ist.

Ja, ich sage, dass man für das Erreichen eines dauerhaften Friedens die 2020er bis 2050er Jahre unseres Jahrhunderts brauchen wird. Und wisst ihr, warum die 2020er bis 2050er Jahre?

Weil in dieser Zeit jene Menschen aus dem aktiven Leben ausscheiden können, die ihr bereits mit diesem schändlichen Krieg vergiftet habt, die ihr bereits mit eurer menschenverachtenden Propaganda vergiftet habt, die ihr bereits mit euren Aufrufen vergiftet habt, Kyiv und Odesa, Tschernihiw und Dnipro, Charkiw und Sumy zu vernichten, die ihr bereits mit der Überzeugung vergiftet habt, dass ein Atomschlag und der Tod von Frauen und Kindern für euch die beste Variante zivilisatorischer Entwicklung seien, denen ihr einredet, Russe zu sein bedeute, ein Menschenfresser zu sein.

Ich hoffe sehr, dass die kommenden Jahre, wenn sie Jahre des Friedens sein werden, das Entstehen neuer Generationen ermöglichen, die neue Kriege einfach fürchten werden, die euch, Solowjows, Kornilows, Tschekisten, KGB-Leute und Verbrecher, mit Verachtung und Hass betrachten werden.

Natürlich würde ich mir, wie jeder andere anständige Mensch auch, sehr wünschen, dass ihr diese Jahre von den 2020ern bis zu den 2050ern in Gefängniszellen verbringt, dass ihr als Kriegsverbrecher tatsächlich zur Verantwortung für all die Verbrechen gezogen werdet, die ihr gemeinsam mit euren politischen Führern und Generälen begangen habt, dass neue Generationen politischer Journalisten und Fernsehmoderatoren sich solche menschenverachtenden Aufrufe in euren widerwärtigen Sendungen nicht mehr erlauben und dass die Russen endlich begreifen, dass nicht sie Menschenfresser sind, sondern ihr.

Aber ich wiederhole noch einmal: Es ging nicht um eine Aggression seitens der Ukraine. Es ging um das, was wir jede Woche, jeden Monat, jeden Tag und jedes Jahr beobachten. Um die aggressiven Absichten des russischen Staates gegenüber seinen Nachbarn, um die Bereitschaft zu töten, zu vergewaltigen, zu lügen und Toilettenschüsseln zu stehlen, und um die Bereitschaft, blutige Rubel für all diese widerwärtigen Lügen zu erhalten, die weiterhin in euren Sendungen erklingen – Lügen, an die, wie ich aus persönlicher Bekanntschaft mit jedem von euch sehr genau weiß, keiner von euch auch nur ein Jota glaubt von dem, was er verkündet.

Und in diesem Zynismus liegt noch ein weiteres großes Verbrechen von euch.


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Titel des Originals: Соловйов і Корнілов збрехали про «План
Портникова» | Віталій Портников. 06.06.2026.

Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 06.06.2026.
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Putins Auftritt in Petersburg: das Wichtigste | Vitaly Portnikov. 05.06.2026.

Heute trat der Präsident der Russischen Föderation, Putin, auf der Plenarsitzung des Internationalen Wirtschaftsforums in Petersburg auf. Dieser Auftritt Putins wird immer als einer der programmatischen in seiner politischen Tätigkeit betrachtet. Gerade diesem Auftritt gibt er, würde ich sagen, großen Vorrang vor seinen anderen öffentlichen Auftritten, weil es ein Auftritt vor einem sorgfältig ausgewählten internationalen Publikum ist und vor allem vor Investoren in die russische Wirtschaft – jenen, die sozusagen geblieben sind und die der russische Präsident davon zu überzeugen versucht, weiterhin Geld in Russland zu investieren, in einer Situation, in der es mit jedem Jahr des Eroberungskrieges der Russischen Föderation gegen die Ukraine immer weniger Menschen gibt, die sich an solchen Investitionen beteiligen wollen.

Doch diesmal wurde die Tagesordnung von Putins Auftritt durch den Brief des ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelensky bestimmt. Viele fragten: „Wozu überhaupt einen solchen Brief mit Beleidigungen an die Adresse des russischen Präsidenten schreiben, mit der Erinnerung an sein Alter und zugleich mit Appellen, den Krieg zu beenden?“ Ihnen kann man antworten, wozu. Weil Zelensky Putin in diesem Informationskrieg zuvorkam und den Informationseffekt des gestrigen Treffens des russischen Machthabers mit den Leitern von Nachrichtenagenturen verschiedener Länder der Welt aufhob.

Und heute musste Putin während seines Auftritts auf der Plenarsitzung ziemlich lange auf Zelenskys Brief antworten. Putin nannte diesen Brief erwartungsgemäß ein Papierchen, auf das man nicht achten müsse. Obwohl sein Pressesprecher Peskow nach Putins Auftritt übrigens sagte, man nehme dieses Dokument im Kreml ernst, und Zelensky erneut Putins Vorschlag übermittelte, in die russische Hauptstadt zu kommen – während Putin selbst erklärt hatte, er sehe keinen Sinn in einem Treffen mit Zelensky.

Und das ist eine sehr wichtige Sache, denn in diesem Informationskrieg ist aus Sicht der Außenwelt, vielleicht vor allem Trump, sehr wichtig, wer als Erster ein Treffen ablehnt. Putin sagte gestern, er sei bereit, sich sogar mit Zelensky zu treffen, ungeachtet der Illegitimität des ukrainischen Präsidenten aus seiner Sicht. Zelensky rief Putin zu einem direkten Treffen und zum Stopp des Krieges auf. Putin sagte, er sehe keinen Sinn darin, sich mit dem ukrainischen Präsidenten zu treffen, und hat sich damit selbst verraten, was seine eigenen Absichten und Wünsche betrifft.

In dieser Situation verstehen wir sehr gut, dass der Präsident der Russischen Föderation sich gewissermaßen selbst bloßgestellt hat. Obwohl dies wiederum davon abhängt, wie Trump ihre möglichen Verhandlungen tatsächlich bewerten wird. Gerade eben, während unseres Gesprächs, sagte er, die Präsidenten Russlands und der Ukraine sollten das untereinander klären, und er sei derjenige, der ihnen geholfen habe, eine Position zu einem möglichen Treffen einzunehmen. Das heißt, bislang hat Trump Putins Weigerung, sich mit Zelensky zu treffen, nicht bemerkt.

Nun zu diesem Treffen selbst. Ich denke, dass es viele Kommentatoren geben wird, die meinen werden, Zelensky habe mit seinem, ich würde sagen, ironischen Brief an Putin, der den russischen Präsidenten und seine Mitstreiter sehr verärgert hat – der Berater des Präsidenten der Russischen Föderation Medinski nannte ihn erwartungsgemäß einen Brief des KWN-Teams (Klub der Witzigen und Einfallsreichen) aus Krywyj Rih –, irgendein mögliches Treffen mit dem Präsidenten der Russischen Föderation zunichtegemacht.

Alles, was Putin gestern und heute sagt – und dazu muss man nüchtern stehen –, zeigt, dass der russische Präsident sich mit niemandem treffen will, den Krieg nicht beenden will, dass er auf einen mehrjährigen Abnutzungskrieg gesetzt hat und dass wir jetzt nur in den ersten Jahren dieses Krieges leben. Und das alles muss man mit kühlem Kopf betrachten und verstehen, welch lange Strecke noch bis zu jenem Tunnel vor uns liegt, an dessen Ende vielleicht irgendwann Licht aufleuchten wird. Aber das bedeutet nicht, dass die Ukraine diesen Tunnel nicht näher bringen und dieses Licht nicht einschalten kann.

Denn ich erinnere die ganze Zeit daran, dass der einzige reale Weg zur Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges in absehbarer Perspektive, sagen wir in den 2020er Jahren des 21. Jahrhunderts, die Zerstörung des russischen Ölraffineriekomplexes, der russischen Ölhäfen und des russischen militärisch-industriellen Komplexes ist. Bis dahin ist es bislang noch sehr, sehr weit, denn trotz der ukrainischen Schläge gegen die russische Ölbranche geben die internationale Lage in der Welt, die Blockade der Straße von Hormus, die Fortsetzung der Lieferungen russischen Öls auf den Weltmarkt und der Verzicht der Vereinigten Staaten auf Beschränkungen dieser Lieferungen Russland reale Einnahmen, die es für den weiteren Krieg gegen die Ukraine über Jahre hinweg nutzen kann. Und das sind ganz konkrete Summen für Jahre, nicht für Monate.

Wenn dieses Geld jedoch weniger wird, wenn die Ölraffinerien tatsächlich aufhören zu arbeiten und nicht innerhalb einer Woche repariert werden können, wenn aus den Ölhäfen kein Öl geliefert wird, wenn die Unternehmen des militärisch-industriellen Komplexes aufhören, Waffen zu produzieren, wenn die logistischen Wege der Russischen Föderation blockiert werden und auf diese Weise ein realer Treibstoffmangel in der Russischen Föderation beginnt, der dort das normale Leben stoppt und die russische Wirtschaft in die Knie zwingt – in dieser Situation wird der Krieg, wie Sie verstehen, nicht in Jahren, sondern in Monaten enden. Eine sehr einfache Formel: Wenn es gelingt – in Monaten; wenn es nicht gelingt – Jahre des Abnutzungskrieges. Das ist die ganze Realität der 2020er und vielleicht auch der 2030er Jahre des kriegerischen 21. Jahrhunderts. Mir scheint, dass das absolut verständlich ist.

Was Putins Reaktion auf Zelenskys Brief betrifft: Er war tatsächlich beleidigt. Er versuchte tatsächlich zu erklären, dass sein Alter kein Problem für die weitere Erfüllung seiner Pflichten als Präsident der Russischen Föderation sei. Das bedeutet, dass Zelensky bei Putin diesen Komplex gesehen hat, der versteht, dass er seinen eigenen Landsleuten wie ein alter Opa erscheint, nicht einmal wegen des Alters – Trump ist, milde gesagt, auch nicht jung –, sondern wegen der Zeit, die er das Amt des Präsidenten der Russischen Föderation innehat. Denn im Grunde regiert Putin in der Vorstellung der Menschen Russland seit den letzten 26 Jahren.

Und in dieser Situation sind bereits Generationen von Russen herangewachsen, die keinen anderen Herrscher als Putin kannten. Und es fällt ihnen sehr schwer zu glauben, dass er so effektiv ist, wenn sie sehen, wie er vor ihren Augen altert und das Gefühl für die Realität verliert. Und heute konnten sie sich übrigens auch davon überzeugen, als Putin erzählte, wie wunderbar die russische Wirtschaft wachse, wie sich das Leben der Menschen verbessere, was, wie Sie verstehen, nicht mit derRealität übereinstimmt.

Ein weiterer wichtiger Moment, der mit Putins Verhalten während dieses Auftritts verbunden ist, ist sein Versuch, Trump zu gefallen. Putin appellierte die ganze Zeit an Trump. Putin versuchte zu zeigen, dass gerade er wolle, dass die Vereinigten Staaten Garanten im Friedensprozess seien. Aber der böse Zelensky, der in seinem Brief geschrieben hatte, dass die Versprechen von Anchorage keineswegs unbedingt erfüllt werden müssten, ignoriere Trump und wolle irgendwelche Garantien von den Europäern. „Was soll das denn? „– sagte Putin. „Waffen von den Vereinigten Staaten wollen sie, aber als Sicherheitsgaranten wollen sie sie nicht sehen“.

Nun, das wirkte, milde gesagt, schmeichlerisch. Es wirkte wie die Affen aus Kiplings Märchen, die zur Schlange rannten und sich bei ihr darüber beklagten, dass irgendein anderer Affenstamm sie einen schrecklichen Wurm genannt habe. Erinnern Sie sich an diese Kindergeschichte? So sah Putin aus, der sehr hoffte, Trump werde bemerken, dass Zelensky ihm nicht mit dem gebührenden Respekt begegne – im Unterschied zu ihm, Putin. Denn Putin spielte auf diesem Podium auch das Überbringen von Grüßen an Trump und alles Mögliche aus.

Die Idee ist also sehr klar. Verhandlungen will er keine, sich mit Zelensky wollte und will er nicht treffen, aber zugleich will er sich auch nicht mit den Amerikanern streiten. In dieser Situation gibt es, wie Sie verstehen, ein riesiges Problem damit, dass der Präsident der Russischen Föderation tatsächlich weiterhin auf einen Abnutzungskrieg setzt und glaubt, dass die Zeit für ihn arbeitet und nicht für die Ukraine. Und übrigens betrachtet er die Bedrohungen völlig unrealistisch, denn heute sagte Putin etwa auf derselben Pressekonferenz, dass der Drohnentreffer in Petersburg ausschließlich medialen Effekt gehabt habe und keine Bedeutung gehabt habe, obwohl wir wissen, dass das nicht stimmt. Er sagte, diese Drohnen müssten abgeschossen werden, und zugleich betonte dieses geniale Kremlwesen, dass Russland im Unterschied zur Ukraine über einen vollständigen Produktionszyklus verfüge, die Ukraine aber nicht.

Aber hier gibt es eine gute Frage: Ist das sicher ein Vorteil? Denn wenn die Ukraine keinen eigenen Produktionszyklus hat, gibt es an ihrem Territorium nichts zu zerstören. Um diese Drohnen und jene Raketen zu zerstören, die die Ukraine erhält, müsste man einen Krieg mit Europa und den Vereinigten Staaten beginnen. Und die Ukraine muss, um das zu zerstören, was Russland produziert, Schläge gegen russische Unternehmen des militärisch-industriellen Komplexes führen. Das bedeutet, dass die Russische Föderation nicht genug Potenzial hat, ihre Waffen dort zu produzieren, wo ukrainische Drohnen und vielleicht auch Raketen sie nicht erreichen können.

Und natürlich machte Putin all das wütend, dass er im Grunde die Hälfte seines Panels damit verbringen musste, Zelensky auf seinen Brief zu antworten. Und er sagte, an seine Militärs gewandt: „Arbeitet, Brüder.“ Das war ein Pathos, würde ich sagen, das dem Präsidenten der Russischen Föderation in der Regel nicht eigen ist.

Und Sie wissen, dass der Präsident der Ukraine bereits auf diesen Auftritt Putins geantwortet hat. Er betonte, Russland wähle erneut den Krieg, Putin wolle ihn nicht beenden, Putin wolle nicht anerkennen, dass sein Krieg nur ihm und jenen gefalle, die Geld aus ihm herausziehen. Und Zelensky versprach, dass ganz Russland unter ständigem Feuer stehen werde, weil er mit dem Sicherheitsdienst der Ukraine neue Spezialoperationen gegen die Russische Föderation abgestimmt habe.

Und hier, wie Sie verstehen, wird vieles nicht so sehr davon abhängen, was Zelensky sagen wird, sondern von der Wirksamkeit jener neuen Operationen des Sicherheitsdienstes der Ukraine gegen die Russische Föderation, die wir in den nächsten Tagen oder Wochen beobachten oder nicht beobachten können. Denn die einzige reale Antwort auf all diese Erklärungen Putins können ausschließlich Schläge gegen den Ölraffineriekomplex der Russischen Föderation und gegen den militärisch-industriellen Komplex der Russischen Föderation sein. Die schrittweise Zerstörung der Wirtschaft Russlands, sodass es ihr nicht gelingt, sich in den nächsten Jahrzehnten zu erholen.

Russland ohne Wirtschaft ist der Schlüssel zu einer freien, gerechten Welt. Nicht zum Frieden, sondern zur Welt. Ich denke, alle Nachbarn Russlands verstehen das sehr gut und bereiten sich genau auf eine solche Entwicklung der Ereignisse vor. Und das sind nicht nur die europäischen Nachbarn Russlands, das sind auch Russlands Nachbarn in Zentralasien, die von seinem Zusammenbruch träumen. Das ist auch die Volksrepublik China, die auf diese Weise die Russische Föderation in ein Protektorat der Volksrepublik China verwandeln wird.

Übrigens beantwortete Putin heute eine Frage zu China und lachte darüber, dass Russland als Protektorat Chinas bezeichnet werde. Er erzählte, wie wichtig der technologische Export Russlands in die Volksrepublik China sei. Er erzählte, dass Russland sich bereits die Öl- und Gasabhängigkeit überwunden habe und dass, wenn früher etwa 50 Prozent des föderalen Haushalts durch Öl und Gas gebildet wurden, es jetzt nur noch 20 seien. Und Sie wissen, dass auch das eine spekulative Zahl ist, aus dem einfachen Grund, dass sie nicht die indirekten Einnahmen der Russischen Föderation aus der Öl- und Gasindustrie widerspiegelt, die Arbeitsplätze, die durch diese Industrie entstehen, den Dienstleistungssektor, der gerade diese Industrie bedient. Auch daran muss man sich erinnern: Das ist, kann man sagen, eine Übertreibung des realen Verlaufs der Ereignisse.

Aber man sollte noch an eine Sache erinnern. Trotz all seiner Gespräche über Frieden spricht Putin erneut von der Unveränderlichkeit der Ziele der sogenannten speziellen Militäroperation. Dass diese Ziele bereits zu Beginn der speziellen Militäroperation und dann im Juni 2024 festgelegt worden seien.

Was ist Juni 2024? Ich erinnere Sie daran. Das ist Putins Auftritt vor dem Kollegium des Außenministeriums der Russischen Föderation, auf den sich Vertreter der russischen Nomenklaturgruppe seit dieser Zeit, fast schon seit zwei Jahren, berufen. Das sind vor allem die Forderungen an die Ukraine, ihre Truppen aus dem Gebiet der Donezker Oblast abzuziehen.

Ich verstehe es so, dass sich zu diesem Gebiet jetzt noch das Gebiet der Saporischschja- und der Cherson-Oblast der Ukraine hinzugesellt hat, die von der Russischen Föderation annektiert und entgegen allen Normen des Völkerrechts in die Verfassung der Russischen Föderation eingetragen wurden.

Das ist der neutrale Status der Ukraine und Garantien dieses neutralen Status. Im Grunde ist das die Verwandlung der Ukraine in ein russisches Protektorat. Und wir sehen, dass es den Russen selbst zwei Jahre nach dieser Rede Putins vor dem Kollegium des Außenministeriums der Russischen Föderation nicht gelungen ist, bei der Erfüllung dieses Kriegsziels auch nur einen Schritt voranzukommen, aber Putin hält hartnäckig daran fest. Wiederum deshalb, weil er in einer imaginären Welt leben will.

Gestern sahen wir eine völlig unglaubliche Erklärung des Präsidenten der Russischen Föderation, warum seine Oreschnik-Komplexe auf dem Gebiet des besetzten Donbas und in Garagen von Bila Zerkwa niedergegangen sind. Es stellte sich heraus, dass die Russen all das absichtlich getan hätten, sogar absichtlich jenes Gebiet bombardiert hätten, das sie kontrollieren. Und Putin will wirklich, dass man das glaubt.

In dieser Situation, wie wir sehr gut verstehen, konnte niemand der Idee zustimmen, dass die Russische Föderation absichtlich mit der Oreschnik auf Scheunen und auf ihr eigenes kontrolliertes Gebiet geschossen habe. Nicht auf ihr eigenes Gebiet aus Sicht des Völkerrechts, sondern auf eigenes Gebiet, das von russischen Truppen kontrolliert wird. Aber Putin erklärte, dass auf diese Weise sowohl Bila Zerkwa als auch der besetzte Donbas von den Russen als eine Art Übungsplatz genutzt worden seien.

Heute gibt es, wie ich finde, einen noch besseren Satz. Man kann solche Zitate des lügnerischen Putin sammeln und dann mit ihnen operieren: „Die Russische Föderation geht bewusst auf eine Abkühlung der Wirtschaft ein, um ihrer Gesundheit willen.“ Das heißt, die Russische Föderation arbeitet selbst daran, dass ihre Wirtschaft in die Knie geht, denn nur auf Knien, in einer solchen Haltung, ist die russische Wirtschaft gesund. Zuerst stand ganz Russland von den Knien auf, jetzt geht ganz Russland auf die Knie. Das ist so eine körperliche Übung hin und her. Es ist klar, wozu sie nötig ist. Und ich denke, das zeigt im Prinzip auch, dass Putin die Probleme der Wirtschaft erkennt.

Er erkennt übrigens auch an, dass ukrainische Angriffe auf die Infrastruktur tatsächlich ein Problem für Russland sind und tatsächlich Probleme für die russische Wirtschaft schaffen. Aber für Putin bedeutet das nur eines: das Luftverteidigungssystem der Russischen Föderation zu stärken. Und trotz dieser Abkühlung der russischen Wirtschaft sieht Putin zugleich keine Probleme für sie.

Das ist die Logik oder Unlogik seiner heutigen Rede zu Zelenskys Brief und zu den russisch-ukrainischen Verhandlungen. Übrigens ist ein wichtiger Teil dieser Antwort die unerwartete Erzählung über irgendeinen russischen Geschäftsmann, der, wie sich herausstellt, in Kyiv war, nachdem ihn die ukrainische Seite zu Verhandlungen eingeladen hatte.

Das ist eine weitere ziemlich phantasmagorische Geschichte. Natürlich wäre es wünschenswert, auch dazu einen Kommentar aus Kyiv zu erhalten. Trotzdem taucht irgendein von Putin nicht namentlich genannter russischer Geschäftsmann auf. Auch Juri Uschakow, der außenpolitische Berater des Präsidenten der Russischen Föderation, wollte seinen Namen später nicht nennen. Und dieser Geschäftsmann sagt Putin, er habe von der ukrainischen Seite eine Einladung erhalten, nach Kyiv zu irgendwelchen Verhandlungen über ein mögliches Ende des Krieges zu kommen.

Und Putin sagt ihm irgendwelche seltsamen Dinge: „Na, fahr hin, ich kann es dir ja nicht verbieten.“ Wie, du kannst nicht? Du kannst es wohl. Was ist das denn für ein Mensch, dem du eine Reise in die Hauptstadt eines dir feindlichen Staates nicht verbieten kannst? Und wenn du bereit bist, dieser Reise zuzustimmen, dann bedeutet das, dass sie für dich selbst notwendig ist.

Und dieser Mensch fährt also nach Kyiv, führt dort angeblich irgendwelche Konsultationen, und dann, als er zurückfliegt, passiert die Geschichte mit Starobilsk. Putin beginnt, diesen Menschen zu fragen: „Wie kann das sein? Sie wollen doch Frieden und töten Kinder.“ Und damit endet alles.

Absolute Phantasmagorie. Es stellt sich also heraus, dass es außer Kushner und Witkoff, die entweder nach Russland fahren oder nicht nach Russland fahren – wir haben heute dazu zwei widersprüchliche Kommentare erhalten: Der Pressesprecher des Präsidenten der Russischen Föderation Peskow sagte, sie fahren nicht, und der Berater des Präsidenten der Russischen Föderation Uschakow sagte, sie fahren –, also fahren sie oder fahren sie nicht? Es gibt irgendeinen anonymen russischen Geschäftsmann, der versucht, mit Putin die Frage seiner eigenen Reise nach Kyiv und der Verhandlungen mit der ukrainischen Führung über für Putin grundsätzliche Probleme zu lösen. Und Putin stimmt dem zu.

Auch das ist eine völlig seltsame Geschichte. Seltsam ist, dass Putin beginnt zu sagen: „Wir haben solche nichtöffentlichen Kontakte mit der ukrainischen Führung, aber wenn Zelensky Briefe schreibt, dann mache ich diese Kontakte öffentlich.“ Nun, auch das ist eine sehr seltsame Sache. Denn du selbst hast gestern öffentlich erzählt, wie du den Verhandlungsprozess mit der Ukraine aufbauen willst, welche Verhandlungsbedingungen es gibt, welche Forderungen du an die Ukraine stellst, welche Rolle die Vereinigten Staaten haben sollen. Du hast das alles beim Treffen mit Journalisten aus verschiedenen Ländern der Welt erzählt. Zelensky hat dir einen offenen Brief geschrieben, der sich inhaltlich in Bezug auf Vorschläge durch nichts von dem unterscheidet, was du auf der Pressekonferenz vor Journalisten gesagt hast.

Also machst auch du diesen Dialog öffentlich, und er macht diesen Dialog öffentlich. Ihr beide tut das. Warum hast du beschlossen, über die Reise deines sogenannten Geschäftsmannes in die ukrainische Hauptstadt zu erzählen? Man kann sich natürlich vorstellen, dass dieser Geschäftsmann der bekannte Oligarch Roman Abramowitsch ist, der 2022 am Verhandlungsprozess beteiligt war und, so scheint es, sowohl während der Verhandlungen in Minsk als auch während der Verhandlungen in der Türkei. Und die ukrainische Seite war an seiner Teilnahme an diesen Verhandlungen interessiert, unter anderem, weil man hoffte, Abramowitsch könne Putin auch in Fragen der Freilassung von Gefangenen aus russischer Gefangenschaft beeinflussen.

Mir scheint, dass all das übertrieben war. Zugleich nutzte Abramowitsch diese Kontakte in Kyiv, um vor allem den Sanktionen der Vereinigten Staaten zu entgehen und so nicht nur seine Vermögenswerte zu bewahren, sondern auch mögliche Gelder Putins und anderer russischer Beamter, die auf seinen eigenen Konten untergebracht sind. Aber das sind alles Annahmen dessen, was wir wirklich nicht wissen: welche Person tatsächlich mit dieser Vermittlungsmission nach Kyiv gefahren sein könnte und ob es diese Person überhaupt gab. In Wirklichkeit ist auch das eine Frage, die in dieser Situation nicht einfach zu beantworten ist.

Was bleibt nun, wenn wir verstehen, dass es einen Abnutzungskrieg gibt? Russland erschöpfen, erstens, und dann die öffentliche Meinung verändern. Nun, schauen Sie: Auch wenn Präsident Trump heute sagt, Zelensky und Putin müssten den Krieg selbst untereinander klären, entwickeln sich die politischen Realitäten in den USA inzwischen in eine ganz andere Richtung.

Das Repräsentantenhaus des amerikanischen Kongresses hat mit Stimmenmehrheit ein Gesetz zur Unterstützung der Ukraine angenommen. Ein ziemlich großes Gesetz, das im Grunde ein Gesetz der Solidarität mit unserem Land ist, in dem sowohl von der Wiederherstellung von Lend-Lease als auch von der Wiederherstellung der Militärhilfe die Rede ist, von Geld für die Ukraine und für unsere NATO-Verbündeten zur Herstellung von Waffen für die Ukraine und von Hilfe für die baltischen Staaten, die die nächsten Opfer russischer Aggression werden könnten, sowie von der großen Rolle der Vereinigten Staaten in der NATO.

Ich erinnere Sie daran, dass all dies dasselbe Repräsentantenhaus des amerikanischen Kongresses verabschiedet hat, in dem die Republikaner die Mehrheit der Stimmen haben. 18 Republikaner – das ist eine große Zahl – schlossen sich den Demokraten in dem Wunsch an, die historische Rolle der Vereinigten Staaten wiederherzustellen, die im letzten Jahr im Grunde zertreten wurde. Und das ist die Stimmung der amerikanischen Gesellschaft, das ist die Stimmung des amerikanischen Volkes. Man braucht daran nicht zu zweifeln, dass die Amerikaner so denken.

Und der Sprecher des Repräsentantenhauses Mike Johnson. Wir wissen von seinen engen Verbindungen zu Trump. Wir erinnern uns, wie er das vorherige Gesetz zur Hilfe für die Ukraine nicht zur Abstimmung im Repräsentantenhaus stellte, bis er von Trump grünes Licht erhielt. Damals fand sich kein einziger Republikaner, der Demokraten in dem Versuch unterstützt hätte, das Gesetz zur Hilfe für die Ukraine ohne Zustimmung des Sprechers zur Abstimmung im Repräsentantenhaus zu bringen. Jetzt aber haben die Republikaner die Mehrheit, und ein solches Gesetz ist durchgegangen.

Natürlich kann die Frage entstehen, wie die Situation mit der weiteren Entwicklung der Ereignisse grundsätzlich aussehen soll. Ja, ich bin weit davon entfernt zu glauben, dass ein solches für die Ukraine sehr wichtiges Gesetz in den Vereinigten Staaten tatsächlich vollständig verabschiedet werden kann, denn dafür müsste es im Senat zur Abstimmung gestellt werden. Und im Senat muss es natürlich vom Vorsitzenden der republikanischen Mehrheit zur Abstimmung gestellt werden. Dort kann man seinen Willen nicht umgehen. Und diese Person wird dieses Gesetz kaum ohne Zustimmung von Präsident Trump zur Abstimmung stellen.

Selbst wenn man sich eine solche phantasmagorische Situation vorstellt, in der der Vorsitzende der republikanischen Mehrheit im Senat seine Absichten nicht mit dem Weißen Haus abstimmt und das Gesetz in den Senat geht, und ich bin sicher, dass es im Senat Republikaner geben wird, die ebenfalls die Demokraten unterstützen, und das Gesetz wird angenommen werden. Präsident Trump kann dagegen sein Veto einlegen, weil er meinen wird, dass dies seine herzlichen Beziehungen zu Präsident Putin verschlechtert.

Zugleich aber verstehen wir, dass die Situation aus Sicht der öffentlichen Meinung vor den Wahlen zum amerikanischen Kongress, diesen berühmten Zwischenwahlen, überzeugend aussehen wird.

Dass sich die Stimmung vieler Republikaner so verändert, zeigt, dass sie gezwungen sind, mit der Sichtweise ihrer Wähler zu rechnen. Und wenn sie für die Begrenzung der präsidialen Befugnisse im Krieg gegen den Iran stimmen und wenn sie für Hilfe für die Ukraine stimmen, bedeutet das, dass sie den Atem dieser Wahlen im Rücken spüren und verstehen, dass sie reale Möglichkeiten haben, alles zu tun, um den Wählern zu gefallen, und dass sie glauben können, dass nicht mehr die Unterstützung Trumps, sondern gerade die Stimmung der Wähler ihnen die Wiederwahl garantieren kann.

Und das bedeutet, dass Trump bereits im Herbst in einer völlig anderen Situation sein könnte – selbst mit dem derzeitigen Kongress, der seine Amtszeit noch zu Ende führen wird. Und das ist eine wichtige Sache, an die wir uns ebenfalls erinnern müssen, wenn wir diese ganze Situation diskutieren.

Ich beantworte einige Fragen, die während dieser Übertragung gestellt wurden.

Frage: Kann man in Putins Erklärungen überhaupt irgendwelche Hinweise darauf sehen, was er tatsächlich zu tun beabsichtigt, oder ist das einfach weißes Rauschen?

Portnikov: Ja, in Putins Erklärungen kann man reale Hinweise darauf sehen, was er zu tun beabsichtigt. Er beabsichtigt weiterzukämpfen. Er beabsichtigt, Raketenschläge gegen Kyiv und andere Städte und Dörfer der Ukraine zu führen. Er beabsichtigt, Armadas von Drohnen in die Ukraine zu schicken. Er ist zu einem mehrjährigen Abnutzungskrieg bereit. Das sind seine realen Absichten.

Aber Absichten und Möglichkeiten sind nicht dasselbe. Bisher sehen wir in seinen Erklärungen keine Hinweise auf die Notwendigkeit einer allgemeinen Mobilmachung, die aus Sicht russischer Generäle die Besetzung neuer ukrainischer Gebiete beschleunigen sollte. Und es ist eine große Frage, inwieweit das die Situation wirklich verändern kann, wenn wir doch verstehen, dass der Krieg jetzt immer technologischer wird.

Frage: Welche Veränderungen erwarten Sie im Krieg nach dem Erscheinen unserer ballistischen Raketen im Sommer oder Herbst?

Portnikov: Noch einmal: Wichtig ist, inwieweit wir entweder mit Ballistik oder mit Drohnen oder mit irgendwelchen anderen nichtballistischen Raketen einen realen Schlag gegen den Ölraffineriekomplex der Russischen Föderation, gegen den militärisch-industriellen Komplex der Russischen Föderation und gegen die russische Logistik führen können. Wenn wir einen realen Schlag führen können, wird sich die Zeit, in der der Krieg weitergeht, verkürzen. Wenn wir es nicht können, wird sie sich nicht verkürzen. All das ist sehr einfach. Natürlich können ballistische Raketen dabei helfen, wenn sie tatsächlich erscheinen. Aber wenn Sie von Sommer oder Herbst sprechen, wissen Sie selbst nicht, ob sie im Sommer oder im Herbst verfügbar sein werden. Es gibt keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass wir heute wissen, wann genau das geschehen wird.

Frage: Müssen die Ukrainer die Europäer wirklich vor einem Krieg auf ihrem eigenen Territorium warnen, wenn ein solcher Krieg derzeit wenig wahrscheinlich erscheint? Oder sollte man sie nicht umgekehrt dazu ermutigen, uns Waffen zu übergeben, statt sie bei sich zu horten?

Portnikov: Wir müssen die Europäer nicht vor einem Krieg auf ihrem eigenen Territorium warnen. Tatsache ist jedoch, dass russische Raketen- und Drohnenangriffe auf europäische Länder, die an die Ukraine grenzen, durchaus möglich sind. Und das kann in verschiedenen Situationen geschehen. Die Arbeit russischer Sabotage, die übrigens heute zu einer Explosion im rumänischen Hafen Constanța geführt hat, ist ebenfalls Teil der Aggression. Darüber haben übrigens auch der Präsident Rumäniens, Nicușor Dan, und die Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen gesprochen. Auch das kann Teil eines solchen Spiels sein.

Ich halte Raketen- oder Drohnenschläge gegen das Territorium von NATO-Mitgliedstaaten keineswegs für so unmöglich. Denn aus logischer Sicht: Wenn wir verstehen, dass die Russische Föderation in dieser Situation tatsächlich die Notwendigkeit einer Skalierung des Krieges erkennen kann, dass die Russische Föderation versteht, dass die Waffen, mit denen die Ukraine tatsächlich gegen sie kämpft, aus Europa kommen und dass man mit der Ukraine nichts erreichen kann, ohne die Europäer einzuschüchtern – warum glauben Sie dann nicht, dass gegen irgendwelche militärischen Objekte in Europa ein Schlag geführt werden kann? Denn aus Sicht der Russen können solche Schläge die Europäer dazu zwingen, auf weitere Hilfe für die Ukraine zu verzichten.

Was die Tatsache betrifft, dass die Europäer Waffen bei sich horten: Sie horten diese Waffen ohnehin und übergeben uns nicht so viel, wie sie für ihre Sicherheit brauchen. Von unseren Erklärungen ändert sich die Menge der Waffen, über die die Europäer verfügen, nicht. Das hätten Sie bemerken können. Die Europäer haben uns sehr lange, sagen wir,     Waffen der älteren Generation nur dann übergeben, wenn man ihnen neue Waffen gibt. So machten es alle unsere Nachbarn. Und wir haben sie keineswegs mit irgendeinem russischen Angriff eingeschüchtert. Ihnen kam nicht einmal der Gedanke, irgendwelche Waffen zu übergeben, damit sie weniger Waffen im Arsenal haben. Man gab ihnen Waffen neuer Generation, neue Flugzeuge, irgendwelche anderen neuen Rüstungen – dann gaben sie uns etwas ab. Gab man ihnen nichts, gaben sie nichts ab. So wird es auch weiter sein. Erfinden Sie also nichts. Niemand wird euch etwas geben, das sich derzeit in den Beständen der Armeen Europas, der NATO oder der Vereinigten Staaten befindet. Wenn sie ihre Bestände aufgefüllt haben, geben sie euch etwas. Haben sie sie nicht aufgefüllt, geben sie euch nichts. Ob Sie darüber sprechen oder nicht sprechen, ist egal, denn so funktioniert die Armee.

Frage: Glauben Sie, dass eine Treibstoffblockade der besetzten Krim den Kreml zu einer Waffenruhe drängen kann?

Portnikov: Nein. Eine Treibstoffblockade der besetzten Krim wird den Kreml nicht zu einer Waffenruhe drängen, weil ihm die Krim egal ist. Und weil alternative Wege für die Lieferung von Treibstoff auf die Krim organisiert werden können, über die Krimbrücke, sagen wir, oder irgendwie noch per Fähre. Aber Russland wird keine Waffenruhe ausrufen. Glauben Sie mir, die Perspektive einer Waffenruhe im russisch-ukrainischen Krieg liegt heute bei null.

Eine Waffenruhe kann nicht infolge einer Treibstoffblockade der Krim eintreten, sondern nur infolge dessen, dass der Treibstoff in Russland selbst verschwindet, in Moskau, in anderen Regionen, wenn die Wirtschaft stehen bleibt. Wenn uns das gelingt, können erste Skizzen von Verhandlungen über eine Waffenruhe beginnen. Aber nur in dieser Situation. Die Probleme irgendeiner konkreten russischen Region oder besetzten Region werden nicht zu einer Änderung von Putins Linie führen. Verstehen Sie das.

Putin ist auf einen langen Krieg eingestellt und wird daran festhalten, solange er genug Menschen und Geld hat. Und so viele Jahre, wie Menschen und Geld reichen werden, so lange wird der Krieg weitergehen, selbst wenn sich der vierjährige Krieg in einen achtjährigen verwandelt. Ob Russland infolge unserer Schläge Ressourcen dafür hat, ist eine gute Frage.

Frage: Wie wahrscheinlich ist eine Mobilmachung in Russland im Herbst nach den Wahlen?

Portnikov: Mobilmachung und Wahlen haben überhaupt nichts miteinander zu tun. In Russland gibt es keine Wahlen. Es gibt eine Deklaration. Die Entscheidung darüber, welche Prozentsätze diese oder jene politische Kraft aus Putins Taschenparteien erhält, wird im Büro des stellvertretenden Leiters der Präsidialverwaltung der Russischen Föderation Sergej Kirijenko einige Monate vor den Wahlen getroffen. Und diese Prozentsätze werden anschließend der Zentralen Wahlkommission übermittelt, die dann die entsprechenden Resultate präsentiert. Wahlen gibt es in Russland nicht. In dieser Situation denke ich also, dass wir uns bewusst sind, inwieweit Putin grundsätzlich von irgendwelchen Wahlergebnissen unabhängig ist.

Zugleich kann er über Mobilmachung nachdenken, allein schon deshalb, weil seine eigenen Generäle Druck auf ihn ausüben können. Aber Mobilmachung in Russland außerhalb von Verträgen ist für die russische Wirtschaft ziemlich gefährlich und riskant.

  • Erstens wird ihre Abkühlung weitergehen. Und so viel Putin auch sagen mag, dass Abkühlung Gesundheit bedeutet – das ist, wie Sie verstehen, reine Demagogie.
  • Zweitens müssen wir uns ebenfalls bewusst sein: Eine enorme Zahl von Menschen wird Russland einfach verlassen, um einer möglichen Mobilisierung zu entgehen. Denn die meisten Menschen im wehrfähigen Alter in Russland wollen, wie Sie verstehen, überhaupt nicht an der ukrainischen Front sterben. Das würde einen weiteren Abfluss Hunderttausender Menschen aus der russischen Wirtschaft bedeuten, die auf die eine oder andere Weise dazu beitragen, dass sie sich noch über Wasser hält.

Ich kann mir also nicht sehr gut vorstellen, dass wir diese Massenmobilmachung so leicht und ohne Probleme für die Russische Föderation selbst sehen werden.

Und sagen Sie bitte: Sind Sie sicher, dass Putin in dem heutigen technologischen Krieg diese große Mobilmachung braucht? Ich habe keine solche Sicherheit, ehrlich gesagt. Wenn er zwischen einer Vertragsarmee, die für Geld kämpft, und einer Armee von Mobilisierten wählen muss, die noch ausgebildet werden müssen und überhaupt keinen Wunsch haben werden zu kämpfen, wird Putin natürlich die Armee der für Geld mobilisierten Vertragssoldaten wählen.

Aber darin liegt ein anderes, ziemlich ernstes Problem: Putin weiß absolut nicht, was er tun soll, wenn diese Mobilisierten nach Hause zurückkehren. Auch das ist also eine sehr wichtige Frage, an die man denken muss. Wenn diese riesige Armee von Lumpenproletariern, die großes Geld erhielten und es außerhalb der Mobilisierung auf Vertragsbasis nicht erhalten werden, ins friedliche Leben zurückkehrt, und unter ihnen ist ein großer Teil Krimineller, dann kann in der Russischen Föderation eine ernste Sicherheitslage entstehen.

Übrigens gibt es einen neuen Kommentar Trumps im Zusammenhang mit den Verhandlungen. Trump hält es für möglich, dass der Konflikt in der Ukraine bald seinem Ende entgegengehen könnte. Er sagte, dass er selbst, Vizepräsident Vance und andere Vertreter des Weißen Hauses aktiv an der Regelung beteiligt seien. Und als er über Zelenskys Brief sprach, sagte er, er solle sich mit Putin einigen, und „er habe die Situation bis zu diesem Stadium gebracht. Ich hoffe, dass alles geregelt wird.“

Dieser Kommentar Trumps, den wir zu Beginn unseres Gesprächs vorläufig zitiert haben, bedeutet also nicht, dass der Präsident der Vereinigten Staaten sich einfach vom Verhandlungsprozess und vom Prozess der Regelung der Situation im russisch-ukrainischen Krieg abgrenzt. Nein, er will sagen, dass er bereits die Bedingungen geschaffen habe, unter denen Putin und Zelensky sich untereinander einigen können. In Wirklichkeit gibt es keine solchen realen Vereinbarungen, aber Trump will hoffen, dass es sie gibt.

Eine weitere interessante Nachricht des heutigen Tages ist übrigens das Treffen Putins mit dem ehemaligen deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder am Rande des Internationalen Wirtschaftsforums in Petersburg. Wie Sie wissen, wird Schröder von Putin als Vermittler bei den Verhandlungen mit der Europäischen Union vorgeschlagen. Putin trollt die Europäer damit offen. Und wenn man ihn daran erinnert, dass Schröder, nachdem er das Amt des Bundeskanzlers verlassen hatte, hochbezahlte Positionen in einer ganzen Reihe russischer Unternehmen innehatte, antwortet er darauf, dass Schröder in Wirklichkeit ein herausragender Staatsmann sei und keineswegs sein Einflussagent. Obwohl Sie sehen, dass Schröder wie ein Hündchen auf diese Putin-Foren kommt, sich mit ihm trifft und, milde gesagt, nicht wie ein Mensch aussieht, dem irgendein realer westlicher Politiker ernsthaft vertrauen könnte. Auch das ist eine völlig offensichtliche Sache. In dieser Situation, wie wir verstehen, ist das einfach Spott über Europa.

Aber die Europäer bestehen weiterhin darauf, dass sie zu Verhandlungen mit der Russischen Föderation über die Ukraine bereit sind. Heute trat der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz mit einer solchen Erklärung auf. Er nannte keine realen Details der Bereitschaft der Europäer. Aber so oder so verstehen wir, dass auch die Europäer, wie die Ukrainer, beweisen wollen, dass sie zu Verhandlungen bereit sind.

Frage: Wenn Zelensky Sie gebeten hätte, bei der Abfassung dieses Briefes an Putin zu helfen, was hätten Sie vielleicht hinzugefügt oder gestrichen?

Portnikov: Aber das hat doch überhaupt keine Bedeutung. Sie nehmen diesen Brief die ganze Zeit als irgendeine Plattform für Verhandlungen mit Russland wahr. Dabei ist dieser Brief Spott. Das ist ein satirischer Brief, der darauf abzielte, Putins eigene Tagesordnung zu überlagern. Ich verstehe nicht, warum eine riesige Zahl von Menschen die ganze Zeit denkt, Zelensky habe Putin wirklich ein Treffen vorgeschlagen als Antwort darauf, dass Putin sich mit Zelensky treffen wolle. Ich wiederhole: Ein Treffen Putins mit Zelensky zur Beendigung des russisch-ukrainischen Krieges war von Putin nicht geplant, ist nicht geplant und wird in absehbarer Perspektive nicht geplant werden.

Die reale Zukunft ist ein Abnutzungskrieg, der noch lange Jahre dauern kann. Die reale Möglichkeit, diesen Krieg zu verkürzen, sind ausschließlich Schläge gegen das russische Potenzial. Wenn uns das nicht gelingt, wird der Krieg sowohl in den 2020er als auch in den 2030er Jahren dieses Jahrhunderts ohne jede Perspektive auf ein Ende weitergehen, selbst wenn Russland einen neuen Präsidenten haben wird. Verstehen Sie das und nehmen Sie es als Realität der Zukunft an.

Und ich sage die ganze Zeit: „Der Weg liegt nicht in Briefen, der Weg liegt in der Zerstörung des russischen Potenzials.“ Es hat überhaupt keine Bedeutung, was Zelensky in diesem Brief geschrieben hat. Ich denke, Putin hat ihn auch nicht vollständig gelesen, sondern sich die Thesen angesehen. Das Wichtigste ist, dass es Zelensky gelungen ist, Putins Tagesordnung zu überlagern – das ist Informationskrieg. Zelenskys Briefe um etwas zu ergänzen oder etwas aus Zelenskys Briefen zu streichen, ist ganz sicher nicht mein Wunsch, weil ich überhaupt der Meinung bin, dass Informationskriege wenig ändern.

Im Krieg ändert sich nur eines: Eisen und Blut. Alles andere ist Beilage. Man kann die Informationsagenda überlagern. Man kann sie nicht überlagern. Wenn Russland Raketen, Drohnen und Soldaten haben wird, werden Raketen und Drohnen in den nächsten Jahren auf unsere Köpfe fliegen, und Soldaten werden versuchen, durch Kill Zones durchzubrechen, um neue ukrainische Gebiete zu besetzen.

Alles andere ist das, was wir als Zusatz zu dieser tödlichen kritischen Situation besprechen, in der wir bereits seit zwölf Jahren leben. Aus Sicht des großen Krieges vier Jahre, in denen wir vielleicht noch lange Jahre leben können.

Nicht PR, nicht Briefe, nicht Pressekonferenzen – Eisen und Blut bestimmen, wer am Ende dieses riesigen Dramas des 21. Jahrhunderts am Leben bleiben wird und wer das Ende des Krieges, wann immer es stattfinden mag, nicht mehr erleben wird. 

Dabei ist nichts Schlechtes daran, dass man die Informationsagenda des Anführers eines aggressiven Landes überlagert. Wie man es kann, so überlagert man sie. Was macht das für einen Unterschied? Das ist so, als hätten Sie mich gefragt, was ich den Humoresken von Schwanetski, wenn man so will, hinzufügen oder daraus streichen würde. Man muss zuhören. Zuhören und vergessen. Und darüber nachdenken, wozu all das geschrieben wurde.

Das ist doch Beilage zur Politik, verstehen Sie? Während des Krieges ist Politik nicht Wort, sondern Tat. Wenn Zelensky seine Idee von Schlägen gegen Russland in die Tat umsetzt, wird das eine reale Antwort sein. Wenn er sie nicht umsetzt, wird auch das eine Demonstration unserer realen Möglichkeiten sein.

Dasselbe gilt für Putin. Wenn er eine ukrainische Stadt nach der anderen in Ruinen verwandelt und ihre Bevölkerungszahl verringert, wird das Realität sein. Wenn er das nicht kann, wird es eine andere Realität geben.

Eisen, Menschen und Geld – das wird unsere Realität in den 2020er und vielleicht auch in den 2030er Jahren im Krieg mit der Russischen Föderation bestimmen, die bereits 2022 vollständig auf einen Abnutzungskrieg gesetzt hat. Und dieser Abnutzungskrieg geht weiter. Nur haben wir in diesem Krieg bereits bewiesen, dass wir ihn zu zweit spielen können. Das ist es, was sich 2026 geändert hat.


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Art der Quelle: Artikel
Titel des Originals: Виступ Путіна у Петербурзі: головне | Віталій Портников. 05.06.2026.
Autor: Vitaly Portnikov
Veröffentlichung / Entstehung: 05.06.2026.
Originalsprache: uk
Plattform / Quelle:
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Deutsche Übersetzung von Viktoriya Limbach,
veröffentlicht auf

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